Das Zusammenwirken von Systemresponsezeiten und ... - ekphorie.de
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<strong>Das</strong> <strong>Zusammenwirken</strong> <strong>von</strong> <strong>Systemresponsezeiten</strong><br />
<strong>und</strong> Verweilzeiten beim Explorieren <strong>von</strong><br />
Hypertextstrukturen: empirische Evi<strong>de</strong>nz für<br />
einen zeitlichen Integrationsmechanismus?<br />
Herbert A. Meyer, Martin Hänze <strong>und</strong> Michael Hil<strong>de</strong>brandt<br />
Universität Gh Kassel, FB 3 - Psychologie, Holländischer Platz, D-34109 Kassel<br />
hameyer@hrz.uni-kassel.<strong>de</strong> - haenze@hrz.uni-kassel.<strong>de</strong> - hil<strong>de</strong>@hrz.uni-kassel.<strong>de</strong><br />
Zusammenfassung. Gegenstand <strong>de</strong>s Beitrags ist die Untersuchung <strong>de</strong>s zeitlichen<br />
Ablaufs <strong>de</strong>s Explorierens <strong>von</strong> Hypertextstrukturen mit Bildmaterial. Die<br />
zunächst erhobene Bestandsaufnahme ergibt, daß die Dauer <strong>de</strong>r Beschäftigung<br />
mit <strong>de</strong>n vorgegebenen Inhalten (Verweilzeit) sehr gut mit <strong>de</strong>r Annahme <strong>von</strong><br />
Pöppel (1969, 1997) zur subjektiven Gegenwart beschrieben wer<strong>de</strong>n kann (eine<br />
zeitliche Reihe <strong>von</strong> Eindrücken kann nur bis zu <strong>de</strong>r Grenze <strong>von</strong> ca. drei Sek<strong>und</strong>en<br />
zu Einheiten integriert wer<strong>de</strong>n). Weitergehen<strong>de</strong> Implikationen <strong>de</strong>r postulierten<br />
Beziehung zwischen Verweilzeit <strong>und</strong> subjektiver Gegenwart prüft ein<br />
nachfolgen<strong>de</strong>s Experiment (N=44), bei <strong>de</strong>m <strong>de</strong>r Faktor Systemresponsezeit systematisch<br />
variiert wird (SRZ; 0.75, 1.75, 2.75 <strong>und</strong> 3.75 Sek<strong>und</strong>en). Angenommen<br />
wird, daß eine SRZ oberhalb <strong>de</strong>r Drei-Sek<strong>und</strong>en-Grenze <strong>de</strong>n Explorationsvorgang<br />
behin<strong>de</strong>rt, da die kognitive Integration aufeinan<strong>de</strong>rfolgen<strong>de</strong>r Inhalte<br />
nicht mehr mühelos geschehen kann. Erwartungsgemäß führt eine SRZ<br />
größer als drei Sek<strong>und</strong>en zu einer emotionalen Belastung. Zusätzlich zeigt sich<br />
eine lineare Beziehung zwischen Verweilzeit <strong>und</strong> SRZ, die bei einer SRZ größer<br />
als drei Sek<strong>und</strong>en zusammenbricht.<br />
1 Problemstellung<br />
Die Arbeiten, <strong>de</strong>ren Ergebnis hier vorgelegt wird, beschäftigen sich mit <strong>de</strong>m zeitlichen<br />
Ablauf <strong>de</strong>s Explorierens <strong>von</strong> Hypertextstrukturen. Auf <strong>de</strong>r Beobachtungsebene<br />
zeichnet sich diese mittlerweile durch das World Wi<strong>de</strong> Web weit verbreitete Form <strong>de</strong>r<br />
Mensch-Computer Interaktion dadurch aus, daß <strong>de</strong>r Benutzer in einer selbst bestimmten<br />
Reihenfolge miteinan<strong>de</strong>r verknüpfte Bestandteile einer Datenbasis aufsucht.<br />
Dieses Verhalten, das in an<strong>de</strong>ren Zusammenhängen freies Navigieren, browsing o<strong>de</strong>r<br />
surfing genannt wird, kann durch eine Reihe <strong>von</strong> Merkmalen beschrieben wer<strong>de</strong>n.<br />
Beispielsweise ist es intrinsisch motiviert <strong>und</strong> nicht unbedingt plangeleitet, da sich die<br />
Zielsetzungen <strong>von</strong> Situation zu Situation än<strong>de</strong>rn können. <strong>Das</strong> Merkmal, das im Vor<strong>de</strong>rgr<strong>und</strong><br />
<strong>de</strong>s vorliegen<strong>de</strong>n Beitrags steht, läßt sich am besten durch <strong>de</strong>n englischen<br />
Ausdruck self-paced beschreiben: das Tempo <strong>de</strong>s Explorierens bestimmt <strong>de</strong>r Explorieren<strong>de</strong><br />
selber. Unsere Annahmen stellen genau diese Souveränität in Frage.<br />
Bevor die Annahmen ausgeführt wer<strong>de</strong>n, sollen die im folgen<strong>de</strong>n verwen<strong>de</strong>ten<br />
termini technici geklärt wer<strong>de</strong>n. Beim Ablauf <strong>de</strong>s Explorierens <strong>von</strong> Hypertextstruktu-<br />
86
en lassen sich zwei zeitliche Komponenten unterschei<strong>de</strong>n. Auf <strong>de</strong>r einen Seite gibt es<br />
die Übertragungszeit eines angewählten Dokuments in <strong>de</strong>n Arbeitsspeicher <strong>de</strong>s Rechners<br />
<strong>und</strong> die Zeit, die vergeht, bis das Dokument auf <strong>de</strong>m Bildschirm dargestellt wird.<br />
Diese technisch bedingten Zeiten wer<strong>de</strong>n zusammengenommen als Systemresponsezeit<br />
(SRZ) bezeichnet. Beim Einsatz eines Hypertextsystems auf einem stand alone-<br />
Rechner spielt die SRZ eine untergeordnete Rolle, da auf <strong>de</strong>m aktuellen Stand <strong>de</strong>r<br />
Technik kaum merkliche Antwortzeiten erreicht wer<strong>de</strong>n. In verteilten Netzen kann die<br />
Dauer <strong>und</strong> die Variabilität <strong>de</strong>r Übertragungszeit je nach Güte <strong>de</strong>r Verbindung <strong>und</strong><br />
Größe <strong>de</strong>s angefor<strong>de</strong>rten Dokuments ein beachtliches Ausmaß annehmen. Wenn die<br />
SRZ subjektiv als zu lang empf<strong>und</strong>en wird, wird sie zur – oftmals lästigen – Wartezeit.<br />
Neben <strong>de</strong>r technisch bedingten SRZ gibt es die vom Menschen bestimmte Zeit<br />
<strong>de</strong>r Beschäftigung mit <strong>de</strong>m angefor<strong>de</strong>rten Dokument. Diese könnte man als Rezeptionszeit<br />
bezeichnen. Wir bevorzugen hingegen <strong>de</strong>n Begriff Verweilzeit, um <strong>de</strong>utlich zu<br />
machen, daß sich unser Untersuchungsansatz nicht inhaltlich mit <strong>de</strong>r Informationsaufnahme<br />
auseinan<strong>de</strong>rsetzt, son<strong>de</strong>rn lediglich ihre zeitlichen Ausprägung betrachtet.<br />
Bei <strong>de</strong>r psychologischen Analyse kognitiver Vorgänge spielt <strong>de</strong>r Faktor Zeit in aller<br />
Regel die Rolle einer abhängigen Variablen, die indiziert, wie aufwendig theoretisch<br />
postulierte Operationen sind. Sehr wenige Ansätze messen <strong>de</strong>m Faktor Zeit eine<br />
eigenständige Rolle zu, was Jones (1976) als Verlust <strong>de</strong>r Zeitdimension in <strong>de</strong>r psychologischen<br />
Theoriebildung beklagt. Die Arbeiten <strong>von</strong> Pöppel (1969, 1997) bil<strong>de</strong>n in<br />
dieser Hinsicht eine Ausnahme. In Anlehnung an das traditionsreiche Konzept „Präsenzzeit“<br />
(z.B. James, 1890; Stern, 1897) spricht er <strong>von</strong> „subjektiver Gegenwart“ <strong>und</strong><br />
meint damit, daß das subjektiv erlebte „Jetzt“ stets eine positive Zeitstrecke ist <strong>und</strong><br />
nicht lediglich ein Punkt, <strong>de</strong>r Vergangenheit <strong>von</strong> Zukunft trennt. Gegenwart besitzt<br />
somit – phänomenologisch betrachtet – eine Dauer. In dieser Zeit, so wird angenommen,<br />
wer<strong>de</strong>n die aktuell ablaufen<strong>de</strong>n kognitiven Operationen verschaltet. Vielfältige<br />
empirische Bef<strong>und</strong>e lassen vermuten, daß eine allgemeine operative Schranke im<br />
Zeitbereich <strong>von</strong> ungefähr bis zu drei Sek<strong>und</strong>en anzusie<strong>de</strong>ln ist. Psychische Vorgänge<br />
sind <strong>de</strong>mentsprechend durch nacheinan<strong>de</strong>r erlebte Präsenzzeiten segmentiert. Die sich<br />
autonom ergeben<strong>de</strong> Segmentierung steht in <strong>de</strong>utlichem Kontrast zum subjektiven<br />
Eindruck zeitlicher Kontinuität. Um diesen zu erklären, muß ein weiterer kognitiver<br />
Mechanismus angenommen wer<strong>de</strong>n, <strong>de</strong>r die Segmente semantisch vernetzt. Da <strong>de</strong>r<br />
zeitliche Integrationsmechanismus neuropsychologisch noch nicht näher bestimmt<br />
wer<strong>de</strong>n konnte, spricht Pöppel bislang metaphorisch <strong>von</strong> „Zeitfenstern“. Zweifellos<br />
stehen die angenommenen Zeitfenster in enger Beziehung zu <strong>de</strong>n gedächtnistheoretischen<br />
Begriffen Primärgedächtnis, Arbeitsgedächtnis <strong>und</strong> Kurzzeitspeicher. Diese<br />
Begriffe unterschei<strong>de</strong>n sich <strong>von</strong> <strong>de</strong>r Präsenzzeit im wesentlichen nur dadurch, daß sie<br />
nach <strong>de</strong>r Reproduzierbarkeit <strong>von</strong> Inhalten <strong>und</strong> nicht, wie die Präsenzzeit, nach <strong>de</strong>r<br />
„Unmittelbarkeit <strong>de</strong>r Auffassung“ fragen (vgl. Sixtl, 1962).<br />
Für die Untersuchung <strong>de</strong>s zeitlichen Ablaufs <strong>de</strong>s Explorierens <strong>von</strong> Hypertextstrukturen<br />
ist das Konzept Präsenzzeit unter zwei Gesichtspunkten relevant:<br />
1. Die in Hypertextstrukturen gespeicherte Datenmenge muß nach <strong>de</strong>m Anwählen<br />
durch <strong>de</strong>n Benutzer auf <strong>de</strong>m Bildschirm dargestellt wer<strong>de</strong>n. Die im Zusammenhang<br />
mit <strong>de</strong>r Präsenzzeit benutzte Fenstermetapher kommt hier abermals zum Zuge,<br />
da sie auch das Interface<strong>de</strong>sign bei Hypertextsystemen beschreibt. Die Anordnung<br />
in Fenstern sorgt dafür, daß die simultan dargebotene Informationsmenge zusammenhängend<br />
als Informationseinheit wahrgenommen wird. Der Explorations-<br />
87
vorgang besteht so besehen darin, daß in einer Sequenz ein Fenster nach <strong>de</strong>m an<strong>de</strong>ren<br />
geöffnet wird. Es kann nun gefragt wer<strong>de</strong>n, ob <strong>und</strong> wenn ja, unter welchen<br />
Umstän<strong>de</strong>n es beim Explorieren zu einer 1:1-Beziehung zwischen <strong>de</strong>n postulierten<br />
Präsenzzeit-Fenstern <strong>und</strong> <strong>de</strong>n empirisch beobachtbaren Verweilzeiten bei <strong>de</strong>n einzelnen<br />
Bildschirmfenstern kommen kann.<br />
2. Es läßt sich fragen, was geschieht, wenn die Bildschirmfenster nicht in einer „nahtlosen“<br />
zeitlichen Folge dargeboten wer<strong>de</strong>n, son<strong>de</strong>rn die Darstellung verzögert erfolgt.<br />
In Erweiterung <strong>von</strong> Pöppels Überlegungen wird erwartet, daß eine Verzögerung,<br />
die die Obergrenze <strong>de</strong>r postulierten Präsenzzeit übersteigt, <strong>de</strong>n Explorationsvorgang<br />
behin<strong>de</strong>rt. Genau dann nämlich kann die semantische Verbindung <strong>von</strong><br />
zwei Zeitfenstern nicht mehr unmittelbar gelingen, da sie nicht mehr in ein <strong>und</strong><br />
<strong>de</strong>rselben „Auffassung“ zur Verfügung stän<strong>de</strong>n. Eine zeitliche Integration zur Vermittlung<br />
dieser „auseinan<strong>de</strong>rgerissenen“ Fenster müßte über relativ mühevolle „explizite“<br />
Gedächtnisprozesse gewährleistet wer<strong>de</strong>n. Daher kann vermutet wer<strong>de</strong>n,<br />
daß die in arbeitswissenschaftlichen Untersuchungen festgestellte emotionale Belastung<br />
durch Wartezeiten in <strong>de</strong>r Mensch-Computer Interaktion (z.B. Kohlisch &<br />
Kuhmann, 1997) genau zu diesem Zeitpunkt auftritt.<br />
2 Erste Studie<br />
Die erste Studie war als Bestandsaufnahme konzipiert, daher wur<strong>de</strong>n keine Hypothesen<br />
formuliert, die durch experimentelle Variation entscheidbar sind. Ziel war es, unter<br />
<strong>de</strong>finierten Bedingungen zeitliche Aspekte <strong>de</strong>s Navigationsverhaltens zu beschreiben.<br />
Dazu wur<strong>de</strong> das dargebotene Hypertextsystem formal <strong>und</strong> inhaltlich so gestaltet,<br />
daß <strong>de</strong>r Explorieren<strong>de</strong> frei über die Intensität <strong>de</strong>r Beschäftigung mit <strong>de</strong>n Inhalten <strong>und</strong><br />
damit über die Verweilzeit entschei<strong>de</strong>n konnte. Als inhaltliches Material wur<strong>de</strong>n<br />
durchgängig Bil<strong>de</strong>r eingesetzt, da ihre semantische Enkodierung im Vergleich zu verbalen<br />
Reizen ohne Auffor<strong>de</strong>rung, dazu automatisch <strong>und</strong> effizient <strong>von</strong>statten geht (Engelkamp,<br />
1990). Da explorieren<strong>de</strong> Handlungen intrinsisch motiviert sind, wur<strong>de</strong>n Bil<strong>de</strong>r<br />
mit interindividuell hohem Auffor<strong>de</strong>rungscharakter verwen<strong>de</strong>t. Zu diesem Zweck<br />
wur<strong>de</strong> eine Teilstruktur einer etablierten Web Site übernommen, <strong>de</strong>ren Benutzer<br />
überwiegend Vergnügen als Motiv für <strong>de</strong>n Besuch angaben (Mo<strong>de</strong>nschau renommierter<br />
Designer). Die gewählte Hypertextstruktur beruhte auf organisatorischen<br />
Sprungmarken (Back, Forward, Up, Down), wodurch sie übersichtlich <strong>und</strong> sehr einfach<br />
zu bedienen war.<br />
Zur Erfassung <strong>de</strong>r Verweilzeiten wur<strong>de</strong> eine Verfahrensweise entwickelt, mit <strong>de</strong>m<br />
das Navigationsverhalten sehr genau <strong>und</strong> ereigniskorreliert registriert wer<strong>de</strong>n kann.<br />
Um eine Reaktivität <strong>de</strong>r Messungen zu vermei<strong>de</strong>n, wur<strong>de</strong>n die Navigationsbewegungen<br />
ver<strong>de</strong>ckt aufgezeichnet <strong>und</strong> die Proban<strong>de</strong>n erst im Nachhinein über die Ziele <strong>de</strong>r<br />
Untersuchung aufgeklärt. Die für die Proban<strong>de</strong>n im Vor<strong>de</strong>rgr<strong>und</strong> stehen<strong>de</strong>n Aufgaben<br />
bestan<strong>de</strong>n darin, nach Abschluß <strong>de</strong>s Versuchsdurchgangs eine verbale Zeitschätzung<br />
über die abgelaufene Zeit abzugeben <strong>und</strong> die Web Site in allgemeiner Hinsicht zu beurteilen.<br />
Erwartet wur<strong>de</strong>, daß sich die Verweilzeiten mit <strong>de</strong>n Annahmen zur Präsenzzeit<br />
plausibel beschreiben lassen, d.h. sie sollten sich vor allem im Bereich bis zu drei<br />
Sek<strong>und</strong>en nachweisen lassen.<br />
88
An <strong>de</strong>r empirischen Erhebung nahmen je 17 weibliche <strong>und</strong> männliche Proban<strong>de</strong>n<br />
teil (Durchschnittsalter 25 Jahre). Jeweils 60 fortlaufen<strong>de</strong> Wahlreaktion wur<strong>de</strong>n aufgezeichnet.<br />
Danach wur<strong>de</strong> <strong>de</strong>r Versuchsdurchgang automatisch been<strong>de</strong>t. Abb. 1 zeigt<br />
eine Auswahl <strong>de</strong>r vielfältigen Bef<strong>und</strong>e, die durch die <strong>de</strong>skriptive Analyse <strong>de</strong>r Verweilzeiten<br />
erreicht wur<strong>de</strong>n. Insbeson<strong>de</strong>re die Verteilung <strong>de</strong>r Verweilzeiten belegt, daß<br />
die beim Explorieren <strong>de</strong>r experimentellen Hypertextstruktur registrierten Verweilzeiten<br />
in <strong>de</strong>n erwarteten Zeitabschnitt fallen. Die bei <strong>de</strong>r spielerischen Erk<strong>und</strong>ung <strong>von</strong><br />
ansprechen<strong>de</strong>m Bildmaterial anfallen<strong>de</strong>n Beschäftigungszeiten mit <strong>de</strong>n einzelnen Bil<strong>de</strong>rn<br />
können somit als ein weiterer Bef<strong>und</strong> aufgefaßt wer<strong>de</strong>n, <strong>de</strong>r mit <strong>de</strong>n <strong>von</strong> Pöppel<br />
(1969, 1997) geäußerten Annahmen zur subjektiven Gegenwart vereinbar ist.<br />
Verweilzeit [Sek.]<br />
8<br />
7<br />
6<br />
5<br />
4<br />
3<br />
2<br />
1<br />
0<br />
9155527527412728888888888888888888888755275532755555527412759<br />
Beobachtete Fälle [%]<br />
50<br />
45<br />
40<br />
35<br />
30<br />
25<br />
20<br />
15<br />
10<br />
5<br />
0<br />
0<br />
1<br />
2<br />
3<br />
4<br />
5<br />
6<br />
7<br />
Versuchssitzung eines Pbn im Verlauf<br />
Verweilzeit [Sek.]<br />
Abb. 1. <strong>Das</strong> Sequenzdiagramm (s.l.) illustriert beispielhaft <strong>de</strong>n chronologischen Verlauf einer<br />
einzelnen Versuchssitzung. Auf <strong>de</strong>r Kategorienachse sind die 60 aufeinan<strong>de</strong>rfolgen<strong>de</strong>n Wahlreaktionen,<br />
auf <strong>de</strong>r Skala die entsprechen<strong>de</strong>n Zeitdauern vor <strong>de</strong>r Wahl abgetragen; Längsstriche<br />
indizieren Umschaltreaktionen zwischen verschie<strong>de</strong>nen Sprungmarken. <strong>Das</strong> Histogramm (s.r.)<br />
zeigt die Verteilung <strong>de</strong>r mittleren Verweilzeiten <strong>de</strong>r 34 Proban<strong>de</strong>n (Intervallbreite eine Sek.).<br />
3 Zweite Studie<br />
Um weiteren Aufschluß über die postulierte Beziehung zwischen Verweilzeit <strong>und</strong><br />
subjektiver Gegenwart zu bekommen, wur<strong>de</strong> für die zweite Studie eine experimentelle<br />
Herangehensweise gewählt. In <strong>de</strong>r ersten Studie wur<strong>de</strong>n ausgewählte Inhalte ohne<br />
auffällige Verzögerung geliefert, d.h. die Darbietung erfolgte ca. eine halbe Sek<strong>und</strong>e<br />
nach <strong>de</strong>r Anfor<strong>de</strong>rung. Nun wur<strong>de</strong> die Verzögerung systematisch manipuliert. Geprüft<br />
wur<strong>de</strong> die Hypothese, daß eine SRZ größer als drei Sek<strong>und</strong>en zu einer emotionalen<br />
Belastung führt, die <strong>de</strong>n Explorationsvorgang beeinträchtigt. Diese Hypothese steht in<br />
Konflikt mit technologischen Empfehlungen aus <strong>de</strong>r Forschung zur Mensch-<br />
Computer Interaktion. Hier wird eine Zwei-Sek<strong>und</strong>en-Grenze (vgl. Holling, 1989)<br />
o<strong>de</strong>r eine Ein-Sek<strong>und</strong>en-Grenze (Nielsen, 1998) als „Schallmauer“ angesehen.<br />
Der Untersuchung lag ein einfaktorieller Versuchsplan zugr<strong>und</strong>e, wobei die SRZ<br />
zwischen <strong>de</strong>n Proban<strong>de</strong>n variiert wur<strong>de</strong> (0.75, 1.75, 2.75 <strong>und</strong> 3.75 Sek<strong>und</strong>en). An <strong>de</strong>n<br />
Experiment nahmen 23 Frauen <strong>und</strong> 21 Männer teil (Durchschnittsalter 25 Jahre), die<br />
<strong>de</strong>n vier Bedingungen zufällig zugeordnet wur<strong>de</strong>n. Versuchsmaterial <strong>und</strong> -durchfüh-<br />
89
ung blieben im Vergleich zur ersten Studie unverän<strong>de</strong>rt. Zusätzlich wur<strong>de</strong> direkt vor<br />
<strong>und</strong> nach <strong>de</strong>r Sitzung ein Fragebogen zur Erhebung <strong>de</strong>r emotionalen Belastung in bezug<br />
auf <strong>de</strong>n Sitzungsverlauf vorgelegt (SES; Hampel, 1977).<br />
Als abhängige Variable wur<strong>de</strong> die Verweilzeit <strong>de</strong>r letzten 50 Wahlreaktionen gemittelt<br />
<strong>und</strong> <strong>de</strong>r Indikator für emotionale Belastung (Prä-/Post-Messung) berechnet <strong>und</strong><br />
in einer einfaktoriellen Varianzanalyse (Verweilzeit) bzw. Kovarianzanalyse (Post-<br />
Werte <strong>de</strong>r emotionalen Belastung mit Prä-Werten als Kovariate) verrechnet. Bei<strong>de</strong><br />
SRZ-Haupteffekte waren statistisch signifikant (F (3,40) =8.05, p
Solange nachfolgen<strong>de</strong> Informationseinheiten zeitlich mühelos integriert wer<strong>de</strong>n können,<br />
entsteht also keine emotionale Belastung, überschreitet die SRZ jedoch die psychische<br />
Präsenzzeit, so entsteht ein qualitativer Sprung, die SRZ wird zur lästigen<br />
Wartezeit, <strong>und</strong> die Proban<strong>de</strong>n reagieren <strong>de</strong>mentsprechend verärgert.<br />
Interessanterweise ergibt sich für die Bedingungen mit SRZn unterhalb <strong>von</strong> drei<br />
Sek<strong>und</strong>en ein linearer Zusammenhang zwischen SRZ <strong>und</strong> Verweilzeit, <strong>de</strong>r so nicht<br />
erwartet wer<strong>de</strong>n konnte. Offenbar liegt bis zu einer SRZ <strong>von</strong> drei Sek<strong>und</strong>en keine<br />
Störung <strong>de</strong>s Explorierens durch die SRZ vor. Erstaunlicherweise erfolgt die Exploration<br />
hier mit steigen<strong>de</strong>r Wartezeit sogar zeitlich intensiver, ein Effekt <strong>de</strong>r beispielsweise<br />
mit Annahmen aus <strong>de</strong>r Theorie <strong>de</strong>r kognitiven Dissonanz zu erklären ist: Bei<br />
längeren SRZn entsteht größere Dissonanz, die durch ein intensiveres Verweilen bei<br />
<strong>de</strong>r neuen Information kompensiert wird. Berücksichtigt man ein Ergebnis aus <strong>de</strong>n<br />
Arbeitswissenschaften, bietet sich eine weitere Interpretation dieses Bef<strong>und</strong>musters<br />
an. Es wur<strong>de</strong> für sehr kurze SRZn festgestellt, daß sich die Benutzer <strong>de</strong>m „Rhythmus<br />
<strong>de</strong>r Maschine“ anpaßten <strong>und</strong> <strong>de</strong>utlich mehr Fehler machten. Diese Synchronisierung<br />
zwischen Mensch <strong>und</strong> Maschine könnte ein allgemeines Phänomen sein, das allerdings<br />
ausschließlich in <strong>de</strong>m <strong>de</strong>r Präsenzzeit zugeordneten Bereich stattfin<strong>de</strong>t.<br />
Zwangsläufig ergeben sich aus <strong>de</strong>n erzielten Resultaten viele Fragestellungen, vor<br />
allem in Hinblick auf eine mögliche Abhängigkeit <strong>de</strong>r beschriebenen Effekte <strong>von</strong> <strong>de</strong>r<br />
Spezifik <strong>de</strong>r dargebotenen Information. Eine Perspektive haben die Untersuchungen<br />
jedoch bereits jetzt eröffnet: für die Forschungsbemühungen zum Thema Hypertextnavigation<br />
ist es vorteilhaft, wenn <strong>de</strong>r Explorationsvorgang als dynamische Handlung<br />
aufgefaßt <strong>und</strong> <strong>de</strong>r Faktor Zeit konsequent in die Analysen einbezogen wird.<br />
Literatur<br />
Engelkamp, J. (1990). <strong>Das</strong> menschliche Gedächtnis. <strong>Das</strong> Erinnern <strong>von</strong> Sprache, Bil<strong>de</strong>rn <strong>und</strong><br />
Handlungen. Göttingen: Hogrefe.<br />
Hampel, R. (1977). Adjektiv-Skalen zur Einschätzung <strong>de</strong>r Stimmung (SES). Diagnostica, 23,<br />
43-60.<br />
Holling, H. (1989). Psychische Beanspruchung durch Wartezeiten in <strong>de</strong>r Mensch-Computer Interaktion.<br />
Berlin: Springer.<br />
James, W. (1890). The principles of psychology (Vol. 1). New York: Holt.<br />
Jones, M. R. (1976). Time, our lost dimension: Towards a new theory of perception, attention,<br />
and memory. Psychological Review, 83, 323-353.<br />
Kohlisch, O. & Kuhmann, W. (1997). System response time and readiness for task execution:<br />
The optimum duration of inter-task <strong>de</strong>lays. Ergonomics, 40, 265-280.<br />
Nielsen, J. (1998). Sun’s new web <strong>de</strong>sign. Sun Microsystems. http://www.sun.com<br />
Pöppel, E. (1969). Oszillatorische Vorgänge bei <strong>de</strong>r menschlichen Zeitwahrnehmung. In M.<br />
Irle (Hrsg.), 26. Kongreß <strong>de</strong>r Deutschen Gesellschaft für Psychologie (S. 388-398). Göttingen:<br />
Hogrefe.<br />
Pöppel, E. (1997). A hierarchical mo<strong>de</strong>l of temporal perception. Trends in Cognitive Science, 1,<br />
56-61.<br />
Sixtl, F. (1962). Die Erfassung <strong>von</strong> Sukzessionen bei Ausschaltung <strong>de</strong>r aktiven Vergegenwärtigung.<br />
Archiv für die gesamte Psychologie, 114, 337-377.<br />
Stern, L. W. (1897). Psychische Präsenzzeit. Zeitschrift für Psychologie <strong>und</strong> Physiologie <strong>de</strong>r<br />
Sinnesorgane, 13, 325-349.<br />
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