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und grade das vorliegende Gedicht sucht gern den starken Glanz der

Bilder. Der Dichter setzt, Vergils 4. Ecloge nutzend, seltsam gross klingende

griechische Namen, Colocasia, Akanthus und Nektar (für die

agyptische Seelilie colocasia nahmen wir Orchideen, den fremden Duft

des Wortes zu wahren); ihm wird aus dem Evangelienwort: gesegnet

sei die Frucht deines Leibes — „die Frucht der Blume deines Leibes".

Der Dichter sucht auch gern — und das Fest gibt den Anlass — die

Schau der oberen Weiten: Christus als der vor der Zeit Geborene

thront convexo aevo, „im Ring der Aonen" oder buchstablicher vielleicht:

in der gewölbten Ewigkeit (5), und dorthin steigt dann die selige

Jungfrau empor, zu den Glanzbildern der Sfaren (globorum luminaria,

15), wo die Sonne kreist. Hier denkt er mit der antiken Astronomie die

Planeten- und Fixsternsfaren als ungeheure, durchsichtige Hohlkugeln,

die um die zentralische Erde gedreht werden. Wahrend man aber gewöhnlich

mit Ptolemaus die Sonne in der Mitte der Planetensfaren

kreisen liess — so noch Dante —, folgt der Goldblütendichter einer

Schule, die der Sonne den aussersten und obersten Platz einraumt.

Im Kern widmet sich das Gedicht nicht der Entrückung Mariens

in den Himmel, sondern ihrem eigentlichen Mysterium: der Menschwerdung

des urewigen Logos im Leibe der Jungfrau. So ist der GANG

DER SEQUENZ: Als Eingang eine bildliche Feier jener andern Eva:

Maria, deren Wundererscheinung dem Sommermorgen gleicht. Dann

ein Bliek zur höchsten Himmelsburg, wo Gottes ewiger Sohn in der

Kraft (virtus) des Vaters die Welt regiert. Von dort wird Gabriel zu

Maria entsandt: in der Mitte des Gedichtes steht seine Verkündigung,

ihr Glaube (vergl. Lukas 1, 45) und dann ihre unbefleckte Niederkunft.

Hierauf wendet sich der Sang aus der preisenden Betrachtung zur unmittelbaren

Anrede an sie, die allzeit ohnegleichen ist. Sie ist sonnengleich

zu den Lichtsfaren der Engel emporgestiegen — eine zarte Andeutung

der Assumptio — dort leuchtet sie nun, wie die ewige Ampel

im Kreise derer leuchtet, die diese Sequenz singen. Und so fügt sich

von selber der Schluss zum Gebet: moge sie ihre Fürbitte für das ewige

Heil der Diener Gottes einsetzen.

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