Stefan Münker und Alexander Roesler Vom Mythos zur Praxis

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Stefan Münker und Alexander Roesler Vom Mythos zur Praxis

ökonomischen Fehleinschätzungen sind paradigmatisch. Zwar ist das Internet im

Zeitalter der Globalisierung ein ebenso effizientes wie profitables Medium ökonomischen

Handelns – und man kann zurecht sagen, dass die von Marx prophezeite „Verschlingung

aller Völker in das Netz des Weltmarktes“ mit dem Internet ihre digitale Stufe erreicht

(Haug 619); keineswegs jedoch lassen sich die euphorischen Visionen eines

sogenannten „neuen“ und damit vermeintlich anderen Marktes umstandslos in das

existierende ökonomische System integrieren: Es gibt eben nur einen Markt.

Ironischerweise sagen die Pleiten der Internet-Startups und der Niedergang der

Dotcom-Aktien mehr über das Funktionieren der Börse als über das Internet. Dennoch

gilt: das Internet nach der Entzauberung des anfänglichen Hypes als bloßen Mythos

abtun hieße, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Wie Mythos und Aufklärung

dialektisch verbunden sind, so bleibt das utopische Potential, das im Mythos verklärt

zum Ausdruck kommt, in die praktische Nutzung des Netzes wirkungsmächtig

verwoben.

Kurze Geschichte des Internet

„Wo Du bist, ist egal“ – und: „Was Du suchst, Du wirst es finden“. Mit diesen

Versprechen zieht das Internet uns User in seinen Bann. Die Verheißung, die aus der

Verknüpfung der Speicherkapazität der digitalen Maschinen mit den

Übertragungsmöglichkeiten der telematischen Medien spricht, klingt dabei tatsächlich

wie die Utopie einer glücklich gelungenen Globalisierung. Sie lautet: Alles ist immer

präsent – und jeder stets dabei. Was jeder heißt, verraten die Statistiken (die angesichts

des raschen Wachstums allerdings meist veraltet sind, bevor sie gedruckt werden):

Schätzte man vor fünf Jahren die Zahl der Nutzer noch auf insgesamt 50 bis 60

Millionen, liegen die Zahlen heute, im Jahr 2001, bei weltweit ca. 400 Millionen.

Annähernd 110 Millionen Hosts soll es geben, d.h. Computer, die mit einer eigenen

Internetadresse (IP) versehen sind. Im August 2001 hatte knapp die Hälfte der

deutschen Bevölkerung Zugang zum Internet. Die meiste Zeit verbringen die User damit,

im Netz einfach zu surfen, bei Online-Auktionen und auf Tauschbörsen nach

Schnäppchen zu jagen oder sich in ungezählten Chats und bei kollektiven

(Abenteuer)Spielen zu amüsieren bzw. unterhalten zu lassen. Zu den häufigsten

Tätigkeiten im Netz gehören – nach dem meist genutzten Feature des neuen Mediums,

der elektronischen Post – das Herunterladen von Dateien unterschiedlichen Inhalts, das

Online-Banking und -Shopping, das Buchen von Reisen, die Nutzung von

Dienstleistungsangeboten von Ämtern und Behörden sowie der Aktien- und

Wertpapierhandel und, last not least, der Besuch von Porno-Seiten.

Doch so rasant und spektakulär der Siegeszug des Internet seit Mitte der 90er Jahre

sich vollzogen hat, so langsam und unmerklich vollzog sich lange Zeit das Knüpfen des

Netzes der Netze:

Schuld an seiner Entstehung war, gewissermaßen, Sputnik; genauer: die Angst der

USA, nach der ersten erfolgreichen Erdumkreisung einer sowjetischen Rakete im

Kampf um die Vorherrschaft im All ins Hintertreffen zu geraten. Ende der 50er Jahre

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