Deutsch-Lothringen, Landes- Volks- und Ortskunde

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Deutsch-Lothringen, Landes- Volks- und Ortskunde

C. Bewohner. 49

gern in Händel. Auf diese Körper- und Charakterbildung hat übrigens

auch die Art der Nahrung vielen Einfluss. Wo Getreidebau

vorherrscht, da zeigt sich mehr physische Kraft und Fähigkeit

zu sorgfältiger Betreibung der Industrie, als wo man mehr von

Kartoffeln und Hülsenfrüchten lebt.

Sehr herabgekommen erscheint

die Bevölkerung in den tief eingeschnittenen Gebirgsthälern der

Vogesen, bei üagsburg und Lörchingen, wo die Leute von rauher

Holz- und Waldarbeit leben und auch geistig verkümmern, wie

denn auch daselbst der Aberglauben noch seine reichste Brutstätte

besitzt. Die Frauen zeigen in den Thälern der Saar, Blies und

des Bitscher Lindes mehr frische

und reg€lmässige Züge, sind aber

auch weniger lebhaft. Ausserdem entstellt sie ihre 'J'racht sehr,

indem dieselbe die Taille ganz unnatürlich erscheinen lässt; die

eben so hässlichen, helmartigen Hauben sind im Verschwinden begriffen.

Lebendiger sind sie an Mosel und Seille und hier wissen

sie auch sich schmucker zu kleiden. Aber auch da, wo Weinbau

getrieben wird, zeigt sich der ungünstige Einfluss desselben auf

die Entwickelung der Formen. — In den westlichen Gegenden

zeigen sich die Leute auch zum Lernen geschickter, urtheilen

besser und fassen leicht auf, wie denn aus diesem Tlieile schon

mancher tüchtige Mann hervorgegangen ist, freilich aber nicht von

sehr hei'vorragender Art. Hier greift man auch besser das Industrieleben

und dessen mannigfaltige Arten der Arbeit an und

ist der Handel besser entwickelt. Industrie und Handel treten

dagegen im Osten zurück und selbst der Ackerbau wird weniger

ergiebig; die Zunahme der Bevölkerung nöthigt daher die Leute

oft zu Beschäftigungen und Arbeiten, welche sich weniger mit

ihrem Körperbau und ihren natürlichen Anlogen vereinbaren. Sie

verrichten diese aber in der Kegel gern und pflichtgetreu, und

diese Umstände machten auch, dass aus ihnen so viele Douaniers

und Militäreinsteher hervorgegangen sind. Die besten Beweise für

diese Charakterisirung der verschiedenen Gegenden und Bewohner

lieferten die Ergebnisse des Militär- Aushebungsgeschäfts in den

Jahren 1872—74.

Zur Zeit der deutschen Herrschaft sah es hinsichtlich mancher

Culturverhältnisse besser aus, auch verbreitete sich hier die Reformation

sehr rasch; aber diese Bewegung wurde alsbald mit

Feuer und Sehwert und durch die Verbreitung culturfeindlicher

Klöster unterdrückt und eine dichte Finsterniss über das Land verbreitet.

Es herrscht daher ungemein viel Aberglauben, wo irgend

dazu Gelegenheit gefunden wurde, errichtete man eine Wallfahrts-

Ilulin, Deutsch -Lothringen. 4

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