Deutsch-Lothringen, Landes- Volks- und Ortskunde

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Deutsch-Lothringen, Landes- Volks- und Ortskunde

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!• Land, Volk und Verwaltung-.,

einen jungen Baum vor das Haus, oder stellt eine Art Weihnachtsbaum

mit Bändern, Blumen und Bonbons behängt vor das Fenster.

An Fastnacht sind die Fastenbretzeln überall im Gebrauche und

die Kinder vergnügen sich damit, sie gegenseitig zu brechen und

dabei die grössere Hälfte zu erhaschen. Von den Klöstern stammt

endlich die Sitte des Retschens während der sogenannten heiligen

Tagein der Charwoche her, wo die Glocken nicht läuten, sondern

durch Ketschen mit grossen Klappern zur Kirche gerufen wird.

Die Jugend zieht dann aber auch mit kleinen Retschen durch die

Strassen und macht damit einen grossen Lärm. Schon vor 150

Jahren hatte man ein Verbot desselben in Metz erlassen, aber

auch Strafandrohungen brachten cKe Sitte nicht ab, bis sie endlich

mit der Revolution auch einging.

Aus dem vorigen Jahrhunderte stammten die in einigen Gemeinden

des südlichen Landestheils eingeführten Rosenfeste, womit

die Landpfarrer die gute Sitte zu heben und zu belohnen glaubten,

womit sie aber eigentlich nur der Eitelkeit und dem Hochmuthe

fröhnten. Um die Mitte Juni wurde nämlich das bravste Mädchen

des Dorfs als Rosenjungfrau gewühlt und ihr ein Fest gefeiert.

Nachdem ihr Wohnhaus geschmückt war, wurde sie selbst, ebenfalls

geschmückt, daselbst abgeholt, in feierlichem Zuge mit Musik

nach der Kirche begleitet, wo sie eine Art Thron einnahm, dann

mit einer Rosenkrone geschmückt, vom Pfarrer eine lange Lobrede

gehalten und sie hierauf ebenso feierlich

wieder zurückgeleitet,

der Tag aber mit Scimiauserei und Tanz beendigt. Mehrere eitle

Pfarrer suchten sich

in Gründung solcher Rosenfeste zu überbieten

und beschrieben sie in eigenen Broschüren, sie hörten aber auch

mit der Revolution auf und später beschränkte sich die Sache einfach

darauf, die unbescholtensten Mädchen des Dorfs auszuwählen,

um bei Processionen das Marienbild zu tragen.

Zahlreiche alte (Jewohnheiten und Sitten hatten sich in Metz

erhalten, welche namentlich von den Klöstern hervorgerufen und

gepflegt waren j sie haben aber auch schon lange aufgehört und

der grösste Theil der ^litlebenden weiss nicht einmal mehr etwas

davon. Ausser der CJraouilliprocession fanden noch folgende (iobrüuühe

statt. Am 1(5. August, dem Tage des heiligen Arnould,

trugen die Kanonici dessen Ring nach der Abtei St. Arnould, wo

ihn der Prior am Thorc empfang, ben'iuchertc ui:d dann auf dcii

Altar auf ein Missale legte. Während des darauf folgenden CiottccS

(lienstH drückten dünn die Geistlichen den Ring auf Siegel von

Wach« und verllieilten dieselben unter das Volk, der Ring wurde

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