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Presseheft als PDF - Arsenal

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Dokumentarfilm von Christo Bak<strong>als</strong>ki<br />

Deutschland / Bulgarien 2007 - 35mm - 94 Minuten - 1:1,66 – Farbe - 25 Bilder/Sek. – Dolby SR<br />

Kinostart Januar / Februar 2008


A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Eine Koproduktion von<br />

FILMCONTACT BERLIN, BOROUGH FILM, MA.JA.DE mit dem Mitteldeutschen Rundfunk<br />

gefördert durch<br />

Medienboard Berlin- Brandenburg<br />

Nationales Filmzentrum Sofia<br />

Mitteldeutsche Medienförderung<br />

mitfinanziert durch<br />

Hessen Invest Film<br />

Filmcontact Berlin<br />

Rykestr. 14, 10405 Berlin<br />

Tel. : 030 / 40 50 06-70, -71 – Fax: 030 / 40 50 06-72<br />

filmcontact@t-online.de<br />

www.ausgerechnet-bulgarien.com<br />

Weltvertrieb<br />

www.deckert-distribution.com<br />

im Verleih der<br />

Freunde der Deutschen Kinemathek e.V.<br />

Karl Winter<br />

Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin<br />

Tel. 030 / 269 55-100, -150 DW – Fax 030-269 55-111<br />

verleih@fdk-berlin.de<br />

www.fdk-berlin.de<br />

Pressebetreuung<br />

Sonja Dragova<br />

PUBLICITY<br />

Franziskanerstr. 34<br />

81669 München<br />

Tel. 089 / 48 95 33 2 2 – Fax 089 / 48 95 33 55<br />

dragova.publicity@dragaweb.de<br />

www.dragova-publicity.de<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Inhalt<br />

Impressum, Adressen Seite 2<br />

Gedanken zum Film Seite 4<br />

Mitwirkende im Film Seite 6<br />

Stab Seite 7<br />

Kurzinhalt, Inhalt Seite 10<br />

Angelika Schrobsdorffs Bücher Seite 12<br />

Produktionsnotizen Seite 13<br />

Christo Bak<strong>als</strong>ki – Regie und Produktion Seite 15<br />

Interview BERLINER ZEITUNG mit Angelika Schrobsdorff Seite 16<br />

Über Angelika Schrobsdorff, Kurzvita Seite 24<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Gedanken zum Film<br />

Die Achsen Podsdamer Platz, Anhalter Bahnhof, Grunewald, Bourgas, Plovdiv, Sofia, München und Jerusalem könnten das Drehbuch für einen<br />

historischen Thriller bilden. Den schillernden Suspense quasi von hinten aufzurollen, durch die Augen einer über die Länder und Kontinente verteilten<br />

Familie - dieses Konzept verfolgte Christo Bak<strong>als</strong>ki.<br />

Dabei wird das klassische Statement, dass alles Private politisch sei, neu belebt. Doch nichts Privates kann in Ruhe wachsen, wenn es von der<br />

Politik zerrissen wird.<br />

Eine großbürgerliche Familie in Berlin, der Vater Geschäftsmann, die Mutter aus gutsituiertem jüdischen Textilhändlerhaushalt, drei hoffnungsfrohe<br />

Kinder... und dann kommen die Nazis.<br />

Im letzen Moment gelingt es der Mutter mit den beiden Töchtern aus Berlin zu fliehen. Eine deutsche Jüdin rettet sich nach Sofia zu einer Zeit, in der<br />

für die meisten Berliner das Land „ Bulgarien“ noch weitgehend unbekannt war.<br />

Das Bulgarien von heute kennen wir alle aus den Medien und verbinden es mit vielfältigen Klischeebildern. Dabei gibt es das heldenhafte Bulgarien,<br />

das sich in der Nazizeit <strong>als</strong> einziges Land in Europa weigerte, seine jüdische Bevölkerungsminderheit den Vernichtungslagern der Nazis auszuliefern.<br />

Die Warmherzigkeit und Freundlichkeit seiner Bevölkerung ließ das entwurzelte junge Mädchen Angelika schnell wieder Fuß fassen.<br />

„In Deutschland wäre ich eine höhere Tochter geworden.“<br />

Doch nach der Rettung kam neue Diskriminierung, in Berlin waren sie „Juden“, in Bulgarien nach dem Krieg „Faschisten“.<br />

„Ausgerechnet Bulgarien“ zeigt eine Familie auf Identitätssuche zwischen den Kulturen.<br />

Worauf reagiert man emotional? Wo fühlt man sich zu Hause? Geht eine Familie daran kaputt, wenn sie zerrissen zwischen den Ländern und den<br />

Kulturen lebt?<br />

Wie ein überdimensionales Mikroskop richtet sich der Fokus des Regisseurs auf alle familiären Prozesse. Versöhnung, verpasste Momente, die<br />

Fähigkeit, die Schwächen des anderen zu ertragen... aus diesem Gemenge entsteht der „Duft einer Familie“.<br />

Befruchtet durch die Passage der Kultur und Länder entsteht ein Schriftstellerleben, das Angelika Schrobsdorffs.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Die charismatische Hauptfigur des Films ist die Dirigentin des Familienchors.<br />

„Ich glaube nicht an Zufälle.“, sagt Angelika Schrobsdorff, <strong>als</strong> ihr bei der Übersiedlung nach Berlin eine Wohnung in genau jenem Haus angeboten<br />

wird, das ihre Familie vor Ausbruch des Krieges gehörte. Eine die Verhältnisse nicht kennende Maklerin wird beinahe zur Schicks<strong>als</strong>fee. Die<br />

heimkehrende Schriftstellerin entscheidet sich letztlich jedoch für eine andere Wohnung.<br />

„...es ist gemütlicher in Deutschland zu sterben.“<br />

Eine Tante, „...nicht so wie die anderen...“, eine Schriftstellerin voller Lebenskraft. Eine Sphinx in Menschengestalt.<br />

Ein Dokumentarfilm, der keine aufbauschende Dramatisierung nötig hat. Er ist das Drama in sich.<br />

Sabine Könner<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Im Film wirken mit:<br />

Angelika Schrobsdorff<br />

Evelina Stanischeff<br />

Bettina Stanischeff<br />

Andrej Stanischeff<br />

Pentscho Pentscheff<br />

André Pentscheff<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Stab<br />

Buch und Regie :<br />

Regieassistenz:<br />

Produktion:<br />

Koproduktion:<br />

Kamera:<br />

Ton:<br />

Schnitt:<br />

Redaktion:<br />

Herstellungsleitung:<br />

Filmgeschäftsführung:<br />

Produktionsleitung Bulgarien:<br />

Aufnahmeleitung:<br />

Christo Bak<strong>als</strong>ki<br />

Gergana Voigt<br />

Christo Bak<strong>als</strong>ki<br />

Georgi Balkanski<br />

Wladimir Andreev<br />

Heino Deckert<br />

Rali Raltschev, Anton Bakarski<br />

Ivaylo Natzev, Jörg Theil, Neno Nenov, Barbara Kasher<br />

Gergana Voigt<br />

Beate Schönfeldt (MDR)<br />

Susa Kusche<br />

Heike Günther<br />

Wesselin Ditschev<br />

Eva Bakardschieva<br />

Niya Yakimova<br />

Anika Grewe<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Musikauswahl und Tongestaltung:<br />

Tonschnitt und Tongestaltung:<br />

Mariana Walkanova<br />

Jörg Theil<br />

Kinomischung:<br />

TV und DVD Mischung:<br />

Kameraassistenz:<br />

Materialassistenz:<br />

Licht:<br />

Standfotografie:<br />

Technische Unterstützung:<br />

Avid:<br />

Online Schnitt:<br />

Farbkorrektur:<br />

Titeldesign:<br />

Ivailo Natzev<br />

Michael Kaczmarek<br />

Markus Otto<br />

Martin Balkanski<br />

Benjamin Raeder<br />

Julian Atanassov<br />

Anika Grewe<br />

Konstantin Wladimirov<br />

Iwan Markov<br />

Orlin Karabelov<br />

LIVING FILMS<br />

Valesca Peters<br />

Vera Jeske<br />

Natalie Maximova<br />

Postproduktion: cine +<br />

Kinokopie, 35 mm Filmbelichtung<br />

Pictorion Das Werk<br />

Andreas Schellenberg<br />

Ralf Wacker<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Gerhard Spring<br />

Studio Babelsberg<br />

Wilfried Fehling<br />

Musikberatung:<br />

Dramaturgische Beratung:<br />

CINESONG<br />

Milena Fessmann und Michael Beckmann<br />

Susanne Worch<br />

Christina Schachtschabel<br />

Lektorat: Jan Franksen †<br />

Produktionsassistenz:<br />

Buchhaltung:<br />

Produktionssekretariat:<br />

Übersetzung:<br />

Voice Over:<br />

Verpflegung und Transport:<br />

Produktionsfahrer:<br />

Susanne Worch<br />

Christina Nikolova<br />

Niya Yakimova<br />

Anika Grewe<br />

Katja Gerova<br />

Gabriele Nowak<br />

Margarita Aneva<br />

Beatrix Wieczorek<br />

Vera Nikolowa Wilschewski<br />

Katherine Vanovitch<br />

Ben Vanovitch<br />

Sabine El Sayegh<br />

Mirella Lingorska<br />

Vesselin Schopov, Susanne Worch<br />

Maria Boshilova<br />

Alexander Oranski<br />

Mitko Boshilov<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Georgi Kertov<br />

Kurzinhalt<br />

Die ganz private Geschichte einer Familie kann derart exemplarisch sein für die Entwicklung und den Zustand der Gesellschaft, in der sie existiert,<br />

dass ein aufmerksamer Blick in die Familienchronik imstande ist, den Zuschauer ganze Epochen nacherleben und – empfinden zu lassen. Der Film<br />

erzählt die Familiengeschichte der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Fast ist es so, <strong>als</strong> würden die Protagonisten aus ihren Büchern ein<br />

Eigenleben entwickeln und so die Seiten beleuchten, die wir nicht in den Büchern nachlesen können. Diktaturen, Kalter Krieg, Mauerfall und<br />

Nahostkonflikt haben entscheidende Veränderungen im Leben der Familie bewirkt. Der Schwerpunkt liegt auf Ereignissen, die nach der Flucht 1939<br />

aus Berlin begannen und in Bulgarien stattfanden.<br />

Inhalt<br />

Dieser Dokumentarfilm über die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff erzählt die ganz private Geschichte einer Familie, die dennoch exemplarisch<br />

für die Entwicklung und den Zustand der Gesellschaft steht, in der sie stattfindet.<br />

Angelikas jüdische Mutter flüchtet 1939 in eine Scheinehe mit einem Bulgaren, um Deutschland mit ihren beiden Töchtern verlassen zu können. Sie<br />

leben in Sofia bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Während Bettina, die ältere der beiden Töchter, in Bulgarien heiratet, zwei Kinder bekommt und<br />

bleibt, wandert Angelika Schrobsdorff durch die Welt. Doch beide bleiben auf unterschiedliche Weise heimatlos.<br />

Die während zweier Diktaturen mit ihren Bedrohungen und Diskriminierungen entstandenen Brüche und Risse haben die Familie über drei<br />

Generationen geprägt. Davon zeugt ihre Identitätssuche zwischen jüdischem, deutschem und später auch bulgarischem Erbe. Erst Bettinas Enkel<br />

hat vielleicht die Chance, unbefangen mit seinen Wurzeln umzugehen und die ganz normalen Wege seiner Altergenossen zu beschreiten.<br />

Angelika Schrobsdorff erinnert sich an ihre Schulzeit in Bulgarien und die Jahre danach, an die Lebensumstände der Familie, die aus gutbürgerlichen<br />

Verhältnissen in eine Situation allgegenwärtiger Bedrohung geworfen wurde. Sie lässt den Zuschauer die doppelte Angst mitempfinden, der man in<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Bulgarien <strong>als</strong> Jüdin während des Krieges und <strong>als</strong> Deutsche nach dem Krieg ausgeliefert war. Sie sucht die Orte von dam<strong>als</strong> auf und trifft ehemalige<br />

Klassenkameradinnen. Auch in Berlin geht sie auf Spurensuche. Geradezu makaber mutet es an, dass man ihr die Wohnung ihrer Kindheit zum Kauf<br />

anbot - in dem Haus, das einst ihrem Vater gehörte und den Krieg offensichtlich unversehrt überstanden hat.<br />

Die zurückhaltende Aufmerksamkeit des Fragenden, der seinen Protagonisten nie zu nahe tritt, und die diskrete Kameraführung erlauben einen Blick<br />

in die innere und äußere Problematik einer Familie, die alles Vertraute und Gewohnte hinter sich lassen musste, um das nackte Leben zu retten. Der<br />

Film führt einmal mehr vor Augen, wie tief die Begebenheiten der großen Geschichte in das Leben des Einzelnen eingreifen und wie lange die<br />

Erschütterungen nachwirken. Und einmal mehr ist zu erkennen, dass die vermeintlich große Geschichte aus vielen kleinen Geschichten besteht.<br />

Behandelt wird auch eine Seite des Verhältnisses zwischen den beiden Völkern, die hierzulande nahezu in Vergessenheit geraten ist. Bulgarien,<br />

obwohl im Zweiten Weltkrieg lange auf der Seite Deutschlands, hat sich der Deportation und Ermordung seiner jüdischen Bürger widersetzt. Dass es<br />

auch Verfolgten von außen Zuflucht bot, erfahren wir durch die Erzählungen der Protagonisten. Und ganz nebenbei bringt uns der Film ein Land<br />

näher, das seit kurzem Mitglied der EU, vielen aber nur von den Urlaubsorten an der Schwarzmeerküste bekannt ist.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Die Bücher<br />

Veröffentlichungen Angelika Schrobsdorffs (dtv Verlag)<br />

Die Herren (1961)<br />

Der Geliebte 1964<br />

Diese Männer (1966)<br />

Spuren (1966)<br />

Die kurze Stunde zwischen Tag und Nacht (1978)<br />

Die Reise nach Sofia (1983), mit einem Vorwort von Simone de Beauvoir<br />

Das Haus im Niemandsland oder Jerusalem war immer eine schwere Adresse (1989)<br />

Du bist nicht so wie andre Mütter (1992)<br />

Jericho: Eine Liebesgeschichte (1995)<br />

Grandhotel Bulgaria: Heimkehr in die Vergangenheit (1997)<br />

Von der Erinnerung geweckt (1999)<br />

Wenn ich Dich je vergesse, oh Jerusalem (2002)<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Produktionsnotizen<br />

Der schon länger erwartete Dokumentarfilm über die Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff und ihre Familie galangt nun endlich zum Kinostart! Lang<br />

erwartet, weil die Vorbereitung des Films in Deutschland und Bulgarien mehr <strong>als</strong> fünf Jahre in Anspruch genommen hat.<br />

Regisseur Christo Bak<strong>als</strong>ki betritt geduldig und vorsichtig Seelenterritorien, die üblicherweise durch Stahlgitter der Privatheit geschützt sind. Die<br />

Zuschauer werden zu Zeitreisenden, die durch die genaue Beobachtung der Tragik der Umstände tief eintauchen in den Kosmos von Verfolgung<br />

und Bedrohung. Schwärende Wunden, aber auch der Glaube an eine bessere Welt werden sichtbar.<br />

Eine weltbekannte Autorin lässt im Verlauf einer weiten Reise die Zeit um 1939 aufleben, <strong>als</strong> ihre Mutter, eine deutsche Jüdin, vor den Nazis fliehen<br />

musste. Legitimiert durch eine fiktive Ehe kann sie sich in Bulgarien niederlassen. Das weitere Schicksal ihrer beiden Töchter, die sie mitgenommen<br />

hat, verläuft sehr unterschiedlich. Während sich die Ältere, Bettina, in Bulgarien fest ansiedelt, reist die jüngere um die Welt.<br />

Ihre letzte Station ist Berlin, denn dort „... ist es gemütlicher zu sterben“.<br />

Doch Angelika Schrobsdorff ist noch sehr vital. Charismatisch und von spürbarer Intelligenz schreitet sie durch ihr neugefundenes Domizil am<br />

Grunewald, dem Teil Berlins, in dem sie auch geboren und aufgewachsen ist.<br />

Die Tochter und der Sohn Bettinas stehen Angelika sehr nahe. Evelina und André sind neben ihrer berühmten Tante die Hauptprotagonisten in<br />

diesem Film. Geteilt durch Ländergrenzen und manchmal auch durch Kontinente, können sie ohne einander nicht leben.<br />

Vom Nazideutschland bis in die heutige Zeit, von der Herzlichkeit der bulgarischen Mitschülerinnen in den Vierziger Jahren und später den<br />

Absurditäten des bulgarischen kommunistischen Regimes zeichnet der Film ein breites Panorama des 20. Jahrhunderts.<br />

Die Autorin von „ Du bist nicht so wie andere Mütter“, „Grand Hotel Bulgaria“ und „ Die Reise nach Sofia“ kehrt in ihr Exilland zurück, um ihre<br />

Freundinnen aus der Schulzeit in Sofia zu treffen, die Verwandten der Familie Stanischeff in Bourgas zu besuchen und in Plovdiv ihren Neffen<br />

André zu sehen, der <strong>als</strong> Kunstmaler arbeitet. Zu ihrer Nichte Evelina, einer angesehenen Ärztin, hat sie ein inniges Verhältnis.<br />

Die Brüche und die Konflikte, die Jahre voller Drohungen und Verfolgung haben tiefe Spuren bei allen drei Generationen dieser Familie hinterlassen,<br />

davon zeugt ihre Identitätssuche zwischen jüdischem, deutschem und bulgarischem Erbe.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Der Film führt einmal mehr vor Augen, wie tief die Begebenheiten der großen Geschichte in das Leben des Einzelnen eingreifen und wie lange die<br />

Erschütterungen nachwirken. Und einmal mehr ist zu erkennen, dass die vermeintlich große Geschichte aus vielen kleinen Geschichten besteht.<br />

Photographiert wurde der Film von Rali Raltschev („Luna Papa“, „Samsara“ und „Erste Ehe“), Produktion, Regie und Drehbuch lagen in den Händen<br />

von Christo Bak<strong>als</strong>ki („Berlin dreams“, „Donnergrollen“).<br />

Gefördert wurde „ Ausgerechnet Bulgarien“ von der Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH, dem bulgarischen Nationalen Filmzentrum und der<br />

Mitteldeutsachen Medienförderung GmbH. Mitfinanziert wurde er von Hessen Invest Film, koproduziert von Borough Film Sofia, MaJaDe Leipzig<br />

und dem Mitteldeutschen Rundfunk.<br />

„...Jeder Mensch ist eine ganze Welt.“ (Angelika Schrobsdorff)<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Rykestrasse 14<br />

10405 Berlin<br />

tel 030-40500 670<br />

fax 030-40500 672<br />

filmcontact@t-online.de<br />

Christo Bak<strong>als</strong>ki<br />

Regie und Produktion<br />

geb. 28.9.1953 in Sofia, Bulgarien<br />

AUSBILDUNG Germanistikstudium Leipzig Abschluss 1978<br />

BESCHÄFTIGUNG bis 1989 in verschiedenen Filmproduktionen <strong>als</strong> Produktionsleiter und ausführender Produzent sowie Arbeit <strong>als</strong> freier Übersetzer,<br />

Fotograf und Festivalbetreuung Berlinale;<br />

1990 Gründung der eigenen Firma Filmcontact Berlin;<br />

1998 Berufung zum Institutsleiter des Bulgarischen Kulturinstituts in Berlin;<br />

2002 Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit mit der Produktionsfirma Filmcontact Berlin;<br />

SPRACHEN<br />

Deutsch, Bulgarisch, Englisch, Russisch<br />

Verheiratet, Vater von drei Kindern<br />

FILMOGRAPHIE BUCH, REGIE, PRODUKTION, KOPRODUKTION<br />

1990 BERLIN DREAMS; Beta, 54 min, Buch, Regie und Produktion<br />

Gesendet SWR, BNT (Bulgarian National TV), Ankauf durch Goethe Institut<br />

Festiv<strong>als</strong>: Freiburger Videofestival, Potsdamer Filmfest, Prix Futura Berlin<br />

1991 FREYGANG; Beta, 4 min, Musikclip, Regie und Produktion<br />

1991 DIE ACKERFLÄCHEN; Beta, 15 min, Buch und Regie im Auftrag des<br />

Berliner Bezirksamtes Weissensee<br />

1992 VOLLENDEN UND AUFBRECHEN; Beta, 15 min, Buch, Regie und Produktion<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

1993 DIE ZITADELLE; 35mm, 28 min, Dokumentarfilm, Produktion, gesendet von Canal+ Frankreich, Canal+ Belgien, TV 5, BNT<br />

Festivalbeteiligungen: Rotterdam, Graz, Selb, Potsdam,<br />

Preise: DEFA-Dokumentarfilmpreis auf dem Filmfest Potsdam<br />

1993 MURDERSTORIES; 35 mm, 43 min; Dokumentarfilm, Produktion, gesendet von BNT<br />

Festivalbeteiligungen: Vue-sur-les-docs Marseille, Mannheim, Varna<br />

Preise : Goldene Rose in Varna für den besten Film nach der Wende<br />

1994 88 ODER 00; Beta, 28 min, Buch, Regie und Produktion im Auftrag der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung<br />

1995 THE ROAD TO EUROPE; 16 mm, 52 min, Dokumentarfilm in Koproduktion mit Canal+ und Lapsus Film Paris<br />

Festivalbeteiligung: Pessac und Varna<br />

1996 THUNDERING STONES; 35 mm, 116 min, Spielfilm <strong>als</strong> federführender Produzent in Koproduktion mit Zelie Film Paris, gesendet<br />

von BNT<br />

Festivalbeteiligungen: 46. Berliner Filmfestspiele Internationales Forum, Strasbourg, Selb, Varna, Calcutta, Montreal, Quebec<br />

City, Minneapolis/St. Paul, Belfort<br />

1997 MIRUPAFSHIM; 35mm, 120 min, Koproduktion <strong>als</strong> minoritärer Produzent mit Ch. Voupouras, Griechenland und TVS, Zypern<br />

gefördert durch EURIMAGES<br />

Festiv<strong>als</strong>: Thessaloniki<br />

1998 TUVALU; 35mm, 120 min, Veit Helmer Filmproduktion, Koordination Bulgarien;<br />

2002 UNSER AUSLAND 10 Experten aus 10 Ländern - und was ihnen hierzulande auffällt; Videoausstellung von Dorothee Wenner,<br />

120 min, Produktion Eins - Cine Plus, Experte<br />

2003-2006 AUSGERECHNET BULGARIEN, 35mm, 93 min. Buch, Regie und Produktion, Koproduktion mit Borough Film, MA JA De und<br />

dem MDR<br />

FERNSEHFILME / MITARBEIT IN KOPRODUKTIONEN ALS AUSFÜHRENDER PRODUZENT&PRODUKTIONSLEITER<br />

DIE ERBEN VON AL CAPONE im Auftrag des MDR; THE DOUBLE LIFE OF ANNANI J., 35 mm im Auftrag von ARTE mit Bipa Film;<br />

REICHSEINSATZ 16 mm und BAHNHÖFE EUROPAS Beta, Lichtfilm Hamburg; GENERIQUES DOCUMENTAIRES, Beta im Auftrag von ARTE;<br />

THE FINAL KICK, Beta <strong>als</strong> Koproduzent von Lichtblick Köln u.a.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Es stirbt sich bequemer in Berlin<br />

Die jüdische Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff ist aus Jerusalem in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Ein Gespräch.<br />

24.02.2007<br />

Thomas Knauf<br />

Frau Schrobsdorff, "Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem", heißt Ihr jüngstes Buch. Nach fast einem Vierteljahrhundert in 'El Kuds', der Schönen,<br />

packten Sie Ihre Koffer und zogen nach Berlin um. Um Jerusalem doch zu vergessen und in der Stadt Ihrer Kindheit neu anzufangen?<br />

Ich würde Jerusalem gern vergessen, aber ich werde es nicht können. Ich habe es nicht verlassen, um in Berlin ein neues Leben anzufangen,<br />

sondern ein altes Leben zu beenden.<br />

Sie haben eine Wohnung unweit Ihres Elternhauses im Grunewald genommen. Ist das nur ein Zufall? Oder Konsequenz einer späten Rückkehr nach<br />

früherer Vertreibung <strong>als</strong> Jüdin?<br />

Es war mir gar nicht bewusst, dass sich meine neue Wohnung in der Nähe des Johanna-Platzes befindet, wo ich nach etlichen Umzügen zuletzt mit<br />

meinem Vater lebte. Von dort ging ich mit meiner jüdischen Mutter und meiner Schwester 1938 ins bulgarische Exil. Ich erinnere mich nicht gern<br />

daran und möchte lieber an einen Zufall glauben, <strong>als</strong> an irgendeine Fügung, einen tieferen Zusammenhang.<br />

Sehen Sie es <strong>als</strong> Ironie der Geschichte oder <strong>als</strong> Pluszeichen deutscher Verhältnisse an, dass Juden aus aller Welt, sogar und gerade aus Israel,<br />

wieder gern in Berlin leben, trotz 600 Neonazis und<br />

600 000 Moslems?<br />

Dass heute nicht wenige Juden aus Israel in Berlin leben, empfinde ich, auch in meinem Fall, <strong>als</strong> traurig. Die "Jecken", deutsche Juden, die vor oder<br />

während der NS-Zeit emigrierten, sind dem Heimweh und der Sehnsucht nach der Kindheit gefolgt, weil sie Berlin sehr geliebt haben. Ihre Kinder<br />

und Enkel haben ein weniger belastetes Verhältnis zu dieser Stadt. Die Jugend will vor allem besser leben, ohne militärischen, religiösen und<br />

finanziellen Druck, dem sie in Israel ausgesetzt ist. Sie haben meist eine oberflächliche Sicht auf Berlin, gehen gern ins KaDeWe oder reichlich und<br />

billig essen. Neonazis und Muslime sind für amerikanische Touristen, die in die Stadt kommen, interessant. Junge Israelis interessieren sich eher für<br />

blonde Frauen und Shopping.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Fühlen Sie sich bedroht in Berlin, oder geht es Ihnen wie den süddeutschen Touristen am Prenzlauer Berg, die enttäuscht Ausschau nach jungen<br />

Männern mit Bomberjacke und Springerstiefeln halten?<br />

Ich halte die Neonazis für eine unglückselige Gattung dummer Kerle, die mit Gewalt in die Medien wollen. Ich hoffe, nicht mit ihnen in Berührung zu<br />

kommen. Bedroht habe ich mich nur einmal gefühlt, nach dem Endspiel der Fußballweltmeisterschaft. Ich saß mit einer Freundin auf dem Kudamm<br />

im Autostau fest, umringt von kreischenden, fahnenschwenkenden Horden. Doch das waren keine Neonazis, sondern biedere, deutsche Bürger, die<br />

ihr aufgestautes Selbstvertrauen wiedergefunden hatten.<br />

Dann fahren Sie wohl lieber Taxi, obwohl die hiesigen "Droschkenkutscher" selbst für hartgesottene Berliner oft zu schlecht gelaunt oder zu<br />

mitteilsam sind.<br />

Ach, ich fahre eher selten Taxi. Und bisher hatte ich immer Glück, auf besonders nette Fahrer zu treffen, mit denen ich mich gut unterhielt. Vor allem<br />

leiden sie nicht unter Political Correctness.<br />

Sie scheinen eine große Tierfreundin zu sein, Ihre Wohnung ist voll mit Katzenbildern, Plüsch- und Blechtieren. Lieben Sie die Tiere mehr <strong>als</strong> die<br />

Menschen?<br />

Als ich fünf Jahre alt war, hängte ich den Spruch "Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere" über mein Bett. Keine Ahnung, woher ich den<br />

hatte. Weil ich, Gott sei Dank, die Menschen dam<strong>als</strong> noch nicht kennen konnte, rief mein absolut ernst gemeintes Lebensbekenntnis bei den<br />

Erwachsenen Gelächter hervor. Jetzt, da ich die Menschen allzu gut kenne, liebe ich die Tiere umso mehr. Besonders Lemuren, jene bildschönen,<br />

stolzen Halbaffen aus Madagaskar, die von den ängstlichen Römern der Antike <strong>als</strong> Gespenster der Toten gefürchtet wurden.<br />

Sie sind mit drei Jerusalemer Straßenkatzen nach Berlin umgezogen. Eine lief gleich weg, die beiden anderen rotten die Wilmersdorfer Mäuse aus,<br />

scheinen sich <strong>als</strong>o gut eingelebt zu haben. Wie ist es mit Ihnen?<br />

Auch wenn meine Katzen Mäuse fangen und ich mit Vorliebe Flusskrebsschwänze esse, haben wir uns weder kulturell noch klimatisch eingelebt. Ich<br />

fürchte, wir brauchen weniger Kultur und mehr Sonnenlicht.<br />

Was stört Sie am heutigen Berlin, was gefällt Ihnen?<br />

Die mit Amerikanismen durchsetzte Sprache und dämliche Werbung wie "Shoppen ohne stoppen" stören mich, welche allzu plakativ die sprachlich<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

und moralisch verhunzten Bedürfnisse der deutschen Gesellschaft widerspiegeln. Besonders gefallen mir die Berliner Hunde, die, ob groß oder klein,<br />

einen wohlgenährten, gepflegten Eindruck machen und dennoch ausgesprochen natürlich wirken. Was man von ihren Herrchen und Frauchen kaum<br />

behaupten kann.<br />

Vermissen Sie Jerusalem?<br />

Ich vermisse die Vitalität und den Humor der Menschen, der sich in der israelischen Politik leider nicht mehr findet. Ich vermisse meine schöne<br />

Wohnung in Abu Tor, den Himmel über der Judäischen Wüste, die Olivenhaine von Jericho. Alles andere vermisse ich keineswegs.<br />

Ihre Romane "Jerusalem, war immer eine schwere Adresse" und "Jericho" fanden in Deutschland eine große, auch junge Leserschaft. Auf Hebräisch<br />

sind sie bis jetzt nicht erschienen. Warum nicht?<br />

In Israel bin ich eine Nestbeschmutzerin und Querulantin, mit einer jüdischen Mutter, die ihr Judentum verraten hat. Meine Bücher sind des<br />

israelischen Volkes unwürdig, aber ausgerechnet das Buch über meine Mutter wurde ins Hebräische übersetzt. Die Kritik hat es nicht <strong>als</strong><br />

Bereicherung der jüdischen Literatur angesehen.<br />

Sie galten in Israel nicht <strong>als</strong> Friedensaktivistin, da Sie sich in die Politik "nur" literarisch, wenn auch propalästinensisch einmischten.<br />

Wissen Sie, wenn man <strong>als</strong> Jude nicht eindeutig Stellung für Israels Politik bezieht, ist man automatisch ein Nestbeschmutzer. Mir ging es aber nie um<br />

die Palästinenser, deren Kultur und Mentalität mir ausgesprochen fremd, in vielen Punkten gar unsympathisch sind. Es geht mir einzig und allein um<br />

Gerechtigkeit. Ich würde jedem unterdrückten Volk <strong>als</strong> Stimme zur Verfügung stehen, wenn ich noch die Kraft hätte. Als Friedensaktivistin tauge ich<br />

insofern nicht, weil ich die Sprache der Politik nicht beherrsche und vor der geringsten Grobheit oder Vereinfachung der Dinge zurückschrecke. Ich<br />

bewundere die jüdischen Frauen, die sich an die Checkpoints stellen, um die israelischen Soldaten daran zu hindern, die Palästinenser zu<br />

schikanieren. Ich halte ihre zweifellos mutigen Bemühungen jedoch nur für einen Tropfen auf den heißen Stein. Eine gerechte Lösung wird es<br />

dadurch kaum geben, solange beide Seiten nicht den ersten Schritt in Richtung Frieden gegen Land und vor allem Wasser gehen. Ich glaube, ich<br />

werde das nicht mehr erleben.<br />

Warum sind Sie nicht ein bisschen religiös, wo viele gerade im Alter Gott wie einen Versicherungsvertreter für die Ewigkeit aufsuchen?<br />

Wenn man lange in Jerusalem lebt, verfällt man entweder dem religiösen Wahn oder man wird antireligiös. Für mich kam nur die zweite Möglichkeit<br />

in Frage. Obgleich ich, wenn ich es bräuchte, lieber in die Kirche rennen würde, <strong>als</strong> auf den Jahrmarkt der Esoterik. Dort verkauft man Anleihen auf<br />

die Wiedergeburt, ich aber will unter keinen Umständen auf diese Welt zurückkehren.<br />

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Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Worüber können oder wollen Sie in Berlin schreiben?<br />

Das hängt davon ab, ob ich überhaupt noch die Kraft zum Schreiben aufbringe. Zur Zeit sieht es nicht danach aus.<br />

Rührt die Schreibkrise daher, dass Sie erst spät heimgekehrt sind und das Gefühl haben, nicht mehr teilzunehmen am Leben der Berliner, "denen die<br />

Energie aus den Augen spritzt wie der Saft aus einer Apfelsine", wie es Erich Kästner einmal ausgedrückt hat? Oder liegt es an Berlin, wie es Robert<br />

W<strong>als</strong>er sah: "Der ideale Ort, um der Banalität des Lebens auf die Spur zu kommen"?<br />

Wohin hätte ich heimkehren können? Das Berlin meiner Kindheit gibt es nicht mehr. Ich glaubte, glaube es noch immer, keine andere Wahl zu<br />

haben. Es stirbt sich bequemer in Berlin und leichter in der eigenen Sprache, wenn man schreibt. Dass ich keine Lust mehr auf Leben habe, daran ist<br />

diese Stadt nicht schuld. Es würde mir überall genauso gehen, außer vielleicht weit weg von allem, in der von Menschen unberührten Natur.<br />

Ihre Leser erwarten von Ihnen den großen Altersroman, etwas in der Art Ihres Freundes Gregor von Rezzori, der sich mit "Greisengemurmel" vom<br />

Leben verabschiedete.<br />

Ich brauche nicht darüber nachzudenken, was "Sterben" oder "Bettpfanne" heißt. Meine Wohngegend, die total überaltert ist, bietet mir alle<br />

erdenklichen Senioreneinrichtungen und das Abstellgleis, auf dem man gemütlich das Ende abwarten kann. Was will man mehr? Vielleicht schreibe<br />

ich ja noch ein Buch, aber sicher nicht über das Gemurmel einer Greisin.<br />

"Schreiben oder Leben" heißt ein Buch von Jorge Semprun. Was ist Ihnen wichtiger, nachdem Sie ein Dutzend Bücher veröffentlichten und 23 Jahre<br />

in einem Krieg zwischen Juden und Arabern lebten, den man höflich Konflikt nennt?<br />

Ich wusste nie, ob ich lebe, um zu schreiben, oder schreibe, um zu leben. Jetzt, wo ich seit drei Jahren unfähig bin, auch nur eine Postkarte zu<br />

schreiben und mich, auf Deutsch gesagt, beschissen fühle, denke ich, dass ich ohne Schreiben keine Lebensberechtigung mehr habe.<br />

Sie hatten in Jerusalem ein offenes Haus für Freunde und Fremde. In Berlin kennt, außer der Putzfrau und Ihrer bulgarischen Großfamilie, kaum<br />

jemand Ihre Adresse.<br />

Stimmt, ich hatte auf der Grenze zwischen Ost-und Westjerusalem ein großes Haus und jede Menge Bekannte. Besonders während der ersten<br />

Intifada, das war eine hoffnungsvolle Zeit. Ich war endlich aus meinen Heile-Welt-Träumen erwacht, die ich in Jerusalem zu verwirklichen geglaubt<br />

hatte. Ich stürzte mich dann kopfüber ins andere Extrem - die kaputte palästinensische Welt. Meine Wirklichkeit wurden die Palästinenser,<br />

Vertriebene wie ich, nur dass die Vertreiber Juden waren. Aus dem Gefühl der Gerechtigkeit hob ich die Palästinenser auf ein Podest, wo sie nicht<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

hingehören, weil sie weder edler noch vernünftiger <strong>als</strong> Juden sind, aber ärmer und verzweifelter. Ich suchte in einer Art infantiler Zwangshandlung<br />

etwas Größeres und Besseres <strong>als</strong> das, wie ich Israel erfuhr, obwohl ich weder religiös noch zionistisch bin. Ich landete unweigerlich in einem Haufen<br />

Scherben. Jetzt, wo ich nichts mehr habe, das sich auf ein Podest stellen ließe, bin ich restlos geheilt und sitze in Berlin auf dem Scherbenhaufen<br />

meines Lebens.<br />

Sie kommen mir vor wie der Bergsteiger, der auf dem Mount Everest steht und jammert, dass sein Leben keinen Sinn mehr hat, weil es keinen<br />

höheren Berg zu bezwingen gibt. Sie sind eine bekannte Schriftstellerin, mit 79 Jahren einigermaßen gesund und bei klarem Verstand. Warum<br />

zeigen Sie, entgegen manchen reemigrierten Literaten, wenig Medienpräsenz?<br />

Ich habe zur heutigen Welt nichts Erbauliches zu sagen. Wer will denn schon eine negative, verschlossene alte Frau sehen? Ich bin auch keine<br />

"rückemigrierte" Literatin, die <strong>als</strong> jüdisches Opfer in Erscheinung treten muss, um gehört, beziehungsweise gelesen zu werden. Ich will meine Ruhe,<br />

finde sie aber nicht, weil Journalisten wie Sie auch irgendwie leben müssen.<br />

Ich wollte nicht warten, bis ich einen Nachruf auf Sie schreiben darf.<br />

Na bitte.<br />

Warum zogen Sie nach zwanzig Jahren in München und elf Jahren in Paris Jerusalem <strong>als</strong> Lebensmittelpunkt vor?<br />

Ich glaubte, dort eine neue Heimat zu finden und habe sie anfangs auch gefunden, aber wieder verloren. Jetzt suche ich keine mehr.<br />

In München waren Sie alleinerziehende Mutter und Skandalautorin mit Ihrem ersten Buch "Die Herren", das zeitweilig verboten war. Wie kam das?<br />

Anfang der sechziger Jahre war es ein Skandal, <strong>als</strong> Frau über die intimen Erfahrungen mit Männern zu reden. Ich habe meinen ersten Roman nicht<br />

im Hinblick auf eine Veröffentlichung geschrieben, sondern zu meiner Befreiung und Rettung. Die "Herren" wurde vom Bayerischen Innenministerium<br />

<strong>als</strong> jugendgefährdend und antisemitisch verboten. Die Begründung für das Verbot: <strong>als</strong> Jüdin und Ich-Erzählerin würde ich mich derart negativ<br />

schildern, dass es Antisemitismus beim Leser herausfordere.<br />

Klingt, <strong>als</strong> wenn man dem Fotografen August Sander vorwürfe, ein Nazi zu sein, weil er SS-Männer porträtierte und damit berühmt wurde.<br />

Wie dem auch sei, mein Verlag erwirkte die Aufhebung des Verbots, das Buch wurde ein Bestseller und ich konnte mir einen alten VW-Käfer plus<br />

einem matronenhaften, schwarzen Persianermantel leisten. Ehrlich und kompromisslos zu schreiben lohnt sich eben doch.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

In Paris waren Sie mit dem Filmemacher Claude Lanzmann zusammen und gehörten zum Kreis von Sartre/Beauvoir. War es für Sie eine glückliche<br />

Zeit?<br />

Im Gegenteil. Denn ich hatte Claude, wie Jerusalem, wo wir uns begegneten, auf das höchstmögliche Podest gestellt, und in Paris krachte es<br />

zusammen. Ich wollte mit meinem jüdisch-französischen-intellektuellen Geliebten in meinem Zuhause glücklich werden, doch er war durch und durch<br />

Pariser und empfand Israel <strong>als</strong> eine Zumutung. Ich glaubte, ihn mehr zu lieben <strong>als</strong> Jerusalem, was ein Irrtum war, und folgte ihm in die "Stadt der<br />

Liebe". Sie war mir nicht wohl gesonnen und ich ihr auch nicht. Vier Jahre später heirateten wir, und das war der Anfang vom Ende unserer Liebe.<br />

Von da an war Claude mit seinem Film "Shoah" verheiratet und ich mit meiner Perserkatze Deborah. Neun Jahre später trennte ich mich von meinem<br />

Mann und Paris, wieder viel zu spät, und ging zurück nach Jerusalem.<br />

Ihre Freundschaft mit Simone de Beauvoir brachte Ihnen immerhin soviel Glück, dass die berühmte Autorin des "Anderen Geschlechts" das Vorwort<br />

zu Ihrer grandiosen Erzählung "Die Reise nach Sofia" schrieb.<br />

Ich war keine Freundin von Simone de Beauvoir, denn sie war nicht der Typ Frau, den ich mochte. Ihre Bücher, bis auf zwei ziemlich unbekannte,<br />

gefielen mir auch nicht. Sie war mir gegenüber sehr zuvorkommend, bis ich Claude heiratete. Man wurde in der Familie Sartre/Beauvoir <strong>als</strong> Geliebte<br />

des einen oder Geliebter der anderen akzeptiert, solange man dort "ungebunden" und "ehrlich" lebte. Man durfte alles, nur nicht heiraten.<br />

Stattdessen "adoptierte" man auch die Geliebte eines Ex-Geliebten von Madame, denn Claude gehörte zur Familie. Ich habe nie so ein infames<br />

Lügennetz erlebt und wollte unter keinen Umständen dazugehören. Trotzdem danke ich der Beauvoir von ganzem Herzen, dass sie das Vorwort zu<br />

meinem Buch "Die Reise nach Sofia" schrieb. Es erschien zuerst in Sartres Zeitung "Les temps Modernes" und kam wohl nur deshalb auf Deutsch<br />

heraus. Obwohl mein Verleger meinte, dass Erzählungen nie eine lukrative Auflage bringen. Inzwischen hat er mit dem Buch gutes Geld verdient. Ich<br />

glaube, es ist das Beste, was ich je schrieb.<br />

Trotz Ihrer Bekanntschaft mit Simone de Beauvoir kann man Sie nicht gerade <strong>als</strong> leidenschaftliche Feministin bezeichnen, eher <strong>als</strong> Sympathisantin<br />

des schwachen Geschlechts, der Männer.<br />

Den intellektuellen, dogmatischen Feminismus habe ich immer <strong>als</strong> Gefahr für Durchschnittsfrauen angesehen. Ich mag Männer und halte sie<br />

keineswegs für Schweine, wie sie von vielen Frauen genannt werden. Ich habe Männer <strong>als</strong> viel logischere, aufrechtere, labilere, <strong>als</strong>o nicht fanatische<br />

Wesen erlebt, <strong>als</strong> jene, die sie gern <strong>als</strong> "schwaches Geschlecht" beklagen. Dennoch wäre ich nicht gern ein Mann. In den Krieg ziehen oder von früh<br />

bis spät im Büro sitzen halte ich nicht für erstrebenswert. Mit einer Frau heute verheiratet zu sein, stelle ich mir aber auch nicht komisch vor.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Nicht wenige Ihrer männlichen Freunde sind homosexuell. Halten Sie die sexuelle Prädisposition von Menschen für wichtig?<br />

Ja und nein. Aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen <strong>als</strong> homosexuelle Männer. Sie haben einen erstklassigen Geschmack, besitzen oft einen<br />

scharfen Humor und sind meist origineller <strong>als</strong> heterosexuelle Männer. Sie sind Freund und Freundin, Bruder und Schwester in einem, riechen nach<br />

besserem Rasierwasser und haben Verständnis für die unerklärliche weibliche Psyche.<br />

Frau Schrobsdorff, Sie wohnen im äußersten Westen Berlins und interessieren sich für ostdeutsche Landschaften und ihre Bewohner. Warum?<br />

Dass ich im Westend lebe, ist eine Mischung aus Zufall und Notwendigkeit. Meine Katzen brauchen Auslauf und haben hier im Parterre einen<br />

Hofgarten. Es stimmt jedoch, dass mir der Osten Berlins mehr liegt <strong>als</strong> der Westen. Im Osten ist auch nach 16 Jahren Einheitsbrei alles noch nicht so<br />

perfekt. Es erinnert mich an Bulgarien, das für mich acht lange Jahre Exil und Heimat war, und an das frühe Israel.<br />

Sie verbrachten die Wochenenden Ihrer Kindheit in einem Landhaus in Pätz bei Königs Wusterhausen. Auf Rückübertragung des Familienbesitzes<br />

verzichteten Sie nach der Wende. Sind Sie zu stolz, Ihr Erbe zu fordern, oder scheuen Sie Gerichte?<br />

Bis vor einigen Jahren war in dem Haus ein Kinderhort untergebracht, den ich nicht auf die Straße setzen wollte. Jetzt wohnen mir fremde Leute dort,<br />

mit denen ich mich nicht noch vor Gericht streiten will. Ich habe Pätz <strong>als</strong> Kind sehr geliebt. Die Erinnerung daran kann mir keiner nehmen. Abgeklärt<br />

bin ich leider überhaupt nicht, aber ich bemühe mich um Realismus, den man meist mit Fatalismus verwechselt. Aber Stolz habe ich, sogar zu viel<br />

davon. Doch ohne den hätte ich nicht überlebt.<br />

Wen würden Sie in diesem Leben noch gern kennenlernen?<br />

Gottfried Benn. Albert Camus, wenn er noch lebte, und König Salomon, den ich für den klügsten und gerechtesten Juden aller Zeiten halte. Er sagte:<br />

"Was man getan hat, eben das tut man wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne".<br />

Und wen wünschen Sie ein für alle Mal zum Teufel?<br />

Zum Teufel würde ich alle Dummen und Selbstgerechten schicken, die auch noch stolz darauf sind. Aber es sind zu viele. Wahrscheinlich sind es<br />

alles nette Leute, und ich bin selbstgerecht und dumm.<br />

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A U S G E R E C H N E T B U L G A R I E N<br />

Angelika Schrobsdorff und ihre Familie<br />

Gibt es eines Ihrer Bücher, das Sie <strong>als</strong> Pflichtlektüre für die Schulen empfehlen würden?<br />

Pflichtlektüre wird von Schülern gehasst. Ich habe doch keine Bücher geschrieben, die alle lesen müssen. Dafür manche Werke anderer Autoren in<br />

Form von Gedichten auswendig gelernt und mich darüber lustig gemacht. Ich konnte früher zehn Verse in fünf Minuten lernen und sofort wieder<br />

vergessen. Das ist ein Vorteil, schlechte Literatur schnell zu vergessen.<br />

Und welches Ihrer Bücher würden Sie am liebsten der Papiermühle überantworten?<br />

Papiermühlen behagen mir nicht. Dass Bücher zerhackt werden, bitteschön. Aber ein Stück Seele, die man sich aus dem Leib geschrieben hat, geht<br />

immer mit drauf.<br />

Haben Sie noch Zukunftspläne und Sehnsüchte?<br />

Ach, Pläne für die Zukunft habe ich keine mehr. Sehnsüchte noch viele.<br />

Zur Person Angelika Schrobsdorff<br />

Angelika Schrobsdorff wurde am 24.12.1927 in Freiburg im Breisgau geboren.<br />

Ihre Mutter war eine assimilierte Jüdin, der Vater entstammte dem Berliner Großbürgertum. Sie wuchs in Berlin auf und flüchtete mit ihrer Mutter und<br />

ihren Geschwistern 1938 nach Bulgarien, wo sie bis zum Ende des Krieges blieb. Ihre Großeltern wurden in Theresienstadt ermordet.<br />

Nach dem Krieg ging sie nach München und veröffentlichte 1961 ihren ersten Roman, "Die Herren", der wegen seiner Freizügigkeit für Aufruhr<br />

sorgte. Ab Beginn der 1970er-Jahre lebte sie mit ihrem dritten Ehemann Claude Lanzmann in Paris, bevor sie 1983 nach Jerusalem übersiedelte.<br />

Angelika Schrobsdorff hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter ihren größten Erfolg Du bist nicht so wie andere Mütter.<br />

Angelika Schrobsdorff lebt heute wieder in Berlin.<br />

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