Deutsch-Lothringen, Landes- Volks- und Ortskunde

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Deutsch-Lothringen, Landes- Volks- und Ortskunde

12. Herkommen, Feste. IQl

heiligen Katharine, noch einen Tag länger aber das der Vengeance

des Heilands und der Zerstörung Jerusalems, welches mehr als

30,000 Verse enthielt und in vier Abtheilungen zerfiel. Am 23. Juli

desselben Jahrs führte man auf der Ebene von Viximiel das Passionsspiel

auf, wozu eine eigene Bühne mit erhöhten Sitzen aufgeführt

war. Die Mitwirkenden spielten aber so natürlich, dass

der Pfarrer von St. Victor, welcher den Heiland gab, fast am

Kreuze starb, und ein Kaplan, der den Judas spielte, sogar aus

Versehen fast erwürgt wurde. Noch viele andere Aufführungen

dieser Art werden uns gemeldet, und wie anstrengend sie auch

für das Publikum waren, beweist die Erwähnung, dass die Zuschauer

sich schon Morgens vier Uhr zu den Plätzen drängten und

das Spiel drei Tage hindurch fortgesetzt wurde. Für Metz waren

diese Spiele eine reiche Quelle des Verdiensts, denn alle Herren

und Landleute aus weiter Gegend drängten eich dazu herbei und

der Stadtrath Hess deshalb am Abende die Strassen durch die Einwohner

beleuchten. Manchmal führte auch ein Priester in einer

Kirche allein eine solche Darstellung auf und erregte die Zuschauer

bis zu Thränen. Mehrere der vornehmen Familien der Stadt trugen

die Kosten eines solchen Spiels. Als die Zeit dafür aber aufgehört

hatte, suchte die Geistlichkeit das Publikum für eine Aufführung

eines Stücks von Terenz zu gewinnen, erndtete aber nur schlechten

Dank dafür, da es erklärte, nichts von diesem Latein zu verstehen,

zumal das Volk jenseits der Seille, das nur Patois sprach, und

deshalb über die Spieler herfiel und das Theater zerschlug. —

Während man aber durch solche Spiele die Phantasie des Volks

zu erregen suchte, rauchten draussen auf dem Lande und in der

Stadt zwischen der Brücke von Diedenhofen

und Pont - des -M orte

die Scheiterhaufen vom Brande der angeblichen Hexen, aus deren

Hinterlassenschaft sich die Klöster zu bereichern suchten. Es ist

schauderhaft, die theilweise noch vorhandenen Akten über diese

schmählichen Menschenmorde zu lesen, die besonders 1580— 1600

zahlreich erfolgten. In nur fünfzehn Jahren rühmte sich der im

Lande herumziehende Hexenprocurator Nikolaus Remy, allein in

Lothringen an neunhundert Personen wegen Beschuldiguno- der

Hexerei zum Feuertode gebracht zu haben , und die Akten liefern

den

Beweis dafür.

Auch Processionen kamen in Menge vor, und zwar sowohl

in der Stadt, z. B. am Palmsonntag, als auch nach ausserhalb,

und eine solche ging sogar bis auf den St. Quentin. Ja, an gewissen

Tagen wurde sogar in den Kirchen getanzt, weshalb die-

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