Wenn mehr Wissen nicht zu Handeln führt - Nabu

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Wenn mehr Wissen nicht zu Handeln führt - Nabu

Wenn mehr Wissen nicht zu

Handeln führt

Martin Beckenkamp

MPI for the Research on Collective Goods

Bonn


Überblick

• Individuenzentrierte Ansätze

• Scheitern im sozialen Dilemma –

Zwischen Win-Win und Vertrauensbruch

eine gesellschaftliche Herausforderung

• Biodiversitätsprobleme: komplexe

Dilemmata

• Kontrolle und Strafen: intern und extern.

• Akzeptanz von Kontrollen und Strafen.


Schwierigkeiten

individuenzentrierter Ansätze

• Nachweis vieler Studien: Lücke zwischen

Wissen und Umweltbewusstsein zum

tatsächlichem Handeln

Wissenskampagnen zeigen wenig Wirkung

Konkurrierende Einstellungen

Sozialer Druck

Routinen

Kosten der Handlung


Schwierigkeiten

individuenzentrierter Ansätze

• Hat man das Ziel, Personen zu einem

nachhaltigeren Handeln zu motivieren,

muss man sich „multipler

Interventionsansätze“ bedienen. (vgl.

Riess 2003)

• Aber: Reicht die individuelle Motivation

aus? Wie begegnet man dem strukturellen

Problem?


Die Grenzen

individuenzentrierter Ansätze

Die meisten Umweltprobleme sind soziale

Dilemmata.

Sie bedürfen struktureller/institutioneller

Lösungen.

Individuelle Motivation reicht daher nicht

aus!


Die meisten Umweltprobleme

sind soziale Dilemmata

‣ Hardin (1968) “Tragedy of the commons”.

‣ Ostrom et al. (2002) “Drama of the

commons”.

Bei Umweltdilemmata reichen

individuenzentrierte Ansätze nicht aus – es

bedarf struktureller Lösungen…

…und Individuen, die entsprechende

Institutionen akzeptieren


Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser (nach

Lenin) – und wie steht es mit dem

Vertrauen durch Kontrolle?

(Günter Barudio 1985)


Umweltdilemmata

Stakeholder 1

Gewinn

maximieren

Nachhaltig

agieren

Gewinn

maximieren

Stakeholder 2

Nachhaltig agieren

3, 3 1, 4

4, 1 2, 2

Für beide gilt: Egal, was der andere wählt, aus

eigener Perspektive ist Gewinnmaximierung die

bessere Option. Aber: Win-Win, wenn beide

nachhaltig handeln.


Institutionen für Biodiversität

• Auf welcher Ebene sind institutionelle Lösungen

möglich?

– Kommunal

– Regional

– National

– International

– Global

• Häufig nicht einfach zu kategorisieren:

tropischer Regenwald regional zu erhalten, aber

mit globalen Anreizen zur Erhaltung vs. lokalen

Anreizen zur Nicht-Erhaltung.


Institutionen für Biodiversität

• Biodiversitätsprobleme sind häufig

besonders komplex und somit das

Dilemmaproblem mit weiteren schwierigen

Problemen anreichernd:

– Divergierende Interessen (was für den einen

gut, kann für andere auch schlecht sein)

– Zeitfallen

– Mehrartenschutz


Viele Biodiversitätsprobleme

sind soziale Dilemmata

Biodiversität ist aber auch ein soziales

Dilemma (Brock & Xepapadeas 2003;

Nehring & Puppe 2002; Whyte, Cadier,

Pasquis & van Vliet 2004).


Institutionen für Biodiversität

• Biodiversitätsprobleme sind aber auch als

Dilemma sehr komplex:

– Viele Stakeholder-Typen: Personen, NGOs,

Unternehmen, Administration

– Hierarchische Vernetzung

– Stakeholder in Biodiversitätsproblemen sind sich

häufig der sozialen Interdependenz der

Entscheidungen nicht klar (Vermutung, denn bislang

keine Daten dazu): blinde Dilemmata

– Asymmetrien in Macht und Vorteilen aus Win-Win

Lösungen

– Hohe Anzahl an Stakeholdern


Illustration: Handeln im blinden

Dilemma

Wenn Entscheidungen für und gegen

Nachhaltigkeit völlig blind (ohne Einblick in die

Dilemma-Struktur) getroffen werden, lernen

die Stakeholder, dass sie mit Nicht-

Nachhaltigkeit im Schnitt besser rauskommen.

• Die Teilnehmer „learn how to play a game rather

than to learn about a game” (in Anlehnung an

Oechsler und Schipper 2003).


Interventionsstrategien im

blinden Dilemma

• Im blinden Dilemma ist es möglich, dass es

paradox scheint, dass man nachhaltig handeln

solle, um insgesamt besser dazustehen. Aus

eigener Erfahrung und Informationsbasis scheint

die Aussage so offensichtlich falsch, mit der

Konsequenz dass der Politik und Wissenschaft

böse Absichten und falsches Gehabe unterstellt

werden.

• Daraus resultiert Misstrauen gegenüber den

entsprechenden Zielvorgaben zur

Biodiversität/Umwelt.


Blinde Dilemmata – Experiment

Beckenkamp (2010)

Entscheidungssituation

der anderen Person

Kontrollgruppe (vollständige

Auszahlungsmatrix)

Ich wähle A

Ich wähle B

A

B

8, 8 0,12

12, 0 4, 4

19 Gruppen, 38 Vpn


Blinde Dilemmata - Experiment

Entscheidungssituation

der anderen Person

Treatmentgruppe 3

(Auszahlungsmatrix)

Ich wähle A

Ich wähle B

A

B

8 0

12 4

19 Gruppen, 38 Vpn


Blinde Dilemmata - Experiment

Entscheidungssituation

der anderen Person

Treatmentgruppe 1

Ich wähle A

Ich wähle B

18 Gruppen, 36 Vpn


Blinde Dilemmata - Ergebnis

Treatment

gruppe 1

Treatment

gruppe 2

Treatment

gruppe 3

Kontrollgruppe

Win-Win Entscheidungen

33.0% 14.7% 48.8% 87.4%

N 1520 1440 1520 1440

Deutliche Effekte schon im allereinfachsten

Dilemma - umso wichtiger ist die Kommunikation

der Win-Win Situation in komplexen Dilemmata!


Interventionsstrategien im

blinden Dilemma

ZWISCHENFAZIT:

• Es gilt, sorgfältig auf die Anreizstruktur

und die zur Verfügung stehende

Information im entsprechenden Konflikt zu

achten.

• Entsprechende Konsequenzen für

Informations- und Kommunikationspolitik

(„Transparenz“).


asymmetrisches

Gefangenendilemma

Person 2

Gewinn max.

nachhaltig

Person 1

Gewinn

max

6, 4 18, 0

nachhaltig 0, 12 12, 8

Asymmetrische Auszahlungen: Person 1 ist in der

besseren Position.


Kooperationsraten bei Asymmetrie


N-Personen-Dilemma

Anzahl der anderen, die nachhaltige Entscheidungen treffen

0 1 2 3 4 5 6 7 8

Eigene Auszahlung

Gewinn

maximieren

Nachhaltig

handeln

4 5 6 7 8 9 10 11 12

0 1 2 3 4 5 6 7 8


Kontrolle und Strafen

• Public Good Spiel mit Möglichkeit, andere

Mitspieler unter Kosten zu bestrafen (Fehr,

Gächter 2002; Nature).

• Die Möglichkeit direkter persönlicher Strafen

durch unbeteiligte Teilnehmer erhöht auch die

Kooperation (vgl. auch Fehr, Fischbacher 2004).


Varianten der Bestrafung

• Ostrazismus (vgl. Kipling 2002):

– Özgür Gürerk, Bernd Irlenbusch and Bettina

Rockenbach (Science 2006).

– Ebenso Maier-Rigaud, Martinsson und

Staffiero (JEBO – in press).


Kontrolle und Sanktionen im

Dilemma

Problem:

• Direkte (persönliche) Sanktionen

widersprechen demokratischen Prinzipien

– delegierte Kontrollen hingegen nicht!

• Sanktionen kommen daher letztlich

meistens von außen.

• Können auch dort Bestrafungsmotivationen

positiv im Sinne von

Nachhaltigkeit genutzt werden?


Externe Bestrafungen

• Die Wirkung externer Bestrafungen ist vor allem

im Kontext von Common Pool Resources

(CPRs) untersucht worden (vgl. etwa

Beckenkamp 2002; in einfacheren Szenarios

auch Fehr/Fischbacher 2004).

Wenn die Übernutzung der Ressource ein

bestimmtes Level übersteigt, wird zufällig

kontrolliert, mit einer bestimmten

Wahrscheinlichkeit (meist 1/n) und einer

bestimmten Sanktionshöhe.


CPRs

• Die Erhöhung der Sanktionen erhöht die

Effizienz durch Anhebung des Nash-

Gleichgewichts. In eigenen Experimenten

ergaben sich nur bei gewissen Sanktionen

spürbare Wirkungen – entweder moderat

(aber nicht zu schwach), oder sehr hoch

(vgl. Beckenkamp 2002).


Externe Bestrafungen

ZWISCHENFAZIT:

• Bestrafungen von außen haben ein hohes

Reaktanzrisiko.

• Außerhalb von Unternehmenskontext hat

dies die aktuelle Nobelpreisträgerin

Ostrom überzeugend dargestellt – sie

plädiert für „self-governance“, wo immer

möglich.


Akzeptanz von Institutionen in

CPRs

Low: n=26

High: n=14

Rej.: n=16

Contr: n=8

Rodriguez-Sickert, Guzmán und Cárdenas (2006)

zeigen, dass von der Gemeinschaft gewählte

Institutionen mit Sanktionen zu nachhaltigen

Kooperationen führen können.


Akzeptanz von Institutionen mit

Kontrollen und Sanktionen

• Ähnliche Ergebnisse bei Yamagishi (1986

und 1988) für einfachere Dilemma-

Experimente: Die Akzeptanz, in Kontrollen

und Sanktionen zu investieren, ist

abhängig von sozialen Wertorientierungen

und bereits gemachten

Übernutzungserfahrungen. Die

Heterogenität der Adressaten ist somit

auch relevant.


Zusammenfassung

• Schon die Lösung des Dilemmaproblems

innerhalb des komplexen Biodiversitätsproblem

erfordert Lösungen zu folgenden Facetten:

– Heterogenität der Akteure (Wettbewerb vs.

Kooperation).

– Gerechtigkeit bei Asymmetrie

– Transparenz des Problems / Einsicht ins Problem.

– Angemessenheit der Sanktionen.

– Akzeptanz der Kontrollen und Sanktionen.

• Die Erweiterung der Forschungsansätze auf

starke Interdisziplinarität ist sinnvoll und

notwendig (etwa von LTER auf LTSEER).


Ausblick

• Naturschutz der Zukunft:

– Berücksichtigung der sozio-ökonomischen

Zusammenhänge:

• Daten über Dilemmawissen: Entwicklung neuer

Erhebungsmethoden; Anwendung dieser

Methoden

• Informationspolitik zum Dilemma; Nutzung der

Dilemmainformationen zur Beschleunigung von

Mediationen

• Schaffung und Unterstützung von Institutionen zur

Behebung des Dilemmas, möglichst mit Self-

Governance

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