James Cook und die Entdeckung der Südsee - Spektrum CP

spektrum.cp.com

James Cook und die Entdeckung der Südsee - Spektrum CP

Das Magazin für Archäologie und Geschichte

James

Cook

und die

Entdeckung

der Südsee

Sonderheft

zur Ausstellung

28. August 2009

bis 28. Februar 2010

in Bonn


PLAN ZU DER AUSSTELLUNG

NORDAMERIKA

HAWAI‘I

WAFFEN MUSIK SCHMUCK KÖRBE WERKZEUG FISCHEREIGERÄT

VANUATU

MARQUESAS

NEUKALEDONIEN

OSTER-

INSEL

RINDENBASTSTOFFE

MUSEUMS-

PÄDAGOGIK

TONGA

TAHITI

1. REISE

NEUSEELAND

2. REISE

3. REISE



JAMES COOKS

STUDIERSTUBE

EINGANG

AUSTRALIEN

FEUERLAND

James Cook

und die Entdeckung der Südsee

28. August 2009 – 28. Februar 2010 in Bonn

Kulturpartner

œ

KUNST- UND AUSSTELLUNGSHALLE

DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Friedrich-Ebert-Allee 4 · 53113 Bonn · Telefon 0228 9171-200 · www.bundeskunsthalle.de


LESERSHOP

> Mystiker der Steinzeit

> Die steinernen Geister

von Göbekli Tepe

> Es lebe der Tod:

Thrakische Fürsten gräber

> Die Radiokarbonuhr:

Datierung mit der

C-14-Methode

€ 8,90

> Fremdenverkehr

im Imperium

> Hier wohnt das Glück –

Prostitution in Pompeji

> Spielfreuden im

römischen Alltag

> Die Medica von

Heidelberg: Eine Ärztin

aus der Provinz

€ 8,90

> Wer erschuf die ersten

Kunstwerke?

> Çatal Hüyük – Stadt der

Frauen?

> Die Antike: Knallbunt

statt marmorweiß

> Die Maya – Untergang

durch Dürre?

€ 8,90

> Das Problem der Art

> Der Stammbaum der

Menschen

> Wie geht die

Menschenevolution

weiter?

> Kreationismus in neuer

Verpackung

€ 8,90

> Universitas und

Universität

> Doctores, Bader,

Scharlatane

> Alchemie:

Naturlehre, Philosophie

und Lebenspraxis

> Maschinen:

Die Kunst des Mühlenbaus

Nachdruck, € 8,90

> Evolution der Mammuts

> Warum das Mammut

ausstarb

> Überlebensstrategien

in der jüngeren

Altsteinzeit

€ 8,90

Lieferbare Titel von epoc

epoc 4/2009

> Die Phönizier:

Vom Händlervolk zur

Großmacht

> Chachapoya: Die Wolkenkrieger

aus Peru

> Fin de Siècle:

Zwischen Frivolität und

Weltschmerz

€ 7,90

epoc 3/2009

> Die Ketzer:

Freidenker im Konflikt

mit der Kirche

> Alexander von Humboldt

> Amerika:

Deutsche Inseln im Meer

der Fremde

> Die Vandalen:

Volk ohne Spuren

€ 7,90

epoc 2/2009

> Die Geschichte Persiens

> Doggerland:

Atlantis der Nordsee

> Auswanderer nach

Amerika

> Frauenzünfte in Köln

€ 7,90

epoc 1/2009

epoc 6/2008

epoc 5/2008

> Zeus und seine Götter

> SPEZIAL:

Das Darwin-Jahr 2009

> Pharao im Genlabor:

Biologen entschlüsseln

archäologische Rätsel

> Amerika vor Kolumbus

€ 7,90

> Die Weimarer Republik

> Varusschlacht:

Wie sich die Schlachtfeldarchäologie

etabliert

> Hundert verlorene Jahre:

Santorin und die

Datierung der Bronzezeit

€ 7,90

> Die Türken:

2000 Jahre zwischen

Ost und West

> Köln: Mit der U-Bahn

durch den Römerhafen

> Serie Europa:

Das Mittelalter

€ 7,90

Dies ist nur ein Auszug der lieferbaren Titel. Wir bieten Ihnen die erschienenen epoc-Ausgaben auch komplett als digitale Hefte für € 5,– an.

Alle Preise verstehen sich inkl. Mehrwertsteuer.

>>

Alle Hefte sind im Handel erhältlich oder unter

www.spektrum.com/lesershop

Wissenschaft aus erster Hand

Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH | Slevogtstraße 3–5 | 69126

Heidelberg | Tel 06221 9126-743 | Fax 06221 9126-751 | service@spektrum.com


NATIONAL LIBRARY OF AUSTRALIA, CANBERRA

Joachim Schüring

stellvertretender Chefredakteur

Ein ehrgeiziger Eigenbrötler

Mitte des 18. Jahrhunderts war noch ein

Drittel des Globus von weißen Flecken bedeckt:

unbekanntes Land. Fahrten dorthin waren keine

romantischen Abenteuer, keine Segeltörns ins

»Paradies auf Erden«. Die mehrjährigen Entdeckungsreisen

waren Vorstöße ins Ungewisse,

die von den Mannschaften der Segelschiffe alles

ab verlangten. Die Lebensbedingungen an Bord

waren – an heutigen Standards gemessen – katastrophal,

Krankheiten, Unwetter und Untiefen

eine ständige Bedrohung. Statistisch gesehen

war eine gesunde Rückkehr eher unwahrscheinlich.

Solche Herausforderungen konnten nur außergewöhnliche

Persönlichkeiten meistern – so

wie James Cook eine war. Schon für seinen Aufstieg

aus einer armen Landarbeiterfamilie zum

Kapitän in der Royal Navy und Mitglied der Royal

Society hatte er neben der großen Begabung

in nautischen Angelegenheiten auch ein gehöriges

Maß an Ehrgeiz und Disziplin mitgebracht.

Bei seinen Männern war der 1,83 Meter große,

etwas schlaksige Kapitän durchaus angesehen –

er galt aber als unnahbar. Cook war ein wortkarger

Eigenbrötler, der selten lachte und seine

Zeit gerne unter Deck in seiner Kabine verbrachte.

An Durchsetzungskraft fehlte es ihm

freilich nicht – vor allem, wenn er spürte, dass

seine Autorität in Frage gestellt war. Dann konnte

er »übers Heck stampfen und brüllen, bis er

heiser war«, wie ein Matrose berichtete.

So wenige Worte er mit anderen wechselte, so

wenige machte er auch um sich selbst. Daheim

in London schrieb er lieber seine Berichte, als

sich in die feine Gesellschaft zu drängen. Den

Wert seiner Entdeckungen schätzte er einmal als

»nicht sonderlich groß« ein. Auch sah er in den

Inseln der Südsee nicht die Ressourcen, die es für

die Krone auszubeuten galt, und in ihren Bewoh-

nern nicht die »edlen Wilden«, von denen man

damals in Europa schwärmte. Es waren Menschen,

die es zu schützen galt. »Wir bringen ihnen

Bedürfnisse und womöglich Krankheiten,

die sie zuvor nicht gekannt und die ausschließlich

dazu angetan, die glückselige Ruhe zu stören,

deren sie und ihre Vorväter sich erfreuten«,

schrieb Cook im Jahr 1777 mit eindrucksvoller

Weitsicht.

Dies ist einer der wenigen Momente, in denen

Cook einen kurzen Blick in sein Seelenleben

gewährte. Sein Persönlichstes, die Liebe zu seiner

Frau Elizabeth und den Kindern, bleibt indes

völlig im Dunkeln. Wenn man weiß, dass James

Cook nur einen Tag, bevor seine Frau zu Hause

das vierte Kind bekam, zu seiner zweiten Reise

aufbrach, dass er nach Jahren auf großer Fahrt

immer erst der Admiralität Bericht erstattete,

bevor er zu seiner Familie fuhr, und dass er

manches seiner Kinder nie sah, weil sie in seiner

Abwesenheit zur Welt kamen und auch wieder

starben, dann ist das Verhältnis der beiden Cooks

gewiss nicht nur mit dem Rollenverständnis jener

Zeit zu erklären. Dann offenbart sich hier ein

Mann, der trotz aller Bescheidenheit vor allem

eigene Interessen verfolgte. Während sich Elizabeth

nach ihrem Mann sehnte, wollte James

Cook das behagliche Leben nicht leben und gab –

allzu gern – »den bequemen Ruhestand einer

womöglich gefährlichen Reise zuliebe« auf. Berufen

konnte er sich dabei auf höhere Mächte:

»Mein Schicksal treibt mich von einem Extrem

ins andere.«

Eine spannende Lektüre wünscht Ihnen

Ihr

Nach seiner ersten Reise:

James Cook (Mitte) mit den

Botanikern Daniel Solander

und Joseph Banks (von links).

In blauem Rock steht neben

ihm Romanautor John

Hawkesworth, der Cooks

Aufzeichnungen veröffentlichte.

Marineminister John

Montagu, 4th Earl of Sandwich

(ganz rechts), gehörte zu

Cooks wichtigsten Förderern.

FÜR DIE WISSENSCHAFTLICHE

BERATUNG DANKEN WIR

Henriette Pleiger, Projektleiterin,

Kunst- und Ausstellungshalle der

Bundesrepublik Deutschland, Bonn

Prof. Dr. Brigitta Hauser-Schäublin,

Leiterin des Instituts für Ethnologie

der Universität Göttingen

epoc.de 3


Inhalt

Ein Leben auf See ................... 6

Mit Mut, Ehrgeiz und Begabung

schaffte James Cook, Sohn eines

Tagelöhners, den Aufstieg zum

Kapitän

Ein Ozean des Wissens .....18

Im 17. und 18. Jahrhundert wollten die

Denker der Aufklärung den Menschen

verbessern und die Welt erfassen. In

einer von Theorien geprägten Epoche

waren die Entdecker jener Zeit die

Praktiker

»Hunderte, ja Tausende

von Maden!« ..........................34

Die Verhältnisse an Bord der

»Endeavour« waren aus heutiger Sicht

katastrophal

Wussten

Sie, …

… dass wir alle ein

bisschen südseeisch

sprechen?

Im August 1769 schrieb Joseph Banks,

Botaniker an Bord von James Cooks

»Endeavour«, dass die schmerzhafte und

teils Monate dauernde Prozedur der Tätowierung

bei den Bewohnern Tahitis

tatau genannt wird. Das Wort bedeutet

so viel wie »Wunden schlagen« und ist

womöglich eine lautmalerische Ableitung

des Klopfens bei der Arbeit mit dem traditionellen

Tätowierkamm (Bild). Im Deutschen

wurde daraus zunächst »Tatauie-

ren« und später »Tätowieren«.

Auf der Suche

nach dem Paradies ............28

Als James Cook auf den pazifischen

Inseln landete, traf der Entdecker auf

fremde Kulturen. Es folgten Begegnungen

voller Unsicherheiten und

Missverständnisse

Editorial ..........................................3

James Cook und seine Zeit ... 16

IN BILDERN

Entdeckung der Südsee ....... 22

FÜR KINDER

Zwei kleine Passagiere .......... 38

Die »HMS Endeavour« ............ 40

Preisrätsel ................................... 42

Aloha ist – in der hawaiianischen Sprache

– viel mehr als ein einfacher Gruß.

Denn die Silben alo und ha bedeuten

sinngemäß »vom Geist Gottes erfüllt«.

Titelmotiv: Bildkomposition nach Vorlagen von: National Maritime Museum, Greenwich, London / The Natural History Museum, London /

British Library, London

IMPRESSUM

epoc – Das Magazin für Archäologie und Geschichte

Chefredakteur: Dr. phil. Carsten Könneker (v.i.S.d.P.)

Redaktion: Dr. Joachim Schüring (stv. Chefredakteur),

Dr. Klaus-Dieter Linsmeier, Dr. Claudia Mocek, Rabea Rentschler

Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies,

Katharina Werle

Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg,

Gabriela Rabe

Artdirector: Karsten Kramarczik

Layout: Claus Schäfer, Oliver Gabriel

Redaktionsassistenz: Anja Albat-Nollau

Redaktionsanschrift: Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg

Tel.: 06221 9126-711, Fax: 06221 9126-869,

E-Mail: redaktion@epoc.de

Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,

Postfach 10 48 40, 69038 Heidelberg; Hausanschrift:

Slevogtstraße 3 –5, 69126 Heidelberg, Tel.: 06221 9126-600,

Fax: 06221 9126-751; Amtsgericht Mannheim, HRB 338114

Verlagsleiter: Dr. Carsten Könneker, Richard Zinken (Online)

Geschäftsleitung: Markus Bossle, Thomas Bleck

Herstellung: Natalie Schäfer, Tel.: 06221 9126-733

Marketing: Annette Baumbusch (Ltg.), Tel.: 06221 9126-741,

E-Mail: service@spektrum.com

Einzelverkauf: Anke Walter (Ltg.), Tel.: 06221 9126-744

Leser- und Bestellservice: Tel.: 06221 9126-743,

E-Mail: service@spektrum.com

Vertrieb/Abonnementverwaltung:

Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

c/o ZENIT Pressevertrieb GmbH, Postfach 81 06 80,

70523 Stuttgart, Tel.: 0711 7252-192, Fax: 0711 7252-366,

E-Mail: spektrum@zenit-presse.de

Vertretungsberechtigter: Uwe Bronn

Bezugspreise: Einzelheft: € 7,90; Jahresabonnement Inland

(6 Ausgaben): € 40,50; Jahresabonnement Ausland: € 43,50;

Jahresabonnement Studenten Inland (gegen Studiennachweis):

€ 34,50; Jahresabonnement Studenten Ausland (gegen

Studiennachweis): € 37,50. Zahlung sofort nach Rechnungs erhalt.


Anfang der 1920er Jahre gelangte das

Tabu in die deutsche Sprache. Auf Tonga

stand tapu ursprünglich für »nicht erlaubt«

(siehe S. 30). Heute bedeutet es dort

auch »heilig«. So heißt die Hauptinsel

des Königreichs Tongatapu, was eher »heiliger

Süden« bedeutet als »verbotener

Süden«.

Wenngleich die Geschichte vom Känguru

nicht stimmt, wird sie immer wieder erzählt:

Als Joseph Banks, Botaniker an Bord

der »Endeavour«, im Jahr 1770 »ein Tier so

groß wie ein Windhund, von mausgrauer

Farbe und sehr flink« sah, soll er die Eingeborenen

Australiens gefragt haben:

»Was ist das für ein Tier?« Worauf sie

»Känguru« geantwortet hätten, was angeblich

»Wir verstehen dich nicht!« heißt.

Doch dies ist Legende. In Wahrheit leitet

sich das Wort von gangurru ab, dem Namen

der Aborigines für das Graue Riesenkänguru.

Für viele europäische Seefahrer und

Händler waren alle fernen Inselvölker

Kanaken. In Wirklichkeit leben die Kanaken

aber nur auf den Inseln Neukaledoniens

östlich von Australien. Seinen Ursprung

hat der Name des Volks in Hawaii,

wo kanaka »Mensch« heißt.

Im Sommer 1946, kurz

nachdem die Amerikaner

auf dem Bikini-Atoll im Pazifik

Atombomben getestet

hatten, benannte der

Franzose Louis Réard

einen neuen, zweiteiligen

Badeanzug für Damen

nach der Inselgruppe.

Die Provokation gelang,

die Aufregung über die Tat

Réards war größer als die Empörung über

die Bombentests. Bei den Bewohnern der

Inseln bedeutet bikini übrigens Land

der vielen Kokosnüsse.

Kennen Sie im Deutschen weitere

Wörter, die ihren Ursprung in der

Südsee haben? Schreiben Sie uns!

Unter den Einsendern verlosen wir

zehn Jahresabos von epoc!

epoc

Das Magazin für

Archäologie und Geschichte

Stichwort »Südsee«

Postfach 10 48 40

69038 Heidelberg

redaktion@epoc.de

TÄTOWIERKAMM: ETHNOLOGISCHE SAMMLUNG DER UNIVERSITÄT GÖTTINGEN; BIKINI: FOTOLIA / KUDRYASHKA; GEMÄLDE: SAMMLUNG MARK UND CAROLYN BLACKBURN, HONOLULU

Konto: Postbank Stuttgart, 22 706 708 (BLZ 600 100 70)

Die Mitglieder des VGD erhalten epoc zum gesonderten

Mitgliedsbezugspreis.

Anzeigen/Druckunterlagen:

Medienpunkt e. K., Raimund T. Arntzen, Am Aichberg 3,

86573 Obergriesbach, Tel.: 08251 88808-52, Fax: 08251 88808-53,

E-Mail: zentrale@medienpunktonline.de

Anzeigenpreise:

Zurzeit gilt die Anzeigenpreisliste Nr. 2 von 2009.

Gesamtherstellung:

L. N. Schaffrath Druck Medien GmbH & Co. KG, 47608 Geldern

Alle Zitate wurden von der Redaktion in die neue deutsche

Rechtschreibung übertragen. Kürzungen sind nicht kenntlich

gemacht. Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk

liegen bei der Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH.

Jegliche Nutzung des Werks, insbesondere die Vervielfältigung,

Verbreitung, öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung,

ist ohne die vorherige schriftliche Einwilligung

der Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

unzulässig. Jegliche unautorisierte Nutzung des Werks berechtigt

die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH zum

Schadensersatz gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Bei jeder

autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) Nutzung des Werks ist

die folgende Quellenangabe an branchenüblicher Stelle vorzunehmen:

©2009 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft

mbH, Heidelberg. Jegliche Nutzung ohne die

Quellenangabe in der vorstehenden Form berechtigt die Spektrum

der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH zum Schadensersatz

gegen den oder die jeweiligen Nutzer. Für unauf ge fordert eingesandte

Manu skripte und Bücher über nimmt die Redaktion keine

Haftung; sie behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.

Bildnachweise: Wir haben uns bemüht, sämtliche Rechteinhaber

von Abbildungen zu ermitteln. Sollte dem Verlag gegenüber

dennoch der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden,

wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

ISSN 1865-5718

ISBN 978-3-941205-26-0

www.epoc.de

Erhältlich im Zeitschriftenund

Bahnhofsbuchhandel und

beim Pressefachhändler

mit diesem Zeichen.


Von Joachim Schüring

6 epoc James Cook

NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON


Mit Fleiß und Ehrgeiz schaffte James Cook, Sohn

eines Tagelöhners, den Aufstieg an die Spitze der

britischen Gesellschaft.

Es gibt nur wenige Porträts

von James Cook. Dieses

Gemälde von Nathaniel

Dance zeigt ihn im Alter

von 48 Jahren, kurz bevor er

zu seiner dritten Reise

aufbrach.

Kurz vor ihrem Tod im Jahr 1835 erfüllte

Eli zabeth Cook ihrem verstorbenen Gatten

noch einen letzten Wunsch: Sie vernichtete alle

Briefe, die sich die beiden geschrieben hatten.

Es dürften viele gewesen sein, schließlich war

James Cook rund 13 seiner 17 Ehejahre viele tausend

Seemeilen von zu Hause entfernt. Während

die von ihm penibel geführten Logbücher bis heute

seine Reisen beinahe lückenlos dokumentieren,

ist vom Privatleben der Cooks daher kaum etwas

bekannt.

Kennen gelernt haben sich die beiden wohl in

den 1750er Jahren, in den Docklands von London,

wo Elizabeth’ Vater eine Taverne betrieb – nicht

weit von der Stelle, wo regelmäßig Piraten, Meuterer

und Schmuggler gehenkt wurden. Damals war

James oft in der Gegend, denn als Schiffsjunge an

Bord von Kohleschiffen pendelte er ständig zwischen

dem Norden des Landes und der Hauptstadt

hin und her.

James Cook wurde am 27. Oktober 1728 in Marton,

einem kleinen Dorf im Nordosten Englands,

geboren – ein Jahr nach seinem Bruder John. Die

Familie war arm; der Vater, James Cook sen., musste

sich und die seinen mit dem kargen Lohn eines

Tagelöhners durchbringen. Obwohl bald zwei weitere

Kinder folgten – Christiana (1731) und Mary

(1733) – und der kleine James seinem Vater auf einer

Farm zur Hand gehen musste, brachte die

Frau des Hofbesitzers dem Knaben das Lesen und

Schreiben bei. Als er acht Jahre alt war, die kleine

Schwester Mary war gerade gestorben, zog die Familie

in das wenige Kilometer entfernte Great Ayton,

auf den Hof von Lord Thomas Skottowe, wo

noch vier weitere Geschwister zur Welt kommen

sollten: Jane, Mary (Nr. 2), Margaret und William.

James ging nun in eine richtige Schule, tat sich

aber in den meisten Fächern nicht besonders hervor

– außer in Mathematik.

Im Jahr 1745 begann er bei einem Gemischtwarenhändler

im nahe gelegenen Staithes eine Lehre.

Cook mochte den Ort nicht, dessen Einwohner

in sich gekehrt und Fremden gegenüber wenig

aufgeschlossen waren. Nur acht Monate hielt er es

dort aus, dann kehrte er dem Dorf den Rücken –

der Legende nach, weil er eine Münze der englischen

Südsee-Kompanie unterschlagen hätte. In

Wahrheit aber war sein Lehrmeister ein verständnisvoller

Mann, der sah, wie unglücklich der Junge

war. Und so half ihm William Sanderson sogar

beim Umzug in die zwölf Kilometer entfernte

Hafenstadt Whitby, wo er die Reeder John und

Henry Walker kannte. Schon bald schnupperte

der 17-jährige Cook erstmals Seeluft.

Umgeschlagen wurde in Whitby vor allem

eines: Kohle. Die Fahrten die Küste hinunter von

den Kohlefeldern Nordenglands nach London

dauerten meist mehrere Wochen. Während die

Fracht im Osten der Metropole gelöscht wurde,

übernachtete James vermutlich immer wieder im

»The Bell«, jener Taverne, in der Elizabeth ihrem

Vater beim Ausschank half.

Ehrgeizig und wissbegierig, wie er war, segelte

Cook für die Walkers bald auch nach Norwegen,

vielleicht sogar bis St. Petersburg. Damals litt Europa

noch unter einer längeren Kälteperiode – der

so genannten Kleinen Eiszeit – und die Nordsee

gehörte zu den gefährlichsten aller Meere. Aufmerksam

beobachtete er, was es brauchte, um ein

Schiff mit unkontrollierbarer Ladung durch ungewisse

Gewässer in unübersichtliche Häfen zu

segeln. Zu Hause habe er nächtelang gelernt, während,

wie Mary Prowd, die Haushälterin der Walkers,

berichtete, »die anderen Lehrjungen sich mit

eitlem Geschwätz und anderem läppischen Zeitvertreib

beschäftigten«. Den Schiffseignern gefiel

das, und sicher hätten sie ihm bald das Kommando

über eines ihrer Schiffe anvertraut, wenn Cook

nicht im Jahr 1755 einen unerwarteten Entschluss

gefasst hätte: Er kündigte und ging zur Royal

Navy. Obwohl dem 26-Jährigen sicher bewusst

war, dass das Leben an Bord eines Marineschiffs

viel härter war, trieb ihn die Sehnsucht nach

Abenteuern zum Dienst auf hoher See.

Die Zeiten waren unruhig: Gerade hatten

Frankreich und England wieder einmal um die

Vormachtstellung in Nordamerika gerungen.

Krieg lag in der Luft, und tatsächlich eskalierten

1756 die Konflikte in der Neuen Welt und schwappten

nach Europa, wo sich die Briten und Franzosen

mit ihren Bündnispartnern vielerorts erbitterte

Schlachten lieferten. Der Siebenjährige

Krieg war ausgebrochen.

Jenseits des Atlantiks, wo die englische Navy

versuchte, den Widerstand der französischen

Truppen in Kanada zu brechen, lernte Cook die

Kunst des Navigierens und Kartografierens. Als es

den Briten im September 1759 endlich gelang, bei

Québec die entscheidende Schlacht gegen die

Franzosen zu gewinnen, waren es seine präzisen

Karten des Sankt-Lorenz-Stroms, die maßgeblich

zum Sieg beitrugen – und ihn ins Gespräch bei

der Admiralität brachten.

epoc.de 7


Im Herbst 1762 kehrte James Cook zurück nach

England und führte am 21. Dezember seine Verlobte

Elizabeth Batts zum Traualtar. Ob die 21-Jährige

da von einem gemeinsamen Leben im trauten

Heim träumte, ist ungewiss. Er, der 13 Jahre Ältere,

tat es sicher nicht. Es vergingen nur ein paar Monate,

bis er das Haus im Londoner Vorort Mile End

verließ und gen Neufundland segelte. Nach seinen

Verdiensten im Siebenjährigen Krieg kam für

die Admiralität schlicht kein anderer in Frage, um

die Küsten der Region zu kartieren. Er erhielt das

Kommando über die »Grenville« und verbrachte

fünf Jahre die Sommer auf der anderen Seite des

Atlantiks, die Winter daheim bei Elizabeth. In dieser

Zeit brachte sie drei ihrer sechs Kinder zur

Welt: James, Nathaniel und Elizabeth. Einmal kam

er schwer verwundet heim, weil, wie es im Logbuch

steht, »ein großes Pulverhorn explodierte

und seine Hand zerbarst«. Die Narbe würde eines

Tages noch von Bedeutung sein. Ÿ

MITCHELL LIBRARY, STATE LIBRARY OF NEW SOUTH WALES, SYDNEY

Erste Reise: 1768 – 1771

Vorstoß

ins Ungewisse

Akribisch beschrieb James

Cook, wie sich am 3. Juni

1769 die winzige Venus vor

die große Sonnenscheibe

schob. Das Ereignis dauerte

gut 1,5 Stunden.

W

äre

James Cook im Sommer 1768 nur einen

einzigen Tag länger bei seiner Frau

geblieben, hätte er auch die Geburt seines vierten

Kindes noch erlebt. Doch als Elizabeth am 26. August

den kleinen Joseph zur Welt brachte, war ihr

Mann bereits an Bord der »Endeavour« und in

Richtung Südsee aufgebrochen, um, wie er sagte,

»einige neue Entdeckungen in diesem riesigen,

unbekannten Gebiet zu versuchen«.

Obwohl James Cook, schon 39 Jahre alt, noch

nie ein Schiff befehligt hatte, wusste die Navy seine

außerordentlichen Fähigkeiten zu schätzen

und wählte ihn für eine ganz besondere Mission

aus: die Suche nach dem sagenumwobenen Südland,

der Terra australis incognita. Die Existenz

des Kontinents hatte schon der griechische Gelehrte

Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n.

Chr. postuliert, weil er überzeugt davon war, dass

die Landmassen auf der Nord- und Südhalbkugel

gleichmäßig verteilt sein müssten. Auch im 18.

Jahrhundert glaubten viele daran; der schottische

Geograf Alexander Dalrymple etwa, der sich große

Hoffnungen machte, eine Suche danach anzuführen.

Er war von der Royal Society vorgeschlagen

worden, doch die Navy zog den erfahrenen

Seemann Cook dem Schreibtischgelehrten vor.

An Bord der »Endeavour« wusste von diesem

Auftrag freilich niemand – er war geheim, schließlich

sollte das neu entdeckte Land sofort für die

Krone in Besitz genommen werden. Der offizielle

Auftrag war ein anderer, von ganz und gar unpolitischer

Natur: Cook solle »die Passage des Planeten

Venus über die Sonnenscheibe beobachten«

– ein seltenes Ereignis, das es bei sorgfältiger

Vermessung möglich machen würde, die Entfernung

zwischen Erde und Sonne zu errechnen und

somit die Dimensionen des Sonnensystems zu

bestimmen.

Die gut 30 Meter lange »Endeavour« war ein

paar Jahre zuvor in Whitby vom Stapel gelaufen –

als eines der Kohleschiffe, mit denen James Cook

ja schon vertraut war. Nach dem Umbau erinnerte

jedoch fast nichts mehr an den alten Segler. Wo

einst das schwarze Gold lagerte, stapelten sich

nun Vorräte für 18 Monate. Hinzu kamen vier

Schweine, drei Katzen, zwei Hunde, eine Ziege

sowie ein paar dutzend Hühner. Unter Deck

drängten sich 94 Männer, von denen elf in wissenschaftlicher

Mission unterwegs waren. Zu ihnen

gehörten Charles Green, der als Astronom

den Venusdurchgang beobachten sollte, und Joseph

Banks, 25-jähriger Spross einer wohlhabenden

Familie und studierter Botaniker. Letzterer

hatte immerhin 10 000 Pfund gezahlt, um mit einer

Entourage von mehreren Forschern, Zeichnern

und Dienern dabei sein zu können.

Wenn man von einem tödlichen Unfall, einem

Selbstmord und den beiden im Vollrausch da-

8

epoc James Cook

EPOC / EMDE-GRAFIK


BRITISH LIBRARY, LONDON (CHARLES PRAVAL, 1771)







Für die Beobachtung des

Venustransits ließ Cook auf

Tahiti eigens ein befestigtes

Lager errichten: »Fort Venus«.

Auf seiner ersten Reise stellte

James Cook unter anderem

fest, das Neuseeland aus zwei

Inseln bestand – und nicht

Teil des legendären Südkontinents

war.






hingeschiedenen Lakaien Banks’ absieht, querte

die Crew ohne größere Zwischenfälle den Atlantik,

umrundete Kap Hoorn und erreichte den

Pazifik. Selbst Skorbut, die tödliche Krankheit

infolge einseitiger Ernährung mit Pökelfleisch

und Schiffszwieback, war an Bord der »Endeavour«

sehr selten, weil der Kapitän seine Mannschaft

stets mit Obst und Gemüse versorgte (siehe

S. 34).



Am 5. April 1769 warf die »Endeavour« vor Tahiti

die Anker. Bis zum Venustransit am 3. Juni hatten

die Männer Zeit – und genossen das Leben

auf den Inseln, die wie das Paradies auf Erden anmuteten.

Die Bewohner schienen friedlich, sorglos

und ohne Arbeit in den Tag hineinzuleben.

Für Messingknöpfe und Eisennägel gaben sie fast

alles her – die Frauen auch ihren Körper. »Die

Liebe ist ihre einzige Beschäftigung«, schrieb

Banks begeistert – und bestätigte, was schon im

Jahr zuvor der französische Seefahrer Antoine de

Bougainville ille

le notiert hat-

te: »Aller Vorsicht

ungeachtet,

et,

kam ein

jun-

ges Mädchen vor eine der Luken über dem Gangspill.

Sie ließ ungeniert ihre Bedeckung fallen

und stand vor den Augen aller da, wie Venus sich

dem phrygischen Hirten gezeigt. Sie hatte einen

göttlichen Körper.« James Cook, der dem Treiben

aus Sorge um Geschlechtskrankheiten Einhalt

gebieten wollte, was ihm aber nicht gelang,

schrieb: »Beide Geschlechter geben im Gespräch

den unsittlichsten Gedanken Ausdruck, ohne

geringste innere Regung. Solche Reden verschaffen

ihnen höchstes Entzücken.« Nüchtern resümierte

der Kapitän: »Keuschheit wird geringer

Wert beigemessen.«

Der Tag des Venustransits begann, wie Cook

es sich nur wünschen konnte: »Es zeigte sich keine

Wolke, und die Luft war völlig klar, also dass

wir jeden erdenklichen Vorteil hatten bei der Beob-achtung

der ganzen Passage des Planeten Venus

über die Scheibe der Sonne.« Nach ein paar

Stunden war das Spektakel, das man mit bloßem

Auge gerade so beobachten kann, schon wieder

vorüber –

und der »offizielle« Teil der Reise abgeschlossen.

sen Jetzt galt es, der »geheimen Anweisung«

der Admiralität zu folgen: »Ihr sollt gen

Süden fahren, um den Kontinent zu entdecken.«

Bevor es Anfang August 1769 weiterging,

überzeugte Joseph Banks den Kommandanten

noch, zwei Einheimische mit an Bord zu neh-

men:

Tupaia, einen Priester von der Insel Ra’iatea,

sowie dessen Gefährten Taiata. Während

Banks in sein Tagebuch schrieb: »Ich weiß

nicht, warum ich ihn nicht als Kuriosum

behalten sollte – so wie sich meine Nachbarn

Löwen und Tiger halten«, war Cook

bald von den navigatorischen Fähigkeiten

des Fremden fasziniert – insbesondere

von dessen Karten, auf denen

Tupaia die Positionen von mehr als 70

Inseln verzeichnet hatte. »Ich sehe keinen

Grund, an seinen Angaben zu zweifeln«,

schrieb er.

Doch ein großes Land, einen Kontinent,

kannte auch Tupaia nicht. Obwohl

Cook auf dem Weg nach Süden mehrfach

östliche und wieder westliche Kurse einschlagen

ließ, blieb der Horizont leer.


epoc.de 9


Zwei Monate später erreichten sie jedoch Neuseeland.

Von den Maori wurden sie freundschaftlich

aufgenommen – obschon einer von ihnen

nach einem Diebstahl erschossen wurde. Cook segelte

die Küste entlang und erkannte, dass Neuseeland

nicht, wie der niederländische Seefahrer

Abel Tasman zuvor vermutet hatte, Teil jener Terra

australis incognita war, sondern aus einer Nordund

einer Südinsel bestand. Cook kamen zunehmend

Zweifel an der Existenz des Südkontinents.

Ende März 1770 verließ die »Endeavour« Neuseeland

und hielt westwärts. Nach bald zwei Jahren

sollte es nun endlich heimgehen. Am 28. April

betrat Cook in der Botany Bay (heute: Sydney) als

erster Brite den Boden von Neuholland, das erst

mehr als 50 Jahre später offiziell Australien heißen

sollte. Auf dem Weg nach Norden nahm er die

ganze Ostküste für die Krone in Besitz und nannte

sie »New South Wales«. Die Einwohner zeigten

kaum Interesse oder verhielten sich feindselig.

Kontakte gab es kaum, denn auch Tupaia sprach

ihre Sprache nicht. Banks hielt sie für »elendige

Feiglinge«.

Am 11. Juni 1770 ereignete sich am Great Barrier

Reef beinahe eine Katastrophe. Es war gegen

23 Uhr, und Cook hatte sich gerade hingelegt, als

ein Schlag durch den Rumpf der »Endeavour«

ging: »Das Schiff lief auf ein Hindernis und saß

fest«, würde Cook später notieren. Noch in Unterwäsche

eilte der Kapitän an Deck, um den Schaden

zu begutachten. Sogleich befahl er, alles von

Bord zu werfen, was nicht lebensnotwendig war.

Von außen zerrten die Männer mit Winden und

Seilen am Rumpf, andere standen bis zur Erschöpfung

an den Pumpen. Dann, fast 24 Stunden später

und über 40 Tonnen leichter, kam die »Endeavour«

endlich frei. Als es der Mannschaft sechs

»Ihr sollt gen Süden fahren,

um den Kontinent zu entdecken«

Tage später gelang, das Schiff in flachem Wasser

auf die Seite zu legen, offenbarte sich, welches

Glück sie gehabt hatten: In dem riesigen Loch

steckte das Stück einer Koralle. Es hatte die »Endeavour«

vor dem Untergang bewahrt.

Doch es sollte nicht lange dauern, bis sie das

Glück schließlich doch verließ. Waren sie von

Skorbut weit gehend verschont geblieben, kam in

Batavia (dem heutigen Jakarta), wo die »Endeavour«

fit für die Rückreise gemacht wurde, die

Ruhr an Bord. Ein Seemann nach dem anderen

klagte über die »Schmerzen der Verdammten«,

wie der ebenfalls erkrankte Joseph Banks aus eigener

Erfahrung berichtete. Dem Siechen folgte

das Sterben. Taiata und sein Herr Tupaia starben

in Batavia; bis Kapstadt raffte die Krankheit noch

einmal zwei Dutzend Mann dahin.

Als die »Endeavour« am 13. Juli 1771, einem windigen

Samstag, vor der Küste von Kent im heimischen

England ein letztes Mal die Anker warf, gingen

von den ursprünglich 94 nur noch 38 Mann

der Besatzung von Bord. James Cook, der verschont

geblieben war, fuhr zunächst nach London,

wo er der Admiralität Bericht erstattete, und

am Sonntagmorgen zu seiner Familie in Mile End.

Erst jetzt konnte ihm seine Frau die traurige Nachricht

vom Tod zweier Kinder berichten: Joseph

war gleich nach der Abfahrt des Vaters gestorben

und seine vierjährige Tochter Elizabeth drei Monate

vor seiner Rückkehr. Sie war unter dieder

einer Kutsche geraten. Ÿ

Geheime Anweisung der britischen Admiralität, 1768

EPOC / EMDE-GRAFIK


Zweite Reise: 1772 – 1775

Der

sagenhafte

Kontinent

Hätte man nach der Rückkehr der »Endeavour«

einfache Engländer auf der Straße

nach James Cook gefragt, hätten die allermeisten

wohl mit den Achseln gezuckt. Kaum jemand

kannte den Kapitän und Weltreisenden. Umjubelt

wurde ein anderer: Joseph Banks. Der wohlhabende

Forscher kam ja nicht wie Cook aus kleinen

Verhältnissen, sondern verkehrte seit jeher in den

besten Kreisen Londons. Nun war er auch Gast

Seiner Majestät Georg III. und machte mit abenteuerlichen

Berichten und seinem in der Südsee

tätowierten Arm einigen Eindruck.

Unterdessen mäkelte Alexander Dalrymple,

der noch immer vergrätzt war, weil nicht er am

10 epoc James Cook


Von Neuseeland aus unternahm

James Cook während

seiner zweiten Reise im

Winter 1773 (rot) und im

Sommer 1773/74 (rosa)

systematische Suchen nach

der Terra australis incognita

– ohne Erfolg.


Omai, ein Bewohner der

Südseeinsel Ulietea bei

Tahiti, kam an Bord der

»Adventure« nach England.

Dort avancierte er zum

Liebling der Gesellschaft

(unten: seine Visitenkarte).

Ein paar Jahre später (1777)

brachte James Cook ihn

wieder zurück in seine

Heimat.



SAMMLUNG MARK UND CAROLYN BLACKBURN, HONOLULU
























Steuer

er

der »Endeavourstanden

hatte,

Cook

ok hätte te

die

Existenz

des Südkontinents mitnichten wi-

gederlegt.

Doch das wusste auch Cook selbst nur allzu

gut – und hatte noch auf der Rückreise erste

Pläne für eine weitere Reise geschmiedet. Der Admiralität

kamen seine Vorschläge gerade recht,

schließlich sollte auf dem unbekannten Land die

britische Flagge wehen.

Nach dem Schrecken im Great Barrier Reef

wollte Cook diesmal mit zwei Schiffen segeln. Die

Admiralität willigte ein und stellte die »Resolution«

und die »Adventure« bereit, die ebenfalls

ursprünglich als Kohleschiffe in Whitby vom Stapel

gelaufen waren. Auch Joseph Banks wollte

wieder mit von der Partie sein, doch diesmal über-

























NATIONAL PORTRAIT GALLERY, LONDON (JOHANN JACOBI, NACH SIR JOSHUA REYNOLDS, LONDON, 1780

schätzte er seine Position. Nachdem der

stets auf Stil und Komfort bedachte Botaniker

gegen den Willen Cooks die »Resolution«

so hatte umbauen lassen, dass er

und sein Gefolge – darunter zwei Blasmusiker

– möglichst kommod reisen konnten,

war das Schiff so kopflastig, dass es

wieder in den Originalzustand versetzt

werden musste. Die Besatzung habe sich

dem Schiff anzupassen – und nicht umgekehrt,

hieß es von Seiten der Admiralität.

Verärgert blieb Banks daheim. An seiner Stel-

le wurde Johann Reinhold Forster verpflichtet,

ein namhafter, wenngleich launischer Naturforscher

aus Preußen. Mit seinem Sohn und Assistenten

e Georg würden sie die ersten Forscher sein,

die nicht nur alle möglichen Pflanzen und Tiere

sammelten, sondern auch völkerkundliche Objekte

e – wobei Georg Forster mit seinen differenzierten

Beschreibungen verschiedener Südseegesellschaften

scha

eben nicht mehr dem Klischee vom

»edlen en Wilden« im »Paradies auf Erden« verfallen

würde. Die unzähligen Ethnografica, die Vater

und Sohn aus der Südsee heimbrachten, befinden

sich heute übrigens zum Großteil in der Ethnologischen

Sammlung der Universität Göttingen.



Am 13. Juli 1772, genau ein Jahr nach seiner ersten

Rückkehr aus der Südseeund fünf Tage,

nachdem seine Frau das fünfte Kind zur Welt gebracht

hatte –, verließ Cook den Hafen von Plymouth

und segelte in Richtung Kapstadt. (Kaum

hatte ihr Mann den Äquator überquert, trug Elizabeth

daheim in London den kleinen George schon

wieder zu Grabe).

Nachdem die Schiffe in Kapstadt Nachschub

geladen und der Botaniker Anders Sparrman als

weiterer Assistent von Johann Reinhold Forster

dazugestoßen war, drängte es Cook nach Süden.

Er hatte Zeit verloren; wollte er den Südkontinent

finden, konnte dies nur im Sommer gelingen.

Es würde mit 117 Tagen die längste Etappe werden.

117 Tage, die die Männer in bedrückender

Enge und auf schwankenden Planken verbrachten.

Um sie bei Laune zu halten, führte der Kapitän

sie mit nachsichtiger Hand. Am Weihnachtstag

1772 etwa notierte er, wie er sein Schiff auf einen

»möglichst geschützten Kurs« brachte, um nicht

»von einem plötzlichen Wind mit einer betrunkenen

Mannschaft überrascht zu werden«. In antarkti-schen

Gewässern schließlich half ein »zusätzli-ches

Glas Brandy jeden Morgen« den Männern,

»die Kälte ohne Murren zu ertragen«. Als

Cook wegen des mächtigen Eises den Rückzug

befahl, ahnte er nicht, dass nur 75 Meilen voraus

Festland lag – und er um Haaresbreite auch als

11


Mit diesem vom Londoner

Tischler John Harrison entwickelten

und vom Uhrmacher

Larcum Kendall

gebauten Chronometer

konnte James Cook eines

der größten Probleme seiner

Zeit lösen: Er war so genau,

dass sich mit ihm endlich

die geografische Länge

zuverlässig bestimmen ließ.

NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

Ent decker der Antarktis in die Geschichte eingegangen

wäre!

Auf dem Rückweg verloren sich die Schiffe in

dichtem Nebel aus den Augen. Für einen solchen

Fall hatten James Cook und Tobias Furneaux, Kapitän

der »Adventure«, vorab ausgemacht, sich

am Queen Charlotte Sound in Neuseeland zu treffen.

In der Hoffnung, er könne noch auf den Kontinent

stoßen, segelte Cook im Zickzackkurs nach

Neuseeland, wo er eine kleine Brauerei aufbauen

ließ – Bier galt als probates Mittel gegen Skorbut –

und die Forsters so viel Gefleuch und Gekreuch

sammelte, dass sich in ihren Kammern ein »recht

scheußlicher Gestank« verbreitete.

Nachdem im Mai 1773 die »Resolution« und die

»Adventure« wieder vereint waren, ging es auf

Entdeckungsreise durch die Südsee. Auf der Gesellschaftsinsel

Ulietea nahm Furneaux einen

jungen Mann namens Mai an Bord, der später in

der Obhut von Joseph Banks zum Liebling der

englischen Gesellschaft avancieren sollte. Omai,

wie man ihn dort nannte, wurde vom König bezahlt,

saß Malern Modell und fuhr Schlittschuh.

Im Theater kam 1785 gar das Stück »Omai: Oder

eine Reise um die Welt« zur Aufführung.

Auf dem Rückweg nach Neuseeland verloren

sich die Schiffe ein zweites Mal. Wieder wartete

Cook im Queen Charlotte Sound. Diesmal vergeblich.

Gerade als er aufbrechen wollte, fand Cook

das »Zwischendeck bevölkert mit Eingeborenen«

und wurde Zeuge eines grausigen Geschehens.

Seine Wissenschaftler hatten die Überreste eines

Toten entdeckt und den Schädel an Bord gebracht

»oder das, was von ihm noch übrig war, denn Unterkiefer

und Lippen et cetera fehlten«. Cook wurde

klar, dass der »Junge von vielleicht 14 oder 15

Jahren« Opfer eines kannibalischen Brauchs geworden

war. Weil ihm das zu Hause niemand

glauben würde, befahl er »ein Stück des Fleisches

zu braten und auf das Zwischendeck zu bringen,

wo einer dieser Kannibalen es mit offensichtlich

gutem Appetit verzehrte«. Unterdessen verglich

der junge Forster das Erlebte mit dem Wüten der

spanischen Eroberer in Südamerika: »Was ist der

Neu-Seeländer, der seinen Feind im Kriege umbringt

und frisst, gegen den Europäer, der, zum

Zeitvertreib, einer Mutter ihren Säugling mit kaltem

Blut, von der Brust reißen und seinen Hunden

vorwerfen kann?« Furneaux sollte, einige

Tage nachdem Cook den Ort verlassen hatte, an

gleicher Stelle ebenfalls Augenzeuge eines solchen

Mahls werden. Allerdings kannte er die Verspeisten:

Es waren einige seiner eigenen Männer.

Nachdem sich die Schiffe knapp verpasst hatten,

segelte Furneaux nach Kap Hoorn und weiter

Dritte Reise: 1776 – 1780

Scheitern

in der Arktis

12


»Nunmehr bin ich fertig mit

dem Pazifischen Ozean«

zum Kap der Guten Hoffnung. Als er im Juli 1774 –

ein Jahr vor Cookdie Heimat erreichte, war er

der erste Kapitän, der die Erde von West nach Ost

umsegelt hatte. Unterdessen ließ Cook erneut

nach Süden segeln, bis er am 71. Breitengrad vor

dickem Packeis aufgab.

Cook ließ umdrehen und ankerte Mitte März

1774 vor der Osterinsel. Von dort ging die Fahrt zu

den Marquesas, nach Tahiti, Nue, Tonga und den

James Cook, 17. Dezember 1774

Neuen Hebriden (heute Vanuatu), wo Cook zahlreiche

bis dahin unbekannte Inseln kartierte. Auf

der Fahrt nach Südwesten entdeckte er Neukaledonien

und die Norfolkinseln. Von Terra australia

incognita indes noch immer keine Spur. Im Dezember

schrieb er vor Kap Hoorn: »Nunmehr bin

ich fertig mit dem Pazifischen Ozean. Ich hoffe

nur, dass die, welche mich ehrten, und auch jene,

welche mich beleidigten, dass also nicht einer von

ihnen denken wird, dass irgendetwas mehr hätte

getan werden können auf einer Reise mit einem

solchen Ziele denn das, was in dieser geschah.«

Vor seiner Rückreise löste Cook dann noch

eines der größten Probleme seiner Zeit – und verhalf

einem Londoner Uhrmacher namens John

Harrison endlich zu seinem verdienten Ruhm. 40

Jahre hatte der an einem Chronometer gebaut,

mit dessen Hilfe er das so genannte Längenproblem

lösen wollte: Während sich der Breitengrad

nämlich leicht mit dem Sonnenstand bestimmen

ließ, musste die Länge, die Position in Ost-West-

Richtung, auf komplizierte Weise berechnet werden.

Mit einer extrem genauen Uhr könnte man

jedoch die zurückgelegte Strecke direkt messen –

und daraus leicht die geografische Länge ableiten.

Cook vertraute der Uhr und adelte sie, nachdem

er mühelos zur Atlantikinsel Sankt Helena gefunden

hatte, als our faithful guide. Damit war das

Längenproblem endgültig Geschichte – und der

Traum von John Harrison erfüllte sich endlich

acht Monate vor seinem Tod.

Am 30. Juli 1775 erreichte die »Resolution« die

Heimat. Wie zuvor eilte Cook auch diesmal zunächst

zur Berichterstattung nach London – und

hörte erst später vom frühen Tod eines seiner Kinder.

Am Tisch der Cooks saßen nur noch James,

mit zwölf Jahren bereits bei der Marineakademie

in Portsmouth, und Nathaniel, der ihm bald dorthin

folgen würde. Beiden muss ihr Vater schrecklich

fremd vorgekommen sein. Ÿ

Nach seiner zweiten Reise war James Cook ein

berühmter Mann. Die Royal Society berief

ihn in ihre Reihen und verlieh ihm für seinen

Kampf gegen den Skorbut die renommierte Copley-Medaille.

Er lernte König Georg III. kennen,

war gern gesehener Gast in den feinen Londoner

Zirkeln und bekam eine gut dotierte Stellung an

Land. Die Zukunft der Cooks war also gesichert.

Doch dauerte es nicht lange, bis sich der Kapitän

langweilte und einem erneuten Angebot der Admiralität

nicht zu widerstehen vermochte. Er

sollte die Nordwestpassage suchen, die im hohen

Norden den Atlantik mit dem Pazifik verbindet

und den Briten schnellen Zugang zu den ostasiatischen

Schatztruhen bieten sollte: »Ich habe einen

kommoden Rückzug eingetauscht gegen ein aktives,

vielleicht gar gefährliches Unternehmen.«

Die »Resolution« wurde überholt und zusammen

mit der »Discovery« – auch sie ein Kohlesegler

aus Whitby – reisefertig gemacht. Wissenschaftler

wollte Cook diesmal nicht an Bord haben,

wohl, weil es in der Vergangenheit immer

wieder zu Spannungen gekommen war. Zudem

hatte er selbst im Lauf der Jahre respektable

Vor Nordamerika gerieten

Cooks Schiffe in miserables

Wetter. Im Nootka Sound

vor Vancouver Island mussten

sie eine Pause einlegen.

Indianer halfen, die beiden

Segler wieder seetüchtig zu

machen.

NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON (JOHN WEBBER, 1778)

epoc.de 13


NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

scheu und zurückhaltend gaben. Es war schon

Ende Februar 1777, als Cook dort wieder die Anker

lichten ließ. Bis in die Arktis mit ihrem kurzen

Sommer war es nicht mehr zu schaffen. Er musste

die Suche nach der Nordwestpassage ins nächste

Jahr verschieben. Ziellos kreuzte er durch die Südsee

und besuchte bereits bekannte Inseln. Auf

Tonga blieb er fast drei Monate – ohne dass Berichte

über eine »äußerst fruchtbare Insel« namens

Fidgee (Fidschi) und Hammoah (Samoa), die

»größte aller Inseln«, seinen Entdeckergeist zu

wecken vermochten. Stattdessen war er ständig

Gast bei Festen. Cooks Einstellung zu den Dingen

veränderte sich. Immer wieder zeigten sich bei

ihm Antriebslosigkeit und Gleichgültigkeit. Zudem

litt er unter rheumatischen Schmerzen, beklagte

sich heftig über den maroden Zustand der

Schiffe und über seine Matrosen, die nur Alkohol

und Sex im Kopf hatten.

Völlig unerwartet kam

James Cook am 14. Februar

1779 in einer Bucht von

Hawaii in einem Hand -

gemenge zu Tode. Das Gemälde

von Johann Zoffany

entstand um 1795.

Kenntnisse erworben und war davon überzeugt,

zusammen mit dem Schiffsarzt und mehreren

Malern die Aufgabe erfüllen zu können. Des Weiteren

sind erwähnenswert: der Navigator William

Bligh, der 13 Jahre später als Kapitän der »Bounty«

bei den Tongainseln Opfer der berühmtesten

Meuterei der Seefahrtsgeschichte werden sollte,

und Omai, jener exotische Besucher von der

Gesellschafts insel Ulietea, der, nachdem in England

das Interesse an ihm versiegt war, zurück

nach Hause wollte – samt Ritterrüstung, Drehorgel,

Zinnsoldaten und mehreren Tieren.

Am 12. Juli 1776 verließ James Cook – gerade

war sein Sohn Hugh geboren – den Hafen von Plymouth

und segelte nach Kapstadt, wo er einige

Zeit auf die »Discovery« warten musste. Der

Grund: Kapitän Charles Clerke war kurz vor Reiseantritt

ins Gefängnis geworfen worden, weil er die

Schulden seines Bruders nicht bezahlen konnte.

Von Südafrika ging es quer durch den Indischen

Ozean über Tasmanien – das zu erkunden er seltsamerweise

unterließ – nach Neuseeland, wo sich

die Maori, die auf der zweiten Reise einige von

Furneaux’ Männern getötet und verspeist hatten,

»Nach einem so hoch geehrten

und erfolgreichen Leben kann sein

Tod nicht ermessen werden«

James King, Leutnant an Bord der »Resolution« in seinem Bericht von 1779

Mitte Juli 1777 verließen die Schiffe Tonga und

segelten nordwärts – nach Tahiti, wo die Engländer

der Opferung eines »Mannes mittleren Alters«

beiwohnten. Er »hatte einen blutigen Kopf,

welchen Umstand wir zurückführten auf die Art,

da sie ihn töteten, indem sie ihm mit einem Stein

auf den Kopf schlugen«. Vielleicht brachte ja

dieses schreckliche Ereignis das Fass zum Überlaufen.

Denn als die Bewohner einer Insel zwei

Ziegen stahlen, gab er Befehl, deren Häuser und

Kanus in Brand zu setzen. Dem Dieb eines Sextanten

ließ er gar die Ohren abschneiden – ein

Schock auch für die eigenen Offiziere.

Ende November verabschiedeten sich die Engländer

von Omai, dem sie ein schönes Haus gebaut

hatten. Das bezog er mit zwei Maori, die ihm

seit Neuseeland Gesellschaft geleistet hatten.

Seine letzte große Entdeckung machte Cook

am 18. Januar 1778, als er auf Hawaii stieß. Er nannte

sie – nach seinem Freund Lord Sandwich –

Sandwichinseln. Als er an der Sprache erkannte,

»dass sie derselben Nation angehörten wie die

Leute von Otaheite (Tahiti, die Red.) und den anderen

Eilanden«, staunte Cook über den Wagemut

und das seefahrerische Können der Vorfahren

dieser Leute. »Wir finden sie von Neuseeland im

Süden bis hinauf zu diesen Eilanden im Norden

und von der Osterinsel zu den Neuen Hebriden.«

Das erste Stückchen Amerika zeigte sich

windumtost und in dicken, grauen Wolken: Cape

Foulweather nannte Cook den Felsvorsprung im

heutigen Oregon, der wie ein Zeichen von den

kommenden Monaten kündete. Das Wetter blieb

hundsmiserabel. Nur mit Mühe kamen diedierten

Schiffe entlang der Küste voran nach Norden.

Im Nootka Sound vor Vancouver Island mussten

sie halten, um die Schiffe wieder seetüchtig

zu machen. Indianer halfen ihnen bei der Arbeit

und gaben »Holz und Wasser aus Freundschaft«.

Ende April 1778 ging es mühsam und in zermürbendem

Zickzack weiter. Schließlich durchfuhren

die Schiffe die Aleuten und stießen bis in

die Beringstraße vor, wo das Packeis jedes Weiterkommen

unmöglich machte. Qualvolle Wochen







14 epoc James Cook


EPOC / EMDE-GRAFIK





























Die dritte Reise führte

James Cook in den hohen

Norden, wo er nach der

Nordwestpassage suchte.

Unterwegs entdeckte er

Hawaii (gepunktete Linie:

Rückfahrt der Schiffe nach

Cooks Tod).












suchten Cook und Clerke einen Weg nach Norden.

Bis nach Sibirien segelten sie – ohne Erfolg. Einmal

lief Cook fast auf Grund. Dann starb einer

seiner engen Freunde an Bord: der Arzt William

Anderson. Allgemeine Verzweiflung machte sich

breit. Cook hatte heftige Wutsausbrüche und

machte Fehler. Einmal lief er ein und dieselbe

elbe

Insel dreimal an und

gab

ihr drei verschiedene

ed

ene

Namen: Immer

dachte er,

sie

neu entdeckt

zu

haben.

Ein

ande-

res Mal ließ

er

Walrösser ser schießen

en

und das »Rindfleisch isch

der

Meere« seinen Männern vorsetzen.



Doch die kotzten und verweigerten den Fraß. Nur

knapp entging er da der Meuterei.

Ende Oktober gab Cook auf. Im folgenden Jahr

wolle er es noch einmal probieren, »doch ich muss

gestehen, ich habe wenig Hoffnung«.

Cook wandte sich nach Süden – zurück zu den

Inseln von Hawaii, das er aus unerfindlichen

Gründen und zum Unmut seiner Besatzung zunächst

wochenlang umkreiste. Als die Schiffe

Mitte Januar 1779 schließlich landeten, kamen

ihnen über 1000 Kanus entgegen. Nach überschwänglicher

Begrüßung tauschte Cook mit dem

König nach alter Sitte die Namen. Riesige Mengen

von Proviant wurden an Bord gebracht – sowie











































kostbare Kult- und Zeremonialgeräte. Manche

Forscher vermuten, dass die Hawaiianer in Cook

den Gott Lono sahen, der, so die Vorstellung, stets

just um diese Jahreszeit mit seinen Schiffen zu ihnen

kam (siehe S. 28).

Am 4. Februar 1779 verließen die »Resolution«

und

die »Discovery« die Bucht – und segelten geradewegs

in einen Sturm. Als auf Cooks Schiff der

Fockmast brach, musste er umkehren, zurück in

die Kealakekua Bay. Der Empfang war nun deut-

lich

zurückhaltender – vielleicht, wie jene Forscher

glauben, weil einem göttlichen Wesen nie-

mals

ein Mast bräche und James Cook somit seine

wahre, menschliche Natur offenbart habe.

Wie auch immer: In den kommenden Tagen

kamen ständig irgendwelche Dinge abhanden,

und

beim Handel verlangten die Hawaiianer

plötzlich exorbitante Preise. Als dann ein Beiboot

verschwand, verlor Cook die Beherrschung.

Wutentbrannt stürmte er an Land, um den

König als Geisel zu nehmen. Nachdem im

Durcheinander ein Priester von den Engländern

erschossen worden war, sammelte sich

ein Heer von Kriegern. Einer von ihnen bedrohte

Cook mit einem Stein. Der schoss mit

der Schrotflinte auf ihn. Die Situation eskalierte.

Die hawaii anischen Krieger griffen an,

während die Schiffsbesatzung über ihre Köpfe

hinweg feuerte. Als die Seeleute auf ihre Schiffe

fliehen wollten, musste ein Offizier sie mit vorgehaltener

Waffe zurückhalten.

Cook wurde jedoch vor ihren Augen niedergestochen

und zu Tode geprügelt. Es war der 14. Februar

1779. Ÿ

PS: Wenig später übergaben die Hawaiianer Charles

Clerke, jetzt Ka pitän der »Resolution«, ein Bündel

mit

Leichenteilen, darunter auch eine Hand mit

einer »außergewöhnlichen Narbe«: Cooks Hand!

Er hatte sie sich vor vielen Jahren bei der Explosion

eines Pulverhorns verletzt.

PPS: Im Juni 1779 gab Clerke in Kamtschatka einen

Brief nach England auf. Ein halbes Jahr später erhielt

Elizabeth die Nachricht vom Tod ihres Mannes.

Sie überlebte ihren Mann um 56 Jahre und starb

am 13. Mai 1835 im Alter von 94 Jahren.

PPPS: Nachdem bereits drei Kinder der Cooks früh

verstorben waren, ging Nathaniel, Fähnrich zur

See, Ende 1780 vor Westindien über Bord – im Alter

von 16 Jahren. Im Dezember 1793 erkrankte sein

jüngerer Bruder Hugh an Scharlach. Auch er wurde

nur 16 Jahre alt. Lediglich einen Monat später starb

auch das letzte der sechs Kinder: Der erstgeborene

James war 31, als er vor der Isle of Wight ertrank.

epoc.de 15


James Cook

und seine Zeit

Politik und Gesellschaft

1715

Am 1. September stirbt in Versailles

Frankreichs »Sonnenkönig« Ludwig XIV.

1728

Am 27. Oktober kommt James Cook

in Marton, Yorkshire, als zweites

von sieben Kindern des Tagelöhners

James Cook sen. und dessen Frau

Grace zur Welt 1746

1736 Umzug nach Whitby:

Umzug nach Great

Cook fährt erstmals

Ayton, wo James zur zur See – an Bord von

Schule geht Kohleschiffen auf der

Nord- und Ostsee

1721

In Sankt Petersburg lässt sich Zar Peter der Große

zum Kaiser des Russischen Reichs ausrufen

1745

In Staithes beginnt Cook eine Lehre bei dem

Gemischtwarenhändler William Sanderson.

Nur acht Monate später verlässt er den Ort

1707

Am 1. Mai vereinen

sich die Königreiche

England und Schottland

zum Königreich

Großbritannien

1718

Edward Teach alias

Captain Blackbeard

wird im Gefecht gegen

die Royal Navy getötet

1735

Die britischen Premier -

mi nister residieren fortan

in 10 Downing Street

1740 1748

Österreichischer

Erbfolgekrieg

Kunst und Kultur

1703

Bau des Buckingham Palace

1710

Bei Neapel wird das

verschüttete Herculaneum

entdeckt

1723

Johann Sebastian

Bach wird Thomaskantor

in Leipzig

1726

Jonathan Swift

veröffentlicht seinen

Roman »Gulliver’s

Travels«

1737

Am 18. Dezember stirbt in Cremona

der Geigenbauer Antonio Stradivari

Philosophie und Religion

1701

Christian Thomasius’ Werk gegen die

Hexenverfolgung »Dissertatio de crimine

magiae« erscheint

1706

Am 12. Mai kommt es in Deutschland

zur letzten totalen Sonnenfinsternis

vor 1999

1726

Grundsteinlegung

der Frauenkirche

in Dresden

1738

Papst Clemens XII. spricht

ein Verbot gegen die Freimaurerei

aus

1749

Gründung des Berliner Montagsclubs.

Er entwickelt sich

zum geistigen Mittelpunkt

der Berliner Aufklärung

Naturwissenschaft und Technik

1705

Edmund Halley weist die Periodizität des später nach

ihm benannten Kometen nach

1703

Guillaume Amontons erkennt den Einfluss der

Temperatur auf den Gasdruck und das Volumen

1708

In Dresden gelingt es Johann Friedrich Böttger und Ehrenfried

Walther von Tschirnhaus als Ersten in Europa, Porzellan zu erzeugen

1735

Carl von Linné führt die

Taxonomie (Systematik

in der Biologie) ein

1741

Der Däne Vitus Bering findet die

nach ihm benannte Meeresstraße

zwischen Sibirien und Alaska

1747

Andreas Sigismund Marggraf

entdeckt den besonders

hohen Zuckergehalt der

Runkelrübe

16 epoc James Cook


1755

Eintritt in die Royal Navy

1756 1763

Am Siebenjährigen Krieg sind alle europäischen

Großmächte beteiligt. Für Großbritannien

und Frankreich geht es um die

Herrschaft in Nordamerika und Indien

1763

Mit dem Frieden von Hubertusburg

endet der Siebenjährige Krieg

1758

Cooks Karten verhalfen den britischen

Truppen während des Siebenjährigen

Kriegs zum entscheidenden Sieg über

die Franzosen bei Québec

1762

Heirat mit Elizabeth Batts

1768 – 1771

Erste Pazifikreise

1772 – 1775

Zweite

Pazifikreise

1779

Am 14. Februar wird James Cook

in der Kealakekua Bay auf Hawaii

bei einer Auseinandersetzung

mit den Eingeborenen getötet

1776 – 1780

Dritte Pazifikreise

1787

Südwestlich der Tongainseln kommt es

an Bord der »Bounty« zur Meuterei. Der

Kapitänleutnant William Bligh hatte als

Steuermann unter James Cook gedient

1776

Amerikanische Unabhängigkeitserklärung

1789

Ausbruch der Französischen

Revolution

George Washington

wird erster Präsident

der Vereinigten

Staaten von Amerika

BRIDGEMAN BERLIN BEIDE: NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

1749

In London wird

Georg Friedrich

Händels »Feuerwerksmusik«

uraufgeführt

1762

Der Legende nach ließ sich

der britische Staatsmann John

Montagu, 4th Earl of Sandwich,

beim stundenlangen Kartenspiel

belegte Brote bringen. Das

»Sandwich« war geboren.

1756

Am 27. Januar wird Wolfgang Amadeus

Mozart in Salzburg geboren

1774

Johann Wolfgang Goethe schreibt »Die

Leiden des jungen Werthers«

1770

Am 17. Dezember kommt in Bonn

Ludwig van Beethoven zur Welt

1782

Friedrich Schillers Drama »Die Räuber«

wird in Mannheim uraufgeführt

ISTOCKPHOTO / HULTON ARCHIVE / GETTY IMAGES; ISTOCKPHOTO / OLGA LIS

1762

Jean-Jacques Rousseaus

»Contrat social« wird

nach seinem Erscheinen

verboten

1752

Benjamin Franklin

erfindet den Blitzableiter

1778

Am 30. Mai stirbt der französische

Schriftsteller und Philosoph Voltaire

1773

Der Jesuitenorden wird von Papst

Clemens XIV. aufgehoben

1775

James Watt verbessert

die Dampfmaschine,

so dass sie

rentabel eingesetzt

werden kann

1781

Immanuel Kant veröffentlicht

seine »Kritik

der reinen Vernunft«

1794

Maximilien de Robespierre eröffnet in

Paris die Veranstaltungen zum Fest

des höchsten Wesens. Der Kult soll die

christliche Religion ersetzen

1791

Preußens König Friedrich

Wilhelm II. weiht in

Berlin das Brandenburger

Tor ein

1799

Alexander von

Humboldt bricht

zu seiner Amerikaexpedition

auf

PUBLIC DOMAIN

CORBIS / PHILADELPHIA MUSEUM OF ART; AKG BERLIN

epoc.de 17


Die Denker der Aufklärung wollten

den Menschen verbessern und die

Welt erfassen. In einer von Theorien

geprägten Epoche waren Entdecker

wie James Cook die Praktiker.

Von Hakan Baykal

ALLES WISSEN

Ein Ozean

des Wissens

Im Zuge der Aufklärung

arbeiteten zahlreiche

Gelehrte in ganz Europa

daran, das gesamte Wissen

der Menscheit in Buchform

zusammenzufassen.

Die französische »Encyclopédie«

ist bis heute

eines der bedeutendsten

und bekanntesten Werke

dieser Strömung. Sie

erschien zwischen 1751 und

1772 in 18 Bänden unter der

Federführung von Denis

Diderot und Jean Baptiste

le Rond d’Alembert. Einige

Jahre zuvor, nämlich von

1732 bis 1754, hatte

allerdings der Deutsche

Johann Heinrich Zedler die

mit fast 70 000 Seiten

umfangreichste Enzyklopädie

des 18. Jahrhunderts

publiziert: sein »Grosses

vollständiges Universal-

Lexicon Aller Wissenschafften

und Künste«.

»I

n einem gleichen Zeitraum hat niemand je

die Grenzen unseres Wissens in gleichem

Maße erweitert«, schwärmte der deutsche Naturforscher

und Revolutionär Georg Forster über

James Cook, den er auf dessen zweiter Weltumsegelung

begleitet hatte. Heute, mehr als zwei

Jahrhunderte später, fragt sich die amerikanische

Ethnologin Adrienne L. Kaeppler, »ob die Aufklärung

ohne seine Reisen dieselbe gewesen wäre«.

Solch hohes Lob für einen braven Seemann mag

verwundern, zumal Cook in eine Zeit geboren

wurde, die längst von den Ideen und Idealen der

Aufklärung beseelt war; von dem Vertrauen darauf,

dass sich der Mensch durch den Gebrauch

seines Verstands und seiner Vernunft vervollkommnen

kann.

Bereits im Jahrhundert vor Cooks Geburt hatten

Philosophen wie Baruch Spinoza in Holland,

René Descartes in Frankreich oder John Locke in

England jeder Art von Vorurteilen und Aberglauben

den Kampf angesagt. Isaac Newton, wiewohl

gläubiger Christ, legte ebenfalls bereits im 17. Jahrhundert

den Grundstein einer zutiefst rationalen,

naturwissenschaftlichen Weltsicht. Damals begannen

vor allem französische und britische Gelehrte,

das traditionelle Denken in Frage zu stellen.

Im Dreißigjährigen Krieg, der 1648 mit dem

Westfälischen Frieden sein ersehntes Ende fand,

hatten die konfessionellen Konflikte der vorangegangenen

Jahrzehnte in Europa ihren Höhepunkt

erreicht. Das gesellschaftliche Leben des Kontinents

wurde von religiösem Dogmatismus auf

der einen sowie absolutistisch herrschenden Monarchen

auf der anderen Seite dominiert. Just in

dieser Epoche reiften die Ideale persönlicher und

gesellschaftlicher Emanzipation. Der Weg war

klar: Jenseits von Religion, Vorurteil, Schwärmerei

und Aberglaube sollte der Mensch nach Selbstbestimmung

streben. Voraussetzung dafür war,

so die feste Überzeugung der Aufklärer, der Einsatz

des Verstands und der Ratio eines jeden.

»Möge der Mensch seine Vernunft anwenden,

möge purem Glauben oder der Annahme übernatürlicher

Kräfte Wissen folgen« – so umschreibt

der Evolutionsbiologe Rainer Willmann von der

Universität Göttingen das Ziel der Aufklärung.

Anfangs war dieses Streben nach Erkenntnis

zumeist ein eher kontemplatives, philosophisches.

Die frühen Aufklärer machten sich im

buchstäblichen Sinn ihre Gedanken: Sie dachten

über gesellschaftliche, politische und kulturelle

Phänomene ihrer Umwelt nach, versuchten diese

zu erfassen – und nötigenfalls Vorschläge zu ihrer

Veränderung beizusteuern. Die neue Sicht blieb

aber nicht auf die Studierstuben der Gelehrten

beschränkt.

Durch die Fahrten eines Kolumbus oder Magellan

war die Welt bereits überschaubarer geworden.

Mit der Erkundung des Globus ging eine

Vermehrung des Wissens Hand in Hand. Je mehr

exotische Tier- und Pflanzenarten die Weltreisenden

entdeckten und dokumentierten, desto ernsthafter

wurden theologische Dogmen in Frage

gestellt. Als der Franzose Isaac de La Peyrère 1655

es wagte, angesichts der Artenvielfalt auf Erden

Zweifel am biblischen Bericht von der Sintflut

anzumelden, wurde er im Kerker zum Widerruf

seiner Aussagen gezwungen. Keine 100 Jahre danach,

1735, erschien erstmals ein Werk zur Klassifizierung

von Mineralien, Pflanzen und Tieren:

»Systema naturae« von Carl von Linné. Der Schwede

katalogisierte darin über 5000 Tierarten –

mehr als jemals auf Noahs Arche Platz gehabt hätten.

So fremd es uns heutzutage erscheinen mag:

Auch in solch schlichten wissenschaftlichen Feststellungen

keimte der Zweifel an den Inhalten der

Bibel und damit am Glauben an sich. Schritt für

Schritt betrat die Wissenschaft die Welt, manchmal

durch die Hintertür. »In das Bestreben, die

18 epoc James Cook


NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

Georg Forsters »Karte der

südlichen Halbkugel«

erschien 1777 in dem

Buch »Voyage Round the

World«. Wenig später

kam die »Reise um die Welt«

auch in Deutschland auf

den Markt.

Dinge und Phänomene darzustellen und zu erklären,

wie sie sind, waren von Anbeginn Naturkundige

einbezogen«, erläutert Willmann.

Der Wissensdurst der Intellektuellen zu Beginn

des 18. Jahrhunderts war schier unstillbar.

Isaac Newton (1643 – 1727), der als Erster in seiner

Zeit den Versuch einer Erklärung des Universums

unternahm, notierte: »Ich weiß nicht, wie ich der

Welt erscheinen mag. Mir selbst komme ich wie

ein Junge vor, der am Strand spielt und sich damit

vergnügt, ein noch glatteres Kieselsteinchen oder

eine noch schönere Muschel als gewöhnlich zu

finden, während das große Meer der Wahrheit

gänzlich unerforscht vor mir liegt.« Der englische

Mathematiker, Physiker und Astronom stand tatsächlich

nur am Rand eines Ozeans des Wissens.

Manche Zeitgenossen und vor allem die Nachgeborenen

wagten sich immer weiter in die Wellen

vor. Keine 20 Jahre nach Newtons Tod segelte sein

Landsmann James Cook in reale noch unbekannte

Meere. Und auch er stellte sich in den Dienst

der Wahrheit und Wissenserweiterung – wenngleich

in ganz anderer Funktion als der Jahrhundertphysiker.

Cook war ein Praktiker der Aufklä-

epoc.de 19


ung; während andere spekulierten, überlegten,

theoretisierten, handelte er, umsegelte mehrfach

die Welt – und brachte sensationelle Neuigkeiten

von seinen Fahrten mit.

Die Erkenntnisse aus der Südsee verbreiteten

sich rasch in ganz Europa. Ein reges Netzwerk von

Philosophen, Wissenschaftlern und anderen Intellektuellen

garantierte den Austausch von Ideen

aus aller Herren Länder. Denn auch die so genannte

Gelehrtenrepublik war eine Errungenschaft

des Zeitalters der Aufklärung: Naturforscher

korrespondierten in Briefen, Büchern und

Journalen mit Literaten, Physiker mit Theologen,

Philosophen mit Biologen. Wissenschaftliche

Akademien traten in Kontakt mit Universitäten,

astronomische Observatorien standen im Diskurs

mit herzoglichen Bibliotheken, die Betreiber von

Naturalienkabinetten tauschten sich mit den

führenden Köpfen der zahlreichen geografischen

Gesellschaften aus. Sie alle hatten ein Ziel vor Augen:

Das Wissen über sich selbst und die Welt zu

mehren. Nicht von ungefähr trug eine der größten

und nachhaltigsten Unternehmungen der

fran zösischen Aufklärer Denis Diderot und Jean

le Rond d’Alembert den Titel »Encyclopédie ou

Dic tionnaire raisonné des sciences, des arts et des

metiers«, also: »Enzyklopädie oder systematisches

Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe«.

Und dieses ehrgeizige Werk war nicht das

einzige seiner Art.

Das 18. Jahrhundert erlebte eine Medienrevolution:

Der Buchmarkt expandierte in ungeahnte

Cooks erste Schritte auf australischem

Festland waren so bedeutsam wie Neil

Armstrongs Gehversuche auf dem Mond

Dimensionen. Zugleich erschienen zumindest in

den großen Städten fast allwöchentlich neue Tages-

und Wochenzeitungen sowie gelehrte Zeitschriften.

Bürger bildeten Lese- und Gesprächskreise,

in denen die Freiheit der Gedanken und

der Rede erstmals nach zwei unsäglichen Jahrhunderten

der Religionskriege aufleben konnte.

In Salons, Klubs, Universitäten und Akademien

wurden die neuesten Errungenschaften der Philosophie

und Wissenschaften ergründet. Aufgeklärte

Fürsten öffneten ihre Anwesen und Sammlungen

als Museen, Bibliotheken, Botanische Gärten

und Zoos für wissbegierige Untertanen. Die

Verfechter der Vernunft strebten danach, die

Natur gründlich zu erfassen und zu katalogisieren.

Forschungs- und Entdeckungsreisen wie

jene des James Cook ergänzten die allzu oft eher

theoretische Weltbetrachtung der in Europa Verbliebenen

durch sensationelle Mitbringsel: Objekte,

Pflanzen und Tiere aus fernen, »wilden« Regionen.

Das schier grenzenlose »Universum des

Erforschbaren« (epoc 1/2009, S. 50) wurde so peu

à peu erfahrbar, nachvollziehbar.

Dadurch, dass aufgeklärte Denker althergebrachte

kirchliche und weltliche Autoritäten immer

wieder in Frage stellten, trugen sie zu einer

Entwicklung bei, die sie in ihrem Ausmaß wohl

William Hodges begleitete

James Cook auf seiner

zweiten Reise. Er neigte zu

idealisierenden Darstellungen.

So fehlen Hinweise

auf die europäischen

Besucher. Hier: die Oaitepeha-Bucht

auf Tahiti

NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON (WILLIAM HODGES, TAHITI REVISTED, 1776)

20 epoc

James Cook

ok


selbst nicht erwartet hätten. Aus der philosophischen

Strömung wurde eine soziale Reformbewegung,

die in der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung

(1775 – 1783) und in der Französischen

Revolution von 1789 gipfelte. Ein glühender

Anhänger der Letzteren war auch der Deutsche

Georg Forster.

Gemeinsam mit seinem Vater Johann Reinhold

widmete er sich während Cooks zweiter Reise

der Aufgabe, unzählige Pflanzen und Tiere sowie

ethnologische Objekte zu sammeln, zu zeichnen

und enzyklopädisch zu erfassen. Er lernte

verschiedene polynesische Sprachen, um so die

Sitten und Gebräuche der Inselvölker des Südpazifiks

besser zu verstehen. Bei seiner Rückkehr

nach Europa veröffentlichte er einen Bericht seiner

»Reise um die Welt«, dessen größter Teil »vom

Menschen« handelt – nach Ansicht der Göttinger

Ethnologin Brigitta Hauser-Schäublin »ein Meisterstück

der Aufklärung«. Frei von christlichen

Vorurteilen begegnete der Deutsche den Pazifikbewohnern

meist weltoffen und achtungsvoll. Zugleich

hütete er sich aber vor der romantischen

Verlockung, die fremden Menschen zu »edlen

Wilden« zu stilisieren, die von Natur aus gut seien.

Eine weit verbreitete Auffassung im Europa des

18. Jahrhunderts, wie sie etwa der Philosoph Jean-

Jacques Rousseau vertrat.

Wenige Jahre später, 1793, begegnen wir Forster

als Jakobiner und Mitbegründer der revolutionären

Mainzer Republik. Der akribische Naturwissenschaftler

und Völkerkundler hatte sich zum

radikalen Aufklärer entwickelt – wieder im Dienst

des Volks. Denn, so schrieb er: »Schön ist es zu sehen,

was die Philosophie in den Köpfen gereift

und dann im Staate zu Stande gebracht hat.«

Doch auf ihre Weise waren alle Aufklärer zugleich

auch Radikale, selbst wenn sie an keiner politischen

Revolution teilnahmen. Denn das Entdecken,

Forschen und Philosophieren in der Aufklärung

wirkt aus zeitlicher Distanz leichter, als

es zu seiner Zeit tatsächlich war. Cook betrat als

erster Europäer den Westen Australiens, entdeckte

zahlreiche Inseln im Pazifik und drang weiter

in den Süden vor als je ein Mensch vor ihm – das

sind Pfeiler seiner Legende und zunächst doch

bloß Gemeinplätze. Um die Dimension der Leistungen

von James Cook zu verstehen, muss man

sich klarmachen, dass die Meere den Menschen

damals teilweise so unbekannt waren wie uns

heute die unendlichen Weiten des Universums.

Seine Fahrten – etwa ins südliche Eismeer, fast

schon an die Gestade der Antarktis – waren entbehrungsreiche,

wagemutige Reisen ins Ungewisse,

vergleichbar nur mit den Flügen ins Weltall

ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht

von ungefähr benannte die NASA 1992 einen ihrer

Spaceshuttles nach einem der Schiffe des Entdeckers

»Endeavour«. Cooks erste Schritte auf australischem

Festland waren so bedeutsam wie Neil

Armstrongs Gehversuche auf dem Mond. »one

small step for a man, one giant leap for mankind«.

Jener »Schritt« war tatsächlich gigantisch:

Während seiner ersten beiden Fahrten war es ihm

gelungen, mehr Erkenntnisse über den Pazifik zu

gewinnen, als es allen Entdeckern auf allen Expeditionen

zuvor gemeinsam vergönnt war. Unmengen

an ethnografischen Objekten wanderten nach

Europa in verstreute Sammlungen und Naturalienkabinette

– vieles davon kann man noch heute

bestaunen, etwa in der Ethnologischen Sammlung

der Universität Göttingen. Cook hatte zahlreiche

Inseln und Inselgruppen entdeckt und kartiert,

Land für die Krone in Besitz genommen und

natürlich immer wieder naturwissenschaftliche

Studien betrieben und unterstützt. Die Menge der

gesammelten geografischen und astronomischen

Daten war enorm, Cooks exzellente Karten von

unschätzbarem Wert für die Marine Englands. Sie

wurden umgehend veröffentlicht und standen

schon bald auch den anderen Seemächten zur

Verfügung, selbst Feinden Britanniens. Als Cook

sich 1776 auf die Suche nach der Nordwestpassage

machte, wiesen die Regierungen Frankreichs, Spaniens

und der noch jungen Vereinigten Staaten

ihre Marineoffiziere an, ihn stets respektvoll zu

behandeln und auch im Kriegsfall ungehindert

fahren zu lassen. Schließlich würden alle von dem

Mann profitieren, der so wagemutig die Grenzen

des Wissens überschritt. Ÿ

Hakan Baykal ist ständiger Mitarbeiter von

epoc und lebt in Berlin.

Auch Johann Reinhold

Forster (links) und sein Sohn

Georg (rechts) befuhren

zusammen mit James Cook

den Pazifik.

VERNUNFT ÜBER ALLES?

Als sich die Französische

Revolution zunehmend

radikalisierte, gewannen

antiklerikale Kräfte an

Bedeutung. Ein Höhepunkt

dieser Entwicklung war die

Propagierung eines so

genannten Kults der Vernunft

durch den Ultrarevolutionär

Jacques-René

Hébert und seine Anhänger,

die Hébertisten, 1793.

Im Zuge der Entchristianisierung

wurde selbst

Nôtre-Dame zu einem

»Tempel der Vernunft und

der Freiheit« umfunktioniert.

Die etwas abstruse

Ersatzreligion traf auf

heftigen Widerstand der

Bürger und fand bereits im

März 1794 ihr Ende – gemeinsam

mit ihren Verkündern,

die hingerichtet

wurden.

LINKS: COOK-FORSTER SAMMLUNG, UNIVERSITÄT GÖTTINGEN; RECHTS: MUSEUM FÜR WELTKULTUREN, FRANKFURT

epoc.de 21


Entdeckung der Südsee

Au s dem Nachlass

des Kapitäns

Erst im Januar 1780, elf Monate nach dem Tod von James

Cook am 14. Februar 1779, erreichte die traurige Nachricht

England. Charles Clerke – Cooks Nachfolger als Kapitän der

»Resolution« – berichtete, er habe »die sterblichen Überreste

Kaptän Cooks mit allen Ehren und Würden, welche wir in

diesem Teil der Welt irgend erweisen konnten, der Tiefe überantwortet«.

Clerke hatte die Suche nach der Nordwestpassage

noch fortgeführt, war aber ein paar Monate später selbst

verstorben. Am Ende stand die »Resolution« unter dem Kommando

von John Gore, der sie am 6. Oktober 1780 nach England

zurückbrachte.

Der wegen seiner Seltenheit

und Schönheit geschätzte

Grünstein diente den Maori als

Material für wertvolle

Schmuckstücke wie die heitiki.

Die Amulette stellen

gebärende Frauen dar und

wurden über Generationen in

den Familien weitergegeben.

Dieses Stück schenkte Cook

nach seiner Rückkehr aus

Neuseeland König Georg III. Es

befindet sich heute im Besitz

von Königin Elizabeth II.

Da James Cook niemals einen Geistlichen an Bord

hatte, benutzte er bei Gottesdiensten stets seine

eigene Bibel. Sie hat ihn auf allen drei Reisen begleitet.

Nach seinem Tod wurde sie von Cooks Ehefrau

Elizabeth aufbewahrt.

MITCHELL LIBRARY, STATE LIBRARY OF NEW SOUTH WALES, SYDNEY

22 epoc James Cook


THE ROYAL COLLECTION, HER MAJESTY QUEEN ELIZABETH II

Gut möglich, dass dieses Porträt von

James Cook im Jahr 1777, auf dem

Rückweg von seiner zweiten Reise, an

Bord der »Resolution« entstand.

Der Maler William Hodges hatte sich

mit seinen Landschaftsansichten einen

Namen gemacht und war deshalb

für die Expedition in den Pazifik

aus gewählt worden. Dort fertigte er

zahlreiche Skizzen, die er daheim in

England zu prächtigen Gemälden

ausarbeitete.

OBEN: NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

UNTEN: MITCHELL LIBRARY, STATE LIBRARY OF NEW SOUTH WALES, SYDNEY

Wie alle Offiziere seiner Zeit trug

auch James Cook zu gegebenem

Anlass einen so genannten Galanteriedegen

der allerdings eher modisches

Beiwerk war als echte Waffe. Die geätzte Stahlklinge, der

dekorative Griff aus Horn und das silberne Stichblatt in

Form einer Jakobsmuschel sind besonders aufwändig

gearbeitet. Dieser Degen wurde um 1750 hergestellt und

gehörte seither dem Kapitän.

epoc.de 23


Pioniere

der Biologie

Zusammen mit seinem Vater Johann Reinhold Forster

entdeckte, zeichnete und beschrieb Georg Forster auf

James Cooks zweiter Reise unzählige Tier- und Pflanzenarten.

Damit leisteten die beiden Deutschen einen unschätzbaren

Beitrag zu der damals noch jungen Taxonomie,

der von Carl von Linné begründeten Systematik

der Biologie.

Als Georg Forster im August 1773 im

O-Parre-Tal von Tahiti das erste Mal

eine Barringtonia sah, beschrieb

er sie als einen der schönsten Bäume

der Welt. Die Insulaner erklärten

Forster, »dass die nussartige Frucht,

wenn sie zerstoßen und mit dem

Fleisch von Muscheln vermischt ins

Meer geworfen wird, die Fische auf

einige Zeit betäubt, so dass sie an die

Oberfläche kommen und sich mit

den Händen fangen lassen«.

ALLE BILDER DIESER DOPPELSEITE: NATURAL HISTORY MUSEUM, LONDON

Anfang Dezember 1772 schilderte

Forster, wie er im Südpolarmeer

zum ersten Mal Pinguine zu Gesicht

bekam. Im Lauf der Reise malte der

junge Naturforscher sechs verschiedene

Arten (im Bild: der Zügelpinguin).

Beschrieben wurden sie von

seinem Vater Johann Reinhold

Forster im Jahr 1781.

24

epoc James Cook


Ende Juni 1774 ankerte die »Resolution«

vor der Tongainsel

Nomuka – für Forster »einer der

fruchtbarsten Orte der Südsee«.

Unter anderem beobachtete er

Pazifische Karettschildkröten, die

dort damals noch in großer

Zahl anzutreffen waren. Heute

stehen die Tiere auf der Roten Liste

der Weltnaturschutzunion. Vor

allem in Folge von Überfischung

und verschwindenden Eiablageplätzen

sind sie vielerorts vom

Aussterben bedroht.

epoc.de e

25


Mit

unverstelltem

Blick

HISTORISCHES MUSEUM BERN

Während seiner Reisen sammelten James Cook

und die Wissenschaftler an Bord seiner Schiffe

unzählige Objekte, die von den unterschiedlichsten

Kulturen im Pazifik zeugen. Insbesondere

Georg Forster war stets bemüht,

sich einen objektiven und vom Zeitgeist

des »edlen Wilden« freien Eindruck von

den Inselvölkern zu machen (siehe

S. 18). Damit war er den meisten

Forschern seiner Zeit weit voraus.

Auf Hawaii trugen nur Häuptlinge solche Federmäntel.

Für die roten Federn wurden die kleinen

Kleidervögel gefangen und getötet. Die gelben

Federn stammten von größeren Vögeln, die, nachdem

sie einige Federn gelassen hatten, wieder in

die Freiheit durften.

In Neuseeland symbolisierten Keulen aus Holz

den gespannten Körper eines kampfbereiten

Mannes. Erfahrene Krieger konnten mit

Hilfe der Einbuchtungen am Rand die

Hiebe gegnerischer Langkeulen abwehren.

en.

26 epoc James Cook

MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE, WIEN


MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE, WIEN

MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE, WIEN

Von Vancouver Island

(Cooks dritte Reise) stammt

dieser kurze Dolch aus Basalt. Der Griff

ist auf der einen Seite durch eine Scheibe

von der Klinge getrennt, am Ende mit

einem Tierkopf und einer ledernen

Tragschlaufe versehen. Über den Zweck

der Dolche finden sich in den Reiseaufzeichnungen

keine Angaben.

Womöglich dienten sie zur Tötung von

Kriegsgefangenen.

ETHNOLOGISCHE SAMMLUNG DER UNIVERSITÄT GÖTTINGEN

Auf Hawaii sammelte melt

James Cook

ok

auch etwa 20 Angelhaken. n.

Mit

diesem ungefähr fünf Zentimeter

langen Exemplar aus Bein wurden

wohl Haifische gefangen.

THE BRITISH MUSEUM, LONDON

Federfiguren wie diese wurden

auf Hawaii auf Stäbe gesteckt t und

bei religiösen Prozessionen en und bei

Kriegszügen mitgeführt. Über einem

em

Innenskelett aus geflochtenen Luftwurzeln

brachte man ein feines, es

mit Federn besetztes etzt

Gewebe ebe aus

Pflanzenfasern auf. Diese e Plastik mit dem typisch verzerrten

errt

rten

und mit Hundezähnen nen besetzten ten Mund stellte vermutlich den

Kriegsgott Kukailimoku imok

dar.

Für die Zubereitung un

von kava

(siehe S. 30)

verwendeten

eten

en

die Häuptlinge auf

Hawaii ai

i hölzernen n Schalen. Durch

die menschlichen chen

Figuren führen Kanäle zum

Inneren

en

des Gefäßes. Wahrscheinlich ich konnte so zunächst ein

Schluck zu Ehren der

Götter ter ausgegossen sen werden, en, bevor

die Häuptlinge selbst tranken.

n.

epoc.de 27


Auf der

Suche nach

dem Paradies

Sie kommen als Entdecker

und bringen Musketen

und Syphilis mit. James

Cooks Landung auf den

pazifischen Inseln steht

am

Anfang einer Reise

voller Unsicherheiten und

Missverständnisse, die den

Untergang ganzer Kulturen

einleiten wird.

Von Claudia Mocek

28 epoc James Cook


W

ie ein riesiger weißer Vogel nähert sich

der Segler dem Strand. Er ist größer als

jedes Kanu, das Te Horeta je gesehen hat. Der staunende

Junge und sein Maori-Klan sammeln Herzmuscheln

auf der Nordinsel Neuseelands, als die

»Endeavour« im Herbst 1769 den Anker setzt. Seit

mehr als sechs Jahrhunderten hat hier niemand

mehr ein Schiff gesehen, das sich vom offenen

Ozean der Insel nähert. Die Ältesten überlegen, ob

das Ungetüm aus der Geisterwelt kommt. Als

bleichhäutige Männer aus seinem Bauch klettern

und in einem kleinen Boot mit dem Rücken zum

Land auf die Küste zurudern, nicken die Weisen:

»Ja, es ist so: Diese Kreaturen sind Kobolde, sie haben

die Augen im Hinterkopf.«

Zunächst geben sich die Kobolde harmlos. Sie

suchen Austern und andere Nahrung, sammeln

Muscheln und Blumen, klopfen auf Steine und

lassen sie in Beutel verschwinden. »Wir strichen

über ihre Kleider und erfreuten uns am Weiß ihrer

Haut und an den blauen Augen, die manche

hatten«, wird Te Horeta später den Kolonialherren

erzählen, die seinen Bericht aufzeichnen.

Plötzlich zeigt einer der Kobolde mit seinem

Gehstock in die Luft. »Ein Donner ertönte, und

ein Blitz war zu sehen.« Dann stürzt ein Vogel zu

Boden. Doch was hat ihn getötet? Das erfahren

die Maori erst, als einer ihrer Krieger den Fremden

einen Handel anbietet. Doch statt dem Kobold

den Umhang aus Hundefell zu übergeben,

reißt er ihm die zum Tausch gebotenen Kleider

aus den Händen und rudert davon. Der Gehstock

blitzt erneut auf, der Krieger fälltn – mit einem

Loch im Rücken. Der Klan bestattet ihn in den

Kleidern des Kobolds; da er seinen Tod selbst verschuldet

hat, gibt es keine utu, keine Rache.

Eines Tages fährt der Klan in Kanus los, um die

Wohnstätte der Kobolde zu besuchen. Die Kinder

weigern sich, das Schiff zu betreten. »Wir hatten

Angst, sie könnten uns verhexen«, berichtet Te

Horeta. Doch sie lassen es zu, dass die Fremden

ihnen das Haar zerzausen. »Sie machten schnatternde

Geräusche beim Sprechen. Wir lachten, da

wir sie nicht verstehen konnten, und sie lachten

mit uns.«

Vor ihrer Abfahrt schenkt ihm der Anführer

der Fremden ein kleines, scharfes Stück Metall. Er

soll ein großer Kapitän sein, der Kuku heißt. Te

Horeta ist beeindruckt von dessen ruhiger Ausstrahlung.

Dafür gibt es in seiner Sprache ein

Sprichwort: »E koro te tino tangata e ngaro i roto i

te tokomaha« – »Ein Edler ist auch unter Hunderten

nicht zu übersehen«.

Te Horeta verliert seinen Gott

Te Horeta trägt das metallene Geschenk als heitiki,

Talisman, um den Hals. Er steckt es auf die

Spitze seines Speers, graviert damit Holzschachteln

und repariert die Kanus seines Klans: »Ich

hütete den Nagel, bis ich eines Tages in einem

Kanu fuhr und es auf dem Meer kenterte. Ich bin

danach getaucht, aber ich habe ihn nicht mehr gefunden.

Ich hatte meinen Gott verloren.«

Te Horetas Schilderungen gehören zu den wenigen

Quellen der Entdeckungsfahrten, aus denen

sich ablesen lässt, wie die Ureinwohner die

Ankunft der Europäer erlebt haben. Die Tagebücher

von James Cook und seinen Männern bestätigen,

dass der Klan die Fremden freundschaftlich

aufgenommen hat.

Doch Cooks erste Schritte auf Neuseeland im

Jahr 1769 hätten auch seine letzten sein können –

»Sie machten

schnatternde

Geräusche beim

Sprechen. Wir

lachten, da wir

sie nicht verstehen

konnten,

und sie lachten

mit uns«

Te Horeta

Auf der ersten Entdeckungsfahrt

von James Cook ist der

britische Maler Sydney

Parkinson mit an Bord. Er

zeichnet einen tätowierten

Maori (links). Den Blick in

die Maitavie-Bucht (unten)

der Insel Tahiti malt William

Hodges 1776 in England.

BILDKOMPOSITION: BRITISH LIBRARY, LONDON (MAORI-KOPF); NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

epoc.de 29


POLYNESIEN:

VIELFÄLTIGE KULTUREN

Die meisten Inseln, die

Cook besucht hat, gehören

zu Polynesien. Jede besitzt

eine eigene Religion und

Sprache. Die unterschiedlichen

Kulturen gehen auf

ähnliche Vorstellungen

zurück, die auf den Begriffen

mana und tapu beruhen.

Mana bezeichnet

die übernatürliche Macht,

die mit der gesellschaftlichen

Stellung verbunden

ist. Sie wird geschützt

durch Verbote (tapu, von

dem das deutsche Wort

Tabu abstammt).

Häuptlinge, die ihren

Rang vererben, nautische

Experten, Kunsthandwerker

und Krieger bilden

zu Cooks Zeit die wichtigsten

gesellschaftlichen

Stände der Inseln. Die

soziale Struktur gleicht

einer Pyramide mit wenigen

einflussreichen Vertretern

an der Spitze. Die

Stämme auf den Tongainseln

sind am stärksten

hierarchisch gegliedert. Im

Unterschied zu anderen

polynesischen Gesellschaften

gibt es bei den

Maori keine zentra lisierte

Macht. Die Gesellschaft

ist nach aristokratischen

Prinzipien organisiert.

Heilige Orte und der gemeinsame

rituelle Genuss

von kava, dem Aufguss

eines tropischen Pfeffers,

sind für Polynesien charakteristisch.

Die Entdecker

haben keine Vorstellung

von den Traditionen

der Ureinwohner, die sich

mit der Erschaffung des

Universums beschäftigen,

von den Ritualen und ihrer

Bedeutung im täglichen

Leben.

»Alles, was sie zu begehren

schienen, war, dass wir

wieder verschwanden«

James Cook

wäre Tupaia nicht gewesen. Der hochrangige Priester

aus Tahiti begleitet die Engländer seit einigen

Wochen. Er hilft ihnen nicht nur, sich in der Inselwelt

Polynesiens zu orientieren, er schlägt auch

eine Brücke zwischen der Mannschaft und den

Maori. »Es war eine freudige Überraschung für

uns, dass sie ihn ohne Schwierigkeiten verstanden«,

notiert Cook anschließend. Obwohl die

Maori Hunderte von Jahren in völliger Isolation

gelebt haben, gleicht ihre Sprache am Ende des

18. Jahrhunderts noch immer derjenigen der Inseln,

von denen ihre Ahnen vor über 3000 Jahren

kamen.

Die Maori respektieren Tupaia sofort – und damit

auch Cook und seine Mannschaft. Sie betrachten

den Priester als Anführer der seltsam aussehenden

weißen Männer. Die Nachricht seiner Ankunft

verbreitet sich schnell unter den Stämmen

der Nordinsel. Tupaia und sein Gefolge werden

auf Dorfplätzen empfangen, wo sie Geschenke

austauschen, über die Abstammung der Familien

diskutieren und gemeinsam feiern.

Die Begeisterung der Maori über die Ankunft

der Fremden wiederholt sich bei den späteren Besuchen

Cooks auf der Insel nicht. Tupaia ist inzwischen

gestorben. Zwar stößt auf der zweiten Pazifikreise

wieder ein Einheimischer zu den Fremden

– Omai –, doch ihm fehlt das Format Tupaias.

Neben friedlichen Kontakten kommt es nun auch

immer wieder zu blutigen Konflikten.

Für die Ureinwohner der pazifischen Inselwelt

markieren die Entdeckungsreisen von James Cook

den Beginn eines katastrophalen sozialen, politischen

und wirtschaftlichen Umbruchs. Trotzdem

sehen die Maori bis heute – zumindest in Tupaia –

einen Helden: Noch immer tragen Orte und Menschen

seinen Namen.

Auch die Bewohner Tahitis haben Kapitän

Cook auf seiner ersten Entdeckungsfahrt 1769 als

taio, Freund, begrüßt. Obwohl Tupaia die Europäer

erst von dieser Station an begleiten wird, überreichen

die Tahitianer den Fremden bei ihrer Ankunft

duftende Tücher und Bananenzweige als

Friedenssymbole. Sie bewirten die Mannschaft

mit Fisch und Kokosmilch. Die Frauen deuten auf

Matten und »nötigten uns bisweilen mit Gewalt,

uns darauf zu setzen«, hält der englische Botaniker

Joseph Banks fest.

Doch die Begegnungen auf der paradiesisch

anmutenden Insel verlaufen nicht ohne Konflikte.

Als ein Tahitianer eine Muskete stiehlt, erschießt

ihn ein Matrose. Cook versichert den Ureinwohnern,

»dass wir noch immer ihre Freunde

waren«, schreibt er kurz darauf in sein Tagebuch.

Wie die Inselbewohner diesen Vorfall erlebten, ist

nicht überliefert. Ihre Gedanken aus den englischen

Tagebüchern zu erraten, ist so, als würde

man einen Film ohne Ton anschauen: »Kein Zeichen

der Vergebung war in ihren Mienen zu lesen;

sie blickten verdrossen und beleidigt drein«,

wird Banks über einen späteren Konflikt notieren.

Trotz einiger Auseinandersetzungen sind die

Europäer von den »edlen Wilden« begeistert – und

von ihren Frauen hingerissen: »Sie versichern

sich unserer Freundschaft auf eine Art und Weise,

die alles andere als platonisch ist«, hält Segelmeister

Robert Molyneux fest.

Die drei Reisen von Cook scheinen untrennbar

verbunden mit erotischen Abenteuern, mit

schönen, sinnlichen und scheinbar liederlichen

Frauen. Doch die sexuellen Berichte der Entdecker

beschränken sich vor allem auf die Erlebnisse

auf Tahiti und Hawaii. Auf den Neuen Hebriden

(Vanuatu) und in Neukaledonien gibt es solche

Begegnungen nicht. Die Bilder und Berichte, die

auf den Entdeckungsfahrten entstehen, bestätigen

dies: Während die Frauen der westlichen

Pazifikinseln bei den europäischen Seeleuten als

»hässlich«, »abstoßend« und »verunstaltet« gelten,

stellen sie die Frauen der östlichen Inseln als

schöne, klassisch proportionierte Frauenkörper

in einer glückseligen Landschaft dar.

Europäische Wissenschaftler werden lange

glauben, die Polynesierinnen zu Cooks Zeit seien

Nymphomaninnen, die es auf erotische Abenteuer

mit Ausländern anlegen. Heute weiß man,

dass der Sex mit Fremden für die Frauen eine

Möglichkeit zum Handel bedeutete: Stoff, Perlen,

rote Federn und Beile tauschten sie gegen sexuelle

Be ziehungen ein. Außerdem sahen die hawaiianischen

Frauen in den mächtigen Ausländern

eine Chance, einflussreiche Kinder zu zeugen und

sich so innerhalb ihres Stamms Macht zu sichern.

Erzählungen zufolge stopften die Frauen die Nabelschnüre

ihrer Neugeborenen in die Risse von

Cooks Schiff: »Welche Frau hätte nicht die piko

(Nabelschnur) ihres Babys dort haben wollen?«

Aus Sicht der indigenen Bevölkerung haben

die sexuellen Kontakte mit den Europäern vor

allem einen gewalttätigen Aspekt: Viele junge

Mädchen werden von ihren Verwandten gezwungen,

diese »heiligen Ehen« einzugehen, die in der

Regel die Entjungferung bedeuten. Treibende

Kraft ist laut Wissenschaftlern der kollektive

30 epoc James Cook


Der tahitianische Priester

Tupaia, der mit Cook reist,

zeichnet dieses Bild, das

vermutlich den Botaniker

Joseph Banks zeigt, dem ein

Maori einen Hummer

schenkt.

1777 fertigt John Webber

dieses Gemälde von der

19-jährigen Prinzessin

Poedua an, der Tochter

des Königs Orio von

Ulietea.

BRITISH LIBRARY, LONDON

Wunsch nach Babys mit der heiligen Aura der

erstgeborenen Kinder junger Mädchen. Als Folge

der sexuellen Beziehungen breiten sich tödliche

Geschlechtskrankheiten aus. Cook versucht die

Kontakte gelegentlich zu unterbinden. Wenn er

fürchtet, dass sich die Matrosenpest »mit der Zeit

über alle Eilande der Südsee ausbreiten könnte,

zur ewigen Schande derer, die sie zuerst hierhergebracht«,

will er aber auch seinen Ruf retten.

Als die polynesischen Inseln in den Jahrzehnten

nach Cooks Besuch zu beliebten Anlaufhäfen

werden, grassieren neben Geschlechtskrankheiten

auch Grippe, Tuberkulose, Pocken, Masern

und Keuchhusten. Der Alkoholismus breitet sich

aus, und die Inselbewohner bekämpfen sich untereinander

mit westlichen Waffen. Die Folgen

sind katastrophal: 1774 schätzt Cook die Bevölkerung

Tahitis noch auf 204 000 Menschen. Knapp

100 Jahre später erfasst eine französische Volkszählung

nur noch 7169 Insulaner.

Die Europäer bedroht auf ihrer Expedition in

Neuseeland der Hunger: »Wir sahen uns im Stande,

jede Art von Federvieh zu verzehren«, hält

Banks fest: »Hunger ist gewiss eine exzellente

Soße.« Die Mannschaft entdeckt aber auch, dass

sich der Speiseplan der Eingeborenen nicht auf

NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

Vögel, Fisch und Gemüse beschränkt – sondern

auch Menschen einschließt. Das bringt den Maori

bei den Menschen in Europa den Stempel der

»rohen Barbaren« ein.

Cook betrachtet den Kannibalismus jedoch

sachlich: »Sie essen ihre Feinde, die sie im Kampf

getötet ... Dies scheint mir aus der Tradition zu erwachsen

und mitnichten aus einer Veranlagung

zur Grausamkeit.« Cook hat Recht: Zu seiner Zeit

verspeisen die Maori nur ihre Feinde – um sie zu

entehren und ihren Geist und ihre Kraft in sich

aufzunehmen. Der Kannibalismus ist im Schöpfungsmythos

der Maori rituell verankert.

»Warra! Warra! Wai« – Geht fort!

Der deutsche Georg Forster wird den Kannibalismus

mit einem Hinweis auf die spanischen Eroberer

in Südamerika relativieren: »Was ist der

Neu-Seeländer, der seinen Feind im Kriege umbringt

und frisst, gegen den Europäer, der, zum

Zeitvertreib, einer Mutter ihren Säugling mit kaltem

Blut, von der Brust reißen und seinen Hunden

vorwerfen kann?«

Als die »Endeavour« 1770 Australien erreicht,

ist den Engländern sofort klar, dass die Küstenbewohner

anders sind als alle, die sie bisher getroffen

haben. Joseph Banks berichtet, dass eine

Gruppe von Fischern am Strand »kaum die Augen

von ihrem Tun wandten« und eine alte Frau »zum

Schiff hinübersah, aber weder Überraschung

noch Besorgnis erkennen ließ«.

Als sich die Ruderboote dem Land nähern, fliehen

die Eingeborenen. Nur zwei Krieger harren

aus: »Warra! Warra! Wai!«, rufen sie. »Geht fort!«

Cook wirft Nägel und Tand als Geschenke an Land.

Die Aborigines schleudern ihm Steine und Speere

entgegen. Cook feuert mit kleiner Munition und

trifft einen der Männer. Schließlich ziehen sich

die Eingeborenen zurück.

»Alles, was sie zu begehren scheinen, war, dass

wir wieder verschwinden«, berichtet Cook in seinem

Tagebuch: »Von dem, was ich über die Eingeborenen

gesagt habe, könnten sie einigen als die

erbärmlichsten Menschen der Erde erscheinen:

Aber in Wirklichkeit sind sie viel glücklicher als

wir Europäer; indem ihnen die überflüssigen, in

Europa aber so notwendigen Bequemlichkeiten

völlig fremd sind, sind sie glücklich, nichts von ihnen

zu wissen.«

Bevor die Fremden Australien verlassen, nehmen

sie die Ostküste formell für die britische Krone

in Besitz. Die Briten richten 1788 im heutigen

Sydney eine Strafkolonie ein. Für die Australier

unserer Zeit ist James Cook der Urahn der britischen

Landnahme; für die Aborigines begann

mit ihm ihre Enteignung.

epoc.de 31


BRITISH LIBRARY, LONDON

Auf Vanuatu (Neue Hebriden) empfangen die

ansässigen Völker die Fremden auf deren dritter

Reise zunächst freundschaftlich und neugierig.

Doch einige Stämme bedrohen Cook und seine

Mannschaft auch. Bei ihrer Ankunft auf Malekula

1774 erscheinen nur wenige Inselbewohner,

am nächsten Morgen sind es 400 Männer, die

sich dem Schiff nähern. Sie schenken Cook ein

Schwein als Symbol ihres Wohlwollens. Im Gegenzug

erhalten sie nur Stoff, was für die Bewohner

kein gleichwertiges Geschenk darstellt. Von

diesem Moment an interessieren sich die Malekulaner

nicht mehr für ihre Besucher.

Die Bewohner Erramangas laden die Fremden

durch heftiges Gestikulieren ein, an Land zu kommen.

Doch die Europäer fliehen kurze Zeit später,

weil sie befürchten, dass die Inselbewohner ihre

Boote stehlen und sie töten wollen.

Auf der Insel Tanna laufen viele Menschen zusammen,

als sich das Schiff der Europäer nähert.

Schwimmer und Kanus kommen den Fremden

entgegen. Bald schon versuchen »waghalsige und

freche junge Männer«, alles zu stehlen, dessen sie

habhaft werden können. Erst als schwere Kugeln

knapp über ihre Köpfe fliegen, lassen sie von ihrem

Treiben ab. Die Menschenmenge an Land ist

belustigt.

Tausende haben sich versammelt, als die Beiboote

zur Küste aufbrechen. Vorsichtshalber lässt

Cook eine Salve über die Köpfe der Menge abfeuern.

Daraufhin zeigen die jungen Männer ihre

Waffen. Einer von ihnen dreht sich um, beugt sich

vor und schlägt sich mit den Händen auf das Gesäß

– eine verbreitete Spottgeste im pazifischen

Raum. Den Bewohnern von Tanna bietet die Ankunft

des Schiffs eine unerwartete Unterhaltung

und für ihre jungen Männer eine willkommene

Gelegenheit für Angebereien.

Von den Ureinwohnern Hawaiis wird man

noch bis in die 1970er Jahre glauben, dass sie

James Cook bewundert hätten. Doch seit die Riten

der indigenen Bevölkerung wissenschaftlich untersucht

werden, zeichnet sich eine andere Deutung

ab. Verschiedene Forscher sind davon überzeugt,

dass das Leben auf Hawaii zur Zeit von

Cooks dritter Entdeckungsreise stark durch zwei

kalendarische Rituale geprägt wird, die Jahr für

Jahr Gesundheit und Wohlstand des Volks gewährleisten

sollen: Ho’oilo umfasst die vier dem

Schutzpatron Lono-nuiākea geweihten Regenmonate.

Kau Wela bezeichnet die acht Sommermonate

unter dem Patronat von Kūnuiākea.

AUSTRALIEN: GEMEINSCHAFT OHNE HERRSCHAFT

Sidney Parkinson begleitet

Cook zunächst als

naturhistorischer Illustrator.

Nach dem Tod des

Landschaftsmalers Alexander

Buchan zeichnet er

unter anderem dieses Kanu

mit neuseeländischen

Kriegern.

In Australien leben in den 1780er Jahren rund 750 000 Aborigines, die insgesamt

500 bis 600 Sprachen und Dialekte sprechen. Jede Gemeinschaft ist eine Gesellschaft

für sich; die Familie bildet darin die kleinste Einheit, wobei ein Mann Beziehungen

zu mehreren Frauen haben kann. Andere Gruppen organisieren sich nach

ihrer Abstammung, ihrer Verbindung zum Land und zu besonderen Stätten.

Jedes Mitglied einer Gruppe erfüllt soziale und rituelle Funktionen:

Männer fischen und jagen Kängurus, Emus und Beuteltiere. Frauen und

Kinder sammeln Gemüse, Früchte, Eier und Honig. In allen Gruppen teilen

die Menschen die Nahrung miteinander. Die Aborigines arbeiten täglich ein

paar Stunden, um die Nahrung für einen Tag zusammenzutragen. Ein

solches Leben bedeutet für jeden Sicherheit.

Für die Entdecker hingegen ist harte Arbeit die wesentliche Voraussetzung

für eine gottgefällige Lebensweise. Die sozialen Regeln der Ureinwohner,

ihr nomadenhaftes Leben ohne individuellen Besitz, machen es überflüssig,

dass einzelne Personen die Herrschaft über den Rest der Gruppe ausüben.

32 epoc James Cook


BRITISH LIBRARY, LONDON

Als Cook auf Hawaii eintrifft, ist der Schutzpatron

des Sommers schon verabschiedet worden,

sein Tempel bereits abgedeckt, seine Priesterschaft

freigestellt. Die Ureinwohner begrüßten

gerade Lononuiākea, der sich durch astronomische

Konstellationen und einen Wetterumbruch

angekündigt hat.

Als Cook Gott Lono verkörpert

Die Europäer landen im Dezember 1778 auf der Insel.

Cooks Schiff hat Segel, die an Lonos Wolken

erinnern. Bei den Prozessionen an Land werden

diese Wolken durch einen drei Meter hohen

Kreuzstab symbolisiert, über den graues Rindenbastgewebe

drapiert ist. Als Cook Kanonen abfeuern

lässt, erkennen die Bewohner in diesem

Geräusch, das an die donnernde Stimme Lonos

er innert, eine Demonstration göttlicher Macht.

Durch Zufall entspricht dieses Schauspiel dem

Ablauf des Rituals. Für die indigene Bevölkerung

könnte Cook während des religiösen Umzugs deshalb

Gott Lono verkörpert haben.

Cook verlässt die Insel am 4. Februar 1779. Damit

folgt er unwissentlich der Tradition: Er reist

so ab, wie Lono es jedes Jahr tut. Als er wenig später

zurückkehren muss, um sein Schiff zu reparieren,

stellt der Kapitän als Verkörperung von

Lono den Vorrang von Kūnuiākea in Frage. Dem

rituellen Ablauf, der für Tausende von Jahren gegolten

hat, droht der Umsturz, was ein ganzes

Volk in Gefahr bringen würde.

Von diesem Moment an kommt es zu gegenseitigen

Anfeindungen. Als der Kapitän nicht mehr

Lono verkörpert, verliert er auch seinen rituell begründeten

Schutz. Seine Unkenntnis des Ritualzyklus

wird ihm zum Verhängnis. Am 14. Februar

1779 töten die Hawaiianer Cook, die Europäer ermorden

zahlreiche Eingeborene.

Cooks Besuch markiert den dramatischen

Wandel der hawaiianischen Kultur. Im folgenden

Jahrhundert strömen Schiffe nach Hawaii und

bringen Musketen, schwenkbare Kanonen, Grog

und Krankheiten mit. 1820 segeln Missionare aus

Neuengland zur Insel, um die »nackten Wilden«,

wie sie die Hawaiianer nennen, von der Verworfenheit

des Hula-Tanzes und anderer Traditionen

zu überzeugen. 1837 wird das Verschwinden der

Eingeborenen und ihrer Kultur schließlich so augenfällig,

dass ein Institut gegründet wird, um

das Wenige zu dokumentieren, was von hawaiianischen

Werkzeugen, der Musik und dem Brauchtum

noch übrig geblieben ist.

Der entstandene Nationalismus hat bei den Bewohnern

von Hawaii zu einem regelrechten Hass

auf James Cook geführt. Deshalb ist Haunani-Kay

Trask, Aktivistin für ein souveränes Hawaii, stolz

darauf, dass die Hawaiianer – im Gegensatz zu

anderen pazifischen Völkern – dafür gesorgt hätten,

dass der Kapitän ihre Ufer nicht lebend verließ.

Das sieht Blossom Sapp, Aufseherin der

heiligen Stätte Pu’uhonua o Honaunau, anders:

»Früher oder später wären die Inseln sowieso gefunden

worden. Cook hat unser Land nicht gestohlen

oder die Kultur zerstört; aber erst nach

ihm konnten die anderen kommen, die das getan

haben. Deswegen sehen viele in ihm den ersten

Bösewicht, ein Symbol für das Schlechte, das nach

ihm kam.« Ÿ

Claudia Mocek ist Redakteurin bei epoc.

Auf der dritten Pazifikexpedition

wohnen die Europäer

auf der Insel Tahiti einem

Menschenopfer bei. Das

Bild stammt von dem englischen

Maler John Webber.

»Wir hatten

Angst, sie

könnten uns

verhexen«

Te Horeta

epoc.de 33


» Hund erte,

ja Tausende

von Maden!«

Skorbut, Schnaps und Langeweile: Im 18. Jahrhundert

war das Leben auf hoher See kein Zuckerschlecken –

für James Cooks Matrosen aber durchaus erträglich.

Von Joachim Schüring

Auch wenn der Schiffszwieback

aus Weizen- und

Erbsenmehl knochentrocken

war, zog er Ungeziefer

an. Mancher an Bord aß

ihn lieber er nachts, wenn

man die Maden

nicht sah.

NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

Heute scheint uns das Vergehen lässlich –

doch für William Greenslade endete es mit

dem Tod: Der gerade erst 20 Jahre alte Marinesoldat

an Bord der »Endeavour« hatte ein Stück Robbenfell

geklaut, um sich daraus einen Tabaksbeutel

zu nähen – und war erwischt worden. Von den

eigenen Kameraden. Obschon selbst der Bestohlene

keine große Sache daraus machen wollte, beklagten

die Kameraden das Vergehen »in den

schwärzesten Farben«, so der Botaniker an Bord

der »Endeavour«, Joseph Banks, in seinem Tagebuch.

Sie warfen Greenslade ein »unverzeihliches

Verbrechen vor« und drohten, wenn der Geschädigte

die Sache nicht anzeige, würden sie es tun.

Tatsächlich zählte

Diebstahl in

jener

Zeit zu den Verbrechen an Bord eines Schiffs, die

mit dem Tod bestraft werden konnten. Allerdings

wurden Hinrichtungen auf See meist nur bei

Mord, Brandstiftung oder Meuterei vollzogen.

Und das aus gutem Grund, schließlich konnte

man für den fehlenden Mann kaum Ersatz finden.

Deshalb machte, wer fluchte, bei der Wache einschlief,

eine Schlägerei anfing, einen Befehl verweigerte,

der »schändlichen Sünde mit Mann

oder Tier« oder ähnlicher Vergehen überführt

wurde, meist »nur« Bekanntschaft mit der neunschwänzigen

Katze, einer Peitsche mit neun geflochtenen

Tauenden, die zur steten Mahnung an

exponierter Stelle in einem Beutel aufgehängt

war. Als auf der »Endeavour« nach drei Wochen

zum ersten Mal »die Katze aus dem Sack gelas-

sen«

wurde, galt sie zwei Matrosen, die sich gewei-

gert

hatten, te ihre Ration Frischfleisch zu essen.

Tod oder Peitsche

Das 36 Artikel umfassende Strafregister der Admiralität

wurde jeden Sonntag feierlich verle-

sen.

Und darin stand auch, dass Diebstahl

mit dem Tod zu ahnden oder »den Umständen

entsprechend« mit einer anderen

Strafe zu belegen sei. Auf diesen

Zusatz hätte Greenslade ruhig vertrauen

können, denn James Cook urteilte

im Allgemeinen maßvoll. »Zwölf Peitschenhiebe«

hätte es vielleicht geheißen.

Eine Lektion.

Doch die Schilderungen seiner

Kameraden versetzten den unerfahrenen

Seemann so sehr in Panik, dass er

34

epoc James Cook


NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

DIE LÄNGSTE REISE

Während Cooks zweiter

Pazifikreise war die »Resolution«

genau 1111 Tage unterwegs.

Von Kapstadt nach

Süden sahen die Männer

ganze 117 Tage am Stück kein

Land. Nach drei Jahren und 16

Tagen hatten sie über 60 000

Meilen – gut 110 000 Kilometer

– zurückgelegt.

Während im 18. Jahrhundert Matrosen oft

zwangsrekrutiert wurden, kamen James

Cooks Männer freiwillig an Bord. Sie wurden

sorgfältig ausgewählt. Mehr als ihre Hängematte

und ein paar persönliche Dinge

konnten sie indes nicht mitbringen. Uniformen

gab es keine.

dem Urteil zuvorkam und über Bord in den Tod

sprang – nur eine halbe Stunde, nachdem er erwischt

worden war.

Auch wenn Cook nie die Todesstrafe vollzog,

scheute er die Ahndung von Vergehen nicht. Besonders

streng war er, wenn es um die Sauberkeit

ging. Schon die kleinste Nachlässigkeit in hygienischen

Belangen konnte den Ausbruch tödlicher

Krankheiten bedeuten – gerade unter den beengten

Verhältnissen auf See. Denn ursprünglich für

eine Besatzung von 16 Mann vorgesehen, mussten

in dem gerade einmal 32 Meter langen ehemaligen

Kohleschiff nun immerhin 94 Seeleute leben

und arbeiten!

Viele Matrosen machten sich nicht einmal die

Mühe, an die Reling zu gehen, und pinkelten, wo

sie gerade standen, auf die Planken – und somit

auch in die darunter liegenden Laderäume. Einmal

ließ Cook einen Matrosen auspeitschen, weil

er sein großes Geschäft unter Deck verrichtet hatte.

Zu dem von jedweder Privatsphäre freien und

bei schwerer See lebensgefährlichen Donnerbalken

vor dem Bug des Schiffs ging man eben nur,

wenn es nicht anders ging.

Heute ist nur schwer vorstellbar, wie beklemmend

die Enge an Bord der »Endeavour« war. Die

Decks waren kaum 1,50 Meter hoch; einzig in der

Offiziersmesse konnte man gerade so aufrecht

stehen. Während es für die Offiziere und Wissenschaftler

im Heck ein Dutzend winziger Kabinen

gab, aßen und schliefen die Matrosen weiter vorn,

in der Mannschaftsmesse. Ihre Hängematten

hingen so eng, dass sie schon bei leichtem Seegang

aneinanderschlugen. Nicht selten erwachte

epoc.de 35


ein Matrose, weil er von Ratten angenagt wurde.

Die Luft war zum Schneiden, obwohl Cook eigens

Segel spannen ließ, um frischen Wind nach unten

zu leiten. Der Raum zwischen den Offizieren und

den einfachen Matrosen war für die Soldaten reserviert

– als Puffer für den Fall einer Meuterei.

Anders als bei der Royal Navy, die zu jener Zeit

einen großen Teil ihrer Männer zwangsrekrutierte,

waren die Seeleute an Bord der »Endeavour«

sorgfältig ausgewählt worden; die meisten von ihnen

keine 30 Jahre alt. Nur dem einhändigen Koch

traute Cook sein Handwerk zunächst nicht zu. Am

Ende durfte er aber doch mit.

Schnaps und Langeweile

Wie alle Schiffe Cooks war auch die »Endeavour«

schmucklos – ohne Galionsfigur am Bug und

ohne Namen am Heck. Und sie war langsam: Bei

optimalen Winden schaffte sie gerade einmal

acht Knoten – so viel wie ein gemächlicher Radfahrer.

Doch dafür war sie robust und wegen ihres

geringen Tiefgangs für das Kreuzen durch die Inselwelt

Polynesiens bestens geeignet. Trotzdem

überstand der Küstensegler aus Whitby die 65 000

Kilometer lange Reise keineswegs unbeschadet.

Als die »Endeavour« vor ihrer Rückreise in Batavia,

dem heutigen Jakarta, Halt machte, war der

Rumpf von Würmern zerfressen und laut Cook

»eine große Anzahl der Planken entzwei«, sodass

jedem, »der den Boden sah, der Umstand höchst

erstaunlich schien, dass wir das Schiff über Wasser

hatten halten können«.

Der Alltag auf See war vor allem von einem geprägt:

Langeweile. Jeder Tag war von drei Wachen

bestimmt und einer immer gleichen Routine aus

Segelsetzen und -einholen, Deckschrubben, Polieren

der Messingteile, Putzen der Kanonen, Essen

und Schlafen. Dienstags hatte zudem jeder

seine Hängematte zu lüften, am Donnerstag war

Waschtag, an dem die Montur in Ermangelung

von Frischwasser meist an einer Leine ins Fahrwasser

gehängt wurde. Auch die Männer selbst

wuschen sich nur einmal pro Woche.

Unterbrochen wurde die Eintönigkeit nur selten,

zum beispiel wenn die Äquatortaufe anstand,

ein bizarres Ritual, dem sich seit jeher – auch heute

noch – alle Seeleute unterziehen müssen, die

zum ersten Mal im Leben »die Linie« überqueren.

Auf der »Endeavour« wurden die Täuflinge von

den erfahrenen Seeleuten auf einen Stuhl gebunden,

den Großmast hinaufgezogen und dreimal

in die Fluten getaucht. »Zum nicht geringen Vergnügen

der anderen wurde diese Zeremonie an

20 bis 30 Mann vollzogen«, schrieb Cook. Mancher

»wäre um ein Haar ertrunken«, notierte

Joseph Banks. Die beiden hatten sich gedrückt

und mit vier Tagesrationen Schnaps freigekauft –

Banks löste gleich auch seine Diener und seine

Hunde aus.

Vier Tagesrationen Schnaps: Das war mehr als

zwei Liter pro Mann! Wenn es auf der »Endeavour«

etwas in Übermaßen gab, dann war es Alkohol.

In den Fässern unter Deck lagerten 5400

Liter Bier und noch einmal die gleiche Menge

Arrak, Rum und Weinbrand. Neben dem guten

halben Liter Schnaps standen jedem an Bord 4,5

Liter Bier zu. Jeden Tag! Letzteres begann zwar oft

schon nach wenigen Wochen Fäden zu ziehen,

wurde dann aber mit Mehl, Zucker oder Salz wieder

»genießbar« gemacht. Manche seiner Leute

seien »Tag für Tag mehr oder weniger betrunken«

gewesen, schrieb Cook.

Um ein bisschen Ordnung in das

Gewusel el der

einfachen Seeleute zu bringen, n, mussten st

sich immer

vier bis sechs von ihnen in einer Gruppe pe

sammenfinden. Einmal im Monat durfte jeder

er

zu-

das »Team« wechseln. Wenn die Matrosen dies

häufig taten, war das ein Anzeichen für aufkeimende

Unzufriedenheit eit – die es

frühzeitig zu

kontrollieren galt. Meist war die Bindung der Kameraden

aber sehr eng. Starb einer er von

ihnen,

nähten die anderen ihn fürs nasse Grab

in ein

Segel. Der, der den letzten ten Stich machte, bekam

ein paar Pennys dafür. Denn er stach die

Nadel durch die Nase des

Kameraden aden

– zum

einen, um sicher zu stellen, len,

dass s dieser

er

wirklich tot war, zum anderen, n,

damit er

beim Überbordgehen nicht aus

dem

gel rutschte.

Sen

und Banks’

beiden Windhunden tummelten

sich auf der »Endeavour«

auch 17 Schafe,

Neben den 94 Mann

24 Hühner sowie vier

Jeder fünfte an Bord der

»Endeavour« machte im

Lauf seiner Reise mindestens

einmal Bekanntschaft

mit der neunschwänzigen

Katze. Bei den meisten

Vergehen setzte es zwölf

Hiebe auf den nackten

Rücken (das Bild zeigt eine

Szene auf einem Schiff der

Royal Navy von 1825).

UNTEN: BRIDGEMAN BERLIN; LINKS:NATIONAL MARITIME MUSEUM, GREENWICH, LONDON

36 epoc James Cook


Schweine. Und eine Ziege, die schon vor Cook die

Welt umsegelt hatte und einzig dazu da war, Milch

für den Kaffee der Offiziere zu liefern. Das Essen

war streng rationiert. Von den zehn Tonnen

Schiffszwieback an Bord bekam jeder Seemann

täglich 450 Gramm. Manche mochten ihn nur

nachts verspeisen, wenn es dunkel war. Wegen

des Ungeziefers. »Ich habe oft gesehen, wie jemand

Hunderte, ja Tausende von Maden aus

einem einzigen Zwieback schüttelte«, erinnerte

sich Banks. Pro Woche gab es zudem zwei Kilogramm

Pökelfleisch – das selbst für Maden zu

hart war, sich aber für Schnitzereien eignete –, einen

Liter Erbsenbrei, zwei Pfund Haferflocken,

170 Gramm Butter und 340 Gramm Käse. Wer

dann noch hungrig war, dem wurde wind pudding

empfohlen: ein paar tiefe Luftzüge an Deck.

Die Offiziere und Wissenschaftler waren auch kulinarisch

bessergestellt. Sie durften ihren eigenen

Proviant mitnehmen.

Besonders unbeliebt waren die Unmengen von

Sauerkraut an Bord. 3500 Kilogramm hatte Cook

laden lassen in der Hoffnung, damit endlich den

Kampf gegen Skorbut zu gewinnen. Diese Geißel

der Seefahrt – eine tödliche Erkrankung infolge

Vitamin-C-Mangels – raffte regelmäßig ganze Besatzungen

dahin. Als Ferdinand Magellan im Jahr

1520 den Pazifik querte und es außer Ratten nur

noch gekochtes Leder und Sägespäne zu essen

gab, verlor er mehr als 80 Prozent seiner Leute!

Noch Anfang des 18. Jahrhunderts starben in der

englischen Navy mehr Männer an Skorbut als

durch die Kugeln feindlicher Schiffe. Und niemand

wusste, warum. Erst 1754 erkannte der britische

Schiffsarzt James Lind, dass man dem Leiden

mit Zitrusfrüchten beikommen konnte.

Mit List gegen Skorbut

Anfangs äußert sich die Krankheit in Müdigkeit

und Schwäche. Dann brechen im Mund eitrige

Geschwüre auf, und die Zähne fallen aus – daher

der Name der Krankheit: skorbutus, lateinisch für

Mundfäule. Wenn sich schließlich die Knochen

entzünden und auf der Haut schwarze Flecken erscheinen,

ist das Ende nah. Es kommt zu inneren

Blutungen und schließlich zu Herzversagen.

Um die Männer, die sich mit Alkohol, nicht

aber mit Sauerkraut bei Laune halten ließen, vom

Verzehr der Vitamin-C-reichen Kost zu überzeugen,

griff James Cook zu einer List: Er befahl seinen

Offizieren, große Mengen davon zu essen –

und sie sollten dies mit offenkundigem Genuss

tun. »Denn dieses ist die Wesensart der Seeleute

im Allgemeinen: Es missfällt ihnen alles, mag es

auch noch so sehr ihrem Besten dienen«, schrieb

Cook ins Tagebuch. »Doch in dem Augenblick, da

Chemisch handelt es sich bei

Vitamin C um Ascorbinsäure – von

a scorbutus: gegen die Mundfäule.

Zur Vorsorge reichen zehn Milligramm

Vitamin C am Tag – das enthält

etwa eine halbe Zitrone

sie sehen, dass ihre Vorgesetzten Wert darauf legen,

wird es das Köstlichste auf Erden.«

Ob das so lange in den Fässern gelagerte Sauerkraut

überhaupt noch einen nennenswerten Vitamin-C-Gehalt

hatte und am Ende etwas nutzte, ist

allerdings fraglich. Dass es an Bord von Cooks

Schiffen tatsächlich nur ganz wenige Skorbutfälle

gab, hatte wohl andere Gründe. So lobte der Kapitän

diejenigen, die bei jedem Landgang »so gut

wie jede Wurzel und jede Sorte Obst essen«, so

sehr, dass dies, wie ein Matrose schrieb, bald »Sitte

unter den Kameraden« wurde. Zudem verbot

Cook seinen Leuten, mit dem Schiffszwieback

durch die fettigen Pfannen zu fahren. Zwar

glaubte er, auf diese Weise nur etwas gegen die

»stinkende Luft« in ihren Leibern zu tun, tatsächlich

aber beseitigte er eine Ursache für die Krankheit.

Das salzige und kupferhaltige Kochfett verminderte

nämlich schlicht die Vitaminaufnahme

im Körper.

Machtlos indes war Cook gegen die grassierenden

Geschlechtskrankheiten. Wenn die Männer

Wochen oder gar Monate allein auf See gewesen

waren, erschienen ihnen die Eilande der Südsee

wie Paradiese. In den Logbüchern ist von

unzähligen erotischen Abenteuern die Rede.

Joseph Banks war den Frauen der Südsee besonders

zugetan. Am Abend des 3. Juni 1769 etwa, als

sich alle mit der Venus am Himmel beschäftigten,

berichtet der flotte Botaniker von »drei ansehnlichen

Mädchen« in einem Kanu: »Sie plauderten

mit großer Offenheit und ließen sich ohne lange

Überredung darauf ein, ihr Gefährt wegzuschicken

und im Zelt zu übernachten.«

Wie Banks hielten es fast alle an Bord. Obwohl

die Folgen ihres Tuns katastrophal waren. Nicht

einmal 100 Jahre nach der Ankunft der Europäer

war die Bevölkerung Tahitis infolge eingeschleppter

Krankheiten von rund 200 000 auf knapp

7200 Menschen dezimiert worden! Der Einzige,

der sich darum sorgte, war James Cook. Vergebens:

»Alles, was ich tun konnte, war von geringem

Nutzen«, klagte er, »weil nicht ein Mann auf

dem Schiff mir darin zur Hilfe kam.« Ÿ

DAS SCHICKSAL

DER »ENDEAVOUR«

Cooks erstes Schiff wurde

nach seiner Rückkehr wieder

zu einem Frachter umgebaut

und pendelte mehrmals

zwischen England und

den Falklandinseln hin und

her. Später segelte es unter

dem Namen »Lord Sandwich«

nach Russland und

diente schließlich vor der

amerikanischen Küste als

Truppentransporter und

Gefängnisschiff. Im August

1778 wurde die ehemalige

»Endeavour« zusammen

mit mehreren anderen

Schiffen von den eigenen

Leuten versenkt, um den

Franzosen den Zugang zur

Bucht von Narrangasett

auf Rhode Island zu verwehren.

Dort liegt Cooks

Schiff bis heute auf dem

Grund des Atlantiks – konnte

aber bisher nicht eindeutig

identifiziert werden.

epoc.de 37


Für Kinder

Z wei kleine Passagiere …

unterwegs mit

Hallo,

ihr Grünschnäbel! Vor

acht Jahren stach ich zum ersten

Mal mit Kapitän James Cook in See!

Nun ist es wieder so weit, wir brechen

auf, um einen Seeweg zwischen

Pazifik und Atlantik zu finden.

Seid ihr dabei?

IM HAFEN VON PLYMOTH AM 12. JULI 1776

Na

klar! Ich hab

keine Angst vor den

Eisbergen!

J ames

Cook

Atlantik

GROS

S-

BRIT

ANNI

N

EN

AFR

IKA

Rückreise nach Cooks Tod

Route der dritten Seereise

Ich

hoffe nur, ich werde

nicht seekrank – ich war

noch nie auf einem

Segelschiff.

AUST

RAL

I EN

Indischer Ozean

ALLE ILLUSTRATIONEN DIESER DOPPELSEITE: EPOC / CONSTANZE SCHEIDEMANN, WIESBADEN

EINIGE WOCHEN SPÄTER AUF HOHER SEE …

Augen

zu und durch – ist

doch alles nur zu

eurem Besten.

Arrg,

mir ist so

schlecht!

Der

Seegang ist gar

nicht so schlimm,

aber von diesem Fraß

kann einem wirklich übel

werden. Jeden Tag nur

Sauerkraut mit

Zitronensaft!

Skorbut

Zu James Cooks Zeiten starben die

meisten Seeleute an einer Krankheit

namens Skorbut. Der Mangel an

Vitamin C machte die Männer

schlapp und traurig. Nach einiger

Zeit fielen den Matrosen die Zähne

aus, und am Ende starben sie

qualvoll. Vom Marinearzt James Lind

wusste Cook, dass Zitrusfrüchte und

Gemüse gegen die Krankheit helfen

könnten. Also ließ der Kapitän

tonnenweise Zitronen und unverderbliches

Sauerkraut bunkern. Mit

dem Erfolg, dass tatsächlich keiner

seiner Männer an Skorbut starb!

38 epoc James Cook


Ooh!

Ah!

Oh

nein!

Am 14. Februar 1779 nahm das Leben des großen Entdeckers

James Cook ein jähes Ende. Weil der Schiffsmast

repariert werden musste, ließ Cook vor Hawaii ankern.

Fasziniert vom Besitz der Fremden klauten die Ureinwohner

alles, was nicht niet- und nagelfest war. Zornig setzte Cook

mit ein paar Soldaten auf die Insel über. Es kam zum Kampf, in

dem der Kapitän starb. Cooks Leute waren schockiert, gaben

aber nicht auf: Sie versuchten ein zweites Mal die Nordwestpassage

zu finden – wieder vergeblich. Die Meeresstraße

wurde erst 1906 von Roald Amundsen entdeckt.

Trotzdem war Cooks letzte Reise kein Misserfolg. Er und

seine Mannschaft hatten nicht nur neue Länder, Kulturen,

Tiere und Pflanzen kennen gelernt, sondern auch gezeigt, was

nötig ist, um seinen persönlichen Horizont zu erweitern: Mut,

Geduld und Disziplin – vor allem aber der Wille, niemals

aufzugeben!

ZWISCHEN EISSCHOLLEN IM AUGUST 1778

Ich

hoffe, wir kehren

bald um und überwintern

auf einer

warmen Insel.

Putzen,

schrubben,

scheuern – jeden Tag

dasselbe! Und das schon

seit Monaten. So eintönig

hab ich mir das Seefahrerleben

nicht vorgestellt.

NORD-

AME

RIK

A

HAWAIIA Brrr!

Dass es so schwierig

ist, durchs Eis zu

segeln, hätte ich nie

geglaubt.

Pazifik

1777, MITTEN AUF DEM PAZIFIK

SÜD -

AME

RIK

IKA

Nordwestpassage

Cook unternahm insgesamt drei Reisen. Die letzte führte

ihn und seine Leute in eisige Regionen. Sie suchten

die Nordwestpassage, eine Meeresstraße, die im hohen

Norden den Atlantik mit dem Pazifik verbindet. Die

Briten wollten einen schnellen Zugang zu den Reichtümern

Ostasiens finden. Doch das Unternehmen scheiterte:

Den ganzen Sommer kämpften sie sich durch die

arktische See, doch das Eis versperrte ihnen den Weg.

Die Kälte, Todesfälle und Schäden am Schiff trieben die

Besatzung an den Rand der Verzweiflung. Im Oktober

1778 gab Cook auf. Im nächsten Sommer wollte er es

wieder versuchen – doch dazu kam es nicht mehr …

Ach, ich

hätte so gerne mal

ein echtes Känguru

gesehen!

Terra australis incognita

Auf seiner ersten Reise hatte James Cook einen geheimen

Auftrag erhalten: »Ihr sollt gen Süden fahren,

um den Kontinent zu entdecken.« Die britische Admiralität

wollte die Terra australis incognita finden –

den legendären Südkontinent, an dessen Existenz

schon die alten Griechen geglaubt hatten. Doch wo

Cook und seine Männer auch suchten, von riesigen

Landmassen war keine Spur zu sehen. Stattdessen

entdeckten sie die Ostküste Australiens, die neuseeländischen

Inseln, Hawaii und viele andere Südseeinseln

– sowie zahllose unbekannte Pflanzen und

Tiere wie das Känguru. Die Terra australis incognita

aber entpuppte sich als fixe Idee, als Mythos ohne

wahren Kern.

epoc.de 39


Die HMS

Endeavour

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

Bugspriet

Fockmast

Kranbalken

Anker

Vorderdeck

Glocke

Ankerwinde

Galgen

Hauptdeck

Hauptluke

Hauptmast

Achterdeck

Winde

Deckskanone

Steuerrad

Kreuzmast

Lüfterhorn

Pinne

Drehbasse

Offiziersmesse

Kabine von Joseph Banks

Kabine von James Cook

Lobby

Kabine von Charles Green (Astronom)

Kabine eines der Zeichner

Kabine eines der Künstler

Kombüse

Mannschaftsmesse

Segelraum

Kabine des Bootsmanns

Lagerraum des Bootsmanns

Magazin

Proviant

Vorräte des Stewards

Kabine des Kanoniers

Kabine des Schiffsarztes

Kabine des 1. Offiziers

Kabine des 2. Offiziers

Kabine des Navigators

Ruder

1

4

3

32

5

31

2

30

33

7

29

6

8

28

9

Schiffsdaten

Typ: ...................................... Bark oder »Whitby Cat«:

Kohlefrachter

Werft: .................................. Thomas Fishburn, Whitby

Stapellauf: ........................ 1764 als » Earl of Pembroke«

Umbau: ............................. 1768: »HMS Endeavour«

Kaufpreis (1768): ............ 2800 Pfund

Besatzung: ........................ 73 Mann, 12 Marinesoldaten

9 Wissenschaftler

Gesamtlänge: ................. 39,7 Meter

Breite: ................................. 8,9 Meter

Tiefgang: ........................... 3,4 Meter

Gewicht: ............................ 900 Tonnen

Segelfläche: ...................... 2777 Quadratmeter

Geschwindigkeit: ........... 7 – 8 Knoten (13 – 15 Kilometer pro Stunde)

Zuladung: ......................... 600 Tonnen

Bewaffnung: ................... 10 Deckskanonen und 12 Drehbassen

40 epoc James Cook


SCHIFF: MIT FRDL. GEN. DES ZEICHNERS DAVID HOBBS UND DES AUSTALIAN NATIONL MARITIME MUSEUM (BESITZER DES NACHBAUS DER HM BARK ENDEAVOUR); FIGUREN: EPOC / CONSTANZE SCHEIDEMANN, WIESBADEN

11

10

12

14

16

13

15

19

27

23

24

17

21

18

26

25

35

22

20

36

37

38 39

40

34

epoc.de e

41


Preisrätsel | Gewinnen Sie einen Besuch der Ausstellung

byzanz

pracht und alltag

26. Februar bis 20. Juni 2010

Über 400 kostbare Elfenbeinarbeiten,

prächtige Ikonen und Manuskripte, Architekturfragmente,

Skulpturen und Alltagsgegenstände

geben dem Besucher tiefe

Einblicke in das »Byzantinische Jahrtausend«

– von der Gründung Konstantinopels

durch Konstantin den Großen bis zur

Eroberung der Stadt durch die Osmanen.

Beantworten Sie folgende Frage und schicken Sie die

Lösung auf einer Postkarte an:

epoc, Preisrätsel

Postfach 104840

69038 Heidelberg

Oder als E-Mail an: raetsel@epoc.de

Einsendeschluss: 28. Februar 2010

Frage: Die täglichen Rationen an

Bord der »Endeavour« waren nicht

üppig. Welche »Speise« wurde hungrigen

Matrosen empfohlen?

1. bis 3. Preis: Ein Besuch der Ausstellung »Byzanz«

für zwei Personen in Bonn (inklusive Übernachtung)

4. bis 10. Preis: Ein Jahresabonnement von epoc, dem

Magazin für Archäologie und Geschichte

Die Tourismus & Congress GmbH stellt für

den Besuch aller Ausstellungen in der Kunstund

Ausstellungshalle Pauschal-Angebote

zusammen. Enthalten ist die Übernachtung

inklusive Frühstück sowie der Eintritt in die

Ausstellung mit der Bonn Regio Welcome

Card. Diese Städtekarte lädt zudem zu zahlreichen

kulturellen Ereignissen in der Beethovenstadt

und ihrer reizvollen Umgebung ein.

Sie gewährt freien Eintritt in über 20 weitere

Museen plus freie Fahrt mit Bus und Bahn im

Stadtgebiet Bonn. www.bonn-region.de

BPK BERLIN / MIT FRDL. GEN. DER KAH, BONN

42 epoc.de


Geschichten aus der Vergangenheit.

Nicht von gestern.

JETZT

IM MINIABO

KENNEN

LERNEN!

Fordern Sie zwei aktuelle Ausgaben

von epoc für nur € 10,30 (statt

15,80 im Einzelkauf) an:*

06221 9126-743

aktueller

Titel

@

service@spektrum.com

www.epoc.de/cook

q 2 aktuelle Ausgaben von epoc

q ein attraktives Präsent zur Wahl

Wissenschaft aus erster Hand

* Wenn ich innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt der zweiten Ausgabe nichts von mir hören lasse, erhalte ich epoc zum Vorzugspreis von nur € 40,50 inkl. Inlandsversand im Jahresabonnement (6 Ausgaben) frei Haus. Ich spare

fast 15 % gegenüber dem Einzelkauf der Hefte. Ermäßigter Preis (auf Nachweis) für Schüler und Studenten € 34,50 (Ersparnis von 25 %). Ich kann das Jahresabonnement jederzeit kündigen, zu viel gezahltes Geld erhalte ich

zurück. Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH, Slevogtstraße 3–5, 69126 Heidelberg, Tel. 06221 9126-743, Fax 06221 9126-751, service@spektrum.com


14

Rabatt mit diesem Coupon

13 Ermäßigung beim Kauf des Ausstellungskataloges in der Kunst- und Ausstellungshalle.

(Gültig (Gültig vom vom 28. 28. August August 2009 2009 bis bis 28. 28. Februar Februar 2010) 2010)

James Cook

und die Entdeckung der Südsee

2 8 . 8 . 2 0 0 9 – 2 8 . 2 . 2 0 1 0 i n B o n n

Katalog zur Ausstellung

Der reich bebilderte Ausstellungskatalog

eröffnet auf rund 400

Seiten einen detaillierten Einblick

in die Geschichte der drei großen

Expeditionsreisen des Entdeckers

James Cook.

James Cook

und die Entdeckung der Südsee

Ca. 300 Seiten, ca. 450 Abbildungen in Farbe.

24 x 28 cm, gebunden.

Museumsausgabe:

29,90 “

Buchhandelsausgabe:

39,90 “

ISBN: 978-3-7774-2121-6

BYZANZ

PRACHT UND ALLTAG

26. FEBRUAR BIS 13. JUNI 2010 IN BONN

Afghanistans

wiederentdeckte Schätze

Die Sammlung des Nationalmuseums in Kabul

11. Juni bis 3. Oktober 2010 in Bonn

œ K U N S T - U N D A U S S T E L L U N G S H A L L E D E R B U N D E S R E P U B L I K D E U T S C H L A N D

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine