Dienstmädchenhausse

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Dienstmädchenhausse

nannte Börsenexperten zu Wort, die es von Anfang an besser gewusst haben

wollten: Der Boom sei nichts anderes als eine »Dienstmädchenhausse« gewesen,

und die sei bekanntermaßen das sicherste Anzeichen für einen bevorstehenden

Crash. 5

Was ist damit gemeint? Laut Bank-Lexikon ist die »Dienstmädchenhausse«

die letzte Phase eines Aufwärtstrends, in der der Markt durch überschäumenden

Optimismus der Marktteilnehmer geprägt ist. Es sei die Phase des »kleinen Mannes«,

denn nun wollten Laien am Aufwärtstrend teilhaben, »weil die Gazetten

voller optimistischer Prognosen sind«. 6 Kurzum: Die privaten Kleinanleger waren

nicht nur die Leidtragenden der Baisse, sie wurden auch direkt für die Börsenkrise

verantwortlich gemacht. Hätten sie sich nicht eingemischt, wäre die

Hausse früher zu Ende gewesen und die Krise weniger dramatisch verlaufen. Im

Jargon der meist selbsternannten Börsenprofis ist »Dienstmädchen« die gängige

Metapher für »naive Kleinanleger« und »inkompetente Tölpel«.

Aber wieso »Dienstmädchen«, warum nicht Bäcker-, Sekretärinnen- oder

Schlosserhausse? Der Grund dafür findet sich in der Geschichte, genauer gesagt

an der Berliner Börse der 1840er Jahre. Dort spielte sich damals eine ähnlich

euphorische Spekulation in Eisenbahnpapieren ab. Die Eisenbahnspekulation

markiert den Anfang des börsenmäßigen Aktienhandels in Deutschland überhaupt.

Das ist bekannt. Von der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte wenig beachtet

blieb jedoch bis heute, dass sich auch schon damals breite Bevölkerungsschichten

an der Börse versuchten. Neu war Anfang der 1990er Jahre nicht, dass

Kleinanleger auf dem glatten Parkett der Börse erschienen, sondern dass sie das

Sparpotenzial des Wertpapiermarktes so lange aus den Augen verloren hatten. In

allen Börsenkrisen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren keineswegs nur

vollamtliche Börsenspekulanten und betuchte Bürger beteiligt. Auch kleinste

Geldguthaben und mühsam Erspartes waren investiert worden. 7

Dass Dienstmädchen hier mehr als nur metaphorisch eine Rolle gespielt haben,

dafür können im Folgenden nur einige Plausibilitätssplitter gegeben werden.

Das Verhältnis von Frauen der unterbürgerlichen städtischen Schichten der

Frühindustrialisierung zum Geld (nicht nur in Form des Barlohnes) ist bislang

noch nicht untersucht worden. Nur eine breit angelegte Quellenrecherche wird

genauere Auskunft über die Hintergründe dessen geben, was Werner Sombart

die »Demokratisierung des öffentlichen Kredits« genannt hat. 8 Immerhin zeigt

der historische Vergleich zwischen der preußischen Eisenbahnspekulation und

der T-Aktie nicht nur die »zeitweilig [...] unwiderstehliche Attraktivität« der

Aktie »auf breite Schichten [...], die bisher im sprichwörtlichen Sparstrumpf

Millionen gehortet hatten«. 9 Er gibt auch Hinweise auf das Interesse von Staat,

Banken und Wirtschaft, dem sprichwörtlichen »Dienstmädchen« das Geld aus

der Tasche zu ziehen, um es anschließend in der Chiffre der »Dienstmädchenhausse«

für seine unprofessionelle Geldgier zu schelten.

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