Aufrufe
vor 5 Jahren

Istrien – Wandlungen der Kulturlandschaft seit dem Beginn des 20 ...

Istrien – Wandlungen der Kulturlandschaft seit dem Beginn des 20 ...

Istrien – Wandlungen der Kulturlandschaft seit dem Beginn des 20

B E R I C H T Istrien Wandlungen der Kulturlandschaft seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Von Gerhard Karl Lieb und Peter Čede 1. Einleitung Vor genau hundert Jahren erschien die erste wissenschaftliche Monographie über Istrien, die der österreichische Geograph Norbert Krebs (geboren am 29.8.1876 in Leoben, gestorben am 5.12.1947 in Berlin) in länderkundlich-idiographischer Methode verfasst hatte (Krebs 1907). Sein äußerst detailreiches Bild von Istrien nahmen wir zum Anlass, ausgewählte soziokulturelle und wirtschaftliche Facetten des gegenwärtigen Istrien zu untersuchen und die seit Krebs 1907 eingetretenen Veränderungen aufzuzeigen und zu begründen (Čede et al. 2007). Es waren dies im Wesentlichen die Territorialität (die im Falle Istriens selbst für mitteleuropäische Verhältnisse zumindest bis 1991 außerordentlich variabel war), die Ethnizität, Bevölkerungsentwicklung und verteilung sowie der Tourismus als seit etwa 1960 dominanter raumwirksamer Wirtschaftsfaktor. Die vorliegende Arbeit ergänzt diese Aspekte durch eine überblicksmäßige Darstellung des Kulturlandschaftswandels in einem ausgewählten Teilgebiet Istriens, worin im Rahmen mehrerer Aufenthalte (seit 2000) umfangreiche Beobachtungen hierzu getätigt werden konnten. Die Ausführungen beruhen nicht auf einer Spezialuntersuchung im Rahmen eines Forschungsprojektes, sondern verstehen sich als Interpretation eines (für geographisch geschulte Beobachtende) visuell erschließbaren Landschaftswandels vor dem Hintergrund der in Čede et al. 2007 dokumentierten Forschungsergebnisse. Die Arbeit folgt damit dem Ansatz der genetischen Kulturlandschaftsforschung (Verständnis von „Kulturlandschaft als Träger von Geschichtlichkeit“ im Sinne von Schenk 2005), wobei neben der Auswertung von Literatur und Statistiken Erhebungen vor Ort sowie die vergleichende Interpretation moderner und historischer Karten als Methoden zum Einsatz kamen. 2. Istrien im Überblick 2.1 Allgemeines Trotz einer scheinbar eindeutigen Begrenzung durch den Gebirgszug der Ćićarija (slow. Čičarija, dt. Tschitschenboden), eines sich im dinarischen Streichen erstreckenden karbonatischen Plateaugebirges, fällt eine klare Abgrenzung Istriens als traditionelle Kulturlandschaft schwer, was wie angedeutet mit den häufigen territorialen Veränderungen zusammenhängt. Demnach umfasst Istrien nicht nur Teile Kroatiens, sondern auch Italiens und Sloweniens (Details siehe Čede et al. 2007). In der vorliegenden Arbeit wird unter Istrien jedoch aus Gründen der Einfachheit ausschließlich die kroatische Gespanschaft Istrien (Istarska županija; Fläche: 2.813 km 2 , Einwohner 2001: 206.344) verstanden, wenn nicht dezidiert eine abweichende Bedeutung angegeben ist. Für grundlegende Informationen kann immer noch Krebs 1907 empfohlen werden die wichtigsten Merkmale sind ein relativ einfacher geologischer Bau (Wechsel von Karbonatgesteinen und Flysch), ein von den Mittelgebirgen Ćićarija und Učka (mit dem Vojak, 1401 m, als höchstem Gipfel Istriens) abgesehen sanftwelliges bis hügeliges Relief (Abb. 1) mit großer Relevanz von Karsterscheinungen sowie klimaökologische Gegebenheiten, die am besten als submediterran bezeichnet werden. Das Naturraumpotenzial ist regional stark diversifiziert, doch kann die Aussage getroffen werden, dass für Istrien als Gesamtes keinesfalls die natürlichen Gegebenheiten für die in Kap. 3.2 noch genauer dargelegte Zunahme der Waldflächen im letzten Jahrhundert verantwortlich sind. Istrien wird bei Krebs 1907 als wirtschaftlich sehr schwach entwickelter Raum beschrieben, wofür u.a. die mangelnde innere und äußere Verkehrserschließung als Ursache genannt wird. Diese ist aus topographischen Gründen immer noch ein Problem und daher ebenfalls einer der Inhalte von Kap. 3.2, zumal die Eigenstaatlichkeit Kroatiens die Situation noch verschärft hat. Für die wirtschaftliche Entwicklung war das Meer seit jeher von großer Bedeutung früher durch Fischfang und Handel, seit den späten 1950er-Jahren durch den Tourismus, der sich hier dank der Nähe zu Österreich, Süddeutschland und Oberitalien besonders dynamisch entwickelt. Deswegen und wegen gezielter wirtschaftspolitischer Impulse zu verschiedenen Zeiten (Kap. 2.2) darf Istrien keinesfalls mehr in seiner Gesamtheit als Peripherraum gelten.