Armee der Vergessenen

hoellenjaeger.de

Armee der Vergessenen

Nr. 5 OKTOBER 2010

GREG SUTTON

ARMEE

DER

VERGESSENEN

DIOMEDES

PHANTASTIK

Digital ART

WORKS WITH PLEASURE


2 BLACK JERICHO

Neu-Skandinavien, Frühjahr 2016

Der Militärkonvoi war wie ein träges, wirbelloses Insekt,

das sich über die von der Schneeschmelze nassen

Straßen schlängelte. Fünfzig Truppentransporter,

dazu dreißig LKWs mit Versorgungsgütern, sechs

mobile Flakgeschütze und zwölf leichte Panzerwagen

bahnten sich ihren Weg von der Westküste Norwegens

nach Stockholm, wo die provisorische Regierung Neu-

Skandinaviens mit Marodeuren und Kontras zu kämpfen

hatte.

»Seit vier Jahren ist die Welt in Aufruhr.« Major Hogstad

sah in den Rückspiegel des Jeeps auf den schier endlos

langen Tross aus Lastwagen und leichter Artillerie.

Dann blickte er kurz seinen Fahrer an, der starr vorausschaute

und den Wagen mit konstanter Geschwindigkeit

über die teils unwegige Straße lenkte. »Manchmal

habe ich den Eindruck, dass wir niemals Frieden finden

werden.«

»Wir sind unterwegs, um genau das zu bewirken, Sir«, antwortete der

Leutnant am Steuer, ohne mit der geringsten Regung die Offenheit zu kommentieren,

die sein Vorgesetzter ihm gegenüber an den Tag legte.

»Wir sind unterwegs, Hamerseng, um einen Haufen unorganisierter Plünderer

aufzureiben! Die Neuformierung der Regierung sowie die Neuordnung

der gesellschaftlichen Systeme wird nicht allerorten freudig angenommen.«

»Deshalb ist es unerlässlich«, erwiderte Leutnant Hamerseng, »dass das

Militär in diesen Zeiten der Unsicherheit hart durchgreift.«

Major Hogstad sah für einen Moment der weißen Wolke seines Atems

nach, bevor sich sein Blick in unergründlicher Ferne zu fixieren schien.

»Ich habe kein Problem damit, mich einem bewaffneten Gegner zu stellen«,

meinte er abwesend, »einem Feind, der die falschen Farben trägt und

mit Verbissenheit mich und meine Truppen niedermetzeln will.«

»Das weiß ich, Sir!«, entgegnete Hamerseng zackig. »Sie haben diese Aussage

oft genug unter Beweis gestellt.«

»Aber jetzt gehen wir rigoros gegen Zivilisten vor. Stockholm aus den

Klauen der Besatzer zu befreien wird unabsehbare Kollateralschäden nach

sich ziehen.«

Leutnant Hamerseng steuerte den Jeep um eine Bodensenke herum, die

sich mit Wasser gefüllt hatte. Dann antwortete er: »Es ist unvermeidlich,

dass die Bevölkerung Schaden nimmt. Solange der Nutzen überwiegt.«

»Ja, sicher«, nickte Hogstad, »eine einfache strategische Rechnung.« Erneut

sah er in den Rückspiegel. Die Truppentransporter waren überladen,

aber mehr Wagen hatte man ihnen nicht zur Verfügung gestellt. »Dem Ober-


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kommando ist es gleich, wie viele meiner Leute ins Gras beißen. Hauptsache,

Stockholm wird befriedet, damit die Politiker den Rücken frei haben …«

»Sir«, erkundigte sich der Leutnant vorsichtig, »höre ich aus Ihren Worten

eine gewisse Verbitterung …?«

Major Hogstad blinzelte, schärfte seinen Blick und wandte seinem Fahrer

das Gesicht zu.

»Wissen Sie, Leutnant«, sagte er bedächtig, »vielleicht bin ich über das

Stadium der Verbitterung bereits hinweg. Vielleicht beginne ich allmählich,

nach dem Sinn zu suchen. Dem Sinn von Gewalt, die mit immer neuer Gewalt

bekämpft wird …«

»Anders ist es nicht möglich«, meinte Hamerseng. »Das ist der Sinn des

Militärs.«

»Sie brauchen mich dahingehend nicht zu belehren, Leutnant!« Unwillkürlich

war Major Hogstads Stimme laut, sein Ton scharf und schneidend

geworden. »Ich habe Luftunterstützung angefordert, um die Bodentruppen

zu schonen. Aber die hohen Herren konnten ja keine ihrer wertvollen Maschinen

entbehren. Nun muss ich meine Jungs in eine Schlacht schicken,

bei der sie ins offene Messer rennen! Ich muss sie solange immer wieder stürmen

lassen, bis ich auf einem Teppich aus Leichen nach Stockholm einmarschieren

kann!«

»Ich stimme Ihnen zu, Sir, dass die Kampfpiloten die befestigten Stellungen

der Besatzer ohne größere Verluste hätten ausräuchern können.«

»Wenn dieser Regierung die Etablierung des neuen Systems so gottverdammt

wichtig ist«, stieß der Major hervor, ohne jedoch unbeherrscht zu

wirken, »dann weiß ich nicht, warum man dafür nicht ein paar lumpige

Flugzeuge hat entbehren können!«

In diesem Augenblick knackte es im Funkgerät, das der Major auf den

Knien liegen hatte. Vom anderen Ende des Konvois meldete sich Stabsfeldwebel

Kvistgaard.

»Was gibts?«, fragte Hogstad barsch.

»Sir! Wir haben weit hinter uns eine Fliegerstaffel ausgemacht. Sie hält

Kurs auf uns!«

Zwei Sekunden saß der Major schweigend da, bis er sagte: »Sind Sie sicher?

Kann es sich um die angeforderte Luftunterstützung handeln?«

»Daran haben wir auch schon gedacht. Aber …«

»Was meinen Sie mit ›aber‹, Kvistgaard?«

»Wir können den Typ noch nicht ausmachen, Sir. Die Maschinen sind

noch zu weit entfernt.«

BLACK JERICHO erscheint zweimonatlich bei der JERICHO BELLS PRESS, einer Abteilung des DIOMEDES VER-

LAGS. Lektorat: Bernd Tezeden, E-Mail: bernd.tezeden@freenet.de. Layout und Satz: DIOMEDES VERLAG. Druck

und Verarbeitung: Schaltungsdienst Lange o.H.G., Zehrensdorfer Straße 11, 12277 Berlin. Copyright © 2010 by

author. Cover und Illustration: DigitalART. Die Personen und Begebenheiten der Romanhandlung sind frei erfunden;

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie mit tatsächlichen Ereignissen sind unbeabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten. BLACK JERICHO ® , NICOLETA BELÀ ® , VERENA DAMBROSI ® , CHRISTEL LIPPENBERRY ® ,

RUBIN ROSGARD ® , GEN-O-MATIC ® , ZACH DARKOVICZ ® , BRION TEAGUE ® , and all prominent characters featured

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Telefax 0 22 37/92 49 70, E-Mail: info@romantruhe.de, Internet: www.romantruhe.de. Jahresabonnementpreis

(6 Ausgaben) 23,70 € inkl. Versand; Einzelheft-Nachbestellungen 3,95 € je Ausgabe zzgl. Versand. Auslandsbestellungen

auf Anfrage. Internet: www.black-jericho.com. Printed in Germany. OKTOBER 2010


4 BLACK JERICHO

»Ziemlich unwahrscheinlich, dass in dieser Gegend noch andere Staffeln

eingesetzt sind. Die können nur auf dem Weg nach Stockholm sein.« Major

Hogstad verlieh seiner Erleichterung Ausdruck, indem er die Luft lautstark

durch die Nase ausstieß.

»Wir haben keine Bestätigung des Oberkommandos!«, ließ der Stabsfeldwebel

wissen.

»Die benötigen wir nicht. Sie wissen so gut wie ich, dass sich die Ereignisse

schon einmal zu überschneiden pflegen.«

»Gewiss, Sir.« Es wurde ruhig in der Leitung; die Verbindung bestand

aber noch.

»Haben Sie noch etwas, Kvistgaard?«, fragte Hogstad nach, der das Gespräch

an sich für beendet hielt.

»Einen Augenblick, Sir«, kam es gedehnt zurück. »Wir untersuchen da

noch eine Kleinigkeit …«

Der Treck zog nun eine weite Kurve, und Major Hogstad konnte im

Seitenspiegel des Jeeps erkennen, dass das Fahrzeug von Stabsfeldwebel

Kvistgaard stehen geblieben war.

»Warum haben Sie angehalten?«, sprach der Major ins Funkgerät.

»Wir nehmen die Fliegerstaffel per Fernglas ins Visier. Durch die Erschütterungen

während der Fahrt bekamen wir kein klares Bild, das eine eindeutige

Identifizierung möglich gemacht hätte.«

»Nun übertreiben Sie nicht!«, erwiderte Hogstad. »Ihre Vorsicht in allen

Ehren, Kvistgaard, aber meines Erachtens brauchen Sie sich keine Sorgen

zu machen. In diesem Gebiet gibt es keine feindlichen Stellungen mehr.«

»Ich möchte nur vorbereitet sein, Sir«, teilte der Stabsfeldwebel mit. »Sie

und ich haben schon genug überraschende Situationen erlebt.«

»Es müsste ein ungeheurer Zufall sein, wenn sich da gegnerische Maschinen

ausgerechnet zu dem Zeitpunkt nähern, da ich Luftunterstützung erwarte.«

Der Major machte eine kalkulierte Pause. »Aber ich glaube nicht an

Zufälle, Kvistgaard.«

»Und ich glaube an ein gesundes Maß an Misstrauen, Sir …«

»Verlieren Sie nicht den Anschluss!«, forderte Major Hogstad nun unmissverständlich.

»Ich erwarte, dass Sie unverzüglich wieder Fahrt aufnehmen!«

»Ich glaube, wir können da was erkennen …«, versuchte Kvistgaard Zeit

zu schinden.

»Sofort!«, blaffte Hogstad ins Funkgerät. Er streckte nun den Kopf aus

dem Seitenfenster und überzeugte sich davon, dass seine Anweisung ausgeführt

wurde.

»Wir bekommen Verstärkung?«, fragte Leutnant Hamerseng.

»Ich habe selbst nicht mehr damit gerechnet. Aber ja. Jetzt wird die

Übernahme der Stadt fast zum Spaziergang.«

Der Major reckte seinen Kopf ein zweites Mal aus dem Fenster. Die

Kampfmaschinen waren als dunkle Punkte am Himmel bereits deutlich zu

erkennen.

Entspannt lehnte sich Hogstad im Beifahrersitz zurück. Wahrscheinlich

war Stockholm bereits befreit, wenn er mit seinem Konvoi eintraf.

HHH

»Major Hogstad!«, schnarrte es Sekunden darauf aus dem Funkgerät.

»Wir haben ein Problem! Ein sehr ernstes Problem!«


ARMEE DER VERGESSENEN 5

»Reden Sie!«, forderte Hogstad seinen Stabsfeldwebel auf.

»Wir konnten die heranfliegende Flugzeugstaffel identifizieren! Es handelt

sich nicht um unsere eigenen Maschinen!«

»Lassen Sie sich nicht jede Information aus der Nase ziehen, Kvistgaard!

Mit wem haben wir es zu tun?«

»Es konnte ein Wappen mit der Aufschrift ARKTUR CARION gesichtet

werden!«

Major Hogstad benötigte lediglich den Bruchteil einer Sekunde, um auf

die neue Situation zu reagieren. Er gab dem hinter ihnen fahrenden LKW

Zeichen zum Anhalten. Das Signal wurde nach hinten weitergereicht.

»Stoppen Sie, Leutnant!«, befahl Hogstad schließlich seinem Fahrer. Und

ins Funkgerät sagte er: »Kvistgaard! Lassen Sie die Flakgeschütze in Position

bringen und die MG-Türme der Panzerfahrzeuge ausrichten! Alle Mann

in Kampfbereitschaft!«

Es dauerte noch zwei Minuten, bis alle Fahrzeuge standen. Die Punkte

am wolkenlosen Firmament waren inzwischen als Flugzeuge erkennbar.

Hogstad war aus dem Jeep gesprungen und jagte die Kolonne der Truppentransporter

entlang, bellte den Zugführern Kommandos zu und fand

sich schließlich bei den Flakgeschützen ein, die gerade von den Richtkanonieren

justiert wurden.

»Es sind bloß Propellermaschinen«, wurde der Major von einem jungen

Fähnrich empfangen. »Nicht so schnell und wendig wie die neuen SLIDER-

Jets. Die holen wir locker vom Himmel.«

»Ihre Prognose in Ehren, Fähnrich«, erwiderte Major Hogstad mit sonorer

Stimme. »Aber es kommt nicht auf den Maschinentyp an, sondern auf

den Piloten. Bisher gab es lediglich vereinzelte Meldungen über ein Aufeinandertreffen

mit der ARKTUR CARION, doch es sind fanatische Kämpfer!

Die könnten mit Heißluftballons angreifen, und wir müssten dennoch aufpassen,

dass sie uns nicht die Hosen stramm ziehen!«

»Verstanden, Sir!«, salutierte der Offiziersanwärter, nahm dann aber erschrocken

wahr, wie sein Vorgesetzter auf ihn zu sprang, ihn packte und

mit sich zu Boden riss. Gleichzeitig spritzte das Erdreich um sie herum auf,

hämmerten Projektile gegen Stahl und pfiffen als Querschläger umher.

Schreie lagen in der Luft, während das Rattern großkalibriger Maschinengewehre

wie das hämische Lachen des Todes die Luft erfüllte. Reihenweise

fielen die Soldaten im Kugelhagel, noch ehe sie von den Lastwagen abgestiegen

waren.

Hogstad rollte sich zur Seite, kam in der Deckung eines mobilen Flakgeschützes

auf die Beine und beobachtete erleichtert, dass die Geschütztürme

der leichten Panzerfahrzeuge das Feuer bereits erwiderten.

»Oh Gott!«, stammelte der Fähnrich. »Die sind noch so weit weg! Und

trotzdem –«

»So viel zu ›Propellermaschinen‹!«, raunte der Major ihm zu. »Die sind

mit 30-mm-Chain-Guns bewaffnet –!« Die Worte des Majors gingen im aufbrandenden

Lärm weiterer Salven unter. Mit brennenden Augen sah er, wie

mehrere Soldaten von den Einschlägen zerfetzt, ihnen Arme und Beine vom

Körper gerissen wurden.

»Wie lange dauert das denn noch mit den Flaks?«, schrie er los, sprang

auf und wandte sich dem Richtkanonier zu. Der Mann lag schlaff in seinem

Schützensitz. Ein faustgroßes Loch war in seinem Helm; von seinem Gesicht

war nichts mehr vorhanden.


6 BLACK JERICHO

Der Major zog den Toten herunter und nahm dessen Platz ein. Über

die elektrische Zieleinstellung justierte er das Mündungsrohr, nachdem

zwei Soldaten eine Sprenggranate nachgeladen hatten. Mittlerweile war

die feindliche Fliegerstaffel über dem Konvoi und feuerte aus allen Rohren.

Zwei der Leichtpanzerwagen wurden zersiebt und explodierten, als

die Treibstofftanks getroffen wurden. Mindestens die Hälfte der LKWs, so

schätzte Hogstad, waren schwer beschädigt und mussten zurückgelassen

werden. Und immer noch mähten die schweren MGs in die Reihen seiner

Leute, zerfetzten die Salven die Lastwagen und die hinter ihnen Schutz suchenden

Soldaten.

Die Zielerfassung drehte das Flakgeschütz mit Major Hogstad darauf

den angreifenden Maschinen hinterher. Er brauchte nur noch zum richtigen

Zeitpunkt den Auslöser zu betätigen. Doch als er abdrückte, schwenkte die

Staffel scharf nach links, in einer Bewegung, die der Major nicht für möglich

gehalten hatte. Seine Sprenggranate und die zweier anderer Schützen explodierten

wirkungslos hoch über ihnen in der Luft.

»Nachladen!«, brüllte Hogstad, während die Drehlafette langsam zurückschwang.

Beunruhigt beobachtete er die Flugzeuge der ARKTUR CARI-

ON, die den Konvoi umflogen, um einen erneuten und endgültigen Vernichtungsangriff

zu starten.

Das werden wir nicht überleben!, hämmerten die Gedanken im Kopf des

Majors. Er stierte den zweimotorigen Maschinen entgegen, und das Wappen

der ARKTUR CARION an der Unterseite der Flugzeugrümpfe brannte sich

förmlich in seine Netzhaut ein.

»Fertig geladen!«, hallte es fast gleichzeitig von den Flakeinheiten an

Hogstads Ohren. Die Groberfassung rastete automatisch ins Ziel ein. Per

Handsteuerung übernahm der Major die Feinjustierung.

Ein paar von euch nehmen wir mit!, gab er ein unhörbares, aber verbissenes

Versprechen ab. Schweiß bildete sich auf seiner Stirn, als er das Aufblitzen

der gegnerischen Maschinengewehre sah.

»Feuer!«

HHH

Lieutenant-Colonel Brad Sheridan streifte mit seinem Blick die Ortungsinstrumente

des Cockpits und setzte ein zufriedenes Lächeln auf.

»Fertig für V-Formation!«, gab er über Funk durch. »Ich will breiteste

Streuung, wenn wir den Konvoi in die Mangel nehmen!«

»V-Formation! Verstanden!« Die Bestätigung kam von seinem Flügel-Offizier

und dem Chief Master Sergeant Roderick T. Shacklestone gleichzeitig

herein.

»Sie werden erkennen, dass wir nicht zu ihnen gehören.« Captain Juri

Stavnoi saß mit dem Rücken zum Lieutenant-Colonel in dem Zweisitzer-

Cockpit und war als Heckschütze eingeteilt. »Sie werden das Wappen sehen.«

»Das wir mit Stolz tragen!«, entgegnete Sheridan. »Aber seien Sie versichert,

dass die da unten mehr überrascht sind als fähig, wirksamen Widerstand

zu leisten.«

»Ich denke nur an unsere eigentliche Aufgabe«, warf der Captain ein. »Zu

viele Verluste können wir uns nicht leisten.«

»Es wird keine Verluste geben.« Sheridans Stimme war kalt. »Nicht auf


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unserer Seite. Außerdem lautet unser Einsatzbefehl, den Versorgungskonvoi

zu stoppen.«

»Solange die primäre Zielsetzung dadurch nicht gefährdet wird.«

»Das wird sie nicht«, raunte Lt.-Col. Brad Sheridan in die Interkom-Anlage.

»Keine Sorge. Das wird sie nicht …« Aufmerksam las er die Werte von

den Schalttafeln ab.

»Der Konvoi lässt halten!«, meldete sich der Flügel-Offizier. »Wir sind entdeckt!«

»Gut«, murmelte Sheridan in den Sprechfunk. Und laut fügte er hinzu:

»Dann geben wir ihnen, was sie erwarten! – Feuer nach eigenem Ermessen!«

Die Maschinen waren leicht auseinandergefächert. Die Doppelläufe der

Maschinengewehre waren drohend erdwärts gerichtet. Kaum eine Sekunde

nach dem Befehl ihres Vorgesetzten feuerten die Staffelpiloten bereits auf

die weit entfernten Fahrzeuge. Die 30-mm-Kanonen wummerten in tödlichem

Takt. Und je näher sie ihrem Angriffsziel kamen, umso effizienter ließen

sie sich einsetzen.

»Rammt sie ungespitzt in den Boden!«, donnerte Sheridan in sein Funkgerät.

»Mit Munition brauchen wir nicht zu sparen!«

»Die Flakgeschütze werden ausgerichtet!«, warnte Shacklestone.

»Lasst die Skandinavier Stahl fressen!«, brüllte Lt.-Col. Sheridan zurück,

dass die Piloten zusammenzuckten. »Ich will, dass keiner der Transporter

Stockholm erreicht!«

Von den Geschütztürmen der leichten Panzerwagen wurde das MG-Feuer

erwidert. Doch die Panzerung der Propellermaschinen, die zusätzlich über

moderne Strahltriebwerke verfügten, war stark genug, die ohnehin nicht

weit reichenden Projektile abzufangen.

»Die Flaks könnten uns Probleme bereiten«, meldete sich Captain Stavnoi

zu Wort. »Die Reichweite selbst der kleinen mobilen Einheiten ist enorm.

Erfahrene Richtschützen könnten uns schweren Schaden zufügen.«

»Dann radiert sie aus!«, schnauzte Sheridan. »Wir sind so nah, dass ich

fast die Gesichter der Soldaten sehen kann!«

Die Formation jagte über den Konvoi hinweg.

»Die Richtkanoniere haben uns im Visier!«, kam es vom linken Flügel.

»Jetzt geht es um Sekunden«, enthielt sich auch Stavnoi nicht eines Kommentars.

Man merkte ihm den inneren Aufruhr an. Er hatte noch nicht viele

Einsätze hinter sich.

»Abdrehen!«, rief Sheridan seinen Piloten über Funk zu und zog seine Maschine

scharf nach links. Ohne merkliche Reaktionszeit folgten die anderen.

Die Sprenggranaten verfehlten ihre Ziele und explodierten ohne Wirkung.

»Noch mal zurück!«, befahl der Lieutenant-Colonel. »Jetzt geben wir ihnen

den Rest!«

»Die Flakgeschütze folgen uns bereits!«

»Wir schwenken auf neuen Angriffskurs ein!«

»Denken Sie an die Mission!« Captain Juri Stavnoi saß mit hämmerndem

Pochen in der Brust in seinem Sitz und feuerte das Heck-MG auf den bereits

stark dezimierten Konvoi ab.

»Schaltet die Flaks aus! Mäht alles nieder!« Sheridans Befehl war an die

Heckschützen der Staffel gerichtet, die über drehbare Maschinengewehre

verfügten. Er selbst jagte mit Höchstgeschwindigkeit an dem Treck vorbei,

wendete seine Maschine, ging in den Sturzflug über und fing das Flugzeug

haarscharf über dem Erdboden wieder ab. Ununterbrochen betätigte er den


8 BLACK JERICHO

Auslöser seiner Chain Guns. Die großkalibrigen Projektile zerrissen einen

Jeep, zerfetzten Dutzende Soldaten und prasselten auf die Flakgeschütze

ein.

»Jaaaaa!«, spie Brad Sheridan seinen Triumph und seine Verachtung heraus.

Er flog so tief, dass er in das Mündungsrohr des zuvorderst stehenden

Flakgeschützes starren konnte. Halsbrecherisch zog er die Maschine

gewaltsam zur Seite, als hätte er den Moment erahnt, an dem die Sprenggranate

abgeschossen wurde.

Das mobile Geschütz wurde vom Abschuss erschüttert. Die Granate

schoss donnernd an Sheridans Flugzeug vorbei, traf dafür aber die Maschine

dahinter und riss sie in Fetzen. Die nachfolgenden Piloten konnten gerade

noch ausweichen und wurden lediglich von kleineren Trümmern gestreift.

»Wir haben ein Flugzeug verloren, Sir!«, konstatierte Captain Stavnoi.

Für einige lange Augenblicke setzte er mit dem Beschuss des Konvois aus.

»Und das werden diese Bastarde bitter bereuen!« Lieutenant-Commander

Sheridan machte eine Luftrolle und brachte sich auf Parallelkurs mit

dem Wagentreck.

»Achtung, Leader! Feindliche Maschinen im Anflug!« Der Offizier vom

linken Flügel hatte die Warnmeldung durchgegeben.

»Spezifizieren Sie!«, blaffte Sheridan ins Funkgerät.

»ME 1200 ›Nachtgreif‹! Mittlere Bewaffnung. Luft-Boden- und Luft-Luft-

Raketen!«

»Verdammt!« Lt.-Col. Brad Sheridan ließ den Auslöser des Bord-MGs los,

als hätte er sich daran verbrannt und hieb mit der Faust gegen die Instrumententafel.

»Wie lauten Ihre Befehle, Sir?«, fragte Captain Stavnoi aus der Heckkanzel.

»Mit den Vögeln können wir uns nicht anlegen! Wir drehen bei und versuchen

sie in den Gebirgsschluchten loszuwerden!«

»Haben Sie das primäre Ziel vergessen?«

»Nein, zum Teufel! Aber ich lasse mich nicht wie ein Anfänger vom Himmel

pusten! Außerdem müssen die Zielerfassungscomputer noch programmiert

werden! Dazu brauchen wir ein bisschen mehr Zeit, als unsere Verfolger

uns zugestehen wollen …!«

»Die Mission darf nicht gefährdet werden!«, sagte Juri Stavnoi betont

ernst. »Lassen Sie unsere Maschine von den anderen abschirmen, dann programmiere

ich den Kurs für die Raketen …«

»Ich sagte nein!«, wetterte Brad Sheridan los. »Wir bringen das sauber

über die Bühne, hängen die Jäger ab und lenken dann die Raketen ins Ziel!

Im Anschluss schauen wir, ob wir die Basis erreichen können oder abgeschossen

werden!«

»METROCITY II muss zerstört werden!«, beharrte der Captain. »Ich bin

autorisiert, diese Order –«

»METROCITY II ist eine Baustelle!«, entgegnete Sheridan. »Da muss nur

eine Rakete treffen, um den ganzen verfluchten Bau in die Luft zu jagen!

Nur eine einzige, Captain …«

Der ARKTUR-CARION-Verband hielt auf das nahe Gebirge zu. Die Propellermaschinen

hatten zwar eine höhere Schubkraft als die Strahltriebwerkjäger,

doch diese holten schnell auf. Ohne Warnung zischten die ers-


ARMEE DER VERGESSENEN 9

ten Raketen auf den flüchtenden Verband zu, verfehlten diesen jedoch und

schlugen in das Felsmassiv ein.

»Glück gehabt, Sir! Das ging daneben!« Der Chief Master Sergeant lachte

dröhnend. Er war der älteste und erfahrenste Soldat in Sheridans Gefolge.

Wie alle anderen war auch er irgendwann von den regulären Truppen desertiert

und hatte sich der Terror-Organisation ARKTUR CARION angeschlossen.

»Die könnten uns jederzeit mit ihren Raketen abschießen«, war auch Juri

Stavnoi von der Überlegenheit des Gegners überzeugt und stierte durch die

Heckkanzel.

»Nur Warnschüsse«, sprach Sheridan beherrscht ins Funkgerät. »Die wollen

uns zur Landung zwingen und gefangen nehmen.« Das Lächeln eines

Spielers legte sich auf seine Züge. »Ich bin gespannt, ob man den Verein

nicht ein bisschen aus der Reserve locken kann …«

»Östlich der Raketeneinschläge ist eine tiefe Schlucht«, las Stavnoi die

Anzeigen seiner Instrumente ab. »Unsere Maschinen haben da wenig Spielraum!

Der kleinste Schlenker kann verhängnisvoll sein!«

»Dann machen wir eben keine Schlenker!«, gab Sheridan zurück. »Unsere

Verfolger müssen ebenso auf der Hut sein wie wir!« Der Lieutenant-Colonel

machte eine Durchsage, dass der Verband ihm folgen solle.

Wieder feuerten die neu-skandinavischen Fliegertruppen Warnraketen

ab, die exakt in Flugrichtung vor der ARKTUR-CARION-Staffel detonierten.

»Die sehen uns schon auf Nimmerwiedersehen verschwinden«, grinste

Brad Sheridan. Geschickt und ohne Hektik tauchte er in den Gebirgseinschnitt

ein, hielt die Maschine ruhig und die Kontrollen im Auge.

»Die feindlichen Jäger versuchen Funkkontakt aufzunehmen, Sir!«

»Frequenzen blockieren!«, sagte Sheridan hart. »Wir antworten nicht!«

Die Staffel der ARKTUR CARION schoss durch den Gebirgseinschnitt.

Zu beiden Seiten der Tragflächen waren nur wenige Meter Platz.

»Leitvogel zieht hoch über die Schlucht hinweg! Mehrere Jäger kleben uns

an den Fersen!« Shacklestone lachte rau. Eine echte Gefahr schien er nicht

zu sehen.

»Sie werden nicht wagen, uns zu bombardieren!«, zeigte sich Lt.-Col.

Brad Sheridan siegessicher. »Damit würden sie ihre eigenen Leute töten!«

»Sir!«, zischte Captain Stavnoi. »Beim Austritt aus der Schlucht sitzen

wir in der Falle! Die halbe Formation der Skandinavier fliegt bereits über

uns hinweg, um uns abzufangen!«

»Reden Sie nicht, sondern halten Sie auf die Verfolgermaschinen drauf!

Die sollen sehen, dass mit uns nicht zu spaßen ist!«

Juri Stavnoi tat, wie ihm befohlen. Die gezielten Garben aus den Zwillingsmündungen

des schweren MGs fraßen sich in den Bug des ersten Verfolgers

und ließen die Pilotenkanzel zersplittern. Das Flugzeug zog nach unten

rechts weg und krachte in den Fels. Stavnoi hielt verbissen in die grellen

Schwaden der Explosionswolke hinein, erwischte zwei weitere Verfolger, die

jedoch dem weiteren MG-Feuer auswichen und mit qualmenden Triebwerken

aus der Schlucht hinausflogen.

»Na bitte!«, freute sich Sheridan, als seine Instrumente keine weiteren

Jäger hinter ihnen anzeigten. »Und jetzt gehen wir tiefer runter!«

»Tiefer?«, erkundigte sich Captain Stavnoi ungläubig. »Sie wollen doch

nicht etwa in diese Höhle fliegen?«


10 BLACK JERICHO

»Genau das habe ich vor! Sie ist groß genug, um zu landen, wenn die Messinstrumente

uns keinen Streich spielen. Dort können wir abwarten, bis die

Luft rein ist.« Er gab den Befehl an seine Piloten weiter. Die Staffel drosselte

die Geschwindigkeit und ließ sich absacken. Wenige Minuten später landeten

die Maschinen und rollten in der riesigen Höhle aus.

»Skandinavier erbitten immer noch Funkkontakt!«, teilte der Offizier

vom linken Flügel mit.

»Sie sollen daran ersticken!«, fauchte Sheridan. »Am liebsten würde ich

erneut durchstarten, um sie einen nach dem anderen ins Jenseits zu pusten!«

»Sie haben uns nicht angegriffen, obwohl wir auf sie geschossen haben«,

gab Captain Stavnoi zu bedenken. »Die Zeit der Verhandlungsbereitschaft

dürfte in Kürze ablaufen …«

»Und was wollen diese Helden dann tun?« Brad Sheridan öffnete die Kanzel.

Auch Juri Stavnoi hatte sich aus seinem Sitz geschält. Ernst blickte er

seinen Vorgesetzten an.

»Viele Möglichkeiten haben sie nicht, Sir. Und ich hoffe, sie nehmen von

den wenigen Optionen nicht ausgerechnet –«

Die Schlucht war plötzlich von lautem Pfeifen und Zischen erfüllt. Zu

kurz allerdings, um sofort die Ursache zu erahnen.

Und dann erschütterte ein Donnerschlag das Felsmassiv, schien in dem

dunklen Gebirgseinschnitt eine Sonne aufzugehen. Das Donnern steigerte

sich noch, als sich Tonnen von Gestein lösten und in einer gigantischen Lawine

herabfielen.

»Die sprengen die Schlucht!«, schrie ein Pilot. »Die werden uns bei lebendigem

Leib begraben!«

Tatsächlich krachten gewaltige Steinbrocken vor dem Höhleneingang herunter,

türmten sich zu einem unüberwindlichen Berg auf und raubten den

Eingeschlossenen das letzte Licht. Die Angst ging um, dass selbst die Höhle

unter der Gewalt der Detonation einstürzen mochte. Der Lärm und das satte

Wummern der in die Tiefe stürzenden Gesteinsbrocken war allgegenwärtig.

Aller Blicke waren hoch zur Höhlendecke gerichtet, in der Erwartung,

sie könne jeden Moment nachgeben und sie alle unter sich begraben.

Doch nichts dergleichen geschah. Die Höhle hielt stand. Der Eingang jedoch

war verschüttet. Und damit die einzige Chance, aus dieser Schlucht zu

entkommen.

»Ein gigantisches Mausoleum«, hauchte Captain Stavnoi erschüttert,

nachdem der Donner sich verzogen hatte und Stille eingekehrt war. »Niemals

werden wir dieser Falle entrinnen! Der Feind hat uns in die Knie gezwungen

…«

»Es gibt immer einen Ausweg!«, wies der Lieutenant-Colonel ihn zurecht.

»Wo wären wir, wenn wir immer gleich den Kopf in den Sand steckten …?«

Er sah zu, wie die Piloten ihre Maschinen verließen. Notdürftig erhellten

die Flugzeugscheinwerfer die Finsternis und trafen auf vereistes Gestein.

Sheridans Zuversicht war nur gespielt gewesen. Ihm war klar, dass sie

weit mehr als eine ordentliche Portion Glück brauchten, um diesem Grab

entkommen zu können …

HHH


ARMEE DER VERGESSENEN 11

Gegenwart, Juli 2050 SAZ – 34 Jahre später

Der Schwebekran hatte eine Länge von zweihundert Metern und war

achtzehn Meter breit. Die gegossene Betonstahlplattform hing an nanoverstärkten

Titanseilen und wurde langsam aus hundert Metern Höhe auf

das Plateau heruntergelassen. Die letzten Raupenbagger waren abgezogen,

ebenso die Lastkraftwagen, die mit ihrer Höhe eines zweistöckigen Wohngebäudes

für den Abtransport von Schotter, Geröll, Sand, Erde und Gesteinsschichten

verantwortlich waren. Rund um das Gebirgsplateau, das eine ungetrübte

Aussicht weit hinaus auf die Norwegische See erlaubte, hatten die

Bauarbeiter sich zurückgezogen. Die Fundamentlegung durch den Schwebekran

wurde über Satellit vorgenommen und von mehreren Bauleitern vor

Ort koordiniert und gegebenenfalls korrigiert. Nach monatelanger Aushöhlung

des Massivs wollte man nun den Grundstein für eine Hafenstadt legen,

die nicht nur Arbeitsstätten schaffen und Familien Unterkunft außerhalb

der Metropolen bieten, sondern den begüterten Personen des Gesellschaftssystems

die Möglichkeit zur Erholung und Regeneration geben sollte. Man

sprach gemeinhin in der Öffentlichkeit von einem Urlaubsparadies, ließ dabei

allerdings unerwähnt, dass es nicht jedermann zugänglich sein würde.

Die Plattform wurde ohne Komplikationen am vorgegebenen Ort abgesetzt

und verankert. Als sich die Baustelle wieder mit Leben zu füllen begann,

die riesigen Bagger, LKWs und Sattelschlepper heranrollten, wurde

das gesamte Bergmassiv für wenige Sekunden in ein unheimliches, strahlendes

Licht getaucht. Ein leichter blauer Schimmer hüllte es ein, flackerte

grell und verlöschte sofort wieder.

Wenige Stunden später ertönte das Geräusch dröhnender Propellermaschinen,

die vom Fuße des Berges aufstiegen, dort, wo mächtige Abräumfahrzeuge

Tonnen von Gestein forttransportiert und den Zugang zu einer

riesigen Höhle freigelegt hatten.

Mehr als drei Jahrzehnte hatte die Staffel unter Lieutenant-Colonel Brad

Sheridan auf diesen Augenblick gewartet. Doch welche unheilige Macht die

Piloten auch wieder zum Leben erweckt hatte, war das finale Missionsziel

immer noch in ihren Köpfen verankert: Die Zerstörung von METROCITY

II!

Nur, dass es sich gegenwärtig nicht mehr um eine Baustelle handelte,

sondern um eine Stadt mit 200 Millionen Einwohnern!

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