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Vaterunser-Broschüre [PDF; 2 MB] - Evangelischer Kirchenbezirk ...

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Das

Vaterunser

• als Gebet des Juden Jesus

• in der Politik

• in der Kunst

• im interreligiösen Dialog

Vier Vorträge

aus der

musikalischtheologischen

Woche zum Vaterunser,

herausgegeben

von der

Evangelischen Stiftskirchengemeinde

Tübingen

1


i m H i m

m e l ,

g e

h

Das Vaterunser • als Gebet des Juden Jesus • in der Politik

• in der Kunst • im interreligiösen Dialog

mit Beiträgen von

Kim Apel, Karl Theodor Kleinknecht, Marie-Luise Kling-de Lazzer,

Michael Seibt

herausgegeben von der

Evangelischen Stiftskirchengemeinde Tübingen

Neckarhalde 27

72070 Tübingen

Redaktion, Titelgrafik, Layout und Satz: Pressepfarrer Peter Steinle

Fotos Seiten 1, 35, 38 und 52: Lothar Boehme

© Evangelische Stiftskirchengemeinde Tübingen 2011

2


e i l i

g t w e r d e

d e i n N a m e ,

Inhalt

Vorwort ............................................................................................................................................. 5

Das Vaterunser als Gebet des Juden Jesus

von Dr. Karl Theodor Kleinknecht ............................................................................................ 6

Das Vaterunser und die Politik - ein spannungsreiches Verhältnis

von Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer .................................................................................... 22

Das Vaterunser in der Kunst

von Dr. Kim Apel ......................................................................................................................... 32

Das Vaterunser im interreligiösen Dialog

von Michael Seibt ...................................................................................................................... 40

Literaturverzeichnis .................................................................................................................... 51

3


Dein Reich komme. Dein Wille

4


geschehe, wie im Himmel,

Vorwort

Mit der „Musikalisch–theologischen

Woche zum Vaterunser“ betrat die Tübinger

Stiftskirchengemeinde Neuland:

Einer der grundlegenden christlichen

Texte, das Vaterunser, wurde zehn Tage

lang auf verschiedenste Weise zum Klingen

gebracht, erläutert, mit Gott und der

Welt, mit Musik und Lyrik in Beziehung

gesetzt. Bemerkenswert ist, dass es gelungen

ist, hunderte von Menschen zum

Nachdenken über das Vaterunser anzuregen,

und dabei ein Konzept zu entwickeln,

das neben den bewährten Formen

Kantatengottesdienst und Motette auch

Gesprächskonzert, Vortrag und „Kantate

zum Mitsingen“ eingebunden hat und

so auf verschiedenste Weise Menschen

anzusprechen in der Lage war. Idee und

Gesamtkonzept der musikalisch-theologischen

Woche zum Vaterunser sind

dem Kantor der Stiftskirche, KMD Ingo

Bredenbach zu verdanken.

Von Montag bis Donnerstag der Vaterunser–Woche

begegneten sich jeden

Abend Theologie und Musik, jeweils in

Form eines kompakten Vortrags und

mehrerer Chorwerke. Man reiste durch

die Zeit – von Johann Eccard bis Wolfgang

Stockmeier, durch fünf Jahrhunderte,

man streifte die verschiedensten

Themen: Wortauslegung traf sich mit

musikalischer Deutung, schloss die bildende

Kunst und Literatur ein und ließ

die Politik nicht aus.

Auf vielfachen Wunsch hat sich der

Stiftskirchengemeinderat entschlossen,

die Vortragstexte in einer kleinen Broschüre

zu veröffentlichen. Die Vorträge

selber lebten von der Korrespondenz

von Chormusik, Gemeindegesang und

Wortbeitrag; dieses Gesamtkunstwerk

lässt sich hier nicht reproduzieren. Die

gedruckten Vorträge erfüllen keinen

wissenschaftlichen Anspruch. Wichtige

Literatur, auf die sich die Vortragenden

beziehen, ist am Schluss aufgeführt. In

der Dokumentation wurde der Vortragscharakter

beibehalten.

Wir wünschen allen Leserinnen und

Lesern eine anregende und erkenntnisreiche

Lektüre.

Tübingen, im Herbst 2011

Der Stiftskirchengemeinderat

5


s o a u f E r d e n . U n s e r t ä g

Das Vaterunser als Gebet des Juden Jesus

Eine Orientierung

von Karl Theodor Kleinknecht

Das Vaterunser: Wie es wurde und worauf es aufbaut

Das Vaterunser ist das die ganze Christenheit

verbindende Gebet. Alle Christen

aller Konfessionen und Kontinente

haben es gemeinsam, können es auswendig

und beten es nicht nur in ihren

Gottesdiensten, sondern viele täglich.

Und da es viele Christen gibt weltweit,

gibt es wahrscheinlich keinen Moment

mehr bei Tag und Nacht, an dem nicht

irgendwo gerade ein Vaterunser zu Gott

unterwegs ist, und das schon seit Jahrhunderten.

Denn zugleich teilen wir es ja auch

mit der Christenheit aller Zeiten. Schon

die älteste uns erhaltene christliche Gemeindeordnung,

die Didaché aus Syrien,

noch aus dem ersten Jahrhundert, kaum

jünger als die Evangelien, zitiert den Text

6

- und ordnet an: „Dreimal am Tag betet

so!“ Schon eine beeindruckende Vorstellung:

wie sich dieses Gebet verbreitet

hat und von Generation zu Generation

weitergegeben worden ist, ununterbrochen

bis heute, und eigentlich ist ja auch

davon auszugehen, dass das nicht endet,

so lange es Menschen auf der Erde gibt.

Aber wann und wie ist es entstanden?

Wir alle wissen: Es ist das Gebet Jesu,

das in der Bibel überliefert ist. Und zwar

zweimal, das eine Mal in Matthäus 6, das

andere Mal in Lukas 11. Beidesmal steht

es an prominenter Stelle im jeweiligen

Evangelium, was für seine Wichtigkeit

spricht.

Bei Lukas steht es ziemlich genau in

der Mitte des Evangeliums und, wie ei-


l i c h e s B r o t g i b u n s h e u t e .

ner ermittelt hat, noch genauer in der

Mitte zwischen Jesu Taufe und der Einsetzung

des Abendmahls. Da erzählt der

Evangelist, dass Jesus seine Jünger auf

deren Bitte hin („Herr, lehre uns beten...“)

dieses Gebet gelehrt habe, und zwar in

dem Wortlaut wie in der Lukas-Spalte in

Anhang A (Seite 18). Außerdem erfahren

wir, dass auch Johannes der Täufer seinen

Jüngern/Schülern in ähnlicher Weise

ein Gebet gegeben hatte, das freilich

leider nicht erhalten ist.

Matthäus dagegen überliefert das Vaterunser

als einen Abschnitt der Bergpredigt,

die ja die gewichtigste Rede

seines Evangeliums darstellt. In ihr hat

der Evangelist Jesu Lehre umfassend in

einer kunstreichen Ordnung zusammengestellt.

Die genaue Mitte, der innerste

Kern des Zentrums der Bergpredigt aber

ist das Vaterunser (siehe Anhang B, Seite

19).

Dessen Wortlaut finden Sie ebenfalls

im Anhang A (Matthäus-Spalte), und sehen:

Das ist „unser“ Vaterunser, nur den

Abschluss, der dort in eckigen Klammern

steht, den müssen Sie sich tatsächlich

wegdenken: der stand ursprünglich bei

Matthäus noch nicht, erstmals in besagter

Didaché, in späteren Handschriften

des Matthäusevangeliums finden wir ihn

dann oft (in den Gemeinden gehörte er

im Gottesdienst ja schon früh dazu).

Die Frage: „Welche Fassung ist die

ältere?“ lässt sich leicht beantworten:

Vom Umfang her gewiss die bei Lukas

(bei Matthäus ergänzt). Im Blick auf die

wenigen Unterschiede im Wortlaut hat

manchmal Lukas, manchmal aber vielleicht

auch Matthäus die ältere Version

bewahrt.

Beide Evangelisten überliefern das Vaterunser

als Gebet Jesu, das dieser seinen

Jüngern - in der Bergpredigt den Jüngern

und dem Volk - als Gebet („so sollt

ihr beten!“) übergibt. Dass es tatsächlich

so war, wir hier also wirklich ein Stück

Urgestein der Jesusüberlieferung vor uns

haben, ist nicht nur möglich, sondern

so wahrscheinlich, dass es heute auch

kaum mehr bestritten wird. (Das „naive“

Argument des Matthias Claudius, das

Vaterunser sei „ein für allemal das beste

Gebet, denn du weißt, wer’s gemacht

hat“, erfährt so von der Forschung heutzutage

durchaus Rückendeckung).

Eine Beobachtung, die den jesuanischen

Ursprung unterstreicht, ist, dass

das Vaterunser gut aus dem Griechischen

ins Aramäische zurückzuübersetzen

ist, das ja die Sprache Jesu war.

Wenn man das tut, kann man sogar poetische

Strukturen darin entdecken, sich

reimende Endungen und Rhythmen, wie

man sie bei Texten gut brauchen kann,

die zum mündlichen Weiterüberliefern,

also zum Auswendiglernen bestimmt

sind. Das Vaterunser ist also zugleich ein

Gedicht.

Man kann auch zeigen, dass das Vaterunser

ursprünglich sicher nicht auf Hebräisch

verfasst war, das ja die Sprache

7


U n d v e r g i b u n s u n s e r e S c h u

der Schriftgelehrten und auch der Synagogengebete

war. Aramäisch dagegen

war die Umgangssprache, die zum Beten

eher von den einfachen Menschen und

beim privaten Gebet benutzt wurde.

Das meines Erachtens stärkste Argument

dafür, dass das Vaterunser von Jesus

selbst stammt, ist die Tatsache, dass

es ein ganz jüdisches (und im Grund kein

„christliches“) Gebet ist. Das klingt im

ersten Moment etwas seltsam. Aber tatsächlich

war Jesus ja Jude, und keineswegs

Christ, auch nicht der erste Christ.

Und tatsächlich enthält das Vaterunser,

anders als die vielen, zum Teil ja auch

sehr alten gottesdienstlichen Texte, die

wir im Neuen Testament finden können,

keine Aussagen oder Formeln, die sich

auf Jesus Christus beziehen (wie beispielsweise

„Durch Jesus Christus unseren

Herrn“) und ist insofern tatsächlich

„vorchristlich“. Wäre es erst in der Gemeinde

nach Jesu Tod und nach Ostern

verfasst, es hätte ganz gewiss solche

Aussagen. Und wäre es in den Gemeinden

nicht als das Gebet Jesu bekannt und

dadurch mit höchstem Respekt versehen

gewesen, man hätte solche es deutlich

als christliches Gebet ausweisende Formeln

gewiss nachgetragen. Aber das hat

niemand versucht.

So verweist uns das Vaterunser auf Jesus,

und zwar auf den Juden Jesus. Denn

Jesus - um es mit der schönen Formulierung

des Altmeisters der Vaterunserforschung,

Joachim Jeremias, zu sagen,

8

„Jesus kommt aus einem Volk, das zu

beten verstand“.

Tatsächlich finden wir ja schon im

Alten Testament allenthalben Gebete.

Nicht nur die Psalmen, sondern auch immer

wieder in den erzählenden Büchern

Szenen, in denen Menschen beten, und

in denen das Gebet dann mitgeteilt wird.

Sehr konkrete, situationsbezogene, auch

ganz persönliche Gebete sind dabei.

Andererseits wissen wir um die Gebetspflichten,

mehrmals täglich bestimmte

Bibelabschnitte als Gebet zu sprechen

oder auch fest formulierte Gebete, die

nicht selten auf bestimmte Autoritäten

(Rabbis) zurückgeführt werden.

Dass Jesus von seinen Jüngern gebeten

wurde, ihnen ein solches festes

Gebet zu formulieren (so wie Johannes

es für seine Schüler auch getan

hatte), ist von daher ganz verständlich.

Er tut es auf aramäisch, in der

Volkssprache. Und was er da formuliert,

ist zunächst einmal ganz im

Rahmen jüdischer Gebetssprache und

Gebetsanliegen. Für alles, was im Vaterunser

vorkommt, finden sich im

alttestamentlich-jüdischen Textfeld

reichlich Parallelen.

Natürlich hat die Forschung das Vaterunser

wieder und wieder mit den

überlieferten alttestamentlichen und

jüdischen Gebetstexten verglichen. Es

sind drei Texte, bei denen ein solcher

Vergleich besonders lohnt und ergiebig

erscheint.


l d ,

w i e a u c h w i r v e r g e b e n

Schon in der Bibel gibt es in Jesaja

63,15 bis 64,11 ein langes Klagegebet,

in dem die im zerstörten Jerusalem zurückgebliebenen

Judäer Gottes mächtige

Hilfe erbitten. Man hat es das Dubist-unser-Vater-Gebet

genannt, weil es

diese Anrede mehrmals ausspricht; und

auch eine ganze Reihe der da gebrauchten

Motive: der Himmel, Gottes heiliger

Name, die Sehnsucht nach dem Eingreifen,

Herbeikommen Gottes, aber auch

Sünde, Vergebung, Erlösung machen

dieses Gebet zu einem frühen Vorläufer

des Gebetes Jesu.

Der zweite, am häufigsten herangezogene

Vergleichstext ist das 18-Bitten-

Gebet, (siehe Anhang E, Seite 20) das bis

heute weltweit zu den dreimal täglich

zu sprechenden Pflichtgebeten des Judentums

gehört (auch insofern also ein

Pendant zum Vaterunser, das ja auch

dreimal tägliches Pflichtgebet der Christenheit

war (und ist). Zur Zeit Jesu kann

es dieses Gebet durchaus schon gegeben

haben, Jesus hätte es dann gekannt und

gebetet, allerdings hatte es damals gewiss

noch nicht exakt den heutigen Umfang

und Text. Wenn Sie es anschauen,

sehen Sie die Verschiedenheit: schon die

Länge und die (fett gesetzten) Benediktionen

sind ganz anders; aber es sind

Bitten, und wenn man sie durchsieht,

finden wir die Heiligung des Namens

ebenso wie das Königsein Gottes, die

Bitte um Sättigung, Vergebung und Erlösung.

Schließlich noch das dritte, das Kaddischgebet

(siehe Anhang D, Seite 19),

das einzige aramäischsprachige Gebet

der Synagoge, ebenfalls alt, ob schon

zur Zeit Jesu, ist allerdings fraglich. Doch

einerlei: die Nähe zu den beiden ersten

Vaterunserbitten ist zu sehen, trotz allen

Wortreichtums drumherum, freilich nur

zu diesen beiden.

Wenn wir nachher noch auf die einzelnen

Bitten des Vaterunsers zu sprechen

kommen, werden wir hin und wieder

noch einmal auf diesen ihm zugrundeliegenden

Nährboden des jüdischen Glaubens,

Denkens und Betens zurückkommen.

Jetzt geht es fürs erste nur darum,

ihn wahrzunehmen: Jesus ist Jude, er lebt,

glaubt und betet in diesem von der Geschichte

mit Gott in so besonderer Weise

geprägten Volk, redet seine Sprache. So

ist das Vaterunser ein Text, den man ohne

seinen jüdischen Hintergrund nur unzureichend

verstehen kann. Umgekehrt

bemerken jüdische Theologen und Laien

immer wieder mehr oder weniger erstaunt,

dass sie das Vaterunser ohne Probleme

verstehen und ohne innere Reserve

mitsprechen können. Inzwischen gibt es

hier und da auch immer wieder gemeinsame

jüdisch-christliche Gottesdienste,

in denen das geschieht. „Das Vaterunser

ist das große Brückengebet zwischen der

jüdischen und der christlichen Gemeinde.

Im Vaterunser leben die jüdischen Kategorien

weiter, bis auf den heutigen Tag“

(Mußner/Lapide, bei Grimm).

9


u n s e r n S c h u l d i g e r n . U n d f ü h

Das Vaterunser als Mitte der Botschaft Jesu

„Das Vaterunser als Gebet des Juden

Jesus“ ist unser Thema heute Abend. Haben

wir das Vaterunser bisher als jüdisches

Gebet bedacht, so geht es jetzt um

das jesuanische Gebet, das eben auch

Jesu eigene theologische Handschrift

trägt. Das muss uns ja nicht wundern,

schließlich wollten die Jünger das Gebet

als Gebet ihres Rabbi, ihres Lehrers

und Herrn. Natürlich hat man diesen Aspekt

des Vaterunser schon früh bemerkt.

Schon die Kirchenväter Tertullian und

Cyprian haben es als „Kurzfassung des

ganzen Evangeliums“ oder „Kompendium

der himmlischen Lehre“ bezeichnet.

Und in der Folge hat man dann bisweilen

schier die ganze christliche Theologie

hineinzuinterpretieren versucht, und

dieses „christliche“ Vaterunser dem jüdischen

„Ungeist“ entgegengehalten.

Wir wollen es heute nicht übertreiben,

mir genügt es, wenn wir sehen, wie

das Vaterunser im Ganzen und in den

Aspekten seiner Bitten tatsächlich dem

entspricht, was wir von Jesus sonst zu

hören bekommen, mit den Pointen und

Akzenten seiner Botschaft in Beziehung

steht.

Schon die äußere Form des Gebets

entspricht genau dem, was Jesus selbst

zu beachten fordert: „Wenn ihr aber

betet, dann sollt ihr nicht plappern wie

die Heiden, nicht viele Worte machen“:

10

Gerade mal 38 griechische Wörter zählen

die 5 Bitten bei Lukas, Matthäus hat

schon 57 draus gemacht, und immer

noch ist das Vaterunser in seiner Kürze

und Präzision kaum zu überbieten. Ein

Blick aufs Achtzehnbittengebet und den

Wortschwall des Kaddisch, aber auch auf

so manches christliche gottesdienstliche

Gebet unserer Tage gibt uns da doch zu

denken.

Doch nicht nur die Kürze als solche

lässt sich bei der Frage nach „Jesu Handschrift“

anführen, sondern auch deren

Begleiterscheinung: dass eben vieles

auch nicht gesagt wird in diesem Gebet,

was anderswo vieler Worte für wert gehalten

wird.

Da sind zum einen die fehlenden

„Schnörkel“: Eine klare Anrede, keine Titelei,

keine Lobhudelei, nur: „Geheiliget

werde dein Name“.

Da ist zum anderen das Thema Israel:

„Israel“, das Wort, das sonst wohl in keinem

jüdischen Gebet fehlt, kommt nicht

vor. Der Messias Israels lässt die Seinen

um das Kommen der Königsherrschaft

Gottes bitten, doch nicht als Befreiung

Israels von der „frechen Regierung“

Roms (wie im 18-Bitten-Gebet), sondern

als das Jetzt-schon der (grenzenlosen)

Barmherzigkeit Gottes.

Oder wenn wir den Aufbau betrachten:

Die Anrede und dann die klare Zwei-


e u n s n i c h t i n V e r s u c h u n g ,

teilung in die zwei (bei Mt: drei) „Dein-

Bitten“ (Dein Name, Dein Reich, Dein

Wille) und drei „Unser-Bitten“ (unser

Brot, unsere Schuld, unsere Versuchung

und Erlösung vom Bösen). Sie macht

das Vaterunser nicht nur schön, sondern

markiert auch eine klare Reihenfolge:

zuerst die Bitte um die auf Gott bezogenen

Belange, dann die Dinge hier auf

Erden. Mag sein, dass die Gesetzestafeln

des Mose da Modell standen, aber noch

näher liegt es, an Jesu eigenes Wort zu

denken (Mt 6,33): „Trachtet zuerst nach

dem Reich Gottes und nach Gottes Gerechtigkeit,

dann wird euch alles andere

zufallen“. Darum zuerst die Du-Bitten,

dann die Unser-Bitten, weil sie genau in

diesem Verhältnis stehen.

Ein Blick aufs 18-Bitten-Gebet zeigt,

dass es dort gerade anders herum ist,

im Mittelteil (Ber 4-9 / 10-16) beginnt

es bei den alltäglichen Themen und

schließt mit den eschatologischen (als

Zukunft gedachten). Bei Jesus ist beides

Gegenwart.

Womit wir nun beim entscheidenden

Punkt angekommen sind, der wohl tatsächlich

der Schlüssel zum Vaterunser

ist: nämlich das erste und ursprünglich

einzige Wort, die Anrede: „Vater“, „patér“,

aramäisch stand da: Abba.

Das ist Ihnen sicher nicht neu, und natürlich

haben die Theologen aller Zeiten

darüber viel gesagt und geschrieben.

Versuchen wir’s kurz zu machen.

„Abba“ und „Imma“ sind in der Tat die

aus dem Kinderlallen herkommenden,

bis heute gebräuchlichen zärtlichen Elternbezeichnungen,

wie im Deutschen

„Papa“ und „Mama“. Aber der einfache

Schluss: Aha, Christen dürfen zu Gott

„Papa“ sagen... ist denn doch etwas zu

einfach. Abba ist nämlich nicht auf diesen

Sprachgebrauch beschränkt, sondern

auch die erwachsene Anredeform

für Vater, mein Vater – unter Menschen.

Dass Gott als Vater bezeichnet wird, allerdings

selten allein, sondern meist zusammen

mit anderen Bildern (König),

ist schon im Alten Testament häufig,

die Anrede als Vater dagegen selten, als

„Abba“ im Targum nur ein Mal (Ps 89,27

von David). Dass Jesus diese Anrede im

Vaterunser zur einzigen macht und seinen

Jüngern erlaubt, ja gebietet, Gott so

anzureden, ist darum schon bemerkenswert.

Wir können jetzt natürlich lange hin

und her erwägen, was „Vater“ für uns

Heutige alles bedeutet und assoziiert

– da steckt ja wirklich ein Problem. Im

Blick auf Jesu Botschaft freilich ist zunächst

wichtig, was er damit meinte:

Und da ist klar: Schon vom Alten Testament

her ist „der Abba der liebende,

fürsorgende und barmherzige Vater, der

das Herz seines Kindes, seine Nöte und

seine Bedürfnisse kennt.“ (Grimm 28).

Also Ausdruck der Nähe Gottes, intimer

Nähe, einer nicht erst gewordenen, sondern

im eigenen Ursprung gegründeten

Vertrauensbeziehung, von Ur-Vertrauen.

11


s o n d e r n e r l ö s e u n s v o n d

Abba, Vater, Unser Vater – am Anfang

steht als erstes Wort, als An-Rede, als

das, was den Kontakt herstellt, also die

vertraute Nähe. Wenn Matthäus: „im

Himmel“ ergänzt, bringt er sogleich

noch die Spannung zur Sprache, die darin

liegt, dass es der an sich unverfügbare

Gott ist, der sich so anreden läßt.

Und noch etwas läßt sich an der

Abba-Anrede entdecken: Jesus redet ja

oft von Gott als Vater, als seinem Vater:

„mein Vater“, aber auch als „euer

himmlischer Vater“. Wenn wir dafür

nach Beispielen suchen, so fällt den

meisten von uns wahrscheinlich die

Geschichte vom verlorenen Sohn ein.

In der die Rollen von Vater und Sohn

in der Tat das Thema sind, und die Rolle

des Vaters im Grunde ja eine recht eigenartige.

Als er den verloren geglaubten

Sohn heimkehren sieht, eilt er ihm

entgegen, und noch bevor dieser seine

Reue zeigen und ihn um Erbarmen bitten

kann, ist er schon bei ihm als sein

ihn liebender Vater. Nimmt ihn an, wie

man einen Menschen nur annehmen

kann, ist er da als der Abba, und schafft

dem schuld- und notbeladenen Sohn

den Raum zum Abladen, zum Reden,

zum Eingestehen seiner Schuld.

Werner Grimm hat das sehr schön

gezeigt, und ich glaube, es ist nicht

übertrieben, wenn man diese Pointe des

Vater-Verständnisses Jesu auch im Vaterunser

wiederfindet: Das „Abba“ steht

am Anfang, bevor wir bitten, bereuen,

bekennen. Am Anfang steht das verlässliche

Vertrauensverhältnis, die Gotteskindschaft,

womit im Grunde schon

alles entschieden ist.

Sehr schön sehen wir hier wieder die

durchweg tiefjüdischen Voraussetzungen

des Vaterunsers und die jesuanische

Pointe: Gott in dieser Zuspitzung auf

sein „Vater-Sein“ zu behaften, das ist

noch nicht dagewesen, ist das überraschend

Neue, das Jesus behauptet und

eröffnet.

Die „Dein“-Bitten

Wie gesagt: Die Dein-Bitten (klingt

nicht schön, aber es ist praktisch) stehen

voran, bei Lukas zwei, bei Matthäus

drei. Sprachlich sind sie ja in der Schwebe

zwischen einer Bitte (das „Du“ ist ja

12

da im „Dein“!) und einem Wunsch („es

möge geschehen“).

Wenn man sie langsam und mit Bedacht

spricht, bekommt man den Eindruck,

daß man, indem man sie aus-


e m B ö s e n . D e n n d e i n i s t

spricht, selbst mit dran beteiligt ist, dass

sie sich erfüllen: (also „performatives“

Sprechen)

„Dein Name werde geheiligt“: indem

man das sagt, gibt man Gott die Ehre.

Aber natürlich ist den Namen zu heiligen

viel mehr als nur, das zu sagen.

Es ist eine Haltung, Ehrfurcht vor Gott,

die sich auswirkt im Denken und Tun:

Beispiele reichen vom Ungehorsam der

Hebammen in der Mosegeschichte gegenüber

dem Befehl des Pharao, die Babys

zu töten (aus Gottesfurcht, 2.Mose

1,17.22) bis hin zum Martyrium eines

Menschen, der sich weigert, Gottes Namen

zu entheiligen.

Wie sehr die Heiligkeit Gottes Jesus

am Herzen lag, erweist sich am stärksten

in der Geschichte von der Tempelreinigung:

Gottes Namen heiligen heißt

hier, dem Missbrauch des Heiligen Orts

zur Bereicherung der führenden Priesterfamilien

zu wehren (4,2 % Wechselgebühr!,

Grimm S. 41).

Im Vaterunser ist freilich die Heiligung

des Namens gar nicht auf irgendwelche

besondere Bereiche beschränkt, sondern

ganz allgemein auf Gottes Anspruch als

Gott und Schöpfer:

Die Bitte ist eine Geste der Ehrfurcht

und zugleich äußert sie Sehnsucht

nach, ja Leidenschaft für die Ehre Gottes

in der Welt. Und da sind wir in der

Tat schnell auch bei uns, denken Sie nur

an den Zustand der Welt und die Hybris

des Menschen, an Biotechnik, Ökologie

und Menschenwürde. Was wäre, wenn

die Menschen tatsächlich Gottes Namen

heiligten, indem sie Gott zur Ehre lebten,

arbeiteten, forschten, musizierten...?

„Dein Reich komme“ – da sind wir natürlich

ganz am Eigensten des Judentums

mit seiner Messiaserwartung und

der Erwartung der zukünftigen Welt,

und am Eigensten Jesu: „Kehrt um, denn

die Königsherrschaft Gottes ist nahe

herbeigekommen!“ war ja auch der Ausgangspunkt

seines Wirkens. Und wieder

wäre nun viel zu sagen dazu, sowohl was

die jüdischen Erwartungen als auch was

Jesus betrifft. Das müssen wir lassen.

Festgehalten sei aber, daß wir als

Betende, so wie wir mit dem Abba am

Anfang in einen Vertrauensraum eingetreten

sind und mit der ersten Bitte in

einen heiligen Raum, nun in den Raum

der Hoffnung eintreten: Hoffnung auf

die Überwindung der Entfremdung von

Gott, für die die Not, Krankheit, Todverfallenheit

und die Mächtigkeit des Bösen

in unserer Welt Symptome sind. Jesus

hat die Königsherrschaft Gottes nah und

auf dieser Erde erwartet, und in seinem

eigenen heilenden und verkündigenden

Wirken schon seine punktuelle Gegenwart

gesehen. Indem wir „Dein Reich

komme“ beten, geben wir diese Hoffnung

nicht auf.

„Dein Wille geschehe“: Dies ist die

dritte, von Matthäus nachgetragene Bitte

(sicher nicht nur, damit es drei werden,

sondern auch weil das Verhältnis

13


d a s R e i c h u n d d i e K r a f

des Menschen zum Willen Gottes in seiner

Gemeinde und für ihn von besonderem

Gewicht war). Wieder bedeutet das

Sprechen dieser Bitte ja ein Einstimmen

und Geschehen-Lassen. Ein Unterordnen

des eigenen Willens unter den Gottes,

zugleich aber deutlich durch das „Wie im

Himmel so auf Erden“ mit einer starken

positiven Erwartung verbunden: So wie

Gottes Wille im Himmel geschieht, in

dieser Vollkommenheit, soll er auch auf

Erden Platz greifen. Insofern ist die Bitte

sehr nah an der zweiten: denn wenn die

Wirklichkeit der Erde so von Gottes Willen

bestimmt wäre wie der Himmel, so

wäre die Königsherrschaft da.

Die „Unser“-Bitten

Auch auf die drei Unser-Bitten können

wir jetzt nur noch ganz kurz und

anmerkungsweise zu sprechen kommen

(die letzte „Sondern erlöse uns

von dem Bösen“, die Luther als eigenständige

siebente Bitte zählte, ist

besser als „6b“ zu zählen, ist sie doch

eine höchst passende Ergänzung der

sechsten „und führe uns nicht in Versuchung“).

In dem Raum des Vertrauens, der Heiligkeit

und der Hoffnung, in den das

Vaterunser den Betenden bisher geführt

hat (das kommt mir beim Beten oft

wirklich so vor, als ob ich da erst mal ein

großes Zelt über mir aufspanne, in dem

das große Verlangen nach einer ja ganz

anderen Welt als der unseren Platz hat),

kommen nun die drei ganz irdischen Bitten

zu stehen: Die um das tägliche Brot,

um die Vergebung der Schuld und die

14

Bewahrung vor und Erlösung von dem

Bösen.

Man kann die gute Ordnung dieser

drei Bitten unter verschieden Gesichtspunkten

zu beschreiben versuchen (vgl.

Neugebauer, S. 43f.):

Die Bitte ums tägliche Brot bezieht

sich auf meine Gegenwart, die um Vergebung

auf meine Vergangenheit, die

um Bewahrung vor der Versuchung auf

meine Zukunft.

Aber auch die drei Grundnöte des

Menschen: Sorge – Schuld – Angst sind

plausibel, oder „Der Mensch als das „bedürftige

Wesen“, das „Beziehungswesen“

und das „bedrohte Wesen“.

In jedem Fall wird deutlich: Jesus will,

dass wir uns mit diesen Bedürfnissen,

Mängeln und Nöten an den Vater wenden,

der weiß, wessen wir bedürfen und

gibt und schenkt.


t u n d d i e H e r r l i c h k e i t

Deutlich ist auch, dass alle drei Bitten

jeweils einen alttestamentlichen Hintergrund

haben, der ihre Bedeutung mitbestimmt:

Die Mannageschichte (2. Mose

16), die den Aspekt des täglichen Brotes

so eindrücklich verdeutlicht; die Vergebungsgeschichte

am Ende von Joseph

und seinen Brüdern (1. Mose 50) und die

Versuchungen Evas, Kains und Hiobs.

Und jedes Mal gibt es auch wieder einen

besonderen „Jesus-Akzent“. Die Bitte

ums Brot ist nicht einfach nur die um

Güter zum Sattwerden, Haben und Besitzen

– sondern bewusst geht es um das

tägliche Brot für heute, und damit um

eine Grenze des Sorgens und des Reichtums.

Wir wissen, wie wichtig Jesus dieses

Thema war.

Auch bei der Bitte um Vergebung liegt

der Akzent Jesu auf der Hand: Vergib uns

unsere Schulden, wie auch wir vergeben

unseren Schuldigern. Das so einleuchtende

Gleichnis vom „Schalksknecht“

(Matthäus 28,21ff.), der Millionen erlassen

bekam und dann seinem Mitknecht

dessen kleine Schuldensumme zu stunden

sich weigerte, kennen wir alle. Auch

in jüdischen Texten ist dieser Gedanke

ganz geläufig. Aber unter den vielen Gebeten,

in denen um Vergebung gebetet

wird, ist keines, das auch ans Weiter-

Vergeben denkt. Jesus aber hat darauf

bestanden, dass Vergebung nur in dieser

„reziproken“ Weise Gott entspräche

und von ihm so gemeint sei, und die von

Matthäus gleich hinter das Vaterunser

gestellten Verse Matthäus 6, 14 und 15

unterstreichen: anders ist Vergebung

nicht zu haben. Das „Wie im Himmel, so

auf Erden“ der dritten Bitte gerät hier

sogleich auf den Prüfstand. Ein schwieriges

Wort, doch überlegen Sie: Wenn

es Schule machte, das Versprechen der

fünften Bitte ernst zu nehmen, wie anders

sähe die Welt aus, unsere kleine und

die große: Es wäre Frieden!

Schließlich die Versuchung und das

„Erlöse uns von dem Bösen“: Auch hier

könnte man natürlich wieder eine biblische

Gesamtgeschichte schreiben vom

Sündenfall bis zur Versuchung Jesu, die

bei Matthäus der Bergpredigt und damit

dem Vaterunser unmittelbar voraus geht.

Hinter der Lebenswirklichkeit des Bösen

(und das gilt auch, wenn wir nicht an

einen leibhaftigen Teufel glauben) steht

theologisch ja in der Tat ein bleibendes,

im Grunde unlösbares Rätsel. Das Vaterunser

aber ist da ganz realistisch: Es gibt

sie, diese Lebenswirklichkeit, alles Leben

spielt sich ab im Kräftefeld der widerstreitenden

Kräfte. Das Böse ist wirksam,

als Versuchung, die den Menschen

wegzieht von Gott, herauslockt aus dem

Raum des Vertrauens, des Heiligen und

der Hoffnung. Es umklammert und hält

den fest, den es in seinen Machtbereich

ziehen konnte. Und wir sind nicht die

Helden, die da keine Hilfe nötig hätten.

Darum die Bitte: Lass uns nicht in Versuchung

geraten, sondern entreiße uns

dem Bösen...

15


i n E w i g k e i t .

Ausblick

Am Ende seines Vaterunserbuches hat

Werner Grimm eine „zusammenfassende

Wertung“ versucht unter der Überschrift:

„Zehn Vorzüge des Vaterunsers“

(Grimm, S. 121-123).

Ich weiß nichts Besseres, als Ihnen

daraus noch einige dieser Vorzüge zu

nennen (und - meist abgekürzt – zu zitieren):

• Das Vaterunser ist, Satz für Satz,

wirkliches Gebet. Es unterscheidet sich

hierin trefflich von so mancher Litanei,

in welcher der Vorbeter Gott über Tatbestände

und Sachverhalte zu informieren

scheint und den Mitbetenden seine

eigenen theologischen Gedanken und

moralischen Wertungen unterjubelt, das

Gebet für eine klammheimliche Predigt

missbraucht.

• Das Vaterunser ist kurz und bündig.

Es wird dem Anspruch von Mt 6,7

gerecht, so gewiss es die wesentlichen

Sehnsüchte und Nöte des Lebens „vorkommen“

lässt.

• Anders als die meisten Gebete, die

den Gebetswunsch festlegen und diejenigen,

die ihn nicht direkt teilen, mehr

oder weniger ausschließen, öffnet das

Vaterunser das Beten eines Menschen

überhaupt erst. Die weise Beschränkung

Jesu auf Symbole ermöglicht, je eigene

Konkretionen und Assoziationen einzubringen,

ohne die Mitbetenden darauf

16

festzunageln. Es ist ein wunderbar diskretes

Gebet und umspannt gerade so

über die Zeiten die meisten Menschen

und die unterschiedlichsten Lebenslagen.

Jeder Gottesdienstbesucher wird

im Vaterunser unbeschadet der völligen

Übereinstimmung der Worte mit denen

des Nachbarn, doch sein ureigenes Gebet

beten – in seinen Gedanken, Gefühlen,

Vorstellungen und Wünschen,

die mitschwingen. Dazu muss es freilich

langsam gesprochen werden...

• Weil das Vaterunser keine Glaubens-Vorleistungen

verlangt, vielmehr

Glauben sich im Vaterunser-Beten erst

eigentlich konstituiert, kann es auch

für solche Menschen Hilfe zum Glauben

sein, für die manche biblische oder

kirchliche Überlieferung eine allzu große

Zumutung darstellt.

• Das Vaterunser wahrt eine notwendige

Spannung in der Gottesbeziehung

des Menschen: Es verbindet die tröstende

Nähe des Vaters mit der Ehrfurcht

vor dem Heiligen - schon in der dialektischen

Anrede „Vater / im Himmel“, wie

auch im doxologischen Schluss („denn

dein ist das Reich und die Kraft und die

Herrlichkeit in Ewigkeit“). Es vermeidet

so die plumpe Vertraulichkeit mancher

Gebete (wie beispielsweise das bekannte

Andachtsbuch: „Ich habe eben noch mit

ihm gesprochen“).


A m e n .

• Ins Vaterunser kann man fürbittend

alle einbeziehen, die man in sein „Wir“

und „Unser“ aufnehmen will – ohne

jede einengende Vorschrift! Der Gedanke

kann im langsamen Aussprechen der

Bitten still zu den Menschen hinüberwandern,

an die wir denken.

• Im Vaterunser degradiert sich der

Beter keineswegs in eine passive Rolle.

Er erinnert sich vielmehr an seine Mitverantwortung

für das eigene Leben

und für den Frieden in der Gemeinschaft

(beispielsweise in der vierten Bitte: Begrenzung

des Planens und Vorsorgens,

stattdessen den gegenwärtigen Tag ganz

ernst nehmen; in der fünften Bitte: der

„vertikalen“ Versöhnung entspricht meine

„horizontale“; die sechste Bitte lässt

die Grenzen des Geschöpfs erkennen

und hilft, Hochmut und falsches Heldentum

fahren zu lassen). Das Vaterunser

aktiviert die Psyche des Beters, wandelt

Bewusstsein, bereitet christliches

Handeln vor.

• Das Vaterunser verbindet. (Brücke

zum Judentum, eventuell auch zum Islam,

siehe Vortrag von Michael Seibt).

• „Das Vaterunser bildet eine Brücke

zum Herzen Jesu“. Unsere Gedanken und

Wünsche werden gleichsam durch das

Filter seiner Herzensintention zu Gott

hin gesammelt, geordnet, geklärt. Jesus

nimmt uns in seine heile Gottesbeziehung

mit hinein. Wir werden im bewussten

Mitbeten wie auch in dem, was sich

dabei unbewusst abspielt, neu in eine

christliche Glaubens- und Lebenshaltung

eingewiesen.

• Das Vaterunser ist umfassend. Das

ganze Leben des Menschen kommt vor.

Alle Bezirke des Menschseins werden

erreicht, alle Bedürfnisse angesprochen.

Werner Jetter: „Die Bitten des Vaterunsers

verbinden das äußere mit dem inneren,

das einsame mit dem gemeinsamen,

das tägliche mit dem ewigen Leben.

(...) Sie spiegeln das ganze menschliche

Leben mit seinen Erfahrungen und Bedrängnissen

wider und bestimmen durch

ihre eigene Ordnung auch deren Gewicht

und den ihnen gebührenden Rang; sie

sagen dem Beter, was zuerst kommt, was

dann und was später“ (W. Jetter, Wir rufen

dich an, ²1988, S. 146f.).

Dr. Karl Theodor Kleinknecht wurde 1949 im niedersächsischen

Nienburg an der Weser geboren. Er ist seit 1992 Pfarrer an der

Tübinger Stiftskirche.

17


Anhang A: Das Vaterunser im Neuen Testament

Matthäus 6,5-15

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein

wie die Heuchler, die gern in den Synagogen

und an den Straßenecken stehen

und beten, damit sie von den Leuten gesehen

werden. Wahrlich, ich sage euch:

Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

Wenn du aber betest, so geh in dein

Kämmerlein und schließ die Tür zu und

bete zu deinem Vater, der im Verborgenen

ist; und dein Vater, der in das Verborgene

sieht, wird dir‘s vergelten. Und

wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern

wie die Heiden; denn sie meinen,

sie werden erhört, wenn sie viele Worte

machen. Darum sollt ihr ihnen nicht

gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr

bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt

ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe

wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern

Schuldigern

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

[Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Denn wenn ihr den Menschen ihre

Verfehlungen vergebt, so wird euch euer

himmlischer Vater auch vergeben.

Wenn ihr aber den Menschen nicht

vergebt, so wird euch euer Vater eure

Verfehlungen auch nicht vergeben.

18

Lukas 11,1-4

Und es begab sich, dass er an einem

Ort war und betete. Als er aufgehört

hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm:

Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes

seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen:

Wenn ihr betet, so sprecht:

Anrede

1.

2.

3.

4.

5.

Vater!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag

und vergib uns unsre Sünden;

denn auch wir vergeben allen,

die an uns schuldig werden.

Und führe uns nicht in Versuchung.

6.

6b. oder 7.

Nachtrag


Anhang B: Der Aufbau der Bergpredigt (Matthäus 5 bis 7):

Anhang C: Das Du-bist-unser-Vater-Gebet

siehe Jesaja 63,15-64,11

Anhang D: Das Kaddischgebet („Heiligungsgebet“)

Erhoben und geheiligt werde sein großer

Name auf der Welt, die nach seinem

Willen von Ihm erschaffen wurde - sein

Reich soll in eurem Leben in den eurigen

Tagen und im Leben des ganzen Hauses

Israel schnell und in nächster Zeit erstehen.

Und wir sprechen : Amein!

Sein großer Name sei gepriesen in

Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten.

Gepriesen sei und gerühmt, verherrlicht,

erhoben, erhöht, gefeiert, hocherhoben

und gepriesen sei der Name des

Heiligen, gelobt sei er, hoch über jedem

Lob u. Gesang, Verherrlichung u. Trostverheißung,

die je in der Welt gesprochen

wurde, sprechet Amein!

Fülle des Friedens und Leben möge

vom Himmel herab uns und ganz Israel

zuteil werden, sprechet Amein!

Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen,

stifte Frieden unter uns und ganz

Israel, sprechet Amein!

19


Anhang E: Das Achzehngebet („Schemone Esre“, „Amida“)

Palästinische Rezension

1. Benediktion, Aboth:

Gepriesen seist du, Jahve [un-ser Gott

und Gott unsrer Väter], Gott Abrahams,

Gott Isaaks und Gott Jakobs [großer,

mächtiger und furchtbarer Gott], höchster

Gott, Schöpfer Himmels und der

Erde, unser Schild und Schild unsrer Väter

[unser Vertrauen in allen Geschlechtern]!

Gepriesen seist du, Jahve, Schild

Abrahams!

2. Benediktion, G e buroth:

Du bist ein Held [der Hohe erniedrigt],

der Starke [und der die Gewalttätigen

richtet], der ewig lebende, der die Toten

auferstehn läßt [der den Wind wehen

läßt und den Tau herniederfallen],

der die Lebenden versorgt und die Toten

lebendig macht [in einem Augenblick

möge uns Hilfe sprossen]. Gepriesen

seist du, Jahve, der die Toten lebendig

macht!

3. Benediktion, Q e duschschah:

Heilig bist du und furchtbar dein Name,

und kein Gott ist außer dir. Gepriesen

seist du Jahve, heiliger Gott!

4. Benediktion, Chonen ha-da‘ath:

Verleihe uns, unser Vater, Erkenntnis von

dir her und Einsicht und Verstand aus

deiner Tora. Gepriesen seist du Jahve,

der Erkenntnis verleiht!

5. Benediktion, T e schubah:

Bringe uns zurück, Jahve, zu dir, daß wir

20

umkehren (in Buße); erneuere unsere

Tage wie vordem. Gepriesen seist du,

Jahve, der Wohlgefallen an Buße hat!

6. Benediktion, S e lichah:

Vergib uns, unser Vater, denn wir haben

gesündigt gegen dich; tilge [und entferne]

unsre Verfehlungen vor deinen Augen

weg [denn groß ist deine Barmherzigkeit].

Gepriesen seist du, Jahve, der

viel vergibt!

7. Benediktion, G e ‘ullah:

Sieh an unser Elend und führe unsre Sache

und erlöse uns um deines Namens

willen. Gepriesen seist du, Jahve, Erlöser

Israels!

8. Benediktion, R e phu‘ah:

Heile uns, Jahve, unser Gott, von dem

Schmerz unsres Herzens [und Seufzen

und Stöhnen entferne von uns] und

bringe Hei-lung unsren Wunden (Schlägen).

Gepriesen seist du, der die Kranken

seines Volkes Israel heilt!

9. Benediktion, Birkath ha-schanim:

Segne an uns, Jahve unser Gott, [dieses]

Jahr [zum Guten bei allen Arten seiner

Gewächse und bringe eilends herbei das

Jahr des Termins unsrer Erlösung und gib

Tau und Regen auf den Erdboden] und

sättige die Welt aus den Schätzen deines

Guten (deiner Güter) [und gib Segen auf

das Werk unsrer Hände]. Gepriesen seist

du, Jahve, der die Jahre segnet.


10. Benediktion, Qibbuç galijjoth:

Stoße in die große Posaune zu unsrer

Freiheit und erhebe ein Panier zur

Sammlung unsrer Verbannten. Gepriesen

seist du Jahve, der die Vertriebenen

seines Volkes Israel sammelt!

11. Benediktion, Haschibah schop e tenu:

Bringe wieder unsre Richter wie vordem

und unsre Ratsherren wie zu Anfang, und

sei König über uns, du allein. Gepriesen

seist du, Jahve, der das Recht liebhat!

12. Benediktion, Birkath ha-minim:

Den Abtrünnigen sei keine Hoffnung und

die freche Regierung (= Rom) mögest du

eilends ausrotten [in unsren Tagen, und

die Nazarener (nozrim = Christen) und

die Mi-nim (= Häretiker) mögen umkommen

in einem Au-genblick], [ausgelöscht

werden aus dem Buch des Lebens

(der Lebendigen) und mit den Gerechten

nicht aufgeschrieben werden]. Gepriesen

seist du, Jahve, der Freche beugt!

13. Benediktion, Birkath çaddiqim:

Über die Prosely-ten der Gerechtigkeit

(= Ganzproselyten) möge sich dein Erbarmen

regen, und gib uns guten Lohn

mit denen, die deinen Willen tun. Gepriesen

seist du, Jahve, Zuversicht der

Gerechten!

14. Benediktion, Boneh J e ruschalajim:

Erbarme dich, Jahve unser Gott, [in deiner

großen Barmherzigkeit über Israel,

dein Volk, und] über Jerusalem, deine

Stadt, und über Çion, die Wohnung deiner

Herrlichkeit, [und über deinen Tempel

und über deine Wohnung] und über das

Königtum des Hauses David, des Messias

deiner Gerechtigkeit (= deines ge-rechten

Messias). Gepriesen seist du, Jahve,

Gott Davids, der Jerusalem erbaut!

15. Benediktion, Schomea‘ t e phillah:

Höre, Jahve unser Gott, auf die Stimme

unsres Gebetes [und erbarme dich über

uns]; denn ein gnädiger und barmherziger

Gott bist du. Gepriesen seist du,

Jahve, der Gebete erhört!

16. Benediktion, ‚Abodah:

Es gefalle Jahve unserem Gott wohl zu

wohnen in Çion, daß deine Knechte dir

dienen in Jerusalem. Gepriesen seist du,

Jahve, dass wir dir dienen werden in

Furcht!

17. Benediktion, Hoda‘ah:

Wir danken dir, [du bist] Jahve unser

Gott [und Gott unsrer Väter], für alles

Gute, die Liebe [und die Barmherzigkeit,

die du uns erwiesen und] die du an uns

getan hast [und an unsren Vätern vor

uns; und wenn wir sagten, unser Fuß

wanke, hat deine Liebe, Jahve, uns gestützt].

Gepriesen seist du, Jahve, Allgütiger,

dir muss man danken!

18. Benediktion, Sim schalom:

Lege deinen Frieden auf dein Volk Israel

[und auf deine Stadt und auf dein Eigentum]

und segne uns alle allzumal.

Gepriesen seist du Jahve, der den Frieden

schafft!

Quelle: (Strack, H. L. /) Billerbeck, P.: Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch.

Bd. 4,1. München 1926, 210-214

21


V a t e r u n s e r i m H i m m e l , g e

Das Vaterunser und die Politik –

ein spannungsreiches Verhältnis

von Marie-Luise Kling-de Lazzer

Der erste Vortrag gab eine grundsätzliche

Einführung in das Vaterunser

als Gebet Jesu. Er erläuterte seinen

Aufbau, sein Verständnis als Gebet des

Juden Jesus und wie es zentrales Gebet

der christlichen Gemeinde geworden ist.

Das Thema heute lautet: Das Vaterunser

und die Politik. In drei Schritten werde

ich Sie durch das Thema führen. In der

Einführung geht es um die Spannung

zwischen Beten und Handeln. In einem

zweiten Teil werde ich einige grundsätzliche

theologische Überlegungen zu den

politischen Dimensionen des Vaterunsers

entfalten. Im dritten Teil zeige ich ihnen

an einzelnen Beispielen den Gebrauch

des Vaterunsers in politischen Kontexten.

Einführung: Beten und Handeln

22

Die Hände flehentlich zu Gott erheben,

oder besser tatkräftig handeln? In

seinem Theaterstück „Mutter Courage

und ihre Kinder“ hat Bertolt Brecht

hierzu eine eindrückliche Szene gestaltet

(Aufzug Nr. 11). Es war im Januar

1636, schon 18 Jahre dauert der große

Glaubenskrieg. Über die Hälfte seiner

Bewohner hat Deutschland eingebüßt,

gewaltige Seuchen töten, was die Metzeleien

übrig gelassen haben. In den

ehemals blühenden Landstrichen wütet

der Hunger. Die kaiserlichen Truppen nähern

sich nachts auf Schleichwegen der

evangelischen Stadt Halle. Wenige Kilometer

vor der Stadt überfallen ein paar

Soldaten einen Bauernhof. Sie zwingen

den jungen Bauern, ihnen das letzte

Stück Weg in die Stadt zu zeigen. Der

alte Bauer und seine Frau und die stum-


h e i l i g t w e r d e d e i n N a m e ,

me Kattrin, die zufällig anwesend ist,

bleiben zurück. Was ist zu tun? Die Bauersleute,

resigniert vor der Übermacht

der kaiserlichen Soldaten, drängen

Kattrin: „Bet Kind, wenn du sonst schon

nichts tun kannst, beten kannst du, auch

wenn niemand dich hört, aber Gott wird

dich hören.“ Dann knien alle nieder und

beten: „Vater unser, der du bist im Himmel,

…..,“ inbrünstig flehen sie um Hilfe

für die Stadt, für ihren Schwager und

dessen Kinder und enden: „Und vergib

uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben

unsern Schuldigern. Amen.“

Da hören sie Trommelschläge vom

Dach. Die stumme Kattrin sitzt dort und

schlägt die Trommel, sie trommelt und

trommelt, und lässt sich auch von den

herbeigeeilten Soldaten durch Drohen

nicht abbringen. Bis sie, tödlich getroffen,

umsinkt. Aber die Stadt ist erwacht,

von ferne hört man Sturmglocken und

Kanonendonner. Zeichen der Verteidigung,

Zeichen der Rettung.

Die Szene regt zu Fragen an. Formuliert

Brecht in ihr seine Kritik einer

Frömmigkeit, die sich ins Private zurückzieht

und den Alltag der Welt mit seinen

Problemen anderen überlässt? Oder will

er sagen, das rechte Gebet der stummen

Kattrin war dieses Handeln? War das

ihr Gebet in dieser Lage? Oder hätte sie

nicht auch stumm beten können? Tat sie

vielleicht beides: Beten und Handeln?

Nicht zufällig beginnen die Bauersleute

mit den Worten des Vaterunsers zu

beten. Sie rufen Gott an mit den Worten,

die Jesus uns gelehrt hat und die Christen

vertraut sind: Vater unser, der du

bist im Himmel. Es sind Worte des Vertrauens;

wie Kinder bergen sie sich bei

dem Vater, auf der Suche nach Schutz

und Hilfe. Eh sie dann ihre persönliche

Not und ihre persönlichen Bitten aussprechen.

Um am Ende in der vorletzten

Bitte des Vaterunser, der Bitte um Vergebung

der Schuld, Halt zu finden.

Was ist ihre Schuld, möchte man als

politischer Mensch fragen, was ist ihr Teil

an dem mörderischen Krieg, der ihr Land

überzieht? Dass sie sich von den Soldaten

erpressen lassen und ihren Sohn ausliefern?

Oder ist es das allgemeine Verhängnis,

in das sie, im Handeln wie im Ertragen,

einbezogen sind? Oder überhaupt

die Bitte um Vergebung der Schuld in Todesangst?

Bertolt Brecht lässt das offen.

Die Szene aus dem Theaterstück zeigt:

Das Beten ist nicht einfach Privatsache.

Es geschieht im politischen Kontext.

Weil sich das eigene Leben je und je im

politischen Kontext vollzieht.

Die Gewaltsamkeit und Zerstörungskraft

des 30-jährigen Kriegs, der die

Menschen äußerlich, aber eben auch bis

ins Innerste bedroht, ist in dem Lied von

Paul Gerhardt spürbar, das wir gesungen

haben. Auch da begegnet uns, was wir

bei Bertolt Brecht entdeckten: Das Beten

konzentriert sich wie im Brennglas

im Vaterruf: Abba, Vater, wie Jesus gebetet

hat.

23


Dein Reich komme. Dein Wille

Grundsätzliche theologische Überlegungen

1.

Das Einfallstor für eine politische Deutung

des Vaterunsers ist die Bitte um

das Kommen des Reiches. Ich möchte sie

zunächst aus dem Kontext der Botschaft

und Sendung Jesu her deuten. Jesus hat

die Nähe des Gottesreichs verkündigt.

In seinem Wirken ist etwas von Gottes

Reich zu sehen und zu hören: „Blinde

sehen und Lahme gehen, Aussätzige

werden rein, … und den Armen wird das

Evangelium gepredigt“, lesen wir Matthäus

11,5. In den Gleichnissen hat Jesus

entfaltet, wie es sich mit der Gottesherrschaft

verhält. Jesu Wirken drängt auf

Gerechtigkeit, Frieden und umfassendes

Heil. Aber er wehrt eine einfache politische

Deutung des nahen Gottesreichs

und seines Königtums als Missverständnis

ab.

Gottes Reich und Gottes Herrschaft

ist von weltlicher Herrschaft zu unterscheiden,

aber sie stehen nicht im ausschließenden

Gegensatz zueinander. Im

Vorletzten hat weltliche Obrigkeit ihre

Bedeutung und ihre Berechtigung. Daher

sagt Jesus bei der Frage nach den

Steuern: „Gebt dem Kaiser, was des

Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“

(Matthäus 22, 21).

Der Evangelist Johannes drückt das in

seiner Weise aus, wenn Jesus im Verhör

24

durch Pilatus sagt: „Mein Reich ist nicht

von dieser Welt.“ (Johannes 18, 36) Gottes

Reich ist nicht zu verwechseln mit

weltlicher Herrschaft, die sich gegebenenfalls

mit Gewalt, mit Soldaten und

Heeren durchsetzt.

Die Bitte um das Kommen des Reiches

überschreitet das Geschehen in Raum

und Zeit - wie übrigens auch die Bitten

„dein Name werde geheiligt“ und „dein

Wille geschehe“. Damit fordert sie heraus,

das Reich Gottes und alle weltliche Herrschaft

ins rechte Verhältnis zueinander

zu setzen. Denn mit dem Kommen des

Gottesreiches wird nicht nur ein gottwidriges

Reich besiegt, sondern die Welt

überwunden. Nur in diesem Sinn drängen

die auf den Vater im Himmel zielenden

Dein-Bitten wiederum zur Erde. Das

Vaterunser nährt nicht den Traum der

messianischen Weltherrschaft. Es betet

nicht gegen „die freche Herrschaft“ der

Römer. Noch die christliche Gemeinde

hat sich von der messianisch-zelotischen

Bewegung ferngehalten, die zum Aufstand

gegen die Römer und zum Krieg

in den Jahren 66 bis 70 führte, an dessen

Ende die Zerstörung des Tempels in Jerusalem

durch die Römer stand.

Fritz Neugebauer schreibt in seiner

Auslegung zum Vaterunser: „Indem die

Dein-Bitten nicht in ein Konkurrenzverhältnis

zu Welt und Weltmacht treten,


geschehe, wie im Himmel,

werden diese nicht per se widergöttlich

aufgeladen, sondern befinden sich in der

Hand des Höchsten. Darin enthalten ist

ihre Relativierung. Die Dein-Bitten machen

alles, was diese Welt ausmacht,

zum Vorletzten, auch wenn dieses sich

gerne als letztgültig aufspielt und Absolutheit

beanspruchen möchte.“

Heißt das: In der Bitte um das Kommen

des Reiches geht es um das Letzte,

um Gottes endgültige Herrschaft, die

noch aussteht, während alle weltliche

Herrschaft, wie sie dem Menschen zur

Ordnung und Gestaltung anvertraut ist,

davon unberührt bleibt? Sicher nicht.

Schon im Wirken und in der Predigt

Jesu wird es als Spannungsverhältnis

gezeichnet: Das Reich Gottes ist schon

nah, in Jesus selber bereits gegenwärtig.

Wenn er Aussätzige heilt, Tischgemeinschaft

mit Menschen hat, die moralisch

disqualifiziert und gesellschaftlich diskriminiert

sind, reicht das Reich Gottes

mitten in diese Welt hinein. Schon jetzt.

Aber seine umfassende Wirklichkeit,

Gottes endgültige Herrschaft steht noch

aus, ist noch nicht vollendet.

„Schon“ und „noch nicht“, das ist die

Spannung, die auch in der Bitte um das

Kommen des Reiches Gottes liegt. Wie

sollten wir sonst um sein Kommen bitten?

Lassen sie mich noch eine andere

theologische Denkfigur nutzen:

Als Christenmensch sind wir Bürger

beider Reiche. Wir sind Bürger des Reiches

Gottes, durch den Glauben. Haben

Teil an den himmlischen Gütern. Und wir

sind Bürger des Reichs der Welt, in dem

es Regierungen geben muss und weltliche

Macht, die für den äußeren Frieden

und die Gerechtigkeit arbeitet. Gesellschaft

muss gestaltet werden. Politisches

Engagement ist gefragt, Christen

mischen sich ein, übernehmen Ämter in

der Politik, in der Wissenschaft, in der

Wirtschaft.

Sind das dann zwei Welten, die nichts

miteinander zu tun haben? Hier Gottes

Reich, in dem die Ohnmacht der Liebe

die Welt überwindet, und dort das Reich

der Welt, in dem zur Sicherung des Friedens

auch Gewalt angewandt wird?

Unterscheiden heißt nicht trennen,

sondern beides richtig aufeinander zu

beziehen. Dann stärkt die Bitte um das

Kommen des Reiches immer auch die

Hoffnung, dass in weltlicher Herrschaft

bereits Spuren der Gottesherrschaft erkennbar

werden, und Frieden und Gerechtigkeit

auf Erden Gestalt gewinnen,

um Gottes Willen.

2.

Während sich die ersten drei Bitten auf

Gott beziehen, zielen die weiteren hinein

in die Nöte des Menschseins. Dazu

gehört auch die politische Existenz. Darum

sind sie das praktische Einfallstor für

das Politische im Vaterunser.

Am klarsten tritt das in der Brot-Bitte

hervor. Was erbittet sie? Generationen

25


s o a u f E r d e n . U n s e r t ä g

von Exegeten haben gerätselt, was das

griechische Wort „epiousion“ meint. Wir

sagen: Gib uns unser täglich Brot. Ulrich

Luz in seinem Matthäuskommentar

übersetzt: „Gib uns heute das Brot für

morgen.“

Wir sehen hier eine Gesellschaft, in

der die Menschen von der Hand in den

Mund leben. Man kann etwa an die Situation

eines Taglöhners denken, der noch

nicht weiß, ob er am folgenden Tag wieder

eine Arbeit findet und seine Familien

ernähren kann. Das „heute“ weist auf die

Dringlichkeit der Bitte hin.

Die Brotbitte bringt in Erinnerung,

dass die Versorgung mit dem Lebensnotwendigen

nicht selbstverständlich ist,

und wir umfassend auf Gottes Schöpfergüte

angewiesen sind. Aber sie bringt

auch Verhältnisse in Erinnerung, in denen

Menschen heute nicht wissen, wie

sie morgen satt werden sollen. Darum

lenkt die Brotbitte unseren Blick auch

auf die Armen in der Welt.

Dazu einen Rückgriff auf den Anfang

des Vaterunsers. Wenn wir gemeinsam

Gott als unseren Vater anreden, heißt

das, dass wir untereinander Geschwister

sind, Brüder und Schwestern. Dann aber

sind wir aufeinander gewiesen, können

nicht tatenlos den Bruder, die Schwester

neben uns hungern lassen, wenn wir um

das tägliche Brot beten. Nirgends sonst

wird wie hier deutlich: Beten und Handeln

gehören zusammen - kommt doch

in dieser Bitte unsere Gegenwart mit

ihrem Mangel und ihrem Überfluss zur

Sprache.

Zum Gebrauch des Vaterunser - Beispiele politischen Betens

1.

Das Vaterunser will gebetet sein. Es ist

geformte Sprache des Gebets, universal,

wie das Evangelium von Jesus Christus in

die ganze Welt gegangen ist. Überall auf

der Welt wird das Vaterunser gebetet.

Wo immer Christen leben. Der christliche

Gottesdienst zeichnet sich durch das

Gebet des Herrn aus. Es überschreitet die

Grenzen der Konfessionen. Seit mehr als

26

40 Jahren können in Deutschland Evangelische

und Katholiken in gemeinsamem

Wortlaut das Vaterunser gemeinsam

beten.

Das Vaterunser wird auch öffentlich

gebetet. Als die Trennung von Kirche

und Staat noch nicht vollzogen war,

hatte das Vaterunser seinen Platz auch

im öffentlichen Raum, im Rathaus, in

der Schule, in den Parlamenten. Es gehörte

zu öffentlichen Feiern des Staates.


l i c h e s B r o t g i b u n s h e u t e .

Und wer das Gebet Jesu recht verstanden

hat, konnte es nicht missbrauchen.

Denn es dient weder der eigenen Größe

noch der Bestätigung des eigenen politischen

Tuns oder gar des menschlichen

Wollens. „Dein Name werde geheiligt,

dein Reich komme, dein Wille geschehe“,

beten wir. Wer das Vaterunser im öffentlichen,

politischen Raum betete, öffnete

den Horizont für die Zeit und Raum umfassende

Wirklichkeit Gottes und wies

dem politischen Handeln den Raum des

Vorletzten zu.

Aber es gab – und gibt gewiss immer

noch - den Missbrauch des öffentlichen

Betens. Der Nationalsozialismus war

hierin besonders perfide: Gottes Reich

und das Reich, das die Nationalsozialisten

heraufführten, war nicht mehr zu

unterschieden. Die Anbetung galt nicht

Gott, sondern dem eigenen Volk.

Am 10. Februar 1933, wenige Tage

nach der Machtergreifung, hielt Adolf

Hitler seine berühmte Rede im Sportpalast

in Berlin. Er scheute sich nicht, sie

mit einer nationalsozialistischen Variante

des Vaterunsers zu schließen:

„Denn ich kann mich nicht lösen von

dem Glauben an mein Volk, kann mich

nicht lossagen von der Überzeugung,

dass diese Nation wieder einst auferstehen

wird, kann mich nicht entfernen

von der Liebe zu diesem meinem

Volk und hege felsenfest die Überzeugung,

dass eben doch einmal die Stunde

kommt, in der die Millionen, die uns

heute hassen, hinter uns stehen und mit

uns dann begrüßen werden das gemeinsam

geschaffene, mühsam erkämpfte,

bitter erworbene neue deutsche Reich

der Größe und der Ehre und der Kraft

und der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit.

Amen.“

Aber auch im Privaten kam es im Dritten

Reich zu fatalen Verzerrungen des

Betens, wie das Beispiel der Frau eines

ehemaligen Kommunisten aus Oberbayern

zeigt, die 1935 trotz aller Verfolgungsmaßnahmen

des Regimes gegen

die Kommunisten bezeugt: „Alle Tage

muss mein Dirndel für den Führer ein

Vaterunser beten, weil er uns das tägliche

Brot wiedergegeben hat.“

2.

Das Beten des Vaterunsers im öffentlichen,

säkularen Raum ist heute eine

Gratwanderung zwischen Freiheit und

Vereinnahmung.

Ein Beispiel: Bei der Einweihung des

Neubaus der Kreissparkasse in Tübingen

im Jahr 2006 gab es auf ausdrücklichen

Wunsch des damaligen Direktors eine

kleine ökumenische gottesdienstliche

Feier, bei der wir miteinander das Vaterunsers

beteten.

Am Ausgang wurde ich persönlich angesprochen:

Wie könnte ich mich für so

etwas hergeben, gar das Vaterunser gemeinsam

sprechen lassen, wo dies doch

eine säkulare Feier sei und sicher auch

27


U n d v e r g i b u n s u n s e r e S c h u

Muslime bei der Einweihungsfeier dabei

gewesen seien. Im Tagblatt lese ich hernach:

„Kirche segnet Geld“.

War das Beten des Vaterunsers dort ein

Missbrauch des Betens, oder nicht doch

Ausdruck dessen, dass auch Banker den

Namen Gottes heiligen und wissen, dass

ihr Wohl und Wehe in der Hand Gottes

liegt, und sie sich und ihr Tun von dem

leiten lassen, den sie um das Kommen

seines Reiches und das Geschehen seines

Willens bitten? Urteilen Sie selber!

Beim Beten des Vaterunsers im öffentlichen

Raum sind für mich zwei Gesichtspunkte

wichtig: Es gibt eine Einladung

zum Gebet, aber man muss nicht

mitbeten. Man darf Distanz nehmen.

Aber man darf sich die Worte des Vaterunsers

auch leihen, versuchen, mit

ihnen zu beten. Und es Gott überlassen,

dass er einem das Herz öffnet und die

Erkenntnis der Liebe weckt.

3.

Christen nehmen Bezug auf das Vaterunser

– auch in politischen Zusammenhängen.

Etwa auf die Bitte um Vergebung

der Schuld.

Auf die siebte Bitte des Vaterunsers

bezieht sich die frühere Bundesministerin,

Heidemarie Wieczorek-Zeul. Bei

den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag

der Niederschlagung des Aufstands des

Herero-Volks in Namibia, dem damaligen

Deutsch-Südwest-Afrika, im Jahr

28

2004 bat sie unter Berufung auf das Gebet

Jesu um Vergebung der deutschen

Schuld.

Und als der traditionelle Führer des

Königshauses der Tjamuaha/Maharero

im November 2004 in die Synode der

EKD eingeladen war, erinnerte die Präses

Barbara Rinke an das Wort der Ministerin.

„Dieser Bitte“, sagt sie, „können

wir uns nur im gemeinsamen Gebet anschließen.“

4.

Das Vaterunser ist geprägte Sprache. Es

kann gemeinsam gebetet werden: Jahrhunderte

lang wurde es auf lateinisch

gebetet. Im Messgottesdienst, in der

Beicht- und Bußpraxis. Es war das Gebet

schlechthin. Aber es konnte auch erstarren.

Damit das Vaterunser lebendig bleibt,

hat es immer wieder neue Auslegungen

erfahren. Es musste in den jeweiligen Lebenskontext

hinein interpretiert werden.

Ich möchte Ihnen das heute beispielhaft

an der Befreiungstheologie Lateinamerikas

zeigen.

Die biblischen Texte wurden neu gelesen.

Relectura (spanisch: „wiederlesen“),

wurde das dort genannt. „Hier kommt

eine neue Art Theologie zu treiben zum

Ausdruck“, sagt Ulrich Schoenborn in

seinem Aufsatz „Vaterunser der Armen“:

„Reflexion der Glaubenspraxis im Horizont

von Unterdrückung und Unge-


l d ,

w i e a u c h w i r v e r g e b e n

rechtigkeit; Entdeckung des parteilichen

Gottes, der die Kehrseite der Geschichte

als Offenbarungsort erwählt hat.“

Das bekannteste Beispiel einer solchen

„relectura“ ist „Das Evangelium

der Bauern von Solentiname“ in Nicaragua.

In dieser kleinen christlichen

Gemeinde wurden in den 70er Jahren

des letzten Jahrhunderts biblische Texte

besprochen. Ernesto Cardenal hat die

Gespräche aufgeschrieben.

Dort wurde auch Matthäus 6, 7-15

bedacht, beispielsweise zur Bitte „Dein

Reich komme“. Sprechend bringen die

Menschen die traditionelle Vorstellung

von der Trennung von Diesseits

und Jenseits in Bewegung. „Wenn wir

darum bitten, dass es kommen soll,

dann ist es also noch nicht gekommen.

Und wenn wir bitten, dass es kommen

soll, dann muss es auch kommen. Und

wenn es kommen muss, dann ist es

nicht im Himmel oder in einem anderen

Leben. Sonst bäten wir ja nicht,

dass es kommen solle, sondern dass

wir dorthin kämen. Das Reich Gottes

ist also etwas, was auf die Erde kommen

muss und noch nicht gekommen

ist.“

Dass das Reich Gottes eine Wirklichkeit

ist, daran haben sie keinen Zweifel.

Was sie in Frage stellen, das sind die

Lebensbedingungen, die das Gegenteil

dessen bewirken, was sie zu fördern behaupten.

Das Reich Gottes widerspricht

dem Verwirrspiel.

„Im Himmel herrscht Liebe, dort gibt es

keinen Egoismus. Und es gibt auch keine

Ungerechtigkeit und keine Unterdrückung.

Hier auf der Erde leben wir vollkommen

anders. In diesem Gebet bitten

wir darum, dass wir hier genauso leben

möchten wie dort. Es fehlt uns noch viel,

bis wir dieses Reich hier verwirklicht

sehen. Hier verhungern die einen, und

die anderen vergeuden das Essen. Die

einen sind krank, ohne irgendeine Medizin,

und die anderen haben mehr ärztliche

Pflege, als sie brauchen... Das heißt

also, dass noch viel Arbeit getan werden

muss, bis man dieses Reich endlich sieht.“

Und Laureano hält fest: „Das Reich Gottes

kommt von Gott, aber es wird nicht

ohne uns gebaut.“

Ähnliches können wir bei der Auslegung

der Brotbitte oder bei der Auslegung

der Bitte um Vergebung beobachten:

Beidesmal kommen die eigenen

Erfahrungen mit dem biblischen Wort

ins Gespräch, die Erfahrung des Mangels

am Lebensnotwendigen ebenso wie die

Erfahrung von Geldmangel und erdrückenden

Schulden. Ein spiritualisierendes

Verständnis der Bitten wird abgewiesen.

Am Schluss wird zusammengefasst:

„Wir bitten Gott, dass sein Name geheiligt

werde, und es ist unsere Aufgabe,

ihn zu heiligen. Wir bitten, dass sein

Reich komme, und es ist unsere Aufgabe,

es aufzubauen. Wir bitten, dass sein Wille

auf Erden geschehe, und es ist unsere

29


u n s e r n S c h u l d i g e r n . U n d f ü h

Aufgabe, ihn zu erfüllen. Wir bitten um

Brot, und es ist unsere Aufgabe, es zu

schaffen und zu verteilen. Wir bitten ihn

um Vergebung, die wir den anderen geben

müssen. Wir bitten ihn, uns nicht in

Versuchung zu führen, und es ist unsere

Aufgabe, sie zu fliehen... Das Vaterunser

ist ein Gebet, das wir beten und auch

tun müssen“.

So weit aus der Auslegung des Vaterunsers

im „Evangelium der Bauern aus

Solentiname“.

Mich beeindruckt an diesen Texten

immer noch die theologische Kraft, mit

der die Armen, die Anderen, für sich die

Wahrheit der biblischen Botschaft entdecken.

Auch bei der Vollversammlung des Lutherischen

Weltbundes, die 2010 unter

dem Titel „Unser tägliches Brot gib uns

heute“ in Stuttgart getagt hat, war der

Atem der Befreiungstheologie spürbar.

Nicht abstrakt würden die Delegierten

aus den Mitgliedskirchen über die Brot-

Bitte sprechen, sagte der Präsident des

Weltbundes, Bischof Mark S. Hanson aus

den USA, vielmehr brächten sie ihre Erfahrungen

mit. „Viele Menschen leiden

an Hunger oder sind als HIV-Infizierte

marginalisiert.“ Ihnen müsse die besondere

Aufmerksamkeit der Christinnen

und Christen gelten. Es ging nicht darum,

Almosen für die Bedürftigen zu erbitten,

sondern dass sie zu einer Kirche

gehörten und miteinander teilen müssten.

Die Vollversammlung machte deutlich:

Die Bitte um das tägliche Brot ist

mit der Hoffnung auf Gerechtigkeit und

dem Tun der Gerechtigkeit zusammen

zu denken. Nicht nur für die Christinnen

und Christen im Süden, sondern auch

für die im Norden. Das Thema Überfluss

und Mangel steht hier wie dort auf der

Tagesordnung.

Schlusswort

Sind Beten und Handeln ein Gegensatz?

Oder gehört beides zusammen?

Mit der Szene von Bertolt Brechts „Mutter

Courage“ mitten in den Gräueln und

Verwüstungen des dreißigjährigen Kriegs

haben wir begonnen.

Ulrich Luz schreibt dazu in seinem

Kommentar: „Für Matthäus ist das Gebet

30

keine Flucht aus der Praxis, sondern ihre

Innenseite. Das Gebet ermöglicht es den

Jesusjüngern, die Forderungen Jesu als

Willen des Vaters erfahren und daraus

Kraft zu schöpfen. Gebet wird durch das

Handeln nicht überflüssig, sondern das

Handeln bleibt auf das Gebet dauernd

angewiesen.“


e u n s n i c h t i n V e r s u c h u n g ,

Nur ein paar exemplarische Einblicke

in ein politisches Verständnis und einen

politischen Gebrauch des Vaterunsers

konnte ich geben. Und einige wenige

theologische Gedanken, wie aus dem

Zusammenhang der Verkündigung und

des Wirkens Jesu ein sachgemäßer Gebrauch

des Vaterunsers im politischen

Kontext denkbar ist. In jedem Fall greift

das Vaterunser immer über die konkrete

politische Lebenswirklichkeit hinaus.

In der Vateranrede weist es auf die

Nähe und Liebe Gottes hin. Im Zentrum

steht das Gottesreich, nicht die Heilsgeschichte.

Mit seinen offenen Formulierungen

schreibt es dem Beter nicht vor,

diese oder jene Wünsche, Hoffnungen

oder Ansichten zu haben, auch nicht

bestimmte politische Hoffnungen oder

Ansichten. Aber es lässt Raum, dass sich

viele Menschen mit ihren existentiellen

und politischen Fragen dieser Welt in es

einfügen können.

Ulrich Luz regt die Kirche an, das Herrengebet

„als einen Grundtext“ zu gebrauchen,

„der über ihre eigenen Grenzen

hinaus Menschen beim Beten und beim

Entdecken der Liebe Gottes helfen kann.“

Dr. Marie-Luise Kling-de Lazzer wurde 1947 in Leutkirch (Kreis

Ravensburg) geboren. Sie ist seit 1995 Dekanin im Evangelischen

Kirchenbezirk Tübingen und Pfarrerin an der Tübinger

Stiftskirche.

31


s o n d e r n e r l ö s e u n s v o n d

Das Vaterunser in der Kunst

von Kim Apel

Das Vaterunser in der Kunst erleben

32

Mit einem Gebet wie dem Vaterunser

kann man sich auf sehr verschiedene

Weise auseinandersetzen. Zuerst natürlich

können wir es uns zu eigen machen,

indem wir es beten. Eine andere Möglichkeit

ist es, sich streng wissenschaftlich

mit dem Vaterunser zu beschäftigen,

es nach allen Regeln der historischen

Wissenschaft zu analysieren und zu deuten,

wie das der erste Vortrag vorgeführt

hat, oder man kann seine Wirkungsgeschichte

nachzeichnen, wie das im zweiten

Vortrag für den politischen Bereich

versucht wurde. Neben diesen Formen

gibt es nun noch mindestens eine weitere

Weise, sich mit dem Vaterunser zu

beschäftigen, nämlich die künstlerische.

Um diese soll es in diesem Vortrag gehen.

Was zeichnet die künstlerische Beschäftigung

mit einem Gebet, ja überhaupt

mit der Wirklichkeit, die uns

umgibt, aus? Im Gegenüber zur Wissenschaft

wird das schnell deutlich:

Die wissenschaftliche Darstellung eines

Themas versucht, die persönliche, innere

Beteiligung des Wissenschaftlers weitestgehend

außen vorzulassen und ihren

Gegenstand auf distanzierte, objektive

Art darzustellen. Außerdem ist in ihr der

Inhalt weitgehend unabhängig von der

Form der Darstellung. In der Kunst hingegen

bilden Form und Inhalt eine Einheit:

Was ein Kunstwerk ausdrückt, liegt

im Zusammenspiel des dargestellten Inhaltes

mit der Form seiner Darstellung.

Zudem präsentiert Kunst ihren Gegenstand

„in erlebnismäßiger Perspektive“,

wie es der Philosoph Franz von Kutschera

ausdrückt, also in einer Weise, für die

ein emotionales und subjektives Erleben

wesentlich ist.


e m B ö s e n . D e n n d e i n i s t

Nichtsdestoweniger erfüllt die Kunst

eine eminent wichtige kognitive Funktion.

Denn auch Kunst vermittelt Einsichten

und Erkenntnisse, und zwar spezifisch

auf anschaulich-erlebnismäßige

Weise. Um solcher erlebnismäßiger Einsichten

willen lohnt sich der Blick gerade

auch auf die Kunst, wenn man sich

mit einem bestimmten Thema möglichst

umfassend befassen möchte.

Dieser Vortrag hat nicht den Anspruch,

selbst erlebnismäßige Einsichten zu vermitteln,

er ist eher wissenschaftliche

Darstellung als künstlerischer Ausdruck.

Doch er hat das Ziel, auf Kunstwerke

aufmerksam zu machen, die der Betrachtung

lohnen, um in der Auseinandersetzung

mit diesen Kunstwerken zu

den verheißenen Einsichten zu gelangen.

Nur wer sich selbst in die Betrachtung

der Kunstwerke versenkt, ihnen Zeit und

Muße widmet, wird mit einem entsprechenden

Erleben beschenkt werden.

Kunst nun ist vielfältig. Wir haben

eben schon die Kunst der Musik genossen,

daneben aber gibt es Literatur, Bildhauerei,

Fotographie, Malerei, Performance

und anderes mehr. Der Vortrag

heute beschränkt sich auf die Bildenden

Künste und nimmt dabei insbesondere

das Glasfenster zum Vaterunser in der

Stiftskirche Tübingen in den Blick.

[Am Vortragsabend folgte an dieser

Stelle eine umfangreichere Bilderpräsentation

mit knappen Hinweisen und

Erläuterungen, die hier nicht wiedergegeben

werden kann. Gezeigt wurden

Bilder aus mittelalterlichen Vaterunser-

Erklärungen sowie aus Bilderfolgen zum

Vaterunser von Hans Holbein d. J., Lukas

Cranach d. Ä., Ludwig Richter, Max Pechstein

und Siegfried Arno Gottlieb Angermüller.

Einen informativen Überblick

über die Geschichte der Vaterunser-

Kunst gibt der Artikel „Das Vaterunser

– Pater noster“ in: Gertrud Schiller (Hg.):

Ikonographie der christlichen Kunst, Bd.

4.1: Die Kirche, S. 147ff., dem auch zahlreiche

Abbildungen beigegeben sind.]

Das Vaterunser-Fenster von Wolf-Dieter Kohler

In der Kapelle der Stiftskirche befinden

sich zwei Glasfenster des Stuttgarter

Künstlers Wolf-Dieter Kohler, die

dieser im Jahr 1962, also noch vor der

Renovierung der Kirche, geschaffen hat.

Thematisch sind beide Fenster dem Gebet

gewidmet. Während das rechte Fensterbild

den Gebetsgesang der drei Männer

im Feuerofen zeigt, beschäftigt sich

das linke Fenster mit dem Vaterunser.

33


d a s R e i c h u n d d i e K r a f t

Vater unser im Himmel

Nur die erste Zeile des Vaterunsers, die

Gebetsanrede „Unser Vater in dem Himmel“,

findet sich in Worten ausgeschrieben

im Fensterbild, und zwar auf den

Schriftbahnen in den beiden Knäufen

oben im Bild. Alle anderen Bitten sind

allein bildlich dargestellt.

Betrachten wir das Bild also näher.

Das Zentrum des Fensterbildes ist eine

Leerstelle: Es ist der schwarze Schnittpunkt

des Fensterkreuzes, der zugleich

Mittelpunkt des das Bild dominierenden

Kreises ist. Dieser Kreis umspannt die gesamte

Breite des zweibahnigen Fensters.

Seine Grenze erfährt er durch den Farbwechsel

der Strahlen, die vom Schnittpunkt

der Kreuzesbalken aus der Mitte

des Kreises hervorgehen. Die Strahlen

im Kreis sind in roter und weißer Farbe

gestaltet, kleine Segmente in gelb. Stehen

die Farben Weiß und Gelb für Gottes

Herrlichkeit und Rot für die Liebe oder

den Geist Gottes, dann wäre Gott keineswegs

außerhalb des Fensterbildes zu

finden, wie ein Interpret gemeint hat,

sondern gerade in seinem Zentrum: in

der Leerstelle des Kreuzmittelpunktes,

von dem die Herrlichkeit und die Liebe

Gottes ausgehen.

Im Kreis selbst ist offensichtlich die gesamte

Menschheit versammelt: ein Asiate,

ein Afrikaner, ein Weißer und ein Südamerikaner.

Sie alle nehmen auf unterschiedliche

Weise eine Gebetsgebärde ein und

34

sind der Mitte, dem Zentrum des Bildes,

betend zugewandt. So steht das zentrale

Bildelement gleichsam wie eine allgemeine

Themendarstellung im Zentrum des

Bildes: das Vaterunser als weltumspannendes

Gebet zum herrlichen Gott.

Geheiligt werde dein Name

Zugleich kann das zentrale Bildelement

aber auch als bildliche Umsetzung

der ersten Bitte des Vaterunsers

gedeutet werden, „geheiligt werde dein

Name“, denn nichts anderes scheinen

diese Menschen in ihrem Beten zu tun.

Die zentrale Bedeutung der ersten Bitte

für das Vaterunser als ganzes hätte auf

diese Weise eine kongeniale Umsetzung

erfahren: aus der Heiligung Gottes gehen

alle weiteren Bitten strahlenförmig

hervor, der Gedanke der ordo der einzelnen

Bitten, der in den mittelalterlichen

Vaterunser-Erklärungen von elementarer

Bedeutung gewesen ist, hätte eine

neue Interpretation gefunden.

Mit gleichem Recht kann man die erste

Bitte allerdings auch in den beiden

Fischblasen oben im Fenster dargestellt

sehen: Hier nämlich sehen wir im Himmel

sieben Engel, also den engsten Hofstaat

Gottes, der um eine weitere augenfällige

Leerstelle herum gruppiert ist.

Ganz offensichtlich erfüllen auch die

Engel in ihrem Tun die erste Bitte des

Vaterunsers: Sie heiligen den Namen

Gottes.


Das Vaterunser-Fenster

von Wolf-

Dieter Kohler

(1962) aus

der Kapelle

der Tübinger

Stiftskirche

35


u n d d i e H e r r l i c h k e i t

Nimmt man nun beide Elemente zusammen,

die betenden Vier im Zentrum

und die Engel im Himmel, so ergibt sich

eine weitere Deutung: Im Gebet des Vaterunsers

stimmen die Menschen ein in

die Heiligung Gottes durch die Engel,

ganz wie im Gesang des Dreimalheilig in

der Messliturgie.

Außerhalb des göttlichen Kreises

nehmen alle Strahlen eine jeweils andere

Farbe an. Während im Kreis Rot

vorherrscht, ergänzt durch Weiß, tritt

jetzt die Farbe Blau hinzu, die Komplementärfarbe

zu Rot. Interessanter Weise

fehlt im Bild die Farbe Grün bis auf einen

kleinen Farbkleckser. Dabei ist Grün die

Farbe der Mitte, wie Wolf-Dieter Kohler

in einer Rede über die Farben ausführt,

sie evoziert Entspannung, Beruhigung.

Doch entspannt und ruhig ist das Leben

nicht, in dem Menschen in aller Welt

das Vaterunser beten. Sie beten es angesichts

der Widersprüche des Lebens,

unter den gegensätzlichsten Erfahrungen,

in einer Welt, die hell und dunkel

ist, in allen Schattierungen, wie sie sich

auch in den Farbverläufen der einzelnen

Strahlen wiederfinden.

Dein Reich komme

36

Wenden wir uns jetzt der bildlichen

Umsetzung der einzelnen Bitten zu, die

um den zentralen Kreis herum angeordnet

sind. Sie sind meines Erachtens

gegen den Urzeigersinn zu lesen, beginnend

links oben. Da die Gebetsanrede in

den Knäufen über den Fensterbahnen

steht und die erste Bitte in den Fischblasen

oder auch im zentralen Kreis

umgesetzt ist, beginnt die Darstellung

mit der zweiten Bitte: dein Reich komme.

Geradezu liebevoll umschließen die

Arme des dargestellten Menschen den

Gekreuzigten, sehnsuchtsvoll blickt er

zu ihm hinauf.

Eben auf diese Weise: sehnsüchtig

erwartet der Beter das Kommen des

Gottesreiches, das doch in ihm, dem Gekreuzigten

bereits gekommen ist, dessen

künftiges Kommen wir aber auch erwarten

und dessen Kommen wir schließlich

im täglichen Leben schon erfahren können,

gerade wenn wir beten. Es ist ein

Reich nicht von dieser Welt, vor allem

aber nicht nach den Vorstellungen dieser

Welt. Der König dieses Reiches ist der

Gekreuzigte. Es umstrahlen ihn Rot und

Weiß: die Liebe, die Sühne, die Herrlichkeit.

Dein Wille geschehe, wie im Himmel

so auf Erden

Die dritte Bitte, „dein Wille geschehe,

wie im Himmel, so auf Erden“, nimmt ein

Motiv auf, das auch in anderen Darstellungen

zu dieser Bitte begegnet, so in einem

Holzschnitt von Ludwig Richter: die

Trauer um ein verstorbenes Kind. Während

in den Vaterunser-Bebilderungen

von Hans Holbein und Lucas Cranach die


i n E w i g k e i t . A m e n .

dritte Bitte mit der Kreuztragung Jesu

und bei Holbein auch mit dem Leiden

in der Nachfolge Christi in Verbindung

gebracht wird, ist hier das menschliche

Leid überhaupt in ganzer Härte auf Gottes

Willen zurückgeführt. Doch auch in

dieser Darstellung begegnet die Kreuzigung

in unmittelbarer Nähe, direkt

oberhalb der das Kind tragenden Frau.

So erscheinen unsere Leiden in der Anordnung

der Bildelemente geradezu

umgriffen vom Leiden Jesu, der über

der Frau am Kreuz hängend die Arme

ausbreitet. Das menschliche Leiden, es

gehört zum Kreuz, es ist darin aufgenommen,

und – so die Hoffnung: aufgehoben.

Der Hintergrund der Darstellung

ist blau, kalt. Wie kalt und unbarmherzig

erscheint Gottes Wille im Leiden dieser

Welt. Seine Liebe ist nur zu erahnen, erfahrbar

vielleicht nur dem, der in den

Kreis der Betenden tritt. Doch auch da

ist Gott vorborgen im dunklen Schnittpunkt

des Kreuzes.

Unser tägliches Brot gib uns heute

Auch die Darstellung der vierten Bitte,

„unser tägliches Brot gib uns heute“,

greift auf eine traditionelle Bildlösung

zurück. Dargestellt ist ein familiäres Essen,

über dem der Vater das Tischgebet

spricht. Diesem Gebet ist Erhörung gewiss:

Ein Engel hält segnend seine Hände

über die Szene, über das tägliche Brot.

Vielleicht nimmt die Zusammenstellung

von segnendem Engel und irdischem

Mahl noch einmal die dritte Bitte auf:

wie im Himmel so auf Erden. Nicht zu

übersehen ist schließlich das kräftige

rote Licht, das auf den Tisch fällt und

Assoziationen an das Abendmahl weckt:

Dies ist mein Blut, das für euch vergossen

wird.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch

wir vergeben unseren Schuldigern

Die fünfte Bitte: „Und vergib uns

unsere Schuld, wie auch wir vergeben

unseren Schuldigern“. Als Kontrastbild

zum zweiten Teil dieser Bitte ist zunächst

ein Mensch dargestellt, der den

Stab eben doch über jemandem bricht,

nicht zur Vergebung fähig ist, entsprechend

auch keinen Blick für die Mitte

hat. Der Mensch rechts daneben erkennt

ganz offensichtlich seine eigene

Schuld, fasst sich an die Stirn und blickt

Verzeihung bittend auf in die Mitte, zu

Gott. Auch die dritte Figur blickt in die

Mitte, wohl wartend, hörend auf das erlösende

Wort der Vergebung.

Der rote Strahl fährt zwischen den

Menschen, der den Stab bricht, und den

einsichtigen Mann, stellt dabei aber zugleich

eine Verbindung her zur Hingabe

Jesu Christi am Kreuz, im Fenster genau

diagonal gegenüber dargestellt: Jesu

Hingabe befreit zur Einsicht in die eigene

Schuld, erlöst von ihr und ermöglicht

Vergebung.

37


V a t e r u n s e r i m H i m m e l , g e

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen

Die drei Auferstehenden, die jetzt gegen

den Uhrzeigersinn folgen, bringen

ganz offensichtlich die erbetene Erlösung

von dem Bösen zur Darstellung,

also die siebte Bitte.

Die dunklen Köpfe darüber, die meines

Wissens bisher noch keine befriedigende

Deutung erfahren

haben, hingegen die

sechste Bitte, die Bitte

um Bewahrung vor

der Versuchung.

Es handelt sich bei

diesen Köpfen nämlich

nicht um Totenköpfe,

wie zuweilen

geäußert, sondern um

Dämonenfratzen, die

traditionell dem Thema

der Versuchung

zugeordnet sind.

Ausgeschlossen werden kann, dass die

fragliche sechste Bitte, wie schon vorgeschlagen,

in dem dritten Mann unten

rechts im Fenster dargestellt ist.

Dass, folgt man der Kreisbewegung

gegen den Uhrzeigersinn, zunächst die

Bitte nach der Erlösung von dem Bösen

und dann erst die Bitte um Bewahrung

vor der Versuchung umgesetzt ist, erklärt

sich nun allein daraus, dass der

Künstler die sechste und siebte Bitte offensichtlich

als Doppelbitte verstanden

38

hat, als zwei Seiten ein und derselben

Medaille, was sich exegetisch gut begründen

lässt: Verführe uns nicht zum

Bösen, sondern erlöse uns von ihm.

Gestützt wird diese Interpretation dadurch,

dass in der linken Fensterhälfte

parallel zu diesen beiden Motiven auch

nur eine Bitte, nämlich die dritte, dargestellt

ist – der Engel gehört ja vor allem

zur Tischszene.

Denn dein ist das

Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit

in Ewigkeit. Amen.

Der Kreis schließt

sich oben rechts im

Fenster: Der Betende

tritt dem Auferstandenen

gegenüber und

betet ihn an. Weiß

ist die Farbe des Sieges

über den Tod, der

Herrlichkeit, der Vollkommenheit, Rot

die Farbe der Kraft. Entsprechend dominieren

im Hintergrund die Farben Weiß

und Rot, das Blau tritt zurück. Das Reich

Gottes kommt. In der Auferweckung

seines Sohnes hat Gott seine Kraft und

Herrlichkeit erwiesen, hier tritt sie dem

Beter entgegen.

Die Komposition des Fensterbildes

überzeugt: Überaus beeindruckend

kommen der Gekreuzigte und der Auferstandene

direkt nebeneinander im


h e i l i g t w e r d e d e i n N a m e ,

Fenster zum Stehen, der Gekreuzigte

am Anfang des Gebetsweges, der Auferstandene

an seinem Ende. Und auch

darauf sei explizit hingewiesen: Die roten

Strahlen außerhalb des Kreises sind

vollkommen symmetrisch und fallen

so auf den Gekreuzigten, das Abendmahl,

die Sündenvergebung und den

Auferstandenen. Auf überaus anschauliche

Weise stellen die roten Strahlen

so die Verbindung zwischen diesen vier

Grundmotiven des christlichen Glaubens

her. Als Farbe der Sünde und der

Sühne umstrahlt das Rot das Kreuz der

Sühne, das Abendmahl zur Vergebung

der Sünden, die Vergebung selbst und

schließlich den Auferstandenen, der die

Macht der Sünde besiegt hat. Zugleich

steht Rot für die Liebe, aus der Gott dies

alles getan hat: „Also hat Gott die Welt

geliebt, dass er seinen eingeborenen

Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben,

nicht verloren gehen, sondern das

ewige Leben haben“ (Johannes 3,16).

Dr. Kim Apel wurde 1973 im niedersächsischen Braunschweig

geboren. Er ist seit 2010 Pfarrer an der Tübinger Stiftskirche.

39


Dein Reich komme. Dein Wille

Das Vaterunser im interreligiösen Dialog

von Michael Seibt

Das Vaterunser ist ein globaler Basis-

Text. Er gehört der ganzen Menschheit,

nicht nur einer bestimmten Glaubensgemeinschaft.

In einer multireligiösen Welt

ist es sinnvoll, religiöse Basis-Texte nicht

nur mit eigenen Augen zu betrachten.

Wem das Vaterunser vertraut ist und

wer es regelmäßig betet, dem fällt möglicherweise

gar nicht mehr auf, was das

Besondere daran ist.

Ich möchte Sie einladen, das Vaterunser

aus unterschiedlichen Perspektiven

zu betrachten und es mit jüdischen,

buddhistischen und islamischen Augen

zu lesen und oder zu beten.

Wir holen damit das Gespräch zwischen

den Religionen zu uns herein. Wir

sind Menschen im Dialog, auch wenn

wir uns zu einem bestimmten Bekenntnis

halten.

40

Niemand kann heute mehr glauben

als gäbe es nicht neben uns Menschen,

die anders glauben. Die Antwort darauf

ist nicht Gleichgültigkeit, sondern im

Gegenteil Interesse. Vieles von dem, was

auf den ersten Blick anders oder fremd

ist, könnte ja auch für mich wichtig sein

oder werden.

Wir nähern uns dem Thema sinnvollerweise

mit einer fragenden und offenen

Grundhaltung.

Ich spreche im ersten Teil meines

Vortrags im Horizont des christlichen

Glaubens. Danach frage ich, was wir

über das Vaterunser erfahren, wenn

wir es aus jüdischer, aus buddhistischer

und aus islamischer Perspektive betrachten.

Ich frage also zunächst im Horizont

des christlichen Glaubens:


geschehe, wie im Himmel,

Welchen Beitrag leistet das Vaterunser

zur Begegnung von Menschen aus unterschiedlichen

Religionen?

Das Vaterunser gilt als das christliche

Gebet schlechthin. In jedem Gottesdienst

wird es gesprochen.

In seinem Grundbestand lässt sich das

Vaterunser auf Jesus zurückführen. Soweit

wir das erkennen können, stoßen

wir hier auf den Kern der Botschaft des

historischen Jesus.

Charakteristisch für die Gottesbeziehung

Jesu ist die Anrede Gottes als

Vater. Diese Anrede drückt Vertrauen

aus, jedenfalls dann, wenn man mit der

Vaterbeziehung keine Verletzungen verbindet.

Da Vaterbeziehungen wie alle Elternbeziehungen

aber belastet sein können,

empfinden viele diese Gottesanrede

heute als nicht mehr angemessen. Viele

stört auch die männliche Form der Gottesanrede.

Es gibt daher Vorschläge, eine andere

Anrede zu verwenden. Ich werde später

auf die 99 Namen Gottes im Islam zu

sprechen kommen. Davon können wir

uns anregen lassen.

Wir werden freilich den biblischen Text

so stehen lassen und das Gebet Jesu auch

in Zukunft mit dem eingeführten Markennamen

als Vaterunser bezeichnen. Da

wissen alle sofort, was gemeint ist.

Die Vater-Anrede ist für Jesus sicher

nicht belastet oder gar diskriminierend

gewesen. Wer Gott als Vater anredet, darf

sich selbst als dessen Sohn oder Tochter

verstehen. Das verleiht große Würde.

Es gibt hier eine Verbindung zu einer

der Seligpreisungen Jesu am Anfang der

Bergpredigt: Selig sind die Friedensstifter.

Von ihnen sagt Jesus, dass sie Söhne

und Töchter Gottes heißen sollen (Matthäus

5,9).

Diesen Zusammenhang gilt es besonders

zu beachten, wenn wir das Vaterunser

in den Kontext der Religionen stellen.

Das Vaterunser gehört in die Mitte des

Gottesdienstes

Das Vaterunser wird zwar in jedem

christlichen Gottesdienst gesprochen,

aber es steht dennoch nicht im Mittelpunkt

der Liturgie und leider auch nicht

des christlichen Selbstverständnisses.

Das möchte ich erklären.

Wir sprechen das Vaterunser am Ende

der Fürbitten. Dort fasst es alles zusammen,

was in den Fürbitten noch nicht

gesagt wurde, nach dem Motto: was

wir sonst noch auf dem Herzen haben,

sagen wir jetzt mit dem Vaterunser. Das

Gebet Jesu setzt also die Fürbitten fort

und schließt sie formelhaft ab. Es hat

kaum eigenes Gewicht.

In der Liturgie der Messe ist das Vaterunser

Tischgebet vor der Feier des

Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie.

Nicht das Vaterunser ist der

Höhepunkt der Liturgie, sondern Abendmahl

oder Eucharistie.

41


s o a u f E r d e n . U n s e r t ä g

Hier aber begegnen uns ganz andere

theologische Aussagen als im Vaterunser.

Beim Abendmahl geht es um die

Erlösung durch den Kreuzestod Jesu. In

den Einsetzungsworten begegnen uns

die Vorstellungen von Opfer und Sühne:

Christi Leib, für dich gegeben; Christi

Blut, für dich vergossen zur Vergebung

der Sünden.

Die Vergebung wird erst möglich, indem

der Mensch Teil hat an der Erlösung

durch das Kreuz Christi. Und da die

Leitung der Eucharistie eines geweihten

Priesters bedarf und die Feier des

Abendmahls eines ordinierten Pfarrers

oder einer Pfarrerin, ist die Vergebung

mehr oder weniger auch an das kirchliche

Amt gebunden.

Ganz anders das Vaterunser. Jesus hat

es zu Lebzeiten gelehrt. Da konnte noch

keine Rede sein von der Erlösung durch

das Kreuz. Vielmehr hat Jesus voraussetzungslos

vergeben und geheilt, aus

Liebe heraus. Diesen Auftrag hat er allen

Menschen gegeben. Denn wer Gott, dem

Vater, vertraut, kann wie Jesus vergeben.

Um Missverständnisse zu vermeiden,

muss ich an der Stelle kurz auf unser

deutsches Wort „Schuld“ eingehen. Wir

meinen damit schuldhaftes Fehlverhalten,

für das man Verantwortung trägt.

In der griechischen Sprache des zweiten

Testaments gibt es mehrere Begriffe dafür.

Danach meint Schuld nicht in erster

Linie moralisches Fehlverhalten. Es

geht vielmehr um das Geschuldete, das,

42

was wir einander schuldig bleiben, auch

wenn niemand dafür eine persönliche

Verantwortung trägt. Auch das ist in die

Vergebung eingeschlossen.

Vergeben heißt daher: ich stelle eine

belastete oder zerbrochene Beziehung

wieder her. Wir halten das Trennende

aus. Und halten dennoch zusammen.

Das ist Schalom, Friede im biblischem

Sinne. Ich muss mich dabei nicht mit allen

verstehen, aber ich gebe die grundsätzliche

Bereitschaft zur Begegnung

nie auf. Darauf kommt es an, besonders

zwischen Menschen aus verschiedenen

Religionen.

Die Beziehung hat Vorrang

Die Vergebungsbitte steht im Zentrum

des Vaterunsers. An mehreren Stellen in

den Evangelien wird sie betont. Sogleich

nach dem Vaterunser lesen wir: „Wenn

ihr den Menschen vergebt, was sie euch

schuldig geblieben sind, so wird euch euer

himmlischer Vater auch vergeben. Wenn

ihr aber den Menschen nicht vergebt, so

wird euch euer Vater auch nicht vergeben.“

Und im Abschnitt über das Töten lesen

wir in der Bergpredigt: „Wenn du deine

Gabe auf dem Altar opferst und dort

kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder

etwas gegen dich hat, so lass dort vor

dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin

und versöhne dich mit deinem Bruder

und dann komm und opfere deine Gabe“

(Matthäus 5, 23-24).


l i c h e s B r o t g i b u n s h e u t e .

Interessant ist, dass hier der Begriff

Schuld nicht vorkommt. Es ist lediglich von

einer Störung der Beziehung die Rede im

Sinne von „etwas gegen einander haben“.

Denselben Gedanken nimmt auch das

Markusevangelium auf: „Wenn ihr steht

und betet, so vergebt, wenn ihr etwas

gegen jemanden habt, damit auch euer

Vater im Himmel euch vergebe eure

Übertretungen“ (Markus 11,25).

Es ist also ein zentraler Gedanke in

der Botschaft Jesu, dass der Mensch sich

zuerst versöhnt, bevor er vor Gott tritt.

Zuerst geht es um die menschliche Beziehung,

dann erst um Religion.

Folgerungen für die Praxis

„Wie auch wir vergeben unseren

Schuldigern.“ Dieser Halbsatz aus dem

Vaterunser ist bemerkenswert, weil er

keine Bitte an Gott richtet. Der Betende

ist hier selbst aktiv.

Was bedeutet das für die Praxis?

Der Theologe Klaus-Peter Jörns hat

eine Gottesdienstliturgie vorgestellt,

die das Vaterunser bewusst in den Mittelpunkt

stellt. Die Bitte um Vergebung

und ihre wechselseitige Zusage ist für

ihn die Mitte des Gottesdienstes. Er lässt

die Gemeinde sich in zwei Gruppen teilen,

die einander gegenüber stehen und

sich einander zuwenden. Dann sagt die

erste Gruppe:

„Wir bekennen vor Gott und euch,

liebe Schwestern und Brüder, dass wir

Gott und Menschen und unseren Mitgeschöpfen

Achtung und Liebe schuldig

geblieben sind. Wir haben dem Bösen

Macht über uns gegeben. Wir bitten

euch, uns im Namen Gottes unsere Sünden

zu vergeben.“

Darauf erwidert die zweite Gruppe:

„In Gottes Namen sprechen wir euch die

Vergebung aller eurer Sünden zu. Euch

geschehe, wie ihr glaubt.“

Und dann umgekehrt.

Jörns hat jüngst in einem Interview

in der Zeitschrift Publik-Forum dazu

Folgendes gesagt: „Dadurch erhält das

Vaterunser eine viel größere Brisanz.

Die Gemeinde als Ganzes – und nicht

nur die Pfarrer und Priester – werden

einbezogen in die Vollmacht, zu vergeben,

wie es im Vaterunser ja formuliert

ist. Man spürt die von Jesus geschenkte

Würde der Gotteskindschaft, wenn

man einem Menschen gegenüber steht,

der von sich sagt, dass er Achtung und

Liebe schuldig geblieben ist und dafür

um Vergebung bittet; und wenn man

ihm in Gottes Namen die erbetene Vergebung

zusprechen und ihn danach

selbst um Vergebung bitten kann. Auf

diese Weise wird das allgemeine Priestertum

der Gläubigen endlich wahr.

Die Menschen werden einbezogen in

das, was wir alle brauchen: eine Wirklichkeit,

die von Vergebung und Versöhnung

geprägt ist. Die erleben die

meisten Menschen als ausgesprochen

befreiend.“

43


U n d v e r g i b u n s u n s e r e S c h u

Jörns hat Recht: der Gottesdienst soll

entlasten und befreien. Daran muss er

sich messen lassen. Das erwarten die

Menschen zu Recht.

Wenn man nach diesem wechselseitigen

Zuspruch das Abendmahl beziehungsweise

die Eucharistie feiert, kann

die Feier ganz unter dem Vorzeichen der

Freude und der Dankbarkeit stehen.

Es wäre ein wichtiger Beitrag zur

Begegnung der Religionen, wenn die

christlichen Gesprächspartner das Gebet

Jesu in den Mittelpunkt rückten. Das

würde viele Türen öffnen und unsere

Gottesdienste lebendiger und persönlicher

machen.

Lassen Sie mich nun fragen: Was erfahren

wir über das Vaterunser, wenn wir es

mit den Augen von Menschen aus anderen

Religionen betrachten? Nehmen wir also

die Perspektive anderer ein. Das ersetzt

freilich nicht die wirkliche Begegnung.

Unter uns leben Muslime, Juden, Buddhisten

und Anhänger zahlreicher weiterer

Glaubensgemeinschaften sowie

Agnostiker und Atheisten. Sie kennen

das Vaterunser vielleicht, aber es ist

nicht ihr Gebet.

Das Vaterunser aus jüdischer Perspektive

44

Ich fasse mich hier kurz, weil Pfarrer

Kleinknecht bereits zum Vaterunser als

Gebet des Juden Jesus vorgetragen hat.

Ich erinnere nur an Folgendes:

Jesus lehrt das Vaterunser als Jude,

nicht als Christ. Er lehrt uns nicht christlich

beten im Unterschied zum jüdischen

Beten.

Das Vaterunser entstand, als Jesus

noch der Zimmermann aus Nazareth war.

Darum ist das Vaterunser Gebet zu

Gott, nicht zu Jesus Christus. Jesus

nimmt uns mit hinein in seine Art, auf

Gott zu vertrauen. Das macht es zu einem

Gebet, das zum Judentum hin und

auch zum Islam hin offen ist.

Nimmt man die jüdische Perspektive

auf das Vaterunser ernst, wird man sich

mit der Anrede Jesu im Gebet zurückhalten

oder ganz darauf verzichten. Wir

beten gemeinsam mit unseren jüdischen

Freunden zu Gott. Jesus hat seinen Jüngern

nie empfohlen, ihn anzubeten. Als

Jude wäre ihm dieser Gedanke vollkommen

fremd gewesen. Wenn ich öffentlich

im Gottesdienst bete, verzichte ich

daher grundsätzlich auf die Anrede Jesu

im Gebet.


l d ,

w i e a u c h w i r v e r g e b e n

Das Vaterunser aus buddhistischer Perspektive

In unserem Land lassen sich viele Menschen

vom Gebet der Buddhisten beeinflussen

und anregen. Vielleicht deshalb,

weil die Buddhisten beim Beten nicht

reden, sondern schweigen. Sie beten eigentlich

nicht in unserem Sinne, sie meditieren.

Zu bitten, zu danken und zu klagen

gibt es außerhalb von uns hier nichts.

Denn es ist da kein Gott, der unser Reden

hört und darauf eingeht.

In der Meditation sitzt der Mensch da,

atmet ein und aus, Beine und Hände geöffnet

wie eine Schale und lässt die Gedanken

kommen und gehen. An nichts

will der Meditierende haften, an nichts

kleben, auch nicht an seinen Wünschen

und Bitten.

Stattdessen übt er eine bestimmte

Haltung ein, die in den vier edlen Wahrheiten

des Buddhismus zusammen gefasst

ist:

1. Das Leben ist Leiden.

2. Die Ursache des Leidens ist der Durst

nach Leben.

3. Um den Durst zu überwinden muss

man das Begehren aufheben.

4. Das geschieht auf dem Übungsweg

des achtfachen Pfads; dazu gehört

unter anderem die Meditation.

Die Buddhisten kennen darum kein

Gebet, das unserem Vaterunser vergleichbar

wäre. Sie beten nicht um das

Kommen des Reiches Gottes. Denn da

kommt nichts, jedenfalls nichts Neues.

Eher das immer wieder Gleiche.

Daher ist das Rad das buddhistische

Symbol. Es dreht sich wie das Leben

selbst. In der Zeit haben wir nichts

grundlegend Neues zu erwarten, zu

wünschen und zu hoffen.

Im Dialog mit der buddhistischen

Auffassung werden wir zu fragen haben,

was eigentlich genau wir erwarten,

wenn wir um das Kommen des Reiches

Gottes beten. Wir sprechen dann gerne

davon, dass es kein Leid und keine Ungerechtigkeit

mehr gibt.

Reich Gottes - zukünftig oder gegenwärtig?

Da dies entweder nicht eintritt oder

immer noch auf sich warten lässt, haben

im Christentum manche das Reich Gottes

in eine jenseitige Zukunft verlagert,

die sie mit der Wiederkunft Christi verbinden.

Wenn er wiederkommt, dann –

so die Hoffnung – wird alles ganz anders

sein. Dann wird er herrschen und die

Mächte des Bösen sind besiegt. Dann ist

die Geschichte an ihr Ziel gelangt.

Diese ursprünglich jüdisch-christliche

Vorstellung von einem positiv besetzten

Ziel der Geschichte hat unsere Sicht

auf die Welt tief geprägt. Das geht so

45


u n s e r n S c h u l d i g e r n . U n d f ü h

weit, dass auch säkulare Philosophien

und politische Ideologien davon erfasst

sind.

So hat der Marxismus geglaubt, dass

es am Ende der Geschichte eine klassenlose

Gesellschaft geben wird. Die

Nationalsozialisten glaubten an das so

genannte dritte Reich, das sie verwirklichen.

Im Mittelalter meinte man mit

dem dritten Reich das Reich des Geistes.

Die Nationalsozialisten kopierten

die Idee und machten daraus ein mörderisches

Reich der Überlegenheit einer

Rasse.

Die Vaterunser-Bitte um das Kommen

des Reiches hat also eine sehr zwiespältige

Wirkungsgeschichte. Darum ist

es ein wichtiges Korrektiv, wenn Jesus

selbst das Reich aus der Zukunft in die

Gegenwart verlegt. „Das Reich Gottes

ist mitten unter euch,“ sagt er nach dem

Lukasevangelium.

Wenn es schon da ist, müssen wir

dann überhaupt noch um sein Kommen

bitten?

Die Theologen sprechen an dieser Stelle

von der Spannung zwischen „schon

jetzt“ und „noch nicht“. Zwar ist es schon

jetzt angebrochen, aber eben noch nicht

ganz verwirklicht.

Diese komplizierte Dialektik ist der

Preis dafür, dass wir die Zeit in unserer

Kultur wie einen Pfeil verstehen, der

aus der Vergangenheit in die Zukunft

schießt. Die Gegenwart ist dabei nur der

bedeutungslose Moment des Übergangs

46

von der Vergangenheit in die Zukunft.

Wichtig ist, was kommen wird. Die Prognose

ist entscheidend.

Die Gegenwart wertschätzen

Betrachten wir das Vaterunser aus

buddhistischer Perspektive, gelangen

wir zu einer neuen Wertschätzung der

Gegenwart.

Dein Reich komme – das könnte dann

die Bitte darum sein, die Gegenwart des

Reiches wahrzunehmen. So dass nicht

das Reich Gottes zu uns zu kommen hat,

sondern umgekehrt wir zum Reich Gottes

kommen, sprich, dass unsere Wahrnehmung

für die Gegenwart Gottes sich

schärft.

Wir könnten die Vaterunser-Bitte

dann so verstehen: Dein Reich, das schon

längst da ist, komme an, bei mir, bei uns.

Und damit sind wir bei der Meditation.

Sie ist eine Übung der Achtsamkeit für

mich selbst, für meine Gefühle, meine

Gedanken, meinen Körper. Sie will den

Menschen lösen von den Verhaftungen

des Ichs an die eigenen Gedanken, Wünsche

und Pläne.

Längst hat sich die Meditation bei uns

etabliert. Asiatische Spiritualität hat

Eingang bei uns gefunden. Das ist nicht

nur eine Modeerscheinung, sondern entspricht

einem tiefer liegenden Bedürfnis

nach Stille, nach Verweilen, nach einer

kontemplativen Art zu leben, die sich

unserer allgemeinen Hektik entzieht.


e u n s n i c h t i n V e r s u c h u n g ,

Das Vaterunser aus der Perspektive des Islam

In der Keplerstraße in Tübingen haben

Muslime aus ganz Baden-Württemberg

einen Kellerraum frisch eingerichtet.

Ein durchlaufendes rotes Sofa an allen

vier Wänden wie in einem schwäbischen

Wirtshaus, nur eben keine Holzbank,

sondern plüschig gepolstert. In der Mitte

ein Samowar. An der Wand ein Bild von

der Tübinger Neckarfront und ein weiteres

Bild von einer Moschee in Istanbul,

sowie Kalligrafien. Und ein moderner

Laptop auf dem Tisch in einer Ecke.

Die beiden freundlichen Geschäftsführer

des Vereins Süddialog reichen mir

Tee. Wir kommen ins Gespräch. Meine

Gastgeber erzählen mir Geschichten von

ihren türkischen Landsleuten. Von ihren

Bemühungen um Integration. Davon,

wie wichtig eine gute Bildung sei. Viele

Mitglieder des Vereins haben in Tübingen

studiert. Sie möchten etwas für ihre

Landsleute tun. Sie sagen: Deutschland

ist unsere Heimat, wir möchten, dass es

diesem Land gut geht. Dazu möchten wir

beitragen. Einer der beiden Geschäftsführer

wird demnächst islamischen Religionsunterricht

an einer deutschen

Schule erteilen.

Meine Gastgeber verstehen sich als

Muslime, aber sie wissen, dass es über

den Islam in Deutschland viele schnelle

Urteile gibt. Deshalb betonen sie ausdrücklich,

dass sie keine islamische Mission

betreiben möchten. Es geht ihnen

um Integration.

Mir fällt ein, was in unseren Medien

über muslimische Vereine und Gemeinschaften

oft zu hören ist. Nämlich die

Nachricht, diese oder jene islamische

Organisation werde vom Verfassungsschutz

beobachtet. Das gilt auch für

weltoffene islamische Gemeinden wie

die des Penzberger Imans Benjamin Idriz,

über den kürzlich die „Zeit“ in einem

ausführlichen Dossier berichtet hat.

Der Sozialwissenschaftler Werner

Schiffauer sagte dazu in der „Zeit“: „Die

Aussage ,vom Verfassungsschutz beobachtet‘

wird gleichgesetzt mit: ,ist verfassungsfeindlich.‘“

Doch das Urteil über die Verfassungstreue

steht allein dem Verfassungsgericht

zu. So ist in unserer Gesellschaft

eine Kultur der Verdächtigung entstanden,

die der Begegnung der Kulturen

und Religionen und einem friedlichen

Zusammenleben im Weg steht.

Gerade ihre eigenen Bemühungen um

eine verbesserte Integration wird Muslimen

häufig zum Vorwurf gemacht. Aus

ihrer eigenen Community bekommen

sie zu hören, dass sie den Islam verraten,

wenn sie zu sehr auf die Mehrheitsgesellschaft

zugehen. Und von dort

bekommen sie zu hören, sie hätten nur

Kreide gefressen, betonen die Integrati-

47


s o n d e r n e r l ö s e u n s v o n d

on nur, weil sie in Wahrheit die deutsche

Gesellschaft muslimisch unterwandern

möchten. So stehen gerade die integrationswilligen

Muslime in unserem Land

unter Beschuss von allen Seiten.

Was hat das mit dem Vaterunser zu

tun? - Ich erinnere an die Aussage Jesu,

dass wir zuerst hingehen sollen, wenn wir

etwas gegeneinander haben. Zuerst gilt

es Vertrauen zu schaffen. Das gelingt am

besten, wenn wir die in allen Religionen

hochgehaltene Tugend der Gastfreundschaft

beherzigen. Laden wir uns also

gegenseitig ein, lernen wir uns kennen.

Dann werden wir vielleicht auch einmal

über Fragen sprechen können, wie die, ob

der Gott, den Jesus Vater nennt, derselbe

ist wie Allah, zu dem Muslime beten.

Allah ist das arabische Wort für Gott. Allah

ist kein anderer Gott, sondern der eine,

neben dem es keinen anderen gibt. Das

kennen wir aus dem Judentum. Und von

dort kam das erste Gebot ins Christentum.

Der Islam kennt 99 Namen Gottes, soll

heißen, Gott hat viele Namen und ist dennoch

der Eine. Jeder dieser Namen ist nur

eine Annäherung an das Geheimnis Gottes.

Dabei vermeidet der Islam Namen

Gottes, die allzu menschlich erscheinen.

Aus diesem Grund gehört der „Vater“

nicht zu den 99 Namen Gottes.

Hier ein paar Kostproben aus den 99

Namen Gottes:

• Der Barmherzige

• Der Schöpfer, der Erschaffende

• Der voller Vergebung ist

48

• Der Freigebige

• Der wahrhaft Richtende

• Der Feinfühlige

Das sind alles Gottesnamen, die mit

der jüdisch-christlichen Vorstellung von

Gott als Vater gut vereinbar sind und außerdem

den Vorzug haben, geschlechtsneutral

zu sein.

Auf der folgenden Seite habe ich neben

das Vaterunser ein wichtiges Gebet

aus dem Islam gestellt und lade Sie ein

zum Vergleich. Es handelt sich um Al-

Fatiha, ein Gebet, das zum regelmäßigen

rituellen Pflichtgebet im Islam gehört.

Über die unterschiedliche Anrede habe

ich gerade gesprochen.

Anstelle der Dein-Bitten im Vaterunser

steht im islamischen Gebet eine schlichte

Aussage und eine einfache Bitte: Dir

dienen wir und dich bitten wir um Hilfe.

Anstelle der Vergebungsbitte bittet

das islamische Gebet um die rechte Leitung

durch Gott.

Wie das Vaterunser endet auch das islamische

Gebet mit einem Lobpreis Gottes.

Wer ist gemeint mit der Formulierung

der „Irregehenden“ oder „derer, die Gottes

Zorn erregt haben“? Wenn damit Angehörige

anderer Religionen gemeint sein

sollten, wäre das Gebet sicher kein Ausdruck

von Toleranz. Es ist aber zu fragen,

ob dies die intendierte Interpretation des

Gebets darstellt.

Urteilen Sie selbst, wie nah oder fern

diese beiden Gebete voneinander sind.

Lassen Sie mich noch einen Blick auf


e m B ö s e n . D e n n d e i n i s t

Vaterunser

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt. Dein Reich

komme. Dein Wille geschehe wie im

Himmel so auf Erden.

Al-Fatiha

Im Namen Gottes, des Allerbarmers,

des Barmherzigen.

Dir dienen wir und dich bitten wir um

Hilfe.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch

wir vergeben unsern Schuldigern. Und

führe uns nicht in Versuchung, sondern

erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Führe uns den geraden Weg, den Weg

derer, denen du Gnade erwiesen hast,

nicht den Weg derer, die deinen Zorn

erregt haben und nicht den Weg der

Irregehenden.

Alles Lob gebührt Gott, dem Herrn der

Welten, dem Gnädigen, dem Barmherzigen,

dem Herrscher am Tage des Gerichts.

die Frage werfen, ob Juden, Christen und

Muslime auch gemeinsam beten und

feiern können. Ich möchte pragmatisch

darauf antworten.

Wo man sich freundschaftlich und alltäglich

begegnet, entsteht irgendwann

auch das Bedürfnis nach gemeinsamen

spirituellen Feiern. Gibt es im Leben einer

Stadt einen feierlichen Anlass, oder

trauern die Menschen angesichts eines

Unglücks, warum sollten Muslime und

Christen dann nicht auch gemeinsam

beten können? Es könnte uns alle bereichern.

Das Gebet der Religionen, zu dem

Papst Johannes Paul II. 1986 nach Assisi

eingeladen hat, könnte uns dabei auch

auf lokaler Ebene ein Vorbild sein.

Wenn die Religionspädagogen und

Imame, die künftig in Tübingen ausgebildet

werden, in ihren Berufen angekommen

sind, werden wir eines Tages

„Grüß Gott Herr Iman“ sagen. So der

Titel eines Buches von Imam Benjamin

Idriz. Niemand wird sich darüber wundern.

Ich freue mich auf die Ökumene

der Religionen.

49


d a s R e i c h u n d d i e K r a f

Schlusswort

Deutschland ist ein demokratischer

Verfassungsstaat, der gemäß seinem

freiheitlichen Selbstverständnis allen

hier lebenden Angehörigen unterschiedlicher

Religionen das Recht einräumt,

ihren Glauben zu leben und auch öffentlich

auszudrücken. Unsere Leitkultur

ist der Verfassung verpflichtet, nicht einer

bestimmten Religion.

Das größte Problem in der Begegnung

der Religionen sind nicht die Religionen

selbst. Es ist die Politik, die sich der

Religion bedient, um damit Zäune und

Grenzen aufzurichten. Es gibt keinen jüdischen,

keinen islamischen und keinen

christlichen Staat und auch kein Abendland,

das sich mit einer Religion identifiziert.

Oder anders formuliert, es darf so

etwas nicht geben, und zwar gerade aus

dem Selbstverständnis der Religionen

heraus. Ihre jeweilige Perspektive dient

den anderen, sie herrscht jedoch nicht.

Es kann jedem Land nur gut tun, wenn

Juden, Christen und Muslime in ihren

Traditionen beten und sich von der ganz

anderen asiatischen Spiritualität anregen

lassen. Wenn wir uns dabei so verhalten,

dass bei jeder unserer Versammlungen

auch Menschen aus anderen

Traditionen und Religionen anwesend

sein könnten, erreichen wir eine interreligiöse

Ökumene, die uns auf dem Weg

zum Frieden zwischen den Völkern und

Religionen weiterbringt.

Michael Seibt wurde 1955 in Stuttgart geboren. Er ist seit 2010

Hochschulseelsorger der Evangelischen Studierendengemeinde

Tübingen und Pfarrer an der Tübinger Stiftskirche.

50


t u n d d i e H e r r l i c h k e i t

Literatur zu allen vier Vorträgen

Petra Bahr, Johannes von Soosten (Hg.): Vater unser. Einübung im Christentum.

Frankfurt 2008

Werner Grimm: Die Motive Jesu. Das Vaterunser kommentiert und ausgelegt.

Stuttgart 1992

Wolf-Dieter Kohler: Licht und Farbe. Glasmalerei, Ölbilder, Zeichnungen, Wandteppiche,

hg. v. Oliver Kohler, Stuttgart 1988

Eduard Lohse: Das Vaterunser im Licht seiner jüdischen Voraussetzungen.

Tübingen 2008

Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. EKK I/1, Zürich/Neukirchen 5 2002

Fritz Neugebauer: Das Vaterunser. Eine theologische Deutung. Leipzig ²2008

Das Vaterunser – Pater noster, in: Gertrud Schiller (Hg.): Ikonographie der christlichen

Kunst, Bd. 4.1: Die Kirche, S. 147ff.

Ulrich Schoenborn: Vaterunser der Armen. Die Rezeption des Vaterunsers in Lateinamerika,

Veröffentlichung der Universität des Saarlands, 2000

Theo Sorg: Wenn ihr aber betet. Über das Vaterunser. Stuttgart/Berlin (Kreuz) 1973

51


i n E w i g k e i t . A m e n .

52

Das Vaterunser ist das Gebet, das weltweit

alle Christen mit Gott und untereinander

verbindet. Es wird hier nicht

wissenschaftlich untersucht, sondern

in verschiedene Kontexte gestellt: den

des antiken Judentums, der Politik, der

Kunst und des interreligiösen Dialogs.

Die hier dokumentierten Vorträge wurden

ursprünglich gehalten im Rahmen

der musikalisch-theologischen Woche

zum Vaterunser an der Tübinger Stiftskirche

im Mai 2011.

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