Abrahams V/idder. Nur zwei dieser in Maraccis mit denen, die Dapp

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Abrahams V/idder. Nur zwei dieser in Maraccis mit denen, die Dapp

ung Abrahåms. Dem Widder deß Ismaels folget deß Mosis

Kuhe. . . [Erzählung der betr. Legende.]

Auf diese Kuhe folget der'!Øallfisch deß profetenJonas. Nach

welchem der Esel deß ProfetenJeremias mit grossem Geschrey

in das Paradies rritt. . . [Erzählung der betr. Legende.] Dieser

Esel ist eines von den ¡o Thieren / welche Mahomets paradies

verdienet haben.

Nach diesem Esel folget die Ameise deß Salomons / von wel_

cher der Alkoran also schreibet: . .. [Erzählung der betr. Le_

gende.l

Nach der Ameise wird der Widhopf der Balkais / der Königin

von Saba / oder dem glücklichen,\rabien / ins paradies gefühiet

/ worvon der ,tlkoran auch eine weitläuffige Fabel erzéhlet: Es

hat nemlich der V/idhopf zwischen Salomon und der Königin

Balkais sich als einen Kuppler gebrauchen lassen. Man giãbt

auch vor les werde deß Mahomeà Kamehl in das paradies klommefì.

Endlich schliesset der Hund der sieben Ëfesischen Schläfer die

Zahl der Thiere deß Paradieses. . . [Folgt Erzählung der Sieben_

schläfer-Legende.j

Außer bei Dapper begegnete Goethe der Vorsteilung von

heilìgen Tieren im islamischen Paradiese auch, als er sich ab

Spätherbst ry7r mit ð,em Koran nãher befaßte.1 In der Koran_

Übersetzung des Maracci, die er damals benutzte, traf er u. a.

auf folgenden Hinweis (m. prodr. 79):

Isti fDervisi quidam Aegyptii] ponunt in paradiso quaruor ani_

malia: Equuum S. Georgii, seu Chiderellae: asinumJesu Christi:

camelum Mahumeti; et canem septem Dormientium. Alii ad_

dunt, arietem Âbrahae.

Hier werden also nur vier ParadieslTiere angenommen: r)

das Pferd des heiligen Georg, z) Jesus' Esel, 3) Mohammeds

Kamel und 4) der Siebenschläferhund - allenfalls an fünfter

Stelle: Abrahams V/idder. Nur zwei dieser in Maraccis

Koran-Kornmentar erwähnten heiligen Tiere sind identisch

mit denen, die Dapper aufzàhlt: das Kamel des propheten

und der Siebenschläferhund. Dieser begegnet später in Goe_

thes Buch des Paradieses wieder, wo wir auch den bei Maracci

I Vgl. oben S. i79.

35r


als heiliges Tier erwãhnten Esel Christi wieder treffen, den

Goethe an die Spitze der Paradiestiere stellen sollte.

Eine allgemeinere Betrachtung Goethes über die Ausdehnung

religiöser Spekulationen oder Kulte auf Tiere und über

geistliche >Begünstigungen< [] von Tieren, findet sich in

Rückerinnerungen an ltalien, über die Goethe tn der italienisch.en

R-eise unter dem Datum des r8" Janu.ar r787 benchtet.

,\usgelöst wurden Goethes Gedankengänge durch das Fest

des heiiigen Antonius, des Patrons der >vierfüßigen Geschöpfesaturnalischen Feiertag für die sonst

belasteten Tiere, so wie für ihre'V/ärter und Lenkerbegünstigten Tieren< einschlossen:

Es läßt sich bemerken, daß alle Religionen, die entweder ihren

Kultus oder ihre Spekuiationen ausdehnten, zuletzt dahin gelan-

,gen mußten, daß sie auch die Tiere einigermaßen geistlicher Begünstigungen

teilhaft werden ließen.

Während der Díuan-Epoche fand Goethe bei seinem orientalistischen

Gewährsmann Joseph v. Hammer weitere Hinweise

auf in der Y/elt des Islam besonders ausgezeichnete

Tiere, wobei wiederum eine andere Anzahl angegeben wird.

Flammer spricht von >sieben berühmtesten Tieren


Soviel läßt sich mit Sicherheit sagen: durch alles, was Goethe

über in den religiösen Überlieferungen des Islam durch Legendenbiidungen

âLlsgezeichnete Tiere gelesen hatte, fühlte

er sich veranlaßt, auch in sein Buch des Paradieses Tiere aufznnehmen.

Im Anschluß an divergierende Quellen hätte der

Diuan-Dichter zehn, sieben, sechs, fünf, vier, d.h. beliebig

viele rbegünstigte Tiere< irn Buch des Paradieses auftreten lassen

können. Die Vierzahl, für die Goethe sich entschied, trifft

einigermaßen mit den ,{.ngaben bei Maracci überein. Dort

wird auch clie von Goethe übernommene Vorstellung vermittelt,

daß es sich um das wirkliche Paradies, nicht um ein

Sonderparadies für Tiere handelt. Maracci hatte u. a. berichtet:

Mahumctanis solcmne est bestiis non soium sarrctitatem, vcrum

etiam Paradisum tribuere: veluti arieti Abrahae, Alboraco Mahumcti,

et cani huic dormientium.l

Hier wird den bisher genannten Paradiestieren aiso auch

noch das Wunderpferd Al Borak hinzugefügt, mit dem der

Prophet bei der nächtlichen Auffahrt durch alle Himmel flog.

Man sieht, Goethe war lange mit derartigen Vorstellungen

aus volkstümlichen Tiaditionen des Islam vertraut; die

Überlieferung, wie sie sich ihm darstellte, schwankre jedoch

in Bezug auf Anzahl und ,\rt der Tiere. Das gab auch dem Dluan-Dichter

die Freiheit, in Begünstigte Tiere seine eigene

Auswahl zu treffen. Für die Vierzahl enrschloß Goethe sich

vermutlich, weil er fühlte, er könne unmöglich rnehr als Vier

Tiere2 nennen, da die Vierzahl von Auserwählten Frauen

durch die islamische Tiadition festgelegt zu sein schien. Es

wàre zu unfair den Frauen gegenüber gewesen, mehr Tiere

als Frauen ins Divan-Paradies aufzunehmen. Deshalb ist auch

die Vermutung Hans ,{. Maiers zurückzuweisen, cs wäre

>eine humoristisch-ungalante Bosheit Goethes gewesen,

1 Maracci a.a.O. S. 427 Fußnote.

2 Vicr T'iere - so lautcte auch dic r-rrsprünglichc Kcnnzeichnnng im \X/iesbaclcncr

lìe qiste r d er Di.uan-Gcdichtc vom Ende Mai r 8 t 5, wo das Gedicht als

Nr. 98 crschcir.rt.

353


ebenso viele Tiere wie Frauen in sein Diuan-Paradies zugelassen

zu habcn n.1 Âuf diese (Jnterstellung kommen wir im Zusammenhang

des Gedichts Awserwählte Frauen noch ausführlicher

zurück.

Den letzten Änstoß zum Gedicht Begünstí,gte Tiere gab

Goethes Studium der Fundgruben des Orients, das ihn auf die

arabische Version der Siebenschläfer-Legende in englischer

Übersetzung geführt hatte.2 Dort fand er am Ende der langen

Nacherzählung den auf Paradiestiere bezüglichen Hinweis:

And it is asserted, that thc ass of the prophetJesus, the wolf of

Joscph, and the dog of the companions of the cave, will all be

admitted into pârâdise on the day of resurrection.

Der hier ân erster Stelle einer Gruppe von Paradiestieren genannte

Esel von Jesus war Goethe schon früher bei Maracci

begegnet, desgleichen der Hund der Siebenschlãfer. Doch

ein \Tr/o1f als Paradiestier war dern Divan-Dichter neu. Auch

bei dem ,\raber Wahab ben Monabbeh, dessen Siebenschlã-

Gr-Version die Fundgruben des Oríenfs mitteilen, wird der

rV/olf desJoseph< Iediglich erwähnt, ohne daß eine dazugelrörige

Legende erzâhlt würde. Der Leser erfährt nicht einrnal,

welcher Joseph gemeint ist; die Bibel berichtet weder

beim alttestamentiichen noch beim neutestamentlichen Joseph

von einem Wolf. So sah Goethe aufgrund einer unklaren

Üt¡erlieferung einen > Wolf


Begünstígte Tiere

Vier Tieren auch verhcißen war

Ins Paradies zu kommen;

l)ort leben sie das ewgeJahr

Mit Hciiigcn und Frommen.

Den Vortritt hier cin Esel hat)

Er kommt mit muntern Schritten:

Denn Jesus zur Propheten-Stadt

Auf ihm ist eingcrirteu.

r

Als gebärtiger Christ läßt der Diuan-Dichter dem Esel des

Herrn den >Vortritt V/olf< begegnet sein konnte, weil es \X/ölfe in den arabischen

Ländern nicht gibt,i existiert nirgends in den vielen von Goethe

während der Díuan-Epoche gelesenen'$/.erken eine überlieferung,

nach welcher Mohammed einem V/olf befohlen

habe, das Schaf des arrnen Mannes zu schonen. Allerdings

kannte Goethe zwei Legenden, die den Propheten mit Wölfen

1 Vgl. GeorgJacob, Altarabísrhes Beduínenleben nach áen euellen gesth.ildert.

Berli' r 897. S. ¡ 8: >lJnser \Volfkommt in Arabie''icht vor; doch glaubte ich

frälrer, daß dhi'b den Schakalwolf (Canislupaster) oclereinen nahen Verwand_

tc' bezeichne; auch bei Ebcrs ciceronc'u s. ¡ óz {ìnder man als arabischen ril¡í'å

den Schakalwolfabgebildct, den Ebers für das in Lykonpolis verchrre Tier

hält. Ich glaube jcdoch, daß Homrnel (HS 3o3) das Wort rnit Recht (wenig_

stens für Arabien) auf den Schakal (Canís aurtus) bezicht; allc von rnir gesam_

nreltcl llclcec passcrì âm besterr aufcliescn . . .<

355


zw. wolßähnlichen Raubtieren in Verbindung bringen und

die eine entfernte Ähniichkeit mit Motiven der Goetheschen

V/olfstrophe haben. Jean de Chardin nämlich berichtet innerhalb

seiner Voyage en Perse von einer religiösen 'V/underge*

schichte, nach welcher eine Hirschkuh sich vor den Verfolgungen

eines oloup< schutzflehend zu Mohammed flüchtete;

der Prophet habe clem Raubtier eine bessere Beute zugesprochen,

falls er von der Hirschkuh ablasse, und aus Dankbarkeit

für ihre Rettung sei die Hirschkuh dem Propheten lebenslänglich

gefolgt.l In einer anderen Prophetenlegende berichtet

Maracci von der Begegnung mit einem >lupusNon nc times, ut Deus pulriat te ,

clum cripis a me victum, quem ipse praebuit mihi? TLnc pastor apstirpuit.

quod lupus humana voce loqueretur. l)ixìt eì lupus: Vis ne rcfcram, tibi rem

admirabiliorerl? Mahunretus in Medina, enarrat hominibus historias rerunr

praetcritarum. Venit autcr¡ pastor Medinam, ct narravit hoc Mahumeto coram

omni populo: illc vcro dixit: rVera locutus est: etjuro per eurn. in cuius

mânrÌs est alrima. Mahumeti, quocl non veniet clies supren-ri Judicii, donec

ferac aloquanturhomincs; ct alloquaturvirum lorun scuticae suae. ct corrigia

calcei sui; et annLlnciet ei femur ipsius, quid novi lccerit fàrnilia ejus post

discessum cjus.,,

35ó


griffe gegen ü/ieland und F. H. Jacobi führte, verglichen ihn

die beiden Attackierten mit einem ,,feurigen T/olf< und

saben ihm den Titel >Doktor XVerwolfO daß ich doch schon viel älter wäre und hätte einen Enkei bald

zu hoffen, cr müßte V/olf heißen, und das crste \[/orr, das ich ihn

stanrmeln lehrte, wäre Ihrteurer Name-< - >Comrrent


Goethes scherzhafte Erwiderung:,>'W.ieso, Ihre Landsleute

haben mit viel Mühe die V/ölfe verjagt, und Sie wollen sie

wieder hereinlassen?< macht besonders deutlich, wie geläu*

fig ihm die Identifizierung seiner selbst mit einem >[/olf<

gewesen ist.

Betrachtet man die WolÊStrophe aus Begünstígte Tiere auf

Gehait und Moral, so iäuít das vom \Í/olfbefolgte Gebot, den

Armen zu schonen, auf Goethes eigene Lebenspraxis hinaus.

Besonders in seinem Wirken als Staatsmann, als Minister in

Sachsen-V/eimar, strebte er von ,tnfang an danach, der armen

thüringischen Bevölkerung zu helfen, sie nach bestem

Vermögen vor Ausbeutung zu schützen.1 'Wenn er je eine

>'Wolfsnatur< besaß, so hat er diese zubezàhtnen getrachtet

und sich höheren sittlichen Geboten gefi.igt.

Tiifft unsere Vermútung nt, daß sich Goethe selbst hinter

dem ,rWolÊ< im Buth des Payadiescs verbirgt, so erklärcn sich

auch die ,tnfangsworte >Halb schüchtern kommt ein Wolf

herano sehr einfach. >Halb schüchtern< tritt er auf weil er

kein eigentlich Zugehöriger zum islamischen Paradiese ist.

Nur >halb< gehört dieser >'Wolf< hierher, doch erhält er AuÊ

enthaltserlaubnis aufgrund seines Wohlverhaltens im Leben,

hat er doch ein ausdrückliches Gebot des Propheten befolgt,

für die Armen zu sorgen.

Mit seinem Fabulieren schließt Goethe sich der uralten

L Vgl. Goethe - Warum? Eine repràsentatiue Auslese aus Werken, Briefen und

Dolcumenten. Hg. u.m.e. Nachwort vers. von K. Mommsen. Frankfurt

r984. S. ro5ff über Goethes staatsmännisches Wirken t¡nd sozialcs Handcln.

(KlingeaJuni 1776: oGoethe ist geliebt durchaus und des Landes Heil. <

-J.H. Merck, 1777'. >Goethe giit und dirigiert alles, und jedermann isr mir

ihrn zufrieden, weil er vielen dient und niemandem schadet. Wer kann der

lJncigennützigkeit des Menschcn widerstehn?< - J.A. Leisewitz, t78o:

rVon Àrmen-Anstalten; Goethe hat auf seine Kosten im Weimarischen Versuchc

gemacht, mit dencn er zufrieden war.< - D.J. Veit, 1793: rGoethe ist

hier unter vielen Volkskiassen ... als sehr freundlich, gutmütig bekannt,

und hat die allgerneine Achtung und Liebe; die mittlern Stände nennen ihn

den Genius des Orts. n

- H. Voß, r 8o4: r Gestern sagte rnir eine Frau, Goethe

wäre der Segen Weimars, alles brächte er ìns Gleis, und er sei der Wohltäter

aller Hilfsbcdürftigen. < etc.)

358


Schwanktradition vom erlisteten Eingang ins Paradies an,

die zugleich mit den'Wunschrraumgebilden von einem besseren

Jenseits bei den meisten Völkern existiert. Aus dem

cleutschsprachigen Bereich sind schon mittelalterliche

Schwänke dieser ,{rt und Märchen vom Bruder Lustíg--fyp

bekannt. Es ist wohlverbürgt durch Zeugnisse von Goethes

Zeitgenossen und auch durch seine autobiographischen

Schriften, daß der Dichter sich gern hinter Masken verbarg

und es liebte, allerlei unvermutete Rollen zu spielen. Âuch

weiß man, daß er besonderes Vergnügen daranfand,heimliche

>Schnippchen in der Täsche zu schlagen


Alle drei Tiere sieht man Leistungen erbringen - Tragen,

Selbstbezwingung, Gehorsam und Treue -, die auch in der

Menschenwelt als Tugenden hoch angerechnet zu werden

verclienen. Das vierte der rbegünstigten Tiere < in der Goetheschen

Auswahl, Abuherriras Katze, hat dergleichen Tugenden

nicht aufzuweisen. Doch Goethe wußte, eine Katze

wird, im Gegensatz zum Hund, der bei Muslimen für unrein

gilt, in den islamischen Ländern gern über den Rücken gestreichelt;

auch hatte er gelesen, daß die Katze vom Propheten

)sehr geliebt< worden sei und man glaube, sie komme

rmit ins Paradiesr\buherrirau (: ,,der Katzenvâter() als

Beinamen für einen sehr nahen Freund Mohammeds, den

dieser täglich um sich sah, hatte der Diuan-Dichter sich u'ährend

seiner Lektüre notiert.2 So gelangte auch das den

Propheten umschmeichelnde Kätzchen, obwohl es keine

weiteren Meriten besitzt, als des Propheten Gefallen erregt zu

haben und von ihm gestreichelt worden zu sein, gemäß einer

volkstümlichen islamischen Tiadition, mit ins Diuan-Paradies.

Es scheint, als habe Goethe noch ein weiteres Tiergedicht

geplant, den Gedanken aber wieder aufgegeben, denn in den

Nachlaßversen zum Díuan ftndet sich folgende Strophe:

1 In Saadis Baumgarren (Bustan)in des Adam Olearius Colligierten Reiscbcschrtíhungen

von ró9ó steht auf S. 55f.: rMan streichelt wol eine Katzc über

den Räckerr / aber keinen Hund nicht. . .Er . . . hätte auch der

,\buhcrrire Katze nicht einen Mundbissen gegönnet.< Olearius fiigte die

Â.nmcrkung hinzu: r,\buherrira heist ein Katzenvater / hat den Nancn bckomnc'n

/ weil er cine Katze schr lieb gehabt / und immer bey sich gctragen

. . . Hat zur Zc'it Mahumets und nach ihm gelebet / war dessen sehr glrrer

Freund.< Goethe entlieh das Werk vom 8.Jan. - i9. Mai rSr j u. öfter (Keuclell-I)ec'tjen

Nr. 9 5o).

3óo


Kommen wir in die Revir[e]

Zu dcrrr lustig[enl Himmel Sch[mause]

Lagcrnd, streken wir die Vier[eJ

Ey dahicr sind wir zu Hause!l

Für Frauen liegt eine gewisse Härte darin, daß nicht mehr als

vier rAuserwãhlte< von ihnen Aufirahme ins Diuan-Paraðies

erlangen- die gleiche .þynzahlwie diejenige der >begünstigten

Tiere


EINY/ANDE GEGEN DEN ISL,TM

TM WE ST-O ST LIC H EN D I VAN

I. AUSEINÀNDERSETZUNG MIT DEM

FRAUENBILD DES ISLAM

DFrâLrcn sollen nichts verliercn. . .<

Das.Frauenbild des Islam unterscheidet sich erhebiich vom

Bild der arâbischen Frau heidnis cher Zeiten, wie es sich in der

vorislamischen Beduinenlyrik spiegelt.l Dort erschien die

Frau in einer erstaunlich freien, vom Manne unabhängigen

Lebensweise, während sie nach Einführung des Islam nur

noch in der dienenden Rolle als'Wesen zweiter Ordnung begegnet.

Mit diesem Frauenbild des lslam hat Goethe sich auseinandergesetzt,

und lvenn er im >,\rabereine düstre Religionshülle< übergeworfen, so

wurde er zu dieser Metaphernsprache gewiß inspiriert durch

die Art der Verhüllung, denen die Frau ir-r den Ländern des

Islam unterwo rfen is t. Irn Ge gens at z zLTrn ofthodo xen Judentum,

Christentum und Islam hielt Goethe nämlich die Frau

nicht grundsätzlich für ein Geschöpf minderen Ranges.

Die moralische Basis für die traditionelle Abwertung und

Geringschätzung der Frau im Bereich der mosaischen und

christlichen Religion ist bekanntlich die Überlieferung vom

Sündenfall im Alten Testament (r. Mose 3), wo 'rdas

V/eib<

mit dem Bösen identifiziert wird. In der islamischen Tiadition

hingegen ist r>Eva niemals für den Fall Adams verantwortlich

gemacht wordenselten solche Höhen

des Hasses erreicht wie mittelalteriiche christliche Schriftsreiler

in ihren Tiraden über die Frauen und ihre Verdamrnungo.3

Jenes Gefühl der Verachtung, das man so oft im

1 Vgl. oben S. 76 mit Fußnote z.

2 Ygl A. Schinrnrel, Mystßclrc l)imensionen ¡les Islam a. a. O. S. 487.

3 Ebd.

362


mittelalterlichen Mönchtum findet, sei ausgeschlossen worden

durch >die Liebe des Propheten zu Frauen, seine zahlreichen

Ehen und seine vier Töchtero.l Dennoch ist nicht zu

verkennen, daß seit Einführung des Islam die Frau unter die

Kontrolle des Mannes geriet und seinen Befehlen unterworfen

wurde. Ihre untergeordnete Rolle wird traditionsgemäß damit

begründet, daß sie ein intellektuell niedriger srehendes

'[/esen als derMann seiund ctraß beiihrdie animalischenEigenschaften

vorherrschten. Anders als der vorislamische Araber

empfindet der Muslim nicht die gleiche Achtung dem weiblichen

wie dern männlichen Geschle cht gegenüber - abgesehen

von einigen Heiligen wie Fatima oder derJungfrau Maria.

Goethes grundsätzlich höhere Einschätzung der Frau läßt

es nicht verwunclerlich erscheinen, daß er auch von der islamischen

Einstellung zur Frau abweicht und sie ironisiert, so

wie er Berufung einlegte gegenüber der Forderung im r.

Buch Mose 3, ró: t>Er soll dein Herr seinEr

soll dein Herr sein


ersten großen dramatischen \X/erk - Cötz uon Berlichingen -

>die Frau die Krone der Schöpfung< nenntl uncl sich gegen

ihre Herabsetzung wendet:

Scheltet die Weiberl . . . Aber laßt mich euch was von Mannslcuten

erzählen. V/as seid denn ihr . . .? Ihr, die ihr sclten seid was ihr

sein wollt, niemals was ihr sein solltet.2

Als ein Fürsprecher der Frauen setzte Goethe sich immer wieder

zur'Wehr gegen ihre Verachtung, wie sie damals auch in

Gesellschaft und Literatur gang und gäbe war.3 Noch in spätenJahren

nannte er im Gespräch mit Eckermann einen seiner

Gründe, warum er ein Dichter der Frauen geworden sei:

Frauen sind das einzige Geñß, was uns Neuercn noch gcblieben

ist, um unsere Idealität hinein zu gießen. Mit den Männern ist

nichts zu tun. Im Achiil und Odysseus, dem Täpfersten und

Klügsten, hat dcr F{omer alles vorweggeno-men.4

Bei solcher grundsätzlich höheren Einschãtzung der Frau ist

es nicht verwunderlich, daß er auch von der herkömmlichen

islamischen Einstellung zur Frau abwich und sie ironisierte.

Zwar glbt es bei Goethe keine direkte Polemik gegen die Behandlung

der Frau im Islam, aber bei genauerem Zusehen

bemerkt man, wie der Dichter die Haltung des Propheten

Mohammed doch in sehr dezidierter'Weise kritisiert.

,Ais Goethe die Sunna studierte,s traf er wiederholt auf

frauenfeindliche Vorstellungen, die deutlich bekunden, wie

geringschätzig Mohammed irn allgemeinen von Frauen gedacht

hat. Goethe las dort u.a. folgenden Rat des Propheten

an die Männer:

1 Còtz uon Berlithingen,,\kt r, Herberge in \íalci, Martin (WA r 8, ró).

2 Ciitz uon BeÍitlùngen, Akt z, Bamberg, Adelheid (WA r 8, 73).

3 Wegen ihrer frauenverâchtlichen Tendenzen kritisiertc er die oberen

Stände in f)eutschland (WA r 3 3, 3 77), wie er auch die englische Lireratur des

I8. Jahrhundcrts der Frauenfeindlichkeit zieh (WA t 28, z16).

4 Gesprãch vom 5.Juli r8z7 (Houben S. zoz).

5 Inr e rsten Band der Førlgruben des Oríents (Wien i 8o9), wo sich S. r44- I tì8

und S. 277-3ió siebenhundert Auszüge aus der mündlíchen übtrliefennt.q Mohammeds

lìnder-r, die J. v. ËIammer aus über siebentausend ausgewählt und

übersetzt hatte.

36+


Ilehandelt die Frauen mit Nachsicht, denn das V/eib ward erschaffen

aus einer krummen Ribbe, und die beßte von ihncn

tragt die Spuren dcr krummen Ribbe. Y/enn du sie gerade mache¡r

willst so brichst du sie, und wenn du sie mhig läßt, so hört

sie nicht auf krumm zu seyn. Bchandelt mit Nachsicht dic

Frauen.'

Goethe ließ sich durch diesen Tcxt anregen zu dem humoristischen

Gedicht irn Buch der Betrachtungen:

Ilehandelt die Fraucn mit Nachsicht!

Aus k¡ummer Rippe ward sie crschaffen,

Gott konntc sie nicht ganz grade machen.

\Villst du sie biegerr, sie bricht;

Läßt du sie ruhig, sie wird noch krümmer;

Du guter Adam, was ist denn schlimmer? -

llehandelt clie Frauen mit Nachsicht:

Es ist nicht gut, daß euch eine Rippe bricht.

I)er Dichter gibt hier Mohammed die Ehre, daß er einen

Ausspruch von ihm wörtlich zitiert und poetisch umforrnt.

Bemerkenswert war ihm offenbar, wie der Prophet eilt bekanntes

Bibelwort geistreich erweiterte: Gott schuf die Frau

aus ))des Menschen Rippe< (r. Mose z, zt). Seine Pointe erhält

Goethes Gedicht dadurch, daß es in die immer wieder ztr

hörende Schelte auf >die Frauen< einzustimmen scheint, ihnen

jedoch rmildernde (Jmstände< zubilligt: >Gott konnre

sie nicht ganz graåe machen( - ist Goethesche Zutat. Die

Aufforderung des Propheten zur nNachsicht< (V. r) hat der

Dichter gewiß als beherzigenswert empfunden. Lebenserfahrene

Leser werden dem Propheten wie auch dem l)ichter

darin zustimmen,.daß Toieranz immer noch das probateste

Mittel ist, um ein friedliches Zusammenleben zu ermöglichen.

Doch war Goethe, wie schon sein oben angeführtes

Zitat aus clem Gö¿e beweist, von Jugend auf realistisch und

fair genug, um einzugestehen, daß Gott auch die Männer

1 Fundgruben rles Orients.Bd. r. 278. Nr 389. Goethe ncnnt das Werk crstmals

inr Tägebuch vonl 12. Dez. r8r4 (\Ø-A rr 5" t4z). Er eirtlieh es bis

3o. Mai i8r5 aus der'Weimarer Bibliothek und clann noch zu wiederholten

Malcn.

36s


Dnicht ganz grade( machen rlkonnte( (oder wollte?!) und daß

sie ihrerseits nicht minder auf Toleranz angewiesen sind als

die Frauen.

Um die frauenverächterische Tendenz des Gedichts >Behandelt

die Frauen mit Nachsicht. . .< auszubalancieren, die

Goethes eigener Gesinnung nicht entsprach, fand er rnehrere

Ansrvege. Erstens: das Buch der Betrachfungen, das diese Verse

enthält, iieß er abschließen mit einem Suleíka spricht iberschriebenen

Gedicht, das auf das Buth Suleika vorweisr. Hier

stellt Goethe eine Frau auf die denkbar höchste Stufe: die Geliebte

wird zur Vermittlerin der Liebe und Erkenntnis Gottes.

Dadurch daß sie im Augenblick ihrer höchsten Schönheit

zur Repräsentântin des Göttlichen wird, können die Menschen

>für diesen Âugenblicknicht ganz graden gemachten Frau vergessen. Hier

gibt darüber ht'naus das Gedicht Wiederfindenl Kunde von einer

sehr anderen Schöpfungsgeschichre:2 in V. 45 f. heißt es,

rauf der Erde I Musterhaft in

daß ,rbeideo - Mann uncl Frau -

Freud und Qual< sindl Schließlich klingt das Buch Suleika rnit

I DIst es möglichl Stern der Sterne...< (\x/A r ó, r88f.).

2 f)cr'Weltschöpfungsmythos beginnt mit Strophe z: >Als die ïVelt im ticÊ

stcn Grunde/ Lag an Gottes ewiger Brust,/ Ordnet' cr die crste Stunde/ Mir

erhabnc'r Schöpfungslust,/ Und er sprach das Wort: Es wcrde!/ Da crklang

cin schnerzlich ,\chli Als das Ä11 mit Machtgebärde/ In die \X/irklichkcitcn

brach.. .u

366


der höchsten Huldigung des Liebenden an die geliebte Frau

aus in Versen, die ihr den obersten Rang verieihen: >lJnd

wenn ich Allahs Namenhundert nenne,/ Mitjedem klingt ein

Name nach für dich.< Hier hat - drittens - die irdische Geliebte

eine sehr wichtige religiöse Funktion. In ihr verehrt der

Dichter das Göttliche; durch sie lernt er auch >ans Paradies zu

glaubeno, wie im Buch des Paradieses ausdrücklich betonr

wird.l

Noch totaler aber wird - und damit kommen wir zum

vierten Punkt - der Mythos von der >krummen Rippe< von

Goethe widerrufen durch eine von ihm selbst erfundene neue

Version des biblischen Berichts von der Erschaffung der

Frau- Bei Goethe, der schon als junger Dichter in der Frau die

>Krone der Schöpfung< pries, entsteht Eva nicht aus der

Rippe Adams, sondern sìe erscheint als Meisterstück des

Schöpfers und als >liebster von allen GottesgedankenBehandelt die Frauen mit Nachsicht...


Und ruft er uns, wohlan, es sei!

Nur, das beding ich, allc zwei.

Dichhaltcn dieserArme Schranken, Ì5

Liebster von a1len Gottes-Gedanken.

Man hat vergeblich nach einer rQuelle< zu diesem Gedicht

gesucht. Doch wird sich dafür keine finden - außer in des

Dichters eigenem Herzen und natürlich in der Genesis

(r.Mose r) mit ihrer siebenmal wiederholten Formel: uGott

sah, das es gut war(,1 wodurch Goethe zur Überschrift Es ist

gut inspiriert wurde. Der ganze Schöpfungsprozeß in

r. Mose r wird begleitet von dieser affìrmativen \X/endung,

die sich, nach Schaffung der Tiere, sogar zu einem >siehe, es

war sehr gut( steigert. IJm so mehr fillt es auf daß nach der

Erschaffung des ersten Menschen und seiner Gefihrtin ein

solch positives \X/ort des Beifalls nicht mehr erklingt. Goethe

modifiziert die ÜberlieferLlng von Bibel und Koran, indem er

GEvchens< und des im Paradies

vereinten menschlichen Paares ausbrechen lãßt:

Gut!!! rief er sich zum Meisterlohn.

'V/ir erkennen, daß Goethe als Dichter die Erschaffung der

Frau in weit positiverer'Weise darstellt als die alttestamentarische

Überlieferung: Mann und V/eib sind >Gottes zwei

lieblichste Gedanken< (V. ó); doch der geliebten Frau gilt der

höchste Preis, wenn sie im Schlußvers gerühmt wird als:

rLiebster von ailen Gottes-Gedanken< !

Auf diese S[/eise versuchte Goethe noch einmal den My*

thos von der okrummen Rippe< zu entkräften und alle

nrännliclre Arroganz zurückzuweisen, nach der die Frau

nur als zweitrangiges Geschöpf Gottes gilt. Mit souveräner

Heiterkeit wird auch dieser Akzent den:. West-östlithctt

1 r. Mosc l Vers 4, ro, ru, r8, 2r,25,3r. Dort gilt die Formel der ErschaË

fung des Lichts, cler Erde und des rùUassers, der Vegetation, der H:immels*

körper und damit des Tàgs und dcr Nacht, sowie dem Leben der Geschöpfc

clcs Meercs und cler Ercle.

3ó8


Divan einverleibt. Mit Recht bekannte Goethe sich in Buch

des Paradieses dazu, ein Dichter des >Frauenlobs< zu sein,

und leitete claraus sogar besondere Ansprüche ans Paradies

ab.1

Goethes Reaktion auf Mohammeds Ausspruch von der

>krummen Rippe< ist ein klassischer Fall für das, was der

Dichter unter seinem eigenen Sich-produktiv-Verhalten versteht:

er entdeckt, daß ein anderer, der ihm an sich imponiert,

etwas )nicht ganz recht machtbesser< zu machen.2 Immer ist eine Art V/etteifer im Spiel.

Goethe sucht große Gestalten aus der Religions*, Dichtungsund

Philosophiegeschichte wie Mohammed, Hafis u.a. zu

übertreffen und zwar auf ihrem eigensten Gebiet: ihrem

Ethos, ihren Ausdrucksmitteln usw. Viele Gedichte des

West-östlichen Diuans sind aus solchem Impuls entstânden.

Besonders hinsichtlich der Einstellung zvr Frau läßt sich der

V/etteifer mit dem Propheten des Islam fesrsrellen. Dies gilt

vor allem für das Buch des Payadieses.

ZUM,PARADIES DER MÄNNER( IM

WEST-OSTLICHDN DIVAN

rMir gäb cs kcine größrc Ptin.

Wär ich im Paradies allcin-u'

Vorn Buch des Paradieses hat der Dichter des West-östlichen Diuans

selber bekannt, daß sich hier Scherz und Ernst ineinander

verschlingen,a und so hat man mit Recht das typisch Goe-

1 ln Auserwählte Frasen (>Frauen sollen nichts verlieren. ..


thesche Oxymoron von den rsehr ernsten Scherzen< bzw.

)ernst gemeinten Scherzen< auch mit diesem W/erk in Verbindung

gebracht.l

Betrachtet man die Rolle der Frau im Buch des Paradieses, so

wird man die für Goethe charakteristische Verbindung von

Scherz und Ernst besonders deutlich gewahr, seine Tendenz

zur heiteren Vermummung, auch wo es um ernste Fragen

geht, sogar um Metaphysisches. Statt zu moralisieren und

direkte Lehren zu erteilen, trat Goethe lieber als >verkappter

Bußpredigereinfachsten Mittel(4 bedient, sieht Goethe

seine Aufgabe darin, mit seinen Dichtungen >erst durch einen

lJmschweif und gleichsam nur zu{älligFlurisMahomet


chen haben.l Entsprechend stellt es denn auch das Gedicht

Berechtigte Männer dar, dessen auf die Huris bezüglichen

Schlußstrophen (V. 4r ff ) lauten:

Eine führt dich zu der andern Schmause,

Dcn sich jcdc äußcrst auscrsinnr;

Viele Frauen hast und Ruh im FIause,

'Wert daß man darob das Paradies gewinnt.

Und so schicke dich in diesen Frieden

Denn du kannst ihn weiter nicht vertauschen;

Solche Mädchen werden nicht ermüden,

Solche \[/eine werden nicht berauschen.

*

Und so war das'Wenige zu meiden

Wie der sel'ge Muselman sich brüstet

Paradies der Männer Glaubenshelden

Ist hicmit vollkolnmen ausgerüstet.

Goethe stellte nun fest: obwohl himmlische Frauen (Huris) in

diesern >Paradies der Männer< als Freudenspenderinnen geschätzt

werden und unentbehrlich sind, ist doch im allgemeinen

für irdische Frauen kein Platz im Paradies vorgesehen.

Die offensichtiiche Benachteiligung der Frau auf seelischem

und eschatologischem Gebiet erschien Goethe als so

charakteristische Eigenheir am Islam, daß er sich moriviert

fühlte, in drastischer'[/eise auf sie aufmerksam zu machen_

Drei Gedichte itn Buth des Paradieses handeln von der Frage,

welcherlei Erdenbewohner Anspruch auß Paradies haben.

Das erste Gedicht ist Berechtigte Männer, dessen letzte Strophen

wir oben zitierten. l\us Berechtigte Männer geht hervor,

daß sehr viele Männer,{.ufnahme ins Paradies erlangen, nämlich

alle, die im Glaubenskampf ihren Tod finden. lhre Zahl

ist unbegrenzt, entsprechend der nicht endenden Folge isla-

1 Daß die Vorstellung der immer jungfräulichen Huris Goethes Spott hervorrief;

erkennt man noch an persiflierenden Versen, die weiter unten S- 3 79

Fußnote ¡ zitiert werden.

37r


mischer Religionskriege. Das zweite Gedicht, unmittelbar

allf Berechtigte Mdnner folgend, ist Auserwählte Frauen. H:ier

wird nun bezüglich der Frauen verkündet, daß sie zwar

grundsätzlich aufs Paradies hoffen können, daß aber insgesamt

nllr rvier< bekannt sind, die des Eintritts würdig befunden

wurden:

Fraucn solien nichts verlieren

Reiner Tieue ziernt zu hoffen;

Doch wir wissen nur von vicren,

Die alldort schon eingetroflen.

Im dritten Gedicht - Begünstigle Tíere - wird von >vier< Tieren

berichtet, die gleichfalls wegen ihrer Verdienste ins Paradies

gelangten. lJnverkennbar lag eine beträchtliche Hãrte

gegen die Frauen darin, daß sie bezüglich ihrerJenseitserwartungen

mit den Tieren gleichgestellt wurden. Das trat in der

Erstâusgabe des Divans besonders spürbar hervor, wo Begünstigte

Tiere unmittelbar ¿uf Auserwählte Frauen foigte.

Sogar noch in unsern Zeiten verdächtigt man Goethe eines

Ausfalls gegen die Frauen in diesen Gedichten. Süffisant

äußert ein Kommentator im Jahre r9ó5 die Vermutung, es

wãre >eine humoristisch-ungalante Bosheit Goethes gewesen,

ebensoviele Tiere wie Frauen in sein Diuan-Paradies zugelassen

zu habenu.l Es läßt sich jedoch beweisen, daß man

Goethe unmöglich gerade an dieser Stelle Frauenfeindlichkeit

nachsagen kann. Zunächst ist daran zu erinnern: wenn

Goethe so viele Männeq aber nur ganz wenige Frauen als

Paradiesbewohner darstellt, so will er damit nicht >sein< Paradies,

sondern das der Muslime kennzeichnen.

'ü/ie frauenfreundlich Goethe über die Jenseitserwartungen

der Frau dachte, hat er- und kein andrer wie er- in vielen

Dichtungen bewiesen. Es war eine Besonderheit Goethes,

seinen weiblichen Gestalten solche Züge von ldealität, ja

Heiligkeit zu geben, daß sie sich damit fraglos schon im Er-

1 Gocthe, West-östlicher Divan. Kritische Ausgabe der Gedichte mit textgeschichtlichem

Kommentar von Hans Albert Maier. Tùbingen i9ó5. Kommentar

S. 427.


denleben als würdig erwiesen, künftige Himmels- oder para*

dies-Bewohnerinnen zu sein. Es sei nur erinnert an lphigenie,

Leonore von Este, Natalie, die >schöne Seele< der Lehrjahre,

Eugenie, Ottilie, die alle beinahe Heilige sind. Makarie - in

den Wanderjahren - wird schon zu Lebzeiten eine >Heilige<

genannt; nach dem Tode steht ihr, der >Göttlichensie ist gerettet(. Für die Szene ihrer HimmelsauÊ

fahrt am Schluß des rr. Teils der Faust:kagödie trug er die

Pläne schon im Kopf,,1 In ähnlicher'V/eise ugeretret( erscheinen

auch früher schon das vergöttlichte Clârchen im Egmont,

die verklärte Mignon in den Lehrjahren, die Heldinnen der

Balladen Die Braut uon Korinth und Der Gott und die Ba.jadere

oder die uFrau des Brameno in der Paria-Legende.

Es steht somit außer Frage, daß die Auswahl von nur vier

Frauen für das Buch des Paradieses keineswegs mit Goethes

Bewertung des weiblichen Geschlechts übereinstimmt. V/as

er mit der Vierzahl und ihrer frauenfeindlichen Rigorosität

beabsichtigt, ließe sich gewiß schon erklären aus dem Bedürfnis

des Dichters, die Gesinnung des Islam möglichst

1 Das Goethesche Paradies am Schluß von F(iust rr ist im übrigen nicht nur

bevölkert von Engeln, Heiligen, unschuldigen Kindern usw, sondern auch

von rgroßen SünderinnenNähe nicht verwei_

gert< (V. rzo6r f.). Als uChor der Büßerinnen< scharen sie sich um die Mut_

ter Gottes, wâhrend Goethe aus der Maske des Doctor Marianus ein p1ädover

für ¡>{Jna Poenitentium sonst cretthen genannt( hält, das an Maria a1s höchstc'

Irrstanz gerichtet ist (V rzozo-rzo3o): >Dir, der lJnberúhrbaren,/ Ist es

nicht benonmen/ Daß die leicht verführbaren/ Tiaulich zu dir kommen./ In

die Schwachheit hingerafft/ Sind sie schwer zu retten;/ Wer zerreißt aus eig_

ner Kraft/ Der Gelüste Keten?/ Wie entgleitet schnell der Fuß/ SchiefeÀ,

glattem Boden?/ llen betört nicht Blick und Gruß,/ Schmeichelhafter

Odem?< - Die Verse werden hier so ausführlich angeführt, weil sie gleich_

sam Goethes Gegenentwurf zum islamischen Männer-paradies sind, wie es

dxr Koran und die Sønøa festlegen. ,{uch hier befand sich Goethe noch im

'Wcttstrcit mit Mohammeri

J/-\


konkret zur Anschauung zu bringen. Bei seinem Studium der

islamischen Paradiesvorstellungen war Goethe allenthalben

auf die Vierzahl >auserwählter Frauen< gestoßen. So begegnete

ihm bei Lektüre des Ko rans rn Stu e 6ó der Hinweis, daß die

Frau des Pharao und dieJungfrau Maria sich durch ihre Verdienste

einen Platz im Paradies erworben hätten:

GOtt stellt denen, so da gläuben, des Pharaos V/eib gleichfalls

zum Exempel vor; A1s sie sagte, HErr, baue mir ein Haus bey dir

im Paradieß, und erlöse mich von Pharao und seinen Wercken,

und befreye mich vom ungerechten Volck. Ingleichen steilt er

ihnen vor Maria, die Tochter des Imran, die ihre Keuschheit bewahrte

und in deren Leib wir unsern Geist einhauchten und die an

die V/orte ihres HErrn und seiner Schrifft glaubte, und eine andächtigte

und gehorsame Jungfrau war. i

In einer Fußnote weisen die Übersetzer auf muslimische

Koran-Kontmentare hin, denen zufolge nicht mehr als vier

Frauen zu solcher Vollkommenheit gelangt seien:

Bey Gelegenheit der rùhmlichen Eruvehnung, die von diesen

zwey ausserordentlichen \[/eibern allhier gethan wird, führen die

Commentatores die Worte ihres Propheten tn, daß unter den

Männern viele vollkommen gewesen, von dem weiblichen Geschlecht

aber nicht mehr als viere zur Vollkommenheit gelanget

wären; Nemlich Asia, das [/eib Pharaonis, María, díe Tochter des

Imrâm; Khadidjah, die Tochter des Khowailed (des Propheten

erste Ehefrau) vnd Fâtema, des Mohammeds Tochter.

Die Uberlieferung, nach welcher der Prophet nur vier Frauen

Vollkommenheit zugesprochen habe, gelangte auch über

den, von Reiske und andern Europäern übersetzten, arabischen

Geschichtsschreiber Abul Feda in zahlreiche europäische

Darstellungen.2 Olfert Dapper z.B. berief sich auf rdes

Abulfeda Bericht, als er den Ausspruch des Propheten zitierte:

1 Hier zitiert nach der von Goethe in seinerJugend und später wieder in der

Diuan-Epochebenutzten Ausgâbe'. Der Koran. od. insgemein sogenannte Akoran.

des Mohammerls. . . in d. Engl. übers. von Georse Sale ... ins Teutsche verdollmetscht

von Theodor Arnold. Lemgo 1746. S. 6z9.

2 Al:ílJbdae Annales Moslemici. Latinos ex ,Arabicis fecit 1o. lacobus Reiske.

T.l. Lipsiae 1778. Dort heißt es nit Bezug auf die vier Frauen S. 9: Exrrâ

omnem controversiam est Chadigjam omnium hominum primam fidei Mos-

374


(Jnter den Mannspersonen sind ihrer viel berühmt gewesen, unter

den l/eibspersonen sind keiue vollkommen befunden worden,

als folgende vier: nehmlich, As¡ah, des Faraos V/eib; Miria,

des Âmrans Tochter; Chadigha, des Chowaileds, und Fatima,

des Mahomets Tochter.l

Die europäischen Leser von Reisebeschreibungen des

Orients scheinen sich für die Frage, ob die muslimischen

Frauen vom Paradies ausgeschlossen seien, besonclers interessiert

zu haben, denn das Thema wird oft erörtert- Es gab

darüber verschiedene Ansichten. Chardin versuchte auf seinen

Reisen Genaueres in Erfahrung zu bringen und bêrichtete

dann: nach ,\nsicht der Muslimen, die er gesprochen habe,

träfe die Behauptung, daß Frauen vom Paradiese âusgeschiossen

seien, nur insofern zu, als die Frauen nicht am selben

Orte mit den Männern zusammen sein sollten, weil es

dort himmlische Frauen gäbe, weit schöner, als die Frauen

von dieser'Welt nach der Auferstehung sein würden. Indessen

sollten die Frauen dereinstens ebenfalls glückselig werden

und an einem für sie bestimmten Ort Freuden und Vergnügen

aller ,å,rt genießen.2 Davon abweichende Informationen

finden sich bei Oelsner, der mit spürbarer Ironie folgendes

über das Thema vcrlauten ließ:

In diesem gaîzen Gemälde des Paradieses ist von dern Glücke

der liebenswürdigsten Hälfte des Menschengeschlechts gar nicht

lemicae professionem edidisse; qr:am quanti fecerit propheta, constare potest

ex illa traditione quae in as Sahih (seu corpore traditionun genuiarurn al

Bocharii) exstat, et perhibet prophetâm dixisse: uirorum qttidem attigisse multos

supyemum saflctimoniae gradum: atJoeminas perJeae sanctas nonfuisse, nisi quatuor.

Asijah, uxorem Faraonis. Mirjam, filiam Amrani. Chadigjah, filiam Chowailedi,

at Fathemah, filiam Muhammedis.

1 Dappea Asia t, 472.

2 Chardin, Voyage en Perse et autres lieux de I'Orient r{msterdam r735.T.4,

zó: On dit communément que les Mahometâns excluent les Fclnmcs du pa_

radis. II est vrais qu'iìs les en excluent, mais c'est seulemelÌt en ce sens, qu'el_

les ne doivent pas être en même lieux avec les Homnes, pour qui ii y a des

Femmes célestes, plus belles que les Femmes clc ce Monde ne seront dans la

Résurrection; et qu'à l'égard des Ferrrmes ressuscitées, qui seront rendues

Bienheureuses, elles passeront, disent-ils, dans un Lieu de l)élices, ct yjoui_

ront cornmcs les Bienheureux en ieur Lieu, de toutes sortes


die Rede. Man macht Mohamed, der sonst so empfindlich für

die Reitze des schönen Geschlechts war, den Vorwurf er habe

durch sein Beispiel die grausame Undankbarkeit der Männer bewiesen.

Aber diese Beschuldigung ist falsch. Der Koran verheißt

ìhnen Shawls und Gewänder von Mousselin, im Paradiese gewoben,

und vor ihrem Eintritte in den V/ohnsitz der Seeligen

belebt der Hauch eines neuen Frühlings ihre Reitze; sie werden

alle verjüngt und verschönert; aber ach! sie finden dort ihre Männer

wieder!1

Aus den meisten Berichten mußte sich für Goethe der Eindruck

ergeben, daß im Islam nur sehr wenige Frauen zur

Ehre des Paradieses wären, ')auserwählt(

im Gegensatz zu

zahllosen >berechtigten Männernauserwãhlten

Frauen< festzuhalten und dadurch die unerbittliche Härte zu

verdeutlichen, die in der Benachteiligung der Frau lag, wenn

der Muslim ans Paradies denkt.

Natürlich war Goethe sich klar darüber, daß der Koran

gelegentlich ganz ger'erell verheißt, >die wahren Gläubigen

beider GeschlechterWeiber der Muselmänner


Das Buch des Paradieses enthäit sowohl die Sonderbarkeiten des

mahometanischen Paradieses als auch die höheren Zige glàubigen

Frommsinns, welche sich auf diese zugesagte künftige heitere

Glückseligkeit beziehen. . .1

Bei seinen Islam-Studien war Goethe wiederholt auf die

schon erwähnten, wegen ihrer religionsgeschichtlichen Verdienste

als .A,uslese des weiblichen Geschlechts geltenden,

vier gepriesenen Frauen getroffen. Im Anschluß an die Lektüre

der Mohammed-Biographie von Rehbinder2 machte der

Dichter sich dann im Marz r 8 r 5 folgende Notizen:3

Die vier schoensten V/eib[er]

Ahia Königin v[on] Egypt[en]

Maria

Cadisga Ccmahlin I ^,

,

Fatima Tochter I Mâhoms

Diese ,tufzeichnung ging der ersten Fassun g von Auserwcihlte

Fyauen voraus;4 damals war noch der Titel Vier Fyauen intentioniert.

Goethe folgte der bei Rehbinder genannten Reihe,

machte aber eine bezeichnende ,{usnahme. Statt der ersten

Gemahlin Mohammeds, Cadisga, wählte er die zweite:

,{ischa. Über ,tïscha hatte er soeben in der Sunna gelesen,

daß der Islam sie der' seltenen Mustern der >Vollkommen-

^]

heit< zählte (Sunna 4o5), anderseits hatte er durch seine Lektùre

erfahren, daß sie keineswegs frei war von menschlichen

Schwächen. Aïscha intrigierte nämlich manchmal gegen den

Propheten im Kreise seiner Frauen (Sunna 544). >Freilich

auch ein Schalk wie viele< - so schränkt Goethes Aïscha-

L West-östlicher Díuan oder Versammlung deutschey Cedichte in stetem Bezug auf

tlen Orient. In: Morgenblattfir gebildete Sfände. Nr. 48. Sonnabend, 24. Febr.

r 8 ró (WA r 4 r'. 89).

2Johann v. Rehbinder, Abul Casem Mohawmed. Ein Beitrag zur politischen

Mensthengexhitåre. Kopenhagen 1799. S. 35 (aus der \[/eimarer Bibliothek

entliehen vom 23. Febr. - r9. Mai r8r5). Auch Rehbinder bezieht sich auf

den oben erwähnten '\raber

Äbul Feda als Quelle.

3 .4A. ¡, r77: Paralipomenon r78.

4 ,rFerner sind allhierzu finden / Vier, die ailerschönsten Frauen


Strophe denn auch entsprechend den ihr geltenden Lobpreis

ein.i Mit Schmunzeln vermerkte der Frauenfreund Goethe,

daß gelegentlich auch der Islam einer Frau >Vollkommenheit<

zugesteht, der man Schwächen nachsehen mußte. Da

sie eine Lieblingsfrau des Propheten wâr, erfuhr sie weitherzigere

Beurteilung als die übrigen Frauen. Derartiges entsprach

Goethes verständnisvoller Einstellung gegenüber

vielen angefochtenen Frauen, die er wegen ihrer sonstigen

Vorzüge als Dichter vor Gott und der moralischen V/eltorclnung

verteidigte.

Gewöhnlich wurden bei Aufzählung der >Vollkommenen<

ihre vier Namen genannt ohne besonderen Hinweis,

daß sie zum Paradies erkoren seien. Dies verstand sich von

selbst. Doch fand Goethe für den Paradiesgedanken, den er

seinen Auserwählten Frauen zugrunde legte, immer wieder

Bestätigungen, wenn einzelne von den vieren gesondert erwähnt

wurden. Daß Ahia, die Frau Pharaos, und die Jungfrau

Maria zum Paradies bestimmt seien, wird auch in der

Flammerschen Übersetzungsprobe aus dem Koran erwàL-nt,

die Goethe damals las.2 In der Vorrede zu seiner Hafis-über-

L In Sunna 544 (Fundgruben des Orients. Bd. r. Wien r8o9. S. 298 u. 285)

erzählt Aïscha, der Prophet habe eine seiner Frauen bevorzugt, weil sie ihm

viel Honig gab, dcn er besonders liebte. ,\ischa, dadurch eifersüchtig geworden,

habe nun alle anderen Mitfrauen aufgewiegelt, den propheten zu

kritisieren, weil er rnach Honig riecheFaustt.In: Coethe-

Jahrbuch N.F. Bd. r4lr5. Weimar tg5z/rg53.5. r7t-zoz.

2 Sure óó Vers ¡off. In: Probe einer Übersetzung des Korans vonJ. v Hammer

(Fundgnrbett des Orients. Bd. 4, Wien r8r4. S. 86): r[Vcrs] ro. Der Herr har

gegeben als ein Gleichniß von den Ungläubigen Noahs V/eib, und das Wcib

Loths. Beyde waren die Frauen zweyer unserer Diener, die sie betrogen. Das

nützte ihnen Nichts bey Gott. Ër sprach: Gehet ein in ciie ewigc Höllenpein.

378


setzllng erwähnte Hammer gleichfalls, daß Maria zusammen

mit Jesus >im Paradies wandeleBewohnerin des

Paradieses Jenseits der Sterne im Paradiese ruhen auf

weichen Polstern die Hurß, die Charitinnen des Himmels, schwarzen Augs

und unverwüstbarer Jungfräulichkeit . . . Dort . . . wandeln Adam der Vater

der Menschen, Jøs4l das Urbild aller Schönheit , Moses, und der HerrJesøs,

Møria, dieF.eine, und der Prophet der Propheten, Mohammed der Hochgebenedeite.

< Die Vorstellung reizte Goethe zu sarkastischem Spott, der sich am

z7..Juli rBr4 in clen foìgendcn Versen niederschh,rg, die natürlich niemals zur

Veröffentlichung gedacht waren: {esus auch er darfda lehren / Paradiesischen

Gemeinen; / Wer will seinenJüngern wehren / Daß sie sagen wie sie's

neynen. // Himmlisch weibliche Naturen ,/ [/andeln da im luftgen Hayne, /

Abends immer sind sie Huren, / Jungfraun mit des Morgens Scheine. i /

Auch zugleich die Mutter Gottes / Die gar einen Sohn gebohren, / lJnd zum

Tiuz Satanschen Spottes / Nicht am x f y verloren.< (WA r 53, 36; 465

A,{ 3, 45: Paralipomenon 54a).

2 Seit rz. Dez. r8r4 beschäftigte ihn der obeir S. 283 Fußnote r genannte

Ba¡rd.

379


3ór- Ich schaute .. . in die Hölle, und sah, die rneisten Bewohner

clerselbcn seyen V/eiber . ..

514. fGott spricht:] >Ich habe clen Männern kcine gröf3ere Plage

hinterlassen als ihre Weiber.<

5t3. Alles Böse in einer Familie kommt vom Hause, vom

Weibe, vom Pferde ...

527. Ich stand . . - am Thore der Hölle, und sah, die meisten

Bewohner derselben seyen [/eiber.

528- Ich sah das Feuer und die Hölle und die meisren Bewohner

derseiben waren Weibe¡ . . . etc. etc.

Als Quintessenz läßt sich in der Tät aus solchen Verlautbarungen

herauslesen: V/eiber gehören eigentlich nicht ins Paradies,

sondern in die Hölle. Die Worte des Propheten sind

besonders wirkungsvoll, weil er als Augenzeuge auftritt, der

Himmel und Hölle gesehen hatte. Â.uch damit setzte Goethe

sich auseinander, als er sein Gedicht über die vier fürs Paradies

auserwählten Frauen schuf. Sucht man nach Beweisen

dafur, daß Goethe nicht ¡rseinvollkommene<

Frauen bekundet. Sunna 5o4: >Viele der Männer sind vollkommen,

doch von den V/eibern ist keine vollkommen als

[es folgen Namen und Lob von Âhia, Maria und Aïscha].<

V/ohlgemerkt wurden hier nur drei Frauen genannt! über

diesen wichtigen Text sich hinwegsetzend, erhöhte Goethe

die Anzahl der vollkommenen Frauen von drei auf vier. Er

sah sich dazu berechtigt, weil seine Studien ihn die Vorstellung

von vier vollkommenen Frauen als den üblichen Kanon

hatten erkennen lassen. Eine Hauptbestärigung für die Gültigkeit

des Vier-Frauen-Kanons fand sich schon in der oben

zitierten Koran-Üi:ersetzung von George Sale, die bereits der

380


junge Goethe kannte,r wo behauptet wurde, dem Propheteri

zufolge seien )von dem weiblichen Geschlecht nicht mehr als

viere zur Vollkommenheit gelangt< (Ahia, Maria, Cadisga,

Fatima).

Lassen wir die geringfügigen Abweichungen in d,er Zahlenangabe

beiseite. Das eigentlich Interessante irn Text von

Sunna 5o41iegt darin, wie hier über die Eigenschaft der Vollkommenheit

bei beiden Geschlechtern gesprochen wird. Wir

begegnen einer erstaunlichen Rechnung, bei der die Benachteiligung

der Frau naiv und rigoros nrtage tritt: viele Männer

sind vollkommen, von Frauen konnten aber nicht mehr als

vier >zur Vollkommenheit gelangen


des Paradieses auf ironische 'V/eise behandelt.r Des Diuøn-

Dichters eigene Anschauung erheilt daraus, wie er durch alle

möglichen Kunstgriffe versucht, die Rigorosität zu mildern,

Vorbehalte einzubauen und seinen Widerspruch anzumelden.

Betrachten wir zunächst das Gedicht selbst:

Auserwählte Frauen.

Frauen soilen nichts verlieren,

Reiner Treue ziemt zu hoffen;

Doch wir wissen nur von vieren

Die alldort schon eingetroffen!

Erst Suleika, Erdensonne,

Gegen Jussuph ganz Begierde,

Nun, des Paradieses Wonne,

Glänzt sie der Entsagung Zierðe.

Dann die Allgebenedeitc.

Die den Heiden Heil geboren

Und, getäuscht, in bittrem Leide,

Sah den Sohn am Kreuz verloren.

Mahoms Gattin auchl sie baute

'lVohlfahrt ihm und Herrlichkeiten,

Und empfahi bei Lebenszeiter ,5

Einen Gott und eine Traute-

Kommt Fatima dann, die Holde,

Tochter, Gattin sonder Fehle,

Englisch allerreinste Seele

In dem Leib von Honiggolde.

zo

Diese finden wir alldorten;

(Jnd wer Frauen-Lob gepriesen

1 Fùr die Männer genügt, dalì sie >Glaubenshelden< waren, wie Goethe in

Berethtigte Männer zeigt. Im Namen des Orts Bedr, der im lJntertitel des

Gedíchts erscheint, liegt vielleicht eine Anspielung auf die Gleichsetzung

von Glaubensheld und Vollkommenheit. In den Fundgruben rles Orients.

Bd. a. S. 167 fand Goethe, daß Bedr >metaphysisch< bedeuten könne: rune

beautó parfaite


Der verdient an ewigen Orten

Lustzuwandeln wohl mit diesen,

Schon in der ersten Strophe fillt die Reserve auf, mit der

Goethe die ominöse Vierzahl auß Täpet bringt. Er beteuert

zunächst, daß die Frauen insgesamt >nichts verlieren sollen<

- gegenüber den vielen >berechtigten Männern< -, daß bei

rrreiner Treue< allen >zu hoffen ziemt(. Doch dies stimmt

merkwürdig wenig zusammen mit dem Folgenden. Man

wundert sich, daß trotz der proklamierten generellen Hoffnung

für die Frauen nur uier wirklich >auserwählt< sind. In

dem Satz uDoch wir wissen nur von vieren,/ Die alldort

schon eingetroffen< deutet der Dichter auf seine eigene Verwunderung

hin und wirft indirekt die Frage auf: warum nur

so wenige? Der'[/iderspruch, auf den Goethes Formulierung

hinweist, spiegelt nun aber frappierend genau die V/idersprüchlichkeit,

mit der er in seinen Quellen die Frauenfrage

behandelt fand. Einerseits konzediert der Koran dem >weiblichen

Geschlecht< ùberhaupt vage die Hoffnung auß paradies.

Anderseits wird in der islamischen überlieferung nur

drei oder vier Frauen >Vollkommenheit


uhmvolle Erwähnung inl' Koran veranlaßte viele islamische

Dichter, jene Liebesgeschichte kunstvoll poetisch zu erweitern

und aufs schönste auszuschmücken. Zahlreiche Versio*

nen sind überliefert; die am meisten gepriesene von Dschami

kannte Goethe aus den Fundgruben des Orients.l Jene berühmte

Liebesgeschichte aus islamischer Tiadition, in der Jussuphs

und Suleikas Liebe als leidenschaftlich brennend, aber keusch

geGiert wird, veranlaßte Goethe, die Geliebte im West-östlichen

Diuan unter dem Namen Suleiþa zu besingen. Unwillkürlich

bezieht der Leser von Auseywählte Frauen die Suleika-

Strophe auf die Suleika des Diuan. Das aber war gerade

Goethes ,\bsicht. Indem er an die Stelle Ahias bzw. Asias die

gleichfalls aitägyptische Suleika setzte, erreichte er, daß die

Heldin des Buchs Suleika in die Reihe der rAuserwählten<

trat, die das Paradies erlangen., Aus der Perspektive des Westöstlichen

Diuans erscheint das nur als eine besonders sublimierte

Preisung der Geliebten. Ihre eigentliche Bedeurung

erhält aber die Suleika-Strophe erst, beâchter man die in ihr

liegende Opposition gegen den islamischen Vollkommenheits-Kanon.

Goethe deutet an: auch eine Frau, die ihm selber

begegnet war, konnte Vollkommenheits- und Paradiesansprüchen

genügen, sofern sie Vorzüge wie seine Suleika

besaß. Auch Hatems Suleika >glanzt< - wie nach muslimischer

Tradition die Frau des Potiphar - als >der Entsagung

1 Die wichtigsten Partien derJussuph-Überlieferung des Korans iauten in

Hammers Übersetzung (Fundgruben des Oríents. Bd. z. S. 357f.): >Jussuf xn.

Sura: . . .4. Wir wollen dir erzählen die schönste der Geschichten, die offenbaret

wird im Koran . . . 25. Sie sehnte sich nach ihm, er sehnte sich nach ihr,

und hâtt' e¡ nicht geschaut ein offenbares Zeichen seines Flerren; er wäre

unterlegen. So wandten wir [,{.llah] von ihm das Böse und das Laster; er war

von unseren aufrichtigen Dienern. . . 33. Ich begehrte ihn seiner Seele willen.

Er widerstand... 3J. . . . Und das Weib des Großen (Vesirs) sprach: nun

ist die Wahrheit offenbar. Ich begehrte seiner Seele (seiner Person). Er ist

von den [/ahrhaftigen...< - In den Fundgruben traf Goethe in Bd. 3

S.3o8ff., 8d.4. S. r73ff. und Bd. 5 S. 3z7ff. aufJussufund Suleicha, ein

romantisthes persisthes Cedicht von Mevlana Âbdur-rahman Dschami, übersetzt

von Yinzenzv. Rosenzweig. Do¡t wird auch hingewiesen aufein türkisches

EposJosephus et Suleicha.

384


Zierdeo. Der Diyan-Dichter tritt damit der islamischen Eingrenzung

der >Auserwählten Frauen< auf vier entgegen.

Durch das gewäh1te Beispiel, das an Goethes Suleika denken

lassen nruß, gab der Diuan-Dichter noch einen weiteren

Wink. Wenn zwei der im islamischen Vollkommenheits-Kanon

genannten vier Frauen Lieblingsfi:auen des Propheten

und seines Jüngers

waren, so möchte auch er als Poet beanspruchen

dürfen, daß seine Lieblingsfrau dem Paradies zugeeignet

wird. Der 'Wettstreit zwischen Prophet und Poet *

allenthalben bei Goethe zûtage tretend, wenn er sich mit

Mohammed auseinandersetzt - ist auch hier deutlich spürbar.

In der Schlußstrophe von Auserwählte Frauen bekundet

sich dann noch deutlicher Goethes V/iderwille gegen die Limitierung

der Frauen im Paradiese auf vier. Ãhnlich wie in

der Suleika-Strophe weist er darauf hin, daß eigene persönliche

Lebenserfahrung ihn zu ganz anderen Zahlen und 'Wertungen

geführt hatte. Indem Goethe hier selbst auftritt als der

Dichter, der >Frauenlob gepriesen


Diese werden nur bewundert

In dem höchsten Himmelskreise;

Doch sind ähnliche zu Hundert

Freundlich dir im Paradeise.

Durch das hier auftauchende Bild eines rhöchsten Himmels*

kreisesbewundern<

sind, wird die Vorstellung von verschiedenen, hierarchisch

geordneten Himmelskreisen geweckt. Damit ist auch der

Phantasie Spielraum gelassen für die Ansiedlung weiterer Paradiesbewohnerinnen

in weniger hohen uHimmelskreisenhöireren

Paradies< gelegentlich eines Gesprächs mit Sulpiz Boisserée

vom 3. Âugust r815:

. . . bei den Mahomedanern ist Maria die heilige Frau im höheren

Paradies - dort auch vier Ticre.l

Natürlich beziehen die Verse >Doch sind ähnliche zu Hundert/

Freundlich dir im Paradeise< sich auf die Huris; der

Wortlaut verrät aber, daß Goethe in seiner Eigenschaft als

Paradiesreporter sich speziell mit dem Problem des numerus

dausus beschäftigt, dessen Härte er etwas zu mildern trachtet.

Schon während er an den Auserwählten Frauen dichtete, beabsichtigte

Goethe demnach, die frauenfeindliche Rigorosität

nicht einfach hinzunehmen, sondern ihr durch Hindeutungen

auf die Fragwürdigkeit der Vierzahl entgegenzuwirken,

die für ihn zu den >Sonderbarkeiten des mahometanischen

Paradieses< gehörte.2 Als Goethe dann im Herbst r8r8 das

Buch des Paradieses als Ganzes zu veröffentlichen unternahm,

ward er vollends gewahr, wie groß die Benachteiligung der

1 Sulpiz Boisserée, Tagebücher Bd. r (r8o8-r823). Hg. von Hans-J. V/eitz,

Darmstadt 1978. S. zz8. >Auch< bezieht sich u.U. auf die vier Tiere in der

Offenbarung des Johannes, Kap. 4, die im Thronsaal Gottes das rHeilig,

heilig, heìlig< sprechen.

2 Vgl. in der Anzeige des West-östlithen Dívans von r8ró die Wendung (W,A r

4i', 89): rDas Buch des Paradieses enthält sowohl dic Sonderbarkeiten des

mahometanischen Pa¡adieses als auch die höheren Züge gläubigen Frommsinns,

welche sich aufdiese zugesagte künftige heitere Glückseiigkeit beziehen.

u

38ó


Frauen darin erschien. So beschloß er, noch etwas dagegen zu

tun. Im Manuskript, das er am zo. September r8r8 zum

Druck sandte, enthielt das Buch des Paradieses zunächst nur die

folgenden ftinf Gedichte: Berechtigte Männer - Auserw¿ihlte

Frauen - Begünstigte Tiere - Siebenschlä;fer - Abschied.

Das ganze Buch des Paradieses spiegelte damals noch unverkennbar

ein - weitgehend auf orientalischen Quellen beruhendes

- >Paradies der Männer< mit unterschiedlicher seelischer

Bewertung voll Männern und Frauen bei deutlicher

Benachteiligung der Frau. Á.n der Spitze stand das Gedicht

Berechtigte Männer, das ungezählte Scharen von kriegerischen

Männern als Anwärter aufs Paradies erscheinen ließ. Auch

Siebenschtrifer ist ein >Männergedicht zarter., leichtbeschuht-, beputzten Knaben< wirken

geradezu effeminiert; jedenfalls hat Goethe bei seiner

Gestaltung der Legende typisch männliche Geschlechtsmerkmale

jener >Begünstigten des FlofesAuserwähkeo3 serzt er Siebenschläfey :und Auser-

1 ln Koran, Sure xvul Die Höhle-

2 Goethe schloß sich in seiner Darstelllung ð,er Siebenschläfer-Legende verhältnismãBig

eng cler ihm in englischer Übersetzung vorliegenden arabisclren

Quelle an (Fun.daruben des Orients. Bd. 3. Wien i8o9. S. 347ff.), abgeselren

von den im Folgenden bemerkten Vc-rgleichspunktxn zu Auserwählte

Frdten.

3Jamblika wird in SiebensthläJer V 9r >der Äuserwähjte< genamrt. Er ist

(l'. 5of) rder Schöne, Ausgebildete vor allen.n Goethe schildert ¡iie rlieb-

387


wählte Frauen miteinander in Beziehung.l Dem aufmerksamen

Leser wird bei der Lektüre bewußt: solche >Auserwâhlte<

können immer nur einzelne religiöse Charaktere

sein; was sie in bezug auf religiöse Bewährung leisten, wäre

von der Mehrzahl der Menschen gar nicht zu erwarten.2 Aus

dem bloßen Faktum, daß Goethe in zwei Mãnnergedichten

und nur in einem Frauengedicht das Thema der Anwartschaft

aufs Paradies der Muslime behandelt, dürfen jedenfalls

noch nicht negative Schlüsse tnbezug auf seine eigene Haltung

gegenüber den Frauen gezogen werden.3

lir-rge des Schlafesu (V. z7), die rbeseligtu liegen (V. 43) so zart, als sei von

geliebten weiblichen Y/esen die Rede (V 34fl): >Und der Engel, ihr Beschützer,/

Sagt vor Gottes Thron berichtend;/ So zur Rechten, so zur Linkcn/

Hab ich ir.nmer sie gewendct./ Daß dic schöncnjungen Glieder/ Nicht

des Modcrs Qualm verletze./ Spalten riß ich in die Felsen,/ l)aß die Sonne

steigend, sinkend,/Junge Wangen frisch erneute ...<

1 Durch die Tèrrninologie macht Goethe aufmerksam auf den Hauptverglcichspnnkt

mit den Auserwiihlten Frauen; speziel.le charakterliche und religiöse

Bewährung, dic weder an männliches noch weibliches Geschlecht gebundcn

isr.

2In Siebensthlàfer resultiert die Paradieswürdigkeit von Männern auf âhnlichen

Vollkommenhcitseigenschaften, wie sie der Islam von den Fraucn verlangt,

werln sie ins Paradies eingehcn wolìen. Nicht wegen kriegerischer

Verdienste, wie die vielen >berechtigten< Glaubenshelden, werden sie ins

Paradies versetztJ sondern aufgrund ihres Märtyrertums im Leben.

3 In der Ërstfassung vorl Auseruählte Frauen (Mârz r 8 r 5) begegnen wir nicht

zufüllig Reminiszenzen an die Siebensrhläfer (Dezem.bcr r8r4). Sie finden sich

in der Schiiderung von Ahia, der Frauengestalt, die Goethe später durch

Suleika ersetzte. Ahia bzw. ,Asia war wieJamblika eine Märtyrerin; sie wird

an erster Stelle genannt mit der ,\uszeichnung, daß Goethe ihr zwei Strophen

widmet, während die übrigen drei nurje eine Strophe erhalten. Nachdem

Goethe einieitend erklärt, daß im Paradies nur >vier, die allerschönsten

Frauen< zu finden wären, solche, die uan ihrer eigne¡r Schöne selbst ein ewig

Muster haben


Die in der Vierzahl der Frauen im Paradiese liegende Ri_

gorosität kam allerdings im ursprünglichen Manuskript, wie

Goethe es r8r8 zum Druck sandte, noch verstãrkt zum r{usdruck

durch das unmitrelbar folgende Gedicht: Begünstigte

Tiere. Frasen und Tiere erscheinen dadurch auf die gleiche

'$/ertstufe gestellt. Oífenbar wurde es Goethe damals be_

wußt, daß er bei seiner Charakteristik islamischen Denkens

selber ganz unverdient in den Verdacht der Frauenfeindlichkeit

zu geraten drohte. Er verfaßtejedenfalls im allerletzten

Moment - am 23. September r 8 r 8 - noch ein besonders um_

fangreiches Gedicht, Höheres und Höchstes1, das er hinter Begîinstigte

Tiere setzen ließ; es geschah dies gewiß nicht zuletzt,

um die frauenfeindliche Schärfe irn Buch des paradieses noch

etwas auszubalancieren. Das Gedicht beginnt mit Versen, die

wegen der vorausgehenden Gedichte wirklich um Entschulcligung

bitten:

Daß wir solche Dinge lehren

Möge man uns nicht bestrafen ...

Es folgt dann der wichtige Gedanke, daß im paradies Aussicht

besteht, Mädchen und Frauen wie die auf Erden geliebten

wiederzusehen: rSo gefallen ... hübsche Kinder,/ Die

uns allen hier gefielen,l Auch verjüngtem Geist nicht minder.

< Mit dieser Perspektive ist die Begrenzung auf vier Auserwählte

aufgehoben; für den westlichen Dichter war der rraditionelle

islamische numerus clausus nicht verbindlich.

In der zweiten ,\usgabe des West-östlichen Díuans vor, rg27

ging Goethe dann noch einen erheblichen Schrirt weirer-

Hier ließ er Auserwählfe Frauen und Begünstigte Tiere nicht

Schönheitsmuster< zu charakterisieren. Es fitlt auf, daß er anJamblika ähn_

lich superlativisch die Schönheit preist, wobei die V/endung >der Schöne,

Ausgebildete [] vor allen< sogar wie ein ,\nklang an die Ahia_Verse er_

scheint. Das ìvort ¡Gebild< weisr auch bei Ahia auf urbildiich musrcrhafte

Schönheit. Ahias Schönheit, das wird damit angedeuter, ist so groß, daß sie

sogarJussuph undJamblika von ihren Schicksalen abgelenkt hätte.

l Goethe dichtete Hiiheres und Hiichstes ersrâunlich schnell, während der

l)rucklegungsprozeß schon im Gange war. So ist zu vermuten, da8 die dort

bcharrcieiten Motive iirn schon lãngere Zeit über innerlich bewegt hatten.

389


mehr aufeinander folgen; zweifellos mißfiel ihm schon der

bloße Anschein einer frauenfeindlichen Pointe. Er schaltete

statt dessen zwischen Auserwählte Frauen und Begünstigte

Tieye vier umfangreiche neue Gedichte ein - lauter Dialoge

zwischen Ðíchter und Huri: >Fleute steh' ich meine Wache

. . .< (EinlaJJ), uDraußen am Orte. . .Wieder einen

'rDeine

Finger schlägst du mir ein!< Diese Liebesdialoge knüpfen

ans Buch Suleiþ.a an und rücken von neuem das Thema der

Liebe zur Frau ins Zentrum. Nun enthebt Goethe auch das

Gedicht Berechtigte Männer seiner Spitzenposition am Eingang

des gar'zen Buches und löst es durch ein neu hinzugefügtes

Gedicht ab, dessen -Iitel VorschmacË signalisierend die

Aufmerksamkeit auf die irdische Geliebte lenkt. Durch

diese nachträglich rSzo gedichteten, nun ân den Anfang des

gànzen Buches gesteilten Verse werden die Gewichte im

Buch des Paradieses wesentlich anders gelagert. Von vornherein

erhält jetzt das gesâÍìte Buch einen neuen Tènor dadurch,

daß die geliebte Partnerin aufrückt zur wichtigsten

Bezugsperson im Paradies und als solche eine Hauptfunktion

erhält:

Vors chma rk..

Der echte Moslem spricht vom Paradiese,

Als wenn er sclbst allda gcwesen wârel

Er giaubt dem Koran, wie es der verhieße:

Hicrauf begründet sich die reine Lehre.

Doch dcr Prophet, Verfasserjcnes Buches,

Weiß r-ulsre Mängel droben auszuwittern

Und sieht, daß trotz dem Donner seines Fluches

l)ie Zweifel oft den Glauben uns verbittern-

Dcshalb entscndct cr den ewgen Räumcrr

EinJugendmuster, âlles zu verjüngen;

Sie schwebt heran und fesselt ohne Säumen

(Jm meinen Hals die allerliebsten Schlingere.

-390


Auf meinem Schoß, an meinem Herzen halt ich

Das Himmelswesen, mag nichts weiter wissen;

Und glaube nun ans Paradies gewaltig,

f)enn ewig möcht ich sie so treulich ktissen.

r J

Schon darin, daß hier der Prophet als >Verfasser.ienes Buches<

apostrophiert wird, liegt eine )KetzereiVerfasserVerfasserjenes Buches< quasi aufdie gleiche Stufe stellt.

Hatte Mohammed den Gläubigen das Paradies in Analogie

zur verklärten Erde ausgemalt, so schildert nun Goethe

das Herabkommen eines >Himmelswesens( ins irdische

Dasein. Die Motivation ergibt sich für den Diuan-Dichter

aus den >Zweifeln< an der >Lehre< des Propheten. Nur so ein

>Himmelswesenn, das aus >den ewgen Rãumen< herabkommt,

kann die Zweifel beschwichtigen und den >Glauben<

ans Paradies befestigen; hält erst der Muslim ein solches

>þgendmuster< auf seinem Schoß und an seinem Flerzen, so

glaubt er auch gleich >ans Paradies gewaltigewig<

möchte er sie Dso treulich küssenVorschmack


sprünglichen fünf Paradiesgedichte mit den fünf nachträglichen,

auf der Karlsbader Reise im Frühjahr r8zo entstandenen

Gedichte bildet - Vorschmack, EínlaJ|, Anklang, rDeine

Liebe, dein Kuß mich entzücktl< und uV/ieder einen Finger

schlägst du mir einScherz und Ernstkünftigen Divan< schon in den lloten und Abhandlungen

voln r8r9 geträumt hatte. Daß er derartiges bereits noch

frrlher im Sinn hatte, zeigt die Ankündigung des West-östlithen

Diuans von r 8 ró, wo er vom Buch des Payadíeses voraussagte,

es werde neben den Siebenschläfern andere >Legenden<

enthalten, >die im gleichen Sinn den fröhlichen umtausch

irdischer Glückseligkeit mit der himmlischen darstellenden fröhlichen [Jmtausch irdischer Glückseligkeit mit der

himmlischenLiebes- und Halbwunderlegende< schildert:

Schon im Koran war clie Andeutung gegeben, wie man uralte

lakonische Überlieferungen zu eigenen Zwecken behandeln,

ausführen und in gewisser Weitlãuftigkeit könne ergetzlich machcn.

l

Mit >gewisser.Weitläuftigkeit< führt Goethe in den Paradiesgedichten

besonders ein Motiv >ergötzlich< aus, worauf er in

den Noten und Abhandlungen r;:rit den Worten Bezug nimmt:

rein verklärtes Alltägliche verleiht uns Flügel zum Höheren

und Höchsten zu gelangenverklärten

1 V,\ t 4t', 89.

2 Noten und Abhandlungen, Kap. uÜbersichtu (W,\ r 7 óS).

392


im Paradies lag, von den Kommentatoren

'\lltäglichen<

bisher

unbemerkt, eine lakonische Überlieferun g im Koran zugrunde,

gewissermaßen die Keimzelle zu dem, was bei

Goethe genânnt wird: >der fröhliche LJmtausch irdischer

Glückseligkeit mit der himmlischeno.l Bisher hat man dies

Motiv nur für eine reizvolle Goethesche Zutat angesehen.

Doch in sehr lakonischer Form ist es tatsächlich bereits in der

zweiten Sure enthalten, von der Goethe im Mahomet-Kapitel

der Noten und Abhandlungen behauptet, daß sich in ihr der

ganze Inhalt des Korans finde. Den Gedanken des uverklãrten

Alltäglichen< las Goethe nãmlich aus dem Text von Sure z,

Vers z5 heraus:

Gieb gute Bothschaft denen, die glauben und Guthes thun; denn

ihrer sind Gärten worinnen Ströme rinnen. So oft sie mit himmlischer

Frucht genähret werden; sagen sie; so wurden wir vormals

genährt aufErden. Allein es ist eine Aehnlichkeit. Es harren ihrer

Gemahlinnen rein, und ewig werden sie darinnen seyn-2

Dies Motiv der >Ähnlichkeit< und des >verklärten ,{lltäglichen<

ist ein Schlüssel zs den Goetheschen Erfindungen im

Buch des Paradieses, ganz besonders zu seinen dort geschilderten

))Frauenerlebnissen


Goethe bei seinem Fabulieren durch Hafis ermurigt, der in

Gasele Dal uv V.3 f. ausgerufen hatte:

O komme Geliebte, die vom Paradies

Der Hüter für mích auf die Erde gebracht.

Etwas Freigeisterisches haftetja auch den Paradiesphantasien

des Hafis an, der die irdischen und himmlischen Sphären so

durcheinanderwirbelt, daß man oft nicht mehr weiß, ob von

irdischer oder himmlischer Glückseligkeit die Rede ist. Sein

Übersetzer v. Flâmmer lenkte bereits die Aufmerksamkeir

darauf, daß Hafis >in den Sagen von Eden und dem ewigen

Leben nichts als Bilder der Schönheit des Liebchens und der

Freuden des Lebens< sieht oder gar behauptet: rliebe und

V/ein, Mädchen und Knaben hinieden seyen mehr werrh als

alle Huris und Quellen des Paradieses dort oben.nl

Goethes Erlebnisweise entsprach weitgehend der des Hafis

darin, daß auch er im Irdischen den r\bglanz höherer V/elten

wahrnahm. Diese Erlebnisweise ist es, die ihn bei allen

fünf nachtrãglichen Gedichten zurr- Buch des Paradieses inspirierte,

die rSzo auf Reisen entstanden, während er keine

Qucllenwerke zur Hand hatte. Man hat sich gewundert, wic

diese orientalisierenden Gedichte ohne spezielle,{.nregung

durch orientalische Quellen haben enrstehen können. Doch

für das Gedicht Vorschmack. bedurfte Goethe ebensowenig der

Quellerr wie zu den Dialoggedjchten zwischen Dichrer und

Huri, mit denen der Diuan-Dichter die Hatem-Suleika-Dialoge

aus dem Buch Suleika in den Gefilden der Seligcn fortsetzt.

Was uns hier besonders inreressiert, ist die Opposition.

die Goethe irn Buch des Paradieses dem V/irken des Propheten

entgegensetzt, indem er fabulierend dessen ,{uffassung von

der Rolle der Frau widerlegt. Besonders drastisch geschieht

das in >Deine Liebe, dein Kuß mich entzückt(. Dort berichtet

eine der Huris von der Verlegenheit der Himmelswesen,

die Glaubenshelden nicht so beglücken zu können, wie der

1 Hafis-Hanmer I Vorrede S. xrf.

394


Prophet es vorausgesehen hatte. Die Männer sehnen sich auf

die Erde zu ihren früheren Favoritinnen zurück, trotz all ihrer

Fehler. (,{uf die Dauer mögen ganz vollkommene weibliche

\[/esen wie die trn Koran versprochenen langweilig werden.)

Ganz unverblümt erzâhlt eine der Betroffenen von ihrer Kalamität:

ó",-,rr, .i.hrt.lu, wie die Glãubigen kamen, r j

Von dem Propheten so wohl empfohlen,

Besitz vom Paradiese nahmen,

Da waren wir, wie er befohlen,

So liebenswürdig, so charmant,

V/ie uns die Engel selbst nicht gekannt. 20

Allein der erste, zweite, dritte

Die hatten vorher eine Favorite;

Gegen uns wârens garstige Dinger,

Sie aber hielten uns cloch'geringer;

'[/irwarenreizend, geistig, munter- 25

Die Moslims wollten wieder herunter.

Im Klartext gesprochen: Mohammed hat sich geirrt. Seine

Paradiesvorstellungen erweisen sich als unrealistisch; sie sind

revisionsbedürftig- Um dies.den Lesern zu demonstrieren,

läßt der Diuan-Dichter wãhrend des weireren Huri-Berichts

den Propheten in Person die Paradies-Bühne betreten:

Ñr.r -n. uns himmiisch Hochgebornen

Ein solch Betragen ganz zrwíder,

Wir aufgewiegelten Verschwornen

Besannen uns schon hin und wieder;

Als der Prophet durch alle Himmel fuh¡

Da þaßten wir auf seine Spur;

Rückkehrend hatt' er sich's nicht versehn,

Das Flügelpferd es mußte stehn.

Da hatten wir ihn in der Mitte! -

Freundlich ernst, nach Prophetensitte,

Wurden wir kürzlich von ihm beschieden;

V/ir aber waren sehr unzufriede¡r.

39s


Denn seine Zwecke zu erreichen

Sollten wir eben alles lenken,

So, wic ihr dãchtet, sollten wir denken,

Wir solltcn euren Licbchcn glcichen.

lJnsere Eigenliebe ging verloren,

l)ie Mädchen krauten hinter den Ohren,

Doch, dachtcn wir, im ewigen Leben

Muß man sich eben in alles ergeben.

4j

Sollen die >Glaubenshelden< zufriedengestellt werden, so

müssen die Huris den irdischen Frauen >gleichenEngeln< werden; Goethe hingegen

verlangt - nun in der Maske des Propheten Mohammed

selber -, daß die Huris sich die irdischen Frauen zum

Modell nehrnen, ob sie wollen oder nicht:

Nun sieht ein jeder, was er sah,

Und ihm geschieht was ihm geschah.

Wir sind die Blonden, wir sind die Braunen,

Wir haben Grillen und haben Launen,

Ja, wohl auch manchmal eine Flause,

Ein-leder denkt, er sei zu Hause,

Und wir darüber sind frisch und froh

Daß sie meineir, es wäre so. . -

In scherzhafter Vermummung übt Goethe als Realist und

Frauenfreund Kritik an allzu theoretischen Paradiesvorstellungen

des Islam mit seinen engelhaften Paradiesjungfrauen.

Zugleich wertet er die irdischen Frauen gründlich auf, offenbar

in der Überzeugung, daß sie recht gut zu ihren Mãnnern

passen, wie Gott sie nun mal geschaffen hat. Das istjedenfalls

die Quintessenz der Erkenntnis, zu der er den Propheten

nachträglich kommen läßt, als sich herausgestellt hat, daß die

Gläubigen sich aus Himmelswesen nicht so viel machen wie

aus den früheren Favoritinnen.

Humorvoll bindet sich Goethe zur Revision der islami-

396


schen Paradiesvorstellungen selber die Prophetenmaske vors

Gesicht. Die Weisung an die Himmelswesen, sich die irdischen

Frauen zum Modell zu nehmen, istjedenfalls die denkbar

beste, wenn auch indirekte Gerichtsrede für die irdischen

Frauen. und was spräche mehr für diese Frauen als das Resultat,

daß den Männern erst richtig wohl im Paradiese wird,

wenn >ein jeder denkt, er sei zu Hause


Dírhter.

Du blendest mich mit Himmeisklarheit,

Es sei nun Täuschung oder Wahrheit,

Genug, ich bewundre dich vor allen " . .

'V/as den Dichter besonders an seiner Huri entzückt, ist eine

Fâhigkeit, die ihn wiederum an Suleika erinnern muß: um

ihm zu gefallen, spricht sie in seiner eigenen Sprache, ja befleißigt

sich seiner eigenen Dichtart:

Dichter.

Genug ich bewundre dich vor allen.

Um ihre Pflicht nicht zu versäumen,

Um einem Deutschen zu gefallen,

Spricht eine Huri in Knittelreimen.

ój

Schon in Höheres und Höchstes war das Motiv angelegt, daß

für den Dichter zur.Vorstellung eines Paradieszustandes die

eigene Sprache gehört. Er möchte, wie es dort in V.r9f.

hieß: >Gar zu gern in deutscher Sprache/ Paradieses-'V/orte

stammeln.( lnV. zt-24 malte er aus, in welchen >Dialekten

. . . sich Mensch und Engel kosen,/ Der Grammatik, der versteckten,/

Deklinierend Mohn und Rosen.< Das war im

Herbst r8r8 gewesen. Im Frühjahr rSzo ließ Goethe dann in

r>Deine Liebe, dein Kuß mich entzückt!< die Huri in >Knittelreimen(

sprechen. Ihre Entgegnung auf des Dichters Verwunderung

und Dankbarkeitsbekundung benutzt Goethe,

um nochmals mit einer kühnen, überraschenden \Vendung

die Abwertung irdischer Frauen kavaliersmäßig abzufangen,

die sich aus einer Ideenassoziation von vier >auserwählten

Frauen< und vier >berechtigten Tieren


Ein derbes '!íort kann Huri nicht verdrießen;

!Øir fühlen wâs vom Herzen spricht,

[Jnd was aus frischer Quelle bricht,

Das darf im Paradiese fließen.

Die Tiostworte der Huri, der Dichter brauche sich seiner

>derben< deutschen Reimart nicht zu schämen, da ja sogar

Tiere ins Paradies aufgenommen würden, weisen deutlich

auf das Gedicht Begünstigte Tierehin. Durch rãumliche Tiennung

hatte Goethe das ViedTiere-Gedicht inzwischen schon

ziemlich weit von dem Vier-Frauen-Gedicht weggerückt.

Hier tat er noch ein übriges, um die frauenverächterische

H,arte ^)

mildern: durch den Vergleich des Dichters - d.h.

seiner selbst - mit jenen Tieren, trat er bewußt der hämischeinseitigen

Vermutung entgegen, er habe Frauen und Tiere

auf gleicher Rangstufe erscheinen lassen wollen. Durch V.7r

von uDeine Liebe, dein Kuß mich entzückt!


Huyi.

'V/ieder einen Finger schlägst du mir ein!

Weißt du denn, wieviel Äonen

Wir vcrtraut schon zusammen wohnen?

Dichter.

Nein! - \Uills auch nicht wissen. Nein!

Mannigfaltiger, frischerGenuß

Ewig bräutlich kcuscher Kuß!

Wenn jeder Augenblick mich durchschauert,

'ü/as soll ich fragen, wie lang es gedauertl

j

Hurí.

Abwesend bist denn doch auch einmal,

Ich merk es wohl, ohne Maß und Zahl.

Hast in dem Weltall nicht verzagt,

An Gottes Tiefen dich gewagt;

Nun sei der Liebsten auch gewärtig!

Hast du nicht schon das Liedchen fertig?

Wie klang es draußen an dem Tor?

Wie klingt's? - Ich will nicht stärker in dich dringen

Sing' mir die Lieder an Suleika vor:

Denn weiter wirst du's doch im Paradies nicht bringen.

ro

rJ

Diese Schlußverse >Sing mir die Lieder an Suleika vor:/

Denn weiter wirst du's doch im Paradies nicht bringen( stellen

wohl das stärkste r{rgument zugunsten einer Erdenfrau

dar, das Goethe sich für das Buch des Paradieses ausgedacht

hat, um das Bild der Frau aufzuwerten. Ihrer Aussagekraft

nach sind diese Verse gar nicht zu überbieten: indem die Huri

bekennt, claß sie den Dichter nicht zu schöneren, vollkommeneren

Versen inspirieren kann a1s Suleika, kapituliert sie

sozusagen vor ihrer irdischen Konkurrentin. V/'iederum erscheint

diese zum Abschluß als unüberbietbares weibliches

,r Musterbild u.

Schon im Gedicht Anklang bildeten die Verse des Diuan-

Dichters ein Erkennungszeichen für die Paradieswächterin.

l]ort entsinnt sich die Huri, als sie beim vertrauten Zusammenwohnen

mit dem Dichter auch seine Gedichte kennen-

4ao


lernt, derartige Lieder früher schon gehört zu haben, als sie

noch am Paradiestor V/ache hielt:

Huri.

Draußen am Orte,

V/o ich dich zuerst sprach,

\X/acht ich oft an der Pforte,

Dem Gebote nach.

Da hört ich ein wunderlich Gesâusel, j

Ein Ton- und Silbengekräusel,

I)as wollte hercin;

Niemand aber ließ sich sehen,

Da verklang es klein zu klein;

Es klang aber fast wie deine Lieder, ,o

Das erinnr ich mich wieder.

Dichter.

Ewig Geliebte! wie zarr

Erinnerst du dich deines Tiauten!

Was auch, in irdischer Luft und Art,

. Für Töne lauten, rr

Die wollen alle herauf;

Viele verklingen dâ unten zu Flauf;

Andere mit Geisrcs Flug r"rnd Lauf,

Wie das Flügel-Pferd des Propheten,

Steigen empor und flöten 20

Draußen an dem Tor.

Kommt deinen Gespielen so etwas vor,

So sollen sie's freundlich vermerken,

Das Echo lieblich versrärken,

Daß es wieder hinunter halle, z,

Und sollen Acht haben,

Daß, in jedem Falle,

'Wenn cr kommt, seine Gaben

Jedem zu Gute kommen;

Das wird beiden l/elten frommen. 30

Sie mögen's ihm freundlich lohnen,

Auf licbliche V/eise fügsam,

Sìe lassen ihn mit sich wohnen:

Alle Guten sind genügsam.

+or


Du aber bist mir beschieden,

Dich lass' ich nicht aus dem ewigen Frieden;

Auf die Wache sollst du nicht ziehn,

Schìck' cine lcdige Schrvester dahin.

rr

Liest man den Text genau, so wird deutlich, daß diese Paradiesgeführtin,

die ein so feines Ohr für des Dichters Lieder

besitzt, nicht Suleika selber ist, sondern eine ihr zum Verwechseln

ähnliche Huri; diese besitzt alle Meriten Suleikas,

um den Dichter auf ewig zu beglùcken, einschließlich der

seltenen Fähigkeit, seine Verse im gleichen Klang und Ton zu

erwidern. In den Paradies-Dialogen, die dem Buch des Paradíeses

seine besondere schwebende Heiterkeit vèrleihen, setzt

Goethe die irdischen Dialoge mit Marianne, die Dialoge

Hatems mit Suleika im Buch Suleiþø fort. In der paradiesischen

Sphäre huldigt er dem irdischen >Musterbild


nleinsâmen Rhein-Reise von t7j4 die zweite Sure des Korans

Gegenstand heiteren Gesprächs zwischen Goethe und Lavater

ge\À/esen war. Eines Morgens diktierte der junge Goethe

noch vom Bett aus dem Freund und Reisegefihrten einige

übermütige Verse, in denen mit Selbstpersiflage sowohl das

Liebesverlangen des theologischen Freundes nach dessen fern

iir der Schweiz weilenden >\X/eibchenHeimwehHeimweh<

1 Überlìefcrt sind die Vcrse in Lavarers Tägebuch vom r8. Juli ry74, wo die

betreffende Eintragung mit den Worten beginnt rGoethe dictirt weiter(,

Max Morris hielt rkröne< fiir einen Hörfehler Lavaters, Emendation:

rgrämc


überall in der'V/elt zu finden ist.1 Die allerverschiedensten

Menschen sehnen sich nach Glückszuständen - der r>Zürcher

Prophet< Lavater sowohl als auch derjunge Dichter Goethe,

wobei die Sehnsüchte - ob himmlisch oder irdisch - immer

etwâs von >Fleimweh< haben, denn der weltliche Mensch

sehnt sich nach unschuldigen Paradieszuständen zurück,

während der Paradiesbewohner, .vvie Koran, Sure z, Vers z5

ihn zeigt, sein rHeimweh< nach irdischen Geliebten tmZusammensein

mit den Huris stillt.2 Wie in den aufder gleichen

Reise mit Lavater gedichteten Versen Diney zu Coblenz3 erscheint

in der Suren-lTlavestie des jungen Goethe am Schluß

Lavater als >ProphetWeltkindEr

[Lavaterl lehret, und bekehrt die Leut'/ Ich fahr zum schönen

Liesel heut.Ende cler Sura


Was Goethe rSzo auf seiner Karlsbader Reise für das Buch des

Paradieses nachträglich dichtete, beruhte demnach auf Erinnerungen

an den Koran, wie er sie viereinhalbJahrzehnte mit

sich herumgetragen hatte. Aufgefrischt durch die Orientstu*

dien der Diuan-Epoche, wurden sie zu guter Stunde im Geiste

des neuen Werkes heiter und frei verwendet. Auch dieser

Koran-Partie gegenüber mußte Goethe sich >produktiv verhalten<

im früher gekennzeichneten Sinne. '$/ie er das Motiv

der oÄhnlichkeit< von himmlischen und irdischen Erscheinungen

aus Koran Sure z, Vers z5 mit größtem taktischen

Geschick als stärkstes Mittel einsetzt, um noch einmal nachhaltig

als >FrauenlobHorch! wir andre Musulmanen

Nüchtern sollen wir gebückt sein,

Er, in seinem heilgen Eifer,

Möchte gern allein verrückt sein. <

Die muslimische Auffassung von der Rolle der Frau ist nicht

der einzige kritische Punkt, an dem der Díuan-Dichter sich

zum V/iderspruch gegen den Propheten Mohammed veranlaßt

fühlte. Um der objektiven Darstellung von Goethes

Verhältnis zum Islam willen sollen auch die weiteren Ein-

Goethcs damalige intensive Durchdringung mit Vorstellungen vom islamischen

Paradies sci noch sein Brief an Charlotte Buff vom 8. Okt. r77 2 angeführt

(V/A rv z, 3o): rNein Lotte Sie bleiben miq da{iir geb Ihnen der reiche

im Himmel seine schönsten Frtichte, und wem er sie auf Erden versagt dem

lass er ciroben im Paradiese wo kühle Bäche fließen zwischen palmbäumen

und Früchte drùber hängen wie Gold. . .< - Wie selbstverständlich erwähnr

cr, zwischen rHouris< gesessen zu haben, in einem Brief anJoiranna Fahlmcr

vonJan. ryl+ (WAl' z, r4r); rü/ir haben gestern gessen Wildprettsbraten

und Geleepastete und viel Wein getrunken und zwischen Houries gesesscn

bis ein Uhr Nachts. . .n

405


wände des Dichters errirtert werden, die sich im West-östlíchen

Diuan finden. Man trifft auf sie oft gerade dort, wo Goethe

sich scheinbar nah an den Propheten anschließt. Symptomatisch

ist schon das große Einleitungsgedicht Hegire. I,.J:iet

stellt der Diuan-Dichtef ganz bewußt eine Analogie zu Mohammed

her, aber gerade durch diese,\nalogie wird auf drastische

Weise deutlich, wie sich die Zíelsetzung des Poeten

von der des Propheten unterscheidet- Mohammed trat im

Jahre 6zz seine rHegire< an in der Hoffnung, von Medina aus

seine Lehre ungehinderter zu verbreiten, als es in Mekka

möglich war. Der Diuan-Dichter hingegen erhofft etwas

völlig anderes: im Vergleich mit demZiel der >Hegire< des

Propheten mag es für manche Ohren fast blasphemisch klingen:

Unter Lieben, Tiinken, Singen

Soll dich Chisers Quell verjüngen.1

Die Hoffnung auf Erneuerung des Daseins durch den orientalischen

Musenquell - ))unter Lieben, Tiinken, Singen< -

erwuchs aus der Lebenshaltung des aufjene weltfreudige Tlinität

eingeschworenen >SängersGesang(,

wobei das V/ort hier als Metapher steht für Poesie und

Kunst ganz allgemein.

1 Vers 5f Hegire (rNord und West und Süd zersplittern.. .


unter den sechs >inhaltbestimmenden Themen< irn West-östlíchen

Díuanl ist das Trinkthema besonders auffallend. Der

Koran verbietet bekanntlich alle rauschhaften Getränke.2 Kritisch

setzt der Díuan-Dichter sich mit diesem 'Weinverbot

auseinander. Sein S¿Ëi Nameh- Schenkenbuchhandek durchgehend

von Veìngenuß und'S/einverbot. Ausdrücklich bekennt

Goethe sich hier zu dem den Muslimen verbotenen

Rausch. Doch sei von vornherein festgestellt, was auch Christa

I-)ill betont:

Goethes Schenþenbuch ist keine >Sammlung von Tiinkiiedern.

Die .Weinestrunkenheit wird zum Symbol für den rauschhaften

Zustand, in dem eine Steigerung aller Lebensfunktionen eintrirt,

in dem rnan rGott frischer ins Ânsgesicht< blicktIm Divan sind sechs Themeninhaltbestimmend:

das Thcma der Dichtung und des Geistes, das Liebesthema, das Trinkthema,

das Therna Individuum und Welt, das Thema Zeit und Ewigkeit und das

Thema Natur und Cort.u

2 Goethe war diesem Verbot schon bei seinen lrühen Kor¿n-Studien begegnet.

Vgl. oben S. r75. Auch in der Diuan-Epoche stieß er wieder auf das

Thema des Weinverbots. So in der Mohammed-Biographie von Rehbinder,

wo S. 43 berichtet wird: rBey Gelegenheit ... eines Gastmahls, hatte Mohammed

die Y/irkungen des Weins auf das ohnehin feurige Têmperament

der Araber wahigenommen. Er verbot ihn durch einen Spruch des Koran,

dcr dem Musulmanne zur Richtschnur dienr aber doch einigen Modificationen

unterworfen ist.< - In der Einleitung zurrr KoranvonGeorge Sale, übers.

von Th. Arnold, las Goethe àuf S. r54f.: rDas [/ein]Trincken, worunter

alle Arten des starken und berauschenden Getrãnckes begriffen werden, ist

in derli. Koran an mehr als cinem Ort verboten. Es sind zwar einige in den

Gedancken gestanden, daß nur die Übermasse allein darinnen verboten, der

mässige Gebrauch des V/eins aber durch zwo Stellen in demselben Buch

zugelassen werde; Ailein die aufgenommensre Meynung ist, daß es schlechtcrdings

unerlaubt sey, starckes Geträncke, sowohl in geringerer als grösserer

Quantität zu trincken; Und obschon ruchlose Gemüther und Freygeister

sich das Gegentheil herausnehmen, so sind doch die gewissenhaftern so

stren¡5, zumahl wenn sie die Wallfahrt nach Mecca vollzogen haben, da8 sie

es nicht nur vor unerlaubt halten, Wein zu kosten, sondern auch Trauben zu

dessen Kelterurlg zu pressen, damit zu handeln, solchen zu kauffen oder zu

verkauffen, oder auch sich nur mit dem durch solchen Verkaufferlangten

Geld zu erhaltcn. Die Persiancr, sowohl als die Türcken, trinken aberjeãennoch

den Wein überaus gern.<

3 Wìirteybuth zu Caethes West-östlichem Diyan a.a.O. S. xxvur. (Die letzten

407


Daß der Diuan-Dichter durch seinen östlichen Bruder Hafis

zum Schenkenbuch insprriert \Murde, ist längst bekannt. Nicht

nur gab áas Sakinam¿ in Hafis' Díwanr den ,{nstoß zur Benennung

von Goethes Saki Nameh, der gesamte Diwan

wirkte stimulierend auf den deutschen Dichter durch seine

zahllosen Verse, in denen Hafìs mit taumelnder Begeisterung

'Wein, Rausch, Tlunkenheit, V/einhaus, Schenke, Glas, Becher,

Krug, Flasche rühmend benedeit und dazu immer den

schönen Schenkenknaben (Saki), der dem Dichter den Vein

kredenzt. Charakteristisch für den gesamten Hafisischen Diwan

ist schon der Ausruf, mit dem die erste Gasele beginnt:

>Reich mir o Schenke das Glas...


3J8-r384 - große Freizügigkeit.l Die meisren Gedichte des

FIafis stammen aus dieser liberalen Epoche, in der auch Poesie

und'ü/issenschaften durch den Schah ge{iirdert wurden.

Hafis' Begeisterung für einen solchen Flerrscher klingt aus

mehreren seiner Lieder hervor, so wenn er verkündet:

Oder wenn er jubelt:

Itzt ist die Zcit dcs Schah Schedschaa

Die Zeit des Rechts, der Weisheit . . .2

Preiset dcn Herren! dic Schenke

Ist wieder geöffnet,

Denn dieses ist die Thùre meiner Sorgen.

Alles geht drunter und drüber,

Vom Rausche verwirret,

Und dieser 'Wein wahrhaftig ist nicht bildlich. . .3

Auch die Verse, dìe Hafis aus dem Stegreif dichtete, als der

Schah ihn überraschte, wie er einen schönen Knaben zum

Wein einlud, geben ein gutes Beispiel der damals möglichen

Übertretungen des Weinverbots:

ln der Zeit des milden

Tiinkt Hafis aus seinem Kruge,

Der Mufti aus seinern Becher. . .4

Für Goethe war FIafis >der Freuden echte Dichterquelle


seines >Zwillingsol folgte, als er im Schenkenbuch \X/ein, Be,

cher und Schenken pries, das deuten noch die Noten und Abhandluøgen

an, wo es einfach heißt:

Weder die unmäßige Neigung zu dem iralbverbotenen Weine,

noch das Zartgefubl fìir die Schönheit eines heranwachsenden

Knaben durfte im Divan vermißt werden. ..2

l)ie Bezeichnung >halbverboten< ergab sich für den Diuan-

Dichter aus der Diskrepanz zwischen dem Verbot im Koyan

und dem Einblick in die Lebenspraxis, die der abendländische

Leser aus dem Diwan des Hafis gewinnen kann.Joseph

v. Hammeq der Übersetzer, behauptet, des Hafis Gedichte

seien r> größten theils bacchantischen und erotischen Inhalts < ;3

die Vorrede erwãhnt, daß Hafis in vielen Gaselen

mit seinen Mitbrüdern und ihren gemeinschaftlichen Obern

über'V/eingenuß und Weinverboth zanker, ihnen oft Heucheley

ztr Lasr.legt, und sie ermahnet, das blaue Ordenskleid und den

Ordensgürtel mit dem [...] lVeinglas zu verrauschen.4

Ketzerisch erscheint Hafis fast durchgehend bei Hammer, ein

zwischen Leichtsinn und Tiefsinn schwebender Tiinker, der

selbst in verheerendsten kriegerischen Zeiten rmit ungestörtem

Frohsinn von Nachtigall und Rosen, von V/ein und

Liebe sangdaß Hafis

weder ganz sinnlich noch ganz allegorisch verstanden

werden müßte, sondern stellenweise als Herold des

Sinnengenusses, und stellenweise als Zunge der mystischen

Weltu.6

I Ebd. dritte Strophe, Vers ró.

2 Kap. rKünftiger Divan

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