Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis vom 1.7.2012 ... - Alsterbund

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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis vom 1.7.2012 ... - Alsterbund

Evangelisch-Lutherische

Paul-Gerhardt Gemeinde

Hamburg-Winterhude

in der

E. Felix Moser

Pastor

Gottesdienst zum 4. Sonntag nach Trinitatis

1. Juli 2012

Predigttext: 1. Petrusbrief 3, 8-15:

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, demütig. Vergeltet

nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr

dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn «wer das Leben lieben und gute Tage

sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie

nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm

nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr

Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun» (Psalm 34,13-17). Und

wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet

um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen

und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

Liebe Gemeinde!

Der erste Petrusbrief gehört sicher zu den biblischen Schriften, die am mühsamsten zu lesen

sind. Immer wieder stockt man, liest die langen Sätze noch einmal, sucht man den roten Faden

nicht zu verlieren. Das geht schon bei der Anrede los: „Liebe auserwählte Fremdlinge!“

Fühlen Sie sich damit angesprochen? Ein wenig erinnert das an Postwurfsendungen in unseren

Briefkästen („an alle Bewohner des Hauses Braamkamp 20“ oder „an alle Hausbewohner,

die Strom sparen wollen“). Das soll den Eindruck erwecken, ich sei hier ganz persönlich

angesprochen, und doch entpuppt es sich meist als geschickter Werbetrick. Wer sich

persönlich angesprochen sieht, macht sich die Mühe, den Brief zu öffnen und zu lesen. Allzu

offensichtliche Werbung dagegen wandert meist gleich in den Papierkorb.

„Liebe auserwählte Fremdlinge“ – wer soll sich hier angesprochen fühlen? Ursprünglich sind

die Zeilen an Christen in Kleinasien gerichtet. Diese lebten in kleinen Gemeinschaften als

Minderheit in einem heidnischen Umfeld. Ständig wurden sie ihres Glaubens wegen verspottet,

angefeindet oder gar verfolgt. Tatsächlich erlebten sie sich als „Fremdlinge“, auch wenn

sie schon lange in ihrer Heimat lebten. Ihr Glaube hatte sie zu Fremdlingen gemacht; das

Bekenntnis zu Jesus Christus hatte die einschneidende Wirkung, dass man von einem Tag

auf den anderen seinem gesamten sozialen Umfeld fremd wurde. Das war nicht leicht auszuhalten,

zumal man sich ja noch nicht sicher sein konnte, ob die neue Gemeinschaft, die

kleine christliche Gemeinde, hinreichend Ersatz bot. In dieser Not will der Briefschreiber, der

sich Petrus (das heißt „Fels“!) nennt, Mut machen. Euer Glaube macht euch nicht nur zu

Fremdlingen; er macht euch auch und vor allem zu „Auserwählten“.

Ihr seid hineingenommen in die besondere Geschichte Gottes mit seinem Volk. Ihr seid Träger

einer besonderen Verheißung, zugleich gelten für euch andere Maßstäbe als für die

Menschen um euch herum. Die listet Petrus in langen Katalogen auf. In unseren Ohren klingt

das wenig originell. Nach zweitausend Jahren Christentum wissen wir, was von Christen


Evangelisch-Lutherische Seite 2 E. Felix Moser

Paul-Gerhardt Gemeinde

Pastor

Hamburg-Winterhude Predigt am 01.07.12

erwartet wird (mitleidig sein, brüderlich, barmherzig, demütig sein …) und wir setzen darauf,

dass das (theoretisch wenigstens) in unserer Gesellschaft Konsens ist. Vor zweitausend

Jahren sah das aber ganz anders aus. Im Kern will Petrus sagen: „Bleibt bei dem, was in

euch ist; bei der Lebensquelle, bei dem was euch als Christen ausmacht. Bleibt bei eurem

Glauben, also bei dem, was Christus in euch gelegt hat.“ Christen sollen sich als Auserwählte

bewähren. Die lange Liste von Ermahnungen soll eine Hilfe sein, den Alltag entsprechend

zu meistern.

Wenn ich nur die wenigen Verse unseres Predigttextes lese, habe ich schon den Eindruck:

das ist ein ganzer Katechismus! Da findet sich nahezu alles zur christlichen Lehre, die zehn

Gebote ebenso wie die Bergpredigt. Im Grunde genommen ließe sich über jeden einzelnen

Vers eine ganze Predigt halten. Da müssen wir also einen Schwerpunkt setzen.

Ein zweiter Blick in den Text zeigt mir: Den Schwerpunkt hat der Verfasser schon selbst gesetzt.

Die zehn Gebote werden nämlich nicht der Reihe nach abgehandelt; vielmehr rückt

das achte Gebot an oberste Stelle. Von „Scheltworten“ ist die Rede, vom „Hüten der Zunge,

dass sie nichts Böses rede und vom Hüten der Lippen, dass sie nicht betrügen.“ – Mag sein,

dass aktuelle Probleme der Anlass zu dieser Vorordnung waren; es mag aber auch sein,

dass Petrus vor allem das achte Gebot („nicht falsch Zeugnis reden“) für den Wert einer guten

Gemeinschaft betonen wollte.

Bald zweitausend Jahre nach ihm bestätigt sich das heute in ungeahnter Weise. Da ist (nicht

ohne Stolz) vom „Zeitalter der Kommunikation“ die Rede. Nie zuvor konnte man auf so

schnelle und vielfältige Weise kommunizieren wie heute. Den klassischen Brief gibt es schon

lange kaum noch; es wird ge-e-mailt und getwittert, was das Zeug hält, und das quer und

durch alle Kreise und Altersstufen. Das schafft, ohne Frage, viele Möglichkeiten.

Aber es birgt auch viele Gefahren. War ein Brief noch sorgfältig formuliert, gründlich überdacht,

vielfach verändert worden, bevor er versandt wurde, gilt jetzt in der elektronischen

Post das schnelle Wort. Das wird spontan formuliert und ebenso spontan versendet. Nicht

einmal der Empfänger lässt sich in jedem Fall exakt bestimmen. Einmal per Internet versendet,

steht das Wort für immer in der Welt und führt – oft genug – zu Missverständnissen und

Ärger. Und so ein Wort kann nicht mehr zurückgenommen werden, so sehr man es vielleicht

bereut. Besonders schnell verbreiten sich „böse Zungen“ und „Scheltworte“ in den virtuellen

sozialen Netzwerken. Stimmungsmache tritt da häufig an die Stelle sachlicher Information

und fairer Auseinandersetzung.

Über Facebook werden Menschen manchmal sogar Opfer übler Nachrede und Verleumdung,

ihre Persönlichkeitsrechte massiv verletzt. Ein Beispiel war die regelrechte Internet-

Hetzjagd im März nach der Ermordung eines Mädchens in Emden. Ein verdächtiger Teenager

war verhaftet worden. Bevor sich herausstellen konnte, dass er unschuldig war, hatte

sich übers Internet ein Mob formiert, zu allem bereit, selbst zur Lynchjustiz. Selbst nach erwiesener

Unschuld und Haftentlassung trauten sich der Betroffene und seine Familie nicht

zurück.

In kleinerer Münze haben wir es selbst erlebt in einer unserer Konfirmandengruppen. Ein

Mädchen wurde via Facebook gemobbt, zuerst nur von einer, dann von etlichen anderen.

Die Folgen waren schlimm. Sie fühlte sich minderwertig, mochte nicht mehr zur Schule gehen.

Hier konnte (Gott sei Dank) das Schlimmste verhindert werden. Es kam zum Gespräch,

die Verursacherin entschuldigte sich und versicherte glaubhaft, sie hätte nicht geahnt, dass

ihr schnell gesagtes Wort am Anfang eine derartige Wirkung entfalten würde.

Ich denke, hier zeigt sich besonders, wie eng Fluch und Segen im Internet beieinander liegen.

Umso aktueller ist die biblische Mahnung, Zunge und Lippen zu „hüten“. Eine böse Rede

ist tatsächlich wie eine böse Tat. Sie kann schlimme Folgen haben und einem Menschen

mitunter ein Leben lang anhaften.


Evangelisch-Lutherische Seite 3 E. Felix Moser

Paul-Gerhardt Gemeinde

Pastor

Hamburg-Winterhude Predigt am 01.07.12

Der Petrusbrief hält hier einen guten Rat bereit. Auf Scheltworte, sagt er, sollen wir mit einem

Segen reagieren. Das hat tatsächlich einen ganz direkten Bezug. Denn der griechischen

Wortbedeutung nach kann „segnen“ auch mit „gut reden“ oder „gut von jemandem sprechen“

übersetzt werden. Segnen heißt, Gutes im Menschen zu suchen, selbst wenn er Böses geäußert

hat. Segnen bedeutet auch, jemanden nicht an seinem Internetprofil zu messen, sondern

an Gottes unbedingter Liebe, und das dann auch weiterzusagen, sei es ganz direkt

oder per E-Mail oder Twitter.

Als Christen sind wir „auserwählte Fremdlinge“. Wir sehen: das gilt nicht nur für die Empfänger

des Briefes damals, es gilt auch für uns. Denn das, was andere „befremden“ mag, ist den

Christen selbstverständlich, etwa auch das achtsame Miteinanderumgehen in anonymer

Kommunikation. Aber nach seiner langen Liste von Forderungen und Erwartungen nennt

Petrus noch einen weiteren Punkt der Unterscheidung. „Fremd“ beziehungsweise „Fremdling“

sind wir auch im Blick auf unsere Zielrichtung: Woraufhin sind wir ausgerichtet?

Darauf würden (damals wie heute) die meisten mit einem Lebenstraum antworten, für die

meisten ein materielles Ziel. Missionare haben festgestellt, dass es in manchen afrikanischen

Sprachen gar kein Wort gibt, das ein Hoffen über diese Welt hinaus ausdrückt. Wie

sollte man da von christlicher Hoffnung predigen? Ein findiger Missionar hatte dann doch

eine Lösung. Für „hoffen“ fand er die Entsprechung: „durch den Horizont sehen“. Ich denke,

das passt ausgezeichnet.

Christlicher Glaube gehört immer zusammen mit der Vision von einem größeren Leben, einer

heileren Welt, einer auf Gott hin offenen Zukunft. Und Glauben enthält immer auch den

Schritt über die eigenen Grenzen hinaus. Für uns gibt es nicht den „hoffnungslosen Fall“; im

Gegenteil: Gott hält für uns ein Leben voller überraschender Möglichkeiten bereit. Und wir

dürfen gewiss sein, dass das bei ihm einst „rund“ wird, wie wir sagen. Dann, wenn wir nicht

mehr Fremdlinge sind, sondern Gottes Mitbürger und Hausgenossen.

Amen

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