Stefan Münker und Alexander Roesler Vom Mythos zur Praxis

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Stefan Münker und Alexander Roesler Vom Mythos zur Praxis

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Das Internet hat sich in drei Stufen vom

strategischen Experiment des amerikanischen Militärs über eine internationale

Kommunikationsplattform der universitären Forschung zu einem zunehmend

kommerzialisierten Medium entwickelt, das für viele bereits das Attribut eines

„Tagesbegleitmediums“ verdient. Diese Geschichte aber ist noch lange nicht vorbei. Ihr

Weitergang wird vor allem durch drei Faktoren bestimmt: Durch 1) schnellere

Übertragungswege, 2) übersichtlichere Eingangsportale und 3) die zunehmende

(technische und inhaltliche) Konvergenz verschiedener Medien (wie des Fernsehens,

Radios oder des mobilen Telefons) mit dem Computer.

Das technische Herz der Utopie

Medien sind nicht neutral. Was sie sind, wird bestimmt durch das mehr oder weniger

offene Wechselspiel zweier Faktoren: ihrer technischen Beschaffenheit und ihrer

pragmatischen Verwendung. Setzt die technische Beschaffenheit die Parameter ihres

möglichen Nutzen – und bestimmt somit, was die Medien können –, so ist es die

pragmatische Verwendung, deren Geschichte erst darüber entscheidet, welchen Nutzen

wir tatsächlich aktualisieren – d.h., was wir mit Medien tun. Das Zentralmedium des

Gutenbergzeitalters beispielsweise, das Buch, lässt sich bereits aus technischen Gründen

nicht als interaktives Kommunikationsmedium nutzen; die verschiedenen literarischen

Gattungen wiederum, zu deren Verbreitung wir es verwenden, haben sich – Stichwort:

Roman – z.T. erst im Laufe seiner jahrhundertlangen Verwendungsgeschichte entwickelt

und auf der Basis der technischen Grundlagen zunehmend ausdifferenziert. Dem Telefon

hingegen, dem klassischen Kommunikationsmedium der Moderne, ist die Interaktivität

zwar technisch implementiert; dennoch wurde zu Beginn seiner Karriere zunächst damit

experimentiert, es wie das erst später entwickelte Radio zur Verbreitung z.B. von

Musikaufführungen zu verwenden 2 : die kulturelle Praxis der verbalen

Telekommunikation musste erst erfunden werden.

Das in diesem Kontext spezifische Merkmal der Geschichte des Internet nun ist die

Tatsache, dass hier der technisch fundierte mögliche Nutzen, statt in seiner

Aktualisierung zunehmend eindeutig definiert zu werden, im Verlauf der Verwendung

stets weiter gewachsen ist. Überspitzt formuliert: wir aktualisieren nicht nur, was das

Netz kann – das Netz lernt auch zu können, was wir von ihm wollen. Das wiederum

liegt ist im Wesentlichen daran, dass die Entwicklung und der Gebrauch des Internet auf

eine einzigartige Weise weitgehend parallel verlaufen sind. In dieser Parallelität steckt

neben der initialen Umdeutung der Rechenmaschine Computer zum

Kommunikationsmedium die zweite medienhistorische Pointe des Internet – und der

Grund für die ungewöhnlich flexible Struktur, die das Internet zu einem Medium sui

generis macht. Freilich: Flexibilität heißt nicht Beliebigkeit. Der Parameter des möglichen

Nutzens ist eindeutig – das Medium Internet lässt sich nur für Tätigkeiten verwenden,

die es mit digitalisierten Daten und ihrem telematischen Transport zu tun haben. (Wir

können eine Pizza oder ein Buch zwar online bestellen – nicht aber liefern ...) Es lässt

sich aber eben gleichzeitig für alles verwenden, was mit dem Austausch digitaler Daten

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