Starke Fasern - Bergundsteigen

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Starke Fasern - Bergundsteigen

Alle Knoten eignen sich, die Verwendung besonderer Knoten ist

nicht notwendig. In Publikationen ist immer wieder zu finden,

dass Kevlar/Twaron anfällig sei gegenüber häufigem „Knicken“

(korrekt: Abwinkeln, zB beim Knoten). Dies konnte im Rahmen

einer Untersuchung durch den Autor (DAV-Sicherheitskreis)

bereits Ende der 1980er-Jahre nicht in dem Maß bestätigt werden,

wie dies die Publikationen erwarten lassen. Zehn Kevlar-

Schlingen, die zwischen zwei und 20 (!) Jahren verwendet wurden,

erbrachten gerade einmal eine Abnahme der Bruchkraft

von maximal 20 %. Dies ist vergleichsweise eine geringere

Abnahme, als sie bei Nylon-/Perlon-Reepschnur auftreten kann.

Die ermittelten Bruchkraftwerte lagen aufgrund der hohen

Anfangsbruchkraft (die dreimal so hoch ist wie die von gleich

dicker Nylon-/Perlon-Reepschnur) immer noch weit über der

größtmöglichen Belastung in der Praxis. Wenn also Kevlar-/

Twaron-Reepschnur nur für Sanduhren und ähnliche Situationen

verwendet wird – für etwas anderes ist sie kaum geeignet –,

kann sie auch über Jahre hinaus verwendet werden.

Beim Abschneiden von Kevlar-/Twaron-Reepschnur kann man

deren hohe Kantenfestigkeit erfahren; mit einer Schere ist da

nicht viel auszurichten, sogar mit einer Axt hat man seine

Schwierigkeiten. Nach dem Trennen muss der Mantel wie bei

Nylon-/Perlon-Reepschnur verschmolzen werden. Aufgrund der

geringen Nachfrage wird Kevlar-/Twaron-Reepschnur nur noch

von wenigen Herstellern angeboten.

❚ Dyneema und Spectra sind um etwa 15 % leichter und weisen

eine bis viermal so hohe Festigkeit auf wie Nylon/Perlon.

Deshalb können diese Schlingen bei gleicher Bruchkraft erheblich

schmäler und je nach Anteil der Polyethylenfasern schließlich

um bis zu 65 % leichter sein. Dafür ist der Preis um etwa

50 % höher; da man aber nur wenige Schlingen benötigt, lässt

sich der höhere Preis verschmerzen.

Material

Alle drei Normen – die für Reepschnur, Band und Schlingen –

schreiben nur bestimmte Bruchkraftwerte und anderes vor

(siehe oben). Die Normen lassen das Material völlig außer

Betracht. Ob Perlon und Nylon (Polyamid) oder Kevlar und

Twaron (Aramid) oder Dyneema und Spectra (hoch verstrecktes

Polyethylen) bleibt gleich. Den Herstellern sollen auch in diesem

Fall möglichst viele Gestaltungsmöglichkeiten gelassen werden.

❚ Nylon und Perlon sind das seit Jahrzehnten bewährte Material

für Reepschnur, Band (und Seile), UV-stabilisiert (!) und

damit gegen die Einwirkung von Tageslicht gut geschützt

(sofern nicht kontinuierlich ausgesetzt). Bei sehr niedrigen Temperaturen,

um -30 °C (Höhenbergsteigen, Alaska, Sibirien), versprödet

Nylon/Perlon. Somit ist bei extremen Minustemperaturen

Vorsicht angesagt, was insbesondere auch für Fixseile gilt.

❚ Kevlar und Twaron (Aramid) besitzen hohe Kantenfestigkeit,

weshalb sich diese Art von Reepschnur besonders für die Verwendung

an Sanduhren eignet. Die auffallende Steifigkeit

kommt dem Fädeln zugute. Nur der Kern der Reepschnur ist aus

Kevlar/Twaron, der Mantel aus Nylon/Perlon. Aramidfasern sind

zwar etwas anfällig gegenüber UV-Strahlen, doch der Mantel

schützt den Kern vor deren Einwirkung. Es wurden bisher nur

Durchmesser um 5 und 6 mm angeboten.

Zwei verschiedene Bandbreiten sind im Handel, zwischen 6 und

8 mm und zwischen 10 und 14 mm. Bei den Schmalen muss

man schon arg viel Vertrauen in das Material haben (oder in die

Angaben des Herstellers), derart dünnen Schlingen eine Bruchkraft

von 22 kN zuzutrauen. Vergleichsweise hält eine Nylon-

/Perlon-Reepschnur gleichen Querschnitts nicht einmal die Hälfte.

Bei Dyneema/Spectra handelt es sich um ein Mischgewebe, nur

die Kette (Längsfaden) ist aus Polyethylen, der Schuss (Querfaden)

besteht aus Nylon/Perlon. Weil die Polyethylenfaser eine

sehr glatte Oberfläche aufweist, lässt sie sich nicht einfärben; so

weisen die Schlingen neben anderen Farben immer auch auffallend

viel weiß auf, woran sie zu erkennen sind. Gewöhnlich wird

Dyneema-/Spectra vom Hersteller zur Schlinge zusammengenäht

angeboten. Nur wenige Hersteller (in Frankreich und USA)

bieten Dyneema/Spectra auch von der Trommel an. Für die Verbindung

nur den doppelten oder den dreifachen Spierenstich

(Double oder Triple Fisherman Knot) verwenden. Andere Knoten

ziehen sich auf (weil die Fasern zu glatt sind, siehe oben). Der

doppelte Spierenstich erreicht - nach Angaben der Firma Beal

Haltekraftwerte um 13 kN, der dreifache um 18 kN. Folglich ist

der doppelte Spierenstich ausreichend, weil in der Praxis keine

Belastungen dieser Größenordnung auftreten. Der dreifache

Spierenstich bietet mehr Sicherheitsreserve für den Sicherheitsfetischisten.

Knoten wie der Sackstich (zum Verkürzen von Schlingen) und

der Mastwurf (bei Reihenschaltung am Standplatz) können in

Dyneema-/Spectra-Schlingen ohne Bedenken verwendet werden.

Nach Untersuchungen des Autors wandern diese Knoten erst ab

einer kontinuierlichen (!) Belastung von über 3 kN, und dies

auch nur in sehr geringem Maß. Belastungen dieser Größenordnung

treten in der Praxis jedoch nur in Form von Kraftspitzen

(Fangstoß) auf, also nur innerhalb Bruchteilen von Sekunden, so

dass das Material nicht genügend Zeit hat, in einem unerwünscht

hohen Maß durchrutschen zu können.

Lediglich bei der Bergrettung, wo hohe, kontinuierliche Kräfte

auftreten können (Belastung durch mehrere Personen gleichzei-

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