Text (pdf) - von Katharina Mommsen

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Blutrache bei Goethe?

Von KATHARINA MOMMSEN, Stanford

Ein bedeutendes Werk arabischer Dichtkunst, von dem Goethe in der

Epoche des West-östlichen Divans Kenntnis nahm, ist die Hamassa, die

reichste Sammlung arabischer Poesie und eine der ältesten. Diese Anthologie

wurde im 9. Jahrhundert von dem Dichter Abu Taman zusammengestellt,

der aus einer großen Menge handschriftlicher Quellen Gedichte

und Lieder auswählte und in zehn Bücher einteilte. Den Titel Hamassa,

d. h. Tapferkeit, gab er dem ersten und größten Buch der Anthologie. Es

enthält die schönsten Heldenlieder aus vor- und frühislamischer Zeit. In

den andern Büchern finden sich Totenklagen, Sittensprüche, Liebes- und

Schmählieder, Scherzlieder und Satiren auf Frauen, Hymnen auf Gastfreundschaft

und ritterliche Ehre.

Über Abu Taman und die Hamassa machte Goethe sich folgende

Notizen aus Herbelots Bibliotheque orientale von 1697, die er wiederholt

aus der Weimarer Bibliothek entlieh:

Abu Taman

geb. 190 Heg[ire]

gest. 231

Unsrer Aera 845.

Divan

AI-Hamassah I

Ob Goethe sich genauer mit dem Werk befaßt hat, läßt sich allerdings nicht

mehr feststellen. Einen produktiven Einfluß hat jedenfalls, soweit ich sehe,

nur ein einziges Stück aus der Sammlung auf den Dichter ausgeübt. Es

handelt sich dabei um eins der allerberühmtesten und meist übersetzten

arabischen Gedichte 2 : das Vergeltungslied des heldischen Dichters

Taabbata Scharran 3 , der hier selber auftritt als Rächer seines Oheims, des

Goethe, West-östlicher Divan. Akademie-Ausgabe (im Folgenden zitiert: AA) [Bd.] 3.

Paralipomena. Bearbeiter des Bandes Ernst Grumach. Berlin 1952, S. 89: Paralipomenon

108. - Goethe schrieb die Stichworte auf der Rückseite einer Theaterabrechnung des Sekretärs

Eylenstein vom 20. August 1814 nieder. Noch eine weitere Notiz, in der "Abou Taman"

erwähnt wird, findet sich auf der Rückseite einer Theaterabrechnung vom 13. August 1814

(Ebd., Paralipomenon 109): "Bakhteri. ! Zeitgenosse des Abou-Taman. I Stirbt. 208

Heg[ire]".

2 Arabische Literaturgeschichte, dargestellt von Hamilton A. R. Gibb und Jacob M.

Landau. Zürich 1968, S. 43 . (Das Werk im Folgenden zitiert: Gibb.)

3 Sein voller Name wird angegeben als: Taabbata Scharran Tabit ben Gabir al-Fahmi.


344 Katharina Mommsen

Bruders seiner Mutter Amina, welcher in blutigen Fehden mit seinen Stammesgenossen

von Hudheil erschlagen worden war. Der Eindruck des Blutrache-Gesangs

auf Goethe war so stark, daß er es übersetzte und innerhalb

des "Araber" -Kapitels der Noten und Abhandlungen veröffentlichte und

kommentierte.

Wann und wo Goethe dem Rachelied erstmals begegnete, läßt sich nicht

mehr ausmachen. Er selber konnte sich dessen nicht mehr entsinnen und

vermutete, er habe es innerhalb einer Länderbeschreibung in prosaischer

Fassung gefunden und danach in eine rhythmisierte Form gebracht. Später,

vermutlich mehrere Jahre nach der ersten Begegnung mit dem Lied, als

Goethe die Noten und Abhandlungen ausarbeitete, besann er sich auf den

Text. Er erschien ihm offenbar besonders geeignet, um deutschen Lesern

des West-östlichen Divans eine Vorstellung von arabischer Dichtkunst zu

geben. Jedenfalls wandte der Dichter sich am 23. September 1818 an den

Jenaer Professor J. G. L. Kosegarten, seinen orientalistischen Berater bei

den abschließenden Arbeiten zum Divan, mit der folgenden Anfrage:

[ ... ] Zugleich nehme ich mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, beigehendes

Gedicht gefällig anzusehen. Ich habe es in irgend einer Reisebeschreibung

prosaisch gefunden und in diese freie Art von Rhythmen umgesetzt; nun weiß

ich aber nicht, wo es steht, noch weniger aus welchem Zeitalter sich das

Original herschreibt, woran mir doch gegenwärtig viel gelegen wäre. Gewiß

können Sie mir darüber Auskunft geben. Sodann würde ich, wenn Sie

erlauben, nächstens noch einige Nachfragen und Ansinnen folgen lassen.

Der ich mich bestens empfehle und nichts mehr wünsche, als bald in Jena

Ihres belehrenden Umgangs zu genießen. Ergebenst Goethe. 4

Kosegarten empfing das Schreiben durch einen Angestellten der Jenaer

Universitätsbibliothek, Dr. ehr. E. F. Weller, den Goethe damals mit

mancherlei Aufträgen betraute, und antwortete prompt:

So eben bringt mir der D. Weller Ew. Excellenz Schreiben vom 23ten September,

auf welches ich, in Hinsicht der mir darin vorgelegten Fragen, zu

antworten die Ehre habe.

Das mir übersandte Gedicht ist von dem berühmten arabischen Helden

und Dichter Taabbata Scharran, welcher ohngefähr ein Zeitgenosse Mohammeds

war, u. also im 6ten Jahrhundert unsrer Zeitrechnung lebte. Der Name

bedeutet: "Er trägt unter der Achsel ein Böses" , welchen der Mann erhielt,

weil er unter der Achsel ein Messer zu tragen pflegte. Das Gedicht ist genommen

aus der alten arabischen Anthologie, genannt Hamässa, aus dem Capitel

der Leichenlieder. Albert Schultens hat es arabisch und lateinisch herausgegeben';

deutsch prosaisch findet man es in der Vorrede zu Michaelis arabi-

4 Goethes Werke. Weimarer Ausgabe (im Folgenden zitiert: WA) IV 29, 292f.

5 F. Rückert behauptet, Goethe habe das Gedicht "nach dem Lateinischen des Schultens"

übersetzt (Hamusa oder die ältesten arabischen Volkslieder, gesammelt von Abu Temman,

übers. u. erläutert von Friedrich Rückert. T. 11, Stuttgart 1846, S. 301).


Blutrache bei Goethe? 345

scher Grammatik, und jambisch hat Freytag es übersetzt, Göttingen 1814.

G.K.'

Goethes Vermutung er habe das Gedicht "in irgendeiner Reisebeschreibung

prosaisch gefunden" , mag auf einem Gedächtnisfehler beruhen. Doch ist

es möglich, daß er dem Lied in Anton Theodor Hartmanns Aufklärungen

über Asien begegnet war, wo es sich in der Nachbarschaft von historischgeographischen

Beschreibungen der arabischen Halbinsel findet. 7 Hartmanns

Übersetzung steht allerdings dem endgültigen Text der Goetheschen

Übertragung, die mit Kosegartens Hilfe zustande kam und in den Noten

und Abhandlungen veröffentlicht wurde, ferner als die deutschprosaische

Fassung von Michaelis 8 , die der Dichter bei der Revision benutzte 9 • Näher

dem endgültigen Goetheschen Text als die Hartmannsehe Übersetzung

steht auch die lateinische und deutsche Jambenfassung von Freytag aus

dem Jahre 1814, die Goethe - seit wann, ist nicht bekannt - in seiner eigenen

Bibliothek besaß'o und nachweislich bei der Revision vom 9. November

1818 zu Rate zog".

Im Zusammenhang mit dem entstehenden Prosateil zum Divan war

Goethe besonders daran gelegen, Genaueres über die Zeitumstände des

Gedichts zu erfahren, weil es ihm darum ging, den Geist der Epochen vor

und nach Einführung des Islam zu erfassen. Durch Kosegarten erhielt er

die Auskunft, daß der Verfasser des Gedichts im 6. Jahrhundert gelebt

habe, in dem auch der Prophet Mohammed geboren wurde. Diese Auskunft

gab Goethe die Überzeugung, die er in den Noten und Abhandlungen zum

Ausdruck bringt, daß das Vergeltungslied "völlig im Geiste jener" kriegerischen

Epoche ver faßt sei. '2 Früher wurde die Richtigkeit dieser Zeitangabe

noch gelegentlich bestritten. '3 Heute zweifelt die Forschung nicht

mehr daran, daß Taabbata Scharran - dessen Lebensdaten nicht bekannt

sind - in der Tat der "Heidenzeit" bzw. dem "heroischen Zeitalter" der

arabischen Dichtkunst angehörte, die von etwa 500 bis 622 angesetzt wird. '4

6 Das Schreiben ist undatiert (AA 3, 267: Paralip. 243).

7 Band 2, S. 207-210.

8 Dessen Übersetzung konnte Goethe in Joh. David Michaelis' Neubearbeitung der

Arabischen Grammatik des Erpenius begegnet sein, die erstmals am 10. März 1816 im

Tagebuch des Dichters erwähnt wird.

9 Daß Goethe Michaelis' Übersetzung bei der Überarbeitung seiner eigenen Gedichtübertragung

zu Rate zog, wird evident aus dem Tagebuch vom 9. Nov. 1818 (WA 1II 7, 264).

10 Georg Wilhelm Friedrich Freytag, Carmen arabicum (auctori Tabbata Sjerran tributum)

perpetuo commentario et versione iambica Germanica ill. pro summis in facultate Philoso

phi ca Regiomonti honoribus obtinendis. Gottingae: H. Dieterich 1814. 74 S. (Goethes

Bibliothek. Katalog, hrsg. von Hans Ruppert. Weimar 1958, Nr. 1780).

11 Vgl. das Tagebuch von diesem Datum (WA III 7, 246).

12 Noten und Abhandlungen, Kap. ''Araber'' (WA I 7, 11).

13 So kritisierte G. v. Loeper (in: West-östlicher Divan, Hempel-Ausg. von 1872, S. 233):

"Goethe sagt, dasselbe [Gedicht) sei 'aus Mahomet's Zeit'. Das ist nicht richtig. Es ist

etwa 200 Jahre später entstanden."

14 Vgl. Rückert, a. a. 0.; Gibb, S. 43.


346 Katharina Mommsen

Daß Goethe am 9. November 1818 seine Übertragung nochmals anhand

der Versionen von Michaelis und Freytag mit dem Orientalisten Kosegarten

revidierte, wissen wir aus des Dichters Tagebuch von diesem Datum, das

folgende typisch stichwortartige Eintragungen enthält: ''Abends Professor

Kosegarten, Michaelis Grammatik und Freytags arabisches Gedicht. " I S Zu

Goethes Übertragung sei noch vermerkt, daß der Dichter die Bildfolge

unangetastet ließ und daß sich dadurch sein Text gelegentlich der Interlinearversion

nähert. Auf diese Weise hob Goethe besonders hervor, was

ihm dichtungstechnisch an dem balladesken Lied am meisten imponierte:

die Kunst der Transposition, der schnelle, oft unvermutete' dramatische

Szenenwechsel. Das war, wie er in seinem Kommentar zu dem Gedicht sagt,

das Mittel, die "Prosa" des mörderischen Überfalls "poetisch" zu machen.

Im übrigen versuchte Goethe nicht, das Versmaß (Madld) nachzuahmen.

Rückert gibt dessen Schema, das in andern früharabischen Gedichten nicht

überliefert ist, folgendermaßen an:

v -'d---I v v -I--'d---

Man darf vermuten, daß Kosegarten, als Sohn eines in prosodischer Hinsicht

sehr bedachtsamen Dichters, Goethe auf das "scharfe Stakkato" 16

dieses Liedes aufmerksam gemacht hat. Daß der Dichter mit dem Orientalisten

gelegentlich über "arabische Rhythmik" gesprochen hat, ist

überliefert. 11 Auch Goethes Übertragung des Vergeltungsliedes hat gelegentlich

- ähnlich dem Original- etwas Stakkatoartiges: Aufeinanderfolgende

Silben werden weniger gebunden als voneinander getrennt, so daß

sie oft wie abgestoßen klingen. Doch wird diese Wirkung nicht durch Übernahme

der prosodischen Regeln der Vorlage erzielt. In metrischer Hinsicht

mußte Goethe sich frei fühlen, wie er selber im West-östlichen Divan

bekannte. 18 "Zugemeßne Rhythmen", d. h. durch strenge Regeln festgelegte

Versmaße, Versfüße, metrische Schemata, konnten zwar einen erheblichen

Reiz auf ihn ausüben, doch fühlte er sich durch sie zu sehr eingeengt,

um sich ihnen - von temporären Versuchen abgesehen - für sein eigenes

Schaffen zu unterwerfen. Es ist bekannt, daß Goethe dem persischen Dichter

Hafis in dieser Hinsicht die Gefolgschaft verweigerte; doch gilt das gleiche

für die arabischen Vorbilder des Hafis - d. h. für die früharabischen

Moallakat und für Gesänge wie die des Taabbata Scharran.

15 WA III 7, 264.

16 Der Ausdruck bei Gibb, S. 43.

17 VgJ. Tagebuch vom 30. Juni 1819 (WA III 7, 64).

18 Im zweiten Gedicht unter dem Titel Nachbildung im Buch des Hafis: "Zugemeßne

Rhythmen reizen freilich,! Das Talent erfreut sich wohl darin; / Doch wie schnelle widern

sie abscheulich,! Hohle Masken ohne Blut und Sinn.! Selbst der Geist erscheint sich nicht

erfreulich,! Wenn er nicht auf neue Form bedacht,! Jener toten Form ein Ende macht."


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Am Abend des 9. November 1818, als Goethe mit dem Orientalisten

Kosegarten die Übertragung des Gedichts von Taabbata Scharran revidierte,

wurden vermutlich auch die kommentierenden Hinweise konzipiert,

die der Dichter dem Vergeltungslied in den Noten und Abhandlungen beigab.

Zur Vorbereitung auf die Verse sagt er zunächst nur, das Gedicht sei

aus Mohammeds Zeit "und völlig im Geiste jener. Man könnte den Charakter

desselben als düster, ja finster ansprechen, glühend, rachlustig und von

Rache gesättigt":

1.

Unter dem Felsen am Wege

Erschlagen liegt er,

In dessen Blut

Kein Tau herabträuft.

2.

Große Last legt' er mir auf

Und schied;

Fürwahr diese Last

Will ich tragen.

3.

"Erbe meiner Rache

Ist der Schwestersohn,

Der Streitbare,

Der Unversöhnliche.

4.

Stumm schwitzt er Gift aus,

Wie die Otter schweigt,

Wie die Schlange Gift haucht

Gegen die kein Zauber gilt."

5.

Gewaltsame Botschaft kam über uns

Großen mächtigen Unglücks;

Den Stärksten hätte sie

Überwältigt.

6.

Mich hat das Schicksal geplündert,

Den Freundlichen verletzend,

Dessen Gastfreund

Nie beschädigt ward.

7.

Sonnenhitze war er

Am kalten Tag,

Und brannte der Sirius

War er Schatten und Kühlung.


348 Katharina Mommsen

8.

Trocken von Hüften

Nicht kümmerlich,

Feucht von Händen,

Kühn und gewaltsam.

9.

Mit festem Sinn

Verfolgt' er sein Ziel

Bis er ruhte;

Da ruht auch der feste Sinn.

10.

Wolkenregen war er,

Geschenke verteilend;

Wenn er anfiel,

Ein grimmiger Löwe.

11.

Stattlich vor dem Volke,

Schwarzen Haares, langen Kleides,

Auf den Feind rennend

Ein magrer Wolf.

12.

Zwei Geschmäcke teilt' er aus,

Honig und Wermut,

Speise solcher Geschmäcke

Kostete jeder.

13.

Schreckend ritt er allein,

Niemand begleitet' ihn

Als das Schwert von Jemen

Mit Scharten geschmückt.

14.

Mittags begannen wir Jünglinge

Den feindseligen Zug,

Zogen die Nacht hindurch,

Wie schwebende Wolken ohne Ruh.

15.

Jeder war ein Schwert

Schwertumgürtet,

Aus der Scheide gerissen

Ein glänzender Blitz.

16.

Sie schlürften die Geister des Schlafes,

Aber wie sie mit den Köpfen nickten


Blutrache bei Goethe?

349

Schlugen wir sie

Und sie waren dahin.

17.

Rache nahmen wir völlige;

Es entrannen von zwei Stämmen

Gar wenige,

Die wenigsten.

18.

Und hat der Hudseilite

Ihn zu verderben die Lanze gebrochen,

Weil er mit seiner Lanze

Die Hudseiliten zerbrach.

19.

Auf rauhen Ruhplatz

Legten sie ihn,

An schroffen Fels wo selbst Kamele

Die Klauen zerbrachen.

20.

Als der Morgen ihn da begrüßt',

Am düstern Ort, den Gemordeten,

War er beraubt,

Die Beute entwendet.

21.

Nun aber sind gemordet von mir

Die Hudseiliten mit tiefen Wunden.

Mürbe macht mich nicht das Unglück,

Es selbst wird mürbe.

22.

Des Speeres Durst ward gelöscht

Mit erstem Trinken,

Versagt war ihm nicht

Wiederholtes Trinken.

23.

Nun ist der Wein wieder erlaubt,

Der erst versagt war,

Mit vieler Arbeit

Gewann ich mir die Erlaubnis.

24.

Auf Schwert und Spieß

Und aufs Pferd erstreckt' ich

Die Vergünstigung,

Das ist nun alles Gemeingut.


350 Katharina Mommsen

25.

Reiche den Becher denn

O! Sawad Ben Amer:

Denn mein Körper um des Oheims willen

Ist eine große Wunde.

26.

Und den Todes-Kelch

Reichten wir den Hudseiliten,

Dessen Wirkung ist Jammer,

Blindheit und Erniedrigung.

27.

Da lachten die Hyänen

Beim Tode der Hudseiliten.

Und du sahest Wölfe

Denen glänzte das Angesicht.

28.

Die edelsten Geier flogen daher,

Sie schritten von Leiche zu Leiche,

Und von dem reichlich bereiteten Mahle,

Nicht in die Höhe konnten sie steigen.

Nachdem Goethe sich in der Arbeitssitzung mit dem Fachmann Kosegarten

am 9. November 1818 zureichende Informationen geholt hatte, verfaßte

er auch die ihm für deutsche Leser nötig scheinenden Erläuterungen.

Dieser Kommentar, der den Abschluß des ''Araber'' -Kapitels der Noten

und Abhandlungen bildet, enthält eine Charakterisierung der achtundzwanzig

Strophen und eine Analyse des kunstvollen, nicht ganz leicht verständlichen

Aufbaus des gesamten Gedichts:

Wenig bedarf es, um sich über dieses Gedicht zu verständigen. Die Größe

des Charakters, der Ernst, die rechtmäßige Grausamkeit des Handeins sind

hier eigentlich das Mark der Poesie. Die zwei ersten Strophen geben die klare

Exposition, in der dritten und vierten spricht der Tote und legt seinem

Verwandten die Last auf ihn zu rächen. Die fünfte und sechste schließt sich

dem Sinne nach an die ersten, sie stehen lyrisch versetzt; die siebente bis

dreizehnte erhebt den Erschlagenen, daß man die Größe seines Verlustes

empfinde. Die vierzehnte bis siebzehnte Strophe schildert die Expedition

gegen die Feinde; die achtzehnte führt wieder rückwärts; die neunzehnte und

zwanzigste könnte gleich nach den beiden ersten stehen. Die einundzwanzigste

und zweiundzwanzigste könnte nach der siebzehnten Platz finden; sodann

folgt Siegeslust und Genuß beim Gastmahl, den Schluß aber macht die

furchtbare Freude die erlegten Feinde, Hyänen und Geiern zum Raube, vor

sich liegen zu sehen.

Höchst merkwürdig erscheint uns bei diesem Gedicht, daß die reine Prosa

der Handlung durch Transposition der einzelnen Ereignisse poetisch wird.


Blutrache bei Goethe? 351

Dadurch, und daß das Gedicht fast alles äußern Schmucks ermangelt, wird

der Ernst desselben erhöht, und wer sich recht hinein liest muß das Geschehene,

von Anfang bis zu Ende, nach und nach vor der Einbildungskraft

aufgebaut erblicken.

Daß Goethe den Rachegesang als einzigen poetischen Text ins Kapitel

"Araber" aufnahm, wo es den breitesten Raum einnimmt, ist etwas sehr

Auffälliges. (Voraus geht lediglich die mit großer Anteilnahme vorgetragene

Charakterisierung der Moallakat.) Solche Textauswahlläßt erkennen,

daß ihn Taabbata Scharrans Gedicht ganz außergewöhnlich beeindruckt

haben muß. Für Goethes große Faszination durch den einsamen

Wüstenhelden, dichtenden Räuber, "unheimlichen Recken" 19 und "outlaw"20

gibt es noch weitere Beweise, von denen weiter unten die Rede sein

soll.

Unter den ersten Lesern, die Goethe für die Übertragung des Blutrache­

Gesanges von Taabbata Scharran Beifall zollten, war Karl Friedrich Graf

Reinhard (1761-1834), ein Diplomat, der an allen dichterischen und wissenschaftlichen

Arbeiten Goethes Anteil nahm. Er schrieb nach Empfang des

West-östlichen Divans an den Dichter 21 :

[.. .] Sie wissen oder wissen nicht, wie sehr ich diese lebendige Tätigkeit Ihres

allumfassenden Geistes bewundre, der, in allen Regionen gleich einheimisch,

zu jeder Höhe sich erhebt, in jede Tiefe hinabsteigt. Hier nun wieder, wem

soll man den Vorrang einräumen, dem Gelehrten, dem Dichter oder dem

fesselfreien Beobachter von Welt und Menschen? [. . .] Vor jetzt vierzig Jahren,

da ich mich um die philosophische Magisterwürde bewarb, unter den

Auspizien des Orientalisten Schnurrer, der auf meinen Lebensgang keinen

unbedeutenden Einfluß gehabt hat, schrieb ich auch eine Probeschrift über

die arabische Dichtkunst. Mein Hauptführer war eben dieser William Jones,

den auch Sie nach Verdienst auszeichnen. Unter meinen metrischen Übersetzungen

befand sich eben jener Gesang der Blutrache, treu, wenn nicht

nach dem Silbenrnaß, doch nach der Silbenzahl übertragen:

In des Felsen Höhle liegt ein Erschlagner pp. Und so, nach fast einem

halben Jahrhundert, fand ich mich in jener Zeit, in jener Beschäftigung, mitten

auf Ihrem höhern umfassenden Standpunkte wieder. -

Solch verständnisvolles Echo war dem Dichter sehr lieb. Er antwortete am

12. April 1820:

Ihre Teilnahme an meinen Zuständen und unser wechselseitiges Verhältnis

bewährt sich nur immer mehr. Daß Sie sich in der frühen Zeit der orientalischen

Sprachen und Literatur beflissen, war mir, aus der treulichen Ge-

19 Friedrich Rückerts Ausdruck (a. a. 0., S. 301).

20 Der Ausdruck bei Gibb, S. 43.

21 Briefvom 1. Febr. 1820. In: Goethe und Reinhard. Briefwechsel in den Jahren 1807-1832.

Wiesbaden 1957, S. 237f.


352 Katharina Mommsen

schichte Ihres Lebensganges, wie Sie mir solchen in Carlsbad [1807] vertraut,

noch gar wohl erinnerlich; daß wir aber in der Bearbeitung desselben

Gedichtes zusammentreffen, auch Sie an meiner Arbeit entschiedenen

besondern Anteil nehmen würden, darauf hatte ich nicht rechnen können. 22

Goethes ungewöhnliche Faszination durch Taabbata Scharran und intensive

Durchdringung mit einem Blutrache-Gesang wird immer erstaunlich

bleiben angesichts des friedlichen Charakters, den er selber besaß, und

seiner tiefen Abneigung gegen Krieg, wie er ihn erlebt hatte. Man vergleiche

vor allem seine apprehensive Darstellung der Campagne in Frankreich von

1792. 23 Allerdings zeigt diese Darstellung auch - in Übereinstimmung mit

zeitgenössischen Berichten -, wie mutig sich der Dichter in gefährlichen,

kriegerischen Situationen verhielt, z. B. bei der berühmten Kanonade von

Valmy, wo er die draufgängerischsten Eskapaden unternahm, um das

"Kanonenfieber" am eigenen Leibe zu spüren. Auch ist daran zu erinnern,

daß er sich in den Jahren, die der Divan-Epoche unmittelbar vorausgingen,

weigerte, kriegerische Lieder zur Anfeuerung der deutschen Truppen in

den Befreiungskriegen zu dichten, wie Theodor Körner es tat, und daß

diese Weigerung zweierlei Gründe hatte: Erstens war Goethe vom Naturell

her kein Tyrtaios; zweitens erlaubte ihm sein Gewissen nicht, in solcher

Weise Partei zu nehmen und für den Krieg gegen die Franzosen Propaganda

zu machen. Daß Goethe gegen die "echt Tyrtäische" Poesie keine prinzipiellen

Einwände hatte, kann man seinen Gesprächen mit Eckermann

entnehmen, wo er sie - im Gegensatz zur modernen - charakterisiert als

"diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder singt, sondern auch den Menschen

mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen"24. Taabbata Scharrans

Vergeltungslied hatte für Goethe offensichtlich dieses Kennzeichen

der "echt Tyrtäischen" Poesie, von der "echte Kraft" ausgeht.

Zweifellos hängt es mit dieser besonderen Qualität des Liedes von

Taabbata Scharran zusammen - "echte Kraft" auszustrahlen, "mit Mut

auszurüsten" zum Bestehen der "Kämpfe des Lebens" -, daß Goethe Verse

daraus noch im höchsten Alter aus dem Kopf zitieren konnte, als sich zufäl-

22 WA IV 32, 235f.

23 Campagne in Frankreich 1792. Belagerung von Maynz (WA I 33); dazu die Goetheschen

Selbstzeugnisse in: Momme Mommsen, Die Entstehung von Goethes Werken in Dokumenten.

Bd. II, Berlin 1958, S. 23-58.

24 Zu Eckermann, 24. Sept. 1827. Dort spricht Goethe verächtlich von dem "schwachen

Zeug" zeitgenössischer Dichter und fährt fort: " Die Poeten schreiben alle, als wären sie

krank und die ganze Welt ein Lazarett. Alle sprechen sie von dem Leiden und dem Jammer

der Erde und von den Freuden des Jenseits, und unzufrieden, wie schon alle sind, hetzt

einer den andern in noch größere Unzufriedenheit hinein. Das ist ein wahrer Mißbrauch

der Poesie, die uns doch eigentlich dazu gegeben ist, um die kleinen Zwiste des Lebens

auszugleichen und den Menschen mit der Welt und seinem Zustand zufrieden zu machen.

Aber die jetzige Generation fürchtet sich vor aller echten Kraft und nur bei der Schwäche

ist es ihr gemütlich und poetisch zu Sinne." (Houben, S. 212.)


Blutrache bei Goethe? 353

lig einmal das Gespräch darauf lenkte. Ein bemerkenswerter Augenzeugenbericht

ist der Nachwelt erhalten geblieben durch den Jenenser protestantischen

Theologen und Orientalisten J. G. Stickel, der folgendes überliefert:

Gerade an demselben Monatstage, an welchem ein Jahr später der größte

Dichtergeist unseres Volkes dieser Erde entschwebte, am 22. März 1831, war

ich zum letztenmal bei Goethe, indem ich, wieder nach damaliger Sitte, mich

als neuernannten außerordentlichen Professor der Theologie dem Herrn

Staatsminister glaubte vorstellen zu müssen. Auf meine Anmeldung brachte

der Bediente die Antwort, Seine Exzellenz sei zwar unwohl, ich möge aber

heraufkommen.

Ich wurde in das etwas enge Gemach geleitet, welches nach dem Garten

hinausgeht. Das Meublement mit dem Schreibtisch und dem Bücherregale

darauf, das eine einzige Bücherreihe enthielt, war in hohem Grade einfach

ausgestattet. Goethe saß seitwärts davon auf einem Stuhl und hatte das

leidende Bein gerade ausgestreckt über einem zweiten Stuhl ruhend [ ... ]

Die Unterhaltung bezog sich [ ... ] zunächst auf meine akademischen Vorlesungen

[ . .. ] Die Unterhaltung wendete sich dann auf den West-östlichen

Divan [ .. . ] Er erzählte, daß er sich in seiner Jugend auch mit dem

Hebräischen und ein wenig mit Arabisch beschäftigt habe. Als ich dann

meiner Bewunderung Ausdruck gab, wie vortrefflich und mustergiltig seine

Übersetzung des arabischen Heldengedichtes im Divan sei, richtete sich sein

Haupt empor; obwohl sitzend, war es doch, als ob seine Gestalt größer und

größer würde; in majestätischer Hoheit, wie ein olympischer Zeus, hob er an:

Unter dem Felsen am Wege

Erschlagen liegt er,

In dessen Blut

Kein Tau herabträuft. -

Mittags begannen wir Jünglinge

Den feindseligen Zug,

Zogen die Nacht hindurch,

Wie schwebende Wolken ohne Ruh.

Jeder war ein Schwert,

Schwertumgürtet,

Aus der Scheide gerissen,

Ein glänzender Blitz.

Sie schlürften die Geister des Schlafes,

Aber wie sie mit den Köpfen nickten,

Schlugen wir sie,

Und sie waren dahin.

Während er diese Strophen mit volltönender Stimme rezitierte - für einen

Greis in seinen Jahren welch bewundrungswürdig treues Gedächtnis! - war

es, als ob sie sich in ihm, wie einem vom poetischen Raptus Ergriffenen,


354 Katharina Mommsen

neu erzeugten, seine Augen waren groß und weit geöffnet, Blitze schienen

aus ihnen hervorzusprühen [ . .. ]. "

In ihrer Unmittelbarkeit verdeutlicht diese Schilderung stärker noch als

jedes Wort in den Noten und Abhandlungen Goethes lebendige Beziehung

zu dem Gedicht. Außer der gewaltigen Wirkung der Verse auf den Dichter

im Sinne des heroischen Befeuertwerdens, wie es das oben erwähnte

Gespräch über "lYrtäische Poesie" andeutet, verrät uns darüber hinaus die

Plazierung im ''Araber'' -Kapitel vielleicht noch etwas anderes. Wenn wir

Adolf Muschg folgen 26 , deutet es darauf hin, was Goethe "von der östlichen

Poesie gelernt" hat: Durch das technische Kunstmittel der versetzten

Strophen und künstlich gewechselten Perspektiven wird das Gedicht "zum

Lehrmittel eines neuen Verfahrens, mit erdrückenden Gegenständen

anders, nämlich poetisch, umzugehen"27. "Die Erfahrung einer heillosen

Zeit", das war für den Divan-Dichter - wie für Hafis - der ''Ausgangspunkt":

die Weltgeschichte als Ort "der unvermeidlichen Gewalt", der

"zwingenden Entfremdung der Menschen voneinander". Auf der Suche

nach "Rettungsmitteln" , die der Dichter dem Unsinn der Weltgeschichte

"zum Überleben des Menschen" entgegensetzen möchte, entwickelt er

poetische Anweisungen. Er gibt sie "im offenbaren Geheimnis eines Kunstwerks,

das im Divan sorgsam, listig, hinter-sinnig offenbart" wird. Neben

vielem anderen konnte der West-östliche Divan so auch zum "Lehrbuch

der notwendigen Verwandlung", der poetischen Metamorphose werden.

In diesem Sinne enthält das Taabbata Scharran-Gedicht durch "Versetzung"

und "Verstellung", Muschg zu folge, "bereits einen Schlüssel"

zum Verständnis des ganzen Divan. "Unvermittelt" hätte Goethe "nie so

gesprochen"; als Zeitgenosse des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts

durfte er "nur im Schutz der Verstellung sein Gesicht zeigen" . Dieser

Schutz aber sei "das poetische Wort" . Poetische Metamorphose als Mittel,

um dem Unsinn der von Gewalttätern fabrizierten Weltgeschichte entgegenzuwirken!

Durch Muschgs interessante These rückt Goethes Verhältnis

zu Taabbata Scharran in ein ganz neues Licht: Dem arabischen Wüstenhelden,

"unheimlichen Recken" und "outlaw" wird ein Platz an der Seite

des "Sängers von Schi ras" und "mittelalterlichen Höflings" Hafis eingeräumt

- in der Reihe der orientalischen Dichter, die durch ihre Kunst

"das Überleben in heilloser Zeit" lehren können.

25 Johann Gustav Stickel (1805-1896) veröffentlichte 1886: Meine Berührungen mit Goethe.

Dort berichtet er u. a. über das Gespräch mit Goethe vom 22. März 1831. Wiedergabe

in: Goethes Gespräche. Auf Grund der Ausgabe und des Nachlasses von Flodoard Freiherrn

von Biedermann ergänzt und herausgegeben von Wolfgang Herwig. Dritter Band,

Zürich 1972, S. 759ff.

26 Adolf Muschg, Goethe als Emigrant. Frankfurt 1986 (st 1287), S. 88ff.

27 Adolf Muschg, a. a. 0., S. 92f.: "Denn dieser Divan spricht mit "verstellter Stimme" -

derjenigen des Hafis, des mittelalterlichen Höflings, die eben als verstellte die Stimme

Goethes wird. "

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