Über die Notwendigkeit ungeteilter Leidenschaft (Vom Doppeldienst)

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Über die Notwendigkeit ungeteilter Leidenschaft (Vom Doppeldienst)

Gt 08020 / p. 234 / 28.9.2007

Über die Notwendigkeit ungeteilter Leidenschaft

(Vom Doppeldienst)

Q 16,13 (Mt 6,24 / Lk 16,13 / EvThom 47,1f.)

(13a) Niemand kann zwei Herren dienen.

(13b) Denn entweder

wird er den einen hassen und den anderen wird er lieben

oder

er wird dem einen anhangen und den anderen wird er verachten.

(13c) Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Sprachlich-narrative Analyse (Bildlichkeit)

Die Einheit Q 16,13 beginnt mit einer weisheitlichen Regel (z. B. Kloppenborg 2000,

395), die die Unmöglichkeit des Dienstes an zwei Herren feststellt (V. 13a). Der Regel

folgt eine in zwei Teilen ausgeführte Begründung (V. 13b), die ausdrücklich mit einer

kausalen Partikel (»denn«) markiert ist. Sie unterteilt sich jeweils in zwei Antithesen,

die ein mit unterschiedlichen Verben bezeichnetes Verhalten gegenüber den Herren beschreiben.

Den dritten Teil der Einheit markiert eine Anwendung, die direkt an die

Adressaten gerichtet wird (V. 13c). Sie wiederholt die Negativthese der Einleitung und

benennt nun zwei konkrete »Dienstherren«, deren Dienste einander ausschließen.

Die einleitende These (V. 13a) gibt die beiden Leitvokabeln vor, die ein hierarchisches

Abhängigkeitsverhältnis bezeichnen: Herr (kÐrio@ kyrios) und Dienen (douleÐein

douleuein); im Verb steckt damit der Gegenbegriff zum Herrn: der Diener bzw.

Sklave. Die allgemein gehaltene Sentenz hält fest, dass niemand Dienst an zwei Herren

leisten kann, ohne zu konkretisieren, wie dieser Dienst aussieht oder was diesen zweiseitigen

Dienst verhindert. Die Aussage lässt sich am besten so umschreiben, dass eine volle

Konzentration des Arbeitseinsatzes beim Dienst an zwei Herren nicht möglich ist. »Dienen«

bedeutet damit ein ganzheitliches Sich-in-Besitz-Nehmen-Lassen durch den Herrn.

Es liegt ein in sich schlüssiges Weisheitswort vor (Bultmann 10 1995, 91, plädiert für ursprüngliche

Selbständigkeit).

Es bleibt allerdings nicht bei dieser apodiktischen Feststellung, sondern die Aussage

wird durch eine Begründung ergänzt, die in zwei psychologisierenden Antithesen

besteht: Hass und Liebe, Gefolgschaft und Verachtung sind die Alternativen, die im Falle

des Doppeldienstes einem der Herren zuteil werden. Die Emotionen sind effektiv zu verstehen

als »Bevorzugen und als Zurückstellen« (Klein 2006, 543 mit Hinweis auf Gen

29,29-31). Die beiden positiven Aspekte bilden in dieser chiastischen Struktur der Begründung

die Mitte: a – b // b 1 – a 1 . Das Negative steht am Anfang und am Schluss, so

dass hierauf die Betonung liegt. Die mangelnde Konzentration bedeutet, dass der doppelte

Dienst in dem Fall auch ein negatives Resultat hat, und begründet damit die negative

Gesamtbewertung des Doppeldienstes.

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ÜberdieNotwendigkeit ungeteilterLeidenschaft Q 16,13

So entsteht eine bewusst logische Komposition, in der der thetische Obersatz

durch zwei chiastisch geformte antithetische Aussagen begründet wird (s. a. H. D. Betz

1995, 454 f., zur Gesamtstruktur von Mt 6,24). Die Darstellung der Affekte beim Dienst

an zwei Herren übt eine rhetorische Funktion als similitudo (typisches Verhalten aus dem

menschlichen Leben) aus und dient durch Veranschaulichung als Argumentationshilfe.

Es geht dabei noch nicht um die Entscheidung zwischen zwei Herren, sondern um den

ganzen Einsatz für einen Bezugspunkt.

Die Anwendung fällt nicht allein dadurch auf, dass sie den sentenzartigen Charakter

der Einheit durch eine direkte Anrede verändert, sondern auch dadurch, dass sie neue

Gedanken und Vokabeln einführt. Mit der Anrede und ihrem Charakter verändert sich

die Kommunikationsstruktur. Zielte die bisherige Struktur durchaus auf Zustimmung

durch Akzeptanz der Logik, die allerdings im Falle dieser Akzeptanz auch eine Haltungsveränderung

beinhaltet, so nutzt die Anrede die erwartete Zustimmung zur weisheitlichen

Sentenz für eine direkte Mahnung. Gegenstand der Mahnung ist eine neu eingeführte

Antithese. Lag die bisherige Antithese in den Affekten des Dienenden, so lautet

die Antithese nun Gott gegen das Geld – diese Antithese verbunden mit dem Verb »dienen«

hebt das Geld, für das im griechischen Text die fremdländisch klingende Vokabel

»Mammon« verwendet wird, auf eine personale Ebene, und es wird so als eine wie ein

Gott um Verehrung buhlende Macht verstanden (H. D. Betz 1995, 454: »choose between

serving the true God and serving a pseudo-deity – Mammon«, 458). Mit diesen neuen

Charakteren sind zwei Herren benannt, denen nicht gleichzeitig Dienst geleistet werden

kann, sondern zwischen denen gewählt werden muss.

Daraus entsteht eine klare Pragmatik: Die kompromisslose religiöse Ausrichtung

soll sich in Distanz zum Geld bewähren. Wie dies inhaltlich zu füllen ist, wird nicht

gesagt; Q 16,13 ist keine wirtschaftsethische Aussage (pointiert Horsley 1999, 293: kein

»call to social-economic solidarity«), sondern eine Forderung zu grundlegendem Gottesdienst

und zur Freiheit, sich nicht dem Geld als Lebensorientierung zu verschreiben (s. a.

Dupont 1985, 567). Insofern folgen die einzelnen Textteile einer gemeinsamen Pragmatik:

der vollständigen Hingabe an den einen Herrn, Gott, unter dem Stichwort »Dienst«

(s. a. Horn 2 1986, 157).

Form: Formal wird die Frage gestellt, ob Q 16,13 als Parabel zu bestimmen ist

(bestritten bei H. D. Betz 1995, 455 Anm. 271; für Hultgren 2000, 130 keine Parabel,

sondern Beispiel von »wisdom teachings« Jesu). Dies ist darin begründet, dass in der

Sentenz wie der Anwendung die ursprüngliche Metaphorik des Verbs »dienen« als Ausdruck

für Unterwerfung und Anerkennung fremder Autorität abgeschliffen und zu

einem eher unbildlichen Begriff der sich im Alltag bewährenden religiösen Verehrung

geworden ist. Herr, Gott und Mammon sind sachgerechte Bezeichnungen für die Ausrichtung

solcher Verehrung. Die chiastischen Antithesen der Begründung sind Affekte,

die einem Doppeldienst angemessen erscheinen; im Spiegel der Anwendung, die sich auf

den Gegensatz Gott – Mammon bezieht, und in Akzeptanz eines weiten Bildbegriffes ist

die spezifische Gattungsbestimmung »Bildwort« (z. B. Harnisch 4 2001, 106 Anm. 182,

mit Bultmann 10 1985, 181 f.; Dupont 1985, 551 f.) durchaus sachgerecht.

Kontext: Ein Korrespondenztext zu Q 16,13 liegt in der Seligpreisung der Armen,

Q 6,20, vor (Kloppenborg 2000, 213 mit Hinweis auch auf 4,5-8). Q distanziert sich vom

Reichtum (s. a. Q 7,25) und aller Art materieller Abhängigkeit; so verweigert sich Jesus in

der Versuchungsgeschichte sowohl der Erschaffung von Brot aus Steinen (4,2-4) als auch

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ParabelninderLogienquelleQ

dem Angebot der Reiche der Welt und ihren Schätzen mit Hinweis auf die Gottesverehrung

und Gottes Willen (zum Gottesgehorsam in Q 4,1 ff. Labahn 2004, 408 ff.414ff.;

zur Beziehung von Q 16,13 zu Q 4,1 ff. Fleddermann 2005, 781). Q 16,13 liefert hierfür

eine plausible Begründung; Geld und das Streben danach stehen der In-Dienstnahme

durch Gott ebenso im Weg wie dem Sich-Verlassen auf Gottes Fürsorge (vgl. Q

12,22b-30). Die Sorge um das Lebensnotwendige wird Gott abgetreten (s. a. Q 11,3),

um sich gänzlich auf das Gottesreich zu konzentrieren (Q 12,30).

Durch die einschneidenden Unterschiede der Einbettung von Q 16,13 bei Matthäus

und Lukas (s. u. Aspekte der Parallelüberlieferung und Wirkungsgeschichte), wobei

die übliche Regel, der lukanischen Akoluthie zu folgen, durch das lukanische Kompositionsinteresse

an Überzeugungskraft verliert, verbleibt die Stellung in Q hypothetisch. Für

die Abfolge 14,26f.; 17,33 (Stichwortanreichung); 14,34 f.; 16,13 spricht die gemeinsame

Forderung nach ganzheitlicher Hingabe an das Gottesreich, so dass ein sachlicher Zusammenhang

thematisch und motivlich eigenständiger Sprüche entsteht (anders z. B.

Jacobson 1995, 368, der Q 16,13 vor Q 12,22b-31 sieht).

SozialgeschichtlicheAnalyse(Bildspendender Bereich)

Herrenrecht und Sklaverei: Das Thema »Herr« und »Dienen« öffnet den weiten Bereich

antiker Wirtschaft vom Sklavenhandel über verschiedene Anstellungsverhältnisse. Die

Mehrzahl der antiken Bevölkerung bewegt sich in grundlegenden wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnissen.

Die Eingangssentenz von Q 16,13 steht im Einklang mit dem römischen Sklavenrecht

(F. Schulz 1934; bezweifelt z. B. von Flusser 1999). Trotz scheinbar vorhandener

Ausnahmen des gemeinsamen Eigentums eines Sklavens durch zwei Herren (BQ 90a;

zitiert bei Billerbeck I 2 1926, 433) spiegelt die Regel rechtliche und soziale Verhältnisse

wider (H. D. Betz 1995, 456), so dass die psychologische Explikation bereits einen theologischen

Anknüpfungspunkt bildet. Sozialer Stand und wirtschaftlicher Stand solcher

Sklaven können gravierend variieren; grundlegend ist aber, bis auf den Fall einer Freilassung,

dass Sklaven der Besitz eines anderen Menschen mit weitgehenden Rechten (z. B.

Verkauf und Kauf, Ausgeliefertsein körperlicher, auch sexueller Gewalt) an ihrer Person

sind. Daneben gibt es den zahlenmäßig ebenfalls recht umfangreichen Komplex der Tagelöhner,

die sich kurzfristig und für geringen Lohn einem Arbeitgeber verdingen (zu

den Unterschichtgruppen der antiken Gesellschaft, zu denen Sklaven und Tagelöhner

gehören, vgl. Stegemann/Stegemann 2 1997, 80-94).

Q 16,13 öffnet vor diesem Hintergrund eine sehr radikale Alternative, die kaum

den großen Reichtum anspricht, sondern auf die Alternative zwischen der Erwartung des

täglichen Überlebens von Gott her und der Erwartung der Existenzsicherung auf monitärer

Basis zielt. Wie weitgehend ein Ausklinken aus den sozialen Bindungen der Familie

und des Haushalts als dem ökonomischen Rahmen dörflicher Existenz durch Q 16,13

gefordert wird (dies nimmt Jacobson 1995, 369 an), ist auf der Ebene von Q eine schwierige

Frage, da neben radikaler Auflösung von sozialen Bindungen (Q 12,51.53; 14,26)

auch die Realität dörflichen Soziallebens vorausgesetzt wird (zur Sache Schmeller 1989,

93-99).

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ÜberdieNotwendigkeit ungeteilterLeidenschaft Q 16,13

Kult und Geld: Gleichermaßen von sozialem wie religionsgeschichtlichem Interesse ist das

Verhältnis von Gott und Geld. Es ist einigermaßen selbstverständlich, dass wirtschaftlicher

(und davon nicht notwendig zu trennender) politischer Erfolg der Gunst der Götter

geschuldet ist (Beispiel: Maevius bittet in Mart. X 76 die Göttin Fortuna um Wohlstand).

Der so durch die Gunst der Götter mit Reichtum Ausgestattete erwies sich dankbar durch

entsprechende Gegengaben. Religion und Geld waren nach antikem Verständnis weithin

keine Gegensätze, sondern gingen in der Praxis wie dem religiösen Denken durchaus

Symbiosen und Verschmelzungen ein (vgl. den Kult der Göttin Fortuna als Personifikation

von Glück, aber auch Wohlstand; zur kritischen Würdigung s. Juv. 14,315ff.). Auch

die jüdische Auslegungstradition kann dem Einsatz von Geld (mit der Vokabel Mammon!)

positive Bedeutung abgewinnen: So fordern TgSpr 3,9 und TgDeut 6,5 mit analogen

Formulierungen den Dienst an JHWH durch den Einsatz des gesamten Geldes.

Analysedes Bedeutungshintergrunds(Bildfeldtradition)

Mammon: Im griechischen Text wird für Geld die Vokabel mamwn”@ (mamōnas – Mammon)

verwendet. Hierbei handelt es sich um ein Lehnwort aus dem Aramäischen, dessen

hebr. Pendant auch in Sir 31(34),8 (Ms.B: 31,7; ed. P. C. Beentjes) verwendet wird (xymm5

māmôn). Wahrscheinlich abgeleitet aus der Wurzel xma (’mn – zuverlässig sein) bedeutet

es in der jüdischen Literatur »Gewinn« und »Vermögen«, meist neutral (betont von Rüger

1973, 129), gelegentlich mit negativem Unterton (hervorgehoben von Broer 1995,

701; s. a. Klein 2006, 544). Das Vorkommen in der Gerichtsszene in 1Hen 63,10 belegt

apokalyptische Züge, ohne dass generalisierend von einem »apokalyptischen Begriff« gesprochen

werden kann (anders C. Heil 2003, 121). Eine metaphorische Verwendung

oder gar Personifizierung des Begriffs kann vorntl. nicht nachgewiesen werden. Somit

handelt es sich um eine hier gebildete frische Metapher. Die grundsätzlich nicht ungewöhnliche

Verwendung fremdsprachiger Begriffe dürfte an dieser Stelle ein bewusstes

Element griechischer Komposition sein, um den Charakter eines fremdartigen Wesens

zu unterstreichen.

Reichtumskritik und Armutsideal: Gehen Geld und Religion im antiken Wirtschaftsleben

und Religionsvollzug praktische Kompromisse ein, so ist in der antiken Religiosität wie

Philosophie die Warnung vor dem Reichtum ebenso präsent wie die kritische Distanz

zum Geld; vgl. Ps-Phok 42-47: »Geldgier ist die Mutter aller Schlechtigkeit. / Gold und

Silber (wirken) auf die Menschen (immer) als Köder. / O Gold, du Urheber (vieler) Übel,

du Lebensverderber und Allpeiniger, / wärest du doch nicht zu ersehnter Qual für die

Sterblichen geworden! / Um deinetwillen gibt es Streit und Raub und Mord, / werden

Kinder den Eltern feind und Geschwister ihren Anverwandten!« (Übers.: N. Walter

1983, 202; weitere signifikante Parallelen zur Geldgier und ihren üblen Folgen in: Strecker/Schnelle

1996, 953-959 [zu 1Tim 6,10]; s. a. van der Horst 1978, 142 f.; einleitend

zum kritischen Verhältnis von Reichtum und Besitz in Antike und frühem Christentum:

Hengel 1973).

Der eine Gott: Die Konzentration der Verehrung auf den einen Gott hat einen ihrer zentralen

Prätexte in der Formulierung des Sch e ma: »(4) Höre, Israel! Jahwe, unser Gott,

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ParabelninderLogienquelleQ

Jahwe ist einzig. (5) Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen,

mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft« (Dtn 6,4-5 [EÜ]). Dieser Basistext jüdischer Religiosität

ermöglicht eine nahe Parallele zu dem synoptischen Wort vom Doppeldienst,

die in TestJud 18,6 zu finden ist: »Denn zweier (ihm) entgegengesetzter Leidenschaften

ist er Knecht (douleÐwn douleuōn) und kann Gott nicht gehorchen, weil sie seine Seele

verfinstern, und (darum) wandelt er am Tage wie nachts« (Übers.: Becker 1974, 73). Der

dem Gottesgehorsam entgegengesetzte Doppeldienst ist der der Hurerei und der Habsucht

(V. 1). TestJud 18,6 teilt mit Q 16,13 nicht die Argumentationsstruktur, was Abhängigkeit

ausschließt, aber das Thema »Habsucht« und der durch andersartige Abhängigkeit

gehinderte Gottesgehorsam bildet eine sachliche Nähe ab.

Zusammenfassende Auslegung(Deutungshorizonte)

Laut der Parabel über den Doppeldienst sind in der religiösen Konzentration keine Kompromisse

zu machen. Die Alternativstellung des Gottesdienstes gegenüber einem

»Dienst« am bzw. einer Abhängigkeit vom Geld in Q 16,13 kann zu Verhältnisbestimmungen

von Geld und Religion, aber auch zu wirtschaftsethischen Fragen nach der Bedeutung

von Profit und der aus ihm erwachsenen gesamtgesellschaftlichen Verantwortung führen:

Gott zu dienen und damit auch den Mitmenschen als Mensch vor Gott zu erkennen,

heißt, nicht den Gesetzen der Ökonomie die Vormacht über die Gesetze der Humanität

und Mitmenschlichkeit einzuräumen. Oder umgekehrt formuliert: Die Entgegensetzung

zum Geld ist Mahnung, das Wohl der Menschheit nicht einem grenzenlosen Profitstreben

preiszugeben. Auch wenn der Q-Text selbst keine positive Entfaltung bietet, ist das

Thema, wie in den Religionen einschließlich der christlichen Kirchen im eigenen Land

mit Geld umgegangen wird, in jedem Fall eine Perspektive, die der Text mit seiner Alternativsetzung

zu bedenken aufgibt.

Kontroverser dürfte das Thema des Doppeldienstes im Blick auf die religiöse Dimension

sein, zumal religiöser Nachdruck als Fanatismus und religiöse Intoleranz durch

die Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte hindurch zahlreiche Verfolgungs- und Todesopfer

fanden. Andererseits stellt sich im Horizont der Infragestellung des Doppeldienstes

die Frage nach der Authentizität religiöser Ausrichtung. Die Forderung Jesu,

ganz mit den Zeichen der Zeit und dem sich den Menschen nähernden Reich Gottes

Ernst zu machen, steht angesichts seiner Zuwendung zu den sozial wie religiös Marginalisierten

sowie seines Gottvertrauens und seines Liebesgebotes nicht im Verdacht eines

religiösen Fanatismus.

Die Parabel fordert Eindeutigkeit anstelle von Beliebigkeit; damit regt sie in jedem

Fall zum Nachdenken über den Ort religiösen Lebens im menschlichen Alltag an. Der

religiöse Dienst kann dabei durchaus als Befreiung zu verantwortlichem Handeln verstanden

werden, der sich nicht fremden, so genannten Sachzwängen beugen muss, sondern

diese kritisch befragen kann.

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ÜberdieNotwendigkeit ungeteilterLeidenschaft Q 16,13

Aspekte der ParallelüberlieferungundWirkungsgeschichte

Matthäus: Bei Matthäus (Mt 6,24) findet sich die Parabel in der Bergpredigt, Mt 5-7, wo

sie nur eine lockere Verbindung mit dem Kontext eingegangen ist (vgl. H. D. Betz 1995,

454), die Zeichen beabsichtigter Komposition zeigt. Mit dem vorausgehenden Spruch

über das Auge als Licht der Seele (Mt 6,23 f.) verbindet die Parabel vom Doppeldienst

wohl nur der Gedanke der Ganzheitlichkeit, sowohl der Lauterkeit als auch der Bosheit.

Dieser Punkt findet sich auch in der Aufforderung zur Sammlung himmlischer Schätze

als Antithese zum diesseitigen Besitz und somit als ganzheitliche Ausrichtung auf das

himmlische Reich (vgl. Dupont 1985, 555). Man kann in der matthäischen Spruchfolge

die Anwendung zur Parabel aber auch in der Verlängerung der genannten Alternative als

Ausdruck von Lauterkeit oder Bosheit sehen, welchem Herrn man zu dienen beabsichtigt.

Auch der Anschluss des Spruchs vom Sorgen (Mt 6,25-34) ist trotz der begründenden

Partikel keineswegs ein stringenter. Das Thema des Doppeldienstes wird nicht fortgesetzt

oder vertieft. Immerhin wird die Konzentration auf den Gottesdienst mit der

Zusage der Geborgenheit im fürsorgenden himmlischen Vater verbunden, so dass die

Bedeutung des Geldes eine religiös-praktische Relativierung erfährt.

Lukas: Bei Lukas hat eine derart einschneidende Verarbeitung stattgefunden, dass die

Frage nach lukanischer Sondertradition gestellt werden könnte. Die Parabel ist mit der

Parabel vom »Unehrlichen Verwalter« (Lk 16,1-8) und deren Ausarbeitung so verbunden,

dass sie ihren Abschluss bildet. Die in 16,14f. folgende Polemik gegen die Pharisäer

setzt durch ihre Charakterisierung dieser jüdischen Gruppe als »geldgierig« das Thema

»Umgang mit Geld« fort (zu Q 16,14 als lukanischer Verknüpfung Dupont 1985, 564),

das nach der Unterbrechung durch 16,16-18 auch in der Parabel »Reicher Mann und

armer Lazarus« in Lk 16,19-31 wieder begegnet. Bei Lukas markiert die Ablehnung des

Doppeldienstes eindeutig die Leseanweisung für die vorausgehende Parabel, die so geradezu

domestiziert wird (hierzu z. B. Hedrick 1994, 21 mit Anm. 37). Die Einfügung des

»Hausdieners« (o§kffth@ oiketēs; Fleddermann 2005, 778; anders H. D. Betz 1995, 455,

der hier eine ältere Traditionsstufe reklamiert) konkretisiert die weisheitlich allgemein

gehaltene Parabel möglicherweise mit Blickrichtung auf die frühchristliche Hausgemeinde.

Auch wenn Lukas den Einsatz des Geldes als Ausdruck des Jesusglaubens verstehen

kann, so weist Lk 16,13 auf die zum Glauben gehörende Grundsatzentscheidung gegen

Mammon für Gott hin (treffend Horn 2 1986, 80).

Thomas: EvThom 47,1-2 enthält zwei parallel geformte Sprüche:

EvThom 47,1-2: (1) Jesus sagt: Es ist unmöglich, dass ein Mensch zwei Pferde besteigt

und dass er zwei Bogen spannt.

(2) Es ist außerdem unmöglich, dass ein Diener zwei Herren dient

oder er wird den einen ehren und den anderen beleidigen.

EvThom 47,2 wird man als Überlieferungsvariante zu Q 16,13 betrachten müssen (s. a.

Kloppenborg 2000, 57 Anm. 4: »performance variation«), da eine direkte literarische,

aber auch mündlich vermittelte Abhängigkeit nicht wahrscheinlich gemacht werden

kann. Weitergehende Versuche einer Genealogie sind hochgradig spekulativ.

Die Zuspitzung auf das Thema Geld, verstärkt etwa bei Lukas, fehlt in EvThom.

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ParabelninderLogienquelleQ

Hier geht es um die Alternative des Dienens (vgl. Ergänzung des »Dieners«). Zwischen

Gnosis und Welt gibt es keine Kompromisse, sondern nur eine Antithese, die eine klare

Entscheidung verlangt. Dies wird in 47,3-4 durch die Alternative von »alt« und »neu«

unterstrichen. EvThom ist zwar nicht inhaltlich durch die esoterisch-gnostische Ausrichtung,

wohl aber sachlich in der Kompromisslosigkeit näher am Bild der Parabel als die

auf Distanz zum Geld zielende Anwendung in Q oder bei Lukas.

Michael Labahn

Literatur zumWeiterlesen

H. D. Betz, The Sermon on the Mount. A Commentary on the Sermon on the Mount including

the Sermon on the Plain (Matthew 5:3-7:27 and Luke 6:20-49), Hermeneia, Minneapolis

1995, 453-459.

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