10.11.2013 Aufrufe

Tristan - eAMOS

Tristan - eAMOS

Tristan - eAMOS

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!

Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.

Hans-Joachim Behr<br />

1<br />

„…ein<br />

wîp ein<br />

man,<br />

<strong>Tristan</strong><br />

Isolt,<br />

Isolt<br />

<strong>Tristan</strong>“: (k)eine Liebe für<br />

die Ewigkeit. Der <strong>Tristan</strong><br />

Gottfrieds von Straßburg<br />

Vorlesung:<br />

České Budějovice<br />

30. März 2011


2<br />

Gliederung<br />

Statt einer Einleitung: Berühmte Liebespaare<br />

– ein Test<br />

Gottfried von Straßburg: <strong>Tristan</strong><br />

(Meister) Gottfried von Straßburg<br />

Autorbild<br />

Leben<br />

<strong>Tristan</strong><br />

- Akrosticha<br />

- Datierung<br />

- Inhalt und Erzählschema<br />

- Die Fortsetzung des Textes nach<br />

Thomas von Britannien<br />

Zur Stoffgeschichte<br />

Zum Textverständnis


Statt einer Einleitung: Berühmte Liebespaare<br />

– ein Test<br />

3<br />

Westwärts<br />

Schweift der Blick:<br />

ostwärts<br />

streicht das Schiff.<br />

Frisch weht der Wind<br />

der Heimat zu:<br />

mein irisch Kind,<br />

wo weilest du?<br />

Sind’s deiner Seufzer Wehen,<br />

Die mir die Segel blähen?<br />

Wehe, wehe, du Wind!<br />

Weh, ach wehe, mein Kind!<br />

Irische Maid,<br />

Du wilde, minnige Maid!<br />

Aus Richard Wagner: <strong>Tristan</strong> und Isolde<br />

Und wie die Kraniche, die klagend singen,<br />

Sich in der Luft zu langen Reihen scharen,<br />

So sah ich Schatten unter Weheklagen,<br />

Von jenem Sturm getrieben, nahe kommen<br />

Und sprach: „Mein Meister, sag mir, wer sind jene<br />

Leute, die so schwarze Lüfte plagen?”<br />

„Die erste, von den Seelen, deren Leben<br />

Du wissen willst”, hat jener da gesprochen,<br />

„War Kaiserin von vielen Völkerschaften.<br />

Der Wollust Lastern war sie so ergeben,


Daß sie die Lüste im Gesetz erlaubte,<br />

Um sich vom Tadel, der sie traf, zu lösen.<br />

Es ist Semiramis, von der geschrieben,<br />

Daß sie dem Ninus, ihrem Gatten, folgte;<br />

Ihr Land war das, wo jetzt der Sultan herrschet.<br />

Die nächste hat aus Liebe sich getötet<br />

Und brach Sichäus’ Asche ihre Treue.<br />

Dann kommt Kleopatra mit ihren Lüsten.<br />

Helena siehst du, die so böse Zeiten<br />

Der Welt gebracht, du siehst Achill, den großen,<br />

Der noch zuletzt mit Liebe kämpfen mußte.<br />

Du siehst Paris, <strong>Tristan</strong>” […]<br />

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, 5. Gesang, V. 46-67.<br />

Übersetzt von Hermann Gmelin<br />

4<br />

Liebesszene zwischen Ginover<br />

und Lancelot (Cherie Lunghi<br />

und Nicholas Clay in dem Film<br />

‚Excalibur‘, 1981)


Fragebogen über berühmte Liebespaare<br />

Ergebnisse eines Test im Rahmen meiner Vorlesung<br />

B1.III: Die deutsche Literatur im Mittelalter<br />

Teilnehmerzahl: 60<br />

[Wichtiger Zusatz: Gottfrieds <strong>Tristan</strong> ist nicht Gegenstand<br />

dieser Vorlesung]<br />

Der vollständige ausgefüllte Fragebogen enthält 12<br />

berühmte Liebespaare der (Literatur-)Geschichte.<br />

Bitte benennen Sie den jeweils fehlenden Partner / die<br />

Partnerin.<br />

♀ ♂ Bekanntheitsgrad<br />

Semiramis Ninus 1,6%<br />

Dido Aeneas 31,6%<br />

Kleopatra M. Antonius<br />

Caesar<br />

14,9%<br />

88,3%<br />

Polixena Achilles 8,3%<br />

Cressida Troilus 4,9%<br />

Paris Helena 69,9%<br />

Penelope Odysseus/Ulixes 31,6%<br />

Hero Leander 6,6%<br />

Guinevra/Ginover Lancelot 29,9%<br />

Isolde <strong>Tristan</strong> 98,3%<br />

Heloisa/Heloïse Abaelard 6,6%<br />

Julia Romeo 100%<br />

Vielen Dank für Ihre Mitwirkung! Ihnen wird im Rahmen<br />

der Ringvorlesung Hauptwerke der Weltliteratur<br />

am 18.01.2011 ein Denkmal gesetzt.<br />

5


Gottfried von Straßburg: <strong>Tristan</strong><br />

(Meister) Gottfried von Straßburg<br />

6<br />

(Die Große Heidelberger<br />

(Manessische) Liederhandschrift,<br />

fol. 364 r )<br />

Autorbild: Der Autor sitzt in<br />

der Mitte von zwei Gruppen<br />

miteinander diskutierender<br />

Personen, wobei seine Körperhaltung<br />

auf die linke, seine<br />

Kopfhaltung auf die rechte<br />

Gruppe ausgerichtet ist: Offenbar<br />

versucht er zwischen<br />

beiden Gruppen zu moderieren, möglicherweise im<br />

Kontext einer Schule. In der Hand hält er ein Diptychon,<br />

Attribut des Lehrers oder Gelehrten, womit auf<br />

seine Bildung als „Meisters“ (= magister) angespielt<br />

ist.<br />

Fazit:<br />

Nach Kenntnis von Schreiber und Maler der Manessischen<br />

Handschrift (Ende des 13./Anfang des<br />

14. Jahrhunderts) war Gottfried kein Adeliger,<br />

sondern ein (stadtbürgerlicher) Gelehrter, ein<br />

meister.


Leben<br />

1) Über Gottfried gibt es weder Urkunden noch andere<br />

schriftliche Zeugnisse.<br />

2) Trotz verschiedener Autorbemerkungen in der Ich-<br />

Form nennt er sich selbst nicht beim Namen.<br />

3) Von Dichterkollegen wird er mehrfach erwähnt:<br />

- Rudolf von Ems: ‚Alexander’(nach 1230),<br />

- Rudolf von Ems: ‚Willehalm von Orlens’ (um<br />

1235-1240),<br />

- Konrad von Würzburg: ‚Herzmære’ (um 1260),<br />

- Konrad von Würzburg: ‚Die Goldene Schmiede’<br />

(um 1277-1287),<br />

- Konrad von Stoffeln: ‚Gauriel von Muntabel’<br />

(zwischen 1252 und 1282),<br />

- Heinrich von Freiberg: ‚<strong>Tristan</strong>’ (um 1285/90),<br />

- Johann von Würzburg: ‚Wilhelm von Österreich’<br />

(1314).<br />

Fazit:<br />

Ein sonst nicht nachweisbarer Autor mit Namen<br />

Gottfried hat vor 1235-40 einen <strong>Tristan</strong>-Roman<br />

geschrieben.<br />

<strong>Tristan</strong><br />

Akrosticha<br />

Bestätigt wird die Autornennung durch ein System<br />

von hochkomplizierten Akrosticha, die den gesamten<br />

Text durchziehen.<br />

7


1) In den ersten 10 Vierzeilen-Strophen des strophischen<br />

Prologes: GDIETERICH,<br />

2) Im eigentlichen Roman, wenn die Namen der Protagonisten<br />

ineinander verschränkt („umarmend“) dargeboten<br />

werden, allerdings nicht vollständig, weil der<br />

Text Fragment geblieben ist: TRIS... und ISOL...<br />

Die Position der nächsten Initiale wird jeweils dadurch<br />

angezeigt, dass unmittelbar davor nicht nur zwei, sondern<br />

vier Verse miteinander reimen.<br />

3) Erneut innerhalb des Romans als Akrostichon<br />

GOTE..., das in der Handschrift durch Großinitialen<br />

sichtbar wird, wobei jeweils dann eine solche Initiale<br />

eingeschoben ist, wenn zwei miteinander korrespondierende<br />

Buchstaben aus den Namen der Protagonisten<br />

abgeschlossen sind. Wegen des Fragmentcharakters<br />

des Textes ist auch der Name „Gote-(frid)“ nicht<br />

komplett.<br />

Übersicht über die einzelnen Akrosticha<br />

Vers 1.<br />

Akrostichon<br />

2.<br />

Akrostichon<br />

8<br />

3.<br />

Akrostichon<br />

Position<br />

1 G G Textbeginn<br />

5 D Prolog: Str. 2<br />

9 I Prolog: Str. 3<br />

13 E Prolog: Str. 4<br />

17 T Prolog: Str. 5<br />

21 E Prolog: Str. 6<br />

25 R Prolog: Str. 7


29 I Prolog: Str. 8<br />

33 C Prolog: Str. 9<br />

37 H Prolog: Str. 10<br />

41 T Vierzeiler<br />

45 I Vierzeiler<br />

131 I Vierzeiler<br />

135 T Vierzeiler<br />

1749 O Initiale<br />

1791 R Vierzeiler<br />

1795 S Vierzeiler<br />

1865 S Vierzeiler<br />

1869 R Vierzeiler<br />

5067 T Initiale<br />

5099 I Vierzeiler<br />

5103 O Vierzeiler<br />

5177 O Vierzeiler<br />

5181 I Vierzeiler<br />

12187 E Initiale<br />

12431 S Vierzeiler<br />

12435 L Vierzeiler<br />

12503 L Vierzeiler<br />

12507 S Vierheber<br />

Datierung<br />

Wichtigster Anhaltspunkt zur Datierung des <strong>Tristan</strong><br />

ist der sog. Literaturexkurs, in dem der Autor anlässlich<br />

von <strong>Tristan</strong>s Schwertleite verstorbene und zeitgenössische<br />

Dichter unter literaturästhetischen Gesichtspunkten<br />

diskutiert.<br />

9


Autor Gattung Verstorben? Daten<br />

Hartmann Epik Nein 1180-1200<br />

von Aue<br />

[Wolfram v. Epik Nein 1200-1220<br />

Eschenbach]<br />

Bligger von Epik Nein 1175-1200<br />

Steinach<br />

Heinrich v. Epik Ja 1165-1185<br />

Veldeke<br />

Reinmar Lyrik Ja 1190-1210<br />

Walther v.d. Lyrik Nein vor 1198-<br />

Vogelweide<br />

nach 1227<br />

Fazit:<br />

Aufgrund der im Literaturexkurs genannten Autoren<br />

und deren Lebensdaten kann man in einem<br />

Netz relativer Chronologie den <strong>Tristan</strong> auf „um<br />

1210“ (Joachim Heinzle) datieren.<br />

Inhalt und Erzählschema<br />

10<br />

Vorgeschichte<br />

Rivalin, der Vater <strong>Tristan</strong>s, ist mit Herzog Morgan<br />

verfeindet. Während eines Waffenstillstands, bei dem<br />

er sich am Hof des Königs Marke von Cornwall aufhält,<br />

verliebt er sich in dessen Schwester Blanscheflur,<br />

doch danach wird er im Kampf gegen Morgan schwer<br />

verwundet. Trotzdem schläft sie mit ihm; sie zeugen<br />

einen Sohn, den Titelhelden. Danach heiraten sie, be-


11<br />

vor Rivalin erneut in den Kampf zieht und dabei getötet<br />

wird. Blanscheflur erleidet eine Frühgeburt, bei der<br />

sie stirbt – das Kind wird gerettet. Rual li Fointenant,<br />

Rivalins Vasall, nimmt sich des Kindes an und nennt<br />

es <strong>Tristan</strong> (lat. ‚tristis’: ‚traurig’), weil es in Schmerzen<br />

empfangen und geboren wurde. Schmerz bestimmt<br />

auch seinen weiteren Lebensweg.<br />

<strong>Tristan</strong>s Leben vor seiner Liebe zu Isolde<br />

Im Alter von sieben Jahre übergibt Rual seinen Pflegesohn<br />

dem Waffenmeister Kurvenal zur perfekten ritterlichen<br />

Erziehung. Außerdem lernt <strong>Tristan</strong> alles andere,<br />

was ein Adeliger können sollte: Höfische Etikette,<br />

Sprachen, Musik, Wissenschaften, Schachspiel.<br />

Aber seine Bildung wird ihm auch zum Verhängnis,<br />

als norwegische Kaufleute ihn entführen, um ihn, das<br />

Wunderkind, auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen. Ein<br />

Seesturm führt jedoch dazu, dass man <strong>Tristan</strong> an der<br />

nächsten Küste wieder aussetzt – just in Cornwall,<br />

dem Land seines Onkels Marke.<br />

Doch dieser weiß nichts von einem Neffen, und <strong>Tristan</strong><br />

verschweigt aus Misstrauen seine Herkunft und<br />

sein Schicksal. An den Markehof gelangt er trotzdem,<br />

da er bei einer Jagd dem versammelten Hof zeigt, wie<br />

man einen Hirsch weidgerecht zerlegt. Er avanciert so<br />

zu Markes Jägermeister.<br />

Unterdessen sucht Rual überall seinen Pflegesohn,<br />

kommt dabei auch an den Markehof und offenbart die<br />

Identität <strong>Tristan</strong>s. Der unverheiratete und kinderlose


12<br />

König macht ihn daraufhin zum Ritter (Literaturexkurs<br />

statt Schwertleite!) und zu seinem Nachfolger.<br />

<strong>Tristan</strong> aber will Rache für den Tod seines Vaters: Er<br />

bekriegt Morgan und tötet ihn; das Land überträgt er<br />

Rual als Dank für dessen Treue und kehrt selbst an<br />

den Markehof zurück.<br />

Dort sind inzwischen Probleme aufgetreten: Aus Irland<br />

ist der riesenhafte Krieger Morold als Bote von<br />

König Gormond eingetroffen, um den alle fünf Jahre<br />

zu leistenden Tribut einzufordern: 60 adelige Jungen.<br />

Um sie freizubekommen, muss sich ein Kämpfer finden,<br />

der gegen den als unbesiegbar geltenden Morold<br />

antritt. Gegen den Widerstand des Markehofes fordert<br />

<strong>Tristan</strong> Morold zum Zweikampf. Dabei tötet er seinen<br />

Gegner, doch ein Splitter seines Schwertes bleibt in<br />

Morolts Schädel stecken; er selbst wird von der vergifteten<br />

Waffe seines Kontrahenten schwer verwundet.<br />

Codex 2537 der ÖNB Wien, fol.<br />

34 r : <strong>Tristan</strong> landet in einem Boot in<br />

Irland<br />

Sofort weiß <strong>Tristan</strong> auch, wer ihn<br />

von dieser tödlichen Wunde heilen<br />

kann: Die zauberkundige irische<br />

Königin Isolde (I 1 ), Schwester<br />

Morolds und Mutter einer Tochter<br />

gleichen Namens (I 2 ). Als keine<br />

andere Medizin anschlägt, wagt er


13<br />

das Unmögliche, lässt sich in einem steuerlosen Boot<br />

auf dem Meer aussetzen und wird (natürlich) an der<br />

Küste Irlands angetrieben. Als man ihn findet, gibt er<br />

sich als Spielmann TanTris aus { Kryptogramm<br />

für ‚TrisTan’} und macht durch sein perfektes Harfenspiel<br />

die Königstochter Isolde (I 2 ) auf sich aufmerksam.<br />

Sie veranlasst, dass er von ihrer Mutter (I 1 ) geheilt<br />

wird.<br />

<strong>Tristan</strong> bleibt danach am irischen Königshof, wo er<br />

Lehrer der jungen Isolde wird und sie – horribile dictu<br />

– nach seinem Bild formt.<br />

Als ihre Erziehung beendet ist, kehrt <strong>Tristan</strong> an den<br />

Hof Markes zurück, sehr zum Leidwesen der übrigen<br />

Barone, die dem Quereinsteiger seine privilegierte<br />

Stellung als potentieller Nachfolger des Königs neiden.<br />

Sie überreden daher Marke sich zu verheiraten,<br />

um eine geordnete Thronfolge zu schaffen. Um seine<br />

Ruhe zu haben willigt er ein, falls die Barone eine<br />

standesgemäße Braut wissen: Sie schlagen die junge<br />

Isolde von Irland vor, weil damit auch der Krieg zwischen<br />

Cornwall und Irland ein Ende finde. Als Brautwerber<br />

benennen sie <strong>Tristan</strong>, da sie hoffen, er werde<br />

als derjenige, der den Schwager des Königs getötet<br />

hat, in Irland ums Leben kommen.


14<br />

Codex 2537 der ÖNB Wien, fol. 44 v :<br />

<strong>Tristan</strong> landet als Brautwerber Markes<br />

erneut in Irland<br />

Obwohl <strong>Tristan</strong> die Hinterlist durchschaut,<br />

übernimmt er die Aufgabe:<br />

Als Kaufmann verkleidet segelt er<br />

nach Irland.<br />

Indes, dort hat man eigene Probleme,<br />

denn ein Drache verwüstet das Land,<br />

so dass der verzweifelte König dem Drachentöter sein<br />

Reich und seine Tochter Isolde versprochen hat. <strong>Tristan</strong><br />

tötet die Bestie und sichert sich<br />

so erneut ein Anrecht auf Isolde.<br />

Ms.fr.112, Bibliothèque nationale<br />

Paris: <strong>Tristan</strong> kämpft mit dem Drachen<br />

Zum Beweis seiner Tat schneidet er<br />

die Drachenzunge heraus und steckt<br />

sie ein. Aber ihre giftigen Ausdünstungen bewirken,<br />

dass er ohnmächtig wird.<br />

Auch der Truchsess des irischen Königs begehrt Isolde,<br />

hat aber den Kampf mit dem Drachen nicht aufzunehmen<br />

gewagt. Als er nun erfährt, dass das Untier tot<br />

ist, lässt er ihm den Kopf abhacken und präsentiert ihn<br />

dem König als Beweis für seine Heldentat. Daraufhin<br />

wird ein Hoftag anberaumt, bei dem Isolde mit dem


15<br />

vermeintlichen Retter Irlands verheiratet werden soll.<br />

Die Frauen (I 1 , I 2 und Dienerinnen) indes misstrauen<br />

dem als feige geltenden Truchsess und inspizieren das<br />

Kampffeld. Dabei finden sie den noch immer bewusstlosen<br />

<strong>Tristan</strong>, den sie als den Spielmann Tantris wiedererkennen.<br />

Dessen Ohnmacht wird von der zauberkundigen<br />

Isolde (I 1 ) sehr schnell auf die Drachenzunge<br />

zurückgeführt – der Truchsess ist also ein Lügner,<br />

und <strong>Tristan</strong> wird von den Frauen gesundgepflegt. Auf<br />

dem Hoftag bestreitet Isolde (I 2 ), dass der Truchsess<br />

den Drachen getötet hat; ein Zweikampf zwischen ihm<br />

und <strong>Tristan</strong> soll entscheiden, wer Recht hat. Kurz vorher<br />

aber, als sie <strong>Tristan</strong>s Schwert putzen möchte, entdeckt<br />

Isolde (I 2 ) darin die Scharte, die mit einem Splitter<br />

in Morolds Schädel Morolds übereinstimmt. Daran<br />

erkennt sie Tantris’ wahre Identät und sieht sich in<br />

dem Kryptogramm ‚Tris-tan Tan-tris‘ bestätigt.<br />

Aber damit steht sie erst recht vor einem Dilemma:<br />

Rächt sie sich an <strong>Tristan</strong>, muss sie den Truchsess heiraten;<br />

will sie das vermeiden, muss sie auf ihre Rache<br />

verzichten. Doch als sich <strong>Tristan</strong> nur als Brautwerber<br />

für König Marke zu erkennen gibt, sind offenbar alle<br />

Beteiligten mit diesem Ausgang zufrieden.<br />

Da sich das Brautpar aber vorher noch nicht gesehen<br />

hat und Marke zudem Isoldes (I 2 ) Vater sein könnte,<br />

braut ihre Mutter (I 1 ) einen Liebestrank, der diejenigen,<br />

die gemeinsam davon trinken, in lebenslanger<br />

Liebe verbindet. Den übergibt sie der Zofe Brangäne,<br />

die ihre Herrin nach Cornwall begleitet.


16<br />

<strong>Tristan</strong>s Liebe zu Isolde bis zu ihrer Trennung<br />

Ms.fr.112, Bibliothèque nationale<br />

Paris: <strong>Tristan</strong> trinkt<br />

den Liebestrank<br />

Unterwegs trinken jedoch<br />

<strong>Tristan</strong> und Isolde aus Versehen<br />

gemeinsam von dem<br />

Trank und sind von nun an<br />

in unauflöslicher Liebe verbunden. So kommt es noch<br />

auf dem Schiff zur ersten Liebesnacht. Da Isolde nun<br />

keine Jungfrau mehr ist, vertritt Brangäne sie in der<br />

Hochzeitsnacht, ohne dass Marke es bemerkt: Für ihn<br />

ist Frau eben gleich Frau. Trotzdem wird auch er in<br />

den Liebesbann einbezogen, weil er am Morgen von<br />

dem Rest des Liebestrankes trinkt. Deshalb liebt auch<br />

er jetzt Isolde, sie ihn aber nicht. Aus Angst, Brangäne<br />

könne sie mit ihrem Wissen irgendwann einmal zu erpressen<br />

versuchen, beauftragt Isolde zwei Krieger, sie<br />

zu töten und ihr ihre Zunge als Beweis zu bringen. Die<br />

Männer verschonen sie jedoch, töten einen Hund und<br />

bringen dessen Zunge Isolde [Märchenmotiv: Schneewittchen],<br />

aber Isolde bereut ihre Entscheidung und<br />

holt Brangäne zurück, sobald sie erfahren hat, dass sie<br />

noch lebt.<br />

Am Markehof hat sich währenddessen ein Dreiecksverhältnis<br />

gebildet, bei dem das Liebespaar den Ehe-


mann durch immer neue Täuschungsmanöver hinters<br />

Licht zu führen vermag. Zudem überrumpelt Gandin,<br />

ein irischer Ritter und früherer Verehrer Isoldes, Marke,<br />

indem er ihm seine Gattin durch sein Harfenspiel<br />

entführt. Erst der rechtzeitig zurückgekehrte <strong>Tristan</strong><br />

holt sie mit dem gleichen Trick zurück, als er Gandin<br />

durch sein Gegenspiel so fasziniert, dass dieser nicht<br />

merkt, wie <strong>Tristan</strong> ihn überlistet.<br />

Damit hat sich <strong>Tristan</strong> Isolde gleich mehrfach verdient:<br />

1) weil er sie sich als sein weibliches Pendant erzogen<br />

hat,<br />

2) weil er sie als Krieger im Drachenkampf erworben<br />

hat,<br />

3) weil er auf dem Schiff mit ihr den Liebestrank<br />

trinkt, der nur für das vom Schicksal füreinander<br />

bestimmte Liebespaar gebraut war (Phänomen des<br />

„epischen Irrtums“: Was scheinbar ein Fehler<br />

war, entpuppt sich hinterher als der im konkreten<br />

Fall richtige Weg),<br />

4) weil er im intellektuellen Wettstreit Gandin<br />

durch seine musischen Kenntnisse überwindet.<br />

Umgekehrt hat sich Marke selbst als Ehemann<br />

diskreditiert,<br />

1) weil er nicht in der Lage war, seine Frau gegenüber<br />

Gandin zu beschützen,<br />

2) weil er sich in der Hochzeitsnacht mit der falschen<br />

Frau zufriedengegeben hat.<br />

17


Es folgen Verdächtigungen, die das Liebespaar inkriminieren:<br />

- die Baumgartenszene,<br />

- die Aderlassszene (Bettsprung).<br />

Immer sind dabei die Indizien für Ehebruch eindeutig,<br />

doch Marke, der sowohl seine Frau als auch seinen<br />

Neffen liebt, ist nur zu gerne bereit ihren (fadenscheinigen)<br />

Unschuldsbeteuerungen zu glauben, weil er<br />

beide nicht verlieren möchte. Zurückbleibt ein ständiges<br />

Misstrauen …<br />

Als er die Angelegenheit nicht länger ignorieren kann,<br />

beruft er einen Hoftag ein, bei dem sich Isolde in einem<br />

Gottesurteil von dem Vorwurf des Ehebruchs reinigen<br />

soll. Aber auch hier hilft eine List weiter: <strong>Tristan</strong>,<br />

unerkannt als Pilger verkleidet, trägt Isolde vom<br />

Schiff an Land, kommt aber dabei scheinbar zufällig<br />

zu Fall, so dass sie jetzt – mit Zustimmung aller Anwesenden<br />

– nicht mehr schwören kann, nicht nur in<br />

den Armen ihres Ehemannes Marke, sondern auch denen<br />

des frommen Pilgers gelegen zu haben. Und tatsächlich<br />

spielt der liebe Gott mit (V. 15733-15740):<br />

da wart wol goffenbæret<br />

und al der werlt bewæret,<br />

daz der vil tugenthafte Crist<br />

wintschaffen alse ein ermel ist:<br />

er vüeget unde suochet an,<br />

da manz an in gesuochen kann,<br />

alse gevuoge und alse wol,<br />

als er von allem rehte sol.<br />

18


[Da wurde deutlich offenbar und der ganzen Welt bewiesen,<br />

dass der hochmoralische Christus im Wind<br />

flattert wie ein Ärmel: Er fügt und passt sich an, dort,<br />

wo man richtig zu packen versteht, so höfisch-angepasst<br />

und so perfekt, wie er es von Rechts wegen auch<br />

soll.]<br />

19<br />

Das ist selbst für neuzeitliche Verhältnisse<br />

kühn, aber keine Blasphemie –<br />

Gott bestätigt nur, was alle Leserinnen<br />

und Leser inzwischen längst wissen:<br />

<strong>Tristan</strong> und Isolde sind das füreinander<br />

geschaffene Paar.<br />

Codex 2537 der ÖNB Wien,<br />

fol. 71 r : <strong>Tristan</strong> muss den<br />

Markehof verlassen<br />

Dennoch muss <strong>Tristan</strong> den<br />

Markehof verlassen und begibt<br />

sich zu einem Freund, Herzog<br />

Gilan. Dessen Hündchen Petitcriu [Kleinkläff] trägt<br />

am Halsband eine Glocke, deren Klang alle Sorgen<br />

vergessen lässt. <strong>Tristan</strong> erwirbt Hund und Glöckchen<br />

für Isolde, indem er einen Riesen, der Gilans Herrschaft<br />

bedroht, besiegt, doch als Isolde das Geschenk<br />

erhält, löst sie die Glocke vom Halsband und wirft sie<br />

ins Meer: Sie will nicht glücklich sein, während <strong>Tristan</strong><br />

ihretwegen leidet.


20<br />

Doch dann erlaubt ihm Marke überraschend die Rückkehr.<br />

Als wiederum die Hofgesellschaft auf das Paar<br />

aufmerksam wird, beruft der unschlüssige Marke erneut<br />

einen Hoftag ein, der diesmal das Liebespaar<br />

verbannt. Gemeinsam ziehen sie in die Wildnis. Diese<br />

entpuppt sich als eine Grotte in paradiesisch schöner<br />

Umgebung, einst von einem Riesen als Liebesdomizil<br />

erbaut und mit den wertvollsten Materialien ausgestattet.<br />

Dort herrscht ewiger Frühling; das Paar hat alles,<br />

was man sich nur wünschen kann und muss sich um<br />

nichts kümmern, nicht einmal um seinen Lebensunterhalt:<br />

Man lebt, in deutlicher Analogie zum christlichen<br />

Abendmahl, allein von der Liebe.<br />

Eines Tages freilich entdeckt sie Marke auf der Jagd<br />

in ihrer Minnegrotte, doch weil sie vollständig bekleidet<br />

mit <strong>Tristan</strong>s blankem Schwert zwischen sich nebeneinander<br />

schlafen, wird er in seinem Misstrauen<br />

wieder schwankend und lässt sie an den Hof zurückkehren.<br />

Aber dabei ist er wieder auf eine List der Liebenden<br />

hereingefallen, denn diese haben, als sie den<br />

Jagdlärm hörten, alles rechtzeitig zu ihrem Selbstschutz<br />

so arrangiert. Bereitwillig verlassen sie ihr Liebesparadies,<br />

war es doch bei aller Idealität nicht perfekt<br />

– es fehlte, weil im luftleeren Raum angesiedelt,<br />

die êre, das Ansehen des Einzelnen und seine Wertschätzung<br />

in der Gesellschaft.<br />

Am Hof aber geht der Ehebruch weiter, und als Marke<br />

die Liebenden in flagranti ertappt, verlässt <strong>Tristan</strong> für<br />

immer Cornwall.


21<br />

<strong>Tristan</strong> und Isolde Weißhand<br />

Nach einem Abstecher in sein Heimatland (Rual ist<br />

inzwischen verstorben) zieht <strong>Tristan</strong> nach Arundel,<br />

weil dort Krieg herrscht und er ein neues Betätigungsfeld<br />

sucht. Tatsächlich gelingt es ihm, dem Herzog<br />

Kaedin zum Sieg zu verhelfen und sich mit ihm anzufreunden.<br />

Außerdem hat dieser eine Schwester, die<br />

ebenfalls Isolde (I 3 ) heißt: diu mit den wîzen handen<br />

(V. 18957) – im Gegensatz zur „blonden Isolde“: Isot<br />

la Blonde – und wegen der Namensgleichheit mit seiner<br />

fernen Geliebten von ihm umworben wird. Kaedin<br />

und Isolde halten sein Verhalten für Verliebtheit, doch<br />

für <strong>Tristan</strong> ist es nur Erinnerung an seine Liebe zu der<br />

„richtigen“ Isolde. Aber dann wird ihm bewusst, dass<br />

Isolde (I 2 ) mit Marke zusammenlebt, während er sich<br />

fern von ihr grämt. So entschließt er sich aus gekränkter<br />

Männlichkeit, Trotz und ein wenig Sympathie für<br />

Isolde (I 3 ) zur Heirat, wohl wissend, dass sie ihm immer<br />

nur Ersatz für „seine“ Isolde sein wird.<br />

An dieser Stelle bricht Gottfrieds Text ab.<br />

☹<br />

Das darf doch nicht wahr sein!<br />

Und wie geht die Geschichte nun aus?


Die Fortsetzung des Textes nach Thomas von Britannien<br />

22<br />

Glücklicherweise ist Gottfried ein Autor, der mit fast<br />

wissenschaftlicher Akribie nach der „richtigen“, d.h.<br />

aus seiner Sicht zuverlässigsten Version des Stoffes<br />

gesucht und sich schließlich für die des Thomas von<br />

Britannien (um 1170) entschieden hat. Doch auch dessen<br />

<strong>Tristan</strong> ist Fragment geblieben. Da aber bei ihm<br />

der Schluss erhalten geblieben ist, lässt sich der Fortgang<br />

von Gottfrieds Roman rekonstruieren.<br />

<strong>Tristan</strong> hat also aus Trotz Isolde Weißhand (I 3 ) geheiratet,<br />

weiß aber von Anfang an, dass diese Ehe ein Irrtum<br />

ist. Daher vollzieht er sie auch nicht, weil er die<br />

blonde Isolde (I 2 ) nicht betrügen kann und will. Seine<br />

Frau (I 3 ), die ihn liebt, akzeptiert sein Verhalten. Dennoch<br />

ist die blonde Isolde verzweifelt, als sie von <strong>Tristan</strong>s<br />

Eheschließung erfährt.<br />

Die Konstellation erinnert an einen schlechten<br />

Trivialroman:<br />

1) <strong>Tristan</strong> liebt I 2 , ist aber mit I 3 verheiratet.<br />

2) I 2 ist mit Marke verheiratet, liebt ihn jedoch<br />

nicht; stattdessen liebt sie <strong>Tristan</strong>, den sie aber<br />

nicht wiedersehen darf.<br />

3) Marke liebt I 2 , weiß aber genau, dass sie ihn<br />

nicht liebt,<br />

4) I 3 liebt <strong>Tristan</strong>, doch ihre Liebe wird nicht erwidert.


23<br />

Als Kaedin erfährt, dass <strong>Tristan</strong> seine Schwester verschmäht<br />

(Episode mit dem „kühnen Wasser“), stellt er<br />

ihn zur Rede, doch es gelingt ihm, seinen Freund davon<br />

zu überzeugen, dass „seine“ Isolde (I 2 ) attraktiver<br />

ist als dessen (I 3 ). Von nun entwickelt sich ein regelrechter<br />

Liebestourismus zwischen Arundel und Cornwall,<br />

da nach einigen Anfangsschwierigkeiten auch<br />

Kaedin in Brangäne eine willige Gefährtin gefunden<br />

hat. Um nicht erkannt zu werden, müssen sie in immer<br />

neue Masken und Rollen schlüpfen (Pilger, Aussätzige,<br />

Büßer).<br />

Schließlich trifft <strong>Tristan</strong> auf einen Ritter, der denselben<br />

Namen und dasselbe Problem hat wie er: Er ist<br />

der Geliebte einer verheirateten Frau und wird vom<br />

Ehemann verfolgt. <strong>Tristan</strong> (T 1 ) verspricht ihm seine<br />

Hilfe, doch die Aktion scheitert: Der eine <strong>Tristan</strong> (T 2 )<br />

wird getötet, der andere (T 1 ) nach gut alttestamentarischer<br />

Art von einem vergifteten Speer dort verwundet,<br />

wo er gesündigt hat: an den Hoden. Da die Mediziner<br />

wiederum nicht helfen können, schickt <strong>Tristan</strong> Kaedin<br />

nach Cornwall zu Isolde, damit diese ihn mit der von<br />

der Mutter (I 1 ) erlernten Zauberkunst heile. Folge sie<br />

ihm nach Arundel, solle er auf dem Schiff weiße Segel<br />

setzen lassen, wenn nicht schwarze. Doch Isolde (I 3 )<br />

hat das Gespräch der Männer belauscht, mit wachsender<br />

Wut und Eifersucht. Sie beschließt sich zu rächen,<br />

und als das Schiff mit weißen Segeln am Horizont auftaucht,<br />

berichtet sie „aus großer Hinterlist“ (V. 3013),<br />

die Segel seien schwarz, woraufhin <strong>Tristan</strong> aus Ver-


24<br />

zweiflung stirbt. Die zu spät gekommene Isolde kann<br />

nichts mehr für ihn tun und stirbt ihm nach. Doch Isoldes<br />

Eifersucht hält auch über den Tod hinaus an: Sie<br />

lässt die Liebenden an den gegenüberliegenden Seiten<br />

einer Kapelle besetzen, damit sich sich auch im Tode<br />

nicht zu nahe kommen. Aber aus ihren Gräbern wachsen<br />

Bäume heraus, die sich über dem Dach der Kapelle<br />

ineinander verschlingen.<br />

Schluchz, die Story ist ja total traurig.<br />

Zur Stoffgeschichte<br />

Normalerweise müsste jetzt ein Abschnitt zur Stoffgeschichte<br />

folgen, doch dann bliebe keine Zeit mehr für<br />

die Interpretation des Textes, mag sie auch schon recht<br />

weit vorbereitet sein.<br />

Grundsätzlich lässt sich sagen: Wie der Artusmythos<br />

stammt auch der <strong>Tristan</strong> aus dem inselkeltischen Bereich,<br />

und es haben sich schon früh zwei unterschiedliche<br />

Stofftraditionen herausgebildet:<br />

Eilhart von Oberg: Regensburger<br />

Fragment (12. Jahrhundert). Fürstlich<br />

Fürstenbergische Hofbibliothek Donaueschingen<br />

Hs. 69. Heute Badische<br />

Landesbibliothek Karlsruhe.<br />

1) Die version commune: Sie ist wahr-


scheinlich die ältere, obwohl keine frühen Textzeugen<br />

erhalten sind, und für ein Publikum bestimmt, das die<br />

Geschichte kannte und sie als Erzählung aus der Vergangenheit<br />

goutierte. Es störte sich weder an Archaismen<br />

noch an magischen Elementen und nahm sogar<br />

Handlungsbrüche in Kauf. Ihr Stil weist auf mündliche<br />

Überlieferungstraditionen (oral poetry) hin. Textzeugen<br />

dafür sind Béroul (nach 1175) und Eihart von<br />

Oberg (um 1175-80).<br />

25<br />

Gottfried von Straßburg: Beginn des<br />

<strong>Tristan</strong>. Heidelberger Handschrift<br />

(13. Jahrhundert), Universitätsbibliothek<br />

Heidelberg, cpg. 360.<br />

2) Die version courtoise: Sie verlangt<br />

nach einem Publikum, das bereits in<br />

literarische Denkmuster eingeübt ist.<br />

So kommt es zu einer Verschärfung und Radikalisierung<br />

der Ausgangslage:<br />

a) Der Liebestrank ist nicht länger ein von außen hereinbrechender<br />

Schicksalsschlag, der das Paar gewissermaßen<br />

„überfällt“ und zu Opfern macht. Anders<br />

ausgedrückt: Je mehr der Liebestrank die Liebenden in<br />

seine Gewalt zwingt, umso mehr entlastet er sie. In der<br />

version courtoise aber leben sie in permanentem Ehebruch,<br />

und das bewusst und ohne Reue, wobei <strong>Tristan</strong><br />

in Marke außerdem einen nahen Verwandten betrügt<br />

und das diesem geschuldete triuwe-Verhältnis verletzt.<br />

b) Der Liebestrank ist in der version commune zeitlich


26<br />

befristet und wirkt exakt 4 Jahre. Danach ist alles vorbei,<br />

so dass die Liebenden an den Markehof zurückkehren<br />

können, ohne weiterhin gegen gesellschaftliche<br />

Normen zu verstoßen.<br />

c) Da Marke sowohl Isolde als auch <strong>Tristan</strong> liebt, wird<br />

verständlich, warum er – trotz besseren Wissens – immer<br />

wieder bereit ist, ihren Ehebruch zu entschuldigen.<br />

d) Die Lebens- und Wohnverhältnisse entsprechen in<br />

der version commune ganz und gar nicht dem Komfort<br />

des 13. Jahrhunderts.<br />

e) Es gibt in der version commune Widersprüche, die<br />

nicht aufgelöst werden:<br />

- <strong>Tristan</strong> erwähnt seine Verwandtschaft mit Marke<br />

nicht, weil er von ihr schlichtweg nichts weiß.<br />

- Er wird nach seiner Verletzung aus dem Moroldkampf<br />

in Irland steuerlos angespült, ohne zu wissen,<br />

dass Isolde (I 2 !) ihn heilen kann.<br />

- Er gibt sich als Spielmann Pro aus, weil er zufällig<br />

(!) eine Harfe an Bord hat.<br />

- Auch als Markes Brautwerber lässt er sich wieder<br />

steuerlos auf einem Schiff aussetzen, obwohl er<br />

doch ganz genau weiß, wohin die Reise geht.<br />

- Außerdem kommt er mit einem Schiff voll Getreide<br />

nach Irland, weil er weiß, dass dort nicht<br />

nur ein Drache das Land verheert, sondern dessentwegen<br />

auch Hungersnot herrscht, so dass er<br />

an der Not des Landes auch noch recht gut verdient.


27<br />

- Der am Königshof schon bekannte Spielmann Pro<br />

nennt sich jetzt überraschend Tantris und gibt vor,<br />

Kaufmann zu sein.<br />

- Für den Liebestrank wird plötzlich Isoldes Mutter,<br />

die bisher nicht in Erscheinung getreten ist,<br />

aus dem Hut gezaubert. Denn wenn die junge<br />

Isolde (I 2 ) selbst den Trank gebraut hätte, hätte es<br />

nicht zu der Verwechslung kommen können.<br />

Zum Textverständnis<br />

Fresko aus dem sog. <strong>Tristan</strong>-Zimmer<br />

auf der Burg Runkelstein (Südtirol),<br />

um 1400: Es zeigt <strong>Tristan</strong>s Kampf mit<br />

dem Drachen, dem er die Zunge herausschneidet.<br />

1998 drehte Fabrizio Costa unter dem<br />

Titel Il Cuore e la spada [Das Herz<br />

und das Schwert] einen Spielfilm, der als <strong>Tristan</strong> und<br />

Isolde – Eine Liebe für die Ewigkeit als Zweiteiler<br />

auch im deutschen Fernsehen zu bewundern war, aber<br />

trotz einiger bekannter Personen (Ralf Bauer, Joachim<br />

Fuchsberger) nicht einmal die Fantasy-Fans zu überzeugen<br />

vermochte, wenn man sich die Bewertungen in<br />

der Filmdatenbank im Internet ansieht. Nichtsdestoweniger<br />

hat er die Negativfolie bei der Benennung<br />

diese Vortrages abgegeben, weil er – ungeachtet der<br />

zahlreichen Längen und Unstimmigkeiten – eine


Sichtweise vermittelt, die ganz und gar nicht der<br />

Gottfrieds von Straßburg entspricht.<br />

28<br />

☹<br />

Was soll denn das schon wieder? Liebe ist<br />

doch Liebe, und das immer und ewig!<br />

1) Die Liebe im <strong>Tristan</strong> ist rein sakraler Natur –<br />

sie ist weder romantisch verklärt noch hängt ihr<br />

Himmel voller Geigen. Sie ist vielmehr Tod-ernst<br />

(in des Wortes wahrster Bedeutung), macht aber<br />

dafür das eigentliche Leben aus.<br />

Bereits im Prolog propagiert der Erzähler als sein<br />

Zielpublikum die edelen herzen (V. 47), die er ganz<br />

dezidiert von der höfischen „Normalgesellschaft“ abgrenzt<br />

(V. 50-54):<br />

ine meine ir aller werlde niht,<br />

als die, von der ich hœre sagen,<br />

diu keine swære müge getragen<br />

diu niwan in fröuden welle sweben:<br />

die lâze ouch got mit fröuden leben!<br />

[Ich meine nicht diese Allerweltswelt, also diejenige,<br />

von der ich berichten höre, die kein Leid ertragen<br />

kann und die nur im Glückszustand verharren möchte:<br />

Diese soll auch Gott in Freuden leben lassen.]<br />

Zu ihr bilden die edelen herzen eine deutlich abgesetzte<br />

Gegenwelt (V. 58-66):<br />

ein ander werlt die meine ich,


29<br />

diu sament in eime herzen treit<br />

ir süeze sûr, ir liebez leit,<br />

ir herzeliep, ir senede nôt,<br />

ir liebez leben, ir leiden tôt,<br />

ir lieben tôt, ir leidez leben.<br />

dem lebene sî mîn leben ergeben,<br />

der werlt will ich gewerldet wesen,<br />

mit ir verderben oder genesen.<br />

[Eine andere Welt meine ich, die [alles] gemeinsam in<br />

einem einzigen Herzen trägt: ihre süße Bitternis, ihr<br />

geliebtes Leid, ihre Herzensliebe, ihre Sehnsucht und<br />

ihren Kummer, ihr Leben voller Liebe, ihren Tod voller<br />

Schmerz, ihren geliebten Tod und ihr leidvolles<br />

Leben. Diesem Leben sei das meine zugesellt, in dieser<br />

Welt will ich leben, mit ihr untergehen oder glücklich<br />

werden.]<br />

Freude und Leid sind somit integrale Bestandteile des<br />

menschlichen Lebens, die nicht wechselseitig voneinander<br />

dispensiert werden können. Das klingt trivial,<br />

scheint es doch der allgemeinen Lebenserfahrung zu<br />

entsprechen. Doch im Kontext der Ritterdichtung des<br />

Mittelalters ist es eine Sensation:<br />

Da schreibt ein höfischer Autor für ein höfisches<br />

Publikum einen höfischen Roman – und setzt sogleich<br />

im Prolog dessen zentrale Wertmaßstäbe<br />

außer Kraft.


Zur Erinnerung: Der Artushof bei Chrétien de Troyes<br />

(1170-1190) und Hartmann von Aue (1180-1200) ist<br />

ein Bezirk der vröide, der inneren Ausgeglichenheit<br />

und heiteren Gelassenheit. Wer aus welchen Gründen<br />

auch immer Probleme mit sich und der Welt hat, verlässt<br />

den Hof, um der Gemeinschaft nicht mit seinen<br />

Sorgen zur Last zu fallen – und diese lässt ihn ziehen,<br />

allenfalls mit ein paar tröstenden Worten, dass sich<br />

schon alles wieder einrenken werde. Das gilt von Erec<br />

über Iwein bis Parzival und Gawan.<br />

Ganz anders verfährt Gottfried, wenn er sich gerade<br />

von dieser Welt der vröide distanziert und stattdessen<br />

eine Gegenwelt heraufbeschwört, die die Erfahrung<br />

von Freude und Leid als existentiell für das menschliche<br />

Leben auffasst.<br />

Anders ausgedrückt: Glück und Schmerz sind dialektisch<br />

miteinander verknüpft, so dass das eine<br />

ohne das andere nicht auskommt. Erst solche gegenläufigen<br />

Extremerfahrungen machen den Sinn<br />

des Lebens aus.<br />

Insofern sind auch Liebesgeschichten, vornehmlich<br />

solche mit tragischem Ausgang, willkommene Bestätigung<br />

der jeweils persönlich gemachten Lebenserfahrung:<br />

1) Zwar erinnern sie an den eigenen Schmerz, jedoch<br />

ebenso an das damit verbundene Glück.<br />

2) Außerdem vermitteln sie dem Einzelnen das Ge-<br />

30


31<br />

fühl, mit seinen Sorgen und Nöten nicht isoliert, sondern<br />

in einer emotionalen Solidargemeinschaft aufgehoben<br />

zu sein.<br />

Das erreicht Gottfried, indem er die Liebe als eine säkularisierte<br />

Form der Eucharistie zelebriert, an der<br />

folglich nur Auserwählte teilhaben (V. 228-36):<br />

ir tôt muoz iemer mêre<br />

uns lebenden leben und niuwe wesen;<br />

wan swâ man noch hœret lesen<br />

ir triuwe, ir triuwe reinekeit,<br />

ir herzeliep, ir herzeleit,<br />

Deist aller edelen herzen brôt.<br />

hie mite sô lebet ir beider tôt.<br />

wir lesen ir leben, wir lesen ir tôt,<br />

unde ist uns daz süeze alse brôt.<br />

ir leben, ir tôt sint unser brôt.<br />

[Ihr Tod wird immer für uns Lebende lebendig und<br />

unvergangen sein; denn wo immer man von ihrer<br />

Treue, von der Reinheit ihrer Treue, ihrem von Herzen<br />

kommenden Glück und Schmerz vorlesen hört, da ist<br />

das das Brot aller edlen Herzen. Damit ist ihr beider<br />

Tod noch immer lebendig. Wir lesen von ihrem Leben,<br />

wir lesen von ihrem Tod, und das ist für uns so nützlich<br />

wie Brot. Ihr Leben, ihr Tod – sie sind unser<br />

Brot.]<br />

So kann auch das Paar in der Minnegrotte von Luft<br />

und Liebe leben (V. 16819-31):<br />

si sâhen beide ein ander an,


dâ generten sî sich van:<br />

der wuocher, den daz ouge bar,<br />

daz was ir zweier lîpnar;<br />

si enâzen niht dar inne<br />

wan muot unde minne.<br />

die geliebe massenîe<br />

diu was ir mangerîe<br />

in mæzlîchen sorgen.<br />

sie truogen verborgen<br />

innerhalp der wæte,<br />

daz beste lîpgeræte,<br />

daz man zer werlde gehaben kan.<br />

[Sie sahen beide einander an, davon ernährten sie<br />

sich. Der Gewinn, den das Auge machte, war ihr beider<br />

Nahrung. Sie aßen dort nichts als ihr Begehren<br />

(nacheinander) und ihre Liebe. Um ihre Verpflegung<br />

machte sich das liebende Paar überhaupt keine Sorgen.<br />

Unter ihrer Kleidung hatten sie die beste Nahrung,<br />

die man auf Erden überhaupt haben kann.]<br />

Doch natürlich gibt es so viel Glück nicht zum Nulltarif,<br />

denn zur Liebesfreude gehört nun einmal untrennbar<br />

der Liebesschmerz. Das erfahren <strong>Tristan</strong> und Isolde<br />

bereits kurz nach dem gemeinsamen Genuss des<br />

Liebestrankes (V. 11884-93):<br />

diu zwei diu wâren verdâht<br />

bekumberet beide<br />

mit dem lieben leide,<br />

daz solhiu wunder stellet:<br />

32


daz honegende gellet,<br />

das süezende siuret,<br />

daz touwende fiuret,<br />

daz senftende smerzet,<br />

daz elliu herze entherzet,<br />

und al die werlt verkêret.<br />

[Die beiden waren bekümmert, gleichermaßen mit<br />

dem geliebten Leid belastet, das derartige wundersame<br />

Veränderungen schafft: Honig mit Galle versetzt,<br />

das Süße sauer werden lässt, das Nasse zum Feuer<br />

und das Lindernde zum Schmerzhaften, das alle Herzen<br />

ihres Herzens beraubt und die ganze Welt verdreht.]<br />

Um eine solche Elementargewalt beschreiben zu können,<br />

muss Gottfried schon tief in die rhetorische<br />

Trickkiste greifen, und so verwundert es nicht, dass<br />

die meist aus Ovid (43 v.Chr.-17 n.Chr.) bekannten<br />

Metaphern fast durchwegs in Hapaxlegomena {Wortneubildungen,<br />

die erstmals hier auftauchen} wiedergegeben<br />

werden. Aber das Entscheidende und für die<br />

mittelhochdeutsche Epik Neue ist der Umstand, dass<br />

dieser Schmerz als willkommener, als in jeder Hinsicht<br />

erwünschter herbeigesehnt wird. Das zeigt sich<br />

nicht allein daran, dass Isolde <strong>Tristan</strong>s Hund Petitcriu<br />

als Geschenk im Andenken an ihre Liebe zwar annimmt,<br />

nicht aber das Glöckchen, das den Kummer<br />

vertreibt, denn Liebe ohne Leid ist für edele herzen<br />

nicht erstrebenswert. Um das zum Ausdruck bringen<br />

zu können, wechselt Gottfried sogar die literarische<br />

33


Gattung, da die Ästhetisierung des Schmerzes allein<br />

dem Minnesang genuin ist. So sieht er auch die Leistung<br />

der nahtegalen (Lyriker) im Literaturexkurs darin,<br />

dass ihr Gesang (V. 4763-67 bzw. 4816f.):<br />

[…] ermant vil dicke den man,<br />

der ie ze liebe muot gewan,<br />

beide liebes unde guotes<br />

und maneger hande muotes,<br />

der edelem herzen sanfte tuot,<br />

[…]<br />

daz sî ze fröuden bringen<br />

ir trûren unde ir senedez klagen.<br />

[… jeden, der jemals Liebe verspürt hat, immer wieder<br />

an Glück und Schönes und viele andere Empfindungen<br />

erinnert, die einem edlen Herzen (!) Freude<br />

bereiten, … so dass sie (die Sänger) ihren Liebeskummer<br />

und ihre Sehnsuchtsklage in (ästhetischen)<br />

Genuss umwandeln können.]<br />

2) Der Liebestrank ist trotz allem unverzichtbar.<br />

34<br />

Gegenthese: Der Liebestrank im <strong>Tristan</strong> ist nicht mehr<br />

zeitgemäß, sondern nur noch ein Überbleibsel aus älteren<br />

Versionen, als die Liebe zwischen den Helden<br />

allein durch Zauberei hatte begründet werden können.<br />

Gottfried hätte ihn dann – aus welchen Gründen auch<br />

immer – versehentlich nicht getilgt.<br />

Zur Erinnerung: In der version commune ist die Dauer<br />

des Liebestrankes auf drei Jahre befristet. Danach keh-


en die Helden an den Markehof zurück als ob nichts<br />

gewesen sei und verhalten sich in Zukunft auch normgerecht.<br />

Erst in der version courtoise hält der Liebestrank<br />

ein Leben lang.<br />

Auf den ersten Blick erscheint die Gegenthese stimmig.<br />

Trotzdem greift sie zu kurz, teils, weil sie zu modern<br />

argumentiert (1), teils, weil sie übersieht, dass<br />

auch in der <strong>Tristan</strong>liebe der Trank nach wie vor seine<br />

Funktion hat (2).<br />

1) Quellentreue ist für einen mittelalterlichen Autor<br />

ein hoher Wert, zumal dann, wenn er wie Gottfried<br />

Nachforschungen darüber angestellt, welcher seiner<br />

Vorgänger denn die Geschichte „richtig“ erzählt habe.<br />

Sicher, viele Autoren fingieren Quellenberufungen<br />

wie etwa Wolfram von Eschenbach im Parzival, aber<br />

sie greifen nirgends so stark in die Vorlage ein, dass<br />

sie ihr konstitutive Elemente entnehmen, erst recht<br />

nicht, wenn sie ihre Quelle als die allein verbindliche<br />

postulieren. Und der Liebestrank gehört nun einmal<br />

zum <strong>Tristan</strong>, in welcher Version auch immer.<br />

2) Auch bei Gottfried hat der Trank seine Funktion,<br />

wenn auch anders als in der version commune: Er bewirkt<br />

einerseits die Liebe und sorgt andererseits dafür,<br />

dass sie trotz widriger Umstände erhalten bleibt. Sein<br />

Charakter ist dabei der einer Naturgewalt. Denn obwohl<br />

die Protagonisten bei ihrer Überfahrt von Irland<br />

nach Cornwall guoten wint und guote var (V. 11651)<br />

hatten und inzwischen im sicheren Hafen ankern, als<br />

sie den Liebestrank zu sich nehmen, herrscht plötzlich<br />

35


36<br />

ein Seesturm, als Brangäne die vermeintlich mit Wein<br />

gefüllte Karaffe über Bord schleudert (V. 11698f.):<br />

si truog ez dannen und warf daz<br />

in den tobenden wilden sê.<br />

[Sie trug sie davon und warf sie in die tobende wilde<br />

See.]<br />

Danach übernimmt das Paar die Regie und akzeptiert<br />

nach anfänglichen Vorbehalten seine Liebe, damit diese<br />

überhaupt erst wirksam werden und die immer noch<br />

bestehende Feindschaft zwischen <strong>Tristan</strong> und Isolde<br />

(Morold!) beenden kann, denn (V. 11725-30):<br />

diu süenærinne Minne<br />

diu hete ir beider sinne<br />

von hazze alsô gereinet,<br />

mit liebe alsô vereinet,<br />

daz ietweder dem andern was<br />

durchlûter alse ein spiegelglas.<br />

[Die Versöhnerin, Frau Liebe, hatte ihr beider Sinne<br />

von Hass so gereinigt und in Liebe derart vereint,<br />

dass jeder dem anderen so erkennbar war wie in einem<br />

Spiegel.]<br />

Entsprechend nennt Isolde auf die Frage <strong>Tristan</strong>s, was<br />

sie denn bedrücke – einem der schönsten Liebesgeständnisse<br />

in der deutschen Literatur (V. 11990-92):<br />

»lameir«, sprach sî, »daz ist mîn nôt,<br />

lameir, daz swæret mir den muot,<br />

lameir ist, daz mir leide tuot«<br />

[„lameir“, sagte sie, „das ist mein Problem, lameir


37<br />

beschwert mein Sinnen und Trachten, lameir ist es,<br />

das mir Schmerz zufügt“],<br />

und es bedarf der Bildung eines <strong>Tristan</strong>s um herauszufinden,<br />

dass damit sowohl la mer [das Meer] als auch<br />

l’amour [die Liebe] gemeint sein kann, was er zusätzlich<br />

noch (volks-)etymologisch mit dem Hinweis auf<br />

lat. amarus [franz. amer: bitter] anreichert.<br />

So setzt der Liebestrank die Liebeshandlung erst in<br />

Gang und er befördert sie auch weiterhin, wenn die<br />

Akteure durch ihr Verhalten sie zu destruieren scheinen,<br />

etwa durch ihre räumliche Trennung oder durch<br />

die Zuwendung an einen anderen Partner – stets bleibt<br />

der Liebestrank Motor der eingegangenen Beziehung<br />

und verhindert, dass sich die Liebenden einander entfremden.<br />

Selbst nach ihrem Tod wirkt dieses Prinzip<br />

weiter.<br />

3) In Gottfrieds <strong>Tristan</strong> geht es um das Verhältnis<br />

von gesellschaftlichen Normen und individuellem<br />

Anspruch auf Glück (êre versus minne).<br />

Schon unmittelbar nach dem Genuss des Liebestrankes<br />

reflektiert <strong>Tristan</strong>, ausdrücklich als der getriuwe<br />

(V. 11760) apostrophiert, für sich die neue Lage (V.<br />

11745-55):<br />

<strong>Tristan</strong>, dô er der minne enpfant,<br />

er gedâhte dâ zehant<br />

der triuwen und der êren<br />

und wolte dannen kêren.


38<br />

»nein«, dâhte er allez wider sich,<br />

»lâ stân, <strong>Tristan</strong>, versinne dich,<br />

niemer genim ez keine war.«<br />

wider sînem willen kriegete er,<br />

er gerte wider sîner ger:<br />

er wolte dar und wolte dan.<br />

[Als <strong>Tristan</strong> die Liebe verspürte, da dachte er sogleich<br />

an seine Treueverpflichtung und an sein Ansehen in<br />

der Gesellschaft und wollte sich (von Isolde) abwenden.<br />

„Nein“, dachte er immer wieder bei sich, „lass<br />

es sein, <strong>Tristan</strong>, komm zur Vernunft, kümmere dich<br />

nicht länger darum.“ Gegen seinen Willen stritt er da,<br />

er begehrte auf gegen sein Begehren, er wollte dorthin<br />

und wollte weg.]<br />

Damit korrespondiert <strong>Tristan</strong>s innerer Zwiespalt, als er<br />

– wie für einen Brautwerber üblich – Isolde ihrem<br />

künftigen Ehemann zuführt (V. 12511-16):<br />

Swie sanfte uns mit der liebe sî,<br />

sô müezen wir doch ie dâ bî<br />

gedenken der êren.<br />

swer sich an niht will kêren<br />

wan an des lîbes gelust,<br />

daz ist der êren verlust.<br />

[Wie angenehm uns die Liebe auch sein mag, so müssen<br />

wir dabei doch an die gesellschaftliche Reputation<br />

denken. Jeder, der sich nur um seine sinnlichen Gelüste<br />

kümmern möchte, der geht seines Ansehens verlustig.]


39<br />

Indes, dessen ungeachtet wäre <strong>Tristan</strong> aufgrund seiner<br />

bisherigen Leistungen in jedem ehrlichen Artusroman<br />

Isoldes legitimer Ehemann. Denn minne und êre sind<br />

dort miteinander synchronisiert:<br />

1) Der Held besteht Abenteuer (âventiuren), indem er<br />

sich zum Schutz der Gesellschaft und deren Normen<br />

gegen anarchische Wesen wie Drachen, Räuber, Riesen<br />

und Teufelsritter einsetzt. Dafür belohnt ihn die<br />

Gesellschaft mit êre, d.h. mit öffentlichem Ansehen.<br />

2) Ein bei seinen Standesgenossen hochgeschätzter<br />

Ritter hat auch Glück bei den Frauen. Je berühmter er<br />

ist, desto schöner ist auch die ihm zukommende Ehefrau.<br />

3) Damit er sich danach nicht aufs Altenteil zurückzieht,<br />

belohnt ihn die Frau mit ihrer Liebe (minne).<br />

Wenn der Ritter trotzdem in seiner Anstrengung für<br />

die Gesellschaft nachlässt, ist es die Aufgabe der Frau,<br />

ihn durch Liebesentzug wieder auf den richtigen Weg<br />

zu bringen.<br />

Das ist das Muster des klassischen Artusromans,<br />

wie ihn Chrétien de Troyes und Hartmann von<br />

Aue geschaffen haben, z.B. in Erec et Enide (Erec)<br />

und Yvain (Iwein).<br />

Doch auch die <strong>Tristan</strong>liebe ist schon Chrétien bekannt<br />

und wird sowohl im Cligès als auch im Lancelot thematisiert<br />

(Cligès,V. 3145-49):<br />

Miauz voldroie estre demanbree


40<br />

Que de nos deus fust remanbree<br />

L’amors d’Iseut et de <strong>Tristan</strong>,<br />

Don tantes folies dit l’an,<br />

Que honte m’est a raconter.<br />

[Lieber wollte ich in Stücke gehackt werden, als dass<br />

durch uns beide (es spricht Fenice zu ihrem Geliebten<br />

Cligès) die Liebe Iseuts und <strong>Tristan</strong>s erneuert würde,<br />

von der man so viele Torheiten berichtet, dass es für<br />

mich eine Schande wäre.]<br />

Vergleicht man dieses Muster mit dem des klassischen<br />

Artusromans, so sind minne und êre nicht einander ergänzende,<br />

sondern gegenläufige Momente, oder anders<br />

ausgedrückt:<br />

Im Zusammenhang mit der <strong>Tristan</strong>minne werden<br />

Konflikte nicht von außen durch anarchische Wesen<br />

in die höfische Welt hineingetragen, sondern<br />

sind ihr inhärent, weil die Minne selbst anarchischer<br />

Natur ist.<br />

Trotzdem ist es dem Paar nicht möglich, nur seiner<br />

Liebe gemäß zu leben, denn die êre lässt sich nicht<br />

ausblenden. Selbst die Minnegrotte, die Kathedrale<br />

der Liebe, wird von der „Sonne der Ehre“ erleuchtet,<br />

die durch die Fenster der Güte, der Demut und der höfischen<br />

Erziehung ins Innere scheint (V. 17070-74):<br />

dâ lachet în der süeze schîn,<br />

die sælige gleste,<br />

êre, aller liehte beste,


und erliuhtet die fossiure<br />

werltlîcher âventiure.<br />

[Da (durch die Fenster) lacht der helle Schein herein,<br />

der seligmachende Glanz, die Ehre, das hellste aller<br />

Lichter, und erleuchtet die Grotte weltlichen Geschehens.]<br />

Hatte Gottfried die Liebe dadurch sakralisiert, dass er<br />

sie in die Nähe der Eucharistie rückte, steht die Ehre<br />

ihr in nichts nach: Sie ist das Licht der (göttlichen)<br />

Gnade. Deshalb kann auch das Liebespaar nicht im<br />

(irdischen) Paradies der Liebe bleiben, sondern kehrt<br />

bei allen zu erwartenden Schwierigkeiten an den<br />

Markehof zurück, denn (V. 16875-81):<br />

Swaz ieman kunde ertrahten,<br />

ze wunschlebene geahten,<br />

in allen landen anderswâ,<br />

daz hetens allez bî in dâ.<br />

sîne hæten umbe ein bezzer leben<br />

niht eine bône gegeben<br />

wan eine umbe ir êre.<br />

[Was immer sich vorstellen und für das ideale Leben<br />

halten könnte irgendwo in irgendwelchen Ländern,<br />

das hatten sie alles dort bei sich. Um ein besseres Leben<br />

hätten sie keinen Pfifferling gegeben,abgesehen<br />

von einem: ihrer Ehre.]<br />

Daher verbietet sich auch der naheliegendste Ausweg,<br />

dass nämlich die Liebenden Cornwall verlassen und<br />

sich in <strong>Tristan</strong>s Heimat Parmenien niederlassen.<br />

41


4) Gottfrieds Text heißt <strong>Tristan</strong>, nicht <strong>Tristan</strong> und<br />

Isolde.<br />

Anders als bei Eilharts Tristrant und Isalde ist Gottfrieds<br />

Roman immer nur unter dem Titel <strong>Tristan</strong> überliefert.<br />

Damit entsprechen die mittelalterlichen Abschreiber<br />

dem Textverständnis Gottfrieds mehr als die<br />

(blinden) Deuter der Neuzeit, die nur das tolle Liebesverhältnis<br />

sehen.<br />

<strong>Tristan</strong> hat sich – ich rekapituiere – Isolde redlich verdient:<br />

1) Er hat sie sich als sein weibliches Pendant erzogen,<br />

2) als Krieger im Drachenkampf erworben,<br />

3) mit ihr zusammen den Liebestrank getrunken,<br />

4) sie im Wettstreit mit Gandin zurückerobert.<br />

42<br />

Damit ist sie sein „Eigentum“, ebenso wie Enide oder<br />

Laudine ihren Ehemännern angehören: Ohne sie würden<br />

sie bei aller Souveränität (Laudine mehr als Enide)<br />

in den poetischen Tartaros abdriften. Insofern ist<br />

es kein Zufall, dass<br />

- Isolde zwar ihre Situation beklagt, durch den Liebestrank<br />

in das Dreiecksverhältnis mit <strong>Tristan</strong> und Marke<br />

hineingezwungen worden zu sein,<br />

- allein <strong>Tristan</strong> derjenige ist, der über den Widerspruch<br />

von minne und êre räsonniert.


43<br />

Isolde erscheint demgegenüber nur als fremdgesteuert,<br />

als der Minnen vederspil [der Falke von Frau Minne]<br />

(V. 11989 u.ö.), der Greifvogel zur Liebe, zu deren<br />

Opfern auch <strong>Tristan</strong> gehört. Bereits auf dem Hoftag in<br />

Irland, als sie die Ansprüche des Truchsess auf ihre<br />

Person zurückweist, erscheint sie als daz wunder von<br />

Îrlant (V. 10892), jene später so berühmte Kombination<br />

aus Lolita und Femme fatale (V. 10897-03):<br />

suoze gebildet über al,<br />

lanc, ûf gewollen unde smal<br />

gestellet in der wæte,<br />

als sî diu Minne dræte<br />

ir selber zeinem vederspil,<br />

dem Wunsche zeinem endeziel,<br />

dâ vür er niemer komen kan.<br />

[am ganzen Körper überall attraktiv geschaffen, großgewachsen,<br />

wohl proportioniert und schlank in ihrer<br />

Kleidung, so, als ob sie Frau Minne sich selbst zu einem<br />

Jagdvogel geformt hätte, im Endeffekt so perfekt,<br />

wie es niemals besser werden kann.]<br />

Aufgabe des Greifvogels ist es, stellvertretend für den<br />

Jäger zu agieren, um nach getaner Arbeit auf dessen<br />

Hand zurückzukehren, für den er nur Werkzeug ist. So<br />

bedient sich auch Frau Minne der frouwe Isolde auf<br />

der Jagd nach Opfern – und es ist nicht nur <strong>Tristan</strong>,<br />

der ihr als Trophäe zufällt, sondern ebenso Marke, der<br />

Truchsess, Gandin, Kaedin oder jener schon früher in<br />

Isolde verliebte Ritter, der bei Thomas Cariado heißt.


44<br />

In dieser Rolle kann Isolde auch durchaus eigeninitiativ<br />

werden, indem sie etwa die List ersinnt, mit der sie<br />

sich beim Gottesurteil an den eigenen Haaren aus dem<br />

Sumpf zieht. Trotzdem wird sie nie selbst aktiv, sondern<br />

reagiert nur auf die jeweilige Situation:<br />

- Sie bleibt am Markehof, während <strong>Tristan</strong> diesen verlässt,<br />

-sie verhindert allein durch ihre Existenz, dass <strong>Tristan</strong><br />

mit Isolde Weißhand ein neues Leben beginnen kann,<br />

- sie entscheidet, ob und in welcher Form sie ihn empfängt,<br />

wenn er in einer seiner zahlreichen Masken ihre<br />

Nähe sucht.<br />

Aber vor allem reflektiert sie nie den Normenkonflikt,<br />

in dem auch sie steht – als Frau zwischen zwei Männern,<br />

die sie beide lieben und von denen einer ihr gesetzlich<br />

angetrauter Ehemann ist, mit dem sie aber<br />

nichts zu tun haben möchte. <strong>Tristan</strong>s Gewissensqualen<br />

sind ihr daher ebenso fremd wie Markes Grübeleien,<br />

der als der wegelôse man [derjenige, der keinen Ausweg<br />

sieht] (V. 17537) lieber einen für ihn unwürdigen<br />

Zustand erduldet als eine Situation heraufzubeschwören,<br />

die unter Umständen noch schlimmer zu ertragen<br />

ist.<br />

Für Gottfried ist die Sache recht einfach: Isolde ist eine<br />

Tochter Evas, und diese hat nur deshalb gesündigt,<br />

weil Gott es ihr verboten hat (V. 17965-70):<br />

sus sint si alle Êven kint,<br />

diu nach der Êven gêvet sint.<br />

hî, der verbieten kunde,


45<br />

waz man der Êven funde<br />

noch hiutes tages, die durch verbot<br />

sich selben liezen unde got!<br />

[So sind sie alle Töchter Evas, die wie Eva „ge-eva-t“<br />

sind. Fürwahr, derjenige, der ihnen etwas verbieten<br />

könnte, wie viele Evas würde der noch heutzutage antreffen,<br />

die sich um des Verbotes wegen weder um sich<br />

selbst noch um Gott scherten!]<br />

Ja, es ist schon so, wie es ist! Im höfischen<br />

Roman sind Frauen nur schmückendes<br />

Beiwerk der Männer, gewissermaßen<br />

ornatus.<br />

Insofern ist Liebe im Mittelalter eben keine alleinseligmachende<br />

Himmelsmacht, keine anthropologische<br />

Konstante, sondern eine reglementierte Form des Zusammenlebens<br />

unter ganz speziellen gesellschaftlichen<br />

Rahmenbedingungen.<br />

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre<br />

Geduld!

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!