Mit neuem Mut Demenzkranke betreuen - Hirnliga

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Mit neuem Mut Demenzkranke betreuen - Hirnliga

Mit neuem Mut

Demenzkranke betreuen

Ein Leitfaden

für Angehörige und Pflegende

Aktuelle Informationen der Hirnliga e.V.

finden Sie im Internet unter:

www.hirnliga.de


IMPRESSUM

Herausgeber + Bezugsadresse:

Hirnliga e.V.

Geschäftsstelle

Postfach 1366 • 51657 Wiehl

Tel.: 0 22 62 / 999 99 17

www.hirnliga.de

(Schutzgebühr: € 0,55)

5. Auflage, 2006

Copyright: Hirnliga e.V.


INHALTSVERZEICHNIS

8 Hella Zacharias,

Grußwort der Schirmherrin

VORWORT - DIE KRANKHEIT,

DIE MENSCHEN VERÄNDERT

10 Aktive Hilfe für den Angehörigen

steht im Vordergrund

10 Die Krankheit kennen, heißt

besser helfen können

10 Tipps für den Alltag

10 Konkrete Hinweise

helfen Helfern

11 Wissen als bessere Basis für

das Gespräch mit dem Arzt

I

DER GEISTIGE ABBAU UND DIE FOLGEN

12 Der Verlauf von Demenzen

12 Die Vergesslichkeit nimmt zu

12 Die Orientierungsfähigkeit

geht verloren

12 Gefühlsreaktionen

verändern sich

13 Die Gefährdungen wachsen

13 Kranke versuchen

die Defizite auszugleichen

13 Die Selbststeuerung

geht verloren

14 Die vertraute Welt versinkt

14 Aus Unsicherheit kann Misstrauen

werden

15 Angst vor der eigenen

Leistungsunfähigkeit

15 Verlustängste prägen

das Handeln des Kranken

16 Der Kranke wird innerlich

einsam

II

DAMIT MÜSSEN PFLEGENDE RECHNEN

17 Verlust von Wirklichkeitsbezug

und Alltagstauglichkeit

17 Verlust von Ortssinn

und Zeitgefühl

18 Erhöhte Unfallgefahren

im Haushalt

18 Zusätzliche Gesundheitsprobleme

18 Inkontinenz (unfreiwilliger

Harn- bzw. Stuhlabgang)

19 Obstipation (Verstopfung)

19 Dekubitus (Wundliegen,

Ausbildung von Druckwunden/

-geschwüren)

VII

VI

V

IV

III

II

5

I


VII

VI

V

IV

III

II

19 Verschärfung der Lage

durch sonstige Krankheiten

des Demenzkranken

19 Unumgänglich:

regelmäßiger Arztbesuch

20 Halluzinationen und

Wahnvorstellungen

20 Ernährungsprobleme

21 Am besten: „schlanker essen“

21 Nicht zu wenig trinken (!)

21 Essensverweigerung

III

TIPPS FÜR DAS ZUSAMMENLEBEN

23 Selbstauferlegten

Leistungsdruck abbauen

23 Der Pflegende braucht

Egoismus

23 Der beste Kenner des Kranken

ist der Angehörige!

24 Gefühle zeigen!

Körpersprache und Zärtlichkeit

werden verstanden! Vom

Armdruck bis zum Einreiben...

24 Anschuldigungen überhören,

nicht diskutieren

24 Ablenken und einlenken

statt beharren

25 Zuhören und verschlüsselte

Botschaften erkennen

25 Laufen lassen statt überfordern

26 Loben statt kritisieren

26 Statt der Gegenwart die

Erinnerung wichtig nehmen

26 Die Vergangenheit als

Überleitung nutzen

27 Keinen Leistungsmaßstab

Gesunder anwenden

27 Achtung, Gefahren

beim Autofahren (!)

28 Vieles bleibt besser

beim Alten...

28 Feste Gewohnheiten und

einfache Regeln sind

Sicherheitsgurte für Kranke

28 Sanft aktivieren,

nicht ins Bett abschieben

29 Aufgaben - das gute Gefühl

gebraucht zu werden

IV

PFLEGENDE MÜSSEN AUF SICH

ACHT GEBEN!

31 Viele Pflegende übernehmen

sich jeden Tag

31 Wenn der Geduldsfaden

einmal reißt...

32 Belastungsgrenzen ohne

schlechtes Gewissen einhalten

32 Warnsignal „Aussichtslosigkeit“

32 Entspannung statt Dauerstress

I

6


33 Ein Muss:

freie Stunden - freie Tage

33 Entspannungstechniken

lohnen sich

34 Unterstützung durch

Selbsthilfegruppen

V

QUALITÄT VON PFLEGEHEIMEN

35 Aktivierende Pflege

35 Ganzheitliche Pflege

35 Überdurchschnittliches

Interesse

35 Mehr als Routine

36 Personalsituation

36 Fachmännische Betreuung

36 Persönlicher Komfort

VI

RECHTLICHE UND ANDERE TIPPS

39 2. Der Kranke lebt mit einem

Betreuenden zusammen, es

besteht keine gerichtlich bestellte

Betreuung

39 3. Der Kranke steht unter gerichtlich

bestellter Betreuung

VII

ANHANG

40 Die Hirnliga e.V.

Ziele und Aktivitäten

42 Diagnose Alzheimer:

Helmut Zacharias

VII

VI

V

IV

37 Der individuelle Weg:

die Betreuung

37 Stellen, die mit Auskünften

oder auch ganz praktisch

weiterhelfen

38 Pflegeversicherung

39 Wer haftet bei Schäden?

39 1. Der Kranke lebt allein, er

steht nicht unter Betreuung

III

II

7

I


Hella Zacharias,

Grußwort der

Schirmherrin

Sehr geehrte Damen und Herren,

bis zu seinem Tod litt mein Mann

an dieser teuflischen Alzheimer-

Krankheit. Die erste Zeit muss für

ihn die Hölle gewesen sein - und

auch für mich waren jene Jahre

eine schwere Prüfung, denn ich

war völlig unwissend über die Gedanken

und Empfindungen, die

mein geliebter Mann durchlitt.

Viele Menschen, besonders seine

Bewunderer in Deutschland, werden

fragen: „Warum dürfen wir das

schöne, unbeschwerte Bild von

Helmut Zacharias nicht behalten?“.

Freunde rieten mir „Erzähl nur niemandem,

dass Helmut Alzheimer

hat!“

Aber genau das ist der entscheidende

Punkt:

Das Verschweigen dieser Krankheit

macht das Leben der Erkrankten

und ihrer Angehörigen noch

schwerer, als es schon ist! Es vergrößert

die soziale Isolation, in der

sich die betroffenen Familien befinden.

Als die Hirnliga e.V. mich fragte, ob

ich das Amt einer Schirmherrin

übernehmen wolle, musste ich

nicht lange überlegen. Auch das

Projekt meiner Tochter, die Krankheitsgeschichte

ihres Vaters niederzuschreiben,

konnte ich guten Gewissens

unterstützen und ihr dabei

mit meinen Erinnerungen helfen.

Unser gemeinsames Ziel - mit den

in der Hirnliga e.V. arbeitenden

Ärzten und Wissenschaftlern und

mit den Alzheimer Gesellschaften -

ist es, das Tabu um diese unheilbare

Krankheit aufzubrechen, damit die

Realitäten wahrgenommen und die

Missstände bekämpft werden können.

Das Buch meiner Tochter schildert

den Verlauf, den das Leiden bei

Helmut seit der ersten Symptome

genommen hat. Es dokumentiert

unser Bemühen, die eintretenden

Veränderungen im Verhalten meines

Mannes zu verstehen, aber

8


auch unsere große Hilflosigkeit. Es

macht deutlich, wie allein gelassen

Angehörige sind, wenn die Ärzte

schweigen und wenn sie keinen

Zugang zu Hilfsangeboten oder

Aufklärungsquellen haben. Und

schließlich behandelt das Buch die

für Angehörige brennenden Fragen

im Zusammenhang mit dem, was

Greta Wehner die „Pflege der Seele“

nannte. Ich hoffe, dass ich Ihnen

mit den Erfahrungen aus dieser

schwersten Zeit meines Lebens ein

wenig hilfreich sein kann.

Aus vielen Gesprächen, Berichten

und aufgrund meiner eigenen Situation

weiß ich, dass medizinisch

viel mehr möglich ist, als das was

meist getan wird. Mir ist wichtig,

an die Medien-Öffentlichkeit zu

appellieren, dass wir ein breites

gesellschaftliches Engagement für

die Alzheimerkranken brauchen.

Denn ohne ein solches gemeinsames

Eintreten für die Betroffenen

wird sich die jetzige unhaltbare

Situation nicht nur nicht verbessern,

sondern im Gegenteil: Sie

wird sich drastisch verschlimmern!

Der wichtigste Schritt zur Abwendung

dieser Gefahr ist die Entwicklung

einer wirksamen Vorbeugung

oder die Möglichkeit einer ursächlichen

Behandlung der Alzheimerkrankheit.

Dazu muss die wissenschaftliche

Forschung - auch in

Deutschland! - erheblich intensiviert

werden. Helfen auch Sie mit -

jeder Euro zählt! Unterstützen Sie

die Hirnliga e.V. bei ihrer

Forschungsförderung (wie Sie das

machen können steht auf Seite 41).

Zum Schluss ein persönliches Wort

an die Angehörigen:

Während der Betreuung meines

Mannes ist mir klar geworden, dass

die Familie unendliche Geduld, Einfühlsamkeit,

Verständnis, Verzicht

auf Widerspruch, Trost und viel

liebevolle Zuwendung im Umgang

mit dem Patienten aufbringen

muss. Und das ist eine schwere

Aufgabe!

Sprechen Sie deshalb mit Ihren

Freunden - die Alzheimerkrankheit

ist kein Makel.

Versuchen Sie, sich auch Zeit für

sich zu nehmen. Und haben Sie

kein schlechtes Gewissen dabei,

denn Sie brauchen viel Kraft. Es ist

keinem damit gedient, wenn auch

Sie krank werden!

Helmut Zacharias hat Millionen

Menschen Freude bereitet. Ich hoffe,

dass sein guter Name jetzt mithilft,

die Situation der Alzheimerkranken

und ihrer Angehörigen zu

verbessern - ich weiß genau, das

würde auch er sich wünschen.

Hella Zacharias

Schirmherrin der Hirnliga e.V.

9


Vorwort

Die Krankheit, die

Menschen verändert

Aktive Hilfe für den Angehörigen

steht im Vordergrund

Diese Broschüre will Angehörigen

helfen, die zu Hause Menschen

pflegen, deren Leistungsfähigkeit

nachgelassen hat oder weiter abnimmt.

Ursache des geistigen Verfalls

ist nicht das Altern, sondern

eine Krankheit, genauer eine

Gruppe von Krankheiten, die

Demenzen.

Demenzen können die Persönlichkeit

eines vertrauten Menschen

stark verändern oder sogar zerstören.

Die Begleiterscheinungen

solcher Erkrankungen erfordern

deshalb von den pflegenden Angehörigen

sehr viel Kraft, Ausdauer,

Verständnis und liebevolles

Eingehen auf den Kranken.

Die Krankheit kennen,

heißt besser helfen können

Helfen wird leichter, wenn man

weiß, wie die Krankheit sich

äußert. Selbst große Lebenserfahrung

ist dabei kaum eine Hilfe.

Denn die anhaltende Hirnleistungsschwäche

des Kranken

erschwert normale Kontakte sehr.

Die Fähigkeit der Erkrankten, mit

dem Alltag selbst fertig zu werden,

verliert sich im Laufe der Zeit immer

mehr. In der Bundesrepublik

leiden heute rund 1,6 Millionen

Menschen an solchen Störungen

der Hirnleistung, die keine Alterserscheinung

sind, sondern eine

Krankheit.

Tipps für den Alltag

Um die Kranken im Alltag besser

begleiten zu können, sind Kenntnisse

und Erfahrungen nützlich,

die sich bewährt haben. Die wichtigsten

davon sind in der vorliegenden

Broschüre zusammengetragen

worden. Dabei geht es

weniger darum zu erklären, was

die Krankheit ist, wie sie entsteht

und ärztlich betreut wird. Das ist

Sache des behandelnden Arztes.

Diese Broschüre soll den Angehörigen

helfen, mit der Krankheit

bzw. dem Kranken im Alltag besser

umzugehen. Denn sie sind ja

fast nie gelernte Pfleger.

Konkrete Hinweise

helfen Helfern

Ernährungs- und Hygieneprobleme

werden dabei ebenso angesprochen

wie Entspannungstechniken

für den Pflegenden. Dazu werden

die häuslichen Pflegeverhältnisse

aufgezeigt und was hinsichtlich

10


Rechtsstellung und Versicherung

des Pflegebedürftigen beachtet

werden muss, der ja meist nur

beschränkt oder nicht mehr eigenverantwortlich

handeln kann.

Auch wenn manche Themen nur

gestreift werden können, wird

doch ein umfassendes Bild der

Krankheitssituation gezeichnet.

Weiterführende Informationsquellen

und Adressen werden ebenfalls

genannt. Es lohnt sich deshalb,

diese Broschüre nicht nur als

ständig verfügbares Nachschlagewerk

aufzuheben, sondern auch

als Leitfaden für die häusliche

Pflege zu nutzen.

dieser Broschüre viele nützliche

Informationen entnehmen, und

dass sie so zu einem echten Alltagsbegleiter

wird.

Wissen als bessere Basis für das

Gespräch mit dem Arzt

Die Informationen dieses Heftes

können und sollen nicht den vertrauensvollen

Kontakt zum Arzt

ersetzen. Aber der pflegende Laie

kann die Krankheitsprobleme besser

kennen lernen. Zunächst unbegreifliche

Handlungen des Pflegebedürftigen

lassen sich dadurch

besser verstehen, es kann leichter

und angemessener auf sie eingegangen

werden: So wird der Pflegealltag

einfacher. Gespräche mit

dem behandelnden Arzt oder mit

Beauftragten einer Hilfsorganisation

oder Selbsthilfegruppe können

mit mehr Vorwissen gezielt geführt

werden. Das Autorenteam

wünscht allen Lesern, dass sie

Danksagung

Die Hirnliga e.V. bedankt sich bei der

DAK – Unternehmen Leben

für die finanzielle Unterstützung

bei der Erstellung der Broschüre.

11


Der geistige Abbau

und die Folgen

Der Verlauf von Demenzen

Die meisten Demenzen beginnen

schleichend und zunächst unbemerkt

mit leichter Vergesslichkeit.

Im Laufe der Zeit kann die Krankheit

fortschreiten - bis zur völligen

Unfähigkeit, das eigene Leben zu

steuern. Die Fähigkeit Neues zu

lernen, folgerichtig zu denken, sich

zeitlich oder örtlich richtig zu orientieren,

geht immer mehr verloren.

Einige andere sind durch einen stufenförmigen

Abbau gekennzeichnet,

führen aber zu den gleichen

Beeinträchtigungen. Diese Prozesse

können Jahrzehnte dauern oder

schneller verlaufen, das hängt von

vielen - zum großen Teil noch unerforschten

- Faktoren ab.

Die Vergesslichkeit nimmt zu

Typisch ist zunächst eine Vergesslichkeit,

die sich jedoch von der

altersbedingten Vergesslichkeit

gesunder Menschen durch ihr Ausmaß

unterscheidet. Meist ist die

Erinnerung an die eigene Kindheit

recht klar (das Langzeitgedächtnis).

Aber, was aktuell behalten werden

soll, wird immer schneller vergessen:

Das Kurzzeitgedächtnis kann

immer weniger Informationen speichern

- von „jetzt auf gleich“ bleibt

immer weniger haften. Der Kranke

kann auch Schwierigkeiten haben,

im Gespräch das richtige Wort zu

finden.

Die Orientierungsfähigkeit

geht verloren

Sogar in altvertrauter Umgebung

kann sich der Kranke verlaufen.

Häufig findet sich eine ausgeprägte

Schlaflosigkeit mit unruhigem

Umherwandern; bei anderen Betroffenen

ist, wenn auch seltener,

ein starkes Schlafbedürfnis typisch.

Zeiträume werden nicht erkannt.

Die verschiedenen Fähigkeiten

schwinden mitunter gleichmäßig

und berechenbar. In anderen Fällen

bleiben einzelne Fähigkeiten lange

erhalten, während andere rapide

abnehmen. Dabei sind dann

Schwankungen, scheinbare Besserungen

und plötzliche Verschlechterungen

typisch; sie können natürlich

vom Kranken nicht

beeinflusst werden.

Gefühlsreaktionen

verändern sich

Im Unterschied zur Merk- und Orientierungsfähigkeit

sind die Gefühle

des Kranken häufig noch voll

intakt. Oft entsprechen aber auch

die Gefühlsäußerungen des Kranken

nicht mehr dem vertrauten

12


Muster - Kranke können ganz

unerwartet und ohne erkennbaren

Sinnzusammenhang reagieren. Das

kann z.B. bedeuten, dass lautes

Lachen ebenso zu Verstimmung

führt wie eine schlechte Nachricht.

Der Kranke kann grundlos weinen

oder lachen, es kann zur Abkapselung

oder auch deutlicher Aggressivität

kommen. Sogar die gesamte

Persönlichkeit des Kranken kann

sich verändern; manche Wesenszüge

werden ausgeprägter, andere

werden ganz eingeebnet. Unbegründetes

Misstrauen gegenüber

dem Ehepartner oder den eigenen

Kindern kann aufflackern.

Die Gefährdungen wachsen

Der Gedächtnisverlust kann gefährlich

werden, wenn z.B. das Bügeleisen

nicht abgestellt oder der Herd

nicht ausgeschaltet wird. Das hat

damit zu tun, dass sich der Kranke

nicht daran erinnert, gerade eben

noch etwas Bestimmtes getan zu

haben: Das Kurzzeitgedächtnis

versagt.

Kranke versuchen

die Defizite auszugleichen

Der Kranke erkennt - zunächst -

ziemlich genau, dass er einen wichtigen

Teil seiner Alltagstauglichkeit

zu verlieren beginnt. Er wird besorgt,

oft auch depressiv verstimmt.

Er versucht sich durch Merkzettel

vor Gedächtnisverlusten zu schützen,

kann aber bald die Zettel nicht

mehr finden oder deuten. Auch

Fernsehsendungen werden kaum

noch verstanden, selbst lange gepflegte

Liebhabereien aufgegeben.

Die Besorgnis des Kranken kann

dazu führen, dass er Wertsachen

und Geldbeträge versteckt, aber

nicht wiederfindet. Das wiederum

löst die Angst aus, bestohlen worden

zu sein. Darauf können Zorn

oder sogar aggressives Auftreten

folgen.

Die Selbststeuerung

geht verloren

Später kommt die Einsicht in die

eigenen Mängel immer mehr abhanden.

Der Bezug zur Gegenwart

kann völlig verloren gehen. Die

längst verstorbenen Eltern werden

z.B. ebenso gesucht wie Gegenstände

aus der Kindheit, Vertrautes

wird kaum noch erkannt. Die Wohnung

wird zur bedrohlich oder beängstigend

empfundenen unbekannten

Behausung. Selbst

jahrzehntelang vertraute Personen

werden nicht mehr erkannt und für

Fremde gehalten. Gleichzeitig kann

ziellose Umtriebigkeit einsetzen.

Der Kranke sucht etwas, kann auch

in einem unbeaufsichtigten Moment

das Haus verlassen und hilflos

herumirren. Erklärungsversuche,

dass z.B. die Eltern längst verstor-

13


en sind, erreichen den Kranken

nicht mehr. Gefühlssignale können

noch lange bei ihm ankommen.

Lächeln, ein Streicheln, Blickkontakte,

warmherzige Zuwendung

und Gespräche werden meist gut

aufgenommen. Später verlieren

sich diese Fähigkeiten. Die Krankheit

kann langsam verlaufen und

sich Jahre hinziehen oder in nur

einem Jahr zu starken Veränderungen

beim Kranken führen.

Niemand weiß, wie sich die Erkrankung

wirklich entwickeln wird -

dafür gibt es keine Regel. Je länger

die Krankheit dauert, um so eingeschränkter

sind die Fähigkeiten.

Der Kranke läuft nur noch in kleinen,

unsicheren Schritten, geht

vorgebeugt. Er kann die Kontrolle

über Blase und Darm verlieren. Es

kann sein, dass er bettlägerig wird

und gefüttert werden muss. Dann

ist praktisch keine eigenständige

Handlung mehr möglich.

Die vertraute Welt versinkt

Der Kranke bemerkt seinen

Leistungsverlust eher als jeder andere.

Zunächst wird er versuchen,

seine Vergesslichkeit vor allen zu

verbergen - durch Merkzettel, vielleicht

auch durch Zurückhaltung in

Gesprächen. Oder er zieht sich von

anderen zurück. Solange er noch

einen Großteil seiner Fähigkeiten

besitzt, wird es ihm auch gelingen,

die Schwächen zu überspielen.

Natürlich weiß niemand wirklich,

wie es in einem solchen Kranken

aussieht. Aber man muss sich nur

einmal vorstellen, dass man morgens

aufwacht und sich fragt, wer

einen da im Spiegel ansieht, wer

der fremde Mensch im anderen

Bett ist, in welcher fremden Wohnung

man ist... Scham, Angst, Verzweiflung

können daraus entstehen,

denn der Kranke weiß nicht,

welche Antworten er sich auf seine

eigenen Fragen geben könnte. Er

kann nicht erkennen oder entscheiden:

Wer ist das? Welches Verhalten

ist für mich jetzt richtig? Das

macht ihn unsicher; also versucht

er, sein Verhalten zu verstecken, er

tarnt sich. Niemand soll merken,

wie es in Wahrheit um ihn steht.

Aus Unsicherheit

kann Misstrauen werden

Die fehlende Erinnerung ist auch

der Schlüssel zu unverständlichem

Handeln des Kranken. Wer sich

nicht darauf besinnen kann, dass es

der eigene Ehepartner ist, der in die

Badewanne helfen will, wird den

(vermeintlich fremden) Menschen

als Zumutung für seine Intimsphäre

empfinden. Wenn der Kranke feststellt,

dass plötzlich der Autoschlüssel

und auch das Portemonnaie

fehlen, wird er an Diebstahl denken,

aber nicht an aufmerksame

Familienmitglieder, die diese Dinge

in Verwahrung genommen haben,

14


weil der Kranke damit offenbar

nicht mehr sachgerecht umgehen

kann.

Angst vor der eigenen

Leistungsunfähigkeit

Es ist aber nicht nur die fehlende

Erinnerung und die mangelnde

Merkfähigkeit, was den Kranken

besonders belastet. Ebenso bedrückend

für ihn sind Tatsachen,

die er nicht sinnvoll entschlüsseln

kann. Wenn z.B. die Schwiegertochter

zu Besuch ist und sich mit

der Ehefrau des Kranken unterhält,

kann das die Befürchtung auslösen,

dass man die vertraute Bezugsperson

wegnehmen könnte. Es kann

auch immer wieder vorkommen,

dass ein Kranker eine völlig zutreffende,

ganz klare und logische

Bemerkung macht. Daraus ist nicht

abzuleiten, dass er alles versteht,

sondern nur, dass wir alle nicht

wissen, wie viel er von Zeit zu Zeit

mitbekommt. Im allgemeinen wird

der Kranke jedoch das verzweifelte

Gefühl haben, dass er seine Umwelt

nicht mehr begreifen und

Vorgänge nicht verstehen kann:

„Niemand versteht mich. Ich verstehe

niemanden. Warum braucht

mich keiner? Wo ist meine Arbeit,

wo sind meine Kollegen? Wieso

zieht mich jemand an und warum

kann ich mich nicht mehr wie früher

selbst ankleiden?“ Der Kranke

gerät in eine Situation, in der er die

Wirklichkeit nicht mehr begreift -

ein Kamm wird so unter Umständen

zum unverständlichen, sinnlosen

Gegenstand, das Knistern der

Heizungsrohre kann ängstigen.

Andererseits lächeln diese Kranken

oft, wenn sie andere lachen hören.

Sie werden traurig, wenn ein überfordertes

Familienmitglied schon

mal explodiert, weil sie diesen Gefühlsausbruch

nur wahrnehmen

und auf sich beziehen, aber nicht

wirklich verstehen können.

Verlustängste prägen

das Handeln des Kranken

Ohne Zweifel ist es für den Kranken

sehr, sehr schwer, sich in seiner

veränderten Situation zurechtzufinden.

Es gibt immer weniger feste

Bezugspunkte, an denen er sich

wie früher orientieren kann. Oft

klappt auch das Zurechtfinden in

der vertrauten langjährigen Wohnung

nicht mehr, das Telefonieren

wird zur Qual, ein eigener Schlüssel

kann dem Kranken praktisch nicht

mehr anvertraut werden. All dies

sind für ihn „Verlustsituationen“,

die er wahrscheinlich empfindet,

aber nicht ausdrücken kann - er ist

in seiner eigenen Welt gefangen.

Diese Verlustsituationen sind aber

aus einem anderen Grund sehr

problematisch für den Kranken; er

spürt genau, dass man alles von

ihm fernhält, was Unabhängigkeit

oder Freiheit bedeutet. Die Abhän-

15


gigkeit von anderen wird stark

empfunden. Die Angst vor noch

mehr Verlusten nimmt dadurch zu.

Deshalb richtet sich oft das ganze

Sehnen und Trachten der Kranken

darauf, weitere schmerzliche Verlusterfahrungen

zu vermeiden,

nicht noch mehr Defizite zugeben

zu müssen: Der Kranke zieht sich in

Untätigkeit zurück, wird apathisch

- so kann er keine Fehler machen

und sich nicht blamieren. Oft klammert

er sich geradezu an seine(n)

Betreuer(in), weicht der betreffenden

Person nicht von der Seite, um

ganz sicher zu sein, dass sie ihm

niemand nimmt. Der Kranke spürt

überall, dass seine Persönlichkeit

von Verlusten geprägt ist. Dieses

Gefühl macht ihn mitunter auch

aggressiv, weil er sich dagegen

stemmt, was er spürt.

Der Kranke wird innerlich einsam

Auch zeitlich kann der Kranke sich

nicht mehr zurechtfinden. Stunden,

Tage, Wochen und Jahre

verschwimmen. Die zeitliche Zuordnung

selbst von Angehörigen,

auch der eigenen Person, gelingt

nicht mehr. Aufgrund der Reaktionen

seiner Umwelt erkennt der

Kranke, dass er in einer Welt lebt,

in die ihm niemand folgt - und folgen

kann. Sein Bewusstsein bewegt

sich sozusagen auf Glatteis. Dies

macht den Kranken natürlich sehr

unsicher, oft gereizt oder gar rabiat.

16


Damit müssen

Pflegende rechnen

Verlust von Wirklichkeitsbezug

und Alltagstauglichkeit

Zu den Hauptproblemen, mit denen

pflegende Angehörige von

Demenzkranken rechnen müssen,

zählt der stetige, oft schleichendunmerkliche

Leistungsabbau. Das

kann dazu führen, dass der liebevoll

Pflegende dem Kranken zu

lange zu viel zutraut oder ihn möglichst

lange selbständig halten will.

Grundsätzlich ist das häufig richtig.

Erschwert wird die Lage jedoch

durch die beharrliche Behauptung

mancher Kranker, alles richtig und

selber machen zu können.

Dies weist darauf hin, dass der Demenzkranke

seinen Wirklichkeitsbezug

immer mehr verliert und

Leistung bzw. Alltagstauglichkeit

nicht mehr einschätzen kann. Es ist

möglich, dass es in dieser Situation

zu Streit zwischen dem Pflegenden

und dem Kranken kommt, weil der

Gesunde dem anderen „erklären“

will, wie es um ihn steht und weshalb

er sich nun doch diese oder

jene Handreichung gefallen lassen

soll. Der Kranke dagegen empfindet

nur: Er wird abhängiger, er wird

bevormundet und er kann nicht

erkennen, dass es zu seinem Besten

ist.

Verlust von Ortssinn

und Zeitgefühl

Bei fortschreitender Krankheitsdauer

verliert der Kranke die Orientierungsfähigkeit

immer stärker,

auch die altvertraute Umgebung

erkennt er dann nicht wieder. Verlässt

er nun unbeobachtet oder

unbegleitet das Haus, kann er

schnell zum Herumirrenden werden,

der von allein nicht mehr

heimfindet (s.a. Die Selbststeuerung

geht verloren, S. 13). Sein

Zeitgefühl vermag auch nicht mehr

den Tag in Abschnitte zu gliedern:

Der Zeitpunkt für Mahlzeiten wird

selbständig nicht erkannt. Auch

gelingt es kaum noch, Vergangenheit

und Gegenwart deutlich zu

trennen. Immer wieder kann der

Wunsch auftauchen, längst Verstorbene

aufzusuchen und z.B. bei

ihnen Familienfeste wie Weihnachten

oder Geburtstage zu feiern

(falls der Demenzkranke sich solcher

Daten noch erinnert).

Ähnlich wie mit Ort und Zeit gerät

der Kranke auch mit Personen

durcheinander. Es kann passieren,

dass der eigene Ehepartner mit

alten Freunden verwechselt wird,

Namen falschen Personen zugeordnet

werden usw.

17


Erhöhte Unfallgefahren

im Haushalt

Da die Erkrankung sinnvolle Verknüpfungen

von verschiedenen

Tätigkeiten kaum noch zulässt, sind

besonders Fehlbedienungen von

Haushaltsgeräten usw. leicht möglich.

Was gestern noch problemlos

war, kann heute gefährlich sein; wo

der Kranke gestern noch beim Kochen

half, lässt er heute auf dem

Herd den Topf glühen. Konnte er

gestern noch bügeln, vergisst er

heute, dass heiße Eisen auszustellen.

Konnte er gestern noch die

Dusche bedienen, verbrüht er sich

heute, weil kein kaltes Wasser hinzugemischt

wird... usw. Gerade in

Küche und Hauswirtschaftsraum

lauern Gefahren, an die man bei

erwachsenen Menschen kaum

denkt: Weil Aufschriften nicht

mehr gelesen oder verstanden werden,

kann es zu gefährlicher Verwechslung

von Flaschen kommen,

im schlimmsten Fall mit der Folge

von Vergiftungen. Die fehlerhafte

Bewegungskoordination macht es

dem Kranken auch schwer oder

unmöglich, richtig mit Messer,

Schere oder auch mit einer Maschine

im Hobbyraum umzugehen. Der

Kranke ist meist unfähig, zwischen

Ursache und Wirkung einen Zusammenhang

herzustellen. Die

Wachsamkeit des Pflegenden ist

also unablässig erforderlich. Das

gleiche gilt sinngemäß auch für den

Umgang des Kranken mit sich

selbst: Er kann nicht mehr wie früher

gefährliche Situationen vorhersehen.

Er leidet häufig unter

Schwindel, stürzt dann eher als

früher und kann sich schnell verletzen.

Zusätzliche

Gesundheitsprobleme

Der Kranke wird im Allgemeinen

ein älterer Mensch sein. Darum

bleibt er nicht von weiteren Beschwerden

verschont, die für viele

Menschen im fortgeschrittenen

Alter typisch sind.

Weil sich der Betroffene jedoch

nicht selbst sinnvoll helfen kann,

können die Auswirkungen viel problematischer

sein. Der Kranke muss

also aufmerksamer beobachtet

werden, ihm muss einfühlsam geholfen

werden. Der stetige Kontakt

zum behandelnden Arzt ist unverzichtbar,

damit richtig geholfen und

behandelt werden kann - z.B. bei:

Inkontinenz (unfreiwilliger

Harn- bzw. Stuhlabgang)

Inkontinenz ist die Unfähigkeit,

Darm oder Blase voll unter Kontrolle

zu halten. Auf helfende Hinweise

und liebevolle Zuwendung kann

der Kranke leicht aggressiv reagieren,

weil er instinktiv spürt, dass

seine Intimsphäre berührt wird.

18


Auch die Anwendung von Hilfsmitteln

gegen die Inkontinenz (Beutel,

Windeln) können auf Gegenwehr

stoßen: Der Pflegebedürftige fühlt

sich möglicherweise mit einem Wickelkind

auf eine Stufe gestellt.

Selbst vermag der Kranke zumeist

kaum etwas auszurichten, einmal

insofern, als die Entleerungsmechanismen

mehr oder weniger seinem

Willen entzogen sind, andererseits

auch deshalb, weil Harn- bzw.

Stuhlabgang unter Umständen unbemerkt

bleiben. Es kann sich lohnen,

dass der Betreuer den Kranken

anhält, in regelmäßigen, nicht zu

langen Abständen die Toilette aufzusuchen,

damit die Entleerung

von Blase und Darm trainiert wird.

Obstipation (Verstopfung)

Gerade ältere Frauen leiden stark

darunter. Es muss darauf geachtet

werden, damit man die Obstipation

überhaupt feststellt. Abhilfe ist eher

möglich als bei Inkontinenz. Dazu

gehört auch die Umstellung auf

ballaststoffreiche, leichte Kost, die

sich gut verdauen lässt. Die Vollwertküche

bietet dafür gute Voraussetzungen.

Störungen der

Darm- oder Blasenentleerung sollten

beim Gespräch mit dem Arzt

nicht ausgeklammert werden. Eine

häufige Ursache ist zu geringes

Trinken. Manchmal wird das Trinken

schlicht vergessen.

Dekubitus (Wundliegen,

Ausbildung von Druckwunden/-

geschwüren)

Kranke, die bettlägerig sind, leiden

oft unter einem Liegegeschwür,

einer Entzündung von Rückenpartien.

Sie müssen daraufhin beobachtet

werden, ob Entzündungen auftreten

und, wo es geht, zu

häufigeren Lageveränderungen

veranlasst werden. Hier, wie bei

den anderen Hygieneproblemen,

sollte auch immer der behandelnde

Arzt konsultiert werden.

Verschärfung der Lage

durch sonstige Krankheiten

des Demenzkranken

Von einem bestimmten Erkrankungsgrad

an kann ein Demenzkranker

sich über sein Befinden

nicht mehr klar äußern, somit auch

nicht über weitere gesundheitliche

Beeinträchtigungen. Ebenso wenig

kann er aktiv einen Therapieplan

einhalten, etwa selbst auf die

pünktliche, vollständige Medikamenteneinnahme

achten.

Unumgänglich:

regelmäßiger Arztbesuch

Es ist deshalb notwendig, den

Kranken regelmäßig dem Arzt vorzustellen.

Fortgesetzte Arztbesuche

sind schon deswegen wichtig, da-

19


mit der Kranke nicht vor gelegentlichen

derartigen Terminen in Panik

oder Angst gerät. Besonders muss

auf alle üblichen Altersbeschwerden

und -erkrankungen geachtet

werden wie z.B. Probleme mit den

Augen, mit dem Blutdruck, mit

Herz, Leber, Galle oder der Zuckerkrankheit.

In gewissem Maße

mitursächlich ist häufig eine unausgeglichene

Ernährung oder Bewegungsmangel.

Es ist allerdings für

den pflegenden Laien schwierig,

Anzeichen für solche Krankheiten

zu finden oder zu deuten.

Bluthochdruckprobleme werden

meist auch von geistig Gesunden

bei sich selbst nicht erkannt. Ein

weiterer Grund, weshalb sich regelmäßige

Kontrolltermine beim

Hausarzt empfehlen.

Halluzinationen

und Wahnvorstellungen

Halluzinationen und Wahnvorstellungen

sind in späten und mittleren

Stadien der Demenzen häufig vorhanden.

Oft lassen sie sich leicht

erklären. Wird ein Angehöriger

oder Betreuer des Diebstahls der

Brieftasche bezichtigt, kann folgender

Sachverhalt zugrunde liegen:

Der Kranke hat die Brieftasche an

einen Ort gelegt, an den er sich

jetzt nicht mehr erinnert. Da er

durch die Krankheit auch das Ausmaß

seiner Gedächtnisstörungen

nicht erkennen kann, weiß er nicht

mehr, dass er seine Brieftasche verlegt

hat. Da er sicher ist, selbst alles

getan zu haben, dass die Brieftasche

nicht abhanden kommt, kann

er an Diebstahl denken. So entstandene

Anschuldigungen sind daher

nicht böser Wille, sondern Zeichen

der schweren Krankheit. Auch Halluzinationen

lassen sich oft so deuten.

Schlägt ein Ast gegen die

Hauswand und erinnert sich der

Kranke nicht mehr, dass es ein solches

Geräusch gab, kann er auf

wenige andere Erklärungsmöglichkeiten

eingeschränkt sein und an

Einbrecher denken. In fortgeschrittenen

Stadien fehlt ihm meist auch

die Fähigkeit, Personen unterscheiden

zu können. Das kann zum Verwechseln

selbst naher Verwandter

führen. In diesen Situationen

braucht der Kranke besondere Fürsorge

und Zuwendung. Er ist auf

einfache Informationen angewiesen,

um sich wieder orientieren zu

können. Diskussionen und Widerspruch

führen nicht weiter. Es empfiehlt

sich, Verständnis zu äußern,

an einen anderen Ort zu gehen

und auf ein anderes Thema zu

sprechen zu kommen.

Ernährungsprobleme

Im Rahmen einer solchen Broschüre

sind natürlich keine individuell

zutreffenden Einzelempfehlungen

möglich. Es empfiehlt sich, in Abstimmung

mit dem behandelnden

20


Arzt, einen Speiseplan zu entwickeln,

der sich am persönlichen

Bedarf des Kranken orientiert.

Es können jedoch einige wichtige

Ratschläge gegeben werden, die

für fast alle älteren Menschen

Gültigkeit haben.

Am besten: „schlanker essen“

Da mit dem Fortschreiten der

Krankheit meist auch der Bewegungsmangel

zunimmt, empfiehlt

sich eine schlanke Küche - also wenig

Fett wie z.B. in Butter, Wurst,

Fleisch, Mayonnaise, fettem

Schnittkäse, fettem Streichkäse,

Nüssen, Süßigkeiten und Alkoholika

(Spirituosen sollten ohnehin fast

ganz gemieden werden, weil sie

beim Pflegebedürftigen zu unberechenbaren

Reaktionen führen können).

Butter sollte ebenso wie z.B.

Eier unter Umständen überhaupt

wegen des Cholesteringehalts gemieden

werden. Dafür sollte mehr

Gemüse, Salat, Obst, Eiweiß aus

Milch und Milchprodukte auf dem

Speisezettel stehen. Statt Rindoder

Schweinefleisch kann mehr

Geflügel in Frage kommen. Diese

Fragen sind jedoch stets mit dem

behandelnden Arzt zu besprechen -

nur er kann mehr als allgemeine

Hinweise geben.

Nicht zu wenig trinken (!)

Sehr wichtig ist es, auf ausreichende

Zufuhr von Flüssigkeit zu achten;

viele Kranke trinken zu wenig.

Fachleute empfehlen täglich rund

2 l Flüssigkeitsaufnahme, gerade

bei älteren Menschen. Günstig sind

z.B. Mineralwasser und Tee. Selten

wird von selbst häufig getrunken.

Solange es sich nicht um Alkohol

handelt, ist häufiges Trinken an sich

unproblematisch. Hohes Trinkbedürfnis

kann aber auf eine Zuckerkrankheit

hinweisen - dann muss

der Arzt befragt werden.

Essensverweigerung

Häufig kommt es im Verlauf der

Krankheit zu einem Abnehmen des

Appetits. Die Appetitlosigkeit kann

damit zusammenhängen, dass der

Kranke glaubt, bereits gegessen zu

haben. Oft liegt es auch am Bewegungsmangel,

der keinen ausreichenden

Hunger entstehen lässt.

Geprüft werden sollte auch, ob

Kauen, Schlucken oder Besteckhandhabung

Probleme verursachen.

Es empfiehlt sich, die Anforderungen

an das Verhalten bei Tisch herabzuschrauben

und nicht anständiges

Essverhalten zu fordern. Viel

besser ist es, Lieblingsgerichte zu

kochen und mehr Zeit zum Essen

zu lassen.

21


Es kann auch sinnvoll sein, Essen

anzubieten, das sich leicht kauen

und schlucken lässt wie z.B. Kartoffelpüree,

Spinat, Rührei. Darüber

hinaus ist es empfehlenswert, körperliche

Aktivität in die Zeit vor den

Mahlzeiten zu legen, etwa in Form

von Gartenarbeit oder eines appetitanregenden

Spaziergangs. Ob

dann nach dem Essen noch ein Verdauungsspaziergang

gemacht wird,

ist eine Frage von Lust und Laune,

nicht zuletzt aber auch der körperlichen

Leistungsfähigkeit.

22


Tipps für das

Zusammenleben

Selbstauferlegten

Leistungsdruck abbauen

Der Inhalt dieses Kapitels richtet

sich ganz besonders an die pflegenden

Angehörigen, die nach

Hilfen für ihr schweres Nacht- und

Tagwerk suchen. Es soll dazu beitragen,

Druck und Stress abzubauen

und die Rolle des Pflegenden so

auszufüllen, dass sie nicht krank

macht.

Das ist deshalb so wichtig, weil die

meisten pflegenden Angehörigen

nicht Berufspfleger, sondern hochengagierte

Laien sind. Zudem sind

sie meist mit dem Kranken über

starke Gefühle und lange gemeinsame

Jahre verbunden - Angehörige

sind Mitbetroffene. Die Gefahr

dabei ist sich zu übernehmen, zu

meinen sich in die Pflege voll einbringen

zu müssen. Der Pflegende

lebt unter ständigem höchsten

Leistungsdruck, ausgehend vom

Kranken und vom eigenen

Leistungsanspruch. Das nachfolgende

Kapitel stellt deshalb einige

der bewährten Methoden vor, wie

man mit den - entnervenden -

Äußerungen und Verhaltensweisen

des Kranken leichter fertig wird.

Der Pflegende braucht Egoismus

Pflegen statt aufreiben - das bedeutet:

Man muss lernen einen

gesunden Egoismus als Selbstschutz

aufzubringen. Man muss als

Pflegender lernen seine Situation

zu akzeptieren, aber auch richtig

einzuschätzen. Und das bedeutet:

Kein Mensch kann einen anderen

24 Stunden täglich betreuen, versorgen,

beobachten, kontrollieren,

ohne sich selbst völlig zu überlasten.

Denn wer jemals mit Demenz-Pflegebedürftigen

über längere Zeit zu

tun hatte weiß: Es strengt enorm

an. Da ist die Geduld gefragt, eine

alte Geschichte, die der Kranke

gern und oft erzählt, sich immer

wieder anzuhören. Da ist die Kraft

gefragt, die oft völlig unbegründet

wechselnden Stimmungen zu ertragen.

Da ist die Stärke gefragt, mit

verletzenden Fragen Außenstehender

fertig zu werden. Und da ist die

Kondition gefragt, die körperlichen

Anforderungen der Pflege zu bewältigen.

Der beste Kenner des Kranken

ist der Angehörige!

Die nachfolgenden Tipps sind

praxiserprobt. Sie stammen ebenso

von Familienangehörigen wie von

professionellen Pflegern. Nicht jeder

Tipp wird für jeden Kranken

und jede Familie geeignet sein,

meist finden Familien ihre ganz

23


persönliche Methode auf geeignete

Weise mit dem Kranken zu leben.

Dazu ermutigen auch die Fachleute;

sie sagen, dass es letztlich keine

besseren Profis als Familienangehörige

gibt! Nur sie sind täglich

lange genug mit dem kranken Angehörigen

zusammen. Sie kennen

deshalb auch die wirksamsten Methoden,

von denen hier einige aufgeführt

werden:

Gefühle zeigen!

Körpersprache und Zärtlichkeit

werden verstanden!

Vom Armdruck bis zum Einreiben…

Die meisten Kranken sind über viele

Jahre gefühlsmäßig besonders

gut ansprechbar. Sie verstehen

bzw. spüren meist sehr fein, wann

man es gut meint. Dabei helfen

Blickkontakte, ein Streicheln oder

ein In-die-Arme-Nehmen. Feinfühlig

registrieren sie oft auch, wenn

ihre pflegenden Angehörigen sich

mit anderen unterhalten und dennoch

von Zeit zu Zeit eine beruhigende

Geste der Zusammengehörigkeit

machen. Das ist wichtig,

denn der Kranke ist gerade dann

verunsichert, wenn seine Bezugsperson

sich mit anderen freundlich

unterhält. Er weiß ja nicht, ob er

danach allein dastehen wird... Die

Gesten der Zuneigung können unendlich

vielseitig sein. Immer wieder

hört man, dass Kranke einfache

Unterhaltungen mit ihnen als Zuwendung

auffassen, auch dann,

wenn sie den Sinn nicht mehr verstehen

können - gerade für dieses

Ansprechen sind sie meist sehr

dankbar.

Anschuldigungen überhören,

nicht diskutieren

Wie schon im vorhergehenden

Kapitel erwähnt, können Demenzkranke

unglaubliche Geschichten

erzählen und sogar Familienangehörige

schlimmer Verfehlungen

beschuldigen. Wer die Krankheit

nicht kennt, wird hier gekränkt

reagieren.

Betreuer müssen wissen, dass der

Pflegebedürftige kaum fähig ist,

solche Geschichten wissentlich und

absichtlich zu konstruieren. Oft

sind es nur Versuche Erinnerungslücken

zu füllen. Manchmal fehlt

die Fähigkeit die richtigen Worte

zu finden.

Ablenken und einlenken

statt beharren

In jedem Fall ist es sinnlos in fruchtlose

Diskussionen einzusteigen:

Der Kranke versteht einen oft

nicht, wird unsicher, ängstlich oder

erregt. Es ist viel wirkungsvoller

den Pflegebedürftigen mit Gesprächen

über andere Dinge abzulen-

24


ken. Das beruhigt ihn meist. Es

kann dabei durchaus richtig sein,

dem Kranken maßvoll Recht zu

geben - und sei es nur dadurch,

dass man ihm erklärt seine Argumente

zu verstehen.

Zuhören und verschlüsselte

Botschaften erkennen

Die eingeschränkte Hirnleistung

und der oft verkleinerte Wortschatz

des Kranken zwingen den gesunden

Betreuer genau zuzuhören und

bei allen Äußerungen nach dem

wirklichen Sinn des Gesagten zu

forschen. Werden beispielsweise

gern Geschichten aus der Vergangenheit

erzählt, handelt es sich

meist um einen Versuch des Kranken

sich in der noch heilen Vergangenheit

zu orientieren. Es ist deshalb

richtig diese Erinnerungen zu

stützen und von ihnen Brücken in

die Gegenwart zu schlagen, z.B.

von den damals kleinen Enkeln auf

die heute Erwachsenen überzuleiten

(s. a.: Die Vergangenheit als

Überleitung nutzen, Seite 26).

Auch Kranke, die offenkundig notwendige

Hilfe ablehnen, senden so

eine verschlüsselte Botschaft, sie

heißt: „Lass mir meine Unabhängigkeit!“

Der ärgerliche Unterton

ist meist gegen die eigene Krankheit

gerichtet, die den Pflegebedürftigen

so abhängig macht. In

solchen Situationen ist Zuwendung

und Aufmunterung angebracht.

Dann kann es richtig sein, sozusagen

ein Verhandlungsangebot zu

machen. Dabei bietet man nicht die

als Entmündigung aufgefasste vollständige

Hilfe an, sondern nur eine

kleine Teilhandlung (… ich mache

dies … und du machst das…).

Grundsätzlich geht es immer darum,

dem Kranken das Gefühl zu

geben, dass sein Wille und seine

Wünsche anerkannt werden - Zurechtweisungen

und Hinweise auf

Schwächen sind nie angebracht.

Laufen lassen statt überfordern

Das Perfektionsstreben gesunder

Menschen verträgt sich meist nicht

mit dem Leistungsvermögen von

Demenzkranken. Betreuer müssen

sich deshalb vielfach darin üben,

mehr Gelassenheit walten zu lassen

und sanftere Maßstäbe anzulegen.

Viele Familien fahren gut damit, die

Leistung des Kranken so zu akzeptieren,

wie sie erbracht wird. Wenn

ein Kranker z.B. noch Hemden zusammenlegen,

Geschirr abtrocknen

oder Blumen pflegen kann, ist nicht

die dafür aufgewendete Zeit oder

die Qualität der Arbeit der Maßstab,

sondern die Leistung, gemessen

an den Fähigkeiten des Kranken.

Überhaupt ist es meist für alle

Beteiligten weniger anstrengend,

manches laufen und Fünfe gerade

sein zu lassen. Der Kranke erlebt

das so: Er spürt keinen Stress, weil

man ihn ohne Druck gewähren

25


lässt. Er wird nicht ständig unter

Leistungsdruck gesetzt, dem er

nicht genügen kann. Er braucht

keine Angst vor dem Versagen zu

haben - er wird nicht mit dem eigenen

Versagen konfrontiert. Er kann

sich entspannen.

Im Gegenteil: Er darf das beruhigende

Gefühl verspüren, dass er

noch etwas leisten kann, dass er

gar nicht so unvollkommen ist, wie

er sich oft fühlt.

Loben statt kritisieren

Schon ein Gesunder kann eine ganze

Portion Lob vertragen. Jeder

freut sich, wenn er und seine Arbeit

von anderen beachtet und anerkannt

wird. Dieses Gefühl ist auch

dem Kranken durchaus nicht verloren

gegangen. Ein Kranker braucht

gerade das ausdrückliche und häufige

Lob. Denn tief in seinem Inneren

ist er ja entmutigt, verstört und

schwach. Ein Lob - selbst für allerkleinste

Erfolge - ermutigt, aktiviert

ihn und tut ihm wohl. Vielen Menschen

erscheint ein Lob für Kleinigkeiten

nicht angebracht, sie fühlen

sich gegenüber dem Kranken unaufrichtig

und falsch. Aber solche

Zurückhaltung tut dem Kranken

nicht wohl. Er braucht die Lobtherapie!

Denn Anerkennung ist für

ihn Balsam aufs verwundete Selbstwertgefühl.

So findet er mehr Kraft

zur Bewältigung seiner Situation.

Zu sparsames Lob deutet darauf

hin, dass man den Kranken noch

nach den Maßstäben gesunder

Menschen misst. Kritisieren hingegen

belastet den Kranken teilweise

enorm. Denn Kritik bedeutet: Er

wird nach Maßstäben beurteilt, die

er nicht mehr nachvollziehen kann.

Mit - noch so konstruktiver! - Kritik

kann er kaum etwas anfangen,

denn das würde voraussetzen, dass

er Argumenten logisch folgen und

sie in das richtige Verhalten umsetzen

kann - aber genau diese Fähigkeit

fehlt meist ganz und gar. Deshalb:

lieber lieb haben und loben.

Statt der Gegenwart

die Erinnerung wichtig nehmen

Das Langzeitgedächtnis des Kranken

kann erstaunlich sein: Vieles

von früher, z.B. aus der Kindheit,

kann klar und eindeutig erinnert

werden. Viele Kranke erinnern sich

auch sehr gern und erzählen dann

ein und dieselbe Geschichte sogar

öfter. Das kann Angehörigen viel

Kraft abverlangen.

Die Vergangenheit als

Überleitung nutzen

Natürlich kann man die Gegenwart

nicht aus dem Leben des Kranken

ausklammern. Es kann aber leicht

sein, den Kranken durch eine geschickte

Gesprächsüberleitung aus

der Erinnerung wieder in die Ge-

26


genwart zu holen - z.B. von einer

Picknick-Erzählung aufs Abendbrot

zu sprechen zu kommen. Meist

geht der Kranke bereitwillig darauf

ein, weil diese Themenverknüpfung

für ihn nachzuvollziehen ist.

Ein besserer Weg jedenfalls als ärgerliche

Verweise, die bloß dazu

dienen, die Erzählungen aus der

Vergangenheit abrupt zu stoppen.

Umgekehrt gilt natürlich auch, den

Kranken nicht zu drängen, sich zu

erinnern. Wer z.B. seine Kinder, alte

Kollegen usw. nicht wiedererkennt,

der kann auch nicht dazu gezwungen

werden, sich zu erinnern. Da

spielt das Gedächtnis des Kranken

nicht mit. Er spürt nur einen - wie

so oft - unerfüllbaren Leistungsdruck.

Keinen Leistungsmaßstab

Gesunder anwenden

Wie ein roter Faden durchzieht die

Aufforderung, lieber nachzugeben

als recht zu behalten, die Empfehlungen

aller Experten: Es kommt

immer wieder darauf an, den Kranken

so anzunehmen, wie er ist und

das zu akzeptieren, was er wirklich

leisten kann (s.a.: Laufen lassen

statt überfordern, S. 25). Diskussionen,

die an die Einsicht des Kranken

appellieren, sind fruchtlos und

überflüssig. Sein Verstand kann

nicht einsehen, was man von ihm

will. Seine Entscheidungsspielräume

sind eingeengt, er kann nicht

mehr überlegt reagieren und einsichtig

handeln. Der Kranke spürt

wahrscheinlich nur noch zwei

Möglichkeiten einer Entscheidung:

• unangenehm, stressig, druckvoll,

das kann ich nicht

• angenehm, angst- und stressfrei,

kein Druck und ohne Leistungsverlangen

Es ist deshalb richtig, z.B. Auseinandersetzungen

bei der morgendlichen

Bekleidungswahl und ähnlichen

Wahlsituationen dadurch aus

dem Weg zu gehen, dass man den

Wünschen des Kranken einfach

größeren Raum lässt.

Achtung,

Gefahren beim Autofahren (!)

Unnachgiebig muss man jedoch als

Pflegender überall dort sein, wo

Gesundheits- und Lebensgefahr

bestehen kann. Autofahren verlangt

neben voller Konzentration

auf den Straßenverkehr, dass zahlreiche

miteinander vernetzte große

und kleine Entscheidungen getroffen

werden - das übersteigt die

Fähigkeiten des Kranken bei weitem;

er darf nicht mehr am Steuer

sitzen. Nachgeben würde höchste

Gefahr für ihn und andere Verkehrsteilnehmer

bedeuten.

27


Vieles bleibt besser beim Alten …

Demenzkranke haben größere Probleme,

sich zeitlich und örtlich zurechtzufinden.

Es ist deshalb für

den Kranken nicht gut, in wechselnde

Situationen gezwungen zu

werden. Für den Kranken sind

Neuerungen keine erwünschte Abwechslung,

sondern beängstigende

Verunsicherung. Mal was Neues

ausprobieren kann zu überraschenden

Reaktionen und Problemen

führen. Überall, wo sich etwas z.B.

an Wohnungseinrichtungen oder

gewohnten Handlungsabläufen

ändert, entsteht ein Stück Angst,

Sorge und Unsicherheit für den

Kranken. Wird Platz für einen anderen

geschaffen, was geschieht

hier bloß? Was sind das für Gegenstände?

Ich kenne sie nicht. Es sollte

also gut überlegt werden, ob

sich eine Änderung für den Kranken

auszahlt und ob man als Betreuer

sich damit nicht mehr Probleme

als Nutzen einhandelt.

Feste Gewohnheiten und

einfache Regeln sind

Sicherheitsgurte für Kranke

Alles, was dem Kranken Vertrauen

und Sicherheit geben kann, ist

grundsätzlich gut. Feste Regeln für

den Tagesablauf helfen dem Pflegebedürftigen,

den Tag in den Griff

zu bekommen. Feste Zeiten für das

Aufstehen und Zubettgehen, für

Mahlzeiten, für das Waschen usw.

können es dem Pflegenden ersparen,

immer wieder neu begründen

zu müssen, warum z.B. gerade jetzt

gebadet werden muss. Das Gleichmaß

von Abläufen trägt zur Beruhigung

der Kranken bei, sie spüren

oft, dass sie wiederkehrende Handlungen

leichter bewältigen können

- sie brauchen sich nicht gestresst

zu fühlen. Dies lässt sich auch dadurch

unterstützen, dass wiederkehrende

Handlungsabläufe immer

wieder mit komfortablen und entspannenden

Erfahrungen gekoppelt

werden: Beim Baden kann z.B.

eine Rückenmassage als angenehm

empfunden werden, nach dem

Essen kann ein Spaziergang oder

Schlaf angebracht sein. Meist erkennen

gerade Familienangehörige

leichter, was den Pflegebedürftigen

entspannt und was ihm wohl tut.

Diese Erkenntnisse für die Erleichterung

des Tagesablaufs bewusst

einzusetzen, tut deshalb allen wohl.

Sanft aktivieren,

nicht ins Bett abschieben

Demenzkranke schützen sich -

meist bei fortgeschrittener Krankheit

- durch auffällige Untätigkeit

vor Situationen, die sie als zu stressig

empfinden.

Es kann durchaus richtig sein, ihnen

diese Ruhepausen zu gewähren.

Aber sie nun ins Bett abzuschieben,

würde ihnen nicht dienen.

28


Viel lohnender ist es, die Kranken

zu aktivieren. Das ist oft leichter als

man denkt, weil viele Fähigkeiten

sehr lange erhalten bleiben - z.B.

das Gefühl für Rhythmus und Bewegung

oder die Fähigkeit etwas

zu tun, was nur wenig Konzentration

erfordert. Es ist also möglich, die

Kranken mit Musik zu erfreuen und

zu aktivieren - bis hin zum gemeinsamen

Singen oder einem kleinen

Tänzchen. Besonders bei Melodien

aus der Jugendzeit reagieren sie oft

mit sichtbarer Freude und Lebenslust.

Aufgaben - das gute Gefühl,

gebraucht zu werden

Kleine Haushaltspflichten können

durchaus übertragen werden. Die

Kranken widmen sich ihnen oft

sehr gern, weil sie genau spüren,

dass sie sich nützlich machen und

gebraucht werden. Vom Silberputzen

bis zum Häkeln, vom Unkrautjäten

bis zum Staubwischen, vom

Zusammenlegen der Wäsche bis

zum Gemüseputzen kann es sehr

viele Tätigkeiten geben, die der

Kranke dankbar annimmt und gern

verrichtet. Natürlich wird jede Familie

zu unterschiedlichen Erkenntnissen

und Beschäftigungsarten

kommen. Das hängt vom Befinden

des Kranken, seinen früheren Gewohnheiten

und anderem ab. Entscheidend

ist allein, dass der Kranke

bewusst und aktiv ins Alltagsleben

gehört. Natürlich wird das nicht

ohne Probleme abgehen können -

man muss als Pflegender damit

leben lernen, dass manche anfänglich

gut gelöste Aufgaben vom

Kranken plötzlich nicht mehr bewältigt

werden. Die Maßstäbe von

Gesunden lassen sich eben nie anlegen.

Zur Aktivierung gehören

natürlich auch Dinge, die z.B. die

Erinnerung aktivieren. Fotoalben

werden meist sehr gern betrachtet,

weil sie eine sichtbare Verbindung

zu früher herstellen. Kaffeeklatsch,

Ausflüge, Schaufensterbummel,

Einkaufen - all dies sind aktivierende

Maßnahmen, die dem Kranken

oft erkennbar wohl tun. Auch manche

einfachen Spiele mit Steinen

oder Karten können durchaus faszinieren,

auch wenn dabei nur Bilder

angeschaut, Steine nur geordnet

werden.

Manche Familien haben z.B. zu

ihrer eigenen Verblüffung entdeckt,

dass ihr Pflegebedürftiger in der

Lage ist, Topflappen für eine Tombola

zu häkeln oder Binden für eine

Leprasammlung zu fertigen. Die

daraus resultierende Anerkennung

tut dem Kranken besonders wohl

und hellt den Tag auf. Eigentlich

gibt es für all dies nur einen Rat:

Man soll keinen Versuch scheuen,

den Kranken angemessen zu beschäftigen

und ihm positive Reize

zu vermitteln. Musikhören und

Fernsehen können dabei sehr hilfreich

sein. Wer dem Kranken dafür

Kopfhörer geben kann, vermag sich

29


mitunter auch als Pflegender ein

paar ruhige Minuten zu verschaffen.

Es lohnt sich, von den Erzählungen

aus der Vergangenheit des Kranken

aktivierende Tätigkeiten für die

Gegenwart abzuleiten. Wer z.B.

früher gern mit Schreibmaterial und

Papier umgegangen ist, wird das

wahrscheinlich auch als Kranker

lieber tun als Unkraut zu jäten. Wer

gern gereist ist, wird Freude an

Bildbänden haben usw. Ausprobieren

und anbieten sollte man deshalb

ruhig fast jede Beschäftigung.

Hauptsache, sie ist nicht zu kompliziert,

lässt Pausen zu und löst angenehme

Gefühle aus oder weckt

schöne Erinnerungen. Kranke wissen

oft erstaunlich genau, ob ihre

Beschäftigung sinnvoll ist. Wer z.B.

im Sommer einfriert und die Beuteletiketten

sauber mit dem Obstnamen

beschriften lässt, wird am

Echo des Kranken erkennen: Das ist

als sinnvoll erkannt. Als Betreuer

sollte man sich auch immer wieder

klar machen, dass Beschäftigung

nicht nur die Aufmerksamkeit des

Pflegebedürftigen bindet und damit

den Pfleger entlastet, vielmehr

gibt Beschäftigung dem Leben des

Kranken mehr Sinn.

30


Pflegende müssen auf

sich Acht geben!

Viele Pflegende übernehmen

sich jeden Tag

Sie betreuen einen - meist geliebten

- Menschen, der vor ihren Augen

verfällt. Das allein ist schon

anstrengend genug. Aber auch die

dauernde Gespanntheit, mit der

man auf nächtliches Herumirren

achtet oder die häufig unterbrochene

Nachtruhe kosten enorm viel

körperliche Kraft. Da kann es sein,

dass man sich Luft machen und

losschreien möchte - und hält sich

doch mühsam zurück. Viele Pflegende

fühlen sich hilflos in dieser

Situation. Dazu kommt, dass manche

der Pflegenden oft ein schlechtes

Gewissen haben. Sie fragen

sich, ob sie genug tun, sie bringen

sich in einen enormen Leistungsstress.

Oft glauben sie, sich nicht

eingestehen zu dürfen, dass sie am

Rande ihrer Kraft sind. Sie nehmen

ihre Tätigkeit als Pflegender nicht

als das an, was sie ist - ein schwerer

Beruf (aber mit nun einmal vorhandenen

Grenzen), sondern bürden

sich unerfüllbare Leistungsziele auf.

Jeder, der Angehörige pflegt, muss

erkennen, dass eine solche Aufgabe

Ausgleich und Entlastung braucht.

Ein schlechtes Gewissen gegenüber

dem Kranken muss dabei zurückgestellt

werden. Sonst gibt es zwei

Kranke: den Demenzkranken und

seinen überforderten Pflegenden.

Es gibt also gute Gründe, dieses

Kapitel aufmerksam zu lesen, damit

es beim Entlasten helfen kann.

Wenn der Geduldsfaden

einmal reißt...

Das passiert jedem Pflegenden von

Demenzkranken: Irgendein womöglich

nichtiger Anlass bringt das

Fass zum Überlaufen. Man explodiert,

beschuldigt den Kranken,

schreit ihn an, beschimpft ihn -

und ist oft hinterher völlig mit den

Nerven runter. Denn der Verstand

sagt einem natürlich, dass der

Kranke kein Gesunder ist, sondern

als Kranker besondere Rücksicht

verdient. Aber der Knall bleibt

trotzdem nicht aus.

Diese Situation ist so typisch für

anstrengende Pflege, dass darin

gleich eine Entschuldigung liegt.

Kein Mensch kann ständig unter

Hochspannung leben und Reaktionen

auf Verhaltensweisen völlig

unterdrücken, die unter Gesunden

längst zu einem lauten Streit geführt

hätten. Wer sich jetzt beständige

Vorwürfe macht und-Achtung!

- zum Ausgleich den Kranken noch

intensiver pflegt und betreut, der

setzt ein teuflisches Karussell in

Bewegung: Nun wird der Stress für

den Pflegenden noch härter, die

Wahrscheinlichkeit wird größer,

31


dass bald wieder der Geduldsfaden

reißt. Danach wächst der selbst

auferlegte Stress, um den Streit

auszugleichen...usw.

Belastungsgrenzen ohne

schlechtes Gewissen einhalten

Jeder Pflegende muss sich als

Mensch annehmen, der irgendwo

eine Belastungsgrenze hat. Natürlich

ist ein Anschreien des Kranken

nicht gut - aber es ist manchmal

auch das einzige Ventil des überanstrengten

Pflegers gegenüber einem

krank machenden Überdruck

und übersteigerter Selbstdisziplin.

Deshalb sollte niemand eine solche

Situation tragischer nehmen, als sie

ist. Man muss lernen auch damit zu

leben. Am sinnvollsten ist es, sich

danach bewusst weniger und nicht

noch mehr Arbeit aufzupacken.

Denn der gerissene Geduldsfaden

ist ein deutliches Zeichen für Überlastung

und Stress.

Warnsignal Aussichtslosigkeit

Wer in die Zukunft schaut und dort

nur Grau-in-Grau entdecken kann,

muss dies als Warnsignal sehen.

Wer für sich keine guten Aussichten

mehr sieht, muss das ernst nehmen.

Wer immer wieder verstimmt

ist oder depressiv wird, muss sich in

ärztliche Behandlung begeben.

Denn diese Signale der Seele strahlen

auch in den Körper aus: Wer

keine Perspektive hat, der wird bald

krank an Leib und Seele, wie es der

Volksmund so treffend ausdrückt.

Was kann dagegen getan werden?

Der überforderte Pflegende wird

behaupten, dass es ihm deshalb so

schlecht gehe, weil sich an seiner

Situation nichts ändern ließe. Dieser

Ansicht muss entschieden widersprochen

werden. Was nun

wirklich wichtig wird, ist der Kontakt

nach draußen - zu alten Freunden,

zu neuen Bekannten, zu neuen

Anregungen, zu stunden- oder

gar zu tageweisen Entlastungen.

Der Kontakt zu anderen Menschen

wird jetzt lebenswichtig. Abwechslung

und Entlastung müssen für

den Pflegenden geschaffen werden.

Dabei geht es darum, freie

Stunden zu erwirtschaften.

Entspannung statt Dauerstress

Ein stressgeplagter Pflegender entlastet

sich wirkungsvoll, wenn bewusst

alles angestrebt wird, was zu

Entspannung führt. Dabei ist es -

wie bei der Urlaubsplanung - angebracht,

das Gegenteil des Alltags zu

erleben:

• Bewegung in frischer Luft statt

Bewegungsarmut im Haus

• Begegnungen mit vielen Menschen

statt Konzentration auf

einen einzigen

32


• Unterwegs sein statt daheim

bleiben

• Anspruchsvollere Gespräche statt

ermatteten Schweigens

• Naturkontakt statt Fernsehen

Das bedeutet allerdings auch, dass

man den Kranken bei einem anderen

Betreuer parkt. Das ist kein

herzloses Im-Stich-Lassen, sondern

pure Notwendigkeit. Es ist

die Voraussetzung dafür, einige

Stunden der Entspannung zu genießen

und sich mit anderen Eindrücken

positiv aufzuladen.

Ein Muss:

freie Stunden - freie Tage

Es geht kein Weg daran vorbei:

Freizeit muss sein. Ein pflegender

Angehöriger muss darauf achten,

für seine pflegerische Verantwortung

fit zu bleiben. Deshalb sollte

ein ganzer Tag und möglichst eine

ganze Nacht in der Woche frei

sein. Das geht oft nur mit Hilfe der

eigenen Familie, wo man seine

Ansprüche auf freie Zeit meist

ganz konsequent durchsetzen

muss. Selten genug sind z.B. Sozialstationen

oder Tagesambulanzen

verfügbar. Und noch seltener ist

Personal frei, fast nie ausgebildete

Kräfte. Es lohnt sich, auf die Hilfe

des betreuenden Arztes zurückzugreifen,

der mitunter Adressen

von Institutionen oder Menschen

benennen kann, die als Helfer auf

Zeit einspringen können. Der Hinweis

auf die Notwendigkeit einer

eigenen aktiven Freizeit ist angebracht.

Da Pflegende durch ihre

Pflegebedürftigen an die Wohnung

gebunden sind, brauchen

sie körperliches Training zum Ausgleich.

Dafür bieten sich z.B. Gymnastikkurse,

Schwimmvereine u.Ä.

an.

Entspannungstechniken

lohnen sich

Autogenes Training oder andere

entspannende Techniken können

Pflegenden ganz entscheidend

dabei helfen, mit dem Alltag besser

fertig zu werden. Autogenes

Training z.B. befähigt dazu, in allerkürzester

Zeit - etwa in 3 bis 5

Minuten - in eine Art kontrollierten

Tiefschlaf zu versinken und

völlig erfrischt wieder aufzuwachen.

Auch zum Abbau von Stress,

zum Selbstdisziplinieren usw. eignet

sich das autogene Training.

Solche Techniken kann man meist

in Volkshochschulen lernen. Auch

Fachärzte (z.B. Psychosomatiker)

führen mitunter Kurse durch. Um

das autogene Training zu erlernen,

braucht man meist einige Wochen.

Danach hilft diese, beinahe einer

Selbsthypnose ähnelnde Technik

oft dabei, nicht nur die körperliche

Belastung zu mindern, sondern

auch die Psyche des Pflegenden zu

entlasten. Es gibt keine Altersgrenze

33


für das Erlernen dieser Techniken.

Fast jeder kann jederzeit einsteigen.

Unterstützung

durch Selbsthilfegruppen

Es muss leider gesagt werden: Sehr

häufig sind Helfer kaum aufzutreiben.

Dennoch kann kein in der Familie

Pflegender auf Kontakte, z.B.

zu Sozialstationen, Tagesambulanzen

usw. verzichten.

Adressen entsprechender öffentlich-rechtlicher

Institutionen erhält

man nicht nur über seinen Arzt,

sondern auch über die Krankenkasse,

den Sozialpsychiatrischen

Dienst oder den Sozialdienst im

(psychiatrischen) Krankenhaus.

Weiterhelfen können auch regionale

Alzheimer Gesellschaften und

Angehörigengruppen. Eine aktuelle

Adressliste der Angehörigengruppen

kann man im Internet bei der

Hirnliga e.V. (www.hirnliga.de)

finden

oder bei der

Hirnliga e.V.

Geschäftstelle

Postfach 1366 • 51657 Wiehl

gegen Einsendung eines adressierten

und mit € 0,55 frankierten

DIN-lang-Umschlages anfordern.

Die Deutsche Alzheimer

Gesellschaft e.V. hat das

„Alzheimer-Telefon“

eingerichtet und berät zu

allen Fragen im Zusammenhang

mit Demenzerkrankungen

unter der Nummer

01803 - 171017

montags bis donnerstags

in der Zeit von 9.00 bis

18.00 Uhr und freitags von

9.00 bis 15.00 Uhr

für 9 Cent pro Minute.

34


Qualität von

Pflegeheimen

Es kann sich die Situation ergeben,

dass die Pflegeverhältnisse in der

Familie untragbar werden. Dann

muss ein Heim gesucht werden.

Natürlich sollte es in erreichbarer

Entfernung liegen. Dazu kommen

jedoch weitere Punkte, die geprüft

werden müssen, um die Qualität

des Pflegeheims zu erkennen.

Aktivierende Pflege

Ist das Heim ein liebloses Abstellgleis

- oder wird der Kranke tagsüber

angekleidet, verlässt er sein

Bett (auch wenn er nur in einen

Pflegestuhl umzieht) und wird er

immer wieder aktiv angesprochen?

Oder muss man damit rechnen,

dass er infolge von Reizarmut depressiv

wird?

Ganzheitliche Pflege

Wird dem Kranken ganzheitliche

Aufmerksamkeit zuteil - also auch

Handhalten, Zuhören, Ansprechen?

Überdurchschnittliches Interesse

Interessiert sich das Heim für die

Person des Kranken, seine Vorgeschichte,

seinen Beruf, seine Vorlieben

und Neigungen. Will es wissen,

was ihn erfreut (damit kann man

ihn später im Heim motivieren)?

Fragt das Heim nach den speziellen

familiären Pflegeerfahrungen (was

hat sich bewährt, was löst Unruhe

aus)?

Mehr als Routine

Gibt es einen klaren Tagesablauf

mit wiederkehrenden Ereignissen,

welche die zeitliche Orientierung

erleichtern? Kann dennoch flexibel

auf Bedürfnisse des Pflegebedürftigen

eingegangen werden? Gibt es

Beschäftigungstherapie, Krankengymnastik,

Kunsttherapie, Musikhören,

gemeinsames Singen,

Ausflüge? Ist ein Garten da, der

weglaufsicher ist und deshalb einen

gewissen Freiraum bietet? Gibt es

z.B. per Kleinbus Kontakte nach

draußen? Gibt es Angehörigen-

Gesprächskreise, deren Anregungen

auch aufgegriffen werden -

oder gelten sie als Einmischung?

35


Personalsituation

Wie viel Fach- und Hilfskräfte sind

tatsächlich nachts, mittags, abends

auf der Station? Wie groß ist der

Personalwechsel (eventuell andere

Angehörige fragen) - solche Einzelheiten

können ein Hinweis auf die

Qualität der Personalführung und

der Heimatmosphäre sein.

Können z.B. eigene Möbel mitgebracht

werden, hat das Heim mehr

Wohn- oder Krankenhaus-Charakter?

Können Tiere (Kanarienvogel,

Goldfisch o.Ä.) mitgebracht werden?

Diese Auflistung ist nicht vollständig.

Auch beschreibt sie in Teilen

einen Idealzustand, der aufgrund

des katastrophalen Pflegekräftemangels

nur selten anzutreffen ist.

Aber es lohnt sich in jedem Fall, mit

der Pflegeheimleitung zu diskutieren

und fordernde Fragen zu stellen.

Für den Kranken bedeutet es in

jedem Fall ein nützliches Engagement.

Fachmännische Betreuung

Werden wichtige Informationen

über den Kranken schriftlich festgehalten

und bei Schichtwechsel

übergeben, damit jeder Pfleger/jeder

Arzt zu jedem Zeitpunkt weiß,

was in den letzten Stunden geschah?

Wie ist die ärztliche Versorgung?

(Hinweis: Der Kranke hat

das Recht auf freie Arztwahl. Das

bedeutet, dass der Arzt des eigenen

Vertrauens ins Heim kommen

kann!)

Persönlicher Komfort

36


VII

Rechtliche und

andere Tipps

Auch für Demenzkranke gelten die

rechts- und sozialstaatlichen

Grundsätze. Sie haben bestimmte

Rechte, für sie gelten Kostenübernahmeregeln,

Pflegevorschriften

usw. Um sich im Gewirr von Bundes-,

Landes- und örtlichen Vorschriften

zurechtzufinden, ist es

sehr empfehlenswert, engen Kontakt

zur Krankenkasse zu suchen.

Dort weiß man genau, wann wo

welche Anträge einzureichen sind,

damit Kosten übernommen/erstattet

werden können - außer den

Kassen beteiligen sich oft auch Gesundheits-

und/oder Versorgungsamt.

In dieser Broschüre können

dazu kaum konkrete Hinweise gegeben

werden, weil sich die Einzelheiten

von Bundesland zu Bundesland

erheblich unterscheiden

können.

Der individuelle Weg:

die Betreuung

Die Unfähigkeit des Demenzkranken,

für sich selbst zu sorgen,

wurde früher vielfach mit einer Entmündigung

oder einer Gebrechlichkeitspflegeschaft

beantwortet.

Um den Menschen in seiner Freiheit

weniger einzuschränken wurde

als „Modell der Personensorge für

37

Volljährige“ die „Betreuung“ geschaffen.

Der zur Einrichtung einer

Betreuung notwendige Behördenakt

wird durch einen Antrag in

Gang gesetzt. Das Vormundschaftsgericht

prüft danach im

Einzelfall die Notwendigkeit der

Einrichtung einer Betreuung. Ein

Betreuer darf nur für Aufgabenkreise

bestellt werden, in denen die

Betreuung erforderlich ist. Die

Betreuung ist nicht erforderlich,

soweit Angelegenheiten des Volljährigen

durch einen Bevollmächtigten

oder durch andere Hilfen

ebenso gut besorgt werden können.

Bei einer Betreuung über Vermögensangelegenheiten

werden

nur finanzielle Angelegenheiten der

Fürsorge des Betreuers unterworfen.

Besonders schwerwiegende

Entscheidungen des Betreuers über

ärztliche Heileingriffe oder die Unterbringung

des Betreuten bedürfen

der Genehmigung des Vormundschaftsgerichts.

Fragen zur

Betreuung kann am besten, neben

spezialisierten Rechtsanwälten, ein

Vormundschaftsgericht beim Amtsgericht

beantworten.

Stellen, die mit Auskünften oder

auch ganz praktisch weiterhelfen

Vielfach gibt es bei Kreisbehörden,

bei Städten und Gemeinden Beratungs-

und Betreuungsstellen für

ältere und/oder behinderte Bürger.

Sie können viele nützliche Auskünf-


te geben. Dies trifft auch auf die

Wohlfahrtsverbände zu, wie z.B.:

• Deutsches Rotes Kreuz

• Caritas

• Deutscher Paritätischer

Wohlfahrtsverband

• Diakonisches Werk

• Malteser und Johanniter

Pflegeversicherung

Die Pflege von Demenzkranken

kann durch Mittel aus der Pflegeversicherung

unterstützt werden.

Um die Mittel zu erhalten, sind

allerdings eine Reihe von Voraussetzungen

zu erfüllen. Die erste

Bedingung ist eine länger als 6 Monate

dauernde Pflegebedürftigkeit.

Sie wird von Demenzkranken erfüllt.

Die Pflegebedürftigkeit muss

aber auch erheblich und in höherem

Maße bestehen. Hier ergeben

sich im Alltag größere Schwierigkeiten

die Voraussetzungen zu erfüllen,

da bei der Entwicklung der

Pflegeversicherung keine Demenzfachleute

mitgewirkt haben.

„Pflege“ ist durch die Pflegeversicherung

mehr als „körperliche Pflege“

definiert. Zwar ist bei Demenzkranken

durch die Gedächtnis- und

Orientierungsstörungen ein viel

höherer Pflegeaufwand für die

nicht körperliche Pflege zu betreiben,

dieser wird aber durch die

Pflegeversicherung nur unzureichend

berücksichtigt. Welche Leistungen

von der Pflegeversicherung

zu erwarten sind, ist nachfolgender

Tabelle zu entnehmen.

Leistungen nach der Pflegeversicherung in Euro/Monat

Leistung Pflegestufe 1 Pflegestufe 2 Pflegestufe 3 Härtefall

Pflegegeld 205 410 665

Häusliche Pflege 384 921 1432 1918

Tages- oder Nachtpflege 384 921 1432

Stationäre Pflege 1023 1279 1432 1688

Zum Verbrauch bestimmte Pflegemittel jeweils 31

Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfeldes: je Maßnahme 2557

Verhinderungspflege max. 28 Tage im Kalenderjahr 1432

Kurzzeitpflege max. 28 Tage im Kalenderjahr 1432

Zusätzliche Betreuungsleistungen im Kalenderjahr 460

38


Wie leicht ersichtlich, wird durch

die Pflegeversicherung allenfalls ein

Zuschuss zur Pflegeleistung zur

Verfügung gestellt. Zum Teil erhebliche

zusätzliche Eigenleistungen

sind erforderlich.

Eine ausführliche Darstellung rechtlicher

und finanzieller Möglichkeiten

zur Pflege von demenzkranken

Menschen finden sich im Ratgeber

„Recht und Finanzen“ der Deutschen

Alzheimer Gesellschaft e.V.

(erhältlich bei der Deutschen Alzheimer

Gesellschaft e.V.,

Friedrichstr. 236, 10969 Berlin).

Wer haftet bei Schäden?

Demenzkranke sind in aller Regel

nicht in der Lage, Haftungs- und

Versicherungsfragen selbständig zu

regeln. Deshalb ist ein Blick auf die

individuelle Versicherungssituation

unabdingbar. Dabei sind feine Unterschiede,

die von Versicherern

gemacht werden, ganz genau zu

beachten. Ein klärendes Gespräch

mit dem zuständigen Versicherungsvertreter

oder seiner Filialdirektion

empfiehlt sich dringend!

Zu klären ist, wer für Schäden aufkommt,

die der Kranke verursacht

hat (z.B. Herdplatte nicht ausgeschaltet,

danach Brandschaden).

Muss das die Versicherung des

Kranken, die des pflegenden Angehörigen

oder ein ganz anderer bezahlen?

Das ist nicht einfach zu beantworten,

weil die Rechtslage ganz unterschiedlich

sein kann - hierzu drei

Beispiele:

1. Der Kranke lebt allein,

er steht nicht unter Betreuung

Im Schadensfall prüft der Versicherer,

ob der Kranke deliktsfähig ist.

Wenn ja, zahlt seine Haftpflichtversicherung.

Wenn nein - zahlt die

Versicherung nicht. Der Geschädigte

bekommt keinen Ersatz.

2. Der Kranke lebt mit einem

Betreuenden zusammen,

es besteht keine gerichtlich

bestellte Betreuung

Der Betreuende haftet in keinem

Fall. Der Kranke wird, wie unter 1.

ausgeführt, als deliktsfähig oder

nicht deliktsfähig eingestuft. Danach

entscheidet sich die Zahlungspflicht

des Versicherers.

3. Der Kranke steht unter

gerichtlich bestellter Betreuung

Der Kranke haftet, wenn seine Deliktsfähigkeit

zu bejahen ist. Der

Betreuer haftet für den Fall einer

Aufsichtspflichtverletzung. Hat er

eine Haftpflichtversicherung zahlt

diese im Haftungsfall.

39


Die Hirnliga e.V.

Im Gründungsjahr der Hirnliga e.V.

1986 war “Alzheimer“ nur ein Thema

für Fachleute. Die Gründer des Vereins

mussten als Ärzte tagtäglich

erfahren, welche großen Defizite nicht

nur in der Forschung, sondern gerade

auch bei der Behandlung und Versorgung

von Alzheimer-Kranken

bestanden und wie groß die Nöte

der sie pflegenden Angehörigen

waren.

So wurde von der Hirnliga e.V. der

erste deutschsprachige Angehörigen-Ratgeber,

den Sie gerade in

der Hand halten - "Mit neuem Mut

Demenzkranke betreuen" geschrieben

und herausgegeben. Mehr als

hunderttausend kostenlose Exemplare

haben seitdem vielen Menschen

mit Rat zur Seite gestanden.

Er gilt inzwischen als Standardwerk

in der Beratung.

Mit Beginn der neunziger Jahre

wurde insbesondere die Bundespolitik

regelmäßig in Form von parlamentarischen

Abenden, Briefen

und Treffen über die Erkrankung,

die mit ihr verbundenen Probleme

und die zu erwartende Entwicklung

informiert. Die Hirnliga e.V. war bei

Anhörungen im Deutschen Bundestag

vertreten.

Um mehr politischen Druck zu erzeugen,

hat die Hirnliga e.V. ein

Aktionsbündnis, die AlzheimerAktion.de,

initiiert und organisiert und

u.a. eine Unterschriftenaktion zur

Bundestagswahl 2002 durchgeführt.

Nach der Wiedervereinigung führte

die Hirnliga e.V. gezielt in den

neuen Ländern Informationsveranstaltungen

durch, um das Thema

öffentlich zu machen und in der

DDR nicht erwünschte Selbsthilfestrukturen

mit zu initiieren. Wie die

Entwicklung mancher ostdeutscher

Landesverbände zeigt, ein erfolgreiches

Engagement.

Mehr als 50.000 Menschen haben

unterschrieben, auch viele Persön-

40


lichkeiten aus Kunst, Kultur und

den Medien haben sich beteiligt.

Neben dieser gesellschafts- und

sozialpolitischen Arbeit hat die

Hirnliga e.V. seit ihrer Gründung als

erste gemeinnützige Organisation

Geld für die Alzheimerforschung

gesammelt.

Der Vorstand und wissenschaftliche

Beirat setzen sich aus renommierten,

international anerkannten

Wissenschaftlern und Ärzten zusammen,

die seit langem in der

Alzheimer-Forschung tätig sind.

Dabei war und ist es das Ziel der

Forschungsförderung, insbesondere

junge Wissenschaftler mit

innovativen Ideen außerhalb der

eingetretenen „Forschungswege“

zu unterstützen, denn es gibt viele

aussichtsreiche Forschungsansätze,

die von der kommerziellen Pharmaforschung

nicht bearbeitet werden.

Seit 1986 wurden 64 Forschungsprojekte

mit Spenden aus der Bevölkerung

und der Industrie erfolgreich

gefördert.

Mit dem seit 1993 verliehenen

Hirnliga-Forschungspreis fördert

die Hirnliga e.V. mit dem Preisgeld

von € 12.000,- direkt die Arbeit

der Forscher. Außerdem wirkt der

Preis über die Anerkennung, die

öffentliche Darstellung und

Berichterstattung für die Forscher

und die Forschung vielfältig weiter.

Dank der großzügigen Unterstützung

von Frau Trude-Lotte Steinberg-Krupp

verleiht die Hirnliga

e.V. jährlich einen mit € 5.000,-

dotierten Forschungspreis zur Förderung

junger Forscher/Innen.

Trotz aller Bemühungen ist die finanzielle

Situation nicht nur der

Hirnliga e.V. sondern der deutschen

Alzheimer-Forschung insgesamt

unbefriedigend. Die öffentlichen

Kassen sind bekanntlich

leer, deshalb brauchen die Alzheimerforscher

dringend die Unterstützung

vieler Menschen in unserem

Land.

Die Hirnliga e.V. ist als gemeinnützig

anerkannt, damit sind die

Spenden von der Steuer absetzbar.

Spenden kommen ohne Verwaltungskosten

zu 100 Prozent der

Forschung zu Gute.

Helfen Sie mit, unterstützen Sie die

Arbeit der Hirnliga mit einer Spende

oder Ihrer Fördermitgliedschaft.

Bankverbindung der Hirnliga e.V.:

Deutsche Bank AG, Karlsruhe

BLZ: 660 700 04

Konto-Nr.: 036 706 009

Weitere Informationen unter:

www.hirnliga.de

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Diagnose Alzheimer:

Helmut Zacharias

Der Name Helmut Zacharias ist seit

Jahrzehnten nicht nur in Deutschland

ein Begriff. Mit seiner romantischen

Musik hat er Millionen Herzen

froh und glücklich gemacht.

Seit längerem litt der Anfang 2002

verstorbene berühmte Musiker wie

1 Million andere Deutsche an der

Alzheimer-Krankheit.

Das Buch ”Diagnose Alzheimer:

Helmut Zacharias”, geschrieben von

seiner Tochter Sylvia, dokumentiert

die Veränderungen des Verhaltens

des großen Musikers im Verlauf der

Krankheit und die Hilflosigkeit seiner

Familie. Es zeigt, wie allein gelassen

Angehörige sind, wenn Ärzte

schweigen und wenn sie keinen

Zugang zu Hilfsangeboten oder

Informationsquellen haben.

”Helmut Zacharias hat Millionen

Menschen Freude bereitet. Wir

hoffen, dass sein guter Name jetzt

mithilft, die Situation der Alzheimerkranken

und ihrer Angehörigen

zu verbessern – ich weiß genau,

das hätte er sich auch gewünscht”,

so seine Frau Hella Zacharias.

Das 102 Seiten umfassende Buch,

enthält neben dem Bericht über

Helmut Zacharias auf 14 Seiten

einige bislang unveröffentlichte

Photos der Famile. Der Erlös aus

dem Verkauf des Buches wird von

der Familie Zacharias der Erforschung

der Alzheimer-Krankheit

zur Verfügung gestellt.

Das Buch ist zum Preis von € 10,-

inkl. Versandkosten erhältlich bei

Hirnliga e.V • Geschäftsstelle

Postfach 1366 • 51657 Wiehl

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