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Christophorus 312

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Fahren

Über den Wolken

Text

Chris Harris

Fotografie

Simon Fox

Kehrt-Wende: Der harmonisch wirkende Pistenverlauf von oben

erfüllt den Tatbestand der optischen Täuschung

Grad-Messer: Die Straßenführung schreibt eine Wende

um 180 Grad vor – und es empfiehlt sich, dieser Vorgabe zu folgen

Steil-Kurve: Der Adrenalin-Spiegel verläuft

synchron zum Anstieg der Piste

Was die Königsetappe für die Tour de France

ist, bedeutet der Pikes Peak im Motorsport:

Die Spitze aller Bergwertungen. Ein Terrain, auf

dem sich auch der Cayenne Turbo wohl fühlt.

Bobby auf dem Weg nach oben zu folgen, ist ganz einfach. Im

Prinzip jedenfalls. „Du musst einfach die Abgründe ausblenden.

Sie sind nicht so wichtig, denn wer will schon von der Straße abkommen

…“ Niemand. Und am Pikes Peak schon gar nicht.Wer

die Haarnadelkurve mit einem Drift nimmt, der frei nach unserem

Chauffeur„Unser special“getauft wurde, der hat noch zehn Zentimeter

Spielraum. Die Auslaufzone dahinter misst 100 Meter. Allerdings

vertikal. Pikes Peak ist das Maß der Dinge. Bobby Unser ist

geeicht auf Spitzenleistungen.

Die Bezeichnung Bergkurs für den Pikes Peak ist eher irreführend,

da verharmlosend. Knapp 20 Kilometer geht es im US-Bundesstaat

Colorado den Granitbrocken aufwärts. Die Piste überwindet

eine Steigung von 1435 Höhenmetern ohne die Andeutung

einer Leitplanke. Die Fahrspur ist von feinem, lehmigem und rutschigem

Staub überzogen. Wenn Wörterbücher bildliche Darstellungen

statt Definitionen geben würden, so wäre das Bild der sich

endlos windenden Straße am Pikes Peak gleich neben dem Eintrag

„Wahnwitz“ zu finden. Um das Ganze noch ein bisschen komplizierter

zu gestalten, gibt es am Anfang noch eineinhalb Kilometer

klebrigen Asphalt. Als ob die Abstimmung nicht so schon schwierig

genug wäre. Aber seit dem Jahr 1901 fühlen sich Auto(renn)-

fahrer von der Aufbruchstimmung magisch angezogen, schon 1916

startete das erste Rennen.

Einfach ist hier nichts, nicht mal das Aufgeben. Einmal im Jahr findet

hier eines der spektakulärsten Bergrennen der Welt statt, es ist

der Mount Everest des Motorsports. In diese Erfolgsspur begibt A


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Dort, wo die Freiheit wohl grenzenlos ist:

Cayenne Turbo heiter statt wolkig

sich unser Cayenne Turbo, bis auf einen speziellen Reifensatz ganz

in seiner Serienausführung. Der Start für den Allradparcours befindet

sich auf 2866 Metern Höhe, und die Ziellinie liegt auf 4301

Metern. Da dies in etwa der Höhe des Everest-Basislagers entspricht,

braucht man wegen der dünnen Luft einen Turbolader.

Ein Leckerbissen für ein Sports UtilityVehicle (SUV).

Bobby Unser, 73, aus der berühmten Rennfahrer-Dynastie der

USA, gibt den Guide. 13 Mal hat er das Bergrennen schon gewonnen,

man nennt den Pikes Peak daher auch Unser’s Mountain.

Erfolgreichster Porsche-Pilot beim „Race to the clouds“ ist Lokalmatador

Jeff Zwart, der mit dem 911 Turbo sechs Klassensiege

eingefahren hat und im Jahr 2002 den Aufsteig mit einem GT2 in

der Rekordzeit von 12:48,3 Minuten schaffte. Der Reporter folgt

seiner Erfolgsspur und macht es sich dazu auf dem Beifahrersitz

des Cayenne gemütlich. Bange machen gilt nicht!

Wenngleich die Topografie der unteren Abschnitte noch nicht besonders

beunruhigend ist, macht das die Geschwindigkeit wett,

mit der ein 450-PS-Cayenne über die Strecke rast. Weiter oben

beginnt man die Orientierung zu verlieren und an sich selbst zu

zweifeln: Wieso bin ich hier eingestiegen? Gleißende Morgensonne

und dunkle Felswände wechseln sich ab. Je nachdem, welche

Serpentine Bobby gerade nimmt. Selbst 25 km/h können einem

hier schon als Mutprobe erscheinen. Die Vorstellung, in einem

700 PS starken Rennwagen mit Tempo 225 hochzujagen, ist in

Worten schlichtweg nicht zu vermitteln. Auf dem Gipfel ist dem

Beifahrer auch so schon schwindlig, er kann sich höchstens an zehn

der 156 Kurven erinnern. Die dünne Luft dort oben wirkt nicht

gerade bewusstseinsfördernd. Bobby Unser macht dem Novizen

Mut: „Du wirst begeistert sein, es ist verdammt cool.“

Am nächsten Morgen um fünf ist es wirklich cool, rein von den

Temperaturen her. Aber unterm Helm – Pflicht auch für Bergsteiger

auf vier Rädern – wird es schnell warm. Die Asphaltstraße zur

Einstimmung ist relativ unkompliziert. Eine richtig akkurate Linie

bekommt man trotzdem nicht hin. Seit dem Startsignal ist der

Kopf ohnehin schon voraus: Man konzentriert sich bereits auf die

Stellen, an denen Steigung und Abgründe so steil sind, dass man

vom Fahrersitz aus nur noch Himmel und Erde sieht. Keine Landschaft,

keine Bäume oder Blätter, keine klaren Linien. Alles ist Luft.

Auf der Straße und dennoch irgendwie off-road. Der Cayenne ist

schwindelfrei, Bobby Unser – diesmal auf dem Nebensitz – sowieso.

Das gemeinschaftliche Drängen in den nächsten Kurvenwinkel

beginnt.

Spitzenmäßig: 20 Kilometer Anlauf muss jeder nehmen,

um die Ziellinie auf 4301 Metern zu erreichen

Teuflisch: Jeder Streckenabschnitt hat einen Furcht einflößenden

Spitznamen – hier das „Loch ohne Boden“

Schwindelfrei: Der Cayenne bewegt sich auf einem Terrain,

das sonst Rennwagen vorbehalten ist

Bobby brüllt fortwährend wichtige Richtungsanweisungen, verwendet

dabei aber immer wieder die offiziellen Kurvennamen. Die

Bezeichnungen klingen wie aus dem Gruselkabinett: „Ausgefranste

Schneide“, „Spielplatz des Teufels“ und „Loch ohne Boden“.

Das Erstaunliche daran ist, dass jeder dieser Namen eigentlich ein

Understatement ist. Die Turbolader nehmen die Herausforderung

liebend gern an, Traktion ist kein Problem, auch bei 10,5 Prozent

Steigung nicht. Es empfiehlt sich, der harten Fahrspur zu folgen, A


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Eldorado Colorado: Bobby Unser (hinten) im Zwiegespräch mit

dem Autor und der mächtigen Landschaft der Rocky Mountains

wenn man auf Bestzeiten aus ist. Driften auf dem losen Boden kostet

Sekunden. Anstatt dem Cayenne also frühzeitig die Sporen zu

geben, ist es besser, ihn in einer geraden Linie abzubremsen, einzulenken,

wieder gerade auszurichten und erst mit freiem Lenkradspiel

erneut zu beschleunigen. Starke Regenfälle haben ziemlich

tiefe Furchen hinterlassen, stellt man jedoch das elektronische

Dämpfungssystem des Cayenne auf die höchste Komfortstufe,

kommt er damit gut klar. Bobby hält auch einen niedrigen Reifendruck

für entscheidend, lediglich 1,1 bar.

Die Aufstiegsroute zum „Race to the Clouds“:

1 Starting Line 9402 ft. (2866 m)

2 Halfway Picnic Ground 9960 ft. (3036 m)

3 Glen Cove – Food and Rest Stop 11 440 ft. (3487 m)

4 Double Cut 12 260 ft. (3737 m)

5 Devil’s Playground 12 780 ft. (3895 m)

6 Boulder Park 13 380 ft. (4078 m)

7 Summit 14 110 ft. (4301 m)

Auf 3600 Metern werden die Haarnadeln erst richtig tückisch, es

bleibt nur noch ein Drittel der üblichen Bodenhaftung. Der Lohn

für den Aufstieg ohne Ausstieg folgt knapp unterm Plateau, die

Piste wird breiter, sogar die nächste Kurve lässt sich einsehen. All

das ist gut im dritten Gang zu schaffen, der Cayenne erlaubt hier

längere Drifts (das PSM war die ganze Zeit ausgeschaltet). Rund

zwanzig Minuten nach dem Start unseres „Race to the Clouds“

auf abgesperrter Piste überfahren wir die Ziellinie.

Die Handflächen trocknen schnell, dieVernunft gewinnt wieder die

Oberhand. Das Vergnügen hat das Erschrecken vergessen lassen.

The only way is up.

B

www.pikes-peak.com

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