Neurowissenschaften und Sucht

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Neurowissenschaften und Sucht

Suchtmittel hinterlassen eine Spur im Gehirn. Diese Spur wird durch den

wiederholten Gebrauch einer Substanz durch Lernvorgänge im Belohnungszentrum

des Gehirns gelegt. Die Plastizität des Gehirns erlaubt ein solches fehlgeleitetes

Lernen; dieselbe Plastizität ist es aber auch, welche ein Umlernen möglich macht.

Im Erleben des betroffenen Suchtkranken dient das Suchtmittel lediglich dazu, den

lauten Forderungen des Belohnungssystems nach chemischer Befriedung Folge

zu leisten. Für den Aussenstehenden ist das Verhalten des Suchtkranken hingegen

schlichtweg ein Ausdruck von (Selbst)Zerstörung. Das Konzept der „Geiselnahme

des Belohnungssystems“ und des vorgetäuschten „falschen Alarms“, welcher den

Suchtkranken unkontrollierbar nach seinem Suchtmittel verlangen lässt, beruht auf

den Erkenntnissen von zahllosen wissenschaftlichen Studien. Mit diesem Wissen

können Suchtkranke und Angehörige ein neues Verständnis für das Suchtverhalten

entwickeln.

Ebenso wichtig ist es jedoch dass auch die Gesellschaft als Ganzes zu einem

wissenschaftlich fundierten Verständnis der Suchtproblematik findet. Mit der

Broschüre „Neurowissenschaften und Sucht“ möchten wir zur Verbreitung dieses

Wissens beitragen. Sie finden die Broschüre unter www.ssam.ch.

C O R O M A

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Neurowissenschaften

und Sucht

CZusammenfassung

Autoren

www.axess-lab.ch

Mit der wissenschaftlichen Unterstützung der

•S•S•A•M•

Swiss Society of Addiction Medicine

www.ssam.ch

im Auftrag und mit der finanziellen

Unterstützung des

Bundesamtes

für Gesundheit


Dank der Fortschritte der Neurowissenschaften konnten viele grundlegende Veränderungen der

Gehirnfunktion als Folge des wiederholten Konsums von Suchtmitteln aufgedeckt und verstanden werden.

So gelang Forschern der Nachweis, dass Abhängigkeit das Ergebnis von Anpassungsvorgängen ist, mit

denen das Gehirn auf die Wirkung psychotroper Substanzen reagiert. Sucht hängt insbesondere mit

Mechanismen der Gehirnplastizität zusammen. Hierbei kann es aufgrund von adaptativen Lernprozessen

zu einer verhängnisvollen Automatisierung von Affekt und Verhalten und letztlich zu einem die Gesundheit

massiv schädigenden Fehlverhalten kommen.

Gehirn

Allen Suchtmitteln ist gemeinsam, dass sie auf einen

spezifischen Teil des Gehirns einwirken: es handelt

sich um das mesolimbische System, umgangssprachlich

wird es auch das „Belohnungssystem“

des Gehirns genannt. Dieser Schaltkreis empfängt

laufend Signale von zahllosen verschiedenen Hirnregionen,

die über den Zustand des Organismus wie

auch über die Situation, in der sich das Individuum

gerade befindet, informieren. Diese Information wird

vom Schaltkreis daraufhin benutzt, eine spezifische

Handlungsstrategie auszuwählen und einen damit

verbundenen physiologischen, oft auch emotionalen

Zustand herbeizuführen.

NA

ATV

Der Belohnungsschaltkreis setzt sich

aus dem ventralen Tegmentum (ATV)

und dem Nucleus accumbens (NA) zusammen.

Hierbei ist stets das Ziel, dass zum einen Gefahr vermieden

und zum anderen, dass das Auftreten von

angenehmen Reizen oder Konsequenzen durch ein

der spezifischen Situation angepasstes Verhalten

angestrebt wird. Durch die Ausschüttung des chemischen

Botenstoffs Dopamin werden geeignete

oder positive Verhaltensmuster in einer gegebenen

Situation verstärkt und weniger günstige Verhaltensweisen

unterdrückt. Dopamin wirkt also als Lernsignal

in einem Prozess, in dem das Individuum lernt,

sein Verhalten bei gleichen oder ähnlichen Situation

schnell und effizient auf das jeweils zu erreichende

Ziel (Vermeidung von Gefahr, bzw. Erlangung von

angenehmen Stimuli) auszurichten.

Substanzkonsum

Jedes Suchtmittel verursacht letztendlich eine

erhöhte Dopaminausschüttung im mesolimbischen

Belohnungssystem. Diese Dopaminausschüttung ist

für den Konsumenten in Form einer angenehmen,

spannungsmindernden Empfindung wahrnehmbar.

Darüber hinaus besitzt aber jede Substanz

ihren eigenen spezifischen pharmakologischen

Wirkmechanismus. Durch diese verschiedenen

Wirkmechanismen ist zu erklären, dass alle Suchtmittel

drei Hauptgruppen zugeordnet werden können,

entsprechend des durch sie ausgelösten angeregten,

gedämpften oder psychodysleptischen

Empfindens. Unter Psychodyslepsie versteht man

das Phänomen, dass die Wirkung von Substanzen

auf das psychische Erleben schlecht vorhersehbar

und individuell sehr verschieden sein kann. Die

Substanz kann also sowohl zu sedierten als auch

zu angeregten Zuständen, zu Euphorie wie auch zu

psychischer Verstimmung oder auch zu Wahrnehmungsstörungen

führen.

Substanzmissbrauch und Abhängigkeit

Unter Substanzmissbrauch versteht man das

Phänomen, das auftritt, wenn ein Mensch den

Konsum eines Suchtmittels fortsetzt, selbst

dann, wenn es aufgrund des Substanzkonsums

bereits negative Auswirkungen in seinen privaten

oder beruflichen Lebensbereichen gab. Der

Substanzkonsum erlangt also eine vorrangige

Priorität vor allen anderen üblichen Alltagsaktivitäten,

wie z.B. die Familie, der Beruf, soziale Kontakte

und Freizeit. Oft ist sich der Betroffene dieser

übertriebenen Priorität der Substanz bewusst und

versucht dagegen anzukämpfen. In der Regel

gelingt es ihm aber nicht, dem Drang nach der

Substanz standzuhalten, insbesondere dann,

wenn sich ein reflexartiges Streben nach der

Substanz als Antwort auf Schlüsselreize (z.B.

Zigarettengeruch, Alkoholwerbung etc.) oder auch

auf Stresssituationen entwickelt hat.

Die geschilderten Phänomene der Beibehaltung

des Konsums trotz negativer Konsequenzen,

des Kontrollverlustes, sowie des impulsiven,

reflexartigen Konsums lassen sich durch den

entgleisten Lernprozess im mesolimbischen

Belohnungssystem erklären. Durch die

wiederholte Aktivierung des Belohnungssystems

im Zusammenhang mit dem Substanzkonsum,

wird diesem eine überlebenswichtige Bedeutung

zugeordnet. Das Belohnungssystem wähnt sich in

einem lebensbedrohlichen Ausnahmezustand, wenn

die Substanz über einige Zeit nicht mehr zugeführt

wird, und erst wenn die Substanz erneut konsumiert

wird, beruhigt sich das System. Der ausbleibende

Substanzkonsum führt beim Abhängigen also zu

einem „falschen Alarmsignal“; für den Betroffenen fühlt

sich dieser Zustand wie ein hochgradig belastendes

Stresserleben an, für den Aussenstehenden ist dieser

Zustand und das assoziierte Verhalten in der Regel

schwer nachvollziehbar.

Kommt es zusätzlich zu dieser Fehleinstellung

des Belohnungssystems noch zu physiologischen

Anpassungsmechanismen, spricht man von einem

physischen Abhängigkeitssyndrom. Hierbei handelt

es sich um eine adaptative „Gegensteuerung“

des Körpers, der sich vor einer chronischen,

stark gehäuften Substanzaufnahme zu schützen

sucht. Die zugrundeliegenden physiologischen

Anpassungsmechanismen führen dazu, dass der

Betroffene immer grössere Mengen der fraglichen

Substanz einnehmen muss, um die bekannte

subjektive Substanzwirkung zu erzielen.

Des Weiteren gerät der Körper in ein mitunter

gefährliches physiologisches Ungleichgewicht im

Falle eines abrupten Absetzens des Suchtmittels.

Diese Phänomene werden „Toleranzentwicklung“

und „Entzugssyndrom“ genannt; sie sind vor

allem bei der Alkoholabhängigkeit häufige - und

gefürchtete – Auswirkungen eines chronischen und

exzessiven Konsums.

Sucht

Unter Sucht (abgeleitet von „siechen, Siechtum“) wird

der Krankheitszustand eines Individuums verstanden,

welches all seine Lebensenergie dafür einsetzt,

dem Diktat der Suchtsubstanz Folge zu leisten.

Besonders belastend ist hierbei für den Erkrankten

wie auch für seine Angehörigen der zwanghafte,

nur schwer oder gar nicht zu kontrollierende Drang,

sich die Suchtsubstanz zu beschaffen, auch wenn

hierbei alle sonstigen Lebensbelange aufs Spiel

gesetzt werden. Der Suchtkranke ist zur „Geisel“

seines Belohnungssystems geworden; nur noch

die Zufuhr der Suchtsubstanz selbst, nicht aber

andere, alltägliche Belohnungen wie z.B. Essen,

Unterhaltung, soziale Anerkennung, Sexualität, usw.

werden als „Lösegeld“ akzeptiert.

Individuelle Faktoren der Suchtanfälligkeit

Das Auftreten von Abhängigkeitsphänomenen

kommt zwar systematisch nach einer wiederholten

Einnahme eines Suchtmittels vor, dennoch ist eine

Sucht nur bei bestimmten Personen feststellbar.

Weder die Häufigkeit der Substanzzufuhr, noch die

konsumierten Mengen bieten eine hinreichende

Erklärung für den Umstand, dass gewisse Menschen

suchtanfälliger sind als andere. Woher rühren diese

Unterschiede? Wissenschaftliche Studien belegen,

dass genetische Faktoren zur Suchtentstehung

beitragen, andere Arbeiten schreiben wiederum

dem Zusammenhang zwischen ineffizienter

Stressbewältigung und der Ausbildung einer

Abhängigkeit eine wichtige Rolle zu oder weisen

auf den Einfluss der persönlichen Lebensgeschichte

hin. Die Frage nach den individuellen Unterschieden

bezüglich der Suchtanfälligkeit ist komplex. Es scheint

sich um ein Zusammenspiel zahlreicher biologischer,

umweltbedingter, sozialer und kultureller Faktoren

zu handeln, welches die Wahrscheinlichkeit einer

Suchtentwicklung erhöht oder senkt.

Behandlungsformen

Ziel der Behandlung ist es zunächst, dem

suchtkranken Menschen mit Hilfe von Medikamenten

und psychologischer Betreuung – manchmal auch

mittels eines Krankenhausaufenthalts - zu helfen,

etwas Abstand von seinem Suchtverhalten zu finden

und sich in seinem bisher von seiner Suchtkrankheit

geprägtem Alltag zu stabilisieren. Dann geht es

darum, diejenigen Verhaltensmuster zu identifizieren,

die direkt oder indirekt zum Substanzkonsum führen.

Hierbei ist es oft hilfreich, an die „Geiselnahme des

Belohnungssystems“ durch das Suchtmittel zu

erinnern. Der Patient muss nämlich nach und nach

lernen, die „banalen“ Belohnungen des alltäglichen

Lebens wieder als angenehm und motivierend zu

empfinden. Dennoch hat das Suchtmittel eine oft

noch lange Jahre überdauernde Gedächtnisspur im

Belohnungssystem des Betroffenen hinterlassen,

so dass dieser auch nach langen Monaten der

Abstinenz einen plötzlichen, übermächtigen Drang,

die Substanz erneut zu konsumieren, verspüren

kann. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass der

Betroffene lernt, mit Schlüsselreizen effizient,

d.h. ohne zu konsumieren, umzugehen. Auch ist

ein Erlernen von Stressbewältigungsstrategien

in der Regel sehr hilfreich. Dennoch – auch das

haben viele Studien gezeigt – sind Abhängigkeiten

durch eine hohe Rückfallquote in den erneuten

Substanzgebrauch gekennzeichnet. Wenn in

diesem Fall nicht schnell versucht wird, den Rückfall

therapeutisch aufzuarbeiten, besteht die Gefahr,

dass das zwischenzeitlich in Vergessenheit geratene

Suchtgedächtnis in sehr kurzer Zeit wieder voll

aktiviert wird, was in kürzester Zeit zu einem erneuten

massiven Substanzmissbrauch führen kann. Ein

„kleiner“ Rückfall ist also weder eine Katastrophe,

noch ein beiläufiges Ereignis, sondern vielmehr

eine Gelegenheit, den Lernprozess hinsichtlich

der erfolgreichen Gestaltung eines suchtbefreiten

Lebens fortzuführen.

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