Gerhard Kaiser - Narr

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Gerhard Kaiser - Narr

Gerhard Kaiser

Resurrection

Die Christus-Trilogie

von Patrick Roth

Der Mörder wird der Erlöser sein

A. Francke Verlag Tübingen und Basel


Resurrection. Die Christus-Trilogie

von Patrick Roth


Inge gewidmet

als Dank für ein Leben im Gespräch.

Zum 11. Oktober 2007


Gerhard Kaiser

Resurrection

Die Christus-Trilogie

von Patrick Roth

Der Mörder wird der Erlöser sein

A. Francke Verlag Tübingen und Basel


Gerhard Kaiser, emeritierter Ordinarius für Neuere

Deutsche Literaturgeschichte an der Albert Ludwigs-

Universität Freiburg im Breisgau, Dr. phil. Dr. phil. h.c.

Dr. theol. h.c. (Evangelisch Theologische Fakultät der

Universität Tübingen)

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der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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E-mail: info@francke.de

Satz: NagelSatz, Reutlingen

Druck und Bindung: Laupp & Göbel, Nehren

Printed in Germany

ISBN 978–3–7720–8267–2


„Es war ein Spinnen und Weben der Phantasie,

von dem sich nicht leicht ein Begriff geben lässt.“

Conrad Ferdinand Meyer über Gottfried Keller


Inhalt

Ein Autor, der sich in Extremen bewegt . . . . . . . . 11

Teil I: Johnny Shines

Die schwarze Legende von der Löwengrube . . . . . 17

Der Kontext der Legende:

Johnnies Imitatio Christi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29

Ethan Jaynes: Totenerweckung gegen Gott? . . . . . 33

Postfigurationen der Schwester:

Die Reporterin und die Wachtraumfigur Hallie . . 36

Totenerweckung als Lustmord

Eine skandalöse Verschmelzung traditioneller

Bilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Die Erzählweise und der Name

Hallie Doniphan sprechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48


8

Eine Auferstehungsgeschichte paraphrasiert

einen Westernklassiker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Hallie Doniphan – Mnemosyne und Muse . . . . . . 55

Teil II: Riverside

Trilogie und Triptychon. Das verfremdete

Zentrum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

Das Heilungswunder wird zur Therapie . . . . . . . . 69

Nicht Urgemeinde, Familie ist der Bezugspunkt

des geheilten Diastasimos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

Erzählweise. Vom Reden schreiben . . . . . . . . . . . . 85

Teil III: Corpus Christi

Der Krisenweg der Seelenführerin Tirza . . . . . . . . 95

Vergewaltigung als Taufe im Jordan . . . . . . . . . . . . 99

Tirza im Grab. Apokatastasis panton . . . . . . . . . . . 104

Wie Thomas Christus findet . . . . . . . . . . . . . . . . . 109


9

Der falsche Leib Christi wird zum wahren

Leib Christi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 116

Tirza in Thomas.

Innenwelt und Außenwelt, Monolog und Dialog . . 121

Produktive Beunruhigungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 128

Die „Thomassekunde“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136

Noch einmal:

Christentum und Tiefenpsychologie . . . . . . . . . . . 145

Zu den Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159


11

Ein Autor, der sich in Extremen

bewegt

„Patrick Roth – Erzähler zwischen Bibel und Hollywood“

– ein Titel wie dieser liegt nahe bei einem Autor,

der sich in Extremen bewegt. 1 Er ist 1953 in Deutschland

geboren und da aufgewachsen, wohnt aber seit 1975

in Los Angeles. Er arbeitet in Amerika in der Filmproduktion,

schreibt aber deutschsprachige Literatur so

erfolgreich, dass er hier eine der herausragenden Figuren

des literarischen Lebens geworden ist. Er ist im

amerikanischen Film und gleichermaßen in der Bibel,

der Psychologie C.G. Jungs und den Gedichten Hölderlins

zu Hause. Dieser Lebensstil lässt an die Unverbindlichkeit

des Überall und Nirgends denken, aber ein Blick

in einen Text Roths genügt, um diese Erwägung als

abwegig zu erweisen. Denn diese Texte sind in sich selbst

von äußerster Verbindlichkeit, und sie wird gerade im

Spannungsbogen der Extreme erzielt.

Roth erzählt etwa von der szenischen Darstellung der

Begegnung am Grabe zwischen Maria Magdalena und

dem auferstandenen Christus aus dem Johannesevangelium

20,11ff., einer halb privat bleibenden Probe von

zwei Filmstudenten in einer leer stehenden Villa in Los

Angeles. Dabei tritt hervor, wie die unausgesprochene

erotische Affizierung des regieführenden Studenten – er


12

ist auch der Ich-Erzähler – durch die ihm nur ganz flüchtig

bekannte Darstellerin der Maria Magdalena dazu

beiträgt, den Text zum Leben zu erwecken. Die Wirkungskraft

der szenischen Vergegenwärtigung lässt

schon bei einer bloßen Stellprobe die Ungeheuerlichkeit

der Auferstehung ‚wirklich‘ werden. Und zugleich kann

Roth diese Filmprobe in einem ausgeräumten fremden

Haus einer an Hitchcock gemahnenden Atmosphäre

unausgesprochener und ungreifbarer, ja, nicht einmal

sicher gegebener Bedrohung dergestalt einbetten, dass

sich dem Ich-Erzähler das Bibel-Spiel mit Angst und

Erregung überlagert, ohne dass er recht weiß, ob seine

szenische Partnerin diese Gefühle teilt oder er sie nur ihr

zuschreibt. Jedenfalls wird die vieldeutige Situation zum

Anstoß, dass die Darstellerin der Maria Magdalena einen

bisher im Text übersehenen Wendepunkt der biblischen

Erzählung plötzlich spürt und aktiviert. Die private

Konstellation und der Bibeltext treiben sich so gegenseitig

auf die Spitze. 2

Vergleichbar dem Spannungsübersprung zwischen

Bibel und Film-Milieu ist das Verhältnis Deutschland –

Amerika, in dem dieser Autor lebt: In seinem 2006 im

ZDF ausgestrahlten elektronischen Tagebuch „In My

Life – 12 Places I Remember“, das Roth als residierender

Stadtschreiber von Mainz gedreht hat, gibt es eine

Szenenfolge, in der er, langsam Straßenzüge seiner

Lebenswelt im amerikanischen Westen mit der auf dem

Auto montierten Kamera abfahrend, hymnische Verse

des späten Hölderlin vom Band laufen lässt. Durch

nichts könnte dieses Amerika amerikanischer wirken als


13

durch die Hölderlin vergegenwärtigende Stimme, durch

nichts dieser Hölderlin deutscher als durch dieses Amerika.

Und durch nichts könnte deutlicher werden, wie

sehr Patrick Roth überhaupt durch Amerika deutsch ist

und durch Deutschland amerikanisch; wie sehr er mit

filmischen Mitteln literarisch und mit literarischen Mitteln

filmisch wirkt, wie eindringlich er etwas uns heute

anspringen lassen kann, gerade indem er dessen große

historische Ferne ins Spiel bringt. Bei Patrick Roth gibt

es keine Mittelwege, keine Entschärfungen, kein Sowohl

als Auch. Sondern einander überlagernde, überkreuzende

und steigernde Sehnsuchts- und Erfahrungsströme,

Infragestellungen, Deutungslinien. Der Leser steht in

diesen Werken vor Herausforderungen eines Autors, der

sich selbst ständig herausfordert.

Anmerkungen

1 Siehe Georg Langenhorst (Hg.): Patrick Roth – Erzähler zwischen

Bibel und Hollywood. Münster 2005.

2 Siehe Patrick Roth: Ins Tal der Schatten. Frankfurter Poetikvorlesungen.

Frankfurt 2002. III: Mulholland Drive Magdalena am

Grab. S. 79–111.


Teil I

Johnny Shines


Caravaggio, Salome mit dem Haupt des Johannes,

ca. 1609. Titelbild zu „Johnny Shines“


17

Die schwarze Legende von der

Löwengrube

Patrick Roth hat erstaunlich oft biblische Themen, Stoffe,

Motive und Bilder aufgegriffen. Ein Knotenpunkt

dieses Bibelbezugs entstand, als er 2003 einen Hauptkomplex

seines bisherigen Werks unter dem Titel

„Resurrection. Die Christus-Trilogie“ zusammenfasste –

die drei in sich geschlossenen Erzählungen: „Riverside.

Christusnovelle“ (1991), „Johnny Shines oder Die Wiedererweckung

der Toten. Seelenrede“ (1993) und „Corpus

Christi.“ (1996). Der Titel der Trilogie liegt wie ein

erratischer Block in der heutigen säkularen Literaturlandschaft.

1 Durch das Mittelstück des Gesamtwerks, die

Erzählung „Johnny Shines“, zieht sich, etappenweise mit

Rückgriffen und unter Wechsel des Erzählers fortgesetzt,

eine schwarze Legende, von deren Überlieferer,

einem amerikanischen Prediger, „Löwengrube“ genannt,

im Anschluss an die alttestamentliche Geschichte von

Daniel in der Löwengrube (Dan 6). Sie sagt, die heiligen

Drei Könige seien in Wirklichkeit vier gewesen, von

denen einer den „Auftrag“ gehabt habe, Reich, Besitz

und Familie zu verlassen und inkognito in Nazareth

Wohnung zu nehmen (21), wo ein Jahr später die Heilige

Familie mit dem neugeborenen Jesuskind zuzog. Der

dreizehn Jahre unerkannt unter den Dorfgenossen


18

lebende König habe weisungsgemäß nach Ablauf dieser

Zeit den jungen Jesus am „Brechtentag“ (S. 102) 2 , das

heißt dem Dreikönigstag, mithin dem 6. Januar, unter

Beihilfe der anderen drei Könige entführt und in eine

Grube vorerst ohne Entkommen geworfen. Wie wichtig

für Roth die biblische Erzählung von den Königen aus

dem Morgenland ist (Mt 2,1–12), wird daran kenntlich,

dass er, entgegen der herrschenden Annahme eines

Lebensalters von 30 Jahren, 37 Jahre als „Kreuzigungsalter“

Jesu angibt, „das Alter der ungerechten Tode“

(37). Er folgt dabei einer Nebentradition der Geburts-

Datierung nach der astronomischen Konstellation, der

die heiligen Drei Könige als Stern von Bethlehem bei

ihrem Zug aus dem Morgenland nachgezogen sein sollen.

Ist doch auch an Epiphanias, eben dem 6. Januar

unseres Kalenders, in der alten Ostkirche die Geburt

Jesu mit der Anbetung der Weisen begangen worden.

Weihnachten als Geburtsfest zu feiern, ist westkirchliche

Tradition. Für die Ostkirche vollendet sich die Epiphanie,

die Erscheinung Christi in der Welt, im Huldigungsakt

der drei Könige.

Tatsächlich huldigen in Patrick Roths Legende die

Könige dem von ihnen entführten und gefangen gehaltenen

jungen Christus kniend als „zukünftigem Heiland“

mit „priesterlich-tiefer“ Verneigung (103), nachdem sie

über der Gefängnisgrube ein Zelt errichtet haben, das

den Sternenhimmel verschwinden lässt. Dann aber wird

er mit dem gleichaltrigen Judas zum Zweikampf auf

Leben und Tod konfrontiert. Dabei geht es keineswegs

nur um das Überleben. Jesus muss den Kampf überleben,


19

er muss Judas töten, denn „[…] der Heiland, der du werden

sollst, der wirst du der Welt nicht werden, […] hier

[…] durchkreuzt er dein Leben […]“ (105). Ein Messer

wird zwischen die beiden Jungen geworfen, dann, nachdem

Judas es ergriffen und im ersten am Rippenkorb

abgleitenden Zustich auf Jesus in die Lehmwand gerammt

hat, ein zweites ihm zugespielt, das allerdings, wie

erst nach dem Gegenangriff Jesu erkennbar wird,

tatsächlich keine Waffe, sondern ein blitzender Kelch ist

(112). Nachdem Judas, taub für die Fragen und Friedensworte

Jesu, vergeblich versucht hat, ihn zu erstechen,

hat ihn Jesus nun mit dem aus der Wand gerissenen

Messer tödlich getroffen, so dass Judas „sterbend

in der Grubenmitte lag, gekreuzt vom Fackelschattenschein“

(112), der Kelch ihm aus der Hand gerollt. Er

heißt nun „der Mann“ und ist durch den ihm zugeordneten

Kelch aus dem wilden Angreifer zum waffenlosen

eucharistischen Opfer umcodiert.

Nach Beendigung seiner Tötungs-„Arbeit“ fordern

„die Stimmen der vier [Könige] mitsammen“, als zweiten

Teil der Probe müsse Jesus, der „löwengleiche König der

Mörder“ (154) 3 , nun Judas „wieder lebendig machen.“

(107) In einem späteren imaginären Dialog, den der

Held der Rahmengeschichte mit einer halluzinierten

Frau, einer Wiedergängerin seiner getöteten Schwester,

führt, wird diese Paradoxie zugespitzt: Es wird „der

Mörder – der Erlöser sein.“ (159) Und doch ist sie in der

Legende selbst noch weiter getrieben: Jesus muss der

Mörder werden, damit er der Heiland werden kann. Er

ist der, „ders erst wurde, als er tötete. Getötet hatte.“


20

(151) Er muss Judas opfern, damit später Judas Jesus

opfern kann. Denn Jesus wird Erlöser nicht als triumphaler

Messias und König der Juden werden, sondern

der, der jetzt geopfert hat, wird Opfer werden. Der

‚Mord‘ an Judas, den Christus jetzt zu vollbringen hat,

öffnet ihm nur eine Spanne für sein Messiaswerk zwischen

zwei Toden. „Er wird dich morden, oder verraten,

auf daß sie dich morden.“ (105) Das heißt, er wird dich

jetzt oder später töten. Und es impliziert: Du musst ihn

jetzt töten und auferwecken, damit er dich später, in deinem

Wirken als Messias, wenn es an der Zeit ist, dem

Tod ausliefern kann.

Der letzte Abschnitt der Legende eröffnet sich erst

gegen Ende von Roths Erzählung, und zwar in einem

Dialog, in dem die Worte Erlöser – Mörder miteinander

verstrickt werden. Die gesamte Vorgeschichte ist notwendig,

damit dieser Dialog stattfinden und das Legenden-Ende

aus sich hervorbringen kann, das der Vater,

eben der erzählende Prediger, stets verweigert hatte.

Der Ausgang der Geschichte tritt hervor als offenbares

Geheimnis. Es wird derart offenbar, dass sein Geheimnischarakter

erhalten bleibt, also symbolisch, und

zugleich so, dass ein innerer aneignender Nachvollzug im

Leser hervorgerufen wird: Drei Jahre oder drei Tage liegt

Finsternis über der Mördergrube „wie später auch am

Kreuz“ (154) – die Zeit zwischen Kreuzestod und Auferstehung.

„Drei Stunden Finsternis für uns, um unsere

Krankheit, unsre Morde, unsern Hunger, unsern Haß zu

säugen, stillen, bergen“. (155) Und zugleich ist das Zeit

für eine Neuschöpfung des Menschen: „[…] nachgeschaf-


21

fen, neu: in Eins gemacht, aus diesen Drei[Stunden]-in-

Dunkelheit das Leben neu zu geben“.

Diese Neuerschaffung des Menschen durch Christus

ist – das Abendmahl, die Kommunion, hinübergezogen

aus der biblischen Einsetzungsgeschichte in diese

schwarze Legende, vollzogen mit dem Kelch aus Judas’

Hand. Der junge Christus nimmt das Messer, mit dem er

Judas getötet hat, zerteilt den Leib des Judas in sieben

Teile (eine heilige Zahl der Ganzheit und Erfüllung):

„Und sammelte das Blut im Kelch; und tauchte seine

Lippen und trank hinein: und war wie er: so Er. Und Er

verstand des Judas Herz und aß. Bis beide eins, verstanden

und lebendig: auferstanden. Und Judas, aufgestanden

aus dem Jesus, von Ihm: jetzt vor Ihm stand.“ (155f.)

Es zerreißt das Tuch, das über der Löwengrube lag – das

entspricht dem in den synoptischen Evangelien berichteten

Zerreißen des Vorhangs im Tempel nach dem Kreuzestod

Christi, wodurch das im Judentum immer verborgene

Allerheiligste offenbar und der Welt-Aion der

Erlösung eröffnet wird. Das heißt: In der Mitte der

Christus-Trilogie Roths steht nicht eine wie auch immer

geartete Nacherzählung von Passion, Tod und Auferstehung

Christi als in christlicher Tradition unlösbarem

Zusammenhang, Ziel und Mitte der Evangelienberichte,

sondern die Öffnung dieser Geschichte und dieses

Zusammenhangs, zusamt der Abendmahlseinsetzung, zu

einer Judas-und-Christus-Passions-, Todes- und Auferstehungsgeschichte.

In ihr wird Judas auch Christus, sein

Tod Christi Tod, sein Leib Christi Leib, Corpus Christi,

Brot und Wein. Das zentrale biblische Christusgesche-

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