Stefan Münker und Alexander Roesler Vom Mythos zur Praxis
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<strong>Stefan</strong> <strong>Münker</strong> <strong>und</strong> <strong>Alexander</strong> <strong>Roesler</strong><br />
<strong>Vom</strong> <strong>Mythos</strong> <strong>zur</strong> <strong>Praxis</strong><br />
Auch eine Geschichte des Internet<br />
Als das Internet Mitte der 90er Jahre seinen globalen Siegeszug begann, waren die<br />
Erwartungen groß – zu groß. Und so machte, noch bevor die meisten wussten, wie sie<br />
einen Webbrowser zu bedienen hätten <strong>und</strong> durch die digitale Netze navigieren sollten,<br />
ein <strong>Mythos</strong> seine R<strong>und</strong>e: der <strong>Mythos</strong> einer schönen neuen Welt, in der jenseits<br />
räumlicher <strong>und</strong> zeitlicher Beschränkungen Orte <strong>zur</strong> Verwirklichung utopischer Visionen<br />
entstehen würden. Mit der zunehmenden technischen Realisierung der Netzwelt wurde<br />
es möglich <strong>und</strong> notwendig zugleich, den <strong>Mythos</strong> zu entzaubern 1 . Das aber ist nur die<br />
eine Seite.<br />
Denn, auch wenn die Erfindungen von Rad <strong>und</strong> Schrift, Druckerpresse, Dampfmaschine<br />
oder Telefon zivilisationshistorisch bedeutsamer gewesen sein mögen, es gilt noch<br />
immer: Kein Medium hat jemals zuvor so schnell so viele gr<strong>und</strong>legende gesellschaftliche<br />
Änderungen <strong>und</strong> technische Innovationen mit sich gebracht wie das Internet; <strong>und</strong> dessen<br />
Erfolgsgeschichte ist noch nicht am Ende. Das ist die andere Seite. Neue<br />
Kulturtechniken – Stichwort: Email, Chat – sind entstanden <strong>und</strong> wirken auf alte <strong>zur</strong>ück.<br />
Wir kommunizieren <strong>und</strong> arbeiten anders, informieren uns schneller <strong>und</strong> bewegen uns<br />
immer wieder neu durch eine tatsächlich irgendwie kleiner gewordene <strong>und</strong> auf jeden Fall<br />
medial veränderte Welt. Heute ist das INTERnational NETwork für viele Teil des<br />
alltäglichen Lebens: Es ist Motor ökonomischen Wachstums <strong>und</strong> wissenschaftlichen<br />
Fortschritts, Instrument sozialen <strong>und</strong> politischen Handelns, Medium künstlerischen <strong>und</strong><br />
literarischen Schaffens, es ist Marktplatz, Darkroom, Labor, Archiv <strong>und</strong> Suchmaschine.<br />
Und es ist vor allem eines – nicht mehr wegzudenken. An die Stelle der illusionären<br />
Erwartungen sind pragmatische Anforderungen getreten: Anforderungen an die Technik<br />
<strong>und</strong> ihre (Weiter-) Entwicklung ebenso wie an die Kompetenz, Flexibilität <strong>und</strong> den<br />
Erfindungsreichtum derer, die sie nutzen. Leben <strong>und</strong> Handeln im elektronischer Raum ist<br />
ein selbstverständlicher Ausdruck gesamtgesellschaftlicher <strong>Praxis</strong> – <strong>und</strong> längst Teil<br />
menschlichen Lebens außerhalb der digitalen Sphäre.<br />
Dass dies so gekommen ist, liegt paradoxerweise gerade auch an der Kraft des <strong>Mythos</strong>.<br />
Seine utopische Erzählung von der möglichen Eroberung des Cyberspace als<br />
bevorstehender Kolonialisierung eines neuen, fernen Kontinents ungeahnter<br />
Möglichkeiten setzte Energien erst frei, um die enormen technologischen <strong>und</strong><br />
ökonomischen Anstrengungen in die Wege zu leiten, die <strong>zur</strong> Etablierung des Internets als<br />
eines global funktionierenden <strong>und</strong> massenhaft genutzten Mediums notwendig waren –<br />
<strong>und</strong>, so bleibt zu vermuten, für seinen zukünftigen Ausbau weiterhin notwendig sind.<br />
Utopien jedoch, auch wenn sie motivierend wirken mögen, lassen sich nicht restlos in<br />
<strong>Praxis</strong> umsetzen. Der letzte gesellschaftliche Bereich, der dies unter großen Verlusten in<br />
Erfahrung gebracht hat, ist die Wirtschaft. Auch die vermeintlich rationalen Rechner der<br />
local <strong>und</strong> global players des ökonomischen Systems haben, nach anfänglichem Zögern,<br />
allzu euphemistischen Verheißungen schließlich geglaubt, sie in ihrem Sinne gedeutet, zu<br />
instrumentalisieren versucht – <strong>und</strong> mussten dies teilweise teuer bezahlen. Die
ökonomischen Fehleinschätzungen sind paradigmatisch. Zwar ist das Internet im<br />
Zeitalter der Globalisierung ein ebenso effizientes wie profitables Medium ökonomischen<br />
Handelns – <strong>und</strong> man kann <strong>zur</strong>echt sagen, dass die von Marx prophezeite „Verschlingung<br />
aller Völker in das Netz des Weltmarktes“ mit dem Internet ihre digitale Stufe erreicht<br />
(Haug 619); keineswegs jedoch lassen sich die euphorischen Visionen eines<br />
sogenannten „neuen“ <strong>und</strong> damit vermeintlich anderen Marktes umstandslos in das<br />
existierende ökonomische System integrieren: Es gibt eben nur einen Markt.<br />
Ironischerweise sagen die Pleiten der Internet-Startups <strong>und</strong> der Niedergang der<br />
Dotcom-Aktien mehr über das Funktionieren der Börse als über das Internet. Dennoch<br />
gilt: das Internet nach der Entzauberung des anfänglichen Hypes als bloßen <strong>Mythos</strong><br />
abtun hieße, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Wie <strong>Mythos</strong> <strong>und</strong> Aufklärung<br />
dialektisch verb<strong>und</strong>en sind, so bleibt das utopische Potential, das im <strong>Mythos</strong> verklärt<br />
zum Ausdruck kommt, in die praktische Nutzung des Netzes wirkungsmächtig<br />
verwoben.<br />
Kurze Geschichte des Internet<br />
„Wo Du bist, ist egal“ – <strong>und</strong>: „Was Du suchst, Du wirst es finden“. Mit diesen<br />
Versprechen zieht das Internet uns User in seinen Bann. Die Verheißung, die aus der<br />
Verknüpfung der Speicherkapazität der digitalen Maschinen mit den<br />
Übertragungsmöglichkeiten der telematischen Medien spricht, klingt dabei tatsächlich<br />
wie die Utopie einer glücklich gelungenen Globalisierung. Sie lautet: Alles ist immer<br />
präsent – <strong>und</strong> jeder stets dabei. Was jeder heißt, verraten die Statistiken (die angesichts<br />
des raschen Wachstums allerdings meist veraltet sind, bevor sie gedruckt werden):<br />
Schätzte man vor fünf Jahren die Zahl der Nutzer noch auf insgesamt 50 bis 60<br />
Millionen, liegen die Zahlen heute, im Jahr 2001, bei weltweit ca. 400 Millionen.<br />
Annähernd 110 Millionen Hosts soll es geben, d.h. Computer, die mit einer eigenen<br />
Internetadresse (IP) versehen sind. Im August 2001 hatte knapp die Hälfte der<br />
deutschen Bevölkerung Zugang zum Internet. Die meiste Zeit verbringen die User damit,<br />
im Netz einfach zu surfen, bei Online-Auktionen <strong>und</strong> auf Tauschbörsen nach<br />
Schnäppchen zu jagen oder sich in ungezählten Chats <strong>und</strong> bei kollektiven<br />
(Abenteuer)Spielen zu amüsieren bzw. unterhalten zu lassen. Zu den häufigsten<br />
Tätigkeiten im Netz gehören – nach dem meist genutzten Feature des neuen Mediums,<br />
der elektronischen Post – das Herunterladen von Dateien unterschiedlichen Inhalts, das<br />
Online-Banking <strong>und</strong> -Shopping, das Buchen von Reisen, die Nutzung von<br />
Dienstleistungsangeboten von Ämtern <strong>und</strong> Behörden sowie der Aktien- <strong>und</strong><br />
Wertpapierhandel <strong>und</strong>, last not least, der Besuch von Porno-Seiten.<br />
Doch so rasant <strong>und</strong> spektakulär der Siegeszug des Internet seit Mitte der 90er Jahre<br />
sich vollzogen hat, so langsam <strong>und</strong> unmerklich vollzog sich lange Zeit das Knüpfen des<br />
Netzes der Netze:<br />
Schuld an seiner Entstehung war, gewissermaßen, Sputnik; genauer: die Angst der<br />
USA, nach der ersten erfolgreichen Erdumkreisung einer sowjetischen Rakete im<br />
Kampf um die Vorherrschaft im All ins Hintertreffen zu geraten. Ende der 50er Jahre
ief das Pentagon aus diesem Gr<strong>und</strong> unter anderem auch eine neue Forschungsgruppe<br />
ins Leben, die sog. Advanced Resarch Project Agency, kurz: Arpa. Ein Jahrzehnt<br />
später – der Kampf ums All war mit der gelungenen Landung von Apollo 11 vorläufig<br />
zugunsten der Amerikaner entschieden, die wiederum kurz davor waren, mit dem<br />
Rückzug aus Vietnam ihre größte Demütigung als Weltmacht zu erfahren – entwickelten<br />
die Forscher der Arpa mit dem sog. Arpanet ein dezentrales Netzwerk, dessen<br />
strategisches Ziel es war, Computer verschiedener Militärstützpunkte derart miteinander<br />
verbinden sollte, das selbst nach einem Nuklearschlag die Kommunikation nicht<br />
abreißen sollte. Die medienhistorische Pointe hinter dieser Entwicklung ist die<br />
Umdeutung des Computers von einer Rechenmaschine in ein Kommunikationsmedium,<br />
die, so ist es den Dokumentationen der Arpa zu entnehmen, auf deren zeitweiligen Leiter<br />
J.C.R. Licklider <strong>zur</strong>ückgeht. Im Herbst ’69 ging das Arpanet mit dem Zusammenschluss<br />
der University of California in Los Angeles, dem Stanford Research Institute, der<br />
University of Utah <strong>und</strong> der University of California in Santa Barbara online. Die Zahl der<br />
angeschlossenen Universitäten, die das Netz jenseits seiner militärisch-strategischen<br />
Aufgabe als neues Medium des wissenschaftlichen Informationsaustausches zu<br />
entdecken begannen, stieg rasch an – <strong>und</strong> die technischen Möglichkeiten des Netzes<br />
wurden beständig entwickelt: So wurde beispielsweise 1971 mit dem File-Transfer-<br />
Protocol (FTP) die Möglichkeit des direkten Austausches von Dateien zwischen<br />
einzelnen Rechnern ebenso wie mit dem Telnet die Möglichkeit des direkten Zugriffs auf<br />
einen anderen angeschlossen Computer implementiert – <strong>und</strong> schließlich mit der<br />
user@host-Konvention der Internet-Email-Dienst programmiert; 1973 wurde mit dem<br />
Transmission Control Protocol (TCP) die für das weitere Wachstum entscheidende<br />
Möglichkeit entwickelt, verschiedene Netze miteinander zu verknüpfen – im späteren<br />
Zusatz TCP/IP (für Internet Protocol) erhielt das Netz auch offiziell seinen Namen.<br />
1978 wurde das Arpanet-Experiment offiziell beendet, das Arpanet selber allerdings<br />
erst 1990 endgültig abgeschaltet. Parallel <strong>zur</strong> Weiterentwicklung der technischen<br />
Möglichkeiten innerhalb des Internet entstanden in den 80er Jahren mit den sog.<br />
Bulletin Board Systems (BBS) weitere Computernetze – private wie das FidoNet<br />
1983 oder 1985 WELL (Whole Earth ’Letronic Link) <strong>und</strong> kommerzielle wie<br />
Compuserve <strong>und</strong> AOL, die zunächst, wenn auch nur für kurze Zeit, ohne Anschluss an<br />
das Internet funktionierten. Als Compuserve 1989 seinen Gateway ins Internet<br />
schaltete, war die Idee autonomer alternativer Netze de facto verabschiedet. Das<br />
Internet umspannte seit Ende der 80er schließlich den Globus. Gleichwohl blieb es für<br />
die breite Masse noch einige Jahre relativ unbekannt – nicht zuletzt, weil es recht<br />
umständlich zu bedienen war. Die Lösung dieses Problems <strong>und</strong> den Internetboom erst<br />
richtig ins Rollen brachte die Erfindung des World Wide Web durch Tim Berners-Lee<br />
am Schweizer Forschungszentrum CERN im Jahr 1991. Das Netz wurde<br />
multimediatauglich – <strong>und</strong> kam damit in der Gegenwart der damals bereits überall<br />
herbeibeschworenen globalen Informationsgesellschaft an.<br />
Mittlerweile sind die drei Buchstaben des WWW fast zum Synonym für das Internet<br />
geworden – <strong>und</strong> kaum einer erinnert sich noch an die bilder- <strong>und</strong> tonlosen Zeiten der<br />
Pioniertage des Netzes <strong>zur</strong>ück, als die Programmlotsen, die durch das Datenmeer<br />
führten, so schöne Titel trugen wie Gopher, Veronica oder Archie...
Der Rest der Geschichte ist bekannt: Das Internet hat sich in drei Stufen vom<br />
strategischen Experiment des amerikanischen Militärs über eine internationale<br />
Kommunikationsplattform der universitären Forschung zu einem zunehmend<br />
kommerzialisierten Medium entwickelt, das für viele bereits das Attribut eines<br />
„Tagesbegleitmediums“ verdient. Diese Geschichte aber ist noch lange nicht vorbei. Ihr<br />
Weitergang wird vor allem durch drei Faktoren bestimmt: Durch 1) schnellere<br />
Übertragungswege, 2) übersichtlichere Eingangsportale <strong>und</strong> 3) die zunehmende<br />
(technische <strong>und</strong> inhaltliche) Konvergenz verschiedener Medien (wie des Fernsehens,<br />
Radios oder des mobilen Telefons) mit dem Computer.<br />
Das technische Herz der Utopie<br />
Medien sind nicht neutral. Was sie sind, wird bestimmt durch das mehr oder weniger<br />
offene Wechselspiel zweier Faktoren: ihrer technischen Beschaffenheit <strong>und</strong> ihrer<br />
pragmatischen Verwendung. Setzt die technische Beschaffenheit die Parameter ihres<br />
möglichen Nutzen – <strong>und</strong> bestimmt somit, was die Medien können –, so ist es die<br />
pragmatische Verwendung, deren Geschichte erst darüber entscheidet, welchen Nutzen<br />
wir tatsächlich aktualisieren – d.h., was wir mit Medien tun. Das Zentralmedium des<br />
Gutenbergzeitalters beispielsweise, das Buch, lässt sich bereits aus technischen Gründen<br />
nicht als interaktives Kommunikationsmedium nutzen; die verschiedenen literarischen<br />
Gattungen wiederum, zu deren Verbreitung wir es verwenden, haben sich – Stichwort:<br />
Roman – z.T. erst im Laufe seiner jahrh<strong>und</strong>ertlangen Verwendungsgeschichte entwickelt<br />
<strong>und</strong> auf der Basis der technischen Gr<strong>und</strong>lagen zunehmend ausdifferenziert. Dem Telefon<br />
hingegen, dem klassischen Kommunikationsmedium der Moderne, ist die Interaktivität<br />
zwar technisch implementiert; dennoch wurde zu Beginn seiner Karriere zunächst damit<br />
experimentiert, es wie das erst später entwickelte Radio <strong>zur</strong> Verbreitung z.B. von<br />
Musikaufführungen zu verwenden 2 : die kulturelle <strong>Praxis</strong> der verbalen<br />
Telekommunikation musste erst erf<strong>und</strong>en werden.<br />
Das in diesem Kontext spezifische Merkmal der Geschichte des Internet nun ist die<br />
Tatsache, dass hier der technisch f<strong>und</strong>ierte mögliche Nutzen, statt in seiner<br />
Aktualisierung zunehmend eindeutig definiert zu werden, im Verlauf der Verwendung<br />
stets weiter gewachsen ist. Überspitzt formuliert: wir aktualisieren nicht nur, was das<br />
Netz kann – das Netz lernt auch zu können, was wir von ihm wollen. Das wiederum<br />
liegt ist im Wesentlichen daran, dass die Entwicklung <strong>und</strong> der Gebrauch des Internet auf<br />
eine einzigartige Weise weitgehend parallel verlaufen sind. In dieser Parallelität steckt<br />
neben der initialen Umdeutung der Rechenmaschine Computer zum<br />
Kommunikationsmedium die zweite medienhistorische Pointe des Internet – <strong>und</strong> der<br />
Gr<strong>und</strong> für die ungewöhnlich flexible Struktur, die das Internet zu einem Medium sui<br />
generis macht. Freilich: Flexibilität heißt nicht Beliebigkeit. Der Parameter des möglichen<br />
Nutzens ist eindeutig – das Medium Internet lässt sich nur für Tätigkeiten verwenden,<br />
die es mit digitalisierten Daten <strong>und</strong> ihrem telematischen Transport zu tun haben. (Wir<br />
können eine Pizza oder ein Buch zwar online bestellen – nicht aber liefern ...) Es lässt<br />
sich aber eben gleichzeitig für alles verwenden, was mit dem Austausch digitaler Daten
zu tun hat. (Und hier, so lässt sich prophezeien, sind der technischen <strong>und</strong> kulturellen<br />
Phantasie noch lange keine Grenzen gesetzt ...)<br />
Die Parallelität von Entwicklung <strong>und</strong> Verwendung des Internet lässt sich beispielhaft an<br />
drei ebenso gr<strong>und</strong>legenden wie folgenreichen Prinzipien illustrieren, die der technischen<br />
Struktur des Mediums implementiert sind – <strong>und</strong> sich in seinem pragmatischen Gebrauch<br />
immer wieder fortschreiben: Den Prinzipien der Dezentralität, der Unabgeschlossenheit<br />
<strong>und</strong> der Interaktivität.<br />
Die dezentrale Struktur des Internet ist, zunächst, schlicht das Resultat der strategischen<br />
Aufgabenstellung, die das Pentagon den Forschern des Arpanet vorgegeben hatte:<br />
einen, s.o., möglichen Zusammenbruch der Kommunikation zwischen den eigenen<br />
Streitkräften als Folge eines gegnerischen militärischen Angriffs zu vermeiden. Die<br />
Lösung bestand in der Entwicklung des für das Internet bis heute typischen Weise des<br />
Datentransports, in dem die zu übermittelnden Dateien in kleine Datenpakete aufgeteilt<br />
werden, die sich, versehen mit den notwendigen Informationen über Sender <strong>und</strong><br />
Adressat, einzeln <strong>und</strong> selbständig ihren Weg durch das telematische Netz ans<br />
vorgesehene Ziel suchen: Wenn, so die Idee, keiner weiß, welchen Weg die Daten<br />
nehmen, kann auch niemand diesen Weg zerstören. Mit der Aussicht auf die technische<br />
Umsetzung dieser Idee waren die Militärs zufrieden – <strong>und</strong> schickten das Arpanet online.<br />
Aus militärischen Gesichtspunkten jedoch erwies sich die Technik als ein<br />
Danäergeschenk: weil niemand kontrollieren kann, welchen Weg Daten im Internet<br />
nehmen, läßt sich die Internet-Kommunikation auch nicht mehr zentral überwachen. Das<br />
Pentagon hat daraus gelernt – <strong>und</strong> geht in der telematischen Kommunikation längst<br />
eigene Wege. Mit dem in die Internet-Technik implementierten Prinzips der Dezentralität<br />
aber war zugleich die erste für die weitere praktische Nutzung immer wieder<br />
wirkungsmächtige Idee geboren: die Idee des Unkontrollierbaren.<br />
Als für die weitere Kulturgeschichte des Netzes ungemein fruchtbaren Boden erwiesen<br />
sich dann die Institutionen der wissenschaftlichen Community, in denen das Arpanet<br />
zuerst online ging, um weiterentwickelt zu werden. Die Übernahme einer im Auftrag des<br />
Pentagon erdachten technologischen Struktur in universitäre Zirkel brachte eine<br />
gr<strong>und</strong>legende erste Veränderung des militärischen Gedankens mit sich. Was als<br />
Abwehrstrategie eines feindlichen Angriffs begann, wurde entlang der technisch<br />
implementierten Möglichkeiten neu interpretiert <strong>und</strong> als Kommunikationsstruktur für der<br />
wissenschaftlichen Forschung ausgebaut – <strong>und</strong> erhielt hier neue, auf die spezifischen<br />
Bedürfnisse der argumentativen <strong>und</strong> tendenziell nicht-strategischen Kommunikation des<br />
wissenschaftlichen Diskurses ausgerichtete Impulse. Dabei stellte sich schon bald mit<br />
dem Wachstum des Netzes ein nächstes Problem – es galt, eine Möglichkeit zu<br />
schaffen, unterschiedliche Rechnersysteme verschiedener Universitäten zu verbinden.<br />
Die Lösung dieses Problems bestand in der Entwicklung des internet-spezifischen<br />
Übertragungsprotokolls (TCP/IP), das es (wie bereits erwähnt) erlaubt,<br />
unterschiedlichste technologische Plattformen miteinander zu vernetzen: zum Prinzip der<br />
Dezentralität trat damit das Prinzip der Unabgeschlossenheit – <strong>und</strong> das Internet gibt es<br />
strenggenommen seither nur noch im Plural; nur noch als, im Wortsinne, „Netz der<br />
Netze“, das sich als globaler Verb<strong>und</strong> unterschiedlicher einzelner Netzwerktechniken<br />
<strong>und</strong> Rechnerarchitekturen realisiert <strong>und</strong> dabei zumindest gr<strong>und</strong>sätzlich auf ein schier
unbegrenztes Wachstum angelegt ist. Das Internet überbrückt nicht nur Räume in<br />
Sek<strong>und</strong>enschnelle, sondern unterliegt auch selber keinen virulenten räumlichen<br />
Beschränkungen. Und auch hier gilt wieder, dass die technisch implementierte<br />
Unabgeschlossenheit sich als eine die weitere <strong>Praxis</strong> der Netznutzung leitende Idee<br />
erweisen sollte – als die Idee der prinzipiellen Offenheit der Netzkommunikation <strong>und</strong><br />
ihrer technischen Basis. Offen ist das Netz dabei nicht nur für unterschiedliche digitale<br />
Techniken <strong>und</strong> für potentiell unendliche digitale Daten – offen ist es auch für<br />
verschiedenste Formen der Nutzung. Wir können im Chat (wie am Telefon) in Echtzeit<br />
oder per Mail (wie im Brief) versetzt miteinander kommunizieren, über Online-Archive<br />
(wie aus Bibliotheken) Informationen abrufen oder per FTP (wie per Paketdienst)<br />
Dateien versenden, uns über Webcams Videodateien (wie im Fernsehen) tatsächlich live<br />
anschauen oder auf Websites gespeicherte Videodateien aus dem Netz (wie aus einer<br />
Videothek) herunterladen, etc. pp.: immer nutzen wir das Medium Internet anders – <strong>und</strong><br />
nutzen es dabei gewissermaßen als ein anderes Medium.<br />
Für das Netz gilt, in Abwandlung der prominenten Formel McLuhans: the medium is<br />
its practice. Darin steckt eine dritte medienhistorische Pointe des Internet – das<br />
Medium Internet nämlich ist im wesentlichen auch als eine <strong>Praxis</strong> zu verstehen. Die<br />
Offenheit der technischen Basisstruktur macht eine auch nur annähernde vollständige<br />
<strong>und</strong> eindeutige Beschreibung der (zukünftigen) medialen Möglichkeiten des Netzes<br />
unmöglich; das heißt m.a.W.: auch die <strong>Praxis</strong>, als die das Medium Internet zu verstehen<br />
ist, ist gr<strong>und</strong>sätzlich offen.<br />
Offen ist das Internet für die Entwicklung immer neuer technischer Erweiterungen<br />
ebenso wie für die Erfindung alternativer Praktiken seiner Nutzung: <strong>und</strong> oft genug stand<br />
der Wunsch nach einer anderen Nutzung am Anfang der Entwicklung des hierzu<br />
notwendigen Programms. Offen ist das Netz dabei aber immer – <strong>und</strong> vielleicht: vor<br />
allem – in zweierlei Richtungen. Denn das Internet ist in einem zentralen Sinn interaktiv.<br />
Nicht anders als die Dezentralität <strong>und</strong> die Unabgeschlossenheit ist seine Interaktivität<br />
dem Medium Internet als technisches Prinzip implementiert; anders gesagt: die<br />
Kommunikationsstruktur, als welche das Internet entwickelt wurde, ist – Resultat der<br />
strategischen Erfordernis nach Flexibilität – von Anfang an <strong>und</strong> unwiderruflich so<br />
realisiert, dass theoretisch jeder User Sender <strong>und</strong> Empfänger in einer Person sein kann.<br />
Kommunikation allerdings ist per definitionem interaktiv; <strong>und</strong> ihre mediale Umsetzung<br />
hat – Stichwort: Brief, Telefon – immer schon medienspezifische Formen der<br />
Interaktivität hervorgebracht. Das Besondere am Internet ist hier zunächst, dass es<br />
verschiedenste Formen interaktiver Kommunikation in einem Medium vereint: dass es<br />
uns erlaubt, Informationen zeitgleich oder zeitlich versetzt auszutauschen; <strong>und</strong> dass es<br />
dies für jedwede digitalisierte bzw. digitalisierbare Art von Informationen erlaubt: Texte,<br />
Bilder, Töne. Darüber hinaus ist das Internet ja nicht nur ein Medium der<br />
Kommunikation – sondern zugleich ein Distributions- <strong>und</strong> Speichermedium. Klassische<br />
Verbreiterungsmedien oder Archive aber sind gerade nicht interaktiv. Die Möglichkeit,<br />
über das Internet gespeicherte Daten interaktiv zu verbreiten <strong>und</strong> zu kommunizieren, ist<br />
mithin neu – <strong>und</strong> sie war <strong>und</strong> ist ein Gr<strong>und</strong> für die Hoffnung, im Netz einen<br />
demokratischen Umgang mit Informationen etablieren <strong>und</strong> einüben zu können.
Nun liest sich die Geschichte der elektronischen Medien freilich immer schon auch als<br />
eine Geschichte der die Entstehung jedes neuen Mediums begleitenden demokratischen<br />
Utopien – man denke nur an Brechts berühmte Radiotheorie! Dass weder das Radio<br />
noch später das Fernsehen die zeitweise in sie gelegten politischen Hoffnungen erfüllen<br />
konnten, hat allerdings zugleich einen schlichten Gr<strong>und</strong>: technisch nämlich sind die beiden<br />
großen Erfolgsmedien des zwanzigsten Jahrh<strong>und</strong>erts als One-Way-Medien realisiert;<br />
m.a.W.: Mit Radio oder Fernsehen lassen sich nur Programme ausstrahlen, die von den<br />
Empfängern passiv empfangen werden. (Wollen diese ihrerseits senden, müssen sie die<br />
notwendige Technik erst erwerben <strong>und</strong> zu handhaben lernen – ein, im Vergleich zum<br />
Internet, relativ mühseliges <strong>und</strong> kostenintensives Unterfangen. Auch bleibt eine Kontrolle<br />
entsprechender Sender prinzipiell möglich – <strong>und</strong> sollte man die Sendequelle einmal nicht<br />
orten können, genügt ein Störsignal auf der entsprechenden Frequenz, <strong>und</strong> die<br />
Übertragung ist unterbrochen. Die wechselvolle Geschichte des unabhängigen Radios B<br />
92 in Belgrad, dass <strong>zur</strong> Zeit des Milosevic Regimes vier Mal seinen Betrieb einstellen<br />
musste, ist hierfür nur ein letztes Beispiel – aber ein interessantes: denn nach der<br />
Besetzung des Senders durch Regierungstruppen verlagerte B92 seine Aktivitäten<br />
immer wieder erfolgreich ins Internet...) – Im Falle von Radio <strong>und</strong> Fernsehen nun ist die<br />
nicht realisierte Interaktivität nicht nur entscheidend für das Scheitern der in sie gesetzten<br />
gar zu utopischen Hoffnungen; sie ist zugleich der wichtigste Garant ihres Erfolgs.<br />
Pointiert formuliert: der Verzicht auf Interaktivität ist die Bedingung der Möglichkeit von<br />
Massenmedien.<br />
Dies bedeutet aber auch, dass das Internet, so massenhaft es auch genutzt wird, als<br />
Massenmedium falsch beschrieben ist. Genauer: Das Netz läßt sich zwar unter<br />
bestimmten Umständen wie ein Massenmedium nutzen (etwa um live ein Popkonzert zu<br />
übertragen) – es läßt sich aber nicht als Massenmedium definieren (denn es kann im<br />
Unterschied zu den klassischen Massenmedien immer auch anders verwendet werden).<br />
Die Aussicht, dass die massenmediale Nutzung die dominante werden wird, ist äußerst<br />
gering – denn in der dezentralen Struktur des Netzes ist ein archimedischer Punkt, von<br />
dem aus eine massenmediale Versorgung der Netizens erst möglich wäre, nicht<br />
vorgesehen.<br />
Ideal <strong>und</strong> Faktizität<br />
Unkontrollierbar, prinzipiell offen <strong>und</strong> irreduzibel interaktiv: das Internet war von Anfang<br />
an die perfekte Plattform für alternative politische Ideen. Radikal-demokratisch, ja,<br />
anarchistisch – an den Rändern des Netzes, im Kreis der über die amerikanischen<br />
Universitäten vernetzten programmierenden Hippies <strong>und</strong> ersten Hacker der grass-root<br />
Bewegungen der 70er Jahre wurde der <strong>Mythos</strong> Internet geboren. 30 Jahre später – <strong>und</strong><br />
nicht allein durch die nach der Einführung des World Wide Webs eingesetzte<br />
Kommerzialisierung – ist jedoch klar: als Heilsversprechen einer tatsächlich anderen, u-<br />
topischen Welt ist der <strong>Mythos</strong> gestorben. Klar aber ist nun auch, dass jede richtige<br />
Kritik am <strong>Mythos</strong> Internet eine Kritik an der falschen Verklärung einer dem Medium<br />
Internet gleichwohl eigenen, weil technisch implementierten Idealität ist. Das wiederum<br />
heißt zugleich: sowenig die utopischen Impulse der Netzgemeinschaft(en) sich gesamt-
gesellschaftlich umsetzen ließen, sowenig läßt sich das Internet je vollständig<br />
gesellschaftlich integrieren <strong>und</strong> politisch, sozial oder ökonomisch regulieren.<br />
Abstrakter formuliert: Das Internet trägt die Signatur einer ebenso intrinsischen wie<br />
irreduziblen Differenz: der Differenz zwischen dem, was das Netz der Netze technisch<br />
(auch) ist – <strong>und</strong> dem, als was es faktisch (zumeist) erscheint. Gespeist wird diese<br />
Differenz aus der Spannung zwischen dem anarchistischen Potential des Internets <strong>und</strong><br />
den normativen Regeln seines gesellschaftlichen Umfelds. Intrinsisch ist die Differenz,<br />
weil die dem anarchistischen Potential zugr<strong>und</strong>eliegenden Ideale dem Medium technisch<br />
implementiert sind; irreduzibel ist sie zugleich, weil diese Ideale in keiner pragmatisch<br />
vorstellbaren Gesellschaft realisiert werden könnten. Und so schreibt sich die Differenz<br />
von Ideal <strong>und</strong> Faktizität auf eine historisch einzigartige Weise in jeder weiteren Nutzung<br />
des Internets fort. Das Verhältnis vom Medium Internet zum System Gesellschaft ist, um<br />
es mit einem Begriff Derridas zu formulieren, geprägt durch eine Logik der<br />
Supplementarität: wie die Gesellschaft auf jeden Impuls des Internets mit neuen<br />
Regulierungen antworten wird, reagiert das Netz auf Integrationsversuche der<br />
Gesellschaft mit neuen Formen subversiver Unterwanderung. (Man denke nur an das<br />
Beispiel napster: kaum hatten die US-Gerichte den Betrieb der Musiktauschbörse de<br />
facto lahmgelegt, kursierten haufenweise Links zu alternativen Servern, die teilweise gar<br />
besser funktionierten als das Original – eine Entwicklung, angesichts derer fraglich ist,<br />
ob Bertelsmann aus dem Erwerb von napster den erwarteten Profit wird erwirtschaften<br />
können ...)<br />
Das Internet, so lautet eine Konsequenz, bleibt unkontrollierbar, offen <strong>und</strong> interaktiv –<br />
oder es ist nicht. (Einzig ein totalitärer Weltstatt könnte das anarchistische Potential des<br />
Netzes kontrollieren: indem er es abschaltete.)<br />
1<br />
2<br />
S. <strong>Münker</strong> / A. <strong>Roesler</strong> (Hg.), <strong>Mythos</strong> Internet, Frankfurt: Suhrkamp 1997.<br />
Siehe hierzu: John Durham Peters, „Das Telefon als theologisches <strong>und</strong> erotisches<br />
Problem“, in: S. <strong>Münker</strong> / A. <strong>Roesler</strong> (Hg.), Telefonbuch. Beiträge zu einer<br />
Kulturgeschichte des Telefons, Frankfurt: Suhrkamp 2000, Seite 61-82.