notker

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zu blieken. Doch Adam fiel; und nun malt die Sequenz über drei Doppelstrofen

hin in sehr star ken Bildern die Folgen davon: die Zerstörung

der Seele, in der sogar die Erinnerung an das (paradiesische) Leben, für

das sie geschaffen wurde, verweht. Aus eigner Kraft kann sie sich nicht

heilen; sie bleibt der Sünde verfallen, bis sie der Unterwelt zufallt.

Aber „der starke Herr", der Erlöser, bringt die Wendung; die von ihm

Befreiten leben dem himmlischen Vaterland wieder entgegen.

Das Eigentümliche der Sequenz: sie konzentriert alles auf den

Menschen, von der Schöpfung bis zur Heimkehr ins Paradies. Jenseitiges

macht sie, soweit nur möglich, am Menschen sichtbar: Christus

und der Heilige Geist bleiben ungenannt; der Teufel erscheint nur wie

man ihn sah, als Schlange; selbst Gott wird meist in Verschleierung

(„die heilige Hand") oder vom Menschen her („der dich formte") bezeichnet.

Elend und Erlösung werden als Erlebnisse, mehr noch leibliche

als seelische, und nicht theologisch ausgemalt; Sakramentales

kommt nicht vor. Es ist dieselbe Grundtendenz wie beim Dichter der

SCHWANENKLAGE, der wohl auch der gleichen Generation angehört.

Nur fehlt hier dessen freier lyrischer Schwung: der deutsche

Dichter ist wie bedrangt von den Erdengesichten, in denen ihm Göttliches

begegnet. So sucht er auch sprachlich die straffe, kurze Führung;

die Satze stehen hart aneinander. (So besonders Strofe 4a, wo unsichtbar

gar das Subjekt wechselt: erst Gott, dann der Mensch.)

Die Sequenz im Urtext:

Pange deo debitum,

lingua, modulando plectrum.

2a

Tolle sonos in aera,

Imple sinus a lacrimis.

2b Sancta manus igitur nos

meditata effigiem

3a

Pressit nobis suam:

flavit et indidit

ruri animam.

3b

Sursum caput tulit,

vultum ut cogitet

semper domini.

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