P89-207 von Berlin, September 1989 Mit einem Vorwort von Rolf ...

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P89-207 von Berlin, September 1989 Mit einem Vorwort von Rolf ...

P89-207

Tuberkulose-Prävention und Spuckverhalten.

Bedingungen, Ziele und Maßnahmen einer

historischen Kampagne zur Einstellungsund

Verhaltensänderung.

von

Gerd Göckenjan

Berlin, September 1989

Mit einem Vorwort von Rolf Rosenbrock


- I -

Abstract

Bei der Analyse der Aids-Präventionspolitik auf die Erfahrungen

der Tuberkulose-Präventionspolitik zurückzugreifen, heißt sich

der Erfahrungen der wohl immer noch umfangreichsten Gesundheitsbemühungen

überhaupt zu vergewissern. Tuberkulose-Prävention war

die absolut wichtigste einzelne Gesundheitsmaßnahme in der Zeit

von um 1900 bis 1933. Allerdings war um 1900 die Lungentuberkulose

auch die wichtigste einzelne Todesursache.

In der vorliegenden Studie geht es nicht darum, Aids und Tuberkulose

als zwei chronische Infektionskrankheiten direkt miteinander

zu vergleichen. Es geht darum,die Geschichte der Tuberkulosedeutungen

und der entsprechenden Politik mit Symbolen in

Bezug auf die intendierten Einstellungs- und Verhaltensänderungen

zu rekonstruieren und zwar als ein Erfahrungsbestand zum Umgang

mit potentiell tödlichen Risiken. Denn personenbezogene Krankheitsprävention

ist immer Bemühung um Formierung von Risikowahrnehmungen

und Stimulierung von entsprechenden Vermeidungs-,

Distanzierungs- bzw. Kompensationsverhalten. Es wird sich zeigen,

daß sehr viele Aids- Reaktionen und Einstellungen Vorläufer und

Entsprechungen in der Tuberkulosepolitik haben.

Es wird ausgeführt, wie die Präventionspolitik abhängt von politischen

Positionen und sozialstrukturellen Verhältnissen und wie

sich die Entwicklung des medizinischen Wissens hier einfügt. Es

wird gezeigt, wie die Tuberkulose als prinzipiell ubiquitäre

Gefahr konzeptionell auf Hauptrisiken reduziert wird, die der

Prävention zugänglich sind. Im Vordergrund stehen Sputumprophylaxe

und Hygienifizierung, wesentlich die soziale Ächtung der

Gewohnheit, auf den Boden zu spucken, durchgesetzt mit Hilfe der

zentralen technischen Hilfsmittel der Spucknäpfe, die im gesamten

öffentlichen und z.T. privaten Bereich aufgestellt werden.

Es läßt sich sagen, daß die Sputumprophylaxe und die einhergehende

Hygienifizierungskampagne in vieler Hinsicht erfolgreich

war, nicht zuletzt in der weitgehenden Unterbindung des Bodenspuckens

. Wobei die Veränderung der Spuckgewohnheiten sich natürlich

nicht ausschließlich auf die Sputumprophylaxe zurückführen

läßt. Zugleich zeigen sich absolut gegenläufige Wirkungen der

Tuberkulosepolitik in der hemmungslosen Stigmatisierung der Kranken

und" einer damit einhergehenden, weit verbreiteten Verdrängung

des gesamten Tuberkuloseinfektionsrisikos im Alltagsverhalten.

Diese widersprüchliche Situation ist möglich, weil es in der

gesamten Zeit zwei im Prinzip konkurrierendenTuberkulosedeutungen

gab: neben der Infektions- bestand eine Dispositionstheorie. In

der letzteren spielen nicht die Infektion sondern der körperliche

Allgemeinzustand und die Lebensumstände die entscheidende Erklärung

der Erkrankung. Hier läßt sich plausibel argumentieren, daß

die Präferenzen für die Deutung der Krankheitsrisiken abhängen

von der Integrierbarkeit der Deutungen in die Lebensumstände der

jeweiligen Bevölkerungsgruppen, d.h. inwieweit sie für diese

lebbare Einstellungen und Verhaltenschancen bieten.


- II -

Vorwort

Beim gegebenen Stand des Wissens über die Krankheit der erworbenen Immunschwäche

(Aids) ist die Verhütung von Virusübertragungen, das heißt die Primärprävention,

das einzige Feld der Gesundheitspolitik, auf dem heute wirksam

die Anzahl der Kranken und Toten der kommenden Jahre gemindert werden

kann.

Aids-Prävention ist Verhaltensprävention, ist Beeinflussung des Handelns in

potentiell riskanten Situationen. Dabei ist zur Zeit davon auszugehen, daß

die Benutzung von Kondomen bei penetrierendem Geschlechtsverkehr außerhalb

strikter Monogamie sowie die Benutzung steriler Spritzbestecke bei i.v.-Drogenbenutzung

die epidemiologisch relevanten Risiken ausschalten bzw. auf ein

solches Minimum herabdrücken, das der Krankheit Aids ihre aus der potentiellen

Ausbreitungsdynamik resultierende Bedrohlichkeit nimmt. Ein zentrales

Problem besteht infolgedessen in der gesellschaftlichen und politischen Organisierung

einer möglichst weitgehenden bzw. flächendeckenden Beachtung

dieser einfachen Präventionsregeln. Öffentliche Bemühungen dazu stehen unter

der Leitfrage: Wie organisieren wir möglichst schnell, möglichst f1ächendeckend

und möglichst zeitstabil den gesel 1 schaftlichen Lernprozeß, mit dem

sich die Individuen und Gruppen in den Risikobereichen sowie die Gesamtgesell

schaft und ihre Institutionen auf das Leben mit dem vorlaufig wohl unausrottbaren

Virus einstellen und ein Maximum an präventivem Verhalten entwickeln

können?

Die Beantwortung dieser Frage besteht in einer sozial Wissenschaft!ich fundierten

Gesamtstrategie gegen Aids. Dies stel1t eine Herausforderung ersten

Ranges an die mit Gesundheit befaßten Sozialwissenschaften dar. Deren überwiegend

auf anderen Problemfeldern, in bezug auf andere Gesundheitsrisiken,

in anderen Ländern und historischen Konstel1ationen erarbeitetes Wissen muß

hinsichtlich seiner Übertragbarkeit auf die Prävention von Aids überprüft

und - entsprechend modifiziert bzw. adaptiert - übertragen werden.

Untersuchungen zur Geschichte der Tuberkulose-Prophylaxe bieten sich dabei

unter anderem aus zwei Gründen an: Zum einen ist der Kampf gegen die Tuberkulose

die größte Präventionskampagne in industrialisierten Ländern in diesem

Jahrhundert. Nahezu alle Aspekte der Aids-Debatte finden im gesellschaftlichen

Umgang mit der Tuberkulose ihre zum Teil verblüffend ähnlichen

Vorlaufer. Zum anderen gab es unter den zahlreichen Bemühungen, die Ausbrei-


- III -

tung der Tuberkulose einzudämmen auch einen Ansatz, der auf infektionsmindernde

Verhaltensänderungen abzielte: die Ächtung des Ausspuckens. Selbstverständlich

sind die Erfahrungen aus der Diskussion und Praxis der Tuberkuloseprävention

nicht schematisch auf die Probleme der Aids-Prävention übertragbar.

Übertragungswege, epidemiologische Relevanz, Stand des Wissens und

der Eingriffsmöglichkeiten, Ansatzpunkte der Prävention etc. unterscheiden

sich grundlegend. Dennoch kann gelernt werden, welche verborgenen Interessenbezüge,

FehlWahrnehmungen und Fehlorientierungen bei den Auseinandersetzungen

über die Eindämmung einer hochthematisierten Infektionskrankheit unterlaufen

können, und es kann gelernt werden, welche spezifischen Hindernisse

und Chancen Kampagnen zur massenhaften Verhaltensänderungen in diesem Zusammenhang

haben.

Die Studie von Gerd Göckenjan bringt hierzu reichen Ertrag. Er zeigt, daß

die Wahrnehmung der 'sozialen Gestalt' der Krankheit sich beständig gewandelt

hat. Tempo und Richtung dieses Wandlungsprozesses waren nicht nur, oft

nicht einmal in erster Linie von der Entwicklung des naturwissenschaftlichen

Wissens abhängig. Mindestens von gleicher Bedeutung für die Wahrnehmung waren

die politischen Interessensbezüge der Wahrnehmenden, darunter natürlich

auch der Naturwi ssenschaftler. Göckenjan greift hier einen Ansatz auf, den

Ludwik Fleck im Hinblick auf die wissenschaftliche Wahrnehmung der Syphilis

entwickelt hat (Ludwig Fleck: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen

Tatsache, 1935, Neudruck: Frankfurt/Main 1980). Göckenjan erweitert

diese dynamische und ideologiekritische Betrachtungsweise über das Wissenschaftssystem

hinaus und bezieht die wichtigen gesellschaftlichen und politischen

Akteure darin ein.

Es zeigt sich, daß die unterschiedene soziale Wahrnehmung der Krankheit

höchst bedeutsame Konsequenzen auch für die Gesundheitspolitik hat: die jeweils

verfolgten Präventionskonzepte hängen z. B. direkt davon ab. Es kommt

zu völlig unterschiedlichen Gewichtungen der Primärprävention und der Sekundärprävention.

Die Bedeutung des je individuellen Verhaltens und der Verhältnisse,

die die Gesundheit (und damit die Vulnerabilität) und das Verhalten

(z. B. in bezug auf Prävention) (mit-)bestimmen, wird sehr unterschiedlich

eingeschätzt. Entsprechend variieren die Ansatzpunkte der Prävention,

variiert auch die Bereitschaft zur Ausgrenzung und Isolierung von Infizierten.

Die Entwicklung des Wissens und die Wandlungen der Wahrnehmung verändern

die Arbeitsteilung zwischen Gesundheitspolizei und Medizin. Sie haben


- IV -

auch Auswirkungen auf den wissenschaftlichen Schulenstreit und die staatliche

Forschungspolitik. Deutlich wird auch, daß Fragen der Infektiosität,

der Übertragungswege der unterschiedlichen Vulnerabilitäten von Bevölkerungsgruppen

wie auch die Einschätzung von Ausbreitungswahrscheinlichkeiten

und des Erfolgs von Therapiekonzepten nicht nur vom Wissen abhängig sind,

sondern gleichermaßen auch vom Interesse des Wahrnehmenden.

Auch in bezug auf die zweite Frage ist Göckenjans Untersuchung hilfreich:

die Ächtung des öffentlichen Spuckens (Sputumprophylaxe) war in vieler Hinsicht

erfolgreich, vor allem wohl deshalb, weil sie als Kampagne ziemlich

unspezifisch, und das heißt auch: die Infizierten und Kranken nicht diskriminierend

und als Teil einer all gemeinen Hygienekampagne betrieben wurde.

Zugleich zeigt sich auch, daß öffentlich induzierte Verhaltensänderungen oft

viele Jahre brauchen, um sich 'flächendeckend 1

durchzusetzen.

Zu Recht ist der Autor sehr zurückhaltend, wenn es um die unmittelbare Übertragbarkeit

seiner Ergebnisse auf die Fragen der Aids-Prävention geht.

Gleichwohl könnte die Rekonstruktion historischer Debatten und Kampagnen im

Umkreis der Tuberkulose dazu beitragen, sowohl die Diskussion um die Aids-

Prävention zu versachlichen als auch die Aids-Prävention selber zu effektivieren.

Die Studie kommt damit einer Aufforderung der Enquete-Kommission des 11.

Deutschen Bundestages 'Gefahren von Aids und wirksame Wege zu ihrer Eindämmung'

nach, die in ihrem Zwischenbericht (Juni 1988, Bundestagsdrucksache

11/2495; abgedruckt in: Zur Sache - Themen parlamentarischer Beratung 3/88:

Aids: Fakten und Konsequenzen, Bonn 1988) empfohlen hat, "hinsichtlich der

Übertragbarkeit die bisherigen Erfahrungen der präventiven Gesundheitspolitik

... auf die Aids-Prävention zu untersuchen".

Die vorliegende Schrift stellt damit einen 'Baustein zur Fundierung wirksamer

Primärprävention gegen Aids' dar, dem in der gleichen Schriftenreihe

weitere Bausteine folgen werden. Dieses Projekt wird im Rahmen des Sofortprogramms

Sozialwissenschaftliche Aids-Forschung vom Senator für Wissenschaft

und Forschung in Berlin gefördert.

Rolf Rosenbrock


Inhaltsverzeichnis:

1 Tuberkulose und Aids S. 1

2 Tuberkulose in der vorbakteriologischen Zeit S. 6

2 1. Allgemeiner Überblick S. 6

2 2 Infektiosität S. 7

2 3. Konstitutionsbedingtheit S. 10

2 4 Maßnahmen S. 14

3 Politik der Prophylaxe S. 20

3 1 Tuberkulose - eine politische Krankheit S. 20

3 2 Der wissenschaftliche Diskurs S. 28

3 2 1. Die problematische Vernunft der Bakteriologie S. 28

3 2 2. Die Entgrenzung der Gefahr S. 33

3 2 3. Tröpfcheninfektion und Zunahme des Distanzbedarfs S. 41

4 Helfen und Erziehen S. 44

4 1 Einleitende Bemerkungen S. 44

4 2 Chronologie der Auflärung S. 45

4 3 Prioritäten und Wertschätzungen S. 52

4 4 Wirkungen - Spuckverhalten s. 57

4 5 Wirkungen - Persönliche Hygiene und Körperkultur • s. 64

4 6. Wirkungen - Ergebnisse einer Befragung s. 69

5 Literaturverzeichnis s. 76


1. Tuberkulose und Aids - Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Es liegt nahe, zum Zwecke der Vergewisserung der Aids-Präventionspolitik

auf die Erfahrungen der Tuberkulose-Präventionspolitik

zurückzugreifen. Denn nie ist für eine einzelne Krankheit ein

so großer Aufwand getrieben worden wie für die Tuberkulose (Tb)

in der Zeit um 1900 und die folgenden etwa 30 Jahre. Aber Tb war

auch eine wirkliche Massenerkrankung, und es war nur zu berechtigt

, daß man keinen einzigen Lebensbereich unabhängig von der

Auswirkung auf das Tb-Risiko betrachtet hat, und kein einziger,

der nicht durch die Tb-Politik auch mitgestaltet worden ist. Allerdings

ist, wie bei allen Gesundheitsproblemen, auch hier die

gesundheitsdienliche Strukturpolitik weit hinter den dringendsten

Zielen zurückgeblieben (vgl. Überblick: Göckenjan 1985, S. 49ff;

Mosse 1913).

Alle Massenmedien der Zeit sind auch in den Dienst der Tb-Prophylaxe

gestellt worden, wenngleich in Deutschland nicht in der

gleichen Konsequenz wie vor allem in den USA (vgl.: Rosen 1977,

S. 28ff; Knopf 1926). Hier wurde, nur um ein Beispiel zu geben,

in den 1930er Jahren sogar das Instrument der Demonstration, der

Massenaufmärsche zur Tb-Aufklärung eingesetzt. Immerhin gab es

auch in Deutschland zu dieser Zeit fast in jeder Kommune und in

vielen Schulen meist jährliche Tb-Aufklärungswochen mit allem,

was man auch heute dafür hat: Handzettel- und Plakataktionen,

Filme, Vortragsreihen, Ausstellungen. Alle Gesundheitsaufklärung

ist Politik mit Symbolen, die Lernprozesse - und mit diesen Einstellungs-

und Verhaltensmodifikation - vorgeben, beziehungsweise

erreichen sollen. Deutschland wird seit 1900 mit diesen Symbolen

der Tb-Aufklärung überzogen, niemand kann ihnen "entgehen", und

es muß interessant sein zu überlegen, wie das alles gewirkt haben

mag (vgl.: Dornheim 1983, S. 148ff).

Allerdings gibt es zwischen Tb und Aids mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten

. Die Tb war um 1900 ubiquitär. Tuberkulintests und

Sektionsbefunde bringen zu der Einschätzung, daß die Kontaktquote

vor allem der städtischen Arbeiterbevölkerung bis zu 100 % ausmacht

. Um 1900 konnte fast jeder mit einer Tb-Infektion, wenn

auch nicht mit einer Erkrankung und der Todesursache Tb, rechnen.


2

Die Übertragungswege der Tb beruhen auf Alltagskontakten: Tröpfcheninfektion

und Schmierinfektion sind die wichtigsten; sie sind

im öffentlichen Raum auch ohne direkten Kontakt mit einem Kranken

möglich. Umgebungs- und Infektionsursachenuntersuchungen zeigen

allerdings, daß in der Regel häufigere Kontakte für eine Infektion

nötig sind; so werden meist Familienangehörige, Arbeitskollegen,

Mitschüler Tuberkulöser angesteckt.

Gemeinsamkeiten von Tb und Aids gibt es nur auf der Deutungs- und

Symbolebene. Aber diese Ebene der Wahrnehmungssteuerung ist so

zentral, daß sich eine ausgiebige Beschäftigung mit der Tb-Prophylaxe

lohnt. (Aids als eine "Selbstschutz"-Krankheit, vgl.:

Göckenjan 1987.) Die Tb ist die erste bedeutende Krankheit, die

durch die sich herausbildende Bakteriologie zu einer Infektionskrankheit

wird, d.h., die kausal auf ein lebendes, nicht

ohne Mikroskop sichTbares aber ubiquitäres Agens zurückgeführt

wird. Diese Erkrankungsdeutung knüpft an sehr alte Ängste vor den

körperlosen Gefahren an, die aus dem Verkehr zwischen einander

fremden Menschen resultieren. Das sind Standardängste, die von

jeder der großen Seuchen erneut mobilisiert wurden (vgl.:

Göckenjan 1988). Aids reaktiviert heute ähnliche Ängste, nachdem

im öffentlichen Bewußtsein fast eine Generation lang die Infektionskrankheiten

"abgemeldet" worden waren.

Bakteriologisch gesehen wird die Tb 1882 zu einer Krankheit, die

von einem "unsichTbaren" Bazillus herrührt. Präventionspolitisch

wird diese unsichTbare Gefahr seit 1890 übersetzt in eine, die

von Körpersekreten herrührt. Die Tb-Infektionsgefahr wird gleichgesetzt

mit Spucken und Sputum - erst an zweiter Stelle folgen

Anhusten, Anniesen u.a. Expositionsprophylaxe, also Distanzierung

von der Infektionsquelle, ist Distanzierung zu diesem Körpersekret,

ist vor allem Sputumprophylaxe. Der Hustende und Spuckende

wird in der öffentlichen Wahrnehmung zum Erscheinungsbild des Tuberkulösen

; der Spucknapf, insbesondere der "blaue Heinrich", die

Taschenspuckflasche, werden zum Symbol der Tb-Bekämpfung. Ganz

ähnlich wird die Aids-Infektionsgefahr zur Prävention des Austauschs

von Körpersekreten, insbesondere von Sperma, spezifiziert

, und das Kondom ist technisches Mittel der Expositionspro-


phylaxe und Symbol der Aids-Prävention (vgl.: Rosenbrock 1986;

1988; Süssmuth 1987, Göckenjan 1987 a; 1987 b).

3

Die beiden von der Präventionspolitik angezielten Arten von Körperpraktiken

sind u.a. wegen des unterschiedlichen Intimitätsniveaus

nicht so gut zu vergleichen. Wichtig ist hier aber, die

Bedeutung des Spuckens als ernstzunehmendes körperliches wie gestisches

Bedürfnis in Erinnerung zu rufen. (Leider kann das im

folgenden nicht so ausführlich wie nötig dargestellt werden.)

Speichel gehört zum Beispiel zu den traditionell medizinisch bewerteten

Körperflüssigkeiten. Das "Verschwenden" oder "Verderben"

des Speichels, etwa durch Tabakrauchen oder -kauen kann dann kritisiert

werden, häufiges Ausspucken kann aber auch als reinigend

und heilend angesehen, u.U. ein Speichelfluß medikamentös hergestellt

werden (z.B. in Pestzeiten, oder bei einer Syphillis-Erkrankung).

Speichel und Spucken hat andererseits vielfältige

abergläubische und rituelle Bedeutungen, die z.T. um 1900 noch

lebendig sind. Im gestischen Repertoire wird mit Spucken Abscheu,

ohnmächtige Wut aber auch Befreiung und Sich-neu-bereitmachen

u.a. assoziiert. Wenn die Tb-Aufklärung sich also seit 1890 darum

bemüht, das Spuckverhalten zu verändern, dann bemüht sie sich um

eine sehr komplexe und sozial verwurzelte Verhaltensdimension.

In der Perspektive der Präventionsstrategien existiert ein zentraler

Unterschied zwischen Tb und Aids in der Bedeutung, die

Umweltfaktoren zugewiesen werden. Während Aids-Aufklärung ausschließlich

auf Expositionsprophylaxe zielt - auch die "Neue

Partnerschaft"- bzw. "Neue Liebe"-Moral ist nichts anderes - ist

diese kontagionistische, bakteriologische Sicht der Tb-Aufklärung

ganz offiziell sehr bald durch diätetisch-physikalische Sichten,

durch Dispositionsprophylaxe ergänzt worden. Mit Dispositionsprophylaxe

ist ein Bündel von unspezifischen Strategien gemeint,

die insgesamt gesundheitsdienliche Lebensstile bezeichnen. Diese

Dispositionsprophylaxe konnte je nach Kontext eine rein individualisierende

Wende haben, nach Art des Denkens im Risikofaktorenmodell

heute, oder aber auch einen Anschluß an politische

und sozialstrukturelle "Projekte" bieten. Die Tb-Erfahrungen


zeigen, wie dringend solche Anschlüsse sind, denn "Vermeidung"

alleine bietet keine lebbaren Perspektiven.

4

Dennoch lag das Hauptgewicht der Tb-Aufklärungspolitik eindeutig

auf Expositionsprophylaxe. Es ging ganz einverständlich darum,

Angst zu machen, Angst vor der potentiellen Tb-Bazillenhaltigkeit,

von Sputum in erster Linie; Angst vor alldem, was sich ganz

diffus als Schmutz auffassen läßt, in zweiter Linie. Die Tb-Aufklärungspolitik

verstand sich durchaus als Zivilisierungspolitik,

als eine Kampagne gegen die Verhaltensunarten, gegen das Spucken

vordringlich, aber auch gegen die, wie es schien, völlig unverständliche

Toleranz, insbesondere der unteren sozialen Schichten,

gegenüber Schmutz.. Dabei sind sozialdemokratische Autoren vielleicht

noch rigider als bürgerliche: denn Armut ist für sie eine

soziale, aber Schmutz und "Verwahrlosung" eine ganz persönliche

Schande. Immer wird also zuerst die Verhaltensdimension angesprochen

- auch von Sozialhygienikern und Sozialpolitikern - die dann

allerdings die Rahmenbedingungen des Verhaltens miTberücksichtigen

- und immer wird mit Angst und mit moralischer Stigmatisierung

gearbeitet.

Es läßt sich durch die vorliegende Literaturstudie und Befragung,

die wir ergänzend dazu gemacht haben, ganz gut zeigen, daß diese

Gewichtung der Expositionsprophylaxe zu spezifischen Tb-Risikowahrnehmungen

, einer Art Verdrängungs- und Tabuisierungsmentalität

geführt haben. Die Omnipräsenz der Tb, sowohl als wichtigste,

kontagionistisch gedeutete einzelne Krankheit als auch als Aufklärungsthema

darüber, hat zu einem hohen Irrationalisierungsgrad

geführt (vgl.: Dornheim 1983, S. 148ff; Sontag 1979). Einerseits

werden die geforderten Verhaltensstandards nie erreicht, was

immer beklagt wird, solange man an Tb-Prophylaxe denkt. Sie

können u.a. nicht erreicht werden, weil dieses Verhalten durch

die Tb-Aufklärung selbst stigmatisiert wird. Denn alle Indikatoren,

die Personen als Tuberkulöse erkennbar machen könnten, vor

allem natürlich die Benutzung eines "blauen Heinrichs", werden

wie diese selbst gemieden. So hat dann auch niemand Tb, am wenigsten

Tuberkulöse, man hat eine Erkältung, eine Bronchiengeschichte,

eine Brustkrankheit u.a. Die Verdrängung und Überkom-


5

pensationsversuche ihres Leidens bei Tuberkulösen ist viel besprochen

und auch ein Resultat dieser öffentlichen Krankheitswahrnehmung.

'

Andererseits gehen die Sichten der Tb-Prophylaxe insbesondere in

eine neue Sicht der Wohnverhältnisse und der persönlichen Hygiene

ein. Die bakterizide Sicht, in der mindestens zwei Generationen

erzogen wurden - letztlich bis zum Reinlichkeitsskandal der antiautoritäten

Erzieher der 1960er Jahre - ist eine Tb-prophylaktische

. Ohne Übertreibung läßt sich unsere gesamte Hygienekultur,

im engeren Sinne der "Schmutz"-Vermeidung, als Tb-bakterizid auffassen

. Seit etwa 1900 hat es also einen sehr bedeutenden gesellschaftlichen

Lernprozeß gegeben, der auf Entwicklung von vielfältigen

Strategien im Umgang mit potentiellen Infektionsquellen

zielt. Entscheidend ist dabei in unserer Perspektive, daß das

Hauptmotiv dieses Lernprozesses zunehmend verdrängt wurde.

Die gesamte Tb-Aufklärung hat nicht etwa zu einem vernünftigen

Umgang mit der Krankheit geführt, sie hat diese wesentlich tabuisiert.

Sie hat die Zeitgenossen mit Gefahrenimaginationen überschwemmt,

ohne sehr viel mehr anbieten zu können als ein neues,

noch zu lernendes Infektionsrisiko-Management. Und hier läßt sich

zeigen, daß die Leute nur lernen, was in ihre bestehende Verhaltenslage

integrierbar ist. Dabei müssen offenbar zu große Bedrohungen

verdrängt werden, und bei dem Präsenzdruck der Tb wird

dann u.U. zu alternativen Deutungsmustern gegriffen. In Lebensverhältnissen,

in denen sich eine Tb-bakterizide Umwelt nicht

herstellen läßt, ist es z.B. sehr viel plausibler, auf nichTbakteriologische

Sichten zurückzugreifen und etwa zu memorieren:

"gute Butter ist wichtig gegen Tb". Wobei "gute Butter" als Lebenshaltungsindikator

aufgefaßt und gänzlich vom Tb-Risiko abgelöst

werden kann. Dieser Bewältigungsmechanismus läßt sich in unserer

Befragung gut nachweisen.

Die vorliegende Literaturstudie steht vor dem Problem, sich auf

eine Sozialgeschichte der Tb beziehen zu müssen, die noch nicht

geschrieben ist. Hier kann also nicht mehr versucht werden als

ein vorläufiger Überblick zur Geschichte der Tb-Prophylaxe unter


6

sozialwissenschaftlichen Perspektiven. Der Mangel einer Sozialgeschichte

der Tb ist umso fühlbarer, als dem riesigen, unüberschaubaren

Literaturbestand zur Tb bis etwa in die 1950er Jahre

ein sehr mageres Interesse an Tb in den folgenden Jahren gegenübersteht.

Als Indikator für dieses geringe Interesse kann gelten,

daß vor kurzem das gesamte Archiv des Deutschen Zentralkomitees

zur Bekämpfung der Tuberkulose (bis auf den Buchbestand) in

den Reißwolf gekommen ist (Mitteilung von Frau Dr. Ferlinz), ein

erstaunliches Ende dieser Geschichte, die 1895 begann! Flankierend

zu der Literaturstudie sind einmal Experteninterviews mit

Vertretern des öffentlichen Gesundheitswesens bzw. der Tb-Bekämpfung

nach 1945 gemacht worden. Zum anderen sind Interviews

mit älteren Personen, die nicht mit der Tb-Bekämpfung befaßt waren,

gemacht worden, darunter drei Gruppeninterviews mit Personen

im Alter ab 70 bis 90 Jahren.

2. Tuberkulose in der vorbakteriologischen Ära

2.1 Allgemeiner Überblick

Die Tuberkulose ist eine sehr alte Krankheit; sie hat die Menschheitsgeschichte

begleitet (vgl.: Predöhl 1888; Löffler 1958) . Die

Erfahrungen, die dabei gemacht wurden, blieben uneindeutig, und

das entspricht der tatsächlichen Komplexität der Krankheitsbilder

und Krankheitsabläufe. Tuberkulose umfaßt ein breites Krankheitsspektrum,

je nach dem, welche Organe durch den Tb-Bazillus betroffen

sind; immer handelt es sich um chronische Infektionskrankheiten

. Die ätiologische Zusammengehörigkeit so unterschiedlicher

Krankheiten wie Phthisie, Skrofulöse, Lupus oder

Meningitis konnte letztlich erst durch die Isolierung des Erregers

entschieden werden. Im folgenden interessiert unter der Fragestellung

nur die Lungen-Tuberkulose (Tb).

Robert Koch hat 1882 den Tb-Bazillus entdeckt und damit die Tb

endgültig als Infektionskrankheit bestimmt (vgl.: Koch 1912, S.

10ff). Bis zu diesem Zeitpunkt waren sehr unterschiedliche oder

eher unentschiedene Meinungen zur Frage der Infektiosität der Tb

möglich (vgl.: Portal 1799, S. 32ff; Wichmann 1799; Ullersperger


7

1869). Das lag wesentlich an dem chronischen Charakter der Tb,

der mit großer Plausibilität ebenfalls zur Feststellung bringen

konnte, daß es sich um eine "erbliche", richtiger konstitutionelle

Krankheit handeln müsse. Allerdings ist seltener bestritten

worden, daß die Tb im unmittelbaren Kontakt zu Kranken, die im

fortgeschrittenen Stadium der Krankheit sind, anstecken kann. Die

vorbakteriologische Zeit der Tb geht mit Villemin zu Ende, bzw.

in dem Umfang, in dem sich seine Sichten durchsetzen. Villemin

konnte 1865 durch Impfexperimente mit Tieren die Infektiosität

demonstrieren und macht dafür einen Tb-Erreger verantwortlich,

den zu isolieren aber erst Koch gelang.

Die Therapiebemühungen bei Tb beginnen natürlich nicht mit der

Entdeckung des Erregers; auch nicht die Bemühungen um Tb-Prophylaxe

beginnen hier. Aber die Prophylaxe wird durch die Identifizierung

des Bazillus umorientiert, ungeheuer stark motiviert,

z.T. konzentriert; so kommt es denn im folgenden zu Aufklärungsund

Erziehungskampagnen in bis dahin unbekanntem Ausmaß. Die

Therapiebemühungen dagegen profitieren erst sehr langsam von der

bakteriologischen Sicht; sie werden effektiv wesentlich erst seit

der Entwicklung hochwirksamer Antibiotika ab 1952.

2.2. Infektiosität

Das Infektionsproblem macht heute einen Kerngedanken der Tb aus.

In der vorbakteriologischen Zeit lag das Hauptgewicht der Krankheitsbetrachtung

auf dem augenfälligen Aspekt der Krankheitsfolge

: sie war laut Definition eine Schwindsucht, d.h., ganz alltagsweltlich

aufgefaßt "schwindet" der Kranke unter dem Einfluß

der Krankheit dahin, wird von ihr förmlich "aufgezehrt"! Da durch

Husten, Auswurf, Blutspucken deutlich erkennbar die Lunge betroffen

ist, konnte in Abgrenzung zu anderen Schwindsüchten Lungenschwindsucht

identifiziert werden (z.B.: Sachtleben 1792, 2. Bd.,

S. lff). Nicht zufällig hat sich diese alte medizinische Sicht

als vielverwendbare Metaphorik bis in die Gegenwart erhalten. Tb

als "Dahinschwinden des Körpers" beinhaltet ein ganzheitliches

Krankheitskonzept; diesem entsprachen traditionell ebenfalls

ganzheitliche Therapiekonzepte. Man kann diese Perspektive als


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die "konstitutionelle" Sicht einer Krankheit bezeichnen. In einer

solchen hat das Faktum einer "Infektion" eine andere Bedeutung

als in der bakteriologischen.

Aus heutiger Perspektive liegt die Annahme nahe, daß eine Tb-

Bekämpfung erst möglich ist, wenn Klarheit über Ätiologie und

Verbreitungswege besteht und daß sie unmöglich ist, wenn nicht

einmal ihr Charakter als Infektionskrankheit eindeutig feststeht.

Solche Umgangsunsicherheiten haben aber nur relative Bedeutung.

Tatsächlich haben in heutiger Sicht falsche Krankheitslehren zu

durchaus richtigen Therapien geführt, deren Erfolgsfähigkeit

nicht zuletzt auch durch die Heilstättenbewegung (seit etwa 1887)

belegt ist. Daß aber richtige Maßnahmen-Vorschläge nicht effektiv

durchgeführt werden konnten, hat wesentlich andere Gründe als

Kenntnisdefizite.

Die Tb, als Phthisis oder Lungenschwindsucht bezeichnet, ist "ansteckend"

, also von Kranken auf Gesunde übertragbar, das scheint

seit der griechischen Antike feststehende Volksmeinung zu sein.

Die ärztlichen Meinungen dazu konnten dagegen variieren, je nach

der historisch gültigen medizinischen Dogmatik. Die Tb galt also

auch als hereditäre und konstitutionelle Krankheit (Löffler 1958,

S. 10, 47ff; Ullersperger 1869; Wichelhausen 1806, S. 162ff) . Allerdings

ist hier in beiden Hinsichten Vorsicht geboten: es läßt

sich schnell demonstrieren, daß in den medizinischen Sichtweisen

dieser chronischen Infektionskrankheit die Erfahrungsbereiche

"erblich" und "ansteckend" vereinbar sind. Andererseits sind die

sehr hohen Toleranzen Infektionsgefahren gegenüber im Volksverständnis

der vormedikalisierten Zeit bekannt, die dennoch zusammengehen

können mit panischen Infektionsängsten.

Der zeitgenössisch sehr angesehene Richard Morton (1637-1698)

z.B. stellt in seinem über mehr als 100 Jahren richtungsweisenden

Werk über die Schwindsucht zwei Erfahrungsbereiche nebeneinander:

"Auch durchs Anstecken pflanzt sich die Krankheit fort. Ich habe

bemerkt, daß sie ebenso wie eine bösartige Krankheit demjenigen

mitgeteilt wird, der mit einem Schwindsüchtigen in einem Bett

schläft" (1780, S. 52). Das ist eine sehr übliche, in vielen


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Varianten mitgeteilte Erfahrung (Ullersperger 1869, S. 15ff).

Zugleich berichtet Morton von seinem Vater, der ein vielbeschäftigter

und erfolgreich praktizierender Arzt war, denn dieser sei,

mit allen Symptomen wie Blutspeien, Fieber, beständiges Husten

und schwerer Atem, 30 Jahre lang schwindsüchtig gewesen. D.h.,

weder die Ärzte noch die Klientel können ihn für besonders "ansteckend"

gehalten haben.

Der praktische Arzt G.W. Becker resümiert diese Sicht 1807 in

seinem Volksaufklärungsbuch: "Wer da glaubt, daß Schwindsucht so

ansteckte wie Blattern, Masern, Scharlach, Faulfieber, Nervenfieber,

würde sich sehr irren. Diese Ansteckungsgefahr ist hier

niemals möglich. Ebenso wenig findet die zweite Art, auf welche

Ansteckung möglich wird, statt, nämlich durch Mitteilung eines

materiellen Stoffes, wie ihn Krätze, Flechten, Grind mitteilen"

(Becker 1807, S. 148). Becker wendet sich damit gegen zeitgenössische

Anschauungen, die in Südeuropa verbreitet waren, die die

Tb mit Seuchen-Bekämpfungsmaßnahmen angingen. In einer Anzahl

italienischer Städte war z.B. gesetzlich festgelegt, daß Betten

und Kleidungsstücke von Personen, die an Tb gestorben waren,

verbrannt werden mußten (z.B.: Wichmann 1799, S. 152).

Tb steckt nicht an wie andere Infektionskrankheiten, aber sie

steckt ebenfalls irgendwie an. Ein solches Fazit hat die Zeitgenossen

bis ins 19. Jahrhundert hinein aber nicht sehr irritiert

, meist kaum aufgefordert, nach Erklärungen zu suchen.

Becker resümiert 1807 die Erfahrungen und verknüpft in präventivem

Interesse Neues mit Altem: das infektiöse "Medium" kann nur

der Gestank sein - eine sehr konventionelle Sicht -; dieser geht

von dem Auswurf der Tb-Kranken aus und in geringerem Umfang von

deren Schweiß, und hierauf kann sich auch eine Krankheitsprävention

orientieren. "Der einzige Weg (der Infektion) scheint der

ausgeworfene Eiter zu sein, wenn sich viele Partikeln derselben,

... der Stubenatmosphäre beimischen und nun anhaltend wochen-,

monatelang eingeatmet werden. Atem, Eiter solcher Kranken sind

oft von unerträglichem Gestanke begleitet. Speien sie nun in die

Stube, in Sand, in Sägespäne, so muß die Luft immer mit den

flüchtigen Teilen angefüllt werden, und dies kann auf die Lungen


10

des Gesündesten eine ätzende, zerstörende Kraft haben, wenn er

sie lange einatmet" (Becker 1807, S. 148). Es ist diese "lokalistische"

Zuspitzung auf das Sputum, die einen modernen Ton gibt,

der aber noch bis 1890 nicht allgemein ist.

Geht es einerseits darum zu erinnern, daß auch in der vorbakteriologischen

Zeit Erfahrungsbestände so kondensierbar waren, daß

sinnvolle und zweckdienliche Maßnahmen möglich wurden, so ist andererseits

die zeitgenössische sehr hohe Toleranz Infektionsquellen

gegenüber anzusprechen. Ausschläge, Grinde, Geschwüre aller

Art können als "normal" gelten und ziehen dann kein prinzipielles

Mißtrauen und Distanzierungsverhalten nach sich. Gründe dafür

sind in den Perspektiven vorwiegend stationärer Gesellschaften zu

sehen, die die exzeptionellen Gefahren "von außen" kommen sehen,

die dann z.B. als Pest-Drohung u.U. panische Ängste auslösen

können. Die alltäglichen, wie z.B. die Infektionskrankheiten der

Kinder, sind dagegen in Gewöhnung und Erfahrungsstrategien aufgehoben

.

Ein Beispiel für Infektionstoleranz gibt die Episode einer offen

tuberkulösen Hebamme 1876. Sie infizierte Neugeborene durch übliche

Geburtshilfepraktiken: "durch Aussaugen mit ihrem Mund (um)

den Schleim aus den Atemwegen zu entfernen und durch nachfolgendes

Einblasen von Luft, ebenfalls mit dem Munde (um) die Atembewegung

des Kindes stärker anzuregen" (zit. Löffler 1958, S.

52). Einem Arzt fällt die Koinzidenz auf, daß einer Hebamme in

einem knappen Jahr 10 Kinder an tuberkulöser Gehirnhautentzündung

starben und der zweiten Hebamme des Ortes keines; und er findet

dann auch "eitrig-jauchigen Auswurf" bei der Hebamme, dauernden

Husten und Auswurf, Symptome, die ihrer Klientel nicht befremdlich

waren, aber wahrscheinlich noch aufgefallen wäre, soweit es

sich um eine stationäre Klientel handelte.

2.3. Konstitutionsbedingtheit

Mit der Entdeckung des Tb-Bazillus durch Robert Koch wird die Tb

nicht von einer wesentlich als konstitutionell aufgefaßten Krankheit

zu einer Infektionskrankheit, wie das häufig wahrgenommen


11

wird; aber die Krankheitsursache scheint seither sehr viel konkretisierbarer,

bekämpfbarer, weil "personifizierbar". Denn, in

den Worten Kochs, man hat es seither "nicht mehr mit einem unbestimmten

Etwas, sondern mit einem faßbaren Parasiten zu tun"

(Koch 1912, S. 37). In der vorbakteriologischen Zeit waren Infektionsvorgänge

so unbestimmt, daß die Krankheitsentwicklung fast

zwangsläufig konstitutionell betrachtet wurde. Nach der bakteriologischen

Zeitwende gibt es weiterhin konstitutionelle Sichten;

diese haben aber als bewußte Gegenkonzepte zur Bakteriologie und

deren Kenntnisstand reflektierend eine veränderte Bedeutung.

Zuerst noch einmal Becker, der 1807 nur die "vernünftige" Zeitkenntnis

vermittelt und auf jede obskure Sondersicht verzichtet:

"Die Schwindsucht ist nicht ansteckend, wie andere, unter dieser

Rubrik bekannte Krankheiten, aber sie kann es doch werden; wenn

man alle Vorsicht versäumt, die uns beim Umgang mit Kranken zur

Pflicht wird, und zumal dann, wenn wir schon, vielleicht uns unbewußt

, einige Anlagen dazu haben, was, bei Familien, durch Gram,

Kummer, Sorgen, Teilnahme, Beischlaf, und auf andere Art, während

so ein Glied derselben darniederliegt, geschehen kann" (Becker

1807, S. 151/52). Nur durch unmittelbaren, unvorsichtigen und

länger dauernden Kontakt mit Kranken scheint Infektion möglich

und auch dann nur, wenn dazu eine "Anlage" vorhanden ist. Das

ist, mit im Detail variierenden Begründungen, die Sicht bis in

die 1870er Jahre.

Zwei Überlegungen liegen der "konstitutionellen Sicht von Infektion"

zugrunde. Einmal heißt "Anlage" nicht nur genetische Erbanlage,

obgleich lange bekannt ist, daß die Schwindsucht in Familien

von einer Generation zur anderen weitergegeben wird. "Anlage"

umfaßt auch das ganze Spektrum physisch-psychischer Situationsbedingungen

. "Anlage" heißt in der Regel nur, daß der Körper

"vorbereitet" ist, daß dieser schon einen, der Krankheit ähnlichen

Zustand erreicht hat und nun jederzeit in diese Krankheit

"übergehen" kann. Zugrunde liegt also die Krankheitstheorie, die

annimmt, daß der Körper von sich aus gefährliche Zustände produziert,

zu denen dann nur noch manchmal geringfügige äußere Einflüsse

dazutreten müssen, um z.B. die Schwindsucht "entstehen" zu


12

lassen. Becker nennt als traditionelle Ursachen z.B. "Gram, Kummer,

Sorgen".

Die zweite Überlegung geht davon aus, daß Krankheiten in einer

Art stufenlosen Eskalation von Körperzuständen von einer zur anderen

"übergehen" können. So ängstigt man sich z.B. vor Erkältungen

und Katarrhen, aber auch vor Überanstrengungen der Lungen,

weil solche Zustände sich bei jeder Unachtsamkeit in eine

Schwindsucht "verwandeln" konnten. Becker empfiehlt denn hierzu

auch: "alles (zu) vermeiden, was seinen Körper schwächen, diese

Anlage in Schwindsucht selbst verwandeln könnte, dagegen alles

hervor(zu)suchen, wodurch seine schwachen, für jeden Krankheitszunder

derart empfängliche Lunge gestärkt werden kann" (Becker

1807, S. 90-91). Hier liegt das breite Feld der Dispositionsprophylaxe

.

Infektion oder Ansteckung ist in der vorbakteriologischen Zeit

nur ein Unterfall der vielfältigen Schädigungen, denen der Mensch

durch seine nähere und weitere Umgebung, durch seine Lebens- und

Arbeitsverhältnisse ausgesetzt ist. Dieser Unterfall bleibt im

Rahmen einer traditionell ganzheitlichen Körpersicht, diese wiederum

in einer eher ökologischen Weltsicht, in der z.B. klimatologischen

Dimensionen immer größere pathogene Bedeutung zugemessen

wird als den mikroskopischen Tierchen und Würmern und Pilzen,

die seit dem 17. Jahrhundert ebenfalls in der Diskussion

sind. Diese konstitutionelle Sicht von Infektionskrankheiten

nimmt komplexe Einflüsse auf den gesundheitlichen Zustand ihrer

Klientel wahr. Und diese lassen sich auch je nach Zeitgeschmack

und politischen Intentionen ganz unterschiedlich als Gesellschaftskritik

deuten.

Seit der Aufklärung bis um 1800 liegt eine moralisch gefaßte und

auf den Einzelnen gerichtete Zivilisationskritik nahe (vgl. Gökkenjan

1985, S. 59ff) . Krankheiten sind hier Zeichen eines umfassenden

Sittenverfalls, dessen strukturelle Ursachen zwar auch erkannt

werden, die aber in der Regel nicht das eigentliche Kritikund

Reformziel sind. Sachtleben z.B. erscheint das Überhandnehmen

der Schwindsucht in ihren vielen verschiedenen Formen eine


13

Folge des Luxus und der Ausschweifungen, der gestiegenen Bedürfnisse

aller Art, insbesondere in den großen Städten, der verweichlichten

Erziehung und der Modetorheiten (hier ausführliche

Kritik der Schnürbrüste), des übertriebenen Medikamentenmißbrauchs,

der sitzenden Lebensart; aber ein anderes Zeitthema, die

Schäden durch Onanie, findet er in den vermuteten Folgen übertrieben,

usw. (Sachtleben 1792, S. 17ff). Auch Becker nennt 1807

kaum präziser die sozialpathogenen Ursachen, die die Schwindsucht

"gewöhnlicher als je" machen: die "Schwäche des jetzigen Menschengeschlechts

, sitzende Lebensart, Fabrik- und Manufakturwesen,

das Wohnen in großen Städten, Ausschweifungen, Sorgen und

hundert andere Dinge" (Becker 1807, S. 160) .

Die konstitutionelle Sicht von Infektionskrankheiten wandelt

ihren Status im Laufe des 19. Jahrhunderts. Nicht zuletzt mit

Hilfe von Autoren wie Virchow, der 1848 seinen berühmten Bericht

über den "Hunger"-Typhus in Schlesien schreibt, werden Infektionskrankheiten

zu Symbolen eher struktureller sozialer Mißstände

. Die folgende Boomphase der Beschäftigung mit Mikroorganismen

und die zunehmende Dominanz von bakteriellen Krankheitslehren

seit den 1870er Jahren kann als Gegenbewegung zu dieser sozialpathogen

verstandenen konstitutionellen Sicht der Infektionskrankheit

gelesen werden (vgl. Kritik: Oesterlen 1873). Es sind

die bakteriologischen Meinungsführer, die es sich zugute halten,

aus "sozialen" Krankheiten "Infektions-"Krankheiten gemacht zu

haben (Koch 1912, S. 37; Behring 1893).

Der Tb kommt in dieser Entwicklung allerdings in zwei Hinsichten

eine Sonderrolle zu: Sie wird seit den 1880er Jahren nicht nur

durch die Agitation der Sozialdemokratie als sogenannte Proletarier-,

Wohnungs- oder auch allgemein Überbürdungskrankheit weiter-

oder wieder politisiert, sondern therapeutisch zunächst fast

ausschließlich auch so behandelt, als sei sie eine konstitutionelle

Krankheit (Sanatorienbehandlung). Andererseits wiesen auch

alle bakteriologischen Erkenntnisse seit Koch selbst darauf hin,

daß die Tb eine eher schwer infizierende Krankheit ist, die besonders

günstige Bedingungen benötigt, um sich zu entwickeln

(Koch 1912, S. 35-36). D.h. also, die Tb ist in epidemiologischer


14

Hinsicht geblieben, was sie immer war: eine Krankheit der Notu.

Kriegszeiten, der Mangelernährung, der überfüllten Unterkünfte,

eine "Verkehrs"-Krankheit durcheinandergewürfelter Populationen,

von Bevölkerungen, die neu sind in städtischen Lebensverhältnissen

und dort,wenn nicht gar zerrieben werden, vielfältig

überlastet sind (vgl: Dubos 1952). Damit blieb bis zur Entwicklung

der Antibiotika die Sichtweise lebendig, wenn auch nicht

immer dominant, daß der Bazillus zwar die notwendige Voraussetzung,

aber nicht das wichtigste sei in der Tb.

2.4. Maßnahmen

Es entspricht der vorbakteriologischen Sicht der Tb, daß Maßnahmen

in der Regel auf personenbezogenen Gesamtkonzepten beruhen.

Diese überleben in der neuen Form der Sanatoriumsbehandlung auch

die Wandlung der Krankheitslehren. Egal wie man sich die Krankheitsentstehung

vorstellt, beruht die Krankheitsbekämpfung auf

diätetisch-physikalischen Maßnahmen. Diese Orientierung wird erst

in den 1930er Jahren durch zunehmende Dominanz chirurgischer

Therapien überlagert und seit 1952 von der effektiven Chemotherapie

endgültig abgelöst (vgl.: Löffler 1958).

Die Krankheitslehren vor der Epoche der naturwissenschaft orientierten

Medizin beruhen, stark vereinfacht, auf dem Konzept eines

integrierten oder ganzheitliehen Systems ("Maschine"), in dem

Teile durch die Fehlfunktion der Gesamtheit beeinträchtigt werden

. Dabei kann die Beeinträchtigung stärker über Köperflüssigkeiten

oder über den Zustand der Muskel- und Nervenfasern erklärt

werden. Eine Krankheit indiziert damit viel stärker den Zustand

des Gesamtkörpers als eine scharf umrissene singulare Fehlfunktion

einzelner Organe oder Körperregionen. Die Krankheit "erscheint"

quasi nur an einem Ort, den sie auch gleich wieder

"verlassen" kann, sie "wandelt" ihren Charakter und kann in ganz

unterschiedlichen Formen immer wieder auftreten. In diesem Spiel

der Erscheinungen hat der Arzt die versteckte eigentliche Krankheitsursache

zu erkennen, dann durch die Beeinflussung des Gesamtsystems

zunächst dafür zu sorgen, daß sich diese nicht auf

lebensgefährliche Körperteile "wirft", um sie dann entgültig zu


15

"heben"; d.h. der Arzt hat die Aufgabe, die in Unordnung

geratenen

Körperzustände als ganzes neu zu "ordnen".

Die Orientierung in personenbezogenen Gesamtkonzepten bringt es

zumindest für die Tb mit sich, daß Krankheitsbehandlung und

KrankheitsVorbeugung dem gleichen Prinzip folgen, d.h. wesentlich

nur Gewichtung und Ausmaß der angewandten Mittel unterschieden

werden. Immer geht es vordringlich darum, den Allgemeinzustand

von Gesunden zu sichern, evtl. zu verbessern und den der Kranken

wieder zu stabilisieren (Die Vielzahl der einzelnen in der Tb-

Behandlung verwandten Arzneimittel und Einzelmethoden interessieren

hier nicht weiter; vgl. z.B. Löffler 1958, S. 96ff). Für

die Prävention heißt das, daß vorbeugende Kuren, "Präservationskuren"

(Morton 1780, S. 65), bzw. "cura prophylactia" (Sachtleben

1792, 2. Bd., S. 283) empfohlen werden. Es geht also um Dispositionsprophylaxe

wie bei "Heilungs"-Kuren geht es darum, schädliche

Stoffe, die sich entweder im Körper selbst gebildet haben,

oder die von außen zugeführt worden sind, wieder auszuscheiden.

Bei Morton z.B. ist die Ursache der Lungenschwindsucht eine

"fehlerhafte Beschaffenheit der ganzen Blutmasse und der Lebensgeister.

Das scharfe Blutwasser sondert sich in dem weichen und

drüsigten Gewebe der Lungen ab, verstopft sie und bringt sie

endlich zur Schwährung" (1780, S. 50). Das Blut wiederum wird

fehlerhaft, wenn die vielfältigen Ausleerungen des Körpers unterdrückt

werden; es wird aber auch direkt durch alle möglichen

Diät- und Lebenshaltungsfehler, durch nicht- oder falsch behandelte

Katarrhe, durch Umwelteinflüsse wie schlechte Luft u.a.

verdorben (S. 50-53). Insbesondere werden auch die verschiedenen

Formen der Leidenschaft, wie Sorgen und Furcht bis hin zu "anhaltendes

Nachdenken" angeschuldigt, denn diese führen zu einer

"krampfhaften Zusammenziehung" der Lunge, was wiederum zu Störungen

des Blutumlaufs führt und als Folge zu Verhärtungen der

Lunge, die dann auch zur Schwindsucht werden können (S. 75-76) .

Um dieses zu verhindern, muß der Blutkreislauf wieder hergestellt,

müssen die verdorbenen Säfte ausgeschieden, die entstandenen

Knoten "zerteilt", und vor allem die falschen Lebensweisen,


16

die zu all dem geführt haben, geändert werden. Die Mittel dazu,

um z.B. die "Schärfe" aus dem Blut auszutreiben, sind Varianten

der traditionellen "Reinigungskuren": Abführen, Schweißtreiben,

Aderlassen, künstliche Geschwüre legen, Abreibungen oder lauwarme

Bäder nehmen u.a. Dazu kommt der ganze Bereich der Diätetik, die

in der zeitgenössischen Sicht einer ganzheitlichen "richtigen

Lebensordnung" alles umfaßt, von allen denkbaren Aspekten spezifischer

Nahrungsauswahl, Körper- und Atemübungen, bis zur Hebung

der Gemütslage und Reisen in günstige klimatische Verhältnisse.

Allerdings, so konventionalistisch diese "Präservationskuren"

ihrem Prinzip nach sind, so sehr weichen sie in den einzelnen

Vorschriften von einander ab. Hier werden Ruhekuren und höchstens

"passive Bewegungen" (d.h. getragen - oder gefahren werden) verlangt,

dort heftiges Bewegen, starke Körperübungen, hier werden

Leute in Kuhställe, frisch gepflügte Felder, in die Nähe von

Fleischer und frisch geschlachtetem Vieh geschickt, weil diese

schwere, warme, feuchte Luft sehr wohltätig sei, dort werden

Seereisen, Höhenluft, Ägypten empfohlen und immer aus den

gleichen Gründen, um "gute Luft zu atmen" (Sachtleben 1792, S.

288ff; Becker 1807, S. 2ff, S. Ulff). Das sind nur zwei Dimensionen

vieler irritierender Widersprüche und alle diese geben den

"überzeugenden Beweis von der Mangelhaftigkeit unserer Einsichten

in das Wesen des Organismus und in die Mittel, wodurch wir eine

Störung derselben ... wieder aufheben wollen" (Becker 1807, S.

1). Alle diese Empfehlungen sind manchmal erfolgreich und manchmal

nicht und man nimmt an, daß das an der jeweiligen Art, bzw.

dem Stadium der Krankheit liegt, und nicht etwa daran, daß

gleichgültig sei, was unternommen wird.

Neben diesem personenbezogenen Gesamtkonzept von Prävention

scheinen sich präventive Einzelpraktiken, als Praktiken der Infektionsvermeidung,

erst langsam durchgesetzt zu haben. Kompendien

wie das von Sachtleben 1792 geben keine Hinweise auf mögliche

Maßnahmen der InfektionsVermeidung, obgleich für diesen

zumindest die Ansteckungsfähigkeit der Tb feststeht (Sachtleben

1792, S. 283). Eine ausgesprochene "Belehrungsschrift" zur Tb-

Verhütung von 1839 z.B. empfiehlt als die einzige Regel der In-


17

fektionsVermeidung die sorgfältige Vermeidung von Kranken. Insbesondere

die Kinder von Kranken sollen aufs Land gegeben werden,

zumindest nicht im gleichen Zimmer mit den Kranken schlafen

usw. (Thierfelden 1839, S. 56).

Das Problem ist, daß man die Lungenschwindsucht zwar als "vielgestaltige"

, "hinterhältige" Krankheit kennt, aber in der Regel

nicht als eine Seuche (eine "Pest") wahrnimmt. In Italien im

letzten Drittel des 18. Jahrhunderts werden jedenfalls typische

Seuchenmaßnahmen angewandt, die darauf zielen Ansteckung auch in

den öffentlichen Raum hinein zu vermeiden: Meldepflicht fortgeschrittener

Tb, Einweisung in Krankenhäuser, Verbrennen von

Betten und Kleidungsstücken eines an Tb Verstorbenen, Maßnahmen

zur Luftreinhaltung, aber auch das Aufstellen von Spucknäpfen

wird dekretiert oder empfohlen (Kayserling 1904, S. 321).

Diese Seuchensicht der Tb hat sich in Deutschland nicht durchgesetzt,

obgleich einzelne Personen auch obrigkeitliche Maßnahmen

gefordert haben. J.P. Frank z.B. hat 1786 gefordert, daß die Tb

des Ehepartners als Scheidungsgrund akzeptiert werden sollte

(vgl. Ullersperger 1869, S. 53). Allerdings mag es einzelne regionale

Verordnungen gegeben haben, wie z.B. in München (Mitte

19. Jh.) das Verbot, Säuglinge oder "Kostkinder" aufzunehmen,

falls sie in derselben Stube mit einer tuberkulösen Person zusammen

wohnen müßten (Ullersperger 1869, S. 139). Die Infektionsvorbeugung

bleibt im Ganzen auf "Vorsichtsmaßregeln" für den direkten

Umgang mit Kranken beschränkt. Dabei kann die Liste der Vorschläge

immerhin recht umfassend sein.

Becker etwa, der ausdrücklich erwähnt, daß er weder die Krankenwärter

noch die Kranken über Ansteckungsgefahren "besorgt"

machen, sie aber zur Vorsicht gemahnen will, führt folgendes an:

"Reinigung der Luft (im Krankenzimmer), Vermeidung der Bettgemeinschaft

(auch weil unklar ist, ob man sich nicht auch durch

Schweiß anstecken kann), des Gebrauchs von Kleidungsstücken,

Betten des Kranken überhaupt, und endlich der Gebrauch eines mit

Wasser gefüllten Geschirres zum Hineinspeien für den letzteren",

denn von dem Auswurf ("Eiter") scheint Becker die zumindest


wichtigste Infektionsgefahr auszugehen (Becker 1807, S. 151,

148; Autoren wie Wichmann 1799 erwähnen Sputum nicht einmal).

18

Ullersperger schließlich summiert 1869 die üblichen krankenbezogenen

Maßnahmenvorschläge als "Absonderungs-System": "Absonderung

(wird) zum Vorbeugungsmittel" (1869, S. 138). Dabei legt er Wert

auf besonders reinliches Verhalten in der Krankenpflege, erwähnt

aber den Spucknapf als technisches Hilfsmittel nicht. Das Wartungspersonal

- im fortgeschrittenen Stadium der Phthisis will er

nur alte Männer oder alte Frauen akzeptieren - muß "vermeiden,

den Atem solcher Kranker einzuatmen, oder den Dunst, welchen die

Auswurfstoffe von sich geben, ferner jede andere scharfe, reizende

Impression, welche auf die Luftwege oder auf das Hautsystem

reflektieren könnte ... Personen, welche Phthisiker umgeben oder

sie bedienen, müssen sich sehr reinlich halten in Kleidern und

Wäsche, sich öfters waschen, den Mund ausspülen, vorzüglich mit

Flüssigkeiten, welche etwas Desinfizierendes enthalten. Möbel,

Kleider, Wäsche und alles, was dem Kranken gedient hat, muß

gewaschen, gereinigt, gelaugt, gelüftet, mit einem Wort desinfiziert

werden". Der Krankenraum selbst muß ebenfalls desinfiziert

werden: "Man soll Feuer anzünden und desinfizierende Räucherungen

machen", aber auch "moderne" Chemikalien verwenden (S.

140/41).

Über diese, wie Ullersperger das nennt, Privat-Hygienik, hinaus

hält er den Gesetzgeber für berechtigt, Verordnungen zumindest

für den fortgeschrittenen Zustand der Tb zu erlassen, "wie sie

gegen andere ansteckende Krankheiten vorgekehrt" sind (S. 139).

Er erwähnt hier nur wenig, was die Verbreitung in den öffentlichen

Raum hindern soll; wesentlich die hygienische Überwachung

der Veräußerung, u.U. der Vernichtung von Besitzständen Tuberkulöser,

dann das Verbot für Tuberkulöse zu heiraten, und das

Verbot Ammen zu halten (ein altes Mittel der Tb-Therapie) (S.

139, 141). Bei weiteren Vorschlägen geht es ihm um die rechtliche

Absicherung der hausärztlichen Kompetenz, wesentlich um die

Möglichkeit, die Separierung des Kranken, vor allem ein eigenes

Bett für den erkrankten Ehepartner, durchsetzen zu können

(141/142). Auch hier zeigt die breite Diskussion dieses Punktes,


19

wie wenig mit Infektionsängsten gerechnet werden kann. Daneben

bespricht Ullersperger den Umgang mit Tuberkulösen in Krankenhäusern,

ohne Überweisung oder gar Zwangseinweisung Tuberkulöser zu

fordern.

Sehr interessant ist hier, wie sehr sich die traditionellen

Sichtweisen erhalten haben. So verknüpft Ullersperger die relative

Ungefährlichkeit der chronischen Krankheit, die traditionell

"konstitutionell" gesehen wird, mit einem "späten" Stadium ("offene

Eiterung ... Schweißen und Durchfälle"), das dann in die

ebenfalls traditionell gesehene Seuchenrubrik fällt. Die jetzt zu

ergreifenden Vorsichtsmaßnahmen stehen bis in die Details ganz in

der Tradition z.B. der PesTbekämpfung (vgl. Göckenjan 1988): So

darf man nur Alten das Risiko der Krankenpflege zumuten, die Luft

muß geräuchert werden, Waschen und Mundspülen sind Seuchenvermeidungs-Maßnahmen,

Distanz zu den Kranken ist die Hauptregel,

die ehemalige Einschließung von Kranken in ihren Häusern oder in

Pestspitälern ist in der abgeschwächten Form, als Denkmodell noch

vorhanden.

Ullerspergers Schrift markiert, als preisgekrönte Schrift, eine

medizinische Mehrheitsmeinung unmittelbar vor dem Übergang in das

bakteriologische Zeitalter der Medizin. So kritisiert er z.B. an

Villemin, daß dieser der Infektionstheorie einen schlechten

Dienst erweise, weil er die "komplexeren" Ursachen der Tb verwirft

(S. 97ff). Schon wenige Jahre später formieren sich dann

neue konstitutionelle Sichten der Tb, die gegen die umlaufende

Sicht eines "spezifischen Krankheitsstoffs, den man drinnen im

Körper keimen und wuchern läßt", polemisieren (Niemeyer 1876, S.

9), von Infektionen nichts wissen wollen und die alten Diätetikmaßnahmen

in neuer Form propagieren: Abhärtung, Bewegung in Luft

und Licht, "natürliche" Ernährung, Atemübungen. Das sind dann

auch Prinzipien der Heilstättenbewegung.


20

3. Politik der Prophylaxe

3.1. Tuberkulose - eine politische Krankheit

Die Geschichte der Tb-Prophylaxe tritt im Laufe der 1870er Jahre

in ein qualitativ neues Stadium, obgleich erst die Entdeckung des

Tb-Bazillus endgültig alles verändert. Die Sicht einer spezifischen

Infektiosität der Tb hatte sich durch Villemins Experimente

angestoßen, in der medizinischen Welt "fast allgemein" (Predöhl

1923, S. 9) durchgesetzt. Nur der spezifische Erreger ließ sich

noch nicht identifizieren. Dennoch zeigte die sich entwickelnde

Bakteriologie schon jetzt so viel Schubkraft, daß sich an ihr die

medizinischen Sichten polarisierten. Es existierten sofort zwei

scharf abgegrenzte "Lager", denn die Vertreter der alten konstitutionellen

Auffassung der Tb sahen sich jetzt dem Verdikt der

Unwissenschaftlichkeit ausgesetzt und gezwungen, ihre diätetischphysikalische

Behandlung zu rechtfertigen.

Ab sofort gibt es eine "moderne", wissenschaftliche, nämlich

bakteriologisch orientierte Medizin und eine "konventionelle",

die auf Erfahrung beruhende Maßnahmen verfolgt und diese verbessern

will. Die erste will Infektion vermeiden, fordert Desinfektion

all über all, sucht nach Erregern und tendiert immer auch

zur Aussonderung, bzw. Einschließung von Kranken; die andere will

Erkrankungsdispositionen vermeiden und fordert bessere gesundheitliche

Lebensführung und auch darüber hinaus bessere Lebensbedingungen

. Wissenschaftslogisch beginnt mit der Bakteriologie

auch die Epidemiologie als eine Gegenbildung.

Diese Lagerbildung ist originär politisch, insofern die medizinischen

Sichten unmittelbar soziale Konsequenzen hatten und auch

haben sollten. Denn die Tb wird im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts

zu einer sozialen Gewissensfrage von höchster staätspolitischer

Bedeutung: Niemand kann sich mit der Tb beschäftigen

ohne weltanschauliches Engagement, ohne politische Ambitionen.

Die Tb gewinnt diesen Status nicht etwa, weil ihre Prävalenz und

Mortalität zunimmt, im Gegenteil gibt es schon seit etwas Mitte

des Jahrhunderts zumindest für England einen Abwärtstrend, der


21

auch gesehen und diskutiert wird. Entscheidend ist, daß die

menschlichen und ökonomischen Kosten der Tb zunehmend als untolerierbar

gelten. Man war nicht nur (wieder) zur Erkenntnis

gekommen, "daß die Schwindsucht ebenso wie die Seuchen eine

selbstverschuldete Krankheit darstellt" (Niemeyer 1876, S. 7),

denn das Konzept selbstverschuldeter Krankheiten ist alt, man

fordert jetzt auch die Änderung der Verhältnisse, die sie verschuldet

haben.

Der politische Motor dieser Unduldsamkeit gegenüber einer chronischen

Krankheit ist die sich als Sozialdemokratie seit den

1860er Jahren organisierende Arbeiterbewegung. Hier wird die

konstitutionelle Sicht von Infektionskrankheiten zum wichtigsten

Punkt der Anklage gegen die bestehenden Lebensverhältnisse der

absoluten Mehrheit der Bevölkerung. Die alte Vorstellung, daß

insbesondere Infektionskrankheiten "Armuts-" und "Hunger"-Krankheiten

seien, wird jetzt zum politischen Instrument; die Vermutung,

daß gesunde Lebensverhältnisse für die Masse der Bevölkerung

in den bestehenden Verhältnissen überhaupt unmöglich sein

werden, ist ein zentrales Argument für die Unumgänglichkeit einer

sozialen Revolution (vgl. Tennstedt 1983).

In diesem Zusammenhang wird über viele Jahre anläßlich jeder

Epidemie darauf verwiesen, daß es immer erst diese Anlässe von

Pocken-, Typhus- oder Cholera-Epidemien braucht, um die Öffentlichkeit

auf die chronisch schlechte Gesundheitsläge der Arbeiter

zu stoßen: Erst "das Hereinbrechen einer schweren Seuche (bringt)

der Gesellschaft ihre eigenen Zustände, die sie längst kennt,

aber vor denen sie gewaltsam die Augen zu schließen gewohnt ist,

zu grellem Bewußtsein." (Adler 1892, S. 464). Aber in gewisser

Weise zieht dann eine Cholera-Epidemie die Aufmerksamkeit doch

wieder ab von dem chronischen Leiden.

Die Tb ist die eigentliche "Proletarierkrankheit" in sozialdemokratischer

Sicht. Sie hat ihre Ursache in Überanstrengung und

schlechter Ernährung und gegen sie gibt es nur soziale, ganzheitliche

Therapien: Wenn schon nicht soziale Revolution, dann

Verkürzung der Arbeitszeit und Lohnerhöhung. (So z.B. im: Vor-


22

wärts, v. 5.8.1891; zit. Labisch 1976, S. 349). Daß die Tb eine

"Proletarierkrankheit" ist, insofern sie unter Arbeitern die

höchsten Mortalitätsraten hat, ließ sich in den 1890er Jahren

schlicht nicht mehr bestreiten, nachdem Krankenkassenstatistiken

vorlagen (z.B. Sommerfeld 1895, S. 19ff; Rubner 1895, S. 921).

Aber diese Art der "sozialen" Prophylaxe konnte natürlich bestritten

werden.

Die Politik der Tb-Prophylaxe ist ein Kampf in einem politischen

Viereck: den beiden medizinischen "Lagern" und den beiden

politischen "Kulturen", sozialdemokratischer bzw. konservativ

bürgerlich bis spätfeudaler Provenienz. Denn die konventionalistische

medizinische Sicht mit ihrer Orientierung auf Lebensführung

und Lebensbedingungen ist natürlich nicht identisch mit

der politischen Kultur der Sozialdemokratie.

Die traditionelle, konstitutionelle Sicht der Tb ist vordringlich

individuelle Hygiene, sie will gesundheitsgefährdende Einstellungen

verändern. Die "luft- u. wasserscheue Lebensweise

(ist) die erste und vornehmste Quelle des allgemeinen Siechtums"

und eben auch Ursache der Tb, sagt in diesem Sinne z.B. Niemeyer,

und er fordert hier vor allem Abhärtung (1876, S. 20). Nach 1882

und noch einmal nach 1890, nachdem Koch sein ursprünglich als

Heilmittel aufgefaßtes Tuberkulin angekündigt hat, verschärft

sich allerdings der Ton. Kein Mensch, sagt z.B. Eduard Reich,

"wird durch das Kontagium der Lungenschwindsucht angesteckt, wenn

er die Anlagen zu dem Leiden nicht geerbt oder durch gesundheitswidrige

Gesamtlebens- und Beschäftigungsweisen erworben hat"

(1892, S. 19). Auch Reich fordert vor allem individuelle Besserung

und spirituelle Läuterung, aber er bezeichnet auch den

sozialen Kontext: Die Verbreitung der Tb gilt ihm "als Maßstab

der Irrigkeit und Fehlerhaftigkeit des sozialen Systems", und sie

ist deshalb so verbreitet, "weil der Mensch überall die Gottheit

lästert, sich selbst quält und seinen Nächsten peinigt; weil der

Mensch überall durch Erwerbswahnsinn und Manie des Genusses und

Besitzes dazu verleitet und gezwungen wird, die Normen der Gesundsheitspflege

und Religion mit Füßen zu treten" (S. 10). "Die

Lösung für die Zukunft muß also lauten", so schließt Rosenbach


23

seine konstitutionell motivierte Kulturkritik der Bakteriologie,

die auch deren Tb-Lehre einschließt: "Nicht Bakterienfurcht und

Desinfektionsmaßregeln, sondern Verbesserung der Lebensbedingungen!"

(1892, S. 29) .

Das Spektrum der Schlußfolgerungen aus der konstitutionellen

Sicht der Tb, bzw. ihrer diätetisch-physikalischen Orientierung

reicht von individuellen Umkehraufforderungen bis zur sozialen

Reform, politisch von kleinbürgerlichen und antimodernistischen

Positionen bis hin zur Sozialdemokratie. So ist es nicht erstaunlich,

daß die politische Zuordnung medizinischer Sichten changieren

können. Dennoch ist die konsequent argumentierte "Konstitutionshygiene"

(Hueppe) politisch eher "links" angesiedelt,

während die eigentlich technokratische Bakteriologie immer konservative

Positionen übernimmt.

Man könnte das politische Dilemma von Konzepten, die Konstitution

und Infekt verknüpfen, eine ja naheliegende Lösung, an den

Bemühungen von Karl Flügge zeigen. Flügge, eher Hygieniker als

Bakteriologe, der KonstitutionsVorstellung nahestehend und auch

bereit, den bakteriologischen Reduktionen entgegenzutreten, sieht

sich dennoch bemüßigt, weitläufig eine falsche Vermischung von

Tb-Prophylaxe und Sozialreform zu diagnostizieren und zu verurteilen:

"Gewiß wird eine Besserung der sozialen Verhältnisse eine

Besserung des allgemeinen Gesundheitszustandes mit sich bringen",

aber da die Tb-Ätiologie klar sei, könne man sie bekämpfen "ohne

Besserung der sozialen Lage"; und betrachte man die Kausalitätsverhältnisse

richtig, sei die Tb z.B. auch keine "Wohnungskrankheit"

: "Von dem Verhalten eines Phthisikers ... hängt offenbar

viel mehr ab, als von der Beschaffenheit der Wohnung" (Flügge

1904, S. 165). Diese Wendung ist nicht nur durch Pragmatik bestimmt,

sie ist der Reflex auf die feste politische Besetzung des

Konzepts einer "sozialen Konstitution" der Körper.

Die Sozialdemokratie also hat die "Konstitutionshygiene" politisch

besetzt, für sie ist Gesundheit prinzipiell das soziale

Gut, das zu erreichen politischer Aktivitäten und sozialer Umwälzungen

bedarf. Sie hat zunächst auch starke Affirmationen zum


24

diätetisch-physikalischen "Lager", in der individual-hygienischen

Ausrichtung, steht z.T. der Lebensreformbewegung nahe. Sie bleibt

aber auch immer fasziniert vom Modernismus der medizinischen

(bakteriologischen) Wissenschaft, der sie sich nach 1900 - unter

dem Einfluß einer neuen, naturwissenschaftlich orientierten "sozialen

Hygiene", die "Konstitution" und "Infektion" kombiniert -

ganz anschließt. D.h. für die Tb-Politik: diese gilt zunächst

weiter als Proletarierkrankheit, als soziale Mangelkrankheit,

aber die geforderten "Therapien" werden pragmatischer, auf die

Reform einzelner Aspekte der Lebensverhältnisse bezogen. Spätestens

nach 1918 kooperiert auch die Sozialdemokratie mit der Tb-

Bekämpfung als eine Aufgabe der Sozialfürsorge und als ihre

wichtigste Reformdimension, mit der Wohnungshygiene. Die Tb wird

bis 1933 sozusagen von der fundamental-oppositionell gesehenen

"Proletarierkrankheit" zur praktisch-pragmatisch zu bekämpfenden

Wohnungskrankheit.

Das konservative Lager ist in der gesundheitspolitischen Orientierung

pauschal sehr viel schlechter zu beschreiben. Zunächst

jedenfalls, seit den 1870er Jahren wird die bakteriologische

Forschung von staatlich-militärischer Seite präferiert und mit

Einrichtung von Forschungsinstituten und Lehrstühlen ausgebildet

. Es geht um die Entwicklung von technisch handhabbaren Instrumenten

der Umweltkontrolle im klaren Gegensatz zu den älteren

diätetisch-konstitutionellen Gesundheitssichten: Desinfektion,

Zerstörung von Krankheitserregern in der Lebensumwelt und im

Körper selbst sind die intendierten Ziele, z.T. natürlich erst

noch unerreichbar. Die Entdeckung des Tb-Bazillus durch Robert

Koch und seine Propagierung einer Tuberkulin-Therapie 1890 sind

Folgen dieser staatlichen Präferenz.

Zur gleichen Zeit, um 1890, organisiert sich eine breite staatlich-konservative

Interessenkoalition in der Heilstättenbewegung,

die damit also, zumindest was die Tb betrifft, die diätetisch-konstitutionelle

Linie stark und erfolgreich macht. Damit

erreicht die diätetisch-konstitutionelle Sicht der Tb aber keine

Selbständigkeit mehr. Die Heilstätten habe eine enge, die Sozialreformen

gerade substituierende Funktionsfestlegung und sie wer-


25

den präferiert, weil das Tuberkulin und andere medikamentöse

Therapieversuche scheitern. Die Bakteriologie "rächt" sich dann

auch immer weiter mit der Vorhaltung der geringen Erfolge der

Heilstätten (z.B. Cornet 1906, S. 6). Zugleich werden die Heilstätten

natürlich bakteriologisch "infiltriert", denn die Bakteriologie

als die moderne medizinische Leitwissenschaft kann

nirgends ignoriert werden. Insofern ist es nicht so erstaunlich

und spricht für eine kühle Kalkulation der Staatsadministration,

wenn diese um 1890 tatsächlich beide Ansätze zugleich unterstützt

(Weindling 1986, S. 6).

Die konservativen Bemühungen, vor allem im Rahmen des Deutschen

Zentralkomitees zur Errichtung von Heilstätten, reagieren aber

auch auf eine recht breite populäre Gesundheitsbewegung, die

kleinbürgerliche Natur- und Homöopathiefreunde bis hin zu sozialistischen

Lebensreformern umfaßt (Krabbe 1974; Stollberg

1988). Zugleich kann das Motto dieser Bewegung: Tb ist heilbar,

als Antwort auf die sozialdemokratische Agitation für einen

"gesunden" Volksstaat gelten.

Die Heilstättenbewegung hatte eine Initialzündung 1887 auf dem

6. Kongreß für Innere Medizin, der den Pionieren der Heilstättenbehandlung

, Brehmer und Dettweiler, erstmals große öffentliche

Aufmerksamkeit zukommen ließ (Löffler 1958, S. 40). Im

folgenden wurden lokale Tuberkulose-Vereine gegründet, meist

aufgrund der Initiative von Ärzten, die zu städtischen Aktivitäten

führten. 1888 z.B. diskutiert die städtische Deputation

für Gesundheitspflege in Berlin die Einrichtung einer Heil- und

Pflegeanstalt, 1891 wird eine erste Heilstätte für "Brustkranke

Frauen" eröffnet (Weindling 1986, S. 4/5). 1892 eröffnet die

erste sog. Volksheilstätte unter Leitung von Dettweiler in Falkenstein,

die durch die Initiative des Frankfurter Rekonvaleszentenvereins

und des Frankfurter Stadtrats errichtet wurde (Predöhl

1923, S. 33; Weindling 1986, S. 5; v. Leyden 1897, S. 24).

Ähnliche Vereine und Komitees werden in anderen großen Städten

gegründet, häufig auf Initiative "von oben", z.B. 1890 durch

Lohmann (der "Vater" der Arbeiter-Krankenversicherung) in Han-


26

nover, oder aber unter deren Schirmherrschaft, z.B. der Landesfürsten,

wie 1894 in Bayern (Weindling 1986, S. 6). Auch einflußreiche

Vertreter der Arbeiter-Invaliditäts- und Altersversicherung

treten früh ein für die Errichtung von Sanatorien -

anstatt sich mit Rentenzahlungen an erwerbsunfähige Tb-Kranke zu

begnügen, so Gebhardt 1892. Das erste Sanatorium der Rentenanstalten

eröffnet 1895.

Der spätfeudale Obrigkeitsstaat tritt in die Tb-Bekämpfung ein

"als die sozial-politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse

nach einem Demonstrationsobjekt für die Fürsorge der Besitzenden

gegenüber den Minderbemittelten verlangten und dieses in der Tb

fand" (Lock 1985, S. 392).

Die Politik "von oben" ist besonders augenscheinlich in der

Gründung des Deutschen Zentralkomitees zur Errichtung von Heilstätten

für Lungenkranke 1895, das im folgenden die Tb-Politik

weiter initiiert, koordiniert, ausbaut. Dieses Zentralkomitee

ist ein Gremium der "Exzellenzen, Geheimräte, Minister und Generäle"

(Lock 1985, S. 393), unter dem Protektorat der Kaiserin,

der erste Vorsitzende ist der Staatssekretär des Inneren, v.

Bötticher, der Generalsekretär Pannwitz ist ein Militärarzt.

Nicht einmal die Sozialversicherungen drücken so unverstellt den

politischen Willen der Herrschenden aus wie die Tb-Bekämpfung.

Seit 1895 gilt also: "Der Kampf gegen die Tb als Volkskrankheit

ist hiermit zu einem allgemeinen nationalen Werke erhoben" (v.

Leyden 1900, S. 2). Es entspricht dann auch den Erwartungen an

das Heilstättenwesen als ein "internationales Prestige-Objekt"

(Lock 1985, S. 392), daß die Zahl der öffentlichen Sanatorien

rapide zunahm: 1900 waren es schon 26, 1914 etwa 100.

Es entspricht der weiteren Entwicklung der Tb-Politik, wenn das

Zentralkomitee sich 1906 in Deutsches Zentralkomitee zur Bekämpfung

der Tuberkulose umbenennt: Das Handlungspektrum hat

sich inzwischen ausgeweitet, vor allem die Tb-Fürsorge ist zu

einem eigenen Tätigkeitskomplex geworden. Die Initiative hierzu

geht offenbar von den vaterländischen Frauenvereinen aus, die

1895 in Berlin zunächst einen Volksheilstättenverein gründen,


27

dann für die Familien der Tb-Kranken Familienfürsorge-Komitees

einrichten, die 1897 zu einer eigenständigen Einrichtung werden

(Reinicke 1988, S. 12). Auch die vaterländischen Frauenvereine

sind eine konservative, semi-staatliche, ebenfalls unter dem

Protektorat der Kaiserin stehende Einrichtung, ursprünglich als

Krankenpflegeverein für den Kriegsdienst gegründet, die dann im

folgenden das Rote Kreuz werden. 1899 richtet der Armenpflege-

Dezernent in Halle, Püttner, die erste sog. Tb-Fürsorgestelle

ein. Dieser wird von Berlin aus zum wesentlichen Organisator

dieser Einrichtungen. Auch hinter Püttners Aktivitäten steht

wieder, wie schon im Fall des Heilstättenwesens, der preußische

Kultusminister Althoff (Weindling 1986, S. 8). Auch in diesem

Bereich kommt es zu einem explosionsartigen Ausbau: 1904 gibt es

26 Tb-Fürsorgestellen, 1914 1.145.

Es sind die Heilstätten und mehr noch die Fürsorgestellen, von

denen man vielfältige prophylaktische Wirkungen erwartet durch

Aufklärung und Erziehung aber auch durch ein breites Spektrum

von sozialen Hilfen im Einzelfall. Und es ist bezeichnend, daß

diese von konservativen, obrigkeitsstaatlichen Interessen eingerichteten

Instrumente zur politischen Befriedung und politischen

Integration trotz der gelegentlichen Widerstände, meist gegen den

Disziplinarcharakter der Heilstätten, auch von der Sozialdemokratie

mitgetragen und auch ausgebaut werden.


28

3.2. Der wissenschaftliche Diskurs

3.2.1. Die problematische Vernunft der Bakteriologie

Eine geklärte Ätiologie erscheint immer als Voraussetzung von

Therapie und Prophylaxe einer Krankheit. Aber das 19. Jahrhundert

hat das bis dahin bestehende ätiologische Bedürfnis selbst

ganz umgebaut und verwissenschaftlicht. Die "Geburt" der Infektionskrankheiten

oder der Theorie der Krankheitsverursachung

durch Mikroorganismen ist ein wesentliches Ergebnis dieser Bemühungen

. Der wissenschaftliche Diskurs über das Wesen und die Bedeutung

von Infekten und Mikroorganismen zieht sich durch das

ganze Jahrhundert, bis sich schließlich die Bakteriologie etabliert

und damit die "Kontagionisten" dominieren (Oesterlen 1873;

Sticker 1910; Ackerknecht 1948; Cooter 1982).

Die Auseinandersetzungen entzünden sich allerdings an den großen

Seuchen der Pest, dem Gelbfieber, der Cholera - nicht an der Tb.

Aber die Wirkung, die Aufmerksamkeit auf Infektion und einem

Agens, das man noch nicht kennt, geht über auch auf die Wahrnehmung

der Tb. Die Einstellungen zur Tb als einer Infektionskrankheit

und die Angst vor Infektion, die an sie geknüpft ist, gehen

jedenfalls der Kenntnis des tatsächlichen Infektionsgeschehens

voraus. Die Tb - die alTbekannte Begleiterin des Menschengeschlechts

- wird so langsam zu einer unheimlichen fremd-bedrohlichen

Krankheit.

Wenn die Bakteriologie auftritt, entwickelt sie widersprüchliche

Rationalitäten: Sie weist ihren Untersuchungsgegenständen, den

Mikroorganismen, ausschließliche und ausschlaggebende Bedeutung

für den Erkrankungsprozeß zu - aber mit der Intention, eine

überhaupt erst wissenschaftlich zu bezeichnende Konzeption von

Krankheit zu entwickeln, und in der Folge eine rationale Therapie,

die gezielt ein identifiziertes Agens angeht. Dieses Kontrollkonzept

hat die Intention, die Bedrohlichkeit unspezifischer

Gefahren, aus der sozialen Lebensumwelt, dem klimatologischen,

aber auch dem magisch-religiösen Komplexen und die unüberschaubaren

körperlichen Reaktionen darauf, zu rationalisieren. Nun mag


dieses Kontrollkonzept bei epidemischen Krankheiten wie Pest und

Cholera angstreduzierende Wirkungen gehabt haben, bei endemischen

Krankheiten wie der Tb ist dagegen von angstverstärkenden Wirkungen

auszugehen.

In den Wahrnehmungsmustern der sich formierenden Bakteriologie

ist seit Villemin die weite Verbreitung der Tb der sichere Beweis

für die Ubiquität und die hohe Infektiosität des zunächst

noch unbekannten Erregers. Wenn Koch dann 1882 die Ergebnisse

seiner Untersuchungen über die Tb-Erreger vorlegt, argumentiert

er vor diesem Hintergrund der Ubiquität des Erregers und versteht

seine Ergebnisse auch als partielle Einschränkung dieser

Ubiquitätsannahme: "Die Tuberkulose, mit der wohl jeder Mensch,

namentlich an dicht bevölkerten Orten, mehr oder weniger in Berührung

kommt", infiziere doch nicht so häufig, wie man es annehmen

müßte (Koch 1912, S.36 ) .

Koch hatte auch schon festgestellt, daß eingetrocknetes infektiöses

Material noch nach Wochen virulent bleibt und er hatte

schon vermutet, daß der Hauptverbreitungsweg der Tb das Einatmen

verstaubter Sputa sein müsse, da der Phthisiker eben nur durch

den Auswurf eine Unmasse Tuberkelbazillen ausscheidet, die dann

"überallhin verschleppt werden" (S.34). Damit gibt Koch die

Richtung der ganzen folgenden (kontagionistischen) Prophylaxeorientierung

an: "Es müssen vor allen Dingen die Quellen, aus

denen der Infektionsstoff fließt, soweit es in menschlicher Macht

liegt, verschlossen werden. Eine dieser Quellen und gewiß die

hauptsächlichste ist das Sputum des Phthisikers, um dessen Verbleib

und Überführung in einen unschädlichen Zustand bis jetzt

nicht genügend Sorge getragen ist" (S.37). Koch fordert hier

"passende Desinfektionsverfahren".

Ganz deutlich ist auch hier die Rationalisierungsintention: Man

glaubt die bisher überkomplex gesehenen Erkrankungsabläufe auf

das entscheidende Moment reduzieren, damit eine amorphe Gefahr

eingrenzen zu können, und man entwirft lokale, technische Interventionsinstrumente

, um das pathogene Agens zu zerstören. Tatsächlich

erreicht man aber das genaue Gegenteil: Statt einer


30

rationalen Betrachtung der Tb stimuliert die sich formierende

Bakteriologie eine bedeutende Bakterienphobie, die für die gesamte

weitere Tb-Bekämpfung ausschlaggebend sein wird. Die Entdeckung

des Tuberkulosebazillus durch Koch, und der publizistische

Aufwand, der um diese "Entdeckung" gemacht wird, macht aus

der bekannten heimischen "Schwindsucht" eine ganz neue, eine unheimliche

Krankheit. Denn die Tb soll nicht mehr von allgemeinen

und bekannten Lebensumständen abhängen, für die es Sinndeutungen

und Verhaltenschancen gibt, sondern von einem unsichTbaren,

überall präsenten und eben tödlichen Bazillus. Diese "Verunheimlichung"

der Tb ist aber kein ausschließlich historisches Problem

eines neuen wissenschaftlichen Paradigmas, sondern darin spiegelt

sich das Dilemma der Bakteriologie: Diese versucht traditionell

sinngesättigte Krankheitsdeutungen durch magere, technisch gesetzte

AblaufSchemata, die Sinndeutungen geradezu abweisen, zu

ersetzen (Göckenjan 1988, S.85 ) .

Offenbar setzte sich die Infektionsangst in Teilen der Bevölkerung

sehr schnell durch (Cornet 1890, S. 96). Am bekanntesten ist

die Angst vor Lungenheilstätten. "Ich kenne selbst aus eigener

Anschauung Davos ... und gestehe gern, daß ich ... von einer gewissen

Voreingenommenheit nicht frei war und der Furcht schwer

Herr wurde, es könnten daselbst auch nicht Tuberkulöse sich mit

dem tuberkulösen Virus infizieren. Und ebenso erging es einem mir

befreundeten Arzt." Man wagte sich in diese Kurorte nur "mit

einem bangen Gefühl" (Eberth 1991, S.19). Die "damals auch die

erfahrensten Ärzte beherrschende Bazillenfurcht" schloß selbst

die Sanatoriumsärzte ein (Wolff 1927, S.66). Und so gibt es dann

massiven Widerstand gegen die Errichtung neuer Sanatorien um 1890

von Seiten der umliegenden Ortschaften. Aber auch Ärzte und

Kranke selbst befürchten durch die hohe Tb-Konzentration Verschlechterung

der Gesundheit (v. Leyden 1897, S.22/23).

So wettert zum Beispiel v. Leyden, einer der Promotoren der

Heilstätten, gegen "die Furcht vor dem Bazillus und die ängstliche

Verfolgung jedes angeblichen Weges, den dieser unsichTbare

Feind nehmen kann ... Die Bazillenfurcht, welche sich vor nicht

langer Zeit in übertriebener Weise geltend gemacht hat, ist un-


31

würdig und unwirksam. Denn wir können nicht alle Wege dieses unsichTbaren

Stäbchens verfolgen und wir dürfen in dem Bestreben,

uns selbst zu schützen, nicht so weit gehen, daß wir den kranken

Mitmenschen scheuen und fortweisen." (v. Leyden 1897, S.7) Genau

das ist aber offensichtlich eingetreten: "Als die vorher so unklaren

Krankheitsursachen im Lichte einer neuen Erkenntnis

scheinbar greifbar wurden", so der wohl scharfsichtigste Kritiker

der Bakteriologie Rosenbach, trat als wichtigste Wirkung "die

Furcht vor dem Kranken" ein (Rosenbach 1892, S.25).

Die Koch 1 sehe Entdeckung des Tuberkelbazillus habe die Ärzteschaft

in eine "tiefe Hypnose" versetzt, einen "gewaltig bannenden

Einfluß" ausgeübt, wird auf der 69. Tagung der Deutschen Naturforscher

und Ärzte geklagt, "er und seine Schüler haben die

eminente Ansteckungsgefahr der Schwindsucht proklamiert und alsbald

bemächtigte sich nun der Ärzte eine unsinnige Bazillenfurcht

, die von ihnen sofort ins Publikum getragen wurde ...

Wie eine Volksseuche brach dann die Bazillenangst über die Massen

herein und mit ihr die schwere Zeit für die bedauernswerten

Schwindsüchtigen." (Volland 1897; zit. in: Thurgau 1902, S.16)

"Der Bazillus als Krankheitserreger, als sichTbare und darum anscheinend

direkt angreifbare Ursache der Krankheit, hat nicht,

wie viele glauben, als 1 Beruhigungsbazillus' gewirkt; er ist

unseres Erachtens sogar die Ursache einer nicht genug zu beklagenden

geistigen Epidemie, der Bazillenfurcht, geworden, unter

deren Einfluß die wichtigsten Forderungen der Moral und Ethik

sich wesenlos verflüchtigt haben. Menschenliebe und Menschenfreundlichkeit

sind dem Wunsch der Zeit fremdartige Begriffe

geworden, und diejenigen, die den Bazillus überall wittern und

ihm eine unheimliche Gewalt beimessen, tragen Schuld an diesem

Verfall und Zusammenbruch sittlicher Vorschriften." (Rosenbach

1892, S.24)

Die Lage der Tuberkulösen sei beklagenswert, so faßt 1902 ein

Betroffener zusammen, denn sie werden plötzlich "wie die Aussätzigen

und Pestkranken" gemieden. Man redet nicht mehr mit

ihnen, will keine Bank, kein Zugabteil mit ihnen teilen, die

besten Freunde machen auf der Straße einen weiten Bogen, Fami-


lienmitglieder, insbesondere Kinder, werden ferngehalten, als

Reisende haben sie Schwierigkeit, ein Hotelzimmer zu bekommen,

Aufenthalte in den bekannten Lungensanatorien müssen verheimlicht

werden usw. (Thurgau 1902, S.5 ff). Überhaupt erscheinen

Sanatorien mehr Symbole von Gefahr und Tod zu sein, mehr Manifestationen

des Fluchs auf den Betroffenen, als Einrichtungen

der Humanität. "Es tut mir leid, hier bemerken zu müssen, daß

die sogenannten Sanatorien, welche jetzt in allen Ecken entstehen,

... die Bazillenangst und somit die Abscheu gegen die Lungenkranken

nur gefördert haben. Durch den Bau dieser Absonderungsanstalten

wurde die Ansteckungsgefahr wissenschaftlich

proklamiert." (Thurgau 1902, S.6)

Die Bakteriologie hatte diesen Ängsten nie mehr entgegenzusetzen

als Achselzucken und nochmal Verweisen auf ihre pragmatischen

Abhilfen. "Unberechtigterweise hört man immer wieder den Vorwurf,

daß die Bekämpfung des Kontagiums inhuman sei, das die Bazillenfurcht

und die Scheu vor dem Kranken großzüchte. Es weiß aber

doch jetzt jedes Kind, daß die Phthise ansteckend ist, und das

kann und darf unmöglich verschwiegen werden." Darüber hinaus

werden aber dem Tuberkulösen nur die allereinfachsten Verhaltensstandards

abverlangt, "selbstverständliche Anstandsregeln"

(Husten- und Spuckdisziplin, Sauberkeit) und dann ist er für

seine Umgebung nicht mehr gefährlich (Flügge 1904, S.165). "Es

ist genug von allerhand Gefahren der Tuberkuloseansteckung geredet

worden. Wenn bei Feststellung dieser Gefahren hie und da

scheinbar etwas schwarz gemalt wurde, so wolle man darin nur Belehrung

aber keine Beängstigung sehen. Die Furcht vor der Tb darf

auch nicht zu einer Furcht vor dem Tuberkulösen werden, auch

nicht zu dem bisweilen krankhaften Wahn führen, man wäre selbst

tuberkulös." (Thom 1910, S. 103)

Natürlich haben solche Rationalitätsgesten nie zur Minderung von

Angst und Scheu beigetragen. Alles deutet darauf hin, daß die Tb-

Gefahr soweit wie möglich verdrängt worden ist, und daß alle

Symbole und Symptome der Tb, wenn sie an einer Person nicht mehr

zu übersehen waren, Fluchtreaktionen auslösten. Hin und wieder

wird dann auch erkannt, daß die "übertriebene und alberne Tb-


33

Furcht" mit der Tb-Aufklärung selbst immer weitergetragen wird

(zum Beispiel Griesbach 1941, S.270; aber dann in alter Tradition

: S.275 ff), ohne daß man sich aus der vorgegebenen Rhetorik

befreien konnte.

3.2.2. Die Entgrenzung der Gefahr

Die irrationalisierenden Wirkungen, die die Bakteriologie durch

die Propagierung einer neuen, eigentlich konsequent rationalisierenden

Sichtweise erzielt, werden verstärkt durch ein Dilemma

dieser Konzeption, nämlich die Unmöglichkeit, manchmal aber auch

die fehlende Bereitschaft dazu, die wirklichen Gefahrenzonen

ihres Erkrankungsmodells abgrenzen zu können oder zu wollen. Je

länger die Umwelt bakteriologisch untersucht wird, umso ubiquitärer

zeigt sich der Tb-Bazillus (z.B. Clemenens 1923). Zugleich

ist für die Bakteriologie, Handlungsstrategien und -techniken an

die Hand zu geben, oberste Maxime, wie es scheint, ihre einzige

Daseinsberechtigung als medizinisch-naturwissenschaftliche Spezialität

. So werden pragmatische Schwerpunktsetzungen vorgenommen,

die Hauptgefahren bestimmt, die vernünftiges Handeln erlauben

. Diese werden sofort wieder verlassen, wenn die vielen

Nebengefahren abgehandelt werden und damit wird vernünftiges

Handeln, in einem Heer von Gefahren, zunehmend unwahrscheinlicher

. Dieses Dilemma zeichnet die gesamte "kontagionistische"

Tb-Aufklärung aus - und findet sich in der heutigen "kontagionistischen"

AIDS-Aufklärung genauso wieder.

Koch und seine Schüler "lehrten, daß ein unglücklicher Atemzug

den Tuberkulosebazillus in die Lungen bringe, und daß dann der

Kranke unwiderruflich der Schwindsucht verfallen sei" (Wolff

1927, S.56). Genau diese prinzipielle Haltung der Bakteriologen

ist ihr Problem in der öffentlichen Gesundheitspflege. Der Koch-

Schüler Georg Cornet ist die Schlüsselfigur in der Bemühung der

Bakteriologie um Eingrenzung und pragmatische Zugänglichkeit der

Tb-Gefahr. "Jeden Atemzug des Phthisikers wähnte man mit Bazillen

belastet, die die Luft über Berg und Tal fortträgt. Dazu kam noch

der in vielen Köpfen fortwuchernde Gedanke des Miasmas, und man

schuf, Irrtum auf Irrtum häufend, den verhängnisvollen Begriff


34

der Ubiquität - verhängnisvoll, weil es jedes Eingreifen in prophylaktischer

Beziehung von vornherein als aussichtslos erscheinen

ließ. Überall, wo Menschen existieren,, sollten nach dieser

Annahme Tuberkelbazillen in der Luft verbreitet sein und jeder

Mensch fortgesetzt dieselben einatmen." (Cornet 1899, S.41)

Falls der Bazillus der ausschlaggebende Aspekt des Erkrankungsgeschehens

sein soll, mußte bewiesen werden, daß der Bazillus

keineswegs ubiquitär sondern lokalisierbar ist. Cornet hat auf

der von Koch bezeichneten Linie eine Vielzahl vergleichender

Staubüberimpfungsexperimente auf Tiere unternommen und so plausibel

machen können, daß die Hauptinfektionsgefahr durch verstäubte

und eingeatmete Sputa von Tuberkulösen entsteht (Cornet

1888). Entscheidend ist dabei, daß diese zumindest hin und wieder

auf den Fußboden oder in Taschentücher spucken, denn das Verstäuben

findet durch Zertreten oder Mehrfachbenutzen von Taschentüchern

statt. Falls aber Spucknäpfe benutzt und überhaupt auf

peinliche Sauberkeit geachtet wurde, dann wurden die mit diesen

Staubproben geimpften Meerschweinchen nicht tuberkulös. Da Tb-

Bakterien offenbar nur in getrocknetem Zustand und in vor allem

dunklen Räumen längere Zeit lebensfähig bleiben und Cornet ein

Verstäuben von Bazillen durch Ausatmen nicht feststellen konnte,

so war die gestellte Aufgabe gelöst: Keine Ubiquität des Erregers

, alles hängt am Sputum.

Diese praktische Lokalisierung verschwimmt aber sofort wieder im

Rahmen der allgemeinen bakteriologischen Sichten, und zwar in

zwei Stufen: Einmal werden die Vorsichtsmaßregeln doch wieder

uferlos, zum anderen können Bakteriologen dann auch in allen

möglichen Umständen Tb-Bazillen nachweisen - auf Lebensmitteln,

die im Straßenverkauf angeboten werden, bis hin zum Schmutz unter

den Fingernägeln, so daß die so griffige Lokalitätstheorie wieder

mit vielen Einschränkungen versehen wird. Cornet selbst formuliert

seine These 1899 so: "Der Tuberkelbazillus findet sich in

der Regel nur dort, wo ein unreinlicher Phthisiker sich aufhält.

Sonst aber kommt er nur ganz ausnahmsweise vor." (Cornet 1899,

S.47)


Interessanter für die Tb-Aufklärung, die man sich ja zum Ziel

gesetzt hat, ist aber, was selbst aus der uneingeschränkten Lokalitätsthese

für die Prophylaxe folgt. Die Hauptregel erscheint

einfach und klar: Die Benutzung von Spucknäpfen ist für Tuberkulöse

Pflicht, das Boden- und Taschentuchspucken ist als Angriff

auf die Gesundheit der Umwelt zu unterlassen. Aber nicht nur Tuberkulöse,

alle Personen mögen sich dieser Näpfe bedienen: "Denn

so gut Kultur und gute Sitte uns heutzutage zwingen, auch die

übrigen Reste unseres Stoffwechsels nicht an einer beliebigen

Stelle zu deponieren, sondern bestimmte Orte dafür anweisen, so

müssen wir uns auch gewöhnen, für diese Abfälle unserer vegetativen

Existenz wenigstens eigene Gefäße zu benutzen, wenn wir je

der fürchterlichen Krankheit Herr werden wollen." (Cornet 1889,

S.24)

Aber schon bei der Frage der Art des Spucknapfes werden die

Probleme immer umfassender. Klar ist zunächst, daß darin Wasser

enthalten sein soll, später Desinfektionsmittel, nicht wie bis

dahin Sand oder Sägespäne, denn das Sputum soll feucht bleiben.

Mit solchen steigenden Anforderungen, und natürlich wachsender

hygienischer Aufmerksamkeit, wird diese Apparatur immer prekärer.

Ein Taschenspucknapf zum Beispiel soll immer mitgeführt

werden; er soll einen Deckel haben und dicht verschließbar sein,

damit die Fliegen, die die Keime verschleppen können, nicht herankommen

, und damit nichts verschüttet (Cornet 1889, S.24/25).

Die üblichen Bodenspucknäpfe können solchen Anforderungen aber

überhaupt nicht entsprechen. Hier kommen alle Verbreitungsgefahren

überhaupt nicht kontrollierbar zusammen. Die Stubenfliegen

"naschen aus den Spucknäpfen" (Predöhl 1895, S. 1007), Hunde

trinken daraus, immer wird daneben gespuckt und wenn die Spucknäpfe

da stehen, wo sie gebraucht werden, werden sie dauernd

umgestoßen.

Der Spucknapf, der eine anscheinend so einfache Problemlösung

ermöglicht, verschärft die Probleme in Wirklichkeit. Hier sollen

jetzt die "giftigen Stoffe" (Cornet) konzentriert werden, aber

diese Konzentration erhöht nur die Ansteckungsgefahr. Die Orientierung

auf die Beseitigung des Sputums durch das technische


36

Mittel Spucknapf schärft für alle das Bewußtsein, daß es keinen

wirklichen Verbreitungsschutz gibt. Dennoch wird in den folgenden

Jahren immer wieder gefordert, überall Spucknäpfe aufzustellen,

und ein emsiger Erfinderdrang müht sich um immer hygienischere

Varianten. Auf den Spucknapf soll sich jedenfalls alle Aufmerksamkeit

konzentrieren, und es ist kaum erstaunlich, daß insbesondere

der Taschenspucknapf, - der legendäre "Blaue Heinrich" -

sehr schnell zum Symbol der Infektionsgefahr selbst und damit zum

Merkmal einer "gefährlichen Person" wird. Nicht etwa indigniertes

Abrücken, sondern panische Fluchtreaktionen hat man zu gegenwärtigen,

wenn man gezwungen ist, in der Öffentlichkeit einen blauen

Dettweilerschen Spucknapf zu benutzen, klagt ein Betroffener

schon 1902. (Thurgau 1902, S.19, 20)

Ist schon die Hauptregel der Infektionsvermeidung, die Benutzung

von Spucknäpfen sehr voraussetzungs- und folgenreich, dann eskalieren

die Probleme, will man sich gegen die weiteren Verbreitungswege

vorsehen. Die Lokalitätssicht der Bakteriologie verschwimmt

in einem Meer von Gefahren, wenn die mögliche Verbreitung

getrockneten Sputums ins Auge gefaßt wird. Der "Krankheitsgiftstoff"

kann zum Beispiel "an Gegenständen haften, die man in

den Mund nimmt, und daher hat man sich nicht zu wundern, wenn

Kinder, welche die üble Gewohnheit haben, alles, was sie in die

Hände bekommen, in den Mund einzuführen, ob es auch zuerst auf

dem Boden herumlag" Tb der Lymphdrüsen bekommen. "Auch Kratzwunden

, Ausschläge oder die üble Untugend, den Finger in die Nase

zu bohren, kann den Bazillen eine verhängnisvolle Eingangspforte

bieten" (Cornet 1889, S.9).

Der Boden wird zur wichtigsten Gefahrenquelle überhaupt. Überall

kann der Tod lagern, wird unsichTbar an den Schuhen haftend

eingeschleppt. Der Boden, vielleicht das selbstverständlichste

Umgebungselement, wird bakteriophobisch aufgeladen. Fußböden

sind plötzlich gefährlich wie Abfallhaufen. Alles was mit dem

Boden Kontakt hatte, ist potentiell verseucht, muß auf irgendeine

Weise desinfiziert werden. Und natürlich muß Kindern der

Bodenkontakt durch Einflößen von Widerwillen abgewöhnt werden.

(Cornet 1899, S.30/31) Cornet thematisiert einen Aufmerksamkeits-


37

bereich, der später - durch die Wohnungshygiene - erst richtig

aufgearbeitet wird und für den neue Techniken, vom feuchten

Aufwischen, Teppichklopfen bis hin zum Staubsaugen entwickelt

werden. Auch mit diesen Techniken wird immer zugleich Infektionsgefahr

vermieden als auch die Potentionalität der Gefahr erinnert

.

Wenn "unwiderleglich" feststeht, daß "die Hauptgefahr der Ansteckung

von dem schwindsüchtigen Menschen selbst droht" (Cornet

1889, S.12), dann ist klar, daß diese sorgfältig überwacht werden

müssen. Und schien auch zunächst die Benutzung von Spuckgefäßen

ausreichend, dann wird auf den zweiten, genaueren Blick der

Kranke doch ganz umfassend gefährlich. Die gesamte Bekleidung des

Kranken, sein Bett und seine Gebrauchsgegenstände unterliegen

selbstverständlich besonderer Aufmerksamkeit, sind gesondert zu

waschen, speziell zu desinfizieren, benutztes Geschirr sorgfältig

in heißem Wasser zu reinigen. Cornet erwähnt auch "Nasenschleim,

Urin, Kot und Schweiß" als kaum oder gar nicht infektiös, aber

dennoch der Aufmerksamkeit wert (1889, S.26/27; später vgl.:

Clemens 1923, S.483 f). Ganz wichtig erscheint Cornet auch, daß

unbedingt das Küssen zu vermeiden ist, und überhaupt das mit dem

Mund berühren von Gegenständen, die andere benutzen und in den

Mund nehmen könnten.

Das Problem des Berührens wird später differenziert und ausgeweitet,

wie viele andere Bereiche, die Cornet erst knapp anspricht

. Unter dem Aspekt berufsspezifischen Vorsichtsbedarfs

wird z.B. ausgeführt: "Groß ist die Gefahr durch Straßenbahnschaffner,

die mit den Fingern die Billetts beim Abreißen belecken,

oder durch Beamte und Angestellte, die ständig dasselbe

Telefon mit ihren gesunden Kollegen benutzen." (Sissle 1928,

S.331) Auch die hygienische "Unsitte" des Küssens wird, meist

als Symbol für die fehlende Distanz zwischen Menschen, später

immer wieder angeprangert; z.B. empfiehlt Alfred GrotJahn 1920,

"den Kuß auf das erotisch Unvermeidliche" zu beschränken und

statt des Mundes "die leichter zu reinigende Stirn" zu benutzen

(zit. Tennstedt 1983, S.463). 1929 läßt das Deutsche Zentralko-


38

mitee zur Bekämpfung der Tb den Aufklärungsfilm "Küssen verboten"

drehen (Helm, Seiffert 1931, S. 38).

Mit unserer heutigen bakteriologischen Sozialisation werden uns

diese Vorsichtsmaßnahmen, die einen Aufmerksamkeits-Kordon aus

Vorsicht und Sonderbehandlung um einen Kranken legen, selbstverständlicher

sein, um 1890 war es das nicht. Die Distanzierungspraktiken

waren für die großen Seuchen reserviert. Wenn Rosenbach

kritisiert, "mit welcher Sorgfalt man beim Tuberkulösen beobachtet,

wie er sich räuspert und wie er spuckt" (1892, S.25), dann

registriert er einen Verstoß gegen gültige Umgangsregelung: Ich

muß "auf das tiefste bedauern, daß die Bakterienfurcht ... anfängt,

große Nachteile für die menschliche Gesellschaft zu zeitigen,

da sie zu der schon bestehenden sozialen Trennung nach dem

Besitzstande noch die Scheidung von Gesunden und Kranken fügt"

(S.26). Der Vorwurf, daß die Bakteriologie eine neue Menschenklasse

schaffe - ähnlich den mittelalterlichen Aussätzigen -,

könnte heute monströs erscheinen, gäbe es nicht die Erfahrungen

mit AIDS.

Für die Folgen der Prophylaxe wichtiger ist allerdings die Ausweitung

der Umgangsregeln mit Tuberkulösen zu allgemeinen Umgangsregeln

. Der Ratschlag ist, sich immer so zu verhalten, und

sich so einzurichten, als habe die gesamte Umwelt Tb. Das betrifft

nicht nur die Wohnungshygiene, die erfordere, daß "niemals"

ein Zimmer (trocken) ausgekehrt wird usw., oder daß man

auch im Privathaus eine "genügende Menge" Spucknäpfe aufstelle,

da man nicht umgehen könne, daß Kranke in die eigene Wohnung

kommen (Cornet 1889, S.32/33). Die letzte Regel läuft darauf

hinaus, möglichst niemand Unbekannten oder "Verdächtigen" in die

Wohnung zu lassen, es sei denn, man organisiert eine perfekte

Desinfektion. So zum Beispiel: "Nicht nur in jedem Zimmer und

sonst bewohntem Räume, in der Küche, sondern auch auf dem Korridor,

auf den Treppenabsätzen ... und im Hausflur sollen an

leicht ins Auge fallenden Stellen Spucknäpfe aufgestellt sein.

Nur dann können wir erwarten, die Luft unseres Hauses wenigstens

bis zu einem gewissen Grade frei von den Krankheitsstoffen zu

erhalten" (S.33).


39

Vorbeugungsregeln, die "das Einbringen des unheimlichen Gastes"

in eine "bisher" gesunde Familie (Cornet 1889, S.30) verhindern

sollen, betreffen alle Kommunikationswege. Weder die Kindermädchen,

Verwandte, noch überhaupt fremde Leute dürfen Kinder küssen,

der Umgang der Kinder ist zu überwachen, insbesondere keine

Besuche bei fremden Familien; Hunde sind abzuhalten, "die den

Auswurf auf dem Boden mit Vorliebe beschnuppern" (S.31). "Man

vermeide tunlichst den Verkehr mit Menschen, von den man beobachtet,

daß sie auf den Boden oder ins Taschentuch spucken. 11 Und

falls es sich nicht vermeiden läßt, muß eine besondere Atemtechnik

angewendet werden (S.32). Bei einem Wohnungswechsel beachte

man eine besondere bazillenaufsaugende Reinigungsmethode (Abreiben

aller Flächen mit frischem Brot, das dann verbrannt wird),

egal wer vorher in der Wohnung gewohnt hat. (auch: Zadek, Blaschko

1902, S. 7) "Man sei in der Benutzung der Leihbibliotheken

sehr vorsichtig, da diese Bücher gerade viel von Kranken gelesen

und angehustet werden, also dadurch eine Verbreitung von Krankheiten

möglich ist. 1 1 (Cornet 1889, S. 35) Wenn man Hotels benutzt,

"dringe" man auf feuchte Reinigung, man lehne den Gebrauch von

Teppichen und Bettvorlagen ab (S.35).

Hier ist ein Übergang von der Behauptung, jeder könne individuell

zur Reduzierung der Tb-Gefahr beitragen, zur Aufforderung, daß

die gesamte öffentliche Umwelt ebenfalls nach Gesichtspunkten

der Tb-Prophylaxe umzubauen sei. Wenn einmal das Mißtrauen einer

abstrakten Infektionspotentionalität gegenüber in die Familie, in

den privaten Bereich hineingeholt wird, dann wird umgekehrt gefordert,

die Öffentlichkeit nach intimen Bedürfnissen einzurichten.

Überall wo man geht und steht soll man für sein Spuckbedürfnis

Spucknäpfe vorfinden - in Büros, Kanzleien, Kasernen, Klöstern,

Strafanstalten, Hotels, Gastlokalen, Verkaufsladen, Fabriken,

Promenaden, Eisen- und Pferdebahnen, diese Orte zählt Cornet

auf (S.34 ff).

Nicht nur das, gefordert ist auch, die unsichTbaren Gefahren zu

bannen, nirgends soll sich also Staub absetzen können, auch das

ist eine Ausdehnung des Privaten in die öffentliche Sphäre: der

Gebrauch von Teppichen und Bettvorlagen soll auch in Hotels ab-


40

gestellt werden, in allen Hausfluren, Treppenhäusern und öffentlichen

Transportmitteln sollen die textilen Bodenbeläge verschwinden,

und die Böden seien mit "leicht abwaschbarem Linoleum"

zu belegen (S.36). Polstermöbel in allen öffentlich zugänglichen

Räumen mögen so konstruiert sein, daß man die Polster abnehmen

und in Dampfapparaten desinfizieren kann. Und selbstverständlich

müsse es in jeder größeren Gemeinde Desinfektionsanstalten geben,

die - bei ärztlichem Testat - ihre Dienste auch unentgeltlich

leisten (S.37/38).

Was als "Sputumprophylaxis" (Cornet 1906, S.6) angeblich so

pragmatisch beginnt, endet im Namen eines rationalen Desinfektionsschutzes

mit dem Programm der Reorganisation der gesamten

Lebensumwelt. Im übrigen spricht nichts dafür, daß Cornet vielleicht

besonders inkonsistent argumentiert, oder persönlich

besonders bakteriophobisch sein könnte, er ist nur Fachmann für

die Verbreitung des Tb-Bazillus. Als solche werden seine Ergebnisse

von den Administrationen aufgenommen und in Verfügungen

und Runderlasse umgesetzt (vgl. unten), als solcher macht er

auch eine wissenschaftliche Karriere.

Die "Sputumprophylaxis" wird als Paradigma aufgenommen, immer

wieder verifiziert und im folgenden inhaltlich eher ausgedehnt

und weiter ausgearbeitet als eingeschränkt. Eine Akademisierung

der "Sputum-Frage" findet statt und führt zu einer artifiziellen

Sputumchemie mit technisch-apparativen und chemikalischen Desinfektionslehren

(vgl.: Clemens 1923). Jetzt, eine Generation

später, ist bekannt, daß der Erreger (insbesondere im Sputum)

noch weit widerstandsfähiger ist als zuerst angenommen und daß er

sich auch überall nachweisen läßt. Der Umgang mit tuberkulösem

Sputum wird damit noch prekärer: zum Beispiel müßte im Prinzip

auch für den Privathaushalt "Abkochen" gefordert werden, aber man

akzeptiert, daß das realistisch nicht erwartet werden kann und

findet sich auch mit Einfachmethoden ab, wie mit in den Abort-

Schütten (Clemens 1923, S.486/87).


3.2.3. Tröpfcheninfektion und Zunahme des Distanzbedarfs

41

Das Interesse am Sputum ist gesundheitspolitisch das Interesse

an der Lokalisierung der Gefahr, diese soll die Chance zur Prävention

eröffnen. In der bisherigen Darstellung war wichtig zu

zeigen, wie sich dieser Lokalismus "zerstäubt", wie sich das

Sputum in bakteriologischer Sicht zur Metapher "Staub" wandelt,

in jeder Hinsicht uneingrenzbar. Nun ist allerdings dieser Lokalismus

selbst schnell angefochten worden. Schon in den 90er Jahren

hat Flügge nachgewiesen, daß auch durch Anhusten und Anniesen,

ja schon durch lautes Sprechen und Singen, eine Bazillenübertragung

durch Tröpfcheninfektion stattfinden kann. Damit

liegen seither drei Übertragungswege fest: Staub-, Schmier- und

Tröpfcheninfektion. (Die Übertragung von Tier-, insbesondere

Rindertuberkulose wird in dieser Darstellung immer außer acht

gelassen.) Diese drei Übertragungswege zusammen bilden nun tatsächlich

einen hygienischen Komplex, der nicht mehr sonderlich

plausibel, technisch-segmentär angegangen werden kann.

Cornet hat sich aus diesem Grunde auch gegen die Tröpfcheninfektion

als ein distinktes Risiko ausgesprochen und an der

Schwerpunktsetzung auf "Sputumprophylaxis" festgehalten (Cornet

1906, S.6, 8). Natürlich ohne Folgen für die weitere Entwicklung.

Das Tropfeninfektionsrisiko verschärft das Problem des

unmittelbaren Kontaktes zwischen Menschen weit über die Berührungsproblematik

(Schmierinfektionsrisiko) hinaus.

Nun ist letztlich wirklich eine Art Quarantäne-Zone zwischen

Menschen einzuhalten. Typisch für die Situation ist, daß jetzt

auch, allerdings für den Umgang mit Kranken, eine alte Seuchenregel

wieder empfohlen wird: Es sei zu beobachten, "daß Gesunde

nicht mehr, als es unumgänglich nötig ist, sich in der direkten

Sprechrichtung laut und angestrengt redender Lungenschwindsüchtiger

aufhalten" (Tjaden 1904, S.5). Ehemals war Leprösen geboten,

nur in Gegenwindrichtung mit Gesunden zu reden. Allerdings,

und das nimmt diesem Bereich wieder etwas an Dramatik, wird das

geforderte Distanzierungsverhalten von dem bürgerlichen Zeitgenossen

wesentlich schon als normale Anstandsregel aufgefaßt.


42

"Im Hinblick auf die Gefahr der Tropfenverspritzung, (ist) der

Unsitte vieler Menschen, beim Sprechen dem anderen möglichst nahe

auf den Leib zu rücken, nicht dringend genug entgegenzutreten und

(wird) die Innehaltung einer angemessenen Entfernung im Verkehr

von Person zu Person immer wieder zu betonen sein." (Roth 1899,

S.272)

Auch das Risiko einer Tröpfcheninfektion wird sofort instrumentell-präventiv

aufgegriffen. Als wichtigstes werden den Patienten

sogenannte Schutzmasken verordnet, die diese entweder Tag

und Nacht tragen müßten (B.Frankel 1899; S. 24/25), oder aber,

solange sie sich in poliklinischen Warte- und Untersuchungsräumen

aufhalten. (Cohn 1900, S.467 ff) Der Maskenzwang für Patienten

hat sich aber nicht durchgesetzt, obgleich ihre Erfinder immer

behaupten, daß es keinen Widerstand dagegen gebe. Auch die

Schutzmaske für die Umgebung des Kranken, obgleich immer wieder

empfohlen und gefordert, hat sich nicht durchgesetzt. Die Schutzmaske

gegen Patienten hat offenbar immer so große Angstreaktionen

ausgelöst - u.U. bei allen Beteiligten -, daß Ärzte und Pflegepersonal

meist darauf verzichtet haben. Dennoch wird die Einführung

immer wieder versucht, z.B. eingeschränkt auf Fälle mit

besonderer Infektionsgefahr, "wo seine Anwendung auch den Laien

sofort angezeigt erscheint" (Braeuning 1929, S.17). Die Bedeutung

der Schutzmaske muß im Kontext der hohen Verdrängungsleistung,

die im gesamten Themenbereich Tb festgestellt werden kann, beurteilt

werden. Die Schutzmaske, als nicht zu übersehende, das

Gesicht deformierende Barriere, überschreitet offenbar zugleich

die Toleranzgrenzen, die Arzt und Pflegepersonal, wie auch Patient

und Familie brauchen, um den Vollzug des täglichen Lebens -

angesichts einer lebensbedrohlichen Krankheit - möglich zu

machen. Es liegt nahe, hier auch, trotz aller hygienischer Verurteilung,

den Erfolg des Taschentuchs in seiner Multifunktionalität

zu erkennen. Es ermöglicht viele Intimitätspraktiken, in der

auch Pathogenitätsaspekte verschwinden, Stigmatisierung vermieden,

Anstößiges übersehen werden kann.

Man kann sich diesen Kontext noch einmal vor Augen führen an

einem anderen, ebenfalls nicht durchgesetzten Schutzinstrument,


43

dem von Rath empfohlenen "Hustenfächer", aus Hartgummi und Aluminium.

Auch hier ist vordringlich interessant, wie sehr zeitgenössisch

die alltäglichsten Praktiken zu existenziellen Problemen

werden, die noch die einscheidendsten und unpraktikabelsten

Maßnahmen gerechtfertigt erscheinen lassen. "Hustenfächer"

also seien überall zu benutzen, bei "Husten, Niesen, Räuspern

etc. 11 , und "namentlich für Heilstätten, Krankenhäuser, Werkstätten

und Büros (zu) empfehlen". "Auch in der Familie würde dieser

Hustenfächer, und zwar nicht nur bei der Tb, sondern bei allen

übertragbaren Krankheiten, die mit Erkrankungen der oberen Luftwege

einhergehen, voraussichtlich vorteilhafte Verwendung finden

können und den Vorzug vor dem Taschentuch verdienen, schon aus

dem Grunde, weil bei dem jedesmaligen Herausziehen und Entfalten

des Taschentuchs ein Zerstäuben inzwischen angetrockneter Tröpfchen

oder etwaigen Auswurfs nicht ganz zu vermeiden ist."

(Roth 1899, S.268)

Das Tröpfcheninfektionsrisiko führt insgesamt zu immer wiederholten

Empfehlungen, überall wo möglich Distanz zu halten und wo unmöglich,

wie z.B. an Arbeitsplätzen, zwischen den Angestellten,

bzw. zwischen Angestellten und Publikumsverkehr, Trennwände oder

Glasscheiben zu installieren. "In einigen Schreibstuben", z.B.

sollte man dafür sorgen, "daß die Arbeitsplätze Hustender von

denen ihrer Nachbarn durch schützende Glaswände getrennt werden"

(Möllers 1926, S. 90). Bei der Einrichtung von Tb-Fürsorgestellen

wird auch empfohlen, neben dem Gebrauch von "Hustenmasken" natürlich,

durch bauliche Maßnahmen oder entsprechende Anordnung der

Möbel sicherzustellen, daß "ein zu nahes Herankommen der Kranken

unmöglich" ist (Jötten 1929, S.76) . Schon die Sputumprophylaxe

stellt sich für Bakteriologen und Hygieniker als monumentales

Erziehungsprojekt dar, die Tröpfcheninfektion kompliziert und

erweitert ein solches noch.


44

4. Helfen und Erziehen

4.1. Einleitende Bemerkungen

Man muß die Prophylaxe-Politik, wie sie zuvor abgehandelt worden

ist, als großräumige Intention, die sich auf Gesellschaft und

Staat bezieht, in Macht- und Einflußkategorien und in Institutionsbildungen

denkt und handelt, unterscheiden von kleinräumigen

Intentionen, die auf Einzelpersonen und Gruppen und in der Regel

auf Einstellungsänderungen zielen. Diese sollen unter der Überschrift

Aufklärung behandelt werden. Das Charakteristikum von

Aufklärung ist hier, daß eine Diskursebene eingenommen wird, die

macht- und gesells.chaftsstrukturelle Probleme meist ausklammert

und pragmatisch der Fragestellung folgt: was kann jeder Einzelne

tun, unter gegebenen Verhältnissen.

Gesundheitspolitische Aufklärung ist, falls nicht unmittelbar mit

Selbstaufklärung rückgekoppelt, ein Unternehmen mit machtstrukturellem

Gefälle. "Experten" erklären Verhältnisse, die laut Rollenverteilung

den Adressaten unbekannt sind, sie beschreiben Faktizitäten,

gegen die die Angesprochenen fälschlich, also angeblich

ohne oder mit falschen Gründen verstoßen. "Experten" treten

nicht mit einer "Meinung" auf, sondern mit Gewißheiten; sie beziehen

sich auf eine meist nicht offengelegte Machtquelle. Als

wirkliche oder angebliche Machtträger oder Machtrepräsentanten,

In welcher Form immer geht die Bitte um Einsicht einher mit der

Drohung einer selbstverschuldeten Strafe, bei fehlender Kooperation

mit dem Vorgetragenen. Das angedrohte "Strafmaß" variiert

allerdings nach der Schwere der behaupteten Verantwortung und der

Chance, überhaupt bestrafen zu können. Gesundheitspolitische Aufklärung

ist jedenfalls regelmäßig normative Politik, die sich

meist ihrer Normsetzung nicht vergewissert oder nicht vergewissern

will, also Selbstaufklärung abweist.

Die Bedeutung von Gesundheitsaufklärung wäre daran zu messen, ob

sie in Bezug auf gesundheitsrelevante Kriterien wirkungsvoll ist.

Da es sich hier immer um Verhaltensmodellierung handelt, kann

Aufklärung überhaupt nur wirkungsvoll sein, wenn sie die relevan-


45

ten Personenkreise direkt anspricht, das heißt, wenn es ihr gelingt,

deren Normsysteme zu bewegen. Um das zu erreichen, sind

eine Anzahl von Ansätzen denkbar, im Prinzip wohl innerhalb des

Spektrums zwischen Inspiration und Horrifizierung.

In Betracht der Wirkung, könnte man meinen, ist es gleichgültig,

ob eine Verhaltensvariante akzeptiert wird, weil sie mit attraktiven

Perspektiven verknüpft ist, weil sie vernünftig ist, oder

weil man es geschafft hat, ungewünschtes Verhalten zu stigmatisieren

. Hauptsache müßte sein, am Beispiel der Tb-Aufklärung gesprochen,

daß die Regel der Sputum-Prophylaxe, daß Sauberkeitsstandards

eingehalten werden. Die Geschichte der Tb zeigt dagegen

u.a., daß Wirkungsdimensionen sehr viel komplexer sind, daß also

die Erfolge der Tb-Aufklärung dauernd Folgewirkungen hatten, die

die erwartete Verhaltensmodellierung auch immer wieder in Frage

stellen mußte. So läßt sich sagen, die Tb-Aufklärung hat trotz

der Zielerreichung in einigen Verhaltensdimensionen nie einen

vernünftigen Umgang mit der Tb erreicht: diese Kosten der Aufklärung,

nämlich die Stigmatisierung der Kranken und die Tabuisierung

der Krankheit lassen sich bis heute nachweisen. (Dornheim

1983)

4.2. Chronologie der Aufklärung

Tb-Aufklärung im Kaiserreich, aber auch in der Weimarer Republik

will "Belehrung" sein, will "erziehen"; damit handelt es sich um

eine ganz offene Variante normativer Politik. "Belehrung" findet

also von "oben" nach "unten" und in den traditionellen Bahnen

statt; das heißt an eine Breitenwirksamkeit ist zunächst nicht

gedacht, und eine solche Erwartung wäre auch eine Überschätzung

der bakteriologischen Position. In der Startphase der Tb-Aufklärung

bis etwa 1890 gibt es nichts als Vorträge vor bürgerlichen

Vereinen mit Bildungsintentionen und Broschüren für das gleiche

Publikum. Es ist davon auszugehen, daß die Kenntnis des Tb-Bazillus

- schon Cornet zum Beispiel konstatiert, daß "heutzutage manche

von einer wirklichen Phthisiophobie ergriffen sind" (1890, S.

96) - und später Kochs Behauptung einer nun beginnenden rationalen

Tb-Bekämpfung in eine breitere Öffentlichkeit getragen worden


46

sind. Aber die Bakteriologie hatte nichts weiter anzubieten, was

nicht schon in den klassischen Gesundheitslehren, zum Beispiel

nach dem Muster von Hufelands Makrobiotik (1798), enthalten wäre.

Noch auf dem für die Tb-Politik wichtigen Kongreß der inneren Medizin

1887 resümiert der Referent die herrschende medizinische

Meinung, daß für die Tb nicht der übliche Spruch gilt, daß "Verhüten

leichter als Heilen" sei; "Bis jetzt wenigstens nicht."

(Penzoldt 1887, S. 34) "Vernichtung oder Beschränkung der Tuberkelbazillen:

gewiß ein ebenso hohes Ziel, wie die Aussicht gering

ist, im Kampf mit einem so zahlreichen, über die ganze Erde verbreiteten,

unsichTbaren Feinde einen nennbaren Erfolg zu erreichen

." (S. 35) Nur einer "durchgreifenden, staatlich organisierten

Gesundheitspflege in Bezug auf Wohnung, Boden, Arbeit, Ernährung

usw." wäre ein Erfolg zuzutrauen, aber für solch einen Kampf

fehle noch die wissenschaftliche Grundlage. (S. 35) So bleiben

für den Referenten einstweilen nur die Mittel der individuellen

Gesundheitspflege und diese sind nicht einmal ordnungsgemäß

kontagionistisch, da in letzter Konsequenz "das Ideal...alle

Tuberkulösen von Beginn an zu isolieren...natürlich unerreichbar"

ist. (S. 36)

Mit Cornets Untersuchungen lassen sich dann gezielte Maßnahmen

begründen und organisieren. (Cornet 1889; Heller 1890; Eberth

1891) Die sich jetzt anschließende Phase etwa bis um 1900 ist

bestimmt durch die Übernahme der technisch orientierten Sputum-

Prophylaxe durch staatlich kommunale Verordnungen und Bekanntmachungen

. In dieser obrigkeitlichen Spucknapf-Phase der Tb-Aufklärung

wird zuerst die allgemeine Öffentlichkeit angesprochen,

nicht untypisch für die politischen und kulturellen Verhältnisse,

in der gültigen Form von Anordnungen und Verboten, und das auch

in Bereichen, in denen Obrigkeitsinstanzen keinerlei Anordnungsbefugnis

besitzen. Die neue Regel: "Nicht auf den Boden

spucken!", die als Hinweisschild im folgenden den öffentlichen

Raum ziert, ist geradezu das Symbol für eine Politik, die Mentalitäten

umprägen will und dafür kaum eine Handhabe hat.


47

Verbindliche Regeln zur umfassenden Sputum-Prophylaxe werden zuerst

1889 durch die Berliner Polizeiverordnung für Irrenanstalten

als Runderlaß des preußischen Ministers des Inneren für die

Straf-, Gefangenen- und Besserungsanstalten und als Erlaß des

preußischen Kriegsministeriums bestimmt. (in: Cornet 1890, S.

195ff) Andere Regionen folgen später. Neben diesem Verwaltungshandeln

im engeren Sinne stehen die Bekanntmachungen. Nachdem

1890 die Preußische Königliche Wissenschaftliche Deputation für

das Medizinalwesen ein entsprechendes Gutachten abgegeben hatte,

(Gutachten 1891) zirkuliert dann dieses als Bekanntmachung des

Ministers der Geistlichen-, Schul- und Medizinal-Angelegenheiten

in allen Provinzen, "zur gefälligen Kenntnisnahme" und "tunlichst

vollständigen" Durchführung: zur "Belehrung der nachgeordneten

Behörden, der Leiter der Anstalten und Besitzer von Räumen, in

denen größere Menschenmengen oder kranke Personen zu verkehren

pflegen, der Lehrer, der Ärzte, sowie der gesamten übrigen Bevölkerung.

" (in: Centraiblatt f. allg. Ges.-Pflege 1891, S. 107)

Aber diese "Bekanntmachungen" sind eine obrigkeitliche Form, unverbindliche

Ratschläge zu erteilen und der Erlaßton der Bekanntmachungen

steht oftmals in einem deutlichen Mißverhältnis zu der

notgedrungenen Bitte: "daß Jeder in seinem Wirkungskreise im eigenen

wie im Interesse des Gemeinwohles die Durchführung der in

diesem Gutachten empfohlenen Maßregeln an seinem Teile fördern

und unterstützen wolle", wie es der Polizeipräsident von Berlin

formuliert. (Gutachten 1891, S. 3) Ähnliche Bekanntmachungen zur

Sputum-Prophylaxe, beziehungweise zur Vernichtung des Infektionsstoffs

werden auch in allen anderen Regionen zirkulieren lassen.

So zum Beispiel - ohne Befehlston - die Bekanntmachung des Medizinalkollegiums

der Freien Stadt Hamburg 1896 (in: Centralblatt

f. allg. Ges.-Pflege 1897, S . 38ff), oder die des Großherzogtums

Baden von 1900 (in: Blätter f. Volksges.-Pflege 1900, S. 21ff),

letztere ragt schon in eine neue Phase, insofern wirklich versucht

wird, die Öffentlichkeit zu erreichen. Jetzt wird die "Belehrung"

nicht mehr nur in den Amtsverkündigungsblättern abgedruckt,

sondern auch in Sonderabdrucken an Ärzte, Lehrer, Hebammen,

Leichenschauer und Heilgehilfen verteilt und als Plakate an

Gemeindehäusern, Warteräumen der Bezirksämter, Bahnhöfen, in Fa-


iken, Steinbrüchen, Kranken-, Armen- und Pfründnerhäusern

angeschlagen.

48

Erst in der dritten Phase der Tb-Aufklärung ab etwa 1900 wird ein

Öffentlichkeitsniveau erreicht, das der immer bemühten großen Bedeutung

des Themas entspricht. Typisch ist jetzt inhaltlich, daß

neben die kontagionistische Sputum-Prophylaxe die Tröpfcheninfektionsproblematik

und vor allen Dingen gleichberechtigt diätetisch-physikalische

Orientierungen und Ratschläge hinzutreten.

Erst jetzt ist die Tb-Problematik so weit durchgearbeitet, daß

die bis dahin separierten Bereiche in ein Konzept gefaßt werden,

das dann für die gesamte folgende Zeit Gültigkeit behält.

Das sehr weit verbreitete Tb-Merkblatt des Kaiserlichen Gesundheitsamts

von 1900 ist typisch für diesen Trend (vgl. Schwindsuchtsbekämpfung

1899, S. 36ff; Sommerfeld 1900) und prägt zugleich

die Normalform der dann üblichen Kurzinformationen in einer

Fünf-Punkte-Gliederung:

1. Bedeutung und Charakter der Tb;

2. Ansteckungswege;

3. Schutz gegen Tb: Sputum-Prophylaxe und Dispositionsprophylaxe

, also allgemeine Sauberkeit, Kräftigung des

Körpers in Bezug auf die zentralen Lebensbereiche;

4. Diätetische Ratschläge für gefährdete Personen;

5. Ratschläge für Kranke. (Tb-Merkblatt 1900; vgl. Ratgeber

f. Lungenkranke 1900)

Vergleicht man dieses Merkblatt mit dem des gleichgeschalteten

Reichsgesundheitsamts von 1937, dann zeigt sich, wie normprägend

der erste Entwurf war: beide sind bis auf marginale Änderungen im

Detailbereich und einige jetzt nicht interessierende Umgewichtungen

identisch. (Tb-Merkblatt 1937; vgl.: Griesbach 1941, S.

275ff)

Auch vom Medieneinsatz her gesehen ist Tb-Aufklärung erst ab 1900

ein Unternehmen, das auch instrumentell beginnt, den Zeitforderungen

zu entsprechen, und also prinzipiell alle verfügbaren Kommunikationsformen

nutzt. Im Zentrum steht zunächst die Verwendung

von differenzierten Arten von Drucktexten, von Handzetteln bis zu


49

Plakatanschlägen, wobei die Tb-Bekämpfung sehr schnell eigene

Identifikationsmerkmale und Symbole entwickelt, (vgl. zur Tb-Ornamentik:

Ehrler 1985, S. 462ff) Neben die belehrenden Vorträge

treten zunehmend die direkten Instruktionen, vor allem durch die

neu eingerichteten Tb-Fürsorgestellen. Dazu werden neue Veranschaulichungstechniken

wie Bildtafeln, Demonstrationsmodelle,

pädagogische Environments (Tb-Museen ab 1902) eingesetzt. Das

Deutsche Zentralkomitee zur Bekämpfung der Tb ist bei all diesen

Aktivitäten ein wichtiger Handlungsträger. (Helm; Seiffert 1931,

S. 36ff) Die Linie der Verbildlichung der Aufklärung wird im folgenden

zum Beispiel auch durch Aufklärungsfilme (seit 1914) und

-theater (seit 1928) zwar weiter ausgebaut aber nicht mehr auf

eine neue Stufe gehoben.

Für die folgende Zeit bis 1933 ist es schwer, Kriterien zu finden,

die weitere Phasenabgrenzungen rechtfertigen, dagegen können

Aufklärungskonjunkturen benannt werden. Nach der publizistischen

Tätigkeit zu urteilen, hat das Tb-Thema hohe Aufmerksamkeit bis

zum Ausbruch des 1. Weltkriegs, tritt dann hinter anderen Themen

wie Nahrungsmittelversorgung und akute Infektionskrankheiten zurück.

Eine Hochkonjunktur hat die Tb dann wieder in den 1920er

Jahren, denn hier schlagen sich alle Kriegs- und Nachkriegsmiseren

exemplarisch und auch in einer gestiegenen Tb-Mortalität nieder.

Schon alleine durch das zunehmend dichtere Netz von Tb-Fürsorgestellen

und dem Ausbau des Schulgesundheitssystems aber auch

dem hohen Stellenwert von Kommunalpolitik allgemein, ist von

vielfältigen Aufklärungsmaßnahmen auszugehen. (vgl. Beschorner

1925; Hb. d. Tb-Fürsorge, 2. Bd. 1926, S. 322ff) Diese bleiben

aber im Rahmen des Herkömmlichen, erreichen vor allem nicht den

massenmedialen Umfang der Tb-Kampagnen in den USA. (vgl. Knopf

1926)

Die vierte Phase beginnt mit der faschistischen Machtübernahme

und führt zu einem Bedeutungsverlust der Tb-Aufklärung. "Aufklärung"

verliert jeden substantiellen Sinn in einem autoritären

System, das Regelverstöße mit Existenzbedrohung ahndet. Tb-Aufklärung

büßt zugleich funktionellen Sinn ein, da die faschistische

Tb-Politik auf "planmäßige Überwachung" setzt. Die auf Ein-


50

Stellungsänderung zielenden Bemühungen werden also durch Krankheitsfrüherkennungsmaßnahmen

auskonkurriert. In diesem Sinne ist

das Charakteristische dieser Phase der erstmalige Einsatz von

Röntgen-Reihenuntersuchungen auf Kampagnenniveau.

Formal bleibt die traditionelle Tb-Programmatik erhalten und angewandt.

(z.B.: Griesbach 1941; Kreuser 1939, S. 10ff; Schröder

1936, S. 17ff) Gesundheitspflege und Körperertüchtigung gehen ja

in einen faschistischen Körperkult ein, in dem "Konstitution" mystische

Abwehrkräfte bekommt. Eigentlich konsequent bemüht sich

die Tb-Politik sogar darum, die Gefahr, die man traditionell von

Tuberkulösen ausgehen sah, zu relativieren, so in einem Runderlaß

des Reichsarbeitsministeriums von 1941. (zit.: Stahl 1982, S.

93f) Das ist aber hoch zynisch, weil diese Bemühungen, die herkömmliche

Bazillen-Phobie abzuschwächen, tatsächlich in dem Kontext

stehen, alle verfügbaren Arbeitsressourcen auszuschöpfen und

zugleich den Druck auf die Heilstättenbehandlung abzumildern.

(Stahl 1982)

Es ist das Drama der gesamten kontagionistischen oder seuchentheoretischen

Tb-Betrachtung, daß die faschistische Tb-Politik

sich in der langen Tradition eines Kampfes mit ungenügenden Mitteln

sehen kann, den sie jetzt endlich adäquat zu Ende zu führen

gedenkt: "Schutz der Gesunden. Diese alte Forderung der Tuberkulösenbekämpfer

ist durch den Umbruch auf allen Gebieten, durch

die Umwandlung der 'Fürsorge' aus einer Pflege der Schwachen, im

Lebenskampf Versagenden, in einen Schutz des wertvollen Erbgutes

an die erste Stelle im Kampf gehoben worden. 11 (Seil 1934, S. 77)

Ewig hatte man die nationale und ökonomische Bedeutung der Tb-

Prophylaxe hervorgehoben, um den Kranken die Last, die sie für

andere tragen, einzubleuen. Neu ist, daß man jetzt im Zweifel

keine Rücksichten mehr zu nehmen braucht.

Die Tb-Politik des Faschismus radikalisiert schon früher übliche

Sichten, aber zum Teil unwesentlich. Gravierend radikalisiert

werden dagegen die Handlungsmöglichkeiten bis hin zur Vernichtung

Tuberkulöser. (Aly 1987) Zentral ist, daß die seit Anfang der Tb-

Aufklärung bestehende Typologie zwischen Gut und Böse, dem hygie-


51

nisch sich richtig Verhaltenden und dem gefährlichen, "unreinlichen

Schwindsüchtigen" (z.B.: Cornet 1890, S. 89; Heller 1890, S.

96) radikalisiert wird zum "sozial gutartigen, heilfähigen", bzw.

"nicht gemeinschaftsfähigen, asozialen" und insofern auch nicht

mehr heilungsbedürftigen Tuberkulösen. (z.B.: Heisig 1934, S.

107; Dorn 1934, S. 11; Schmidt 1934, S. 114) Diese Stigmatisierung

wird tödlich mit der ebenso lange schon geforderten Zwangsasylierung

(z.B.: Penzoldt 1887, S. 36; Koch 1901, S. 553), die

jetzt möglich wird. Wobei man bei Asylierung ehemals sicher nicht

an "Ausmerzung" (Dorn) dachte, wohl aber in solchen Terminologien

(Koch z.B. bemüht ausdrücklich das Vorbild der Lepra), die die

faschistischen Ärzte jetzt endlich durchzusetzen gedachten. Erst

recht das "Prinzip einer enthumanisierten Gesundheitspolitik:

erst diagnostizieren, dann selektieren" (Aly 1987, S. 70) ist

nicht neu, sondern in Bezug auf die Heilstättenfähigkeit und die

optimale Nutzung knapper Heilstättenkapazitäten praktiziert und

diskutiert, seit es Heilstätten für Sozialversicherungskranke

gibt. Auch das Thema Tb-Erblichkeit und Heiratsverbot für Tuberkulöse

ist so alt wie die Tb-Aufklärung, (auch sozialdemokratische

Autoren fordern: "Tuberkulöse sollten nicht heiraten", Zadek,

Blaschko 1902, S. 7) Daß jetzt noch Zwangssterilisierung dazugedacht

wird, ist nicht Folge eines neuen Denkstils, sondern

Folge der entfesselten Handlungschancen.

Nach 1945 beginnt eigentlich keine neue Phase. Dem starken Anstieg

der Tb-Mortalität und -prävalenz wird nicht mehr mit größeren

Öffentlichkeitskampagnen begegnet. Ähnlich wie nach 1918

werden die bisher entwickelten Tb-Politiken auf Friedensniveau

verdichtet und perfektioniert. - Im alten SeuchenJargon übrigens

und meist mit dem gleichen Personal, wenn auch wieder ohne ihre

letzte Konsequenz, die "Ausmerzung". Die Instrumente sind Früherkennung

durch systematische Röntgen-Reihenuntersuchungen und BCG-

Schutzimpfungen im größeren Maßstab, (vgl.: Meier 1985; Kleinschmidt

1953) Innerhalb dieses Handlungsmodus, des medizinischmedikamentösen

Zugriffs, gibt es in den 1950er Jahren einen nahtlosen

Übergang in effektive Chemotherapie. Dieser dominierenden

Sicht entspricht es, daß von der alten Tb-Aufklärung, die durch

Modifikation von Einstellungen und Verhalten der Erkrankungsge-


52

fahr vorbeugen will, in den fünfziger Jahren nichts übrigbleibt

als Plakate, die dazu auffordern, an Schutzimpfungen und Schirmbilduntersuchungen

teilzunehmen. (Vgl.: Rügler)

Symptom und Folge der eingreifenden medizinischen Tb-Politik im

Sinne der seuchenpolizeilichen "planmäßigen Überwachung" ist das

Verschwinden des Spucknapfs aus der Öffentlichkeit. Der Spucknapf

als Symbol der Tb-Infektionsgefahr und als Instrument der Hygienifizierung

der allgemeinen Umwelt hat ausgedient, existiert noch

in der unmittelbaren Nähe des Kranken, und u.U. noch in der Nähe

von alten Pfeifenrauchern und Kautabakkauern. Dieser Trend, der

durch Meldepflicht, Behandlungszwang und Massenscreening eingreifenden

Tb-Politik, hatte sich seit den frühen 1930er Jahren angebahnt,

im Sinne der Erkenntnis, daß die beginnende Tb "nicht gehört,

sondern gesehen" werden muß. Die Tb-Prophylaxe sucht nach

Frühformen, nach Personen, die noch nicht ihre Lunge aushusten;

sie ist seither nicht mehr auf Sputum, sondern auf Lungenschatten

orientiert. Damit ist Sputum von dem Verdacht und der Behauptung,

alle Welt anzustecken, entlastet. Der Spucknapf, seuchenpolizeilich

enTbehrlich, wird jetzt zu dem, was er immer schon war,

seitdem Spucken ins öffentliche Bewußtsein gehoben wurde: eine

unästhetische Einrichtung.

4.3. Prioritäten und Wertschätzungen

Es ist wichtig zu betonen, daß Tb-Aufklärung nicht ausschließlich

Verhaltensprävention war. Man könnte sich hier umgekehrt Belehrung

holen, daß Gesundheitsaufklärung nie ausschließlich Verhaltensprävention

sein muß, wenn Erkrankungsrisiken epidemiologisch

gedacht und sozialpolitisch thematisiert werden. Verhaltensprävention,

individuelle Hygiene waren der historisch-politische

Kompromiß vor dem allen Beteiligten präsenten Hintergrund, daß

die Tb eine weit größere Herausforderung ist, als daß man ihr alleine

mit Sputum-Prophylaxe begegnen könnte. Wichtig ist, daß um

1900 für die Kontrahenden der Tb-Politik, für Sozialreformer und

Sozialhygieniker einerseits und Bakteriologen andererseits, individuelle

Hygiene eher eine pragmatische Verlegenheitsstrategie


53

war. Die GesundheitsVerhältnisse können nicht warten, nicht auf

das versprochene Heilserum oder wohnungspolitische Reformen und

nicht auf die Durchsetzung eines höheren Lohnniveaus und den 8-

Std.-Tag.

Die Position von Robert Koch in einer programmatischen Rede ist

hier instruktiv für die Prioritätensetzung. (1901, S. 549ff) Koch

bezeichnet jetzt schlechte Wohnverhältnisse wie überhaupt soziales

Elend als die Tb begünstigend - aber nur um klarzumachen, daß

die entscheidenden Faktoren eben "nicht etwa die Armut an und für

sich" seien. 1910 meint Koch, das Wohnungsproblem sogar auf ein

"Schlafraum"-Problem einschränken zu können. (1910, S. 15) Diese

Akzeptanz der sozialen Disposition der Tb ist gegenüber seiner

Sicht von 1882 weniger eine Neugewichtung als eine Folge des erzwungenen

Eingeständnisses, daß die Bakteriologie in der Tb-Bekämpfung

immer noch nicht viel mehr anzubieten hat. Koch führt

dann aus, daß die Tb eine "tief in unseren Gewohnheiten und Sitten

wurzelnde Krankheit" sei und fordert folglich auch "Belehrung

der breitesten Volksschichten über die Ansteckungsgefahr." (1901,

S. 549, 552f) Aber wenn er abschließend die Aufzählung in eine

Hierarchie bringt, dann sind das Wichtigste: spezialisierte Hospitäler

für Schwindsüchtige, darauf folgen gesetzliche Bestimmungen

(Anzeigepflicht, Zwangsdesinfizierung und ggf. wohl auch

Zwangsbehandlung) und technisch-institutionelle sanitäre Maßnahmen

und "ferner die Heilstätten und die Belehrung." (S. 554) Bei

den Spezialhospitälern geht es nicht etwa um Kompensation von

Wohnverhältnissen, wie das in Bezug auf die Heilstätten später

offen diskutiert wird, sondern um Asylierung von Tuberkulösen,

die "für ihre Umgebung gefährlich sind", (S. 553) und natürlich

um die Weiterentwicklung von bakteriologisch-serologischen Therapien,

die den "Parasiten" schließlich vernichten sollen.

Die Prioritäten der Sozialhygieniker werden am besten von Mosse

resümiert: "Die Tb als sozialbedingte Krankheit kann erfolgreich

nur durch soziale Maßnahmen bekämpft werden ... alle Maßnahmen,

die geeignet sind, eine Verbilligung der Nahrungsmittel und Verbesserung

der Wohnverhä1tnisse herbeizuführen", sind anzustreben.

(Mosse 1913, S. 603) Gesundheitspolitische Sprecher der Soziaide-


54

mokratie stehen darüber hinaus vor der Notwendigkeit, zu sehr

praktischen Wendungen zu kommen. Die Aufklärungsbroschüre von

Ignaz Zadek (1909; ähnlich aber knapper: Zadek, Blaschko 1902, S.

5-7) ist hier sehr instruktiv: selbstverständlich ist für ihn die

Tb eine soziale Krankheit, eine Gewerbekrankheit und eine Wohnungskrankheit.

Es ist eine "Erhöhung der Löhne" und die "Verringerung

der Arbeitszeit" notwendig, und der Kampf dafür ist der

Kampf der Gewerkschaftsbewegung. (1909, S. 32) Schöner hat das

der sozialdemokratische Bauarbeiter Thomas formuliert: "Die Bewegung

gegen die Schwindsucht (ist) nur ein kleiner, aber umso heftiger

dahinbrausender Nebenstrom des alles befreienden Sozialismus"

. (1908, S. 48)

Aber zwischen solchen Ausblicken und der sozialpolitischen Einführung

liegt auch hier die entscheidende pragmatische Reduktion

auf Expositionsprophylaxe: "Die Schwindsucht ist eine ansteckende

Krankheit, eine Krankheit des geschlossenen Raumes", und der

Schutz der Gesunden fällt "zum großen Teil zusammen mit der Versorgung

der Kranken, ihrer rechtzeitigen Erkennung (Anzeigepflicht!)

und Entfernung aus dem Verkehr (Wohnungen- und Werkstättendesinfektion!)."

Aber "von diesem Ideal" sei man "noch

recht weit entfernt" und müsse erstmal sich "begnügen, durch

Aufklärung der Kranken und Gesunden über die Gefahr der Krankheitsübertragung,

durch Verbesserung der Wohnungs- und Werkstättenverhältnisse,

durch Erziehung zur Reinlichkeit und gesundheitsgemäßen

Lebensführung" tätig zu sein. (Zadek 1909, S. 20)

Die politische Rahmung wird bakteriologisch-kontagionistisch

unterminiert, könnte man sagen, und so verliert sich die Kritik

die Verhältnisse in der des Verhaltens.

Die sozialdemokratische Tb-Aufklärung ist ein Doppelspiel der

Problemreduktion: Die Tb ist eine soziale Krankheit, aber sie

läßt sich als Wohnungs- und Gewerbekrankheit bekämpfen. Wohnungsverhältnisse

sind sehr schwer zu verändern, und hier bemüht sich

die sozialdemokratische Kommunalpolitik, aber man kann durch Verhaltensmodifikation

die Wohnungshygiene verbessern. (Zadek 1909,

S. 22) Arbeitsverhältnisse fallen in die Bereiche Gewerbehygiene,

Arbeitszeitregelung und Lohnniveau, und alle Bereiche sind sehr


55

schwer zu bewegen, und auch hier ist die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung

tätig. Aber man kann durch vernünftige Lebensführung

sofort einiges tun, "um den kargen Rest von Gesundheit

sparsam zu verwalten." (Thomas 1908, S. 48) Man kann durch

die Regeln der individuellen Hygiene lernen, einiges der Belastungen

auszugleichen, wiedergutzumachen. (Thomas 1908, S. 47;

Zadek 1909, S. 25) Ja, man kann sogar das zu niedrige Lohnniveau

noch ein bißchen durch den Verzicht auf Alkohol kompensieren und

überhaupt scheinen die "gesunden" Vergnügungen, die "gesunde" Ernährung

immer kostengünstiger als die ungesunde.

Die explizite soziale und politische Rahmung der Forderungen nach

Verhaltensmodifikation sind der Unterschied zur bürgerlichen Tb-

Aufklärung. Das Merkblatt der Berliner Zentralkommission der

Krankenkassen von 1899 z.B. unterscheidet sich von dem Merkblatt

des Kaiserlichen Gesundheitsamtes nur durch den Hinweis, daß

"Accordarbeit und vor allem die Überstunden" besonders gefährlich

seien und in der Forderung: "zu erstreben ist die Achtstundenarbeit"

. (Schwindsuchtsbekämpfung 1899, S. 37) Man kann davon ausgehen,

daß diese Anbindung der Verhaltensdimension an übergreifende,

sozialpolitische und sozialstrukturelle Dimensionen den

Normen und Wahrnehmungen der Angesprochenen am ehesten entsprochen

haben wird und die höchste Kooperationschance bot. Nicht zuletzt

entlastet dieses Doppelspiel die Angesprochenen wenigstens

ein Stück weit von dem Ignoranz- und Versagensvorwurf, auf die

die nicht sozialdemokratischen Standardbelehrungen ausschließlich

setzen.

Damit muß die vollständige Übernahme der kontagionistischen Expositionsprophylaxe

umso problematischer erscheinen. Ähnlich wie

Cornet in dem Versuch einer rationalen Eingrenzung der Infektionsgefahr

mit seiner Sputum-Prophylaxe doch jede Begrenzbarkeit

ad absurdum führt, so dementiert Zadek mit der Forderung nach

strikter Separierung von Kranken und Gesunden - ganz im Sinne

Kochs - seine eigenen Darstellungen über Resistenz und Infektionswahrscheinlichkeit.

Das ist auch hier die Folge des bakteriologischen

Kredos: alle Gefahr geht vom Kranken aus. ("die

Hauptgefahr für den Menschen (ist) der kranke Mensch selbst";


56

Zadek 1909, S. 9) "Die vorgeschrittenen Erkrankten (sind) herauszuschaffen

aufs Land, in Asyle, die anfänglich Erkrankten in

Heilstätten zu überführen und endlich die noch gesunden Familienmitglieder

und die bereits infizierten, aber noch latent Tuberkulösen

durch soziale Fürsorge (d.h. hier: bessere Lebensumstände

herbeiführen; GG) ... und dauernde Beaufsichtigung ... zu schützen."

(S. 29) Alle Last liegt bei den Erkrankten: "der Kranke hat

die Pflicht, die Gesunden vor der Ansteckung zu schützen"; und

hält dieser sich nicht an die Regeln, scheut auch Zadek nicht die

seuchenpolizeiliche Perspektive: "Solch unsaubere, gemeingefährliche,

in Güte nicht zu belehrende Lungenkranke gehören nicht in

die Familie und nicht in die Werkstatt, sondern in eine Anstalt

für Lungenkranke,. wo ihnen ihre Unarten im Laufe von Monaten abgewöhnt

werden müssen. Jeder Arbeiter aber beherzige die Mahnung:

meide, so viel Du kannst, den Verkehr mit solchen Lungenkranken!"

(S. 25)

Wichtig ist jetzt hier nur der Hinweis, daß Tb-Aufklärung prinzipiell

"Belehrung ... über die Ansteckungsgefahr" ist, und der

Intention folgt, "Vorsicht gegenüber dem Schwindsüchtigen" herbeizuführen.

(Koch 1901, S. 553) Tb-Aufklärung ist Aufklärung

über die Gefährlichkeit von Kranken, ist Reglement der Distanz,

ist Reglement der Distanzierung zur Gefahrenquelle, und diese

Aufklärung macht unmißverständlich klar, daß nicht nur jeder

gefährdet ist, sondern jederzeit selbst Gefahrenquelle werden

kann.

Insofern geht Tb-Aufklärung auch immer zusammen mit dem allgemeinen

Appell an alle, nicht nur sich selbst an diese Regeln der Tb-

Prophylaxe zu halten, sondern auch dafür zu sorgen, daß andere

sich ebenso verhalten. In den bürgerlichen Schriften begnügt man

sich mit eher unspezifischen Aufrufen nach dem Muster: alle sind

zum Handeln aufgerufen, jeder kann sich schützen. Z.B.: "Jedermann

muß sich daher auf den Kampf mit diesem Feinde einrichten. 11

(Tb-Merkblatt 1900) Die sozialdemokratischen Schriften gehen hier

häufig weiter, indem sie jede Person zum Tb-Polizisten ausrufen.

Denn "jeder" ist "verpflichtet, stets und überall" bei sich und

anderen auf die Einhaltung der Regeln der Sputum-Prophylaxe zu


57

dringen; insbesondere im Arbeitsbereich "ist durch die beständige

Kontrolle der vorgeschrittenen, von der Notwendigkeit hygienischer

Maßnahmen überzeugten Mitarbeiter, ein jeder zur Benutzung

des (Spuck-)Napfes anzuhalten." (Zadek, Blaschko 1902, S. 6) Im

Arbeitsbereich "sollten sich die Arbeiter gegenseitig erziehen

und kontrollieren." (Zadek 1909, S. 24)

4.4. Wirkungen - Spuckverhalten.

In dem langen Zeitraum der Tb-Bekämpfung von 1882 bis 1952, der

Entdeckung des Tb-Bazillus bis zur Entwicklung hochwirksamer Antibiotika,

ist in der einen oder anderen Form Tb-Aufklärung gemacht

worden. Im Zentrum der Tb-Aufklärung stand immer, vor den

Infektionswegen zu warnen, und das bedeutete in der Sicht der

Zeitgenossen, den Leuten Angst zu machen. Denn nur so glaubte

man, würden sie ihr Verhalten, die als falsch oder nachlässig

empfundenen Sitten aufgeben. Nicht zufällig möchte z. B. Koch

dann auch "der neu entstandenen Furcht vor der Ansteckungsgefahr"

, in der Reihe der Ursachen für den Rückgang der Tb, "einen

gewissen und nicht geringen Einfluß zubilligen". (Koch 1910,

S. 14)

Mit Sicherheit ist Bazillenphobie und Stigmatisierung der Tuberkulösen

erreicht worden, wie schon oben dargestellt. Man ging den

Tuberkulösen aus dem Weg, wenn man konnte, vor allem wenn man sie

an dem Abzeichen ihrer Krankheit, dem "Blauen Heinrich" identifiziert

hatte. Damit führt diese angeblich notwendige, weil

funktionale Stigmatisierung aber gerade bei der Spucknapf-Akzeptanz

zu ungewünschten Nebenwirkungen. Wahrscheinlich haben die

Bemühungen um Sputumprophylaxe zur Veränderung des Spuckverhaltens

beigetragen, aber es gibt eine Vielzahl von Hinweisen darauf,

daß sie zugleich und zuerst die Spucknapfbenutzung ebenfalls

stigmatisiert haben. Ab sofort gibt es ein gesundes und ein

krankes Spucken und die Benutzung von Taschenspuckgefäßen ist in

jedem Falle die kranke, stigmatisierte Variante.

Schon 1902 bemerkt v. Leyden zu den "Vorurteilen" in der Öffentlichkeit:

"Zu sehen, wie jemand auf den Boden spuckt,

erregt


58

nicht immer Ekel, aber zu sehen, daß jemand in der Gegenwart

eines anderen seine Spuckflasche hervorzieht und hineinspuckt,

das erregt bei vielen einen entschiedenen Widerwillen." (v.

Leyden 1902, S. 25) Die Stigmatisierung der Tuberkulösen führt

zur Stigmatisierung der Benutzung ihres "Blauen Heinrichs" in der

Öffentlichkeit und damit zur Beeinträchtigung des allerwichtigsten

Ziels der Sputumprophylaxe überhaupt. Erfinder und Bastler

nehmen sich zwar sofort der Sache an und propagieren alle Arten

von Verhüllungen und Maskierungen der Taschenspuck-Angelegenheit

(z. B. Knopf 1908, S. 284; Vollmer 1909, S. 23; Noch: Tb-Fürsorg.

Bl. 1931, S. 73). Letztlich ist die Taschenspuckflasche aber nur

in Heilstätten und für den häuslichen Gebrauch durchsetzbar.

Von diesen Erfahrungen wird dann 1931 immer noch berichtet, hier

von einer Fürsorgeärztin, die ihre langjährige Beobachtung der

Tb-Kenntnisse und -Verhaltensweisen einer großstädtischen Industriebevölkerung

mitteilt. "Der Gebrauch der ominösen Spuckflasche

scheitert nicht immer am guten Willen des Kranken, sondern

an dem der lieben Nächsten, an deren Taktlosigkeit, dem

Mangel an Einsicht, der verständlichen Furcht vor Ansteckung, z.

B. der Arbeitskollegen. Die Unsitte des ungenierten Ausspuckens

auf den Boden ist daher leider noch recht verbreitet." (Fox 1931,

S. 89) Die Einsicht in die Unmöglichkeit eine befriedigende Sputumprophylaxe

bei Tuberkulösen durchzusetzen, führt dann dazu,

auch das früher prinzipiell abgelehnte Taschentuch wieder zuzulassen.

(Einführung von Papiertüchern aus diesem Grund: vgl. Tb-

Fürsorg. Bl. 1929, S. 135; ebenda: 1927, S. 69) Denn es ist eben

bekannt "welchen Widerwillen und Angst die Benutzer des ominösen

"Blauen Heinrich" an der Arbeitsstelle - sei es Büro oder Werkstatt,

auf Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln - bei

Mitarbeitern oder Mitreisenden hervorruft." (Tb-Fürsorg. Bl.

1931, S. 44)

Wenn es klar ist, daß die geforderte Spucknapf-Pflicht für Tuberkulöse

in der Öffentlichkeit nicht allgemein und in jedem Fall

durchgesetzt werden konnte, dann ist zumindest der Erfolg in dem

zweiten Zentralpunkt der Tb-Prophylaxe: nicht auf den Boden

spucken, fraglos. Allein die Vorstellung auf den Boden zu spuck-


59

en, in einer Wohnung, in einem Büro, in einer Kirche usw., erscheint

uns heute absurd. Die Sache liegt aber komplizierter; vor

allem ist keineswegs klar, ob sich die Bodenspucker oder die

Böden verändert haben, d. h. es ist genauso wahrscheinlich, daß

die Bodenspucker "ausgestorben" sind, weil es die Böden nicht

mehr gibt, auf die sie auszuspucken gewohnt waren, und nur noch

diese, auf die nie jemand gespuckt hat, als Alltagsverhalten

jedenfalls nicht.

Noch in den 1930er Jahren jedenfalls - also nach 40 Jahren Sputumprophylaxebemühungen

- wird weiter geklagt, daß "ungeniert"

auf den Boden gespuckt wird. (Fox 1931, S. 89) Und an die Endgrenzung

des Machbaren in der neuen Zeit des Faschismus appelierend,

wird noch 1934 gefordert jetzt endlich ein gesetzliches

Spuckverbot durchzusetzen. (Seil 1934, S. 77) Es ist nicht so

leicht gesagt, was "Boden" heißt, wo spucken die Leute hin, und

wie sehen diese Böden aus?

Thomas, der sozialdemokratische Bauarbeiter berichtet z. B. in

seiner Tb-Broschüre: Er konnte "einmal in einem Schulzimmer einer

Gemeindeschule in Nürnberg nach Schluß des Unterrichts feststellen,

daß unter etwa 10 - 12 Plätzen gespuckt war." (1908, S. 11)

Von seinen Untersuchungen, die Cornet 1887/88 zu den Übertragungswegen

des Tb in Berlin gemacht hat, berichtet er, daß etwa

1/3 der nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Tuberkulösen regelmäßig

oder seltener auf den Fußboden ihrer Wohnungen spucken.

Unter ihnen gibt es Personen, die größtenteils dahin spucken "wo

sie gerade stehen" (1890, S. 54), die dort, wo sie hinspucken

"etwas Sand streuen" (S. 35), oder "alte Zeitungen" ausbreiten

(S. 62) bis hin zu einer Person, die nachts soviel vor das Bett

spuckt, daß "eine große Lake" entsteht, die allerdings jeden

morgen wieder entfernt wird. (S. 66) Wenige der von ihm untersuchten

Personen sind irritiert durch seine Frage, ob sie auf den

Boden spucken, nur eine ist "fast entrüstet". (S. 57) Einige

erklären, daß es ihre Hausfrau, ihre Ehefrau nicht sehen können,

nicht gestatten, daß es sie selbst ekelt, daß der Boden schon

"schmutzig genug" sei. (S. 38, 48, 51, 55, 57, 62, 64) Eine

Person berichtet, daß er "wenn er zu matt ist", auch manchmal auf


60

den größtenteils mit einem Teppich bedeckten Fußboden spuckt,

aber das Sputum "immer ordentlich austritt", weil er so etwas

"nicht sehen" kann. (S. 65)

Wenn Cornet resümiert, daß Tuberkulöse zu Hause entweder Spuckgefäße

benutzen, oder aber sie "spucken einfach auf Ä den Holzoder

den mit Teppichen belegten Fußboden, und das findet man, in

einzelnen Fällen wenigstens, in allen, selbst in den besten

Gesellschaftskreisen, in denen man es sonst nicht vermuten sollte"

(S. 102), dann scheint er auf die falsche Spur zu führen.

Nur in einem Beispiel wurde auf den Teppich gespuckt, aber die

Erklärung mit Hinfälligkeit, man denke auch an Atemnot der Tuberkulösen,

ist als Notfall plausibel. Vieles deutet darauf hin, daß

es sich um Fußböden handelt, die mit Sand gereinigt werden.

Cornet selbst bemängelt an einigen Stellen die "trockene" Säuberung,

die das Verstäuben begünstige. (S. 53, 35) Dieses Sandausfegen

kann aber feucht wie trocken geschehen.

Mit dieser Technik jedenfalls könnte sich die relative Gelassenheit

der Bodenspucker erklären: Die Bodenreinigung fordert

nicht zwingend Berührungskontakt mit dem verstreuten Bodenschmutz

- wie das etwa das feuchte Aufwischen nach sich zieht, und nicht

zufällig sind es Frauen, die etwas gegen Bodenspucken haben. Dazu

kann das Sandausfegen selbst noch als ein Indiz dafür gelten, daß

der Wohnungsboden noch nicht überall zum Intimitätsbereich, zum

wirklichen Innenraum geworden ist. Andererseits ist auch das

ungehinderte Herumspucken schon vor den Kampagnen der Sputumprophylaxe

verpönt. Nicht mal im öffentlichen Raum wird wirklich

überall hingespuckt; Cornet erwähnt auch das beiläufig: "Sehr

viele Leute spucken auf der Straße etwas beiseite, nahe den

Häusern zu". (S. 104) Und es gilt nicht nur als anständig, sondern

auch als gesundheitsdienlich, das Sputum "auszutreten", d.

h. zu einem feuchten Fleck zu verteilen, und zugleich mit Erde

u. ä. zu vermischen. Man "zertritt" Sputum, weil man glaubt, es

damit "unschädlich" gemacht zu haben. (So z. B.: Sommerfeld 1895,

S. 50; Kraft 1927, S. 13)

Wenn man versuchen wollte, die Wirkung der Tb-Aufklärung an der

Änderung des Spuckverhaltens zu ermessen, müßte man die Wandlun-


61

gen der Wohnkultur, der baulichen und inneneinrichtungstechnischen

Entwicklungen berücksichtigen. Andererseits könnte man auch

die Versiegelung der Holzböden mit Öl, die Durchsetzung der neuen

Fußbodenbeläge (Linoleum: Cornet 1889, S. 36), die die Sandreinigung

unmöglich machen, wie überhaupt die sich hier anschließende

Wohnungshygiene, der Tb-Aufklärung zurechnen. Dann würde

aber der Stellenwert der Sputumprophylaxe reduziert werden müssen

und die Wandlung des Spuckverhaltens wäre größeren sozio-kulturellen

Entwicklungen zuzurechnen.

Nicht nur die Spucknapfakzeptanz ist ein nicht völlig geklärtes

Problem, das gleiche gilt für die SpucknapfVerbreitung. Die Tb-

Propagandisten fordern um 1900 eine nahezu absurde Reorganisation

der Umwelt durch strategisch plazierte Spucknäpfe. Immerhin: Es

müsse ja nicht verlangt werden, "daß im Koncert oder Theater

neben jedem Platze ein Spucknapf stehen soll" (Cornet 1890, S.

111) aber an jedem Arbeitsplatz (Sommerfeld 1895, S. 49) und

neben jeder Schulbank usw. (Thomas 1908, S. 11; vgl. auch oben)

Man will die ganze Welt zwingen, ständig sich in öffentliche

Spucknäpfe zu entleeren. Es sollen sich alle so verhalten, als

seien sie tuberkulös - denn den einzelnen Tuberkulösen kann man

nicht überwachen. Die Überlegungen bedingen sich: Jeder muß sein

eigener Tb-Polizist sein und alle die Tb-Polizisten für jeden

anderen. An diesen Erwartungen gemessen waren die Tb-Aufklärungskampagnen

offenbar nicht erfolgreich.

Man kann davon ausgehen, daß sich seit den 1890er Jahren eine

Spucknapfwelle über das Deutsche Reich ergoß, so daß sie in allen

Amtsstuben, Schulen, Kasernen, öffentlichen Gebäuden, und in

vielen Gaststätten, Geschäften, Fabrikgebäuden, Arztpraxen u. ä.

und natürlich in Privathaushalten zu finden waren. Und wo es

keine Spucknäpfe gab, war zumindest ein Schild angebracht, das

das Bodenspucken untersagt. Aber diese Instrumente scheinen nie

aus den dunklen Raumecken herausgekommen zu sein, auch metaphorisch

gesehen und trotz aller Patentspucknäpfe nicht. Es scheint

so, als hätten die Leute weiter überall hingespuckt, was aber

sehr unwahrscheinlich ist. Zumindest finden wir solange man an

Spucknäpfe denkt immer wieder den dringenden Aufruf, welche


62

aufzustellen, bzw. die Spucknapf-Topographie zu optimieren. Z. B.

werden noch 1950 an die Schule die im Prinzip alten Forderungen

gestellt, ganz so, als hätte man die Mission der Schule bei der

Sputumprophylaxe immer noch nicht begriffen. (Klesse 1950, S.

78f; vgl.: Kraft 1927, S. 13; leider kann hier die Debatte um

die Tb-Aufklärung in der Schule nicht dargestellt werden.)

Gemessen an den Erwartungen der Tb-Aufklärer ist das Spuckverhalten

nicht vollständig unterdrückt worden - bis heute nicht. Und

insofern konnte man so viele Spucknäpfe aufstellen wie man wollte,

ohne das Ergebnis maximieren zu können. Das Spuckverhalten

ist in gewissem Umfang resistent, nicht nur weil das "kranke"

Spucken in der Öffentlichkeit stigmatisiert wurde, sondern weil

es viele Arten des Spuckens gibt. Dazu kommt die Auswirkung eines

nicht so leicht zu fassenden Verdrängungssyndroms, das den gesamten

Tb-Komplex betrifft und dazu geführt hat, alle Tb-Assoziationen

möglichst aus der Alltagswelt zu vertreiben. Auch dieses

Syndrom muß als Folge der Tb-Politik gelten.

Die Stigmatisierung der Tb ist im Laufe der Jahre nicht geringer

geworden. Man verschweigt eine Tb-Diagnose sowieso gegenüber

Außenstehenden, gegenüber Vermietern, Arbeitgebern, aber sogar

gegenüber Ehegatten und vermeidet alle Maßnahmen, die zu einer

Entdeckung führen. Solche Ängste werden besonders durch die

Intervention der Tb-Fürsorgestellen geweckt, die Umgebungsuntersuchungen

machen und versuchen, Tuberkulöse für die Umgebung

unschädlich zu machen. Und diese beklagen sich über die Unbelehrbaren,

die sogar u. U. das Angebot, ein eigenes Bett gestellt zu

bekommen ablehnen, die nur kooperieren wollen, wenn die Tb-Fürsorge

nichts über ihre Erkrankung verlauten läßt. (Tb-Fürsorg.

Bl. 1929, S. 6) Sogar neutrale Briefpost, die den Adressanten

nicht erkennen lassen und geruchlose Desinfektionsmittel (Fox

1931, S. 89), die die Nachbarn nicht identifizieren können werden

gefordert u. ä. (auf die Aktivitäten der Tb-Fürsorge kann hier

nicht eingegangen werden)

Diese sich offenbar immer weiter perpetuierende Stigmatisierung

führt zu Verdrängungsleistungen oder auch zu selektiven Wahrneh-


63

mungen, die wie eine Immunisierung der Bevölkerung gegenüber der

üblichen Tb-Aufklärung wirken. Es gibt auch hin und wieder Hinweise

darauf, daß die Leute nichts über Tb hören wollen. Daher

überlegte man, wie Neugierde und Unterhaltungslust genutzt werden

können, um z. B. das, was die Leute nicht lesen wollen, zu demonstrieren,

(z. B. Thiele 1915, S. 241) Aber wenn vor leeren Bänken

geredet wird, kann das auch an den falschen Personen liegen, die

aufklären. Bürgerliche Hygienebemühungen werden von Arbeiterkreisen

abgelehnt, aber die sozialdemokratisch orientierten Krankenkassen

z. B. erreichen ein hohes Interesse an ihren Hygienevorträgen

. (vgl.: Tennstedt 1983, S. 462) Was aber wird übernommen

und integriert?

Vieles spricht dafür, daß vierzig Jahre kontagionistische Tb-

Aufklärung in breiten Bevölkerungskreisen nicht mehr erreicht

hat als die Übernahme eines eher abstrakten Wissens um Ansteckungsfähigkeit

. Und selbst das Infektionskonzept ist nicht monokausal

geworden, sondern blieb ätiologisch den bekannnten sozialpathogenen

Faktoren weiterhin gleichgestellt. Und wenn auch

sozialdemokratische gesundheitspolitische Sprecher ganz kontagionistisch

verlauTbaren, daß jährlich "im Deutschen Reich 150 000

Menschen an der Schwindsucht (sterben) d. h. an den Folgen der

Einatmung des Auswurfs von Brustkranken" (Zadek, Blaschko 1902,

S. 5), dann wird in der Arbeiterbevölkerung dennoch z.B. an der

alten seuchenpsychologischen Sicht festgehalten, daß zu einer

Infektion auch psychische Dispositionen nötig seien: "wenn man

sich geniert", oder wenn man "sich ekelt". (Fox 1931, S. 87) Die

Sputumprophylaxe und die Reinlichkeitsappelle kommen an, läßt

sich sagen, aber die Aufmerksamkeitspunkte werden zugleich den

Lebensumständen angepaßt.

Es läßt sich vermuten, daß die ätiologische Umwandlung der Tb

von einer chronischen, "konstitutionellen" Krankheit, in vorbakteriologischer

Sicht zu einer Bakterien-, einer Infektionskrankheit

schon allein an den Lebensumständen der Masse der Bevölkerung

scheitern mußte. Die Tb-Aufklärung produziert einen ganzen

Komplex neuer Gefahren, für die sie fast nur Verhaltensmodellierung

anzubieten hat. Die Tb-Prophylaxe ist in Wahrheit eine -


64

bakteriologische - Neuinterpretation der Umwelt, ganz ähnlich wie

wir eine strahlungstheoretische nach Tschernobyl erlebt haben.

Was sichTbar und wahrnehmbar ist an dem Tb-Risiko und daher

bekämpfbar, ist Schmutz und Staub, sind Verfallsstoffe alles

Organischen. Durch die Tb-Aufklärung beleben sich die alltäglichsten

Umweltmedien zu hochgefährlichen Agenzien, und die

Bekämpfungsregeln weisen darauf hin, daß man einen aussichtslosen

Kampf führen wird. Wenn Bakterien sich metaphorisch gesprochen

in Schmutz und Staub verwandeln, um bekämpft werden zu

können, wenn die Gefahr der Infektion sich als Nähe zum Menschen

ausdrückt, dann heißt ein Ernstnehmen der Aufklärung, sich dauernder

höchster Ängstigung auszusetzen. Es spricht vieles dafür,

daß eine solche Zumutung abgewiesen werden muß - falls nicht

erhebliche Distanz und ausreichende Resourcen für hygienische

Kultur vorhanden sind. Aber selbst wenn die Möglichkeiten, die

angebotenen Verhaltensstandards zu übernehmen bestehen, wird man

erwarten können, daß die Risikowahrnehmung oder der Sinn der

neuen Verhaltensstandards verblassen muß um mit diesem leben zu

können. (vgl. dazu unten)

4.5. Wirkungen - Persönliche Hygiene, Körperkultur

Sauberkeitsvorstellungen haben, am Begriff der Reinheit ist das

noch zu spüren, mythologische Wurzeln; als solche handelt es sich

um jederzeit verfügbare Stigmatisierungs- und Abgrenzungsformeln,

sie gewährleisten Ruhe durch Ausgrenzung des Irritierenden oder

des Gefährlichen, ermöglichen Nähe durch Erkennen des Gleichartigen,

sie scheiden das Eigene von dem Fremden, (vgl.: Douglas

1984) Sauberkeitsvorstellungen sind Ordnungssysteme egal, ob sie

sich in psychosomatischen Dispositionen wie Ekel oder in politischen

wie Ausländerfeindlichkeit zeigen. Sauberkeitsvorstellungen

haben nichts mit Bakterien zu tun, aber immer schon etwas mit

"Ansteckungsangst", mit der Furcht nämlich, daß dieses Fremde,

Gefährliche überspringen könne, zu einer Verunreinigung der

eigenen Person, der eigenen Gruppe führen könnte.


65

Als Gesundheitslehren haben Sauberkeitsvorstellungen eine lange

Tradition der Abgrenzung zwischen sozialen Schichten. (Göckenjan

1985, S. 59ff.) Mit der Tb-Aufklärung werden alte Gesundheitssichten

in einen bakteriophobischen Kontext gestellt und wandeln

damit ihre Funktion der sozialen Distanzierung. Ab sofort ist in

der Aufklärungsrhetorik jeder jedem gefährlich. Es gibt eigentlich

nur noch zwei "soziale" Klassen, die sich nach der Bereitschaft,

die Erscheinungs- und Verhaltensstandards zu übernehmen,

unterscheiden. Im Prinzip wird die Egalisierungstendenz allen

Infektionskrankheiten nachgesagt, weil sie angeblich keine Klassenschranken

kennen wollen. Bei epidemischen Krankheiten, wie

Cholera oder Typhus ist aber nicht einmal die Rhetorik überzeugend.

Sobald der Seuchenausbruch eingedämmt ist, ist auch diese

am Ende und alles bleibt beim alten (z. B.: Evans 1987)

Mit der Tb-Aufklärung ist das anders und man wird von Mentalitätsprägungen

ausgehen müssen. Im Zeichen der Sputumprophylaxe

wird 30 - 40 Jahre lang Hygiene eingeübt, d. h. der Umgang mit

Gefahren wird strukturiert. Zunächst jedenfalls geht das wieder

auf Kosten der Tuberkulösen, die einer intervenierenden Stigmatisierung

nur entgehen können, wenn sie sich "peinlich" sauber

halten. Auch hier wird man bei genauem Hinsehen wieder die Unterscheidung

zwischen gesundem und krankem "Schmutz" finden,

ähnlich wie beim Spucken. D. h. Hygienesichten sind verallgemeinert,

sind zum Allgemeingut gemacht worden, aber eine Nivellierung

der Körperkulturen wird man nicht erwarten dürfen.

Was sollte erreicht werden? Die meisten Aspekte sind schon genannt,

so daß eine komprimierende Darstellung gegeben werden

kann. Vor allem soll größtmögliche Sauberkeit herrschen, verstanden

als Abwesenheit von Schmutz, der als prinzipiell oder zumindest

potentiell bazillenhaltig bzw. tuberkelhaltig angesehen

wird. Sauberkeit heißt zunächst, alle an Körper und Bekleidung

durch Berühren und Anstäuben anhaftenden Fremdkörper auch, und

gerade das, was man nicht sieht, zu entfernen: waschen also

(Seife ist das beste Mittel gegen Tb: Schröder 1936, S. 17),

Reinigungen, desinfizieren, Kleider wechseln. Und das ist nötig

nach jedem ungesicherten Umweltkontakt, insbesondere aber nach


66

dem Kontakt mit problematischen Orten - Straßen und Fußböden,

öffentliche Verkehrsmittel, Toiletten und vor intimen Verrichtungen

- vor dem Essen, vor dem Ins-Bett-gehen usw. Körper, Bekleidung

und Verhalten müssen den Gefahren der Umwelt entsprechend

modelliert werden. Alles was Staub fängt, wo sich etwas festsetzt,

ist prekär und mißtrauisch zu beobachten - wie Haare,

Bart, Kleiderschleppen, Fingernägel. Hände sind überhaupt sehr

gefährdet und gefährlich zugleich. (Hände stehen "in dauerndem

Verkehr mit der Außenwelt": Thom 1910, S. 101) Das Berühren der

"Außenwelt" - Hände schütteln, umarmen, küssen - wird zu einem

bakteriologischen Abenteuer mit immer ungewissem Ausgang.

Dieser bakteriologische Persönlichkeitsschutz - "durch das sorgfältige

Reinigen... betätigen wir den Cultus unserer eigenen

Persönlichkeit" (Rosenbach 1892, S. 8) - expandiert in konzentrischen

Kreisen nach außen. Der Sauberkeitsforderung unterliegen

die eigene Wohnung, das Haus, die Arbeitsstätte, die allgemeine

Öffentlichkeit. Die allergrößte Aufmerksamkeit wird dem Fußboden

gewidmet, denn er ist die Fortsetzung der Außenwelt in die Privatsphäre,

die mit neuen Techniken wieder zurückgedrängt werden

muß: aufwischen (Der "Besen, ein Ausstellungsgegenstand für

Altertumsmuseen": Thom 1910, S. 99), Boden ölen oder wachsen,

staubsaugen. Die ganze Wohnung muß reinigungsfreundlich werden -

alles wasch- und abwaschbar - alle Staubfänger sollen raus, Licht

und Sonne - als bakterizide Medien entdeckt - sollen reingelassen

werden. Der alte Samt-, Plüsch- und Nippes-Luxus erscheint plötzlich

als hochgefährlich und das neue funktionale Bauen und Inneneinrichten,

eine Richtung für die das Bauhaus steht, bedienen

das neue Sauberkeitsbedürfnis.

Die weitere Expansion in den öffentlichen Raum ist verknüpft mit

Stadtsanierungsmaßnahmen, mit der Entwicklung von Wohnungsbaugenossenschaften

, einer GartenstadTbewegung und Siedlungen für

Tuberkulöse, mit der Bemühung um städtische Grünanlagen, Spielund

Sportplätze u. ä.; hier geht Tb-Politik also über in Sozialund

Stadtstrukturpolitik. Andererseits kann auf die "Dränage" der

Tuberkulösen in Lungenheilstätte und die "Sanierung" von Tuberkulose

betroffenen Familien durch Tb-Fürsorgestellen nicht zuletzt


67

auch mit der Möglichkeit von Erholungsverschickung u. ä., als

eine Säuberung des "Stadtkörpers" im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten

angesehen werden.

In den städtischen Politiken mischen sich allerdings kontagionistische

Sichten, Expositionsprophylaxe in großem Maßstab also, mit

diätetisch-physikalischen, dispositionsprophylaktischen Denkansätzen

: Die Anlage von Grünanlagen, Spiel- und Sportplätzen gehört

zu den letzteren. Die diätetisch-physikalische Sicht der

Tb-Prophylaxe stellt in einer Anzahl von Punkten ähnliche Forderungen

wie die Expositionsprophylaxe, die aber hier einen anderen

Sinnbezug haben.

Die Pflege des Körpers, Reinigung und Waschungen sind gefordert

zur Stärkung des Körpers, zur Abhärtung, zur Anregung der Durchblutung,

zur Pflege der Haut als ein Organ, das den Austausch von

Körper und Umwelt vermittelt. Nicht nur gesundheitsgemäße Nahrungsmittel,

auch frische Luft und Sonne sind bewußt zu nutzende

Lebensmittel. Bekleidung dann, ist die richtig zu gestaltende

Ausdehnung des Körpers nach außen, sie muß seine Kapazitäten zulassen,

den Austausch mit der Umwelt unterstützen. Gefordert werden

tägliche Muskelübungen und "methodische" Atemübungen. Insbesondere

für Arbeiter, die zu sitzenden und dauernd unnatürlichen

Körperhaltungen gezwungen sind. Gefördert wird das genaue Beachten

von ausreichendem ungestörten Schlaf, auch hier insbesondere

für stark arbeitsbelastete Arbeiter. Hier kehren also fast alle

traditionellen Gesundheitsregeln, die ehemals unter der Bezeichnung

der 6-nicht-natürlichen-Dinge behandelt wurden, wieder.

Auch die hygienisch-diätetischen Körperregeln expandieren nach

außen, aber nicht im Sinne der Distanzierung der Umwelt, bzw. der

Einrichtung dieser nach Intimitätsbedürfnissen, gefördert wird

nicht Sauberkeit sondern Natürlichkeit. Diese Perspektive hindert

im übrigen nicht an der generellen Abgrenzungsdisposition der

Sauberkeits-/Reinheitsvorstellung; "Natürlichkeit" ist hier nur

ein, allerdings nicht bakteriologisches Synonym. Dort wo die

natürlichen Umweltmedien beeinträchtigt sind, wird Änderung

gefordert - Gewerbehygiene, Stadthygiene. Symbolisch gesprochen,


68

soll die Natur wieder in die Stadt zurück - z. B. durch Grün- und

Parkanlagen - aber noch wichtiger, die Leute sollen in die Natur

hinaus. Sehr unterschiedliche Lebensreformen-, Natur- und Wandererbewegungen

entwickeln sich, zunächst im kleinbürgerlichen,

dann im proletarischen Milieu, nach 1900 in einer bunten Vielfalt

von Sport- und Nacktkörperkulturvereinen, Reformhaus und Naturfreundeheimen.

Auch die Lungenheilstätten sind nichts anderes,

als die systematische Anwendung der "Heilkraft der Natur" und

deren Anwendung bleibt nicht auf die Tb beschränkt.

In der Tb-Prophylaxe sind also zwei Gesundheitsmodelle kombiniert:

die kontagionistische Expositionsprophylaxe, die alle

Gefahren fernhalten will und die diätetisch-physikalische Dispositionsprophylax,

die verhindern will, daß der Körper den

Gefahren unterliegt. Das erste Modell sieht die Gefahren von

außen kommen, fördert persönliche, kommunale und staatlich organisierte

Distanz zur Gefahrenquelle, die sie aber nicht praktikabel

abgrenzen kann. Das zweite Modell sieht die Gefahr von

innen, nämlich in der Gefahr des Nachlassens der Körperkräfte,

der Herabminderns der körpereigenen Widerstandsfähigkeit; eine

"Infektion" von außen wird eher als sekundär gesehen. Auch in

diesem Modell ist es nicht möglich genauere Gefahrenabschätzungen

zu geben. Dieser Mangel in beiden Modellen macht es möglich, sie

in gewissem Umfang zu kombinieren.

Der Vorteil des kontagionistischen Gesundheitsmodells ist die

propagierte Behauptung, daß es ein Lernprogramm sei, sich hygienisch,

also gefahrenfrei im Raum zu bewegen. Der Vorteil des

diätetisch-physikalischen Modells liegt in der Möglichkeit, eine

konkrete Erkrankungsgefahr in einer gegebenen Situation, überhaupt

vernachlässigen oder verdrängen zu können. Es scheint, als

habe die Bevölkerung nach 40 - 50 Jahren Tb-Politik beide Vorteile

zugleich genutzt. In Betracht der heute noch feststellbaren

Position zur Tb befleißigt man sich habitualisierter bakterizider

Hygienepraktiken, deren Kontext als Tb-Prophylaxe vergessen und

verdrängt ist. Allerdings scheinen noch heute schichtenspezifische

Bewältigungsmuster nachweisbar: Personen mit proletarischer-ländlicher

Herkunft assoziieren noch heute zuerst diäte-


69

tisch-physikalische Sichten mit der Tb, Personen mit eher bürgerlichem

Hintergrund denken zuerst an Hygiene u. U. sogar an Desinfektion

.

4.6. Wirkungen - Ergebnisse einer Befragung*

Die Tb ist eine "ausgestorbene" Krankheit in Europa; nicht etwa,

weil niemand mehr daran stirbt oder gar daran erkrankt, sondern

weil es eine ziemlich normale Infektionskrankheit geworden ist.

Das alte Bekämpfungsarsenal ist inzwischen abgerüstet worden: die

meisten Lungensanatorien und Tb-Ärzte wurden arbeitslos, bzw.

mußten schließen oder sich zu anderen Verwendungen bereit machen.

Es gibt kaum mehr Tb-Fürsorgestellen, obligatorische Schirmbilduntersuchungen

sind auf ein Minimum reduziert. Die Fachzeit

schrift: Praxis und Klinik der Pneumonologie widmete 1985 ein

Schwerpunktheft der Bekämpfung der Tb, zum 90jährigen Jubiläum

des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tb, voll Wehmut

und nostalgischen Rückblicken. Das Zentralkomitee existiert noch,

aber die Stimmen aus den eigenen, sehr geschrumpften Kreisen nach

Selbstauflösung sind deutlich.

Wir stehen nicht nur am Ende der Tb-Ära, sondern sogar am Ende

der Erinnerung an diese. Schon 45jährige kennen Spucknäpfe nur

noch aus China, halten auf die Erde spucken für eine unangenehme

Unart, wenn diese denn - in Südamerika z.B. - überhaupt auffallen

sollte. Damit wird es Zeit, wenn wir noch Erinnerungen aus älteren

Phasen der eigenen somatischen Kultur aufbewahren wollen.

Zur Kontrolle der aus den Literaturquellen zu ziehenden Schlüsse,

haben wir u.a. Interviews mit älteren Personen, die nicht mit der

Tb-Bekämpfung befaßt waren gemacht, darunter drei Gruppen-Interviews

mit Personen, die zwischen 70 und 90 Jahre alt sind. Wir

haben nach Erinnerungen an Spucknäpfe und Spuckverhalten gefragt,

dabei unser Interesse an Tb-Prophylaxe als Hauptmotiv offengelegt

. Die Personen stellen eine Zufallsauswahl aus den Kreisen

Vor allem Thomas Külper und Maria Scholz haben die Befragung

durchgeführt.


70

Bremer Senioren Bildungs- und Freizeitaktivitäten dar. Die folgende

Darstellung gibt einen Überblick über die Ergebnisse der

vorläufigen Auswertung.

Unsere Interviews zeigen, daß nahezu unbemerkt eine Epoche Körperkultur

zu Ende gegangen ist. Spucken als Gestensprache, als

bedeutungsvolle und vitale Körperäußerung ist untergegangen.

Schon unsere Informanten sprechen vom Spucken in Anekdoten, als

Gesten, die sie an anderen erlebt haben. Spucken ist für sie

schon tabuisiert, eine Unkultur der Alten, als sie selbst noch

jung waren. Man erinnert sich an das Spucken von Lehrern, von

Vätern, von alten Männern in den Gasthäusern. In der ersten

Erinnerung erscheint ihnen Spucken ekelhaft, erst in folgenden

Erinnerungsschritten kommen die Anekdoten als Merkwürdigkeiten,

das Spucken wird sogar "normal", bleibt aber eben doch "altmodisch"

. "Nach dem Krieg waren sie weg, die Dinger (Spucknäpfe).

Da waren wir so gebildet, daß wir in ein Taschentuch spuckten,

wenn es notwendig war." So erinnert sich Herr B. (Jg. 1900). Nach

1945 gibt es keine Spucknäpfe mehr, das bestätigen alle Befragten;

eine merkwürdige Erinnerungszäsur: Das tausendjährige Reich

und das Reich der Spucknäpfe brechen in der Erinnerung zugleich

zusammen.

Das Spucken ist als eklig in Erinnerung, eine Beziehung zur Tb

wird aber nicht auf Anhieb hergestellt. Sehr viel näher zu Gesundheitsgefahren

liegt jedenfalls die Erinnerung an Spucknäpfe.

Diese gelten in der spontanen Erinnerung ganz häufig als unhygienisch,

als "Bazillenherd" z.B. (Herr W.). Aber auch hier scheinen

unsere Informanten eher an eine unspezifische Infektionsgefahr

zu denken ("Schmutz"), in jedem Fall nicht vordringlich an Tb.

Die Tabuisierung des Spuckens setzt sich in der der Benutzung des

Spucknapfes fort. Fast stereotyp sind hier die Antworten: Das

Bedürfnis zu Spucken haben offenbar immer nur die anderen, man

selbst hat niemals einen Spucknapf benutzt (mit Ausnahme von Frau

Sch., die uns sogar ein selbstgefertigtes Gefäß miTbrachte).

Andererseits ist in der Erinnerung unserer Informanten nichts

weiter auffällig an den Spucknapf-Spuckern, diese folgen eben dem


71

Bedürfnis zu Spucken. Sie erinnern jedenfalls keine spezielle

Sozialschicht-Zugehörigkeit, kein abweichendes Verhalten des

Spuckers, offenbar nicht einmal eine Krankheitssituation, allerdings

eine Geschlechtsspezifität: Frauen haben offenbar selten

öffentliche Spucknäpfe benutzt.

Der Hinweis auf das "Unhygienische" des Spucknapfes, als in der

Regel erste Reaktion der Befragten, ist interessant, denn hier

liegt offensichtlich eine Umdeutung vor. Der Spucknapf ist ja

gerade ein Hygieneinstrument, das die Boden- u. Zimmerhygiene

sichern sollte, selbst wenn er durch schlechte Benutzung mit

Sputum beschmutzt worden sein konnte. Das aber müßte nach der

üblichen Spontanreaktion Sputum gegenüber als "eklig" und nicht

als unhygienisch qualifiziert werden. Es liegt nahe, in dieser

Umdeutung das durch Ekelschwellen verdrängte Instrument der Tb-

Prophylaxe zu sehen, während Spucken gestisch und soziale sehr

viel diffuser verortet ist und daher auch diffuser qualifiziert

wird, unter der Prämisse der Tabuisierung eben als "eklig".

Daß es sich hier tatsächlich um eine systematische Umdeutung und

Verdrängung handelt, wird auch durch andere Momente nahegelegt

und unterstützt. Vor allem bemerkenswert ist der schwache Zusammenhang

von Spucken, Sputum, Spucknäpfen und Tb in den Assoziationen

unserer Informanten (obgleich wir gezwungen waren, unser

Interesse an Tb-Prophylaxe als Hauptmotiv deutlich zu machen).

Niemand kann sich an Tb-Aufklärungsmaterial oder Tb-Kampagnen

erinnern, ja sogar jemals etwas über Tb erfahren zu haben, z.B.

durch Aufklärung in der Schule wird bestritten. Andererseits gibt

es eine deutliche Erinnerung an die Hinweisschilder an öffentlichen

Gebäuden und Transportmitteln, die das Auf-den-Bodenspucken

verbieten, diese werden aber auch zunächst nicht als Tb-

Prophylaxe erinnert.

Auf das erste Zuhören möchte man damit zweifeln, ob es überhaupt

so etwas wie Sputum-Prophylaxe gegeben hat. Tatsächlich aber handelt

es sich bei diesen Fehlstellen um eine Frage der Erinnerungsrungstiefe.

Sobald Episoden ins Gedächtnis steigen, wird

klar, daß die Selbsteinschätzung der Informanten falsch ist. Lei-


72

der können wir den Sachverhalt mit dem Mittel des Gruppeninterviews

nicht immer rekonstruieren. Drei Personen sollen stellvertretend

zu Wort kommen: So erinnert sich Frau A. (Jg. 1898), daß

ihr lungenkranker Vater viel gespuckt, und daß sie ihrer Mutter

immer Vorhaltungen gemacht habe, daß diese in dem Zimmer mit dem

Vater lebe und schlafe und vor allem, daß es sehr gefährlich sei,

Va- ters, vom Auswurf feuchten Taschentücher, in der Wohnung zum

Trocknen aufzuhängen. Frau A. glaubt übrigens nicht, daß ihr Vater

an Tb gestorben sei, sondern an einer "Bronchiengeschichte",

denn sie habe auf dem Lande gelebt, habe immer "sehr viel frische

Luft" gehabt.

Dieses Reaktionsmuster findet sich bei einigen unserer Informanten.

Auch Herr W. (Jg. 1913) aus einer gutgestellten Beamtenfamilie

stammend, behauptet zunächst ausdrücklich, in seiner

Jugend nie etwas von Tb gehört zu haben. Dann aber erinnert er

sich, daß sein Vater immer gesagt habe: "tritt da nicht rein! 1 1 ,

wenn Sputum auf dem Bürgersteig lag, daß sie die Straßenseite

gewechselt haben, wenn ihnen jemand begegnete, der hustet und

spuckt. Noch nach dem Krieg sei er immer möglichst schnell an

einem nahe Bremen gelegenen Sanatorium vorbeigefahren wegen der

Bakterien. Herr W. zieht sofort die Schuhe aus, wenn er seine

Wohnung betritt; er wäscht seine Hände, nachdem er Geld angefaßt

hat; er hat immer eine Papier-Klobrille in der Tasche, im Falle,

daß er fremde Toiletten benutzen muß. Er sagt, wenn ich im Fernsehen

die Spucknäpfe der Chinesen sehe, "kriege ich 'ne Gänsehaut".

Zwischen Herrn W. und Herrn H. (Jg. 1915) entwickelt sich ein

Dialog, als Herr H. sagt, daß bei ihnen zu Hause früher immer

eine Flasche Karbolsäure zur Hand gewesen sei. Herr H. meint,

solche Vorsichts- und Desinfektionsregeln, wie sie Herr H. schildert,

wären bei Arbeitern, er kommt aus einer Arbeiterfamilie,

früher nicht möglich gewesen. Er findet aber solche Vorsichten

auch übertrieben, es käme bei der Tb gar nicht so auf Sauberkeit

an als auf gute Ernährung. Er sagt: "gute Butter ist wichtig

gegen Tb". Er erzählt, daß er als Kind ein "spillerter Heini",

ein dünnes, offenbar kränkliches Kind gewesen sei, und daß man


73

ihn dauernd in das Licht- u. LufTbad Prießnitz geschickt habe

(das existiert noch heute, auf der anderen Weserseite, etwas

unterhalb der Innenstadt). Herr W. bestreitet, Tb gehabt zu

haben; aber er erinnert sich, daß ihm als Kind eine Zeichnung

(vermutlich von Zille) imponiert habe, die ein Mädchen zeigte,

das stolz verkündet: "wenn ich will, kann ich Blut in den Schnee

spucken."

Spucken, Spucknäpfe, Tb lösen sofort Erinnerungen aus, eine

Verknüpfung nehmen unsere Informanten selbst aber nicht vor.

Soweit, zu behaupten, Tb und Spucken habe nichts miteinander zu

tun, geht allerdings nur ein ehemaliger Tb-Arzt (Jg. etwa 1920) -

auch hier als eine erste spontane Reaktion. Es gibt bei unseren

Informanten eine Fülle von Erinnerungen an Tb, was der Bedeutung

dieser alten Volksseuche entspricht. Viele Schilderungen ihrer

eigenen Familie und eigenen Person lassen eigene Betroffenheit

vermuten, aber fast alle beteuern, alles das sei nicht Tb gewesen.

So bekommen wir auch hier den Eindruck vermittelt, daß es

immer die anderen gewesen sind, die Tb hatten. Wir glauben, hier

selektive Erinnerung sehen zu können, Erinnerung, die sich mit

den Schrecken von Tb-Diagnosen arrangieren mußte. Wir spüren

diesen Schrecken, wenn Frau S. (Jg. 1906) sich heute noch für

ihre Eltern entschuldigt, die ihr verboten hatten, mit ihrer

Schulfreundin zusammen zu sein, die erinnert, daß dieses Mädchen

"wie eine Aussätzige behandelt wurde", aber gar nicht tuberkulös

war, wie sie behauptet; aber dann sagt sie: Schwindsucht galt

eben als gefährlich.

Unsere Informanten haben auch eher verblüffende Infektionsängste,

bzw. Infektionsmöglichkeiten geäußert, die zwar aus der Seuchengeschichte

gut bekannt sind, aber auch Gegenstand aller Tb-Aufklärungsmaßnahmen

waren: Es ist keine Infektion durch Anatmen

durch einen Tb-Kranken zu befürchten, das ist immer als Moment

einer vernünftigen Prophylaxe betont worden. Dennoch haben unsere

Informanten mehrfach die Gefahr des Anatmens erwähnt. Herr D.

(Jg. 1908) erinnert sich darüber hinaus an die volkstümliche

Praktik des Alkoholgenusses nach dem Kontakt mit einem Tb-Kranken

als Versuch, die eingeatmeten Bazillen zu töten.


74

Unsere Befragung bestätigt einige Dispositionen, die wir schon

aufgrund der Literaturstudien glaubten erwarten zu können: Die

Tb-Politik hat Angst gemacht, diese ist "bis unten" angekommen

und sie ist noch heute spürbar (vgl. auch: Dornheim 1983, S.

149ff). Die immer wiederkehrenden Behauptungen, die Leute hätten

nicht genug Angst, weil sie sich immer noch nicht der erwarteten

Verhaltensweisen befleißigen, nichts aus all den Gefahrenszenarien

gelernt hätten, ist erkennbar als Falschinterpretation,

z.B. von abweichenden somatischen Kulturen, die nicht zuletzt

durch Lebensumstände bedingt sind. Erkennbar ist auch, daß die

Gefahrenszenarien, daß die Tb-Infektionsdrohungen abgesunken sind

hinter "überlebensdienlichem" Verhalten, daß die Leute habitualisiert

haben, vielleicht ausdrücklich, um die Tb vergessen zu

können. Wir finden die starke Orientierung auf frischer Luft und

gute Ernährung bei Personenkreisen, die die Distanzforderungen

nicht nachvollziehen konnten, wir finden z.T. extreme "Sauberkeits"-Dispositionen

bei Personenkreisen, die mit Distanzerwartungen

groß geworden sind. Dabei ist am eindrücklichsten, wie bei

allen Informanten, die Sputum-Prophylaxe vollständig in eine

Ekel-Disposition aufgegangen zu sein scheint. Man weiß nicht

mehr, warum man diesen Ekel hat, aber es ist so: Eine Infektions-

Prophylaxe ist also zu einer allgemein akzeptierten Anstandsregel

geworden.

Das einzige Problem einer solchen Interpretation besteht in der

auf den ersten Blick schlechten Koordination mit der Theorie

eines Zivilisations-"Projekts" der Affektkontrolle seit dem

Mittelalter, das immer schon die Verhinderung des unanständigen

und unhöflichen Spuckens mit enthielt (Elias 1969; Krumrey 1984).

Dieses Projekt bediene sich zwar medizinisch-hygienischer Argumente,

habe aber hier nicht sein Ziel.

Mit unseren konkreteren, aber selektiven Untersuchungen zum

Spucken kann man nicht gegen eine allgemeine Zivilisationstheorie

antreten wollen. Aber selbst wenn vom Ergebnis her der Elias 1 -

sehen Theorie beizupflichten ist, läßt sich zeigen, daß der

Prozeß der Affekt- und Körperkontrolle sehr viel komplizierter

und auch nicht linear abgelaufen ist. Das betrifft hier das


75

Spucken, müßte sich aber auch für andere Bereiche der Körperkontrolle

zeigen lassen. Die Verknüpfung bzw. Konfrontation der

Elias 1 sehen Zivilisationstheorie mit der Medizingeschichte, dem

dort verankerten Körper- und Hygienediskurs steht noch aus.

Durch die Tb-Politik haben Spucken, Sputum, Spucknäpfe zuerst

noch eine hohe Aufmerksamkeit bekommen, bevor die schon längst

bestehenden Anstandsregeln Platz greifen, diese Art der Schleimaussonderung,

diese Art der "Befreiung" von Körpersekreten tatsächlich

aus der Öffentlichkeit verdrängt wird. Wie sehr dabei

der medizinische Diskurs den Anstandsdiskurs überlagert und

völlig umgekehrt hat, zeigt die Geschichte des Spucknapfes: Er

kommt als Tb-Prophylaktikum in explosionsartigen Gebrauch, zu

einem Zeitpunkt, zu dem das Anstandsgefühl der kulturell dominierenden

Kreise schon die dezente Affektkontrolle des Spuckbedürfnisses

und die Benutzung von Taschentüchern vorschreibt. Und der

Spucknapf verschwindet wieder, beinahe plötzlich und ohne eine

Spur zu hinterlassen, einige Zeit, nachdem die medizinisch-hygienischen

Sichten sich verändert haben, damit die Sputumobsessionen

der Tb-Prophylaxe obsolet wurde.

In der Perspektive der Zivilationstheorie kann man sagen: Das

öffentliche Spucken wird erst allgemein inkriminiert und die

Dezenz des Taschentuchs zur allgemeinen Norm, weil die Tb-Prophylaxe

das Thema so hochaffektiv aufgeladen hat. Diese war damit

hoch erfolgreich, selbst wenn sie nur die Logik der längerfristigen

körperlichen Zivilisationstrends befördert haben sollten.


76

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Berlin

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