Starfury - Star Trek NX

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Starfury - Star Trek NX

STAR TREK

STARFURY

RENE BARZ

Einer Reise Ende

Roman

Star Trek©

Starfury

Band 60

Zweite Auflage

Ω

- www.starfury.de.vu -

MAYEN, 2006

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Für all die mutigen Forscher, die sich seit Anbeginn der

Menschheit in Schiffen aus Schilf, Leder, oder Metall, lediglich

zusammengehalten von einem Haufen Spucke und

Glück setzten, um ins Unbekannte aufzubrechen und nachzusehen,

was hinter dem Horizont liegt.

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You stand by the mile stone

a long way behind you

and then on the highroad

Your destiny find you

Now you made it this far

by trusting your heart

Tell me why would it lie to you now

Every single star tonight

is shining there to guide you

There is a star right there to tell you

The light is there to help you

Stars are there to show you the way

And wait at the end of the day

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1.

600 000 Jahre zuvor

Die ganze Stadt erbebte unter dem erbarmungslosen

Bombardement aus dem Orbit. Mehrere Stadtteile waren bereits

in Schutt und Asche gelegt worden, doch das war erst der

Anfang. Die meisten Systeme waren zusammengebrochen, die

unterirdischen Hauptreaktoren schmolzen. Die Panik der Bevölkerung

vor den Angstprojektoren führte zur Aufgabe von

Stationen, zu weiteren Defekten und allgemeinem Chaos.

Feuer brannte allerorts, aus sämtlichen Richtungen

zugleich drang Donnergrollen. Die Leute liefen panisch

durcheinander, versuchten zu retten, was zu retten war. Und

das war leider nicht mehr viel.

Elektrisches Feuer, Dampfexplosionen, einstürzende Gebäude

und Pulverisierung ganzer bewohnter Landflächen. Dazu

fiel die Legion allmählich in die Stadt ein, wo man erkannt

hatte, dass der Feind angeschlagen war. Die herrschende Hysterie

breitete sich immer weiter aus. Das Volk der Tkon

kämpfte tapfer, obgleich ihnen klar war, dass der unausweichliche

Untergang nahte.

Sowohl im Orbit, als auch in den Häuserschluchten waren

sie zahlenmäßig weit unterlegen. Tausend Jahre lang wütete

der Krieg nun schon. Heute würde er für die Tkon enden.

Die Legion war damals aus heiterem Himmel in den Raumbereich

des hiesigen Universums eingefallen. Wo sie hergekommen

waren wusste lange Zeit niemand. Wie sie entstanden

waren, blieb ebenso ein Rätsel. Doch was sie wollten, hatte

sich sofort in der Galaxis herumgesprochen. Sie waren in das

Territorium der Lebensformen dieser Galaxie eingefallen und

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eroberten binnen kürzester Zeit Millionen von Planeten, vernichteten

die Bewohner und hinterließen nichts als Zerstörung.

Wie eine gewaltige Flutwelle war die Legion gekommen

und hatte alles fortgespült, was sich ihnen entgegenstellte. Bis

auf eines: Die Hoffnung.

Die Wesen dieser Galaxie vereinten sich zu einer Streitmacht

und nahmen den Kampf mit dem ungleichen Gegner

auf. Sie leisteten selbst dann noch Widerstand, wenn die Legion

Entsetzen schickte. Viele starben im Laufe der Jahrhunderte,

als der Zorn der Invasoren immer unbändiger wurde, doch

die noch freien Völker hatten Widerstand geleistet.

Bis heute.

Nun prallte anderorts eine der letzten Streitmächte beider

Parteien aufeinander. Eine Millionen Kampfschiffe der alliierten

Völker der Milchstraße gegen Milliarden der Legion. Wie

gewaltige Insektenschwärme, zwei heftigen Sturmfronten

gleich, bewegten sich die sich Flotten durch das All und trafen

schließlich aufeinander.

Die Alliierten verloren die Schlacht, wurden immer mehr

zurückgedrängt und standen am Rande einer Niederlage. Doch

dieses letzte Gefecht war nur ein Täuschungsmanöver. Eine

Ablenkung. Ob ihr Plan erfolgreich sein würde und ob die Alliierten

es nach so langer Zeit des Krieges schließlich mit Hinterlist

und Tücke schaffen würden, den Feind endgültig dorthin

zu verbannen, wo er hergekommen war, auf das er niemals

wiederkehrte, das wusste derzeitig niemand.

Die Ungewissheit zehrte an allen. Auch an den Tkon. Die

Schlacht wütete bis zu ihren Nachschubzentren und der

Schwarm attackierte den Hauptplaneten des Netzwerkes an

Außenposten. Ihre Zentralstadt würde fallen, noch bevor sie

den Ausgang der Schlacht kannten und festzustellen vermochten,

ob sich ihr Opfer auch gelohnt hatte.

Verwirrung.

Verzweiflung.

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Nackte Angst. Sie überwog alles.

Inmitten des Tumults umhereilender Soldaten, bewahrte

Xardes die Ruhe. Äußerlich. Xardes war inzwischen ein alter

Mann mit faltigem Gesicht und vielen Narben am brüchigen

Körper. Zeit seines Lebens hatte der Krieg getobt. Sogar noch

viel länger. Die Schreie, die Explosionen - sie machten ihm

nichts aus. Er war an ein Leben im ständigen Kampf gewohnt

und kannte es nicht anders.

Xardes spähte einen Moment zur Tunneldecke, während

er weitermarschierte. Die Stadt lag hoch über dem unterirdischen

Komplex. Und dennoch... er konnte die Legion bereits

spüren, konnte die Kampfesschreie seiner Brüder und Schwestern

hören, die wilden Zurufe militärischer Befehle. Es waren

Nebengeräusche, die er fast gar nicht mehr wahrnahm. Nein,

seine innere Nervosität hatte eine andere Ursache. Denn dies

war nicht nur für die Alliierten und für die Tkon selbst, sondern

auch für ihn ein großer Tag. Eine enorme Aufgabe wartete

auf Xardes. Eine enorme Last.

Irgendwie schaffte er es, lebendig durch die einstürzenden

Tunnel zum bedeutungsvollsten Raum des Planeten zu gelangen.

Zu dem Raum, der wichtig für die Zukunft der freien

Völker werden würde. Ihn erwartete eine gewaltige, kuppelartige

Höhle. Dunkel und riesig. Eine einzige, unsichtbare

Lichtquelle zauberte einen matten Schein zur Mitte, wo sich

ein Altar auf der Spitze eines Treppenberges befand. Am Fuße

der Treppe erwartete man ihn bereits. Vier Gestalten, drei davon

in die gleiche, schwarze Robe gehüllt, die auch Xardes

trug. Genau wie er hatten auch ihre Gesichter blieben teilweise

unter den Kapuzen verborgen. Die Robe des vierten war Golden

und besonders verziert. Das war Golan, ihr ältester und

weisester Anführer. Er war sogar noch älter als Xardes, aber

von kräftiger und ehrfurchtgebietender Gestalt. Sein Haar war

schon lange ergraut und ein dichter, langer Bart erwuchs ihm

bis zum Bauch.

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„Es bleibt nicht mehr viel Zeit.“, sagte er.

„600 000 Jahre.“, erwiderte Xardes mit leicht gewölbten

Brauen. „Genug Zeit, wie mir scheint.“

Golan bewegte bedächtig den Kopf. „Nicht für uns. Falls

das Vorhaben gelingen und wir Erfolg haben sollten, dann ist

dies nur ein Teilsieg. Unsere Zivilisation ist verloren, Xardes.

Der Kampf wird nicht vorüber sein, sondern in den Verantwortungsbereich

einer neuen Zeitebene, einer neuen Generation

fallen.“

„Eine schwere Bürde.“, sagte Xardes.

„Eine schwere Bürde auch für dich.“, bestätigte Golan.

Die Explosionen ringsum wurden heftiger. Funken fauchten

durch die Deckenträger des Zugangstunnels, eine der Wände

sackte zusammen. Durch den klaffenden Riss quoll starker

Rauch. Der Boden bebte.

Einer der Kapuzenträger winkte Xardes zu sich heran.

„Du musst auf den Einen, den Auserwählten warten und ihn

lehren und leiten, so, wie es der Wächter der Ewigkeit prophezeit

hat.“

Xardes schaute sich unsicher um. Er besaß noch immer

Zweifel. „Der Wächter zeigte uns mögliche Zukunftsvisionen.

Die Galaxie wenn wir gewinnen, aber auch wenn wir verlieren.

Was, wenn der Auserwählte die ultimative Waffe nicht

findet? Ich sollte ihm verraten, wonach er suchen muss.“

Golan hinter ihm schüttelte aufgebracht mit dem Kopf.

„Nein! Nein, nein.“, sagte er. „Du darfst ihm nur den Weg

weisen, Xardes. Bestreiten, kann aber allein er ihn. Der Auserwählte

und die anderen Acht müssen sich als würdig erweisen.

Wenn sie es nicht sind, besteht kein Grund mehr, das U-

niversum überhaupt zu retten.“

Einer der anderen Tkon berührte Xardes sanft an der

Schulter. „Bist du bereit?“

Xardes atmete schwer ein. War er bereit? Nein. Zu einer

solchen Aufgabe konnte man nicht bereit sein. Aber ihm blieb

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keine andere Wahl, die Prophezeiung stand und er hatte eine

Aufgabe darin. Also nickte er.

„Das bin ich.“

„Beginnen wir.“, sprach Golan. Der Boden erzitterte wiederum,

als Xardes die Stufen zum Altar hinaufstieg. Feiner

Staub rieselte von der Decke.

Er legte seine Hände in die Einbuchtungen des Altars. Sie

passten genau.

„Bereitet das Netzwerk unserer Außenposten vor.“, wies

Golan die anderen an. Schwere Explosionen erschütterten den

Zentralraum, rissen eine ganze Wand nieder und erzeugten

feine Spalten in der Decke. Aus einer Gasdüse in der Nähe

schoss ein blauer Flammenstrom.

„Fertig.“, rief Xardes. „Ich lasse es geschehen.“ Er drückte

seine Hände nun komplett und mit ganzer Kraft in die Einkerbungen.

Der Altar begann sein Werk. Pulsierendes Licht

ging von ihm aus, wurde zu einer großen, milchigen Energiesäule,

die sich veränderte. Sie zitterte und bunte Spiralen

formten sich in ihr, hüllten Xardes völlig ein, während sein

Gesicht den Ausdruck enormer Ruhe und Gelassenheit trug.

Der ganze Raum begann zu strahlen. Bunte Lichtkugeln tanzten

in ihm umher. Xardes wurde Transparent, als er sich mit

dem Netzwerk vereinte.

Seine Essenz wurde in das Netzwerk übertragen, auf einen

600 000 Jahre langen Kälteschlaf, bis er geweckt werden

und kurze Zeit später auf den Einen treffen sollte. Golan und

die anderen Tkon wandten sich ab, als ihr Werk vollbracht war

und räumten den Zentralraum.

Nun mussten sie ihn vor der Legion bewahren. Nur ein

Mann durfte diesen Raum je wieder betreten – der Auserwählte.

Golan atmete tief Luft und zündete dann die Sprengladungen.

Eine enorme Explosion über ihnen zerfetzte die halbe

Zentralstadt und verwandelte sie in ein Flammenmeer. Der

Zentralraum wurde unter Fels begraben und niemals von der

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Legion entdeckt. Dazu blieb ihnen auch keine Zeit mehr, denn

die Alliierten siegten an diesem Tage gegen die Legion. Ihr

Plan glückte. Während ihre Armada die Flotte der Legion beschäftigte,

in dem sie sich regelrecht in einem aussichtslosen

Kampf abschlachten ließen, gelang es den Alliierten anderorts

eine Barriere um das Taschenuniversum der Legion zu errichten

und ihnen somit den Nachschub abzuschneiden. Die gefährlichen

Subraumrisse, aus denen ihre Schiffe kamen, öffneten

sich durch die Barriere nicht mehr. Die letzten verbliebenen

Schiffe wurden zerstört, oder am Tag der Aktivierung der

Barriere aus diesem Universum mit ausgesperrt.

Aber der Preis war hoch; die Milchstraße lag in Trümmern.

Die Kulturen der Alliierten erholten sich nie wieder von

den Verlusten und vergingen. Die Bewohner einer ganzen Galaxie

hatten sich für die Freiheit geopfert. Darin bestand ihre

Kraft. Die Alliierten verwehten, aber neue Völker entstanden,

erhoben sich aus den Trümmern, bauten die Milchstraße wieder

auf und brachten sie zum Blühen.

Inzwischen erblasste die Erinnerung an den tausendjährigen

Krieg und den Kampf um die Freiheit. Was die alliierten

Rebellen geleistet hatten, geriet nach und nach in Vergessenheit,

ebenso wie sie selbst.

Doch der Kampf ist noch nicht vorbei. Die Legion ist

stärker als jemals zuvor. Sie hat sich erneut mobilisiert, über

600 000 Jahre lang geduldig ihre Armada aufgebaut und wartet

nun geduldig auf den Zusammenbruch der schwächer werdenden

Barriere. Ihre Befreiung.

Und schon bald würde die Milchstraße erneut unter ihrer

Wut erzittern...

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2.

Heute

Irgendwo, in den noch immer unerforschten Gebieten des

Alpha-Quadranten, zog ein einsamer Planet in einem Doppelsternensystem

seine Bahnen. Die Temperaturen auf der Oberfläche

überstiegen nur selten den Gefrierpunkt und ein brutaler

Wind fegte stets über die karge Oberfläche.

Es gab auf dem Planeten keine eigenen Lebensformen

und da er sehr unzugänglich war, hatte auch niemand Interesse

daran, ihn zu kolonisieren. Und doch gab es weit unterirdisch,

tief verborgen vor den Suchstrahlern verirrter Schiffe eine

große Anlage. Und sie war bewohnt.

Das Symbol der Tkon prunkte auf dem glatten Boden,

über den der Protektor lief. Er war schnell unterwegs. Obwohl

sie sich alle, seit er sich erinnern konnte, auf diesen Tag vorbereiteten,

war er doch überaus nervös und hatte es entsprechend

eilig. Der Protektor betrat schließlich durch die kolossalen

Pforten den Meditationssaal. Dabei handelte es sich um einen

übergroßen obendrein kuppelförmigen Raum, mehr einer

Höhle gleich. Darin befand sich rein gar nichts. Selbst das

Licht drang aus einer unsichtbaren Leuchtquelle.

Eine einzige Person hielt sich hier auf, wie üblich. Mindestens

die Hälfte des Tages, verbrachte er an diesem Ort,

bisweilen kam er sogar wochenlang nicht hinaus. Siverio saß

im Schneidersitz auf dem Boden in der Mitte und hatte dem

Protektor den Rücken zugewandt. Seine Arme waren seltsam

verschränkt. Der Protektor fühlte sich plötzlich sehr unsicher,

als er sich Siverio näherte.

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„Dieser Raum ist wunderbar.“, bemerkte Siverio unerwartet

und ohne die Augen zu öffnen, oder sich umzuwenden.

Der Protektor nahm die Aussage kommentarlos zur

Kenntnis und trat noch ein Stück näher, ehe er stehen blieb.

„Der Tag ist gekommen.“, sagte er.

„Sind alle Vorbereitungen getroffen?“, fragte Siverio. Eine

Überflüssige Frage, wie der Protektor fand.

„Natürlich.“

Siverio ahnte, dass er noch etwas hinzufügen wollte. Also

öffnete er die Augen und sah den Protektor an. „Du stellst die

Prophezeiung in Frage.“

Es war dem Protektor sichtlich unangenehm. Ihm wäre

ein anderer Ausdruck lieber gewesen. Lange suchte er nach

den richtigen Worten. „Ich ... ich bin mir nur nicht sicher in

Bezug auf den Auserwählten.“

„Inwiefern?“, fragte Siverio freundlich und deutete auf

den Boden neben sich.

Wiederwillig lies sich auch der Protektor im Schneidersitz

nieder. „Er ... erscheint mir für diese Aufgabe nicht bereit.“,

sagte der Protektor.

Siverio richtete seinen Blick wieder nach vorn in die

Dunkelheit. „Er ist der Richtige.“, sagte er. „Vertraue den Verfügungen

der Tkon und denen des Wächters. Xardes hat dem

Auserwählten den Weg gezeigt. Er muss ihn nur beschreiten.“

„Und wenn er den falschen Weg nimmt?“, stellte der Protektor

die alles entscheidende Frage. Siverio atmete tief ein

und faltete die Hände erneut.

„Dann, mein Freund, sollten wir ein letztes Mal meditieren...“,

sagte Siverio und schloss die Augen. Der Protektor tat

es ihm gleich. Er erweckte äußerlich nicht den Eindruck, aber

auch Siverio empfand durchaus eine gewisse Nervosität und

Sorge. Der Galaxie drohte die unausweichliche Tilgung, wenn

sie an dem heutigen Tag nicht siegten. Und es schien, dass der

Schlüssel zur Rettung aller in den Händen einer Person lag,

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die, ohne es zu wissen, die größte Macht und ihre letzte Hoffnung

auf Freiheit war. Und wenn der Auserwählte mit seinen

Gefährten und die Grez’An in wenigen Stunden aufeinander

trafen, dann würde sich endgültig entscheiden, welche dieser

zwei Mächte übrig blieb.

„..bevor die Apokalypse droht.“, sprach Siverio den Satz

zuende.

Um ein Uhr in der Nacht war das Raumdock im Orbit der

Erde wie ausgestorben. In der Kommandozentrale arbeiteten

wenige Offiziere, die in der Nachtwache die Zeit totschlugen.

Im Inneren der Raumstation wurde nach wie vor rege an Prototypen

und reparaturbedürftigen Raumschiffen gearbeitet,

doch in einer kleinen Nische des Kontrollraums hatte man

damit wenig zu tun.

Es war Überwachungsstation zwei an der Sam Lavelle

saß und sich langweilte. Dieser Posten sollte nur eine vorübergehende

Anstellung sein, ehe er bald einem neuen Schiff

zugeteilt war. Aber dies konnte noch dauern und der Dienst im

Kontrollraum während der Nachtschicht, zog sich immer ewig

in die Länge. Außerdem war sein Posten ziemlich überflüssig.

Der Weltraum im Sol-Sektor wurde von unzähligen

Schiffen und Stationen gleichzeitig überwacht. Die Sensoreinheiten

des Raumdocks stellten keine absolute Notwendigkeit

dar. Die einzigen Personen, die sich neben ihm im Kontrollraum

aufhielten, waren eine blonde Frau, die von einem jungen,

unerfahrenen Offizier weiteres Technikerpersonal forderte

und Bob, Lavelle’s Kollege.

Anstatt an den Instrumenten zu arbeiten, hatte er sich

nach vorn gebeugt und hielt einen Golfschläger konzentriert

neben einen Ball.

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„Ein unmöglicher Schlag.“, mimte er seinen eigenen

Kommentator. „Nun kommt es drauf an. Alles, oder nichts.

Wenn es jemand schaffen kann, dann er.“

Auf der anderen Seite des Kontrollraums hatte er einen

Plastikbecher auf die Seite gelegt. Er schwang den Schläger

und gerade, als er auf den Ball schlagen wollte, sprangen die

Instrumente an. Durch die Ablenkung verpatzte er den Schlag,

der weit daneben ging.

Sein Herz hielt an.

Überall an der Konsole blinkten rote Lämpchen.

„Das träume ich doch nur.“, stammelte Lavelle und

hämmerte auf die Schaltebenen ein. Bob erkannte was vor sich

ging und schwang sich ebenso überrascht auf seinen eigenen

Stuhl. Sämtliche Anzeigen schlugen aus. Da sich kein ranghoher

Offizier im Kontrollraum befand, an den er sich hätte

wenden können, drehte Lavelle den Kopf zu der blonden Frau.

„Lieutenant Kitol! Das hier müssen sie sich ansehen!“

Kitol war Mitglied des medizinischen Personals. Sie trat

stirnrunzelnd zu ihm herüber und blickte auf dem Monitor.

Dann sah sie es.

„Ist das sicher?“, fragte sie mit großen Augen.

„Keine Fehlfunktion der Sensoren. Das ist wirklich da

draußen.“, nickte Lavelle.

„Informieren Sie sofort Admiral Jellico!“

Nur fünf Minuten später sah es im Kontrollraum aus, wie

auf einer Pyjamaparty. Verschlafene Offiziere drängten sich in

Bademäntel und halb angelegten Uniformen um die Hauptkonsole,

deuteten auf die Monitore und redeten hektisch

durcheinander.

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Als Edward Jellico, der derzeitige Stationscommander,

schließlich eintraf, waren die Wissenschaftler bereits davon

überzeugt das Ende der Welt stünde vor der Türe.

„Hoffentlich ist das nicht wieder ein schwachsinniger

Fehlalarm.“, murrte Jellico und beugte sich neben Lavelle vor.

Er betrachtete den Monitor, ohne die Miene zu verziehen.

Die meisten Menschen gingen davon aus, dass er sowieso nur

diese eine griesgrämige besaß. Er sah das flackernde Phänomen,

mitten im Weltraum. Wie es ständig erschien, verschwand

und wieder erschien, als könne es sich nicht richtig

stabilisieren. Und es war riesig! Jellico nahm eine skeptische

Haltung ein. Im Raum knisterte es vor Anspannung.

„Von wo kommt es?“

Lavelle änderte die Darstellung und deutete mit dem Finger

darauf. „387 000 Kilometer neben dem Mond.“

Jellico ging unverzüglich zu einem Außenfenster und

starrte prüfend hinaus. Er sah das Phänomen hinter der Erde

aufflackern.

„Direkt im Sol-System“, murmelte er und fügte nach einem

Moment des Überlegens hinzu: „Bereiten Sie mein Schiff

vor.“

Das Sternenflottenhauptgebäude befand sich nur wenige

Kilometer von der Golden-Gate-Bridge entfernt. In dem ausgedehnten

Bauwerk waren etliche Offiziere stationiert. Bereits

zwei Stunden nach Mitternacht, als sich die Zahl der Beschäftigten

auf ein paar Tausend beschränkte, brodelte es vor Aktivität.

Vor allem im Kontrollraum.

Jaresh Inyo, seines Zeichens Präsident der vereinigten

Föderation der Planeten, trat von der Transporterplattform

herab und wurde sofort von zwei Admirälen in Empfang genommen.

Ihre Uniformen saßen zu so früher Stunde genauso

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vorschriftsmäßig wie seine Amtskleidung, auch wenn er erst

vor wenigen Minuten aus dem Bett geholt worden war.

„Was ist passiert?“, fragte er an Admiral Sitak gewandt.

„Vor einer Stunde hat uns das Raumdock informiert.“,

sagte sie mit typisch monotoner Stimmlage. „Ein Interdimensionaler

Riss bildet sich mitten im Sol-System.“

Inyo und die Vulkanierin wechselten einen Blick. Sie

beide wussten, was dieser Riss bedeutete.

„Wer weiß sonst noch davon?“, fragte Inyo. „Hat die

Presse etwas mitbekommen?“

„Nein, Sir. Wir kontrollieren im Moment alle Sensorplattformen.

Bisher weiß die Öffentlichkeit nichts. Der Riss

wird nichtsdestotrotz immer größer und ist, von der Erde aus,

schon bald mit dem bloßen Auge zu erkennen.“

„Könnte es wieder verschwinden, ohne Schaden anzurichten?“,

lautete die nächste Frage des Präsidenten.

„Bitte, Mr. Präsident...“, streckte der zweite Admiral den

Arm aus. „Werfen Sie einen Blick auf die Monitore.“

Riesige Bildschirme kleideten den Raum aus. Offiziere

mit der höchsten Sicherheitsstufe arbeiteten unter Hochdruck

an den Sensoren. Sie prüften alles - Jeden Satelliten, jeden

Beobachtungsposten. Der Admiral holte das entsprechende

Bild auf den Hauptmonitor.

„Großer Gott!“, sagte Inyo.

Sitak hob neben ihm nur eine Braue. „Wir schätzen, dass

es einen Durchmesser von achtzig Kilometern besitzt. Und es

scheint sich zu stabilisieren. Es besteht kein Zweifel mehr, Sir.

Bei dem Objekt, dass Sie dort sehen, Mr. Präsident, handelt es

sich um das gleiche Phänomen, das damals im Altai Undarum-

System und bei Sinder II auftrat.“

Was diese Nachricht bedeutete, wusste der Präsident nur

zu genau. Noch immer saß der Schock über den Verlust von

Sinder II und seinen Bewohnern bei allen tief. Der einstige

Hauptwissenschaftsplanet der Föderation war vor knapp drei

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Jahren, in Folge eins schiefgelaufenen Experimentes mit einem

mysteriösen Artefakt aus grauer Vorzeit, von einem interdimensionalen

Riss in zwei Hälften geschnitten und anschließend

gesprengt worden. Millionen waren bei dieser Katastrophe

umgekommen. Es hätten noch sehr viel mehr werden

können, denn noch schlimmer als der Riss selbst, war nur die

Invasionsmacht Macht, die auf der anderen Seite von ihm gewartet

hatte.

„Müssen wir mit einem Angriff rechnen?“, fragte Inyo,

obwohl er die Antwort bereits kannte.

Sitak nickte. „Wir können zwei Abfangstaffeln binnen

der nächsten halben Stunde dort haben.“ Sie zögerte einen

Moment, überlegte zuerst, ob der Einwurf angebracht war und

entschied sich schließlich dafür. Sie sagte leise: „Captain Bartez

hatte Recht, Sir.“

Der Präsident starrte die Vulkanierin entgeistert an. Bartez

hatte den Föderationsrat davor gewarnt, dass sich weitere

Risse öffnen wurden und das Maßnahmen ergriffen mussten.

Doch niemand hatte die Gefahr wahrhaben wollen. Was vor

wenigen Stunden noch weit hergeholt, ja sogar lächerlich geklungen

hatte, wurde in dieser Sekunde zur schrecklichen Gewissheit.

Eine der Urängste des Präsidenten war Wirklichkeit

geworden: Die Erde wurde unmittelbar bedroht. Und wenn es

Stimmte, was Bartez einst sagte, dann nicht nur die Erde.

Sitak brach das Schweigen. „Hinter diesem Riss lauern

die Schiffe der Grez’An, Mr. Präsident. Wahrscheinlich in

feindlicher Absicht. Wir müssen sofort die Flotte in Alarmbereitschaft

versetzen und unsere Truppen informieren.“

Plötzlich wurde es furchtbar Still im Raum. Alle Anwesenden

drehten die Köpfe und starrten den Präsidenten an.

„Schicken Sie ihre Schiffe.“, sagte Inyo.

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Roter Alarm. Er glühte überall auf dem Schiff, zusätzlich

heulten die Alarmsirenen. Admiral Kathryn Janeway trat die

Stufen zum Kommandobereich der Voyager herab und begegnete

dem Blick ihres ersten Offiziers. In Chakotay’s Zügen,

spiegelte sich dieselbe Furcht wie in ihren eigenen wieder.

Wortlos tauschten sie ihre Gefühle aus. Der Tag versprach

nicht gut zu werden.

Janeway drehte sich zu Tuvok an der taktischen Station

und fragte: „Sind wir in visueller Reichweite?“

Selbst Tuvok’s Miene war für seine Verhältnisse außergewöhnlich

ernst.

„Bei maximaler Vergrößerung, ja, Captain.“

Janway drehte sich zum Wandschirm um. „Dann wollen

wir es uns ansehen.“, sagte sie und wappnete sich innerlich auf

den Anblick, der sich ihr darbieten würde. Der Sichtschirm

wechselte vom Bild der Erde, zu einem anderen, das die Sterne

präsentierte. Der Weltraum glühte. In einem großen Bereich

flackerte ein interdimensionaler Riss, der scheinbar nicht

recht Fuß im hiesigen Universum fassen konnte. Er befand

sich in Bezug zu ihrem Raumschiff auf einer vertikalen Achse.

Sein Durchmesser variierte ständig zwischen dreißig und siebzig

Kilometern und so stark es auch zu fluktuieren schien, war

seine Breite immer größer, als seine Höhe. Die Anomalie funkelte

in dunkelroten Farben, vor allem die Ränder. Das Zentrum

war schmal und grelles Licht schien von der anderen Seite

hinaus zu strömten.

„Der Riss fluktuiert.“, enthüllte Lieutenant Harry Kim

überflüssigerweise.

„Analyse, Mr. Kim.“

„Es handelt sich um einen Riss im Raumgefüge, Captain.

Eine Art Portal, aber ich kann nicht sagen, was dahinter liegt,

oder wohin er führt. So, wie der Riss die Realität rings um

sich verzerrt, können unsere Suchstrahlen nicht in ihn eindringen.“

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Der Riss pulsierte heftig. Dann schien er sich für einen

kurzen Moment zu stabilisierte, nur um sofort wieder zu flackern.

Doch dieser eine Moment reichte aus, um zu sehen, was

auf der anderen Seite des Portals wartete.

Janeway schnappte erschrocken nach Luft. Sie fragte leise

und ohne den Blick vom Sichtschirm zu nehmen: „Haben

Sie das auch eben gesehen, Chakotay?“

„Das habe ich, Captain.“

„Mr. Tuvok.“, sagte Janeway. „Machen Sie die Waffensysteme

feuerbereit, Aktivierung der Panzerung vorbereiten.

Die anderen Schiffe sollen ihre Verteidigungssysteme ebenfalls

unter Energie setzen.“

Tuvok bestätigte und setzte sich mit den anderen fünf

Einheiten ihrer Staffel in Verbindung, um die Instruktionen

weiterzuleiten.

„Der Riss stabilisiert sich!“, rief Paris von der Navigationsstation.

Und tatsächlich, mit einem Mal endeten die Fluktuationen.

Einen Moment lang geschah gar nichts. Janeway

sah nur das gleißen im Zentrum des Risses. Dann kam etwas

mit hoher Geschwindigkeit aus ihm herausgeschossen. Ein

Schiff. Und noch eines. Und dann sehr viele. Auf der anderen

Seite lauerten Hunderte. Vielleicht Tausende. Allesamt Schiffe

der Grez’An. Wie ein gewaltiger Schwarm Heuschrecken

jagten sie aus dem Riss hinaus und verdunkelten den Weltraum

wie eine schwarze, morphende Wolke.

Es gelang einige Hundert Schiffen den Riss zu passieren,

ehe er sich wieder destabilisierte, flackernd zusammenbrach

und plötzlich verschwand, ebenso unangekündigt, wie er gekommen

war.

Bei dem Anblick der Schiffe lief Janeway ein kalter

Schauer über den Rücken. Sie erinnerte sich zurück, wie sie

vor vielen Jahren den Bioschiffen von Spezies 8472 gegenübergestanden

hatten, die auf ganz ähnliche Weise durch viel

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kleinere Risse in den Delta-Quadranten geströmt waren. Aber

dies hier war noch um einiges schlimmer. Viel ... gewaltiger.

Janeway konnte die unglaubliche Bedrohung, die durch den

Schiffen auf dem Sichtschirm ausging deutlich spüren und

beinahe greifen. Bartez hatte absolut recht, dachte sie noch.

Dann konnte sie beobachten, wie sich die Schiffe in Bewegung

setzten.

„Feuerbereit halten!“, befahl sie. Mit einem Male wurde

es hektisch in der Kommandozentrale. Befehle wurden wild

durcheinander gerufen. Auch bei Harry Kim liefen von überall

her Meldungen ein.

„Die Schiffe der Alpha-Staffel haben ihre Triebwerke aktiviert

und begeben sich auf einem Abfangkurs, um sich ihnen

in den Weg zu stellen.“

Die fremden Schiffe glitten in einer schlängelnden Bewegung

mal zur einen, dann zur anderen Seite. Sie Schwärmten

deutlich. Die Einheiten der Alpha-Staffel waren im vergleich

zu den Kreuzern der Grez’An lächerlich winzig. Den

kleinen Jägern waren sie zahlenmäßig weit, sehr weit unterlegen.

Es mussten Tausende sein! Janeway drehte sich besorgt

zu Kim um. „Welchen Kurs nehmen sie auf?“

„Nicht zur Erde.“, verkündete Kim und ein erleichtertes

Aufatmen der Brückenoffiziere schloss sich diesen Worten an.

„Sie bewegen sich geradewegs aus dem System heraus. Der

Schwarm schlägt dabei Haken, der unsere Sensoren verwirrt.

Ich kann ihr genaues Ziel nicht ermitteln.“

Janeway nickte stumm. „Unsere Rufe, Mr. Kim?“

„Keine Antwort auf die Grußbotschaften, Captain. Keine

eigenen Kontaktversuche. Die Schiffe bewegen sich auf die

Alpha-Staffel zu. Ich kann keine erhöhten Energiespitzen in

ihren Waffensysteme messen.“

Chakotay lehnte sich zu ihr herüber und sprach ihre Gedanken

aus „Es könnte ein Trick sein.“

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„Das denke ich auch.“, sagte Janeway und warf ihm einen

kurzen Blick zu. Lauter: „Wir übernehmen den ersten

Zug. Zielerfassung, Mr. Tuvok?“

„Auch unsere Zielerfassungsscanner werden von ihrem

schwärmenden Flugverhalten beeinflusst, Captain. Ich versuche

zu kompensieren. Trefferwahrscheinlichkeit: fünfzig Prozent.

Mehr ist nicht möglich.“

Janeway hielt einen Moment inne. Beinahe schon, als

wolle sie den Moment der Dramatik steigern. Dann rief sie:

„Feuer!“

Und die Schiffe warfen alles in den Kampf, was sie hatten.

Sie setzten Phaser, Photonentorpedos, Quantentorpedos,

Thalmeri- und Sprengladungen ein. Mit einem Wort: sie aktivierten

alle Massenvernichtungswaffen, die sich in ihrem Arsenal

befanden.

Und die Grez’An-Schiffe saugten alles auf. Janeway

glaubte nicht, was sie sah. Sie war fest davon überzeugt, dass

ihre Wahrnehmung nicht den Tatsachen entsprach. Als ob sie

mit Platzpatronen schossen, flogen die Grez’An unbekümmert

weiter. Lediglich ein paar ihrer kleineren Jäger und Einheiten

wurden in kurzen Explosionen zerstört. Ihre Großkampfschiffe,

die sogar einen Borgwürfel problemlos in den Schatten

stellten, flogen unbeeindruckt weiter.

„Wir haben nicht einmal ihre Aufmerksamkeit erregt.“,

flüsterte Chakotay ehrfürchtig. Dieses Eingeständnis war beschämend,

aber es entsprach den Tatsachen. Die Grez’An

zeigten keinerlei Interesse sich der Beta-Staffel, oder der Erde

zu widmen. Sie folgten zielstrebig, aber schwärmend einem

geraden Kurs aus dem System, wobei sie direkt auf die Alpha-

Staffel zusteuerten.

Diese hielt ihr Feuer.

Die Schiffe setzten alles ein, jede Waffe, jede Kanone.

Aber es brachte gar nichts. Bedächtig näherten sich die

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Grez’An. Ihr mächtiger Schatten viel über die winzig wirkenden

Sternenflotteneinheiten.

Sie rückten nicht.

„Kontakt zum Flaggschiff aufnehmen.“, rief Janeway mit

pochendem Herzen. „Sie sollen sich sofort zurückziehen.“

Kim schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich komme nicht

mehr zu Admiral Jellico durch. Zu keinem von ihnen. Die

Grez’An scheinen ein Störsignal in ihrer direkten Umgebung

zu schaffen. Ich kann es nicht durchdringen.“

Die Grez’An-Schiffe kamen der Alpha-Staffel näher.

Noch näher.

Und noch näher.

Janeway lehnte sich auf ihrem Stuhl vor. „Kommen Sie,

Jellico!“, flüsterte sie beschwörend. „Seien Sie kein Narr,

bringen Sie sich in Sicherheit.“

Aber die Schiffe der Alpha-Staffel taten nichts dergleichen.

Sie hielten ihre Position und feuerten weiter, vernichteten

so viele der kleineren Schiffe, wie sie nur konnten. Jellico

war schon immer jemand gewesen, der einfach nicht weichen

konnte, keinen Rückzug kannte. Auch jetzt nicht. Im Kontrollraum

der Voyager hielten alle schockiert den Atem an. Die

Grez’An-Schiffe machten keine Anstalten zu weichen, hielten

direkten Kurs.

Und dann erwachten ihre Waffensysteme. Urplötzlich

lösten sich tödliche Strahlen aus den Waffenrohren der Großkampfschiffe

und spuckten Verderben. Innerhalb von Sekunden

war die komplette Alpha-Staffel vernichtet. Die sieben

Schiffe zerplatzten unkompliziert und so schnell, dass es vorbei

war, ehe man die Tragödie überhaupt richtig erfasste. Die

Grez’An-Schiffe kümmerte dies überhaupt nicht. Sie waren

nicht an der Beta-Staffel, an der Erde, oder an sonst einem

Planeten im Sol-System interessiert. Die Alpha-Staffel hatte

ihnen einfach im Weg gestanden.

22


Der Weltraum verzerrte sich und im nächsten Moment

sprangen die Grez’An auf Warp und verließen das System. Janeway

sagte nichts mehr. Stattdessen ging sie zum Kommandostuhl,

nahm Platz und starrte auf den Sichtschirm.

23


3.

Das Büro des Präsidenten der Erde, lag in einem ruhigen

Flügel des Sternenflottenhauptgebäudes. Das Durcheinander,

welches im Kontrollraum auf der anderen Seite des Gebäudes

herrschte, bemerkte man hier nicht.

Yaresh Inyo lies seinen Blick vom Eifelturm zum Chronometer

wandern. Eine Stunde war inzwischen seit dem Angriff

vergangen, aber noch immer saß der Schock tief. Sieben

Schiffe, innerhalb von Sekunden zerstört. Etliche Tote. Das

war eine Tragödie, wie sie seit Kriegsende nicht mehr stattgefunden

hatte.

Hinter Inyo’s Schreibtisch, hatten sich etliche hochrangige

Offiziere eingefunden. In ihren Gesichtern zeigte sich Besorgnis,

manche hatten ihre natürliche Farbe im Gesicht noch

immer nicht wiedergefunden. Sie schwiegen alle, um den Präsidenten

bei seinem Telefonat nicht zu stören. Auf dem Monitor

vor Inyo war das Gesicht von Kanzler Martok abgebildet.

Ein Mann, der vom Dominion-Krieg gezeichnet war. Etliche

Narben zogen sich über seine wettergegerbte Haut. Sein linkes

Auge fehlte gänzlich. Doch nie hatte Martok im Krieg den

Mut und seinen enormen Optimismus verloren. Nun hingegen

wirkte selbst er äußerst besorgt.

„Doy´yous?“, fragte ihn Inyo.

„In Stücke gesprengt.“, knurrte Martok bestürzt und entblößte

scharfe Zähne. Seine schwarze Mähne geriet ihn Bewegung,

als er den Kopf schüttelte. „Wir waren gerade erst dabei

die Kolonie wieder aufzubauen.“

24


Inyo schloss kurz die Augen, versuchte sich das Leid

vorzustellen, dass den Kolonisten wiederfahren war. So viele

Leben ... dies war tatsächlich ein Desaster. Nach Sinder II nun

auch noch Doy´yous.

„Sie vollbrachten es einfach im Vorbeiflug, mit einem ihrer

stärksten Raumschiffe.“, sagte Martok. „Unsere Verteidigungsflotte

konnte nichts ausrichten und wurde von ihnen völlig

ignoriert, wie Dreck unter Fingernägeln.“ Martok verzog

das Gesicht und fügte noch einige klingonische Flüche hinzu.

Inyo fragte: „Wie viele Schiffe war es?“

„Etwa zwanzig. Bis auf diesen Weltenzerstörer fast nur

kleinere Einheiten. Sie gingen auf Warp, ehe wir die Verfolgung

aufnehmen konnten. Seither sind keine Schiffe mehr

aufgetaucht. Wir ziehen nun unsere gesamte Verteidigungsflotte

ins Reich zurück. Dasselbe sollten sie auch tun.“

Inyo’s Gestalt sackte ein wenig zusammen. „Natürlich.

Im Namen der Föderation drücke ich mein Bedauern für die

Opfer von Doy´yous aus.“

Davon schien Martok aber nicht viel zu halten. „Ich

fürchte es werden nicht die letzten Opfer an diesem sein.“ Er

seufzte. „Als nächstes werde ich mich mit dem hohen Rat über

unser weiteres Vorgehen besprechen.“

„Halten Sie mich auf dem laufenden, Kanzler“, nickte I-

nyo. Martok bestätigte und beendete die Verbindung. Der

Monitor verdunkelte sich und zeigte wieder das Föderationsemblem.

Inyo neigte sich auf seinem Stuhl vor, faltete die

wulstigen Finger und wandte sich den Admirälen zu. „Meine

Damen und Herren, wir haben ein Problem.“

„Nicht nur ein Problem.“, brummte Hank Devenport, ein

untersetzter Admiral. Um seine Worte zu untermauern, reichte

er dem Präsidenten einen umfassenden Bericht der letzten

Feindaktivitäten.

„Seit heute Morgen öffnen sich überall in Föderationsraum

Risse. Ebenso bei den anderen Großmächten. Die meis-

25


ten destabilisieren sich sofort wieder, aber durch ein paar, die

sich für kurze Momente stabilisieren und eine Reise zwischen

den Universen herstellen, können fremde Schiffe in unseren

Raumbereich eindringen, wie wir es vorhin bei der Erde schon

sahen. Alle beschleunigen fast sofort auf Warp und fliegen in

eine bestimmte Richtung.“

„Wohin?“, fragte Inyo lediglich.

„Das wissen wir nicht. Durch ihren Schwarmflug werden

unsere Sensoren verwirrt, wir können kein Ziel ermitteln, aber

sie scheinen alle zum selben Ort unterwegs zu sein. Wo der

liegt, können wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Noch gehen

die Grez’An einem direkten Kampf offenbar aus dem

Weg. Sie attackieren Schiffe und Planeten nur im Vorbeiflug,

zerstören alles, was sich ihnen in den Weg stellt und springen

dann auf Warp. Admiral?“

Devenport übergab das Wort an seine Kollegin Sitak, die

etwas abseits stand und die Hände hinter dem Rücken verschränkt

hatte. Sie sagte: „Wir gehen davon aus, dass sich die

Schiffe zunächst an einem Treffpunkt formieren. Seit dem Erscheinen

des ersten Risses, werden immer mehr entdeckt. Wir

erhalten fast jede Minute neue Sichtungen. Etwas geht vor und

ich nehme an, die Grez’An warten darauf, dass sich die Risse

im Laufe des Tages stabilisieren und mehr Schiffe in den

Quadranten eindringen können.“ Ihre Augen waren während

sie sprach auf einen der Statusmonitore gerichtet. Nun blickte

sie Inyo direkt an. „Sie haben keine Eile.“

Schwerfällig erhob sich Inyo. Er wanderte um seinen

breiten Schreibtisch herum und lehnte sich vor den Admirälen

an die Tischkante. „Was geht hier vor?“

„Der Tag X.“

Alle Köpfe ruckten herum, als Admiral Janeway das Büro

betrat. „Bartez hat uns davor gewarnt.“, sagte sie. „Nun ist

es soweit. Die Barriere, die die Grez’An bisher daran hinderte,

in den Alpha-Quadranten einzufallen, verliert zweifellos E-

26


nergie und bricht an mehreren Stellen bereits zusammen. Nur

so lässt sich erklären, woher die interdimensionalen Risse

stammen und warum sie erst jetzt auftreten. Und in dieser Anzahl!

Es sind Risse in der Barriere, die sie in ihr eigenes Universum

einsperrt, meine Damen und Herren.“

Inyo begann sich am faltigen Kinn zu kratzen. „Was sagten

Sie vorhin, Mr. Devenport? Überall im Quadranten?“

„Jawohl, Sir.“, bestätigte Devenport. „Eines unserer

Schiffe hat es vor vier Jahren in deren Universum geschafft

und konnte dabei Daten aufzeichnen. Wenn die kartographischen

Messdaten die wir dadurch gewonnen haben tatsächlich

stimmen sollten, dann bahnt sich eine Katastrophe an, Mr.

President. Das Taschenuniversum der Grez’An, nimmt demnach

in etwa denselben Raumbereich des Alpha-Quadranten

ein, nur Phasenverschoben. Wenn es stimmt und diese ... diese

Barriere verfällt, können sie überall in die Föderation gelangen.“

Er reichte dem Präsidenten einen weiteren Datenblock,

auf dem alles genauer Beschrieben war. Obwohl Inyo die Rede

von Captain Bartez damals genau angehört hatte und im

Grunde wusste, worum es ging, las er sich den Bericht nochmals

durch.

Es sah nicht gut aus.

„Wie viel Zeit bleibt uns?“, sah er schließlich auf.

Devenport scharrte mit dem rechten Stiefel über den Boden

und spitzte die Lippen. „Unmöglich zu sagen. Vielleicht

Tage, vielleicht nur Stunden. Aber es beginnt. Wir ... sind darauf

nicht vorbereitet.“

Inyo fröstelte beim letzten Satz. Natürlich waren sie nicht

vorbereitet. Sie waren gewarnt worden, hatten aber nichts unternommen.

Wieso auch? Kaum jemand hatte den Worten von

Captain Bartez geglaubt. Zu phantastisch hatten seine Berichte

und Reden geklungen, zu weit hergeholt. An Bord seines

Schiffes waren immer wieder Dinge geschehen, unter denen

seine Glaubwürdigkeit im Flottenkommando arg litt. Seine

27


Berichte wurden vielerorts für falsch, oder zumindest übertrieben

gehalten. Erst recht bei dieser Sache hier.

Inyo ächzte schwer. „Ziehen Sie alle verfügbaren Schiffe

in den Föderationsraum zurück. Sie sollen unsere empfindlichsten

Stellen verteidigen.“

Janeway verlagerte ihr Gewicht von einem Bein zum anderen.

Sie brannte darauf etwas loszuwerden. Als er den Datenblock

zurück gab, konnte sie sich nicht länger halten.

„Entschuldigen sie die Formulierung, Mr. President, aber

das ist absoluter Wahnsinn. Diese Vorgehensweise kommt einem

Selbstmord gleich. Wenn wir in unseren Raum weichen

und tatenlos herumsitzen, erreichen wir dadurch gar nichts.

Ich bin hergekommen, um Sie dringend aufzufordern, die

Flotte für einen Gegenschlag zu mobilisieren.“

Ein Raunen ging durch das Büro.

„Für einen Gegenschlag?“, wiederholte Devenport und

sah sie dabei an, als wäre ihr gerade ein zweiter Kopf gewachsen.

„Wir wissen nicht einmal, wohin sich deren Schiffe überhaupt

absetzen, sobald sie aus den Rissen kommen und auf

Warp gehen. Wie sollen wir da einen Gegenschlag ausführen?

Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir ihnen Waffenund

Zahlenmäßig weit unterlegen sind.“

„Captain Bartez wird die Lösung haben.“, antwortete Janeway.

„Wir sollten ihm so viele Schiffe wie möglich zur Unterstützung

senden.“

Aber Devenport rümpfte kopfschüttelnd seine knollige

Nase. „Captain Bartez hat seit seinem Dienstantritt mehr Probleme

verursacht, als gelöst. Die Richtigkeit viele seiner Missionsberichte

und Logbücher darf angezweifelt werden. Oder

glauben Sie tatsächlich daran, dass er der ... Auserwählte“, er

sprach das Wort bewusst hochtrabend aus. „ ...der längst untergegangenen

Tkon-Kultur ist, so wie er behauptet? Woher

sollen wir wissen, was an seinen Berichten wirklich stimmt?“

28


Janeway zog die Brauen zusammen und deutete zum

Fenster hinaus „Weil die Grez’An, vor denen er uns warnte,

da draußen sind und sich gerade für einen Schlag gegen den

Alpha-Quadranten mobilisieren.“

Devenport seufzte. „Er hat eine Zentralstadt der Tkon gefunden,

ja. So viel ist sicher. Und vielleicht stimmt es sogar,

dass die ihm dort irgendetwas in den ... in den Kopf gesetzt

haben, wie er behauptet aber selbst wenn dem so ist, kann ich

nicht glauben, dass ausgerechnet er eine Schlüsselfigur in dem

aufkommenden Konflikt darstellen soll. Es könnte vieles

falsch überliefert, oder zumindest übertrieben sein.“

Janeway war fuchsteufelswild. „Sie würden die Gefahr in

der wir schweben offenbar nicht einmal erkennen, wenn auf

einem der Schiffe gewesen wären und gesehen hätten, wie

mühelos die Alpha-Staffel vernichtet wurde.“

„...Bitte.“, hob Inyo beschwichtigend die Hände. Hinter

seinen Schläfen pochte ein enormer Schmerz. „Bleiben wir

sachlich. Admiral Sitak, die USS Starfury steht unter ihrer

Missionskoordinierung und Sie kennen Captain Bartez vielleicht

besser als jeder andere hier im Raum. Ich würde gerne

Ihre Meinung zu dem Thema hören. Ist Bartez Vertrauensselig?

Weiß er, was wir tun können? Und soll ich ihm etwa

Schiffe, die bei der Verteidigung empfindlicher

Föderationsanlagen von entscheidender Bedeutung sein

könnten, zur Verfügung stellen, damit er ... was tut?“

Sitak hob eine Braue. „Eine schwerwiegende Entscheidung,

Mr. President. Unsere Welten verteidigen, in der Hoffnung,

nicht von den Grez’An überrannt zu werden, oder versuchen

einen anderen Weg zur Abwendung der sich anbahnenden

Katastrophe finden, auch wenn wir dadurch den Föderationsraum

größtenteils schutzlos zurücklassen müssen. Ich

neige dazu, Admiral Janeway beizupflichten. Wir sollten Captainn

Bartez unterstützen. Ich persönlich schenke seinen Ausführungen

über eine alte Voraussage der Tkon Glauben. Er hat

29


mehr als einmal bewiesen, die Grez’An stoppen, oder zumindest

in Schach halten zu können. Nur, allein wird er es vielleicht

nicht schaffen.“

Inyo rieb sich die müden Augen und dachte einen Moment

nach. Solch einen Vorschlag von der Vulkanierin zu hören,

hätte er nicht gedacht „Wir geben ihm also die Schiffe die

wir haben und brechen ... nach wo auf? Um was zu tun? Und

was passiert in der Zwischenzeit mit unseren Kernwelten? Die

Erde, Vulkan, Andoria ... alle werden ohne Schutz und in der

Erwartung von weiteren Rissen einer enormen Gefahr ausgesetzt.

Sollten wir das tun?“ Er sah Sitak ernst an. „Ich glaube

nicht. Man gibt dem größeren Kerl an der Schule keins auf die

Nase, ehe man nicht genau weiß, dass er einen bedroht.“

Janeway protestierte. Admiral Devenport wollte sie mit

einem scharfen Blick zum Schweigen bringen, aber sie ignorierte

ihn. „Mr. President, das ist ein fataler Fehler. Geben Sie

uns nur ein paar Schiffe! Wir brechen unverzüglich zur Starfury

auf. Nur ein Paar!“

Inyo deutete zum Fenster. Die Sonne schien herein. In

den Straßen von Paris gingen etliche Lebewesen friedlich ihren

Beschäftigungen nach. „Die Bürger der Föderation schutzlos

zurückzulassen - das wäre Fatal, Admiral! Mein Entschluss

steht fest; ich werde keine Schiffe entbehren, nicht ein

einziges. Vielleicht gibt es andere Wege aus dieser Misere.

Womöglich gelingt es uns mit ihnen zu kommunizieren und

Frieden auszuhandeln. Sollten die Grez’An uns - entgegen aller

Hoffnungen - den Krieg erklären, dann werden wir ihnen

im Föderationsraum gegenübertreten. In einer geschlossenen

Verteidigungslinie.“

Der Präsident hatte gesprochen und damit war die Diskussion

beendet. Er lies Janeway stehen und wandte sich den

anderen zu. „Mr. Devenport, leiten Sie eine Sitzung des Krisenstabs

ein, wo wir unser weiteres Vorgehen nochmals überdenken

und genau planen. Und bereiten Sie die Nachrichten

30


vor, ich muss zur Föderation sprechen. Die Bürger da draußen

werden völlig verängstigt sein, wenn die Nachrichten über

das, was hier vor sich geht, zu spekulieren beginnen. Sagen

wir ihnen lieber gleich die Wahrheit.“

Damit trat er aus dem Büro heraus und lies Janeway allein

zurück. Die anderen Admiräle folgten ihm. Lediglich Sitak

blieb noch einen Moment und wandte sich an ihre Kollegin.

„Das wird auf einen Krieg hinauslaufen.“

Janeway nickte geistesabwesend. „Einen den wir nicht

gewinnen können.“ Sie blickte auf. „Wenn es stimmt, was

Bartez sagt – und das glaube ich – dann bereiten sich die

Grez’An in ihrem Taschenuniversum seit Tausenden von Jahren

auf eine Invasion vor. Ihre Streitmacht muss gewaltig sein.

Mit den Schiffen die wir haben, können wir den Föderationsraum

nicht verteidigen. Unmöglich.“

„Woher nehmen wir die Sicherheit, dass Captain Bartez

Sie aufhalten kann?“

Nun lehnte sich Janeway gegen den Schreibtisch des Präsidenten

und starrte ins Leere. „Er bietet uns keine Sicherheit,

Sitak. Er ist unsere letzte Hoffnung.“ Es war kaum zu glauben.

Soviel hatten sie alle durchgestanden. Nicht nur Janeway und

ihre Crew, als ihr Schiff im Delta-Quadranten gestrandet war,

nein, sondern auch die Sternenflotte im Dominion-Krieg. Sie

hatten in unzähligen Schlachten für die Freiheit gekämpft,

doch gegen die Grez’An wirkte das alles wie Sandkastenrangeleien.

Sollte das alles wirklich verloren sein? Alles wofür

sie gekämpft und gelitten hatten? So urplötzlich aufgetaucht,

aus dem heiteren Himmel, war die Gefahr durch die Grez’An

so enorm und real, dass es fast schon wieder surreal war.

„Er benötigt Unterstützung, Sitak. Wie ich Bartez kenne,

wird er dem Rückzugsbefehl in Föderationsraum sowieso

nicht nachkommen und auf eigene Faust die Invasion abzuwenden

versuchen.“

Sitak überlegte einen Moment und hob dann eine Braue.

31


Sie sagte: „Wenn Captain Bartez unserem Befehl nicht

nachkommt ... dann vielleicht nur, weil er ihn nicht erhalten

hat. Womöglich ein Defekt der Empfangseinheiten seines

Schiffes. Die USS Starfury ist ein schwer bewaffnetes Schiff,

klein, aber gut bestückt und für die Verteidigung der Kernwelten

unverzichtbar.“

Zuerst begriff Janeway nicht, worauf Sitak hinauswollte,

erkannte es dann aber an ihrem verschwörerischen Tonfall.

„Dann sollten wir ihm ein Schiff schicken, das der Starfury

den Befehl persönlich überbringt und ihre Rückkehr zu

den Verteidigungslinien sicherstellt.“

„Exakt mein Gedanke. Wäre die Voyager startklar?“

Janeway nickte unverzüglich. „Wir können sofort aufbrechen,

Admiral“

„Sehr gut.“, sagte Sitak. Und ein hauchdünnes Lächeln

umspielte ihre Lippen.

Woanders im Quadranten, blickte Oruna, Kader der

Gorn, nachdenklich von einem Sichtfenster des Hauptturms,

am neuen Palast, in den Nachthimmel hinauf. Eine Anomalie

flackerte dort oben, ohne sich wirklich zu bilden. Es war bereits

die dritte im Territorium der Gorn. Ihre Konturen waren

am Nachthimmel deutlich zu erkennen. Eigentlich wunderschön,

aber doch so enorm todbringend. Oruna wusste was

dies bedeutete. Der Tag, vor dem er sich fürchtete, war eingetroffen.

Er sah wieder hinab auf die Hauptstadt. Dutzende Transportschiffe

landeten, luden Passagiere ein und flogen wieder

davon. Die beiden Hauptwelten Jura und Trias wurden binnen

kürzester Zeit unbewohnter. Lange lies Oruna seinen Blick

über die Gebäude streifen und versuchte sich den Ausblick

genau einzuprägen, als würde er dies nicht wiedersehen. Viel-

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leicht traf diese Einschätzung sogar zu. Oruna wollte das Territorium

nicht zurücklassen. Aber er erkannte die Notwendigkeit

in dem Unterfangen. Sie mussten es einfach tun, mussten

ihre Heimat schutzlos zurücklassen, um ... ja, um sie zu schützen.

Hinter ihm öffnete sich knarrend die Tür. Ohne sich umdrehen

zu müssen, wusste Oruna, dass Kriegsherr Izilon in

Oruna’s Gemächer eintrat. „Es ist soweit, nicht wahr, Izilon?“,

fragte er.

„Ja.“, antwortete Izilon mit tiefer Stimme. „Die Flotte ist

bereit. Wir können in Kürze aufbrechen.“

„Wie schreitet die Evakuierung voran?“ Izilon brummte

und trat zu ihm an das Fenster, um ebenfalls hinauszuschauen.

„In zwei Stunden ist sie vollzogen. Jeder Mann, jede

Frau, jedes Kind, dass eine Waffe tragen kann und zum

Kampf fähig ist, wird auf die Kreuzer gebracht. Alle anderen

Bürger ziehen sich nach Tyrannos zurück, wo sie einen Verteidigungsperimeter

aufbauen werden.“

Oruna nickte. Beide schwiegen lange. Nach einer Weile

sagte Oruna: „Wir werden unsere Heimat also einfach so verlassen?

Eine ... eine Geisterwelt daraus machen?“

„Wenn wir es nicht tun, machen wir eine Welt der Toten

daraus.“

„Sicher.“, seufzte Oruna und legte seinem Stellvertreter

eine klauenbewehrte Hand auf die Schulter. „Ich wollte es nur

noch einmal von dir hören.“ Er sah noch einmal hinaus, über

die Ebene und dann zum Himmel, wo die Barriere aufflackerte.

Dann wandte er sich davon ab. „Lass uns zum Schiff gehen

... und die Galaxie retten.“

33


4.

Donnergrollen erfüllte die Luft. Blitze zuckten irgendwo

am Himmel und ließen die dichte, niedrige Wolkendecke aufleuchten.

Kein Wind ging. Kein anderes Geräusch war zu hören.

Nur das stetige Donnergrollen. Nebel wanderte knöchelhoch

über die felsige Erde, aus denen große kristalline Formationen

in den Himmel wuchsen. Sie bedeckten überall auf den

Planeten der Tkon die ganze Oberfläche und sogen eine unbestimmte

Energie aus ihrer Umgebung ab. Dadurch wandelten

diese kristallinen Formationen jeden einzelnen Außenposten

der Tkon in einen einzigen, großen Kollektor. Alle Außenposten

waren miteinander verbunden und bildeten zusammen ein

gewaltiges Netzwerk. Aber aus welchem Zweck - darüber

konnte man nach wie vor nur spekulieren.

Inmitten dieser Kristalle stand ein Mann.

Matthew Bartez erkannte sofort, dass er sich auf einer

Welt der Tkon befand. Auf einer fiktiven, die nur in seinem

Kopf existierte - dort, wo das gesamte Wissen ihrer Zentralstadt

vor beinahe vier Jahren in sein Gehirn überspielt worden

war.

Wie die Tkon dies angestellt hatten, wusste er nicht genau.

Er war damals - nach Entdeckung der Stadt, und kurz vor

ihrer Vernichtung - bei einer Erkundungsmission in einem der

kuppelförmigen einfach zusammengebrochen, nachdem er

dort einen Altar berührt hatte. Lange Zeit hatte er auch gar

nicht gewusst, dass die Tkon ihm dort etwas in den Kopf überspielt

hatten. Dies war ihm erst sehr viel später von ihnen offenbart

worden. Er verfügte auch nicht über einen freien

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Zugriff auf dieses Wissen. Die Sache verhielt sich eher andersherum:

das Wissen arbeitete wie ein autonomes Programm,

wie eine eigenständige Intelligenz, die sich ihm entzog

und nur von Zeit zu Zeit in Visionen und Träumen bei

ihm meldete. Und zwar Interaktiv mit einem Vertreter der

Tkon. Auf einer Welt der Tkon war Bartez aber nur einmal in

seinen Visionen gewesen. Und damals hatte ihm eine große

Prüfung bevorgestanden.

Er sah sich um.

Ja. Ja, er kannte diesen Ort. Vor ein paar Monaten hatte

Bartez sich schon einmal hier befunden, kurz nach einem physischen

und psychischen Zusammenbruch. Er hatte harte Zeiten

durchgemacht und das Programm, oder das Wissen – wie

auch immer man es nennen wollte – in seinem Kopf, hatte ihn

immer dann wieder auf die Beine geholfen, wenn er geglaubt

hatte, nicht mehr wieder aufstehen zu können.

Auch heute erstreckte sich hier außer ödem Fels und den

Kristallen weit und breit rein gar nichts, außer... außer dem

gewaltigen Turm, der vor ihm in die Höhe ragte - so hoch,

dass seine Spitze irgendwo in den tiefhängenden Wolken verschwand.

Seine wahren Ausmaße konnte man lediglich erahnen.

Der Antwortendom, dachte Bartez ehrfürchtig. Wie damals

auch, trat Xardas, in Kapuze und Robe gehüllt, aus dem

Eingang des Turmes heraus. Doch diesmal kam er nicht zu

Bartez, sondern winkte ihn zu sich. Bartez schluckte. Wenn

sie sich tatsächlich in den Turm begaben, dann bedeutete dies-

„Wir sind am Ende des Weges angelangt.“, bestätigte

Xardes seine Befürchtung. Bartez nahm die Information besorgt,

aber ruhig auf. Er akzeptierte es. Ganz einfach. In den

vergangenen fünf Jahren hatte er es die Tkon, ihr Wissen und

ihre Prophezeiungen auch oft genug nicht ernstgenommen, nur

um immer wieder eines Besseren belehrt zu werden. Er hatte

sich auch dagegen gewehrt und lange Zeit kein Teil davon

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sein wollen aber es war sein Schicksal. Inzwischen gab es

längst keinen Grund mehr den Worten der Tkon nicht zu glauben.

Alles, was sie bisher vorhergesagt hatten, war tatsächlich

eingetroffen.

„So früh schon?“, fragte er lediglich und empfand Bitterkeit.

Xardes nickte sanft und lächelte väterlich. „Komm, tritt

ein. Es wird Zeit dir die letzten, Antworten zu geben.“

„Die Barriere bricht also zusammen.“

Xardes nickte. „Und die Grez’An formieren sich zum

letzten entscheidenden Schlag.“

Als sie eintraten, blinzelte Bartez verwirrt. Er hatte eine

Menge erwartet, sich viel vorgestellt, wie es im innern aussehen

würde, aber damit hatte er nicht gerechnet. Denn im Innern

des Antwortendoms erwartete ihn...

...nichts.

Sie wurden von einer gähnenden Leere verschluckt. Er

sah keine Wände, keine Konturen, keine Decke. Lediglich einen

geheimnisvoll erleuchteten Schacht in der Mitte, der weit

hinauf in die Dunkelheit führte. Xardes bedeutete ihm sich in

den Schacht zu stellen und folgte ihm dann hinein. Die Tür

schloss sich und Bartez spürte ein kurzes Rucken. Sie fuhren

nach oben. Es handelte sich um einen Aufzug.

„Xardes, ich bin noch nicht bereit dazu die Endschlacht

zu schlagen.“, brach Bartez nach einer Weile das Schweigen.

„Doch, das bist du.“

„Nein, das denke ich nicht. Ich habe weder die anderen

Acht Mitstreiter alle gefunden, noch eine eigene Flotte aufgestellt.

Ich weiß ja nicht einmal, was ich genau tun, was das für

eine Waffe ist, nach der ich suchen sollte.“

Xardes ignorierte sein Flehen und Bitten. „Das ist nicht

wichtig.“, sagte er. „Das Schicksal wird alles zusammenfügen.

Einzig auf dich kommt es an, Matthew Bartez. Auf deine Bereitschaft

das umzusetzen, was ich dich lehrte.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

36


„Du hast keine gestellt.“ Xardes lächelte matt. „Du wirst

mit deinen Mitstreitern nach Feodora aufbrechen und dort die

alles entscheidende Wende bringen müssen.“

„Wir müssen die Grez’An dort besiegen.“, fasste Bartez

für sich zusammen.

„Die Grez’An sind aber nicht das einzige, was euch dort

erwartet.“

Bartez legte die Stirn in tiefe Falten und versuchte etwas

aus dem faltigen Gesicht des alten Mannes herauszulesen.

„Ihre Schöpferin?“

Während Xardes nickte, erreichte der Aufzug sein Ziel.

Lautlos und überraschend sprunghaft, glitt er in einen kreisrunden

Kuppelraum, nicht größer als der Kontrollraum der

Starfury. Das flackernde, rote Feuer von zahlreichen Fackeln

erfüllten ihn mit einem diffusen Licht. Die hellgelben Sandsteinwände

der Kuppel waren voller Zeichnungen, wie Höhlenmalereien

der Neandertaler. Nur weitaus feiner und geordneter.

Xardes weitete die Arme und hielt sie hoch über dem

Kopf. Er sah ehrfurchtgebietend zur Decke und seine Stimme

besaß plötzlich einen seltsamen Hall, als er sprach. Sie klang

nicht mehr normal, nicht mehr ... menschlich. Sondern mystisch

und mächtig. Enorm mächtig!

„Dies ist der Antwortendom!“, verkündete er. „Hier haben

unsere besten Künstler die Geschichte der Tkon visualisiert.

Und noch während wir uns unterhalten...“, er deutete auf

die einzige Wandstelle im Raum, deren Fläche noch völlig

unberührt war. „...wird die Geschichte der letzten Schlacht

hier verewigt.“

Er lies die Hände wieder sinken und deutete in einer ausschweifenden

Geste auf die Wandgemälde ringsum. „Hier gibt

es viele Geschichten, aber die, von der ich dir erzählen werde,

begann vor über 600 000 Jahren.“ Bartez folgte seinem Blick

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und entdeckte etwas, das wie ein Auge aussah. Ein Auge aus

dem Schiffe hinausflogen, direkt auf einen nahen Planeten zu.

Und Xardes sprach: „Als sich der Riss zum ersten Mal

öffnete, hat es unser Leben komplett verändert. Den Schiffen,

die auf unserer Heimatwelt landeten, entstiegen mächtige Soldaten.

Soldaten, die von einem Taschenuniversum jenseits des

Risses stammten. Ein Universum, dass sie alleine bevölkern.“

Als nächstes deutete er auf eine Zeichnung, die einem

normalen Grez’An sehr nahe kam. Neben der blutroten Gestalt

lagen etliche Personen auf dem Boden – tot.

Und Xardes sprach: „Sie nannten sich die Legion. Sie

wollten Teile unseres Raumes. Wir gaben sie ihnen. Sie wollten

unsere Dienste. Wir gaben sie ihnen auch. Dann wollten

sie unser Blut. Dafür ... mussten sie kämpfen!“

Er schloss bitter die Augen. Vielleicht sah er die Tragödie

vor seinem inneren Auge erneut ablaufen. Bartez konnte es

nicht genau sagen, aber Xardes war betroffen. Als er seine

Augen wieder öffnete, besaßen sie einen feuchten Glanz und

er sprach ein wenig leiser.

„Es war ein Blutbad. Wir hatten keine Chance gegen ihre

Angststrahlen und Rüstungen. Am ersten Tag wandelten sie

die Sonne unseres Heimatplaneten zu einer Nova. Das markierte

den Beginn des Krieges. Ihre Schiffe kamen aus unzähligen

weiteren Rissen, brachten Tod und Verderben. Die meisten

der Bewohner der Milchstraße wurden binnen kürzester

Zeit dahingemetzelt. Verzweifelt schlossen sich die noch freien

Völker, zu denen auch wir gehörten, zu einer alliierten

Streitmacht zusammen und nahmen den Kampf auf.“

Bartez wurden weitere Wandtafeln gezeigt. Mehr Tote,

mehr Schiffe.

Und Xardes sprach: „Wir fanden schnell heraus, wer sie

wirklich waren. Hass ist ihr Glaube und Ursprung, Eroberung

und Neubesiedelung der Milchstraße ihre Aufgabe. Sie kennen

keine Gnade, kein Erbarmen. Tausend jahrelang führten sie

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erbitterten Krieg gegen die Galaxie, überschwemmten unsere

Welten wie Insektenschwärme. Kurz vor dem Verlieren des

Krieges, unternahmen die verbliebenen Alliierten einen letzten

Versuch die Legion auszusperren und sie in ihr eigenes Taschenuniversum

zu verbannen, von wo sie gekommen waren

und ihren Nachschub bezogen. Der Plan gelang. Unsere Flotte

lenkte sie ab, während wir anderorts eine magische Barriere

errichteten, die sie von uns fernhalten sollte. Doch nach

Kriegsende mussten wir den Preis zahlen. Die Milchstraße war

ein Trümmerhaufen. Unsere Planeten zerstört die letzten

Überlebenden des zermürbenden Kampfes überall zerstreut.

Unsere Völker waren dem Untergang geweiht. Unsere

Geschichte sollte in Vergessenheit geraten. Aber dies hatten

wir vorausgesehen und Vorkehrungen getroffen. Wir hatten

jemanden in unserem Netzwerk hinterlassen – einen Wächter -

, um sechshunderttausend Jahren später den nichtsahnenden

Bewohnern der Milchstraße zu helfen, sich gegen die Legion

zu verteidigen. Dann, wenn die Energie, die die Barriere

aufrecht erhält, aufgebraucht ist.“

Bartez braucht nicht auf die grobe Zeichnung eines alten

Tkon in schwarzer Kapuze zu schauen, um zu wissen, wen

Xardes meinte.

„Du. Dich hat man uns hinterlassen.“

„Mich und das Netzwerk aus verborgenen Tkon-

Außenposten und Technologien.“, nickte Xardes zu weiteren

Bildern von etlichen Planeten.

Bartez zog die Stirn kraus. „Wie konnte das alles nur in

Vergessenheit geraten? Wir haben aus verschiedenen alten

Datenbanken und Archiven herausgefunden, dass es einst das

mächtige Tkon-Imperium mit mehreren Billionen Einwohnern

gegeben hatte und dass sie – ähnlich der Föderation – einen

Grossteil des Alpha-Quadranten bevölkerte und über mächtige

Technologien verfügten. Aber wir nahmen an, das Impierium

wäre an der Supernova zugrunde gegangen.“ Er grübelte.

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„Geschichte, die so lange zurückliegt, gerät leicht in Vergessenheit.“,

sagte Xardes. „Bedenke: der Kampf gegen die

Legion forderte unzählige Opfer auf unzähligen Welten und

nachdem er vorüber war, war die Milchstraße so gut wie leergefegt.

Es blieb fast niemand übrig, der die Geschichte weitergeben

konnte. Unsere Archive wurden begraben, die Außenposten

getarnt. Übrig blieben größtenteils nur mündliche Ü-

berlieferungen und solche verändern sich schnell.“

Bartez fragte: „Und euer Netzwerk aus Außenposten sollte

sich erst fünf Jahre vor der Invasion wieder aktivieren?“

„Schon vorher.“ Xardes deutete auf eine Zeichnung mit

Sternenflottenoffizieren. Die Uniformen die darauf zu sehen

waren, waren noch gar nicht so alt. Einen der Männer auf der

Zeichnung glaubte Bartez sogar zu erkennen.

„Will Riker?“

„Ich ruhte, ehe die Richtigen kommen sollten um mich

aus meinem langen Schlaf zu erwecken. Die Reaktivierungsphase

des Netzwerkes sollte eine Weile dauern, weißt du?

Will Riker und die anderen fanden mich - wie vorausgesehen -

auf Netzwerkportal 63 und erwiesen sich als würdig. Die

Menschheit erwies sich als würdig. Du bist mit Sun Tzu vertraut,

nicht wahr?“

Bartez runzelte die Stirn. „Das war ein antiker chinesicher

Philosoph, dessen Schriften noch immer an der Akademie

der Sternenflotte gelehrt werden. Einer seiner Lehren war

glaube ich: Kenne deinen Feind und kenne dich selbst und der

Sieg wird deiner sein.“

Xardes nickte geheimnisvoll und in seinen Augen blitzte

etwas auf, das Bartez nicht recht deuten konnte. Er fragte sich

auf einmal, wieso ihn Xardes überhaupt gefragt hatte, ob er

Sun Tzu kannte, denn der Tkon besaß uneingeschränkten

Zugriff auf all seine Gedanken und alle Informationen in seinem

Hirn. Also ging Bartez davon aus, dass Xardes ihm gerade

einen entscheidenden Hinweis gegeben hatte.“

40


„Erst später, sollte ich auf dich treffen.“, fuhr Xardes fort.

„Ihr habt lange gewartet.“

„Ja, das haben wir. Tkon-Technologie ist sehr Kraftvoll,

weißt du? Wir besitzen die Macht ganze Sternensysteme zu

verschieben, Barrieren zu errichten und sehr viel mehr. Etwas,

was ein sich gerade entwickelndes Universum missbrauchen

könnte.“

„Verstehe.“, äußerte Bartez.

„Wir stellten sicher, dass ich erst in Erscheinung trete,

wenn der Auserwählte kommt.“

„Halt!“, sagte Bartez. „Das ist der Teil den ich nicht verstehe.

Wieso ich? Woher glaubt ihr zu wissen, dass ich der

Auserwählte bin?“

Der Tkon deutete lediglich auf ein weiteres Wandbild.

Dort war ein seltsam geformter, fast ovaler Stein mit einem

breiten Loch inmitten einer Ruine abgebildet. Bartez glaubte

das Ding zu erkennen.

„Der Wächter der Ewigkeit?“

„So ist es. Der Wächter der Ewigkeit hat dich als den

Auserwählten identifiziert, als du hindurchgesprungen bist. Er

erkannte dein Potential.“

„Wow, wow, wow.“, machte Bartez und hob die Hände,

als würde er etwas abwehren wollen. „Mal langsam, ganz

langsam! Das ist unmöglich. Ich bin vor ganz genau vier Jahren

durch den Wächter der Ewigkeit gesprungen.“

„Da hat er dich analysiert.“, nickte Xardes.

„Ja, aber das war vor vier Jahren, Xardes. Vier! Wie

konntet ihr also vor 600 000 Jahren von mir wissen?“

Ein Lächeln zauberte sich in Xardes’ Gesicht. „Der

Wächter der Ewigkeit existiert außerhalb von Zeit und

Raum.“, erklärte er. „Für ihn gibt es keinen linearen Verlauf

der Zeit, er kann beliebig von Morgen ins Gestern springen. Er

ist der Wächter.“

41


„Lass mich sehen, ob ich das verstanden habe.“, sagte

Bartez und versuchte die Kopfschmerzen zu ignorieren. „Der

Wächter der Ewigkeit hat unser Ende – das Ende meiner Generation

und allen Lebens in der Milchstraße - in der nahen

Zukunft gesehen, dann vor vier Jahren erkannt, dass ich die

dies verhindern könnte und euch dann vor 600 000 Jahren gesagt,

ihr solltet euch um mich kümmern und mich vorbereiten,

damit eben jenes Ende, das er gesehen hat, gar nicht stattfindet?

Ist das so richtig?“

„Du begreifst tatsächlich.“

„Dann hat er also in der Zeit eingegriffen, oder? Er manipuliert

die Zeitlinie so, dass wir gewinnen oder?“

Xardes’ Lächeln verschwand aus seiner Mine und er

schüttelte ernst den Kopf.

„So einfach ist es nicht, Matthew Bartez. Der Sieg steht

nicht fest. Wir können noch immer verlieren.“

Bartez wurde ungeduldig. „Ist es zu spät?“

„Die Legion muss sich zunächst aus ihrem Universum

befreien. Erst wenn du die Barriere mit neuer Energie aus der

ultimativen Waffe fütterst, werden wir siegreich aus diesem

Tage hervorgehen.“

Bartez blickte wieder zur ersten Zeichnung mit der Abbildung

des Monsters. „Die Grez’An.“, wiederholte er besorgt

im Wissen um seine Aufgabe.

„Dies ist nur einer ihrer Namen.“, nickte Xardes. „Deren

Geschichte beginnt vor dem letzten Urknall, als unser Universum

noch gar nicht existierte. Sie entspringen Chaos. Wesen

von immenser Macht. Ordnung verbannte Chaos aus ihrer Zeit

in das Universum vor uns. Dort, wo Chaos vernichtet wurden

– bis auf eine. Dieses eine Wesen schuf sich ein eigenes Taschenuniversum,

wo sie dem Zorn der Ordnung entgehen

wollte und geduldig den Urknall abwartete - einzig von dem

Willen getrieben, das neuentstandene Universum mit einer eigenen

Spezies aufzubauen und zu bevölkern. Ein Evolutions-

42


experiment, wie wir vermuten. Warum dieses Wesen die Galaxie

wirklich neu bevölkern wollte, wissen wir nicht, ihre

Gründe blieben uns immer verborgen. Vielleicht um sich an

Ordnung zu rächen.“

„Ordnung und Chaos sind zwei Spezies?“, fragte Bartez.

„Zwei Mächte.“, antwortete Xardes geheimnisvoll.

„Und diese eine, die Überlebt hat?“

„Die Schöpferin der Grez’An. Dort, schau her.“

Bartez kniff die Augen zusammen, als er auf die nächste

Zeichnung blickte. Es traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht, als

er die Abbildung der achtbeinigen Schöpferin der Grez’An sah

– ein Wesen, dass nicht nur entfernt an eine Spinne erinnerte.

„Bilika.“, flüsterte er.

Xardes fuhr fort : „Es dauerte seine Zeit, aber ihr Experiment

glückte und ihm entsprangen mächtige Humanoide,

wie geschaffen für die Milchstraße und deren Welten der

Minshara-Klasse.“

„Die Rontarianer.“, blinzelte Bartez bei der nächsten

Zeichnung. Es bestand kein Zweifel, er sah alle markanten Eigenarten

dieser Spezies. Der große Kopf, die Fühler am Nacken

– einfach alles stimmte.

Xardes nickte. „Die Rontarianer – wie ihr sie nennt, ja.

Aber sie enttäuschten aus unbekannten Gründen ihre Schöpferin.

Manche sagten, die Rontarianer seien für ihren Geschmack

nicht mächtig genug, obwohl wir das nicht glauben.

Die Psi-Kräfte, die tief in ihnen schlummern, befähigen sie zu

unvorstellbaren Dingen. Andere sagten, die Rontarianer seien

deswegen von ihrer Schöpferin verstoßen worden, weil sie im

Kern gute Wesen waren. Intelligent, zu Philosophie fähig und

nicht von Natur aus Boshaft. Eine Einschätzung, die wir teilen.

Die Rontarianer waren speziell für dieses Universum erschaffen

und darauf zugeschnitten worden und in diesem Universum

gibt es keine absolute Boshaftigkeit, wie in der Welt,

aus der die Schöpferin entsprang. Sie hatte ihre Schöpfung

43


vielleicht zu gut angepasst. Also verstieß die Schöpferin – Bilika,

wie ihre eigene Spezies genannt wird – die Rontarianer,

überlies sie sich selbst und zog sich in ihr Universum zurück.“

„Und die Rontarianer entwickelten sich ohne ihre Schöpferin,

die sie noch heute als gutartige Schutzgöttin verehren.“

„Genau“, bestätigte Xardes. „Aber das war nicht das Ende,

Bilika gab nicht auf. In ihrer Welt begann sie ein zweites

Experiment. Sie schuf die Grez’An aus Hass, zur endgültigen

Eroberung unseres Universums. Doch auch zur Schaffung der

Grez’An brauchte sie eine Weile. Damals, bei ihrem ersten

Angriff unterschätzte sie die Schnelligkeit der Natur und rechnete

nicht damit, dass inzwischen so viele Wesen auf ganz natürlichem

Wege entstanden waren, die bereits den Weltraum

bereisten und Imperien erbauten. Sie unterschätzte uns. Bilika

erlitt einen Rückschlag. Wir sperrten sie aus. Während die

Milchstraße leer war und die Natur von neuem beginnen

musste, vergrößerte Bilika die Grez’An Bestände ununterbrochen.

Heute ist ihre Streitmacht gewaltiger, als je zuvor.“

Bartez schloss die Augen. Keine Chance, war das erste,

was ihm durch den Kopf schoss. Laut sagte er: „Es wird ein

herber Schlag für sie, wenn die Rontarianer erfahren, eine Rachegöttin

anzubeten.“ Er konnte sich Nova regelrecht vorstellen,

wie er die Hände vor dem Gesicht zusammenschlug und

auf die Knie sank, bitter weinend.

Xardes ging nicht darauf ein. Er zeigt auf das letzte bemalte

Wandbild. Dahinter kam die noch weiße Stelle. Auf

dem Bild sah Bartez lediglich einen Planeten, der ihm nicht

viel sagte. Er sah Xardes fragend an.

„Dort, auf Feodora, dem Zentrum unseres Netzwerkes,

wird die Quelle unserer Macht gespeist und dort wird die Barriere

zuerst zusammenbrechen. Wenn dies geschieht, ist alles

wofür wir einst kämpften auf ewig verloren.“

„Nur dort kann ich die Legion aufhalten?“

44


„Ja.“, bestätigte der Tkon. „Du musst dich nach Feodora

begeben und deine Bestimmung erfüllen.“

Bartez schwieg eine ganze Weile, versuchte alles zu verarbeiten

was er erfahren hatte. Die Hülle der Informationen

schien ihn zu erdrücken, er konnte kaum einen klaren Gedanken

fassen. Aber noch viel Erdrückender war die Last, die

man ihm auf die Schultern legte.

„Xardes, ich habe keine Ahnung, was das für eine Waffe

... was für eine Energie ist, von der du dauern sprichst. Wie

soll ich auf diese Weise gewinnen?“

Xardes schüttelte heftig den Kopf. „Es ist keine Energie

im gewöhnlichen Sinne. Mach dir darüber keine Gedanken.

Alles steht und fällt nur mit dir. Du bist der Auslöser, aber

nicht der Schlüssel, Matthew Bartez. Folge dem, was ich dir

beigebracht habe. Vergebe, vergesse, verzeihe.“

Er legte Bartez eine Hand auf den Rücken und führte ihn

sanft zurück zum Aufzug.

„Wieso sagst du es nicht einfach?“, klagte Bartez. „Wieso

gibst du uns nicht die Lösung?“

„Ihr müsst euch als würdig erweisen. Die Rettung liegt

allein in euren Händen, aber ihr müsst in der Lage sein sie zu

nutzen. Komm. Das Ende deiner Reise beginnt.“

Der Lift setzte sich in Bewegung. Und als sie verschwunden

waren, entstand wie von Geisterhand eine erste neue

Zeichnung auf dem weißen Fleck. Ein Mann in einer

abnormalen, militärischeren Sternenflotten-Uniform: Timothy

Bartez.

Die Traumwelt verschwand ohne Vorwarnung. Matthew

Bartez öffnete die Augen und versuchte sich zu orientieren. Er

lag in seinem Quartier im Bett. Die Deckenlampen war deaktiviert,

aber der helle Schein eines Mondes, an dem das Schiff

45


mit Impulsgeschwindigkeit vorbeiflog, spendete ein wenig

Licht. Bartez drehte den Kopf. Das Bettlaken neben ihm war

verkrümpelt, das Bett leer.

Eine Mulde zeugte von Kelly’s Abwesenheit. Der Dienst

seiner Frau hatte wohl schon begonnen. Normalerweise hörte

er sie sonst immer aufstehen, doch sein Traum - seine Vision -

musste zu stark gewesen sein.

Er richtete sich benommen auf und rieb die Augen. Sein

Waschbär richtete sich auf die Hinterläufe und kratzte nervös

an den Fenstern. Auch er schien es zu spüren. Bartez stand auf

und nahm das Tier in den Arm. Das Fell erwies sich wie üblich

als weich und flauschig, als er den Waschbär streichelte.

Dieser bedankte sich dafür mit einem beruhigendem Schnurren.

Bartez lehnte sich zum Fenster vor und sah lange Zeit

hinaus in den Weltraum.

Unendlich viele Sterne ... und all ihre Last spürte er

plötzlich auf seinen Schultern ruhen.

46


5.

Logbuch des Erster Offizier, Commander Jones.

Sternzeit 45185,7

Unsere Fünf-Jahres-Mission neigt sich dem Ende. Einige Besatzungsmitglieder

haben das Schiff bereits verlassen, die anderen

sind bereit neue Aufgaben auf anderen Schiffen anzutreten,

während die Starfury in Kürze neues Personal erwartet.

Bis dahin bleiben uns gücklicherweise noch einige Wochen,

aber dennoch beginne ich mich wie auf der Abschlussfeier einer

geliebten Klasse zu fühlen. Zum Glück bedeuten Veränderungen

aber auch nicht nur schlechtes.

Kelly Jones blickte über den Rand des Datenblocks und

begegnete den erwartungsvollen Blicken von Chefingenieur

Kevin Brady und Maureen. Kelly war vor ihrem Büro regelrecht

von den beiden überfallen worden, als sie sich gerade

zum Maschinenraum hatte begeben wollen. Wenigstens musste

sie Brady nun nicht mehr suchen. Jones sah wieder auf den

Datenblock und versuchte angestrengt, sich Maureen in dem

darauf abgebildeten Kleid vorzustellen.

„Das ist es?“, fragte sie, wieder über den Rand blickend.

„Das ist es.“, bestätigte das junge Paar.

Jones überlegte und fragte neugierig: „Können Sie es zeigen?“

Maureen war ein Hologramm – ein extrem komplexes

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und hochentwickeltes Hologramm - und mit ein paar Einstellungen,

ließ sich ihr Erscheinungsbild leicht anpassen. Kevin

Brady schien davon aber nicht sehr angetan zu sein und nahm

Jones den Datenblock schnell wieder aus der Hand.

„Auf keinen Fall!“, sagte er. „Das bringt Unglück.“

„Nur, wenn Sie es sehen, Kevin.“

„Sonst soll es aber auch noch niemand sehen.“, beharrte

er weiterhin. Maureen nickte eifrig und stimmte ihm aufgeregt

zu. Zumindest simulierte ihre Matrix diese Bewegung perfekt.

Jones musste sich immer wieder in Gedanken rufen, dass

Maureen eigentlich ein Hologramm war. Seit ihrer ersten Begegnung

hatte sich ihr Erscheinungsbild doch drastisch geändert

und verfeinert. Inzwischen konnte man Maureen kaum

von einer lebenden Person unterscheiden. Das einzige, was auf

ihren Ursprung als Hologramm hinwies, war der Pfeilartige

Holognerator, der zwei Meter hinter ihr leise surrend in der

Luft schwebte.

Enttäuscht trat Kelly mit dem Fuß auf. „Schade. Oh, Sie

werden darin hinreißend aussehen, davon bin ich überzeugt!“

„Ehrlich?“, fragte das frisch verliebte Paar zeitgleich.

„Aber sicher. Ich freue mich ja so für euch beide.“. Kelly

konnte nicht anders, sie musste die beiden einfach umarmen.

Zuerst den Ingenieur, dann Maureen. Zum Glück war ihr Programm

angepasst worden, sodass Materie nicht mehr einfach

durch sie hindurchging, sondern von Kraftfeldern aufgehalten

wurde. Dadurch entstand der Eindruck, sie sei eine reale Person.

Man hatte etwas zum greifen – was bei einer Beziehung

sicher kein unwichtiges Detail darstellte. Brady mochte zwar

eine eher zurückgezogene Person sein, die sich lieber mit Maschinen

abgab, als Menschen abgab und erst in den letzten

Jahren Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen aufbrachte

und er liebte Maureen auch ehrlich aus ganzem Herzen,

aber er war trotz allem noch ein Mann und Kelly konnte

sich nicht vorstellen, dass er keinen Wert darauf legte, Mau-

48


een berühren zu können. Aber er konnte. Da ihr neues Erscheinungsbild

auch sonst wesentlich realistischer als noch vor

ein paar Monaten war, wo sie nur als eine blaue, zweidimensionale

Erscheinung durch das Schiff geschwebt war, stellte es

auch kein Problem dar, sie als echt anzusehen.

„Haben Sie den Captain bereits gefragt?“, forschte Brady

bedacht nach. „Wird er die Zeremonie durchführen?“

„Das versichere ich ihnen.“, sagte Kelly. „Es ist alles

vorbereitet. Solange eure Hochzeitsreise nicht nach Aquaria

führt, müsstet ihr einen Musterstart in eure Ehe haben.“

„Das wäre mal was neues.“, verzog Brady das Gesicht.

„Jedenfalls, danke, Commander. Es bedeutet uns sehr viel.

Komm Maureen, wir müssen noch die Torte aussuchen.“

Das ungleiche Paar ging zurück in den Seitenkorridor,

aus dem sie vorhin gekommen waren. Ungleich? Wohl kaum.

Auf der Starfury gab es so gut wie nichts, das nicht möglich

war und erst recht niemanden, der nicht zusammenpasste. Dieses

Schiff hatte die verrücktesten Paarkombinationen hervorgebracht.

Ob es sich dabei nun um einen Gorn und eine Klingonin,

einen großen Sturkopf und einen noch viel größeren

Sturkopf, oder ein Hologramm und einen schüchternen Ingenieur

handelte, war völlig egal.

„Ich bin sicher, Doktor Roach ist darin der Experte, fragen

sie ihn!“, rief sie den beiden hinterher und strahlte über

beide Ohren. Kelly Jones war ganz in ihrem Element! Hochzeiten

planen und die Gerüchteküche mit Nahrung füttern.

Zwar wurde ihre Freude ein wenig durch den Umstand getrübt,

dass für viele Besatzungsmitglieder der Abschied bald

bevorstand und deswegen sehr viel los war, aber immerhin

hatte sie etwas zu tun.

Glücklicherweise blieben auch einige weiterhin an Bord,

die Familie würde also nicht auseinanderbrechen, sondern nur

an manchen Stellen neuen Zuwachs bekommen. Kelly fühlte

sich wie das mütterliche Oberhaupt einer Familie, in der viele

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der älteren Kinder das Haus verließen, dafür aber neue nachkamen.

Mit dieser Analogie lag sie gar nicht mal so falsch...

Und was gab es schöneres, als vor dem Abschied noch

jemanden in den heiligen Stand der Ehe zu bringen?

T’plona in roter Uniform zu sehen!

Beinahe wäre die Vulkanierin T’plona Kelly’s Aufmerksamkeit

entgangen, da sich T’plona wie üblich einem Schatten

gleich durch die Gänge bewegte - Elegant, aber unauffällig.

Nun, da Jones die Witterung aufgenommen hatte, gab es kein

Zurück mehr.

„Lieutenant T´plona!“, rief und rannte sie ihr nach.

„T’plona, warten sie!“

Die Vulkanierin blieb stehen und seufzte kaum merklich.

Jones blinzelte erfreut, umschloss T’plona’s Oberarme

und musterte sie von oben bis unten. „Oder ... sollte ich Lieutenant

Commander sagen?“

„T´plona genügt völlig.“

Jones deutete auf den dritten Stern an ihrem nun roten

Rollkragenhemd. „Die Farbe steht ihnen.“

„Ich habe nicht aus modischem Interesse in die Kommandoebene

gewechselt, Sir.“

Zunächst stutzte Jones. Dann sah sie das angedeutete Lächeln.

Ein Witz.

„Gratulation. Sie haben es sich verdient.“

„Ich muss Ihnen danken, Sir. Sie haben die Beförderung

durchgesetzt.“

„Weil Sturak die Empfehlung gab.“, nickte Jones. Das

brachte sie direkt auf einen anderen Punkt, den sie ansprechen

wollte „Die Starfury wird Ende der Woche für die nächste

Fünf-Jahres-Mission generalüberholt. Meines Wissens nach

wird der Umbau ein paar Monate in Anspruch nehmen. Vielleicht

ein Jahr. Ich habe mich gefragt, was Sie in dieser Zeit

machen werden.“

50


T’plona hob die Brauen. „Das ... habe ich noch nicht entschieden,

Commander“

„Nun, Sturak plant, nach Vulkan zurückkehren. Er möchte

in dem Jahr an der wissenschaftlichen Akademie zu unterrichten.

Könnten Sie dort nicht auch die ein oder andere Lehrerstelle

annehmen?“

T’plona hob eine Braue. Darauf lief es also hinaus!

Sie sagte: „Ihre Versuche in allen Ehren, Kelly, aber

Commander Sturak ist noch immer verheiratet.“

„Ach, kommen Sie, T´plona.“ Kelly gab ihr einen sanften

Knuff gegen die Schulter. „Ich weiß, dass Sie ihn vermissen

werden. Sie sollen zumindest in seiner Nähe sein, er würde

sich bestimmt freuen. Sie sollen ihn seiner Frau ja nicht ausspannen

und gleich heiraten“ Sie zwinkerte. Dann riss sie die

Augen auf, als ihr ein neuer Gedanke durch den Kopf schoss

und fügte grinsend hinzu: „Aber wenn doch, dann darf ich diese

organisieren, ja?“

„Nun, in den nächsten hundert Jahren habe ich nicht vor,

in den Stand der Ehe einzutreten. Sollte ich danach meine

Meinung ändern, werden Sie, Kelly, meine erste Ansprechpartnerin

sein.“

Kelly neigte den Kopf. „Schlechter Witz, T’plona. Wie

dem auch sei, ich werde Sie vermissen. Hauptsache wir sehen

uns nach diesem Jahr wieder hier an Bord.“

Die Vulkanierin zögerte. Bisher hatte sie ihr noch nicht

gesagt, da sie wusste, dass Kelly sehr traurig sein würde und

da sie Kelly als ihre engste Vertraute betrachtete, fiel ihr das

nicht leicht. Aber T´plona wollte sie auch nicht anlügen, und

verschweigen dass sie sich überlegte, auf ein anderes Schiff zu

wechseln, um in der Kommandolaufbahn aufzusteigen. Als

erster Offizier, oder sogar als Kommandant. Sie wollte es gerade

gestehen, als Jones plötzlich aufstieß, als müsse sie sich

übergeben. Sie hielt sich sofort die Hand vor den Mund. „Verzeihung.“

51


Sie war darüber offenbar ebenso verwirrt, wie T’plona.

Dann geschah es noch einmal.

„Sir, Ist alles in Ordnung?“

Jones unterdrückte ein weiteres Würgen. „Ich weiß

nicht.“ Sie verharrte ein paar Sekunden und blinzelte anschließend

verwirrt. „Geht wieder. Gestern morgen war mir auch

schon übel.“

„Gehen Sie besser auf die Krankenstation. Sie sollten

sich untersuchen lassen. Nur zur Sicherheit.“

„Vielleicht haben sie recht.“, stimmte Kelly zu und hielt

sich den Bauch. Ihr Magen schien Amok zu laufen. „Das sollte

ich wohl. Aber zuerst ... wo waren wir stehen geblie...“ Sie

stieß erneut auf. Ihre Augen wurden groß und hinter vorgehaltener

Hand sagte sie etwas, dass T´plona nicht ganz verstand.

Im nächsten Moment war Kelly zum öffentlichen Toilettenraum

in der Nähe gerannt und verschwand hinter der Tür.

T’plona sah ihr nach, hob eine Braue und zog ihre eigenen

Schlüsse.

Als die Türhälften zur Astrometrie zischend auseinander

stoben, brauchte Wissenschaftsoffizier Sturak den Kopf nicht

zu heben, um den Eindringling zu erkennen. Mit seinen feinen

vulkanischen Ohren hörte er es an den Schritten heraus. Nur

anders als sonst waren die Schritte dieses mal nicht fest und

bestimmt, sondern die entsprechende Person schlurfte hinein.

Matt Bartez hatte eine Totengräbermine aufgesetzt. Über

seinem Kopf konnte man die schwarze, Blitze verschießende

Regenwolke ganz genau erkennen, wenn man angestrengt hinsah.

An den anderen Mitgliedern der astrometrischen Abteilung

ging er grußlos vorbei und trat zu Sturak auf die Hauptkonsole

herauf. Die Wand vor ihnen war ein einziger, großer

52


Monitor auf dem komplizierte Muster und Strahlenspitzenanalysen

aufgereiht waren.

„Captain, ich wollte dich gerade...“

„Ich weiß es bereits.“, unterbrach Bartez. Er klopfte sich

gegen die Schläfe. „Ein Hausbesuch von Xardes persönlich.“

„Wie schlimm ist es?“, fragte Sturak leise.

Bartez atmete tief ein. „Zwei Möglichkeiten: Entweder

wir gehen aus dem heutigen Tage als Sieger hervor ... oder sitzen

in der ersten Reihe, um dem Armageddon beizuwohnen.“

Selbst der gefasste Vulkanier musste dies erst einmal

verdauen. Er wusste: Matt Bartez war kein Unheilsprophet.

Wenn er derart niedergeschlagen war, dann stand es wirklich

schlecht um sie.

„Aber woher weist du es denn, Sturak?“

„In wenigen Stunden wird es kaum noch jemanden im

Quadranten geben, der es nicht weiß.“, antwortete Sturak und

nickte zum Projektionsfeld. Wie üblich flogen seine Finger

über die Tasten und gaben präzise Befehle ein. Er veranlasste

den Computer dazu, die Bilder der Außenkameras zu zeigen.

An einer weit entfernten Stelle im galaktischen Dunkeln, flackerte

der Weltraum hin und wieder rot auf. Immer nur für

ganz kurze Augenblicke, beinahe, wie ein Holodeckgitter,

dass durch Fehlfunktionen in der Simulation flackerte. Fast

konnte man meinen, diese Erscheinungen seien mehr Einbildung,

als Realität. Bartez nickte, als er die Bilder sah. Es war

genauso, wie er es erwartet hatte.

„Dabei handelt es sich um die unbekannte Barriere, um

den Grez’An-Raum.“, informierte Sturak. „Seit heute Morgen

sind Allerorts im Quadranten Sichtungen dieses Flackerns

aufgetreten. Überall bilden sich für fluktuierende Risse, aber

ihre Substanz nimmt stündlich zu, sie werden immer stabiler.

Durch ein paar sind bereits Schiffe der Grez’An in unseren

Raum eingedrungen.“

„Sie greifen also an.“, nickte Bartez.

53


„Noch nicht.“, sagte Sturak. „Sobald sie die Risse verlassen,

beschleunigen sie sofort auf Warp und wie es aussieht,

fliegen alle auf ein bestimmtes Ziel zu. Wir waren aber noch

nicht in der Lage dieses Ziel zu definieren.“

Der Captain spitzte die Lippen und trat selbst an die Konsole

heran. Die galaktische Karte zoomte in den Alpha-

Quadranten. Als nächstes markierte Sturak alle Eintrittspunkte

der Grez’Anschiffe und lies rote Linien ihren vermutlichen

Kurs aufzeigen. Sie alle flossen auf einen bestimmten Punkt

zu. Irgendwo in der Mitte des Quadranten. Doch wo, konnte

der Computer unmöglich genau bestimmten. Noch nicht.

„Da.“, sagte Bartez plötzlich und deutete auf eine ganz

bestimmte Stelle im Zentrum der Linien.

„Bist du sicher?“, konnte Sturak seine natürliche Skepsis

nicht verbergen.

„Ja, ganz sicher. Ich kann es dir nicht erklären, aber ich

weiß es einfach. Vielleicht ein Wink der Tkon.“

Sturak folgte dem Blick des Kommandanten und lies die

entsprechende Stelle vergrößern. Sektor 42-F – Rontar Minor.

Ein Planetensystem im Pferdekopfnebel, mit einem einzigen

Planeten: „P-34-Alpha. Völlig unbewohnt und bisher nur

durch Langstreckensonden gescannt.“

„Feodora.“, teilte Bartez den wahren Namen der Welt

mit. „Dahin sind sie unterwegs, Sturak. Und genau da müssen

wir auch hin.“

„Der Planet ist nicht weit von Rontar entfernt.“, sagte

Sturak nachdenklich und ohne den Blick vom Projektionsfeld

zu nehmen. Auch Bartez starrte nur auf Feodora. Er sagte

nichts. Das brauchte er gar nicht, denn er wusste, was in Sturak

vor ging. Dasselbe wie in ihm selber auch, nur dass er diese

Gedanken ganz gut verdrängte.

„Ich mache mir sorgen um ihn.“, gestand Sturak nach einer

Weile. Er sprach sehr leise.

„Er kann auf sich aufpassen, Sturak.“

54


„Er hätte sich längst gemeldet.“

Bartez seufzte und verzog das Gesicht zu einer bitteren

Grimasse. Es sah aus, als würde in seinem Inneren ein Kampf

stattfinden. Der sture, unnachgiebige Bartez, der bereit war zu

kämpfen, gegen einen anderen, hilfloseren Bartez, der kurz

davor stand, unter Tränen aufzugeben. Noch war seine standhafte

Seite stärker.

Noch.

Noch immer, ohne aufzublicken, fand seine rechte Hand

Sturak’s Schulter. Er drückte sie feste. „Wir haben jetzt größere

Sorgen. Weitaus größere.“ Ein weiteres Mal seufzte er. Sturak

machte sich Sorgen um Nova, den ehemaligen ersten Offizier

des Schiffes. Auch wenn es Sturak und Nova niemals offen

zugegeben hätten und jeder Fremde, der ihren Stänkereien

beiwohnt geglaubt hätte, sie wären sich spinnefeind, so waren

sie doch tief verbundene Freunde mit großem Respekt und

aufrichtiger Bewunderung für den jeweils anderen. Nova war

vor ein paar Wochen zu seiner Heimatwelt aufgebrochen, um

sich mit seinem Vater zu versöhnen. Seither hatte er sich nicht

mehr gemeldet.

Das allein machte Bartez schon Sorgen, denn trotz aller

Probleme die sie immer gehabt haben, so waren auch sie

Freunde. Darüber hinaus sollte Nova anscheinend auch einer

derer, die Bartez im Endkampf unterstützen sollten sein. Einer

der Gefährten, die er hatte suchen sollen. Einer von Neun.

Und wie viele dieser Neun hatte Bartez nun? Keinen! Er

wusste nur von Nova, dem Rontarianer, von Pixur dem

ehemaligen Kopfgeldjäger und Keka, der Xindi-

Wissenschaftlerin. Na ja, und von dem anderen. Aber er wusste

nicht einmal, wo auch nur einer der ersten drei steckte. Er

war ganz allein.

„Sollen wir einen Kurs nach Rontar setzen?“, schien Sturak

Matt’s Gedanken lesen zu können.

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„Nein.“, sagte der Kommandant. „Wir müssen vorher

woanders einen Zwischenstopp machen.“

Plötzlich wurde er gerufen. „Captain!“ Kartographin Tanya

Adams stand an einer der Konsolen hinter ihnen und starrte

auf den Monitor. „Das müssen Sie sich ansehen.“ Es klang

dringend. Bartez und Sturak traten die Stufen von der Hauptkonsole

herunter und kehrten in den Arbeitsraum zurück. So

früh am Morgen hielten sich nur wenige Mitglieder der wissenschaftlichen

Abteilung hier auf. Die Monitore warfen ihr

fahles Licht in den Raum. Tanya Adams stellte gerade den

Ton der Nachrichtensendung, die sie beobachtet hatte, lauter.

Die CBS Terranews hatten in der Schnelle ein buntes Logo

gebastelt - eine Grafik aus Großbuchstaben, die auf den

Betrachter zuwirbelten, bis sie den gesamten Bildschirm ausfüllten:

Invasion steht bevor? Sie verschwanden und eröffneten

den Blick auf einen ein Nachrichtenstudio und Ray Pinnegan,

den alle an Bord kannten, weil er sich bis vor ein paar

Monaten auch noch unter der Crew befunden hatte. Pinnegan

räusperte sich und legte seinen Datenblock beiseite, um sich

der Kamera zu widmen:

„Das Flottenkommando hat soeben die Berichte der CBS

Terranews bestätigt. Das Interdimensionalphänomen, der Riss,

der heute Morgen im Sol-Sektor beobachtet wurde, ist nicht

die einzige Sichtung. Weitere Risse wurden uns von überall in

der Föderation und auch von außerhalb gemeldet. Erst in einer

halben Stunde will der Präsident eine offizielle Stellungsnahme

geben. Vorher ist niemand mit denen wir gesprochen haben

bereit, eine Stellungnahme abzugeben.“

Pinnegan seufzte, als er fortfuhr. „Wie ich aus sicherster

Quelle jedoch weiß, sind die Interdimensionalphänomene, die

sich zu Portalen zwischen den Dimensionen wandeln können,

ein sehr dunkles Omen. Auf der anderen Seite des Risses, lebt

eine fremde, gewalttätige Streitmacht, die sich seit Jahrzehn-

56


ten, vielleicht sogar seit Jahrtausenden, mobilisiert. Es könnte

zur totalen Invasion des Alpha-Quadranten führen-“

Bartez drehte den Ton ab. Er versteifte sich. Diese Nachricht

würde zu einer öffentlichen Panik führen. Pinnegan hatte

seine Infos aus den Erfahrungen an Bord dieses Schiffes und

Bartez war erstaunt und enttäuscht, dass er sein Wissen nicht

weiser einsetzte, sondern nur um offensichtlich mit möglichst

erschreckenden Meldungen die Quoten seiner Nachrichtensendung

hochzutreiben. Aber früher oder später, würden die

Bürger der Föderation es ohnehin erfahren.

„Captain.“ Tanya drehte langsam den Kopf zu ihm. Sie

sprach sehr leise – untypisch für die temperamentvolle Frau.

„Ist es soweit?“

Bartez musterte sie. Die Angst war deutlich in ihren Augen

zu erkennen. Und auch in denen der anderen Offiziere im

Raum, die sich hinter ihnen eingefunden hatten, um ebenfalls

die Nachrichtensendung zu verfolgen. Sicher erging es auch

dem Rest der Besatzung so. Sie mussten alle völlig verängstigt

sein. Statt ihr zu antworten drehte sich Bartez zu Sturak: „Die

Crew soll sich in einer halben Stunde im Hangar versammeln.

Ich werde eine Rede halten.“

Damit wandte er sich ab und trat er in den Korridor hinaus

Dort betätigte er seinen Insignienkommunikator. „Bartez

an Brücke.“

Der Pilot meldete sich: „Kaafarani hier.“

„Lieutenant, wir ändern sofort den Kurs. Maximale

Warpgeschwindigkeit. Folgende Koordinaten.“

„Koordinaten erhalten.“, bestätigte Lieutenant Ahmad

Kaafarani im Kontrollraum. „Setze Kurs.“ Er schloss den

Kommunikationskanal und warf einen Blick zur Seite. Lieutenant

Kell Perim hatte an diesem Tag gemeinsam mit ihm

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Nachtschicht auf der Brücke. Die Steueroffiziere waren auch

fast die Einzigen. Lediglich die Ensigns Kate und Mackenzie

hielten sich noch an den Konsolen im rückwärtigen Breich des

Kontrollraums auf. Aber auch sie unterbrachen das betretene

Schweigen nicht mit einem Plausch. Die einzigen Geräusche

kamen vom konstanten brummen der Maschinen und den

Tastengeräuschen.

„Berechnen Sie die Koordinaten.“, sagte Kaafarani daher

in angemessen leisem Tonfall. Es war weniger die Lautstärke,

sondern die mürrische Art wie er den Befehl sagte, die Perim

einen erstaunten Blick entlockte. Er war schon den ganzen

Tag ungewöhnlich verschwiegen und nun erkannte sie auch

wieso: schlechte Laune.

„Alles okay?“, fragte sie, während sie nebenbei den richtigen

Kurs berechnete. Als hätte sie es geahnt, kam nur eine

halbherzige Antwort zurück: „Sicher.“

„Du hast dich in letzter Zeit ziemlich rar gemacht.“

Erst jetzt sah er sie an. Ein bitterer Blick. „Mir war nicht

klar, dass wir uns schon wieder duzen.“

„Okay.“, seufzte Perim. „Ich habe es verstanden. Wenn

du - wenn Sie -lieber den übelgelaunten Offizier spielen wollen,

statt einmal über ihren Schatten zu springen...“

„Meine Laune ist nicht freiwilliger Natur.“, brummte

Kaafarani und widmete sich wieder der Konsole vor seiner

Nase. Dort nahm er die Berechnungen der Navigatorin entgegen,

richtete das Schiff aus und initiierte den Warpsprung. Sie

waren auf dem Weg.

„Natürlich ist ihre Laune freiwillig.“, widersprach Perim

scharf. „Wenn ihnen etwas an ihrem Leben nicht passt, dann

ändern Sie es, Kaafarani! Aber dafür muss man etwas tun.

Und scheinbar...“ Sie stand auf, um eine Frühstückspause einzulegen.

Dafür winkte sie Ensign Kate herbei, die ihren Posten

übernehmen sollte. „... wollen Sie nichts ändern, weil Sie es

genießen diese Rolle zu spielen. Weil Sie es genießen, sich

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selbst zu bemitleiden. Und genau das ist ihr Problem.“ Perim

schob ihren Stuhl zurück und wandte ihm den Rücken zu. Ehe

er etwas erwidern konnte, war sie bereits die Treppen hinauf

zum Turbolift gestiegen. Kaafarani sah ihr stirnrunzelnd nach

und lies dann seinen Blick zu Ensign Kate wandern.

Er wusste, dass die attraktive bajoranerin einiges für ihn

übrig hatte. Liebenswürdig lächelte sie ihm zu, als sie an der

Konsole neben ihm platz nahm. Kaafarani erwiderte das Lächeln

nicht, sondern lies seine Mundwinkel noch weiter sinken.

Perim hatte Recht: Er zerfloss im Selbstmitleid. Leider,

wollte er überhaupt nichts daran ändern, obwohl im klar wahr,

dass es so nicht weitergehen konnte. Und plötzlich fühlte er

sich sehr einsam.

„Doktor! Doktor! Wo bleiben Sie?“ Kelly Jones saß auf

der Hauptuntersuchungsliege in der leeren Krankenstation und

trommelte mit den Fingern ungeduldig auf der Diagnoseeinheit

herum, während ihre Beine in der Luft baumelten. Hätte

sie nicht genau gewusst, dass der Arzt im Labor neben seinem

Büro mit den Sensoranalysen verschwunden war, hätte sie

vermutet, er wäre hätte Feierabend gemacht und sie einfach

hier vergessen.

Man hatte soeben über das interne Kommunikationsnetzwerk

eine Versammlung im Hangar angekündigt, die Kelly

als erster Offizier des Schiffes nicht verpassen durfte. Irgendetwas

schlimmes war passiert, wenn die ganze Crew zusammengerufen

wurde. Und da sie ein enorm neugieriger

Mensch war, passte es ihr überhaupt nicht, abgeschottet von

allen Informationen hier herumsitzen und warten zu müssen.

Sie kam sich plötzlich dumm vor und wurde ungeduldig. Nein,

sie wurde sogar wütend, was ihr selbst ein wenig komisch

vorkam, da sie in den letzten Jahren sehr viel beherrschter als

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in ihren jungen Tagen geworden war. Aber warum lies sich

Roach auch so viel Zeit? Dies sollte doch nur ein Routinecheck

werden. Vielleicht ein Mittel gegen ihre Müdigkeit vom

Schiffsarzt bekommen und das war es dann auch schon. Aber

Roach hatte genauer nachsehen und nachforschen wollen, was

nicht mit ihr stimmte. Immerhin: Gründlich war er ja.

Kelly streifte ihre Jacke wieder über und sprang verärgert

vom Bett. Wie ein Rohrspatz fluchend, betrat sie das Büro des

Arztes und legte los: „Ich bin nur hergekommen, um ein verdammtes

Schmerzmittel zu bekommen! Nun stehe ich kurz

vor der Explosion! Also, was ... ist ... los?“

Roach schreckte überrascht von der Konsole auf und sah

eine fuchsteufelswilde Jones durch seine Bürotür stürmen.

„Warum dauert das so lange?“

Der Arzt setzte ein fröhliches Lächeln auf. „Ah, Sie sind

wütend. Das muss an den Stimmungsschwankungen liegen.

Die werden jetzt öfters kommen. Bitte setzen Sie sich.“

Jones runzelte die Stirn und lies sich in den Stuhl neben

der Konsole fallen. „Stimmungsschwankungen?“, wiederholte

sie. „Was meinen Sie damit?“

Roach zögerte, suchte nach den richtigen Worten. „Wie

soll ich es sagen?“ Hilflos sah er sich im Zimmer um. „Ah, ich

denke so geht’s!“ Er erspähte einen bestimmten Gegenstand

auf einem Regal, sprang so schnell auf, wie es sein beträchtliches

Gewicht zu ließ und eilte zu einer Blumenvase, die den

Raum schmückte. Den kleinen Strauß gelber, blauer und grüner

Blumen, die ausnahmslos von exotischen Planeten stammten,

zog er einfach hinaus und kam mit dem Grünzeug in der

Hand zurück, um sie Jones zu überreichen. Der Commander

nahm die tropfenden Blumen verwirrt und nur widerstrebend

entgegen.

„Ich gratuliere ihnen von ganzem Herzen.“, sagte Roach

und streckte zusätzlich die Hand aus.

Jones runzelte die Stirn.

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Dieses strahlende Gesicht.

Dieser freudige Ausdruck.

Sie hatte das schon einmal gesehen, als-

„O Nein!“, sagte sie entgeistert.

„O Doch.“, nickte Roach fröhlich. Er strahlte von einem

Ohr zum anderen. Seine Freude war aufrichtig. Jones hingegen

war kaum in der Lage einen zusammenhängenden Satz

über die Lippen zu bekommen. Sie begann zu stammeln: „Aber

wie ... das kann doch ... das ist unmöglich, ich ... ich ... O

Nein!“

„Ich fürchte doch.“ Der Arzt wurde wieder etwas ernster.

„Commander, mir tut nach wie vor furchtbar leid, dass es

beim ersten Mal nicht gelang. Wir hatten damals einfach keine

Anzeichen für den Defekt feststellen können. Aber nun ... ich

denke, die wöchentlichen Sitzungen nach der Fehlgeburt, haben

geholfen. Diesmal wird es absolut keine Komplikationen

geben, das verspreche ich.“

Sie konnte es noch immer nicht fassen. „Ich ... Ich...“ Da

sie nur herumstotterte, lies sie es schließlich bleiben und begnügte

sich mit einem verzerrten Gesichtsausdruck, der sich

nicht zwischen Freude und Schock festlegen konnte. Es sah

ein ganz kleines bisschen so aus, als bestünde ihr Gesicht aus

zwei verschiedenen Gesichtshälften, die sich momentan sehr

ungezwungen rauften.

„Ganz recht.“, nickte Roach. „Herzlichen Glückwunsch,

Commander. Sie sind schwanger.“

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6.

Der Hangar, bildete den größten Raum, den die USS Starfury

aufweisen konnte. Fast einhundert Besatzungsmitglieder

hatten sich darin zusammengefunden standen dicht gedrängt

neben den Shuttles und auf den Stegen der zweiten Ebene und

murmelten wild durcheinander. Sie alle starrten zum großen

Monitor an der hinteren Wand und warteten gespannt, dass es

los ging. Die Meisten von ihnen hatten bereits gehört, was sich

zugetragen hatte. Natürlich waren postwendend alle möglichen

Gerüchte und Informationen im Umlauf. Vieles wurde

falsch interpretiert, vieles wurde doppelzüngig verstanden und

kurz darauf hatte gar keiner mehr so recht gewusst, was vor

sich ging.

Aus diesem Grund hielt der Captain es für wichtig, die

Sachlage in einer allgemeinen Versammlung aufzuklären. Jeder

der Männer und Frauen unter seinem Befehl, musste ganz

genau überblicken, was gerade im Föderationsraum geschah.

Eine Massenpanik, hervorgerufen von falschen Gerüchten,

war das Letzte, was er an Bord benötigte.

Captain Bartez stand mit den Führungsoffizieren auf der

Plattform vor dem Kontrollbildschirm und wartete ebenfalls

auf den Beginn der Übertragung. Auch er war angespannt. Als

letzte betrat seine Ehefrau den Hangar. Kelly schien beträchtlich

zerstreut, als sie zu ihm hoch trat. „Ich muss mit dir reden.“,

fispelte sie. „Dringend!“

„Was ist?“

„Ich-“

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Auf einmal schalteten alle Monitore im Hangar auf dasselbe

Bild. Außerdem dämmte das Licht auf einen Minimalwert.

Die Übertragung begann, das Gemurmel verstummte.

Der Präsident der vereinigten Föderation der Planeten näherte

sich dem Rednerpult im Pressesaal des Raumflottenkommandos,

bemüht Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen. Umgeben

von einigen hochrangigen Offizieren, unter ihnen Sitak und

Janeway, blickte der Präsident in die Kamera: „Meine lieben

Mitbürger überall in der Föderation. In diesen Augenblicken

werden wir Zeuge einer unserer schwierigsten Prüfungen.

Heute Morgen begannen sich überall im Föderationsraum...“

„Captain.“ Sturak trat flüsternd an den Kommandanten

heran. Unter dem Arm hatte er einen Datenblock geklemmt,

den er ihm nun übergab. „Wir erhielten soeben neue Befehle

vom Flottenkommando. Darin werden wir aufgefordert, uns

unverzüglich zum nächsten Sammelpunkt zu begeben.“ Sturak

machte eine Pause und sah kurz zum Hauptmonitor. Zu den

Admiralen Sitak und Janeway, genauer gesagt. Für einen

flüchtigen Moment musterte er die Vorgesetzten, als ob sie

auch ihn sehen könnten. Darauf wandte er sich wieder zu Bartez

um. „Der Befehl kommt von ganz oben.“

„Hm.“, machte Bartez.

Nun wurden auf dem Monitor die Aufnahmen des Angriffes

von heute Morgen vorgeführt. Die Augen der im Hangar

versammelten Offiziere wurden groß.

„Sie beabsichtigen eine Verteidigungslinie aufzubauen?“,

tuschelte auch Bartez. „Alle Schiffe werden zurückgerufen?“

Sturak bestätigte, woraufhin der Kommandant mürrisch

den Kopf schüttelte. „Idioten. Wir werden den Befehl nicht

befolgen.“

Er guckte zum Monitor, wo der Präsident weiterhin seine

dramatische Rede hielt. „... mein Stab und ich werden auf der

Erde bleiben und versuchen, mit den Grez’An Verbindung

aufzunehmen.“

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Als Bartez dies vernahm, schüttelte er ein weiteres Mal

den Kopf. „Idioten.“

„Captain...“

„Keine Sorge, Sturak.“, beruhigte Bartez leise. „Wenn

dieses Schiff heute nicht erfolgreich ist, dann kann man uns

nicht mehr wegen Befehlsverweigerung drankriegen.“

Sturak schürzte die Lippen. Ein guter Punkt, dachte er.

Sturak hatte keine weiteren Einwände.

„... also bewahren sie Ruhe. Wenn sie sich veranlasst fühlen,

die Hauptwelten zu verlassen, dann tun sie dies bitte auf

geordnete Weise. Ich danke ihnen.“

Yaresh Inyo’s Antlitz wich dem rotierenden Föderationsemblem.

Bartez wies ein Besatzungsmitglied mit einem knappen

Handzeichen an, das Licht wieder zu erhellen und musterte

anschließend die Gesichter der Personen, die er nun schon

so lange kannte.

Noch immer herrschte betretenes Schweigen. Die Bilder

der Grez’An-Schiffe, welche die Abfangstaffel ganz leicht

vernichteten, waren deutlich gewesen. Die meisten seiner Offiziere

fragten sich vermutlich, ob der Bildschirm etwas gezeigt

hatte, dass sie selbst erwartete. Bartez teilte ihre Empfindungen.

Mehr noch als jeder andere, verspürte er die Furcht

vor dem heutigen Abend. Es fiel ihm schwer, sich der versammelten

Mannschaft zuzuwenden. Einige Sekunden fragte

er sich, ob er ermutigende Bemerkungen an seine Zuhörer

richten sollte, aber er entschied sich dagegen. Sie alle hatten

das Grauen bereits gesehen und Worte genügten nicht um den

Schock zu mildern.

Er räusperte sich und trat an das Geländer. „Die Barriere

bricht zusammen. Eine Invasion durch die Grez’An steht unmittelbar

bevor. Auch wenn die Sternenflottenwissenschaftler

nicht wissen wann es passiert – ich weiß es. Gelingt es uns

nicht die Barriere noch heute zu stabilisieren...“ Er sprach den

Satz nicht zuende. Aber das musste er auch nicht, die Besat-

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zung konnte sich den Rest denken. „Wir sind die Einzigen, die

unsere totale Vernichtung abwenden können.“, fuhr er fort.

Unruhe erfasste die Besatzung. Hier und dort wurde nervös

getuschelt.

„Soeben erhielten wir einen Rückzugsbefehl in Föderationsterritorium.

Die gesamte Flotte wird zurückgepfiffen. Die

Führungsebene ist sich der Gefahr in der wir schweben nicht

bewusst und sie wird es auch nicht werden. Wenn die Barriere

nicht stabilisiert werden kann, dann richtet die Raumflotte

auch nichts mehr aus, glauben sie mir. Verteidigung ... ist in

diesem Falle tatsächlich zwecklos.“

Deming, der hochgewachsene Mann aus der Sicherheitsabteilung,

verlagerte verstimmt sein Gewicht von einem Bein,

zum Anderen. „Was haben wir zu erwarten?“, fragte er.

„Sie waren alle dabei, als wir den Grez’An bei Sinder II

und dem Siedlungsplaneten begegneten. Was wir dort sahen,

war nicht einmal ein Bruchteil der feindlichen Streitmacht.“

Bartez senkte den Blick ein wenig und sprach nun leiser.

„Uns droht die gänzliche Vernichtung.“

Ein erschrockenes Raunen ging durch die Menge.

„Wir werden die Befehle doch nicht befolgen, oder?“,

ermittelte Lieutenant Neeley, die irgendwo neben dem Alpha

Flyer stand.

„Nein.“, antwortete Bartez mit fester Stimme. Er fügte

noch schnell ein ironisches „Wie üblich.“, hinzu. „Die Starfury

ist das einzige Schiff, dass die Grez’An noch aufhalten

kann, da bin ich sicher. Nur wenn wir jetzt handeln, besteht

vielleicht die geringe Chance, dass wir den heutigen Tag überstehen.“

Bartez wollte den kurzen Vortrag an dieser Stelle eigentlich

beenden, nun besaßen seine Leute die Informationen, die

sie brauchten. Die Vernichtungsbilder hatten bestimmt einige

Besatzungsmitglieder entsetzt und sie alle wussten nun, dass

sie zu einem weiteren, aber diesmal endgültigen Himmel-

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fahrtskommando aufbrechen würden. Aber irgendetwas bewegte

ihn dazu, weiterzusprechen. Er dachte gar nicht groß

über seine Worte nach, sondern lies sich einfach von seinen

Gefühlen leiten. Das Protokoll war ihm egal, als er sich auf

das Geländer lehnte und zu seinen Leuten sprach, als wären es

keine Untergebenen, sondern Brüder und Schwestern. Denn

genau das waren sie auch für ihn - seine Familie. Plötzlich

wirkte er trotz seines eher jungen Alters enorm desolat und

erwachsen. Ein Mann, der die Last der Zukunft aller Wesen

auf den Schultern trug.

„Ich will ehrlich zu euch sein.“, atmete er schwer ein.

„Die Chancen stehen sehr schlecht. Es existiert weder ein

konkreter Plan, noch genaue Hinweise, was wir tun sollen. Ich

weiß nur, dass wir etwas tun müssen! Das wir längst etwas

hätten tun sollen. Acht Gefährten. Die Tkon wiesen mich an,

Acht Gefährten und eine Waffe - eine Energie - zu finden.“

Traurig schüttelte er den Kopf. „Ich habe nichts dergleichen.

Nur drei der Acht und die Koordinaten der Welt, wo wir

laut der Tkon-Prophezeiung den Endkampf austragen. Nun ja

und die Andeutung auf einen weiteren Auserwählten, zu dem

wir gerade unterwegs sind. Um es kurz zu machen: Ich habe

versagt. Habe die letzten Jahre vertrödelt, es versäumt intensiver

nach denen zu suchen, die sich uns im Kampf um unsere

pure Existenz anschließen sollten. Nun muss ich mit meinem

Versäumen klarkommen. Wir alle müssen das. Und ich kann

daher unmöglich verlangen, dass ihr euer Leben für meine

Fehler verliert. Pixur, Keka, der Vierte, ich und einige freiwillige

Narren, werden nach Feodora aufbrechen und sehen, ob

wir noch etwas bewegen können. Aber ... ich würde nicht

drauf wetten. Diesmal ist es wirklich eine Reise ohne Wiederkehr.

Daher möchte ich sie bitten, bei nächster Gelegenheit

das Schiff zu verlassen.“

Bittere Worte.

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Er schloss die Augen und senkte den Blick, da er mit sich

kämpfte die Tränen zurückzuhalten. „Es tut mir leid.“, sagte er

leise. „Es tut mir so leid.“

Alle schwiegen.

Alle waren geschockt.

Selbst Sturak und Jones erstarrten zu Stein. So hatten sie

ihn noch nie erlebt. Dies war nicht seine erste Rede vor versammelter

Mannschaft. Immer wieder hatte er in den letzten

Jahren vor gefährlichen Missionen zu ihnen gesprochen. Egal

wie trostlos die Situation war, er hatte ihnen immer Mut gemacht,

ihnen immer gut zugeredet und vor allem: nie aufgegeben.

Und nun? Der Angriff der Grez’An auf die Abfangstaffel,

der Zusammenbruch der Barriere, die drohende Invasion -

nichts schockte die Besatzung so sehr, wie mit ansehen zu

müssen, dass Bartez aufgab. Er war immer der Fels in der

Brandung gewesen, derjenige, der bis zum letzten Atemzug

kämpfte, wo alle anderen längst kapituliert hatten. Er hatte die

Besatzung durch die gefährlichsten Situationen gebracht und

dabei nie ernsthaft den Glauben verloren, dass sie den nächsten

Sonnenaufgang sehen würden. Und nun? Nun stand ein

gebrochener Mann am Geländer, der nicht mehr wusste, was

er tun sollte und sich einem verzweifelten Himmelfahrtskommando

hingab.

In diesem Moment geschah es.

Alle im Hangar verstanden gleichzeitig, dass nicht mehr

länger sie Hilfe brauchten. Sie mussten sich bei dem Mann,

der sie immer um jeden Preis beschützt, sie gegen jede Gefahr

vertidigt hatte, revanchieren. Nun waren sie es, die ihm Mut zu

sprachen.

„Es ist erst vorbei...“, begann Perim, die Faust ballend.

Einige andere wussten sofort worauf sie hinauswollte und

sprangen mit ein. „... wenn es vorbei ist.“ Dann sprachen alle

Einhundert Besatzungsmitglieder dieselben Worte im Chor.

„Und selbst dann ist es noch nicht vorbei!“

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Sie rezitierten damit einen Spruch, den Bartez immer

gerne angewandt hatte und der für seine Unnachgiebigkeit

stand. Schwerfällig sah der Kommandant auf und runzelte die

Stirn. Er war völlig überrascht.

„Wir haben zuviel gemeinsam durchgemacht.“, fuhr

Transporterchief Kelly fort. „Wir sind den Borg gegenübergetreten.

Den Romulanern, Sektion 31, Tagara’s Männern, Piraten,

Tholianern...“

Als nächstes ergriff Chief Brady das Wort. „.. Das Schiff

wurde durchsiebt, verbrannt, versenkt, abgeschossen, gerammt,

sabotiert, lahmgelegt, lebendig, auseinandergerissen-“

Auch Roach fiel mit ein. „Fast jeder von uns wurdet im

laufe der Jahre angeschossen, gelähmt, betäubt, infiziert,

durchgeschüttelt...“

„...versteinert...“, fügte Kaafarani ironisch hinzu und

spielte damit auf den Vorfall an, wo Roach sie beinahe alle zu

Statuen verwandelt hatte.

„Und was ist passiert?“, trat Jones auf dem Pult vor. Ihr

Blick ging zunächst ins Leere, dann fokussierte er sich auf

Bartez. „Nichts. Nichts ist mit uns geschehen. Wir haben es

immer geschafft. Egal, wie groß die Schwierigkeiten, egal,

wie gering die Chancen auf Erfolg auch waren. Das alles nur,

weil wir immer zusammenhielten und gegenseitig auf uns aufpassten.“

„Wenn wir diesen Zusammenhalt aufgeben...“, ergriff

nun auch T’plona das Wort. „... dann erst ist unser Schicksal

besiegelt und die letzte Möglichkeit genommen. Wir gehören

zusammen.“ Sie blickte zu Sturak. Er erwiderte ihren vielsagenden

Blick der tiefen Kameradschaft.

„Wir sind alle jedermanns Verwandte.“, sagte er laut.

„Wenn nicht durch Blut, so doch durch Taten oder Gedanken.“

„Wahrhaftig.“, ballte Kevin Brady vor dem Podest die

Fäuste und lies sich von der Stimmung mitreißen. „Diese Ge-

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meinschaft entfesselte unglaubliche Kräfte, Captain! Blicken

Sie sich um, Sir. Sehen Sie, was aus uns allen im Schoße dieser

Familie geworden ist. Ich ... ich war zu Beginn der Scheue.

Der zurückgezogene Nörgler.“ Er sah zu Maureen und hielt

ihre Hand. „Nun könnte ich glücklicher nicht sein. Ich habe

meinen Platz in der Welt gefunden. Endlich habe ich ... Leute

die mich mögen und die ich mag.“

Stolz schob auch der Chefarzt das Kinn vor. „Dank ihrem

hervorragenden Mentor.“

„Genau.“, nickte Brady fort und deutete auf den Arzt.

„Oder nehmen sie Doktor Roach. Vom einfachen Landarzt,

zum kompetenten Mediziner.“

„Uuuund ich habe sogar zehn Kilo abgenommen.“

Aber dies schienen ihm nur wenige wirklich zu glauben.

Immerhin lachten einige und so war die Bemerkung auch gedacht.

Dennoch verteidigte er sich lächelnd: „He, in nur fünf

Jahren? Das ist für mich ein guter Schnitt.“

Kelly nahm ihren Ehemann in die Hand. Sie lächelte innig.

Obwohl er die wahren Gründe für ihr Glück nicht kannte,

schien es ihm Kraft zu geben. „Und ich habe den verständnisund

verantwortungsvollsten Menschen, den ich kenne, für

mich gewonnen.“

„Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.“, sagte

nun auch Ahmad Kaafarani, der sich bisher in Schweigen gehüllt

und vornehm zurückgehalten hatte. Nun lies er sich von

der Euphorie begeistern. Er sah sich nach Perim um. Ihre Blicke

trafen sich. Sie nickte zuversichtlich. Sie verzieh ihm, seine

Patzigkeit, von vorhin. Zum ersten Mal in den letzten Tagen

konnte der Pilot wieder lächeln. Es war nur ein kleines

Lächeln, aber ein Lächeln.

„Keiner von uns wird gehen.“, sagte Kelly schließlich.

Zustimmende Worte, waren von überall zu vernehmen. Köpfe

wurden genickt.

Bartez stand einfach nur da. Er zitterte am ganzen Leib.

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„Ich ... ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll.“,

brachte er verstört hervor.

Kelly hatte einen Vorschlag: „Wir wäre es denn mit: Einer

für Alle?“

„Und alle für einen.“, riefen ein paar aus der Menge. Der

Rest schloss sich auch dieser Meinung an. Der Kommandant

nahm tief Luft. Noch immer rang er mit seinen Gefühlen. „Also

schön!“, sagte er laut. „Wir werden gemeinsam kämpfen -

bis zum letzten Atemzug, für das, was uns lieb und teuer ist

und uns rechtmäßig gehört: die Freiheit. Wir werden für den

Erfolg unserer Fünf-Jahres-Mission kämpfen - für die Einhaltung

des Friedens in der Galaxie. Und wenn wir erfolgreich

sind.“, er lächelte. „Wenn es uns gelingt das Unmögliche zu

erreichen, dann wird dies der glorreichste Sieg sein, den man

sich vorstellen kann. Es wird der Tag sein, in dem wir alle

Schulter an Schulter gekämpft und gerufen haben: Wir ergeben

uns nicht! Niemals! Wir werden überleben. Wir werden

leben.“, donnerte er. „Erledigen wir diese Bastarde, bevor sie

uns erledigen!“

Bartez trat vom Geländer weg und ein tosender Applaus

brandete durch die Menge. Tief bewegt von seinen und ihren

eigenen Worten, vergaßen die Männer und Frauen ihre Ängste,

reckten die Fäuste in die Höhe und jubelten kampfbereit.

Sie wären ihrem Captain überall hin gefolgt. Während

der Beifall und die Hochrufe kein Ende nehmen wollten,

sprang der Captain, entschlossen wie nie zuvor, vom Podest

und bahnte sich einen Weg zu Kelly. Noch immer sah man

ihm Sorge und die Last auf seinen Schultern an, doch endlich

hatte er seinen Mut zurückgewonnen. Die Besatzung feierte

ihn und sich selbst.

„Du wolltest mir etwas sagen?“

Kelly zögerte. „Ich...“ Sie versuchte die richtigen Worte

zu finden. Stellte sich vor, wie es für ihn sein musste, wenn er

nun davon erführe. Ob er dieser Belastung standhielt? Sie

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könnte ihn damit versehentlich zu Boden schlagen. Oder ihm

den Mut eines Titan verleihen. Nein, das Risiko war zu groß.

Kelly nahm ihn bei der Hand, zuckte mit den Schultern

und versuchte ein Lächeln aufzusetzen. Sie konnte es ihm

nicht sagen, nicht in dieser, seiner schwersten Stunde. „Es

kann warten.“, sagte sie.

Angestrengt versuchte er aus ihrem Blick irgendetwas herauszulesen.

Für ein paar Sekunden schien es sogar zu klappen,

dann atmete Kelly wieder erleichtert auf, als er sie umarmte.

Momentan hatte er einfach zu viele andere Gedanken

und Sorgen, als das er auch nur irgendetwas erahnt hätte. Im

nächsten Moment rannte er schon wieder mit Pixur und Keka

aus dem Hangar hinaus, um weitere Befehle zu geben. Kelly

sah ihm lange nach und seufzte.

Allmählich verklang der Jubel im Hangar. Einige klatschten

und pfiffen noch, die meisten sprachen sich Mut zu. Aber

alle an Bord waren von einer Begeisterung und Hochstimmung

gepackt worden, die mit bloßen Worten kaum zu erfassen

war. Vielleicht flüchteten sich alle in diese Euphorie, weil

sie genau wussten: die Chancen standen eins zu einer Million.

Niemand sprach es aus, aber alle dachten dasselbe und

jeder von ihnen wollte sich noch einmal mit den Freunden unterhalten

und Fehler eingestehen. Abschiedsworte finden.

Wahrscheinlich würden sie alle umkommen und genau das

machte es so schwer, so endgültig.

Lieutenant Kaafarani wurde weniger von der Stimmung

erfasst, dafür aber von dem Gefühl die letzten Stunden vor

sich zu haben. Und die beabsichtigte er zu nutzen, um sein

Gewissen etwas zu erleichtern. Er kämpfte sich durch die

Menge zu Kell Perim und tippte ihr auf die Schulter.

„Ja?“, drehte sie sich um.

„Ich wollte mich entschuldigen.“ Keine Ausflüchte mehr,

entschied Kaafarani. Kein Drumherumgerede. Sie zeigte Ver-

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ständnis. „Jeder hat mal einen schlechten Tag, Ahmad. Das ist

schon okay.“

„Aber nicht eine schlechte Woche. Oder einen schlechten

Monat. Mein Verhalten auf der Brücke war falsch. Es ist nur-

“, wie sollte er es erklären? Kopfschütteln sah er sich hilflos in

der Menge um.

„Du fühlst dich allein.“, trafen Perim’s Worte sofort den

Kern der Sache.

Kaafarani seufzte. „Richtig. Wenn ich mich umschaue,

sehe ich all die glücklichen Paare an Bord. All die verschiedensten

Typen, von denen man es am wenigsten erwartet hätte.“,

er spielte speziell auf Kevin Brady an. „Sie sind glücklich

geworden an Bord, haben einen Partner gefunden. Ich habe

mein großes Glück durch meine eigene Dummheit verloren.

Durch etliche Fehler, die ich beging.“

„Fehler sind da, um verziehen zu werden.“, zuckte Perim

mit den Schultern.

„Nein, nicht dieser Fehler, Kell.“, meinte Kaafarani bitter.

Die unvereinigte Trill legte ihre Hände um Kaafarani’s

Schultern und drehte ihn durch die Gegend. „Sieh dich um,

Ahmad. Wir stehen am Rande der Vernichtung. Niemand in

der Föderation weiß, wie aussichtslos es diesmal ist. Wir wissen

es. Aber die Leute verlieren ihre Hoffnung nicht. Im Gegenteil,

es schweißt uns sogar noch enger zusammen. Dies ist

der Zeitpunkt, wo wir unsere hohlen Kontroversen als solche

erkennen und begreifen, was wirklich grundlegend im Leben

ist: Zusammenhalt. Aus diesem Grund hast du dich doch auch

gerade bei mir entschuldigt, oder?“

„Irgendwie schon.“

„Siehst du? Hat nicht Martin Luther gesagt: Wenn ich

wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch

ein Apfelbäumchen pflanzen?“

Als er nichts erwiderte, wies sie zum Ausgang. „Geh und

pflanze dein Apfelbäumchen.“ Weil Perim dies für ein gutes

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Schlusswort hielt, nickte sie noch einmal, um ihre eigenen

Worte zu bestätigen und verschwand dann in der Menge bei

anderen Kollegen. Ahmad Kaafarani stand noch eine Weile

einfach nur da und dachte über Kell’s Worte nach.

„Captain!“ Kevin Brady rannte durch die Korridore. Neben

ihm lief Maureen, begleitet vom leise surrenden Holo-

Projektor. Sie versuchten den Kommandanten noch abzufangen,

ehe er sich zur Brücke begab. Hinter der nächsten Biegung,

stießen sie auf ihm. Er verlangsamte seinen Schritt,

blieb schließlich stehen und drehte sich zu dem jungen Paar

um. „Was kann ich für sie tun?“

Maureen und Brady stoppten. Sie sahen sich mit gemischten

Gefühlen an, schienen eine Frage auszutauschen:

bist du sicher? Offenbar waren sie es, als Brady nickte und

nervös das Wort an den Kommandanten wandte: „Wir wissen,

dass dies vielleicht ein ungünstiger Moment für Sie ist, Captain.

Die Zeit ist knapp und der Weltuntergang steht kurz bevor

und so weiter. Aber gerade deswegen ist es vielleicht auch

der beste Moment.“ Er kam einfach nicht zum Punkt, weshalb

Maureen die Sache direkt zur Sprache brachte. „Wir wollen

unsere Heirat vorverlegen.“

„Wann?“, fragte Bartez, der die Antwort längst hatte.

„Noch ... noch ... heute.“, stammelte Brady. „Vor Ende

des Tages.“

Letzte Chance, dachte Bartez. Kaum einer rechnete damit,

den morgigen Tag noch zu erleben, er selbst inklusive.

Also wollten sich die beiden das Ja-Wort geben, solange sie

noch Gelegenheit dazu hatten und die gemeinsamen, letzten

Stunden als Ehepaar verbringen.

„Das wird keine große Zeremonie.“, wies Bartez auf die

mangelnde Zeit hin.

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Brady und Maureen nickten. „Das wissen wir.“, sagten

beide. Bartez zog für einen Moment die Mundwinkel hoch. Er

wusste, wie sich die beiden fühlten und erinnerte sich an seine

eigenen Hochzeit zurück. Nicht der Aufwand der Zeremonie

war entscheidend. Sondern einfach nur, dass es geschah. Er

klopfte dem Ingenieur freundschaftlich auf den Arm. „Bereiten

sie alles vor.“

Die Dankbarkeitsbekundungen des Paares gingen im

schrillen des roten Alarms unter, der plötzlich durch die Gänge

hallte. Bartez betätigte unverzüglich seinen Kommunikator.

„Brücke, was ist los?“

„Ein Schiff nähert sich auf einem Abfangkurs.“

„Zugehörigkeit?“

„Grez’An.“

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7.

Die Kommandocrew hastete aus dem Turbolift zu ihren

Konsolen, sobald sich die Türen öffneten und riefen geradewegs

den Status des Schiffes ab.

„Meldung!“, ging Bartez angespannt zu seinem Stuhl. Er

rechnete bereits mit einem harten Kampf.

„Ein Grez’An-Scoutschiff.“, las Sturak von den Anzeigen

ab. Bartez murrte grimmig. Damit wurden sie fertig.

„10 000 Kilometer an Backbord, schnell näher kommend.“

„Ziel erfasst.“, sagte T´plona. Wie üblich durchschnitt ihre

unerschütterliche Ruhe die allgemeine Aufregung im Kontrollraum.

„Ihre Waffensysteme?“, drehte sich Bartez zu ihr. Nun

blinzelte T’plona verwirrt. „Nicht aktiviert.“

„Lassen Sie mal sehen.“

Ein knapper Signalton begleitete den Bildwechsel auf

dem Frontschirm. Das Raumschiff in der schwärze des Alls

sah aus, wie ein grausames Insekt mit Klauen, Krallen und einer

Menge tödlicher Stacheln. Es war fast vollkommen organisch

und nicht zum ersten Mal fragte sich Bartez, inwiefern

diese Schiffe lebten.

„Befinden die sich nur zufällig auf unserem Weg? Sind

sie ... dahin unterwegs, wo alle Grez’An sofort aufbrechen,

wenn sie in unser Universum gewechselt sind?“

Kaafarani beantwortete die Frage. „Negativ. Wir haben

eben ein Ausweichmanöver durchgeführt, sie passten ihren

Kurs sofort an. Die wollen ganz klar zu uns.“

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„Zu dir, Matt.“, korrigierte Sturak und sah von seiner

Konsole auf. „Ich empfange eine Nachricht von dem Schiff.

Gerichtet: an Matthew Bartez.“

Im Kontrollraum kehrte Ruhe ein. Alle Blicke richteten

sich auf den Captain, der plötzlich mit allem rechnete. Nach

ein paar Sekunden fand er seine Stimme wieder. „Auf den

Schirm.“

Anstelle des sabbernden, zähnebespickten Mauls eines

blutdürstigen Grez’An, sahen ihn eine andere, nicht weniger

skurile Kreatur an.

„Zard?!“, erkannte Bartez die Züge des Eidechsenmannes.

„Und Joroot.“, trat eine weitere Person in den Sichtbereich

des Monitors. Es handelte sich um einen großgewachsenen

Krieger, mit Falkenkopf auf einem blauen, humanoiden

Körper. Bartez kannte ihn nur zu gut. Sie beide.

„Was ... was machen Sie hier?“

„Uns kam zu Ohren, es gäbe ein Raumschiff, dass sich

den Grez’An entgegen stellen will.“, antwortete Zard. „Wir

beide schulden ihnen noch etwas, Captain. Und da wir gerade

in der Nähe waren ... Es wäre schön, wenn wir an Bord dürften.“

Fünf Minuten später, schob sich die massive Tür der

Luftschleuse beiseite. Dahinter klafften der stinkende und blutige

Innenraum des Grez’An-Schiffes, aus dem die beiden

Neuankömmlinge Joroot und Zard kamen. Sie wurden von

Bartez erwartet. Hinter dem Captain hatte sich T’plona mit einem

kleinen Sicherheitsteam eingefunden.

Zusätzlich zu den Phasern, die nun jeder an Bord trug,

hatte jeder von ihnen noch ein Gewehr auf dem Rücken geschnallt.

Zwar richteten sie ihre Waffen nicht auf die beiden

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Besucher, waren aber dennoch vorsichtig und beobachteten

jeden ihrer Schritte genau. Sicher war schließlich sicher.

„Furchtbar!“, wedelte sich Joroot vor dem Schnabel herum

und deutete über die Schulter zum Grez’An-Schiff. „Der

Gestank da drin ist einfach furchtbar.“

Dies konnte Bartez bestätigen. Das Gefühl der Übelkeit,

von seinem letzten Aufenthalt in einem solchen Schiff, war

ihm in guter Erinnerung geblieben. „Wo haben Sie diesen

kleinen Raumer überhaupt her?“, fragte er.

Joroot hob den Kopf eines Grez’An wie eine Trophäe

hoch. Zwei der Sicherheitsleute wichen erschrocken und angewieder

einen Schritt zurück. Sie verzerrten ihre Gesichter zu

einer Grimasse des Ekels.

„Sie wagten es Idania anzugreifen.“, erklärte Joroot. Respektvoll

betrachtete er den Schädel. Dann verzog er das Gesicht

und warf ihn lasch zurück ins Schiff. „Ein Fehler! Wir

erlaubten es uns, ihr Fluggerät zu benutzen. Auf dem Weg

hierher bin ich dann auf ihn gestoßen.“, er deutete auf Zard.

Der ehemalige Gefangene von Rura Penthe nickte.

Bartez neigte skeptisch den Kopf. „Und da haben Sie

beide beschlossen, die Starfury zu besuchen?“

„Nicht einfach so.“, hob Zard den Zeigefinger. „Wir haben

beide eine seltsame Nachricht – wenn man das so nennen

kann - erhalten, die uns herlockte. Enthalten waren nur sechs

Worte: Bartez, Starfury, Auserwählt, Kampf den Grez’An.

Und als Absender-“

„Sagen sie es nicht.“ Bartez schloss die Augen und rieb

sich die Schläfen. „Xardes!“

Auf einmal erinnerte er sich an das seltsame Gefühl, dass

ihn damals überkommen war, als er Zard und auch Joroot das

erste Mal begegnet war. In beiden Fällen das gleich: ein

merkwürdiges Gefühl der Vertrautheit, als ob er sie längst

kannte und das, obwohl er ihnen bis dato nie begegnet war.

„Ganz genau.“, bestätigte Zard verwundert. „Woher-“

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Bartez öffnete die Augen. „Lange Geschichte. Wollen Sie

sich uns wirklich anschließen?“

Joroot zuckte mit den Schultern. „So wie ich das sehe,

sitzen wir alle im selben Boot, Captain. Nicht nur ihre Heimatwelt

wird bedroht. Auch unsere.“

„Dann soll es so sein. Wir docken ihr erobertes Schiff ab

und nehmen unseren alten Kurs wieder auf. Maximum Warp.

T’plona, leiten Sie die Befehle bitte weiter.“

Er drehte sich zur Vulkanierin um. Zum erstem Mal an

diesem Tag lächelte er. „Es sieht ganz so aus, als ob Xardes

uns ein wenig unter die Arme greift. Wir haben zwei weitere.“

„Sie haben sich einen seltsamen Raum ausgesucht, um zu

heiraten.“, merkte Doktor Gregory Roach lapidar an und versuchte

das verlassene Drei Rechts von den klobigen Tischen

zu befreien, während ein halbes Dutzend Mitarbeiter aus der

technischen Abteilung, schnell ein paar Stühle auftrieben und

sie nacheinander hereinbrachten. Allmählich errichteten sie so

eine kleine Zuschauerecke.

„Ich habe mir einen seltsamen Tag ausgesucht, um zu

heiraten.“, erwiderte Brady lasch und half dem Arzt bei einem

besonders schweren Tisch. „Andererseits, könnte er auch was

ganz besonderes werden. Kaum heiraten wir, geht die Welt

unter.“

„Jeder Hochzeitstag ist etwas besonders.“, äußerte Roach.

„Und in gewisser Weise, endet das Leben des Ehemanns dann

immer.“

„Tatsächlich?“, meinte Brady unsicher.

„Ja, natürlich.“, bestätigte Roach. „Denn man beginnt ein

völlig neues, viel besseres Leben.“

„Hm, viel besser, sagen Sie? Was ist mit den Paaren, die

sich scheiden lassen?“

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„Haben Sie Zweifel, Kevin?“

Sie trugen den Tisch in einen Nebenraum, der nun als

Abstellkammer für das Mobiliar diente und schnauften unter

der Anstrengung. Keuchend setzten sie ihn ab. Bevor sie zurück

gingen, um sich dem nächsten Tisch zu widmen hielt

Brady erschöpft inne. „Die habe ich tatsächlich, Doktor. Ein

schlechtes Zeichen?“

Roach winkte ab: „Papperlapapp!“ Nennen Sie mir auch

nur ein einziges Paar, dass keine Zweifel hatte. Es ist völlig

normal und sicher nichts schlechtes. Im Gegenteil. Wichtig ist

nur, was Sie hier drin fühlen.“ Er tippte auf Brady’s rechte

Brust und lächelte.

„Woher haben Sie gewusst, dass ihre Frau die richtige

ist?“, fragte Brady daraufhin.

Roach dachte über die Frage nach, da sie einer ehrlichen

Antwort bedurfte. „Gewusst? Ich habe es nicht gewusst, sondern

gefühlt. Ich spürte die Symptome. Das Kribbeln der

Haut, das Flattern der Schmetterlinge im Bauch, der Schmerz,

wenn wir getrennt waren, die Gedanken, die immer nur bei ihr

waren. All das und mehr.“

„Symptome? Wie bei einer Krankheit.“

Roach konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Brady

mochte sich in mancher Hinsicht auch noch so sehr gewandelt

haben in den letzten Jahren, aber er war noch immer der skeptische,

nervöse und teilweise unsichere Typ.

„Nur, dass es keine Krankheit ist, Kevin. Es ist Magie!

Und Magie verliert immer ihren Zauber, wenn wir versuchen

hinter seine Geheimnisse zu kommen, also probieren Sie es

erst gar nicht. Lassen Sie sich einfach ... verzaubern.“

„Verzaubert hat Sie mich schon längst.“ Brady dachte sofort

an ihr Lächeln, der Klang ihrer Stimme, ihre Art zu-

Und plötzlich war er sich ganz sicher.

„Sie haben recht, Doktor.“

„Dieser Satz sollte amtlich werden.“

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„Nein, ehrlich, Sie sind der Beste! Ich habe ihnen viel zu

verdanken.“

Brady hatte die Nähe von Menschen früher nie gerne ertragen.

Heute zögerte er keine Sekunde den viel größeren und

vor allem breiteren Arzt zu umarmen. „Danke, Doktor.“

„Kein Problem, Kevin.“ Er erwiderte die Umarmung und

fiel dann in eine nostalgische Tonlage ein. „Ich kann mich an

einen jungen Mann erinnern, der verzweifelt in meine Krankenstation

gerannt kam, weil er sich frisch verknallt hatte und

völlig hilflos war. Und wer hat ihm geholfen? Richtig, ein in

Sachen Technik völlig hoffnungsloser Kerl. Er innern sie sich?

- Ich habe ihnen damals versprochen, dass dies der Beginn einer

wunderbaren Freundschaft sei.“

Sie lösten die Umarmung, als Roach fortfuhr. „Nun müssen

Sie zur nächsten Stufe gehen - Dem Beginn einer wunderbaren

Ehe. Bereit?“

Mit neuer Sicherheit bestätigte Kevin Brady. „Bereit!“

Von einer Ablage in der Nähe schnappte sich Brady die passende

Jacke zu seiner Gala-Uniform und streifte sie schnell

über. Die Hose wies zahlreiche Knitterfalten auf, ebenso das

Hemd darunter. Nach der letzten Anprobe vor ein paar Wochen

hatte er sie einfach in den Schrank geworfen und sie später

säubern wollen, doch da sie die Hochzeit nun vorverlegt

hatten, war dazu keine Zeit mehr. Es musste einfach reichen.

Eingelaufen war sie bei der letzten Wäsche scheinbar auch, er

bekam den Reißverschluss nicht richtig zu.

„Warten sie.“, versuchte es Roach und mühte sich eine

Weile vergeblich ab. Dann gab er es auf. „Tut mir leid.“

„Ja, es ist zu eng.“

„Ein Satz, den ich ständig von mir gebe. Ich sage es ihnen,

Kevin, eure Sternenflottenklamotten sind allesamt zu

klein!“

Brady ging auf den sicherlich als Witz gemeinten Protest

nicht näher ein.

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„Wie sehe ich aus?“

Roach streckte die Hand aus und wackelte mit gespreizten

Fingern – so lala.

„Sie sind mir eine große Hilfe.“

„Im wahrsten Sinne des Wortes.“, spielte Roach auf seine

Größe an. „Kommen Sie endlich!“

Kelly Jones war in Eile. Bis zur Hochzeitszeremonie

blieben nur noch ein paar Minuten und nun geriet sie in tatsächliche

Zeitnot - das Anlegen der etwas formelleren Gala-

Uniform hatte länger gedauert, als zunächst gedacht. Sie erschien

ihr zu eng. Lag es etwa daran, dass sie bereits einen

Baby-Bauch hatte?

Schnell schob sie diesen Gedanken wieder beiseite.

Absoluter Blödsinn, sie machte sich nur etwas vor. Ohne

weitere Verzögerungen erreichet Kelly den Bereitschaftsraum.

Zu ihrer Überraschung hatte ihr Ehemann seine eigene Gala-

Uniform längst angelegt, dabei schob er solche Sachen für

gewöhnlich vor sich her, bis es fast zu spät war.

Matt saß auf der Couch und brütete über einem Datenblockstapel.

Weitere lagen Kreuz und Quer im Raum verstreut.

Zunächst ging sie davon aus, dass es sich dabei um taktische

Manöver handelte, bis sie sich neben ihn setzte und den

Titel las.

„Die Bibel?“

„Stimmt genau.“, bestätigte er ernst. Er hob weitere Datenblöcke.

„Bibel, Koran, Yberion’s Weisheiten, Surak’s

Weisheiten, Shakespear ... Ich kann jede Hilfe brauchen. Jede

... Gedankenanregung.“

„Seit wann bist du zu den Gläubigen übergetreten?“

„Seit Xardes sagte, dass meine Bereitschaft zu Glauben

über Sieg oder Niederlage bestimmt.“

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„Und? Glaubst du?“, stellte Kelly die alles entscheidende

Frage. Eine Weile dachte er darüber einfach nur nach. „Ich

weiß es nicht.“, gab er traurig zu. „Wir glauben im allgemeinen

gern das, was wir uns wünschen. Ist es ... ist es also nur

bloßes Wunschdenken? Ich weiß es wirklich nicht.“

„Aber ich weiß es.“ Jones rückte näher und legte ihren

Kopf auf seine Schulter, während Bartez sie umarmte. „Deine

Kraft entstand nie aus dem Glauben an Religionen, oder an die

Worte anderer Menschen, sondern immer nur an den Glauben

an deine Grundwerte und deine Moral. Wer wäre besser geeignet

die Menschheit zu retten?“

„Es ist eine Verantwortung, die man mir aufzwingt.“

„Aber doch nur, weil du befähigt bist Sie auszuhalten.

Die Menschen hier an Bord zählen auf dich.“

Er begann ihr durch das Haar zu streichen.

„Wie steht’s mit dir, Kelly?“

„Ich brauche nicht zu glauben, dass du uns beschützt, da

ich es einfach weiß.“

„Und wenn du dich irrst?“

„Ich habe mich nicht geirrt, als ich dich heiratete und auf

das Gefühl in meinem Bauch hörte.“ Erst im Anschluss ihrer

Worte bereute sie es, ausgerechnet diese Formulierung benutzt

zu haben. Aber er schien nichts zu merken, war zu sehr in seinen

Gedanken versunken.

„Jetzt habe ich ein ähnliches Gefühl, Matt.“

„Ja und nun werde ich wieder zu einer Selbstmord aufbrechen,

wo du Qualen erleidest, weil du nicht weißt, ob ich

überlebe, oder nicht. Zu oft schon habe ich das gemacht. Mir

ist klar, wie sehr du gelitten hast, wenn ich immer mein Leben

riskierte, nur weil ich nicht wegsehen konnte und die bösen

Buben jagte, um Gerechtigkeit walten zu lassen.“

Kelly löste sich aus der Umarmung und sah ihm tief in

die Augen.

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„Dafür habe ich dich oft gehasst, ja. Ich stand Todesängste

aus, wenn du wieder einem wildfremden zu Hilfe eiltest,

bloß weil du einen so starken Gerechtigkeitssinn hast. Das

stimmt. Aber dies ist nun mal dein Charakter, deine Art. Das

ist der Matt Bartez, in den ich mich verliebte. Würde ich von

dir verlangen dich zu ändern, würde ich verlangen das aufzugeben,

was ich liebe. Verstehst du? Komm schon. Sei wieder

der Matt Bartez, der mir Mut macht. Sei der, in dessen

Sprachgebrauch das Wort Aufgeben gar nicht existiert.“

Worte die Matt Bartez tief bewegten. Tiefer, als sie vielleicht

ahnte. Er nahm Kelly erneut in den Arm und drückte sie

feste und lange.

„Was würde ich nur ohne dich machen?“

Kelly sah zum Chronometer. „Die aktuelle Hochzeit verpassen?“

„Oh.“, riss er die Augen auf. „Stimmt. Wir müssen los.“

„Ist wieder alles in Ordnung, Matt?“

Er nickte. „Denke schon. Wie könnte es mir auch

schlecht gehen, bei einer solchen Familie?“ Er dachte daran,

wie Jones sonst auf Hochzeiten reagierte. „Wirst du bei dieser

Hochzeit wieder weinen?“

Sie grinste. „Ja, aber diesmal aus Freude.“

Und endlich war es wieder da: das lebensfrohe und unnachgiebige

Lachen des Kommandanten. Kelly hatte es geschafft.

Nachdem die Besatzung ihn aufgebaut hatte, war von

ihr nun nur noch ein letzter Anstoß nötig gewesen, das erkannte

sie an seinen Augen. Der spezielle Glanz darin leuchtete

wieder auf.

Matt Bartez war wieder da und bereiter, als jemals zuvor.

„Dann lass es uns tun.“, sagte er.

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Allison Brady konnte einfach nicht aufhören, an der

Kleidung ihres Sohnes herumzuzupfen. Sie war um einiges

nervöser als er, was wirklich ein Kunststück war.

„Mom, ich denke das reicht jetzt.“

Seine Mutter seufzte und betrachtete ihn noch einmal

ausgiebig. „Ich bin stolz auf dich, mein Junge.“

„Danke, Mom. Jetzt müssen wir aber los, sonst komme

ich noch zu meiner eigenen Hochzeit zu spät.“

Auf dem Weg zur Tür drückte sie ihrem überraschten

Jungen einen dicken Kuss auf die Wange und lies ihn bei ihr

einhaken. Sie bogen um eine Ecke und gelangten in das Drei

Rechts, das schnell zu einer Kapelle umfunktioniert worden

war. Durch die kleinen Fenster konnte man draußen die Sterne

in langen Strichen vorbeirasen sehen. Ein paar Leute hatten

sich auf den Zuschauerplätzen niedergelassen, die meisten gehörten

Brady’s Stab an. Außerdem saßen Kelly Jones und

Ahmad Kaafarani im Raum. Allesamt gute Freunde, die er in

den letzten Jahren gewonnen hatte.

Captain Bartez stand auf zwei flache Komponenten, einer

Gravitationsplatte, die man schnell als Podiumsersatz übereinandergelegt

hatte. Er schüttelte Brady die Hand und wechselte

ein paar Worte mit ihm, während sie warteten. Kurz darauf

öffnete sich die andere Zugangstür.

Maureen stand dort, im Arm von Doktor Roach eingehakt.

Und sie war wunderschön.

So wunderschön!

Brady bewunderte ihr herrliches Kleid, dass sich eng um

ihre schlanke Figur schmiegte.

Frank Jocasta zwängte sich schnell an den beiden vorbei

und nahm in der Zuschauerreihe Platz, ohne Aufmerksamkeit

zu erregen. Er hatte ihre Kleiderparameter geändert und die

neue Programmierung ausgeführt.

Maureen und Roach kamen elegant den Gang zwischen

den Stühlen zum Podium entlang.

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Brady küsste ihr auf die Wange. Er deutete auf das Chronometer

an der Wand und bemerkte scherzhaft: „Du bist eine

Minute zu spät.“

„Ich habe die Termine neu angelegt.“, spielte Maureen

schulterzuckend auf ihre Funktion als holographische Sekretärin

an.

Captain Bartez schob schnell einen Frachtcontainer als

Pult zurecht und vergewisserte sich, dass alles bereit war.

„Kevin, haben sie die Ringe?“

„Äh, klar.“ Er griff in die Tasche und holte einen wunderschönen,

silbernen Ring hervor. Die beiden Trauzeugen Allison

und Gregory nahmen schnell ihre Plätze links und rechts

des Brautpaares ein.

Die Tür glitt erneut zur Seite und Sturak und T’plona

kamen hereingeeilt. Beide fummelten noch hektisch an Sturak’s

Gala-Uniform herum, bekamen sie nicht anständig zu

und ließen den Reißverschluss des Hemdes einfach halb offen.

Auch sie nahmen eilig platz.

Als er sah, dass alle bereit waren, lächelte Bartez und

sagte an Brad gewandt: „Sie gehen heute in die Geschichte

ein, als der erste Mensch, der ein Hologramm heiratet.“

„Ich weiß.“, bekundigte Brady feste sein Vorhaben.

„Nun gut. Dann wollen wir anfangen.“

Die kurze Zeremonie erwies sich für die Gäste ebenso

bewegend, wie für das Brautpaar. Ohne den Blick vom Podium

abzuwenden, ergriff T’plona langsam Sturak’s Hand. Er

wehrte sich nicht dagegen und hielt sie fest.

Eine Stunde später hatte die Starfury Sternenbasis 61 –

ihr Ziel – beinahe erreicht. Während der hektischen Minuten

vor der Andocksequenz kontrollierten die Techniker an Bord

immer wieder das Raumschiff. Sie prüften, ob alle Systeme

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funktionierten, was ihnen noch an Ausrüstung oder im Waffenbestand

fehlte und was sie am besten von der Sternenbasis

noch anforderten, um für den anstehenden Kampf gerüstet zu

sein.

Nicht anders ging es in der Sicherheitsabteilung zu, wo

Phasergewehre verteilt und letzte Übungen auf dem Schießstand

durchgeführt wurden.

Commander Sturak machte sich wenig Sorgen um die

nächsten Stunden, was von seiner vulkanischen Ruhe und einem

fast schon menschlichen Optimismus herrührte. Die

Männer und Frauen der Sicherheitsabteilung waren Profis und

hervorragend geschult. Bei ihnen wusste er sich in besten

Händen. Bei ihnen und bei T’plona.

Er fand die Sicherheitschefin in ihrem Büro, wo sie eine

Unterredung mit Lieutenant Neeley hatte. Ihre Stellvertreterin

stimmte den Worten ihrer Chefin zu, bemerkte Sturak aus den

Augenwinkeln und verabschiedete sich dann mit einem knappen

Nicken. Scheinbar war ihre Unterhaltung beendet. Oder

Neeley wollte den beiden Vulkaniern ein Gespräch unter vier

Augen ermöglichen.

„Commander?“, setzte Sturak an. „Wie ist der Status?“

„Mein Team ist eingewiesen und bereit – sofern man sich

auf das Unbekannte vorbereiten kann. Die Waffenausgabe ist

annähernd beendet, die Verteidigungssysteme zu einhundert

Prozent einsatzbereit.“ Mit ihren Aufgaben beschäftigt, nahm

T’plona wieder am Schreibtisch platz und aktivierte den

Tischcomputer, um weitere Vorarbeiten zu treffen.

„Das ist ... schön zu hören.“, verschränkte Sturak die

Hände hinter dem Rücken. Er war offenbar nicht gewillt zu

gehen. Als sie den Small-Talk als solchen erkannte, blickte

T’plona auf und zog eine Braue hoch. „Schön – ja, aber nicht

der Grund ihre Erscheinen, nehme ich an.“

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„In der Tat.“ Sturak versuchte eine gute Formulierung zu

wählen. „Es geht um die ... Berührung von vorhin. Ich habe

den Eindruck es war...“

„... nicht nur eine Freundschaftsgeste.“, komplettierte

T’plona den Satz.

„So könnte man es nennen.“

„Es war aber eine.“, bekräftigte T’plona. Sie gab das vulkanische

Äquivalent eines Seufzers von sich und stand auf.

„Sir, ich habe immer gehofft, dass doch noch ein Paar aus

uns würde. Dabei übersah ich, dass wir eine viel bessere Beziehung

haben: Eine tiefe, ehrliche Freundschaft.“ Mit langsamen

Schritten umrundete sie den Schreibtisch und ging auf

Sturak zu. „Es stimmt, ich folgte ihnen unter anderen Vorbehalten

an Bord. Wollte ihnen nahe sein. Sie wiesen mich nicht

ab, im Gegenteil, sie wurden mein Lehrer. Ich habe viel von

ihnen gelernt und irgendwann begriffen, dass unsere Beziehung

so viel besser ist. Sie sind mehr als mein Mentor geworden,

Sturak.“

„Und Sie sind mehr als meine Schülerin geworden. Es erfüllt

mich mit Stolz, einer so außerordentlich begabten Vulkanierin

begegnet zu sein und Sie eine Freundin nennen zu dürfen.

Ihre Entwicklung ist beeindruckend.“

„Was ich zum Teil ihnen zu verdanken habe.“, äußerte

T’plona und meinte damit nicht nur den neuen Stern an ihrem

Kragen.

Sturak hob und senkte die Schultern. Eine erstaunlich

menschliche Geste. „Der Dank liegt ganz meinerseits, Lieutenant

Commander.“ Er begann etwas in dem kleinen Büro herumzuwandern

und betrachtete die Wände. „Dieses Schiff hat

etwas abnormes an sich. Es verbindet Menschen, egal wie außergewöhnlich

deren Beziehung zueinander vorher war. Es

macht sie ... zu Familie. Das werde ich vermissen. Sie werde

ich vermissen.“

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T’plona war derselben Meinung. Der Abschied von diesem

Schiff, von diesen Leuten - ihren Freunden - würde nicht

leicht fallen. Denn erst auf diesem Schiff, hatte sie ihr vollkommenes

Glück gefunden und war zu innerem Frieden gelangt.

Sturak sagte: „Niemals geht man so ganz, irgendwas von

uns bleibt hier, es hat seinen festen Platz immer...“

Sie zögerte: „...Immer bei dir.“

Sturak lächelte sanft, wie nur er es konnte. Sie begegnete

seinem Blick, sah in diese braunen, ehrlichen Augen. Sie hob

die Hand, streckte Zeigefinger und Daumen aus. Auch Sturak

hob seine Hand, berührte ihre mit den Fingerkuppen, mit denselben

Fingern. Sie schlossen die Augen für eine Weile und

genossen den Moment in dem sie die Essenz des anderen spürten

und sich ihre Geister vereinten.

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8.

Der Funkenregen eines Schweißbrenners prasselte von

der Wand ab und verging zischend auf dem Boden des zweistöckigen

Hauptkorridors von Sternenbasis 61. Auch hier

wurden alle Vorbereitungen eines Angriffes getroffen und die

Außenwände verstärkt.

Captain Matthew Bartez trat an dem Techniker vorbei

und bog in einen anderen Gang ab. Er kannte den Weg zu den

Zellen des Gefängnisbereichs. Ironischerweise lag die Person

die er suchte in derselben Zelle, wo Bartez auch einst den Sektion

31-Agenten Helmut Grunther besucht hatte. Er überprüfte

noch mal auf einer Wandkarte, ob er auch wirklich richtig war

und trat dann in den Vorraum ein.

Die beiden bulligen Wächter sahen von ihrem Kartenspiel

auf und waren völlig überrascht. „Sie sehen ja genauso

aus, wie-“, begann der eine.

„Lange Geschichte.“, sagte Bartez schnell und deutete

auf eine Zelle. „Ist er da drin?“

„Ja.“

„Gut. Ich werde ihn mitnehmen.“ Die beiden Wärter

tauschten verdutzte Blick aus. Es waren absolute Frischlinge,

vermutlich gerade erst von der Akademie. Obwohl sie eine

Waffe besaßen, war klar, wer vor wem Angst hatte.

„Über eine Gefangenenverlegung wurden wir nicht informiert.“

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Bartez beschloss, es drauf ankommen zu lassen. „Weil es

keine Informierung gibt. Der Gefangene wird auf meinen Befehl

hin verlegt.“

„Er ist gefährlich.“, wiedersprachen beide zugleich.

Bartez zuckte mit den Schultern. „Ich habe ihn eingefangen,

ich kann ihn unter Kontrolle behalten.“ Damit war das

Gespräch für ihn beendet, er ging zur Tür.

Einer der beiden stellte sich ihm in den Weg. „Sir, Sie

können nicht einfach...“ Die Jungen sahen sich hilfesuchend

um, aber sie waren allein. „Das werden sie nicht, Sir.“

Bartez schätzte die Chancen, dass die beiden schossen

auf fifty-fifty. Er beschloss es zu riskieren, trat an dem Jungen

einfach vorbei, griff zum Wandterminal und deaktivierte das

Kraftfeld, um zur anderen Zelle im Raum dahinter zu gelangen.

Hinter ihm fuhren Energiezellen von Phasern hoch.

„Ensigns, ich weiß ihr wollt mich nicht erschießen, aber

wenn ihr meint, ihr müsstet es, dann tut es jetzt, weil ich sonst

weg bin.“

Die beiden sahen ihn einen Moment lang sprachlos an.

„Wir werden uns jede Menge Ärger einhandeln, Sir.“

Bartez drehte den Kopf. „Noch mehr Ärger, als wir ohnehin

schon haben? Keine Sorge, wenn wir den heutigen Tag

überleben bringe ich ihn euch zurück und erkläre alles.“ Er betrachtete

die beiden kräftigen Kerle. „Sagt einfach, ich hätte

euch umgehauen.“

Gleich darauf verschwand er im nächsten Raum. Die Sicherheitsoffiziere

folgten ihm nicht.

Für eine Gefängniszelle war es nicht schlecht. Timothy

Bartez lag auf der Pritsche, die Arme hinter seinem Kopf verschränkt.

Die Pritsche war bequem, wenn auch nicht viel breiter

als seine Schultern. Der Fußboden stank wie ein neues Au-

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to nach Vinyl und er konnte das Licht nicht ausschalten.

Trotzdem war esnicht schlecht. Für eine Gefängniszelle. Bartez

fühlte sich ruhig und glücklich.

Einen solchen Frieden hatte er nie zuvor erlebt.

„Hast du es bequem?“

Er fuhr aus dem dösigen Schlaf und blinzelte. Er drehte

den Kopf zum Kraftfeld und sah ... sich selbst. Oder genauer

gesagt: seine Version dieses Universums. Und der Bartez aus

diesem Universum hatte so gar nichts interessantes an sich.

Eine korrekte Kleidung ohne Orden, Messer und dem Emblem

des Empires, perfekt sitzende Haare und einen langweiligen,

weil ernsten Gesichtsausdruck.

„Ich kann mich nicht beschweren.“

„Fein.“, sagte der andere Bartez. „Denn du wirst mit mir

jetzt diese Zelle ... diese ganze Raumstation verlassen und mir

helfen, die Apokalypse abzuwenden.“

Zunächst starrte der Spiegel-Bartez sein Gegenüber nur

an, dann brach er in lautem Gelächter aus. „Das meinst du sogar

ernst, nicht wahr?“

„Sehr ernst.“

Das Lachen verschwand aus dem Gesicht des Gefangenen.

„Ich werde hier in der Zelle bleiben. Hier habe ich es gut.

Eine warme Decke, schmeckende, zahlreiche Mahlzeiten, keine

Offiziere, die einen umbringen müssen, um befördert zu

werden ... das ist alles soviel besser, als das Leben in meinem

Universum.“

„Dieses Universum wird alles andere als friedlich und

angenehm sein, wenn du mir nicht hilfst.“

Der Spiegel-Bartez entstammte dem 1024. Universum

neben dem hiesigen. Er war vor einigen Wochen hier gelandet,

als er vor den Vergeltungsschlägen der Gorn – deren Heimatwelt

er in seinem Universum gesprengt hatte – und den Rachegelüsten

seines Erzfeindes Gudart geflohen war. Seine

Freiheit hatte aber nicht lange gedauert, denn der Bartez aus

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diesem Universum hatte ihn schon kurze Zeit später gefangen

und unter Arrest stellen gelassen. Nun wartete Spiegel-Bartez

darauf, dass sich die Föderationsjustiz entschieden hatte, was

man mit ihm anstellen sollte. Zurückschicken war keine Option,

da sowohl die Erde, als auch die Technologie, mit der

Spiegel-Bartez zwischen den Universen hatte reisen können,

vernichtet waren. Und bis man wusste, wie es mit ihm weiterging,

genoss er die Ruhe in dieser Gefängniszelle. Denn hier

hatte er tatsächlich das erste Mal in seinem Leben wirklich ruhe.

Entsprechend gering war sein Wunsch, sie zu verlassen.

„Hey, das hier ist nicht meine Welt.“, sagte er frech. „Eure

Belange gehen mich überhaupt nichts an.“

„Du willst uns nicht helfen?“

„Nein.“

„Dein letztes Wort?“

„Absolut! Mein letztes Wort, ja. Ich habe nicht den geringsten

Grund dir zu helfen.“

„Hm, keinen Grund...“, überlegte Captain Bartez. Dann

deaktivierte er das Kraftfeld, trat zum Gefangenen herein und

verpasste ihm eine Rechte. Ohne Vorwarnung. Der Schlag war

so heftig und unerwartet, dass Spiegel-Bartez gegen die Wand

geschleudert wurde und dort zusammenbrach. Er blinzelte

benommen, rieb sich den schmerzenden Kiefer und sah argwöhnisch

auf.

Matthew Bartez ging vor ihm in die Hocke und teilte seine

Finger zum vulkanischen Gruß. „Wie viele Finger?“

„Sehr komisch.“

Nun wandelte der andere die Finger zu einer Faust. „Wie

viele Gründe mir zu helfen?“

„Einer.“, begriff der Gefangene. „Ein recht harter, sogar.“

„Siehst du? Ich habe auch noch eine linke Faust.“

Spiegel-Bartez brummte und hob die Hände. „Schon gut,

ich hab ja schon verstanden. Was muss ich tun?“

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„Meine Befehle befolgen. Alle!“ Captain Bartez bemerkte

das Mistrauen seines Gegenpols. „Oh, keine Sorge. Du als

Überlebenskünstler, bist genau das, was ich brauche. Tu einfach

etwas für dein gutes Leben in dieser Zelle und hilf mir.

Bist du dabei?“

„Wie könnte ich mir selbst je wiedersprechen?“, bemerkte

Spiegel-Bartez trocken.

Die mächtigen Phaserbatterien der Sternenbasis waren

aus Sicherheitsgründen aktiviert worden. Zwei Kampfjäger

waren gestartet und drehten nun ihre Runden zur Verteidigung

der Station.

Ahmad Kaafarani sah in seinem Quartier stehend das

Fenster hinaus und folgte der Flugbahn der beiden Jagdmaschinen.

Dabei erinnerte er sich an die Zeit, in der er selbst in

so einem Ding gesessen hatte. Zweifellos waren sie enorm

wendig und auch recht gut bewaffnet, aber das konnte nichts

an dem Gefühl rütteln in einer verfluchten Konservendose zu

sitzen, auf denen große Schiffe mühelos herum treten konnten.

Die beiden Piloten da draußen fühlte sich im Moment bestimmt

nicht anders. Eine so große Basis mit den wenigen

Mitteln verteidigen? Es kam Selbstmord gleich. Aber die Piloten

wussten vom drohenden Weltuntergang und machten

trotzdem ihre Arbeit.

Kaafarani wusste ebenfalls von der Gefahr und nun wollte

er sein Bäumchen pflanzen, wie Perim sich ausgedrückt hatte.

Er wusste nur nicht genau wie. In Gedanken versunken

schlüpfte er aus der viel zu engen Galauniform und zog seine

normale Dienstkleidung aus dem Schrank. Sie war auch um

einiges bequemer. Nachdem er die Jacke angelegt hatte, ging

er zum Tischcomputer und überlegte, was er sagen solle, versuchte

sich die richtigen Worte herauszulegen. Aber in dem

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Moment, wo der Kontakt stand – wenn er stand – würde er sie

sowieso vergessen und etwas völlig anderes sagen, also beschloss

er spontan zu improvisieren und es nicht länger hinauszuzögern.

„Computer, Kommunikationsverbindung aufbauen. Ziel:

Lieutenant Carolyn -“

„Eingehende Nachricht.“, unterbrach ihn die freundliche

Computerstimme schlagartig.

Kaafarani runzelte verärgert die Stirn. „Wer stört mich

denn ausgerechnet jetzt?“ Lauter sagte er: „Annehmen.“

Er hätte mit allem gerechnet. Mit einem Grez’An, mit einem

fünfköpfigen, Feuer speiendem Monster, ja sogar mit Allah

höchstpersönlich. Aber keinesfalls mit der Person, die auf

dem Monitor erschien.

Carolyn Carter erweckte den Eindruck, dieses Gespräch

ebenso zögerlich und zugleich ängstlich führen zu wollen, wie

er selbst. Oder hatte sie sich einfach verwählt? Wie groß war

schließlich die Chance, dass sie beide denselben Gedanken

hatten?

„Carolyn?“, fragte er verblüfft. „Carolyn, bist du es?“

„Hey.“, grüßte sie mit gemischten Gefühlen.

„Was ... warum rufst du mich an?“

Carter verzog das Gesicht zu einer Grimasse und sah sich

hilfesuchend in ihrem Quartier um. Sie fand keine Hilfe.

„Ich ... ich wollte mich nach euch erkundigen. Mir kam

zu Ohren, die Starfury sei dem Rückzugsbefehl nicht nachgekommen.“

„Der Captain will gegen die Grez’An offensiv in die

Schlacht ziehen.“, bestätigte Kaafarani die Gerüchte. „Wir

wissen noch nicht genau wie, aber wir wollen versuchen sie

aufzuhalten.“

„Das dachte ich mir schon.“, nickte Carter und verzog

das Gesicht. Natürlich dachte sie sich das. Immerhin hatte sie

lange genug an Bord ihren Dienst verrichtet, um den Captain

94


mit seinem Hang zu Selbstmordkommandos zu kennen. Und

ihr war völlig klar, dass die Crew dabei nicht von seiner Seite

weichen würde, denn als sie sich ebenfalls in der Besatzung

befunden hatte, war es ihr auch so ergangen. Sie wäre ihm

vermutlich auch heute ohne zu zögern mit der Starfury in den

Kampf gefolgt, wenn sie das Schiff nicht wegen ... wegen persönlicher

Probleme verlassen hatte. Und mit diesem Problem

sprach sie gerade. Zumindest versuchte sie es, denn für einen

Moment, der beiden wie ein furchtbar langer Zeitraum vorkam,

herrschte Schweigen.

„Aber ... aber was machst du, Carolyn?“

„Ich bin auf der Ticonderoga stationiert. Leitende Pilotin.

Schlechte Arbeitszeiten.“ Mit aller Mühe versuchte sie ein

stabiles Lächeln zu Stande zu bringen. Zwecklos. „Wir gehören

zur Verteidigungsflotte bei Betazed. In der Nähe baut sich

ein Riss auf – einer der stabilen. Wir rechnen mit einem baldigen

Angriff.“

Eine weitere Pause entstand.

„Ich ... ich wollte dich auch gerade anrufen.“

Carter schien erstaunt. „So? Weshalb?“

Noch eine Pause entstand.

Warte nicht länger, Junge. Sag es endlich! Er seufzte

schwer. „So sollten wir es nicht enden lassen, Carolyn. Die

Starfury bricht zu einer Selbstmordmission auf. Ihr seid ...

auch nicht sicher. Vermutlich überlebt keiner von uns diesen

Tag. Da sollte man sich nicht...“

„... im Streit trennen.“, ahnte sie voraus, was er sagen

wollte, vielleicht, weil das auch ihr Anrufgrund war.

„Genau.“

„Versöhnung im Angesicht des Todes?“

Kaafarani nickte. „So könnte man es nennen.“

„Hör zu, Ahmad. Wir hatten eine schöne Zeit - trotz allem.

Ich kann nicht vergessen, was du getan hast.“ Sie verzog

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das Gesicht und kämpfte mit den Tränen. „Aber ich kann es

dir verzeihen. Und vielleicht...“

Erneut eine Pause.

Erst nach einer ganzen Weile, fand sie ihre Stimme wieder.

„Vielleicht sollten wir uns noch einmal darüber unterhalten,

wenn wir den Tag hier überleben.“ Ihre Lippen bebten.

„Verdammt, pass auf dich auf, Ahmad.“

„Und du auf dich.“ Er drückte die zitternden Fingerkuppen

an den Monitor. „Freunde?“

Sie drückte sie ebenfalls an den Monitor und nickt heftig,

die Freudentränen unterdrückend. „Freunde!“

Nicht ein einziges Besatzungsmitglied hatte die Starfury

verlassen. Die Chance auf Sternenbasis 61 zu wechseln hatte

lange genug bestanden, aber keiner hatte sie wahrgenommen.

Darauf war Bartez zwar sehr stolz, aber er hätte es niemandem

verübelt, wenn er gegangen wäre. Zwar munkelten die meisten

von einem Selbstmordunternehmen – was es auch zweifellos

war -, doch es gab auch Leute, die sich von derart negativer

Flüsterpropaganda nicht abschrecken ließen. Sie waren alle

wie Lemminge, bereit der Starfury und vor allem Bartez, in

den Tod zu folgen.

Und er bemühte sich wirklich die Zügel des Kommandos

fest in den Händen zu halten, wie er es schon immer getan hatte.

Denn mehr noch als jemals zuvor, musste er ihr mutiger

Anführer sein, der vor nichts zurückschreckte und den Abend

nicht fürchtete.

Der Turbolift brachte ihn zur Brücke.

Schon seit Jahren gehörte ihm der Kommandosessel, aber

nie hatte es sich so merkwürdig angefühlt.

Diese Ruhe vor dem Sturm.

96


Nicht einmal im Dominion-Krieg hatte er so empfunden.

Als Bartez den Kontrollraum betrat, spürte er die Blicke der

anwesenden Offiziere, darunter alle Mitglieder der Kommandocrew.

Erwartungsvoll und bereit seine Befehle auszuführen.

Kelly, seine bildhübsche und fähige Ehefrau. Sie hatte

sich prima geschlagen in den letzten Jahren, war die gute Seele

an Bord, die insgeheim immer alles zusammenhielt. Ja, Kelly

hatte an Bord ihr Glück gefunden, sowohl privat, als auch

beruflich, obwohl ihr das private Glück stets über allen anderen

Prioritäten lag. Sie war nicht an Bord, um die Karriereleiter

zu erklimmen. Sie war an Bord, um mit den Menschen zu

arbeiten, die ihr alles bedeuteten und um ihnen in jeder Lage

zu helfen. Und das tat sie beispiellos.

Sturak, sein bester Freund. Auf den Vulkanier, mit seinen

untypischen, sehr umgänglichen und daher fast menschlichen

Verhaltensmustern, hatte er sich stets verlassen können. Er

stand immer allem offen gegenüber und versorgte Bartez in

jeder Lebenslage mit unverzichtbarem Rat. Und obwohl er erst

vor kurzem mit der Verhaftung und Entlarvung als Kollaborateur,

seiner Ehefrau einen enormen Rückschlag erlitten hatte,

gab er nicht auf, wurde nur noch stärker und sicherer, mit dem

Ziel seinen Sohn und seine Freunde zu schützen.

T’plona, die ehrgeizige, (aus vulkanischer Sicht) blutjunge

Vulkanierin, die als ziemlicher Jungspund an Bord gekommen

war, hauptsächlich um Sturak zu folgen. Hier hatte

sie viel von seiner Weisheit und Loyalität zu Freunden geerbt

und war eine tiefe Freundschaft mit Kelly eingegangen, die für

seine Frau dasselbe war, wie Sturak für Bartez – ein fester

Halt und steter Begleiter. Anfangs war er T’plona skeptisch

gegenübergestanden. Nun war sie für ihn unverzichtbar.

Kevin Brady hatte von allen vielleicht die größte Entwicklung

durchgemacht. Er war an Bord gekommen, als

schüchterner, klaustrophobischer und oftmals nervig quengelnder

Offizier, der zwar fantastisch mit Maschinen, aber mi-

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serabel mit Menschen umzugehen vermochte. Eine Ironie,

dass er ausgerechnet auf dem Schiff, wo er am wenigsten eingesetzt

werden wollte, letztendlich das größte Glück gefunden

hatte. Nun war er Teil der großen Familie, einigermaßen mutig,

umgeben von Freunden und frisch verheiratet.

Doktor Gregory Roach, der stets selbstbewusste und

grenzenlos fröhliche Kerl, der zu Beginn der Mission keinen

Schimmer von den Dingen hatte, die im 24. Jahrhundert vor

sich gingen. Er war aus einem Dorf gekommen, das die letzten

300 Jahre schier verschlafen hatte. An seinen fachlichen

Kompetenzen war aber nie zu zweifeln gewesen, auch wenn er

alte, aber bewährte Methoden einsetzte. Nun konnte er nach

unzähligen Abenteuern aus einem reichen Erfahrungsschatz

schöpfen, hatte viele fremde Welten entdeckt, so wie er es sich

erträumt hatte und war zum beliebten Mitglied der Besatzung

geworden. Manche bezeichneten ihn sogar als die Kultfigur

der Starfury.

Ahmad Kaafarani, der glücklose Steuermann. Oftmals

war die Entwicklung zum Erwachsenwerden schwierig und

voller Rückschläge. Den Piloten war solch ein Schicksal ereilt.

In seinem Leben hatte er nie wirklich eine bestimmte Perspektive

gehabt, so war er damals auch an Bord gekommen – unvorbereitet

und lediglich in Erwartung großer Abenteuer und

hatte in den Tag hinein gelebt, die Zukunft auf sich zukommen

lassend. Trotz dem ein oder anderen Vorkommnis, dass seine

Dienstakte nicht ganz so glamourös lesen ließ, wie er sich das

Anfangs vielleicht erhofft hatte, erledigte er seine Aufgaben

mit Bravour und hätte sicher als letztes erwartet, an Bord seine

große Liebe zu finden: Lieutenant Carolyn Carter. Zwar war

diese Beziehung vor einiger Zeit zerbrochen, aber es gab immer

Möglichkeiten.

Und er selbst?

Matt Bartez war zweifellos immer der Chef an Bord gewesen.

Dabei war er doch als verhältnismäßiger Jüngling von

98


knapp dreißig Jahren erneut an seinen alten Posten herangekommen,

weshalb man seine Entwicklung vielleicht sogar am

besten beobachten konnte. Als Jungspund, Soldat und

Mensch, der seine Besatzung um jeden Preis in Sicherheit

wissen wollte, war er Anfangs immer derjenige gewesen, der

mutig vorgestürmt war und keinen Kampf scheute. Selbst sein

vorübergehender Tot hatte ihn in diesem Verhalten kaum

bremsen können. Erst als er sich mit Sektion 31 angelegt und

auf deren Abschussliste wiedergefunden hatte, war ihm erstmals

bewusst geworden, dass er sich mit seinem Gerechtem

Verhalten in große Schwierigkeiten bringen konnte. Er war

nachdenklicher geworden und überdachte seine Entscheidungen

seither genauer. Auch einige Rückschläge hatten ihm gezeigt,

wie wichtig überlegte Vorgehensweisen waren. Aber

erst zwei andere Faktoren hatten ihn ruhiger werden lassen:

Zum einen war das die Prophezeiung der Tkon, die ihn als

Auserwählten sahen. Der Hauptgrund jedoch lag in der Ehe

mit Kelly Jones. Während den vergangenen Jahren war Bartez

langsam zu einem guten Kommandanten und Menschen geworden,

der nicht nur mutig dorthin stürmte, wo Engel furchtsam

wichen, sondern sich auch Zeit für die wichtigen Dinge

nahm und sichtlich ruhiger – sesshafter - wurde. Nun, auf dem

Kommandodeck tretend, erfasste ihn so eine seltsame Ruhe.

„Wir erwarten ihre Befehle, Captain.“, sagte Kelly. Es

war eine Geste, um ein letztes Mal zu beweisen, dass sie alle

bereit waren ihm zu folgen.

„Status?“

„Waffensysteme bereit. Schilde stabil.“

„Krankenstation bereit.“

„Wissenschaftsabteilung bereit.“

„Maschinenraum bereit.“, trafen alle Meldungen von ü-

berall her ein. Ahmad Kaafarani schien besonders gut gelaunt

und voller Tatendrang zu sein. Mit einem breiten Grinsen im

Gesicht drehte er sich an der Navigationsstation zum Captain

99


um. „Steuer ist klar. Ich denke ich spreche für alle hier, wenn

ich sage, dass wir bereit sind jemandem kräftig in den Arsch

zu treten und ihm zu zeigen, wie falsch es doch war, sich ausgerechnet

mit uns anzulegen.“

Bartez unterdrückte den Drang die Faust zu ballen. „Sie

nehmen mir die Worte aus dem Mund, Lieutenant. Sorgen wir

dafür, dass die Grez’An es bereuen jemals einen Fuß in unser

Universum gesetzt zu haben. Kaafarani, holen Sie Starterlaubnis

ein und Kurs setzen.“

Starterlaubnis eingeholt.“, sagte Kaafarani sofort.

Die Andockklemmen lösten die Starfury von der Station.

Zunächst mit den Manöverdüsen, dann mit Impulsantrieb flogen

sie in einen sicheren Abstand, wendeten und richteten das

Schiff auf den entsprechenden Kurs aus.

„Kurs: gesetzt.“

Bartez atmete tief ein. „Noch einmal stürmt, meine

Freunde. Noch einmal.“, zitierte er Shakespear. Dann wurde

ihm bewusst, dass ein solches Zitat nicht so ganz zu ihm passte,

weshalb er hinzufügte: „Brechen wir auf zu unserer letzten,

großen Schlacht und sehen wir zu, dass all das, wofür wir die

letzten Jahre so hart gearbeitet haben... und das unsere

Hauptmission – den Frieden zu wahren – nicht im letzten

Moment scheitert.“

Er lies sich im Kommandostuhl nieder und genoss das

enorme Gefühl. Genau wie vor fast fünf Jahren, als sie kurz

davor gewesen waren, zu ihrer ersten gemeinsamen Mission

aufzubrechen, fiel er in eine fast schon religiöse Andacht.

„Mr. Kaafarani: Los geht’s!“

Die Starfury sprang wie ein Puma auf Warp...

...dem Ende entgegen.

100


9.

Kommandantin Yra von der 001-Blau Angriffsfregatte

Moto II schüttelte in kaum verhülltem Pessimismus den Kopf

und sah von der Brücke ihres Schiffes in den Weltraum vor

ihnen. Ein dunkler Schwarm Schiffe bewegte sich durch den

Weltraum, direkt auf ihre Position zu und verdeckte die Sterne

im Hintergrund. Sie stellten sich ihnen frontal in den Weg.

Nun war ihre Flotte hier, um Shidaria vor ihnen zu verteidigen.

„Meldung!“, rief sie durch das Getümmel im Kontrollraum.

„Streitkräfte Blau in Angriffsformation, Streitkräfte Grün

in Angriffsformation.“, rief ein junger Soldat. „Die Flotte ist

bereit.“

„Für solch einen aussichtslosen Kampf kann man nicht

bereit sein, Soldat.“, meinte Yra düster. „Die Schiffe?“

„Kommen schnell näher, Kommandant. Bleiben auf ihrem

Kurs.“

Das alte wer-weicht-zuerst-aus-spiel, dachte Yra mit zusammengebissenen

Zähnen. „An alle Schiffe: Angreifen!“,

rief sie laut. „Voller Einsatz, bestätigen und Position halten.“

Sie erhielt die Bestätigungen der anderen Schiffe sofort.

Die geballte Shidarianische Weltraumstreitmacht feuerte all

ihre Waffensysteme auf die anrückenden Gegnermassen ab.

Der Beschuss hielt eine ganze Weile an. Die kleineren

Grez’An-Schiffe explodierten sofort, die großen jedoch ... flogen

unbeeindruckt weiter auf sie zu. Als würden sie mit holographischen

Kugeln schießen.

101


„EMP-Kanonen breit machen!“, befahl Yra.

„EMP-Kanone bereit.“

„Feuer!“

Der EMP wurde abgeschossen ... und glitt durch die

Gegnermassen einfach hindurch, ohne auch nur eine Spur der

Wirkung zu zeigen. Kein elektrisches Knistern, keine blauen

Blitze, die die Maschinen der Fremden ersterben ließen.

Nichts.

Yra sah die anderen verwirrt an. In ihren Gesichtern zeigte

sich derselbe Schock der Erkenntnis – ihre Waffen richteten

nichts aus.

„Ihre Befehle, Kommandant?“

„Neu Gruppieren!“, rief Yra. Doch die Soldaten gerieten

in Panik. Einige Schiffe lösten die Formation und rasten den

Gegnern entgegen, um im Nahkampf mehr ausrichten zu können.

Die Schlacht war im vollen Gange, jedoch nur einseitig.

Die Grez’An flogen schlicht weiter. Und die Shidarianer...?

Nun war ihre Formation aufgelöst, für eine Neugruppierung

war es zu spät. Also entschied Yra an Ort und Stelle weiterzukämpfen.

Irgendetwas mussten sie einfach erreichen.

„Steuerbordblaster: konzentriertes Feuer auf die Angriffsfregatte

auf Position Drei-Eins-Drei.“, befahl sie. „Schwerpunkt

auf die Frontseite.“

Die Kanoniere reagierten sofort. Vier EMP-Bälle trafen

die Fregatte.

Nichts geschah.

Inzwischen wurde der Grez’An-Schwarm immer größer,

drohte sie einfach zu zermalmen.

„Rückzug!“, rief Yra. „Ich befehle einen sofortigen

Rück-“

In dem Moment war es vorbei.

Yra hatte keine Zeit mehr den Satz zu beenden. Die

Grez’An eröffneten das Feuer und schickten den Tod. Die Moto

II wurde schwer getroffen, geriet in Schlagseite. Auf der

102


Brücke rollten die Körper der Soldaten herum, Feuer brach

aus, dichte Rauchwolken quollen aus den gebrochenen Leitungen.

Yra fand sich irgendwo unter einer Konsole wieder,

nachdem sie aus dem Kommandostand geschleudert war. Sie

kämpfte sich unter den Trümmern hervor und sah zu den

Frontmonitore. Das letzte was sie sah, war das gewaltige

Grez’An-Schiff, dass sie rammte. In der Kollision verging die

Moto II in einer schnellen Explosion. Sie platzte einfach auseinander.

Das Schiff der Grez’An flog einfach weiter.

Auf Shidaria erwachte Yra in ihrem Kriegssessel, nachdem

dieser, durch den Verlust des Signals, die neurale Verbindung

zu ihrem Androiden auf dem Schiff im Orbit löste.

Die Mitglieder der ganzen Flotte waren ferngesteuert gewesen.

Ein Glück – so hatten die Shidarianer keine Toten zu beklagen.

Nur enorme Ressourcenverluste.

Blinzelnd blickte sich Yra um. Hier im Kriegsraum, von

dem aus man die Androiden auf der Moto II gesteuert hatte,

erwachten auch die anderen Shidarianer vor den halbkreisförmigen

Konsolen. Die Metallmanschetten an den Stühlen, die

sich um ihre Handgelenke gelegt hatten, lösten sich, ebenso

die drei Kabel, die in das innere ihrer Köpfe führten.

Glücklicherweise war die Wirkung der Kriegsstühle gemildert

worden. Nachdem Captain Matthew Bartez vor fünf

Jahren auf Shidaria den endgültigen Frieden gebracht hatte,

erhöhten die Androidenkontrollen keine Emotionen mehr. Der

Schmerz wäre heute zu groß für sie alle gewesen.

„Meldung!“, rief sie erneut, nun durch ihre echte Stimme.

„Alle Schiffe wurden zerstört. Wir haben unsere gesamte

Weltraum-Armada verloren.“, meldete ein Soldat.

103


„Die Grez’An?“

„Sind soeben auf Warp gesprungen.“

„Ein Glück.“, stieß Yra den angehaltenen Atem aus.

„Wenigstens haben sie Shidaria zufrieden gelassen.“

„Was ist, wenn sich diese Risse noch einmal öffnen?“,

fragte der junge Soldat. „Oder wenn sie sich woanders im

Quadranten öffnen?“

Yra verzog das Gesicht. „Wenn keine Waffe gegen diese

Biester existiert, werden viele den Tod finden.“ Sie hob den

Kopf Richtung Decke, noch immer schockiert über die zahlreichen

Meldungen über aufkommende Risse.

„Vielleicht auch wir.“

Die Shidarianer waren in den frühen Nachmittagsstunden

dieses Tages nicht die Einzigen, die Widerstand zu leisten versuchten

und dabei kläglich versagten.

Als die Tzenkethi einen Riss nahe ihres Heimatplaneten

entdeckten schickten sie ebenfalls eine Flotte. Neunzehn

Schiffe und Dreitausend Tzenkethi wurden binnen weniger

Sekunden restlos vernichtet.

Die Tholianer versuchten eine kleine Grez’An-Armada

einzuweben. Ehe das Netz auch nur annähernd bestand, wurden

auch ihre Schiffe zerstört.

Die Romulaner traf es ganz schlimm. Unglücklicherweise

öffneten sich in ihrem Imperium die meisten Risse. Sie verloren

vierundzwanzig Warbird’s und drei Koloniewelten. Die

Verlustliste waren so enorm, dass sie kaum erfasst werden

konnte und noch Stunden später korrigiert wurde.

In der Föderation ging man den Grez’An noch aus dem

Weg, denn man wusste: sie folgten alle einem bestimmten

Kurs und griffen noch nicht aktiv an.

104


Überall im Quadranten wurden Schlachten geschlagen

und überall wurden sie verloren, bis sich die Hilflosigkeit der

Bewohner der Milchstraße rumgesprochen hatte und alle der

Konfrontation mit den Grez’An aus dem Wege gingen und

lieber ihre Kräfte mobilisierten.

Die Finale Konfrontation stand erst noch bevor. Angst

war allgegenwärtig. Doch da war auch noch etwas anderes,

etwas bedeutendes: Hoffnung. Den drohenden Weltuntergang

kommen sehend, wurden sich die Menschen und andere Lebensformen

bewusst, was wirklich wichtig war.

Familien traten zusammen und versuchten sich gegenseitig

zu schützen. Sprachen sich Mut zu und umarmten sich.

Schüchterne Menschen gestanden ihren Angebeteten endlich

ihre Liebe ein, überall wurde voreilig geheiratet, viele wollten

bei ihrer letzten Nacht auf Erden nicht jungfräulich sterben

und suchten sich einen Partner für ein erstes und letztes Schäferstündchen.

Ehepaare hielten sich feste an den Händen, Freunde standen

beisammen, wollten zusammen den Kampf aufnehmen,

oder die letzten Stunden gemeinsam verbringen. Auf zahlreichen

Schiffen der Raumflotte, hielten Kommandanten glorreiche

Reden, um die Besatzungen zu ermutigen.

Der Präsident tat mit seinem Stab vor den Kameras sein

übriges und appellierte an den Mut der Föderation, so, wie es

die anderen Oberhäupter in den anderen Kulturen, Groß- und

Kleinmächten taten.

Jeder ging mit der Angst und dem drohenden Untergang

auf ganz unterschiedliche Weise um. Die Vulkanier blieben

ruhig und logisch, während die Klingonen ausgelassen ihre

Lieder sangen, freudig die Schlacht erwarteten und sich gegenseitig

bekundeten, dass heute ein besonders guter Tag zum

Sterben sei.

Die Bajoraner beteten. Wer keinen göttlichen Glauben

besaß, versuchte an irgendetwas zu glauben. Der Schrecken

105


des Dominion-Krieges lag noch bei vielen tief in den Knochen.

Die Erinnerung an die Angriffe, an die zahlreichen Toten.

Nun hofften sie, dass sie wieder den Tag überlebten, hofften

auf die Streitkräfte, hofften auf die Macht der Torpedos,

der Phaserbatterieen und der orbitalen Waffenplattformen.

Keiner von ihnen wusste genau, dass nichts davon sie

auch nur annähernd schützen konnte, auch wenn sie es alle

vermuteten, es aber nicht aussprachen. Ihr aller Schicksal lag

in den Händen eines Mannes.

Matthew Bartez betrachtete nachdenklich den Kuchen auf

seiner Gabel, als wäre dies der letzte Kuchen, den er jemals

essen würde und schob ihn sich in den Mund. Im Drei Rechts

war es still und dunkel. Die Stühle und Gravitationsplatten, die

als Hochzeitsmobiliar gedient hatten, waren nicht weggeräumt,

sondern einfach beiseite geschoben worden. Nun hatten

er und Kelly sich einen Tisch herangezogen und aßen unter

einem der Fenster die unangerührte Hochzeitstorte.

Die letzten Stunden wollte er mit seiner Frau verbringen.

Wer wusste schon, ob dafür jemals wieder Gelegenheit bestand?

So saßen sie sich eine ganze Weile schweigend gegenüber,

stocherten beide auf ihren Tellern herum und waren völlig

in Gedanken.

„Noch Milch?“, fragte Kelly nach einer Weile höflich.

„Nein, vielen Dank.“, antwortete Bartez und lehnte sich

auf dem Stuhl zurück. „Essen könnte ich beim besten Willen

auch nichts mehr.“ Es lag weniger daran, dass er schon zwei

Stücke gegessen hatte, sondern eher an den Dingen, die ihm

den Appetit verhagelten. Das er so dachte, war verständlich. In

seinem Kopf gingen alle möglichen Schlachtszenarien vor,

noch immer versuchte er zu enträtseln, was die Tkon eigentlich

von ihm verlangten.

106


Er kam nicht darauf.

Er kam einfach nicht drauf!

Vielleicht war es dazu auch noch zu früh am Tag. Um die

Dramatik zu steigern, teilten es ihm die Tkon sicher erst in

letzter Sekunde mit. Oder es lag doch nur an ihm und er

verstand es einfach nicht. Als er in das Gesicht seiner Frau

blickte, traten diese Gedanken in den Hintergrund. Etwas an

Kelly machte ihm Sorgen. Irgendwie war sie heute anders –

auf kaum spürbare Weise anders. Schon während des Essens

hatte Bartez versucht herauszufinden, worin genau sich dies

äußerte. Zum Teil war es ihre Tendenz zu schweigen. Sonst

war sie wesentlich lebhafter. Klar, sie standen alle kurz vor

dem Weltuntergang, aber für Kelly Jones sicher kein Grund

den Mut zu verlieren. Und zum anderen war sie ungeheuer

nachdenklich.

„Ist alles in Ordnung, Schatz?“, fragte er besorgt.

„Ja, ja. Alles bestens.“, antwortete sie langsam und aß

weiter. Sie suchte nicht einmal seinen Blick.

„Gibt es da nichts, was du mir sagen willst?“

Nun sah sie auf und für einen Moment blieb ihr der Bissen

im Halse stecken. Er ahnte etwas!

„Warum bist du so nachdenklich?“

Okay, er ahnte etwas, hatte aber keinen Schimmer, worum

es ging. Sie achtete sorgsam darauf nicht zuviel zu sagen.

„Ich ... denke über die Zukunft nach.“

„Zukunft.“ Er lächelte bitter bei diesem Wort. „Wer

weiß, ob es ein Morgen gibt, Kelly. Wer weiß überhaupt etwas?“

„Ich dachte immer, du wüsstest so einiges. Ich bin nie

zuvor jemandem begegnet, der ein solches Selbstvertrauen besaß,

so viele Antworten auf so viele Fragen zu wissen.“

Nun lächelte er wirklich. „Tut mir leid, ich ... du hast

recht. Schwarzmalerei bringt nichts. Es wird ganz sicher ein

Morgen geben.“

107


Er griff über den Tisch und nahm ihre Hand. „Versprochen.“

Sie erwiderte den Druck des Händehaltens. „Was ist mir

dir? Denkst du auch über unsere Zukunft nach? Über das, was

wir nach dem Ende dieser Mission machen?“

„Wovon sprichst du?“

„Nun ja, die Starfury wird generalüberholt, wir bekommen

neue Besatzungsmitglieder. Geht dann alles ... einfach so

weiter? Wie bisher?“

„Wie bisher kann es kaum sein, wenn sich ein Großteil

der Crew trennt.“

Bartez erhob sich traurig und ging zu den Fenstern, wo er

nach draußen starrte und die vorbeiziehenden Sterne beobachtete.

Nach einer Weile sagte er: „Weißt du, dieses Schiff ...

dieses Kommando ... es bedeutet mir unglaublich viel. Ich

werde es sehr vermissen.“

Kelly blinzelte. „Du ... wirst es vermissen?“, wiederholte

sie langsam.

Er drehte sich zu ihr um. „Ich spiele mit dem Gedanken

mein Kommando abzugeben.“

Sie hatte keine Ahnung, ob sie sich gerade verhört hatte.

Geschweige denn, wie sie auf das Gesagte reagieren sollte. Alles

was ihr einfiel, war ein einfaches: „Wieso?“

„Ich werde nicht jünger, weißt du?“ Er zuckte mit den

Schultern. „Ich kann nicht mein Leben lang wie ein Irrer durch

das Universum jagen, um mich in Schwierigkeiten zu bringen.

Ich kann nicht länger von dir verlangen mit der Angst zu leben.

Sicher, die Starfury bedeutet mir viel. Aber nichts bedeutet

mir mehr, als du, Kelly. Irgendwann ... wollen wir doch eine

Familie gründen, oder? Vielleicht wird es langsam an der

Zeit.“ Er sah sich schwermütig im Drei Rechts um.

Noch immer konnte Kelly nicht glauben, was sie hörte.

„Du willst dich zur Ruhe setzen? Es ... es stand für dich doch

108


wie nie zur Diskussion, die Starfury abzugeben. Deine zweite

Ehefrau.“

Erneut das Schulterzucken. „Manche Dinge ändern sich,

Kelly. Sogar ich. Und mit der Starfury kann ich leider keine

Familie gründen. Wie ... wie stehst du dazu? Was denkst du?“

Ja, was dachte sie?

Kelly wusste nicht, was sie denken, oder sagen sollte. Sie

war schwanger und hatte nun die Bestätigung, dass er eine

Familie gründen wollte. Super! Nur, sollte sie es ihm etwa

heute sagen? An diesem Tag? Ihr Geist war wie erstarrt. Sie

suchte nach Worten, versuchte die Gefühle zu sortieren, die

miteinander rangen. Und dann kam ein Ruf vom Kontrollraum.

„Brücke an Captain Bartez.“

„Bartez hier, was ist los Sturak?“

„Die Show beginnt.“

„Alle Mann auf Kampfstationen!“, sagte Bartez. Er hatte

den Raum verlassen, bevor Kelly irgendetwas sagen konnte.

Captains Logbuch,

Sternzeit 45189,9

Die Starfury hält, entgegen unserer Befehle, direkten

Kurs nach Feodora. Mit maximaler Warpgeschwindigkeit, unserer

letzten Schlacht entgegen. Ich weiß nicht, ob es so etwas

wie Bestimmung oder Schicksal gibt. Aber wenn Handeln bedeutet,

dem Schicksal eine Richtung zu geben, dann ist es genau

das, was heute unsere Berufung ist. Zu Handeln und einmal

mehr, für die Freiheit und den Frieden des Quadranten zu

kämpfen. Manche an Bord sprechen hinter vorgehaltener

Hand von einem Märtyrertod in den wir rennen. Ich denke

nicht so. Denn die gute Sache, nicht der Tod, macht den Märtyrer.

109


Der Turbolift hielt an, die Tür öffnete sich und Jones und

Bartez betraten schweigend die Brücke. Bartez ging langsam

auf das Kommandodeck und blieb im Zentrum des Kontrollraums

stehen. Sein Blick wanderte von Station zu Station. Alle

saßen an ihren Plätzen und hielten die Systeme in Bereitschaft.

Ersatzleute waren für den Notfall anwesend.

„Steuer?“, fragte er.

„Wir haben Sektor 42-F, Rontar Minor, erreicht und treten

in fünf Minuten in den Pferdekopfnebel ein.“, antwortete

Kaafarani unverzüglich. „Entfernung: Fünfhundertzwanzig

Milliarden Kilometer.“

„Alarmstufe Rot.“, sagte Bartez mit ruhig und gleichzeitig

fest klingender Stimme. Die Sirenen heulten auf und Bartez

spürte, wie die Anspannung an Bord zunahm. Er war stolz

auf die Männer und Frauen, die wussten was auf sie zu kam

und trotzdem an Bord blieben. Die Galaxie verdiente es verteidigt

zu werden. Sie hatte diese starke, anständige Besatzung

hervorgebracht. Eine tapfere Crew.

„Sind wir in Sichtweite des Nebels?“, fragte Bartez.

Sturak nickte und aktivierte die Außenkameras. Der Anblick,

der sich ihnen darbot, war wunderschön. Es handelte

sich bei dem Nebel um eine dunkle Wolke aus Gas und Staub,

deren Form an stark einen Pferdekopf erinnerte – was ihm

letztendlich auch seinen Namen gab. Die dunkle Gas- und

Staubwolke befand sich im Sternbild des Orion und lag direkt

vor einem anderen, purpurn leuchtenden Nebel, sodass sie sich

vom helleren Hintergrund abhob. Die Gasmassen waren in

langsamer Bewegung.

Dieses Pferd, dachte Bartez. Dieses schwarze Pferd.

Er war sich bewusst, dass der Name der Starfury aus den

Elementen Star – für Stern - und dem Wort Fury bestand, das

nicht an die Wildheit der Warpfeld-Konfigurationen und An-

110


triebsmaschinen (die sich zur Bauzeit damals, als man über einen,

für das Schiff passenden Namen gegrübelt hatte, extrem

wütend verhielten) sondern auch an ein berühmtes, dunkles

Pferd der alten Erdengeschichte erinnerte.

Ein schwarzes, wildes Pferd in den Sternen. Wie in Trance

wanderte Bartez zur linken Brückenwand, wo die Widmungstafel

hing. Er las leise den Spruch darauf:

„Das Schicksal mischt die Karten“, er sah wieder zum

Wandschirm und sprach weiter. „aber wir spielen.“

Das konnte doch unmöglich nur ein Zufall sein. Das ....

das war Schicksal!

Sturak’s feinem Gehör waren seine Worte nicht entgangen.

Er lehnte sich auf seiner Konsole zu Bartez vor und sagte

bedeutungsvoll: „Du glaubst zu schieben und wirst geschoben.“

Bartez sah zum Wandschirm. Der Pferdekopfnebel rückte

näher. Es konnte nicht mehr lange dauern, ehe sie Feodora

erreichten und etwas auf den Sensoren erschien. Immerhin

kam der Nebel mit Warp neun heran. Niemand auf der Brücke

sprach, seit Bartez die Tafel vorgelesen hatte. Er trat wieder

zum Kommandodeck hoch, wo Kelly sich neben ihn stellte

und seine Hand berührte. Sie hielten sich fest. Matt sah ihr in

die Augen.

Diese wunderschönen Augen!

Dann sah er wieder zum Wandschirm.

Die Starfury sauste ihrem Schicksal entgegen.

Sie waren bereit.

111


10.

Auf der Brücke herrschte Totenstille. Niemand sprach. Es

war sogar so, dass niemand zu atmen wagte. Alle beobachteten

den Hauptschirm. Obwohl sie wussten, dass die Sensoren

ihnen Kontakt anzeigten, lange bevor etwas auf dem Schirm

angezeigt wurde, konnten sie den Blick vom Hauptmonitor

nicht einen Moment abwenden.

Schließlich meldete sich Sturak: „Ich habe etwas. Den

Planeten Feodora. Und noch etwas dahinter.“

„Was ist es?“

„Eine ... Armada. Sie ist ... Mein Gott.“

Bartez wusste nicht, was ihm mehr Angst machte. Das

Sturak keine richtigen Worte fand, oder dass der religionslose

Vulkanier plötzlich ein Stoßgebet von sich gab?

„Auf den Schirm!“

Bartez hatte das Gefühl, dass die gesamte Brückenmannschaft

gleichzeitig nach Luft schnappte. Die Größe des Gebildes

auf dem Wandschirm schien kaum auszumachen. Hinter

dem wenig einladend aussehenden Planeten Feodora, bewegten

sich Millionen Grez’An-Schiffe, die als solche kaum zu

erkennen waren.

Sie waren in ständiger Bewegung, sodass der ... der

Schwarm seine Gestalt dauernd veränderte. Am besten lies es

sich wohl als eine kalte, braune, und amorphe Wolke beschreiben.

Sie verschluckte die Sterne und den Nebel im Hintergrund

vollständig. Schleimig, grauenvoll. Drohende Raumschiffe,

die sich wie ein Schwarm Insekten Bewegte.

112


Auf der Akademie waren die Abenteuer von James T.

Kirk Pflichtlektüre gewesen, darunter auch seine Begegnung

mit einer riesigen Weltraumamöbe. Bartez hatte sich früher

immer gefragt, wie wohl damals das Gefühl auf der Brücke

der Enterprise bei dieser Konfrontation gewesen war. Das

Wissen, sich mit einem weitaus mächtigeren Wesen auseinander

setzen zu müssen. Nun befand er sich in einer vergleichbaren

Situation. Nicht nur das - der Grez’An-Schwarm schien

sogar noch viel größer zu sein, als die Amöbe. Viel Größer

und viel gefährlicher.

Bartez hatte in seinem Leben einen Gefahreninstinkt

entwickelt, eine Art sechster Sinn, der sich bemerkbar machte,

in dem seine Nackenhaare sich aufrichteten.

Sie standen.

Nie zuvor kam ihm dieser Sinn überflüssiger vor, als

jetzt, denn nie war die Gefahr offensichtlicher gewesen.

„Nun wissen wir, wohin sie alle geflogen sind, nachdem

sie aus den Rissen kamen.“, murmelte Bartez. Lauter fügte er

hinzu: „Vorschläge?“

„Nur das wir umkehren sollten.“, meinte Kaafarani. Ihm

war seine Angriffslust.

„Das können wir ja immer noch.“, verneinte Bartez. „Sehen

wir uns die Sache erst mal näher an. Kaafarani, wir nähern

uns dem Planeten von dieser Seite. Beim kleinsten Anzeichen

dafür, dass die Grez’An uns entgegenkommen, will ich, dass

von uns nur noch ein Kondensstreifen zu sehen ist.“

„Verstanden, Sir.“

Die Starfury näherte sich dem Schwarm.

Jedes Besatzungsmitglied wusste, worum es sich handelte,

da sämtliche Bildschirme an Bord den Grez’An-Schwarm

zeigten. Die Leute standen davor und schüttelten fassungslos

113


den Kopf – denn dies war nicht einmal annähernd ein Teil der

Grez’An-Flotte, die in der anderen Dimension lauerte. Die

Reaktionen auf die Bilder waren auch im Maschinenraum

nicht anders. Die halbe Maschinenraummannschaft hatte sich

vor der Hauptkonsole versammelt und starrte schweigend auf

den Monitor. Der Chefingenieur und sein Vertreter standen

etwas abseits.

„Was denkst du, Kevin?“, wandte sich Jocasta leise an

Brady. Er nahm den Blick nicht vom Monitor.

„Ich denke, dass es eine gute Entscheidung war zu heiraten.“,

antwortete der Ingenieur ernst. Er deutete auf seine

Brust. „Ich spüre es jetzt ganz deutlich. Es war die Richtige

Entscheidung.“

Mit diesen Worten trat er von der Gruppe weg, zu seiner

frischen Ehefrau. Er griff nach ihrer Hand. Maureen legte ihren

Kopf auf seine Schulter.

Sie würden der Gefahr gemeinsam entgegentreten.

Auch den Schwestern und dem Hilfspersonal in der

Krankenstation entging nicht, was sich auf den Monitoren abspielte.

Der medizinische Stab stand ebenfalls vor einem Bildschirm

versammelt und beobachtete den gewaltigen Grez’An-

Schwarm. Noch herrschte die Ruhe vor dem Sturm. Keine Patienten.

Alles friedlich. Das würde sich schnell ändern. Auf

einmal wurde Doktor Gregory Roach bewusst, worauf er sich

eingelassen hatte. Und er vermisste schlagartig seine Frau, die

noch immer auf der Erde war. Sie musste sich enorme Sorgen

um ihn machen.

Ohne dass die anderen es bemerkten, setzte er sich von

der Gruppe ab und ging in sein Büro, wo er vor dem Computerterminal

platz nahm. „Computer...“, instruierte er langsam.

„Verbindung zur Erde aufbauen. Sabrina Roach.“ Es vergin-

114


gen ein paar Sekunden in denen der Computer arbeitete, ehe

sich die freundliche Stimme wieder zu Wort meldete. „Verbindung

derzeit nicht möglich, Überlastung des Kommunikationsnetzwerkes

entdeckt.“

Natürlich, dachte Roach seufzend. So kurz vor dem Ende

versuchen alle ihre Liebsten zu erreichen.

„Könnte die Verbindung zu einem späteren Zeitpunkt

hergestellt werden?“

„Bestätigt.“

Er rieb sich die Hände. „Gut. Nachricht aufzeichnen und

bei Herstellung der Verbindung zu Sabrina Roach abschicken.“

Ein kurzer Ton signalisierte, dass der Computer bereit

war. Gregory faltete seine Hände, befeuchtete die Lippen und

lehnte sich auf die Tischplatte vor. „Liebe Sabrina-“

Er schüttelte den Kopf. Das war es nicht.

„Computer, löschen und von vorne beginnen.“

Erneut erklang der Ton.

Roach grinste: „Angetrautes Eheweib. Ich hoffe, dass es

dir gut geht. Mir geht es auch gut. Wir sind mit dem Raumschiff

aufgebrochen, um die Welt zu retten. Ich weiß, dass du

nicht davon begeistert sein würdest, wenn du sehen könntest,

was da draußen im Weltraum rumfliegt, aber die Besatzung

braucht mich. Warum?“ Er sah zu einem der Monitore hinter

der Scheibe seines Büros. Noch immer war der Schwarm darauf

zu sehen. „Nun, ich denke nicht, dass es so eine Mission

jemals gegeben hat, oder je wieder geben wird. Hier und heute

wird Geschichte geschrieben und ich zweifle nicht daran, dass

die Besatzung dieses Schiffes die schreibende Feder führt. Ich

brauche kaum zu erwähnen, dass es gefährlich wird, aber die

Gefahr ist es doch, die wahre Helden schmiedet. Wer wird also

dringender an der Front benötigt, als der erfahrenste Arzt,

der Galaxie?“

Er wurde wieder etwas ernster. „Du weißt, dass ich bei

den Geschichten meiner Abenteuer häufig übertreibe. Dass ich

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mich gerne wichtiger mache, als ich tatsächlich bin. Dabei

versuche ich immer mein Bestes und will Leben retten und

etwas für die Menschheit beitragen. Tja, das hier ist meine

große Chance. Ich wollte dir nur sagen, dass ich dich sehr,

sehr lieb habe. Egal, was kommt, ich muss das hier zu Ende

bringen. Und ich versuche wieder zu dir zurück zu kommen.

Ich liebe dich. Computer, Aufzeichnung beenden.“

Er seufzte.

„Speichern und Senden, sobald du bereit bist, Computer.“

Unruhe regte sich in Bartez. Allmählich wurde die tatsächliche

Größe des Schwarmes klar. Ein Durchmesser von

etwa dreißig astronomischen Einheiten. Platz genug, um die

Sol und noch den einen, oder anderen Planeten aufzunehmen.

Einen Raumkampf gegen diese enorme Masse bestanden sie

nicht einmal lange genug, um ihn bereuen zu können. Sie

Grez’An schwärmten weit hinter Feodora, ließen die Starfury

näherkommen. Auf irgendetwas warteten sie. Vielleicht auf

das Ende des Tages.

„Merkwürdig.“, sagte Sturak, seinen Blick noch immer

starr auf die Anzeigen gerichtet. Bartez trat neben ihn und sah

über seine Schulter auf die Kontrollen. „Was ist?“

„Feodora. Ich kann den Planeten nicht recht mit den Sensoren

erfassen und bekomme nur Phantomsignale. Unsere Abtaster

werden größtenteils abgelenkt, ich bekomme eine Menge

unregelmäßiger Werte. Es könnte an diesem Energienetz

liegen.“

Vorher war es Bartez noch gar nicht aufgefallen: Feodora

war tatsächlich von einem ähnlichen, kokonartigen Blitzenetz

umschlossen, wie auch Rontar. Nein, es war sogar nicht nur

ähnlich, es war höchstwahrscheinlich gleich. Man hatte dieses

unerklärliche Phänomen bisher für einmalig im Alpha-

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Quadarnten gehalten. Niemand wusste, was es bedeutete. Inzwischen

war sich Bartez aber sicher, dass es sich um eine Art

Markenzeichen der Grez’An-Schöpferin handelte.

Bilika.

„Die Anzeigen können nicht stimmen.“, sagte Sturak.

„Der Planet scheint völlig hohl zu sein. Er besitzt keinen stabilen

Kern. Er besitzt ... gar nichts. Ich kann mir das nicht erklären.“

Bartez rieb sich die Nasenspitze. „Heute wundert mich

gar nichts mehr. Was ist mit der Oberfläche?“

Sturak starrte weiterhin auf die Anzeigen seiner Instrumente.

„Soweit ich das beurteilen kann, besteht der Planet aus

einer einzigen zusammenhängenden Landmasse, voller typischer

Tkon-Kristalle. Nicht nur von denen, sondern vom Planeten

selbst empfange ich abnorme Energiemuster.“, sagte er

langsam und blinzelte. „Der Planet ist nicht natürlichen Ursprungs,

sondern künstlich. Mir scheint als wäre er ein unermesslicher

Energieabsorber.“

Bartez runzelte die Stirn. „Für welche Art Energie?“

„Unbekannt.“

Tausend Gedanken schossen Bartez durch den Kopf, als

er von der Konsole wegtrat und sich über das Geländer beugte.

„Energiestein, Energie- ... gestein.“ Er schnippte mit den

Fingern. „Energiegestein.“ Er riss die Augen auf. „Aber natürlich!

Xardes meinte keinen Energiestein in dem Sinne, sondern

Energiegestein. Er hat diesen Planetoiden gemeint, diesen

Kollektor. Den müssen wir auffüllen.“

„Nur, mit welcher Energie?“, fragte Kelly. Sie stand neben

T’plona und kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„Ich habe nicht die geringste Ahnung.“, gestand Bartez.

Er war völlig aufgebracht. Langsam kamen sie dem Rätsel näher.

Jetzt galt es nur das entscheidende Puzzleteil zu finden.

Plötzlich schrillten die Alarmsirenen.

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„Captain...“, unterbrach T’plona seine Überlegungen.

„Eine weitere Armada nähert sich. Von unserer Seite aus. Sie

ist enorm.“

Bartez warf einen Blick zur taktischen Anzeige: Hunderte

von blinkenden Punkten rasten aus der anderen Richtung über

die schematische Karte und hielten genau auf die Starfury im

Zentrum zu.

„Fluchtkurs!“, rief Bartez und sprang zu seinem Stuhl

herunter.

Kaafarani’s Finger huschten über die Kontrollen, noch

ehe der Captain dieses Wort ausgesprochen hatte.

„Maximum Warp!“

Die Starfury schwenkte herum.

Plötzlich sagte T’Plona: „Sir, das wird nicht nötig sein.“

Ihre Augen blitzten vor Freude: „Es sind die Gorn.“

Die Gorn-Flotte brach mit unglaublichem Brüllen aus

dem Warpraum hervor. Zwischen gleißenden Lichtstreifen erschien

Geschwader um Geschwader, Großkampfschiff um

Großkampfschiff und fegte Feodora und der Starfury entgegen,

das Kommandoschiff, die Schimäre voran. Auf der anderen

Seite des Planeten, gegenüber der Grez’An-Flotte gingen

sie in Position. Schiffe wechselten in der Formation von den

Ecken zu den Seiten und verliehen der Armada, eine Diamantfacettenanordnung

– so als blähe die Flotte kobragleich ihren

Hals. Noch immer kamen zusätzliche Schiffe aus dem Warpraum

und bei ihrer Größe würde es sicher noch ein wenig dauern,

bis alle Schiffe eingetroffen waren.

Auf der Brücke der Schimäre blickte Izilon in die Runde

seiner Generäle. Alles war bereit. Kader Oruna, der auf dem

Thron über ihnen saß, nickte zufrieden.

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Izilon bellte: „Alle Gruppen an ihren Angriffskoordinaten?“

Er wusste, das es so war.

„Bestätigt, Kriegsherr.“

Er sah zu den Frontfenstern hinter denen sich der Planet

mit Schwarm drehte. Noch rührten sich die Grez’An nicht, ihre

Abstand zu ihnen war groß genug. Es waren die ruhigen

Momente, ja, vielleicht die ruhigen Stunden, vor der Schlacht.

Izilon bewunderte die Anzahl der gegnerischen Schiffe. Sie

waren um einiges zahlreicher, als die Gorn. Aber das war egal.

Izilon brummte grimmig. „Kanal zur Starfury öffnen.“

„Wir werden gerufen.“, eröffnete Sturak. Bartez hatte unbewusst

die Fäuste geballt. Nun hatten sie wieder eine Chance.

Ehrfürchtig beobachtete er die nacheinander eintreffende Armada

auf dem Sichtschirm. Nur wiederwillig wollte er den

Blick davon abnehmen.

„Auf den Schirm.“

Das Bild wechselte. Bartez sah eine große, eindrucksvolle

Gestalt, in einer noch eindrucksvolleren Rüstung. Das Ausdrucksstarke

Gesicht, die Facettenaugen ... Izilon! Der Captain

schnappte verblüfft nach Luft. „Izilon, wo ... wie ...“ Dann lächelte

er plötzlich. „Schön Sie zu sehen!“

„Wir waren gerade in der Nähe.“, nickte Izilon sanft.

„Und dachten Sie könnten Hilfe brauchen.“

„Sie haben das Territorium schutzlos zurückgelassen, um

uns zu helfen?“ Bartez war wirklich beeindruckt über den

Kampfeswillen seines ehemaligen taktischen Offiziers.

„Captain.“, sagte Izilon mit seiner vertraut tiefen Stimme,

die irgendwo aus seinem tiefsten Innern zu poltern schien.

„Wir beide wissen genau das, wenn Sie - wenn wir -, diese

Schlacht hier nicht gewinnen, dass es dann kein Territorium

mehr gibt, dass wir verteidigen brauchen. Also mobilisierten

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wir alles, was fliegen und kämpfen kann und kamen her. Es

war nicht schwer zu erraten, dass Sie auch hier sein würden.“

„Sind sie bereit zu sterben, Izilon?“

Izilon grinste breit. „Jeden Tag aufs Neue, Captain.“

„Was ist mit dem Kader? Wir können nicht für seine Sicherheit

garantieren.“

Oruna erhob sich schwerfällig und trat in den Projektionsbereich.

„Ich bin der festen Überzeugung...“, sagte er. „...

dass dies unsere letzte Chance ist. Wenn wir heute nicht siegen,

wird es morgen bedeutungslos sein, ob es noch einen Kader

gibt, oder nicht.“

„Dann sind die Gorn, die einzig Vernünftigen im Quadranten.“

„Vernünftig?“, wiederholte Izilon und zwinkerte klickend

mit einem Augenlid, dass normalerweise nur sehr selten zum

Vorschein kam. „Kein Grund uns zu beleidigen, Captain. Wer

zu dieser Mission aufbricht, ist nicht vernünftig, sondern abartig

töricht. Übrigens, haben wir noch jemanden mitgebracht,

die sich unbedingt anschließen wollten...“

Fragend sah sich Bartez zu T’plona um. Die instruierte

schnell den Computer, die Flotte zu untersuchen. Sie sagte:

„Ein Lazarettschiff der Sternenflotte und ein klingonischer

Bird of Prey.“

Kelly lächelte erfreut. Sie wusste - dies konnte nur ihre

Schwester mit dem Ehrengardeschiff sein.

„Moment...“, berichtete T’plona weiter. „Ein Schiff der

Gorn-Flotte löst seine Tarnung auf.“

„Tarnung? Klingonisch?“, fragte Bartez.

„Negativ. Holographisch.“

Sie verkleinerte den Bildschirmausschnitt, der Izilon

zeigte und legte ein anderes daneben. Im Zentrum befand sich

ein Frachter der Gorn. Der Umriss des Gefährts flackerte kurz,

erwies sich als Täuschung und ein kleines Sternenflottenschiff

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kam zum Vorschein. Es war Keilförmig und mit Warpgondeln

ausgestattet, die direkt in das Schiff eingegliedert waren.

„Wie gefällt ihnen die NX-Incursion-A?“, drang die vertraute

Stimme von Captain Markus Refelian – seines Zeichens

Leiter einer Spezialeinheit des offiziellen Geheimdienstes -

aus dem Interkom.

Bartez unterdrückte ein Schmunzeln. „Nicht so eindrucksvoll

wie ihr Captain, aber so wie ihr Vorgänger allemal.“

„Was denken sie jetzt, Captain?“, fragte Izilon.

Bartez hielt einen Moment inne. Sah zu Izilon. Sah zur

Incursion. Und sah zu seinen Offizieren. Und erst jetzt wurde

es ihm eines klar: „Ich denke...“, sagte er laut. „... das wir trotz

unserem schlechten Ruf niemals allein waren.“

121


11.

Bartez und Roach betraten den Transporterraum, als

Chief Neal Kelly, der die Transporterkonsole bediente, einen

speziellen Gast an Bord beamte. Im Transferbereich bildete

sich eine schimmernde Energiesäule und darin materialisierte

eine vertraute Gestalt.

Haro Kitol hatte gar keine Zeit den Ortswechsel zu verarbeiten.

Doktor Roach konnte sich einfach nicht zurückhalten,

sprang nach Vollendung des Transfers auf die Plattform und

drückte seine ehemalige Krankenschwester. Er freute sich so

heftig, dass er sie ohne Mühe hoch hob und sich mit ihr einmal

im Kreis durch den Transporterraum drehte.

„Meine Lieblingskrankenschwester!“

„Doktor.“, korrigierte sie. „Ich bin nun Doktorin.“

„Wie schön Sie zu sehen, Haro.“

„Die Freude ist ganz meinerseits.“, schüttelte Bartez ihre

Hand, nachdem Roach sie wieder herabgelassen und freigegeben

hatte.

„Ein eindrucksvolles Schiff, mit dem Sie hergekommen

sind. Ihr neuer Posten?“

Kitol zuckte verlegen mit den Schultern. „Ich fürchte es

gehört nicht mir, Sir. Ich konnte die Besatzung überreden mir

zu folgen und habe es einfach ... geborgt. Dachte medizinische

Hilfe wäre in derzeitigen Lage sicher willkommen. Leider

sind wir stark unterbesetzt. Keine Kommandooffiziere und das

medizinische Personal, das sich mir anschloss, kommt frisch

von der Akademie. Alles Anfänger. Die Äskulap könnte einen

guten Kommandanten gebrauchen, der die Medo-Teams führt

122


und entsprechend einweist, während wir hinter den Schlachtlinien

auf Verwundete warten.“

„Wir können leider kaum Offiziere entbehren.“, sagte

Bartez. Dann erkannte er in Lieutenant Kitol’s Augen, was sie

bezweckte. Langsam richteten beide den Blick auf den ahnungslosen

Roach, der noch immer vor lauter Wiedersehensfreude

strahlte. Das momentane Gespräch schien ganz an ihm

vorbei gegangen zu sein.

„Doktor, was halten Sie davon, ein Raumschiff zu kommandieren.“

Zunächst begriff Roach gar nicht, was Bartez meinte.

Dann wurde er schlagartig blass, als ihn die Erkenntnis mit

Posaunen und Trompeten erreichte. „Sie meinen ... ich soll das

machen? Ich soll wirklich die Äskulap übernehmen? Ist das Ihr

ernst? Ich meine ... ich denke ... ich ...“ Er seufzte und versuchte

es mit einem anderen Ansatz. „Haro ist doch viel geeigneter.

Sie hat im Gegensatz zu mir eine Sternenflottenausbildung.“

„Und Sie haben die Erfahrung von fünf Jahren anhaltender

Katastrophen.“, wies Bartez jegliche Wiederrede ab.

Roach machte große Augen. „Glauben Sie ernsthaft ich

kann das?“

„Die Äskulap wird nicht am Schlachtgeschehen teilnehmen.

Sie müssen diejenigen zusammenflicken, die von den

Grez’An auseinandergenommen werden und auf die Schiffe

warten, die mit ihren Verletzten hinter die Schlacht zurückfallen,

Doktor. Das ist alles.“

„Aber trotzdem, das ist immer noch ein intaktes Raumschiff.

Ich bin geradeso in der Lage den Bordcomputer richtig

zu bedienen.“

„Das ist nicht wahr.“, winkte Haro ab. „Sie sind bei weitem

nicht so unfähig, wie Sie behaupten, Doktor. Außerdem,

Sie haben einen hervorragenden ersten Offizier in mir.“

123


Bartez klopfte dem Arzt leicht gegen dem Oberarm. „Ich

wüsste nicht, wer dazu mehr geeignet wäre, als Sie, Doktor.“

Der Captain nickte ihm Mut zu, bedankte sich noch einmal für

Haro’s Kommen und trat dann wieder in den Korridor hinaus.

Roach stand eine Weile einfach nur da. Irgendwann bekam er

das breiteste Lächeln, dass Haro je zu Gesicht bekommen hatte

und stellte sogar die Denobulaner damit in den Schatten -

und das war ein echtes Kunststück.

„Oh Mann o Mann.“, sagte er begeistert. „Wenn das meine

Frau erfährt!“

Bartez trat zielstrebig durch die leeren Schiffskorridore.

Die Besatzung traf die letzten Vorbereitungen. Um sich den

Grez’An entgegenzustellen, damit sie Zeit schinden konnten,

waren sie nun bereit. Alles, was noch fehlte, war ein Plan, was

genau sie auf Feodora anstellen sollten. Und damit brauchte

Bartez dringen Hilfe, da er nicht den blassesten Schimmer hatte,

was er anstellen sollte. Während er allein durch den Korridor

schritt, hörte er ein Geräusch: Eine Transportermatrix!

Hinter ihm?

Gefahr!

Nein, seine Nackenhaare standen nicht. Warum zum Teufel

sollte sich jemand unmittelbar zu ihm beamen und nicht

den Transporter benutzen? Bartez wirbelte herum. Der routinierte

Griff zu seinem Blaster ging ins Leere. Die Waffe hatte

er schon vor Monaten verloren, als er gegen den Direktor von

Sektion 31 – der in Wahrheit von einer Grez’An Larve, die

schon einmal versucht hatten, die Föderation zu unterwandern,

kontrolliert wurde - inmitten eines ausbrechenden Vulkans gekämpft

hatte. Für einen Moment schoss der Gedanke durch

den Kopf, wie unglaublich phantastisch sich seine Abenteuer

alle anhörten.

124


Binnen Millisekunden transportierte ein hochentwickelterer

Strahl, als die der Sternenflotte genau fünf Personen in den

Gang. Der Captain riss die Augen auf, als er die Figuren erkannte.

Vier von ihnen trugen schwarze Lederkleidung, der

Anführer der Gruppe – eine blonde Frau strengem Gesichtsausdruck

- eine graue.

Jessica Sloan, Ellia Rodruigez und ihre Begleiter blickten

ihn mit neutralem Gesichtsausdruck an. Sie waren also doch

wieder zurückgekehrt. Bartez rechnete sofort mit einem Angriff

und wollte nach seinem Phaser greifen, als Sloan vortrat.

Sie sagte: „Sektion 31 steht hinter ihnen, Herr Direktor.“

Am heute wichtigsten Ort in der Galaxie, reichte die riesige

Gorn-Flotte vom Vorgeschwader bis zur Nachhut weiter,

als das menschliche Auge. Die Incursion, ein Bird of Prey, die

Äskulap, die Starfury, große Kreuzer, kleine Kreuzer, Zerstörer,

Schlachtschiffe, Frachtschiffe, Jagdmaschinen, Shuttles,

Fährschiffe und Fregatten. Sie alle warteten auf die Schlacht,

warteten auf die Konfrontation mit dem riesigen Grez’An-

Schwarm, der auf der anderen Seite des Planeten lauerte. Sie

warteten auf Anweisungen, vom Gorn-Kommandoschiff

Schimäre. Hunderte von Raumschiffkommandanten und Führungsoffiziere

der Starfury waren im Taktikraum des riesigen

Kreuzers versammelt und erwarteten die Befehle des Kriegsherrn.

Zahllose Gerüchte gingen umher, von Geschwader zu

Geschwader verbreitete sich die Erregung.

In der Mitte des Einsatzraums stand ein großer, kreisrunder

Tisch. Über ihm war eine holographische Nachbildung der

beiden Flotten und des Planeten dazwischen projiziert. Kader

Oruna betrat den Raum. Kräftig, mächtig. Langsam kam er die

Haupttreppe hinunter und trat zum Taktiktisch. Dort warteten

125


ereits Kriegsherr Izilon, Commander Jones und Captain Bartez

auf ihn, um sich ein letztes Mal mit ihm zu beraten.

Ahmad Kaafarani ging durch die Menge und suchte die

Gesichter nach vertrauten Personen ab. Er sah die Gruppe aus

Sternenflottenoffizieren, die sich in der ersten Reihe versammelt

hatte, lächelte und ging herüber. Brady, Roach, T’plona

und Sturak begrüßten ihn mit einem knappen Nicken.

„Na was ist denn das?“, fragte er spöttisch, deutete auf

die Ärztekleidung des Doktors und zupfte an den Abzeichen

am Kragen. „Ein Captain? Nicht übel.“

„Nur vorrübergehend.“, sagte Roach. „Aber schließlich

und endlich werden meine großen Fähigkeiten anerkannt und

entsprechend gewürdigt.“

„Ja, dazu muss nur erst der Weltuntergang vor der Tür

stehen.“, zwinkerte Kaafarani. Roach zog die Schultern hoch.

„Sicherlich war das nur ein winziger Denkanstoß.“

„Natürlich. Auf der Äskulap dürften sie zumindest etwas

sicherer sein, als wir auf der Starfury. Was ist mit uns vieren?“,

wandte sich Kaafarani an den Rest. „Wir bleiben doch

auf der Starfury, oder?“

„Nicht jeder von uns.“, antwortete T´plona und sah Sturak

an. Ehe Kaafarani weiter nachfragen konnte, verdunkelte

sich das Licht und Kader Oruna erhob das Wort. Erwartungsvoll

richteten sich alle Blicke auf ihn.

„Die Uhr tickt.“, leitete er ein. „Während wir uns hier

versammelt haben, verliert die Barriere um den Grez’An-

Raum zunehmend an Energie. Die ersten stabilen Risse haben

bereits diese gigantische Armada dort draußen ausgespuckt.

Uns bleiben noch vier Stunden, ehe die Barriere völlig zusammenbrechen

wird und eine unfassbare Flutwelle an Schiffen

über uns hereinfällt. Unsere letzte Hoffnung die Apokalypse

zu verhindern liegt hier. Hier bei Feodora. Wir werden

Captain Bartez und seiner Mannschaft die Zeit verschaffen,

126


die er braucht.“ Als sich die Unruhe ein wenig gelegt hatte,

winkte Oruna Izilon herbei. „Kriegsherr?“

Izilon trat vor. „Im direkten Kampf mit dem Grez’An-

Schwarm werden wir nicht siegen. Das ist auch nicht unser

Ziel, sondern Zeit zu schinden. Auf der Planetenoberfläche

haben wir eine unterirdische Kammer, unterhalb eines Turms

entdeckt. Ein kleines Team wird sich in das Planeteninnere

begeben, wo die Barriere aufgeladen werden muss. Inzwischen

wissen wir, dass Feodora der Kollektor und Mittelpunkt

eines Energie-Netzwerkes der Tkon-Außenposten ist. Nur hier

kann die Barriere aufgeladen werden. Die Grez’An haben,

soweit wir das bestimmen können, bereits Stellung auf dem

Planeten bezogen und ihre Bodentruppen bewegen sich allmählich

auf den Turm zu. Wir müssen vor ihnen dort sein.

Während unsere Kampfkreuzer im Orbit die Schlacht unter

der Führung der Starfury aufnehmen...“, er sah Jones an. Sie

würde das Schiff in die Schlacht führen. „... werden wir Bodentruppen

herabschicken, die den Eingang der Kammer vor

den anrückenden Grez’An-Armeen beschützen. Captain?“

Izilon machte am Tisch platz.

„Das Planeteninnere ist vor unseren Sensoren und Transporterstrahlen

abgeschirmt.“, instruierte Bartez. „Wir ... haben

aber Zugang zu einer Transportermatrix, die es schafft, durch

diese Abschirmung zu gelangen.“ Er nickte Sloan zu. Ihr Timing

hätte gar nicht besser sein können.

„Wir haben ein Shuttle – die Pax Pelayo – mit dieser

Technologie ausgestattet und werden unter das Energiefeld

fliegen.“ Er deutete auf die kokonartige Glocke, die den Planeten

umhüllte. „Mit meinem Team werde ich dann in das Planeteninnere

gehen.“ Er sah kurz zu dem Mischmasch aus grundverschiedenen

Wesen, die auf der oberen Reihe an den Fenstern

standen. Sloan, sein Ebenbild aus dem 1024. Paralleluniversum,

Pixur, Keka, Joroot und Zard.

„Dann sehen wir weiter.“

127


Diese Nachricht löste Stimmgewirr aus.

„Captain...“, rief einer der Gorn in den Reihen. Der Anführer

einer Jägerstaffel. „Das war es? Das ist ihr Plan? Ich

meine, wir stürzen uns hier alle in den Tod, damit Sie ... nur

weiter sehen? Was passiert unter der Oberfläche?“

„Dort vermuten wir eine Energieeinheit.“, sagte Izilon.

„Eine Kontrollstation, oder ähnliches. Viell-“

Bartez hob die Hand. „Nein, Kriegsherr. Nett gemeint.

Aber ich will ehrlich zu ihnen allen sein. Ich weiß nicht, was

uns unter der Oberfläche erwartet, oder was wir dort tun müssen,

um die Barriere zu stabilisieren. Aber eines ist klar, im

Planeteninnern liegt unsere letzte Chance diesen Kampf zu

gewinnen. Die Tkon haben uns bis hierher geleitet. Nun müssen

wir den nächsten Schritt machen.“

Der Gorn verstummte und nickte langsam. Sie waren alle

nervös. Bartez konnte sie nur zu gut verstehen.

„Sie haben ihre Befehle.“, rief Izilon. „Auf ihre Posten!“

Die ganze Versammlung löste sich in eine Vielzahl kleiner

Gruppen auf. Es war Zeit zum Abschiednehmen. „Hey, bin ich

etwa zu spät?“, rief jemand von oben auf der Treppe. Die inzwischen

zum Colonel beförderte Ka´hmal trat in den Taktikraum

ein. Kelly konnte ihre Freude nicht unterdrücken, lief auf

ihre Schwester zu und umarmte sie herzlich, wie sie es seit ihrer

Kindheit nicht mehr getan hatte. Ja, im Angesicht des Todes

wurde man enger zusammengeschweißt.

„Schön, das du da bist, Ka’hmal“

„Ich hatte ... noch etwas an meinem Schiff zu schrauben.“

„In letzter Zeit haben wir uns nicht grade häufig gesprochen.

Auch über Subraum nicht. Gibt es etwas neues?“

Ka´hmal sah kurz zu Izilon, der gerade zu ihnen Gruppe

trat, und prüfte mit einem stummen Blick, ob er einverstanden

war. Er nickte. Also streckte Ka’hmal Kelly voller Stolz die

Hand entgegen. Ein Verlobungsring glitzerte am Ringfinger!

Kelly schnappte nach Luft. „Der ist wunderschön.“

128


„Nicht so schön, wie ihre Trägerin.“, schnurrte Izilon.

Bartez grinste den riesigen Gorn an. „Hey, dann sind wir

ja jetzt verwand.“

„Nachteile gibt es immer.“, erwiderte Izilon. „Komm,

Ka´hmal, wir müssen los.“

Die Klingonin drückte noch einmal ihre Schwester an

sich. „Pass auf dich auf, Kleines.“

„Und du auf dich.“

Bartez und Jones sahen den beiden Nach, ehe sie im

Durcheinander der Menge verschwanden. „Hat mich ... Izilon

gerade verarscht?“

Kelly zuckte mit den Schultern. „Sein Humor war schon

immer einmalig. Hm, Sie heiratet einen Kriegsherr. Nicht ü-

bel.“

„Was soll denn das heißen?“

„Ach nichts.“, setzte Jones ein verschmitztes Grinsen auf.

Das erste seit vielen Stunden. Sie sagte: „Einen einfachen

Sternenflottencaptain zu heiraten ist doch auch etwas. Und

vielleicht...“ Sie zwinkerte. „Schaffst du es ja irgendwann

noch mal zum Admiral.“

Doktor Roach hatte eine schwere Reisetasche umgeschnallt

und schickte Doktor Kitol schon einmal durch die

Luftschleuse, wo die Äskulap angedockt lag. Er selbst blieb

noch stehen und zögernd die Starfury zu verlassen. Ohne genau

zu wissen, was er sagen wollte, drehte er sich zu Kevin

Brady und Maureen um. Die beiden waren hier, um ihn zu

verabschieden.

„Ich...“

Eine Pause entstand.

„Also...“

Nein, das war es auch nicht. Roach fand einfach keine

richtigen Worte und umarmte den Ingenieur daher schlicht.

129


Kevin lachte, unterdrückte dabei die Angst, zerquetscht zu

werden und hoffte, dass man ihm nichts davon angemerkt hatte.

Dem war offenbar nicht so.

„Passt auf euch auf.“

„Sie auch, Doktor. Und seien Sie vorsichtig mit den Systemen

der Äskulap. Das ist ein Prototyp, die sind immer etwas

empfindlich.“

Roach winkte ab. „Ach, mit Technik kenne ich mich

doch aus. Hab schließlich beim Besten gelernt.“

„Doktor!“ Sie drehten verwundert die Köpfe zu Izilon,

der den Gang entlang gerannt kam, um Doktor Roach nicht zu

verpassen. Langsam kam er zum Stillstand. „Sie wollen dieses

Raumschiff kommandieren?“, fragte der Gorn.

Roach wechselte einen erstaunten Blick mit Brady.

„Schlechte Nachrichten verbreiten sich offenbar schnell. Aber

ja, das will ich.“

„Dann werde ich ihnen die Darking, ein Kriegsschiff, zur

Seite stellen.“

„Zu welchem Zweck?“

„Um Sie zu schützen.“

„Wir werden weit abseits der Schlacht sein.“

„Sicher ist sicher.“, meinte Izilon trotzdem.

Roach runzelte die Stirn. „Sie stellen mir doch nicht einfach

so eine schwer bewaffnete Schutzeskorte zur Seite. Das

machen Sie, weil ihnen etwas an mir liegt. Sie mögen mich,

habe ich recht? Sie waren all die Jahre nur so brummig und

abweisend zu mir, um ihre wahren Gefühle zu verbergen.

Denn eigentlich können Sie mich gut leiden.“

Izilon stand einen Moment einfach nur da, war wie zur

Steinsäule erstarrt. Dann schüttelte er entschieden den Kopf.

„Blödsinn, ich bin nur um die Äskulap besorgt.“ Er stapfte zurück

in den Korridor. Roach hörte nur noch ein gemurmeltes:

„Das Schiff soll schließlich meine Männer zusammenflicken.“

130


Aber natürlich wusste es der Arzt besser. Er und Brady

grinsten breit. Dann war die Zeit des Abschiedes gekommen.

Roach betrat sein neues Schiff.

Die Pax Pelayo lag an der Luftschleuse auf der anderen

Seite der Starfury, war beladen worden und gewartet. Nun

stiegen die Auserwählten ein. Nur Bartez stand noch mit Kelly

und T’plona vor der Schleuse und verabschiedete sich. Vielleicht

für immer.

„Ich vermisse meinen Blaster.“, sagte er und wog seinen

Phaser misstrauisch in der Hand. Er hatte an der Waffe wirklich

gehangen. Sie war sein Markenzeichen gewesen, überall

in der Raumflotte kannte man ihn nur als den unorthodoxen

Offizier, der mit einem Blaster im Halfter auf seinem Schiff

rumrannte – selbst, wenn es keine Anzeichen einer Gefahr

gab. Aber ob der Blaster ihm auf Feodora viel genutzt hätte,

war fraglich. Sturak vermutete, dass die Kristallformationen

auf dem Planeten eine ähnliche Wirkung hatten, wie die der

Tkon-Außenposten. Wenn dem nämlich der Fall war, wurden

sämtliche Energiestrahlen von ihnen einfach abgelenkt und

würden wie unkontrollierte Blitze durch die Luft zucken. In

diesem unzuverlässigen Zustand konnten sie auch zum Schützen

zurückkehren.

Aus diesem Grunde trug Bartez auch sein Gardeschwert

aus der Akademie am Gürtel, sowie die anderen auch Hiebund

Stichwaffen mit sich führten - nur zur Sicherheit. Das waren

vermutlich die einzigen Waffen, die ihnen da unten etwas

nützten und Bartez hatte glücklicherweise Erfahrung im Umgang

mit dem Schwert.

Bartez holte tief Luft und betrachtete den Innenbereich

der Starfury noch einmal. Er hatte so ein seltsames Gefühl.

Als würde er sie nie wieder sehen. Er dachte daran, wie oft sie

131


ihn mit ihrer Schnelligkeit, wie oft er sie mit seiner Raffinesse,

seinem besonderen Gefühl gerettet hatte. Er dachte an das U-

niversum, dass sie gemeinsam gesehen, an die Zuflucht, die

sie ihm gewährt hatte. Vor seinem inneren Auge sah er, wie

die Starfury, einem Puma gleich, durch die tobende Schlacht

von Chin’Toka sauste, wie sie mitten durch die Sonne von Ultai

Undarum brüllte und auf der anderen Seite angesenkt, aber

größtenteils unbeschädigt wieder auftauchte. Er dachte daran,

wie sie elegant durch bunte Nebelmassen flog, wie sie auf

Warp den viel größeren Kreuzer von der Klingonin Tagara

rammte und wie sie sich furchtlos den Borg in den Weg gestellt

und sogar der Enterprise-E Paroli geboten hatte. Dieses

tapfere kleine Schiff, auf dem er die beste Zeit seines Lebens

verbracht hatte. Sein Schiff.

Kelly, die seine Gedanken erriet, legte eine Hand auf seine

Schulter. „Ich werde auf sie aufpassen.“ Sie wollte ihn in

seinem stillen Abschied nicht stören, aber die Zeit wurde immer

knapper. „Matt, sie hat so viele Schlachten überstanden,

so viele Gefechte und so vielen Anomalien getrotzt ... es wäre

doch ziemlich billig vom Schicksal, wenn sie ausgerechnet in

ihrem letzten Kampf zerstört werden würde, oder?“

Bartez kehrte in die Gegenwart zurück. „Richtig. Okay.

Passt ihr beide auch aufeinander auf. Alles klar, T’plona?“

T’plona nickte.

„Gut. Dann ... bis nachher.“

Kelly’s Lächeln schwankte wie ein Kartenhaus und drohte

jeden Moment unter Tränen einzubrechen. Aber sie war eine

starke Frau und versuchte sich zu beherrschen. Doch es gab

noch so viel, was sie ihm sagen wollte. Soviel ungeklärtes. Sie

wollte einfach, dass er es wusste.

„Versprich mir, dass du wiederkommst, Matt.“

Bartez sah ihr tief in die großen, ehrlichen Augen und

strich mit einer Hand über ihre Wange. Ihre Haut fühlte sich

so zart an.

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„Ich habe einen guten Grund zurückzukehren.“

Sie biss sich auf die Unterlippe, nahm seine Hand und

führte sie unter ihren Pullover Dort drückte sie seine Hand auf

ihren Bauch und flüsterte, Tränen zurückhaltend: „Du hast

zwei Gründe.“

Bartez riss die Augen auf und brachte kein einziges Wort

hervor. Sloan berührte ihn am Arm und zog ihn langsam in die

Pax. Sie sagte: „Kommen Sie, Captain. Es wird Zeit.“

Der Augenkontakt des Ehepaares brach bis zum letzten

Moment, wo sich die Luftschleuse schloss, nicht ab. Dann

startete die Pelayo den Antrieb, löste die Andockklemmen und

flog hinaus in die endlose Nacht.

133


12.

Ohne Komplikationen durchbrach die Pax Pelayo das

Energiefeld, das Feodora umgab. Das Schiff war nicht besonders

groß, hatte vielleicht die Ausmaße eines Runabout und

entsprang nicht der Sternenflotte, was sich in seinem klobigen

Design wiederspiegelte. Viele in der Crew beschrieben das

Schiff als eine Mischung aus Shuttle und Wohnmobil und damit

hatten sie wohl recht.

Bartez steuerte das Schiff direkt auf den Turm zu, der ü-

ber der unterirdischen Kammer erbaut worden war. Ob es sich

dabei um Tkon-Architektur handelte, konnte Bartez nur raten.

Zumindest bestanden gewisse Analogien, auch wenn der Turm

etwas zu drohend wirkte. Bartez wusste nicht, wo ihm der

Kopf stand. Was Kelly ihm gesagt ... ihm mit dieser Berührung

gezeigt hatte, kurz bevor sie aufgebrochen waren-

Zwei Gründe!

Daher war sie den ganzen Tag über so merkwürdig gewesen.

Aber ... was bedeutete das nun für ihn? Was bedeutete das

für sie beide? Kelly war schwanger! Er musste es immer wieder

in Gedanken wiederholen, um es glauben zu können und

selbst dann war es irgendwie ... surreal. Er war einfach nicht in

der Lage richtig zu erfassen, dass er Vater wurde. Noch nicht.

Vielleicht war es auch besser so, denn im Moment durfte er

sich nicht ablenken lassen.

Zwei Gründe.

Wow!

Im Cockpit warf Bartez einen sorgenvollen Blick über die

Schulter auf die anderen. Sie saßen zu beiden Seiten des Auf-

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enthaltsraums und checkten ein letztes Mal ihre Waffen. Sloan

hatte die Stirn in tiefe Falten gelegt und stieg in den Copilotensitz

neben Bartez. Sie warf einen optimistischen Seitenblick

zu ihm. Dieser musste sich erst noch daran gewöhnen,

dass er ihr ... Direktor ... war.

„Wie viele haben wir?“, fragte Sloan leise.

„Wir sind zu siebt. Neun sollten es insgesamt sein, aber

ich gebe mich mit dem, was wir haben, zufrieden. Es ist nicht

schlecht, wenn man bedenkt dass ich heute Morgen noch fast

alleine war. Wirklich nicht schlecht.“

„Ich kann es kaum glauben, dass ich zu ... den Auserwählten

gehören soll.“

„Und ich kann es kaum glauben, dass ich der Direktor

von Sektion 31 bin.“, erwiderte er. „Das war damals eigentlich

nicht allzu ernst gemeint, müssen Sie wissen.“

Sloan zuckte mit den Schultern. „Mal sehen, ob Sie es

morgen auch noch sind, Captain.“

„Oh, etwas mehr Optimismus, bitte.“ Die negative Ausstrahlung

bedrückte ihn. Dabei ging wohl mindestens die Hälfte

von ihm selbst aus. Eine Warnmeldung blinkte auf. Sie hatten

das Energienetz passiert. Die Systeme zeigten uneingeschränkte

Einsatzfähigkeit.

„In Ordnung, Captain, ich bin für einen Transport bereit.“,

nickte Sloan.

Bartez überprüfte seine Konsole. Er sagte: „Die Abtaststrahlen

können die Oberfläche kaum durchdringen. Sind Sie

sicher, dass Sie uns nicht in Gestein hinein beamen?“

Sloan grinste. „Nein. Es hat Vorteile, dass Sektion 31 ü-

ber eine so fortgeschrittene Technologie verfügt.“

„Technologie, die Sie der Sternenflotte vorenthalten haben,

obwohl unsere Wissenschaftler sie längst entdeckten.“

Aber er beschloss das Thema ein anderes Mal genauer anzuschneiden.

Heute war wirklich kein guter Tag dafür.

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„Na schön, beamen Sie das ganze Shuttle hinein. Sicher

ist sicher.“

„Initiiere Transfer.“ Der Transporterstrahl brachte sie unter

die Oberfläche. Sogar das Funkeln des Strahls wirkte düster,

wie ein dunkles Omen. Wenige Sekunden später war das

Shuttle verschwunden.

Nichts.

Die Oberfläche erwies sich als karg, eben und sandig.

Einzig die Kristallformationen ragten zahlreich in die Luft.

Ansonsten bestand das Umland nur aus einer öden Ebene voller

Schotterdünen. Die letzten Truppentransporter setzten weitere

Schwadron Gorn-Krieger ab und stiegen wieder in den

Weltraum hinauf.

Binnen kürzester Zeit hatten die Gorn vor dem gewaltigen

Turm eine mächtige Armee aufgestellt. Sie standen in

Reih und Glied, Kilometer weit und bildeten die vielleicht

standhafteste Verteidigungslinie, die es je gegeben hatte. Es

war ein beeindruckender Anblick, der Kriegsherr Izilon mit

Stolz erfüllte. Er hielt einige Meter vor der ersten Reihe, um

all die tapferen Gorn zu führen. Voller Hochmut sah er durch

die Reihen und sog dann die kalte Luft auf.

„Und so beginnt es.“, sagte er.

„Oder endet es.“, bemerkte Sturak, der neben ihm stand.

Der Vulkanier hatte sich entschieden, Seite an Seite mit den

Gorn zu kämpfen. Aus Loyalität seinem Captain gegenüber,

wollte er helfen, den Turm um jeden Preis vor den anrückenden

Grez’An-Bodentruppen zu schützen, damit diese Bartez

nicht in den Rücken fallen konnten. Anders als die Gorn trug

er aber keine Hieb- oder Stichwaffe, sondern einen Phaser.

Obwohl er sich des Risikos, dass die Schüsse abgelenkt wurden,

bewusst war, zog er lieber diese Waffe vor. Sie erschien

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ihm einfach ... zivilisierter und er glaubte trotz der Kristallformationen

mit ihr umgehen zu können.

„Vulkanischer Pessimismus?“, fragte Izilon.

„Im Gegenteil. Wenn ich nicht ein überzeugter Optimist

wäre, hätte ich längst die Flucht angetreten.“

Izilon lachte herzhaft und legte Sturak eine Hand auf die

Schulter. Dabei fiel ihm auf, dass sie beide in den vergangenen

Jahren kaum gemeinsame Momente gehabt hatten. Nun,

es war ja noch nicht zu spät.

„Seite an Seite, mein Freund.“

„Seite an Seite.“, nickte Sturak und fügte noch ein: „Mein

Freund.“, hinzu. Plötzlich spürten sie, wie der Boden vibrierte.

Die Gorn murmelten durcheinander. Die Vibrationen wurden

stärker, ein seltsames Geräusch, wie von vielen, schnell geschlagenen

Trommeln wehte leise zu ihnen heran. Izilon drehte

sich in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Und erstarrte.

Der Horizont verdunkelte sich, als eine feindliche Armada,

einer Flutwelle gleich, näherrückte. Izilon streckte die geballte

Faust zum Himmel, wo das Energiefeld vor dem

schwarzen Sternenhintergrund blitzte. Er stieß einen unglaublich

lauten Kampfschrei aus.

Die anderen Gorn taten das gleiche.

„Sie sind drin.“, interpretierte T’plona ihre Anzeigen.

Commander Jones sank in den Kommandostuhl und blickte

versonnen auf den Planeten. „Du schaffst das schon, Matt.“,

murmelte sie. Schließlich sagte sie über Kampffrequenz: „Alle

Einheiten bereit zum Vorrücken auf mein Zeichen.“

Sie streckte die Hand zum Signalknopf an der Armlehne

aus. Dabei hatte sie einen Augenblick lang dunkle Vorahnungen.

Nun war die Gefährlichste aller Möglichkeiten eingetre-

137


ten: sie traten dem Grez’An-Schwarm offen gegenüber und

kämpften zu deren Bedingungen. Wenn sie in dieser Schlacht

unterlagen, war der Krieg verloren, ehe er begonnen hatte.

Sie betätigte die Taste.

Überall in den Schiffen flammten Signallichter auf.

Ihr Zeichen.

Der Angriff war ausgelöst.

Ahmad Kaafarani und Kell Perim nickten ihr über die

Schulter hinweg kurz zu und aktivierten dann die Triebwerke.

Die Flotte bewegte sich auf den Schwarm zu.

Das von den Höhlenwänden abhallende Sondierungsgeräusch

seines Tricorders verstummte, als Bartez ihn zusammenklappte.

Die Anzeigen spielten verrückt, das Gerät nutzte

ihm nichts. Während die anderen aus der Pelayo ausstiegen,

sah er sich um.

Die Gruppe befand sich exakt drei Kilometer unterhalb

des Turmes. Hier hatte man eine beeindruckende Vorkammer

in den dunklen, kristallinen Fels gehauen. Mächtige Steinsäulen

stützten die hohe Decke. Seltsame Verzierungen und Muster

waren in die Wände aus Kristall gearbeitet. Ein gespenstisches

Licht tauchte die Höhle in ein bedrohliches Rot. Lichtquellen

konnte Bartez nirgendwo entdecken.

Eine Sechseckige Plattform befand sich in der Mitte der

Höhle, direkt zwischen der Gruppe und einem weiteren, dunklen

Tunnel, der tiefer in den Planeten herabführte. Ein hypnotisches

Brummen ging von der Plattform aus. Wie Motten auf

Licht reagierten, wurden die Neuankömmlinge magisch davon

angezogen. Als sie sich alle darum versammelt hatten, flackerte

die Plattform kurz auf. Ein beißender Ozongeruch lag plötzlich

in der Luft. Im nächsten Moment schossen Blitze aus den

Wänden auf die Plattform. Xardes erschien darauf. Bartez

138


wusste nicht, ob es sich um ein Hologramm handelte, oder um

eine andere, fortgeschrittene Technologie der Tkon.

Das Gesicht des alten Wächters runzelte sich vor Freude,

als er die sieben erblickte. „Ihr habt es weit gebracht.“,

musterte er jeden einzelnen. „Neun waren auserwählt, in die

unterirdischen Katakomben zu gehen. Ihr seid diese Neun.

Jeder von euch ausgestattet mit außergewöhnlichen

Fähigkeiten, jeder von euch auserkoren, euren Anführer im

letzten Gefecht zu begleiten und zu schützen.“

„Wir ... sind aber nur zu siebt.“, sagte Bartez vorsichtig.

Xardes neigte den Kopf. „Nichts ist, wie es zu sein

scheint.“ Er seufzte. „Jetzt, wo ich zu euch spreche, sind wir

dabei die letzte Schlacht zu schlagen. Hinter mir geht es zum

finalen Platz, dort, wo sich Sieg, oder Niederlage kristallisieren

werden.“

Bartez wurde aus seinen Worten noch immer nicht

schlau. „Hilf uns!“ Aber offenbar war Xardes auch jetzt noch

nicht gewillt endlich zu sagen, was er von ihnen verlangte.

„Meine Kräfte lassen nach, genauso wie die Barriere zusammenbricht.

Du, Matthew Bartez. Du musst dafür sorgen,

dass die Energie wieder hergestellt wird.“

„Aber wie? Wie, verdammt, wie?“

„Du wirst es wissen. Du wirst es fühlen. In deinem Herzen.“

Seine Gestalt erblasste. Mit einer schwindenden Stimme

sagte er: „Befolge, was ich dich gelehrt habe. Vergebe, vergesse,

verzeihe.“

Und mit diesen Worten verschwand Xardes.

„Heilige Scheiße.“, stieß Spiegel-Bartez aus. Er starrte

noch immer dorthin, wo Xardes zuvor noch gestanden hatte.

Nur langsam drehte er den Kopf zu seinem Pendant aus diesem

Universum. „Langsam fange ich an, den Bullshit, den du

vorhin erzählt hast, zu glauben.“

Bartez nickte. Inzwischen dürfte niemand mehr Zweifel

an der Weissagung der Tkon haben. Er sah zu dem düsteren

139


Tunnel, der sie erwartete. Ein seltsamer Luftzug kam daraus.

Kalt und unwirklich.

Der Kommandant drehte sich zu Sloan. „Sie sollten hier

warten, Jessica. Vielleicht müssen wir schnell verschwinden.“

„Sind Sie sicher Herr Dire- Captain?“

Bartez zog einen Mundwinkel hoch. „Scheinbar ... ist es

ihre Aufgabe uns hier hinein- und wieder hinauszubringen. Ihre

Schlüsselposition.“ Sloan nickte und begab sich zurück zu

ihrem Schiff.

„Wir anderen“, er trat auf den Tunnel zu. „gehen weiter.“

Nur wenige Kilometer über den Katakomben, bebte der

Boden unter der Legion, die auf die Gorn zuraste. Wie ein gewaltiger

Schatten kamen die Grez’An über die weite Ebene

und verschluckten den Erdboden. Izilon’s Kiefer öffnete sich,

als er die Armee aus mordlüsternen Grez’An auf ihre Position

zustürzen sah. Damit hatte selbst er nicht gerechnet.

„Wie hoch schätzen Sie unsere Chance?“, fragte er leise.

Sturak neben ihm, war mindestens ebenso angespannt.

„Zu überleben, oder zu siegen?“

„Beides.“

„Ich würde eher auf die Grez’An setzen.“

„Niederlagen werden heute einfach nicht akzeptiert.“,

brummte Izilon grimmig. Er zog sein Schwert. Die Truppen

hinter ihm, taten es ihrem Kriegsherrn gleich. Ein kreischendes

Geräusch erfüllte plötzlich die Luft und dabei handelte es

sich nicht um den Lärm der anrückenden Grez’An. Izilon

blickte in den Himmel empor. Direkt über ihnen Köpfen enttarnte

sich ein klingonischer Bird of Prey. Surrend richteten

sich seine Bordkanonen aus.

Izilon wusste nicht, wie Ka’hmal es angestellt hatte, aber

sie hatte sich einige der fiesesten, dicksten Bomben geklaut,

140


die man nur finden konnte. Anstelle der Disruptoren waren

nun diese einfachen Granatwerfer montiert, die auch gleich ihre

tödliche Ladung verschossen. Die Reihen der anrückenden

Grez’An-Truppen wurden von Explosionen erschüttert. Dort,

wo Ka’hmal das tödliche Arsenal hineinfeuerte, flogen Körper

brennend durch die Luft.

Und dennoch - selbst ihr Dauerfeuer glich die Chancen

kaum aus. Es rückten einfach noch mehr Grez’An nach.

„Es geht los!“, brüllte Izilon so laut er konnte und trieb

seine Truppen mit der Würde eines wahren Anführers schnell

vorwärts, in geschlossener Formation auf die Grez’An zu.

Diese wogten und drängten schneller heran – eine mauerförmige

Ansammlung geballten Hasses, die auf die Gorn zuspülte.

Die zähnegespickten Mäuler der Grez’An waren hungrig

geöffnet, die Sicheln erhoben.

Die Truppen umklammerten ihre Waffen noch fester,

rannten noch schneller, wie zwei Hochleistungsshuttles, die

auf Kollisionskurs waren.

Sie kamen näher...

...Noch näher...

...und dann brandeten die beiden Armeen wie Flutwellen

aufeinander, vermischten sich zu Tausenden tödlicher Zweikämpfe.

Das Gefecht wütete kräftig und schnell. Der Boden

färbte sich sofort Blutrot. Die Gorn starben allmählich in einem

verzweifelten Verteidigungskampf.

Hoch oben im Himmel ging es nicht anders zu. Der Weltraum

wurde lebendig. Der Grez’An-Schwarm bewegte sich

auf die näherkommenden Gornschiffe zu und kamen in enger

Formation von zwei gewaltigen Flankenwellen, bereit die

Flotte der neuen Alliierten von zwei Seiten, wie mit den Scheren

eines tödlichen Scorpions einzuschließen.

141


Es gab kein Weg zurück.

Der Angriff begann, der Kampf wurde aufgenommen.

Zuerst die kleinen Schiffe der Grez’An. Schnelle, tödliche Jäger,

die wie Bienen und Libellen, behände die durch die Reihen

sausten. Sie waren viel schneller als die schwerfälligen,

großen Kreuzer der Gorn. Lediglich deren Shuttles konnten es

mit ihrer Wendigkeit aufnehmen, unterlagen aber dafür bei der

Feuerkraft. Es kam zu heftigen Zweikämpfen im Weltraum,

dessen Schwärze bald von zuckenden Explosionen und blitzendem

Waffenfeuer erhellt wurde.

Dann gerieten die großen Schiffe aneinander.

Die Gorn-Streitkräfte vermischten sich mit den Schiffen

des Grez’An-Schwarms, kämpften um das nackte Überleben

und versuchten dabei, so viele Gegner wie irgendmöglich zu

erledigen. Tausende Geschützduelle waren gleichzeitig im

Gange, während die großen Schiffe der Grez’An die Gorn-

Schiffe methodisch zertrümmerten. An der Navigationskonsole

der Starfury steuerte Kaafarani wie ein Besessener durch einen

Hinderniskurs der riesigen, schwebenden Grez’An-

Schiffe, tauchte Waffenfeuer aus und fegte vor den kleinen

Jägern davon.

Kelly Jones saß im Kommandostuhl und starrte zum

Sichtschirm, wo der heftigste Kampf überhaupt tobte. Rings

um sie herum herrschte Wirrwarr. Hektische Offiziere versuchten

nach wie vor, den Rest der Flotte zu erreichen, versuchten

die Störungen im Kommunikationsnetzwerk, die von

den Grez’An ausgelöst wurden, zu überwinden. Eine gewaltige

Treffersalve erschütterte das Schiff und ließ das Deck

erbeben.

„Die Flotte soll vorrücken!“, rief Kelly. „Versetzt sie in

Nahkämpfe und weicht den Zerstörern aus. Alle Waffen abfeuern,

T’plona, egal was. Wenn nötig, beginnen wir mit Steinen

zu werfen.“

142


„Commander.“, versuchte T’plona durch den Kampflärm

zu dringen. „Die haben um einiges stärkere Waffen.“

„Ich weiß.“, erwiderte Jones. „Dennoch ... Matt braucht

einfach mehr Zeit.“

Ja, Zeit die Barriere zu stabilisieren. Und was dann?

Dann war der Grez’An-Schwarm noch immer an Ort und Stelle.

Aber das war ein Problem um das sie sich kümmern mussten,

wenn es soweit war. Das hieß, wenn sie überhaupt solange

durchhielten. Sie brauchen ein Wunder und zwar dringend.

„Feuer auf ihre Flanken verstärken!“

Die Starfury wurde von einer neuen Explosion durchgeschüttelt

- die rechte Warpgondel war getroffen. Sie zogen eine

lange Plasmawolke hinter sich her.

„Das ist das Ende!“, schrie jemand.

Das Kampfgetöse wurde noch lauter.

Sieben gingen weiter durch den immer größer werdenden,

dunkelroten Kristalltunnel, auf das Licht an dessen Ende

zu. Nebelhafte, gespenstische Schatten umgaben die Gruppe.

Einfach alles bestand aus den seltsamen Kristallformationen

der Tkon. Kondensiertes Wasser rann in kleinen Perlen an den

bizarren Wänden entlang und sorgte für unheimliches Licht.

Ein eigenartiger Nebel schlängelte sich um ihre Beine herum,

versagte ihnen einen Blick auf den Boden.

Hinzu kam der bizarre Windzug, der ihnen entgegenwehte,

einem Trauermarsch gleich. Aber da war noch etwas neben

dem Windzug. Ein rhythmischer Gesang, aus weiter Ferne.

Diese fremdartige Tunnelmusik erzeugte ihre eigene Harmonie,

ihre eigene Dynamik, auf und abschwellende, bedrohliche

Töne, die wiederhallten. Bis zum Ende des Tunnels sprach

niemand ein Wort aus. Was sie dahinter erwartete, versprach

ihnen erst recht die Sprache. Es war gewaltig und unglaublich!

143


Ein paar hundert Stufen unter ihnen, erwartete sie die erste

von insgesamt zwei kargen Felsplattformen. Sie war nicht

sonderlich breit, glatt und eben. Vielleicht ein- oder zweihundert

Meter im Durchmesser. Hinter den Rändern wartete ...

nichts. Fast nichts. Der Planet war komplett ausgehöhlt. Unterhalb

der Plattform ging es in die klaffende, neblige Tiefe.

Ein Treppensystem führte am Ende der ersten Plattform

hinunter zu der zweiten, sehr viel größeren Plattform. Auch sie

war flach, hatte aber einen gewaltigen Durchmesser von vielleicht

fünfzig oder mehr Kilometern und hing, nur durch die

Meilenbreiten Treppen gehalten, in der Luft. Die Treppen waren

zumindest das einzige Verbindungsstück, was die Plattform

hielt und das allein war schon erstaunlich, da diese zweite

Plattform Tausende von Tonnen wiegen musste. Dennoch

schien sie äußerst stabil zu sein. Vielleicht, weil der Planet

keinen Kern besaß und somit eigentlich über keine Gravitation

verfügen sollte, aber aus einem merkwürdigen Grund, gab es

eine Anziehungskraft und sie entsprach sowohl hier unten, als

auch auf der Oberfläche, etwa der, der Erde.

Hier war einiges Merkwürdig!

Aber das merkwürdigste war etwas ganz anderes.

Auf der zweiten Plattform knieten Tausende und Abertausende

von Rontarianern in Templerrüstungen und mit

Schwertern an den Gürteln und stimmten allesamt denselben

unheimlichen Gesang an. Sie knieten alle und verbeugten sich

regelmäßig und der Spitze der Plattform zugewandt. Ganze

Formationen aus jeweils hundert Mann bewegten sich wie ein

einziges, gewaltiges Wesen.

„Was zum Teufel machen die da?“, flüsterte Spiegel-

Bartez.

„Sieht wie eine Invasion aus.“, vermutete Pixur.

Bartez war anderer Meinung. „Nein.“. Er sah er ehrfürchtig

zu den Rontarianern herab. Deswegen hatte die Sternenflotte

vor einiger Zeit den Kontakt zu ihnen verloren. Sie

144


mussten ihrem falschen Glauben gefolgt Sein. Vielleicht hatte

sich ihre falsche Göttin selbst offenbart, um die Rontarianer

doch noch für ihre Zwecke zu benutzen. Bartez kannte sich

gut genug mit der rontarianischen Kultur aus, um zu erkennen,

dass es sich bei allen Anwesenden um einen uralten Kult handelte.

Er erkannte es an den Symbolen ihrer Kleidung. Hatte

dieser Kult vielleicht die Kontrolle über Rontar erlangt und sie

alle hierher geführt?

„Das ist keine Invasion.“, sagte er. „Das ist eine Anbetung.

Eine ... eine rituelle Erweckung.“

„Erweckung von was?“, klapperte Keka.

„Bilika.“

Die Gruppe folgte der Richtung in der die Rontarianer

beteten. Es ging über den Rand der zweiten Plattform. Ja, die

Sicht war von einem eigenartigen Nebel getrübt und der Planet

an sich war absolut hohl. Es gab keinen Kern, keine Lava- und

Gesteinsmassen. Und dennoch war da etwas, das fast das

komplette Planeteninnere ausfüllte. Bartez konnte es nicht genau

erkennen, dafür war es zu groß und sie zu nahe dran. Aber

es schälte sich langsam aus einem Riss in der Barriere heraus,

hatte es fast geschafft. Es war lebendig.

Und bewegte sich.

Auf der Oberfläche toste eine unerbittliche Schlacht.

Schwerter klirrten gegen die Stacheln der Grez’An, trafen auf

Panzer oder schlitzten Bäuche auf. Todesschreie hallten über

die ganze Ebene, vermischten sich mit hektisch gebrüllten Befehlen

und der furchtbaren Soundkulisse des allgemeinen

Schlachtgetümmel.

Die Grez’An waren lebendige Kampfmaschinen, mit dem

Unterkörper einer Schlange, oder eines Aals und waren an

Rücken, Brust und dem länglichen, nach vorn gerichteten

145


Kopf und braun gepanzert. Sie bewegten sich aufrecht fort und

schoben sich mit ihren Armen, die in langen, kräftigen Klingen

endeten, wie Skiläufer voran. Einzig empfindlich waren

ungepanzerte Bereiche unter denen ihr blutrotes Fleisch erschien.

Ihre Mäuler waren grauenvoll und die tief in den Höhlen

sitzenden Augen, strahlten pure Boshaftigkeit aus. Ihre gesamte

Existenz war von Hass geprägt.

Diese großen Kampfmaschinen metzelten sich ohne Gnade

und ohne Zögern durch die Reihen, trennten dabei Gliedmaßen

ab und stachen problemlos mit ihren Klingen durch die

dicke Chitin-Haut der Echsen.

Doch in den Gorn hatten sie würdige Gegner gefunden,

die sich dem Sturm der Armee entgegenstellten und die Verteidigungsreihen

um den Turm herum aufrechterhielten, einem

stabilen Damm gleich, der zwar unter der Last der anstürmenden

Flutwelle bald zu reißen drohte, sich aber noch tapfer

hielt. So waren die Gorn. Eine ganze Spezies, die einfach zu

stur war, um zu verlieren. Eine Niederlage stand für sie gar

nicht zur Debatte. Es gab nur einen Befehl: Die Stellung zu

halten. So einfach war das!

Sturak bewunderte sie insgeheim, auch wenn dazu kaum

Zeit blieb. Er hatte es bereits nach Sekunden aufgegeben, diejenigen

zu zählen, die er mit seinem Phaser zu Boden streckte.

Glücklicherweise wurden die Strahlen nicht von den Kristallformationen

abgelenkt und trafen präzise, wohin auch immer

er zielte.

Die schweren, großen Körper der Grez’An absorbierten

fast zwei Schüsse auf maximaler Einstellung, ehe sie stürzten

und selbst dann zogen sie sich noch mit den Stachelarmen vor

und schnappten nach den Gorn. Ihre Hartnäckigkeit zeigte

Spuren: eine tiefe Wunde klaffte an Sturak’s Oberarm. Blut

tränkte seine Uniform. Mit dem Phaser war es längst nicht

mehr getan, die Grez’An gingen unglaublich wild in den Nahkampf

über. Darum hielt er in der andern Hand das Schwert

146


eines toten Soldaten. Zwar waren Vulkanier zum Frieden erzogen,

aber dennoch ging er behände damit um, auch wenn

T’plona sicherlich effektiver gewesen wäre. Doch sie wurde

auf der Starfury gebraucht.

Über ihnen schwebte noch immer Ka’hmal’s Bird of

Prey, der auch weiterhin zu helfen versuchte, das Feuer aber

kaum eröffnen konnte, da die Gegnergruppen zu gemischt waren.

Sie riskierte die eigenen Männer zu treffen.

Sturak richtete seine Ohren auf, während um ihn herum

die Schlacht tobte. Ein zischendes Geräusch zerschnitt die

Luft und ein Stachelarm sauste herab. Sturak konnte zwar im

letzten Moment zur Seite springen, doch nun stand der

Grez’An unmittelbar neben ihm. Das breite Maul der Höllenkreatur

war einer schrecklichen Waffe gleich, weit aufgerissen

und bereit, ihn in Stücke zu zerfetzen.

Sofort setzte das Monstrum mit dem anderen Stachel

nach. Als sie nur knapp an Sturak’s Wange vorbeisauste, warf

er den Kopf zurück, verlor jedoch für den Bruchteil einer Sekunde

das Gleichgewicht. Der Grez’An nutzte seine Chance,

prallte mit voller Wucht gegen Sturak und hob die Stacheln.

Hasserfüllt starrte er in Sturak’s Augen, freudig ihn zu töten

wie ein extrem wildes Tier.

Doch dann hob er plötzlich die Stacheln nach hinten, unter

dem langen Kopfpanzer und geriet dabei ins Straucheln.

Einer der Gorn-Krieger hatte ihm eine schwere Axt in den Nacken

gerammt.

Geistesgegenwärtig wand Sturak sich frei und sprang auf.

Eine Sekunde später sauste sein Schwert durch die Luft und

traf den überraschten Grez’An mit einer solchen Wucht, dass

es Sturak aus der Hand flog. Mit einem Aufschrei stürzte der

Grez’An zurück.

Sturak zögerte nicht einen Moment, hob den Phaser und

desintegrierte das Biest mit ein paar Schüssen endgültig. Sturak

dankte dem Mann, dann blinzelte er erstaunt.

147


Der Kampf war zu ende.

Die gelichteten Reihen der Gorn schlugen auf die letzten

noch lebenden Grez’An ein. Und schließlich standen sie alleine

auf dem weiten Feld vor dem Turm. Von den anfangs Tausenden

Soldaten, waren nur wenige Hundert übrig. Die meisten

bluteten aus allen möglichen Körperöffnungen und waren

über ihren Sieg mindestens ebenso erstaunt wie Sturak selbst.

Er suchte die Truppen nach einem vertrauten Gesicht ab.

Nicht weit entfernt schlug Izilon dem letzten Grez’An den

Schädel ab und kämpfte sich dann aus einem Berg an

Grez’An-Leichen, den er um sich herum „aufgebaut“ hatte.

Auch er sah sich verwirrt um, konnte kaum glauben, dass kein

Kampf mehr im Gange war. Nach einer Zeit der Orientierung,

begannen die Truppen zu jubeln.

Leider war der Jubel nicht von langer Dauer.

Etwas stimmte nicht.

Der Boden vibrierte nochmals. Stärker als zuvor. Immer

stärker. Der Horizont verdunkelte sich erneut, als eine weitere

Armee näherrückte. Weitaus größer als die erste. Weitaus!

Man konnte weder ihr Ende, noch ihre Seiten erkennen. Es

war eine einzige, gigantische Mauer. Millionen um Abermillionen

kampfstarke Grez’An kamen die Ebene entlang, direkt

auf den Turm zu.

Die Gorn hielten den Atem an. In ihren Gesichtern zeigte

sich deutlich, was sie dachten: keine Chance. Nicht einmal annähernd.

Sie hatten gerade mal die Vorhut erledigt. Es war

kein Sieg gewesen, sondern ein krankes Spiel der Grez’An,

das half, um die Truppen zu demoralisieren.

Izilon sah sich nach seinen Männern um. Sie keuchten

schnauften. Die meisten standen vor Schmerzen der Kampfverletzungen

gebückt. Sie wussten, dass sie nicht siegen konnten.

Aber sie hatten einen Befehl, eine Aufgabe: Sie mussten

die Stellung halten. Und das waren sie bereit, bis zum Tode

durchzuführen.

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Sturak wusste was in Izilon vor ging. Um ein Zeichen zu

setzen, umklammerte er wieder sein Schwert und ging in Angriffsstellung.

Der Gorn nickte. Izilon streckte wie zuvor die

geballte Faust zum Himmel, wo das Energiefeld blitzte. Er

stieß einen unglaublich lauten Kampfschrei aus.

Die anderen Gorn taten das gleiche...

149


13.

Die beiden Weltraumarmadas gingen nicht schonender

miteinander um. Auch hier leisteten sich Schiff um Schiff erbitterte

Kämpfe. Heroische, manchmal sogar selbstmörderische

Manöver zeichneten die Schlacht aus. Das angeschlagene

Kommandoschiff der Gorn, der Rumpf hell erleuchtet von lodernden

Bränden und dumpfen Explosionen, startete die Rettungskapseln

der Crew und schleppte sich mit letzter Kraft zur

Berührung mit einem gigantischen Grez’An-Weberschiff, bevor

es auseinanderbrach und seinen Gegner mitriss. Frachtschiffe,

die ihre Torpedos und Waffen aufgrund von zu hohen

Schäden nicht mehr einsetzen konnten, gingen auf Kollisionskurs

und rissen allmählich Löcher in die Reihen der Grez’An.

Die Starfury stürmte inmitten des Schlachtgetümmels mit

enormer Geschwindigkeit dorthin vor, wo alle anderen den

Tod ereilt hätte. Unter Kelly Jones’ Kommando griffen sie die

rechte Flanke an, wo noch keine Gorn kämpften. Nur hier

konnten sie noch ihre mächtigen Waffensysteme einsetzen,

ohne die eigenen Verbündeten zu zerstören. Kaafarani flog

sehr tief an, sodass die Grez’An ihre größeren Geschütze nicht

einsetzen konnten.

„Heckschilde verstärken!“, rief Jones. „Wir müssen auf

der Explosionswelle hinausreiten.“

„Kein Problem, wenn man ein Pferd unterm Sitz hat.“,

murmelte Kaafarani grimmig. Sie fegten im Sturzflug auf die

Zielkoordinaten herab, direkt auf eines der größten Grez’An-

Schiffe zu. Fünfzig Meter von dessen Außenhülle entfernt, riss

Kaafarani die Starfury abrupt hoch, während T’plona die Phaser

abfeuerte. Zuckende Strahlen verbrannten den Rumpf des

150


Grez’An-Kreuzers. Kelly sprang auf und lief durch die Erschütterungen

zu T´plona, wo sie neben der Sicherheitskonsole

stehen blieb. „Bereit?“, fragte sie.

„Bereit, Commander.“

„Feuer!“

Zwei Sprengladungen verließen die Rohre der Starfury,

fauchten trafen direkt in den Kreuzer und entzündeten ein

Flammeninferno.

„Kaafarani!“

Der Pilot reagierte längst. Mit feste zusammengebissenen

Zähnen zog er die Starfury so steil in die Kurve hoch, dass die

Maschinen dröhnten. Hinter ihnen wurde der Kreuzer von einer

Folge immer heftigerer Explosionen geschüttelt, bis die

Sprengladung gänzlich zündete und eine gewaltige Feuerwalze

entfachte. Dieses Waffensystem war mächtig genug kleine

Monde zu sprengen, wenn es richtig eingesetzt wurde. T’plona

hatte es richtig eingesetzt.

Die Starfury raste aus dem Teil der Grez’An-Armada, der

dem Untergang geweiht war, drehte sich dabei mehrmals um

die eigene Achse und wich den kleineren Jägern im Slalom

aus. Damit zerstörten sie etliche Schiffe. Es war aber längst

nicht genug. Noch immer waren die Grez’An weit überlegen.

Die Druckwelle erfasste die Starfury, die wie von einer

Riesenfaust getroffen wurde. Die Brücke war von Rauch erfüllt,

Schreie gellten. T’plonas vulkanische Ohren hörten das

Knirschen und Knacken, als ein Teil der Brückendecke nachgab.

Direkt über Commander Jones!

„Kelly!“

Ohne zu überlegen, sprang T’plona vor und prallte mit aller

Kraft gegen den Commander. Sie stürzten beide zu Boden

und entgingen dem tonnenschweren Deckenträger nur knapp.

Kelly blinzelte überrascht. „Wow. Ein Glück, dass ich Sie habe.“

Teils aus eigenem Willen, teils wegen einer weiteren Er-

151


schütterung, rollte T’plona von ihr runter und half Kelly aufzustehen.

„Nicht mehr lange, Commander. Ich ... habe vor, die

Starfury zu verlassen.“

Nun wurde Kelly einiges klar. Deswegen hatte sich

T’plona also in den vergangenen Tagen so ruhig verhalten und

war ihr eher aus dem Weg gegangen. Es fiel T’plona schwer,

ihr zu sagen, dass sie ging. So tief war die Freundschaft zwischen

ihnen also. Es war schön zu wissen, dass T’plona so

empfand. Kelly blickte ihre Freundin entgeistert an. Weniger

wegen der Worte, sondern wegen dem seltsamen Umständen,

unter denen sie dieses Geständnis machte. Nach ein paar Sekunden

lächelte sie. „Das macht nichts. Wenn wir diesen Tag

überleben, sieht es so aus, als würde ich auch nicht mehr an

Bord bleiben.“ Sie strich mit der Hand über ihren Bauch.

T’plona kombinierte die Geste mit ihrem Unwohlgefühl

von heute Morgen und hob erfreut die Brauen. „Glückwunsch.“

„Danke. Es ist doch egal, wo wir sind, T’plona. Ob wir

uns jeden Tag sehen, oder nicht. Wir werden immer Freundinnen

bleiben.“

„Hey!“, brüllte Kaafarani. Er hatte Schwierigkeiten die

Starfury durch das enorme Gegenfeuer zu steuern. „Ich unterbreche

ihre Privatunterhaltung ja nur ungern, aber uns wird

gerade der Arsch weggeschossen!“

„Nicht solche Kraftausdrücke, Lieutenant.“, tadelte Jones

und ging durch die explodierenden Konsolen zurück zum

Kommandostuhl.

„Oh, verzeihen Sie mir.“, entgegnete Kaafarani sarkastisch.

„Hab wohl heute meine Benimmschule vergessen. Muss

an der schlechten Gesellschaft da draußen liegen.“

„Wie sieht es aus?“

Die Starfury schlingerte.

Alles rüttelte, alles schüttelte sich. Sirenen heulten.

152


„Wir haben dreißig weitere Einheiten verloren. Unsere

Reihen lichten sich.“

„Zeit bis zum Zusammenbruch der Barriere, T’plona?“

Die Vulkanierin hatte keine guten Nachrichten. „Zehn

Minuten.“

In Kelly verkrampfte sich etwas. Es blieb nur noch die

verzweifelte Hoffnung. „Bis sie unser letztes Schiff zerstört

haben, besteht noch immer eine Chance.“ Matt würde nicht

scheitern. Er durfte es einfach nicht.

Sie mussten ihm um jeden Preis mehr Zeit verschaffen.

Auf der Erde hatten große, mächtige Dinosaurier einst

das Land beherrscht. Bis eines Tages – so glaubten viele Wissenschaftler

zumindest – ein Meteor eingeschlagen war und

die Zeit der Echsen ein Ende bereitete. Der Himmel hatte sich

für Jahre verdunkelt, Feuerstürme hatten getobt, ausgelöst

durch eine Kollision, die die Sprengwirkung einer halben

Thalmerit-Ladung besaß. Die Druckwelle hatte gewaltige

Wassermassen aufgetürmt und sie mit Hunderten von Meilen

pro Stunde auf das Festland zugetrieben. Als Captain Bartez

einst davon berichtet hatte, hatte sich Izilon gefragt, wie sich

wohl die Dinosaurier beim Anblick dieser Flutwelle gefühlt

haben mussten. Nun wusste er es.

Die Grez’An stürmten mit ungeheurer Geschwindigkeit

auf seine verbliebenen Männer zu, hatten sie fast erreicht. Izilon

biss die scharfen Zähne zusammen und hielt das Schwert

wie ein Speer nach vorn. Kurz bevor der erste Grez’An davon

aufgespießt wurde, erfasste etwas aus dem Orbit die Gorn-

Truppen. Ein Waffensystem traf sie mit voller Wucht. Es war

kein Waffensystem in dem Sinne. Es war der Strahl eines Projektors.

Ein Angstprojektor. Die Gorn sahen furchtbare Bilder

und in einem Konzert aus Schreien gingen sie alle zu Boden.

153


Dann erreichten die Grez’An ihre Position.

Die Zahl der Opfer stieg.

An Bord der Äskulap versuchte Doktor Roach seine Hände

an seinem Kittel abzuputzen. Er sah aus, als hätte man ihm

mehrere Eimer, gefüllt mit Blut, übergekippt. Grünes, teilweise

vertrocknetes, teilweise frisches Blut klebte an seiner Haut,

in seinen Haaren und in den Fasern seiner Kleidung. Da draußen

fand ein einziges Gemetzel statt. Momentan dockte ein

weiterer Gorn-Kreuzer an und brachte neue Verletzte, nur um

anschließend sofort wieder in den Kampf zu ziehen und auch

noch die gesunde Hälfte der Mannschaft zu zerlegen. Die

Grez’An kannten kein Erbarmen. Sie stückelten die Gorn

schneller auseinander, als Roach und der medizinische Stab

der Äskulap deren Einzelteile wieder ankleben konnten.

Ein einziges Lazarettschiff war einfach zu wenig. Dabei

lag es nicht einmal am Ärztemangel, sondern am schlichten

Platzmangel. Die Äskulap mochte elegant sein, aber sie war

definitiv zu klein. Oder aber einfach nicht für solche Schlachten

ausgerüstet. Aber welcher Raumschiffingenieur

konstruierte schon Schiffe für solche Situationen?

Erschöpft betrat er das Kommandodeck, um den Stab neu

zu strukturieren, die Quartiere als Behandlungsorte freizugeben

und weitere Befehle zu erteilen. Sein erstes Kommando

hatte er sich anders vorgestellt. Dies war sogar das erste

Mal, dass er sich im Kontrollraum des Schiffes einfand.

Haro befand sich bereits dort. Sie wirkte ebenso angeschlagen

wie er. Durch ihre empathischen Kräfte, litt die Betazoidin

mehr als jeder andere. Zwar war sie jahrelang darauf

geschult worden sich abzuschirmen, wenn es sein musste, aber

wenn der Tod, das Grauen und die Verzweiflung so allgegenwärtig

war, dann schaffte sie es nicht völlig. Sie verfolgte

154


wortlos durch den Frontschirm aus sicherer Entfernung den

Verlauf der Schlacht.

Das Chaos herrschte.

Grelle, lautlose Explosionen zuckten in der Ferne. Wilde,

brutale Phaserkämpfe und umherschwirrende Trümmer.

Roach blieb neben Kitol stehen. Sie beobachteten entsetzt, wie

zwei mächtige Gorn-Schiffe zusammenprallten und in einer

gewaltigen Detonation vergingen. Die Flotte unter dem Kommando

der Starfury wurde minütlich dezimiert. Ein Raumschiff

nach dem anderen vernichtet.

„Die Flotte ist verloren.“, befürchtete Haro bitter.

Roach hätte ihr gerne tröstende Worte gespendet, hätte

gerne gesagt, dass alles gut werden würde. Aber das waren nur

leere Phrasen. Er wusste genauso gut wie sie, dass es schlecht

aussah. „Machen wir einfach unsere Arbeit.“

Gerade im Begriff sich abzuwenden, um zurück zu den

Verwundeten zu gehen, erfasste etwas seine Aufmerksamkeit.

Stirnrunzelnd beugte er sich zum Sichtschirm vor. „Was war

denn das?“

„Was war was?“

„Ensign?“ Er tippte die junge Pilotin an. Eine gewisse

Nell Chilton. „Können Sie diesen Bildschirmabschnitt dort

vergrößern? Ja, genau den.“

Chilton bestätigte. Im nächsten Moment zoomte der Bildausschnitt

eines großen Grez’An-Schiffes hinter den Schlachtlinien

heran. Es schwebte knapp über Feodora, von den anderen

Schiffen fast unbemerkt. Und der Kreuzer schoss auf die

Oberfläche! Keine Phaser, keine Torpedos, sondern fast spiralenförmige,

durch den Weltraum wabernde Strahlen.

„Das sind Angstprojektoren.“, wusste Roach. „Wir sind

ihnen erstmals im Taschenuniversum der Grez’an begegnet.

Meine Güte, wo ... wo schießen die hin? Fähnrich?“

„Auf den Standort der Gorn-Truppen.“

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Roach und Kitol rissen die Augen auf. „Izilon und die

anderen können unmöglich kämpfen, wenn sie diesen Agoniestrahlen

ausgesetzt werden. Bemerkt das denn außer uns niemand,

Ensign?“

„Keine Schiffe reagieren, Sir.“

Im Kampfgetümmel schien das völlig unterzugehen. Verständlich,

die angreifenden Schiffe hatten genug damit zu tun

dem feindlichen Feuer auszuweichen, sie konnten nicht noch

alle Teile des Sektors überwachen. Aber auf der Äskulap hatte

man das ganzheitliche Bild.

„Rufen Sie ein beliebiges Schiff der Flotte.“

„Tut mir leid, Sir.“, tippte die junge Pilotin auf ihrer

Konsole herum. „Ich habe es vorhin bereits versucht, wir

kommen nicht durch. Die Grez’An stören die Funkverbindung

erheblich. Und an Bord befindet sich niemand, der das kompensieren

kann.“

Roach brummte. Jetzt hätte er Chief Brady gut gebrauchen

können. Chilton fuhr fort: „Wir können nur empfangen,

aber nicht senden, Sir.“

„Informieren Sie den Captain des Gorn-Kreuzers an unserer

Schleuse.“

„Das Schiff ist eben abgedockt.“

Roach begriff mit ohnmächtigen Entsetzen, dass ihre

Freunde dort unten starben, weil sie niemanden erreichten.

Weil sie tatenlos zu sehen mussten. Mussten? Haro erahnte

seine Gedanken, noch bevor er sie zu ende gedacht hatte.

„Was haben Sie vor, Doktor?“

Ehrfürchtig drehte sich Roach zum Kommandostuhl in

der Mitte der Brücke. Er rief seinen Namen. „Die anderen

brauchen uns!“, meinte er entschieden.

Seine Assistentin schüttelte den Kopf. Mehr aus Angst,

als aus Abneigung. Sie las seine Gedanken ... und stimmte den

Plan zu.

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„Ja.“, sagte sie nur. Als wäre es ein wildes Tier, dass

nach ihm schnappen könnte, näherte sich Roach äußerst vorsichtig

dem Kommandosessel. Demütig glitt er in das Polster

hinein. Tat er das richtige? Auf einmal spürte er die Verantwortung

über die Crew auf seinen Schultern und wusste, wie

sich Bartez stets fühlte. Warum es ihm so wichtig war, dass

Roach ein guter Mediziner war, der seine Besatzung pflegte.

War Roach auch ein genauso guter Captain? Es würde sich

zeigen.

„Achtung.“, hallte seine Stimme, als er mit einer Taste an

der Armlehne einen Schiffsweiten Kanal öffnete. „Hier spricht

der Captain. Alle Mann auf Kampfstation.“ Er schob das Kinn

vor. „Wir greifen in die Schlacht ein!“

„Gudart!“ Spiegel-Bartez kniff die Augenbrauen zusammen.

Er fixierte den Matherianer, der an der Spitze der ersten

Plattform kniete und zu diesem seltsamen Ding im Planeteninnern

betete. „Stirbt der denn nie?“

„Nein.“, meinte Bartez lapidar. Die Frage hatte er sich

selbst oft genug gestellt. „Er gehört dir.“ Sein eigener Fokus

lag eher auf den Anführer des Kultes: Zetra. Nova’s Vater. Er

nahm mit Gudart die Führungsspitze der Rontarianer auf der

ersten, kleineren Plattform ein und stimmte den unheimlichen

Beschwörungsgesang an.

„Mit Vergnügen.“, sagte Spiegel-Bartez. „Da sind noch

einige Rechnungen, die offen stehen.“

Bartez zog sein Pendant aus dem Paralleluniversum zurück

in den Tunnel, wo auch die anderen im Schatten verborgen

kauerten. Er lies sich auf den kalten Boden nieder und

lehnte an die kristalline Wand. „Dort unten ist nichts. Keine

Energiequelle, keine Kontrollkonsole. Nur die betende, rontarianische

Sekte, angeführt von einem Mann namens Zetra. Ich

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denke er ist unser letztes Ziel. Vielleicht liegt es an seiner ...

seiner Anbetungsformel. Den Schriften, die er dort vorliest.

Womöglich bewirkt das den Zusammenbruch der Barriere.“

Zard schien damit nicht ganz einverstanden zu sein. „Hat

Xardes nicht gesagt, dass wir eine Energie freisetzen müssen?“

„Damit könnte er alles mögliche meinen. Die Tkon drücken

sich nicht gerade präzise aus.“

„Tja, wenn das so ist, Captain...“, hob Joroot seine

Kampflanze. „Warum verstecken wir uns dann noch?“

Spiegel-Bartez verzog das Gesicht, als habe er ranzige

Milch getrunken. „Sind aber ganz schön viele, denen wir uns

entgegenstellen müssen.“

„Es gibt immer einen Haken.“, grinste Bartez milde. Außerdem

mussten sie nur gegen Gudart und Rontarianer auf der

ersten Plattform antreten. Das waren nicht so viele. Er holte

sein Schwert und trat aus den Tunnel raus, auf die oberste Stufe

der Treppe zur ersten Plattform hinunter. Die Rontarianer

bemerkten sie noch immer nicht, hatten ihnen noch immer den

Rücken gekehrt und beteten.

Bartez straffte seine Gestalt und hielt einen Moment inne.

Eine merkwürdige Gelassenheit überkam ihn. Seine Gefährten

traten zu beiden Seiten an seine Flanke. Weit unter ihnen bewegte

sich Bilika.

Sie war fast aus dem Riss befreit.

Am Rande des Systems, das von gellenden Explosionen

erschüttert wurde, ging ein Sternenflottenschiff unter Warp.

Admiral Kathryn Janeway trat auf dem Kommandodeck vor

und blickte zum Wandschirm, beobachtete die Schlacht. Der

rote Alarm zauberte düstere Schatten auf ihr Gesicht. Es

herrschte große Anspannung auf der Brücke. Doch die Offi-

158


ziere zeigten keine Furcht. Chakotay, Seven, Paris, Kim, Tuvok,

Torres, Der Doktor – Entschlossenheit verband sie miteinander,

machte sie jung und stark.

„Es sieht nicht gut aus.“, las Chakotay vom Mittelpult ab.

Die Gorn-Flotte war arg dezimiert. Zwar hatten auch die

Grez’An enorme Verluste erlitten, aber sie waren noch immer

in der Oberhand. „Wenn wir vielleicht eher gekommen wären...“

„Besser spät als nie.“ Janeway sank in ihren Stuhl und

bekam den Löwenblick. Sie sagte: „Panzerung aktivieren. Wir

greifen ein!“

Unbemerkt vom allgemeinen Schlachtgetümmel, bewegte

sich die kleine Äskulap mit maximalen Impuls durch die

Trümmer und aufeinanderfeuernden Schiffe, direkt auf den

Angstprojektorkreuzer zu. Gregory Roach krallte auf der Brücke

seine Finger in die Armlehnen des Kommandostuhls und

lehnte sich vor, als könne er die Äskulap durch pure Willenskraft

beschleunigen.

„Feuerbereit machen!“

Die Torpedoluken klappten auf und gaben die Torpedos

frei. Noch während sie darin steckten, wurde ihr Kurs berechnet.

Roach nickte langsam. „Das wollte ich schon immer mal

sagen: Feuer!“

Zwei Torpedos jagten davon. Alle auf der Brücke folgten

ihrer Bahn auf dem Schirm. „Jetzt heißt es Daumen drücken.

Na los, Baby.“, stieß Roach hervor. Die Torpedos stießen auf.

Eine gewaltige Explosion riss ein tiefes Loch in die Flanke des

Angstprojektorschiffes.

Im Kontrollraum brach ohrenbetäubender Jubel aus.

Roach konnte es kaum fassen und sprang vor lauter Freude in

die Luft. Doch als die Explosion im Vakuum erstickte, wurde

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es wieder ruhig. Obwohl sein Äußeres in Mitleidenschaft gezogen

worden war, hatte das Schiff keinen nennenswerten

Schaden erlitten. Einen kurzen Moment lang hatte es so ausgesehen,

als würde Roach triumphieren, als könne er mit den

winzigen Geschützen der Äskulap dem Schiff so lange kleine

Nadelstiche versetzen, bis es abstürzte. Doch dem war nicht

so. Ihre Feuerkraft war einfach zu gering. Ihnen würde die

Munition ausgehen, bevor das Projektorschiff auch nur anfing

zu qualmen.

„Wir können Sie nicht zerstören.“, sagte Haro enttäuscht.

Damit stimmte Roach überein, aber sie mussten etwas

unternehmen, sonst waren die Truppen auf der Oberfläche

dem Untergang geweiht.

„Sie richten ihre Waffen auf uns!“, rief Haro panisch.

„Ausweichmanöver!“

„Wir sind zu nah dran.“, kreischte die Pilotin.

Roach sah, wie sich ein Teil des Projektors auf sie richtete.

Er bereitete sich auf die schlimmsten Bilder, die größten

Qualen vor, als das Projektorschiff plötzlich von zwei Torpedos

getroffen wurde und einfach zerplatzte. Die USS Voyager

fauchte waffenstarr und gut gepanzert durch die Explosionsund

Trümmerwolke hindurch und wirbelte um die eigene

Achse.

„So macht man das.“, drang die zufriedene Stimme von

Admiral Janeway durch die Kommunikationskanäle. „Gute

Arbeit, Äskulap.“

Roach ballte die Faust. Sie hatten wenigstens deren Aufmerksamkeit

auf sich gezogen und es so geschafft. Er sah zu

Haro, die erleichtert ausatmete. Er begegnete ihr mit einem

Ich-habe-es-einfach-drauf Blick.

Dann wurde die Äskulap von Waffenfeuer geschüttelt.

160


Matt Bartez musterte seine Begleiter und richtete dann

seinen Blick auf die Plattform und das planetengroße Wesen,

das sich darunter bewegte. Er sagte: „Tja, ich schätze wir können

nichts mehr machen, außer Zetra’s Beschwörung zu stoppen,

bevor Bilika gänzlich in unser Universum kommt und

Schweinereien mit uns anstellt.“

Die anderen, die noch immer glotzten, nickten. Bis auf

Spiegel-Bartez. „Schön euch kennen gelernt zu haben, Mann.“

Er schüttelte jedem einzelnen die Hand und grinste

schief. „Man sieht sich in Valhalla.“

„Dann wollen wir mal.“, sagte Bartez. Es wurde Zeit zu

leben. Oder zu sterben. Oder für beides. Nebeneinander traten

die Auserwählten die Treppe hinunter, Bartez in der Mitte. Er

räusperte sich und rief laut: „Hallo, Freunde!“

Der Gesang verstummte.

Verwirrt blickten sich die Templer nach der Quelle des

Störenfriedes um. Auch Zetra und Gudart drehten sich zu der

breiten Treppe hinter ihnen, wo sechs merkwürdige Gestalten

herabtraten.

„Hier läuft eine Party und wir sind nicht eingeladen?“

Spiegel-Bartez beugte sich zu seinem Ebenbild und flüsterte:

„Als ob das für dich etwas neues wäre.“ Und dann

fixierte sich sein Blick auf Gudart. Der sah zwischen den

beiden gleichen Personen hin und her, seine Mine verfinsterte

sich. „Bartez.“, knurrte Gudart sauer. Seine Fühler zuckten.

Im nächsten Moment deutete er mit ausgestreckter Hand

auf die Eindringlinge und schrie etwas auf rontarianisch, das

sich anhörte wie: „Schnappt sie!“

Die Templer zogen ihre Schwerter.

Bartez und seine zahlenmäßig unterlegenen Gefährten

ebenso. Sie waren bereit, den Kampf aufzunehmen.

„Haltet Sie mir vom Leib, Jungs.“, sagte Bartez.

Joroot hielt seinen Kampfstab hoch. „Gentleman? Räumen

wir die Straße frei!“ Er gab einen einschüchternden

161


Kampfschrei von sich – den Kampfschrei eines Falken - und

dann rannten sie los, alle zusammen.

Die Templer auf der ersten Plattform ebenso.

Sie fielen von allen Seiten auf die sieben ein. Joroot und

Zard brachen gemeinsam vor, schlugen eine Schneise durch

die Reihen der Rontarianer, in dem sie mit ihren gezackten

Kampfstäben wütend auf sie einhieben. Blut schoss hoch.

Schreie gellten. Weitere Templer stürmten auf sie zu. Ihr Vorankommen

stockte, sie wurden gebremst.

Dann übernahm Pixur.

Er begnügte sich gar nicht erst damit, sich mit den Templern

anzulegen, sondern zog das Visier seines Helmes herunter

und stürmte los, direkt auf Zetra zu. Schwerter sausten nieder

und prallten von seiner mächtigen Uniform ab. Als die Rontarianer

begriffen, dass ihre Waffen wirkungslos gegen Pixur’s

schwere Rüstung waren, sprangen sie so auf ihn zu und griffen

mit bloßen Händen an. Die Massen die gegen ihn schwappten,

stoppten auch Pixur.

Nun waren noch Keka und die beiden Bartez’ übrig. Die

Wespenfrau sah sich um. Umzingelt! Templer kamen von allen

Seiten auf sie zugestürmt. Hinter dieser letzten Angriffswelle

befanden sich Zetra und Gudart und beobachteten das

Geschehen. Dort musste der Auserwählte hin! Keka holte tief

Luft und versuchte all ihre Kräfte zu mobilisieren. Sie nahm

ihre beiden Begleiter an den Handgelenken und sprang in die

Luft, wo sie ihre Flügel aufspannte. Obwohl sie um einiges

leichter und sehr viel kleiner als die beiden Menschen war, gelang

es der Xindi-Insektoidin irgendwie die beiden über die

anrückenden Gegnerhorden hinweg zu hieven, mehr strauchelnd

als fliegend. Aber es genügte.

Die Templer rannten ins leere, kamen strauchelnd zum

Stillstand und wirbelten herum. Keka konnte Bartez und Spiegel-Bartez

nicht mehr länger halten und lies sie einen Meter

über dem Boden los. Beide rollten sich mehr oder weniger Ge-

162


schickt ab, während Keka’s letzte Kraftreserven aufgebraucht

waren und sie einfach, wie eine angeschlagene Biene, zu Boden

stürzte.

Spiegel-Bartez kam wieder auf die Beine. Er sah auf...

...und erstarrte.

Neben Zetra standen Grez’An und drehten sich in diesem

Moment zu den Eindringlingen um. In der nächsten Sekunde

stürzten die Biester auf sie zu. Nein, nicht tauf sie zu, wie er

korrigieren musste. Auf den anderen Bartez.

Spiegel-Bartez war dies egal, er hatte ohnehin nur eines

vor Augen: Die Rache an Gudart. Ein Leben lang hatten sich

die beiden Männer gejagt, dem jeweils anderen mehr Schmerz

und Leid zugefügt, als man sich überhaupt vorstellen konnte

und obwohl dies hier nicht sein Gudart war, so explodierte

doch die Summe der Wut und des Hasses in Spiegel-Bartez.

Brüllend rammte er den alten Matherianer mit voller

Wucht. Sie stürzten in einem Wirrwarr aus Gliedmaßen über

den Rand der Plattform und purzelten die Treppe zu der zweiten,

größeren Plattform hinunter, wo die restlichen Rontarianer

weit unter ihnen noch immer ahnungslos beteten. Sie bekamen

von dem Kampf hinter und über ihnen nichts mit.

Noch nicht.

Matt Bartez wusste gar nicht, wo er zuerst hinsehen sollte.

Es war das reinste Chaos! Alle kämpften an unterschiedlichen

Fronten. Alle kämpften, weil er sie hergeführt hatte. Bartez

wollte Keka beistehen, sie war zusammengebrochen. Doch

er kam gar nicht erst dazu, sich in Bewegung zu setzen, denn

im nächsten Moment sprang Jemand auf ihn zu und landete

direkt hinter ihm. Bartez wirbelte herum, sah an der eindrucksvollen

Gestalt hoch ... und höher ... und noch höher. Er

hatte den Kopf in den Nacken gelegt, als er das Maul des

163


Grez’An Avatars erblickte, der ihn von oben herab anstierte,

sabbernd und knurrend. Die Avatare waren eine andere Blutlinie

der Grez’An, denn es gab in dieser Spezies verschiedene

Exemplare. Die kleinen Parasiten, die problemlos in eine

Hand passten, durch Münder eindrangen und dann um das Rückenmark

wickelten, um die Körper ihrer Opfer zu kontrollieren.

Dann gab es natürlich die gefährlichen Soldaten auf den

Schlangenkörpern und eben die Avatare, die deutlich humanoider

aussahen und die sich durch eine viel größere Intelligenz

auszeichneten. Das waren die wirklichen Killer der

Grez’An! Kräftig und schlau.

Vor seinem inneren Auge sah Bartez bereits, wie er von

dem Avatar gepackt und problemlos über den Rand der Plattform

in die Tiefe gestoßen wurde. Oder wie er mit seinen

Klauen die Luft zerschnitt und Bartez in viele kleine, handliche

Portionen zerteilte. Oder aber, wie der ihm Avatar einfach

mit seinem gewaltigen Schädel eine Kopfnuss verpasste und

ihm auf dieser Art und Weise das Genick brach.

Aber nichts dergleichen geschah.

Und dann glotzte Bartez erstaunt.

Der Avatar transformierte sich blitzschnell und direkt vor

seinen Augen in seine Menschengestalt. Die Verwandlung

ging so enorm schnell und mühelos, dass Bartez mindestens

zwei, oder drei Sekunden brauchte, ehe er begriff, dass dort

vor ihm nun eine Person stand. Ein älterer Mann, in den vierzigern

– vielleicht auch älter -, der sich trotz des leichten Bartes

in seinem Gesicht und den Haaren, die an den Schläfen zu

ergrauen begannen, etwas jungenhaftes bewahrt hatte. Und

Bartez kannte diesen Mann!

Tobias LaConte atmete aufgeregt, als er vor Matt Bartez

stand. „Ich dachte schon, Sie würden gar nicht mehr aufkreuzen.“,

sagte er. „Was sollen wir tun?“

Bartez konnte seine Erleichterung kaum zum Ausdruck

bringen. „Helfen Sie Keka und halten Sie mir diese Mistkerle

164


vom Hals!“ Der blinde Astrophysiker LaConte, der in Symbiose

mit dem einzig friedfertigen Grez’An den es jemals gegeben

hatte lebte, transformierte sich wieder in die furchterregende

Avatar-Gestalt und nahm mit seinen übermenschlichen

Kräften den Kampf auf, um Bartez zu schützen. Ohne zu zögern.

Ohne viele Worte zu wechseln. Er stand einfach auf der

Seite der Guten. Das war der achte. Der Achte von Neun.

Matt Bartez drehte sich entschlossen und mit dem

Schwert in der Hand um. Noch wenige Meter bis Zetra. Der

Anführer des Kultes sah sich hilfesuchend um. Drei Templer

eilten ihm zur Unterstützung herbei. Bartez lies sich nicht aufhalten

- er war wütend!

Seine Klinge sauste nieder und schnitt dem ersten Gegner

eine tiefe Wunde ins Bein. Er jaulte, knickte ein stürzte. Dem

zweiten rammte er die blanke Faust ins Gesicht. Der Templer

taumelte und stolperte über seinen verletzten Kumpanen, wobei

ihm das Schwert aus der Hand fiel und durch die Luft segelte.

Bartez fing es gekonnt auf, wobei er sich an der scharfen

Klinge die Handfläche aufschnitt. Ein explodierender Schmerz

erfolgte hinter seiner Stirn, aber er unterdrückte ihn, denn dafür

war nun keine Zeit. Ohne zu überlegen, schleuderte Bartez

das Schwert zum dritten Rontarianer. Krachend durchstieß es

die Rüstung des Templers und bohrte sich in seinen Brustkorb.

Die hochgewachsene Gestalt keuchte und sackte zusammen.

Bartez sah sich um

Die anderen Templer wurden alle von seinen Mitstreitern

beschäftigt. Pixur, Zard, LaConte ... sie alle beschäftigten die

anstürmenden Gegnermassen, um Bartez das tun zu lassen,

was er tun musste. Und Bartez war entschlossener dazu denn

je. Er ballte die Fäuste.

Zetra war allein. Seine Augen durchbohrten den Captain.

Aber Bartez hielt ihnen stand und starrte zurück. Er spürte,

wie wahnsinnige Wellen von Hass von diesem Mann über ihn

hinfluteten. Er war entschlossen, sich anders als der arme No-

165


va, der immer unter seinem Vater hatte leiden müssen, nicht

von diesem Blick fertig machen zu lassen. Zetra sollte im

Kampf der Willenskräfte nicht Sieger bleiben. Mit jedem anderen

konnte er das machen, aber nicht mit Matt Bartez dem

Captain. Dem Überlebenskünstler.

Dem baldigen Vater.

Und dann spürte er plötzlich wieder das Aufstellen der

Nackenhaare. Das altvertraute Warnsignal. Sofort wusste er,

was es war. Zetra hatte versucht ihn abzulenken, während einer

der Templer behände wie eine Spinne herübersprang. Bartez

schnellte zurück und entging der niedersausenden Klinge

dieses geschickten Kämpfers nur knapp. Der letzte Widerstand,

den er besiegen musste.

Bartez umschloss sein Schwert.

Der Templer war nun zwischen ihm und Zetra, entschlossen

den Mann hinter sich zu verteidigen. Er bäumte sich auf,

wobei sein Gesicht sichtbar wurde.

Bartez riss die Augen auf. Nova.

Es war Nova!

Sein ehemaliger erster Offizier bleckte im Wahn die Zähne.

„Unterwerfe dich der Legion, oder du wirst als unwürdiger

vom Antlitz der Galaxie hinweggefegt!“

Er hatte die Seiten gewechselt. Innerlich schnappte Bartez

nach Luft. Sein alter Freund hatte die Seiten gewechselt.

War er es sogar gewesen, der die Rontarianer hierher geführt

hatte? Hatte Nova einfach so alles vergessen, was gewesen

war? Kelly? Die Starfury? Bartez? Ja, sie waren schon immer

unterschiedlicher Ansichten gewesen. Rivalen in etlichen

Glaubenskonfrontationen und Diskussionen. Aber dennoch

hatten sie sich zu jeder Zeit aufeinander verlassen können. Sie

waren wie ... Brüder gewesen.

Nun waren sie Feinde. Krieger des Glaubens. Nova hatte

sie im Stich gelassen und an den Feind verraten. Ein elender

Verräter!

166


Und dies erzürnte Bartez mehr als alles andere. Nova hatte

sie im Stich gelassen! In blinder Wut schrie Bartez auf, hob

sein Schwert und beide sprangen aufeinander zu.

167


14.

Sturak’s rechter Arm war inzwischen Taub und behinderte

ihn im Kampf. Zusammen mit den letzten verbliebenen

Gorn leistete er dennoch unerbittlichen Widerstand, versuchte

die Stellung um den Turm so lange wie möglich zu halten.

Doch die Kraft hatte ihn längst verlassen. Seine Bewegungen

wurden langsamer, die Reaktionszeit lies nach. Und irgendwie

verlor sich alles in der Belanglosigkeit der bevorstehenden

Niederlage, verursacht durch die noch immer nachhallenden

Auswirkungen, der demoralisierenden Angststrahlen.

Er war auf dem Rückzug, feuerte mit dem Phaser in der

noch intakten Hand auf die Grez’An. Inzwischen mussten es

Hunderte sein, die er im Laufe des Kampfes erschossen hatte.

Wenn nicht sogar Tausende. Um irgendetwas zu bewegen,

waren aber noch sehr viel mehr nötig. Es hatte einfach keinen

Zweck, sie konnten die Stellung nicht halten. Ein paar Meter

vor sich, hörte Sturak das unbändige Brüllen eines Gorn, der

noch immer stand und einfach nicht bereit war zu weichen. Im

Gegenteil, er machte weitere Schritte auf die Grez’An zu, die

Reihum seine Leute töteten.

Izilon schwang seine Hiebwaffe, schlug mit viel

Schwung gleich zweien Grez’An den Kopf ein, obwohl er

hinkte und blutete. Dem nächstbesten Gegner – er hatte genug

zur Auswahl – hieb er die blanke Faust gegen den Kiefer. Beides

brach. Aber auch das hielt ihn nicht auf. Als wäre es nicht

seine eigene Hand, die gerade gebrochen waren, nahm er die

Information auf und lies die Hand einfach sinken. Vor Erschöpfung

taumelte er nach vorn, wobei er in der Bewegung

168


einem anstürmenden Grez’An das Schwert tief in den Rachen

rammte. Auch seine Kraft war verbraucht, die Energiereserven

leer. Izilon, der mächtige Kriegsherr sank auf die Knie und ergab

sich seinem Schicksal.

„Nein!“

Sturak wusste nicht, ob er den Schrei tatsächlich gerufen,

oder nur gedacht hatte. Er fand die Motorik seiner Gliedmaßen

wieder und wollte zu Izilon laufen, aber zu viele Gegner befanden

sich zwischen ihnen. Er feuerte Phaserstrahlen ab, versuchte

die Grez’An zurückzudrängen, doch sie hatten ihr Opfer

längst gefunden. Hatten den Geruch seines Todes wahrgenommen.

Dadurch, dass Sturak einen nach dem anderen im

herbeieilen desintegrierte, ließen sie sich nicht aufhalten. Egal

ob er sie tötete oder nicht, zuvor würden sie ihr Opfer eliminieren.

Hinter der einknickenden Gestalt des Gorns, kreischte

ein sabbernder Grez’An auf. Sein rechter Stachel sauste herab.

Izilon wurde aufgespießt.

Er gab kein Geräusch von sich, als der Stachel in den Rücken

stieß, Knochen und innere Organe zerfetzte und zur

Brust wieder hervortrat. Der Gorn keuchte lediglich. Spuckte

Blut. Dann erschlaffte sein Körper vollends. Sturak schaute

entsetzt zu, fasste sich wieder und rannte weiter. „Der Kriegsherr!

Der Kriegsherr!“, rief er immer wieder. Dadurch erlangte

er die Aufmerksamkeit der letzten noch kämpfenden Gorn in

seiner unmittelbaren Nähe. Als sie mitbekamen, was geschehen

war, erhielten sie vor lauter Zorn einen mächtigen Energieschub

und eilten zu Hilfe. Irgendwie gelang es ihnen, die

Grez’An für einen Moment zurückzudrängen, sodass sich Sturak

um Izilon kümmern konnte. Er tippte auf seinen Kommunikator

und blickte zu Ka’hmal’ Bird of Prey hoch.

„Wir evakuieren, es hat keinen Zweck mehr.“

Die Zeit war ohnehin fast abgelaufen. Bartez schien gescheitert

zu sein. „Wir haben verletzte.“ Seine Augen wurden

169


feucht, als er sich über Izilon beugte. Der Gorn rührte sich

nicht mehr.

Es ging zuende.

Hoch oben im Orbit hatte der Kampf nachgelassen. Zwar

feuerten sie weiter, aber dennoch- innerlich hatten die Kämpfer

kapituliert. Noch zwei Minuten bis zum Tagesende und

Zusammenbruch der Barriere. Sie befanden sich auf dem

Rückzug. Kelly Jones hatte den Befehl gegeben.

Auf der Starfury herrschte Verzweiflung.

Die Explosionen und Erschütterungen rings um das

Schiff herum nahm niemand mehr war. Von Bartez fehlte ein

Lebenszeichen. Er schien gescheitert. Kelly wollte die Hoffnung

und den Glauben an ihn nicht verlieren. Sie wollte es

einfach nicht, weigerte sich. Ihre Hände zitterten, als sie in

Tränen ausbrach. T’plona trat vom Waffenschaltpult weg. Auf

die paar Torpedos mehr oder weniger kam es nun auch nicht

mehr an. Sie umarmte Jones und versuchte ihr so kurz vor

dem Ende Trost zu spenden.

Überall in der Flotte war es nicht anders.

Im Maschinenraum ignorierte Kevin Brady die zahlreichen

Funkenregen und nahm seine Ehefrau in den Arm. Ahmad

Kaafarani und Kell Perim hielten sich an der Navigationskonsole

die Hände, genau wie Doktor Roach und Haro es

auf der Äskulap taten. Captain Marcus Refelian stieß auf der

Incursion ein Gebet seiner Vorfahren aus. Die Crew der Voyager

tauschte letzte Blicke.

Nie war das Ende so nah, die Verzweiflung so groß und

die Freundschaft so eng gewesen.

Noch eine Minute.

170


Wie im Reflex sah Spiegel-Bartez rot. Er schoss geradezu

vorwärts, sein Zorn war wie ein mächtiger Adrenalinstoß. Alle

Wut, die Angst und der Hass fokussierte er auf Gudart. Die

beiden Kontrahenten purzelten auf eine breite Mittelstufe und

hieben sich gegenseitig die Fäuste in die Körper. Der alte Admiral

hatte dem sehr viel jüngeren Spiegel-Bartez nichts entgegenzusetzen.

Durch die harten Umstände des Paralleluniversums,

war sein Gegner überaus Kampfstark. Er trieb Gudart

mit seinen Hieben erbarmungslos bis zum Rand der Treppe.

Dahinter klaffte die Tiefe.

Gudart versuchte sich zu wehren, mit Schlägen und Tritten,

aber es war zwecklos. Seine Hacken befanden sich bereits

in der Luft. Er sah nach unten. In kilometerweiter Tiefe bewegte

sich die Schöpferin – Bilika. Gegenpol-Bartez packte

Gudart am Hals und begann ihn zu würgen. Zusätzlich schob

er ihn über die Klippe.

„Das ... können Sie ... nicht tun!“, röchelte Gudart. Er

hatte keine Ahnung, den falschen Bartez vor sich zu haben,

glaubte gegen den Jungen zu kämpfen, der immer wieder seine

Pläne durchkreuzt, immer wieder gegen die Grez’An gekämpft

hatte.

Der falsche Bartez fletschte die Zähne. „Wieso nicht?

Nach allem, was Sie mir angetan haben?“

„Weil Sie schwach sind, Matt! Sie konnten mich auf dem

Siedlungsplaneten nicht töten. Und jetzt können Sie es ebenso

wenig. Sie würden ihre Finger mit Blut beflecken und genauso

zu den Monstern werden, die Sie stets zu bekämpfen versuchen.“,

versuchte Gudart sein krankes Psychospiel.

Bartez grinste und lies ihn weiterreden. Dabei tat er so,

als würde er tatsächlich Zweifel bekommen den Ex-Admiral

herabzustoßen.

„Sie gehören zu den Guten!“, fuhr Gudart fort. „Töten

Sie mich - dann töten Sie sich selbst. Ihren Charakter.“

171


Bartez zog den fanatischen Mann zu sich. „Kling gut, a-

ber ... ihre Weisheit hat einen Fehler.“

„Welchen?“

„Ich bin nicht ihr Bartez. Ich bin sein Gegenstück aus

dem Paralleluniversum. Und in meiner Welt ... bin ich das beharrliche

Monster.“

Gudart riss die Augen auf.

Ein letztes Mal schlug Bartez zu. So heftig, dass Gudart

über die Klippe geschleudert wurde. Er ruderte mit den Armen,

ein Schrei gellte auf, während er tiefer und tiefer fiel, bis

er außer Sicht war. Das Ende eines tragischen Mannes, der eine

Entwicklung vom aufrechten Sternenflottenoffizier zum

wahnsinnigen Fanatiker durchgemacht hatte. Wegen seiner

Ehefrau, die ihn einst verlassen hatte, wegen seiner Kinder,

die bei einem Unfall gestorben waren und wegen der Berührung

mit der Grez’An-Dimension, die ihn endgültig in den

Wahnsinn getrieben hatte. Danach war er immer wieder aufgetaucht.

Wie ein Steh-auf-Männchen.

Diesmal blieb er tot.

Wie im Reflex sah Matt Bartez rot. Er schoss geradezu

vorwärts, sein Zorn war wie ein mächtiger Adrenalinstoß. Alle

Wut, die Angst und der Hass fokussierte er auf Nova, ohne dafür

einen wirklich triftigen Grund zu haben. Es war die Wut

versagt zu haben, die Angst die Grez’An nicht besiegen zu

können - gerade jetzt, wo er und Kelly sich endlich eine Familie

aufbauen wollten. Für all diese Gefühle braucht er ein Ventil,

für alles, was er in den letzten Jahren aufgrund der Prophezeiung

hatte durchmachen müssen. Ihm war soviel abverlangt

worden. So unglaublich viel! Er hatte gelitten und nun klomm

all die Verzweiflung und unterdrückten Empfindungen in ihm

auf, entluden sich in den Schwerthieben.

172


Nova erging es nicht anders.

Auch seine aufgestaute Aggression entlud sich. Die stete

Gehirnwäsche seines Vaters, nach der Bartez ein Ungläubiger

– vielleicht sogar der ungläubigste von allen – war, zeigte

Wirkung und machte aus ihm ein wildes Tier. Ihre Schwerter

lösten sich, sie traten beide einen Schritt zurück. Während

Matt’s Begleiter noch immer gegen die Templer antraten und

standhielten, sah Zetra zu, wie sich sein Sohn schlug.

Nova spürte die Blicke seines Vaters auf sich.

Er wollte ihn nicht enttäuschen. Hier und heute würde er

sich als würdiger Sohn beweisen! Als Mitglied seiner Welt.

Ohne Vorwarnung lies Nova seine Klinge niedersausen. Als

Bartez parieren wollte, täuschte Nova geschickt und stieß von

unten zu. Auch Bartez parierte erneut und lies seine Waffe

vom Anprall gegen Nova’s Kehle zuckten, aber der erwiderte

den Nachstoß. Blitzschnell hieb Bartez ihm seine Faust ans

Kinn. Nova taumelte zurück. Die ersten Stöße waren also ausgetauscht

– ohne Verletzungen.

Wieder umkreisten sie sich.

„Bring es zu Ende, Nova!“, verlangte sein Vater.

Plötzlich erbebte der Planet. Die Plattform geriet ins

Schwanken. Ein paar der Tausenden Rontarianer unter ihnen,

sahen hinter sich, sahen wie Bartez und Nova am Treppenabsatz

hoch über ihnen kämpften. Und unter ihnen wand sich die

Lebensform aus dem Riss. Sie hatte es beinahe geschafft, nur

noch ein kleines Stück fehlte.

Wenn sie erst draußen war ... dann würde sie auch bestimmt

ihr Nest, den Planeten abstreifen. Und auf einmal

dachte Bartez wieder an seine Mission. Wie viel Zeit blieb

noch bis zum Zusammenbruch der Barriere? Minuten? Sekunden?

Ihm war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen. Er

dachte an Kelly ... an Xardes und dessen Worte.

Vergebe, vergesse, verzeihe.

173


Unvermittelt stürmte Nova in nie gekannter Wildheit auf

den Kommandanten. Die beiden kämpften verbissen. Funken

sprühten, als ihre Schwerter in einem bestimmten Winkel aufeinander

prallten. Der Vorteil lag auf Nova’s Seite, er war mit

dem Schwert wesentlich geschickter. Stoß um Stoß trieb er

seinen Gegner vor sich her, wurde mit jedem Schlag nur noch

wilder. Bartez ging mit einem Bein auf die Knie und stieß Nova

erneut die Faust ins Gesicht, um Platz zu gewinnen.

Vergebe, vergesse, verzeihe.

Und auf einmal kam ihm ein Gedanke.

Aber sollte das stimmen? Er hatte nur eine Möglichkeit

es herauszufinden. Wenn er scheiterte- nein! Es war zu spät

für weitere Optionen. Entweder war seine Vermutung richtig,

oder hier und jetzt ging die Welt unter. Er traf die Entscheidung,

für die die letzten fünf Jahre Vorbereitung gewesen waren.

Er hatte verstanden.

Matt Bartez warf sein Schwert in dem Moment weg, als

Nova zum finalen Schlag ansetzte. „Ich werde Vater.“, stieß er

noch hervor, schloss die Augen und verzog das Gesicht zu einer

Grimasse, den alles beendenden Schwerthieb erwartend.

Er kam nicht.

Nova stoppte mitten in der Bewegung, stand mit hoch erhobenem

Schwert über ihm und blinzelte, als sei er aus einem

bösen Traum erwacht. „W-was?“

„Kelly ist schwanger.“

Völlig außer Puste sah Bartez auf. Er trat sein Schwert

fort, schüttelte den Kopf und erhob sich langsam. „Ich will das

hier nicht mehr. Ich bin es leid zu kämpfen. Bin die Raumschlachten

leid, die Leute die um mich herum sterben. Ich will

nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Alles was ich möchte ist, eine

Familie gründen und in Frieden leben. Nein, ich werde

nicht mehr kämpfen. Nie mehr.“ Er atmete tief ein. „Wenn du

mich erledigen willst, dann tu es jetzt.“

174


Noch immer stand Nova reglos da und sah Bartez an, als

wäre er ein Gespenst. Ein Schatten einer unterdrückten Vergangenheit.

Langsam erinnerte er sich wieder. Die Zeit an

Bord der Starfury. Ja richtig, er hatte auf diesem Schiff gedient!

Wie hatte er das vergessen können? Es war nur ein paar

Monate her, aber sie erschienen ihm wie Jahrzehnte. Das letzte

woran er sich konkret erinnerte, war, wie er auf Rontar den

neuentstandenen Kult enthüllte, von seinem Vater gefangengenommen

wurde und sich ihm unter Tränen anschloss.

„Was machen wir beide hier, Nova?“, fuhr Bartez fort.

„Was soll das? Wir sind Freunde. Und kämpfen gegeneinander?

Wie weit ist es gekommen? Wie weit ist es gekommen,

dass ich jemanden, der mir so nahe steht wie ein Bruder, angreife,

nur weil sich in mir ein Hass aufgestaut hat, der sich

nun entladen muss?“

„Ich ... habe niemanden verraten wollen.“, fand Nova

langsam seine Stimme wieder. Sie klang kratzig. Zögernd

senkte er sein Schwert.

„Nein, das hast du sicher nicht.“, sagte Bartez. „Du gehörst

nicht zu denen hier, Nova. Zu einem Kult. Was immer

sie mit dir angestellt haben, es ist nicht zu spät, mein Freund.

Lass uns nicht das letzte bisschen Menschlichkeit in dieser

Stunde verlieren.“ Er reckte dem verwirrten Rontarianer eine

Hand entgegen. „Brüder?“

Nova starrte auf die ausgestreckte Hand, als ob er nicht

wüsste, was dies für eine Geste war. Er blickte zwischen ihr

und Bartez hin und her. Führte einen inneren Kampf.

Zwei Welten.

Rontar und die Sternenflotte. Er hatte nie völlig zu irgendeiner

von beiden gehört, hatte immer zwischen den Stühlen

gesessen, unklar darüber, wohin er nun gehen sollte. Für

welche Richtung er sich entscheiden sollte. Als sein Vater ihm

das Angebot gemacht hatte, wie hätte er sich da gegen ihn und

seine Familie stellen können? Familie? Das war nicht seine

175


Familie. Das war sie nie. Sie stand vor ihm. Dann begann er

zu zittern. Er hatte sich gegen seine wahre Familie gestellt.

Nova ergriff nicht nur Matt’s Hand, sondern fiel ihm auch

weinend um die Schulter. „Es tut mir so leid.“

„Mir auch.“

Sie lösten die intensive Umarmung wieder. Selbst Bartez

konnte nun die Tränen nicht mehr zurückhalten. „Komm, das

klären wir später.“

„Es wird kein später geben!“, donnerte Zetra plötzlich.

Die Zeit fror ein, als er wutentbrannt sein Schwert nach Bartez

warf. Es wirbelte in Zeitlupe durch die Luft, hielt genau auf

Bartez zu. Der Captain hatte keine Zeit zu reagieren, hob lediglich

aus Reflex die Arme.

In diesem Augenblick sprang Nova in die Flugbahn.

Schwächer, als er je gewesen war, rappelte Nova seine

letzten Energiereserven auf, für diese eine, letzte Handlung.

Das einzige was noch möglich war, das einzige, womit er Widergutmachung

leisten konnte. Ohne Rücksicht auf seine Qualen,

seine Scham und seine Schwäche, fing er das Schwert

seines Vaters ab. Die glänzende Klinge bohrte sich tief in seinen

Körper, durchschnitt die Organe und fügte die tödliche

Wunde zu. Nova keuchte noch im Sturz nach hinten Blut. Bevor

er auf dem kalten Grund aufprallte, fing Bartez ihn auf.

Sie gingen beide zu Boden.

Zetra rannte fort.

Nova sah ihm aus sterbenden Augen nach. „Ich wollte

immer nur zu ihnen gehören. Zu einer Familie.“

„Du hast die ganze Zeit zu einer Familie gehört.“, bekräftigte

Bartez. „Zur Starfury-Familie. Zu meiner.“

Nova lächelte ein letztes Mal, dann zuckte er kurz und

schloss die Augen. Sein Körper erschlaffte.

Novalacinorana starb.

176


Kelly Jones starrte mit weit aufgerissenen Augen zum

Frontschirm. Dort flackerte die gesamt Barriere, tränkte den

Weltraum in ein beißend rotes Glühen. Ein letztes Mal

flackerte sie auf, dann erstarb die Barriere. Für einen Moment

überschnitten sich die Dimensionen und die Grez’An die gerade

noch in ihrem Taschenuniversum gewartet hatten, dort

Zeit und Raum genau wie hier einnahmen, nur eben phasenverschoben,

befanden sich auf einmal im Alpha-Quadranten.

Es waren so unglaublich viele, sie bedeckten fast jeden

Sektor. Der Weltraum war nicht mehr Schwarz. Die Sterne

konnte man kaum sehen hinter den zahlreichen Schiffen.

Niemand auf der Brücke sprach.

Sie alle wussten: nun hatten sie verloren. Die letzte

Schlacht war geschlagen. Sie hatten versagt. Dann jedoch, flackerte

die Barriere erneut auf. Zuerst nur kurz, anschließend

kräftiger. Sie schien von irgendwoher neue Energie zu beziehen

und sperrte die Grez’An wieder in ihre Dimension ein.

Verblüffte Blicke wurden im Kontrollraum ausgetauscht.

Hatten sie etwa doch gewonnen?

177


15.

Die Luft im Planeteninnern begann zu pulsieren. Ein tiefes,

gleichmäßiges Brummen erklang und eine große, weißleuchtende

Energiesäule entstand dort, wo Nova’s Leichnam

lag. Sie zitterte, wie ein lebendiges Wesen. Die Farben wuchsen,

streckten sich wie riesige Blüten über seinen toten Körper

weg. Eine atemberaubende Schönheit entfaltete sich in ihrer

ganzen Pracht.

Matt Bartez trat einige Schritte zurück und stieß auf seine

Begleiter. Dabei bemerkte er, dass die Rontarianer auf beiden

Plattformen zu Boden stürzten und aufheulten. Ihnen lag offenbar

nichts mehr an einem Kampf. Irgendetwas war passiert.

Die Templer hatten verloren.

„Was ist das?“, rief Zard, um das Brummen zu übertönen.

„Transzendenz.“, antwortete Tobias LaConte, der sich

wieder in seine menschliche Gestalt zurückverwandelt hatte.

Nova’s Körper wurde transparent und begann sich in Millionen

kleiner Blumen aufzulösen. Sie breiteten sich aus,

schwirrten zur Innenseite des Planeten, wo sie von diesem riesigen,

künstlichen Energiekollektor Absorbiert wurden. Das

bunte Gleißen war viel zu schön, um verstanden zu werden.

Feodora absorbierte Nova’s Lebensenergie. Sein totes Selbst

erweiterte sich, spendete Energie für die Barriere.

Ihr müsst fliehen. Los, geht!

Bartez kannte die innere Stimme – Xardes. Bilika

kreischte auf, wandte sich unter ihren Füßen in Agonie und

der Gewissheit, verloren zu haben. Dabei stieß ihr planeten-

178


großer Körper gegen die zweite Plattform wo fast die Hälfte

der rontarianischen Bevölkerung betete. Das uralte Gestein

löste sich an der Treppe und stürzte krachend herab, zog die

Rontarianer in den Tod. Die restlichen, die sich auf der oberen

Plattform befanden, machten keine Anstalten zur Flucht. Sie

hatten versagt und warteten nun auf Bilika’s Bestrafung. Alles

schüttelte sich, alles zitterte und das Brummen wurde immer

lauter und nun von einem Mahlen von Geröll begleitet.

„Wir sollten verschwinden.“, rief Spiegel-Bartez.

Die anderen starrten noch immer das faszinierende

Schauspiel an. Captain Bartez konnte sich schließlich davon

losreißen. „Ich stimme mir zu! Los, kommt.“ Sie liefen los.

Die Wände bekamen Risse, Spalten entstanden, als große

Gesteinsbrocken in das hohle Planeteninnere auf Bilika niederprasselten.

Die gesamte Plattform geriet ins Wanken und

brach auseinander. Bartez und seine sieben Gefährten stürmten

die Treppe hinauf, die knapp hinter ihnen einstürzte.

Strauchelnd rannten sie in den Tunnel zurück, wo mächtige

Kristallsäulen umstürzten. Über all diesem – dem Klirren von

zerbrechendem Kristall, dem Ächzen der Felsen, dem Donnern

des herabrieselnden Gerölls – schrillte Bilika’s Kreischen.

Ohrenbetäubend flutete ihre Wut durch den Kristalltunnel,

während sie sich gegen die Innenseite Feodora’s presste.

Plötzlich trat ein Wunder nach dem anderen ein. Nachdem

sich die Barriere im letzten Moment stabilisiert hatte, war

kurz darauf die Schlacht von neuem Entbrannt. Aber weder

die Sternenflottenschiffe, noch die Gorn stellten sich diesmal

der verbliebenden Grez’An-Armada entgegen. Es waren kleine

Spurjäger, die in einer gewaltigen Überzahl aus dem Warp-

179


transit sprangen und über die zahlenmäßig unterlegenen

Grez’An herfielen. Sie dezimierten sich gegenseitig.

Die Grez’An verloren.

Bald waren nur noch wenige ihrer Schiffe übrig. Sie

stürzten sich mordlüstern in den Tod, vernichteten so viele der

Sieger, wie nur irgendwie möglich.

Kelly drehte sich auf der Brücke verblüfft zu T’plona.

„Sind Sie sicher?“, fragte sie.

„Absolut sicher, Commander. Es sind die gleichen Schiffe,

die uns damals beim Siedlungsplaneten beistanden. Die

Tkon-Bewahrer.“

„Keine Sekunde zu früh.“, ächzte Jones. Die Schlacht im

Weltraum war gewonnen.

Bartez sah sich verzweifelt um. Der Boden war in mehrere

Inseln zerbrochen, die immer kleiner wurden und mit jeder

Sekunde weiter auseinanderbrachen. Alles brach allmählich

zusammen. Die Gruppe erreichte endlich das Tunnelende und

die Höhle dahinter, wo Sloan bereits die Tür der Pelayo aufstieß

und die anderen hereinwinkte. Sie blutete und wies überall

Kratzer auf. Offenbar hatten es doch ein paar Grez’An

durch die Verteidigungslinie der Gorn geschafft und waren in

den Turm gelangt. Bartez fragte sich unweigerlich wie es Sturak

und Izilon ging und ob sie es geschafft hatten. Er lies die

anderen einsteigen und wollte gerade selbst in das Shuttle hineinspringen,

als die sechseckige Plattform auf dem Boden

summte. Er drehte sich um.

Xardes erwartete ihn darauf.

„Du hast deine Sache gut gemacht.“, sagte er strahlend.

„Der Weg war lang und gefährlich, doch du warst erfolgreich

und hast die Dinge umgesetzt, die ich dich gelehrt habe. Die

180


Prophezeiung ist erfüllt.“ Ein Windstoß fuhr durch die Höhle,

lies Matts Uniform flattern. „Was ist hier gerade passiert?“

„Du hast die Barriere mit neuer Energie aufgefüllt. Mit

neuer. Mit Nova-Energie.“

Aber natürlich, fuhr es Bartez durch den Sinn. Er hatte

das Wortspiel nie bemerkt. Den Hinweis. Doch er war immer

da gewesen. „ Ich ... ich fürchte ich verstehe dennoch nicht

ganz. Wie ist denn das nur möglich? Wie konnte Nova der

Schlüssel sein und die Barriere stabilisieren?“

Xardes lächelte milde. „Die mächtigste Energie die es

gibt, die mächtigste Waffe, die du suchen solltest, dabei handelte

es sich nicht um ein Schwert. Einen Phaser. Oder ein Geschütz.

Die mächtigste Waffe sind unsere Gefühle und positiven

Eigenschaften. Liebe. Freude. Freundschaft.“

Bartez erinnerte sich an den Vorfall, bei dem Zelp-

Planeten, wo sich auch ein Wächter der Tkon befunden hatte.

Er war damals mächtig beeindruckt gewesen, als Kevin Brady

eine ähnliche Tat für Kell Perim vollführt hatte.

„Aufopferungsbereitschaft.“, kam es Bartez über die Lippen.

„Das ist es!“

„Ganz genau. Nova war der Schlüssel, du warst der Auslöser.

Hättest du vorhin nicht die Waffen gesenkt, entgegen

deiner Natur niemals aufzugeben und kämpfend voranzupreschen,

wäre er niemals zur Besinnung gekommen. Die tiefe

Freundschaft zwischen euch veranlasste ihn zu einem wahren

Akt des Mitgefühls, der Freundschaft und Verbundenheit. Zusammen

mit seiner außergewöhnlichen inneren Macht, die in

ihm schlummerte - seinen Psi-Fähigkeiten, von denen ich dir

erzählte -, reichte es völlig aus, um die Barriere erneut mit E-

nergie zu versorgen. Denn das ist die Energie, mit der wir sie

fütterten. Kein Plasma, kein Strom. Sondern Gefühle! Liebe,

Zuneigung und Freundschaft sind das einzige, was die

Grez’An, die einem Universum des Hasses entsprangen, nicht

181


aufhalten können. Diese Barriere sind sie nicht in der Lage zu

fassen, oder zu überwinden.“

„Aber ... aber warum hat die Barriere dann erst an Energie

verloren?“

„Weil ihr den Frieden verloren habt.“, sagte Xardes. „Zunehmende

Konflikte, Kriege, Streitereien und Eifersucht kamen

vermehrt in der Milchstraße auf. Es war die Wut in euren

Herzen, die ihr zu den Sternen brachtet. Die Barriere hatte irgendwann

nicht mehr genügend Energie zu absorbieren. Ein

großes Opfer musste erst wieder her.“

„Meine Güte.“, sagte Bartez. „Wir ... wir besaßen tatsächlich

die Macht die Galaxie selbst zu zerstören. Beinahe hätten

wir durch unsere eigene Schuld, unsere eigene Ignoranz uns

wegen unser Konflikte den jüngsten Tag heraufbeschworen.“

Wahrlich kleinliche Konflikte, fügte er in Gedanken hinzu.

Grenzstreitereien, Machtsucht. Unzählige Kriege in den

letzten Jahrhunderten, allein bei der Sternenflotte, einer friedlichen

Gruppe, war es ständig zu bewaffneten Konflikten gekommen.

„Daher konntet ihr uns nicht helfen.“, verstand Bartez

nun alles. „Wir mussten uns erst als würdig erweisen. Denn

wenn so etwas wie Liebe und Freundschaft nicht mehr wichtig

gewesen wäre, dann wäre die Galaxie der Rettung auch nicht

mehr wert gewesen und die Grez’An hätten sie haben können.

Denn für eine Umgebung des Chaos und Hasses waren sie geschafften

und angepasst.“

Xardes nickte stolz.

Bartez hätte sich am liebsten selbst vor den Kopf geschlagen.

„All die Jahre hast du mir die entscheidenden Hinweise

gegeben, Xardes, und ich habe sie nicht als solche erkannt.“

„Erst im Gesamtbild erkennen wir die Komplexität der

Dinge. Man darf nie den Blick für das Wesentliche verlieren.“

„Was ... was müssen wir nun tun?“

182


„Nun? Nun liegt es bei euch.“, versicherte Xardes.

„Wenn ihr die Liebe in eure Herzen und den Frieden in die

Galaxie einkehren lasst, dann wird die Barriere niemals zusammenbrechen.“

Er lachte. „Das Schicksal ... liegt allein in

euren Händen.“

„Danke, Xardes. Für alles.“

„Nein, ich danke dir. Du hast unser Erbe getragen, unsere

Verluste und Opfer erst zum Erfolg gebracht.“

„Dann ... war es das jetzt? Ist es ... vorbei?“

Der alte Tkon zuckte mit den Schultern und deutete Richtung

Tunneleingang, von wo die Schreie der Schöpferin – Bilika

– drangen. „Eine Sache bleibt noch zu tun. Beeil dich.“

Das Beben und Rumpeln wurde stärker.

„Captain!“, rief Keka aus der Pelayo. Felsgeröll donnerte

in den gähnenden Abgrund, als Bartez losrannte und der Boden

hinter ihm wegbrach. Er hüpfte durch die Höhle, deren

Boden fast vollständig weg war. Unter ihm wütete Bilika. Im

letzten Moment sprang er in die Pelayo und riss die Tür zu.

Sloan startete unverzüglich, beamte das ganze Schiff fort. Sie

rasten von Feodora weg, zurück Richtung Starfury.

Vier Minuten später trat Bartez in den Kontrollraum seines

geliebten Schiffes und pfiff leicht durch die Zähne. „Meine

Fresse, das war knapp.“

„Matt!“, rief Kelly mit weit aufgerissenen Augen. Die

Tatsache, dass er ziemlich ramponiert war und aus mehreren

Wunden blutete, hielt Kelly nicht davon ab, durch den Kontrollraum

zu laufen und ihm in die Arme zu springen. Die Widersehensfreude

war groß. Sie presste sich feste an ihn. „Und

ich dachte schon ich hätte dich verloren.“

183


Er packte sie feste an den Oberarmen und sah tief in ihre

Augen. „Ich sagte doch, dass ich einen guten Grund habe zurückzukehren.

Zwei gute Gründe.“

„Und ich sagte, dass ich auf dein Schiff aufpassen werde.“

Sie hatte Wort gehalten. Zwar war die Starfury arg ramponiert

– ähnlich, wie ihr Captain -, aber noch in einem Stück.

Und Bartez war unendlich froh darüber. „Gut.“, nickte er.

„Dann bringen wir das hier nun zu ende und verschwinden

endlich. T’plona, Lagebericht.“

„Die Grez’An-Flotte wurde dank der Tkon-Bewahrer

größtenteils vernichtet, Captain. Die restlichen Schiffe befinden

sich auf dem Rückzug, werden aber weiter verfolgt.“

Bartez zog die Mundwinkel hoch. „Siverio. Der alte

Haudegen hat uns also doch nicht im Stich gelassen.“

„Wir haben vollen Umkehrschub gegeben, Sir.“, meldete

Kaafarani. „Ebenso der Rest der Flotte. Wir sollten lieber in

sicherer Entfernung sein, wenn der Planet zerbricht, denn genau

das tut er gerade.“

„Dann bringen Sie uns auf sicheren Abstand.“ Bartez

dreht den Kopf. „ T’plona, was geschieht dort unten?“

„Der Planet platzt allmählich auseinander, Captain. Es ist,

als ob ein gewaltiger Druck von innen auf ihn ausgeübt wird.“

„Ja, etwas versucht herauszukommen.“, trat Bartez auf

das Kommandodeck und sah zum Sichtschirm. Im Weltraum

rings um Feodora wimmelte es von kleinen Schiffen. Die letzten

Jagdmaschinen der Tkon-Bewahrer erledigten die Reste

der Grez’An-Flotte. Und sie gewannen.

„Sind alle von der Oberfläche evakuiert?“

„Ja, Captain.“, bestätigte Kelly und trat neben ihn. Inzwischen

war Feodora von enormen Rissen durchzogen. Selbst

aus dieser Entfernung, konnte man sehen, wie sich überall hinter

den Rissen etwas großes bewegte. Der Planet schien zu

pulsieren, erzitterte unter den Kräften dessen, was sich einen

Weg nach draußen zu bahnen versuchte. Und dann, ohne Vor-

184


ankündigung, drang etwas von innen nach außen. Ein Bein.

Haarig. Tausende von Kilometern lang. Es stieß durch das,

was einmal die untere Polkappe war. Ein zweites Bein folgte,

mehrere hundert Kilometer entfernt. Und ein drittes und viertes.

Nachdem es einmal begonnen hatte, liefen die Ereignisse

immer schneller ab. Der untere Teil des Planeten brach auseinander.

Durch das entstandene Loch quetschte sich ein Wesen

von gewaltigen Ausmaßen.

Und es war zornig.

Bartez wurde speiübel, als er sah, wie Bilika – eine

gigantische Spinne – auf den Planeten krabbelte, als wäre es

ein kleiner Spielball, ein Kokon, den sie abgestreift und

erklettert hatte. Zwei scheußlich aussehende Zangen

umrahmten das kontinentgroße Maul. Und dann sah Bartez

auch all die Augen, die die Gorn-Flotte und sein Schiff

fixierten. „Ich glaube, ich spinne.“, hätte Chefingenieur Brady gar

keinen passenderen Kommentar durch das Interkom geben

können. „Bilika, es gibt sie tatsächlich!“

Sie hockte auf Feodora und kreischte die Starfury an.

„Die Flotte lässt anfragen, was wir tun sollen.“, leitete

T’plona die eintreffenden Nachrichten weiter.

„Sind unsere Torpedorohre bestückt?“

„Ja, Captain. Wir haben noch eine Thalmerit-

Sprengladung.“

Bartez grübelte. „Wisst ihr, die Flottenadmirale behaupten

immer kopfschüttelnd, die Starfury würde eine Spur der

Verwüstung hinter sich herziehen.“ Er schürzte die Lippen.

„Wird Zeit unserem Ruf gerecht zu werden. Wir nehmen die

Sache allein in die Hand, die anderen Schiffe sollen zurückfallen.

Sie haben es gehört, Mr. Kaafarani.“

„Aye, Sir.“, bestätigte der Lieutenant grinsend.

Die Starfury gab Schub und raste dem Planeten entgegen.

T’plonas Finger huschten über die Kontrollen. „Torpedo auf

Ziel ausgerichtet.“

185


„Das ist unser letzter Sturm nach vorne, Kaafarani. Ich

hätte es gerne schön spektakulär, wenn’s geht.“

Die gigantische Spinne aus einem anderen Universum –

unglaublich, dass ausgerechnet sie die Rontarianer und die

Grez’An geschaffen hatte – sah die Starfury kommen und reagierte

entsprechend. Sie öffnete das Maul und verschoss

Angststrahlen aus seitlichen Zyten.

„Woho.“, rief Kaafarani, flog einige waghalsige Schrauben

und Spiralen und begann sich um die eigene Achse zu

drehen, um den wabernden Strahlen auszuweichen. Dann fing

er die Starfury kurz, nur, um sofort wieder die wildesten Bewegungen

durchzuführen. Offenbar machte es ihm einen Riesenspaß

und er steuerte wilder, als nötig, einfach weil er das

Gefühl noch einmal spüren wollte, dieses Schiff durch den

Weltraum zu jagen. Bartez grinste stolz.

Die Starfury gehorchte auf jeden Befehl.

Brandspuren und Kratzer zeigten sich an der Außenhülle.

Sie zogen eine lange Spur Plasma hinter sich her. Das Schiff

wirkte wie ein edles Kriegsross, dass noch immer den Kopf

hoch erhoben hielt, trotz blutender Flanken und einer zerzausten

Mähne. Bilika schlug mit zwei Beinen nach dem vergleichsweise

winzigen Schiff. Sie verfehlte immer wieder.

Tatsächlich wirkte die Starfury wie ein Staubkorn, je näher sie

kam, desto größer wurde Bilika.

Und sie waren schon verdammt nahe!

„Lieutenant!“, rief Bartez mahnend. Im letzten Moment

bevor sie mit Bilika’s Körper zusammenprallten, riss Kaafarani

die Starfury herab und kurz darauf wieder in eine gerade

Fugbahn. Er tunnelte! Er flog zwischen Planet und Rumpf

hindurch, direkt unter Bilika.

Bartez setzte eine düstere Mine auf. „Feuer, T’plona!“

Die Vulkanierin betätigte eine rote Taste.

Der Torpedo wurde abgeschossen. Bilika war nicht entgangen,

dass die Starfury unter ihr verschwunden war. Sie

186


senkte langsam ihren Körper herab auf den Planeten, um sie

unter sich zu zermalmen.

„Die macht dicht!“, brüllte Bartez.

„Das sehe ich selbst!“ Kaafarani hatte auch ohne aufgeregte

Passagiere genug zu tun. Der Spalt wurde immer kleiner,

ihr Hinterteil senkte sich weiter herab. Sie schien den letzten

Ausweg zu versperren, um sie dann unter ihrem Gewicht zu

zermalmen. Kaafarani drückte so feste auf die Vorwärtsschubtaste,

dass das Glas des Touch-Screens zu splittern drohte. Er

holte das letzte aus dem Schiff heraus. Hinter ihnen sauste der

Torpedo zur Planetenoberfläche herab.

„Zu spät!“, kniff Jones die Augen zu. Sie konnte es nicht

mehr mit ansehen. Kaafarani stieß einen langgezogenen Schrei

aus, als sie durch den engen Spalt hinausschossen und um haaresbreite

entkamen. „Yeeeeeeeeehah! Ich liebe dieses Schiff.“,

rief er begeistert.

Die Starfury beschleunigte nochmals und presste die Insassen

in die Sitze, als die Trägheitsabsorber nicht mehr mitkamen.

Dann gab es einen Lichtblitz, der so hell war, als käme

er direkt von Gott - was in gewisser Weise ja sogar den Tatsachen

entsprach. Sowohl Feodora, als auch Bilika wurden von

der gut platzierten Explosion in Stücke gerissen. Kreischend

und sich windend ging die mächtige Spinne in einer alles vernichtenden

Feuerwalze unter. Dann zerplatzte ihr Körper

gänzlich. Nach wenigen Sekunden war es vorbei. Der ohrenbetäubende

Jubel auf der Brücke der Starfury war Balsam für

die Seele.

„Verdammt, Ahmad, wollen Sie, dass ich einen Herzanfall

erleide?“, starrte Bartez den jungen Mann an. Die Andeutung

eines Lächelns hellte seine Miene auf. „Gute Arbeit.“ Er

grinste. „Wirklich verdammt gute Arbeit!“

„Ist es jetzt vorbei?“, fragte Kelly.

„Ja. Ja, jetzt ist es vorbei.“

187


16.

Der Sieg im Pferdekopfnebel hatte die Wende gebracht.

Leider zu einem hohen Preis. Die Streitkräfte der Gorn waren

auf ein Drittel dezimiert, die meisten Offiziere waren in der

Schlacht gefallen, so wie viele Rontarianer umgekommen waren.

Wohin die restlichen verschollen waren, wusste lange

Jahre niemand. Überall im Quadranten war es zu kleineren

Scharmützeln gekommen, bei denen Schiffe, gute Männer und

Planeten von den Grez’An vernichtet worden waren. Dennoch,

der Jubel der Siegesfeiern war überall im Alpha-Quadranten

gleich. Ob Romulaner, Klingonen, Föderation oder Tholianer,

sie standen sich plötzlich alle so nahe, wie Brüder, als wären

sie alle eine Rasse, die im Angesicht des Todes zusammengewachsen

war. Eine neue Zukunft war mit dem Wissen der Ursache

der Beinahe-Zerstörung angebrochen. Dem Wissen,

dass sie sich alle fast selbst zerstört hätten. Der Moment, wo

die Barriere versagt und sie den Grez’An Auge in Auge gegenübergestanden

hatte, sollte ihnen allen im Gedächtnis bleiben,

um in Zukunft bei Meinungsverschiedenheiten immer

den friedlichen Weg zu wählen.

Und Führer wie Matt Bartez waren bereit, an der Gestaltung

dieser neuen Zukunft mitzuwirken, zu helfen, alle Rassen

zu einer neuen Gemeinschaft zu führen. Diesmal war die Bühne

für Friedensverhandlungen völkerumfassend.

Ja, große Änderungen standen bevor.

Nicht nur für die Galaxis, sondern auch für die Besatzung

eines kleinen, tapferen Schiffes, dass nie aufgegeben hatte, für

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den Frieden zu kämpfen. Für sie war es nun an der Zeit Abschied

zu nehmen.

Nicht nur die Starfury war arg lädiert. Auch Kriegsherr

Izilon sah reichlich mitgenommen aus. Obwohl er sich energisch

dagegen gewehrt hatte, musste er Krücken verwenden,

um überhaupt vorwärts zu kommen. Um Bauch und Rücken

trug er einen dicken Verband, der ihn zusätzlich in der Bewegung

einschränkte. Aber er war Zäh und schnaufte nur leicht

unter der Anstrengung. Neben ihm half Ka’hmal dabei, ihn

zusätzlich zu stützen, während Doktor Roach noch einen letzten

Routinecheck durchführte, ehe sie die Feierlichkeiten betreten.

Er steckte die Sensoreinheit seines Medo-Tricorders weg

und klappte das piepende Gerät zusammen. Sie blieben vor

dem Haupthangar stehen. „Sieht fantastisch aus.“, meinte er

schließlich. „Die Widerstandskraft von euch Gorn ist erstaunlich.

Jeder andere wäre schon drei Tode gestorben.“

Izilon machte eine wage Geste. „Ich bin hartnäckig.“

„Und extrem dumm!“, tadelte Ka´hmal. Seit sie ihn und

den kümmerlichen Rest der Verteidigungsarmee in die Krankenstation

gebracht hatte, war sie ihm nicht mehr von der Seite

gewichen. „Aber keine Sorge, ich werde dich schon noch

richtig erziehen.“

Ein Kommentar, den Roach äußerst amüsant fand. „Ein

Gorn, der unter den Pantoffeln steht.“, sagte er. „Bestimmt ein

herrlicher Anblick. Tja, mein Lieber, als Kriegsherr kann man

vielleicht ein ganzes Volk beherrschen, aber als Ehemann ...

da wird man von der eigenen Frau beherrscht.“ Ka’hmal und

Izilon tauschten verliebte Blicke. Dabei sagte Izilon: „Vor allem,

da Klingonen noch wilder und herrischer als Gorn sind.

189


Aber das ist ein Schicksalsgefüge, dem ich mich gerne unterordne,

Doktor.“

„Noch wilder?“, wiederholte der Arzt. Er zuckte mit den

Schultern. „Nun ja, solange Sie ihre Einzelteile mitbringen,

kann ich sie sicher wieder zusammensetzen.“

„Sie haben ihre Fähigkeiten als Heiler bereits zur Genüge

unter Beweis gestellt, Doktor. Dafür ... na ja....“ Er sah verlegen

zu seiner Verlobten herab. „Ka’hmal, geh doch bitte schon

mal vor.“

„Was? Oh, natürlich.“ Kichernd schüttelte sie den Kopf

und betrat den Hangar. Als sich die Tür hinter ihr verschloss

druckste Izilon herum.

„Sie werden mir doch jetzt wohl nicht um den Hals fallen?“,

meinte Roach sarkastisch.

„Nein.“ Trotzdem vollzog der Gorn eine Umarmung, die

von tiefster Freundschaft herrührte. Nur kurz und zögernd, a-

ber damit wollte er Roach doch noch einmal zeigen, was ihm

an dem Arzt lag.

„Ha!“, schnippte Roach danach mit den Fingern. „Ich

wusste es, Sie mögen mich also doch! All die Jahre haben Sie

mich nur getriezt und geärgert, um vor den anderen keine Anzeichen

von Schwäche zu zeigen! Aber ich wusste es besser.“

Hätte Izilon Pupillen gehabt, hätte er die Augen gerollt.

So schüttelte er einfach den Kopf. „Übertreiben Sie es nicht,

Doktor.“ Und als er den Hangar betrat, hatte er Mühe ein zufriedenes

Grinsen zu unterdrücken.

Die Reise der Starfury endete, aufgrund ihrer starken Beschädigungen

früher, als geplant, denn die Reparaturen im

Raumdock würden sich wieder auf mehrere Wochen belaufen,

weshalb das Flottenkommando beschloss, die Besatzung früher

in den verdienten Urlaub zu schicken - was für viele be-

190


deutete, dass sie das Schiff endgültig und für immer verließen.

In fünf Stunden sollte die Ersatzmannschaft eintreffen, die das

Schiff zur nächsten Sternenbasis brachte, während alle anderen

längst von Bord waren. Die Frachträume waren geleert,

die Sachen gepackt, alle wichtigen Systeme gesichert, die

Transportschiffe warteten darauf die Besatzung zu ihren neuen

Aufgaben zu bringen. Alle Decks waren leer, bis auf einen

Raum: Den Hangar.

Die Einhundertköpfe Crew und ihre engsten Vertrauten

von anderen Schiffen ließen es sich nicht nehmen, ein letztes

Mal die Zeit gemeinsam zu verbringen. Offizieller Anlass war

die Nachfeier zu Commander Brady’s Hochzeit, aber es war

eigentlich ein Abschied und zugleich eine Gedenkfeier. Aus

diesem Grunde waren die Shuttles und Frachtcontainer von

Bord gebracht und spezielles Mobiliar herangeschafft worden.

Niemand wusste, wo Lieutenant Ahmad Kaafarani die zahlreichen

Tische, Stühle und festlichen Dekorationen aufgetrieben

hatte – in der Hinsicht, war er ein Organisationsgenie –, aber

es interessierte auch niemanden. Alle genossen die Restaurantähnliche

Atmosphäre.

Kelly Jones trat um den Serviertisch in der Mitte herum,

der voller Flaschen stand. Sie nahm eine auf, ohne genau darauf

zu achten, was sie enthielt und füllte ein Glas. Daran

schnuppernd verzog sie das Gesicht.

Romulanisches Ale.

Stark und Roh. Wo Kaafarani dies herhatte, wollte Kelly

gar nicht wissen. Sie nippte kurz daran und spülte schließlich

das ganze Glas runter. Dann trat sie langsam auf T’plona zu,

die auf der anderen Seite des Tisches stand und mit ausdrucklosem

Gesicht auf eine leere Flasche starrte.

„Furchtbares Zeug, nicht wahr, T’plona?“ Die Augen der

Vulkanierin waren glasig. Wie ein kleines Kind, dass zum ersten

Mal einen Lutscher sah, musterte sie Commander Jones.

Sie hob den Finger, zielte und tippte ihr auf die Brust, wobei

191


T’plona leicht schwankte. „Sie sind meine Freundin! Meine

beste Freundin. Und ich...“

Schweigen.

„T’plona?“

„Das ist...“, wieder brachte sie den Satz nicht zu Ende.

Stattdessen unterdrückte sie einen Schluckauf.

„Sie sind betrunken.“, stellte Kelly monoton fest.

„Ich bin nicht betrunken!“, behauptete T’plona feste. Dabei

lallte sie leicht. Kelly hob das Glas, dass die Vulkanierin

geleert hatte. Auch Ale. „Sie vertragen aber auch gar nichts.

Dabei war doch ihr Vater Romulaner.“

„Ich bin nicht...“

Schweigen.

Nun lachte Jones. „Das müssen die vulkanischen Gene

sein. Eine Elite-Kriegerin der Vulkanwächter. Stark wie ein

Bär und geschickt wie eine Katze. Aber eine Flasche Ale haut

euch Spitzohren die Beine weg. Kommen Sie, ist besser, wenn

Sie sich etwas setzen.“ Sanft legte sie T’plona’s Arm um ihren

eigenen Hals, um sie zu stützen und begann die Vulkanierin zu

einer kleinen Couch zu bugsieren.

Das entging Chefarzt Roach, der ein paar Tische entfernt

saß, natürlich nicht. „Alles in Ordnung, Commander?“

„Ja, alles bestens.“, rief sie zurück.

Roach zuckte mit den Schultern und drehte sich wieder

zu seiner Begleitung um. Bei ihm am Tisch saßen Maureen

und Kevin Brady. Der Chefingenieur nahm sich einen weiteren

Bissen vom Teller, deutete mit der Gabel auf die Hochzeitstorte

und sprach noch, während er halb am Kauen war:

„Wer hat daran genascht?“

„Also ich war es diesmal wirklich nicht.“, wies Roach sofort

jegliche Schuld von sich.

„Die sollte erst für später sein.“

Roach nahm sich auch einen Teller und schnitt ein dreieckiges

Stück ab. „Ach, ist doch egal. Hauptsache sie

192


schmeckt. Was ist mit ihnen, Maureen? Wollen Sie auch etwas,

oder haben sie keinen Hunger?“

„Hologramme benötigen keine Nahrung.“, erklärte sie lächelnd.

„Oh. Schade. Euch entgeht ein wahrer Genuss.“ Er kicherte

heiter, wobei sein ganzer Körper in Bewegung geriet.

„Also wenn ich da an meine Frau denke ... mitunter sind meine

Kekse überhaupt nicht vor ihr sicher. Darin liegt wohl der

Vorteil einer Holo-Ehe, niemand kann ihr Essen stehlen, Kevin.“

„Stehlen kann ich es schon, Doktor.“, grinste Maureen.

„Nur nützen würde s mir nichts.“

Die drei lachten.

„Ihre Frau wird sich ja jetzt sicher freuen, wenn Sie wieder

zur Erde zurückkehren?“, lenkte Brady das Gespräch in

eine andere, ernstere Richtung. Roach verzog das Gesicht,

woraufhin Brady fragte: „Sie kehren doch nach diesem Tag

zur Erde zurück, oder?“

„Eigentlich habe ich es meiner Frau versprochen, ja. Aber

die Sache ist die: nach den Ereignissen auf der Äskulap fühle

ich mich zu höherem Berufen.“ Sein Grinsen wuchs in die

Breite. „Ich überlege, eine Kommandolaufbahn einzuschlagen.

Captain zu werden. Oder Admiral, oder so was.“

„Sie sind kein Offizier.“

Wie immer, war dem optimistischen und gut gelaunten

Arzt dieser Umstand egal. „Spielt doch keine Rolle. Welcher

Admiral wird schon einen Mann mit meinen enormen Fähigkeiten

und Talenten abweisen? Wer weiß, vielleicht bekomme

ich ja sogar die Äskulap, eh? Was ist mit ihnen? Dienst auf einem

neuen Schiff?“

Brady und Maureen nahmen sich bei der Hand. „Oh, wir

... haben uns noch nicht entschieden.“, erklärte der Ingenieur.

„Mein alter Posten ist wieder frei geworden. Mal sehen, übergangsweise

werde ich den annehmen, vielleicht kehre ich auch

193


zur Starfury, oder einem anderen Schiff zurück. Aber erst

mal...“ Er küsste Maureen. „... genießen wir die Flitterwochen.“

Roach wollte gerade fragen, wohin es denn gehen sollte,

als Kaafarani von hinten kam und ihn hochzog. „Ich entführe

euch mal kurz den Doktor.“, meinte er knapp und bugsierte

den Arzt an einen der wenigen, leeren Tische.

Es quietschte, als er einen Stuhl für ihn zurechtzog und

sich dann gegenübersetzte. Hinter dem Rücken nahm er ein

Schachbrett hervor. Flugs stellte er die Figuren auf. „Können

sie das Spiel?“

„Ich bin etwas eingerostet...“, schien Roach nicht ganz zu

verstehen, worauf er hinauswollte, weshalb Kaafarani seine

Absichten erklärte. „Nach reiflicher Überlegung, bin ich zum

Entschluss gekommen, dass es besser ist, sich nicht in seinem

Quartier zu verkriechen. Ich will wieder Spaß haben. Mein

Leben leben.“ Er zuckte mit den Schultern. „Nun suche ich einen

Spielpartner.“

„So fröhlich habe ich Sie schon seit langem nicht mehr

gesehen. Dann scheint es mit Carolyn Carter also wieder zu

klappen?“

Kaafarani zwinkerte. „Die Verhandlungen laufen noch.“

„Trotzdem haben Sie einen ungünstigen Zeitpunkt gewählt,

Ahmad. Immerhin trennen sich alle.“

„Ach, Doktor, machen Sie sich darum keine Sorgen. So

schnell zerbrechen derart enge Familienbanden nicht. Irgendwie

habe ich das Gefühl, dass wir in uns auch in zwanzig Jahren

noch einigermaßen regelmäßig sehen...“

„Ihr Wort in Gottes Ohr.“

Roach faltete die Hände, lies die Finger knacken und begann

seinen ersten Zug...

194


Captain Matt Bartez wanderte an der Sturak’s Seite ein

wenig durch die Reihen seiner Männer umher. Er schenkte allen

eine gewisse Aufmerksamkeit, ohne sich auf ein Gespräch

einzulassen. Irgendwie war ihm nicht danach. Eigentlich folgte

er nur einem eingeübten Bewegungsmuster und schlenderte

umher. Alles was er wollte, war die Gegenwart seiner Leute

ein letztes Mal genießen.

An einem langen Tisch seitlich des Hangartores, saßen

Refelian, Oruna und seine Begleiter, die von den Tkon nur

wenige Stunden zuvor noch als Gefährten des Auserwählten

bezeichnet hätten. Mit Spiegel-Bartez, LaConte und Sloan saßen

dort drei ehemalige Feinde. Trotz aller Widrigkeiten, trotz

aller Umstände hatten er doch noch Freundschaft geschlossen.

Die Gäste an dem Tisch begegneten seinem Blick und

verneigten sich, oder nickten ihm zu. Bartez hob sein Glas

zum Grus und ging dann mit Sturak weiter.

„Es hätte ihm gefallen.“, starrte der Vulkanier in sein

Glas. Er lies es sinken und nickte. „Es hätte ihm gefallen.“

„Ja.“, meinte Bartez traurig.

Sie alle spürten den Verlust. Das Tiefe Loch, das Nova

geschaffen hatte und das nicht ausgefüllt werden konnte.

„Ich werde ihn vermissen, Matt.“

„Solange wir uns an ihn erinnern, wird er niemals fort

sein.“

„Er hat es verdient, dass man sich an ihn erinnert.“

Bartez blieb stehen. Sturak hatte recht, man sollte sich

auch weiterhin an Nova erinnern. An das Opfer, das er gebracht

hat. Den Sieg und den Verlust, den seit Tod zugleich

bedeutete. Bartez trat in die Mitte des Hangars, wo er mit einer

Gabel gegen sein Glas klopfte und so die Aufmerksamkeit auf

sich lenkte. Allmählich verstummten die Gespräche der Crew,

als sie merkten, dass der Captain etwas sagen wollten.

Schließlich war es völlig still.

195


„Meine Damen und Herren ... wir haben viel zusammen

durchgemacht. Für einige war dies hier der erste Posten, der

damals noch groß, gewaltig und vielleicht sogar furchteinflößend

erschien. Aber das war er nicht. Verglichen mit den

Städten, wo sie alle aufgewachsen sind, ist eine Besatzung von

einhundert Leuten eher klein. Das war aber nie ein Manko.

Das Gegenteil ist sogar der Fall. Wir waren immer alles, was

wir hatten, für eine sehr lange Zeit. Nun haben wir uns das

letzte Mal zusammengefunden und ich möchte sie alle darum

bitten sich umzuschauen.“

Er machte es vor.

„Zu den Menschen zu ihrer Rechten und zu ihrer Linken.

Zu denen vor und hinter ihnen. Sie waren alle ihre Familie.

Meine Familie. Wir haben gelacht, uns geliebt, uns gehasst

und waren immer bereit für jeden anderen von uns das Leben

aufs Spiel zu setzen. Jemand, der dazu ganz besonders bereit

war, fehlt nun in unserer Mitte. Dieser Mann hat sein Leben

gegeben, um unseres zu retten. Er hat alle gerettet. Er ... er war

der vielleicht ehrlichste, tapferste und vor allem loyalste

Mann, dem ich je begegnet bin.“

Matt atmete tief ein.

„Dies ist aber eine Gedenkfeier, kein Begräbnis. Wir sind

zusammengekommen, um das Leben unseres Freundes zu feiern

– nicht, um seinen Tod zu bedauern. Und um ihn in Erinnerung

zu halten. Er sollte uns allen als leuchtendes Beispiel

dienen. Als leuchtender ... Stern.“

Bartez hob sein Glas. „Auf Nova.“

Die Besatzung tat es ihm gleich. „Auf Nova.“, antwortete

sie im Chor.

Bartez leerte sein Glas in einem Zug.

„Möge er im Tod den Frieden gefunden haben, der ihm

im Leben verwehrt blieb.“, fügte er leise hinzu

196


Die Feier war seit einer Stunde vorbei und inzwischen

hatte die Besatzung das Schiff verlassen, fast alle Transporter

waren abgeflogen. Nur ein einziges Schiff fehlte noch und

wartete darauf, dass sich die komplette Kommandocrew einfand.

Matt Bartez hatte sein Kommando über die Starfury vor

einer halben Stunde schriftlich bei Admiral Janeway eingereicht.

Erst nach einer langen Debatte und als er seine Gründe

offengelegt hatte, war sie einverstanden gewesen und unterschrieb

das Schriftstück.

Er war nun nicht mehr ihr Captain.

Trotzdem wanderte Bartez ein letztes Mal durch die Gänge,

versuchte sich alle Einzelheiten des Schiffes einzuprägen,

bevor er sie verlies. Als letztes ging er durch den leeren Kontrollraum.

Lauschte dem vertrauen Brummen des Antriebes

und der Brückenambiente. Er fühlte den feinen Teppich unter

seinen Stiefeln, legte die Hand auf die Plakette und nickte

geistesabwesend, während er zum Wandschirm sah, wo der

Pferdekopfnebel glühte.

Sein erster Posten.

Sein erstes Kommando. Sie hatten so viel gemeinsam erlebt.

Die Turbolifttüren glitten beiseite und gewährten Chefingenieur

Brady Einlass. „Alles ist fertig, Captain. Die Besatzung

hat das Schiff verlassen. Wir sind die Letzten.“

Bartez wandte sich ihm zu. „Ist alles was ich ihnen auftrug

vorbereitet?“

Die Gestalt des Ingenieurs fiel ein wenig ein. „Ja, Captain.“

Er überreichte Bartez ein kleines Objekt hakte ein letztes

Mal nach. „Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen?“

„Es muss sein.“, meinte Bartez geistesabwesend.

„Sie bereiten mir wirklich Kopfschmerzen damit, Captain.

Eine Menge meines Schweißes steckt in diesen Schotts.“

197


Bartez lächelte müde. „Zumindest wird das ihren Leidensweg

als Ingenieur des größten Problemfalls überhaupt beenden.“

Brady schmunzelte und streckte die Hand aus. Bartez ergriff

sie sofort. „Danke, Chief. Sie haben sich immer gut um

mein Mädchen gekümmert.“

Brady nickte, schüttelte die Hand des Captains noch einmal

und trat dann zurück in den Turbolift. Bartez folgte ihm,

trat in die kleine Kabine ... um es sich dann doch noch einmal

zu überlegen und auf die Brücke zurückzukehren. Von der

Starfury ging einfach ein zu großer Reiz für ihn aus. Er ging

Richtung Kommandostuhl, um ihn ein letztes Mal zu berühren,

um die Substanz dieser besonderen Realität zu ertasten,

dieses Schiff, das innige Gefühl zu ihr, bevor er dies alles aufgab.

Es wurde Zeit. Er trat zurück in den Turbolift, betätigte

das Kontrollfeld und sperrte den Kontrollraum aus.

„Wir sind bereit, Lieutenant.“, sagte Bartez über Interkom

zum Cockpit und trat dann allein zu Kelly an das Beobachtungsfenster

am Schiffsende. Die Pax Pelayo dockte von

der Seite ihres Heimatschiffes ab. Anstatt einfach geraden

Kurs davon zu fliegen, wollte Lieutenant Kaafarani den beiden

noch einmal eine schöne Show bieten. Er änderte den Kurs,

flog einen weiten Bogen durch den nahen Weltraum und am

gewölbten Bug der Starfury vorbei, um anschließend die Flanke

des prächtigen Schiffes zu passieren. Bartez nahm noch

einmal alle Einzelheiten genau auf und fiel dabei in eine tiefe

Andacht.

Der glatte Übergang zwischen primärem und sekundärem

Rumpf. Das windschnittige Design, der war aerodynamische

Aufbau. Die kurzen, aber kraftvollen Warpgondeln, mit deren

198


Hilfe sämtliche Geschwindigkeitsrekorde der Flotte gebrochen

worden waren. Eine enorme Sehnsucht überkam den Captain.

Er und sein Schiff – sie waren beides Entdecker und von

der Gegenseitigen Abhängigkeit tief miteinander verbunden

gewesen. Und er hatte immer gewusst, dass nur sie zwischen

ihm und dem sicheren Tod in der Kälte des Alls stand. Um zu

forschen, um zu reisen und um das zu suchen, was hinter dem

Nahen und Vertrauten lag, hatte er, wie jeder mutige Entdecker

vor ihm, die Gefahr umarmt. Und im Laufe der Jahre war

dadurch eine mystische Verbundenheit und Leidenschaft für

das Schiff, dass ihn immer getragen hatte, entstanden. Dieses

Schiff war sein persönliches Sinnbild des Wunsches der

Menschheit, über das Alltägliche hinauszureisen und mutig

dorthin zu gehen, wo noch kein Mensch – wo noch niemand -

zuvor gewesen ist.

Die Pelayo entfernte sich von der Starfury. Bartez legte

eine Hand auf das Aussichtsfenster, als ob er sie berühren

konnte und seufzte.

„Sie war ein tolles Schiff. Eine gute Freundin.“

Kelly legte die Hand auf seine Schulter. Sie wusste, was

er gerade fühlte. „Du kannst sie hin und wieder besuchen.“

„Nein, das wird nicht möglich sein.“

Ohne den Blick von der Starfury zu nehmen, zauberte er

von irgendwo eine Art Fernzünder her und betätigte den roten

und einzigen Knopf in der Mitte.

Die Starfury platzte auseinander.

Mehrere effektvolle Explosionen durchschüttelten das

Schiff, für den Bruchteil einer Sekunde schien sie zu glühen,

dann brach sie in einer grellweißen Nova auseinander, verwandelte

sich in eine Wolke aus Millionen von winzigen

Trümmerstücken, die zu allen Seiten davon stoben, glitzerten

und bald nicht mehr zu sehen war.

Kelly Jones hatte die Augen weit aufgerissen und den

Mund geöffnet. Sie starrte eine Weile einfach nur hinaus in

199


den Weltraum, wo eben sich eben noch die Starfury befunden

hatte. Es dauerte noch länger, ehe sie ihre Stimme wiederfand.

Stammelnd stellte sie fest: „Du ... du hast gerade dein

Schiff gesprengt.“

„Ja.“, antwortete er bitter.

„Wieso?“

Erst jetzt wandte er den Blick ab, richtete ihn auf Kelly.

Ihre Augen leuchteten. Das Gesicht so wunderschön. Sie sah

genauso aus, wie damals, als er sie das erste mal gesehen hatte

- vor einer ganzen Lebensspanne, wie es schien. Und wenn

man mal vom entgeisterten Blick absah, dann schaute sie aus,

wie ein Engel.

„Wegen dir.“, sagte er.

„Wegen mir?“

„Kelly, ich will mit dir mein Leben verbringen. Und in

aller Ruhe eine Familie gründen. Aber ich weiß genau: solange

dieses Schiff existiert, würde ich mich immer nach ihr sehnen,

nach den Sternen, nach den Abenteuern und würde niemals

zur Ruhe kommen. Ich musste einen Schlussstrich ziehen.

Für mich, für dich ... und für uns.“

Kelly hielt sich die Hand vor den Mund und sah ihn aus

noch größeren Augen an. Er hatte das vielleicht größte aller

Opfer nur für sie gebracht. Es war ihm wirklich ernst. „Ich liebe

dich.“, war alles, was sie hervorbrachte.

„Ich weiß.“

Die beiden gaben sich einen langen Kuss und blickten

dann wieder das Fenster hinaus. Es bedurfte keine weiteren

Worte. Langsam legte er seinen Arm um sie und gemeinsam

starrten sie noch eine Weile in den Weltraum, zum Pferdekopfnebel,

wo es für einen Augenblick lang so schien, als

würde Nova auf sie herabsehen.

Und lächeln.

ENDE

200


Matt Bartez.

Captain Matthew Bartez zog sich nach der Zerstörung

seines Schiffes aus dem aktiven Dienst zurück und übernahm

nie wieder ein Kommando. Gerüchten zufolge soll er dennoch

als Leiter einer ominösen Geheimorganisation aktiv in die Geschehnisse

des Quadranten eingegriffen und somit die Zukunft

entscheidend beeinflusst haben. Offiziell unternahm er aber

nur einige Spezialmissionen, eine Anstellung als Lehrer an der

Raumflotten-Akademie und widmete sich sonst völlig seiner

neugegründeten Familie und der Erziehung seiner Tochter

Shannyn Bartez

Nova.

Zwar endete die beinahe komplette rontarianische Kultur

an jenem Tag des endgültigen Sieges über die Grez’An, doch

zumindest Nova’s Opfer sollte niemals vergessen werden. Er

allein brachte die entscheidende Wende und ermöglichte den

freien Völkern der Milchstraße auch eben dies zu bleiben: frei.

Kelly Jones.

Auch Kelly Jones nahm nie wieder einen Posten auf einem

Raumschiff an, obwohl man ihr mehrere Kommandos

anbot. Dafür nutzte sie die Chance um in der Politik zu Fuß zu

fassen und nahm mit ihrer Stellung im Föderationsrat maßgeblich

an der Gestaltung der neuen Weltordnung teil. Kelly

brachte ein gesundes Mädchen zur Welt und von diesem Zeitpunkt

an, war die Familie das wichtigste in ihrem Leben.

Sturak

Der Vulkanier kehrte der Sternenflotte nach der Zerstörung

der Starfury den Rücken und wurde zunächst Dozent an

der vulkanischen Wissenschaftsakademie, ehe er dort bis zum

201


Leiter der Institution aufstieg. Inzwischen kümmerte er sich

um die Erziehung seines Sohnes und wartete geduldig, bis seine

Frau aus dem Gefängnis entlassen wurde, um ihre Ehre

glücklich fortzusetzen. Zusammen mit Tobias LaConte machte

Sturak einige der wissenschaftlich bedeutendsten Entdeckungen

des neuen Jahrhunderts.

T’plona.

Die Vulkanierin erklomm ähnlich schnell wie ihre Mutter

die Karriereleiter. Nach der Zerstörung der Starfury wechselte

sie auf die Ticonderoga und übernahm nur wenig Später das

Kommando über die Typhoon, eines der größten Schiffe, die je

gebaut wurden. Erst im Rang des Flottenadmirals angelangt,

suchte sich T’plona doch noch einen Gemahlen - Sevek - mit

dem sie zwei Kinder bekam: Alicia und T’Kelly.

Kevin Brady.

Der Ingenieur kehrte mit seiner Frau zur Erde zurück, wo

er seinen alten Posten in der Design-Abteilung der

Sternenflotte übernahm. Dort begann er jedoch das Leben auf

einem Raumschiff zu vermissen und lies sich schließlich auf

die Äskulap als Chefingenieur versetzen, wo er fortan weitere

Abenteuer erlebte. Nebenbei konstruierte er die Typhoon und

trat dem Starfleet Corps of Engineers bei. Erst mit der

Beförderung zum Admiral setzte er sich zur Ruhe.

Lieutenant Kaafarani

Der glücklose Spitzenpilot sollte bei Carolyn Carter zwar

keine zweite Chance für eine Beziehung bekommen, baute dafür

aber eine enge und gute Freundschaft zu ihr auf. Auch er

langweilte sich schnell auf der Erde und lies sich nach einiger

Zeit ebenfalls der Äskulap als ersten Offizier zuteilen. Anschließend

begann er die besten Jägerpiloten, die es je gege-

202


en hatte, auszubilden. Kaafarani blieb sein Leben lang Single.

Gregory Roach

Auch der Chefarzt der Starfury kehrte nach deren Zerstörung

zur Erde zurück, fand dort aber ebenfalls nur Sehnsucht

nach den Weiten des Weltraums vor. Dank seiner guten Leistungen,

dem nicht geringen Einfluss seiner Freunde und seines

enormen Engagements, gewährte man ihm als ersten Zivilisten

das Kommando über ein Sternenflottenraumschiff: dem Lazarettschiff

Äskulap, mit der er in die Geschichte eingehen sollte,

als Mannschaft, welche die schwersten und meisten Seuchen

im Quadranten ausrottete.

Izilon.

Der Gorn Izilon diente noch viele Jahre als Kriegsherr,

ehe er nach Oruna’s Tod selbst Kader der Gorn wurde und die

treibende Kraft beim Eintritt in die Föderation darstellte. Er

einigte die Reste des Territoriums wie kein anderer Gorn zuvor

und verhalf dem stolzen Volk zu neuer, nie geahnter Größe.

Er und Ka’hmal adoptierten einen Sohn: Ortilon. Izilon

ging in die Geschichte ein, als erster Gorn, der das fast schon

biblische Alter von 30 Jahren erreichte.

203


Unnötiger Zusatz

Ein besonderer Gruß geht an:

Katja Böhme

für atemberaubende Momente,

Steffen Baumann

für den Lemmingsprung,

Die Autoren des GFFA-Forum

für Weisheit, Ideen und Kritik

und Peter David

für Calhoun.

204


Weitere Werke...

Im Jahr 2385 startete ein Föderationsraumschiff der Akira-

Klasse, unter dem Befehl von Admiral Alynna Nechayev, zu

einer diplomatischen Mission tief in den unerforschten, cardassianischen

Raum. Die Crew bestand aus einer knapp vierhundert

Mann starken Besatzung, die sich nach einem katastrophalen

Zwischenfall, der zur Zerstörung des Schiffes führte,

plötzlich inmitten eines Krieges, gestrandet auf einem

weit entfernten Mondes wiederfand. Die Überlebenden des

Unglücks kämpften gegen die gefährliche Wildnis, gegen einen

unbarmherzigen, brutalen Fein und gegen Verrat aus den

eigenen Reihen. Diese Besatzung erlitt die höchste Opferzahl,

seit dem Ende des Dominion-Krieges. Das waren die

Männer und Frauen der USS Shenandoah, NCC 74101.

Dies ist ihre Geschichte...

205


In Arbeit...

Im Herzen der Föderation entwickelt sich Sektor 42-F

immer mehr zum Krisenherd des Quadranten. Altbekannte

Feinde, wie die Isanza und der Tugra-Kult, melden sich zurück,

aber auch das vermehrte Aufkommen merkwürdiger

Raumphänomene kündigt Schwierigkeiten an. Um den

betreffenden Raumsektor zu stabilisieren und nötige Aufklärungsarbeit

zu leisten, will die Sternenflotte ein Schiff in die

Region entsenden. Passend dafür scheint die Starfire zu sein,

die nach mehr als 30 Jahren in einem Feld bei Broken Bow

auf der Erde auftaucht und direkten Kurs in diesen Sektor

einprogrammiert hat. Shannyn Bartez, Tochter einer Legende,

übernimmt das Kommando um ihrem Schicksal entgegenzutreten

– und das ist nicht weniger, als das Universum

selbst zu retten

206

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