Über Wilhelm Holzbauer - Christian Reder

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Über Wilhelm Holzbauer - Christian Reder

Wilhelm Holzbauer. Bauten und Projekte 1985-1990

Residenz Verlag Salzburg-Wien 1990

Mit Textbeiträgen von Wilhelm Holzbauer, Christian

Reder und Coop Himmelblau

Wilhelm Holzbauer / Arbeitsgruppe U-Bahn:

Stationen der U-Bahn Wien 1971-1982

Christian Reder

Über Wilhelm Holzbauer

Sie, die Architektur Wilhelm Holzbauers, ist sich selbst sicher und zeigt das, ohne mit

Zurückhaltung oder Fragilität zu spekulieren. Das liegt natürlich an ihm. Er will, daß man

sieht, was gemeint ist. Kontinuität und der jeweilige Ort werden wichtig genommen.

Sachverhalte sollen sich ohne Verspieltheit und kryptische Andeutungen ausdrücken.

Jeder Entwurf, so sagt er, geht bei ihm von einem inneren Bild aus, das völlig intuitiv

entsteht. Auch die Präzisierung dieses Bildes durch das Ordnen von Anforderungen und

Funktionen erfolgt intuitiv. Meistens bestimmen schon die ersten Skizzen die endgültige

Charakteristik des Objektes. Selbst bei hochkomplexen Bauaufgaben ist das nicht

anders. Das zu Beginn entwickelte Konzept hält, in den Detailplanungen tauchen kaum

noch Fragen auf, die sich dessen Vorsätzen nicht unterordnen könnten. Es wird also die

Erscheinungsform des Ganzen angegangen; pragmatisch, mit einer Haltung, die dem

begeisterungsfähigen Baumeister weit näher steht als dem analytischen Grübler.

Die Zwangsläufigkeit einer Konstruktion ergibt sich aus der Geste des Entwerfens,

aus dem >Vorurteil< des Bildes, das die gestellte Aufgabe auslöst. Damit wird der viel

gängigeren Sicht der Dinge, die sich auf eine Addition von Bilderwelten, von

Fragmenten und Modulen stützt, in beharrlich-statischer Weise entgegengearbeitet.

Eine Distanzierung vom >Mainstream< der Architektur hält er dennoch nicht für

notwendig, selbst wenn sich daraus permanent Angriffsflächen ergeben. Primär gehe es

ja darum, im Gewebe städtischer Agglomerationen insgesamt >mehr Qualität< zu

erreichen. >Extravagante Highlights< haben daher für ihn eher einen marginalen

Stellenwert. Der Glaube an experimentelle Zeichen hält sich in Grenzen. Etwas muß

bestehen können und Bestand haben. Haltbarkeit ist deswegen für Wilhelm Holzbauer

nicht ein enger, die Materie, die Technologie betreffender Begriff, sondern ein

umfassender, sich von vielem fernhaltender Anspruch. Dieser Anspruch geht ohne

Berührungsängste in die lapidare Forderung über, daß etwas in Ehren und in Schönheit


altern können sollte. Um die dafür nötige Sicherheit immer wieder zu erreichen, muß auf

gewisse Sicherheiten gebaut werden. Seine Auffassung von Professionalität und seine

Baulust liefern die Grundlagen dazu.

Daß bei der Beschreibung von Holzbauers Entwürfen und Bauten so oft Ausdrücke

fallen, die von Beziehungen zu ihrem Gegenteil leben, ist wegen dieser eigenwilligen,

erstaunt bis befremdlich aufgenommenen Sicherheit nicht weiter verwunderlich. Teils

werden unverfängliche Eigenschaften betont: subjektiv, antiintellektuell, antiideologisch,

manieristisch, realistisch, pragmatisch; teils kommen urbanistische >Fremdwörter< zum

Zug, denen sonst aus dem Weg gegangen wird: schwer, monumental, pathetisch,

demonstrativ, hierarchieorientiert, machtbewußt. Die zugehörigen Polaritäten relativieren

solche einseitigen Assoziationen, bündeln sie, und machen deutlich, welche

Verbindungen jeweils eingegangen worden sind. Denn dieses Anziehen und Abstoßen

von Gegensätzlichem ist ein bestimmendes Merkmal von Holzbauers

Architekturauffassung – als durchgängige Wechselwirkungen von Masse, Gewicht und

Transparenz, von Abweisung und Durchdringung, von Symbolkraft und

Raumorganisation, von struktureller Klarheit und ihrer Brechung, von Repräsentation

und Intimität, von Funktion und persönlichem Ausdruck.

Letzten Endes manifestiert sich immer Stabilität beziehungsweise eine starke Affinität

zu ihr. Sichtbare und unsichtbare >Strukturen< (die Roland Barthes einfach als

>Ablagerungen von Dauer< gesehen hat) werden, nicht nur wenn es ums Bauen geht,

als Gegebenheiten akzeptiert; es sei denn, Strukturveränderungen stellen sich als

konkrete Aufgabe. Nicht so sehr prägende Dauerhaftigkeit sondern Gegenpositionen

dazu sind fragwürdig, etwa Vorstellungen von fließenden gesellschaftlichen Zuständen,

von einem Akzeptieren des Unfertigen, Unübersichtlichen, Komplizierten, Vorstellungen

von einer kleinteiligen demokratischen Dramaturgie, von einem Mißtrauen gegen Macht,

von Widersprüchen, die auch durch Architektur nicht negiert oder eingefroren werden

sollten. Wilhelm Holzbauer stellt sich nicht einfach >konservativ< gegen solche

Haltungen. Das Konservative, wenn als Worthülse überhaupt noch brauchbar, hat sich

angesichts der wichtigen bewahrenden Aspekte von solchen Einordnungen ja längst

gelöst. Er jedenfalls akzeptiert derartige Standpunkte für sich oft nicht und fragt dezidiert

nach ihrem Realitätsgehalt. Denn: Anerkennung findet, was sich durchsetzt. Wirklichkeit

entsteht im Wettbewerb der Erfolgreichen. Was abgesondert davon passiert, mag

interessant sein, ist es oft auch; wichtig aber wird es erst als eingreifende Kraft. Wer ihm

dabei nicht folgt, wird unwillkürlich dazu gedrängt, den eigenen Realismus zu

überprüfen. Destruktiv ist eine solche Kommunikation nicht – auch wenn sie sich in

Bauten ausdrückt. Ein Gebäude soll zeigen was es ist (nicht was in ihm alles passieren

könnte), heißt es bei ihm immer wieder, und zwar in seiner Totalität, als

Gesamteindruck. Von Architektursituationen überwältigt zu werden, ist viel eher das

Ideal, als die >intellektuelle< Befriedigung beim Begreifen kompliziert komponierter

Details.

Unter den bisher fertiggestellten Großbauten Wilhelm Holzbauers gilt die

Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Salzburg (1986) zu Recht als das

Hauptwerk. In der architekturkritischen Auseinandersetzung mit ihm überwiegen

Superlative. Manfred Sack hat diesen Gebäudekomplex schlicht zum >Meisterwerk<

und zum >Musterbeispiel einer landschaftsbezogenen Architektur< erklärt; für Jan Tabor

ist er >einer der besten Universitätsneubauten der WeltGrundlagen eines universitären Lebensgefühls< durch

seine >innere Transparenz und einen vielfältigen Erlebnis- und Begegnungsraum, der


zu Kontakten und Gruppenbildungen, zu informellem Gespräch und Flanieren einlädtNatur< und der Aussicht auf die Festung im Hintergrund. Ahnungen davon

drängen sich auf, wie es – vor langer Zeit – in Universitäten bisweilen gewesen sein

kann (in Padua, Bologna, Oxford oder Heidelberg), mit Traditionen der >Universitas<

und des >Studium generaleSalzburger

Architekturreform< (das >Salzburg-Projekt< von Planungsstadtrat Johannes

Voggenhuber) mit seinem Gestaltungsbeirat (Vorsitz 1983-85: Wilhelm Holzbauer)

kulminierten diese Versuche, neue Strukturen für das Baugeschehen einer Stadt zu

schaffen. Mit der Darstellung des >stürmischenkomplexe und divergente<

Verfahren, denen er sich 21 Jahre lang beim Projekt Rathaus und Musiktheater

Amsterdam ausgesetzt gesehen hat, endet Wilhelm Holzbauers letzte große

Werkpublikation (Bauten und Projekte. 1953-1985. Residenz Verlag 1985). Bei den in

der weiteren Folge von ihm bearbeiteten Bauaufgaben hat, so sieht er das selbst, schon

wegen der Vielzahl großer Aufträge der Druck noch zugenommen, daß er mit seinen

Absichten als Architekt im komplizierten Räderwerk jeweils hereinspielender

Interessenslagen zerrieben wird. Allerdings: Er fühlt sich nicht ausgeliefert, weil er die

Mechanismen des Baugeschehens, die >Architektur< fast immer als Störfaktor

behandeln, sehr genau kennt und mit ihnen umgehen kann. Trotzdem lehnt er sich

polemisch immer wieder gegen sie auf, etwa wenn er die alltägliche Praxis so

charakterisiert, >daß irgendein Architekt ein Grundstück und die Finanzierung anbietet,

er also nach amerikanischem Muster Development macht, um einen Auftrag zu

bekommen, ohne daß neben dieser Geschäftsmäßigkeit Architektur einen besonderen

Stellenwert hätte. Dazu muß er sich verschiedener Bauträger-, Förderungs- und

Bürokratieinstanzen bedienen. In diesem Dickicht kann es dann gar nicht mehr zu

kompetenten architektonischen Entscheidungen kommen. – Die Verfilzung gehört

aufgebrochen, Projekt für Projekt.<

Zugleich ist die Exponiertheit und Verstrickung inmitten dieses Geschehens bei ihm

ein selbstverständlicher Teil seiner Professionalität. Man ist einfach Teilnehmer an

schwer abschätzbaren, von einem ständigen Agieren und Reagieren verschiedenster,

oft wechselnder Akteure geprägten Durchsetzungsprozessen. Das gehört zu den


Zwängen der Architektur, als Pendant zu den >ZwängenFreiheit< herrscht dort keine. Mit einem Feld für Ausreden ist das

jedoch keineswegs gleichzusetzen. In gewisser Weise geht es weiterhin, wenn auch

stark transformiert, um einen >Marsch durch die InstitutionenProzeß< hat bei ihm also nur sehr wenig mit einer bedächtigen,

forschenden – als Selbstverliebtheit diskriminierbaren – Arbeitsweise zu tun, die sich im

Zweifel auf kleine, exquisite Aufgaben beschränkt, sondern ist gleichsam ein offensives,

das Akquirieren, Gestalten, Planen und Durchsetzen umfassendes Kampfritual. Wer

auch >groß< bauen will, und er will das ausdrücklich, muß sich eben in diesen

Mechanismen zurechtfinden. Das folgende >kunsthistorische< Zitat, dessen Direktheit

sich heute kaum wer zumuten würde, könnte jedenfalls Wilhelm Holzbauer

zugeschrieben werden (es stammt aber von Rubens): >Ich bekenne, daß ich von Natur

aus besser geeignet bin, sehr große Werke als kleine Stückchen auszuführen. Jeder

nach seiner Art. Mein Talent ist so beschaffen, daß kein Unternehmen, so gewaltig es

auch an Ausmaß und so verschiedenartig es an Gegenstand sein möge, jemals meinen

Mut überstiegen hätte.< In den Projekten des dreißigjährigen Avantgardearchitekten, der

im Nachkriegsösterreich rasch zur prägenden, störrischen Figur geworden war, hat sich

ein solches Selbstvertrauen noch utopisch, in gigantischen Helikopter-Bürohäusern

manifestiert; der Sechzigjährige hat bei den >Dimensionen< kaum nachgegeben, nur

stützt er sich inzwischen ausdrücklich auf jene Praxis, die mit Utopieverlusten umgehen

gelernt hat.

Die drei Hochhäuser Wilhelm Holzbauers, schmale Scheiben mit spitzwinkeligen

Dreiecksgrundrissen, eines in gelb, eines in rot, eines in blau, hätten in diesem Sinne

das Stadtbild Barcelonas prägen können (wenn es zur Verwirklichung dieses

Wettbewerbsprojektes aus dem Jahr 1986 gekommen wäre). An der einzigen großen,

im Schachbrettraster der Neustadt schräg verlaufenden Querstraße, der Avinguda

Diagonal, gelegen, waren sie als Zeichen und urbaner Maßstab gedacht, die ihren

besonderen Ort, die Diagonalstraße, durch Form und schräge Situierung weithin

erkennbar machen. Im Nahbereich sollten sie zwischen Autoverkehr und

Fußgängerzonen markant abgrenzen. Ähnliche Überlegungen zu Volumen, Flächigkeit,

Schnitten und Schnittflächen kehren beim Geschäfts- und Bürohaus der Winterthur-

Versicherung an der Wiener Ringstraße wieder. Nur verzichtet dessen als zweite Haut,

als Membran gedachte >Folien-Fassade< nach außen hin ausdrücklich auf visuelle

Sensationen, beschränkt sich auf >leise< Stellungnahmen zur Umgebung, ohne dafür

historisierende Zitate zu brauchen. Wie sooft sollen die Wege durch das Haus von Innen

her Raumkonstellationen erschließen, in leicht ablesbarer Weise, im Dialog von Masse


und transparentem Glas, von Volumen und Durchblicken. Wie bestimmend letztlich

funktionelle Gründe sind, wird auch am Entwurf für das neue IBM-Zentrum in Wien

deutlich, wo ein höchst komplexes Raumprogramm mit hunderten, möglichst

gleichrangig zu behandelnden Einzelbüros und großen Abwicklungsflächen zu einer

Lösung mit großen, nach außen offenen Höfen geführt hat.

Die kleine Pfarrkirche Parsch in Salzburg (mit Friedrich Kurrent und Johannes Spalt;

1953-56), die - so Friedrich Achleitner - >erste moderne Kirche der Nachkriegszeit< in

Österreich, steht am Anfang der bisher realisierten etwa 20 Bauten. 1990 ist daraus eine

fast gleichgroße Zahl in Bau befindlicher oder vor Baubeginn stehender Projekte

geworden: Das Geschäfts- und Bürohaus der Winterthur-Versicherung an der Wiener

Ringstraße, das Zentrum für interdisziplinäre Studien (Biozentrum) der Johann Wolfgang

Goethe-Universität in Frankfurt, das Siemens-Verwaltungsgebäude in Linz, die Bank für

Kärnten und Steiermark in Klagenfurt, der Bürohauskomplex an der aufzuwertenden

Achse von der Wiener City über die Donau (Lasallestraße), mit Gebäuden für IBM und

die Zentralsparkasse und Kommerzialbank, zwei Villen (Haus Wetscher, Lans in Tirol

und Haus Schmid, Wien), die U-Bahn-Linie U3 in Wien. Wenn man neben diesem

Auftragsvolumen auch zur Kenntnis nimmt, wie optimistisch und mit leichter Hand

Wilhelm Holzbauer an neue Projekte herangeht (>Je verschiedener die Aufträge und

umso neuer für mich, desto lieberIm Idealfall sollte man etwas zweimal machen können

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