Die Korintherbriefe - Offenbarung.ch

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Die Korintherbriefe - Offenbarung.ch

Adolf Schlauer

Die Korintherbriefe


S Matters Erläuterungen %um Neuen Testament

Bando


ADOLF SCHLATTER

Die Korintherbrief e

Ausgelegt für Bibelleser

'Evangelische Verlagsanstalt Berlin


Lizenzausgabe für die Deutsche Demokratische Republik

Vertrieb in Westdeutschland und Westberlin nicht gestattet

Professor D. Dr. Adolf Schlatter. Geboren am 16. 8. iSjz in St. Gallen

Pfarrer in Keßwil (Thurgau). Privatdozent in Bern. Professor der Theologie in Greifswald (x8

Berlin (1893) und Tübingen (1898). Gestorben in Tübingen 1938

Evangelische Verlagsanstalt GmbH. Berlin 1953

Lizenzausgabe des Calwer Verlages Stuttgart

Veröffentlicht unter Lizenz Nr. 420 des Amtes für Literatur und Verlagswesen

der Deutschen Demokratischen Republik. 205-70-52

Satz und Druck: Buchdruckerei Frankenstein GmbH.

Leipzig HI-18-127


Der frühere Brief an die Korinther

Als Paulus diesen Brief an die Korinther schrieb, waren mehr als zwei Jahre

seit seinem Abschied von ihnen verflossen. In der Erprobung, die sein "Weggang

der Gemeinde brachte, hatte sie sich bewährt. Sie wuchs, und zwischen ihren

Gliedern war eine lebendige, fruchtbare Gemeinschaftim Gang. Doch geschah

in ihr auch mancherlei, wofür sie des Rats und der Hilfe des Apostels bedurfte.

Darum entstand, als Paulus sich in Ephesus niederließ, zwischen der Gemeinde

und ihm ein reger Verkehr. "Wir können die Briefe, die er an sie richtete,nicht

mehr zählen; jedenfalls spricht er i.Korinther 5,9 von einem solchen, der

unserem ersten Brief vorangegangen ist. Dann trafen drei Korinther im Auftrag

ihrer Gemeinde bei Paulus in Ephesus ein und brachten ihm nicht nur

mündlich über das Bericht, was sie bewegte, sondern hatten auch einen Brief

der Gemeinde an Paulus bei sich, durch den ihm bestimmte Fragen vorgelegt

waren, 16,17; 7,1. Als diese Männer wieder nach Korinth zurückkehrten, gab

ihnen Paulus unseren ersten Korintherbrief mit, der uns von allen seinen Briefen

am deutlichsten zeigt, wie er eine christliche Gemeinde eingerichtet hat und

wie er ihr bei allen ihren Anliegen zum Gehorsam gegen Jesus und zi»r echten

Gemeinschaft miteinander verhalf. \

1,1-3: Paulus, ein berufener Bote des Christus Jesus durch Gottes Willen,

und Sostbenes, der Bruder, an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, an die,

die im Christus Jesus geheiligt worden und berufene Heilige sind, zusammen

mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Oft,

dem ihren und dem unseren. Gnade sei euch und Friede von Gott unserent x

Vater und vom Herrn Jesus Christus. Zuerst hält er sowohl sich selbst als der

Gemeinde die Verbundenheit vor, die ihnen mit Gott gegeben ist. Ihn hat Gottes

Wille zum Boten des Christus gemacht, und die korinthischen Christen sind

diejenige Gemeinschaft in ihrer Stadt, die Gott zu seinem Eigentum gemacht

hat, so daß sie, wie es ihnen Paulus zweimal sagt, Heiligkeit haben. Sie besitzen

sie nicht von Natur, nicht von Anfang an, sind vielmehr geheiligt worden,

während sie bisher von Gott geschieden waren, und der, der ihre Unheiligkeit

von ihnen nahm, abtat, was sie von Gott schied, und sie mit Gott versöhnt

und vereinigt hat, ist der Christus. Daher entstand ihre Heiligkeit dadurch,

daß sein Wort sie zu Gott berufen hat. Das bestimmt den ganzen Verkehr des


6 Der Dank für das, was der Gemeinde gegeben ist

Paulus mit ihnen. Er redet so zu ihnen, wie mit denen gesprochen werden muß,

die Gottes Eigentum sind, und gebietet ihnen, was den Heiligen zu tun obliegt,

und so haben sie auf ihn, den Boten Jesu, zu hören, wie es die Pflicht

derer ist, die geheiligt sind.

Mit ihm verbunden spricht noch ein anderer Lehrer, Sosthenes, zur Gemeinde.

Daraus wird deutlich, daß dieser schon früher an der Gemeinde von

Korinth mitgearbeitet hat*. Ihn macht Paulus mit sich selbst zum Zeugen und

Bürgen für das, was jetzt der Gemeinde gesagt werden muß.

Dieser gibt er aber ihren herrlichen Namen, daß sie die für Gott Geheiligten

seien, nicht, ohne daß er sie in die große Gemeinschaft hineinstellt, als deren

Glieder sie von Gott berufen und geheiligt sind. Was sie von Christus empfangen

haben, das besitzen sie zusammen mit allen denen, die den Namen Jesu

im Gebet und Bekenntnis gebrauchen und auf diesen ihren Umgang mit Gott

begründen. Die räumliche Trennung scheidet sie nicht; ob sie an ihrem Ort sich

befinden oder da, wo Paulus verweilt, die Anrufung desselben Namens verbindet

sie alle mit denen, die in Korinth durch Jesu Ruf zu einer Gemeinde

Gottes vereinigt sind**.

Kapitel 1,4-4,21

Der Kampf des Apostels gegen die Parteiung

Kapitel 1,4-9

Der Dank für das, was der Gemeinde gegeben ist

Paulus war für die Gemeinde in Sorge; denn es waren neue Lehrer zu ihr

gekommen, die sie von Paulus weg zu einer Frömmigkeit führten, die noch

höher sein sollte als das, was Paulus gebracht hatte. Er fängt aber nicht damit

an, daß er seine Sorgen ausspricht, auch nicht gleich mit Vorschriften und Be-

* Ein Mann desselben Namens, Sosthenes, hatte wahrend der Gründungszeit für die Gemeinde

deshalb Wichtigkeit, weil er sie als Vorstand der jüdischen Gemeinde bekämpft und auch die Klage

gegen Paulus vordem Statthalter erhoben hat, Apg. 18,17. Lukaserzählt nicht, daß dieser Sosthenes

nachher für Christus gewonnen worden sei, sondern gibt nur an, daß er an seinem eigenen Leib

erfuhr, wie verhaßt die Judenschaft war und wie sehr ihr Angriff auf Paulus von der übrigen Bevölkerung

mißbilligt wurde. Doch sind von den wenigen Eigennamen, die Lukas gibt, manche deutlich

deshalb ausgewählt, weil diese Männer bleibend an der Arbeit in der Kirche mitwirkten. Unmöglich

ist es nicht, daß Sosthenes zu jenen Juden gehörte, die nach der Abreise des Paulus, als

Apollos in der korinthischen Synagoge evangelisierte, zur Christenheit übertraten. Dann wurde

Sosthenes, der sich jetzt wie Apollos selbst in Ephesus befand, von Paulus bei der Beratung der

Gemeinde gerade deshalb zugezogen, weil er nicht zu den von Paulus gewonnenen Christen gehörte,

ondern sich erst nachher der Gemeinde angeschlossen hatte.

•* Vielleicht denkt Paulus besonders an die zerstreuten Christenhäufchen, die hin und her in

Griechenland entstanden waren und an der Gemeinde von Korinth ihren Sammel- und Stützpunkt

hatten; vgl. 2. Kor. 1,1. Der Ausdruck bleibt aber schwierig.


Der frühere Brief an die Korinther 1,4-7 7

lehrungen; sondern das erste, was er tut, ist der volle, warme Dank, der Gottes

reiche Gabe preist, die er der Gemeinde verliehen hat. Von der Schärfe der

Zurechtweisung bricht er damit nichts ab; denn indem er den Blick auf Gottes

Gnade richtet, wird auch die Gefahr sichtbar, gegen die die Gemeinde geschützt

werden muß. Denn die Versündigung entsteht durch die "Weise, wie wir die

göttlichen Gaben mißbrauchen. Zuerst haben aber er selbst und die Korinther

nicht auf das zu achten, was die Menschen bei ihnen sagen und tun, sondern

auf das, was Gott an ihnen tat. So wird alle Mahnung und Lehre unter die

Herrschaft des Glaubens gestellt und dadurch rein gemacht, und es wird offenbar,

daß die Sorge des Paulus aus der Liebe stammt, die nicht bloß an das

denkt, was bei ihnen verwerflich ist, sondern sich vor allem an den herrlichen

Gaben freut, die Gott ihnen gegeben hat.

1,4-7: Ich danke meinem Gott immer für euch wegen der Gnade Gottes, die

euch im Christus Jesus gegeben ist, weil ihr in ihm in allem reich gemacht seid,

in jedem Wort und jeder Erkenntnis, da das Zeugnis des Christus bei euch festgemacht

ist, so daß ihr keine Gabe der Gnade entbehrt, indem ihr auf die

Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet. "Weil die Gemeinde durch

das "Wort gegründet ist, vom "Wort lebt und mit dem "Wort ihren Dienst in

allen ihren verschiedenen Lagen ausrichtet, darum war Paulus beständig dafür

dankbar, daß sie bei jedem Anlaß und für jedes Bedürfnis das Wort reichlich

hat. Immer hat sie solche, die ihr zu sagen wissen, was Gottes Wahrheit

und Wille ist. Denn es wird ihr jede Erkenntnis gegeben und immer das

offene Auge für Gottes Werk und Leitung geschenkt, so daß sie tüchtig wird,

allen dasjenige Wort zu sagen, durch das sie richtig unterwiesen sind. Dieser

Reichtum stammt nicht aus ihrer Klugheit oder Arbeit, sondern ist Gottes

Gabe und ihr deshalb gewährt, weil Gott im Christus ihr gnädig ist.

Der Grund, auf dem sich alle Erkenntnis und Rede in der Gemeinde aufbaut,

ist das Zeugnis Jesu, durch das er der Welt seine Sendung offenbart und

seinen Christusnamen verkündigt hat. Wo sein Zeugnis abgewiesen wird, da

gibt es keine Gemeinschaft mit ihm und keinen Anteil an derjenigen Gnade,

die uns in ihm gegeben wird. Daß aber sein Zeugnis, wie es in Korinth geschah,

als heilige Wahrheit alle beherrscht und unerschütterliche Macht erlangt, das

ist wieder nicht die Frucht der menschlichen Anstrengung, sondern ist Gottes

Gabe, der Jesu Wort so in uns legt, daß wir uns nicht gegen dasselbe sträuben

und nicht schwanken, sondern ihm glauben. Daraus entsteht hernach die

mannigfaltige Ausgestaltung des Worts und der Erkenntnis, wie die Gemeinde

ihrer zur Ausrichtung ihrer mancherlei Aufgaben bedarf.

Das Wort wird in uns festgemacht durch den Geist. Daher stellen sich da,


8 Die Mahnung zur Eintracht

wo das Wort Jesu die Herrschaft hat, auch die Gaben ein, durch die Gottes

Geist seine Gegenwart bei uns offenbart. Paulus sah mit Dank gegen Gott

auf den Reichtum von Kraft, der sich in der korinthischen Gemeinde zeigte

und dem Wort Jesu eine deutliche Bestätigung gab.

Das bewirkt freilich nicht, daß sie schon am Ziele stände und von der Hoffnung

entbunden wäre. Denn das Ziel ist die neue Offenbarung Jesu, durch

die er die Gemeinde vollkommen mit sich vereinen wird. Wohl aber bewirken

die ihr gewährten Gaben, daß ihre Hoffnung nicht nur eine schmerzliche Sehnsucht

ist. Denn auch für die Zeit, in der sie ihren Herrn noch nicht sieht, sondern

auf ihn warten muß, ist sie reichlich mit Gaben ausgerüstet, so daß sie

ihren Stand bewahren und ihren Dienst vollenden kann. Das macht sie in

ihrer Hoffnung gewiß und froh. Paulus spricht nun den Grund aus, der ihn

im Blick auf die Zukunft der Gemeinde froh und ruhig macht.

1,8.9: Der euch auch völlig fest machen wird, so daß ihr am Tage unseres

Herrn Jesus Christus frei von Anklage seid. Gott ist treu, durch den ihr in die

Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus unserem Herrn berufen seid.

Jesus sorgt für seine Gemeinde, 3aß sie nicht schwankt und fällt, sondern unerschütterlich

bleibt, und dadurch bewirkt er, daß sie dann, wenn er das Recht

Gottes zur herrlichen Offenbarung bringt und das Richteramt verwaltet, von

ihm die Rechtfertigung empfangen kann. Anklage fiele auf sie, wenn sie ihn

verleugnete und sich von ihm schiede; aber weil er sie in seiner Gemeinschaft

bewahrt, hat sie Gottes Urteil für sich. Jesu Verhalten gegen die Seinen hat

seinen Grund in der Treue Gottes,- darin, daß Gottes Liebe die unwandelbare

Vollkommenheit hat, so daß er vollendet, was er begann. Denn dadurch, daß

sein Ruf zu uns kam und uns mit seinem Sohn verband, hat er uns seine Liebe

geschenkt, und diese schwankt nicht, sondern hat zu ihrem Merkmal die

ewige Vollkommenheit. Das ist der letzte, sichere Grund, durch den Paulus

seine Zuversicht gewinnt.

Kapitel 1,10-16

Die Mahnung zur Eintracht

Die Beantwortung des Briefs, den die Korinther an Paulus sandten, schiebt

er noch auf. Denn die Fragen, die sie an ihn richteten, stammten nicht nur aus

der Lernbegierde, nicht nur aus dem Wunsch, daß er ihnen mit seiner Weisheit

beistehe, sondern waren durch die Vorwürfe veranlaßt, die man in Korinth

gegen ihn erhob. Er sollte sich in den' Stücken, über die ihn die Korinther befragten,

rechtfertigen. Deshalb sagt er ihnen, ehe er ihnen antwortet, zuerst,


Der frühere Brief an die Korinther 1,8-10 . . 9

was er an ihrem Verhalten verwirft. Zuerst sucht er die Zerspaltung der Gemeinde

zu beseitigen; denn sie hatte sich in Gruppen geteilt, die sich an ihre

besonderen Meister anschließen und ihre eigenen Ziele verfolgen.

Paulus hat nicht erörtert, wie der Streit entstanden sei und wer an ihm die

größte Schuld habe. Sein Ziel ist einzig das, die Zwietracht zu beenden. Daher

erhalten wir von ihm keinen Bericht über die Vorgänge, durch die es zur

Spaltung kam; nur das eine sagt er, daß sich mit ihr das Bemühen verband,

eine Weisheit zu gewinnen, die größer sei als die, die ihnen durch die Predigt

des Paulus gegeben war. Die Abneigung gegen Paulus wurde darauf begründet,

daß er die christliche Erkenntnis nicht nach ihrem vollen Umfang

habe, jedenfalls der Gemeinde sie nicht verschafft habe. Die neuen Lehrer

meinten, sie seien durch die Tiefe und Fülle ihres Wissens größer als er.

Paulus selbst hat das Verlangen nach Erkenntnis durch das Evangelium in

Korinth gepflanzt; denn er machte ihnen in Jesus Gottes Willen erkennbar,

durch den sie so mit ihm verbunden sind, daß er ihnen seinen Geist gibt. Wo

aber Gottes Geist ist, da entsteht Erkenntnis Gottes. Damit war der Gemeinde

ein unbegrenztes Feld zu weiteren Fortschritten geöffnet. Mit den Gedanken,

die sie schon besaßen, war der Schatz der göttlichen Weisheit noch

lange nicht erschöpft; nur die ersten Schritte zu ihr hin waren getan. Bei den

Korinthern verbanden sich aber mit dem Verlangen, das Jesu Wort ihnen gab,

auch die Neigungen, die die nach der heimischen Weise geschulten Juden schon

früher besaßen und nun auch in die Christenheit hineintrugen. Ihnen galt der

Unterricht, der uns richtige und reiche Gedanken über Gottes Wirken in der

Welt verschafft, als das Größte und Wichtigste, was wir von Gott empfangen.

Sie meinten, die Religion bestehe im Anteil an Gottes Gedanken und diegöttliche

Offenbarung geschehe so, daß Gott uns das Verständnis für sein

Wesen und seine Werke öffne. Für die Korinther hatte die Verheißung, daß;

sie noch eine höhere Weisheit, noch reifere und tiefere Gedanken bekommen

sollten als die, die ihnen Paulus gegeben hatte, verlockende Kraft. Da aber-

Paulus immer dem Verlangen widerstanden hat, das von Gott nichts als Wissen

begehrt, geriet diese Bewegung sogleich in einen Gegensatz gegen ihn und;

konnte sich nur dadurch Einfluß verschaffen, daß sie das Vertrauen der Gemeinde

zu ihm erschütterte. Weil sich aber viele treu zu Paulus hielten, warder

Streit in der Gemeinde da.

1,10: Ich ermahne euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus-.

Christus, daß ihr alle dasselbe sagt und keine Spaltungen unter euch seien,

sondern daß ihr im selben Gedanken und selben Urteil vollendet seid. Der

Name Jesu bewegt ihn dazu, ihrem Zwist das Gebot entgegenzustellen, das,.


IO

Die Mahnung zur Eintracht

sie zur Eintracht verpflichtet. Denn Jesus, der Schöpfer der Gemeinde, vereinigt

alle, die an ihn glauben. Deshalb trennen sie sich von ihm, wenn sie die

Gemeinde zerreißen und die Brüder verachten. Indem er aber seine Mahnung

mit dem Namen Jesu verbindet, macht er auch in ihnen den Glauben und den

Gehorsam wach, den sie Jesus darbringen. Das muß sie willig machen, seiner

Botschaft zu gehorchen. Als eine Gemeinde erweisen sie sich dadurch, daß alle

dieselbe Antwort geben auf die Frage, was sie wollen, wonach sie streben, wem

sie gehorchen und gehören. Es sollen nicht verschiedene Namen in der Gemeinde

als ihre Führer genannt, nicht verschiedene Ziele von ihnen aufgestellt

werden. Derselbe Gedanke soll alle bestimmen, dasselbe Urteil aller

Verhalten leiten. "Wenn verschiedene Denkweisen bei ihnen hervortreten, von

denen die eine die andere bekämpft, so haben sie daran das Zeichen ihrer Unvollkommenheit.

Eintracht dagegen ist das Merkmal des reifen, fertigen

Christenstands. Paulus gibt nun an, woran er bei dieser Mahnung denkt.

1,11.12: Denn es wurde mir über euch, meine Brüder, von den Angehörigen

der Chloe mitgeteilt, daß bei euch Streitigkeiten sind. Ich spreche aber davon,

daß jeder von euch sagt: Ich gehöre zu Paulus; ich zu Apollos; ich zu Kephas;

ich zum Christus. Die große Weisheit und Vorsicht, mit der Paulus die bessernde

Hand an den Schaden der Gemeinde legt, zeigt sich auch darin, daß er

ihr sofort die Männer nennt, auf deren Bericht sich sein Urteil über die Vorgänge

bei ihnen stützt. Vermutungen darüber, wer ihm die Klagen über die

Korinther zugetragen habe, läßt er nicht zu; er hat auch nicht erst von Stephanas

und seinen Gefährten, die die Korinther zu ihm sandten, über ihre

Streitigkeiten Bericht erhalten. Unparteiische Männer, an deren Zuverlässigkeit

weder Paulus noch die Korinther zweifeln, unterrichteten ihn über die

neuen Richtungen, durch die die Einheit der Gemeinde in Gefahr gekommen

ist. Sie haben sich in vier Gruppen geteilt, von denen jede sich um einen eigenen

Führer schart, den sie feiert und über die anderen erhöht. Damit verbanden

sich auch verschiedene Überzeugungen und Absichten. Paulus spricht aber

gar nicht von den einzelnen Lehren, durch die die verschiedenen Gruppen

sich voneinander unterschieden, sondern erkennt ihre Versündigung vor allem

darin, daß sie sich an die Menschen hängen als an ihre Meister und Herren.

Er sagte damit den Griechen etwas Neues, was sie vor dem Evangelium noch

nicht geahnt hatten. In ihrem staatlichen, wissenschaftlichen und religiösen

Leben bildeten sie immer Parteien und Sekten, von denen jede ihre besonderen

Meister feierte. So denkt der Mensch, solange er für sich selber lebt und

Gott nicht kennt. Dann stärkt er sich dadurch, daß er sich mit den anderen

zusammentut unter der Führung irgendeines Haupts. Die Christenheit ist aber


Der frühere Brief an die Koriniher 1,11.12 11

zu Gott berufen und in die Gemeinschaft mit seinem Sohn versetzt. Das ergibt

den völligen Gegensatz zu aller Parteisudit; denn diese ist nur eine Form

und Verstärkung der Eigensucht. Darum tadelt Paulus die, die sich auf ihn

selbst beriefen, nicht weniger als die, die sich von ihm abwendeten. Ihm kam

es nie in den Sinn, für sich Anhänger zu werben und aus den Menschen „Pauliner"

zu machen. Wer ihm dies zutraute, leugnete, daß er in "Wahrheit und

Aufrichtigkeit als Gottes Bote spreche.

Über Apollos, zu dem sich ein anderer Teil der Korinther hielt, gibt uns

Lukas, Apostelgeschichte 18,24-28, Bericht. Seine Arbeit in Korinth hatte der

Gemeinde eine größere Zahl von neuen Gläubigen zugeführt. Damals hatte

er jedoch die Gemeinde bereits verlassen und war in der Nähe des Paulus,

wahrscheinlich in Ephesus, 16,12. Seine Herkunft aus der jüdisch-griechischen

Gemeinde und seine gelehrte Beschäftigung mit der Schrift gaben sicher auch

seinem inwendigen Leben eine besondere Art, die ihn den Griechen ähnlicher

und verständlicher machte, als es Paulus war. Er wird ihnen manche geistvolle,

gedankenreiche Betrachtung vorgelegt haben, für die die Griechen

dankbar gewesen sind. Eine innerliche Trennung bestand aber zwischen ihm

und Paulus nicht. Dieser hat ihn mit vollem Vertrauen als einen echten Mitarbeiter

an Gottes Werk geschätzt und ihm für dieses dadurch einen großen

Beweis gegeben, daß er ihn eben damals bat, nach Korinth zurückzukehren.

Er fürchtete von ihm keine Verstärkung und Verschärfung der Parteisucht

und keine Verführung der Korinther zu falscher Erkenntnis, sondern erwartete

von ihm, daß er die Gemeinde im Gehorsam des Christus erhalte.

Auch aus dem Orient waren Christen nach Korinth gekommen. Wenn man

dort erörterte, von wem jeder das Christentum erhalten habe, ob man zum

ältesten Teil der Gemeinde gehöre, den Paulus selber gesammelt hatte, oder zu

denen, die durch die Wirksamkeit des Apollos hinzugekommen waren, dann

hoben diese Männer hervor, daß sie ihren Christenstand durch Petrus empfangen

hatten. Jeder, der als Jude geboren war und auch in seinem christlichen

Wandel an der jüdischen Sitte festhielt, sah gern in Petrus sein Vorbild, und

wer Paulus widersprach und sich gegen ihn wehren wollte, tat dies dadurch,

daß er Petrus über ihn stellte, damit durch die Berufung auf Petrus das Wort

des Paulus entkräftet sei.

Die vierte Gruppe wollte niemand als Christus gehören. Nach dem, was sie

von sich sagte, könnten wir erwarten, Paulus werde sie loben und die anderen

auffordern, es zu machen wie sie. Er stellte sie aber deutlich unter denselben

Tadel wie die anderen, und der zweite Brief zeigt, daß die Lehrer zu

ihr gehörten, die die Zwistigkeit in der Gemeinde besonders eifrig und bös-


12 Die Mahnung zur Eintracht

artig pflegten. Zum Parteinamen kann die Verbundenheit mit Christus nur

dann gemacht werden, wenn sie den anderen abgesprochen, wenigstens für die

eigene Partei als besonders kräftig und gültig beansprucht wird, woraus eine

besonders bösartige Parteisucht entsteht, vgl. z. Korinther 10,7. Darum lag

in dieser Berufung auf Christus deutlich ein Gegensatz gegen die Apostel. Sie

wollten nicht auf Paulus hören, nicht den Aposteln sich fügen, sondern gingen

in Kraft ihrer Gemeinschaft mit Jesus ihre eigenen "Wege. Das war kein aufrichtiger

Anschluß an Jesus, wenn sie gleichzeitig seine Boten geringschätzten

und sich von seiner Gemeinde schieden. "Wir können mit Christus nur so verbunden

sein, daß er uns unter seine Boten stellt und mit seiner Gemeinde

vereint.

1,13a: Ist der Christus verteilt? Er ist stets derselbe, unteilbar und eins.

Wo er ist, da ist er mit seiner ganzen Gnade und mit seinem ganzen "Werk. In

Korinth taten sie aber so, als ob der eine mehr von Christus habe als der andere,

als ob ihre Gegner nur ein Stück von ihm besäßen, nicht ihn selbst.

"Wenn seine Gabe, die er uns gewährt, in einzelnen Lehrsätzen oder Kräften

bestände, dann könnte man von Stücken reden, von denen der eine mehr habe

als der andere. Der Vorgang, durch den uns Gott mit sich vereint, ist aber von

anderer Art; er führt nicht etwas an uns, sondern uns selbst im Glauben zu

Christus, und Christus hält sich zu uns nicht mit einem Teil seines "Wesens

oder einer besonderen einzelnen Kraft; sondern er selbst ist unser Herr und

macht alles für uns wirksam, was er in Kraft seiner Sendung für die "Welt erworben

hat. Darum, weil Christus der eine und selbe für alle ist, gibt es nicht

verschiedene Arten von Christentum. Freilich schwankt unser Glaube, ist hier

rein und stark, dort schwach und blind, und unsere Liebe ist matt oder groß,

unser Gehorsam unvollständig oder völlig. Christus aber ist derselbe für uns

alle, und dies bringt in seiner Gemeinde die Gleichheit und Einheit hervor.

1,13b: Wurde Paulus für euch gekreuzigt, oder wurdet ihr auf den Namen

des Paulus getauft? Daß Jesus für uns das Kreuz getragen und uns die Taufe

gegeben hat, durch die er uns unsere Schuld erläßt und uns in Gottes Gnade

einsetzt, das bleibt allein Jesu Tat und Gabe und schließt aus, daß sich sonst

jemand neben ihn stellen kann. Nur der, dem Jesu Kreuz verhüllt bleibt und

seine Taufe verächtlich scheint, kann so von ihm reden, daß er sich selbst oder

andere Meister neben ihn setzt. Paulus kam es nie in den Sinn, sich mit Jesus

zu vergleichen, weil er in seinem Kreuz die Heilandstat erkennt, durch die er

uns die Rechtfertigung bereitet hat, und weil er ihm für seine Taufe dankt

als für die Gewährung seiner Gemeinschaft, die uns in Gottes Gnade stellt.

Nun war freilich die Taufe durch den Dienst des Paulus zu den Korinthern


Der frühere Brief an die Korinther 1,130-16 13

gekommen; aber nicht sein, sondern Jesu Name spricht bei ihr aus, weshalb

sie nicht nur ein Zeichen ist oder einen Gedanken darstellt, sondern uns

Gottes Gnade gewährt. Wer einem anderen die Taufe gibt, das bleibt für das,

was sie ist und gewährt, gleichgültig, und es war für Paulus im Blick auf die

Parteiung in Korinth ein Grund zu besonderer Freude und Dankbarkeit, daß

auch durch die Art, wie er dort die Taufe verwaltet hatte, sichtbar wurde,

daß er mit ihr nichts für sich selber suchte und niemand an seine eigene Person

band, sondern alle allein und völlig auf den Christus verwies.

1,14-16: Ich sage dafür Dank, daß ich keinen von euch getauft habe als

Krispus und Gajus, damit nicht jemand sage, ihr seiet auf meinen Namen getauft

worden. Ich taufte aber auch das Haus des Stephanas; sonst weiß ich

nicht, ob ich noch einen anderen taufte. Anderswo mag er es anders gehalten

und viele von denen, die sein Wort annahmen, selbst getauft haben; in Korinth

dagegen hat er die Ausrichtung der Taufe von Anfang an anderen übergeben,

vielleicht seinen Gefährten Silas und Timotheus, vielleicht gleich korinthischen

Brüdern, damit sie von Anfang an lernten, alles zu tun, was zur

Erbauung der Gemeinde nötig ist. Die Bekehrung des Kxispus, der vorher zum

Vorstand der jüdischen Gemeinde gehört hatte, fällt in den Anfang der korinthischen

Missionsarbeit, Apostelgeschichte 18,8, und auch Gajus war für.die

dortige Gemeinde ein wichtiger Mann; sie versammelte sich später in seinem

Haus, Römer 16,23. Darauf hat der bei der Abfassung des Briefs anwesende

Stephanas Paulus daran erinnert, daß er auch ihn samt seiner Familie getauft

habe. Paulus hat gerade dadurch, daß sein Gedächtnis ihm nicht mehr alle mit

Sicherheit vorführt, denen er selbst die Taufe gegeben hat, sichtbar gemacht,

daß er selbst darauf keinen Wert legt und nicht meint, die von ihm Getauften

seien durch ein besonderes Band mit ihm verbunden und gleichsam sein

Eigentum.

Um aber der Parteiung in Korinth ein Ende zu machen, war nach dem

Urteil des Paulus vor allem nötig, daß die Gemeinde den Wert unserer Erkenntnis

richtig beurteile. Sie überschätzt sie wie alle Griechen und wir auch

unter dem immer nochchtigen Einfluß der Griechen, und daran entstand

ihr Streit.

Kapitel 1,17-2,5

Gott widersteht der Weisheit

Das Verlangen nach hellen, großen, reichen Gedanken ist ein herrliches Geschenk

Gottes und wird dadurch, daß wir die Berufung zu Gott erhalten,


14 Durch Jesu Kreuz hat Gott die Weisheit verworfen

kräftig in uns geweckt und fest begründet. Paulus war bereit und fähig, dieses

Verlangen wirklich zu befriedigen, mit größerer Kraft, als sonst jemand sie

besaß. Aber das erste, was hierzu notwendig sei, sah er darin, daß die falsche

Verehrung für die Erkenntnis überwunden sei, die in ihr die Hilfe sucht, die

uns zu Gott führen und unseren Lebenslauf rein und richtig machen soll. Das

gewährt uns nicht die Erkenntnis, und darum besteht Jesu "Wort nicht aus

einer Weisheit, die uns über Gott und seine Herrschaft belehren will. Deshalb

stemmt sich Paulus mit Entschiedenheit dagegen, daß das göttliche Wort in

einen Unterricht und eine Wissenschaft verwandelt werde, als ob wir dadurch

zu Gott kämen, daß wir uns der göttlichen Gedanken bemächtigten und

begriffen, was er macht und denkt. Je eifriger die Christen unter dem Druck

der griechischen Überlieferung nach Erkenntnis strebten, um so nötiger war

es, daß sie den Gegensatz zwischen der Botschaft Jesu und der Weisheit sahen;

sonst machten sie sich das Wort Jesu dadurch tot, daß sie es in eine Lehre verwandelten.

Kapitel 1,17-25

Durch Jesu Kreuz hat Gott die Weisheit verworfen

1,17: Denn Christus sandte mich nicht, um zu taufen, sondern um die gute

Botschaft zu sagen, nicht mit Weisheit der Rede, damit das Kreuz des Christus

nicht leer gemacht werde. Paulus bindet sich an den Auftrag, den ihm

Jesus gegeben hat. Aus ihm ergibt sich, was die Gemeinde an ihm hat und wie

sie sich richtig zu ihm stellt. Wenn ihm Jesus den Auftrag gegeben hätte, die

Taufe zu verwalten, dann wäre es freilich seine Pflicht, sie allen selbst zu

geben, die er zum Glauben bewog. Sein Beruf besteht aber darin, daß er der

Menschheit die Botschaft bringe, die ihr das für sie vollbrachte Werk Gottes

kundtut, daß er seinen Sohn zu ihrem Herrn gemacht hat, der sie zu seiner

Gemeinde vereint. Damit setzt Paulus die Taufe nicht herab; er hat sie soeben

neben Jesu Kreuzestat gestellt als das deutliche Merkmal seiner unvergleichlichen

Herrlichkeit, weil durch sie uns das zuteil wird, was er uns durch seinen

Tod und seine Auferstehung erworben hat. Deshalb gehört auch das zur guten

Botschaft, die Paulus zu sagen hatte, daß uns Jesus die Taufe anbietet, und

jeder begehrt nach ihr, der Jesu Wort annimmt. Aber für die Ausrichtung der

Taufe waren auch andere Hände ebenso tüchtig wie die des Apostels, weil sie

nichts verliert und nichts gewinnt durch den, der sie vollzieht, sondern das

bleibt, was Jesus aus ihr gemacht hat, und die Einladung zur Taufe ist selbst

nur ein Teil der Botschaft, die uns Gottes Werk verkündigt.'Wenn wir nicht


Der frühere Brief an die Korinthsr 1,17.18 15

hörten, was Jesus aus uns macht, so hätte unsere Taufe keinen Grund und

keinen Zweck. Christus hat aber sein "Wort Paulus so übergeben, daß kein

zweiter an seine Stelle treten kann. Noch heute ist das "Wort des Paulus für

die Kirche so unentbehrlich wie in der ersten Zeit, und sie kann sich das, was

ihr Christus und Paulus gab, nicht durch ein anderes "Wort ersetzen. Da somit

die Predigt zu seinem Beruf gemacht ist und die Gemeinde das Wort von ihm

empfangen hat, so könnte man denken, er sei für sie zum Lehrer der Weisheit

und Spender der Erkenntnis bestellt, wie man sie in Korinth von Paulus verlangte.

Deshalb tritt er diesem Verlangen sofort entgegen. Daß ihm Jesus

seine Botschaft übergeben hat, das bedeutet nicht, daß er Weisheit mitzuteilen

hätte, solche Weisheit, deren Frucht und Gewinn in Worten besteht,

weil sie die inhaltsvolle und schön gestaltete Rede erzeugt. Was er verkünden

muß, sind nicht Gedanken, sondern Gottes vollbrachte Tat, und welche Tat!

daß er den Christus ans Kreuz sandte und seinen Sohn dem Tode preisgegeben

hat. Soll er sein Wort in eine Weisheit verwandeln, so müßte er zuerst

Jesu Kreuz als grand- und zwecklos vergessen. Denn sein Kreuz entsteht nicht

daraus, daß die Menschen nicht begriffen, was Gott tut, und Gott sie nun darüber

belehrte, sondern daraus, daß sie nicht wollten, was Gott will, und ihren

bösen Willen taten und Gott seine Gerechtigkeit offenbarte im Gericht über

ihren bösen Willen und in der Gnade, die ihnen verzeiht. Nicht die Weisheit,

sondern die Gnade schuf das Kreuz und offenbart sich in ihm, jene, die die

Schuld begräbt und die Bosheit überwindet, weil sie die Versöhnung schafft,

und die Wirkung des Kreuzes besteht nicht darin, daß es uns die eigensüchtige

Befriedigung verschafft, große Gedanken zu besitzen und durch sie zu großen

Taten befähigt zu sein, so daß wir uns nun als die Mächtigen und erfolgreich

Wirkenden in die Höhe schwingen, sondern darin, daß die menschliche Größe

vergeht und die Herrlichkeit Gottes besteht und der menschliche Wille gerichtet

ist und der göttliche Wille geschieht. Alle, die Paulus kannten, wußten,

daß er mit diesem Satz ihre Weisheit ganz verwarf. Denn dazu, daß er Jesu

Sterben vergesse und entkräfte, war Paulus nicht zu bringen. Seine ganze Gemeinschaft

mit Gott bekam ihren Grund und ihre Art dadurch, daß Gott den

Christus in den Tod gegeben hat. Von einer Frömmigkeit, die sich auf einen

anderen Grund stellte als auf Jesu Tod, war Paulus ganz getrennt.

1,18: Denn das Wort vom Kreuz ist für die, die verderben, Torheit; für die

aber, die gerettet werden, für uns, ist es Gottes Kraft. Weder für jene noch

für diese ist es die Darbietung der Weisheit. Freilich hält es der, der im Kreuz

Jesu Gottes Kraft wahrnimmt, weil es ihm die Errettung bringt, nicht mehr

für eine Torheit. Him sind alle Einreden gegen Jesu Kreuz vergangen; denn


16 Durch Jesu Kreuz hat Gott die Weisheit verworfen

er erkennt, daß Gott sich in ihm offenbart. Was er* aber durch das Kreuz

empfängt, ist nicht das, was die Korinther suchten, nicht die Antwort auf die

Fragen unseres Denkens, sondern etwas Größeres: Leben statt der Verlorenheit,

Befreiung vom Verderben, das uns naht, Überwindung der Gefahr, die

uns mit dem Untergang bedroht. Diese entsteht aus unserer Schuld, aus unserem

Streit gegen Gottes Willen, aus unserer Geschiedenheit von Gott. Weil

diese durch das Kreuz Jesu von uns genommen ist, darum erkennen wir in ihm

Gottes Kraft, die das vermag, was uns unmöglich ist, die vergeben kann und

lieben kann mit jener Liebe, die alles begräbt, was von Gott trennt, und alles

neu macht.

"Wo aber durch das Kreuz nicht statt des Verderbens das Leben in Gottes

Gnade entsteht, da läßt es sich vollends nicht als eine Bezeugung der göttlichen

Weisheit verstehen. Denen, die sich nur der Gedanken Gottes bemächtigen

wollen, um durch sie groß und mächtig zu werden, bringt es nicht nur keine

Befriedigung ihres Verlangens, sondern ihnen erscheint es als ein hartes, schroffes

Rätsel und zwingt sie zum Widerspruch. Messen wir Jesu Tod mit den

Maßstäben unseres eigensüchtigen Willens, so gilt er uns notwendig als vernunftwidrig,

weil ihm alles fehlt, was wir nach diesem Maßstab zum Merkmal

der Größe und Göttlichkeit machen. Es fehlt hier ganz und gar jener

Wille, der sich selbst verteidigt und sich selbst verherrlicht. Nach dem menschlichen

Urteil handeln nur Toren so, wie Jesus handelte, Und wenn Gott hier

der Handelnde war, so wäre er selbst ein Tor. Wer sind aber die, die den Gekreuzigten

verlachen? Sterbende sind sie, solche, die Gottes Gericht zum Tode

führt. Das macht ihren Spott zum Wahnsinn, ihre Einreden zur Narrheit.

Sind die, die untergehen, ohne sich retten zu können, die Richter über Gottes

Werk, die wissen, was die rechte Weisheit sei? Darin, daß die menschlichen

Gedanken gegen das Kreuz Jesu streiten und es töricht heißen, erkennt Paulus

ebensogut einen Zweck desselben wie darin, daß es uns die Errettung bringt.

Denn Jesus wird deshalb durch das Kreuz zum Christus, weil die Gedanken

des Menschen und diejenigen Gottes nicht einträchtig sind, sondern Gott die

Gedanken des Menschen verwirft wie der Mensch diejenigen Gottes. Weil

Gott durch den Tod des Christus sein Recht offenbar macht, das den sündigen

Willen des Menschen richtet, so trifft sein Kreuz auch unsere Gedanken und

widerlegt unsere Weisheit, mit der wir uns gegen Gott erheben und gegen

ihn uns verschließen. Es kommt auch dadurch, daß sich Gottes Offenbarung

den Menschen als eine Torheit darstellt, sein Rat zur Vollendung und seine

Verheißung zur Erfüllung.

1,19: Denn es ist geschrieben: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten


Der frühere Brief an die Korinther 1,19-2*

1J

und den Verstand der Verständigen beseitigen (Jesaja 29,14). Dieses den "Weisen

angekündigte Gericht Gottes ist nun geschehen. Der Ausgang Jesu hat

erwiesen, daß das, was der Mensch denkt, nicht nur nicht ausreicht, um ihn zu

Gott zu bringen, sondern ihn von ihm trennt und darum von Gott zerbrochen

wird. "Wer bei seinen eigenen Gedanken bleiben will, den trennt Jesu Kreuz

von Gott. 1,20a: Wo ist ein Weiser? Wo ein Schriftgelehrter? Wo ein Forscher

dieser Zeit? "Weise, Schriftgelehrte, Forscher, die mit scharfsinnigen Untersuchungen

die heiligen Schriften ergründen, waren die Führer Israels, die sich

mit Stolz als die Kenner Gottes und seines "Willens über die ganze übrige

Menschheit erhoben. Sie sind aber alle aus der Gemeinde Jesu verschwunden.

Das "Wort vom Kreuz hat sie verscheucht; denn die Botschaft, daß der Gekreuzigte

der Christus sein sollte, galt ihnen als Torheit. Das sollen aber die

Lehrer, die jetzt die korinthische Gemeinde regieren, wohl bedenken. Folgen

sie der Bahn dieser Meister, dann trifft sie auch dasselbe Geschick, daß ihnen

das Kreuz Jesu unverständlich und widerwärtig wird, nach Gottes herrlichem

und heiligem Recht, das die Gedanken der Menschen zerbricht, damit Gottes

Gedanke bestehe. „Dieser Zeit und "Welt" gehören diese Forscher an und

haben den Gegenstand ihrer Erkenntnis bloß in dem, was der Mensch jetzt ist

und innerhalb der jetzigen "Weltordnung erlebt. Aber in dieser Zeit wird

uns Gottes höchster "Wille und letztes Ziel noch nicht geoffenbart. Eine Erkenntnis,

die nicht über diese "Welt hinaussieht, bleibt blind und wird das

Kreuz Jesu nicht verstehen. Denn deshalb, weil uns Gott nicht in dieser, son-


18 Durch Jesu Kreuz hat Gott die Weisheit verworfen

Jesu Kreuz ist nicht das erste und einzige "Werk, durch das sich Gott der

Menschheit bezeugt. Sie hat zunächst das große, herrliche "Werk vor sich, durch

das er ihr als Schöpfer und Regierer der Welt erkennbar wird. Hier haben

wir es mit Gottes "Weisheit zu tun; denn hier tritt uns die Vollkommenheit

seines Verstandes und die unaussdiöpfbare Fülle seiner Gedanken entgegen.

Das Ergebnis war, daß der Mensch nicht merkt, was Gott ist, sondern unachtsam

an ihm vorbeigeht, ohne zu erkennen, mit wem er es zu tun hat und

was er von ihm will. Das geschieht nicht deshalb, weil der Menschheit die

"Weisen fehlten. Sie hat solche, lernt denken, sammelt sich "Wissen und erwirbt

sich einen stets wachsenden Schatz von Erkenntnissen. Aber damit gewinnt

sie die Erkenntnis Gottes nicht. Die Tatsache steht vielmehr in der menschlichen

Geschichte klar da, daß wir durch unser "Wissen nicht Gewißheit

Gottes, durch unsere Gedanken nicht die Gemeinschaft mit ihm gewinnen,

und die Erfahrung der Christenheit hat das, was Paulus über den Streit zwischen

der Bildung und der Erkenntnis Gottes im Blick auf den Zustand der

griechischen und jüdischen Gelehrsamkeit sagt, nochmals bestätigt, und sein

Satz wird von Geschlecht zu Geschlecht, je reicher unsere Bildung wird, um so

deutlicher.

Deshalb geht Gott mit uns einen anderen "Weg. Er handelt im Christus

nicht so an uns, daß er lehrte und wir begreifen sollen, nicht so, daß er seine

Größe vor uns enthüllte und wir uns vor ihr beugen. Was er uns hier zeigt,

ist töricht und schwach. Eine Verkündigung ergeht an die "Welt, deren Merkmal

Torheit ist, weil sie eine Tatsache kundmacht, die zu beweisen scheint, daß

Gott nichts versteht und nicht die rechten Mittel zu wählen vermag, durch die

er sich offenbaren und seine Herrschaft aufrichten könnte. "Was hier geschieht,

scheint vielmehr zu zeigen, daß der Mensch klüger und stärker ist als Gott, so

daß er Gottes Gedanken durchkreuzen und über ihn triumphieren kann.

Denn die Botschaft, die uns rettet, verkündigt seinen Sohn in der Kreuzesgestalt.

Durch diese nimmt Gott nicht unser Verständnis, wohl aber unser

Vertrauen in Anspruch; durch sie sind nicht mehr die "Weisen, sondern die

Glaubenden die Berufenen. :

Darum erscheint das Werk der Boten Jesu der ganzen Welt als unvernünftig.

Der Jude verlangt von ihnen als Bürgschaft dafür, daß ihr Wort

göttlich sei, den sichtbaren Erweis der Macht, der Gottes schöpferische Herrlichkeit

vor ihm enthüllen soll. Er weigert sich zu glauben, ehe er sah. Der

Grieche verlangt einen großen Gedanken, der weithin den Bestand der Welt

beleuchte und verständlich mache. Auch er will nicht trauen, weil er begreifen

will. Aber die Bewährung fehlt dem Wort, das Jesus seinen Boten gab, nicht.


Der frühere Brief an die Korinther x,2¿¡-2g

I


2 O Bei der Sammlung der Gemeinde achtet Gott die Weisheit nicht

dem menschlichen Maßstab wertlos sind, führt uns seine Gnade an ein herrliches

Ziel: so endet der Ruhm, mit dem wir uns selber erhöhen. Das ist aber

die unerläßliche Bedingung, damit uns geholfen sei. Denn solange wir uns

selbst preisen und bei unserer Kraft, unserer Erkenntnis und unserem Vermögen

unseren "Wert und unsere Freude suchen, stellen wir uns immer wieder

Gott entgegen, beginnen mit ihm den Streit, erheben uns über ihn und über

die Brüder, wehren seiner Gnade und erniedrigen alle, damit wir selbst die

Erhöhten bleiben. Es kommt nicht zu unserer Unterwerfung unter Gott, bis

wir auf alle eigene Verherrlichung verzichtet haben, und dafür sorgt Gott dadurch,

daß er bei der Sammlung seiner Gemeinde immer wieder alle menschlichen

Vorzüge beiseite stellt und seine Wahl und Gnade nicht denen gibt, die

diese haben, sondern denen, die sie nicht haben.

Aber die Gemeinde sieht an sich selbst audi das, daß das Schwache und

Törichte an Gottes Regierung dennoch mit seiner Herrlichkeit erfüllt ist.

1,30. 31: Aber aus ihm habt ihr Bestand im Christus Jesus, der uns von Gott

her zur Weisheit wurde, zur Gerechtigkeit und Heiligung und zur Erlösung,

damit es gehe, wie geschrieben ist: Wer si


Der frühere Brief an die Korinther 1,30-2,1 21

tur, durch unseren Leib und durch die ganze Not dieser Welt auferlegt sind,

in beiden Beziehungen hat Paulus mit voller Zuversicht gesagt, daß Christus

alle Fesseln breche und uns in die Freiheit führe. Sie wird uns aber nicht durch

das zuteil, was wir mit unserem eigenen Vermögen herstellen, sondern das,

was er für uns ist und an uns tut, das macht uns frei.

So kommen wir zum Ziel, das uns die Schrift in Aussicht stellt, daß wir

Gott preisen. Als uns aller Ruhm genommen ward, geschah dies nicht dazu,

damit wir ohne Freude und Ruhm in Scham und Schweigen dahingehen. Genommen

ward uns der eigene Ruhm, damit wir etwas Größeres empfangen

und Gottes uns freuen, weil wir in ihm den finden, der unsere Stärke und

Größe und Herrlichkeit ist. Freude bedürfen wir, und Freude gönnt und gibt

uns Gott. Er gibt sie uns dadurch, daß er uns die falsche Freude nimmt, die wir

uns mit uns selbst bereiten, und uns die gibt, die an seiner Gabe entsteht, daraus,

daß er im Christus seine Herrlichkeit an uns offenbart. Es ist aber auch

für die Eintracht der Gemeinde von großer Bedeutung, welcher Art unser

Ruhm ist, ob wir uns selber oder Gott rühmen. Am eigenen Ruhm entsteht der

Streit; rühmen wir uns aber Gottes, so schädigt unser Ruhm den Frieden und

die Eintracht nicht, stellt sie vielmehr zwischen uns her. Alle die, die in Gott

ihren Ruhm haben, sind ¿ines Sinnes.

Kapitel 2,1-5

Paulus vollbringt sein Werk nicht durch seine Weisheit

Mit dem, was uns Gott als seine Botschaft sagt, und mit der Weise, wie er

seine Gemeinde sammelt, bleibt Paulus in der Ausrichtung seiner Arbeit in

Übereinstimmung. Er kann nun mit wenigen Worten den Vorwurf abtun,

daß seine Predigt arm an Weisheit gewesen sei und der Gemeinde noch nicht

alles gebracht habe, was ihr von christlicher Erkenntnis erreichbar sei. Er

widerspricht diesen Klagen nicht, sie haben recht; aber er sieht auf Gottes Regierung,

auf das, was Gott wollte und schuf, als er seinen Sohn ans Kreuz gab

und seine Gemeinde aus den Niedrigen sammelte. Das gibt seinem Boten für

seine ganze Tätigkeit das Ziel und Maß. 2,1: Auch ich, als ich zu euch kam,

Brüder, kam ich nicht wegen der überragenden Höhe des Worts oder der

Weisheit, als ich euch das Zeugnis Gottes verkündigte. Er zog nicht deshalb

nach Griechenland, weil er sich für einen kunstvollen, wirksamen Redner

hielt oder für einen reichen Denker und glücklichen Forscher. Dieser Gedanke

hat mit seiner Arbeit nichts zu tun; solche Versprechungen hat er seinen

Hörern nie gemacht. Dergleichen fehlt ihm nicht nur, sondern es ist auch nicht


22 Paulus vollbringt sein Werk nicht durch seine Weisheit

nötig für ihn, weil sein Amt darin besteht, Gottes Zeugnis zu verkündigen.

Braucht es Redekunst, damit uns das wichtig werde, was Gott bezeugt? Genügt

es nicht, daß Gott hier spricht? Oder erhält sein Zeugnis von unserer

Weisheit seine Geltung? Ein Zeugnis stellt fest, was geschah und ist; es hat

seinen Inhalt an der Tatsache und ist deshalb unerschütterlich, ob wir es begreifen

oder nicht.

2,2: Denn ich urteile bei euch, daß ich nichts wisse als Jesus Christus und

ihn als Gekreuzigten. Als sich Paulus an die Korinther wandte, hat er sich

überlegt, was ihm als sein Wissen gelte, was das sei, von dem er sagen könne,

das kenne er und sei dessen gewiß. Er hat alles auf die Seite gelegt; nur das

eine weiß er mit jener Deutlichkeit und Sicherheit, die er im höchsten Sinn

ein Wissen heißt, daß Jesus der Christus ist und daß er es in Kraft seines

Kreuzes ist. Das ist die Tatache, die für ihn die völlige Gewißheit der eigenen

Wahrnehmung und des eigenen Erlebnisses besaß. In jeder anderen Hinsicht

trat er willig hinter andere zurück. Bibelkenner gab es auch sonst in Korinth,

ebenso Menschenkenner und weltkundige Leute vielleicht mehr als er. Aber

was sie nicht hatten, er aber besaß, das ist die Kenntnis Jesu, und zwar wieder

in der Begrenzung, daß er weiß, daß er das Kreuz getragen hat. Wie er sich

wieder offenbaren und sein Reich aufrichten wird, das gehört der Zukunft an.

Aber mit voller Gewißheit weiß er, daß der Christus sein irdisches Leben am

Kreuz beschloß. Das ist sein einziger Schatz; aber er reicht aus und bewirkt,

daß sein Wort die errettende Kraft Gottes für alle, die ihm glauben, bei

sich hat.

2,3 : Und ich war in Schwachheit und mit Furcht und vielem Zittern bei euch.

Wenn er kein großer Lehrer und Forscher war, sondern nur diese einzige Erkenntnis

besitzt, so war er doch vielleicht ein Held, der mit Sicherheit auftrat

und durch seine kühne Tat viele mitriß! Im Rückblick auf seine Arbeit in

Korinth ist es ihm jetzt eine süße Erinnerung, daß er dort keineswegs einem

Helden glich, sondern mit Schwachheit rang, nicht nur auswendig, sondern

auch inwendig, da ihn die Größe seines Amts und der schwere Kampf, in den

es ihn mit allen führte, erschütterte und beugte. Daran freut er sich jetzt, weil

dadurch allen deutlich wurde, daß er die Gemeinde nicht an seine eigene Person

binden konnte und wollte. Dieser schwache, geängstigte Mann, der in sich

selbst die Furcht überwinden mußte, damit er reden konnte, erhob nicht den

Anspruch, daß die Gemeinde ihm ihre Verehrung und Unterwerfung darbringe.

Aller Blick wurde dadurch auf Gott gelenkt. Einzig im Gehorsam

gegen ihn überwand er seine Schwachheit und Furcht und tat seine Arbeit,

und einzig von ihm erwartete und empfing er seinen Erfolg.


Der frühere Brief an die Korinther 2,2-5

2 3

Vielen leuchtete die Vermutung ein, die Schche und Angst des Paulus in

Korinth sei daher gekommen, daß er vorher in Athen vergeblich versucht

habe, seine Predigt den Griechen so darzustellen, daß sie ihnen als Weisheit

erschien. Der geringe Erfolg, den er in Athen gehabt habe, habe ihn entmutigt,

so daß er nun in Korinth auf alle "Weisheit verzichtet habe und furchtsam geworden

sei. Diese Beschreibung des Paulus gefällt deshalb vielen, weil sie ihn

so darstellt, wie wir selber sind; sie tut ihm aber sicher unrecht. "Wir arbeiten

freilich oft dazu, damit wir als die großen Männer bewundert werden und

eine Schar von Verehrern um uns sammeln, und lernen erst durch Fehlgriffe

und Mißerfolge,, daß wir nicht für uns zu arbeiten und die Menschen nicht an

uns zu binden haben. Paulus stand dagegen von seiner Bekehrung an anders

zu Gott und anders zur Gemeinde, so nämlich, daß er nicht für sich arbeitete

und nicht selbst verehrt sein wollte an Jesu Statt und an Gottes Statt. Darum

blieb es ihm aber auch erspart, durch seine Fehlgriffe in die Furcht und

Schwachheit zu fallen, sondern er kann sich dieser rühmen als eines heilsamen

und segensreichen Teils seines Apostelberufs. Dies ist seine Furcht und Schwachheit

deshalb, weil er sein Amt nicht dann ausrichten kann, wenn er als

eine glänzende Gestalt vor den Griechen steht, in der ihre Bewunderung einen

Helden feiern kann, sondern nur dann, wenn allen deutlich wird, daß er seine

Kraft nicht aus sich selber nimmt. Grund zu tiefem Beben hatte er in einer

Stadt wie Korinth genug, als er auf das griechische Heidentum mit aller seiner

geistigen und greifbaren Macht allein mit dem "Wort vom Kreuz den Angriff

unternahm.

2,4. 5 : Und mein Wort und meine Verkündigung geschah nicht in gewinnenden

Worten der Weisheit, sondern in der Erweisung von Geist und Kraft,

damit euer Glaube nicht auf der Weisheit von Menschen beruhe, sondern auf

Gottes Kraft. "Wenn er als der "Weise vor sie träte, der ihnen Unterricht erteilt,

so hätte er ihnen nicht mehr zu geben vermocht als "Worte. Freilich können

uns "Worte, die aus einem hellen, reichen Ventand kommen und uns "Weisheit

enthüllen, gewinnen. Aber solange uns nichts als "Worte gegeben werden, ist

die Gabe, die wir empfangen, noch gering, und das Band, das uns mit dem

Apostel verbände, wäre noch schwach. Denn mit den Worten ändert sich am

wirklichen Bestand unseres Lebens noch nichts. Das Ziel des Apostels liegt

höher, und die Gabe, die er bringt, ist größer; er macht den Geist sichtbar,

und Geist ist mehr als "Worte. Denn er bewegt unser inwendiges Leben von

seinem Grund aus, bindet unseren Lebensstand an Gott und erweckt in uns die

Liebe, durch die unser "Wille zu Gott gewendet wird. Und wo Geist ist, da ist

Kraft, nicht nur Gedanken, nicht nur Bilder und "Worte, sondern Leben, das


24 Paulus bringt die vollkommene Weisheit

uns wollen und handeln macht und sein Ziel erreicht, weil es uns von Gott gegeben

ist.

Daher entstand durch die Arbeit des Paulus in den Korinthern zwar nicht

Weisheit, dafür aber etwas Größeres als Weisheit, nämlich Glaube. Sie wurden

durch ihn nicht zu Theologen, nicht zu Kennern des göttlichen Plans und

Werks; dafür bekamen sie die Gewißheit, die weiß, daß sie zu Gott berufen

sind, und das Vertrauen zu ihm, das sich ihm ergibt und sich an seine Gnade

hält und sich nicht auf uns selber stützt. Der Glaube hat aber seinen Grund,

an dem er entsteht und sich hält, nicht an den Menschen, sondern an Gott,

nicht an Gedanken, mögen sie noch so hell und reich sein, sondern daran, daß

uns Gott begegnet, der starke Gott, der Sünde, Tod und alles, was uns verdirbt,

abtut und Leben schafft. Darum war es für Paulus bei seiner ganzen

Arbeit das beständige Anliegen, daß seine Person und sein Wort niemand so

beschäftigte, daß er nichts mehr als Paulus sah und hörte, sondern, daß er für

alle zum Mittel werde, durch das Gott sich ihnen offenbarte, und dieses Ziel

hat er dadurch erreicht, daß er den Blick aller allein auf den einen Vorgang

richtete, auf Jesu Kreuz.

Kapitel 2,6-16

Paulus bringt die vollkommene Weisheit

Denen, die aus der Gemeinschaft mit Gott eine Lehre machen wollten, die

sich in der Bildung von allerlei Gedanken erschöpft, hat Paulus widersprochen,

weil unser Anteil an Gott darauf beruht, daß er nicht als der Weise mit

uns handelt und uns nicht in den Reichtum seiner Erkenntnis einführt, sondern

uns durch den Gekreuzigten gnädig ist. Dies ist aber noch nicht das

Ganze, was Paulus über die Weisheit zu sagen hat. Sie ist Gottes Merkmal und

Besitz und erscheint deshalb in allem, wodurch Gott sich offenbart. Und das

Verlangen nach ihr hat er uns selbst gegeben, und er rottet es nicht aus, läßt

es auch nicht unerfüllt, sondern gibt ihm die Erfüllung. Das geschieht gerade

dadurch, daß er uns zunächst nicht Weisheit gibt, sondern uns von ihr abzieht

und über sie erhebt. Indem er uns zum Verzicht auf unsere Weisheit führt,

bereitet er uns den Zugang zur vollkommenen Weisheit, zu der, die er uns gibt.

2,6-9: Weisheit reden wir aber bei den Vollkommenen, dodi nicht die

Weisheit dieser Zeit noch der Beherrscher dieser Zeit, die abgetan werden;

sondern wir reden Gottes Weisheit im Geheimnis, die verborgen ist, die Gott

vor allen Zeiten zu unserer Herrlichkeit zuvor bestimmte, die keiner der Be-


Der frühere Brief an die Korinther 2,6-9

2 5

henscher dieser Zeit erkannte; denn wenn sie sie erkannt hätten, hätten sie

den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt; sondern wie geschrieben ist: Was

kein Auge sah und kein Ohr hörte und in das Herz keines Menschen kam, was

Gott denen bereitet hat, die ihn lieben (Jesaja 64,3). Nidit an den Anfang des

Christenstands stellt Paulus die Weisheit, nicht dahin, wo erst der Glaube erlangt

werden muß, durch den wir uns zu Gott hinwenden, und die Buße errungen

werden muß, durch die wir unseren bösen Willen zerbrechen. Es entsteht

aber in unserem inwendigen Leben eine Bewegung, durch die unser

Glaube fest, unsere liebe stark und unser Gehorsam völlig wird. Darum gibt

es Vollendete, zum Ziel Gelangte, die einen befestigten Christenstand haben,

nicht nur Unmündige, deren inwendiges Leben noch dem der Kinder gleicht.

Im Verkehr mit jenen hat sich Paulus nicht geweigert, weise zu sein und ihnen

zu einem vollen Einblick in Gottes Rat zu verhelfen. Aber auch dann unterscheidet

sich das, was er Weisheit nennt, scharf von dem, was nach dem Urteil

der Menschen als solche gilt. Wenn er seine letzten, höchsten Erkenntnisse

ausspricht, erwartet er ebensowenig, daß ihm alle zustimmen und seine Gedanken

als Weisheit schätzen, wie wenn er den Gekreuzigten beschreibt. Denn

seine Weisheit ist eine andere als die, von der der Verlauf der gegenwärtigen

Geschichte geleitet wird. Paulus denkt an die geistigen Mächte, die über das,

was in der Menschheit geschieht, wachen und die Schicksale der Völker ordnen.

Die von ihnen gepflanzte Weisheit bringt Kultur hervor, erfindet Künste

und erzeugt den Politiker, der die nationalen Ordnungen umgestaltet. Von

dieser Art war die -Weisheit nicht,.die Paulus denen übergab, die einen reifen

Christenstand erlangt hatten. Seine Erkenntnis hat ihren Gegenstand in der

kommenden Welt, im Ziel, zu dem Gott die menschliche Geschichte bringt, in

der endgültigen Offenbarung des Christus, durch die er sein Reich vollenden

und uns seine vollkommene Gabe mit ewigem Leben gewähren wird. Diese

Ziele des göttlichen Werks sind dem menschlichen Bück verborgen. In dieser

Weisheit unterweist kein mit Macht begabter Geist; zu ihr führt keine natürliche

Begabung, kein Fleiß des Forschens, keine Kunstfertigkeit. Auch die, die

während der gegenwärtigen Weltzeit vom Jenseits her den ganzen Verlauf

unserer Geschichte beherrschen, kennen sie nicht. Denn auch ihr Blick ist bloß

auf das gerichtet, was sich jetzt vollzieht, wie denn auch ihre Herrschaft dann

ein Ende nimmt, wenn Gott seine alles vollendende Offenbarung gibt und

den Christus zum Herrn über alles macht.

Die Erkenntnis, die die letzten göttlichen Werke schaut, ist allein Gottes

Eigentum, darum ein Geheimnis,und verborgen und nur denen zugänglich,

denen er sein Wort übergibt, damit sie es der Menschheit bringen. Sie hat


2.6 Paulus bringt die vollkommene Weisheit

ihren Inhalt an dem, was Gott seiner Gemeinde als ihre ewige, bleibende

Herrlichkeit gewährt. Denn Gottes Weisheit ist mit seiner Gnade vereint

und ordnet das, was seine Gnade den Seinen gibt. Das blinde Auge sieht die

Herrlichkeit nicht, die Gottes Gnade uns gewährt; nur das erleuchtete Auge

nimmt sie wahr, nur der, der über diese Zeit zu Gottes ewigem Rat hinaufzusehen

vermag. Zum Beweis, wie völlig die beiden Arten der Weisheit voneinander

verschieden sind, die, die für diese Zeit bestimmt ist, und die, die

Gottes ewigen Rat vollbringt, dient Paulus wieder Jesu Kreuz, durch das der

Gegensatz ans Licht gekommen ist, in dem alle schon vorher vorhandenen

Gedanken gegen Gottes Ziel und Willen stehen. Die, die unter der Leitung der

regierenden Mächte Jesus kreuzigten, sahen an ihm nichts von Gottes Herrlichkeit

und ahnten nicht, daß er ihr Herr sei, der sie selber hat und uns gewährt.

Weil sie ihn für ohnmächtig, für von Gott verworfen und gerichtet

hielten; kreuzigten sie ihn. Und doch waren die Priester und Lehrer Jerusalems,

die Jesus verurteilten, im vollen Besitz der Erkenntnis, zu der ihre Zeit

gelangen konnte. Nicht weil sie unwissend waren, sondern weil-sie Gott zu

kennen meinten, verwarfen sie Jesus und töteten ihn in Kraft ihrer Theologie.

So hat sich jener Spruch Jesajas erfüllt, mit dem die Weisen Jerusalems

selber oft die vollkommene Gabe beschrieben, der verkündet, daß sich das

menschliche Auge und die menschlichen Gedanken nicht zu jener Höhe erheben

können, die uns Gottes vollkommene Gabe beschert. Völlig neu, ungeahnt

und unfaßlich für alle wird uns die Herrlichkeit des ewigen Lebens gewährt

als ein neues göttliches Werk. Und doch hat es nicht einzig in der Zukunft

seinen Ort, sondern bringt Gottes zukünftige Gabe mit unserem jetzigen

Leben in einen festen Zusammenhang. Denn die kommende Herrlichkeit hat

Gott für die bereitet, die ihn lieben. Darum geschieht unsere Berufung zur

Herrlichkeit der neuen Welt durch das Wort vom Kreuze Jesu, das uns die

Liebe Gottes kundtut, die um unsere Liebe wirbt und uns zur liebe führt, und

deshalb sind nicht die, die als die Weisen Gott zu verstehen meinen, sondern

die Glaubenden die Berufenen. Denn im Glauben an den, der für sie starb,

gewinnen sie die Liebe und treten dadurch in die Schar derer, für die die Herrlichkeit

bereitet ist.

Wie kann es aber von den letzten, höchsten Dingen, die uns Gottes Liebe

bereitet hat, jetzt schon eine Gewißheit und Erkenntnis geben? Darauf antwortet

der neue Satz des Paulus, der beschreibt, wie sich die verborgene Weisheit

Gottes in das menschliche Denken hineinpflanzen kann. 2,10. n: Uns

aber hat es Gott durch den Geist geoffenbart. Denn der Geist erforscht alles,

auch die Tiefen Gottes. Denn wer von den Menschen weiß, was im Menschen


Der frühere Brief an die Korinther 2,10-12 2"]

ist, außer der Geist des Mensdoen, der in ihm ist? So hat auch keiner das erkannt,

was in Gott ist, außer Gottes Geist. Das Evangelium besteht nicht in

einer Weisheit, nicht in einer Lehre, die unser Denken reich macht; dennoch

macht es uns sogar über jenen Willen Gottes gewiß, der den ganzen Tatbestand,

den wir vor Augen haben, überragt. Das geschieht dadurch, daß Gottes

Geist mit ihm bei uns ist. Darum ist uns Christus audi zur Weisheit gemacht,

weil er uns Gottes Geist sendet. Durch ihn ist Paulus eine innerliche und völlige

Verbundenheit mit Gott gewährt, durch die ihm Gottes Wille vernehmbar

wird. So wird die Erkenntnis nicht mehr von der eigenen Denkarbeit erwartet

oder gar durch einen Ansturm auf Gott von ihm verlangt und ertrotzt; nun

ensteht sie so, wie sie allein entstehen kann, als Gottes Gabe. Der Geist ist der

rechte Schöpfer der Erkenntnis, einzig er, nichts sonst. Es ist sein Merkmal,

daß er alles sichtbar madit und alles erfaßt. Vor ihm gibt es keine Geheimnisse;

nichts bleibt ihm unbekannt. Für Gottes Geist sind auch Gottes Tiefen

hell. Paulus braucht dafür den natürlichen Vorgang in uns zur Erläuterung.

Allen anderen, auch denen, die mit uns in der vertrautesten Gemeinschaft

leben, bleiben wir teilweise unbekannt und unverständlich. Sie sehen nur undeutlich,

was sidi in uns zuträgt. Nur einer kennt uns wirklich, unser Geist.

Er stellt das, was in uns geschieht, vor unseren Blick und macht, daß-wir

wissen, was wir erleben und tun, auch wenn sonst niemand davon Kenntnis

hat, wenigstens keine vollständige. Durch diese beständige Arbeit unseres

Geistes, durch die er uns die Erkenntnis von uns selber gibt, hat er mit Gottes

Geist Ähnlichkeit, der dasselbe Amt, Erkenntnis zu geben und Wissen zu

scharfen, in der vollkommenen Herrlichkeit der göttlichen Art ausübt. Er

schaut nicht nur in die Tiefen unseres Herzens, sondern in die Tiefen Gottes

hinein. Darum ist da, wo Gottes Geist wohnt und das menschliche Denken

bewegt und durchleuchtet, jene Weisheit da, die auch kein zur Herrschaft berufener

himmlischer Geist besitzt.

2,12: Wir aber empfingen nicht den Geist der Welt, sondern den Geist, der

aus Gott ist, damit wir das kennen, was uns von Gott geschenkt worden ist.

Von innen her ist Paulus von der Welt getrennt, nicht nur von außen her, dadurch,

daß er einen anderen Geist hat als sie, nicht den, der das menschliche

Leben, wie es überall ist, hervorbringt und uns jene Weisheit gewährt, die die

gegenwärtige Welt begreift. An diesem Geist hat jeder in seinem Maß teil,

der in das gemeinsame Leben der Menschheit hineingeboren wird. Es gibt aber

einen Geist, der uns als Gottes Gabe zuteil wird, nicht deshalb, weil wir

Glieder der Welt sind, sondern deshalb, weil wir mit Christus verbunden sind,

und aus seiner Wirklichkeit in uns entsteht ein neues, höheres Wissen, nicht


28 Paulus bringt die vollkommene Weisheit

von dem, was wir wollen und schaffen, sondern von dem, was Gott will und

schafft, wie auch durch ihn eine neue Liebe in uns entsteht, nicht die, die nach

dem begehrt, was uns selbst beglückt, sondern die, die nach dem trachtet, was

Gottes ist und seine Größe offenbart. Aus dieser neuen Erkenntnis entsteht

auch ein neues Lehramt, das nicht mit demjenigen Unterricht zu vergleichen

ist, durch den wir einander in die irdische Weisheit einführen.

2,13: Davon reden wir auch nicht in Worten, wie sie menschliche Weisheit

lehrt, sondern in solchen, die der Geist lehrt, und vereinen, was der Geist gibt,

mit dem, was der Geist lehrt. Damit das, was der Geist dem Apostel zeigt, für

ihn aussprechbar und lehrbar werde, braucht er noch eine neue Gabe des

Geistes, die, daß er ihm das rechte Wort gebe, in das er dasjenige faßt, was

ihm innerlich vernehmbar wird. Nicht nur für den Stoff, sondern auch für die

Form seiner Lehrarbeit schließt Paulus ausdrücklich die Mithilfe der menschlichen

Weisheit aus. Die Worte, die diese braucht, kann er nicht brauchen und

in der Art seiner Rede mit ihr nicht wetteifern. Alles muß hier in keuschem,

völligem Gehorsam unter der Leitung des Geistes stehen, sowohl der Inhalt als

die Form, sowohl das, was er sagt, als wie er es sagt und wem er es sagt.

Mischungen, die das, was der Geist gibt, mit dem vermengen, was die Welt

hervorbringt^ leidet die heilige Art und Hoheit des Geistes nicht. Deshalb'

muß Paulus freilich darauf verzichten, daß ihn alle für weise halten, alle bewundern

und verstehen. Seine Weisheit wird nur dann verstanden und geschätzt,

wenn ihr Hörer selbst vom Geist geleitet ist und von ihm sein Denken

und Wollen empfängt*.

2,14: Aber ein Mensch von seelischer Art nimmt das nicht an, was des

Geistes Gottes ist; denn es Ist für ihn eine Torheit, und er kann es nicht erkennen;

denn es wird auf geistliche Art erforscht. Weil wir die Kraft, die unser

inwendiges Leben hervorbringt, „Seele" nennen, so heißt Paulus denjenigen

Menschen, der auf sich selbst beschränkt ist und in keiner höheren Gemeinschaft

und Leitung steht, „seelisch". Ein solcher hat die Gedanken und

das Verlangen, das uns unsere Seele gibt. Zwischen ihr und dem Geist besteht

derselbe Gegensatz wie zwischen der Welt und Gott. Denn das, was unsere

Seele hat und kann, durchbricht die Geschiedenheit nicht, durch die wir als

Glieder der Welt von dem entfernt sind, was Gottes ist. Darum entsteht dann

ein scharfer Streit, wenn das, was aus dem Geist stammt, zu dem kommt, der

bloß von seiner Seele lebt und nichts anderes besitzt, als was er sich selbst im

Verkehr mit der Natur und den anderen Menschen verschaffen kann. Ihn be-

• Vielleicht sind die letzten Worte in Vers 13 so zu übersetzen: „Und das, was vom Geiste stammt,

legen wir denen aus, die geistlich sind."


Der frühere Brief an die Korinther 2,13-16 *9

unruhigt, überrascht und verletzt das, was uns Gott offenbart. Der Geist bezeugt

Gott in seiner Herrlichkeit über der Natur und in seiner Heiligkeit gegen

unseren verwerflichen Willen. Darum gilt uns das nicht als begehrenswert und

weise, was der Geist sagt und will, bis der Geist selbst auch in uns für seine

Gabe Raum schafft. Er selbst muß in uns zuerst das Auge herstellen, durch

das wir das als Wirklichkeit erfassen, wovon er spricht, und selbst in uns die

liebe erwecken, die nach dem-verlangt, wonach er begehrt.

Dabei geht es nicht in dem Sinn wunderbar zu, daß die vom Geist uns verliehene

Erkenntnis plötzlich ohne Vermittlung und Arbeit in uns hervorträte.

Was der Geist lehrt und gibt, bietet sich unserem Urteil dar und soll

von uns erforscht werden. Durch unsere eigene Arbeit und Anstrengung wird

es unser Eigentum. Denn Gottes Geist macht uns nicht untätig und leer, sondern

versetzt uns erst recht in eine persönliche, tätige Lebendigkeit, die nun

nicht mehr in uns selbst, sondern in Gott ihren Grund und ihr Ziel besitzt.

Aber unser Untersuchen und Urteilen kommt nur dann zu seinem Ziel, wenn

es so geschieht, daß Gottes Geist dasselbe erweckt, regiert und heiligt. Nicht

unser Wille hat hier in seiner eigenen Macht eine Entscheidung abzugeben, als

ob wir die Richter über die göttlichen Dinge wären. Will unser Eigenwille

an sich ziehen, was des Geistes ist, so entstehen nur die groben Entstellungen

der göttlichen Wahrheit und die verwirrenden Scheinbilder des Heiligen. Für

alle inwendige Arbeit ist hier die erste Bedingung, daß,-wir mit völligem, aufmerksamem

Gehorsam in der Leitung des Geistes bleiben.

2,15.16: Der aber, den der Geist leitet, erforscht alles; er selber wird aber

von niemand erforscht. Denn wer hat den Gedanken des Herrn erkannt, der

ihn beraten könnte? (Jesaja 40,13.) Wir aber haben den Gedanken des Christus.

Wer in der Leitung des Geistes bleibt, so daß er seine inwendige Art

durch den Geist empfängt, dem gibt Paulus die unbegrenzte Verheißung. Er

ist nicht der Verführung preisgegeben, sondern dringt in allen Fällen zum

klaren Urteil durch; denn er fragt nicht umsonst, sondern bekommt Aufschluß

und bittet nicht vergeblich, sondern sein Verlangen nach Erkenntnis wird ihm

gewährt. Gott zeigt ihm seinen Willen und läßt ihn sein Werk schauen. Wie

die dem Gebet gewährte Verheißung unbedingt und vollkommen ist und die

dem Glauben gegebene Zusage keine Beschränkung und Bedingung hat, ebenso

macht Paulus die unserem Erkennen gegebene Verheißung von allen Bedingungen

frei. Auch unserem Auge gewährt Gottes vollkommene Gnade

eine vollkommene Gabe. Nur die eine Bedingung gilt, daß unser Forschen und

Urteilen seinen Grund nicht in uns selber suche und nicht aus unserem selbstischen

Trieb entstehe, sondern uns durch den Geist Gottes gegeben sei. Darin


30 Paulus bringt die vollkommene Weisheit

liegt der völlig ausreichende Schutz, damit wir diese Verheißung nicht mißbrauchen.

Wie sollten wir sie unserer Neugier oder unserer Herrschsucht

dienstbar machen, als hätte eine neugierige oder herrschchtige Frage die Art

des Geistes an sich? Keine Frage und kein Urteil, durch das wir unsere Eitelkeit

nähren und uns selbst großmachen wollen, kann sich auf diese Verheißung

stützen. Die Schranke, die unserem Erkennen gesetzt bleibt, entsteht nicht von

außen her, sondern von innen, daraus, daß es in Gottes Sachen nur dann erfolgreich

ist, wenn es Gott selbst durch seinen Geist uns gibt. Er schafft die

Fragen in uns, die aus der liebe entspringen, die unseren Dienst treu ausrichten

und Gottes Werk ganz und tüchtig tun möchte. Dafür ist uns die Verheißung,

daß wir nicht im Dunkeln bleiben und ratlos irren, unentbehrlich,

und dazu spricht sie Paulus aus.

Weil der, den der Geist bewegt, den offenen Zugang zu Gott hat, so entsteht

zwischen ihm und den anderen Menschen eine Trennung. Ihnen wird er

zum Geheimnis, das sie nicht verstehen und falsch beurteilen. Dem, der in der

Leitung des Geistes steht, sagt Paulus, daß er seine Freiheit nicht preisgeben

darf, sondern sich gegen alle menschlichen Ratschläge und Vorschriften verschließen

muß. Niemand hat das Recht, ihn zu meistern; auf keinen darf er

so hören, daß er gegen die Gewißheit untreu würde, die der Geist ihm selbst

gegeben hat. Für Paulus hatte diese Wahrheit damals besondere Bedeutung,

weil sie in Korinth bereit waren, über seine Arbeit mancherlei Tadel auszusprechen

und an ihn verkehrte Ansprüche zu stellen. Keiner hat dazu das

Recht; denn er unterwirft sich keinem menschlichen Urteil, sondern ist allein

an Gottes Weisung gebunden, wie er sie ihm durch den Geist erteilt. Das folgt

aus der Erhabenheit der göttlichen Gedanken über unsere Einsicht, die es ausschließt,

daß sich jemand unterstände, Gottes Berater zu sein. Erst, wenn uns

Gott seine Gedanken offenbart, lernen wir sie kennen; mit unseren eigenen

Gedanken erraten wie seine Wege und Ziele nie. Darum hat der, den der

Geist leitet, allein auf Gott zu achten, unbekümmert um die Meinungen der

Menschen.

Wie gelangen wir trotz der Erhabenheit Gottes über unser menschliches

Verstehen zu seiner Weisheit? Da nennt uns Paulus nochmals den Mittler, der

zwischen unserer Armut und der der verborgenen Hoheit Gottes steht, den

Christus, der uns so mit sich verbindet, daß wir denken lernen wie er, und dadurch

unsere Gedanken in die Übereinstimmung mit Gottes Willen bringt.

Darum hat für die, die mit ihm verbunden sind, die Frage: wer. hat Gottes Gedanken

erkannt? nicht nur die demütigende und beugende Bedeutung, die sie

an ihre Schche und Armut erinnert, sondern sie spricht für sie zugleich die


Der frühere Brief an die Korinther 3,r. 2 3 *

Größe der Gabe aus, die ihnen Jesus gewährt. Denn dadurch, daß sie ihn kennen

und wissen, was er denkt und will, kennen sie Gott. Damit gibt uns Paulus

einen deutlichen, sicheren Maßstab, woran wir die Leitung des Geistes erkennen

und von allen anderen Regungen unterscheiden. Geistlich denkt der,

der den Gedanken Jesu kennt und ihm gehorsam bleibt. Die Leitung des

Geistes führt nicht von Jesus weg und macht uns sein "Wort nicht überflüssig,

sondern pflanzt Jesu Sinn in uns hinein. Das ist dasjenige in uns, was nicht

seelisch, sondern göttlich ist.

Kapitel 3,1-23

Die Stellung der Lehrer in der Gemeinde

Um der Parteiung willen, die in Korinth entstanden war, hat Paulus von

der "Weisheit gesprochen und wegen der Vorwürfe, die sie ihm machten, gesagt,

warum er ihnen keine "Weisheit bringen konnte und wiefern er sie doch

zur höchsten "Weisheit führt. Durch beides nimmt er ihnen den Anlaß zum

Zank. Die Botschaft vom Gekreuzigten läßt keine Hoffart zu, so daß wir uns

unserer Erkenntnisse rühmten, und an derjenigen "Weisheit, die der Geist denen

gibt, die ihm gehorchen, entsteht kein Zank; denn sie ist mit eigensüchtiger

Blähung nicht vermengt. Paulus hilft nun der Gemeinde noch weiter dadurch

zur Eintracht, daß er ihr zeigt, welcher Platz dem Lehrer in ihr gebührt, worin

seine Aufgabe besteht und wie sie ihm richtig dankt. Er hat zwar schon gleich

im Eingang, 1,13, gesagt, daß sie aus ihm nicht ein Sektenhaupt oder einen

Parteiführer machen dürfen und sich nicht so an ihn hängen können, als wäre

er ihr Heiland und Herr. Es gab aber in Korinth solche, die sich vordrängten

und Anhänger für sich warben. Darum stellt es Paulus für alle fest, was denen,

die die geistliche Arbeit in der Kirche tun, gebührt. Den Übergang zu dieser,

Mahnung stellt er dadurch her, daß er den Korinthern an ihrem Zank um

die "Weisheit zeigt, wie fern sie noch von ihr sind.

Kapitel 3,1-4

Die Unfähigkeit der Korinther für die Weisheit

3,1. 2: Und ich, Brüder, konnte mit euch nicht reden als mit solchen, die der

Geist leitet, sondern als mit solchen, die aus Fleisch sind, als mit kleinen Kin-,

dem im Christus. Ich gab euch Milch zu trinken, nicht feste Speise. Denn ihr

wäret noch nicht fähig. Sie klagen, er habe sie nicht zur "Weisheit geführt. Als

er sie aber aus dem Juden- und Heidentum heraus zur Gemeinde sammelte.


3 2 ' Die Unfähigkeit der Korinther für die Weisheit

da' war es hierzu noch nicht Zeit, weil die Erkenntnis Gottes, die wirklich

dieses Namens wert ist, ihre Bedingung im Besitz des Geistes hat. Aber damals

war nichts als das Fleisch an ihnen. Sie hatten keine anderen Gedanken

und Wünsche als die, die uns unsere natürliche Art verschafft, und gehörten

noch nicht zu jenen Vollkommenen, für die es sich ziemt, auch auf das große

künftige Ziel der göttlichen Regierung ihr Auge zu richten, sondern fingen erst

mühsam und ungeschickt an, durch ihre Gemeinschaft mit Christus das zu

wollen, was Gott will. Im Verhältnis zur Welt waren sie wohl Männer; aber

im Christus erst noch Kinder, deren Leben sorgsam und langsam gepflegt und

gestärkt werden muß.

3,3.4: Aber auch jetzt seid ihr noch nicht fähig. Denn ihr seid noch fleischlich.

Denn wo Eifersucht und Streit bei euch sind, seid ihr dann nicht fleischlid)

und wandelt nach des Menschen Sinn? Denn wenn der eine sagt: „Ich gehöre

zu Paulus", ein anderer aber: „Ich zu Apollos"\ seid ihr nicht Menschen? Die

Korinther gaben gern zu, daß in der Anfangszeit der Gemeinde andere Dinge

nötiger waren als theologischer Unterricht. Aber nun wünschen sie solchen zu

erhalten und sind mit dem Evangelium, das ihnen Paulus gab, nicht mehr zufrieden.

Allein eben dieser Wunsch zeigt, daß ihnen die Weisheit auch jetzt

noch unzugänglich ist. Denn mit ihrem Verlangen nach ihr verbinden sie die

Eifersucht, die für den Ruhm ihrer Meister und die eigene Größe kämpft und

dagegen die anderen herabsetzt, und den Zank, der ihrer Meinungen wegen

die Liebe bricht. So denkt und handelt der Mensch, wenn er sich seine inwendige

Art vom Fleisch geben läßt und die Triebe, die aus seiner Natur stammen,

ihn beherrschen. Bestimmt Gottes Geist das, was er inwendig ist, dann

hat er die Liebe in sich, nicht den Zank, und die Selbstlosigkeit, nicht die

Hoff art. Dann weiß er, daß alle echte Erkenntnis Gottes seine Gabe ist, und

mißbraucht sie nicht zur eigenen Erhöhung und zur Erniedrigung der Brüder.

So wandeln sie „nach des Menschen Weise" und gehorchen dem Trieb, den

der Mensch in sich selbst findet, wenn er abgeschieden von-Gott seinem eigenen

Willen folgt. Darum macht es jedermann so. Jedermann wählt sich seine

Meister und stützt sich auf sie; Aber gerade darum, weil es jedermann so

macht, gilt diese Weise in der Gemeinde des Christus nicht. So sind sie „Menschen",

nichts als das. Denn das haben-sie nicht von Gott gelernt, haben so

nicht Jesu Denkweise und forschen nicht unter der Leitung des Geistes nach

Gottes Willen. Hätte die Kirche der alten und neuen Zeit bei ihrer Denkarbeit

diesen einfachen Maßstab benützt, nach dem hier Paulus das reine und

das unreine Verlangen nach Erkenntnis unterscheidet, so wäre vieles in der

Kirche anders, als es ist.


Der frühere Brief an die Korinther 3,3-6 3 3

Kapitel 3,5-9

Der treue Lehrer

3,5: Was ist denn Apollos? Was ist Paulus? Diener sind sie, durch die ihr

zum Glauben kamt, und jeder, wie- es ihm der Herr gab. Neben sich stellt er

Apollos, weil er hier zeigen will, wie das Amt derer anzusehen ist, die es

richtig verwalten. Hernach spricht er auch von der Gefahr, die sich mit dem

Amt auch dann noch verbindet, wenn es in guter Absicht im Dienst des Christus

verwaltet wird. Dann folgen noch die, die nicht bauen, sondern zerstören.

Zuerst entwirft er aber das Bild eines Lehrers, der sich sein Amt nicht selbst

genommen, sondern von Gott empfangen hat und es nicht für sich selbst mißbraucht,

sondern das ihm übergebene Werk mit Treue tut. Dazu ist ihm auch

die Erinnerung an Apollos, dem er das Zeugnis gibt, daß er redlich für die

Sache des Christus in Korinth arbeitete, deshalb dienlich, weil er der Gemeinde

am verschiedenen Werk beider zeigen will, wie sie solche Unterschiede

anzusehen hat. Gemeinsam gilt für alle, die ihre Arbeit richtig tun, daß sie

Diener sind. Sie tun sie der Gemeinde zugut, nicht sich selbst, darum auch

nicht eigenmächtig, sondern so, wie der Christus ihren Dienst geordnet hat.

Das Ziel ihrer Arbeit ist die Erweckung des Glaubens, der nicht ihnen, sondern

dem Christus gilt. Daß dieser durch sie entstehe, das ist das große, ihnen

aufgetragene Werk. Diese allen gemeinsame Arbeit wird den einzelnen in verschiedener

Weise zugeteilt. Diese Unterschiede entstehen nicht nur durch das

Verhalten der Gemeinde oder der Träger des Amts, sondern beruhen auf der

göttlichen Regierung. 3,6: Ich pflanzte das Gewächs, Apollos tränkte es; aber

Gott gab ihm das Wachstum. Die begründende Arbeit, durch die die Gemeinde

entstanden ist, tat Paulus. Darum vergleicht er sich dem, der einen Baum oder

eine Rebe setzt. Alle weitere Arbeit, die zur Erhaltung des Gewächses dient,

hat an der seinigen ihre Voraussetzung. Dadurch macht er aber den Dienst der

Späteren nicht überflüssig. Wird das Gewächs nicht bewässert, so stirbt es ab.

Dieser Arbeit vergleicht er die des Apollos, der nach ihm in die Gemeinde kam

und den Anfang weiterführte, der durch Paulus entstanden war, dadurch, daß

auch er manchem zum Glauben half und der Gemeinde neue Glieder zuführte,

und dadurch, daß er denen, die schon zur Gemeinde gehörten, durch sein Wort

bei der Bewahrung des Glaubens und der Führung des Christenstandes half.

Aber die menschliche Arbeit allein bringt den Erfolg nicht zustande. Das gilt

von der, durch die die Gemeinde entsteht, ebensogut wie von der, durch die ein

Gewächs zum Wachstum gelangt. Die Kraft zu diesem hat es weder von dem,

der es setzt, noch von dem, der es bewässert; Wachstum wirkt nur Gott. So


3 4 Der treue Lehrer

ist es auch bei der Gemeinde. Der Mensch ist bei ihrer Sammlung und Erhaltung

nur der Diener; Glauben schafft Gott allein.

Daran geht alle Überhebung und Einbildung unter, die die Lehrer zu Herren

der Gemeinde macht. 3,7: Also ist weder der, der pflanzt, noch der, der

tränkt, etwas, sondern der, der das Wachstum gibt, Gott. Beides ist möglich,

sowohl daß der Lehrer sich selbst groß und wichtig erscheint und die Herrschaft

über die Gemeinde begehrt, als auch, daß die Gemeinde ihn so verehrt,

als ob ihr Glaubensstand von ihm abhinge. Dadurch wird Gott vergessen.

Nicht nur dann, wenn der Lehrer mit seinen eigenen Gedanken und eigenem

Vermögen seine Arbeit tun will, ist er nichts; sicherlich macht er so aus seiner

Arbeit das Gegenteil von dem, was er leisten soll, nicht Aufbau, sondern Abbruch,

nicht Dienst Gottes, sondern die Herstellung seiner eigenen Größe. Er

ist aber gerade dann, wenn er richtig arbeitet, selber nichts, deshalb nämlich,

weil er dann sein "Werk im Dienst Gottes vollbringt. Im Dienst Gottes ist aber

nicht der Dienende, sondern Gott der, an dem alles hängt. Wie es keinen

Ackerbau gibt ohne die Natur, so gibt es auch keine kirchliche Arbeit und kein

kirchliches Leben ohne Gottes berufende Gnade.

Weiter folgt daraus die Eintracht zwischen denen, die an der Gemeinde

arbeiten. 3,8: Der aber, der pflanzt, und der, der tränkt, sind eins. Jeder aber

wird seinen eigenen Lohn erhalten nach seiner eigenen Arbeit. Zwietracht kann

wieder sowohl durch die Lehrer als durch die Gemeinde gestiftet werden, durch

die Lehrer, wenn der eine die Arbeit des anderen verachtet und nur die seinige

für fruchtbar und wichtig hält, durch die Gemeinde, wenn sie zwischen den

Lehrern ihrer verschiedenen Arbeit wegen Unterschiede macht und den einen

hochhält und den anderen herabsetzt. Dazu kommt es dann sicher, wenn die

Lehrer etwas sein sollen ohne Gott und nicht festgehalten wird, daß sie alle

nichts als Diener sind, die Gott bei seiner Arbeit braucht. "Wird Gott in seiner

Hoheit über allen nicht vergessen, so ist die Eintracht zwischen ihnen da; denn

es ist ein und dasselbe "Werk, zu dem alle durch ihre Arbeit mithelfen. Der

Pflanzende hat nichts erreicht, wenn das Gewächs, das er setzte, nachher ohne

Pflege verdirbt; der Tränkende könnte nichts schaffen, wenn er nicht das Gewächs

vorfände, das durch die Arbeit des Pflanzenden entstanden ist. Indem

beide ihren Beruf erfüllen, wird das "Werk eines jeden erhalten und zu seinem

Ziel gebracht. Nicht ein Schatten von Neid berührte Paulus in Gedanken an

das "Werk des Apollos in Korinth, als könnte der Pflanzende auf den neidisch

sein, der begießt! Dieser setzt ja sein eigenes "Werk fort und macht, daß es gedeiht.

Ebensowenig kann aus dem "Werk des Apollos Undank gegen Paulus

entstehen; denn jenes ist vollständig auf das gestellt, was Paulus schuf. Das


Der frühere Brief an die Korinther 3,7-11 3 5

Maß der Anstrengung, des Leidens und der Aufopferung ist für die einzelnen

verschieden, teils nach der Art der Arbeit, die ihnen zugewiesen ist, teils nach

der Stärke ihrer Liebe und Treue. Gott wird einem jeden vergelten, was er für

ihn auf sich genommen hat. Das sagt Paulus denen zum Trost, die härter

arbeiten und schwerer leiden als andere, und denen zum Sporn, die sich ihre

Arbeit in Trägheit und Lauheit bequem machen.

All das beruht darauf, daß der Lehrer mit seiner Arbeit im Dienst Gottes

steht und Gott ihn zu dem braucht, was seine Gnade in der Menschheit schafft.

Darum ist er selber nichts und Gott allein alles, und darum sind hier alle zum

selben "Werk vereint, und darum ist seine Mühe nicht vergeblich, sondern verschafft

ihm Gottes herrlichen Lohn. 3,9: Denn Gottes Mitarbeiter sind wir;

Gottes Ackerland, Gottes Bau seid ihr. Das bringt jene Einigung von völliger

Demut und ganzer Zuversicht hervor, die das Merkmal jedes echten Arbeiters

und jeder lebendigen Gemeinde ist. Da sie der Acker ist, dem Gott seine Saat

anvertraut, damit dort für ihn die Frucht wachse, und der Bau, den er für sich

errichtet, deshalb ist die Gemeinde heilig. Sie ist der echte Tempel Gottes auf

Erden. Daß Gott solches durch die schafft, denen er das Amt in der Kirche

gibt, darauf beruht dessen Kraft, Größe und Fruchtbarkeit. Aber die Heiligkeit

der Gemeinde und die Größe ihres Amtes entsteht nicht aus dem, was der

Mensch ist und leistet, sondern daraus, daß Gott sie zur Ausführung seines

gnädigen Willens braucht. Darum verdirbt jede Kirche am Sektenstolz und

jeder Träger des Amts an der Uberhebung, die sich selbst verherrlicht. Ist er

nicht mehr der Mitarbeiter Gottes, arbeitet er für sich und durch sich, so ist

er tot.

Kapitel 3,10-1$

Der ungeschickte Arbeiter

Es gibt in der Gemeinde nicht nur treue Arbeiter, die den Acker Gottes so

bestellen, daß er seine Frucht trägt, und den Bau Gottes so fördern, wie es dem

Willen des Bauenden entspricht, sondern auch solche, die nach ihrem eigenen

Sinn Verkehrtes schaffen. Die Ermahnung, die dadurch nötig wird, faßt Paulus

in das Gleichnis vom Bau, weil er durch dieses leichter darstellen kann,

wie auch verkehrte Hände in Gottes Werk eingreifen und es verunstalten.

3,10.11: Nach der Gnade Gottes, die mir gegeben worden ist, habe ich als

weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut aber darauf. Es gebe

aber jeder acht, wie er darauf baut. Nicht das tadelt Paulus, daß die Gemeinde

nicht so blieb, wie er sie hergestellt hat. Der Gedanke war ihm fremd, àie

Christenheit müsse nach außen und nach innen, in ihrer Ausbreitung wie in


36 Der ungeschickte Arbeiter

ihrer inneren Verfassung in dem Zustand verharren, in den er sie durch seine

eigene Arbeit gebracht hatte. Er hat den Anfang gemacht und das Fundament

aufgerichtet, wie er im anderen Gleichnis sagte, er habe das Gewächs gepflanzt.

Nun muß aber der Bau wachsen. Er ist nicht schon durch Paulus vollendet, als

brauchte Gott nur ihn in seinem Dienst. Dazu beruft pottes Regierung andere

Arbeiter, und diese haben deshalb die Pflicht, auf ihre Arbeit acht zu haben,

damit sie den Bau richtig weiterführen. Paulus hat im Blick auf seine eigene

Arbeit ein gutes Gewissen; denn er hat sie als weiser Baumeister nach Gottes

Willen getan. Deshalb lobt er nicht sich selbst, sondern dankt der göttlichen

Gnade. Daher müssen die Späteren nicht einen Neubau beginnen, nicht wieder

von vorn anfangen, sondern sollen fortsetzen, was er begonnen hat, und

ihr Werk auf den Grund stellen, den Paulus für sie bereitet hat. Die Kirche

ist jetzt da und muß nicht erst geschaffen werden. Jeder neue Arbeiter tritt in

sie ein und schließt sich mit seinem Werk an das an, das vor ihm geschehen ist.

3,11: Denn einen anderen Grund kann keiner legen außer dem, der gelegt

ist, der Jesus Christus ist. Darum besteht der Beruf der Späteren nur darin,

daß sie weiterbauen, 1 nicht aber darin, daß sie die Arbeit des Paulus zerstören

oder beiseite lassen und selbst einen neuen Anfang wagen. Aus Jesus entsteht die

Gemeinde, die Gott gehört. Darum hat er den Christusnamen, das königliche

Amt, das er dadurch vollführt, daß er die Gemeinde Gottes schafft. Es gibt für

die Kirche kein anderes Fundament, weil sie den, in dem sich Gott uns offenbart

und durch den er uns begnadet und regiert, nicht entbehren oder ersetzen

kann. Die Richtigkeit der Arbeit des Paulus in Korinth beruht somit darauf,

daß er die Gemeinde zu Christus führte. Zu ihm hin hat er ihren Glauben gewendet,

an ihn ihren Gehorsam geheftet. Daß sie mit Christus in Gemeinschaft

stehe, das war die Frucht, die er mit seiner Arbeit suchte und herstellte. Darum

ist der Bau, den er errichtet hat, unzerstörbar und fest, so daß die anderen

auf ihn weiter bauen können. Das kann aber in verschiedener Weise geschehen.

3,12.13: Wenn aber jemand auf den Grund Gold, Silber, kostbare Steine,

Balken, Gras, Stroh aufbaut, so wird das Werk eines jeden offenbar werden.

Denn der Tag wird es deutlich machen, weil er sich mit Feuer offenbart, und

welcher Art eines jeden Werk ist, das wird das Feuer erproben. Mancherlei

Material kann der Bauende verwenden, kostbares und wohlfeiles, haltbares

und vergängliches, auch Gras und Stroh, wenn er rasch und armselig bauen

will, z. B. für die Dächer. Es ist aber nicht gleichgültig, wie der Arbeiter baut;

denn der Bau muß ins Feuer. Die Erprobung kommt über ihn an jenem Tag,

der die irdische Weltzeit beschließt und die Gemeinde vor den Thron des


Der frühere Brief an die Korinther 3,11-15 37

Christus beruft, damit sie von ihm ihr Urteil empfange. Dann vernichtet das

Feuer, was vergänglich und wertlos war, und nur der feste, haltbare Bau bleibt

stehen. Dann sieht jeder Bauende, was er mit seiner Arbeit ausgerichtet hat. Es

tritt an jeden leicht die Gefahr heran, daß er denkt: wenn nur gearbeitet wird,

wenn die Kirche nur wächst, an Zahl zunimmt, an Einfluß sich stärkt, wenn

die Leute nur Christen werden! Freilich soll die Kirche wachsen, und Paulus

hat uns das Vorbild der völligen, starken Liebe gegeben, die mit ihrem Erfolg

nie zufrieden ist und ob der Arbeit nie müde wird, sondern rastlos vorwärts

strebt. Es kommt aber nicht nur darauf an, daß gearbeitet wird, sondern dar'

auf, wie dies geschieht. Es ist niemand schon damit geholfen, daß er in di*

Kirche tritt und das Christentum lernt. Die Frage bleibt offen und ernst, mit

welchem Erfolg dies geschieht.

Die Erprobung, die den wirklichen Ertrag unserer Arbeit sichtbar macht,

geschieht nicht schon in der Gegenwart. Wie das Gleichnis Jesu sagt, das Netz

sei ausgeworfen und fange jegliche Gattung; geschieden werde das Verschiedene

erst am Strand, so sagt auch Paulus in seinem Gleichnis, jetzt könne man

auch Holz und Stroh in den Bau einfügen und er halte scheinbar auch so; erst

der Tag des Christus entferne dieses aus dem Bau und mache offenbar, was das

Feuer aushalte. Daraus entsteht für uns die Notwendigkeit, treu und sorgsam

über unserer Arbeit zu wachen, weil wir ihren Erfolg jetzt noch nicht zu

schätzen vermögen. Was jetzt großer Erfolg scheint, kann sich als nichtig erweisen;

was uns als geringer Erfolg gilt, sich als haltbar bewähren. Darüber

urteilt einzig das gerechte und vollkommene Gericht Gottes, und sichtbar

wird dieses dann, wenn die Gemeinde in der Gegenwart des Christus steht. Da

Paulus seine eigene Arbeit der eines weisen Baumeisters vergleicht, so hat er

die Zuversicht, daß sie sich auch am Tag des Christus und in seinem Feuer bewähren

werde. Er urteilt deshalb so, weil der Grund, auf den er die Gemeinde

mit ihrem ganzen Leben stellte, der Christus war. Was mit ihm verbunden

ist, das bleibt, weil die Gemeinschaft mit ihm unsere Rechtfertigung und Heiligung

ist, unser Austritt aus dem Fleisch und Eintritt in den Geist, der Tod

unseres alten Menschen und der Aufgang des neuen. Hiernach wird es sich

scheiden, ob die, die in der Kirche, sind, zum Gold und den haltbaren Steinen

gehören oder zum Gras und Stroh. Ist die Verbindung mit der Kirche auch

Verbindung mit Christus, dann versetzt sie uns in die ewige Gemeinde, die

Gottes Eigentum für immer bleibt.

3,14.15: Wenn jemandes Werk bleiben wird, das er darauf baute, so wird

er Lohn erhalten; wenn jemandes Werk verbrennen wird, wird er Schaden

leiden, selbst aber gerettet werden, doch so, wie durch Feuer hindurch. Es wäre


3 8 Die Zerstörer der Gemeinde

ein falscher Trost, wenn sidi der Arbeiter damit beruhigte, das Gericht treffe

nur die, die er im Wort Jesu unterwies, nicht ihn selbst. Eine solche Scheidung

zwischen unserer Arbeit und unserem eigenen Los und Leben läßt Paulus nicht

zu. Ein solcher Gedanke ist lieblos und macht es deshalb zweifelhaft, ob der,

der ihn hat, sich selbst auf den Grund gestellt hat und andere au^f ihn erbauen

kann und will. Es ist Lieblosigkeit, wenn wir die anderen preisgeben und uns

trösten, wir selbst würden doch selig. Unsere Arbeit ist nicht ein gleichgültiger

Zusatz zu unserem Christenstand, sondern an ihm ein wesentliches Glied. Was

wir den anderen bieten, ob wir in ihnen Glauben und Liebe erwecken oder

hindern, das greift tief und wirksam in unser eigenes Verhältnis zu Christus

hinein. Wir können nicht in seiner Liebe bleiben, wenn wir lieblos die anderen

versäumen. Darum hat Paulus mit tiefem Ernst ausgesprochen, daß der Ausgang

unserer Arbeit uns selbst ernst genug berührt. Bewährt sie sich, wurden

wir der Gemeinde wirklich zum Führer zu Christus und ins ewige Leben, so

erhalten wir dafür den Lohn, den Christus allen gibt, die sein Werk mit Treue

taten. Was wir im irdischen Leben für Gott taten, trägt uns die bleibende,

ewige Frucht. Wenn dagegen Christus unser Werk zerstört und die verwirft,

die wir bekehrten und unterwiesen, so wirft das auf uns selber Schmerz und

Not. Mit unserer Arbeit geht ein Stück unseres eigenen Lebens unter.

Doch fügt hier Paulus eine Beschränkung bei, die uns unentbehrlich ist, damit

wir nicht in ein angstvolles Zagen in der Ausrichtung unserer Arbeit fallen.

Er spricht ja von denen, die auf den Grund bauen, also von solchen, die

Jesu Wort sagen, zum Glauben an ihn anleiten und seiner Gemeinde dienen.

Ihr Verhältnis zum Herrn hängt nicht einzig vom Erfolg ihrer Arbeit ab,

nicht einzig von denen, denen sie sein Wort sagen. Was aus ihnen wird, hat

freilich für sie die tiefste Bedeutung; sie haben aber ihr eigenes, persönliches

Verhältnis zum Herrn, das durch die Sünde anderer nicht zerrissen werden

kann. Auch an diesen sorglosen, törichten Arbeitern wird der Herr seine Gnade

beweisen, weil sie ihr Werk auf seinen Namen gründeten. Es wird ihnen aber

die Errettung durch Gericht hindurch zuteil. Hier steht vor der Rechtfertigung

die Enthüllung großer Schuld, vor dem Leben ein Durchgang durch das Feuer,

Gefahr, Angst und Schmerz.

Kapitel 3,16-20

Die Zerstörer der Gemeinde

Vom Mitarbeiter Gottes, der auf Gottes Acker und an seinem Bau sein

Werk mit Gott vollbringt, ging Paulus zu den trägen und blinden Baumeistern


Der frühere Brief an die Korinther 3,16-20 39

über, die die Gemeinde dadurch schädigen und beschweren, daß sie ihren Bau

aus untauglichem Stoff errichten. Es gibt aber unter denen, die sich mit der

Gemeinde zu tun machen, noch eine dritte Klasse, die, die sie nicht bauen, sondern

zerstören, und solche gibt es, wie Paulus wußte, eben jetzt in Korinth.

3,16.17: Wisset ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und Gottes Geist in

euch wohnt? Wenn einer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben.

Denn der Tempel Gottes ist heilig, und dieser seid ihr. Denen, die die Gemeinde

dadurch verderben, daß sie ihren auf Christus gestellten Glauben erschüttern

und sie vom Gehorsam des Christus weg in die Sünde führen, sagt

Paulus Gottes Gericht an. Denn sie vergreifen sich dadurch am Heiligen, am

Tempel, an dem Ort, an dem Gott wohnt und sich bezeugt. Diese Würde besitzt

die Gemeinde deshalb, weil Gott seinen Geist in ihr gegenwärtig und

wirksam macht. Daß dies auch von Korinth gilt, auch jetzt, da die Gemeinde

durch solche, die sie verderben, in große Gefahr gebracht war, steht Paulus

fest, weil er an ihrer Verbundenheit mit Christus nicht zweifelt. Wo aber

Christus ist, da ist auch der Geist. Paulus weiß nichts von einer Gemeinschaft

mit Christus, die uns vom Geist Gottes getrennt ließe. Darum beginnt aber

der, der die Gemeinde zerstört, den Streit mit Gott an der Stelle, an der er für

ihn besonders unheilvoll werden muß. Während Gott durch seinen Geist die

Gemeinde mit sich vereint, vom Bösen trennt und seinem Willen unterwirft,

arbeiten sie seinem Werk entgegen und fallen dadurch unter Gottes Gericht.

Paulus hat absichtlich keinen einzelnen Mann als Verderber der Gemeinde

kenntlich gemacht und nicht auf die Vorgänge hingewiesen, in denen diese Absicht

sichtbar wurde. Er stellt bloß die für alle gültige Regel der göttlichen

Gerechtigkeit fest, für alle zur Warnung, für die, die Gottes Werk in Korinth

bekämpfen, damit sie sich vor Gott fürchten, und für die Gemeinde, damit sie

sich von denen scheide, die sie verderben. Nur das ist auch hier wieder sichtbar,

daß er im Dünkel, der mit seiner Weisheit prunkt, die Gefahr erkannte, von der

die Gemeinde angefochten wurde. 3,18-20: Keiner betrüge sich selbst. Wenn

jemand bei euch in dieser Zeit weise zu sein meint, so werde er ein Tor, damit

er weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist bei Gott Torheit. Denn es

ist geschrieben: Er fängt die Weisen in ihrer List (Hiob 5,13), und wieder:

Der Herr kennt die Anschläge der Weisen, daß sie nichtig sind (Psalm 94,11).

Der Selbstbetrug, vor dem sich alle hüten sollen, besteht darin, daß sie sich

selbst oder andere als weise bewundern. Es gab in Korinth solche, die von sich

selber dachten, sie seien in ihrer Erkenntnis reich, und auch den anderen diese

Meinung beibrachten. Aber in dieser Zeit, in der Dunkelheit und Armut unseres

irdischen Lebens, sich für weise auszugeben, das hält Paulus für ein ver-


4O

Die Regel für das Verhältnis der Gemeinde zu ihren Lehrern

kehrtes, törichtes Beginnen. Jetzt findet unser Auge den Weg zu Gottes herrlichen

Gedanken noch nicht. Da bleibt alles, was wir denken, kindisch, schattig,

unfertig. Darum ist es jetzt noch nicht die rechte Zeit, daß wir unsere Erkenntnisse

bewundern und in ihnen unsere Größe sehen. Der beste Rat, der

diesen Weisen gegeben werden kann, ist der, daß sie Toren werden, sowohl im

Urteil der Menschen, die sie sicher für närrisch halten, wenn sie nach der

Wahrheit Gottes denken und handeln, als nach ihrem eigenen Urteil, dadurch,

daß sie die blendenden Worte, mit denen sie prunken, wegwerfen und sich deutlich

machen, wie tief beschattet ihr ganzes Denken in dieser Zeit notwendig

bleibt, so daß sie sich weder vor Gott noch vor den Menschen auf ihr Wissen

stützen können. So werden wir wirklich weise, dadurch nämlich, daß wir unsere

dünkelhafte Weisheit weglegen, nicht aber dadurch, daß wir unser Wis-^

sen bewundern und für dasselbe uns bewundern lassen. Diese Bekehrung aus

der Weisheit in die Torheit, die erkennt, daß wir von Gottes Regierung nichts

verstehen, ist deshalb für alle der einzig richtige Weg, weil das, was die

Menschheit jetzt für Weisheit hält und als solche verehrt und lehrt, vor Gott

Torheit ist. Denn es fehlt ihr der Blick auf Gott. Sie hat ihn mit ihrer Weisheit

nicht erkannt und sieht deshalb auch nicht, wo ihr das Leben erscheint und wo

ihr das Verderben droht. Auch die Schrift warnt die Weisen. Ihre List ist gerade

das Mittel, durch das Gott sie fängt. Sie entgehen ihm durch ihre klugen

Pläne und versteckten Absichten nicht, sondern aus diesen ergibt sich für sie

der Fall. Das sagt Paulus denen, die sich in Korinth an ihren hohen Ideen und

klugen Plänen freuen. Sie sollen vorsichtig sein; es könnte leicht ihre Weisheit

das Mittel sein, das ihren Fall bewirkt. Der zweite Spruch sagt, daß Gott anders

über die Pläne und Berechnungen der Weisen urteilt als sie. Sie halten sie

für wohl erwogen, für sicher, für das rechte Mittel, durch das sie ihr Ziel erreichen.

Gott aber weiß, daß ihre Gedanken zergehen. So wird es auch mit der

Weisheit, die jetzt in Korinth sich groß macht, nicht vorwärts gehen; sie zerrinnt

in nichts. Das sagt Paulus nicht nur zur Warnung, sondern auch zum

Trost für die, die unter dem Streit und der Verwirrung litten.

Kapitel 3,21-23

Die Regel für das Verhältnis der Gemeinde zu ihren Lehrern

Paulus zieht aus der ganzen Besprechung über die Arbeit und Aufgabe der

Lehrer das endgültige Ergebnis. 3,21-23: Daher rühme sidi niemand der Menschen;

denn alles ist euer, mag es Paulus oder Apollos oder Kephas oder die

Welt sein, mag es das Leben sein oder der Tod, das Gegenwärtige oder das


Der frühere Brief an die Korinther 3,21-23 4 1

Künftige, alles ist euer; ihr aber gehört Christus; Christus aber gehört Gott.

Wir gründen unsere Zuversicht, Freude und Ehre nicht darauf, daß wir diesen

oder jenen Menschen kennen, ihn zum Lehrer haben und ihm befreundet seien

und daß dieser Mensch so weise, groß und heilig sei. Das wird uns nicht nur

dadurch verwehrt, daß die, die sich für weise ausgeben, Toren sind, sondern

hat seinen letzten Grund darin, daß alle fruchtbare Arbeit, die in der Gemeinde

getan wird, einzig in der Mitarbeit mit Gott geschieht. Das löst unsere

Zuversicht vom Menschen ab und gründet sie auf den, durch dessen Gnade

und nach dessen Willen alles geschieht, was uns wirklich heilsam ist. Paulus

kommt wieder zum selben Schluß, zu dem er die Betrachtung über die Weisheit

der Menschen brachte, daß wir allein am Herrn den rechten, bleibenden

Grund zum Ruhm haben. Wenn wir uns nicht mehr aus dem, was die Menschen

sind, unseren Ruhm bereiten, so hört auch der Streit darüber auf, wer

von ihnen der größere sei.

Wer sich aus seiner Verbindung mit einem Menschen seinen Ruhm bereitet,

gibt seine Freiheit an ihn preis. Er macht aus dem, den er verehrt und feiert,

seinen Herrn. Die Korinther sagten: Ich gehöre Paulus oder Apollos oder

Petrus. Paulus kehrt ihnen ihre Rede vollständig um: Ihr gehört nicht ihnen,

sondern sie gehören euch. Die Gemeinde ist nicht für die Lehrer da, damit die

Lehrer Macht, Größe und Ehre erhalten, sondern die Lehrer sind für die Gemeinde

da, damit die Gemeinde empfange, wessen sie bedarf, Lehre und Leitung

und Zucht und jeden Dienst, durch den sie auf Gottes Weg erhalten

wird. Das folgt wieder aus dem Grundsatz, der für die Arbeit aller, die in der

Christenheit ein Amt verwalten, gilt, daß sie auf Gottes Acker und an Gottes

Baii ab seine Mitarbeiter im Dienst seiner Gnade ihre Arbeit tun. Sie bringen

deshalb der Gemeinde Gottes gute Gaben, und wir haben diese zu erkennen,

für uns zu verwenden und fruchtbar zu machen. Dadurch wird aus dem

Stand derer, die Gottes Werk tun, kein schweres Los, nicht etwa ein Stand der

Unfreiheit, der sie dem Willen der Gemeinde unterwürfe. Denn sie empfangen

weder ihren Beruf, nodi ihre Kraft und Gabe von der Gemeinde, sondern

von Gott und haben allein in seinem Willen ihre Regel und in seinem Wohlgefallen

ihren Lohn. Hier ist weder der eine noch der andere Teil Knecht,

weder der eine noch der andere Teil Herr, sondern hier entsteht die freie

Verbundenheit, die darauf beruht, daß der eine Teil der Gabe bedarf und der

andere sie für ihn hat.

Indem die Gemeinde ihre Lehrer als Gottes gute Gabe dankbar schätzt und

benutzt, übt sie ihr Christenrecht aus, das sich auf alles erstreckt, was ihr

widerfährt. Es gilt nicht nur von ihren Lehrern, sondern von allem, was die


4 2 Die Regel für das Verhältnis der Gemeinde zu ihren Lehrern

Welt ihr zuträgt, daß sie damit eine gute Gabe Gottes empfange, die sie als

ihr Eigentum betrachten und für sich verwenden darf. Ihre Freiheit und

Macht, die nichts fürchtet und sich vor nichts verschließt, sondern überall

einen Segen gewinnt, hat keine Grenzen, weil sie sich so weit als Gottes Regierung

erstreckt, die bewirkt, daß ihr alles zum Guten dient. Nicht nur der

oder jener Apostel ist der Gemeinde dazu gegeben, damit sie durch ihn Lehre

und Stärkung empfange, sondern sie alle, in ihrer Verschiedenheit, jeder nach

seinem besonderen Beruf. Die, die sich in Korinth an die Menschen hingen,

wählten sich nur einen Meister und schlössen sich gegen alle anderen ab. Wer

sich zu Paulus hielt, wollte nichts von Petrus hören; wer sich Petrus unterwarf,

dem galt Paulus nichts. So macht sich die Gemeinde arm und verachtet die

göttlichen Gaben, die ihr reichlich verliehen sind. Nicht nur der eine oder der

andere, sondern alle sind dazu zu ihr gesendet, damit jeder mit seiner Kraft

seinen Anteil an der Arbeit vollbringe, durch die die Gemeinde gefördert wird.

Wenn Paulus von den Boten Jesu redet, so mögen wir es leicht verstehen,

daß er die Gemeinde frei, froh und dankbar vor sie stellt, bereit, zu empfangen,

was sie ihr zu geben haben. Denn in ihrer Sendung macht sich Gottes

Gnade offenbar, und wo sich diese bezeugt, da entsteht Freiheit, Gemeinschaft

und Dank. Paulus hat aber mit vollem Ernst gesagt, alles mache Gott zu unserem

Besitz, und nennt deshalb nicht nur die großen Knechte Gottes, sondern

fährt fort: ob es die Welt sei, sie gehört euch. Kann es von dieser finsteren

Welt, die durch ihren Streit mit Gott uns so viel Not, Versuchung und Fall

bereitet, gelten, daß sie unser sei? Sie ist unser, weil sie nicht ohne Gott besteht

und wir durch Gottes Regierung an den Ort, an dem wir in ihr stehen, gestellt

sind. Auch denkt Paulus bei seiner großen Verheißung nicht nur an das, was

uns angenehm berührt und Freude verschafft, als ob er jetzt einen Augenblick

vergäße, daß die Welt uns hart anfaßt und uns manchen Kampf bereitet. Er

meint nicht, daß uns alles erfreuen soll, was von ihr geschieht, auch nicht, daß

wir alles nachmachen, was sie uns zeigt, alles glauben, was sie uns sagt, und uns

an ihrer Sünde verderben, sondern unser ist die Welt deshalb, weil Gottes Regierung

bei allem mitwirkt, was sie uns tut, so daß uns durch sie nichts geschieht,

was uns nicht hilft und stärkt. Dazu gehört auch der Druck der Welt

und der Kampf mit ihr.

Darum sagt er nicht nur vom Leben, daß es uns heilsam sei, sondern auch

vom Tod, nicht nur von der künftigen Welt mit ihrer herrlichen Offenbarung

Gottes, daß sie uns begäbe, sondern auch von der gegenwärtigen. Leben und

Tod, das Gegenwärtige und das Künftige: es sieht aus, als ob wir zwischen

diesen Gegensätzen wählen müßten. Ist das Leben für uns ein Gut, müssen wir


Der frühere Brief an die Korinther 3,21-23 43

dann nicht den Tod fürchten und meiden? Ist der Tod für uns Gewinn, sollen

wir dann nicht das Leben geringschätzen? Ist der gegenwärtige Bestand der

"Welt für uns segensreich, warum sollen wir auf das Zukünftige warten und

nicht wünschen, daß das Gegenwärtige bleibe? Bringt uns die neue Welt, in

die wir einst treten, Gottes große Gaben, kann dann das Gegenwärtige für

uns noch Bedeutung haben? Aber auch diese tiefsten und mächtigsten Gegensätze

sind überwunden. Denn Gottes Regierung waltet in allem, schafft uns

das Leben und gibt uns den Tod, erbaut um uns her die gegenwärtige Welt

und führt uns in die zukünftige hinüber. Wo aber Gottes Hand waltet, da

reicht sie uns auch seine guten Gaben dar und beruft uns zu ihrem dankbaren

Gebrauch. Darum sollen wir uns des Lebens freuen, denn wir haben an ihm

Gottes gute Gabe, und dürfen ihm für das Sterben danken, denn es führt uns

zum Herrn. Darum haben wir an der gegenwärtigen Welt das Zeugnis seiner

Herrlichkeit und Güte und an der künftigen Welt vollends die Offenbarung

seiner Gnade, die uns die vollendete Gemeinschaft mit Christus und miteinander

bringt.

So reich, mächtig und frei macht uns dies, daß wir dem Christus gehören.

Nur deshalb dient uns die ganze Welt, weil sie Gott dient, und wir stehen

deshalb frei über ihr, weil Christus ihr Herr ist und alles regiert. Darum bringt

uns alles, was geschieht, eine gute Gabe, weil Gottes Gnade alles dazu braucht.

Wer seine Freiheit auf seine eigene Willensmacht gründet und sich durch seine

Lebenskunst aus allem ein Glück bereiten will, wird erfahren, daß ihn alles

knechtet, alles schädigt, alles zerstört. Was die Welt uns ist, hängt davon ab,

was Gott für uns ist. Solange wir mit Gott im Streit stehen, ist auch alles wider

uns, weil uns nichts helfen kann, wenn wir mit Gott entzweit sind. Sind wir

mit Gott versöhnt und verbunden, so ist seine allmächtige Gnade für uns wirksam,

die sich alles unterworfen hält, und durch sie wird uns alles zum Gewinn.

Von Jesus sagt Paulus nicht, er sei unser, wie er es von sich, von Apollos und

von Petrus sagt, sondern umgekehrt, wir seien sein, ihm unterworfen und an

ihn gebunden als an unseren Herrn. Die Herrschaft, die ihn über uns erhöht,

hat Jesus aber dazu empfangen, damit er uns zu Gott bringe, und darum macht

uns unsere Unterwerfung unter ihn im Verkehr mit allen anderen frei. Der

Grund unserer Freiheit ordnet auch ihren Gebrauch und gibt uns die Stelle an,

wo sie endet. Wir brauchen die Welt dann falsch, wenn ihr Gebrauch uns von

Christus trennt. Wenn es nicht mehr wahr ist, daß wir ihm gehören, so ist es

auch nicht mehr wahr, daß alles unser ist, sondern dann haben wir unsere

Freiheit an die Menschen verloren und durch die Welt jenen Schaden erlitten,

den kein anderer Gewinn ersetzt. Wir haben daher in jedem besonderen Fall


44 D& 5 besondere Verhältnis der Koriniher zu Paulus

unseren Umgang mit der Welt und den Menschen so zu ordnen, daß unser

Gehorsam gegen Christus unverletzt sei.

Mit seinem letzten Satz fügt Paulus zum ganzen gewaltigen Aufbau seines

Unterrichts den Schlußstein hinzu: Christus aber gehört Gott. Darauf beruht

es, daß er der Herr ist und wir sein Eigentum, und daher kommt es, daß uns

nichts verderben kann, vielmehr uns alles zum Segen wird. Denn weil er Gottes

ist, steht alles, was sein ist, unter Gottes Schutz, und alles, was geschieht,

bekommt seinen Ausgang durch seinen gnädigen Willen. Damit hat Paulus

allen Worten, durch die die verschiedenen Gruppen in Korinth aussprachen,

was ihnen besonders am Herzen lag, zu ihrem rechten Sinn verholfen. Sie

sagten: Wir gehören zu dem oder jenem Lehrer. Daß sie für das, was sie ihnen

brachten, dankbar sind, ist recht. Sie sind ihnen dazu gegeben, damit sie ihre

Gabe werthalten. Aber ihr Verhältnis zu ihnen beruht darauf, daß sie dem

Christus gehören, und damit verträgt sich keine andere Abhängigkeit. Vielmehr

ist deshalb ihr Ohr für alle seine Boten offen, und sie nützen alles dankbar,

was Jesus ihnen durch seine Knechte gibt. Vor allem hat aber Paulus

durch diese Worte denen, die ihm deshalb widerstanden, weil sie einzig Christus

angehören wollten, den richtigen Gebrauch ihres Bekenntnisses gezeigt.

Sie sprechen damit in der Tat die Regel aus, die ihren ganzen Verkehr mit

allen, seien sie Glieder der Christenheit oder der Welt, beherrschen soll. Aber

dieser Satz beruht darauf, daß der Christus Gottes ist. Er gehört nicht ihnen

an, als könnten sie ihn nur an ihren Kreis binden wie ein Sektenhaupt und ihn

zu ihrem eigenen Ruhm und Vorteil nach ihren eigensüchtigen Wünschen benutzen.

Denn sie können Christus nicht von Gott trennen und ihm nur dadurch

gehorchen, daß sie Gott Untertan sind, weil die Macht Jesu darauf beruht,

daß er in Gerechtigkeit und Gnade Gottes Willen an uns vollzieht.

Darum führt sie auch ihre Verbundenheit mit Christus nie in einen Streit

gegen seine Boten. Wenn sie Christus angehören, so sehen sie in den Aposteln

weder Feinde, denen sie sich widersetzen müßten, noch Herrscher, die sie zu

verehren hätten, sondern nehmen an der Sendung seiner Boten Jesu gnädige

Herrschaft wahr und empfangen seine Gaben durch ihren Dienst.

Kapitel 4,1-21

Das besondere Verhältnis der Korinther zu Paulus

Die Regeln, die Paulus bisher für das christliche Amt und die Verfassung

der Gemeinde gab, waren auf alle anwendbar und sprechen für alle Personen

•und Verhältnisse das aus, worauf die Gesundheit und Kraft einer Gemeinde


Der frühere Brief an die Korinther 4,1.2 45

beruht. Er war aber, weil er die Gemeinde gegründet hat, mit ihr besonders

verbunden, und diese persönliche Art ihrer Gemeinschaft läßt er jetzt noch

hervortreten. Sie gab der Auflehnung der Korinther gegen ihn eine verstärkte

Bitterkeit und Schwere; aber auch sein mahnendes Wort erhielt durch sie ein

verstärktes Gewicht.

4,1.2: So soll uns ein Mensch ansehen: als Diener des Christus und Verwalter

der Geheimnisse Gottes. Hier wird weiter bei den Verwaltern gesucht, daß

einer treu erfunden werde. Paulus stellt zunächst fest, was von ihm zu erwarten

ist, worauf sich also die "Wünsche und Beschwerden derer, die mit ihm nicht

zufrieden sind, zu richten haben. Sie können nicht ein anderes Evangelium

von ihm verlangen, als er hat, weil nidxt er selber über sein Wort und seine

Arbeit Herr ist, daß er bestimmen könnte, was er sagen und tun will. Er ist

vielmehr der Diener des Christus, wodurch ihm der Inhalt seiner Botschaft

und das Ziel seiner Arbeit gegeben ist. Er vergleicht seinen Dienst mit dem

eines Verwalters, dem der Herr sein Gut übergibt. Was einem solchen zur

Verwaltung anvertraut wird, das bestimmt nicht der Verwalter, sondern sein

Herr. Jener hat nur das zu erhalten und zu mehren, was ihm sein Herr übergab.

Das Gut, über das Paulus zum Verwalter bestellt ist, sind Gottes Geheimnisse,

weshalb sich niemand darüber beklagen kann, daß das, was er sagt, die

Gedanken der Menschen zerbricht und ihre Weisheit beseitigt. Das hat nicht

er so gemacht, sondern beruht auf Gottes Willen, und sein Amt besteht eben

darin, daß er diese Geheimnisse sagt. Zu diesen Geheimnissen gehörte namentlich

die Berufung der Heiden zu Christus, die er Epheser 3,3 und Kolosser 1,26

das große Geheimnis nennt, das Gott jetzt kundgetan habe. Deshalb richteten

viele gegen Paulus Vorwürfe: war es denn wirklich Gottes Wille, daß Israel

gegen die Heiden zurückstehe? Jedermann war davon aufs tiefste überrascht.

Allein über die Berufung der Heiden kann niemand mit Paulus rechten. Sie

ist Gottes Geheimnis; ihm ist nur seine Verwaltung anvertraut.

Damit lehnt Paulus nicht jede Verantwortlichkeit von sich ab; wohl aber

beschränkt er sie auf den Punkt, an dem er sich verantwortlich weiß und

Rechenschaft zu geben verpflichtet ist. Daraus, daß er ein Verwalteramt hat,

ergibt es sich, wofür man ihn behaften kann und wofür nicht. Die Pflicht des

Verwalters ist, treu zu sein; Darüber-ist er Rechenschaft schuldig, und darauf

richtet auch Paulus seine ganze Sorge, daß er als treu erfunden werde. Er will

den Willen seines Herrn mit ganzem Gehorsam tun, von dem, was ihm übergeben

ist, nichts verlieren, nichts unbenutzt und unfruchtbar lassen, will seine

ganze Kraft für das einsetzen, was der Absicht des Herrn entspricht. Seine


4« Das besondere Verhältnis der Korinther zu Paulus

Verpflichtung ist groß, die Verantwortlichkeit, die er auf sich hat, auch so'ernst

genug. In Korinth hatten auch manche Lust, über ihn Gericht zu halten.

4,3. 4: Mir aber ist es das Geringste, von euch oder von einem menschlichen

Tag verhört zu werden; ja, ich verhöre nicht einmal mich selbst. Denn ich bin

mir nichts bewußt; aber ich bin nicht deshalb gerechtfertigt. Der aber, der mich

verhört, ist der Herr. Für Paulus hat es gar keine Bedeutung, wenn 'die Korinther

untersuchen, wie er sein Apostelamt verwaltet habe, ob er sich dabei

verfehlt oder dem Herrn Treue gehalten habe. Er fürchtet ihr Verhör nicht;

denn er hat ein reines Gewissen. Sie werden ihm keine Verfehlungen nachweisen,

weder sie noch irgendwelche anderen menschlichen Richter. Aber ihr

Unternehmen hat für ihn keinen Wert. "Wenn sie ihn freisprechen, rühmen

und ehren, so gewinnt er damit nichts. Wenn sie ihm Vorwürfe machen und

ihn schelten, so verliert er damit nichts. Sie tun eine unnütze Sache, wenn sie

über ihn richten; für ihn ist ihr Richterspruch ein leeres, törichtes Wort.

Er fügt gleich noch einen kühneren Satz hinzu. Soll ein menschliches Urteil

hier gelten, dann ist keiner als Richter so sachkundig und unterrichtet wie er

selbst. Er weiß, wie er wandelt, wie er seine Arbeit treibt, wie er inwendig

zu seinem Herrn steht, ob er für sich selber lebt und sorgt oder für ihn. Aber

nicht einmal sein eigenes Urteil läßt Paulus gelten. Er hat ein reines Gewissen;

dieses hält ihm nichts vor. Aber er schließt deshalb nicht: also bin ich gerechtfertigt.

Er richtet und rechtfertigt sich nicht selbst, als wäre es seine Sache, seine

Verpflichtung für erfüllt, seinen Dienst für richtig und fehllos zu erklären. Er

ist ja Diener, nicht über sich Herr, und der Diener empfängt sein Urteil von

seinem Herrn. Dieser läßt es auch nicht daran fehlen und wird sein Richteramt

auch an Paulus vollführen. Das ist das einzige Urteil, um das sich Paulus

kümmert; an ihm liegt ihm aber auch alles, während ihn das, was ihm die

Menschen Rühmliches oder Schimpfliches nachsagen, nicht bewegt und das, was

er sich auf Grund seiner Selbstprüfung selber sagt, auch keine entscheidende

Bedeutung hat. Einzig der Spruch des Herrn erweist ihn als treu oder als untreu,

verschafft ihm die Rechtfertigung oder die Verurteilung. Auf sein Urteil

wartet er, ruhig, ohne Angst, demütig, ohne Hoff art, fleißig, in beständiger

Bemühung, treu zu sein. An diesem seinen Glauben, der ihn Jesus unterwirft

und an ihn bindet, hat er seine Gerechtigkeit, einzig an ihm, nicht an der

Freude, die ihm sein gutes Gewissen verschafft, und nicht am Ruhm, den ihm

die Menschen spenden.

Was ergibt sich daraus für die Korinther? Daß sie ihr voreiliges Urteilen

lassen, mit dem sie sich anmaßen, was nicht ihnen, sondern allein dem Herrn

zusteht. 4,5: Daher fället in keinem Stück ein Urteil vor der Zeit, ehe der


Der frühere Brief an die Korinther 4,3-6 47

Herr kommt, der auch das in der Dunkelheit Verborgene ans Licht bringen

und die Absichten der Herzen offenbar machen wird, und dann wird das Lob

einem jeden von Gott her kommen. Das Urteil, das Jesus offenbart und vollstreckt,

ist von anderer Art als das menschliche, weil sich dieses nur auf das

bezieht, was in Worten oder Werken aus dem Herzen heraus ans Licht getreten

ist. Auch wenn wir uns selber prüfen, sind wir an das gewiesen, was wir

mit unserem Gedächtnis und Bewußtsein erfassen. Vor dem dagegen, der mit

Gottes Blick urteilt, ist alles enthüllt, auch das, was still und doch wirksam

inwendig die Menschen als ihr Ziel und Wunsch bewegt. Aber auch der Gewinn,

den uns sein Urteil bringt, ist unvergleichlich größer, als was uns Menschen

mit ihrem Lob verschaffen. Wenn der Herr uns lobt, dann haben wir

Gottes Lob. Da Paulus nur nach Gottes Lob begehrte, so war er von aller Gebundenheit

an das menschliche Urteil frei.

4,6: Ich habe dies aber, Brüder, auf mich selbst und Apollos um euretwillen

übertragen, damit ihr an uns lernt, was es bedeutet: „Nicht über das hinüber,

was geschrieben ist", damit nicht der eine zugunsten des einen gegen den anderen

sich aufblähe. Er hat im vorangehenden Spruch und schon in 3,5 an sich

selbst und an Apollos gezeigt, wie die, die ein Amt in der Gemeinde haben,

dieses richtig verwalten, nicht als Herrschaft über die Gemeinde und nicht mir

Zank, der den einen erhöht und den anderen erniedrigt, und nicht so, daß sie

bei den Menschen um Ruhm betteln oder vor ihrem Urteil erschrecken. Das

hat er nicht deshalb getan, als ob er oder Apollos solche Ermahnungen nötig

hätten. Sie wissen, wie man mit reinem Herzen in Gottes Arbeit steht. In Korinth

dagegen gab es Männer, die das nicht wissen, sondern Lust haben, sich

die Gemeinde zu unterwerfen und mehr zu sein als das, worin Paulus seine

chste Ehre sieht: Mitarbeiter Gottes. Darum hat er sich selbst mit Apollos

zum Beispiel dafür gemacht, wie denen, die einen besonderen Beruf haben,

von der Gemeinde der ihnen gebührende Platz gegeben wird.

Die, die das Wort des Paulus neben ihrer Erkenntnis mißachteten, riefen

der Gemeinde zu „hinauf über die Schrift". Weil ihnen die Botschaft Jesu, die

ihnen Paulus gebracht hatte, neben ihrer neuen Weisheit als gering erschien,

sagten sie auch von der Regel der Schrift, sie sei für sie nicht mehr gültig und

nur für Schwache brauchbar, nicht für die Vollkommenen. Sie wollten ja

einzig dem Christus angehören und meinten, damit hätten sie eine so herrliche

Kraft und eine so helle Erkenntnis erlangt, daß das Gebot der Schrift sie nicht

mehr verpflichte. Wandte man gegen ihre Weisheit ein, daß sie die Satzungen

der Schrift umstoße, so sagten sie kühn, so müsse es sein, da jetzt das Vollkommene

erschienen und die Zeit der Unmündigkeit vergangen sei. So schüfe»


48 Das besondere Verhältnis der Korinther zu Paulus

sie sich für ihr ehrgeiziges und eigenmächtiges Lehramt den freien Raum; denn

weil die Schrift die vom Geist bewegte Gemeinde nicht mehr leiten kann, werden

ihr die neuen Meister unentbehrlich, ohne die sie Gottes "Willen nicht erfahren

könnte. Indem sie aber über die Schrift hinausfahren, sind sie nicht

mehr dem Beispiel folgsam, das ihnen Paulus und Apollos gegeben haben.

Denn so sind sie nicht mehr die Diener Gottes, deren Würde darin besteht,

Gottes Mitarbeiter zu sein, und stoßen, indem sie die Bauarbeit betreiben, die

Sorge weg, ob ihr Bau auch haltbar sei. Deshalb hat Paulus sich selbst und

Apollos zum Vorbild des rechtschaffenen Lehrers gemacht, damit die Gemeinde

begreife, daß sich dieser von solcher Hoffart gänzlich rein hält und sich

an dem nicht vergreift, was Gott früher der Gemeinde gegeben hat, sondern

mit treuem Gehorsam an das gebunden bleibt, was die Schrift befiehlt. Sie gehört

auch zu jenen guten Gaben Gottes, von denen gilt: „Es ist alles euer",

die die Gemeinde nicht wegzuwerfen, sondern dankbar zu benutzen hat. Nur

so ist die Gemeinde gegen den Streit geschützt, der sicher entsteht, wenn sie

ihr eigenes Selbstgefühl steigern, daß sie einen von ihnen erkorenen Meister

über alle anderen erhöhen und neben ihm alle anderen geringschätzen.

Damit berührt Paulus den Punkt, den er am damaligen Verhalten der Gemeinde

besonders fürchtete. Sie tritt stolz auf und vermengt mit ihrer Frömmigkeit

eine hoff artige Tendenz. Auch darin setzten die Männer, die um sie

warben, die alte jüdische und griechische Denkweise fort. Denn sowohl der

Jude als der Grieche machte aus jedem Vorzug, den er besaß, einen Ruhm für

sich. Paulus macht zuerst die Torheit und Grundlosigkeit aller Hoffart klar.

4,7: Denn wer zeichnet dich ausi Was hast du aber, was du nicht empfangen

hättest? Wenn du es aber empfingst, warum rühmst du dich, als hättest du es

nicht empfangen? Die Unterschiede, die sie zwischen sich und anderen aufrichten,

sind nur eingebildet; nur sie selber legen sich diese bei. Doch dagegen berufen

sie sich auf ihren geistlichen Besitz, vielleicht auf ihre besondere Erkenntnis,

vielleicht auf die anderen Gaben des Geistes. Doch das ist alles von

ihnen empfangen, nicht von ihnen erworben, nicht die Frucht ihrer eigenen

Leistung und Anstrengung. Ein solcher Ruhm und Stolz stützt sich immer auf

eine Lüge, weil er sich stellt, als ob das, womit er sich groß macht, nicht Gottes

Gabe sei.

4,8-10: Ihr seid schon gesättigt, schon reich geworden. Ohne uns habt ihr

es zur Herrschaft gebracht. Möchtet ihr es doch zur Herrschaft gebracht haben,

damit auch wir mit euch zur Herrschaft kämen. Denn mir scheint: Gott hat

uns, die Boten, als die Letzten hingestellt, wie zum Tod Verurteilte; denn wir

wurden zu einem Schauspiel für die Welt Und für Engel und Menschen. Wir


Der frühere Brief an die Korinther 4,7-10 49

sind Toren um des Christus willen; ihr aber seid klug im Christus. Wir sind

schwach; ihr aber seid stark. Ihr seid in Ehren, wir aber ehrlos. Der Christenheit

ging es in Korinth gut. Keine Verfolgung wurde ihr bereitet, und nach

innen war ihr Zustand nach ihrer Meinung blühend. So kam in ihr Christentum

ein übermütiger Zug hinein. Paulus vergleicht sie solchen, die das reiche

Festmahl schon beendigt haben und satt sind, oder solchen, denen ihre Arbeit

schon einen großen Besitz eingetragen hat. Es ist ihnen wohl, und sie haben

nichts weiter zu wünschen. Sie fühlen sich wie Könige; Gott hat sie durch seine

Berufung und Gabe über alle anderen erhoben, hat sie von der "Welt getrennt

und sie in die herrliche Freiheit geführt, die zu sagen vermag, daß sie zu allem

das Recht und Vermögen besitze. Aus diesen stolzen Träumen weckt sie Paulus

dadurch auf, daß er ihnen seine eigene Lage vorhält. Nur ihnen geht es

so gut, ihm nicht. Ohne ihn haben sie ihre herrliche Höhe erreicht, auf der

ihnen jetzt schon königliche Macht und Ehre zuteil geworden ist. Er würde

ihnen diese gern gönnen; denn er dürfte dann hoffen, daß auch für ihn eine

andere Zeit anbräche als die gegenwärtige, die ihm beständig schwere Not

auflegt.

Dieser Gegensatz in ihrer Lage hat zur Entfremdung der Korinther von

Paulus mitgewirkt; auch im zweiten Brief bespricht er ihn nochmals ausführlich.

In ihrem christlichen Stolz hielten es die Korinther für die richtige, ja

notwendige Frucht des Christentums, daß es ihnen gut erging. Darin störte

sie aber die Erinnerung an Paulus, dessen Leben nicht mit Glück und Süßigkeiten

gefüllt und nicht mit königlichem Glanz umgeben war. Das Andenken

an ihn und seine Leiden war ihnen peinlich; denn es widersprach ihrem genußsüchtigen

und prunkenden Christentum. Paulus läßt es ihnen aber nicht zu,

daß sie mit Bedauern und Verdruß auf ihn herabsehen, sondern hält ihnen

absichtlich die Schmach und Armut vor, in der er sein Amt vollführt. Aller

Augen sind auf ihn gerichtet, weil ihnen an ihm ein ergreifendes Schicksal entgegentritt,

aber nicht etwa deshalb, weil er ein Beispiel ungewöhnlichen

Glücks und strahlender Größe wäre, sondern man sieht mit jenem Grauen auf

ihn, mit dem man die betrachtet, die ihr Leben verwirkt haben. "Wie an denen,

die nach der häßlichen griechischen Sitte auf der Bühne der Theater grausame

Strafen erdulden mußten, die Augen der Menge mit gespanntester Aufmerksamkeit

hafteten, so zieht auch das Los des Paulus nicht nur den Blick der

Menschen, sondern auch den der Engel auf sich, und sie sehen ihm mit Spannung

zu, ob er nicht unter seiner Last erliege, ob er wohl in seinem Kampf

Sieger bleibe und sein "Werk vollführe. So kam es, weil ihn Christus anders

als die Korinther führt. Den Korinthern gab er es, klug zu sein. Sie verstehen.


5 O Das besondere Verhältnis der Korinther zu Paulus

es, sich praktisch einzurichten und für ihr "Wohlergehen zu sorgen. Ihm hat

dagegen Christus ein anderes Los beschert; er ist um seinetwillen ein Narr geworden,

dem alles, was er unternimmt, neue Beschwerden bringt, den Haß

gegen ihn entzündet und die größten Opfer von ihm fordert, so daß er auf

alles verzichten muß, was das menschliche Leben beglückt. Den Korinthern

brachte ihr Christentum Kraft zu manchem tüchtigen "Werk, schöne Erfolge,

Einfluß in der Stadt und Ansehen bei allen; ihm dagegen brachte es Schwachheit

und Ehrlosigkeit. Die ganze Judenschaft goß ihren Haß und ihre Lästerungen

auf ihn, und überall türmen sich die Widerstände gegen ihn auf, die

er nicht überwinden kann; er flieht von Stadt zu Stadt. Er beklagt sich nicht

darüber, macht auch den Korinthern nicht den Vorwurf, sie verdankten ihr

Glück ihrer eigensüchtigen, lieblosen Haltung, die der Arbeit ausweicht, die

Zeugenpflicht für Christus versäumt und nur an das eigene Wohlergehen

denkt. Er stellt bloß den deutlichen, gewaltigen Gegensatz zwischen seiner

Lage und der ihrigen fest und erwartet, das sei genug, damit ihre Hoffart, mit

der sie sich über ihn erhöhen, verstumme. Wollen sie deshalb sich seiner schämen

und auf ihn herabsehen, weil er um Jesu willen leidet?

4,11-13: Bis zur jetzigen Stunde hungern und dürsten wir und entbehren

der Kleidung und erhalten Schläge und irren umher und mühen uns ab in der

Arbeit mit den eigenen Händen. Wir werden geschmäht und segnen, verfolgt

und tragen es, verleumdet und mahnen. Als wären wir der Abschaum der Welt,

der Auswurf aller, erging es uns bis jetzt. Er mußte nicht nur auf die höheren

Güter verzichten, sondern auch auf die unentbehrlichen Lebensmittel, auf

Nahrung und Kleidung und Heimat und Ruhe. Das hing freilich mit seinem

eigenen Entschluß zusammen, weil er nicht die Gemeinden für sich sorgen ließ,

sondern sich seinen Unterhalt mit seiner eigenen Handarbeit erwarb. Aber

dieser Entschluß galt ihm nicht als eine Sache der Willkür, so daß er ihn beliebig

aufgeben könnte, sondern gehört für ihn zur Vollendung seines Amts»

Darum nimmt er auch alle seine Folgen willig auf sich, obgleich sie ihn manchmal

schmerzhaft drücken. Wenn er die Leute zu ihren Angriffen reizte, dann

wäre es erklärt, weshalb ihn so viel Ungemach trifft. Aber er zieht sich die

Schmähungen nicht dadurch zu, daß er auch die anderen beschimpft, sondern

er hat nur Worte der Segnung für sie, die für sie Gottes Gaben erbitten, und

widersetzt sich nicht mit Trotz und Gewalt der Verfolgung, sondern nimmt

sie geduldig auf sich und antwortet den giftigen, finsteren Worten der anderen

nur dadurch, daß er durch seine Mahnung ihren Sinn zu wenden sucht. Dennoch

geht es ihm, als wäre er von allen Menschen der verworfenste. Wollen

ihn wirklich auch die Korinther deshalb schelten und verachten? Fühlen sie


Der frühere Brief an die Korinther 4,11-16 5 *

nicht, wo die wahre Größe und die echte Kraft sich offenbart, im Leiden des

Apostels oder in ihrem bequemen, satten Christentum?

4,14-16: Ich schreibe dies nicht, um euch zu beschämen, sondern um euch als

meine geliebten Kinder zu ermahnen. Denn wenn ihr auch zehntausend Lehrmeister

im Christus habt, so habt ihr doch nicht viele V^äter. Denn im Christus

Jesus habe ich durch die gute Botschaft euch gezeugt. Darum ermahne ich euch:

Werdet meine Nachahmer. Er hat zwar dadurch, daß er ihnen den gewaltigen

Unterschied zwischen seinem Los und ihrem Zustand beschrieb, einen wuchtigen

Schlag gegen ihre mit sich selbst zufriedene Eitelkeit geführt in der Absicht,

ihnen das "Wohlgefallen zu nehmen, mit dem sie sich selbst ansehen.

Aber er kann mit voller "Wahrheit sagen, daß es ihm nicht daran liege, sie zu

erniedrigen und ihnen dadurch wehzutun, daß er ihnen ihre Verkehrtheit

zeigt. In unsere Strafworte mischt sich leicht ein geheimes Wohlgefallen an der

Demütigung, die durch sie den anderen bereitet wird. Paulus dagegen sucht

einzig das, sie zurechtzubringen und alles abzutun, was jetzt ihre Verbundenheit

mit ihm stört. Er fühlt und handelt ihnen gegenüber im vollen Sinn als

Vater und darum in jener Liebe, die auch beim Strafwort nicht an die Erniedrigung

des Kindes, sondern einzig an die ihm nötige Hilfe denkt. Ihr Vater

ist er deshalb, weil sie von ihm jenes Leben erhalten haben, das aus Gott

stammt und durch ihre Verbindung mit Christus ihnen gegeben ist. Er ist zwar

nicht mehr als „der Diener, durch den sie zum Glauben kamen", 3,5; aber mit

dem Glauben wurde ihnen dasjenige Leben zuteil, das nicht dem Tod verfällt,

wie es auch nicht durch die natürliche Zeugung entsteht, und darum stiftet der

Dienst, den er ihnen tat, die tiefste und innigste Gemeinschaft zwischen ihnen

und macht, daß sie wie der Vater und die Kinder aneinander gebunden sind.

Kein anderer steht in dieser Gemeinschaft mit ihnen; einzig er besitzt sie.

Auch wenn man einem Knaben eine Menge von Führern und Erziehern gibt,

die ihn zu überwachen und zu unterweisen haben, so tritt doch niemals einer

von ihnen an die Stelle seines Vaters. In dasjenige Verhältnis, in dem der Vater

mit ihm steht, tritt kein anderer ein. So können der Gemeinde zwar viele

ihre Arbeit widmen und in ihrem Teil Großes für sie leisten; sie können ihr

aber nie das werden, was ihr Paulus ist. Er allein hat die Gemeinde gesammelt

und in ihrem Leben die "Wendung herbeigeführt, durch die ihr alter Stand verging

und ihr Leben mit Christus begann. Nichts kann dieses Band zerreißen

und keine Dankbarkeit gegen andere ihre Liebe zu ihrem Vater vermindern,

wie auch in seinem Herzen seine Gemeinschaft mit ihnen nicht absterben

kann. Dadurch ist ihnen die Bahn gewiesen, die sie in der Führung ihres

Christenstandes zu bewahren haben. Kinder machen nach, was sie am Vater


5 2 DJS besonders Verhältnis dir Korinther zu Paulus

sehen. Die Gemeinde bleibt dann dem Anfang und Ursprung ihres Christenstandes

treu, wenn sie bleibend auf Paulus sieht und das zur Richtschnur ihres

Handelns macht, was er tut. Dann kommt sie nicht zu einer mit großen Worten

prunkenden "Weisheit, nicht zum Zank, der die Einheit der Gemeinde zerbricht,

auch nicht zu einer leidensscheuen, hoffärtigen Erhabenheit. Das alles

führt sie vom Weg des Paulus ab.

Weil er als ihr Vater mit ihnen verbunden ist und nicht von ihnen lassen

kann und sie nicht von ihm, deshalb ist er dafür besorgt, daß die Verbindung

zwischen ihnen erhalten bleibe. Jetzt hat er deshalb Timotheus zu ihnen geschickt,

später kommt er selbst. 4,17: Deshalb schickte ich euch Timotheus, der

mein geliebtes und im Herrn treues Kind ist, der euch an meine Wege, die ich

im Christus Jesus gehe, erinnern wird, wie ich überall in jeder Gemeinde lehre.

Als Paulus seinen Brief den Korinthern, die zu ihm gekommen waren, übergab,

war Timotheus schon abgereist. Er sollte aber über Mazedonien nach Korinth

kommen, und da er dabei zuerst die mazedonischen Gemeinden zu besuchen

hatte, traf er erst nach dem Brief des Paulus in Korinth ein, vgl. Apostelgeschichte

19,22. Seinen Sohn heißt er ihn aus demselben Grund, weshalb

er die Korinther seine Söhne nannte, weil Timotheus seine Berufung zu Christus

durch Paulus empfangen hat. Er spricht aus, wie er ihn schätzt, damit die

Korinther in seinem Wort und Rat mit Zuversicht die Weisung des Apostels

selbst vernehmen. Auch die Korinther haben die Wege gesehen, die Paulus im

Gehorsam Jesu geht, und haben es noch vor Augen, wie er sowohl für seine

eigene Person als im Verkehr mit der Gemeinde den Willen Jesu verstand und

ausführte. Timotheus soll aber ihre Erinnerungen an Paulus neu erwecken

und beleben, und er kann dies, weil er ihn bei seiner ganzen Arbeit begleitete

und daher'weiß, wie: er überall das Leben einer jeden Gemeinde nach dem

Evangelium ordnete.

4,18.19: Einige haben sich aufgebläht, als komme ich nicht zu euch. Ich

werde aber bald zu euch kommen, wenn der Herr will, und werde nicht das

Wort der Aufgeblähten kennenlernen, sondern die Kraft. An diesem Wort wird

sichtbar, wie tief der Riß war, der die neuen Führer der Gemeinde von Paulus

schied, und wie stark ihr Einfluß auf die Gemeinde bereits geworden war. Da

sie meinten, es sei ihnen gelungen, Paulus für immer zu verdrängen und die

Gemeinde endgültig sich Untertan zu machen, wagten sie schon, laut zu sagen,

Paulus werde sich hüten, selbst wieder vor die Korinther zu treten. Indem er

ihnen mitteilt, daß er zu ihnen Timotheus schicke, wehrt er die Mißdeutung

seiner Anordnung ab, als täte er dies deshalb, weil er selber nicht mehr zu

kommen wage und, statt sich persönlich mit seinen Gegnern zu messen, nur


Der frühere Brief an die Korinther 4,17-21 5 3

Briefe und Boten schicke. Das wurde von den Gegnern des Paulus nicht nur

heimlich gedacht, sondern öffentlich gesagt, so daß Paulus davon Nachricht

hat. Dennoch hat er die Besprechung der Parteiung frei von allem persönlichen

Hader gehalten und nur auf die Erkenntnis der großen Kernwahrheiten

des Evangeliums gestellt. Es liegt ihm nicht daran, den Korinthern ihre Verfehlungen

gegen ihn vorzuhalten und jedem nachzuweisen, wie viel oder wie

wenig Ansehen ihm in der Gemeinde gebühre. So käme sie nie zum Frieden;

sondern sie findet diesen nur dadurch, daß sie sich ihr Verhältnis zu Christus

und den Inhalt seines "Wortes vor Augen hält. Doch macht Paulus, ehe er diesen

Gegenstand verläßt, wenigstens mit einem kurzen Wort den Triumph derer

zunichte, die meinten, sie hätten ihn bereits aus Korinth verscheucht. Er läßt

sich nicht von seiner Gemeinde trennen, deren Vater er ist, sondern wird bald

wieder bei ihnen sein.

Denen, die so groß zu sein meinten, daß sie Paulus nicht mehr bedurften

und ihn ersetzen wollten, sagt er, daß er sich nicht um ihre großen Worte

kümmere, sondern einzig darauf achten werde, was ihnen als Kraft zur Ausrichtung

eines redlichen Werkes gegeben ist. Er erwartet, nicht mehr bei ihnen

zu finden als bloß Worte. Daß er sie aber nicht nach diesen, sondern nach der

Kraft, die sie haben, beurteilen muß, das folgt aus der Art, wie Gott sich

offenbart und regiert. 4,20: Denn nicht in Worten besteht Gottes Herrschaft,

sondern in Kraft. Die einfachste, fundamentale Erkenntnis, auf der die christliche

Überzeugung beruht, ist die, daß sich in der Sendung Jesu und in seinem

Werk Gott als der König der Menschheit erweist und sie zu seiner Gemeinde

vereinigt. Daraus ergibt sich der sichere Maßstab, nach dem alles gemessen

werden muß, was in der Kirche geschieht, ob es dem königlichen Walten

Gottes diene und geeignet sei, ihn in der Herrlichkeit seiner Herrschaft zu

offenbaren. Dies tun aber bloße Worte, Theorien, und Redekünste nicht.

Gottes Herrschaft geschieht nicht dadurch, daß Gott und seine Werke beschrieben

oder erklärt werden, sondern dadurch, daß diese geschehen. Darum

gibt er denen, die wirklich in seinem Dienst stehen, Kraft.

4,21 : Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder mit Liehe

und dem Geist der Sanftmut? Vielleicht muß er, wenn er nach Korinth

kommt, dort für die Zucht sorgen und manche bestrafen. Das häjngt aber

einzig von dem Entschluß der Gemeinde ab. Sie haben es in der Hand, wie der

Besuch des Paulus bei ihnen verlaufen wird, ob er seine Strafgev/alt bei ihnen

braucht oder in voller, froher Gemeinschaft mit ihnen verkehrt, die alles Geschehene

zu vergeben und alle Schwachheiten der Gemeinde mit Geduld und

Nachsicht zu ertragen vermag. Vertreiben sie die hoffärtige Überhebung aus


54 Die Verurteilung dessen, der seine Stiefmutter heiratete

ihrer Mitte, so braucht er den Stock nicht. Er redet auch hier als der Vater,

nicht als der Richter der Gemeinde, spricht nicht vom Schwert, sondern vom

Stock, nicht von der Aufhebung der Gemeinschaft, sondern von der Reinigung

der Gemeinde. Aber dieses letzte "Wort deutet an, daß er sich über die

Vorgänge in Korinth nicht täuschte, sondern auf Schweres gefaßt war.

Kapitel 5 und 6

Die Auflehnung der Gemeinde gegen die Zucht

' Auch jetzt geht Paulus noch nicht zur Antwort auf den Brief der Korinther

über. Ihre neue Frömmigkeit hat ihnen zugleich mit der Parteiung noch eine

andere Not gebracht, die keinen Aufschub leidet und für die er vor allen anderen

Anliegen die Abhilfe schafft. Er hat bei den vorangehenden Worten

betrübt an den christlichen Übermut der Korinther gedacht, an ihre großen

Worte, mit denen sie sich ihre inwendige Armut verdecken, an ihr Bestreben,

sich von ihm zu trennen und unabhängig zu machen, und an den Verdruß,

den ihnen die Leiden seines Apostelamtes bereiten. Daraus ergeben sich aber

bereits Dinge, die der Gemeinde deutlich zeigen, in welcher Gefahr sie steht.

In den einfachen, aber für unsere Lebensführung entscheidenden Verhältnissen,

in der Regelung der Ehe und der geschlechtlichen Triebe und in der

Ordnung der Geldfragen erweist sich die Gemeinde, seit sie auf ihre neuen

Führer hört, nicht als stark und makellos, sondern läßt böse Vorgänge zu, die

an ihrer Gesundheit giftig zehren. Darum wendet Paulus den Blick der Korinther,

die lüstern nach der Weisheit schauen als nach ihrem besonderen

Ruhm und von ihrer Größe trunken sind, mit rascher Wendung zu den sittlichen

Notständen hinüber. Eine Weisheit, die solche Dinge hervorbringt, ist

als Verirrung erwiesen und stammt nicht aus dem Geist, nicht aus Gott.

Kapitel 5,1-8

Die Verurteilung dessen, der seine Stiefmutter heiratete

y,i : Jedenfalls hört man bei euch von Hurerei und gar von solcher Hurerei,

die nicht einmal bei den Heiden geschieht, daß einer die Frau seines Vaters hat.

Als er an seine Ankunft bei ihnen dachte, erwog er, daß er vieles bei ihnen

finden könnte, was ihn betrübe und nötige, sie zu strafen. Doch das, was dann

geschehen muß, wird erst die Zukunft zeigen. Sicher aber und völlig bestätigt

ist, daß man bei ihnen vom sündlichen Verkehr der Männer mit Frauen spricht,

sei es mit Bruch der Ehe, sei es durch den Abschluß einer verwerflichen Ehe.


Der frühere Brief an die Korinther 5,1-5 " 55

Dahin stellt Paulus das, daß einer eine Frau, mit der sein Vater in der Ehe gelebt

hatte, für sich genommen hat. Das heißt Paulus nicht eine Ehe, sondern

Unzucht, eine sündliche Befriedigung eines verdorbenen Triebes, und er macht

es der Gemeinde zum Vorwurf, daß sie dies zugelassen hat, obwohl eine solche

Ehe nicht nur vom Gesetz verboten war," sondern überall, auch bei den heidnischen

Völkern, von den Söhnen verlangt wurde, daß sie die Ehen der Väter

achteten.

5,2: Und ihr seid aufgebläht und habt nicht vielmehr getrauert, damit der

aus eurer Mitte weggetan werde, der dieses Werk getan hat. Nicht nur die

Tat jenes Mannes, sondern auch das Verhalten der Gemeinde betrübt Paulus.

Sie erschrak nicht und erkannte darin keine Gefahr, sondern sah in einer solchen

Ehe einen Beweis für die unbegrenzte Größe der christlichen Freiheit und

für die herrliche Macht des Geistes, die jeden natürlichen Vorgang, mögen ihn

andere auch häßlich und gefährlich heißen, unschädlich zu machen vermag.

Dadurch wird sichtbar, in welche Gefahr die neue Erkenntnis sie brachte; sie

gab ihnen Freiheit zum Sündigen, stellte ihnen das Böse als gleichgültig und

unschädlich dar und machte ihnen undeutlich, wie es sich zeigt, daß Gottes

Herrschaft mit ihrer Kraft an uns und durch uns ihr Werk vollbringt. Sie

hätten trauern sollen um deswillen, der die Tat begangen hat, weil sie für ihn

das schwerste Unglück ist, und um der Gemeinde willen, weil auf diese bei

allem, was ihre Glieder tun, ein gewisses Maß von Verantwortlichkeit und

Verschuldung fällt. Sie hat ihn nicht vor seinem Fall zu bewahren vermocht,

hat die Gefahr, in der er stand, nicht zur rechten Zeit gesehen, hat durch die

Reinheit, mit der sie selbst die natürlichen Anliegen ordnet, nicht auch in ihm

die Reinheit zu erwecken vermocht, die den sündlichen Reizungen widerstand.

Hätte sie den Vorgang nicht gerühmt oder wenigstens entschuldigt, sondern

ernsthaft über ihn getrauert, so hätte sie jedenfalls das erreicht, daß sie von

diesem Mann befreit worden wäre. Gott hätte ihre Reue und ihren Schmerz

gesehen und ihn auf irgendeine "Weise von ihnen entfernt. Nun aber blieb er

auch jetzt noch in der Gemeinde und beanspruchte den Namen und die Geltung

eines Bruders, ohne daß die Gemeinde imstande war, ihn von sich zu

trennen. Darum spricht Paulus in dieser Sache als Richter ein Urteil gegen den

Schuldigen aus.

5,3-5: Denn ich,der ich zwar dem Leibe nach abwesend,doch demGeiste nach

anwesend bin, habe schon als anwesend das Urteil gefällt, im Namen unseres

Herrn Jesus den, der dies in dieserWeise verübt hat,nachdem ihr und meinGeist

zusammengekommen seid samt der Kraft unseres Herrn Jesus, denselben dem

Satan zu übergeben zumVerderben des Fleisches, damit der Geist amTage des


5 6 Die Verurteilung dessen, der seine Stiefmutter heiratete

Herrn Jesus gerettet werde. Nicht eine Warnung richtet er an den Schuldigen,

sondern gibt ein Urteil ab, das feststellt, wie es ihm ergehen soll. Muß er mit

diesem nicht warten, bis er in Korinth eintrifft? Allein er ist nur dem Leibe

nach abwesend, mit seinem Geiste aber in Korinth, nicht nur deshalb, weil er

weiß, wie es mit dem Schuldigen und mit der Gemeinde steht, sondern in tieferem

Sinn, weil er mit ihr durch eine innerliche, wirksame Gemeinschaft verbunden

ist, die auch vor Gott Geltung hat. Er fällt das Urteil im Namen

Jesu, des obersten Richters, in dessen Auftrag und Dienst er auch jetzt handelte,

als er zur Sünde die Strafe fügte und Gottes Recht am Schuldigen vollstreckte.

Auch das geschieht in Kraft seiner Sendung durch Jesus in der Vollführung

seines "Willens, um deswillen, was sein Name von ihm sagt, nicht anders,

als wenn er den Menschen Gottes Gnade bringt und ihnen die Vergebung

erteilt. Er fällt auch das Urteil nicht allein, sondern vereint mit der Gemeinde.

"Wäre er in Korinth anwesend, so fände jetzt eine Versammlung statt, an der

er und die Korinther teilnähmen, zu dem Zweck, um in der Sache des Schuldigen

festzustellen, was Recht sei. Nun kann er freilich nicht dem Leibe nach mit

ihnen zusammenkommen; dennoch sind sie versammelt, sie und sein Geist.

Denn er handelt in der Zuversicht, daß sein Urteil auch das der Korinther sei

und von ihnen angenommen und bestätigt werde, weil auch sie erkennen, daß

Paulus Gottes Recht gegen diesen Mann vertritt, weil sich dieser durch seine

Tat so versündigt hat, daß er seinen Anteil an Christus preisgab und seine

Verbundenheit mit der Gemeinde zerriß. Bei dieser Versammlung sind aber

nicht nur die Menschen zugegen, sondern sie haben die Kraft des Christus bei

sich, des Herrn über die irdische und himmlische Welt, über Leben und Tod.

Diese wird bewirken, daß das, was ihr Urteil feststellt, auch geschieht.

Das Vergehen des Mannes wird hier in der Fällung des Urteils nicht wieder

erzählt. Paulus mag seine unsaubere, bösartige Tat nicht nochmals in Worten

beschreiben. Die Strafe, die ihn trifft, besteht darin, daß ihn Paulus in die

Macht des Satans überantwortet. Nun gehört er nicht mehr zur Zahl derer,

die der Christus durch sein Kreuz und seinen Geist deckt und unter Gottes

gnädige Herrschaft stellt, so daß sie gegen alles Verklagen und Verderben

des Satans geschützt sind, sondern zur Zahl derer, an denen der Satan Gottes

Gericht vollstrecken muß. Er verfällt ihm nicht ohne den Willen und die Tat

des Apostels gleichsam nur von selbst als unmittelbare Folge seiner Sünde.

Denn Paulus hat ihm früher durch das Evangelium und die Taufe die Berufung

zum Christus gebracht und ihn vom Satan getrennt. Er verfällt diesem

erst dadurch, daß der Apostel jenen ersten Akt ausdrücklich widerruft. Beide

Handlungen denkt sich Paulus in derselben Weise v/irksam und gültig, die


Der frühere Brief an die Korinther 5,6 5 ~J

Berufung zu Christus und die Trennung von ihm. Durch jene schied er ihn

wirksam vom Satan und brachte ihn zu denen, an denen Christus sein Werk

vollbringt. Durch diese stellt er ihn ebenso wirksam unter die Zahl derer, an

denen der Satan seine Werke tut.

Dadurch wird er, soweit sein natürliches Leben in Betracht kommt, verderben.

Denn daraus, daß der Satan Macht über einen Menschen hat, entsteht für

ihn nicht Heil und Leben. Durch welche Ereignisse dies geschehen werde, darüber

stellt Paulus keine Verfügung auf und spricht auch keine Weissagung

aus. Er bewahrt auch darin den keuschen, heiligen Ernst, ohne den der Vollzug

des Rechts sich selber wieder mit neuer Sünde befleckt, und richtet den Blick

nicht mit grausamer Lust auf das Schicksal des Mannes, wie ihn wohl das

Elend und der Untergang ergreife, sondern auf das heilsame Ziel, um deswillen

er die Strafe verhängt und das Recht vollzieht. Für das irdische Leben dieses

Mannes hat Paulus keine Hoffnung mehr. Die Sünde, die er auf sich hat,

bringt ihm den Tod und macht ihm das ganze irdische Leben zur Qual. Aber

deshalb hält ihn Paulus noch nicht für verloren und trennt ihn nicht für ewig

von der Gnade des Christus. Er braucht vielmehr seine Strafgewalt gegen ihn

dazu, damit seinem Geist am Tag des Christus das Heil zuteil werde. Alles,

was Paulus tut, steht unter der Herrschaft der Gnade Jesu, nicht nur jene

Handlungen, durch die er verzeiht, sondern auch die, durch die er straft, nicht

nur jene, durch die er Jesu Namen über dem Schuldigen anruft, sondern auch

die, durch die er dem Satan die Herrschaft über ihn verleiht. Nicht dadurch

würde der Schuldige gerettet, daß er straflos bliebe, sondern dadurch, daß er

die schweren, zerstörenden Folgen seines Verbrechens leidet. So bleibt auch

ihm noch die Hoffnung auf die Vergebung gewährt. Darin erprobt sich, daß

Paulus im Namen Jesu handelt. Denn einzig in seinem Namen gewinnt sein

Glaube diese Macht, daß er dem Verschuldeten sagen kann: Du mußt zwar

sterben; das ist der Lohn, der deiner Tat gebührt; aber Christus errettet auch

dich. Manche haben später versucht, ihm sein Fluchwort nachzusprechen und

andere dem Satan zu übergeben; aber den Glauben des Apostels hatten sie

dabei nicht, sondern waren selber voll von Zorn und Bitterkeit.

5,6: Der Grund, weshalb ihr euch rühmt, ist nicht schön. Wißt ihr nicht, daß

ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Sie meinen, begründeten

Anlaß zu haben, auf den Zustand ihrer Gemeinde stolz zu sein. Es steht aber

mit ihrem Ruhm schlimm, wenn sie ihn durch solche Taten sich bereiten. Statt

sich zu rühmen, sollen sie sich fürchten und nicht sagen, das sei bloß ein einziger,

nur eine Ausnahme, die für den Zustand der übrigen Gemeinde nichts

beweise. Das ist so töricht geredet; als wenn sie meinten, der Sauerteig bleibe


5 8 Die Verurteilung dessen, der seine Stiefmutter heiratete

für den übrigen Teig ohne Wirkung; er sei ja nur klein. Dergleichen ergreift

das ganze Leben der Gemeinde, verwehrt es ihr, mit aufrichtigem Glauben

sich an Gottes Gnade zu halten, macht ihren "Widerstand gegen das Böse schlaff

und verschafft vielen sündlichen Neigungen freie Bahn.

5,7. 8: Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr ein neuer Teig seid, du ihr

ja ohne Sauerteig seid. Denn es ist auch unser Osterlamm, Christus, geschlachtet

worden. Daher wollen wir nicht mit altem Sauerteig und auch nicht mit dem

Sauerteig der Schlechtigkeit und Bosheit, sondern mit ungesäuerten Broten

der Lauterkeit und Wahrheit fetern. In solchen Ereignissen kommt der alte

Sauerteig ans licht und greift die Gemeinde an; denn diese wilden Triebe, die

ein Frauenbild so entzündet, daß alles, das Andenken an den Vater und die

Würde der Ehe und Christus und Gott, alles ihretwegen untergeht, stammen

aus ihrer früheren Zeit. So wild und unrein entstehen die Triebe aus dem

Fleisch, wenn nichts in uns ist als Fleisch. Der Christenheit ist aber in höherer

Weise das widerfahren, was Gott einst Israel beschert hat, als er seiner Knechtschaft

in Ägypten ein Ende machte. Damals wurde der alte Sauerteig weggetan,

und mit neuem Brotteig ohne Säuerung hielt Israel Jahr um Jahr das

Mahl, mit dem es seine Erlösung feierte. So soll es auch die Christenheit halten

und den neuen Stand der Gnade, in den sie Gott versetzt hat, dadurch feiern

und ehren, daß sie abtut, was als verderblicher Rest und schlimmes Erbe aus

ihrer früheren Zeit an ihr hängt.

Die Brote, die nicht mit Sauerteig vermengt sind, macht Paulus nicht nur

zum Bild dessen, was der Gemeinde als ihr Beruf befohlen ist, sondern auch

zum Bild dessen, was ihr Gott verliehen hat. Denn der heiligenden Gnade

Gottes schreibt Paulus immer Vollkommenheit zu und zweifelt daran auch

jetzt nicht, da er die Macht der Sünde so furchtbar vor sich sieht, daß er für

den Schuldigen in diesem Leben nichts mehr hofft, sondern erst am Tag des

Christus die Rettung für ihn kommen sieht. Dennoch zweifelt er nicht daran,

daß Gottes Vergeben völlig ist und die ganze Schuld des Menschen ganz weghebt

und daß seine Rechtfertigung vollkommen ist und sein ganzes Wohlgefallen

für den Glaubenden wirksam macht und daß sein Heiligen vollkommen

ist und eine Gemeinschaft zwischen uns und Gott stiftet, die unser ganzes

Wollen und unser ganzes Wesen an ihn gebunden macht. Darum ist kein

Sauerteig in der Gemeinde, sondern diese den ungesäuerten Broten gleich, ganz

rein, ganz neu und von allem befreit, was sie einst verdarb. So ist sie aber

durch das, was Gottes Gnade ihr zuteilt und aus ihr macht. Nach seiner Gabe

soll die Gemeinde mit ganzem Verlangen greifen und an seinen Ruf ihren Gehorsam

hingeben. Darum ergeht an die, die „ohne Sauerteig sind", die Auf-


Der frühere Brief an die Korinther 5,7.8 59

forderung: „Tut den alten Sauerteig weg", und sie besitzen die vollkommene

Gabe der Gnade nur dadurch, daß sie dieser Forderung in beharrlichem Kampf

und mit treuer "Wachsamkeit gehorsam sind.

Diese herrliche Freiheit vom Bösen hat die Christenheit deshalb, weil Christus

als das Osterlamm getötet worden ist, durch dessen Schlachtung die

Knechtschaft ein Ende hat und uns die Erlösung vom Bösen verliehen ist. Darum

soll sich die Gemeincte so halten, wie es der Gnade entspricht, die Jesus mit

seinem Kreuz ihr erworben hat, und aus ihrem Leben die beständige Festfeier

machen, die Gottes Gnade preist.

Zur Feier, die die Herrlichkeit des Christenstands mit Freude und Dank genießt,

waren die Korinther bereit. Eben deshalb gaben sie die Zucht auf und

mochten sich auch dann nicht betrüben, als Häßliches in ihrem Kreise geschah.

Durch die Sünde wird aber die Festfeier unmöglich und Betrübnis angerichtet,

wie es.die Gemeinde soeben erlebt hat, da ja ein Todesurteil über eines ihrer

Glieder nötig geworden ist. Sie kommt nur dann zur rechten Feier, wenn sie

alles abtut, was aus ihrer früheren Zeit noch an ihr .hängt, alles, was an sich

selbst verdorben und für die anderen verderblich ist. Zur Feier, die Gottes erlösende

Gnade verherrlicht, dient einzig Lauterkeit, die nichts Fremdes mit der

göttlichen Gnade vermengt, sondern unser Denken und Wollen ihr ganz unterwirft,

und "Wahrheit, die den Schein ausstößt und die Heuchelei verwirft und

uns aufrichtig vor Gott stellt. Ein Christentum, bei dem man noch die Frau des

Vaters heiraten kann, ist nicht lauter, sondern ein Gemenge von Trieben völlig

verschiedener Art, die miteinander streiten, und hat keine "Wahrheit, sondern

versteckt unter frommem Schein die böse Sucht. Das aber ist die rechte "Weisheit,

die aus Gott stammt, die, die uns lauter und wahrhaftig macht, nicht die,

nach der die Korinther haschen, die in glänzenden "Worten und hochgreifenden

Gedanken besteht, unter denen die böse Sucht mit wildem Feuer brennt. •

Kapitel 5,9-13

Die Erläuterung zur früheren Ermahnung

Die Lockerung der Zucht war in der Gemeinde schon früher eingetreten, und

darum hatte Paulus schon in seinem früheren Brief von ihr verlangt, daß sie

die von sich trenne, die ihre Ehe nicht rein führen. Dadurch, daß sie jenen

Mann duldete, hatte sie also dem, was er in seinem Brief von ihr gefordert

hatte, den Gehorsam versagt. Es konnte darum nicht ausbleiben, daß man in

Korinth über die Meinung seines früheren Briefes sprach. Denen, die sich auf

das Gebot des Paulus beriefen, wurde erwidert, die "Warnung des Paulus gehe


6o

Die Erläuterimg zur früheren Ermahnung

nur die Welt an, nicht die Heiligen, nicht die, für die alles rein sei, weil sie in

der Leitung und Behütung des Geistes stehen; in der Gemeinschaft der Heiligen

sei die Zucht nicht mehr nötig; denn Gottes Gericht treffe nur die Ungläubigen.

Darum stellt Paulus nochmals fest, was er mit jenen Worten von ihnen

verlangt habe. 5,9-11: Ich schrieb euch im Brief, daß ihr mit Hurern keinen

Verkehr haben sollt. Ich meine durchaus nicht die Hurer dieser Welt oder die

Gewinnsüdotigen und Raubgierigen oder die Götzendiener; sonst müßtet ihr ja

aus der Welt heraus. Nun aber schrieb ich eucld, keinen Verkehr zu haben,

wenn jemand, der sich Bruder nennen läßt, Hurer oder gewinnsüchtig oder

Götzendiener oder schmähsüchtig oder trunksüchtig oder raubgierig ist, mit

einem solchen auch nicht zu essen. Wir gestatten uns leicht denjenigen Mißbrauch

der apostolischen Mahnungen, der hier schon bei den Korinthern sichtbar

wird. Wir.wenden sie nur auf die anderen an, nicht auf uns selbst, richten

sie gegen die Welt, nicht gegen die Christenheit. An der griechischen Bevölkerung

war es deutlich genug, daß sie den natürlichen Trieben zuchtlos nachgab.

Dort kamen auch die anderen Dinge beständig vor, die Paulus straft, die unredliche,

mit List und Lüge arbeitende Gewinnsucht und der den Bildern geweihte

religiöse Dienst. Darum sahen die Korinther in den Worten des Apostels

eine Strafrede gegen die Welt und eine Aufforderung, ihren Verkehr mit

ihr möglichst zu beschränken. Es stärkt unser Selbstgefühl, wenn wir uns die

Verwerflichkeit der anderen deutlich machen und zwischen ihnen und uns eine

tiefe Kluft befestigen. Ihr Mißverständnis wird sich in ihrer Lebensführung in

verschiedener Weise wirksam erwiesen haben. Die Strengen werden den Verkehr

mit denen, die nicht Christen waren, ängstlich als eine Befleckung gemieden

haben; die Leichtfertigen werden eingewandt haben, die Forderung des

Paulus sei nicht ausführbar und gehe zu weit. Beide verdeckten sich gerade den

Punkt, für den Paulus ihren entschlossenen Ernst und ganzen Gehorsam verlangt.

Er sprach vom brüderlichen Verkehr innerhalb der Christenheit, nicht

von den anderen, die jenseits der Gemeinde stehen. Nur daran lag e? "'im, daß

da, wo der Brudername Geltung hat und der Anspruch erhoben wird, dem

Christus zu gehören, die sittlichen Ordnungen unverletzt bewahrt bleiben. Der

Christ besitzt in seiner Erkenntnis Gottes die Hilfe gegen solche Verirrungen

und die Kraft, seinen sündlichen Willen zu überwinden. Wenn er ihm dennoch

gehorcht, so ist seine Versündigung schwerer. Dadurch verdirbt er auch

seine Berufung auf Christus und seine Verehrung Gottes. Jede unsittliche

Frömmigkeit wirkt als bösartiges Gift; denn sie verdunkelt den gnädigen

Willen Gottes und bringt Christus Unehre. Für ihren eigenen Verkehr hat die

Christenheit auch die Macht, ihren Umgang nach dem göttlichen Gebot zu ord-


Der frühere Brief an die Korinther 5,9-13; 6,1

6l

nen und ihn dann aufzuheben, wenn dieses zertreten wird. Dagegen hat sie

nicht die Macht, die "Welt dem Gesetz Gottes zu unterwerfen, und Paulus verlangt

nichts von ihr, was ihr unmöglich ist. Dann, wenn die Gemeinschaft mit

einem Bruder deshalb aufgegeben wird, weil er Gottes Gesetz bricht, verlangt

Paulus den durchgreifenden Ernst. Dann soll jeder Verkehr gemieden werden,

nicht nur die gottesdienstliche Gemeinschaft, sondern auch die natürlichen Formen

der Freundschaft, auch die Tischgemeinschaft, die die Christenheit sonst

allen, wie immer sie sich zu Gott und seinem Willen stellen, gewährt.

5,12.13: Denn wie kommt es mir zu, die, die draußen sind, zu richten?

Richtet ihr nicht die, die drinnen sind? Die aber, die draußen sind, richtet Gott.

Tut den Bösen von euch selber weg (5. Mose 13,6). Eine richterliche Vollmacht,

die das Gesetz Gottes gegen die verteidigt, die es brechen, hat die Gemeinde

nur gegen ihre eigenen Glieder. Für diese ist sie verantwortlich, und an ihnen

hat sie der Sünde zu wehren und Gottes "Willen heilig zu halten. Die, die nicht

zu ihr gehören, hat sie in Gottes Hände zu geben, der selbst sein Recht schirmen

und an ihnen sein Gericht vollführen wird. Die Gemeinde hat getan, was

sie soll, wenn sie in ihrem eigenen, brüderlich verbundenen Kreis keinem, der

das Böse tut, Raum gewährt.

Kapitel 6,1-11

Das Verbot, fremde Richter anzurufen

6,1: Hat jemand unter euch die Kühnheit, wenn er eine Sache mit einem

anderen hat, bei den Ungerechten Recht zu suchen und nicht bei den Heiligen?

Weil die Gemeinde bei sich die Zucht versäumte und mit ihrer Erkenntnis so

beschäftigt war, daß sie den Kampf gegen das Böse einstellte, so entstand daraus

als die unvermeidliche Folge, daß die Christen, zwischen denen es zu Streitigkeiten

kam, das Urteil der städtischen Richter anriefen. Paulus heißt das

einen Schritt, zu dem es große Kühnheit brauche, weil sie so das Recht bei den

Ungerechten suchen und weil sie dadurch die Heiligen verachten und ihr Urteil

geringschätzen. Ungerechte nennt er alle, die Gott fernbleiben, mögen sie

auch die juristische Schulung eines römischen Staatsmanns oder jüdischen Gesetzeslehrers

haben. Denn als der erste und wichtigste Satz des Rechts gilt

ihm der, der den Menschen vor Gott beugt und ihm Gottes "Willen seine

Regel gibt. Da, wo der Mensch im Streit mit Gott verharrt, spricht Paulus nicht

von Gerechtigkeit. Die Anrufung des Richters wird aber zu einem törichten,

widersinnigen Schritt, wenn sie nicht in der Erwartung geschieht, er liebe und

schaffe die Gerechtigkeit. Heilige nennt er die Glieder der Christenheit, weil


O2

Das Verbot, fremde Richter anzurufen

Gott sie zu seinem Eigentum erkoren hat. Die, die Gott seiner Berufung gewürdigt

hat, sollen nicht, wenn an den Geldinteressen ein Streit entsteht, als

unwürdig und unbrauchbar umgangen werden.

6,2. 3 : Oder wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? und

wenn die Welt vor euch gerichtet wird, seid ihr dann unwürdig, auch nur die

geringsten Urteile zu fällen? Wißt ihr nicht, daß wir Engel richten werden,

vollends Streitfragen über den Lebensunterhalt? Der Gemeinde ist verheißen,

daß Christus, wenn er seine Herrschaft offenbart, ihr an dieser Anteil geben

wird. Zum königlichen "Werk Jesu gehört aber auch sein richterliches Amt. Er

wird dann an der ganzen Menschheit Gottes Recht in Kraft setzen, dem Bösen

zur Überwindung und Strafe, dem Guten zur Beschirmung und zum Lohn,

und daran wird er auch denen Anteil geben, die er in seiner Herrlichkeit als

seine Gemeinde mit sich vereint. Und doch sprechen die, die in Korinth miteinander

in Streit geraten, den Brüdern die Fähigkeit ab, ihre Streitigkeiten so

zu ordnen, daß Friede und Gerechtigkeit daraus entsteht! Ihre Händel beziehen

sich auf die kleinsten Dinge; denn sie entstehen am Eigentum, das nur

zur Fristung des irdischen Lebens für uns "Wichtigkeit besitzt. Vor dem Gericht,

zu dem sie ihre Gemeinschaft mit Christus beruft, kommen dagegen die

chsten Anliegen zur Entscheidung. Engel werden sie richten, nicht nur Händel,

die am Geld entstehen, entscheiden. Denn die Herrschaft des Christus umfaßt

die Geister- und die Menschenwelt, weshalb auch die Geister, die mit göttlicher

Vollmacht in die menschliche Geschichte eingegriffen haben, durch das

Urteil des Christus die Bestätigung oder Verurteilung ihres Wirkens empfangen.

Als Paulus der Gemeinde die Hoffnung auf das Reich und Gericht des

Christus gab, hat er nicht erwartet, daß sie sich mit ihr nur die Ergötzung eines

müßigen Spiels verschaffte. Sie soll vielmehr als eine lebendige, echte Hoffnung

ihr Verhalten in allen Dingen mitbestimmen. Er war darum darüber betrübt,

daß die Korinther Dinge taten, die mit ihrer Hoffnung hart stritten. Wenn die

Christen vor einem heidnischen Richter prozessierten, so war die Erwartung,

sie dürften der Welt das Recht und Gericht Gottes offenbaren, wenigstens für

diese Stunde ganz auf die Seite gelegt und ihr Sehfeld wieder so finster und

eng, wie es vor dem Evangelium gewesen war.

6,4-6: Falls ihr denn Urteile über das zu fällen habt, was zum Lebensunterhalt

gehört, setzt ihr dann die als Richter ein, die in der Gemeinde für nichts

gelten? Ich sage das euch zur Beschämung. Fehlt es euch in solchem Maß an

einem Weisen, der imstande wäre, einen Sdiiedsspruch zu geben zwischen seinem

Bruder, sondern ein Bruder rechtet mit dem Bruder und erst noch vor Ungläubigen?

Wenn die Christen ihre Geschäfte nicht selber im Frieden ordnen


Der frühere Brief an die Koriniher 6,2-11 . 63

können, dann sollen Brüder zu Hilfe gerufen werden, die als Schiedsrichter

den Streit schlichten. Durch diesen Rat hat Paulus den Gemeinden zu einer

edlen, starken Selbständigkeit verholfen. Für alle Bedürfnisse und Anliegen,

die in ihrer Mitte hervortreten, soll die brüderliche Gemeinschaft ausreichen

und das, was zur Bewahrung der Ordnung und Eintracht nötig ist, herstellen.

Der Schaden, der in Korinth hervortrat, besteht freilich nicht nur darin,

daß sie zum heidnischen Richter liefen, sondern hat noch tiefere Wurzeln.

6,7. 8: Es ist überhaupt schon ein Verlust für euch, daß ihr Rechtshändel miteinander

habt. Warum laßt ihr euch nicht lieber Unrecht tun? Warum laßt ihr

euch nicht lieber berauben? Ihr aber tut Unrecht und raubt und tut dies erst

noch an Brüdern. Prozesse werden in der Absicht begonnen, um Verluste abzuwehren.

Aber durch den Streit bereiten sie sich einen viel größeren Verlust

als den, gegen den sie sich wehren. Paulus hält uns die Regel Jesu vor, die uns

von allem Streit für unser Recht frei macht und zur völligen Geduld ermächtigt,

vgl. Matthäus 5,39-41. "Weil aber der Streit in-der Gemeinde entstand

und ihr nicht nur von außen durch boshafte Menschen aufgezwungen wurde,

so muß ihr Paulus noch einen schwereren Tadel sagen. Die Pflicht, Unrecht geduldig

zu leiden, entsteht nur dann, wenn es solche gibt, die uns Unrecht tun.

Muß jemand willig auf sein Eigentum verzichten, so muß einer da sein, der

es ihm nehmen will. Durch solche Bosheiten zerbrechen sie aber ihren Christenstand.

Das sind Sünden, die von Gott scheiden.

6,9.10: Oder wißt ihr nicht, daß Ungerechte Gottes Herrsdjajt nicht erlangen

werden? Irret nicht. Weder Hurer nodo Götzendiener noch Ehebrecher

nodi Wollüstige nodo Knabenschänder noch Diebe noch Gewinnsüdotige, keine

Trunksüchtigen, keine Schmähsüchtigen, keine Raubgierigen werden Gottes

Herrschaft erlangen. Solche Bosheiten, durch die wir die anderen und uns selbst

verderben, werden dann, wenn sich Gott in seiner königlichen Hoheit offenbart,

gerichtet und verworfen. Die in Korinth, die sich ungerechte Vorteile

verschaffen wollen, bringen sich also dadurch in die größte Gefahr. Solcher

Bosheit versagt Gott die großen Gaben, die er denen darreichen wird, für die

er seine herrliche Herrschaft offenbart.

6,11: Und solche wart ihr zum Teil; aber ihr habt euch abgewaschen; aber

ihr seid geheiligt worden; aber ihr seid gerechtgesprochen worden im Namen

des Herrn Jesus Christus und im Geist unseres Gottes. Ist nicht der Rechtssatz,

der der Bosheit Gottes Gnade versagt, für die Gemeinde ein furchtbares

Wort, das alle von Gottes Gemeinschaft trennt? Denn diese bösen Dinge kamen

ja in ihrem früheren Leben vor, wie sie recht wohl wissen. Aber sie haben

erkannt und empfangen, was Gott ihnen im Christus tut. Das Bad wurde


64 Die Sündlichkeit des Umgangs mit der Dirne

ihnen bereitet, das sie von ihrer Schuld befreit hat. Die Heiligung ist ihnen

gegeben, durch die sie mit Gott verbunden sind. Das Urteil Gottes ist über sie

ergangen, nicht zu ihrer Verurteilung, sondern zu ihrer Freisprechung, so daß

sie als die Gerechten Gottes Liebe, Schutz und Macht für sich haben. Solche,

die jede böse Begier durch ihre eigene Erfahrung kennen, können dies nicht

durch ihr eigenes Werk erlangen. Die Kraft ihrer Taufe und der Grund ihrer

Heiligkeit und ihres Rechts besteht in dem, was Gott ihnen dargeboten hat,

im Namen Jesu, der ihnen Jesus als ihren Versöhner und Herrn bezeugt, und

im Geist Gottes, durch den er sie mit sich vereint und im Glauben und in der

liebe sich untergeben macht. Darum können die schlimmen Dinge, die einst

ihr Leben füllten, sie nicht mehr verderben. Aber darum können sie sich auch

nicht mehr zu ihnen zurückwenden und sie in ihrem Christenleben nicht wieder

aufwecken; denn darauf, daß ihnen diese Dinge vergeben und sie von

ihnen befreit worden sind, beruht ihr Anteil an Gott.

Kapitel 6,12-20

Die Sündlichkeit des Umgangs mit der Dirne

Viele von den Dingen, von denen Paulus gesagt hat, daß sie uns den Anteil

an Gottes Herrschaft nehmen, stellten sich auch im Gewissen der Korinther

mit völliger Deutlichkeit als verwerflich dar. Dagegen hatten sie bei dem

Punkt, den Paulus zuerst genannt hatte, beim Verkehr mit der Dirne, Bedenken,

ob wirklich der völlige Bruch mit der allgemeinen Sitte zu ihrer

Christenpflicht zu rechnen sei. Die Griechen hielten den Umgang mit der

Dirne für das gute Recht eines jungen, gesunden Mannes, und die hoffärtige

Stimmung, die den Korinthern ihre Weisheit gab, machte sie für den Gedanken

empfänglich, sie könnten sich diesem Urteil anschließen und brauchten

vom Verkehr mit der Dirne für ihren Christenstand keinen Schaden zu fürchten.

Darum macht ihnen Paulus deutlich, warum der genußsüchtige, regellose

Verkehr mit einem käuflichen Weib den Christenstand zerstört. 6,12:

Zu allem habe ich Macht. Aber nicht alles ist heilsam. Zu allem habe ich Macht.

Aber nichts wird über mich Macht gewinnen. Der Einrede gegen die völlige

Keuschheit, wie sie Paulus verlangt, gab man dadurch eine christliche Begründung,

daß man sich auf die Freiheit berief, die uns Gottes Gnade gegen alles

gibt, was die Natur und der Lauf der Welt uns zutragen. Durch den Zutritt

zu Gott sind wir über alles emporgestellt, was natürlich und menschlich ist.

„Alles gehört euch, weil ihr dem Christus gehört", hat Paulus gesagt, 3,21,

da Christus alles übergeben ist, damit er es regiere und für uns zu einem Segen


Der frühere Brief an die Korinther 6,12-14 65

mache. Ist alles unser Eigentum, so haben wir auch über alle Macht und können

es gebrauchen und nützen nach unserem Ermessen. Es gibt dann nichts,

was unsere Freiheit von außen begrenzen könnte, weil es nichts gibt, was uns

schädigen, beflecken und verderben könnte, wenn wir mit Gott verbunden

sind. Dem widerspricht Paulus nicht dadurch, daß er unsere Zuversicht beschränkte

und Zweifel an der Vollständigkeit und Macht der göttlichen Gnade

in uns erweckte. Denn es hat für die Führung unseres Lebens große Bedeutung,

daß wir alles Zagen und Sorgen überwinden, die knechtische Furcht ablegen

und im Auf blick zu Gott die Zuversicht gewinnen, daß wir alles, was

uns an Kraft und Eigentum gegeben ist, mit rüstigem, tapferem Willen zu

gebrauchen haben. Er nennt uns aber zwei Dinge, auf die wir beim Gebrauch

unserer Freiheit zu achten haben. Einmal hängt dieser vom Erfolg und Ausgang

ab, den wir uns durch unser Verhalten bereiten. Nicht alles ist heilsam

und bringt uns Gewinn. Aus unserem Verkehr mit der Natur und den Menschen

kann uns Schwachheit oder Kraft, Not oder Freude, Verlust oder Gewinn

entstehen. Darum ist es nicht der rechte Gebrauch unserer Freiheit, wenn

wir blindlings zufahren und nicht darauf achten, ob wir uns schädigen, arm

und wund machen und um unsere Kraft und Habe bringen. Unsere Freiheit

ist uns von Gottes Gnade als eine gute Gabe gegeben, nicht dazu, damit wir

uns mit ihr Schmerz und Schwachheit bereiten. Sodann kann auch das nicht ihr

rechter Gebrauch sein, wenn wir uns selbst um sie bringen und so handeln,

daß wir unter die Herrschaft der Dinge und Menschen geraten. So würden

wir ja, was wir als Gottes herrliche Gabe preisen, selbst wegwerfen. Nur das

steht in meiner Macht, was ich beherrschen kann, nicht das, was mich so an

sich zieht, daß ich ihm untertänig werden muß. Nach beiden Regeln wird der

Umgang mit den Dirnen nicht von der uns gegebenen Freiheit mit umfaßt.

Denn er ist weder heilsam noch läßt er uns unsere Freiheit unversehrt, sondern

bringt uns Schaden und unterwirft uns einer Gewalt, die uns knechten wird.

6,13.14: Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen.

Gott wird aber diesen und diese abtun. Der Leib ist aber nicht für die Hurerei,

sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat aber den Herrn

auf erweckt und wird auch uns durch seine Kraft auferwecken. "Wer bloß an

die leiblichen Vorgänge denkt, mag geneigt sein, das Verlangen nach dem

Weib mit dem nach der Nahrung zu vergleichen und die Befriedigung des

einen für ebenso natürlich zu erklären wie die Befriedigung des anderen. Dadurch

wird aber der tiefe Unterschied zwischen den beiden Vorgängen verdeckt.

Die Nahrung ist von Natur für die Organe, die in den Höhlungen

unseres Leibes die Verdauung besorgen, bestimmt, weshalb wir ohne sie nicht


66 Die Sündlichkeit des Umgangs mit der Dirne

leben können. Zur Unzucht führt uns aber nicht der natürliche Trieb, als wäre

unser Leib für sie bestimmt, so daß wir sie nicht entbehren könnten. Sodann

bildet die Speise und die für sie bereiteten Organe den vergänglichen Teil

an unserem Leib. Vom vollendeten Leib, den uns die Auferstehung geben

wird, erwartet Paulus, daß er nicht mehr dem Hunger unterworfen sei und

nicht mehr der Speise bedürfe. An der "Weise, wie wir uns jetzt ernähren,

hängt ein großer Teil unserer Schwachheit, Not und Sterblichkeit. Davon

wird uns Gott befreien und uns von der Knechtschaft erlösen, die uns jetzt beständig

für unseren Magen sorgen und arbeiten macht. Vom Umgang mit der

Dirne wird aber nicht nur ein einzelnes Glied und eine besondere Funktion

betroffen; hier handelt es sich darum, wozu wir unseren ganzen Leib verwenden,

ob wir ihn als ein Mittel, gebrauchen dürfen, durch das wir unserer

Lust nach unserer "Willkür die Befriedigung verschaffen. Dadurch entfremden

wir unseren Leib seiner Bestimmung. "Wir brauchen ihn falsch, wenn er unserer

selbstsüchtigen Begierde dienen muß. Dadurch, daß wir das Eigentum

àes Christus geworden sind, hat auch unser Leib die Würde erhalten, sein

Eigentum zu sein, und dadurch, daß wir in seinen Dienst gestellt sind, ist

auch unser Leib das Werkzeug, cWch das wir Gottes Dienst ausrichten. Dies

wird durch jeden Akt bestritten und verleugnet, durch den wir den Leib nur

dazu brauchen, damit er uns Lust verschaffe. Ein solcher Gebrauch des Leibes

entweiht und verdirbt das, was uns bleiben soll, nicht etwas Vergängliches,

was abgetan werden wird. Denn nachdem Gott Jesus auferweckt hat,

wissen wir, daß er auch unseren Leib zu unserem ewigen Eigentum erhalten

und vollenden wird. Freilich können wir diese Hoffnung nur dadurch haben,

daß wir der Kraf t Gottes gedenken und nicht bei dem stehen bleiben, was vor

Augen ist. Aber seine Kraft vermag auch unseren Leib in einen Zustand der

Herrlichkeit zu versetzen, durch den er uns zur bleibenden Wohnung und in

unserem ewigen Leben zum Werkzeug werden wird. Dadurch ist unser Leib

für uns geheiligt und gegen jeden selbstsüchtigen Mißbrauch geschützt.

6,15-17: Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder des Christus sind? Soll

ich nun die Glieder des Christus nehmen und aus ihnen die Glieder einer Dirne

machen? Nimmermehr! Oder wißt ihr nicht, daß der, der sich mit der Dirne

verbindet, mit ihr derselbe Leib ist? Denn die beiden werden, sagt er, zu

einem Fleisch (1. Mose 2,24). Wer sich aber mit dem Herrn verbindet, ist

mit ihm derselbe Geist. Weil, unser Leib, wenn wir mit Christus verbunden

sind, seinem Willen gehorcht, darum nennt ihn Paulus ein Glied des Christus,

über das er nun verfügt und durch das er seinen Willen vollstreckt, und heißt,

es einen Raub, wenn wir die ihm verbundenen Glieder anderen übergeben,,


Der frühere Brief an die Korinther 6,15-20 67

vollends einer Dirne, deren Wille mit dem Willen des Christus nichts gemein

hat, weil nur der wilde Trieb des Fleisches sie bewegt. Unser Leib kann nicht

zugleich verschiedenen Herren als gehorsames Glied sich untertänig zeigen.

Aber auch der Umgang mit der Dirne stiftet eine vollständige Abhängigkeit,

durch die der Leib ihr übergeben und ihrem Willen dienstbar wird. Ein einziger

Leib wird aus beiden, sagt Paulus mit dem Schriftwort, weil jedes des

anderen bedarf und mit einem starken Trieb an sich zieht.

Oder bringt uns unser Anschluß an den Herrn nur eine lose, stückweise

Verbundenheit mit ihm, so daß uns freier Raum bliebe, auch anderweitig

über uns zu verfügen? Freilich hat das Band, das uns an ihn bindet, nicht

leibliche und sichtbare Art, sondern wird durch seinen Geist gestiftet* der

sich mit unserem Geist vereint und uns dadurch regiert, daß er uns seine liebe

gibt. Dadurch aber, daß wir im Geist mit ihm vereinigt sind; sind wir vollends

für immer und völlig mit ihm verbunden, so daß wir alles, was wir sind, ihm

zur Verfügung halten und auch unseren Leib nicht mehr nach unserer Willkür,

sondern zur Erfüllung seines Willens brauchen. Wir können also, wenn wir

uns zu ihm halten, nicht auch noch mit der Dirne in Gemeinschaft treten, sondern

geben mit der einen Gemeinschaft die andere auf»

6,18: Flieht die Hurerei. Jede Sünde, die ein Mensch tut, ist außerhalb des

Leibes. Der Hurende sündigt aber gegen seinen eigenen Leib. Weil er nicht

bloß Dinge, sondern seinen Leib mißbraucht, so haftet auch der Schaden, den

er dadurch hervorbringt, nicht bloß an dem, was außer ihm vorhanden ist,

sondern an seinem eigenen Leib. Das Urteil über diese Dinge hängt also

davon ab, wie wir unseren Leib einschätzen. Wer ihn verachtet, mag sageni

Was liegt am Leib? Aber im Blick auf Christus denken wir von unserem Leib

nicht so. 6,19: Oder wißt ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen

Geistes ist, der in euch ist, den ihr von Gott habt? Je deutlicher uns das wird,

was uns Gottes Gnade schenkt, um so höher steigt auch in unserem Urteil der

Wert unseres Leibes. Wenn wir darin Gottes Liebe sehen, daß er uns seinen

Geist gibt, so erhält dadurch unser Leib Heiligkeit; denn er ist nun der Ort,

an dem sich Gottes Geist gegenwärtig und offenbar macht. Das schließt jede

Willkür in der Verwendung unseres Leibes aus.

6,20: Und ihr gehört nicht euch selbst; denn ihr seid um einen Preis, erkauft

worden. Verherrlidot also Gott mit eurem Leib. Wir sind nicht durch

uns selbst Gottes Eigentum, sondern sind von Jesus durch sein Kreuz dazu

gemacht, durch das er von uns genommen hat, was uns von Gott trennt. Das

legt Paulus als das entscheidende Gewicht in die Waage gegen alle selbstischen,

eigenmächtigen Gelüste. Wir würden durch dièse wegwerfen, was uns durch


68 Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

die Hingabe des Sohnes Gottes in den Tod erworben worden ist. Daraus, daß

wir zu Gottes Eigentum gemacht sind, ergibt sich das Ziel, zu dem wir unser

Leben mit allen unseren Kräften, auch unseren. Leib, gebrauchen. Wir dürfen

Gott preisen, seine Größe kundtun und seine Herrlichkeit bezeugen dadurch,

daß sie an uns sich offenbart und uns mit seiner Gabe beschenkt. So sind wir

von beádem befreit, von der Geringschätzung des Leibes, die ihn vernachlässigt

und zerbricht, und von der Knechtschaft unter unseren Leib, die mit seiner

Erhaltung unsere ganze Kraft und Zeit verzehrt. Nicht in der Erhaltung unseres

Leibes und nicht in dem Genuß, den er uns verschafft, liegt unser Ziel.

Denn wir leben für Gott, und wenn wir Gott dadurch zu preisen haben, daß

wir unseren Leib in den Tod geben, so darf dies mit freudigem Gehorsam geschehen.

Ebensowenig zerstören wir den Leib. Denn wir haben die hohe Aufgabe

zu erfüllen, die Herrlichkeit der göttlichen Gnade kundzutun, an der

auch unser Leib Anteil hat, ohne den keine Äußerung unseres Lebens zustande

kommt.

Kapitel 7

Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

Nun bekommen die Korinther die Antwort auf das, worüber sie Paulus

um eine Äußerung gebeten haben. Sie haben ihn über seine Stellung zur Ehe,

zum Götzenopfer und zu den besonderen Wirkungen des Geistes befragt, 7,1;

8,1 ; i2,i. Über die Ehe wollten sie von ihm wissen, ob er die Enthaltung von

ihr zur Förderung der Heiligung für nützlich halte. Daß sie ihm diese Frage

vorlegten, zeigt, daß die Korinther darüber nicht eines Sinnes waren. Gegen

den Verzicht auf die Ehe sprach die Rücksicht auf die natürliche Ordnung

unseres Lebens, die uns die Ehe unentbehrlich macht. Für die Entsagung

sprachen die Gedanken, die die Erhabenheit des Christenstands über alle

natürlichen Bedürfnisse und Verpflichtungen feierten. Sollten die, die im

Geiste lebten, sich noch dem natürlichen Trieb unterwerfen? Besitzen sie nicht

in der Erkenntnis Gottes den reichen Schatz, der sie so vollständig erfreut und

so ausschließlich beschäftigt, daß sie alle anderen Anliegen beiseite legen

dürfen? Wie die gegen Paulus wirkenden Lehrer eine Ehe im verbotenen

Grade nicht für unzulässig hielten, sich um Streitigkeiten, die des Geldes wegen

entstanden, nicht kümmerten, sondern die Streitenden an die städtischen

Richter verwiesen und denen, die der geschlechtliche Trieb mit Kraft ergriff,

zur Benutzung der Dirne rieten, so haben sie es auch für das Würdigste und

Beste erklärt, durch den Verzicht auf die eheliche Gemeinschaft den Christen-


Der frühere Brief an die Korinther 7,1.2 69

stand von einem Vorgang zu befreien, den sie als erniedrigend verachteten.

Dadurch war die Eintracht der Gemeinde und die Festigkeit ihrer Sitte aufs

schwerste verletzt, da nun neben denen, die auch den Gebrauch der Dirne

zur christlichen Freiheit rechneten, und neben dem, der ohne Scheu die Frau

seines Vaters heiratete, auch solche standen, die sich ihrer Heiligung wegen vor

der Ehe fürchteten. Im inwendigen Grunde ihrer Frömmigkeit blieben aber

beide, die, die ihre Freiheit stolz rühmten, und die, die sich ängstlich um die

Ausrottung der leiblichen Triebe bemühten, einander verwandt, da beide den

Leib verachten und die natürliche Ordnung des Lebens zerbrachen. Ob sie den

einen oder den anderen Weg gingen, hing von der Stimmung der einzelnen ab,

ob ein verzagtes Gefühl der Schche oder ein hochfahrendes Bewußtsein

der Stärke sie bewegte, und die eine Stimmung konnte leicht mit der anderen

wechseln, so daß der, der auf die Ehe verzichtete, doch wieder die Dirne aufsuchte

und der, der seine Freiheit.rühmte, sich doch wieder durch die vollständige

Enthaltsamkeit die Vollkommenheit bereiten wollte. Man war aber

in Korinth nicht nur über die Sache, sondern auch über die Meinung des Paulus

im Zweifel. Da er selbst nicht in der Ehe lebte, so konnten sich die auf ihn

berufen, die auf sie verzichteten. Wiederum hatte er bei der Sammlung der

Gemeinde niemand die Ehelosigkeit auferlegt. Darum bat ihn die Gemeinde,

daß er sich über die Ehe äußere, und er tut dies nun so umsichtig und

ausführlich, daß seine Erklärung ein besonders großes und deutliches Beispiel

dafür geworden ist, wie man anderen bei denjenigen Schwierigkeiten, die im

sittlichen Gebiet entstehen, durch seelsorgerlichen Rat wirklich hilft.

7,1.2: Über das y was ihr geschrieben habt. Es ist für einen Menschen gut,

keine Frau anzurühren. Aber der Buhlschaften wegen soll jeder seine eigene

Trau und jede ihren eigenen Mann haben. Paulus hält es nicht für einen Schaden,

wenn jemand auf die Ehe verzichtet, und gibt nicht zu, daß dadurch das

Leben des Mannes notwendig verarme, versuchlich werde und ihm Gefahr

bringe; er kann im Gegenteil durch seinen Verzicht einen großen Gewinn erlangen.

Damit sagt Paulus dasselbe, was auch Jesus gesagt hat, Matthäus 19,12.

Aber ebenso bestimmt verbietet er sofort, daß es in der Gemeinde zur Regel

werde, auf die Ehe zu verzichten. Der würde falsch handeln, der aus ihr eine

Vereinigung von solchen machte, die ehelos zu leben entschlossen sind. Denn

die Gemeinde bringt die Männer und die Frauen, die Jünglinge und die Mädchen

beständig in einen innigen und freien Verkehr. Würde die Ehe mißachtet

und unterdrückt, so entständen daraus mit Sicherheit die wilden heimlichen

Verhältnisse. Weil Paulus in der Kirche keine Buhlschaften will, darum macht

er die geordnete, öffentliche Ehe zur Regel.


~fO

Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

Paulus wird gegenwärtig deswegen oft gescholten, er habe eine unedle Vorstellung

von der Ehe, da er sie bloß zur Verhütung der Hurerei anrate; er

habe dabei vergessen, wie reiche und innerliche Früchte aus einer treuen, vollständigen

Gemeinschaft beider Gatten erwachsen. Er hat es aber oft mit

wachen Augen gesehen, wieviel der Mann und die Frau einander auch in ihrem

inwendigen Leben helfen und bieten können. Nur trug das nichts zur Entscheidung

der Frage bei, auf die er hier Antwort zu geben hat. Denen, die zum

Entsagen bereit sind, hat er zu zeigen, warum ihr Standpunkt in der Gemeinde

nicht zur Herrschaft kommen darf. Das war nicht dadurch zu erreichen,

daß er das Glück einer reinen Ehe pries, weil ja die, die zur Entsagung

willig sind, auf dieses gern verzichten. Nur dadurch war ihnen die Grenze gezeigt,

die sie nicht überschreiten dürfen, daß ihnen die Sünde vorgehalten wird

in. ihrer ganzen Häßlichkeit und Verderblichkeit, zu der sie die Gemeinde

dann verleiteten, wenn sie sie gewaltsam in ihre Bahn hineinrissen. Nicht die

Lobpreisung der Ehe, sondern der Blick auf die Verwüstung, die so entstände,

macht es allen zur Pflicht, bei der Leitung der Gemeinde darauf zu halten, daß

die Grundregel für sie das Leben in der Ehe bleibt.

7,3-5 : Der Frau erstatte der Mann,was er ihr schuldet, ebenso auch die Frau

dem Mann. Nicht die Frau hat über ihren Leib Macht, sondern der Mann;

ebenso hat nicht der Mann über seinen Leib Macht, sondern die Frau. Versagt

euch einander nicht, es sei denn im Einverständnis für einige Zeit, damit ihr

, Muße zum Gebet habt und wieder beisammen seid, damit euch nicht der Satan

versuche, weil ihr euch nicht beherrschen könnt. Zuerst gibt Paulus die Regel

für das Zusammenleben der Verheirateten, da sich nicht nur Unverheiratete,

sondern auch schon Verheiratete der Furcht ergaben, daß die eheliche Gemeinschaft

ihnen den heiligen Geist raube und ihr Herz beflecke. Paulus gestattet

ihnen aber bei der Führung ihrer Ehe keine Künstelei und verwirft die Scheinehe.

Es kann leicht aus ihr die Versuchung entstehen, wenn dem Trieb der Natur

nicht gegeben wird, was er verlangt. Paulus räumt zwar ein, daß es für das

anhaltende, längere Zeiträume füllende Gebet eine Störung sein könne, wenn

der eheliche Verkehr dazwischen tritt. Wir hören bei dieser Gelegenheit, daß

die Christenheit damals das Gebet eifrig pflegte als ein-Hauptstück ihres inneren

Lebens auch durch längere Zeit hindurch. Doch läßt Paulus solche Zeiten

völliger Zurückgezogenheit nur als Unterbrechungen im gewöhnlichen Lauf

des Lebens zu.

7,6.7. Dies sage ich aber als Erlaubnis,nicht als Befehl. Ich wünsche aber, daß

alle Menschen so seien wie ich. Allein jeder hat eine eigene Gabe von Gott, der

eine so, der andere so. Damit, daß Paulus die Ehe als den richtigen Weg für die


~JZ

Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

lieh ist, so soll sie sich bemühen, die Versöhnung mit ihrem Mann zu bewirken.

Damit hat Paulus den Spruch Jesu nicht verändert, ihn vielmehr mit richtigem

Verständnis zur Anwendung gebracht; denn Jesus hat die jüdische Sitte deshalb

verworfen, weil die Frau nach ihrer Scheidung doch wieder in den Besitz

eines Mannes übergehen würde, und diese zweite Ehe hat er Ehebruch genannt.

7,12-14: Den anderen aber sage ich, nicht der Herr: Wenn ein Bruder eine

ungläubige Frau hat und diese willig ist, bei ihm zu wohnen, soll er sie nicht

entlassen, und eine Frdu, die einen ungläubigen Mann hat, entlasse, falls dieser

willig ist, bei ihr zu wohnen, den Mann nicht. Denn der ungläubige Mann ist

in der Frau geheiligt, und die ungläubige Frau ist im Bruder geheiligt. Sonst

wären eure Kinder unrein. Nun aber sind sie heilig. Für die, die als Christen

miteinander in der Ehe leben, gilt das Wort des Herrn. Hier wissen beide Teile,

was ihre Pflicht ist, damit sie im Gehorsam Jesu bleiben. Die „anderen" sind

die, die zwar in der Ehe leben, aber nicht mit einem Christen, weil sie schon

vorher, ehe das Evangelium zu ihnen kam, verheiratet gewesen sind und nur

der eine Gatte in die Gemein de trat. Für sie gibt es keinen Spruch Jesu, der

ihnen sagte, wie sie nach seinem Willen handeln. Denn Jesus hat nicht schon

zum voraus über diejenigen Verhältnisse gesprochen, die erst später durch die

Sendung seiner Jünger in die Welt entstanden sind. Wir haben in unseren

Evangelien keinen Spruch Jesu, der von anderen Dingen redete als von dem,

was unmittelbar zur Pflicht seiner Jünger gehört hat, und auch Paulus hat

keine solchen Worte Jesu gekannt. Denen, die mit einem heidnischen oder jüdischen

Gatten in der Ehe lebten, hat daher der Apostel zu sagen, wie sie in ihrer

Lage nach dem Willen Jesu handeln. Er verlangt von ihnen die Fortführung

der Ehe, solange der andere, nicht christliche Teil hierzu willig ist, und nimmt

ihnen das Bedenken, eine solche Ehe bringe ihrer Heiligkeit Gefahr. Sie stehen

zwar durch sie in einer täglichen, engen Berührung mit unchristlichen Dingen.

Der heidnische Gatte setzt wahrscheinlich seine heidnische Frömmigkeit fort,

hat in seinem Hause Götterbilder und nimmt am heidnischen Opfer teil, und

der jüdische steht noch mit denen in Gemeinschaft, die mit bitterem Haß den

Kampf gegen Jesus führen. Dennoch macht sie ihre Gemeinschaft mit ihnen

nicht unrein und trennt sie nicht von Gott. Gottes Gnade, die den christlichen

Gatten berufen hat, ist mächtiger als das Widerstreben des heidnischen Teils.

Der heidnische Mann ist deshalb geheiligt, weil seine Frau geheiligt ist, die

heidnische Frau deshalb, weil ihr Mann geheiligt ist. Gott kannte ihre Lage,

als er ihnen seine Gnade gab, und hat sie in diesen Verhältnissen, in denen sie

stehen, zu sich berufen, als den Mann einer heidnischen Frau, als die Frau eines

heidnischen Mannes. Die natürliche Gemeinschaft, in der sie stehen, wird durch


Der frühere Brief an die Korinther 7,12-16 73

ihre Verbindung mit Gott nicht zerstört, sondern unter Gottes Gnade gestellt

und dadurch geheiligt und bestätigt. Darum soll der christliche Gatte Gottes gnädigen

Willen, durch den er selbst mit ihm verbunden ist, auch auf seinen Gatten

beziehen und nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihn Gott Glauben erweisen.

Daß dieser ihm jetzt noch widerstrebt, das entkräftet Gottes Willen

nicht. Paulus erläutert das Verhältnis zwischen den Gatten an dem, das zwischen

ihnen und ihren Kindern besteht. Wenn die natürliche Gemeinschaft vor

Gott nichts gälte, so müßten sie auch ihre Kinder als unrein betrachten. Aber

kein Vater und keine Mutter geben ihre Gemeinschaft mit ihren Kindern deshalb

auf, weil diese noch nicht gläubig sind. Sie erkennen vielmehr in ihren

Kindern Gottes Gabe, die mit in die Gnade eingeschlossen ist, die Gott ihnen

selbst erwiesen hat. Ihre Kinder sind heilig, weil Gott sie denen gegeben hat,

die er für sich geheiligt hat. Wie sie ihre Kinder nicht verlassen sollen, so soll

auch der Gatte dem Gatten die Gemeinschaft bewahren, solange der andere

Teil hierzu willig ist. Wie es Paulus bei Kindern von Christen mit der Taufe

hielt, das erfahren wir durch dieses Wort nicht. Auf das Alter der Kinder

nimmt er hier überhaupt keine Rücksicht. Sein Satz gilt von den erwachsenen

Kindern nicht weniger als von den unmündigen. Ihre Heiligkeit hat Paulus

nicht erst aus ihrer Taufe abgeleitet, sondern daraus, daß Gott ihre Eltern berufen

und für sich geheiligt hat. Damit aber, daß er die Kinder nicht unrein,

sondern heilig heißt, weil Gottes Gnade auch ihnen gilt so gut wie ihren Eltern,

spricht er die Voraussetzung aus, die es uns ermöglicht, auch den Kindern die

Taufe zu geben; denn jener Wille Gottes, durch den wir und unsere Kinder

heilig sind, wird uns durch die Taufe bezeugt.

7,15.16: Wenn aber der Ungläubige sich scheidet, soll er sich scheiden. Der

Bruder oder die Schwester ist in solchen Fällen nicht geknechtet. Gott hat euch

aber im Frieden berufen. Denn wieso weißt du, o Frau, ob du den Mann retten

wirst? Oder wieso weißt du, o Mann, ob du die Frau retten wirst? Die Voraussetzung

zur Erhaltung der Ehe ist, daß der ungläubige Gatte mit dem christlichen

Gatten zusammenleben will. Hebt jener die Ehe auf, dann ist der christliche

Gatte mit unverletztem Gewissen von ihm frei. Er soll dann nicht audi

gegen den Willen des anderen sich ihm aufdrängen und in seinem Haus bleiben

wollen. Es mag für ihn ein schweres Leid sein, daß ihm des Evangeliums

wegen die Ehe zerbricht. Er hat aber dies aus Gottes Hand zu nehmen und mit

Geduld zu tragen. Von trotziger Hartnäckigkeit, die sich in die gegebene Lage

nicht finden will, rät Paulus ab. Gottes Berufung hat darin ihren Grund, daß

er uns Frieden verschafft. Weil er selbst uns seinen Frieden gewährt, führt er

uns zu Christus und versöhnt uns mit sich. Dadurch bereitet er uns auch in allen


74 -Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

unseren Verhältnissen im Verkehr mit allen den Frieden. Wenn aber ein Christ,

obwohl der heidnische Gatte nicht mehr mit ihm leben will, dennoch bei ihm

zu bleiben versucht, so wird daraus nicht Friede, sondern ein bitterer Zank.

Dazu verpflichtet uns Gott nicht. Der christliche Teil mag die Hoffnung haben,

er werde doch schließlich den widerstrebenden Gatten noch überwinden und

ihn dadurch retten, daß er ihn zum Glauben führe. Aber eine solche Hoffnung

hat keine Gewißheit. Wir dürfen sie nur so hegen, daß wir dabei Gottes hohe

Regierung, die nach seiner eigenen Gerechtigkeit und Gnade über uns waltet,

ehren. Darum gibt eine solche Hoffnung nicht den Grund ab, auf den wir unser

Handeln stellen dürfen. "Wir haben die Führung unseres Lebens nicht auf ungewisse

Vermutungen zu gründen, sondern auf das, was mit klarer Erkennbarkeit

vor uns steht und Gewißheit hat. In einem solchen Fall ist zunächst das

klar, daß der ungläubige Gatte die Gemeinschaft mit dem christlichen Gatten

nicht erträgt, sondern diesen verstößt. Daraus ergibt sich für diesen, wie er zu

handeln hat.


So sprechen diese Worte gleichzeitig die unbeschränkte Gewißheit und die

gebeugte Bescheidenheit des Glaubens aus. Solange der Heide die Gemeinschaft

mit dem Christen festhält, sagt ihm Paulus: Auch du bist geheiligt; Gottes

Gnade gibt sich wie deinem Gatten so auch dir. Hier läßt der Glaube alles,

was sichtbar ist, hinter sich, achtet nicht auf das Widerstreben des Menschen,

sondern stützt sich auf Gottes allmächtige Gnade. Hebt aber der Heide die Gemeinschaft

auf, so läßt Paulus kein trotziges „dennoch" zu: „Dennoch werde

ich dich bekehren, dennoch lasse ich dich nicht", sondern er beugt die menschliche

Liebe unter Gottes Regierung, die allein über den Ausgang unseres Lebens

verfügt. Beide Bewegungen des Glaubens, daß er sich zur unbeschränkten

Macht der göttlichen Gnade erhebt und daß er sich unter die göttliche Gerechtigkeit

willig beugt, entstehen aus demselben Grund, daraus, daß wir im Glauben

ernsthaft auf Gottes Willen sehen. Davon, wie der christliche Gatte dann,

wenn er seine frühere Ehe auflösen muß, seine Verhältnisse neu zu ordnen

habe, ob er nun berechtigt sei, die alte Ehe als völlig vergangen anzusehen und

in eine neue zu treten oder ob es auch für ihn gelte, daß er, solange der frühere

Gatte lebt, unverheiratet bleiben soll, spricht Paulus nicht. Zur raschen, voreiligen

Stiftung einer neuen Ehe, ehe sich völlig gezeigt hat, wie das alte Verhältnis

ende, riet er sicher niemand. Auch für diesen Fall sagt er zunächst: Es

- ist gut, wenn ihr bleibt wie ich.

7,17: Jedoch jeder wandle so, wie es ihm der Herr zugeteilt hat, jeder so, wie

ihn Gott berufen hat. Und so ordne ich es in allen Gemeinden an. Bei der Ehe

hat es Paulus anerkannt, daß die Bekehrung des einen Gatten seine alten Ver-


Der frühere Brief an die Korinther 7,17-20 75

hältnisse unhaltbar machen und ihn zwingen kann, einen neuen Weg zu beginnen.

Er widersetzt sich aber kräftig dem Gedanken, so müsse es in der Regel

zugehen; mit der Bekehrung zu Christus müßten die alten Verhältnisse fallen

und auch die ganze äußere Stellung des Menschen neu werden. Dieser Gedanke

gewann über die ersten Christen leicht eine gefährliche Macht, weil die "Wandlung,

die sie durch das Evangelium erlebten, alles in ihrem Leben ergriff. Wie viel

hing in diesem mit der alten Religion und mit der alten Sünde zusammen! Und

dies alles fiel nun dahin mit einem Schlag. Mußte sich nicht auch in ihren äußeren

Verhältnissen alles ändern? Paulus hat nachdrücklich in allen Gemeinden

verlangt, daß jeder nach seiner Bekehrung in den alten Verhältnissen bleibe.

Er fürchtet die eigenmächtigen Versuche, sich plötzlich eine neue Stellung zu

verschaffen. So soll ein jeder sein Leben führen, wie es ihm der Herr zugeteilt

Hat, nicht wie er selbst es sich wünscht und für lieblicher oder nützlicher hält.

In der Lage, in der ihn Gottes Berufung traf, soll er verharren. Sie reißt ihn

nicht aus dieser heraus, sondern gilt ihm in der Verfassung, in der sie ihm gegeben

ward. Gottes Ruf macht nur der Sünde ein Ende, nicht den natürlichen

Verhältnissen, durch die sein Leben bisher seine Bahn bekam. Diesen Grundsatz

hat Paulus zuerst auf die Ehe angewendet, da er es den Christen nicht zuließ,

ihre Häuser zu verlassen, wenn diese heidnisch blieben. Nun stellt er ihn

noch an zwei anderen wichtigen Beispielen dar, an der Zugehörigkeit zur Synagoge

und ain Sklavenstand.

7,18-20: Wurde jemand als Beschnittener berufen, so verschaffe er sich keine

Vorhaut. Wurde jemand in der Vorhaut berufen, so beschneide er sich nicht.

Die Beschneidung ist nichts, und die Vorhaut ist nichts, sondern die Bewahrung

der Gebote Gottes. Jeder bleibe in der Berufung, durch die er berufen worden

ist. Wenn ein Jude an Christus gläubig geworden ist, so stellte er seine Zuversicht

zu Gott nicht mehr auf seine Beschneidung. Nicht schon darin, daß er ein

Glied des jüdischen Volkes war, sondern darin, daß er Christus erkannt hatte,

erkannte er nun diejenige Gabe Gottes, durch die ihm sein Reich geöffnet ist.

Da konnte ihm leicht der Gedanke kommen, mit Hilfe der Ärzte seine Beschneidung,

die nun keine Bedeutung mehr für. ihn hatte, zu beseitigen. Diejenigen

Juden, die von der griechischen Bildung ergriffen zum Heidentum

übergingen, taten dies oft. Paulus verbietet es. Wenn dagegen ein Grieche an

Christus gläubig wurde, so wurde ihm dadurch auch Gottes Offenbarung an

Israel heilig, und er erkannte in der Stiftung und Regierung der alttestamentlichen

Gemeinde dasjenige Werk Gottes, das durch Jesus zur Vollendung kam.

Sollte er sich nicht beschneiden und dadurch auch seinerseits dem alttestamentlichen

Gebot gehorsam sein? Viele Griechen, die vor dem Evangelium durch die.


j6

Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

Schrift die Einzigkeit und Herrlichkeit Gottes erkannt hatten, hatten es getan.

Paulus verbietet es. Wer als Jude zu Christus kam, soll ihm als Jude dienen;

wer als Grieche von ihm berufen ist, als Grieche sein Eigentum sein. In beiden

Fällen wurde auf die Frage, ob jemand beschnitten oder nicht beschnitten sei,

ein Gewicht gelegt, das ihr nicht gebührt. Wie das Glied, an dem die Beschneidung

vollzogen wird, aussieht, daran hängt für unser Verhältnis zu Gott nichts.

Dann ist die Beschneidung ein Segen, wenn sie im Gehorsam gegen Gottes Gebot

geschieht; das trifft aber für den gläubigen Heiden nicht zu; denn ihm legt

Jesu Wort nicht die Verpflichtung auf, sich beschneiden zu lassen. Und dann

ist die Vorhaut ein Unsegen, wenn sie die Geschiedenheit von Gott und den

Streit gegen seine Gebote bei sich hat; das trifft aber für den gläubigen Heiden

nicht zu, da er dem Wort Jesu im Glauben Gehorsam erweist.

7,21-24: Wurdest du als Sklave berufen, gräme dich nicht. Wenn du aber

auch nodo nicht frei werden kannst, so benütze es lieber. Denn der Sklave, der

im Herrn berufen ist, ist ein Freigelassener des Herrn. Ebenso ist der, der als

Freier berufen ist, ein Knecht des Christus. Ihr wurdet um einen Preis erkauft.

Werdet nicht Knechte der Menschen. Jeder Bruder soll bei Gott in dem bleiben,

worin er berufen worden ist. Wenn Christus sich einem Sklaven offenbart, so

verändert das seine Lage nicht; er bleibt das Eigentum seines Herrn. Im Vergleich

mit den Freien ist er schwer benachteiligt, und wenn sein Herr ein Heide

ist, kann seine Lage sehr hart werden. Paulus tröstet ihn. Dennoch hat er keinen

Grund, sich über seinen Stand zu grämen. Freilich, wenn sich ihm außerdem

noch die Gelegenheit bietet, daß er frei werden kann, dann heißt ihn Paulus

sie dankbar benutzen; doch nur dann kann er sich von der Knechtschaft

befreien, wenn besondere Umstände ihm dies gestatten. Durch seine Bekehrung

allein hat er noch keinen Anspruch an die Freiheit, und Paulus hat nichts

getan, um sie ihm zu verschaffen, und hat auch die Gemeinde nicht verpflichtet,

ihre Sklaven loszulassen oder, wenn sie anderen gehörten, sie loszukaufen;

denn die Berufung zu Gott verändert die äußeren Verhältnisse nicht, sondern

besitzt für jeden Stand und an jedem Ort in sich selbst ihre unvergleichliche

Herrlichkeit. Sie macht aus den Sklaven Freie, aus den Freien Sklaven, weil

sie beide dem Willen Gottes unterwirft. Der Herr hat dem glaubenden Sklaven

die Freiheit gegeben, obgleich er nach dem menschlichen Recht ein Sklave

bleibt; denn er ist dem Herrn verpflichtet, nur ihm, und dieser bekennt sich

zu ihm, beschirmt ihn gegen alles, was ihn bedrückt, macht ihn froh und in Gott

stark. Und der Freie ist nicht Herr über sich selbst und kann nicht für sich selbst

nach seinem Eigenwillen leben, sondern ist mit allen seinen Kräften und seinem

ganzen Vermögen dem Christus Untertan. Einzig daran liegt alles, daß sich


Der frühere Brief an die Korinther 7,21-28 77

Freie und Knechte dessen bewußt bleiben, wem sie gehören. Darum erinnert

sie Paulus mit demselben Wort, das er schon 6,20 brauchte, an Jesu Kreuz,

durch das er sie für sich erworben hat- Damit sind alle anderen Untertänigkeiten

für sie zerrissen, und es ist ihnen allen, ob sie Knechte oder Freie seien,

die hohe Aufgabe gestellt, sich keinem Menschen so zu unterwerfen, daß er die

Herrschaft über sie gewinne, weil ihr Glaube, ihre Liebe und ihr Gehorsam

einzig auf Jesus gerichtet sind.

7,25: Über die Mädchen habe ich keinen Befehl des Herrn; ich gebe aber ein

Urteil, da mir vom Herrn Barmherzigkeit erwiesen ist, so daß ich zuverlässig

bin. Von der Ehefrage blieb noch ein wichtiger Punkt zur Besprechung übrig,

auf den sich die Anfrage der Korinther vermutlich vor allem bezogen hat: wie

es mit den jungen Christen zu halten sei, besonders mit den heranwachsenden

Mädchen, über deren Verheiratung die Eltern zu entscheiden hatten. Sollen

christliche Eltern darauf bedacht sein, ihre Töchter zu verheiraten, oder sollen

sie sie vielmehr dazu anleiten, ihren jungfräulichen Stand zu bewahren? Ein

Gebot Jesu, das anordnete, was mit den heranwachsenden Kindern geschehen

solle, hat Paulus nicht; aber er erinnert die Gemeinde daran, daß auch sein

eigener Rat gewichtig ist. Diese Zuverlässigkeit, die ihn für sie zum sicheren

Führer macht, verdankt er dem Erbarmen Jesu, durch das er ihn bekehrt und

ihm das Botenamt verliehen hat. Weil ihm der Herr sein Erbarmen gab, darf

ihn die Gemeinde nicht geringschätzen.

7,26: Ich meine nun, dies sei gut wegen der gegenwärtigen Not, daß es für

den Menschen gut ist, er set so. Paulus wünscht, daß die jungen Leute bleiben,

was sie sind, also sich nicht verheiraten. Denn es ist eine schwere Zeit, eine

Kampfeszeit, in der jeder für den Herrn sein Leben einzusetzen hat. Paulus

hielt die Lage der Christenheit nicht für leicht und friedlich. Es widerstehen ihr

die Mächte, die die Welt beherrschen, und werden ihr nicht gutwillig ohne

Kampf weichen. Die schwersten Opfer können von jedem Glied der Christenheit

gefordert werden, und diese werden leichter gebracht und sind weniger

schwer, wenn nur das eigene Glück und Leben preisgegeben werden muß und

nicht andere durch jene festen Bande mit uns verbunden sind, die die Ehe

stiftet.

7,27. 28: Bist du an eine Frau gebunden, suche nicht die Lösung. Bist du los

von der Frau, suche keine Frau. Aber aucJj wenn du heiratest, käst du nicht gesündigt,

und wenn das Mädchen heiratet, hat es nicht gesündigt. Solche werden

aber für das Fleisch Drangsal haben; ich aber schone euch. Jetzt, da alle berufen

sind, alles Irdische der einen Aufgabe nachzusetzen, daß sie dem Christus treu

bleiben, rät Paulus allen, ihren Stand nicht zu verändern. Es wäre falsch, wenn


78 Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

ein Verheirateter wegen der Not der Zeit seine Ehe auflösen wollte. Er hat

vielmehr seine Sorgen auf Gott zu legen und an seinem Ort tapfer den Kampf

zu bestehen, der ihm beschieden ist. Ist er aber noch frei, so soll er nicht die

Sorge für eine Frau und einen Hausstand auf sich nehmen. Nicht als ob der

Eintritt in die Ehe eine Sünde wäre, aber sie bringt Not, und Paulus denkt

mit Erbarmen an das viele Schwere, das über diese jungen Christen, die jetzt

in ihrer Jugend einen Hausstand gründen, kommen wird.

7,29-31: Dies aber sage ich, Brüder: Die Zeit ist kurz; hinfort seien auch

die, die Frauen haben, wie solche, die keine haben, und die, die weinen, wie

solche, die nicht weinen, und die, die sich freuen, wie solche, die sich nicht

freuen, und die, die kaufen, wie solche, die nicht besitzen, und die, die die

Welt benützen, wie solche, die sie nicht ausnützen. Denn die Gestalt dieser

Welt vergeht. Paulus schätzt die Frist für kurz bis zum Abschluß der Geschichte,

den der Tag des Herrn bringen wird. Die großen Versuchungen und

Entscheidungen, die ihm vorangehen, treten rasch an die Christenheit heran.

Es gilt, sich von allem frei zu machen, was sie an die jetzigen Zustände bände.

Eine Frau zu nehmen heißt Paulus keine Sünde; nur müssen sie fähig und

willig sein, sie auch wieder zu verlieren, und dürfen ihre Ehe nicht als einen

unvergänglichen Besitz ansehen und ihre liebe nicht so ihren Frauen geben,

daß ihr "Wohl und Glück ihnen über alles geht und für sie unentbehrlich wird.

Leid und Freude dürfen nicht das ganze Herz erfüllen. Sie klingen wohl in

ihrer Seele an; aber sie erhalten sich frei über dem Schmerz, auch wenn sie weinen,

über der Lust, auch wenn sie sich freuen, über dem Besitz, auch wenn sie

sich solchen erwerben, über der Welt, auch wenn sie mit ihr in Verkehr treten

und sie für ihre Zwecke benützen. Immer bleiben sie zu jedem Opfer bereit

und jedes Winks gewärtig, durch den sie der Herr weg von diesen Gütern und

heraus aus ihren Verhältnissen ruft, als die für ihn gerüstete und mit ganzer

Seele nach ihm verlangende Schar. Denn das menschliche Leben bleibt nicht,

wie es ist. Die Gestalt, die die Menschheit jetzt hat, macht ihr die Ehe und die

Nahrung und das Eigentum unentbehrlich. Daß sie sich darum bemühe, folgt

notwendig aus der Art, die ihr jetzt gegeben ist. Aber diese Art des Daseins

geht vorbei. Das kommende Leben hat nicht wieder diese Figur. Der neue

Mensch steht nicht mehr unter dem Zwang, sich durch Ehe, Nahrung und

Eigentum das Leben zu erhalten und zu füllen. Es ist nicht bloß der Gedanke

an die Vergänglichkeit alles Irdischen, mit dem hier Paulus unser Begehren

und Streben dämpft und uns über alles, was wir erleben, eine unverletzliche

Herrschaft und Freiheit gibt. Aus jenem Gedanken entsteht, wenn er für sich

allein bleibt, nur Schwachheit. Er redet auch nicht vom Untergang der Welty


Der frühere Brief an die Korinther 7,29-34 79

sondern stellt über die gegenwärtige Gestalt unseres menschlichen Lebens eine

zukünftige mit anderen Gütern und anderen Ordnungen. Wenn sich der Blick

der Glaubenden dorthin richtet, erfüllt und beherrscht sie das nicht mehr, was

ihnen die Gegenwart an Macht und Besitz, an Glück und Leid zu bieten hat.

7,32-34: Ich will aber, daß ihr ohne Sorgen seid. Wer nicht verheiratet ist,

sorgt für das, was dem H errn^ gehört, wie.er dem Herrn gefalle. Aber wer geheiratet

hat, sorgt für das, was der Welt gehört, wie er der Frau gefalle. Und

zwischen der Frau und dem Mädchen ist ein Unterschied. Die, die nicht verheiratet

ist, sorgt für das, was dem Herrn gehört, daß sie am Leib und am

Geist heilig sei. Die aber, die geheiratet hat, sorgt für das,was derWelt gehört,

wie sie dem Mann gefalle. Die Ehe bringt Sorgen, nicht die der grämlichen,

glaubenslosen Ängstlichkeit; von ihr redet hier Paulus nicht. Sorgen bringt sie,

weil sie uns Aufgaben stellt, Arbeit gibt und Pflichten bringt. So ist freilich

kein Stand ohne Sorge. Aber" zwischen dem Ledigen und dem Verheirateten

besteht hierin doch ein wesentlicher Unterschied. Der Ledige kennt nur einen,

dem seine Liebe gilt und mit dem sich seine Sorge beschäftigt: das ist der Herr.

Daß er tue, was ihm gefällt, sein Lob für sich habe und sein Werk vollbringe,

nur das ist sein Anliegen, und mit diesem ist seine Seele völlig beschäftigt und

seine Lebenszeit ganz gefüllt. Freilich hat das Mädchen, das die Heirat ausschlägt,

nicht im selben Sinn an der Sorge für das, was dem Herrn gehört,

Anteil wie der Mann. Ihr Beruf führt sie nicht in die Gemeinde und in die

Welt hinaus. Das Ziel, das ihr Paulus zeigt, besteht darin, daß sie selbst mit

ihrem ganzen Wesen am Leib und am Geist heilig sei. Sie soll mit ihrem

Leib und ihrem Geiste niemand gehören als Gott allein und sich in allem,

was sie denkt und tut, halten als Gottes Eigentum. Dies wird bei den Verheirateten

anders. Nun kommen andere Sorgen, die auf das gerichtet sind, womit

die Welt sich beschäftigt und was ihren Besitz ausmacht. Man kann keine Ehe

führen, ohne beständig die Dinge zu gebrauchen und die Verhältnisse zu

benützen, die das natürliche Leben der Menschen für uns bereitgestellt hat.

Nun ist noch ein anderer als der Herr vorhanden, für den wir leben und um

dessen Wohlgefallen, Lob und Wohlergehen wir uns mühen. Nun lebt der

Mann für die Frau, die Frau für den Mann, und jeder hat am Beifall des

anderen sein Ziel. Das heißt Paulus nicht Sünde; sondern das gehört zur Ehe,

und ohne dies ist sie nicht gesund. Eine Frau, der nichts am Wohlergehen des

Mannes liegt, ein Mann, der sich um die Zustimmung der Frau nicht bewirbt,

handelt gegen den Sinn der Ehe. Deshalb nehmen die Gatten einander, weil sie

einander gefallen wollen. Aber die Führung,des Lebens ist nun nicht mehr

so einfach, die Hingabe des Herzens an Gottes Willen nicht mehr so leicht; als


8o

Die Antwort auf die Anfrage über die Ehe

wenn wir uns um nichts zu kümmern haben als einzig um das, was der Herr

von uns selber will. Darum, weil uns die Ehe innerlich am Urteil und Wohl

des anderen beteiligt, bringt sie zur Zeit der Not die verstärkte Versuchung

und das vermehrte Leid.

7,35: Das sage ich aber im Blick auf das, was für euch selber heilsam ist,

nicht um euch eine Schlinge anzulegen, sondern im Blick auf das, was anständig

ist und auch, ohne daß ihr umgetrieben werdet, für den Herrn verfügbar

macht. Paulus braucht zur Beratung der Korinther in der Ehesache das volle

Gewicht seines apostolischen Amts und spricht als der, dem Christus seine

Barmherzigkeit dazu erwiesen hat, damit er ihn zum zuverlässigen und treuen

Berater der Christenheit mache. Aber gerade.deshalb bleibt jeder Gedanke an

eine herrische Beeinflussung der Gemeincle von ihm fern. Er spricht als der Beschirmer

ihrer Freiheit, der jedem einzelnen das Recht wahrt, nach seiner Überzeugung

mit seinem eigenen Willen über die Führung seines Lebens die Entscheidung

zu fällen, die ihm vor Gott richtig scheint. Mit dem Überwerfen einer

Schlinge vergleicht er ein Verfahren, das die anderen beredet, zur eigenen

Meinung herüberzieht, ihnen ihre Überzeugung nimmt und die eigene aufdrängt.

Damit hat er nichts gemein, sondern er hat nur das im Auge, was für

die Korinther selber heilsam ist, sie ohne Hinderung und Fall in der Verbindung

mit Christus erhält und ihnen zu einer würdigen Führung des Lebens

hilft. Den letzten Punkt hebt er deshalb ausdrücklich hervor, weil er erwartet,

daß in diesem Stück andere anders urteilen und das Bedenken haben, den

Mädchen, denen die Ehe nicht verschafft werde, werde dadurch ein unwürdiges

Los bereitet. Das trifft nach dem Urteil des Apostels nicht zu; nach seiner Meinung

ist ein Mädchen, das darauf bedacht ist, mit seinem ganzen Leben dem

Herrn zu gehören, auch wenn es ohne die Ehe altert, eine würdige Gestalt.

Aber er versteht, daß andere hier anders denken als er.

7,36-38: Wenn aber einer meint, er handle an seinem Mädchen ungebührlich,

wenn sie überreif ist, und es so geschehen muß, so tue er, was er will; er

sündigt nicht. Sie sollen heiraten. Wer aber in seinem Herzen festgegründet

steht, ohne unter einem Zwang zu stehen, sondern über seinen Willen Macht

hat und dies in seinem Herzen festgesetzt hat, sein Mädchen zu behalten, der

wird wohl daran tun. Somit tut der, der sein Mädchen verheiratet, wohl, und

wer es nicht verheiratet, wird das Bessere tun. Wenn es dem, der über das Geschick

eines Mädchens zu verfügen hat, hart und unwürdig scheint, wenn sie

über die jugendliche Blüte hinauswächst ohne Ehe, oder wenn irgendwie eine

Nötigung vorliegt, die die Heirat für sie als das Richtige erscheinen läßt, dann

macht Paulus das Gewissen aller Beteiligten frei. Dann sollen sie für die Ver-


Der frühere Brief an die Korinther 7,35-40

8l

ehelichung des Mädchens sorgen. Wenn aber der entgegengesetzte Entschluß

vor einer reifen, ernsten Überlegung standhält und ausführbar ist, dann glaubt

er, daß dadurch für das Mädchen besser gesorgt und ihm die reine Führung

seines Christenlebens leichter gemacht sei als durch seine Verheiratung.

7,39.40: Eine Frau ist aber so lange gebunden, als ihr Mann lebt. Wenn

aber ihr Mann entschlafen ist, ist sie frei, sich zu verheiraten, mit wem sie

will, nur daß sie es im Herrn tue. Sie ist aber seliger, wenn sie so bleibt, nach

meinem Urteil. ld> meine aber, daß auch idi Gottes Geist habe. Das letzte

Wort des Apostels in dieser Sache beantwortet die Frage, wie es mit dem Recht

zu einer zweiten Ehe stehe. Solange der erste Mann lebt, läßt er keine solche

zu, wie er ja schon Vers 10 das Gebot Jesu in dieser Sache angeführt hat als

ohne Ausnahme für die Gemeinide gültig. Gegen eine zweite Ehe nach dem

Tod des ersten Mannes hat Paulus keine Bedenken. Die Witwe hat wieder die

freie Verfügung über sich selbst. Es gilt hier einzig die Beschränkung, die unser

ganzes Verhalten trifft, daß sie einen solchen Schritt nicht ohne den Herrn tue,

nicht so, daß sie ihre Verbundenheit mit dem Herrn dadurch störe, sondern so,

daß sie nach seiner Leitung und im glaubenden Anschluß an ihn in ihre neue

Ehe trete. Doch zweifelt Paulus nicht daran, daß es Fälle geben könnte, in

denen eine zweite Ehe im Herrn geschlossen wird. Aber auch der Witwe gibt

er wie allen zu bedenken, daß es für sie besser und seliger ist, je weniger sie

sich mit den Dingen dieser Welt belädt. Nachdem er so der Gemeincle gezeigt

hat, wie sie in der Ehesache richtig handle, sagt er denen, die ihm zu widersprechen

bereit sind, noch ein kurzes Wort. Was er gab, ist nur sein Rat, nur

das, was er dadurch zu erkennen vermag, daß er bei sich selbst die Frage überdenkt.

Aber die Gemeinde soll nicht vergessen, daß ihr damit in seinem Wort

nicht nur eine menschliche Meinung und menschliches Wohlwollen entgegentritt,

sondern daß sie hier der beriet, der mit Zuversicht von sich sagen kann,

daß Gott auch ihm seinen Geist gegeben habe. Wenn andere, die sich gegen ihn

stellen, sich auf den Geist berufen, der in ihnen, rede, so ist das gewiß, daß

nicht bloß sie ihn haben, sondern auch er, und wenn sie ihm widersprechen

wollen, so mögen sie sich ernsthaft überlegen, wessen Auge wirklich durch den

Geist Gottes erleuchtet und wessen Wille durch ihn geheiligt sei. Seine Zuversicht,

daß auch in dieser Sache der Geist ihm gebe, was er der Gemeincle

vorlege, wird dadurch bewährt, daß er mit der größten Weisheit die verschiedenen

Aufgaben und Anliegen der Gemeinde erwogen und miteinander

vereinigt hat. Gleich nachher kam die Kirche in der Ehefrage in ein großes

Schwanken. Bald galten ihr nur die, die entsagen, als die Vollkommenen, und

der Christenstand der anderen ward gescholten, oder sie verdächtigte die, die.


8 2 Die Unterweisung über das heidnische Opfer

mit einer starken Liebe Gottes handeln, und sorgte satt und gemächlich für

die Dinge dieser Welt. Paulus hat denen, die mit starker liebe über die sinnlichen

Triebe und natürlichen Geschäfte hinausstreben, damit sie ganz dem

Herrn gehören, die Bahn zu jeder Entsagung und jedem Opfer freigemacht.

Er sagt ihnen kein Wort, das sie erkälten könnte, zweifelt nicht an der Lauterkeit

ihres Verlangens, sondern bestätigt ihnen, soweit es ihre eigene Person

angeht, das Recht ihres Standpunktes. Er gehört ja auch selbst zu denen, die

um Jesu willen alles opferten. Aber gleichzeitig schützt er sorgsam die natürlichen

Lebensordnungen gegen jeden Angriff und wahrt allen, die sich innerhalb

derselben halten, ihr gutes Recht. So beschirmt er die Freiheit aller, sowohl

derer, die entsagen, als derer, die ihnen nicht folgen, nicht so, daß darob

die Gemeinde zersplitterte und zwischen den verschiedenen Wegen Hader

entstände, sondern so, daß ihr die Eintracht erhalten bleibt, weil die Entsagenden

die anderen nicht verachten und die der Natur Gehorchenden jene

nicht verdächtigen.

Kapitel 8,I—II,I

Die Unterweisung über das heidnische Opfer

Für die jüdischen Gemeinden war durch den Einfluß des Pharisäertums die

völlige Enthaltung von allem, was den heidnischen Göttern geopfert worden

war, zu einem Hauptpunkt der Frömmigkeit geworden. „Vom Gebannten

soll nichts an deiner Hand kleben", sagte das Gesetz 5. Mose 13,18. Den Bann,

der die gänzliche Vernichtung des Gebannten zur Folge hat, legte die jüdische

Regel aber nicht nur auf die fremden Götterbilder, sondern auch auf alles, was

ihnen geweiht war und zu ihrem Besitz gehörte. Darum blieb sie nicht bei der

Forderung stehen, daß der heidnische Gottesdienst geinieden werden müsse;

denn beim griechischen Opferwesen kam das Fleisch der Opfertiere nicht auf

den Altar, sondern blieb dem Gebrauch der Menschen überlassen und konnte

zu festlichen Mahlzeiten verwendet werden oder sonst verwertet werden, sa

daß es auch auf dem Fleischmarkt zum Verkauf kam. Die jüdische Regel

machte darum allen, die unter den Heiden lebten, zur strengen Pflicht, ihre

völlige Absonderung vom Heidentum dadurch zu bewähren, daß sie nichts

genossen, was den heidnischen Göttern geweiht worden war. Neben dem

Fleisch kam namentlich noch der Wein in Betracht, weil den Göttern häufig

Weinspenden in der Art dargebracht wurden, daß nur ein kleiner Teil des

Weins zu Ehren eines Gottes ausgegossen, das übrige dagegen sonst verwendet

wurde.


Der frühere Brief an die Korinther 8,1-3 8 5

Audi für die christlichen Gemeinden war es ein Hauptpunkt, daß sie sich

gänzlich und deutlich von der alten Religion schieden, und sie taten dies dadurch,

daß sie die alte Regel übernahmen und das Geopferte gänzlich mieden.

Da aber die christliche Überzeugung die Gemeinde vor allem dazu führte, die

Trennung vom Heidentum inwendig vollständig zu machen und mit der heidnischen

Sünde ganz zu brechen, so verlor für sie die Sorge ihr Gewicht, ob man

das Fleisch gebrauchen dürfe, das von einem Opfertier herkam, und die Korinther,

die sich wie Könige fühlten und zur höchsten Erkenntnis vorgeschritten

sind, waren geneigt, das Verbot des Geopferten als eine kleinliche, nur für den

Anfang dienliche Satzung abZutun. Sie wußten aber auch in dieser Frage nicht

klar, wie eigentlich Paulus stehe. Das Geopferte hatte er der Gemeinde untersagt;

aber wie vereinigte er dies mit der Freiheit in allen Dingen, die er durch

den Glauben an Christus besaß und auch der Gemeinde verlieh? Da sie ihn

deshalb fragten, wie es mit dem Geopferten zu halten sei, hat er ihnen auch an

dieser Frage mit derselben Sorgfalt wie bei der Ehe die Grundsätze gezeigt,'

die ihnen ein reines und sicheres Handeln verschaffen.

Kapitel 8

Wann der Verzicht auf das Opfer fleisch nötig ist

8,1-3: Über das den Götzen Geopferte. Wir wissen, daß wir alle die Erkenntnis

haben. Die Erkenntnis bläht; aber die Liebe baut. Wenn jemand

meint, er habe etwas erkannt, so hat er noch nicht erkannt, wie er erkennen

muß. Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt. Wie die Christenheit

es mit dem Opferfleisch zu halten hat, das hängt vom Stand ihrer Erkenntnis

ab. Nun weiß freilich jedermann, daß die Korinther die Erkenntnis haben.

Sie wären beleidigt, wenn er daran zweifelte, daß es, ihnen an der Erkenntnis

fehle, die sie nötig haben, um die Angst vor den Götterbildern abzuwerfen

und alles, was mit ihnen in Berührung stand, mit Freiheit zu gebrauchen. Dazu

fügt aber Paulus eine warnende Einschränkung hinzu. Gewiß ist für diese

Frage die Erkenntnis unerläßlich, aber nicht sie allein, und nicht jede Art der

Erkenntnis gibt hier die richtige Leitung. Für sich allein stiftet die Erkenntnis

bösen Schaden; denn sie erweckt die Hoff art, macht stolz und gibt dem Menschen

den Dünkel, durch den er sich selbst als groß erscheint und meint, er

mache alles recht.

Bläht die Erkenntnis, so blendet sie auch und verführt zu verkehrten Schritten.

Wer hoffärtig ist, kann Gottes Wallen nicht erkennen und nicht tun. Darum

braucht die Gemeinde noch mehr als Erkenntnis, damit sie den rechten


84 Wann der Verzichi auf das Opferfleisch nötig ist

"Weg finde, nämlich die liebe, und diese erzeugt in uns nidit die Bewunderung

für unsere eigene Größe und das "Wohlgefallen an unserer eigenen Meinung;

sondern sie sieht, wie es mit den anderen steht, worin sie leiden und

straucheln und wie Ihnen zu helfen sei, und sie sieht das nicht nur; sondern sie

hilft, stärkt das Schwache, bringt den Sündigenden zur Reue und unterstützt

die, die Gottes Willen tun: sie baut.

Wie steht es denn mit jener Erkenntnis, die bläht? Trägt sie ihren hohen

Namen mit Recht? Meint jemand, er habe sie, so hat er sie sicher nicht. Dünkt

es ihn, er sei am Ziel, er habe alles durchschaut und ergründet und sein Urteil

fertig gemacht, so hat er die Erkenntnis, die er haben muß, damit er wirklich

sehe, was ist und geschieht, nicht. Wenn er in der richtigen Weise an die Dinge

herantritt, dann sieht er ihre Tiefe, erkennt die Kümmerlichkeit seiner Gedanken

und mißt die Entfernung, die sie noch von ihrem Ziel trennt. Eine fertige,

vollkommene Erkenntnis gibt es in keinem Stück; wer sich einer solchen rühmt,

begreift nichts. Fertige Leute sind Toren. Das Merkmal der rechten Erkenntnis

ist die liebe. Liebe Gottes, nicht nur Erkenntnis Gottes muß die Gemeinde

haben, wenn sie in einer solchen Frage wie der, wie man mit dem Opferfleisch

richtig verfahre, das Rechte tun will. Ohne die Liebe sündigt sie an den Brüdern

und bringt sich selber in die größte Gefahr. Es ist aber leichter zu sagen:

Wir wissen, daß wir alle die Erkenntnis haben, als: Wir wissen, daß wir alle

die Liebe Gottes haben, und doch kommt es hier auf diese an.

Man könnte erwarten, daß Paulus sage: Wenn jemand Gott liebt, der hat

ihn erkannt. Aber er macht seine Gedanken gleich noch tiefer und sagt: Der ist

von ihm erkannt. Denn darauf kommt es zuerst an, ob wir von Gott erkannt

seien. Nicht das ist das erste, daß wir ihn erkennen, sondern das, daß er uns

kennt und uns zu sich beruft. Nur darauf kann unsere Erkenntnis Gottes entstehen.

Wir kommen zu ihr nicht durch unsere Denkarbeit, als stiegen wir

durch unsere Kraft zu ihm empor, drängen in sein Geheimnis ein und nötigen

ihn, ohne seinen Willen sich unserer Erforschung preiszugeben. Das sind närrische,

sich selbst zerstörende Gedanken über Gott. Alle Gewißheit Gottes und

aller Einblick in seinen Willen ist Gottes Gabe und wird uns dadurch zuteil,

daß uns Gott erkennt und in seine Gnade stellt. Darum ist die wirkliche Kenntnis

Gottes nicht ohne die liebe da und hat an ihr ihr sicheres Merkmal. Denn

daß uns Gott als die Seinen kennt, das ist die Tat seiner Gnade, die uns nie

bloß Gedanken, sondern vor allem die Liebe gibt.

8,4: Also über das Essen des den Götzen Geopferten wissen wir, daß es

keine Götzen in der Welt gibt und daß keiner Gott ist als einer. Das ist die

Erkenntnis, auf der die Freiheit der Gemeinde in dieser Sache beruht. Wer


Der frühere Brief an die Korinther 8,4-7 8 5

den Götzen für eine Macht hält, die ihm schaden kann, der wird sich auch vor

allem scheuen, was ihm geweiht worden ist. Wer aber gewiß ist, daß über der

Menschheit der einige Gott waltet, der fürchtet sich nicht mehr vor Fleisch.

8,5. 6: Denn auch, falls es solche gibt, die Götter heißen, sei es im Himmel,

sei es auf Erden, wie es denn viele Götter und viele Herren gibt, so haben wir

doch einen Gott, den Vater, aus dem alles ist und wir für ihn, und einen

Herrn, Jesus Christus, durch den alles ist und wir durch ihn. Es könnte zu

kühn scheinen, wenn Paulus schlechthin sagte: Es gibt nur einen Gott. Übersehen

wir die Geheimnisse, die das Jenseits verbirgt? Vielleicht gibt es dennoch

viele Mächte, die den Weltlauf bewegen, und es war vielleicht kein bloßer

Wahn, wenn die heidnischen Religionen von vielen Göttern sprachen, die sich

hier und dort geoffenbart hätten. Jedenfalls erhoben auf Erden die Könige

seit alters den Anspruch, daß sie Götter seien, und damals galt der römische

Kaiser als der Gott und Herr der Welt. Wie dem sei, auch wenn wir einräumen,

daß es viele Herrscher gibt, so wird dadurch die Frage nicht verwickelt

und die Stellung der Christenheit nicht unsicher. Denn sie kennt nicht viele

Götter, sondern nur den einen Gott. Das ihr gegebene Wort Gottes enthüllt

und bezeugt ihr den einen allein, den Vater. Er allein hat sie berufen und seine

Gnade ihr verliehen. Er ist der Schöpfer aller Dinge, aus dem alles, was besteht,

das Leben hat, und ist der, für den wir geschaffen sind, in dem unser

Leben sein Ziel hat, daß wir bei ihm in seinem Reich und in seiner Gemeinschaft

seien. Ihn haben wir allein zum Gott, weil wir einen Herrn haben,

durch den sich Gott uns offenbart, der deshalb der Herr ist, weil er als der

ewige Sohn Gottes Schöpferwerk vollbracht hat und weil die für Gott geheiligte

Gemeinde durch ihn entstanden ist, so daß wir unsere Erkenntnis und

Liebe Gottes von ihm empfangen. Darum steht die Christenheit nicht unsicher

vor der Frage, wer Gott sei, sondern hat für sie eine gewisse Antwort. Wird

sie so gefragt, so nennt sie den Namen Jesu, durch den sie den Vater kennt,

und damit sind alle anderen Götter verschwunden, und sie kniet nicht mehr

weder vor einem Götzen noch vor einem Kaiserbild.

8,7: Allein die Erkenntnis ist nicht in allen; sondern einige essen es, weil ihr

Gewissen bis jetzt noch am Götzen hängt*, als ein dem Götzen geweihtes

Opfer, und ihr Gewissen wird, weil es schwach ist, befleckt. Wenn auch in

Korinth jedermann sagt, er habe die Erkenntnis, seine Gewißheit Gottes sei

klar und fest und von der Furcht vor dem Götzen sei er ganz befreit, so ist

doch damit der Zustand der Gemeinde noch nicht wirklich erfaßt. Nicht nur

* In anderen Bibeln steht: „weil sie bis Jetzt noch an den Götzen gewöhnt sind". Das ist der

leichtere Ausdruck, deshalb aber schwerlich der ursprüngliche.


86 Wann der Verzicht auf das Opferfleisch nötig ist

an anderen Orten, sondern auch bei ihnen gibt es noch solche, die das Opferfleisch

nicht anders genießen können als im Gedanken, daß es Götzenopfer,

also dem heidnischen Gott verfallen sei, weil ihr Gewissen immer noch an ihn

gebunden ist, ihn als wirklich und mächtig fürchtet und ihnen deshalb verbietet,

etwas zu genießen, was ihm dargebracht worden ist. Namentlich solche

Brüder, die von der Judenschaft herkamen, hatten Mühe, ihr Gewissen vom

Götzenopfer loszumachen, nachdem ihnen von Kindheit auf eingeprägt war,

dasselbe sei etwas Schreckliches und sein Genuß die schwerste Sünde, die ihnen

das Schicksal Achans bereiten würde. "Wenn aber in der Gemeinde jedermann

sagt, das Götzenopfer sei unschädlich, dann kommt ans Licht, wie kraftlos ihr

Gewissen ist; es ist nicht so stark, daß es sie hindern könnte, sich ebenso zu benehmen

wie alle anderen. "Wenn sie aber gegen das in ihnen vorhandene Bedenken

das Geopferte essen, so bekommt ihr Gewissen einen Flecken, denn

sie tun damit, was es als Abfall von Gott und Dienst der falschen Götter verwirft.

Wenn sie dagegen die Erkenntnis hätten, dann gälte ihnen das Fleisch

nur als Fleisch, nicht als Götzenopfer, und sein Genuß schiede sie nicht von

Gott. "Weil sie aber ein verworrenes Urteil haben und darin eine Sünde und

Abfall von Gott sehen, darum essen sie mit bösem Gewissen und laden eine

Schuld auf sich.

8,8.9: Aber das, was wir essen, wird uns vor Gott kein Lob eintragen; wir

haben weder einen Nachteil, wenn wir nicht essen, noch einen Gewinn, wenn

wir essen. Gebt aber acht, daß nicht diese eure Vollmacht zu einem Anstoß für

die Schwachen werde. Über unsere Nahrung haben wir wie über alles Natürliche

die freie Verfügung. Dagegen entsteht eine heilige Pflicht, die die ganze

Aufmerksamkeit von uns verlangt, aus der brüderlichen Gemeinschaft, durch

die das, was wir tun, sofort auch für die anderen Wichtigkeit bekommt, und

Paulus verlangt von den Korinthern, daß sie vor allem den Schwachen, die

sich leicht vor dem Beispiel der Starken beugen, sorgsame Rücksicht erweisen.

Gerade deshalb, weil es für sich allein betrachtet, gleichgültig ist, ob sie essen

oder nicht, sind sie um so mehr verpflichtet, für das Wohl der anderen zu sorgen

und niemand in Gefahr zu bringen. Käme eine ernsthafte, vor Gott wichtige

Sache in Frage, so könnte man erwägen, ob sie den anderen zulieb, um

ihnen den Anstoß zu ersparen, auf sie verzichten müssen. Nun aber dreht sich

der Streit um etwas Nichtiges, was an sich wertlos ist, während es nicht gleichgültig

ist, was daraus in den Schwachen entsteht. Es bedarf aber noch der Erklärung,

wieso aus dem Genuß des Fleisches für andere ein Anstoß werden

kann. Nicht daran hat Paulus gedacht, daß sie andere deshalb schelten und als

Sünder verurteilen. Auch das ist freilich unerfreulich, ist aber nicht das, was


Der frühere Brief an die Korinther 8,8-n 87

Paulus, fürchtete. "Wir können denen, die uns schelten, nicht wehren, und we:

auf seine Freiheit deshalb verzichtet, weil sie anderen mißfällt, macht ¿sich zu

ihrem Knecht. Was Paulus einen Anstoß nennt, an dem andere zu Fall kämen,

sagt er im folgenden Satz.

8,10: Denn wenn jemand dich, der du die Erkenntnis hast, sieht, wie du im

Götzentempel am Tisch liegst, wird nicht das Gewissen dessen, der schwach ist,

dazu erbaut werden, daß er das den Götzen Geopferte ißt? Paulus fürchtet die

Macht des Beispiels, das an die Stelle der eigenen Erkenntnis tritt. Das Fleisch

gilt ihm nach wie vor als das Eigentum der Götter, das den Fluch auf ihn

herabziehen muß; sein eigenes Urteil über den Götzen und das Fleisch hat er

nicht geändert. Aber weil er es die anderen ohne Furcht essen sieht, tut er es

auch. Erbaut, sagt Paulus, werde sein Gewissen hierzu; denn es wird gestärkt;

sein Zagen wird überwunden, und seine Einreden verstummen. Das ergibt aber

eine verkehrte Erbauung, die eine Ermutigung zum Sündigen ist. Das Urteil,

das den Genuß des Opfers als schwerste Sünde fürchtet, verliert er nicht, nur

die Gewissenhaftigkeit, durch die er es sich bis jetzt versagt hat. Paulus nennt

absichtlich den denkbar schärfsten Fall, daß der Freie das Opferfleisch nicht in

einem Privathaus genießt oder für sich auf dem Fleischmarkt kauft, sondern

im Tempel selbst am Mahl teilnimmt. Dort kann niemand darüber zweifeln,

was für Fleisch er esse. Er genießt das Opferfleisch so in aller Öffentlichkeit

und stellt seine Freiheit mit keckem Trotz vor den Augen aller aus.

8,11: Denn der Schwache kommt um durch deine Erkenntnis, der Bruder,

um deswillen Christus starb. Es ist leicht, andere dahin zu bringen, daß sie

ihr Gewissen nicht achten und die Schranken überspringen, die es ihnen auferlegt.

Die Verbote unseres Gewissens drückea-auf uns als eine Last. Wer uns

zeigt, daß wir sie nicht zu tragen haben, hat unseren Beifall. Darauf beruht

die hinreißende Macht derer auf die anderen, die sich als die Freien darstellen.

Eine solche Auflehnung gegen das eigene Gewissen ist aber das Verderben des

Menschen. Paulus hat Sünde und Tod niemals getrennt; wo die Sünde geschieht,

ist der Tod. So gilt es auch von dem, der das Geopferte ißt: „Ich aber

starb", Römer 7,10. Nicht aus dem Fleisch entsteht diese Wirkung. Hätte er

die Erkenntnis, so könnte er das, was er tut, ohne jeden Schaden tun. Aber

was er tut, gilt ihm als Verleugnung Gottes, als Verhöhnung des göttlichen

Zorns, und dennoch tut er es, weil es ihm andere vormachen und er sich durch

ihr Beispiel einredet: Du darfst es tun. So ist es für ihn wirklich Abfall von

Gott, und dieser wirkt den Tod. Das ist aber nicht nur für ihn Sünde, sondern

auch für den, der ihn dazu verlockt. Soll die Erkenntnis die Folge haben, daß

andere an ihr verderben? Sie soll eine gute Gabe sein, durch die wir uns und


88 Der Verzicht auf àie Besoldung

anderen zum Leben helfen. Brauchen wir sie mit dem Erfolg, daß sie anderen

die Sünde und den Untergang bereitet, so haben wir sie mißbraucht. So wird

der Wille Jesu durch die Freien zerbrochen. Er gab ihnen den Schwachen zum

Bruder, damit sie ihre liebe an ihm erweisen, und hat um seinetwillen das

Kreuz getragen. Denn Paulus richtet die Absicht Jesu bei seinem Sterben auf

jeden einzelnen von denen, die er durch das Evangelium zu sich zieht. Der

schlimme Streit, den sie so mit der selbstgefälligen Ausstellung ihrer Freiheit

gegen Christus beginnen, soll ihnen deutlich sein.

8,12: Wenn ihr aber so gegen die Brüder sündigt und ihr Gewissen, das

schwadj ist, schlagt, sündigt ihre gegen Christus. Wenn ein Gewissen schwach

ist, so verlangt es von ihnen zarte, hilfreiche Fürsorge, damit es vielleicht

aus seinen unrichtigen Gedanken heraus zur klaren Erkenntnis dessen komme,

wozu wir verpflichtet sind. Statt dessen mißhandeln sie es, weil sie die anderen

durch ihr herrisches Beispiel überwältigen. Dadurch nehmen sie ihrem Gewissen

die Kraft, sich zu regen, seine Einsprache zu erheben und sie vor dem zu

behüten, woran sie fallen. Das ist nicht nur für die Mißhandelten eine gefährliche

Sache, sondern auch für die, die so auf sie losschlagen. Es handelt

sich in dieser Sache auch um ihr eigenes Heil. Denn was sie tun, trifft nicht nur

die Brüder, sondern Christus, der sich zu den Schwachen als zu seinem Eigentum

bekennt. Er hat es selbst schon seinen Jüngern gesagt, daß er selbst, wenn

sie die Schwachen in die Sünde stoßen, der Rächer der Kleinen sei, Matthäus

18,6.

8,13: Deshalb, wenn das, was ich esse, meinen Bruder zu Fall bringt, will

ich in Ewigkeit kein Fleisch essen, damit ich meinen Bruder nicht zu Fall

bringe. Nicht nur auf das Opferfleisch, sondern auf alles Fleisch verzichtet

er, nicht nur auf ein paar Tage, sondern ganz und gar, wenn aus dem, was

er ißt, eine Gefahr für die Brüder wird und sein Beispiel ihnen den Mut zur

Versündigung verschafft. Die kennen Paulus nicht, die meinen, sie machten es

dann wie er, wenn sie ohne Rücksicht auf die anderen mit ihrer Erkenntnis

stolzieren und mit ihrer Freiheit prunken. Er handelt nicht mit jener Erkenntnis,

die eitel macht; sondern ihn hält die liebe des Christus umfangen, weshalb

ihm alles daran liegt, den anderen zu helfen, daß sie ihrem Gewissen gehorchen,

nicht aber es verachten.

Kapitel 9

Der Verzicht auf die Besoldung

Da Paulus die Frage, wie man mit dem Opferfleisch zu verfahren habe,

aus den Regeln beantwortet, die uns die liebe gibt, so steht seine Entschei-


Der frühere Brief an die Korinther 8,12.13; 9,1-3 89

dung in der Opferfrage mit seiner ganzen Lebens- und Amtsführung in Übereinstimmung,

weil diese ihr Gesetz an der Liebe zu Christus hat. "Wer nicht

versteht, warum er trotz seiner Freiheit dennoch das Opferfleisch meidet, der

wird sich auch sonst an seinem Verhalten stoßen, und dies hat sich in Korinth

dadurch bewährt, daß ihnen die Opfer, die Paulus für seine Arbeit brachte,

unverständlich blieben und anstößig geworden sind. Er bespricht nun den

Vorwurf, den sie ihm deshalb machten, weil er von der Gemeinde keinen

Lohn annahm, ausführlich, und er gibt dieser Besprechung dadurch, einen besonderen

Nachdruck, daß er sie mit der Verhandlung über das Opferfleisch

in Verbindung bringt. Dean dadurch macht er den Korinthern sichtbar, wie

das, was er selber übt, und das, was er von ihnen verlangt, miteinander in

einer festen Einheit steht und aus derselben Wurzel erwächst. Ihr Anstoß richtet

sich nicht gegen eine Nebensache, nicht gegen eine persönliche Liebhaberei

des Paulus, sondern gegen die den Christenstand aller regierende Grundregel.

Deshalb ist es wichtig, daß die Gemeinde das Verfahren des Paulus verstehe

und ehre, und es wird ihr dadurch weiter deutlich, daß er ihr in dieser Sache

nicht nachgeben kann.

9,1-3: Bin ich nicht frei? Bin idi nicht Bote? Habe ich nicht Jesus unseren

Herrn gesehen? Seid nicht ihr mein Werk im Herrn? Wenn ich für andere

nicht Bote bin, so bin ich es doch für euch. Denn das Siegel für meine Sendung

seid ihr im Herrn. Dies ist meine Verteidigung gegen die, die mich verhören.

An die Brüder denkt er bei dem, was er tut, und bestimmt seüi Verhalten nicht

nur nach seiner eigenen Erkenntnis, sondern macht sich deutlich, wie es auf

die anderen wirkt, und wenn es sie verführen könnte, so ist er zu jeder Entsagung

bereit. Und doch ist er selbst frei, nicht durch sein schwaches Gewissen

gebunden, nicht von Menschen und Dingen oder gar Göttern abhängig, die

er fürchten müßte, sondern gewinnt in seiner Gemeinschaft mit Christus einen

guten "Willen, dem er nachleben und den er ausführen kann, getragen von

Gottes Macht. Er steht noch höher, nicht nur neben den anderen Gliedern der

Gemeinde, die Gott mit ihm in die Freiheit eingesetzt hat, sondern über ihnen,

weil ihm Jesus das Botenamt gegeben hat. Und doch zerreißt er die Gemeinschaft

mit den anderen nicht, drängt ihnen nicht seine Überzeugung auf,

nötigt sie nicht, ihn nachzuahmen, und übt keine Herrschaft über sie aus,

obgleich er als der Bote ihres himmlischen Königs die Vollmacht hat, ihnen zu

gebieten, und das Recht hat, sich ihnen als Beispiel vorzustellen, dem sie

nachzufolgen haben. Aber für ihn besteht die Herrschaft, die ihm Jesus verschafft,

nach seinem Wort im Dienen, und sein Ziel ist die Einführung aller

Brüder in den freien Gehorsam des Christus nach ihrer eigenen Erkenntnis.


co

Der Verzicht auf die Besoldung

So macht er ihnen selber auf der höchsten Stufe vor, was er von ihnen verlangt,

und zeigt ihnen an seinem eigenen Beispiel, daß und wie die Liebe

baut, 8,1.

Der Grund seines Botenamts besteht darin, daß er Jesus gesehen hat. Er

denkt an seine Begegnung mit ihm vor Damaskus, durch die ihn Jesus bekehrte

und berief. Nicht menschlicher Wille und menschliche Tat, weder seine

eigene noch die anderer, begründete seine Aussonderung; Jesus selbst hat ihm

sein Amt gegeben, weil er ihn sehen durfte. Was Jesus tut, das hat aber in

seiner Gemeinde Geltung; dagegen erhebt keiner Einspruch, der an ihn glaubt.

Die Bewährung seines Botenamts sind die Korinther selbst, weil sie von ihm

ihren Christenstand empfangen haben. In ihrer Gemeinde kann man nicht an

seiner Sendung zweifeln; sie müßten ja ihren eigenen Christenstand bezweifeln,

wenn sie das Botenamt des Paulus bestritten. Wer ihn befragen und

verhören will, wie er.dazu komme, als Jesu Bote zu handeln, dem hält er die

Gemeinde vor; denn sie ist das Siegel, das sein Recht sichert. Das reicht für

die Korinther zur Verteidigung seines Amts völlig aus. Aus diesen Worten

wird sichtbar, daß die neuen Lehrer in Korinth vom Botenamt des Paulus

geringschätzig redeten. Doch hält er es nicht für nötig, sein Botenamt ausführlich

vor der Gemeinde zu verteidigen. Nur hier, wo er ihnen die Liebe, die

für die Schwachen sorgen soll, dadurch stärkt, daß er ihnen seine Liebe zum

Vorbild gibt, spricht er aus, daß sein Apostelamt auf einem unerschütterlichen

Fundament ruht und niemand an ihm zweifeln darf.

9,4-6: Haben wir nicht Macht zu essen und zu trinken? Haben wir nicht

Macht, eine Schwester als Frau mitzunehmen, wie die anderen Boten und die

Brüder des Herrn und Kephas? Oder haben einzig ich und Barnabas nicht die

Macht, nicht zu arbeiten? Nahrung und Ehe gebühren ihm,wie allen anderen.

Daß auch sein Apostelamt ihm nicht die Pflicht auflegt, auf die Ehe zu verzichten,

zeigt das Beispiel der anderen Apostel, die auf ihren Wanderungen

im Dienst des Herrn ihre Frauen mitnahmen. Sie alle empfangen ihren Unterhalt

durch die Gemeinde und erwerben ihn nicht selbst durch ihre eigene Handarbeit.

Niemand kann bezweifeln, daß ihm dasselbe Recht zusteht. Damit

hat er nun die Sache berührt, über die er mit den Korinthern eingehend reden

will, weil sie an ihr Anstoß nahmen. Darin, daß er sich weigerte, von der

Gemeinde eine Besoldung anzunehmen, und statt dessen für sich und seine

Begleiter den Unterhalt selbst erwarb, sahen seine Gegner ein Zeichen seiner

Schche. Stände es mit seiner Sendung richtig, so würde er es, meinten sie,

wie alle Apostel halten und sich ohne Bedenken von der Gemeinde ernähren

lassen. Das zu verlangen wage Paulus nicht, weil er selber fühle, daß ihm das


Der frühere Brief an die Korinther 9,4-10 9 1

nicht gebühre, was einem Apostel zukommt. Daran, daß Paulus nicht nur hier,

sondern auch noch in seinem zweiten Brief von der Sache reden muß, wird

sichtbar, daß dieser Einwand tief in die Korinther drang. Es hätte sich mit den

griechischen Gedanken von der "Würde und Macht eines göttlichen Boten

besser vertragen, wenn Paulus neben seinem Amt auf jede andere Arbeit verzichtet

hätte. In diesen Vorwürfen äußert sich nach dem Urteil des Paulus

dieselbe Denkweise, die sie zur Geringschätzung der Schwachen bewog, die

nicht daran dachte, was ihr Verhalten in ihnen anrichte. In der Geldsache

handelt Paulus mit derselben Liebe, die es ihm verbot, wegen einer Speise

das Gewissen eines anderen zu beflecken, und ihn bewog, gern auf sein eigenes

Recht zu verzichten, wenn er dadurch anderen die Versündigung ersparte und

ihnen den Zugang zu Christus erleichterte. Wenn sie seine Absicht"verstehen,

die ihn in der Geldfrage bestimmt, dann haben sie in seinem Verhalten ein

Vorbild, das ihnen in der Opferfrage und in ihrem ganzen Verkehr mit der

Gemeinde zur Überwindung aller selbstsüchtigen Gedanken hilft.

9,7: Wer zieht je im eigenen Sold ins Feld? Wer bepflanzt einen Weinberg

und ißt nicht von seiner Frucht? Oder wer weidet eine Herde und genießt

nicht von der Milch der Herde? Für die Erkenntnis ist auch hier die Frage ebenso

leicht zu beantworten wie in der Opfersache. Das zeigt Paulus durch eine

ausführliche Begründung seines Rechts, sich von der Gemeinde ernähren zu

lassen. Keinem Arbeiter fällt bloß die Mühe der Arbeit zu, jedem auch ein Anteil

an ihrem Gewinn. Paulus würde mit demselben guten Gewissen von der

Gemeinde nehmen wie der, der den Kriegsdienst tut, den Sold oder der Weingärtner

einen Anteil an der Frucht, der Hirt an der Milch annimmt.

9,8-10: Rede ich dies nach menschlichem Sinn, oder sagt nicht auch das Gesetz

dies? Denn in Moses Gesetz ist geschrieben: Du darfst dem Ochsen, der

drischt, keinen Maulkorb anlegen (5. Mose 25,4). Liegt es Gott an den Ochsen?

Oder sagt er es sicherlich um unsertwillen? Denn um unsertwillen wurde geschrieben,

daß es recht sei, daß der Pflügende mit der Hoffnung pflüge und der

Dreschende mit der Hoffnung dresche, einen Anteil zu erhalten. Nicht nur das

menschliche Gefühl für das, was recht und billig sei, stände Paulus zur Seite,

wenn er von der Gemeinde die Besoldung nähme, sondern das göttliche Recht

schützt seinen Anspruch. Dieses hat seine Bezeugung im mosaischen Gesetz.

Wenn es dort verboten ist, dem Ochsen, der auf der Tenne herumgetrieben

wird, damit er die Körner aus den Ähren heraustrete, das Maul zu verbinden,

damit er ja nichts von der Ernte fressen könne, wenn sogar der Ochse an der

Ernte, zu deren Gewinn er mitarbeiten muß, auch seinen Anteil haben soll, so

ist es als göttliches Recht erwiesen, daß niemandem bloß die Arbeit auferlegt


C)Z Der Verzicht auf die Besoldung

wird, wahrend ihm von ihrem Ertrag nichts zuteil werden darf. Wer jenen

Spruch im Gedanken läse, er rede ja einzig vom Ochsen, nicht etwa von den

Menschen, die an der Arbeit mithelfen, oder bloß von der Weizenernte, nicht

etwa von der höheren Arbeit, durch die den Menschen das ewige Gut bereitet

wird, der hätte einen kindischen Gedanken von Gott. Die Schrift sagt mit jenem

Spruch nicht, daß Gott es zwar nicht leiden könne, daß ein Ochse umsonst

arbeite, daß es ihn aber nicht rühre, wenn seine Boten, durch die er das Werk

seiner Gnade vollführt, ohne Lohn sich abmühen. Je höher der Arbeiter steht

und je heilsamer unii fruchtbarer seine Arbeit ist, um so sicherer und heiliger

ist sein Recht, daß ihm nicht einzig die Arbeit auferlegt ist. Gott gibt der Arbeit

auch die Hoffnung bei, welcher Art sie sei, ob es der Pflügende oder der

Dreschende sei; alle sollen ihr Werk mit Freuden tun, weil sie gewiß sind, daß

es auch ihnen eine Frucht gewährt. Das ist, sagt Paulus mit Zuversicht, um unsertwillen

geschrieben, die wir die Boten des Christus sind. Diese sollen erst

recht nicht ihre Arbeit ohne Hoffnung tun, sondern haben durchGottes Gerechtigkeit

die gewisse Aussicht, daß sie auch für sie selber ihren Segen bei sich hat.

9,11 : Wenn wir auch säten, was geistlich ist, ist es denn etwas Großes, wenn

wir von euch ernten, ives das Fleisch bedarf? Unmöglich kann sich die Gemeinde

weigern, ihm die Besoldung gern zu geben. Was sie ihm damit als seinen

Lohn entrichtet, steht in keinem Verhältnis zu dem, was er ihr verschafft. Sie

empfing durch seine Arbeit das, was Gottes Geist den Menschen gibt; was sie

ihm dafür geben kann, sind nur die Dinge, durch die wir unser Fleisch und dessen

natürliches Leben erhalten. Wenn nur dies aus jener Aussaat als Ernte erwüchse,

so wäre sie noch viel zu klein.

9,12a: Wenn andere an der Macht über euch teilhaben, haben denn nicht

wir viel mehr an ihr teil? Das ist ein neuer Grund, der jedes Murren ersticken

müßte, falls Paulus Gaben von der Gemeinde forderte. Sie gaben solche anderen

ohne Einreden. Er hat aber vollends das göttliche Recht für sich und die

volle Zuversicht, wenn er sie um solche bäte. Denn was ihnen andere zu tun

vermögen, läßt sich nicht mit dem vergleichen, was er ihnen tat. Sie sind „sein

Werk"; denn er hat „den Grund gelegt". Alles, was die anderen ihnen tun,

baut sich auf seiner Arbeit auf.

9,12b: Aber wir haben von dieser Macht keinen Gebrauch gemacht, sondern

ertragen alles, um der guten Botschaft des Christus kein Hindernis zu bereiten.

Nur deshalb hat er keinen Lohn von ihnen genommen, weil er auf ein sicheres,

gutes Recht verzichtet hat. Das Opfer, das er sich damit auferlegte, war groß,

da es ihm viel Mühseligkeit und harte Entbehrung brachte. Aber das reut ihn


Der frühere Brief an die Korinther g,ii-i3 93

nicht; er halt das alles aus, weil er dadurch Hindernisse wegschafft, die sonst

dem Wort Jesu widerständen.

Immer denken wir, der menschliche Wille sei doch nur durch das bestimmt,

was irdisch ist und ihm selber Nutzen bringt. Paulus hat es oft erlebt, daß die

Leute zunächst von ihm dachten, er sei um seinetwillen Apostel und predige

deshalb, weil er sich so sein Brot verschaffe; sein Apostelamt sei sein Geschäft,

durch das er sich erhalte. Dieser Gedanke hatte deshalb große Verbreitung

und Festigkeit, weil er durch eine tausendfache Erfahrung bestätigt schien. Es

gab eine Menge heidnischer und jüdischer Priester, Wahrsager, Gelehrter, Religionsstifter

von allen Sorten, die deshalb ihre religiösen Künste ausstellten,

weil sie sich so ihr Brot erwarben. Wie sollten so die Hörer des Paulus an eine

reine liebe glauben, die Gottes und der Menschen wegen ihre Arbeit tut? Wir

glauben alle schwer an sie. Jeden Verdacht dieser Art schnitt Paulus dadurch

ab, daß er für seine Wirksamkeit von niemand eine Gabe verlangte, ja nicht

einmal dann sie annahm, wenn sie ihm angeboten worden ist. So war es deutlich,

daß er mit seinem Wirken nichts für sich selber suchte und es nicht des

Geldes wegen betrieb, sondern Gottes wegen und nicht die Habe der Menschen

begehrte, sondern sie selbst, damit sie für Gott gewonnen seien. So unterschied

er sich für jedes helle Auge deutlich von allen, die mit unreinem Sinn Gottes

Wort sagten und aus ihrer Frömmigkeit ein Gewerbe machten. Er führt gleich

nachher Jesu Wort an, durch das er seinen Jüngern befohlen hat, die Botschaft

von Gottes Reich nicht mit den Geldsachen zu vermengen, sondern durch die

Art, wie sie zu den Menschen kommen und bei ihnen wohnen, allen deutlich

zu machen, daß sie damit nichts für sich begehren und nicht dem Mammon

dienen, sondern Gott. Diesem Wort Jesu hat sich Paulus dadurch gehorsam

erzeigt und es erfüllt, daß er nicht von seiner Apostelarbeit lebte, sondern von

seiner Handarbeit.

9,13: Wißt ihr nicht, daß die, die den Tempeldienst besorgen, von dem

essen, was dem Tempel'gehört, und die, die beim Altar verweilen, mit dem

Altar teilen? Der alttestamentliche Priester mußte seine Arbeit nicht umsonst

tun. Gott ließ ihn bei seinem priesterlichen Dienst nicht darben, sondern teilte

ihm einen Teil der Gaben zu, die ihm das Volk darbrachte. Weil der Priester

die Pflicht hatte, den Altar nicht zu verlassen, sondern beständig zu seiner Besorgung

bereit zu sein, wurde das Opfer zwischen dem Altar und ihm geteilt

und nur ein Teil desselben dem Altar, der andere ihm gegeben. Paulus treibt

auch ein priesterliches Werk und verharrt unablässig bei Gottes Altar noch in

viel höherem Sinn als der alttestamentliche Priester, weil er für Gott das le-


94 Der Verzichi auf dis Besoldung

bendige Opfer rüstet, die Gemeinde, die sich ihm im Glauben und im Gehorsam

ergibt.

9,14: So hat auch der Herr für die, die die gute Botschaft verkünden, angeordnet,

daß sie von der Botschaft leben. Das ist der beste, endgültige Beweis,

durch den Paulus sein Recht sicherstellt. Über der Regel der natürlichen Billigkeit

und über dem, was das Gesetz den alten Priestern zuwies, steht das,

was der Herr für die Boten seines Worts angeordnet hat. Er hat ihnen zwar

befohlen, daß sie Geld und Gott nicht vermengen; aber er hat sie auch nicht

zu Bettlern gemacht und ihnen nicht Hunger und Entbehrung auferlegt, sondern

ihnen das Recht gegeben, in deren Haus zu leben, denen sie sein "Wort

sagen, Matthäus 10,10. Wenn sich also Paulus von der Gemeinde ernähren

ließe, so hätte er ein ausdrückliches Wort des Herrn für sich, gegen das sie sich

nicht auflehnen könnte.

9,1 j : Ich habe aber nichts von dem benutzt. Ich schrieb dies nicht, damit

es so bei mir geschehe. Denn es wäre mir besser, daß ich stürbe, als daß mir

jemand zunichte machte, was mir zum Ruhm den Anlaß gibt. Man könnte

denken, Paulus verfechte deshalb so eifrig sein gutes Recht, weil er es jetzt für

sich beanspruche. Daran denkt er aber gar nicht, sondern er will der Gemeinde

nur deutlich machen, daß der Verzicht auf dasselbe seine freie Tat ist und

nicht daher kommt, daß er an seinem Recht zweifelte oder nicht wagte, es für

sich geltend zu machen. Zu einer Änderung seines Verhaltens läßt er sich nicht

herbei; denn er schämt sich deshalb nicht, sondern rühmt sich dessen. Wenn

ihm der Anlaß und Grund zu diesem Ruhm genommen würde, so wäre ihm

das bitterer als der Tod. Lieber würde er es sehen, daß ihm seine ganze Arbeit

durch den Tod genommen wird als dies, daß er sie wie bis jetzt ohne Lohn

betreiben kann. .

9,16-18: Denn wenn ich die gute Botschaft sage, so habe ich keinen Anlaß

zum Ruhm. Denn die Notwendigkeit liegt auf mir; denn mich trifft das Wehe,

wenn ich die Botschaft nicht sage. Denn wenn ich das mit meinem Willen

treibe, so habe ich Lohn; wenn aber ohne meinen Willen, so bin ich mit einem

Verwalteramt betraut. Was bringt mir nun den Lohn? Daß ich die gute Botschaft,

indem ich sie sage, kostenfrei mache, damit ich meine Macht, die ich

durch die Botschaft habe, nicht gebrauche. Paulus begehrt einen Grund zum

Ruhm. Er will an seiner Arbeit seine Freude haben und aus ihr eine lebendige

Hoffnung ziehen. So ist es ja, wie er uns ausführlich gesagt hat, recht vor

Gott, daß der, der den Pflug führt, es mit Hoffnung tue. Eine freud- und

hoffnungslose Arbeit, die ihn nicht ehrte, deren er sich vielmehr schämen

müßte, ist für ihn ein schrecklicher Gedanke, so schrecklich, daß er lieber den


Der frühere Bief an die Korinther 9,14-18 95

Tod litte, als daß er so arbeitete. Er denkt dabei nicht bloß an seine Stimmung,

nicht nur daran, daß sich mit dem Ruhm seine Seele frei von Druck und

Qual erhebt zu reiner, hoher Lust, sondern er erhebt seinen Blick höher zu

dem empor, was Gott ihm geben wird. Hat er einen Anlaß zum Ruhm, so

hat er auch Aussicht auf Gottes Lohn. Zerbricht ihm sein Ruhm, so verliert er

den Lohn. Und wie soll ihm nicht alles daran liegen, daß ihn Gott lohne? Eine

Arbeit ohne Gottes Lohn ist für Paulus wieder ein schrecklicher Gedanke, unvergleichlich

furchtbarer als der an den Tod. Gottes Lohn verschafft uns seine

herrlichen Gaben, an denen er uns die Vollkommenheit seiner Gnade sichtbar

macht. Nun werden ihm die Korinther sagen: Dein Ruhm besteht darin, daß

du Jesu Botschaft weithin durch die Welt getragen hast, und Gott wird dir

das lohnen, daß du sein Bote bist. Dazu sagt Paulus: Nein; daß ich das Evangelium

verkündige, das ist nicht mein Ruhm; denn das muß ich tun. Er hat im

Blick auf sein Botenamt das klare, ihn völlig beherrschende Bewußtsein, daß

es nicht auf seinem Willen und Beschluß beruht. Nichts hat er selber dazu beigetragen,

daß er Jesu Bote ist. Jesus hat ihn auch nicht gefragt, ob er es sein

wolle, sondern ihm seine Sendung als seinen Befehl erteilt, dem er gehorchen

muß. Weigerte er sich, so wäre das sein Tod; denn dafür träfe ihn Gottes Gericht.

Freilich setzt er nun an den Befehl seines Herrn seinen ganzen Gehorsam

und braucht für ihn alle seine Willenskraft, alle Treue. Aber sein ganzes

Apostelwerk bleibt Gehorsam, der tut, was er muß. Hätte er nicht mehr, so

erschiene ihm das Leben arm, nicht lebenswert. Was ist noch größer als der

Gehorsam? Die Liebe, die frei mit eigenem Willen Gott alles gibt, was sie

kann und hat. Erst diese freie Liebe hat Ruhm, volle Zuversicht und Seligkeit,

und sie krönt Gott mit seinem Lohn. Weil er sein Amt ohne seinen Willen

empfangen hat und mit ihm nichts als seine Pflicht vollzieht, der er sich nicht

entziehen kann, ohne daß er sich selbst verdirbt, darum gleicht seine Arbeit

der des Verwalters, den sein Herr in sein Amt nach seinem eigenen Ermessen

eingesetzt hat. Versäumt dieser seine Pflicht, so mißbraucht er das Vertrauen

seines Herrn und bricht ihm die Treue. Aber sein Amt gibt ihm nicht Anlaß

zum Ruhm; denn er verdankt es nicht sich selbst, sondern dem Willen seines

Herrn.

Dennoch fehlt es Paulus nicht an einem Mittel, durch das er die Freiheit

und Vollständigkeit seiner Liebe zu bewähren vermag, die alles tut, was sie

kann, und nicht bloß, was sie muß. Der Herr hat denen, die er mit seiner Botschaft

betraut hat, mehr Rechte gegeben, als Paulus notwendig braucht. Indem

er auf diese Rechte mit freiem Entschluß ungezwungen verzichtet, macht

er offenbar, wie er sich zu seinem Herrn und der ihm aufgetragenen Arbeit


9 6 Der Verzicht auf die Besoldung

stellt, daß er in seinen Gehorsam sein ganzes Herz legt und ihn mit der völligen

liebe vereint. Dies zeigt er dadurch, daß er bei seiner Arbeit nichts für

sich begehrt und Jesu Wort so sagt, daß es niemand etwas kostet. Darum hört

er nicht auf den Rat derer, die es würdiger finden, wenn er sich besolden ließe.

Vielmehr sieht er darin, daß er unbesoldet Jesus dient, seine höchste Würde

und die besondere Süßigkeit seines Werks. Sagen sie ihm: Du erniedrigst dich

durch deine Handarbeit, so antwortet er: Ich bin für euer Geld zu stolz und

finde meinen Ruhm darin, daß ich es nicht begehre.

Er ist mit diesem Wort, wie er gleich nachher sagt, den Griechen ein Grieche

geworden und hat so mit ihnen geredet, daß sie ihn leicht verstanden. Denn

die Griechen begriffen gut, daß ein Mensch einen Grund zum Ruhm braucht

und sich ihn von niemand nehmen läßt, sondern ihn höher als das Leben

schätzt. Aber nicht so kommt er ihnen entgegen, daß er mit seiner christlichen

Überzeugung einen fremden Sauerteig vermengte. Jene Korinther, die an der

Handarbeit des Apostels Anstoß nahmen, mengten den griechischen Sauerteig

in ihr Christentum hinein, sie, die sich einen Apostel wünschten, der sich als

ein großer Herr frei von der irdischen Plage in der Verehrung der Menschen

und in der Gunst Gottes sonnt. Diesen Sauerteig stieß Paulus aus, als er dies

für einen Ruhm hielt, nichts für sich selber zu empfangen, und dadurch um

Gottes Lohn warb, daß er seine Liebe vollkommen selbstlos machte.

Bleibt nicht doch zwischen unserer Stelle und dem, was er sonst als das

Grundgesetz der Heilsordnung bezeugt, etwas wie ein Widerspruch? Er hat es

als Gottes herrliche Gabe gepriesen, daß das Rühmen ausgeschlossen worden

sei, Römer 3,27, weil uns Gott nicht durch unser Werk rechtfertigt, sondern

dadurch, daß wir ihm vertrauen. Wie stimmt es zur Gerechtigkeit des Glaubens,

wenn er nun doch nach Lohn verlangt und selbst einen Ruhm haben will

und ihn nicht in das setzt, was Gott durch ihn tut und ihn tun heißt, sondern

in das, was er selber sich mit freier Wahl auferlegt? Wie wäre aber Glaube an

Gott und Gerechtigkeit des Glaubens möglich, wenn Gottes Gnade nicht unser

ganzes Herz und unsere ganze liebe zu ihm zöge, so daß wir alle uns gegebene

Willensmacht dazu verwenden, damit Gott durch uns gepriesen sei?

Damit wird uns auch die Freudigkeit zuteil, die den reinen Willen stets begleitet,

die an dem, was wir sind und tun, einen echten, frohen Ruhm gewinnt.

Ein Bruch des Glaubens entsteht daraus nur dann, wenn das, was wir als

unser Werk Gott darbringen, von dem, was Gott in uns schafft, abgerissen

wird, so daß wir ohne Gott und gegen ihn uns rühmen. So war es bei Paulus

nicht. Er suchte nicht eigenmächtig nach einem Werk, mit der er sich Gottes

Gunst erkaufe, sondern ließ es sich durch Gottes Willen geben, an den er sich


Der frühere Brief an die Korinther g,ig-22 97

völlig gebunden weiß. Seine Liebe ging nicht willkürliche Wege, sondern bewegt

sich in der Bahn, in die ihn der Gehorsam wies, und hat nur daran ihren

Ruhm, daß sie das ihr aufgetragene Werk frei und völlig mit ihrer ganzen

Kraftvollbringt.

9,19: Obwohl ich von allen frei bin, habe ich mich für alle zum Knecht gemacht,

damit ich so mehrere gewinne. Wenn er lieber alles entbehrte, als daß

er den Verdacht auf sich lud, er predige seiner Besoldung wegen, so hat er auf

die Besoldungsfrage nur die Grundregel angewandt, die ihn bei seiner ganzen

Arbeit leitete. Indem er dies den Korinthern sichtbar macht, bringt er zugleich

seine Aussagen über die Besoldungsfrage mit denen über das Opferfleisch in

Zusammenhang und macht ihnen deutlich, wie sie daran ein Vorbild für jene

Liebe haben, die er von ihnen für die Schwachen verlangt. Er war nicht darauf

bedacht, seine Freiheit zu beweisen und zu verteidigen, sondern hat sich gerade,

weil er sich von keinem, sei es, wer es sei, knechten ließ, sondern gegen alle frei

war, allen gefügt, ihren Meinungen und Wünschen sich unterworfen und nicht

nach seiner Neigung, sondern nach ihren Bedürfnissen mit ihnen verkehrt,

nicht weil er sie fürchtete oder ihr Lob begehrte — dann wäre er nicht frei —,

sondern weil er sie gewinnen will, nicht für sich als seine Anhänger und Bewunderer,

sondern für den Herrn, damit sie zu seiner Gemeinde hinzukommen.

Mehrere hofft er zu gewinnen, wenn er sich ihnen Untertan macht, als wenn er

sich in seiner Freiheit vor sie stellt. Denn so hätten sie nur den Gegensatz empfunden,

der ihn von ihren Meinungen und Ansichten schied. Nun stellte er aber

zwischen sich und ihnen die Gemeinschaft her, bewies ihnen, daß er sie verstand,

und bewirkte, daß er ihnen verständlich war, und bot ihnen Jesu Wort

so dar, wie es für sie faßlich war. Er machte dadurch die Liebe zum Mittel,

durch das er sie zu Jesu Wort zieht, und es gibt nichts, was wirksamer ist, die

Menschen zu gewinnen, als sie.

9,20-22: Und ich wurde für die Juden wie ein Jude, damit ich Juden gewinne,

für die, die unter dem Gesetz sind, als wäre ich unter dem Gesetz, obwohl

ich selbst nicht unter dem Gesetz bin, damit ich die gewinne, die unter

dem Gesetz sind, für die, die ohne Gesetz sind, als wäre ich ohne Gesetz, obwohl

ich nicht ohne Gottes Gesetz, sondern im Gesetz des Christus bin, damit

ich die gewinne, die ohne Gesetz sind. Ich wurde für die Schwachen schwach,

damit ich die Schwachen gewinne. Für alle wurde ich alles, damit ich sicherlich

einige rette. Unter allen Verschiedenheiten, auf die Paulus in seiner Arbeit bei

den Menschen stieß, war keine so tief und schwer zu überwinden wie die, die

die Juden und Heiden trennte, die, die ini Gesetz ihren Herrn hatten, der ihr

Verhältnis zu Gott bestimmte, und die, für die es kein Gesetz Gottes gab. Da


9 8 Der Verzicht auf die Besoldung

brauchte die Liebe Adlersflügel, um zu beiden zu gelangen, und zwar gleichzeitig,

nicht so, daß er jetzt mit den Juden, hernach mit den Heiden lebte, jetzt

Judenmissionar und später Heidenmissionar war, sondern so, daß er während

seiner ganzen Arbeit sowohl den Juden als den Heiden das gab, was sie verstanden

und bedurften, und das Vertrauen beider gewann. Das konnte er nur

dadurch, daß er selbst in seinem eigenen Verhältnis zu Gott weder zu dieser

noch zu jener Gruppe gehörte und selber weder dem Gesetz unterworfen noch

von ihm geschieden war, sondern im Gesetz Gottes stand und Gottes Willen

als seinen eigenen "Willen in sich trug, nämlich in demjenigen Gesetz, das Christus

für uns gültig macht.

Stände er im Streit mit dem Gesetz, so hätte kein Jude zu ihm Vertrauen

gefaßt; dann hätten sie ihn als einen Abtrünnigen und Verächter des Gesetzes

weggeworfen. Nun trat er zu ihnen als Jude, bekannte sich zum göttlichen Ursprung

des Gesetzes und zu seiner unverletzlichen Heiligkeit, pries Israels Erwählung

so gläubig wie sie, stützte sich auf die ihnen gegebene Verheißung

und schloß sich völlig an die jüdische Sitte an auch in dem, was an ihr kleinlich

und vergänglich war. So konnte er denen, die am Gesetz ihren Herrn hatten

und dennoch unfähig waren, sich ihm völlig zu unterwerfen, sondern neben

ihren Gesetzesdienst die Auflehnung gegen das Gesetz und seine Übertretung

stellten mit der heimlichen Angst vor Gott und mit der beständigen Versuchung

zu einer eingebildeten Gerechtigkeit, dazu helfen, daß sie sich dem Gesetz völlig

untergaben, auf alle Entschuldigungen verzichteten, vom Christus die

Rechtfertigung empfingen und durch ihn glauben lernten.

Stände er unter dem Gesetz, so hätte kein Heide zu ihm Vertrauen gefaßt,

sondern in ihm nur den harten Bußprediger gesehen, der ihnen nehmen wolle,,

was sie hatten, aber nichts zu geben vermöge. Nun aber trat er unter die Heiden

als ihresgleichen, rechnete ihnen ihre Gottlosigkeit und Sünde nicht vor,

deckte sie vielmehr mit vollem Vergeben zu und lebte mit ihnen nach ihrer

Sitte, ohne ihnen Lasten aufzulegen und sie einer Gesetzgebung zu unterwerfen.

So half er denen, die ohne Gesetz in der Geschiedenheit von Gott im Finstern

lebten, dazu, daß sie Gottes gewiß wurden, seinem Willen sich unterwarfen

und für ihn ihr Leben führten.

Die, die ihm zusahen, mochten sich oft verwundern, wie er so Verschiedenes

vermöge. Bald sah er wie ein Jude aus, bald wie ein Grieche; jetzt hielt er den

Sabbat, vollzog die Beschneidung und ging nach Jerusalem in den Tempel;

jetzt hielt er den Sabbat nicht, verbot die Beschneidung und war von allem Jüdischen

gänzlich frei. Doch das sind keine Schwankungen, sondern das erwächst

alles aus demselben Grund, daraus, daß er im Gesetz des Christus steht und


Der frühere Brief an die Korinther g,23 99

das will, was dieses will. Durch ihn ist ihm die liebe gegeben, die ihn weder

zum Feind der Juden noch zum Feind der Heiden werden läßt, die wegen

der jüdischen Sünde Gottes Gabe nicht verachtet, die Israel verliehen ist, und

wegen der heidnischen Sünde die Berufung der Heiden nicht für unmöglich

hält, sondern allen Christus zeigt, in dem alles vollendet wird, was Gott ihnen

gab, und alles geheilt wird, was der Mensch verdarb. Darum kann er so Verschiedenes;

denn er ist zu allem bereit und fähig, nur zu dem einen nicht, daß

er Jesu Gesetz zerbreche.

Darum sieht er auch auf dieSchwachen nicht mit Verachtung herab und kehrt

im Verkehr mit ihnen nicht seine Stärke hervor, sondern ist darauf achtsam,

wie ihr verwirrtes Gewissen urteilt, was ihre dunkle Erkenntnis fassen und

ihre geringe Kraft leisten kann, und hält mit ihnen gleichen Schritt. Nichts

gibt es im menschlichen Leben, was ihm für sein eigenes .Verhalten gleichgültig

bliebe, worauf er nicht achtete und was er nicht benützte. Mit allen tritt er in

Gemeinschaft in allem. Er kann nicht fortfahren: damit ich alle gewinne; denn

das ist im Auftrag, den er von Jesus hat, nicht eingeschlossen. Durch die Berufung,

die jetzt an die Menschen ergeht, stellt sich eine Auswahl her. Aber das

ist sein Ziel, daß er jedenfalls mit Sicherheit einigen die Hilfe bringe, die ihnen

im Christus bereitet ist.

9,23 : Alles tue ich aber um der guten Botschaft willen, damit audi ich an ihr

Anteil erhalte. Indem die liebe allen alles wird, trägt sie die Last der anderen.

Sie kann ihre Arbeit, wie sie Paulus beschrieben hat, nicht tun ohne Anstrengung,

Kampf und Schmerzen. Aber das Ziel, auf das sie schaut, überwiegt alle

Bedenken und trägt über alle Beschwerden hinweg. Es handelt sich für Paulus

bei seiner Apostelarbeit darum, daß die gute Botschaft auch ihm gelte, daß

Christus auch für ihn gekommen, auch für ihn gestorben und verherrlicht sei

und sich zu seinem Heil an ihm offenbare. Gilt ihm das Evangelium denn nicht

schon längst? Gewiß! schon längst hat er es gehört, und nicht nur gehört, sondern

geglaubt, und darum, weil er es glaubt, begehrt er, seiner teilhaft zu werden.

Jesu "Wort gibt uns aber ein Ziel, an das wir dann gebracht sind, wenn wir

einst vor ihm stehen und sein Urteil empfangen. Dann wird das, was uns durch

Jesu Sendung, durch sein Kreuz, durch seine Auferstehung und durch seinen

Geist bereitet ist, unser Eigentum. Darum verlangt es von uns Fleiß und Arbeit,

eine solche Führung des Lebens, die uns zu unserem Ziel bringt. Dazu rechnet

Paulus auch die volle, treue Ausrichtung seines Amts. Er stellt seinen Christenstand

nicht für sich und seine Arbeit in Jesu Dienst daneben, als wäre die

Art, wie er seinen Dienst tut, für seinen Heilsstand gleichgültig. Weil ihm der

Herr sein Amt gegeben hat, bleibt er ihm nur dann verbunden, wenn er es mit


IOO

Verzicht auf die Besoldung

Treue vollführt, und die gute Botschaft würde ihm nicht mehr gelten, wenn er

seinen Dienst versäumt. Das gibt der Liebe des Paulus ihre Reinheit. Er trat

mit allen in Gemeinschaft, damit er sie gewinne; aber sein Wille bleibt von

jener Überhebung frei, die bloß den anderen sagt, sie seien in Gefahr und der

Errettung bedürftig; vielmehr hat die Heilsfrage wie für sie¿ so auch für ihn

ihren vollen Ernst. Er sorgt dadurch, daß er die anderen rettet, für sein eigenes

Heil. So hat er auch den Korinthern gesagt, daß das, wodurch sie die Schwachen

verderben, ihnen ihren eigenen Anteil an Christus raubt.

9,24: Wißt ihr nicht, daß von denen, die in der Rennbahn laufen, zwar alle

laufen, einer aber den Preis empfängt? Lauft so, daß ihr empfangt. "Weil das

Ziel noch vor uns steht, macht Paulus den "Wettkampf zum Bild des Christenstands.

Er war für jeden Griechen ein wohlbekanntes und eindrückliches Beispiel

dafür, wie man mit ganzer Kraft nach dem Ziel strebt. Um den Preis zu

erhalten, genügt es noch nicht, sich am Wettkampf zu beteiligen. Viele bleiben

zurück; nur einem wird der Preis zuteil. In der Gemeinde haben alle den edlen

Kampf unternommen, durch den sie nach dem Lob des Christus und nach seinem

Reich streben. Damit ist ihnen aber der Preis noch nicht zuteil geworden. Darum

sollen sie sich so verhalten und ihren Christenstand so führen, daß Christus

sie krönen wird.

9,25: Jeder aber, der am Wettkampf teilnimmt, ist in allem enthaltsam,

jene, damit sie einen vergänglichen Kranz, wir aber, damit wir einen unvergänglichen

empfangen. Zur Vorbereitung für die Wettkämpfer gehörte die

Vermeidung aller Dinge, die die Kraft schchen, weshalb sie sich schon lange

vor dem Kampf unter eine strenge Zucht stellten. Zucht, die zu entsagen vermag,

gehört auch zum christlichen Kampf; denn mit genußsüchtiger Weichlichkeit,

die sich nichts versagen kann, tun wir Jesu Werk nicht. Der Kranz, um

deswillen die Griechen so viel Übung und Entbehrung auf sich nahmen, welkte

rasch. Daß wir vor Gott bestehen und in der Gnade des Christus bleiben, das

ist ein unvergänglicher Gewinn.

9,26. 27: leb laufe deshalb so wie der, der sichtbar macht, daß er läuft, übe

den Faustkampf so wie der, der nicht die Luft schlägt. Ich gebe vielmehr meinem

Leib Streiche und mache ihn zum Sklaven, damit ich nicht, nachdem ich

anderen die Verkündigung gebracht habe, selbst verwerflich werde. Paulus

weiß, wie er selbst es halten will, und stellt sich der Gemeinde deshalb zum

Vorbild hin. Nachdem er auf die Bahn getreten ist, auf der man nach dem

himmlischen Ziel ringt, setzt er an dieses seine ganze Kraft und seinen vollen

Ernst. Er hält es nicht mit denen, die nach dem Anfang ihres Christenstands

lässig und matt werden und dadurch einem Wettläufer gleichen, der so läuft,


Der frühere Brief an die Korinther 9,24-10,5

IOI

daß man nicht sieht, ob er auch vorwärts kommt und den Kranz erlangt, oder

einem Faustkämpfer, der mit seinen Schlägen nicht seinen Gegner trifft, sondern

die Luft. Der Gegner, mit dem er beständig zu ringen hat, ist ihm immer

nahe. Denn um das Ziel zu gewinnen, muß er sich dem Verlangen seines Leibes

widersetzen und diesen sich unterworfen machen. Er fürchtet jene selbstsüchtigen

und genußsüchtigen Triebe, die aus dem leiblichen Leben in uns entstehen,

unseren Willen lähmen und von Gottes "Willen wegziehen, und er beweist

durch die Kraft, mit der er sie bändigt, den Ernst, mit dem er nach dem Ziel

verlangt. "Was wäre das für ein Gewinn, wenn er deshalb im Urteil Jesu nicht

bestände, weil er sich der Lust seines Leibes hingab und für seine Erhaltung und

Pflege besorgt war, er, der so vielen Jesu "Wort gebracht hat! Je mehr er für

andere zum Boten Gottes wird, um so fester und ernster wird sein Verlangen,

daß auch er das, was Gottes Botschaft uns verleiht, empfange.

Kapitel 10,1-13

Israels Fall warnt die Gemeinde

Die stolze Erkenntnis, mit der die Korinther in der Opfersache handelten,

machte sie nicht nur gleichgültig gegen die Schwachen, sondern auch sicher im

Blick auf ihr eigenes Heil. Paulus hat ihnen schon an seinem eigenen Beispiel

gezeigt, daß er über sein Heil anders denkt, nicht als könnte es ihm nicht entgehen,

sondern so, daß er es als das ihm gezeigte Ziel betrachtet, zu dem hin er

sein ganzes Leben ernsthaft wendet. Nun zerbricht er die stolze Sicherheit auch

dadurch, daß er an Israels Auszug aus Ägypten zeigt, wohin sie führt. 10,1-5:

Ich will nicht, daß ihr das nidit wißt, Brüder, daß unsere Väter alle unter der

Wolke waren und alle durch das Meer durchgingen und alle auf Mose durch

die Wolke und das Meer getauft wurden und alle dieselbe geistliche Speise

aßen und alle denselben geistlichen Trank tranken; denn sie tranken aus dem

geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber, war der Christus. Aber Gott

hatte nicht an der Mehrzahl von ihnen Wohlgefallen; denn sie kamen in der

Wüste um. Dadurch, daß Gott Christus gesendet und erhöht hat und die Gemeinde

gesammelt ist, nun aber auf ihn und die Vollendung seines Reichs zu

warten hat, gleicht ihre Lage derjenigen Israels in jener Zeit, als es aus Ägypten

ausgeführt, aber in Kanaan noch nicht eingeführt war. Das Volk hatte große

Dinge erlebt, Gottes herrliche Bezeugung gesehen und war erlöst; aber es

war noch nicht am Ziel. So ist auch jetzt die Gemeinde zwischen die beiden

Offenbarungen Gottes hineingestellt, von denen sie die eine empfangen, die


IO2

Israels Fall warnt die Gemeinde

andere zu erwarten hat, zwischen die, die durch die Sendung des Christus geschehen

ist, und die, àie durch seine neue Sendung geschehen wird.

Alle empfingen die Zeichen und Erweisungen der göttlichen Gnade; aber

nicht alle erreichten ihr Ziel, sondern die Mehrzahl der Gemeinde erreichte es

nicht und verfiel in der Wüste dem göttlichen Gericht. Das ist dieselbe Wahrheit,

die Paulus den Korinthern soeben an den Wettläufern dargestellt hat;

zwar beginnen alle den Lauf; aber nicht alle gewinnen den Preis. Deshalb hat

im Christenstand keine sichere Hoffart Platz, sondern nur jenes ernste Bemühen,

das Ziel zu gewinnen, das ihnen Paulus an seinem eigenen Verhalten

zeigt. Daß die Christenheit unter Gottes Gnade steht, sieht sie an der Taufe

und am Abendmahl, an denen alle Anteil haben. Allen wird durch sie Gottes

Gnade bezeugt. Wenn sich aber jemand auf sie verließe, als wäre er schon durch

sie ans Ziel gebracht, so wäre dies eine falsche Sicherheit. Dieselbe Gnade Gottes

gab auch Israel dieselben Gaben, auch eine Taufe und auch ein Mahl, das

ihm Gottes Geist bereitete; dennoch ging es unter. Als Israel durch das Schilfmeer

ging, war es von oben von der Wolke, auf der Seite vom Meer umschlossen,

ähnlich dem, der in das Taufbad untertaucht. Das war Israels Taufe, durch

die es Gott zu seinem Volk annahm und von der Welt schied. Auf Mose waren

sie dadurch getauft, den ihnen Gott dadurch als ihren Führer erwies, den er

über sie gesetzt hatte. Er bereitete ihnen auch selbst den Tisch durch das Manna

und durch das aus dem Felsen für sie strömende Wasser. Geistlich war jene

Nahrung und jener Trank, weil sie wunderbar durch Gottes schöpferisches

Wirken hervorgebracht waren und alles schöpferische Wirken Gottes innerhalb

der Welt durch seinen Geist geschieht. Dadurch gleicht jene Gabe dem,

was die Christenheit am Tisch des Herrn empfängt; denn durch Gottes Geist

ist das entstanden, was uns Jesus durch seinen Tod erworben hat und was er

in uns durch seine Gegenwart bewirkt. Auch damals, als Gott der alttestamentlichen

Gemeinde das Mahl bereitete, geschah es durch Christus. Die Lehrer der

Judenschaft erzählten: nicht einmal nur habe Gott in der Wüste Israel Wasser

gegeben, sondern der Fels sei ihm nachgezogen und habe ihm beständig den

Trank verschafft. An diese Form der Erzählung, die den jüdischen Christen

von ihrer Kindheit an bekannt war, lehnt sich der Ausdruck des Paulus an. Der

Fels, der ihnen das Wasser spendete, war durch Gottes Geist zu dem befähigt,

was er ihnen leistete, und war ihr Begleiter; denn Christus war in seiner himmlischen

Verborgenheit bei ihnen, begleitete sie und gab ihnen das Wasser, das

sie am Leben erhielt. Darum darf die Christenheit an Israels Sünde und an

Gottes Gericht über diese nicht leichtsinnig vorübergehen und kann nicht sagen,

ihr könne solches nicht widerfahren, da ihr Größeres gegeben sei; sie gehöre


Ber frühere Brief an die Korinther iofi-n

IO3

jetzt dem Christus und habe den Geist. Auch Israel stand unter der vollen

Gnade Gottes, die ihm im Christus und im heiligen Geist ihre Gaben darreichte.

Was Gott an Israel tat, zeigt darum der Christenheit, wie Gott auch an ihr,

wenn sie sündigt, handeln wird.

10,6-10: Dies widerfuhr ihnen als Regel für uns,damit wir nicht nach Bösem

begierig seien, wie jene begierig waren (4. Mose 11,14). Werdet auch nicht

Götzendiener wie einige von ihnen, wie geschrieben ist: Das Volk setzte sich,

um zu essen und zu trinken, und stand auf, um zu spielen (2. Mose 32,6). Auch

wollen wir nicht huren, wie einige von ihnen hurten, und es fielen an einem

Tag dreiundzwanzigtausend (4. Mose 25,1). Noch wollen wir den Herrn versuchen,

wie ihn einige von ihnen versuchten, und sie kamen durch die Schlangen

um (4. Mose 21,5). Murrt auch nicht, wie einige von ihnen murrten, und

sie kamen durch den Verderber um (4. Mose 14,2). "Was Gott an Israel als

Sünde richtete, das ist ihm auch an der Christenheit nicht wohlgefällig. Tut sie

dasselbe, was Israel tat, so fällt sie, wie Israel fiel, trotzdem ihnen Gott die

Taufe gab und sie an seinem Tisch speist. Paulus erinnert an die einzelnen Geschichten,

die Israels Sünden in der Wüste beschreiben, beständig im Blick auf

das, was auch in Korinth leicht geschehen könnte. Das lüsterne Verlangen nach

dem alten Wohlleben könnte, wie es Israel anfocht, auch die anfechten, die sich

zwar von der heidnischen Weise und ihrer wild erregten Lust getrennt haben,

doch beständig noch von ihr umgeben sind. Die Versuchung zum Götzendienst

und zum Verkehr mit den Dirnen bringt die heidnische Stadt immer an sie

heran. Und wenn sie den Versuch machen, die Gnade und die Sünde miteinander

zu verbinden, dann kommt es auch leicht dazu, daß sie den Herrn versuchen

und gleichsam eine Probe mit ihm anstellen, wie viel sie sich gestatten

dürfen und wie weit seine Langmut reiche. Dann ficht sie auch das Murren an,

das seine Gebote hart schilt und seine Regierung tadelt, als wäre der Christen-

Stand eine schwere Last.

10,11 : Dies widerfuhr aber jenen zur Regel für alle; es wurde aber zur Warnung

für uns aufgeschrieben, auf die die Enden der Weltperioden gefallen

sind. In den Ereignissen, die Israel begegneten, kommt der bleibende, immer

gleiche Wille Gottes ans licht, der als festes Gesetz für alle gilt. Daß aber

Israels Sünden in der Schrift verzeichnet sind, das hat für die Christenheit

darum besondere Wichtigkeit, weil sie nahe vor der großen Wendung steht,

mit der die irdische Zeit zum Abschluß kommt und die kommende Welt anbricht.

Die lange währenden Welrper Joden,.in-denen.sich- bisher das „Schicksal

der Menschheit vollzog, nähern sich ihrem Ende. Die Gemeinde steht nahe beim

Schluß der alten Zeit, nahe beim Anfang des himmlischen Reichs. Darum hat


!04 Israels Fall warnt die Gemeinde

es für sie besondere Wichtigkeit, daß sie sich vor der Sünde hüte und nicht dem

Gericht Gottes verfalle. Jetzt ist die Gefahr zu fallen besonders groß; denn mit

der Wendung der menschlichen Geschichte ist die große Versuchung verbunden,

bei der der Kampf der Menschheit gegen Gott zur letzten, vollen Offenbarung

kommt. Jetzt wäre es aber auch ein besonders schwerer Fall, wenn sie

sich jetzt noch versündigte. Das Heil ist ihr nähe; soll sie es jetzt noch verlieren?

10,12.13: Daher gebe der, der zu stehen meint, acht, daß er nidit falle. Nur

menschliche Versuchung hat euch gefaßt. Gott ist aber treu, der nicht zulassen

wird, daß ihr über das hinaus versucht werdet, wozu ihr imstande seid, sondern

er wird mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen, so daß ihr es ertragen

könnt. Daß sie jetzt stehen, verbürgt ihnen nicht, daß sie nicht fallen

können; denn sie haben noch nicht das Recht zu sagen, sie seien unerschütterlich

und hätten überwunden. Die Versuchung kam noch nicht über sie, und erst

wenn diese bestanden ist, ist erwiesen, wer steht und wer fällt. Freilich kam

auch jetzt schon für sie eine Stunde der Erprobung, in der sie sich für Gott entscheiden

müssen gegen alle, die sie von ihm weglocken. Hier sind es aber nur

Menschen, nur die fremden Lehrer, die sie als Versucher in Gefahr bringen.

Hier rät ihnen nur menschliche Klugheit zu Bösem, und menschliche Macht

bedroht sie, wenn sie sich nicht unterwerfen, und verheißt ihnen Glück, wenn

sie sich fügen. Bei der Versuchung der letzten Zeit denkt Paulus dagegen nicht

nur an den menschlichen Willen und an die menschlichen Mittel,' durch die

das Böse in der Welt sich Herrschaft bereiten will, sondern auch an die

Kräfte der bösen Geisterwelt, so daß bei jenem Kampf alles mitwirken wird,

was Gottes Willen widersteht. Davon redet aber Paulus nicht deshalb, weil

die Gemeinde nicht glauben, sondern an Gottes Berufung zweifehl und

mit Schrecken an das Ende denken soll, weil es ihren Heilsstand ungewiß

mache. Würfen sie den Glauben weg, so wären sie zum Kampf nicht gerüstet,

sondern dann hätten sie ihn verloren. Die Hoffart will er in ihnen ertöten,

nicht die Zuversicht zu Gott, das Vertrauen zu ihrer eigenen Größe und sittlichen

Kraft, nicht das, das sich auf Gottes Ruf und Treue stütze Auf sie richter

Paulus vielmehr ihren Bück, damit sie nidit bloß auf die Welt und ihren Fürsten

und ihren "Widerstand gegen Gott sehen, sondern auf die väterliche Hand

Gottes achten, die auch in der Stunde der Versuchung alles lenkt und ásese so

ordnet, daß sie nicht das Verderben, sondern die Bewährung schafft. Denn bei

der Zulassung der Versuchung ist auch an die Kraft gedacht, die der Gemeinde

gegeben ist, und zugleich mit ihrem Eintritt ist auch für ihr Ende gesorgt, mit

dem der Kampf aufhört, das Leiden überstanden und die Bewährung gewonnen

ist.


Der frühere Brief an die Korinther 10,12-14 IO 5

Kapitel 10,14-22

Paulus verlangt die Trennung vom Heidentum

10,14: Deshalb, meine Geliebten, flieht vor dem Götzendienst. Darum, weil

auch der größte Reichtum göttlicher Gnade niemand zum Bösen ermächtigt,

darum, weil Gott mit demselben heiligen Recht der Sünde der Christenheit

widersteht wie der Sünde Israels, darum, weil die letzte Zeit besondere Kraft

erfordert, damit sie aufrecht stehen, darum sollen sie sich gänzlich vom heidnischen

Gottesdienst scheiden. Damit fügte Paulus zu den Grundsätzen, nach

denen die Gemeinde ihr Verhältnis zur griechischen Religion zu ordnen hat,

einen neuen, wichtigen Satz hinzu.' Gewiß, die Gemeinde ist frei — denn Christus

hat sie befreit —, frei von Bedenken und Ängstlichkeit auch in ihrem Verkehr

mit den Heiden und bei ihren Berührungen mit dem heidnischen Gottesdienst.

Aber wenn dem Bild die religiöse Verehrung erwiesen und der heidnische

Gott als die über den Menschen waltende Macht gepriesen und behandelt

wird, so bleibt das eine gefährliche Sache, mit der die Christenheit gänzlich

zu brechen hat. Denkt an die Schwachen, sagte er zuerst zu denen, die beim

Götzenopfer keine Gefahr sahen. Was er gesagt hat, bleibt völlig in Kraft;

aber er fährt fort: Schützt auch euch selbst.

Ab die Gemeinde gesammelt und die Grundlinien ihrer Verfassung bestimmt

wurden, kannte man noch erwägen, ob es nötig sei, sie vom heidnischen Gottesdienst

vollständig zu trennen, weil niemand für die Götter Glauben verlangte.

Zahlreiche Bürger nahmen an ihm teil, für die der Götterglaube abgetan war.

Der Gottesdienst war für sie nur ein Brauch und eine festliche Zeremonie, ah

der sie teilnahmen, weil das Gesetz und die Sitte es forderten. Konnten nicht

auch die Christen sich so an ihm beteiligen, ohne daß sich für sie damit ein

innerlicher Anteil am Heidentum verband? Wenn sie ihn völlig mieden, so gab

dies zwischen der Kirche und der volkstümlichen Gemeinde, in der sich jene

befand, einen scharfen Bruch. An der entschlossenen Bekämpfung der alten

Religion hing das Martyrium mit allem Schweren, was es begleitete, hing die

Ächtung der Christen als einer Verbrecherschar, gegen die der Haß der Völker

entzündet und alle Machtmittel des Staates gebraucht wurden. Konnte man

diesen harten Kampf nicht vermeiden und die neue Überzeugung pflanzen und

pflegen ohne die Zerstörung der alten Einrichtungen? Bewies die Christenheit

nicht dadurch ihre geistige Macht und Freiheit, daß sie ohne Kampf mit ihrer

Umgebung ihren Gottesdienst zu üben vermochte? Paulus schied die Gemeinde

ganz vom alten Religionsbetrieb. Weil dies aber eine folgenreiche Entschei-


io6

Paulus verlangt die Trennung vom Heidentum

dung ist, legt er sie ihnen nicht durch seine Autorität auf, sondern fordert sie

auf, ihr eigenes Urteil zu brauchen und nach diesem zu handeln.

10,15-17: Ich rede mit euch als mitVerst'àndigen; fällt selbst das Urteil über

das, was ich sage. 1st der Kelch der Segnung, den wir segnen, nicht Anteil

am Blut des Christus? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Anteil am Leib des

Christus? Weil es ein einziges Brot ist, sind wir, die vielen, ein einziger Leib.

Denn wir haben alle an dem einen Brot teil. Was geschieht beim Gottesdienst?

Das ist die Frage, die Paulus den Korinthern vorlegt. Ist er ein leerer Vorgang

ohne Kraft und Gabe, oder hat er eine ernsthafte Bedeutung, weil er reale

Wirkungen erzeugt? Er geht von dem aus, was die Gemeinde selber tut und

selbst erlebt, worüber sie also ein sicheres Urteil hat. Sie hat zwar keinen Altar

und vollzieht in ihrem Gottesdienst keine Opferhandlungen. Sie brauchen aber

in ihren Versammlungen den Becher der Segnung, der so heißt, weil über ihn

der Lobpreis Gottes gesprochen und er dazu gefüllt und getrunken wird, damit

Gott gepriesen sei. Nachdem er mit Wein gefüllt ist, segnen wir ihn, sagt Paulus.

Er wird ausdrücklich als Gottes Gabe bezeichnet, den seine Gnade der Gemeinde

gibt, damit sie ihn ihretwegen preise. Ist es nun gleichgültig, ob sie von

ihm trinken, oder hat dies reale und wichtige Folgen? In der Gemeinde antworten

alle: Daß wir diesen Becher trinken, das macht uns zu Teilhabern am

Blut des Christus. Damit ist uns das gegeben, daß das Blut Jesu für uns vergossen

und sein Kreuzestod für uns vollbracht ist. Mit ihm ist Jesu Blut uns

zur Rechtfertigung gemacht, so daß es unsere Sünden bedeckt und uns in Gottes

Gnade stellt. Zugleich mit dem Becher verwendet die Christenheit ein Brot.

Man zerbrach die dünne Brotscheibe vor der Gemeinde in die Stücke, die an

die Teilnehmer am Mahl verteilt wurden* Von diesem Brot weiß die Gemeinde,

daß es ihr den Anteil am Leib des Christus gibt. Sie empfängt damit

nicht nur Brot, auch nicht nur Erinnerungen und Gedanken an etwas, was ferne

ist und einst geschah; sondern durch dieses Brot entsteht ihre Verbundenheit

mit dem Leib Jesu, so daß er dadurch für sie dahingegeben ist und sie durch

ihn zu seinem Eigentum erkauft ist. Alle essen vom selben Brot, das dazu,

damit alle-von ihm essen, in Stücke zerbrochen wird. Das ist wieder nicht bedeutungslos;

denn dadurch sind sie alle in einen Leib vereint. So entsteht aus

ihnen die unter sich verbundene Gemeinde mit einem einträchtig alle bewegenden

Ziel, mit einer alle verbindenden Liebe, die im Christus auch die Brüder

miteinander vereint. Weil sie das Brot mit dem Christus verbindet, bringt es

sie auch untereinander in eine echte Gemeinschaft, und sie erfahren die Wirkung

dieses Mahls beständig dadurch, daß sie in ein gemeinsames Leben und in

eine alle umfassende liebe hineingestellt sind. So haben sie es vor Augen, daß


Der frühere Brief an die Korinther 10,15-22 107

der Gottesdienst nicht aus leeren Schatten undBräuchen besteht, sondern lebendige

Beziehungen stiftet von großer "Wichtigkeit.

10,18: Seht auf Israel nach dem Fleisch: sind nicht die, die die Opfer essen,

Teilhaber am Altar? Auch an Israels Gottesdienst sehen sie, daß ein Opf ermahl

nicht eine leere Sache ist. Die, die im Tempel das Mahl halten, nachdem ihr

Opfer dargebracht worden ist, haben dadurch Anteil am Altar. Nun ist dieser

für sie wirksam, und die Vergebung ist ihnen zuteil geworden, Gottes Gnade

ihnen verliehen und ihre Zugehörigkeit zum heiligen Volk erneuert und bestätigt.

10,19: Was sage ich also? Daß das den Götzen Geopferte etwas sei oder daß

ein Götze etwas seif Paulus macht sich einen Einwurf; kommt er nicht auf diesem

Weg in "Widerspruch mit sich selbst? Hat er nicht gesagt, daß der Götze

nichts ist und nur ein Gott und Vater über uns waltet, 8,4? "Wenn er nun sagt:

Der Becher Jesu bringt uns mit ihm Gemeinschaft, und das Opfermahl Israels

bringt ihm mit dem Altar Gemeinschaft, sollen wir nun fortfahren: Ebenso

stellt das heidnische Opfermahl mit dem heidnischen Gott Gemeinschaft her?

So wäre aber Ungleiches einander gleichgestellt. Jesu Becher kommt von ihm,

dem Gekreuzigten, der durch sein Kreuz zu unserem Herrn geworden ist.

Darum setzt er uns auch in Gemeinschaft mit ihm und macht sein Blut und seinen

Leib für uns wirksam. Den Altar Israels hat Gottes Gesetz verordnet und

ihm bestimmte Verheißungen erteilt. Darum ist das Opfermahl Israels nicht

leer. Aber das Mahl des heidnischen Gottes bringt mit nichts in Gemeinschaft,

sondern bleibt leer. Denn das Götterbild ist nichts und tut nichts, und der, den

es darstellt, ist auch nur ein Nichts. So ist es, sagt Paulus; hier wird freilich

der Gottesdienst Nichtigkeiten dargebracht. Aber damit ist noch nicht alles

gesagt.

10,20: Aber das sage ich euch, daß die Heiden das, was sie opfern, Geistern

opfern und nicht Gott (5. Mose 32,17). Ich will aber nicht, daß ihr Teilhaber

mit den Geistern werdet. Es gibt ein Reich böser Geister, und Paulus sagt mit

dem Schriftwort, das sei am heidnischen Gottesdienst das Gefährliche, daß er

mit diesen in Verbindung bringe. Hier strebt der Mensch über die Natur hinaus

und doch nicht hinauf zu Gott, sondern er tut es mit unheiligem "Willen

und oft genug mit sündlichen Mitteln. Das bringt in Verbindung mit den unheiligen

chten jenseits der Natur. Daraus folgt die runde, entschlossene Absage

an den heidnischen Gottesdienst.

10,21. 22: Ihr könnt nicht den Bedoer des Herrn und den Becher der Geister

trinken. Ihr könnt nicht am Tisch des Herrn und am Tisch der Geister teilhaben.

Oder reizen wir den Herrn zum Eifer? Sind wir stärker als er? "Wenn


io8

Die Regeln für den Gebrauch des Opferfleisches

ihnen das Abendmahl als die Feier gilt, die ihnen Jesus bereitet hat, damit sie

mit ihm verbunden seien, dann hat in ihrem Leben kein fremder Gottesdienst

mehr Raum. Die Christenheit nimmt den Becher aus Jesu Hand und trinkt

mit ihm das, was er ihr gibt; sie sieht in ihrem Tisch den Tisch des Herrn, den

er ihr rüstet und wo er sie speist. Die Gemeinschaft, in die sie dadurch mit ihm

tritt, bindet sie ganz. An dem, was die Geister den Menschen bieten und wodurch

sie sie in ihre Macht zu bringen suchen, hört nun jede Beteiligung auf.

Es ist unmöglich, sagt Paulus, beides zu vereinen. Die eine Gemeinschaft geht

nach oben zu Gott hin, die andere nach unten von Gott weg. Jede bewirkt nach

der anderen Seite die Trennung. "Wer seine Hoffnung auf die Geister setzt, ihr

Gast wird und sich von ihnen speisen läßt, ist von Christus los; ebenso befreit

und beschirmt Christus die Seinen gegen das Geisterreich. Für die Praxis der

Gemeinde entstand daraus die Regel: wer am heidnischen Opfer teilnimmt,

verzichtet auf das Abendmahl; wer am Abendmahl teilnimmt, hat mit dem

heidnischen Opfer aufgehört. Wer beides verbinden wollte, würde sich weigern,

dem Herrn die ganze Liebe hinzugeben, und ihm zumuten, daß er sich

mit anderen in unsere Liebe teile. Jesu Gnade verlangt uns aber ganz für ihn.

Wer es aber versuchen wollte, wie viel man ihm antun dürfe, bis sein Eifer

erwache, vergißt, wie ohnmächtig ein solcher Trotz und wie gefährlich er ist.

Kapitel 10,23—11,1

Die Regeln für den Gebrauch des Opferfleisches

10,23. 24: Zu allem haben wir Macht: aber nicht alles ist heilsam. Zu allem

haben wir Macht; aber nicht alles baut auf. Keiner suche nach dem Seinen,

sondern nach dem, was des anderen ist. Auch wenn die Gemeinde dem, was

Paulus soeben sagte, völligen Gehorsam erwies und sich vom heidni sehen Opf erwesen

ganz frei hielt, so waren damit doch noch nicht alle Schwierigkeiten

beseitigt, die am Gebrauch des Opferfleisches entstanden, weil dieses nicht nur

in den Tempeln, sondern auch im alltäglichen Leben zur Verwendung kam.

Den Ratschlägen, die der Gemeinde hierbei helfen sollen, stellt Paulus auch

hier wie da, wo er vom Umgang mit der Dirne sprach, 6,12, die Regel voran,

die unser Handeln von allen äußeren Verhältnissen unabhängig macht, mit

derselben Einschränkung wie dort, daß wir unsere Freiheit dann falsch gebrauchen,

wenn wir mit ihr uns und anderen Schaden bereiten. Unsere Macht

ist uns dazu gegeben, damit wir das schaffen, was heilsam ist. Doch dient der

Satz, der die uns gegebene Freiheit bezeugt, nicht nur denen zur Stütze, die

beim Gebrauch des Opferfleisches kerne Beschränkungen zulassen wollen, son-


Der frühere Brief an die Korinther 10,23-28 109

dem auch die Regeln, die Paulus der Gemeinde gibt, sind darauf gestellt, daß

uns in der Tat die Vollmacht gegeben ist, unser Leben nach unserem Ermessen

zu ordnen, so daß wir die Regeln, nach denen wir handeln, unabhängig von

allen äußeren Mächten bei uns selber festzustellen haben, indem wir erwägen,

wie unser "Wille sich zu Gottes Willen verhält. Darum hat mit dem Opferfleisch

jeder so zu handeln, wie es ihm sein eigenes Gewissen sagt.

Der zweite Satz, an den uns Paulus beim Gebrauch unserer Freiheit bindet,

daß wir das zu wählen haben, was aufbaut, nicht das, was ander« zerstört, erinnert

noch ausdrücklich daran, daß wir bei dem, was heilsam ist, nicht bloß

an uns selber denken dürfen. So würden wir die uns gegebene Macht gänzlich

verderben. Einzig und allein der Liebe ist diese Freiheit gegeben, und ohne die

Liebe ist sie nicht da. Nur vom guten Willen, nicht vom boshaften, gilt es, daß

er zu allem ermächtigt sei, nur von dem, der mit Gottes Willen eins ist, nicht

von dem, der gegen ihn streitet. Wenn Gott wider uns ist, so haben wir nicht

zu allem Macht, sondern zu nichts Macht, weil Gottes Regierung den bösen

Willen immer durchkreuzt und nichtig macht, so daß er scheitern muß, und

keine Steigerung unserer Kraft hilft dem boshaften Willen auf, so daß er gelingen

könnte. Der liebe aber hilft alles, weil Gott ihr hilft. Darum verstehen

wir es nur dann, wozu uns unsere Macht gegeben ist, wenn wir mit ihr nicht

das Unsere suchen und unser Handeln nicht auf unseren Vorteil, unsere Ehre

und unsereBefriedigung richten, sondern darauf, daß den anderen zuteil werde,

was ihnen hilft.

10,25. 26: Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, eßt, ohne des

Gewissens wegen nachzufragen. Denn die Erde ist des Herrn und was sie füllt

(Psalm 24,1). Kommt Opferfleisch auf den Markt, so ist es von der Opferhandlung

gänzlich abgetrennt. Darum wäre es dann eine krankhafte Schchung

des Gewissens, wenn dieses sie triebe, Nachforschungen anzustellen.

Hier kommt vielmehr der Satz zur Anwendung, daß die Erde mit allem, was

sie trägt, Gottes Besitz ist und unter seiner Herrschaft steht.

10,27: Wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr hingehen

wollt, so eßt alles, was euch vorgelegt wird, ohne des Gewissens wegen nachzufragen.

Paulus mahnt, daß sie es sich überlegen sollen, ob sie einer solchen

Einladung folgen wollen. Sie bringt sie leicht in Lagen, bei denen das Gewissen

verwundet werden kann. Doch verbietet er ihnen die Teilnahme an einem

Fest, das ein Grieche in seinem Haus gibt, nicht. Hier gilt dieselbe Regel wie

auf dem Markt. Für ein klares, starkes Gewissen existiert hier die Frage, ob

etwas von diesen Speisen Opferfleisch sei, nicht.

10,28: Wenn aber jemand zu euch sagt: ,,Das ist im Tempel Geopfertes",


I IO

Die Regeln für den Gebrauch des Opferfleisches

so eßt nicht um dessen willen, der es euch mitteiltet und um des Gewissens willen;

ich spreche aber nicht von eurem Gewissen, sondern von dem des anderen.

Erst dann, wenn jemand den Christen ausdrücklich darauf hinweist, dieses

oder jenes Stück stamme von einem Opfer her, erhält die Frage Gewicht, ob

er es essen soll, und in diesem Fall sagt Paulus: Eßt es nicht. Ob der, der den

Christen warnt, es in guter oder böser Meinung tue, in guter Meinung, weil er

annimmt, ein Christ esse vom Opfer nicht, und verhüten will, daß er es unwissentlich

tue, in böser Meinung, wenn er ihn auf die Probe stellen will, ob

er das zu tun wage, was die jüdische Regel verboten hat, auf diese Unterscheidung

geht Paulus nicht ein. Dadurch würde es der Gemeinde nur erschwert,

richtig zu handeln. Sowie ihnen die Frage vorgelegt wird, ob sie vom Opfer

genießen, sollen sie sich dessen enthalten, nicht ihrer selbst wegen, da sie keinen

Schaden nähmen, wenn sie es äßen, sondern des anderen wegen, weil sie

ihm dadurch schaden könnten, und zwar wegen seines Gewissens, wieder nicht

wegen ihres eigenen; denn dieses ist klar und seines Rechtes gewiß! Dagegen ist

das Gewissen des anderen, wie seine Warnung zeigt, verwirrt und schwach

und könnte, wie Paulus 8,10 sagte, so aufgebaut werden, daß er täte, was er

nicht tun soll.

10,29. 3 0: Denn wozu wird über meine Freiheit von einem anderen Gewissen

ein Urteil gefällt? Wenn ich es mit Dank genieße, warum werde ich wegen

dessen gelästert, wofür ich Dank sage? Damit begründet Paulus, warum der

Christ in diesem Fall das Opferfleisch meiden soll. Ißt er davon, dann wird

über seine Freiheit verhandelt und ein Urteil über sie abgegeben, ob er gesündigt

habe oder nicht, als er aß. Solche Erörterungen sind fruchtlos und töricht,

weil kein fremdes Gewissen in solchem Fall urteilen kann, sondern nur das

eigene. Nur der Essende selber weiß, wie er zu Christus steht, ob er dadurch

ihn verleugnet oder in seiner Gemeinschaft bleibt. Es gibt freilich für alle gültige

Regeln des göttlichen Rechts, die für alle Gewissen gelten. Auf ihnen beruht

es, daß wir es im sittlichen Gebiet zu gemeinsamer Arbeit, zu gemeinsamem

Gewissen gegen Gottes Willen und zu gemeinsamem Kampf gegen das

Böse bringen. In der Opferfrage kommt es aber auf den persönlichen, allen

anderen verborgenen Glaubensstand an. In solchen Fällen hat es keinen

Nutzen, daß wir Erörterungen über diesen veranlassen. So kommt es leicht

dazu, daß jemand wegen derselben Sache, für die er Gott dankt, gescholten

wird. Nach der Sitte der ersten Christenheit wurde bei allen Speisen eine

Danksagung gesprochen. Für den, der für das Fleisch Gott dankt, ist es dadurch

geheiligt. Einen anderen hindert das aber vielleicht nicht, den Genuß dieses

Fleisches als Abfall mit bösen Worten zu schelten und vom Essenden zu sagen,


Der frühere Brief an die Korinther 10,29-11,1

III

er habe sich befleckt. Die Gemeinde muß damit rechnen, daß sie auch boshafte

Beurteiler überwachen, die das, was sie tun, verdrehen. Paulus verlangt, daß

die, die ihm gehorchen, solche Verleumdungen dadurch unmöglich machen,

daß sie dann auf das Opferfleisch verzichten.

10,31: Möget ihr nun essen oder trinken oder irgend etwas tun, tut alles zu

Gottes Ehre. Von den einzelnen Ratschlägen, die besondere Fälle ordnen,

geht Paulus zum Schluß nochmals zum letzten, höchsten Grundsatz hinauf,

der unser ganzes Verhalten richtig macht. Immer soll es unser Ziel und Anliegen

sein, daß Gottes Größe und Herrlichkeit an uns sichtbar sei. Sie essen

zu Gottes Ehre, wenn sie alles, was sie vom Markt holen, mit Danksagung

genießen, weil die Erde mit allem, was sie uns bietet, Gottes Eigentum ist. Sie

essen zu Gottes Ehre nicht, wenn sie das Opfer meiden, falls andere auf sie

achten, und keinen bösen Schein auf sich laden. Denn es dient nicht zur Bezeugung

der Herrlichkeit Gottes, wenn die Seinen als Sünder verlästert werden.

Paulus zweifelt nicht, daß wir auch die natürlichen und alltäglichen

Dinge so behandeln können, daß durch sie Gottes Größe sichtbar wird. Mit

der Liebesregel, die uns auf das bedacht sein heißt, was den anderen hilft,

steht die neue Regel in keinem Streit. Wenn wir, statt zu bauen, niederreißen,

machen wir nicht Gottes Größe offenbar; dagegen werden durch das, was zu

seiner Ehre geschieht, die anderen nie verletzt, sondern gebaut.

10,32—11,1: Werdet so, daß sowohl die Juden als die Griechen als die Gemeinde

Gottes keinen Anstoß an euch nehmen, wie auch ich mich bestrebe, in

allem allen zu gefallen, und nicht meinen Vorteil suche, sondern den der vielen,

daß sie gerettet werden. Werdet meine Nachahmer, da ich ein Nachahmer

des Christus bin. Mit drei völlig voneinander verschiedenen Kreisen standen

die Christen im Verkehr, mit der Judenschaft, mit den Griechen und vor

allem mit ihrer eigenen Gemeinde. Der Umgang mit dieser verlangte von

ihnen besondere Sorgfalt, weil sie als Gottes Tempel heilig ist und nicht beschädigt

werden darf. War es möglich, mit allen so zu verkehren, daß keiner

abgestoßen und keinem ein Einwand gegen Jesu Wort verschafft wurde? Was

den Griechen gefiel, dagegen ereiferten sich die Juden; was ihren Beifall hatte,

darüber lachten die Griechen, und in der Gemeinde galt weder, was die Juden,

noch, was die Griechen lobten, sondern Jesu Wille, der weder der jüdischen

noch der heidnischen Sünde Raum verstattete. Groß war die Pflicht, die der

Christenheit damit gegeben war, allerdings, und eine starke Liebe war zu

ihrer Erfüllung nötig, die auf alle ihre Schritte mit offenen Augen achtete.

Sowie sie blind dahinlebten und an dem, was sie taten, ein eitles Wohlgefallen

hatten, war der Anstoß sicher da. Sie können aber ihren Beruf nicht klei-


112 Ordnungen für den Gottesdienst

ner machen, sondern sollen darin ihre Pflicht erkennen, daß sie niemand in

die Sünde treiben, in niemand Widerwillen und Haß gegen Jesu Wort erwecken,

sondern allen die Türe zu ihm öffnen und allen zeigen, daß Gottes

Wille, dem sie gehorchen, gut und heilig ist. Wie sie das machen, darin haben

sie an der Art, wie Paulus „allen alles wird", das Beispiel. Er macht es ihnen

vor, wie man jeden Gewissensstand ehrt und zu allen den Zugang findet.

Freilich sehen sie auch das an ihm, daß es ihnen nicht möglich ist, keine

Feindschaft zu erregen. Viel Haß und Verfolgung ist auf Paulus gefallen, obwohl

er niemand mit Willen verletzt, sondern nach der Zustimmung aller

trachtet. Den Anstoß meiden heißt nicht dem Kampf ausweichen. Die Liebe,

von der Paulus spricht, ist nicht weichlich, sondern mit dem Bußwort eins,

das für das Böse kein Lob hat. Anstoß gibt der, der das Urteil der anderen

verwirrt, sie blind macht, statt sie zu erleuchten, Böses ihnen empfiehlt, statt

sie von ihm zu lösen, und sie von Christus wegstößt, statt daß er sie zu ihm

führt, und das sollen wir meiden im Verkehr mit jedermann. Statt auf seinen

eigenen Vorteil sieht Paulus auf die vielen, denen er dadurch zum größten

Segen werden kann, daß er ihnen zum Heil verhilft. Ob für ihn die Last

leichter oder schwerer, das Leben süßer oder schmerzhafter werde, daran liegt

nichts; Gott gewährt ihm Größeres, daß er nicht bloß für sich selber sorge,

sondern für viele. Darin folgt er Jesu Beispiel. Denn auch Jesus dachte nicht

an sich selbst, nicht an das, was ihm wohltue und für ihn passe, sondern an

die vielen, die er zu Gott berufen darf. Und darum, weil Paulus auf Jesu

"Weg geht, macht es die Christenheit dann recht, wenn sie es wie Paulus macht.

Kapitel 11,2-34

Ordnungen für den Gottesdienst

Paulus hält in der Beantwortung ihres Briefes inne. Weil das, was sie mit


Der frühere Brief an die Korinther xi,2-2 1*3

Kapitel 11,2-16

Die Tracht der Frau beim Gebet

n,2: Ido lobe euch aber, daß ihr euch in allem an mich erinnert und die

Überlieferungen bewahrt, wie ich sie euch übergeben habe. Jene Gottesdienste,

die er selbst mit der Gemeinde gehalten hat, sind für sie immer noch das Vorbild,

nach dem sie ihre Versammlungen einrichteten. Er steht ihnen bei allem,

was es im Leben der Gemeinde zu besorgen gibt, vor Augen, und sie bemühen

sich, es so zu halten, wie er verfuhr. Diejenigen Bestrebungen, die gegen die

Regeln des Paulus ankämpften, hatten in der Gemeinde noch nicht den Sieg

erlangt. Nur in einzelnen Punkten war es ihnen gelungen, die Sitte umzustoßen,

die von Paulus herrührte. Dahin gehörte, daß sich einige Frauen

beim Gebet gestatteten, was ihnen Paulus nicht zugelassen hat.

11,3: Ich will aber, daß ihr wißt, daß für jeden Mann das Haupt der

Christus ist, für die Frau aber ist das Haupt der Mann, für den Christus aber

ist das Haupt Gott. Alle sind regiert. Jedem hat Gott den vorgesetzt, für den

er leben soll und an dessen Willen er die Regel für sein Verhalten hat. Den

Mann hat Gott nicht seinem Eigenwillen überlassen, daß er tun und lassen

könnte, was ihm beliebt, und den Zweck seines Lebens bei sich selber fände,

sondern hat ihm ein Haupt gesetzt, den Christus, damit er den "Willen des

Christus tue und daran sein Geschäft habe sein Leben lang und dem Christus

gefalle und daran das Ziel habe, um das er sich bemüht. Ebenso steht die Frau

nicht einsam da, als könnte sie nur nach ihrem Sinn handeln und tun, was ihr

gefällt. Ihr Haupt ist ihr Mann. Daran hat sie ihren Beruf, für ihren Mann zu

leben und 9eine Freude, Ehre und Hilfe zu sein. Absichtlich fährt Paulus noch

weiter, obwohl es hier scheinbar nicht nötig ist, daß er auch noch von Jesu

Verhältnis zu Gott rede. Damit jeder seine Stellung richtig erfasse, ist es wichtig,

daß allen deutlich sei, worauf Jesu Herrschaft beruht, warum der Mann

an ihm den hat, der ihn regiert. Auch Jesus ist nicht ohne Haupt, wirkt nicht

für sich selbst und schöpft seinen "Willen nicht aus sich, sondern sein Haupt

ist Gott. Daß Gottes "Werk durch ihn geschieht und Gottes Wille durch ihn

erfüllt wird und Gottes Herrlichkeit durch ihn sichtbar ist, das ist Jesu Amt

und "Werk, um deswillen er der Christus, der König der Menschheit und der

Herr der geheiligten Gemeinde ist.

Damit hat Paulus ausgesprochen, woran es ihm dann liegt, wenn er der

Frau im Unterschied vom Mann ihre Stellung anweist. Darauf kommt es ihm

an, daß jeder seinen Platz bewahre unter dem, dem ihn Gott untergeben hat.

Er will, daß sich die Frau auch in ihrem religiösen Leben und Verhalten, auch


114 Die Tracht der Frau beim Gebet

dann, wenn sie betet, nicht vom Manne trenne und nicht selbständig auftrete,

als wäre sie an niemand gebunden, sondern sich vor Gott zu ihrem Mann bekenne

als zu ihrem Haupt, wie der Mann an Christus sein Haupt haben soll

und nicht an seiner Frau. Haben die Frauen Anlaß, sich zu beschweren, sie

seien verkürzt, bloß dem Mann gebe Paulus im Herrn das Haupt, ihnen nicht?

Das wäre so töricht, wie wenn der Mann sich beschwerte, Paulus gebe Gott

bloß dem Christus zum Haupt, nicht ihm. Gottes Herrschaft erstreckt sich über

alle, über Christus und über die Männer und über die Frauen, und Jesu Herrschaft

umfaßt alle, die Männer und die Frauen. Gottes Regierung vollzieht

sich aber dadurch, daß sie die Ordnungen herstellt, in denen wir ihm zu dienen

haben, und er bringt uns durch sie in verschiedene Dienstverhältnisse. Dadurch,

daß wir diese bewahren, bleiben wir in der Untertänigkeit unter Gott. Wie

der Mann sich dadurch Gott Untertan macht, daß er dem Christus unterworfen

ist, und Gott dadurch gehorcht, daß er dem Christus gehorcht, so bleibt die

Frau dadurch unter dem Christus und hat an ihm ihren Heiland mit der Herrlichkeit

der ewigen Gnade, daß sie sich unter ihren Mann stellt und ihrem

Mann mit ganzem Herzen angehört. Der Gewalttat und Eigensucht des Mannes

leistet Paulus keinen Vorschub. Mit dieser ist es für immer und gänzlich

vorbei, sowie er am Christus sein Haupt hat. Vielmehr beschreibt uns hier Paulus

die ganze Zartheit, Fülle und Innigkeit einer rechten christlichen Ehe dadurch,

daß er die Gemeinschaft zwischen dem Mann und der Frau derjenigen

vergleicht, die der Mann mit Christus hat, und vollends derjenigen, in der Jesus

mit dem Vater steht. Das sind nicht erniedrigende Knechtsverhältnisse, nicht

ein erzwungener Dienst; sondern das ist echte liebe mit ihrer ganzen Freiheit

und Seligkeit, wirkliche Hingabe des eigenen Lebens an den, für den zu leben

wir berufen sind, doch nicht so, daß eine willkürliche Gleichheit begehrt wird,

sondern so, daß die Gemeinschaft dadurch bewirkt wird, daß die von Gott

gesetzte Über- und Unterordnung bewahrt wird und ein Herrschen und ein

Dienen, ein Leiten und ein Gehorchen zwischen beiden besteht.

11,4-5: Jeder Mann, der mit bedecktem Kopf betet oder weissagt, tut seinem

Kopf Schande an; jede Frau dagegen, die mit unbedecktem Kopf betet oder

weissagt, tut ihrem Kopf Schande an. Von der jüdischen Sitte her trugen auch

die christlichen Frauen ein Kopftuch, das das Haar bedeckte. Die hochfahrende

Frömmigkeit, die die Korinther erfüllte, hatte aber auch einzelne Frauen ergriffen,

und sie hatten deshalb, wenn sie beteten oder weissagten, das Kopftuch

abgelegt. Sie taten damit dar, daß es vor Gott keinen Unterschied zwischen

den Männern und Frauen gebe. Paulus redet nicht von der Tracht überhaupt,

nicht davon, wie sich die Frau zu Hause oder in der Versammlung der


Der frühere Brief an die Korinther 11,4-10

, II5

Gemeinde kleiden soll. Von der Mode ist hier nicht die Rede, sondern einzig

davon, wie die Frau sich dann benehme, wenn sie sich betend vor Gott stellt

oder wenn sie in seinem Namen als Prophetin spricht. Den korinthischen

Frauen schien es, wenn sie beteten, dann dürften sie sich über alle natürlichen

und irdischen Verhältnisse emporschwingen und dürften dann vergessen, daß

sie Frauen seien und Männer haben, jetzt, da sie betend mit Gott handeln und

von seinem Geist bewegt sein Wort sagen. Dies hat Paulus verworfen, und

deshalb hat er verlangt, daß sie für das Gebet das Kopftuch nicht wegwerfen,

weil sie auch im Gebet und beim "Weissagen in ihrer natürlichen Stellung bleiben

und auch dann vor Gott undMenschen kundtun sollen, daß sie Frauen sind.

Die Frauen, die das Kopftuch weglegten, meinten, das sei für sie eine Ehre;

so wollten sie zeigen, daß sie den vollen Zugang zu Gott haben und alles, was

bloß der Natur angehört, hinter sich lassen, so daß es gleichgültig sei, wer jetzt

bete und weissage, Mann oder Frau. Paulus sieht dagegen in ihrem Auftreten

für sie keine Ehre, sondern findet, so hätten sie ihren Kopf entstellt und verunziert

und böten einen häßlichen Anblick dar. Dasselbe gälte vom Mann,

wenn er es ihnen nachmachte und seinerseits für das Gebet die Frauentracht

annähme wie sie die Männertracht. Ein Mann, der sich, um zu beten, ein Kopftuch

umbände, würde seinen Kopf nicht zieren, sondern entehren. Indem Paulus

von dem spricht, was sie ihrem Kopf antun, bringt er ihnen in Erinnerung,

was das vorangehende Wort ihnen sagte, daß der Mann am Christus, die Frau

am Mann ihr Haupt habe. Was sie aus sich machen, betrifft nicht nur sie, sondern

auch ihr Haupt. Dieses sollen sie in allen Dingen ehren und darum nichts

tun, was ihren Kopf entehrt.

Nun sagt Paulus, warum er das Verschwinden des Kopftuchs bei den betenden

Frauen häßlich findet. 11,6: Denn sie ist so ein und dasselbe mit der Geschorenen.

Denn wenn die Frau das Haar nicht bedeckt, so schneide sie es ab.

Wenn es aber für eine Frau schimpflich ist, sich das Haar kurz zu schneiden

oder abzuscheren, so bedecke sie es. Sie will sich tragen wie der Mann; aber sie

tut es nicht ganz und will dies auch nicht ernsthaft. Bloß das Kopftuch legt sie

ab. Wenn sie ihren Kopf so tragen will, wie der Mann ihn trägt, so soll sie ihr

Haar nach der Sitte der Männer kurz beschneiden oder ganz abscheren. Das

will jedoch die Frau nicht, sondern sie will ihr langes Frauenhaar behalten.

Dann behalte sie auch das Kopftuch und mache sich nicht den Männern gleich.

11,7-10: Denn der Mann braucht den Kopf nicht zu bedecken, weil er Gottes

Bild und Ehre ist. Die Frau aber isFdie Ehre des Mannes. Denn der Mann

ist nicht aus der Frau, sondern die Frau ans dem Mann. Denn der Mann wurde

auch nicht der Frau wegen geschaffen, sondern die Frau des Mannes wegen.


Il6

Die Tracht der Frau beim Gebet

Deshalb soll die Frau eine Vollmacht auf dem Kopfe haben um der Engel

willen. Die Regel, die für die Frau gültig ist, ist nicht auch gültig für den Mann,

weil ihre Stellung zu Gott und zueinander verschieden ist. Paulus hat die

Schöpfungsgeschichte (i. Mose 1-2) vor Augen und setzt voraus, daß sie auch

den Korinthern gegenwärtig sei. Er will, daß beide Geschlechter in der Stellung

bleiben, die ihnen dort zugeteilt ist. Der Mann empfängt das Leben, weil

Gott in die Natur den hineinstellen will, der sein Bild tragen soll. Deshalb ist

es der Beruf des Mannes, Gottes Ehre zu sein. Innerhalb der Natur prägt kein

Geschöpf so herrlich und so vollständig aus, was Gott ist, als der Mann. Dem

entspricht, daß er sein Haupt vor Gott nicht verhüllt. Wer Gottes Bild trägt

und zu Gottes Verherrlichung dient, der verdeckt sich nicht. Die Frau hat von

ihrem Ursprung her ihre Bestimmung in ihrem Verhältnis zum Mann. Als eine

Gabe Gottes für den Mann ist sie geschaffen, durch die Gott diesem die Größe

seiner Güte erwies, damit er nicht einsam sei, sondern eine Gehilfin habe. So

ist sie von ihrem Anfang her die Ehre des Mannes und erfüllt ihren Beruf

dann, wenn sie die Kraft des Mannes stärkt und seine Würde mehrt. Weil sie

aus dem Mann und für den Mann geschaffen ist, steht ihr das Kopftuch zu als

Zeichen ihrer Unterordnung unter ihn. Daß sie den Kopf anders trägt als der

Mann, nämlich verhüllt, das heißt Paulus ihre Vollmacht und Ermächtigung,

die ihr den Zutritt zu Gott gewährt und das Recht zum Gebet verleiht. Denn

sie tut durch dasselbe dar, daß sie dem Willen Gottes gehorcht und das zu sein

begehrt, wozu sie Gottes Schöpferordnung macht. Dabei erinnert Paulus die

Gemeinde daran, daß sie beim Gebet nicht nur unter sich sind, so daß sie bloß

auf das zu achten hätten, was ihnen gefällt. Der Zutritt zu Gott stellt sie vor

den Blick der himmlischen Geister, und diese wachen über Gottes Ordnung und

haben kein Wohlgefallen an dem, was seine Schöpfung zerstört. Es ist nicht

gut so beten, daß sich der Blick der Engel mit Widerwillen vom Betenden wegwenden

muß.

11,11-12: Doch ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die

Frau im Herrn. Denn wie die Frau aus dem Mann entstand, so entsteht auch

der Mann durch die Fr-au; alles aber kommt aus Gott. Einen Unterschied

zwischen beiden Geschlechtern hat Paulus im vorangehenden deutlich gelehrt,

bei dem der Mann über die Frau zu stehen kommt. Weil aber der verkehrte

menschliche Wille aus dem Unterschied leicht Streit und Zwietracht macht,

sagt Paulus, daß ein solcher nur durch unsere Versündigung entstehe. Denn

im Herrn sánd beide durch eine feste Gemeinschaft verbunden, und kein Teil

empfängt getrennt vom anderen, sondern nur vereint mit dem anderen sein

Wohlgefallen und seine Gaben. Das wird auch in der Art sichtbar, wie wir


Ber frühere Brief an die Korinther 11,11-16

II7

das Leben empfangen. Denn während im Anfang der Schöpfung der Mann

vor der Frau entstand, wird im Fortgang des menschlichen Lebens der Mann

durch seine Mutter zum Leben gebracht. So wird sichtbar, daß beide nicht getrennt,

sondern nur vereint das sind, wozu sie Gottes Wille beruft. Zur Überhebung

und zum Streit gibt die verschiedene Stellung beiden deshalb keinen

Anlaß, weil hier alles auf Gottes Gabe und Regierung beruht. Der Vorrang

Adams beruht auf Gottes Schöpferwerk, und ebenso ist der Frau das mütterliche

Amt von Gott gegeben. An der Erkenntnis, daß ihnen alles, was sie sind,

durch Gottes Gabe und Wirkung verliehen wird, zergeht für beide der selbstische

Ruhm, und alle Eifersucht und Zwietracht hört auf.

11,13-15: Fällt bei euch selbst àas Urteil: Schickt es sich, daß eine Frau unbedeckt

zu Gott bete? Lehrt euch nicht die Natur selbst, daß es einem Mann

eine Unehre ist, wenn er lange Haare hat, daß es aber für die Frau eine Ehre

ist, wenn sie lange Haare hat? Denn das Haar ist ihr als Schleier gegeben. Paulus

vermied es auch in dieser Sache, sie bloß durch seinen Befehl zu entscheiden.

Darum leitet er sein Urteil aus den höchsten christlichen Überzeugungen ab,

aus Gottes Schöpferwerk und aus Jesu Gemeinschaft mit Gott und mit uns.

Indem er von hier aus die Grundsätze gewinnt, nach denen sich die Gemeinde

ihre Sitte bilden soll, ist es ihr ermöglicht, auch in dieser Sache mit einer eigenen

Überzeugung zu handeln. Darum nimmt er ihr eigenes Urteil in Anspruch,

wobei er erwartet, daß es sich nicht erst aus einer tiefen Einsicht in den Unterschied

der beiden Geschlechter, sondern schon aus dem natürlichen Gefühl für

sie ergebe, daß die Frau ihren Kopf bedecken soll anders als der Mann. Es ist

unnatürlich, wenn zwischen einem Frauenkopf und einem Männerkopf kein

Unterschied bestehen soll. Schon die Natur macht dies deutlich; denn sie gibt

der Frau das lange Haar.

11,16: Wenn aber jemand Lust hat, streitsüchtig zu sein: Wir haben eine

solche Gewohnheit nicht, auch die Gemeinden Gottes nicht. Paulus bestreitet

nicht, daß man gegen seinen Rat und gegen die Art, wie er ihn begründet, Einreden

erheben kann. Was sich ziemt oder nicht ziemt, das läßt sich nicht durch

einen Beweis feststellen, der jede Widerrede niederschlägt. Denen, die darüber

zu streiten bereit sind, sagt Paulus nur noch das eine: Was ihr tut, ist gegen

die Sitte, die sonst überall gilt. Wenn Paulus eine Versammlung leitet, dann

müssen die Frauen beim Gebet ihre Tücher behalten, und überall in den Gemeinden

hält man es so. Es hat aber in allen Fragen des Anstands und der

äußeren Lebensordnung eine ernste Bedeutung, daß wir bei der allgemeinen

Sitte bleiben. Darin liegt eine große Erleichterung und Vereinfachung für

unseren Verkehr. Die Übereinstimmung mit ihr ist wichtiger als die Befrie-


Ii8

Das Mahl des Herrn

digung persönlicher "Wünsche und der Kitzel, den uns die Rechthaberei verschafft.

.

Kapitel 11,17-34

Das Mahl des Herrn

11,17: Indem ich diese Vorschrift gebe, lobe ich es nicht, daß ihr niait so zusammenkommt,

daß ihr davon Gewinn, sondern so, daß ihr davon Schaden

habt. Wenn die Versammlungen der Gemeinde sie schchen, statt sie zu stärken,

sie entzweien, statt sie zu verbinden, und einen Rückgang in ihr bewirken

statt einen Fortschritt, so widerspricht das freilich vollständig dem Zweck ihrer

Vereinigung.

11,18.19: Denn einmal höre ich, daß, wenn ihr in der Gemeinde zusammenkommt,

Spaltungen unter euch sind, und zum Teil glaube ich dies; denn es ist

notwendig, daß auch Parteiungen bei euch sind, damit die Bewährten bei euch

offenbar werden. Ihre Versammlungen bringen sie einmal deshalb zurück, weil

bei diesen der Zwiespalt zwischen ihren verschiedenen Gruppen sichtbar wird.

Dadurch verlieren sie nicht nur ihren Segen, sondern werden ihnen schädlich.

So erkälten sie die Liebe und machen sich unempfänglich für das Wort. Denn

nun hören sie nicht mehr auf das, was ihnen gesagt wird, sondern achten nur

darauf, zu welcher Gruppe der gehört, der spricht. So wird auch ihr Gebet leer;

denn an der Zwietracht verstummt das Gebet. Paulus zweifelte nicht an dem»

was man ihm über die Verstimmungen erzählt hat, die bei ihren Versammlungen

zum Vorschein kamen, wenn es auch vielleicht nicht ganz so schlimm

bei ihnen steht, wie es nach diesen Berichten zu stehen scheint. Aber überrascht

war er durch das, was er hörte, nicht. Denn es muß so kommen, und weil es so

kommen muß, verwundert er sich nicht über das, was in Korinth geschehen ist.

Der Grund solcher Spaltungen liegt darin, daß sie Parteien bei sich haben.

Weil sie ihre besonderen Meinungen und Ziele so verfechten, daß sie sich in

besondere Verbände zusammentun, können sie ihre Versammlungen nicht

mehr so halten, daß sie ein einträchtiges Ganzes sind. Die Parteiung kommt

aber durch Gottes gerechte und heilige Regierung deshalb über die Gemeinde,

damit alles Schein- und Namenchristentum gerichtet werde und die Unlauteren

zu Fall kommen und ans Licht trete, wer einen echten, bewährten Christenstand

besitzt. Häufen sich in einer Gemeinde Unlauterkeit, Selbsttäuschung

und Heuchelei, dann kommt mit Sicherheit die Erprobung über sie, die alles,

was nur Schein ist, zerstört. Nicht so kommt diese Scheidung zustand, daß die

eine Partei aus den Bewährten bestände, eine andere aus den Unlauteren, vielmehr

so, daß die Leidenschaft und der Taumel der Parteiung die mit sich reißt,


Der frühere Brief an die Korinther 11,17-22 I.19

die von Gott bloß reden, ohne daß es ihnen an Gott liegt, während nur die

nicht der Parteiung verfallen, die der Wahrheit Gottes von Herzen gehorsam

sind und nicht das Ihrige suchen, sondern den Willen des Christus tun.

11,20: Wenn ihr nun zusammenkommt, so ist es nicht maglio, das Mahl des

Herrn zu essen. Daran wird weiter sichtbar, daß sie nicht zu ihrem Gewinn,

sondern zu ihrem Schaden ihre Versammlungen halten. Eine Gemeinde, die

nicht mehr imstande ist, das Mahl des Herrn zu feiern, geht zurück. Früher,

vollends als Paulus bei ihnen war, kam die Gemeinde so zusammen, daß ihr

Mahl wirklich des Herrn Mahl war. Paulus gibt an, warum das jetzt nicht

mehr möglich ist.

11,21: Denn jeder nimmt beim Essen das eigene Mahl vorweg, und der eine

hungert, der andere aber ist trunken. Früher hatten sie gemeinsam gegessen,

weil jeder das, was er mitbrachte, zur Herstellung eines gemeinsamen Tisches

verwendete. Nun waren sie aber entzweit und gegeneinander verdrossen. Es

ist begreiflich, daß das gemeinsame Mahl unterblieb. Zwar aßen sie noch im

Saal, in dem die Gemeinde zusammenkam, und brachten ihre Lebensmittel

dorthin mit; aber jeder aß mit seinen Hausgenossen und Freunden für sich.

Nachdem sie schon vorher gegessen hatten, und zwar so, daß die Einheit und

Gleichheit in der Gemeinde öffentlich zertreten war, haben sie sich um die

Möglichkeit gebracht, noch Jesu Mahl zu halten. Es wäre ja ein Hohn, wenn sie

dem Armen, der wenig oder nichts mitbrachte und hungrig geblieben war, doch

noch den Becher Jesu reichten. Ebenso schlecht waren die Gruppen vorbereitet,

bei denen es hoch herging, so daß es dort volle "Weinbecher gab, mit dem Erfolg,

den der volle Becher immer hat, daß er die Sinne trübt. Sinnlose Trunkenheit

brauchen wir deshalb den Korinthern noch nicht zur Last zu legen.

Paulus meint nicht erst dann, wenn es zum Rausch kam, ein solches Mahl vertrage

sich mit Jesu Stiftung nicht. "Was wir über das Verhalten der Gemeinde

hören, trägt alles dasselbe Gepräge: Ein hochfahrendes "Wesen griff um sich,

das keine Rücksicht auf die anderen nimmt. Sie fühlen sich „wie Könige", 4,8,

sind wohlgemut und denken an niemand als an sich.

11,22: Habt ihr denn keine Häuser, um zu essen und zu trinken? Oder verachtet

ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, die nichts haben? Was soll

ich euch sagen? Soll ich euch loben? Deshalb lobe ich nicht. "Wenn sie bei ihrem

Mahl nur für sich selber sorgen wollen, so gehört es nicht in die Gemeinde, sondern

in ihre Häuser. Daß sie es dennoch vor den Augen der Gemeinde und ihr

zum Trotz als ihr privates Mahl halten, das ergibt eine Verachtung der Gemeinde.

Sie machen damit sichtbar, daß ihnen an der Verbundenheit mit ihr

und an ihrer Einheit nicht vied Hegt. Namentlich für die Armen war dieser Vor-


IZO

Das Mahl des Herrn

gang drückend, deren kümmerliche Lage dadurch öffentlich ans Licht gezogen

wird. Auch darin bewährt Paulus die Weisheit, mit der er alle Anliegen der

Gemeinde erwogen hat, daß er es als eine ernste Gefahr für sie bezeichnet,

wenn sie nicht sorgsam und beständig für die Ehre der Armen sorgt. Sie nahm

da, wo Paulus ihr die Verfassung gab, den Armen nicht die Armut ab und versprach

niemand Vermögensvorteile; aber sie soll bewußt und sorgsam den

Armen in ihrer Mitte dasselbe Recht und dieselbe Ehre geben wie allen und sie

dagegen schützen, daß die Reichen sie dadurch kränken, daß sie mit ihrem

Reichtum prunken und ihn vor den Augen der Armen ausstellen.

Nun hält ihnen Paulus vor, was bei der Stiftung Jesu zu bedenken ist.

11,23-25: Denn ich erhielt vom Herrn, was ich euch auch übergab, daß der

Herr Jesus in der Nacht, in der er überantwortet wurde, ein Brot nahm, danksagte,

es brach und sagte: „Dies ist mein Leib, der für euch bestimmte. Tut

das zur Erinnerung an mich." Ebenso auch den Becher nach dem Essen, und

er sprach: „Dieser Becher ist der neue Bund durch mein Blut. Tut dies, sooft

ihr ihn trinkt, zur Erinnerung an mich." Das Mahl Jesu kommt von ihm. Das

ist das erste, was Paulus den Korinthern vorhält. Er übergab ihnen mit ihm

Jesu Tat und Jesu Wort, Jesu Gabe. Was aber von Jesus kommt, das steht

nach dem Urteil des Paulus für die Kirche fest und ist aller Erörterung und

Antastung entzogen. Darüber hat niemand Macht, die Korinther sowenig wie

er selbst. Sein eigener Anteil an ihrer Abendmahlsfeier besteht nur darin, daß

er ihnen übergab, was er selbst erhielt. Durch welche Zeugen ihm das übermittelt

ist, was er ihnen übergab, davon spricht er nicht. Denn er steht nicht

in der Rolle eines Angeklagten vor ihnen, der sein Wort erst beweisen müßte,

damit es ihnen glaubhaft sei. Daß aber zwischen Jesus und Paulus die ersten

Jünger stehen, die in seiner letzten Nacht bei ihm waren und denen er das

Brot und den Becher in dieser Weise gab, und daß diese damals noch die Kirche

von Jerusalem leiteten, das wußte in Korinth jedermann.

Von den Ereignissen, in deren Verkettung die Stiftung Jesu hineingehört,

nennt er nur das, daß Jesus solches in seiner letzten Nacht getan habe, in derselben

Nacht, in der er in die Gewalt seiner Richter kam. Das ergibt aber dieselbe

Vorstellung vom Hergang der Dinge, die wir aus evangelischer Überlieferung

kennen: Jesus geht frei in den Tod und beschließt darum seinen Verkehr

mit den Jüngern mit einem letzten Mahl, das er ausdrücklich zur Abschiedsfeier

macht. Er weiß, was über ihn kommt, und verfügt, bevor es geschieht,

über seinen Leib und über sein Blut. Nicht während der Arbeit etwa

im Tempel, sondern während der Nacht wird er ergriffen, also heimlich und


Der frühere Brief an die Korinther 11,23-26 121

deshalb sicher durch die Abgesandten der jüdischen Obrigkeit; von diesen

würde er hernach den Römern-übergeben, da er ja am Kreuz stirbt.

Dia Tat Jesu, die Paulus der Gemeinde bezeugt, besteht nun darin, daß er

seinen Jüngern das Brot, das er für sie bricht und an sie verteilt, als seinen

Leib bezeichnet hat. Sein Leib ist „der für sie"; schwerlich hat hier Paulus

selbst noch ein Zeitwort beigefügt, etwa: „der, der für euch dahingegeben

wird". Der abgebrochene, kurze Ausdruck hat seine besondere Kraft. Sein

Leib ist für sie bestimmt und dient zu ihrem Heil, eben jetzt, da ihn der Tod

zerbricht, und dadurch, daß er ihn in den Tod gibt. Darum, weil sein Leib

„für sie" ist, gibt er ihnen das Brot als seinen Leib. "Weniger bestimmt ist beim

Becher die Gleichung zwischen dem Wein und dem Blut vollzogen; vielmehr

wird sofort von dem gesprochen, was Jesu Blut für die Jünger schaffe. Durch

dieses entsteht der neue Bund, und diesen gewährt ihnen Jesus, indem er ihnen

den Becher reicht. Er ist für sie dadurch vorhanden, daß sie trinken, was er

ihnen gibt, Paulus sagt weiter, daß Jesus seine Jünger angewiesen habe, das,

was er eben tat, auch zu tun zu dem Zweck, damit er ihnen unvergessen bleibe.

Das ist der Tatbestand, auf dem es beruht, daß in der korinthischen Gemeinde

ein Mahl gefeiert wird als ein Hauptstück ihres Gottesdienstes.

11,26: Denn sooft ihr dieses Brot eßt und den Becher trinkt, verkündigt

ihr den Tod des Herrn, bis er kommt. Paulus stellt zunächst die Bedeutung

fest, die dieses Mahl durch die Stiftung Jesu besitzt. Es wird durch diese zu

einem Bekenntnisakt, durch den die, die es feiern, Jesu Tod verkündigen.

Denn als der, der in den Tod ging, ist er dadurch beschrieben, daß er seinen

Leib und sein Blut hingibt. Die Erinnerung an ihn, die dieses Mahl in der

Gemeinde erweckt und unvergänglich macht, richtet somit ihren Blick auf

seinen Tod. Aber nicht nur die nackte Tatsache, daß er gestorben ist, wird

durch dieses Mahl verkündigt. Diese wird deshalb zum Gegenstand ihres Bekenntnisses

und ihrer Bezeugung, weil sie den tiefsten Inhalt in sich birgt. Sein

Tod wird hier als die Heilstat gepriesen, durch die Jesus seine Sendung vollführt

und die für Gott geheiligte Gemeinde schafft. Das geschieht schon dadurch,

daß die Gemeinde Jesu Leib und Blut ißt und trinkt. So gründet sie ihr

Leben auf seinen Tod, ihren Anteil an Gott auf sein Blut und preist sein Kreuz

als diejenige Bezeugung Gottes, durch die er ihr seinen neuen Bund mit seiner

vollkommenen Gnade verliehen hat, durch den ihr ihre Schuld vergeben und

seine Gemeinschaft mit ihr begründet ist.

Darum verbindet Paulus bei diesem Mahl mit dem Rückblick auf Jesu Tod

auch einen Vorblick auf seine neue Ankunft. Die evangelische Überlieferung

zeigt, daß er auch hier durch Jesu eigene Worte geleitet ist, da Jesus bei seinem


122 Das Mahl des Herrn

letzten Mahl den Jüngern das neue Mahl verhieß, das er bei seiner neuen Offenbarung

mit ihnen feiern will. Bis er kommt, hat die Gemeinde an seiner

Stiftung ein Band, das sie mit ihm verbindet, weil es die Erinnerung an ihn

in ihr nicht untergehen läßt. Es verbürgt ihr aber zugleich, daß er komme, und

zwar so, daß seine Offenbarung ihr zum Heil dient, weil es ihr bezeugt, daß

er für sie gestorben ist.

11,27: Wer also in unwürdiger Weise das Brot ißt oder den Becher des

Herrn trinkt, wird dem Leib und Blut des Herrn verhaftet sein. Aus dem, was

das Mahl durch die Stiftung Jesu ist, ergibt sich, was daraus entsteht, wenn es

in unwürdiger Weise gehalten wird. Paulus teilt nicht die Teilnehmer am

Mahl in Würdige und Unwürdige ein, sondern denkt daran, daß das Mahl

in würdiger oder unwürdiger Weise begangen werden kann. In unwürdiger

Weise ißt man es, wenn die Absicht Jesu, mit der er es seinen Jüngern gab, verkehrt

wird und etwas anderes aus ihm gemacht und das verachtet wird, was er

mit ihm an seinen Jüngern tat und ihnen gab. Es ist eine unwürdige Behandlung

des Herrn, wenn in der Gemeinde sein Wille nichts gilt, wenn sie seine

Gabe nicht schätzt und seinen Tod nicht dankbar verkündigt, weil sie nicht

bedenkt, was sie ihm verdankt. Daß Paulus von einer unwürdigen Weise redet,

Jesu Mahl zu halten, hat seinen nächsten Anlaß in den Vorgängen in Korinth.

Er denkt daran, daß sie, nachdem zunächst jeder sein eigenes Mahl gehalten

hat, hernach noch Jesu Brot essen und seinen Kelch trinken wollen.

Wenn die Gemeinde beim Mahd Jesu ihre Spaltungen nicht zu überwinden vermag,

so ist sie in der Gefahr, es in unwürdiger Weise zu vollziehen, nicht zur

Ehre Jesu, sondern in der Auflehnung gegen ihn.

Wer unwürdig mit dem umgeht, was von Jesus stammt, hat eine Schuld

auf sich; und welcher Art diese Verschuldung ist, sagt der Gemeinde Jesu

Wort. Weil er hier seinen Leib und sein Blut gibt, bezieht sich die Verschuldung,

die sie am Abendmahl auf sich lädt, auf Jesu Leib und Blut. Paulus

spricht damit die Sihwere der Verschuldung aus, die der, der sich so am Herrn

vergreift, auf sich lädt. Er vergeht sich gegen ihn selbst, gegen das, wodurch

er uns die Vergebung erwarb und Gottes Gnade verschafft. Das Wort zeigt,

daß Jesu Wort, er übergebe seinen Jüngern seinen Leib und sein Blut, für

Paulus die volle Geltung besaß. Weil der Herr von seinem Leib und seinem

Blut sprach, darum hat es die Gemeinde bei seinem Mahl mit seinem Leib und

seinem Blut zu tun, und wenn sich jemand an seinem Mahl versündigt, so trifft

diese Mißachtung Jesu Leib und Blut. Dagegen ist aus diesem Wort nicht zu

erkennen, daß Paulus dabei irgendwie an eine Vereinigung des Leibs Jesu mit

dem Brot und seines Bluts mit dem Wein gedacht habe. Alle Gedanken, die


Der frühere Brief an.die Korinther 11,27-30 123

man sidi darüber in der Kirdie machte, sind ihre eigenen Gedanken, nicht die

des Paulus.

11,28.29: Der Mensch bewähre sich aber, und so esse er vom Brot und

trinke aus dem Becher. Denn wer ißt und trinkt i ißt und trinkt für sich ein

Urteil, wenn er den Leib nicht unterscheidet. Das Mittel, durch das man sich

beim Abendmahl vor Verschuldung bewahrt, ist der aufrichtige, rechtschaffene

Christenstand. Paulus hat dafür nicht ein besonderes Mittel anzugeben, als

gäbe es ein ausschließlich hierfür bestimmtes Verfahren, durch das wir uns die

Würdigkeit für Jesu Tisch verschaffen könnten. Sein "Wort wird mißverstanden

und zu eng gefaßt, wenn es auf einen Akt der Selbstprüfung und Beichte

beschränkt wird. Die Einkehr bei uns selbst ist uns freilich immer heilsam.

Aber Paulus stellt unseren Zutritt zum Mahl Jesu nicht auf eine besondere

fromme Übung, sondern mit der Nüchternheit und "Wahrhaftigkeit, die er immer

hat, darauf, daß unser Christenstand ernstgemeint und aufrichtig sei. In

Korinth waren jene Bewährten die rechten Teilnehmer am Mahl des Herrn,

die sich durch die Parteiung nicht überwältigen ließen, sondern dem Frieden

der Gemeinde dienten und nicht das Ihrige suchten, sondern das, was heilsam

war und auf erbaut, Vers 19.

Die erste und unentbehrlichste Voraussetzung besteht für alle, die am Mahl

Jesu teilnehmen, darin, daß sie den Leib des Herrn unterscheiden und nicht

etwas anderes bei diesem suchen, etwa bloß die Speise, oder auch einen anderen

religiösen Gewinn oder Genuß, irgendwelche fromme Erregung, sondern bestimmt

ihr Auge darauf richten, daß der Herr sie hier mit seinem Leib speist

und ihnen das gewährt, was er mit seinem in den Tod gegebenen Leib für sie

erworben hat. Sie sollen ja den Tod des Herrn verkündigen und können das

nicht, wenn sie seinen Leib vergessen und verachten, und sollen ihm dafür danken,

daß er sie für sich erkauft hat mit seinem Blut.

Auch für den, der den Leib Jesu geringschätzt und seinen Unterschied von

allem, was uns sonst in die Hand gegeben wird, nicht bedenkt, wird die Teilnahme

an seinem Mahl nicht zu einem leeren Vorgang. Er steht hier vor dem,

was der Herr für ihn tat und tut, und empfängt das, wodurch er ihn mit sich

vereint. Empfängt er nicht die Gemeinschaft mit ihm, so trennt er ihn von sich.

Erhält er nicht die Vergebung und Begnadigung, so erhält er die Verurteilung.

Über der Gabe, die uns Jesus gibt, wacht das göttliche Recht und straft die,

die sich an ihr vergreifen. Gegen solche tritt dadurch, daß sie Jesu Mahl essen,

ein sie strafendes Urteil in Kraft.

11,30: Deshalb sind viele Kranke und Schwache unter euch, und manche

sind entschlafen. Die Gemeinde hat in der letzten Zeit viel Schweres erlebt;


124 Das M ahi des Herrn

Krankheit und Tod hatten sie betroffen. Darin zeigen sich die Urteile, die über

die ergehen, die unwürdig mit Jesu Gaben umgehen. Paulus verwundert sich

nicht, daß der Herr sie nicht beschützt, sondern sie straft. Das zogen sie sich

durch die Art zu, wie sie sich am Abendmahl vergriffen haben. Es ist falsch zu

sagen, Paulus leite die Krankheit und den Tod der korinthischen Christen

vom Genuß des Abendmahls ab. Er leitet sie vom Urteil des Herrn ab, das

freilich durch die Art, wie sie beim Abendmahl gegen ihn sündigten, begründet

war.

11,31.32: Wenn wir uns aber selber erforschten, so würden wir nicht gerichtet

werden; wenn wir aber gerichtet werden, so werden wir vom Herrn gezüchtigt,

damit wir nicht mit der Welt verurteilt werden. Wir können uns die

Schmerzen ersparen, die wir dadurch auf uns laden, daß Christus als Richter

Gottes Recht an uns heiligen und unser Böses strafen muß, dadurch nämlich,

daß wii selbst erkennen, was der Herr an uns verwirft, und es von uns tun.

Buße macht, daß das Urteil nicht gegen uns gesprochen wird. Wer dagegen

hoif artig seine Sünde übersieht und rühmt, gegen den tritt das göttliche Recht

in Kraft. Aber auch dann ist alles, was uns Christus tut, von Gottes Gnade

geleitet. Sein Urteil verhängt Züchtigung über uns, nicht Verurteilung. Die

chtigung will uns von unserer Bosheit befreien und uns die Verurteilung

ersparen. Sie hat die Absicht, uns bei ihm und in seiner Gemeinde zu erhalten

und von der Welt zu trennen. An der Welt vollzieht Christus Gottes Recht

so, daß es ihr die Verurteilung bringt. Diese will er aber denen, die im Glauben

zu ihm kamen, auch dann noch ersparen, wenn sie sündigten, dadurch,

daß er sie straft. Sie haben sich seiner Strafe darum reuig zu unterwerfen und

sich von ihrer Sünde zu reinigen.

11,33.34: Daher, meine Brüder, wenn ihr zum Essen zusammenkommt, so

wartet aufeinander. Wenn jemand hungert, esse er daheim, damit ihr nicht so

zusammenkommt, daß ihr unter ein Urteil fallet. Das übrige werde ich dann

anordnen, wenn ich komme. Paulus macht damit den Beschluß, daß er ihnen

angibt, was jetzt in der Abendmahlssache von ihnen zu geschehen hat. Die

Abendmahlsfeier muß bleiben; darüber verliert Paulus kein Wort. Da der

Herr sie angeordnet hat, so kann hier niemand fragen, ob die Gemeinde sie

zu halten habe. Aber die Versündigungen müssen unterbleiben, durch die die

Gemeinde das Gericht Jesu auf sich zieht. Darum verlangt Paulus, daß ihr

Mahl wieder ein gemeinsames werde. Entschuldigungen, sie könnten ihres

Hungers wegen nicht warten, gelten nicht; dafür haben sie daheim zu sorgen.

Bei dem Mahl, das in der Gemeinde stattfindet, ißt nicht jeder für sich, sondern

sie hält ein einziges, gemeinsames Mahl für alle.


Der frühere Brief an die Korinther 11,31-12,3 125

Kapitel 12-14

Die Unterweisung über die Gaben des Geistes

Diese Anfrage der Gemeinde war dadurch veranlaßt, daß sich in ihren

Versammlungen die besonders hervortaten, die, wie man sagte, „mit der

Zunge redeten". Das Auffällige an diesem Vorgang gab zu Bedenken Anlaß,

50 daß die Gemcinda Paulus aufforderte, sich über ihn auszusprechen. Ehe er

ihnen aber für die besonderen Vorgänge seine bestimmten Ratschläge gab, hat

er sich wieder zuerst darum bemüht, sie auf einen festen Standpunkt zu stellen,

der ihnen ein sicheres Urteil über alle Kräfte und Vorgänge gewährt, die als

besondere Wirkungen des Geistes bei ihnen hervortraten.

Kapitel 12

Der Zweck der besonderen Wirkungen des Geistes

12,1-3: Über die Wirkungen des Geistes dagegen, Brüder, will ich nicht,

daß euch das Wissen fehle. Ihr wißt, daß ihr, als ihr Heiden wart, zu den

stummen Götzen, wie es gerade kam, fortgetrieben wurdet. Deshalb tue ich

euch kund, daß keiner, der durch Gottes Geist redet, sagt: „Jesus ist im Bann",

und daß keiner sagen kann: „Jesus ist Herr", anders als durch den heiligen

Geist. "Wie Gottes Geist im Menschen wirksam wird, das war für die Korinther

ein völlig neues Erlebnis, von dem sie in ihrer früheren Religion nichts

wußten. Als Heiden verehrten sie stumme Bilder. Das ist der volle, klare Gegensatz

zu jener Gemeinschaft mit Gott, die er uns durch seinen Geist gewährt.

Jetzt beten sie nicht mehr vor einem Bild; sondern der lebendige Gott macht

sich in seiner herrlichen Gnade zum Schöpfer und Regierer ihres inwendigen

Lebens. Und während das Götterbild sich denen nicht zu bezeugen vermag,

die es verehren, und denen nicht antworten kann, die es anrufen, sondern

stumm war und blieb, spricht jetzt Gott zu ihnen und in ihnen; denn der Geist

legt Gottes "Wort in sie hinein. Zum heidnischen Gott wurden sie ohne Willen

und Erkenntnis hingetrieben, wie es sich eben traf, durch den dunklen Drang,

der die Völker zur Religion hintreibt, und durch die Sitte und das Gesetz ihres

Volkes und den allgemeinen Brauch. Sie wußten selbst nicht, warum sie diese

Bilder für Götter hielten und was sie bei ihnen» suchten. Der Geist aber reißt

den Menschen nicht ohne sein Wissen und ohne seinen Willen mit sich fort,

sondern wendet ihr Auge zu Gott, daß sie seiner ganz gewiß sind und ihm

glauben, und wendet ihren Willen zu Gott, daß sie ihm gehorchen und ihn


126 Der Zweck der besonderen Wirkungen des Geistes

lieben. Da sie aber während ihrer heidnischen Zeit nichts vom Geist Gottes

wußten, so sagt ihnen Paulus, woran er erkennbar ist und was er schafft.

Wo der Geist nicht ist und wo er ist, das wird an der Weise sichtbar, wie sich

der Mensch zu Jesus stellt. Wer von Jesus sagt, ef sei vom Gott gerichtet und

verworfen, in dem ist Gottes Geist nicht; bei dem, der sich zu ihm als zu seinem

Herrn bekennt, ist dagegen Gottes Geist. Jenes Wort spricht aus, wie sich die

Juden zu^Jesus stellen; dieses, wie sich die Christenheit zu ihm stellt. Auch

in der Judenschaft gab es Männer, deren Frömmigkeit großen Ernst besaß.

Doch dadurch ist nicht bewiesen, daß Gottes Geist in ihnen spricht. Vielmehr^

solange sie imstande sind, Jesus zu hassen, und in ihm einen Widersacher Gottes

sehen, nicht den, in dem Gott sich ihnen offenbart, so lange ist erwiesen,

daß sie von Gottes Geist nichts wissen. Denn dieser führt uns zu Jesus und

macht uns in seinem menschlichen Leben und Sterben Gott sichtbar und zeigt

uns in seiner Niedrigkeit und Verborgenheit Gottes Herrlichkeit. Wie bei den

Widersachern Jesu sich viel Erkenntnis und Sittlichkeit und Tatkraft finden

kann, so kann umgekehrt bei denen, die sich zu ihm bekennen, viel Schwachheit,

Irrtum und Sünde ans Licht kommen. Dadurch ist aber die Gegenwart

und Wirksamkeit des heiligen Geistes in ihnen nicht widerlegt, solange sie

sich zu Jesus bekennen und sich ihm als ihrem Herrn unterwerfen. Denn das

ist das Amt und die Wirkung des göttlichen Geistes, daß er uns in Jesus unseren

Herrn offenbart.

12,4-6: Es geschieht aber eine Verteilung der Gaben; doch ist es derselbe

Geist; und es geschieht eine Verteilung der Dienstleistungen, und es ist derselbe

Herr; und es geschieht eine Verteilung der Wirkungen; doch ist es derselbe

Gott, der alles in allen wirkt. Dasjenige Werk des Geistes, das allen

widerfährt, besteht darin, daß er ihnen den Widerwillen gegen Jesus nimmt

und die Erkenntnis seiner Herrschaft gibt, woraus sich der Vorzug ihres Gottesdienstes

vor den anderen Religionen ergibt, sowohl vor den Heiden, deren

Frömmigkeit den Bildern gilt, als vor den Juden, die zwar Gott mit Eifer

dienen, aber Jesus verfluchen. Auf diese für alle gültige Grundlage stellt der

Geist sodann eine reiche Mannigfaltigkeit von Gaben, in denen er sich offenbart.

Das geschieht nun aber so, daß nicht jeder jede Gabe erhält, sondern so,

daß eine Verteilung derselben stattfindet. Durch diese entstehen aus dem, was

der Geist gibt, verschiedene Kräfte, die Verschiedenes leisten und die er an

die verschiedenen Persönlichkeiten verleiht. Der Geist verfährt so, weil es der

Herr so macht, und der Herr macht es so, weil es Gott so macht. Die Offenbarung

des Geistes läßt sich von der des Christus, die des Christus von der

Gottes nicht scheiden. Gott ist es, der Jesus zum Herrn der Gemeinde macht,


Der frühere Brief an die Korinther 12,4-7 127

und Jesus ist es, der ihr den Geist verleiht. Darum ist die Regel des Geistes

und die Regel Jesu und die Regel Gottes ein und dasselbe, und wir würden sie

mißverstehen, wenn wir einen Zwiespalt stifteten zwischen der Weise, wie

der Geist am Menschen handelt, und der Weise, wie der Herr und wie Gott

an ihm handeln. Hier stehen wir vielmehr vor dem dreieinigen Wirken Gottes,

der im Christus und im Geist seine gnädige Herrschaft über uns übt.

Nun trägt uns Jesus mancherlei Dienste auf und heißt nicht einen einzigen

alles tun, was zur Ausrichtung seines Willens geschehen muß, heißt auch nicht

alle


128 Der Zweck der besonderen Wirkungen des Geistes

sich an ihm zeigt, seine Gabe zum Wohl der anderen braucht. Darum entsteht

aus der Mannigfaltigkeit der Gaben keine Entzweiung der Gemeinde; denn

alles, was er gibt, kommt ihr zugut.

12,8-11: Denn dem einen wird durch den Geist ein Wort der Weisheit gegeben,

einem anderen ein Wort der Erkenntnis nach demselben Geist, einem

anderen Glaube im selben Geist, einem anderen in Heilungen bestehende Gaben

in einem Geist, einem anderen in Wundern bestehende Wirkungen, einem

anderen Weissagung, einem anderen die Unterscheidung der Geister, einem

anderen besondere Arten von Zungen, einem anderen die Deutung von Zungen.

Dies alles wirkt aber der eine und selbe Geist, der dies für jeden besonders

verteilt, wie er will. So vieles wirkt der Geist, und doch ist er es, aus

dem diese so deutlich voneinander verschiedenen Kräfte und Leistungen entstehen.

Im einen bewegt und befruchtet der Geist das Denken und gibt ihm

den Einblick in die göttlichen Werke. So vermag er der Gemeinde ein Wort

zu sagen, das ihr Weisheit verschafft, jenes Wissen, das Gottes Willen und Regierung

erkennt und sie zur fruchtbaren Wirksamkeit tüchtig macht. Bei einem

anderen kann man die Erkenntnis, in die der Geist ihn führt, zwar nicht Weisheit

heißen; dagegen bekommt er das tiefblickende Verständnis, das die Menschen

und ihre Lage mit heller Wahrnehmung auffaßt und anzugeben weiß,

was für sie nötig ist. Als Beispiel einer solchen Erkenntnis nennt Paulus, 8,1,

das klare Urteil übef den heidnischen Opferdienst, durch das die richtige Behandlung

des Opferfleisches gefunden wird. Auch dann wird die inwendige

Arbeit, durch die die Erkenntnis geschieht, vom Geist ermöglicht und zu ihrer

Frucht gebracht. Bei anderen gelangt nicht ihr Denken zu besonderer Kraft;

dafür sind sie mehr als andere zum Glauben befähigt und empfangen eine

große Zuversicht zu Gott, die seine Hilfe auch da noch anruft und empfängt,

wo den anderen der Glaube unmöglich wird. Oder sie können Kranken die

Heilung verschaffen oder an Wirkungen, die nicht aus dem Lauf der Natur

entstehen, Gottes Gegenwart und Willen sichtbar machen. Paulus redet nicht

von einer Heil- oder Wunderkraft, die bleibend dem Menschen eingepflanzt

wäre und nun bei jeder Gelegenheit sich gleichmäßig äußerte, sondern nennt

jede Heilung und jedes Zeichen für sich eine Gabe, die der Geist denen verleiht,

die er zu solchen Diensten braucht. Andere erhalten als Propheten das

Recht und Vermögen, im Namen Gottes zur Gemeinde zu sprechen und ihr

ein Gebot zu sagen, das ihr in ihrer besonderen Lage eben jetzt den göttlichen

Willen sichtbar macht. Da es aber wichtig ist, daß die Gemeinde nur dann vor

dem Namen Gottes sich beuge, wenn wirklich in seinem Auftrag und durch

seinen Geist geredet wird, und auch andere Geister sich hörbar machen, die


Der frühere Brief an die Korinther 12,8-12 129

fälschlich für sich Gehorsam verlangen, als wären sie heilig, obwohl sie es nicht

sind, deshalb bedarf die Gemeinde solcher, deren Blick in das verborgene Wesen

der Menschen einzudringen und zu sagen vermag, welcher Art der Geist

sei, der hier spricht, und es fehlt auch der Gemeinde nicht an solchen, die die

Geister zu erforschen und zu unterscheiden vermögen. Anderen gibt der Geist

"Worte, die sich von der gewohnten Sprache unterscheiden und schon an ihrer

Form erkennbar machen, daß ihnen der Geist die Anbetung Gottes gibt. Da

aber solche Worte für die anderen nur dann fruchtbar sind, wenn sie gedeutet

werden, so verleiht der Geist anderen auch diese Gabe, daß sie in klaren Worten

zu sagen vermögen, was der Inhalt und die Bedeutung jener von der

Sprache der anderen verschiedenen Gebete sei. So groß dadurch die Unterschiede

werden, die am Verhalten und an der Arbeit der einzelnen hervortreten,

so bilden sie für die Eintracht der Gemeinde keine Schwierigkeit. Denn

diese verschiedenen Handlungen haben alle dieselbe Wurzel und dasselbe Ziel;

sie stammen vom Geist und dienen dem Wohl aller. Ihre Verteilung beruht

auch nicht auf dem Willen derer, die sie haben, sondern auf dem Willen des

Geistes, womit uns jeder Anlaß entzogen ist, daß wir uns ihretwegen überhöben

oder einander beneideten.

12,12: Denn wie der Leib eins ist und viele Glieder hat, aber alle Glieder

des Leibs, obgleich sie viele sind, ein einziger Leib sind, so ist auch der Christus,

Weil es für Jesu Gemeinde gleich wesentlich ist, daß alle eins und daß alle

voneinander verschieden sind, deshalb hat sie am Leib ihr herrliches und deutliches

Gleichnis. Die Menge seiner Glieder, von denen jedes seine besondere

Art und Kraft hat, bringt an ihm der Einheit keine Gefahr. Das Band, das

alle aneinander heftet und einen einzigen Leib aus ihnen macht, ist fest und

taucht alle in dasselbe Leben ein, aus dem jedes Glied seine Kraft schöpft und

zu dem es seinen Beitrag gibt. Ebensowenig bringt aber die Einheit des Leibes

der besonderen Art seiner Glieder Gefahr. Sie unterdrückt keines derselben,

macht keines dem anderen gleichförmig, sondern führt jedem die Kraft

zu, deren es an seinem Ort nach seiner eigenen Gestalt und für seine eigene Arbeit

bedarf. So macht es auch Christus; er hat das Vermögen, uns alle zu vereinigen,

zuerst mit ihm selbst, dadurch auch miteinander, nicht von außen

durch Zwang, sondern durch eine echte Gemeinschaft, die derselbe Wille belebt

und lenkt. Dies macht auch Christus nicht so, daß er uns unsere besondere

Art nähme und die vielen und tiefen Unterschiede zwischen uns Menschen

beseitigte, sondern so, daß er alle diese Verschiedenheiten in dia von ihm geschaffene"

Gemeinschaft hineinfügt, sie in ihr hervorbringt und für sie fruchtbar

macht.


130 Der Zweck der besonderen Wirkungen des Geistes

12,13: Denn wir wurden auch durch einen Geist alle zu e in e m Leib getauft,

Juden wie Griechen, Sklaven wie Freie, und wurden alle mit einem

Geist getränkt. Christus hat die Macht, uns wirklich zu einigen und aus uns

ein Ganzes, einen Leib zu machen, der in Eintracht lebt. Denn er ist der Herr

des Geistes, durch den er uns innerlich zu erfassen und mit sich zu verbinden

vermag, wodurch wir auch miteinander verbunden sind. Denn durch den

Geist macht er uns frei von uns selbst, daß wir nicht mehr uns selber leben

und nicht widereinander sind, und macht uns durch den Geist seinem Willen

Untertan, so daß wir alle dasselbe Gesetz und dasselbe Ziel haben und nicht

unseren, sondern Gottes "Willen tun, und dadurch sind wir wirklich eins. An

der Taufe, durch die alle in die Gemeinde treten, und am Becher, den Jesus

allen zu trinken gibt, hat die Einheit, in die er uns hineinsetzt, ihr Zeichen

und ihr Mittel. Bei beiden Sakramenten nennt hier Paulus den Geist als das,

was sie uns verschaffen, weil es keine Gemeinschaft mit Christus gibt, die

uns nicht den Geist verschaffte, und keine Gabe Jesu, die auf andere Weise für

uns heilsam würde als durch den Geist. Er spricht aber hier deshalb bei der

Taufe nicht vom "Wasser und beim Abendmahl nicht vom "Wein oder vom

Blut Jesu, sondern bei beiden vom Geist, weil er uns dadurch begreiflich

macht, wie Christus uns wirklich zu einigen vermag. Das erprobt sich auch

an den größten Unterschieden, die die, denen Paulus Jesu "Wort brachte, entzweit

haben. Juden und Griechen, Unfreie und Freie sind in Jesu Gemeinde

als Brüder vereint. Diesen Streit, den sonst keine Kraft auf Erden schlichten

konnte, hat Jesus aufgehoben, weil er den Juden wie den Griechen dasselbe

Vertrauen zu Gott, den Freien wie den Unfreien dieselbe Liebe zu Gott verleiht.

12,14-16: Denn auch der Leib ist nicht ein einziges Glied, sondern viele.

Wenn der Fuß sagte: „Weil ich nicht Hand bin, so gehöre ich nicht zum Leib",

so hört er deshalb nicht auf, zum Leib zu gehören. Und wenn das Ohr sagte:

„Weil ich nicht Auge bin, gehöre ich nicht zum Leib", so hört es deshalb nicht

auf, zum Leib zu gehören. Die, die durch die eine Taufe und durch den einen

Becher in der Gemeinschaft vereinigt sind, kommen nicht nur aus verschiedenen

Gemeinschaften und Verhältnissen her, sondern werden auch von Christus

verschieden behandelt und mit verschiedenen Gaben versehen, weil der

Leib viele und verschiedene Glieder haben muß. Darum ist es falsch, wenn

wir uns aneinander messen und die Gaben, die anderen gegeben sind, auch für

uns begehren, als müßten wir alle dasselbe haben und als wären nur jene Gaben

der Beweis, daß wir mit Christus verbunden sind. Das wäre so, wie wenn

der Fuß oder das Ohr deshalb daran zweifelten, daß sie zum Leib gehörten,


Der frühere Brief an die Korinther 12,13-23 131

weil sie keine Hand oder kein Auge sind. Mit den Gaben, die sich weniger

auffallend äußern oder als geringer gelten, verbinden wir leicht den Gedanken,

wer bloß sie habe, sei von Christus zurückgesetzt, und ihr Mangel beweise,

daß unser Glaubensstand unvollkommen und ungenügend sei. Das sind

törichte und sündliche Gedanken. Unser Anteil an Jesus besteht nicht darin,

daß auch wir mit der Zunge beten, weil andere so beten, oder wir das "Wort

der "Weisheit haben, weil es andere besitzen. Mit solchen Ansprüchen, die dieselbe

Gabe für alle verlangen und dieselbe Leistung allen auflegen wollen,

greifen wir das Grundgesetz an, nach dem sich der Leib erbaut.

12,17-20: Wenn der ganze Leib Auge wäret wo bliebe das Gehör? Wenn

er ganz Gehör wäre, wo bliebe der Geruch? Nun aber hat Gott ein jedes einzelne

der Glieder so an den Leib gesetzt, wie er wollte. Wenn aber alle ein

einziges Glied wären, wo bliebe der Leib? Nun aber bestehen zwar viele Glieder,

aber ein einziger Leib. Wenn nur die Gabe, die wir schätzen, vorhanden

wäre und nur der Dienst, den wir besonders hochstellen, geschähe, so verschwände

jede andere Kraft und unterbliebe jede andere Arbeit als die, die

wir bevorzugen. So machen wir den Leib nicht nur arm und schwach, sondern

zerstören ihn. Wir haben Gottes Willen, der uns verschieden macht, dadurch

zu ehren, daß wir das sind, wozu er uns macht, nicht das, was wir an anderen

sehen, und die anderen das sein lassen, wozu Gott sie macht, und nicht von

ihnen verlangen, daß sie seien wie wir.

12,21-23: Das Auge kann nicht zur Hand sagen: „Ich brauche dich nicht";

oder wieder der Kopf zu den Füßen: ,Jch brauche euch nicht"; sondern es sind

im Gegenteil die Glieder des Leibs, die die schcheren scheinen, notwendig,

und den Teilen des Leibs, von denen wir denken, sie haben die geringere Ehre,

legen wir besondere Ehre zu, und was nicht wohlgestaltet ist an uns, erhält

besondere Wohlgestalt; denn das Wohlgestaltete an uns bedarf dies nicht. An

der Verschiedenheit der Gaben entsteht nicht nur Niedergeschlagenheit, wenn

wir solche begehren, die nicht uns, sondern den anderen gegeben sind, sondern

auch, Hoffart, wenn wir fühlen, daß uns eine große Kraft und wichtige Gabe

verliehen ist. Solche Oberhebung ist ebenso sündlich wie jener Kleinmut. Jedes

Glied, mag es noch so hoch stehen, bleibt in der Abhängigkeit von den anderen,

und es ist ein Wahn, wenn es meint, es könne sich selber genügen und die

Hilfe der anderen entbehren. Denn Christus erweist uns seine Gnade und Regierung

dadurch, daß er uns durch die anderen seine Gabe und Leitung gibt.

Aus dieser Gemeinschaft hebt uns nichts heraus, mag unser eigenes Leben noch

so reich und unser eigener Beruf noch so groß sein., Keiner hat nur zu geben,

jeder auch zu empfangen, weil kein Glied jede Kraft und Gabe in sich! selber


I $ 2

Der Zweck der besonderen Wirkungen des Geistes

hat und keines das, was es hat, abgelöst vom Leib hat. Die schcheren Glieder

sind deshalb nicht unnötig, sondern sind zum Bestand und Gedeihen der

Gemeinde vollends unentbehrlich. Paulus hält die Regel Jesu fest, durch die

er seine Gemeinde auch für die Schwachen und Unmündigen geöffnet hat. Sie

sind für die Gemeinde unentbehrlich, weil nur daran der Reichtum der göttlichen

Gnade und Kraft sich offenbart, daß sie auch die Schwachen beruft.

Und wie wir am Leib einen Ausgleich üben, die schwachen Glieder besonders

pflegen und die, an deren Gestalt Mängel haften, besonders schmücken, so tut

die Gemeinde dann den "Willen Jesu, wenn sie ihre Schwachen besonders sorgsam

pflegt und ehrt. Die Neigung, nur die Großen zu ehren, die sich durch

ihre große Arbeit auszeichnen, stammt nicht aus dem Geist, sondern aus dem

natürlichen "Willen des Menschen, durch den wir uns unserer Kraft und Arbeit

rühmen, als wären sie die unsrigen. Durch den Geist des Christus lernt die Gemeinde

mit besonderer Freude die Liebe und Ehre denen zu gewähren, die

nur mit einer kleinen Kraft ihre Arbeit tun.

12,24.25: Gott hat aber den Leib gemischt und dem, was zurücksteht, größere

Ehre gegeben, damit am Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in

derselben Weise füreinander sorgen. Gott hat wie den Leib so auch die Kirche

gemischt dadurch, daß neben Männern, die zu einer reichen Erkenntnis gelangen,

andere stehen, denen sie nicht zugänglich wird, neben Männern, die

mit einem starken Glauben handeln, andere, deren Glaube in engeren Grenzen

bleiben muß, neben solchen, die ihr Verkehr mit Gott im "Werk, "Wort und

Gebet zu Erlebnissen führt, die über den Verlauf der Natur emporragen, andere

stehen, deren Leben nichts aufweist, was die Natur überragt. Auch in

der Gemeinde kommt nicht den hervorragenden Persönlichkeiten und den

großen Ereignissen die erste Stelle und Ehre zu. Eine Gemeinde kann wohl

leben, ohne daß sie Weissagung oder auffallende Formen des Gebets besitzt;

sie ist aber nicht mehr lebendig, sondern tot, wenn sie keine Unmündigen und

keine Versdiuldeten mehr in ihrer Mitte hat, die sie auf Gottes Weg führt und

auf ihm erhält. So entsteht die Eintracht in der Gemeinde. Ihre Großen sind

nicht gegen ihre Kleinen, ihre Kleinen nicht gegen ihre Großen, sondern alle

sind füreinander besorgt und helfen sich wechselseitig zum selben Ziel. Die

Kleinen sorgen für die Großen, daß die Kraft der Großen Raum bekomme,

zu schaffen, was der Herr durch sie wirken will; und die Großen sorgen für

die Kleinen, damit sie empfangen, was sie in Gottes Gemeinschaft erhält.

12,26: Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; wenn ein

Glied verherrlicht wird, so freuen sich alle Glieder mit. In einer echten, einträchtigen

Gemeinde trifft das, was den einen trifft, alle, sowohl das Leiden


Der frühere Brief an die Korinther 12,24-28 13 3

als die Stärkung, Hilfe und Größe. So wird das Leben für jeden reich, an

beidem, am Leid und an der Freude. Das ist der unermeßliche Segen, den uns

die echte Gemeinschaft bringt.

12,27.28: Ihr aber seid der Leib des Christus und im einzelnen Glieder.

Und die einen bestellte Gott in der Gemeinde erstens zu Boten, zweitens zu

Propheten, drittens zu Lehrern, hernach Wunder, hernach in Heilungen bestehende

Gaben, Erweisungen der Hilfe, Spendung der Leitung, besondere

Arten von Zungen. Als Paulus am Leib zeigte, wie an ihm die Einheit und die

Verschiedenheit gleichzeitig bestehen und sich nicht stören, sondern sich gegenseitig

begründen und stärken, hat er erwartet, daß wir sein Gleichnis Zug

um Zug auf unsere Gemeinschaft miteinander anwenden, die wir von Jesus

empfingen. Er stellt aber durch den Schlußsatz nochmals fest, woran wir bei

seiner Beschreibung des Leibs zu denken haben. Von euch spreche ich, sagt er,

wenn ich den Leib darstelle; denn ihr seid der Leib, den Christus sich bereitete,

an sich trägt, belebt, regiert und zu seinem Werkzeug macht. Denn die Verbindung

miteinander, die wir durch den Glauben an ihn empfangen, stammt

nicht nur einst von Jesus her, sondern macht aus uns bleibend sein Eigentum

und sein Werkzeug, wie der Leib im vollkommensten Sinn unser Eigentum

und Arbeitsmittel ist. So innig und völlig ist die Beziehung der Kirche zu

Christus, so unzerreißbar und vollständig aber auch ihre Abhängigkeit von

ihm. Am Leib des Christus bestehen nun auch die Unterschiede, die die verschiedenen

Glieder eines Leibs an sich haben. Paulus zählt sie so auf, daß dadurch

die Abstufung ihrer "Wichtigkeit zum Ausdruck kommt.

Voran stellt er die drei Ämter, das Boten-, Propheten- und Lehramt, die

die zur Gründung der Kirche erforderliche Arbeit zu tun hatten. Alle drei

haben ihren Beruf in der Verwaltung des Worts, bekommen dieses aber in

verschiedener "Weise. Das Botenamt besaßen die Zeugen der Geschichte Jesu,

die Männer, die er während seines irdischen Lebens zu sich berufen hat, so daß

sie seinen "Wandel, seinen Tod und seine Auferstehung sahen und das, was sie

sahen, nun der Welt bezeugen können. Der Prophet erhält ein bestimmtes,

göttliches Wort durch einen bestimmten Auftrag zu einem besonderen Zweck.

Der Lehrer zeigt der Gemeinde auf Grund seiner Erkenntnis, durch die er

Gottes für alle geschehenen Werke und seinen für alle gültigen Willen sieht,

was sie in der ihr jetzt gegebenen Lage tun und lassen soll.

Eine Gemeinde kann nicht anders handeln als so, daß sie sich Ämter verschafft

und Männer bestellt, die sie verwalten. Paulus hat aber bisher nicht

von den Ämtern gesprochen, sondern unseren Blick auf Höheres gerichtet, auf

die Wirkungen, die Gott durch uns vollbringen will, auf die Dienste, die uns


134 Der Zweck der besonderen Wirkungen des Geistes

Christus aufträgt, auf die Gaben, durch die sich der Geist sichtbar macht. So

führt er die Gemeinde zum Quell der Kräfte, durch die sie ihre Arbeit zu tun

vermag. Auch die Einrichtung der Ämter ist zwar für sie unentbehrlich, weil

eine Vielheit von Menschen nicht anders gemeinsam und fruchtbar handeln

kann als durch die Vermittlung des Amts. Seine Einrichtung bleibt aber eine

äußere Bedingung für das ihr aufgetragene "Werk; dessen innere Bedingungen

sind die Erkenntnis, der Glaube und die Kraft, die ihr der Geist verleiht. Die

Ämter und die Gaben sind zwar verschieden und nicht zu verwechseln, sind

aber füreinander da. Weil es in der Gemeinde Ämter gibt, darum können die,

die Gaben haben, sie so brauchen, daß daraus ein Werk der Gesamtheit wird,

das allen Nutzen bringt, und weil es in der Gemeinde Gaben gibt¿ fehlen dem

Amt die Mittel nicht, die zur Erfüllung seines Berufs notwendig sind. Auf

diesen Zusammenhang weist Paulus dadurch hin, daß er diese zweite Aufzählung

der Gaben Jesu an die verschiedenen Ämter anpaßt, die in der Gemeinde

vorhanden sind.

Neben den außerordentlichen, wunderbaren Erweisungen der göttlichen

Hilfe nennt Paulus noch die Fürsorge für die Bedürftigen, die ihnen mit unseren

menschlichen Mitteln durch ihre beständige, anhaltende Pflege dargeboten

werden kann und soll, ebenso die Leitung der Gemeinde, die ihr je nach ihrer

wechselnden Lage zu zeigen vermag, was für ihre Einigung nach innen und

für ihre Arbeit nach außen das Beste ist. Mit der Hilfe für die Bedürftigen

hat es das Amt der Helfer (Diakonen), mit der Regierung der Gemeinde das

der Aufseher (Bischöfe) zu tun. Aber Paulus nennt hier nicht die Amtsnamen,

sondern spricht von derjenigen Fähigkeit und Tätigkeit, die zu ihrem Gedeihen

nötig ist. Darauf, daß geholfen und regiert wird, kommt es an, nicht

darauf, wer es tue. Wem es Gott gibt, daß er es tun kann, der soll es tun. Vielleicht

gibt er es dem Träger des betreffenden Amts; dann finden sich das Amt

und die Gabe zusammen. Gibt er es dagegen einem anderen, so besteht die

Pflicht derer, die die Ämter haben, darin,


Der frühere Brief an die Korinther 12,2g-31 13 5

machen. Es wäre aber ebenso töricht, zu erwarten, daß alle mit Zungen redeten,

als zu verlangen, daß der Herr aus allen Apostel mache. Die Verschiedenheit

der Glieder gehört zum Wesen des Leibs und beruht auf Jesu eigener Anordnung.

12,31: Strebt aber nado den größeren Gaben, und ich zeige euch noch über

das hinaus einen Weg. Weil uns Gott seine Gaben darbietet, so sollen wir unser

Verlangen auf sie wenden. Daß er selbst durch seinen Geist sie uns gibt,

macht unser Verlangen nicht unwirksam. Denn Gott verfährt mit uns so, daß

er die persönliche Art unseres Lebens unverletzt erhält, vollends dann* wenn

er uns die Gaben seines Geistes gibt. Durch seinen Geist ist er bei unserem

Wissen und Wollen und macht dieses so, wie er es haben will. Darum empfangen

wir die Gaben des Geistes dann, wenn wir sie verlangen, während sie

uns dann versagt bleiben, wenn wir sie geringschätzen. Weil es aber zwischen

ihnen Unterschiede gibt und die einen für ihren Empfänger und die Gemeinde

wichtiger und fruchtbarer sind als die anderen, so soll das Verlangen nach den

großen Gaben gehen, darum aber vor allem nach dem, was größer als alle

Gaben ist.

Was ist noch größer als die Erkenntnis und der Glaube und die Macht zum

Wunder, größer auch als das Gebet, für das unsere Sprache nicht mehr ausreicht,

sondern das eine neue Zunge braucht? Paulus hat uns das bei der Beschreibung

der göttlichen Gaben zwar noch nicht genannt, aber fortwährend

dargestellt. Was gibt den vielen Gliedern den einen Sinn und Willen, so daß

keines für sich selber lebt und das Seine sucht, sondern jedes seine Kraft und

Arbeit für das Ganze tut und das schafft, was allen heilsam ist? Was macht,

daß die, die weniger begabt sind als die anderen, sich neidlos an der Größe

der anderen freuen und daß die, die mehr Kraft haben als die anderen, die

Gemeinschaft nicht brechen, sondern die Schwachen für höherer Ehre wert

halten als sich selbst? Was macht sowohl das Leid als die Herrlichkeit des

einen zum Erlebnis für alle? Das tut die Liebe, nur sie; aber sie bringt auch

wirklich eine solche Gemeinschaft zustande. Und wie kann es dazu kommen,

daß sich die Gemeinde wegen der Verschiedenheit der Gaben entzweit, daß

jeder seine Gabe rühmt und für die wichtigste erklärt und jeder jede haben

will, weil er sich an seiner Größe erfreuen will, ihren Gewinn und Nutzen bei

sich selber sucht und die, die sie nicht haben, verachtet? So handelt der Mensch,

wenn ihm die Liebe fehlt. Sie ist der Weg, der über alles emporführt, was die

Gemeinde sonst besitzen oder leisten kann, weil wir durch die Liebe uns selbst

Gott dargeben, und das ist die Bedingung dafür, daß wir alle unsere Kräfte

und Gaben richtig und nach seinem Willen brauchen, für ihn und nicht für uns.


136 Die vollkommene Gabe

Kapitel 13

Die vollkommene Gabe

13,1: Wenn ich mit den Zungen der Menschen und der Engel rede, aber

nicht Liebe habe, bin ich zum tönenden Erz oder zur lärmenden Zimbel geworden.

Wer sprechen kann, hat einen großen Besitz. Paulus stellt sich vor,

er habe das herrliche Vermögen, das, was in ihm lebt, auch auszusprechen und

anderen darzubieten, in der höchsten Vollkommenheit; alle Mittel, die uns

Menschen zur wirksamen Rede gegeben sind, seien in seiner Hand, und noch

mehr, auch all das, wodurch die Engel einander mitteilen und vor Gott kundmachen,

was jeder von ihnen in sich trägt. Aber nun nimmt er an: Was er sage

und wie er es sage, sei ihm nicht durch die Liebe gegeben, sondern er denke

bei seinem Reden an sich, arbeite damit für sich und verschaffe dadurch sich

selber Lust, Größe und Gewinn, dann bleibt von seiner Rede, so herrlich ihr

Inhalt, so ergreifend ihre Form sein mag, nichts. Sie wird zum bloßen Schall.

Die Erzplatte, auf die man schlägt, entsendet zwar mächtige Töne; aber sie

sagen nichts, haben keinen Sinn und schaffen keine Frucht. Anders steht es,

wenn wir in der Liebe reden, wenn wir deshalb sprechen, weil unser Blick auf

das gerichtet ist, wessen die anderen bedürfen, und wir ihnen das sagen, was für

sie eine Hilfe und Gabe ist. Dann ist das menschliche Wort nicht nur ein

Schall, sondern eine Macht, weil nun ein Wille es durchdringt, der es lebendig

macht, und vergeht nicht, sondern wirke eine bleibende und heilsame Frucht.

13,2: Und wenn ich Weissagung habe und alle Geheimnisse und die ganze

Erkenntnis weiß, wenn ich den ganzen Glauben habe, so daß ich Berge versetzen

kann, aber nicht Liebe habe, so bin ich nichts. Noch höher als die Rede

steht der inwendige Reichtum, den ein Mensch in sich sammeln kann und aus

dem seine Rede ihren Inhalt schöpft. Paulus nimmt an, Gott habe ihm das

Prophetenamt gegeben und ihn zum Verkündiger seiner Botschaft an die Welt

gemacht und er besitze dieses in der höchsten Vollkommenheit; alle Geheimnisse

seien ihm enthüllt; er kenne Gottes ganzen Rat; es gebe für ihn kein

Rätsel mehr weder im großen Weltlauf noch in der Lebensgeschichte der einzelnen;

denn Gottes ganzes Wirken sei ihm nach allen seinen Zielen klar; und

er habe noch Größeres als die Erkenntnis, er habe den Glauben, weil die Erkenntnis

ihm ins Herz gedrungen ist und seinen Blick und sein Verlangen auf

Gott gewendet hat mit großer Zuversicht; den vollkommenen Glauben habe

er, von dem alles, was ihn klein und schwach macht, weggenommen sei; nichts

stehe zwischen ihm und Gott, sondern er habe die allmächtige Gnade ohne

Verhüllung vor sich, die alles tut, was er von ihr erbittet, so daß sich Jesu Ver-


Der frühere Brief an die Korinther 13,1-3 *37

heißung, die er dem Glauben gegeben hat, vollständig an ihm erfülle; er sei

in Gott Herr über die Welt; die Berge gehorchen ihm und weichen vor ihm,

weil Gott, der Herrscher über die "Welt, für ihn handelt und seine Liebe zu

ihm offenkundig macht: "Wäre er so nicht ein vollkommener, herrlicher und

seliger Mann, ein Mann, für den wir keine Sorge mehr haben müßten, weil er

reich ist für alle Ewigkeit? Er kennt ja Gott und glaubt an Gott. Aber er

denkt bei seinem Wissen und bei seinem Glauben an sich selbst, dringt deshalb

in alle Geheimnisse ein, weil es ihn selber freut und erhebt, daß er sie

kennt, sammelt in seiner Erkenntnis für sich einen Schatz, nur für sich, glaubt

nur dazu, damit Gott ihm helfe, ihn selig mache, ihn verherrliche, und begehrt

Gottes allmächtige Gnade zu erleben, damit ihm das widerfahre, was er

wünscht und sein eigener Wille geschehe. Pann ist er mit aller seiner Erkenntnis

und allem seinem Glauben arm, leer, tot, nichts. Wenn wir aber deshalb

zu erkennen begehren, weil wir lieben, damit wir durch unsere Erkenntnis mit

, Gott verbunden und zur Gemeinschaft miteinander tüchtig seien, und wenn

wir deshalb glauben, weil wir lieben, und dazu Gottes Gabe und Hilfe begehren,

damit wir ihn mit ihr preisen und seinen gnädigen Willen an den anderen

tun, dann sind unsere Erkenntnis und unser Glaube für uns gute Gaben

und fruchtbare Kräfte von höchstem Wert.

13,3: Und wenn id? mit meinem ganzen Vermögen andere speise und wenn

ido meinen Leib hingebe, damit idi verbrannt werde, aber nidot Liebe habe, so

habe ido davon keinen Gewinn. Paulus erhebt unseren Blick noch um eine

Stufe empor. Über der Erkenntnis und dem Glauben, die uns inwendig stark

und reich machen, steht die Tat, die anderen hilft und sich zu Gott bekennt.

Auch sie denkt sich Paulus in der höchsten Vollkommenheit als seinen Besitz;

sein ganzes Vermögen verwende er für Hungernde und benütze alles, was er

habe, dazu, um andere zu ernähren; und mehr noch als sein Vermögen gebe

er hin, sein Leben, den eigenen Leib, nicht nur zu einer vorübergehenden Beschwerde,

sondern in den Tod und in den schmerzhaftesten Tod; auch der

Feuertod erschrecke ihn nicht, wenn es gilt, sein Bekenntnis zu Gott zu bewähren.

Aber er denkt dabei an sich und arbeitet damit für sich. Sich selbst

verschafft er mit seinem Wohltun Befriedigung und Größe und sucht auch in

seinem Zeugentod für sich selbst die Krone. Dann hat er umsonst gearbeitet

und gelitten und ist umsonst gestorben. Daß er alles und sich selbst aufgeopfert

hat, das hilft ihm so nichts. Wenn aber die Liebe alles, was wir sind

und haben, unser Gut und unseren Leib, Gott zum Opfer bringt, dann haben

wir Gewinn. Dann vollbringen wir jenen Dienst Gottes, der Gottes Verheißung

hat und alle Gaben seiner Gnade von ihm empfängt.


138 Die vollkommene Gabe

Ist es denn möglich, zu erkennen und zu glauben ohne Liebe?; möglich, alles

für die anderen hinzugeben und um Gottes willen zu sterben ohne Liebe? Wer

Gott liebt, hat Paulus gesagt, der ist von Gott erkannt, 8,3, weshalb auch er

Gott zu kennen vermag. Kann die Erkenntnis Gottes auf anderem Wege entstehen

als durch unsere Verbundenheit mit ihm, die uns die Liebe gewährt?

Hat nicht der Glaube in Gottes Liebe seinen Grund, und können wir ihrer

gewiß sein, ohne daß sie in uns selbst entsteht? Können wir uns selbst mit

allem, was wir haben, hingeben, solange unser Trachten doch noch an uns

selbst gebunden ist? Wird nicht die Eigensucht uns hindern, daß wir doch nicht

allem entsagen und doch nicht uns selber opfern? Allerdings entwirft Paulus

damit, daß er uns den vollkommenen Kenner Gottes und den vollkommenen

Gläubigen und den vollkommen Entsagenden beschreibt, der doch die Liebe

nicht hat, ein Bild, das die Erfahrung überragt. Aber die Anfänge zu einer

solchen Verderbnis unseres Redens, Wissens, Glaubens und Wirkens kommen

in unserer Erfahrung reichlich vor, nicht nur in der Welt bei denen, die deshalb

reden, weil sie sich gern hören, und deshalb forschen, weil sie das Wissen

groß macht, und deshalb wohltun, weil es ihnen Befriedigung verschafft, sondern

auch in der Christenheit, wo die Rede und die Erkenntnis und der Glaube

und die Arbeit auf Gottes Willen begründet sind. Keine Größe und Herrlichkeit

der göttlichen Gabe hebt uns schon durch sich selbst über die Versuchung

empor, daß wir sie für uns selbst verwenden, zu unserer Beseligung und Erhöhung,

als wäre sie uns bloß dazu gegeben, damit wir sie besäßen und genössen.

Immer bleibt es deshalb unsere Pflicht, sorgsam darauf zu achten, daß

wir bei unserer Erkenntnis, unserem Glauben und unserer Arbeit nicht an uns

selbst hängen, sondern unseren Blick von uns wegwenden über uns hinauf zu

dem, der uns die Gaben gab, und zu denen, für die er sie uns gab. Zu dieser

Warnung gab Paulus das, was in Korinth geschah, Anlaß genug. Dort war

es damals sehr deutlich, daß kein Reichtum der göttlichen Gabe uns davor

schützt, uns selbst zu bewundern und sie für uns selbst zu benützen. Weshalb

gab es denn in der Gemeinde Streit trotz ihrer reichen Begabung? Und warum

richteten die, die mit der Zunge redeten, Unordnung an? Sie dachten an sich,

waren gehoben im Gedanken, wie mächtig Gottes Geist sie bewege, und zeigten

gern allen, wie herrlich er sich an ihnen offenbare. Die Liebe war weg und

mit ihr der Wert der Gabe, nicht nur für die anderen, sondern auch für den,

der sie empfing. Denn wenn Gottes Gaben unsere Lieblosigkeit nicht überwinden,

so haben wir an ihnen unsere Versündigung vertieft und unsere

Schuld größer gemacht.

13,4a: Die Liebe ist langmütig, sie ist gütig. Paulus gibt an, woran man es


Der frühere Brief an die Korinther 13,40-6 13 9

merkt, ob die Liebe unser Verhalten regiert oder ob sie uns fehlt. Sie bändigt

und beherrscht den Zorn. "Wenn wir sie haben, so können wir vergeben und

das tragen, wodurch uns andere verletzen. Sie verletzt auch selber die anderen

nicht, sondern gewährt ihnen freundlich und hilfreich gern, was sie erfreut.

13,4b-5 a: Die Liebe ist nicht eifersüchtig; die Liebe ist nicht übermütig, bläht

sich nicht, treibt nichts Unanständiges, sucht nicht das Ihre. Eifersucht und

Liebe sind für den natürlichen "Willen nahe beieinander, weil sich die Liebe

dann* wenn sie sich von den selbstsüchtigen Trieben nicht befreien kann, leicht

in Eifersucht verwandelt, die das, was wir lieben, allein und vollständig besitzen

will und jede Gefahr mit Leidenschaft bekämpft, die uns im Besitz dessen,

was wir lieben, stört* Wo aber die Eifersucht aufkommt, da hat ein eigensüchtiger

"Wille die Liebe verdrängt; denn sie kämpft für unseren eigenen Genuß

und Besitz, will die anderen uns unterwerfen und knechtet sie. Auch ein

übermütiges Gebaren hängt sich zwar leicht an die Liebe, ist aber in "Wahrheit

ihr fremd; So suchen wir wieder nur unsere eigene Befriedigung, bringen das

"Wohlgefühl zum Ausdruck, das uns selbst erfüllt, und steigern es dadurch. Ein

ähnlicher Vorgang findet statt, wenn uns unsere Kraft stolz oder eitel macht.

Dann beugen wir wieder den Blick auf uns selbst zurück und bewundern uns

um der Größe dessen willen, was wir für uns erlangt haben. Wenn aber die

Liebe unverletzt bleibt und die selbstischen Triebe überwindet, so wird dies

dadurch offenbar, daß sie uns von aller Hoffart reinigt; denn ihre selbstlose

Art verträgt sich nicht damit, daß wir uns selbst bewundern. Sie verwehrt uns

auch die Verletzung dessen, was sittsam und anständig ist. Weil sie den anderen

nicht wehtun, sondern wohltun will, meidet sie mit hellem Blick alles,

was der Würde der anderen Eintrag tut. All dies hat darin seinen Grund, daß

es ihr nicht an ihrer eigenen Befriedigung liegt. Ein Begehren, das irgendeinen

Besitz oder Genuß für uns selbst begehrt, ist noch nicht liebe. Ihr Ziel ist nicht

das, daß wir erreichen, was wir für uns wünschen, sondern daß wir den anderen

geben, was ihnen dient.

i3,5b-6: Sie wird nicht bitter, rechnet das Böse nicht an, freut sich nicht am

Unrecht, sondern freut sich mit der Wahrheit. Kommt uns die Sünde der anderen

in den Weg, dann zeigt sich wieder deutlich, ob wir die Liebe haben oder

nicht. Erregt das Vergehen der anderen in uns den heißen Unwillen, der sich

mit Worten und Werken gegen sie kehrt, oder sparen wir das Böse, das sie uns

taten, in unserem Gedächtnis auf, damit es, wenn die Gelegenheit kommt, unser

Verhalten gegen sie bestimme, so ist das nicht Liebe, auch nicht liebe Gottes

und seines heiligen Rechts. Freilich macht uns die Liebe Gottes die Grenze unverletzlich,

die das, was recht ist, vom Unrecht trennt. Am Unrecht kann sich


140 Die vollkommene Gabe

die .Liebe nicht freuen, weil sie den Schaden vor Augen hat, den sich der Täter

des Unrechts selbst bereitet. Aber sie wird dadurch, daß sie von Gottes Willen

nicht läßt, nie zum Verderber der Menschen. Der natürliche Wille führt uns

leicht dazu, daß sich die Liebe mit leerem Schein verbindet. Sie kann auf diesen

nicht verzichten, solange sie mit Selbstsucht verwoben ist; so lange macht sie

blind und verdeckt sich die Wirklichkeit durch Einbildung. Daran geht sie

selbst unter. Die echte liebe hat ihr Merkmal daran, daß sie mit der Wahrheit

im Bunde ist, immer sich freut, wenn sie ans Licht kommt, und nichts

wider sie, sondern alles für sie tut. Sie will ja wirklich den Menschen helfen

und Gemeinschaft mit ihnen gewinnen; daran hindert sie der Schein; einzig

die Wahrheit führt sie zu ihrem Ziel.

13,7: Sie hält alles aus, glaubt alles, hofft alles, erträgt alles. Daß unsere

Liebe zur Lüge und zum Schein sich flüchtet, hat oft in unserer Weichlichkeit

seinen Grund, die nicht leiden mag. Wir fürchten uns vor der Wirklichkeit und

wollen nicht sehen, was die anderen sind und tun, weil wir besorgen, daran

gehe unsere Liebe unter; so Schweres ertrage sie nicht. Aber diese Weichlichkeit

pflanzt uns nicht die liebe, sondern nur unsere schlechte Eigensucht ein.

Die Liebe kann leiden, und sie will es, wenn sie muß. Paulus hat die Zuversicht,

daß sie alles aushalten könne und vor keinem Druck des Leidens und vor

keiner Gewalt des Schmerzes erliege. Sie steigt immer wieder über, den Schmerz

empor und gewährt uns neue Leidensfähigkeit. Denn sie läßt das Vertrauen

nicht fallen, sondern glaubt mit einer unerschöpflichen Zuversicht, die keine

Grenzen hat. Hätten wir es nur mit den Menschen zu tun, so gäbe es natürlich

keine liebe, die alles zu glauben vermöchte, über jede Schuld hinweg, weil sie

für sie die Vergebung hat, und über jede Not hinweg, weil sie für sie die Hilfe

kommen sieht. Dazu kommt die liebe nur dadurch, daß sie an die allmächtige

Gnade Gottes glaubt. Sonst müßte ihr Vertrauen da enden, wo die menschliche

Kraft endet, und wenn sie dennoch alles glauben wollte, so wäre ihr Glaube

eine Torheit. Nun aber, da sie ihren Glauben auf Gott stellen darf, hat sie

recht, wenn sie auch im Verkehr mit den Menschen in uns eine Zuversicht erzeugt,

die keine Grenzen hat. Sie läßt den Glauben nicht fahren, weil sie die

Hoffnung nicht preisgibt, sondern von der schweren Gegenwart hinweg auf

das sieht, was Gottes Gnade uns in der Zukunft bereiten wird. Weil sie sich

aber nicht mit selbstsüchtigem Sinn zur HofFnung flüchtet, bloß dazu, um mit

ihr sich zu erheitern und zu trösten, sondern weil es ihr ernsthaft daran liegt,

daß Gottes Hilfe denen widerfahre, für die sie sorgt und um die sie sich müht,

darum hofft sie nicht bloß, sondern sie trägt und duldet, und wie sie unsere

Hoffnung von jeder Schranke befreit, so macht sie auch die Geduld vollkoifr-


Der frühere Brief an die Korinther 13,7-10 I.41

men und erzeugt jene Tragkraft, die sich unter jede Last beugt, ohne daß sie

unter ihr zerbridit. Wenn die Leidenssdieu uns weichlidi madit oder unser

Glaube im Blick auf die anderen zerbricht oder unsere Hoffnung für sie versinkt

oder die Geduld uns ausgeht, so daß wir die Gemeinschaft mit ihnen

fliehen um der Last willen, die sie uns auferlegt, dann ist auch die liebe weg.

Ist sie uns gegeben, so ist sie die Quelle, aus der uns in allen Verhältnissen und

für alle Anliegen der Glaube und die Hoffnung und die Geduld entstehen.

13,8a: Die Liebe erliegt nie. Wir zwar können sie töten und auch dann,

wenn Gott sie uns angeboten hat, sie wieder wegwerfen. Aber nur so kann

sie vergehen, nie so, daß sie widerlegt würde und am Gang der Dinge scheiterte,

nie so, daß wir sie verlieren müßten, obgleich wir sie haben möchten. Sie

ist das, was uns bleibt, weil sie Gott für sich hat und mit seinem Willen in

Übereinstimmung steht. Mit ihr empfangen wir das, was die Art und das

Merkmal des ewigen Lebens ist. Dadurch ist die Liebe über das erhöht, was

wir uns durch unser Denken anzueignen vermögen; denn in unserer Erkenntnis

besitzen wir nichts, was unvergänglich wäre. Das sagt Paulus denen, die

aus Jesu Wort eine Weisheit und aus ihrem Christenstand nur Gedanken zu

machen geneigt gewesen sind.

i3,8b-io: Sind es Weissagungen, sie werden abgetan werden; sind es Zungen,

sie werden aufhören; ist es Erkenntnis, sie wird abgetan werden. Denn

wir erkennen teilweise und weissagen teilweise. Wenn aber das Vollkommene

kommt, wird das Teilweise abgetan werden. Was wir jetzt erkennen, heißt

Paulus nicht wertlos und unnütz; es verfällt aber der Vergänglichkeit, weil es

nie etwas Ganzes und Vollendetes ist. Das Stück verliert dann seinen Wert,

wenn wir das Ganze erlangt haben. Damit wird uns zwar auch das Bruchstück

erhalten, aber nicht mehr so, wie es war und jetzt für unsere Erkenntnis das

chste bildet, was wir erreichen können, sondern verwandelt, weil wir es

dann als ein GEed des Ganzen sehen. Paulus war von beidem überzeugt, sowohl

davon, daß wir in unserem irdischen Lebensstand mit unserem Erkennen

nie Vollkommenes erreichen, als auch davon, daß es uns einst gegeben wird, so

daß wir uns nicht für immer mit der schwachen, dunklen Gewißheit Gottes begnügen

müssen, die uns jetzt zugänglich ist. Auch die „Zungen", für die die

Korinther besonders dankbar waren, rechnet Paulus nicht zu dem, was uns

bleibt. Die Formen, in denen sich jetzt unser inwendiges Leben zu äußern

sucht, fallen einst dahin, und neue Sprechweisen, neue Formen der Mitteilung

und der Gemeinschaft mit Gott und miteinander werden uns gegeben sein. Den

chsten Platz unter allem, was in unsere Erkenntnis hineintritt, gibt Paulus

der Weissagung, weil sie in besonderer Weise eine Mitteilung Gottes zu unserer


*4 Z Die vollkommene Gabe

Kenntnis bringt. Aber auch sie gibt uns nur Stücke, nicht die Enthüllung des

ganzen göttlichen Werks, sondern einzelne begrenzte Blicke, die uns von Gottes

Regierung nur weniges zeigen. Mit dem Anblick des vollendeten göttlichen

Werks ist die Zeit, für die die Weissagung wichtig war, vorbei.

13,11: Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind,

urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann geworden war, tat ich ab, was dem

Kind zukommt. Über unseren ganzen geistigen Besitz ist schon einmal eine

ähnliche Wandlung gekommen, die nicht nur einzelne Gedanken, sondern

alles, was wir meinten und wollten, veränderte. Sie tritt mit dem Übergang

aus der Kindheit in den reifen Mannesstand ein. Da uns noch eine viel größere

Veränderung bevorsteht, dann, wenn wir nicht mehr an die irdischen Lebensbedingungen

gebunden sind, schreibt Paulus unseren sämtlichen Gedanken,

nicht nur den lockeren und schwankenden, sondern auch den völlig in uns befestigten,

bloß eine vorbereitende Bedeutung zu, wie die des Kindes bloß für

die Kinderjahre brauchbar sind. Einst wird in unserem Bewußtsein alles neu.

13,12: Denn wir sehen jetzt mittelst eines Spiegels durch ein Rätsel, dann

aber Angesicht gegen Angesicht. Jetzt erkenne ich teilweise; dann aber werde

ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin. Paulus verlangt nach

dem offenen Blick auf Gott, der ihm in Christus zuteil werden wird. Jetzt stehen

noch Vermittlungen und Verhüllungen zwischen Jesus und uns, darum

auch zwischen Gott und uns. Es ist ein Unterschied, ob uns ein Spiegel das Bild

einer Person zeigt oder ob wir mit ihr selbst unmittelbar verkehren. Am Bild,

das der Spiegel zeigt, haftet immer das Bewußtsein, daß der, den wir sehen,

noch nicht selber bei uns sei und unsere Gemeinschaft mit ihm noch nicht vollendet

sei. Haben wie ihn selbst bei uns, so suchen wir sein Bild nicht mehr in

einem Spiegel. Das Zeugnis, durch das sich uns Gott bezeugt, gleicht noch einem

Rätsel mit einem versteckten Sinn. Das letzte Wort, das für alles die volle

Klarheit bringt, ist noch nicht gesprochen. Darum erfaßt unsere Erkenntnis

bloß Teile und hat Grenzen, die sie nicht überschreiten kann. Ganz wird sie,

wenn uns die Gemeinschaft mit ihm ohne Hemmung gewährt wird und unsere

Trennung von ihm ganz abgetan ist. Verbürgt und begründet ist sie uns dadurch,

daß Gott uns erkannt hat. Weil sein gnädiger Blick auf uns gerichtet ¡st

und uns zu denen stellt, auf die er sieht und für die er sorgt, darum wird er

seine Gemeinschaft mit uns vollenden und uns nicht für immer verborgen sein.

13,13: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Unter diesen

ist aber die Liebe das Größte. Weil wir von unseren Gedanken nicht sagen

können, sie seien unvergänglich, und keine Erkenntnis besitzen, die so bliebe,

wie sie jetzt in uns ist, darum besteht unser bleibender Besitz darin, daß wir an


Der frühere Brief an die Korinther 13,11-14,3 145

Gott glauben, auf ihn hoffen und ihn lieben. Das Vertrauen, das wir auf Gott

stellen, wird nicht widerlegt, sondern erfüllt. Es bleibt ewig wahr, daß wir ihm

glauben dürfen und daß er unseren Glauben erhört und dem Glaubenden gnädig

ist. Unsere Hoffnung, mit der wir auf seine Gaben warten, wird uns nicht

beschämen, sondern kommt an ihr Ziel. Auch damit ist uns etwas völlig Wahres

und Unzerstörbares geschenkt, da wir Gott nie anders erleben werden als

so, daß er uns gibt, was unsere Hoffnung bei ihm sucht. Unsere Liebe, mit der

wir uns ihm ergeben, wird nicht vernichtet werden, sondern hat Gottes Liebe

für sich und einigt uns für immer mit ihm. "Wenn wir also zwar die Rede und

die Erkenntnis, sei es auch in der höchsten Vollendung, besäßen, aber die

Liebe entbehrten, so hätten wir nur solches, was vergeht, und das nicht, was

bleibt. Und wenn wir zwar Glauben hätten, aber die Liebe nicht, so fehlte uns

das, was unter allem, was wir haben, das Größte ist. Dadurch, daß uns Gott

die Liebe gibt, ist sein Werk in uns vollendet. Nun hat er uns so zu sich gezogen,

daß wir uns selbst ihm ergeben und unser Verlangen und Wirken zu

ihm hinwenden und unser Leben für ihn führen. Nun sind wir sein. '

Kapitel 14

Die Vorschriften für die, die mit Zungen reden

14,1-3: Strebt nach der Liebe; verlangt nach den Wirkungen des Geistes,

doch mehr danach, daß ihr weissagt. Denn wer mit der Zunge redet, redet nicht

für die Menschen, sondern für Gott. Denn keiner versteht es, sondern er redet

durch den Geist Geheimnisse. Wer aber weissagt, redet für die Menschen Erbauung

und Mahnung und Tröstung. Durch das, was Paulus bisher über die

Wirkungen des Geistes sagte, hat er der Gemeinde die klaren, immer gültigen

Regeln gegeben, nach denen sie alle besonderen Erscheinungen, durch die der

Geist sich offenbart, zu verstehen und zu gebrauchen hat. Indem er nun zu diesen

noch einzelne Ratschläge fügt, um der Gemeinde zu helfen, ihre Gottesdienste

für sie fruchtbar zu machen, erfahren wir dadurch zum Teil, wie es damals

bei ihr stand. Man hat in Korinth das Reden mit Zungen mit Eifer gepflegt

und als eine besonders kostbare Gabe hochgeschätzt, durch die sich das

Wirken des Geistes besonders deutlich zeige. Paulus ernüchtert diesen Eifer,

weil er unter dem bleibt, wonach die Gemeinde streben soll. Er richtet ihr Verlangen

auf ein höheres Ziel, vor allem auf die Liebe, ohne die auch das Reden

mit Zungen wie alle, Gaben seinen Wert verliert. Aber auch dann, wenn die

besonderen Gaben miteinander verglichen werden, muß diese An der Rede

zurückstehen hinter der Weissagung, und die Gemeinde urteilt nicht richtig,


144 Die Vorschriften für die, die mit Zungen reden

wenn sie einzig die „Zungen" als das vom Geist ihr verliehene Wort schätzt

und das prophetische "Wort neben ihnen zurückgedrängt wird.

Er stellt das Reden mit der Zunge zur Vergleichung neben die "Weissagung,

weil in beiden Fällen die Gabe, die der Geist dem Menschen verleiht, in einem

Wort bestand, das sich deutlich von seinem sonstigen Denken und Sprechen

unterschied. Der Prophet findet sein Wort nicht durch sein eigenes Nachdenken

und spricht es nicht auf Grund seines eigenen Entschlusses aus; sondern

ein besonderes inwendiges Erlebnis erzeugt in ihm seine Gewißheit und verpflichtet

ihn, sie auszusprechen. Ebenso liegt dem, was mit der Zunge gesprochen

wird, ein inwendiges Erlebnis zugrunde, das nicht in der Macht des Sprechenden

steht, sondern ihm gegeben wird, und aus ihm erhält jetzt sein Wort

seinen Inhalt und auch seine besondere Form. An krankhaft aufgeregte Zustände

hat Paulus weder bei der Weissagung noch bei den Zungen gedacht. Er

hat das Fleisch und den Geist mit hellem Blick voneinander unterschieden und

nicht wilde Rufe solcher, die die Herrschaft über sich verloren, oder halbbewußtes

Stammeln für eine Ga.be des Geistes erklärt. Über die Form dieser Rede

sagt er, sie sei unverständlich gewesen, jedenfalls für die Mehrzahl der Anwesenden;

doch gab es in der Gemeinde einzelne, die sie verstanden und sie

deshalb auch den anderen zu erklären vermochten. Daß aber jemand diese

Worte verstand, beruhte nicht auf ihrer natürlichen Verständlichkeit, sondern

ist selbst wieder eine Gabe des Geistes. Auf die Unverständlichkeit dieser Rede

nimmt auch der eigentümliche Name bezug, mit dem die Christenheit sie bezeichnete,

„mit der Zunge reden". Es wurde dabei wahrscheinlich an den Gegensatz

gedacht, in dem diese Rede zum gewöhnlichen Sprechen steht, bei dem

nicht einzig die Zunge, sondern zuerst der Verstand das Wort bildet. Hier gestaltete

dagegen nicht der Mensch mit seinem natürlichen Vermögen seine

Worte; sondern der Geist regiert seine Zunge und gibt dem Redenden, was er

sagt, und dies wurde daran sichtbar, daß die Rede ihre Verständlichkeit verlor.

Wie die Unverständlichkeit zustande kam, beschreibt Paulus nicht. Man

kann daran denken, daß die Rede den Zusammenhang verlor und sich in einzelne

Worte auflöste, oder daran, daß sich das Gebet nicht durch Worte, sondern

nur durch Laute äußerte, vielleicht auch mit Verwendung von Sätzen aus

fremden Sprachen. Wahrscheinlich glichen „die Zungen" nach ihrer Form einander

nicht völlig, da Paulus von verschiedenen „Arten von Zungen" spricht,

12,10; 12,28.

Ein völlig deutliches Bild können wir uns von diesen Vorgängen nicht

machen; sie haben gleidiwohl auch für uns eine gewisse Verständlichkeit, weil

sie mit dem im Zusammenhang stehen, was im Gebet geschieht. Im starken und


Der frühere Brief an die Korinther 14,4 145

innigen Umgang mit Gott wird leicht das "Wort unzulänglich und unvollkommen.

Beredsamkeit ist nicht das Merkmal, nach dem sich die "Wahrheit und

Kraft des Gebetes beurteilen läßt; im Gegenteil, wenn wir uns zu Gott hinbewegen,

verlieren wir den Blick auf die, die neben uns sind. Dann mag ein

Denken und "Wollen in uns entstehen, das uns nicht mehr ganz faßlich, nicht

mehr völlig mitteilbar ist, etwas, was „unaussprechbar" bleibt, Römer 8,26.

Könnte ein anderer hören, was im Betenden gerade dann geschieht, wenn er

mit besonderer "Wahrheit in der Gegenwart Gottes steht und spricht, so würde

er es oft nicht oder doch nicht ganz verstehen. Dies kommt nicht durch krankhafte

Vorgänge zustande, nicht etwa dadurch, daß das Bewußtsein geschcht

würde oder gar verloren wäre. Vielmehr ist im höchsten Gebet unser inwendiges

Leben ganz besonders wach. Es ist aber nicht nach außen gewendet, sondern

nach innen und oben und kann mit der Richtung auf Gott nicht auch noch

die Richtung auf die "Welt behalten, so daß es auch keine Form mehr findet,

wie sie für unseren Verkehr miteinander unentbehrlich ist. Darüber geht das,

was Paulus von den Korinthern erzählt, noch einen Schritt hinaus. Ihr inwendiges

Erlebnis blieb noch in einem größeren Abstand vom gebräuchlichen Verlauf

unseres geistigen Lebens, und die Form, wie es sich äußerte, war noch auffälliger.

Zum Gebet rechnet aber auch Paulus ihr Reden dadurch, daß er sagt,

es sei an Gott gerichtet gewesen, nicht an die Menschen. Geheimnisse sind der

Inhalt dieser "Worte, nicht nur, weil sie nicht verstanden werden, sondern weil

der Blick des Redenden dabei auf die Herrlichkeit der göttlichen Regierung gerichtet

ist. Die "Weissagung stellt Paulus höher, weil er alle Gaben unter die

Herrschaft der Liebe stellt und von ihr den Maßstab holt, nach dem er sie beurteilt.

Dem, was die Liebe will, entspricht aber die "Weissagung mehr als die

„Zunge", weil sie sich an die Menschen wendet und für sie faßlich ist. Sie erbaut

ihre Hörer dadurch, daß sie ihnen Gottes "Willen zeigt und sie zum Gehorsam

gegen ihn rüstig macht, und sie mahnt sie und widersteht aller Neigung

zur Sünde, weil sie den Kampf zwischen Gottes Regierung und der Sünde der

Welt enthüllt, und sie tröstet, weil sie zeigt, wie Gott in diesem Kampf den

Sieg behält.

14,4: Wer mit der Zunge redet, baut sich selbst; wer aber weissagt, baut die

Gemeinde. Auch jenes Gebet, das nur im unverständlichen "Wort sich äußert,

erbaut, weil jeder Zutritt zu Gott auf das inwendige Leben eine bleibende

Nachwirkung ausübt. Auch dann, wenn das, was den Betenden bewegte, über

seinem Bewußtsein blieb und von ihm nicht beschrieben werden konnte, stärkte

sein Erlebnis sein inwendiges Leben in allen seinen Richtungen. Aber es fördert

nur ihn selbst, nicht die Gemeinde. Es soll aber ihr Anliegen sein, allen zu


Die Vorschriften für die, die mit Zungen reden

dienen und alle zu stärken, nicht nur ihre eigene Verbundenheit mit Gott zu

befestigen.

14,5: Ich wünsche aber, daß ihr alle mit Zungen redet, noch mehr aber, daß

ihr weissagt. Der, der weissagt, ist größer als der, der mit Zungen redet, außer

wenn er auslegt, damit die Gemeinde Erbauung empfange. Wenn die Korinther

diese Art des Gebetes über die Formen des Wortes stellten, die sich an die

Gemeinde richteten, so hefteten sie an seine merkwürdige Außenseite ein eitles

Wohlgefallen. Wenn sie aber nicht mehr verständen, warum der, der für die

Gemeinde arbeitet, über dem steht, der nur seine eigene Frömmigkeit belebt,

so dächten sie nicht mehr, wie die Liebe denkt.

14,6: Nun aber, Brüder, wenn ich zu euch käme und mit Zungen redete, wie

brächte ich euch einen Gewinn, wenn ich nicht zu euch durch eine Offenbarung

oder durch Erkenntnis oder durch Weissagung oder durch Lehre redete? Mit

einer ausführlichen Belehrung legt nun Paulus den Korinthern vor, daß ihr

Wort nur dann für die anderen fruchtbar sei, wenn es über das Geheimnis und

die Unverständlichkeit hinauskommt und ihnen deutlich zu machen vermag,

was sie sagen. Nicht dagegen erwartet er von ihnen Einreden, daß das, was sie

tun, auch für die anderen Frucht zu schaffen habe; denn sie kennen Jesu Gesetz.

Sie sind aber über das Urteil des Paulus überrascht, daß ihre „Zungen"

die anderen nicht erbauen und ihnen nichts nützen sollen. Machen sie denn

nicht auf alle einen tiefen Eindruck? Ist es nicht für alle erbaulich, wenn so

viele im Geist reden? Aber Paulus liegt es nicht an einem unbestimmten Eindruck,

der jetzt zwar mit Stärke die Seele bewegt, aber wieder verschwindet,

weil er ihr keinen verständlichen Gedanken gibt und kein deutliches Ziel vorhält.

Der Gewinn, den sie den anderen zu bringen haben, soll in ihrem bewußten,

persönlichen Leben entstehen, und dazu gibt es kein anderes Mittel als dasjenige

Wort, das verstanden werden kann. Das Beispiel, an dem er ihnen dies

zuerst zeigt, hatte für sie besondere Kraft; denn er zeigt es ihnen an seinem

eigenen Verkehr mit ihnen selbst. Sie warten auf seinen Besuch und heften an

ihn große Hoffnungen, daß er die ganze Gemeinde vorwärtsbringe, das, was

mangelhaft an ihr war, bessere und aller Christenstand belebe. Nachdem er

nun bei ihnen eingetroffen ist, redet er bloß mit Zungen. Man sieht und hört,

er ist aufs tiefste bewegt, redet mit Gott und genießt alle Seligkeiten, die uns

der Umgang mit Gott bescheren kann; aber man versteht nichts, und darauf

reist er wieder ab. Hätten nun die Korinther davon Gewinn? Wären sie nicht

mit vollem Recht bitter enttäuscht und tief betrübt? So wäre sein Besuch für

sie nutzlos, nicht, weil es nicht eine herrliche Sache ist, wenn ihn der Geist bewegt,

sondern deshalb, weil er ihnen nur dann helfen kann, wenn er zu ihnen


Der frühere Brief an die Korinther 14,5-13 147

spricht. Und wie viele und reiche Mittel, durch die er sie fördern kann, stehen

ihm zur Verfügung, die er alle unbenutzt ließe, wenn er bloß mit der Zunge

redete! Er kann ihnen entweder eine Offenbarung mitteilen, durch die auf

Gottes Werk in irgendeinem Punkt ein' neues Licht fällt, oder er spricht auf

Grund einer Erkenntnis, durch die ihm über bestimmte Vorgänge und Personen,

die für sie wichtig sind, das Verständnis und das Urteil gegeben wird, oder

er sagt ihnen als Prophet Gottes "Willen, oder er hilft ihnen als Lehrer, ihre

unmündigen Gedanken abzutun und nach Jesu Sinn zu denken und zu handeln.

Nur so bringt er ihnen Gewinn, nicht aber so, daß er bloß sein eigenes

inneres Leben, mag es noch so herrlich und noch so wunderbar sein, vor ihnen

ausstellt.

14,7-9: Wenn das, was keine Seele hat, aber doch eine Stimme von sich gibt,

wie eine Flöte oder Zither, an den Tönen keinen Unterschied hervorbringt,

wie soll man erkennen, was auf der Flöte oder Zither gespielt wird? Denn

sogar wenn die Trompete eine undeutliche Stimme von sich gibt, wer wird

sich zum Kampf rüsten? So auch ihr, wenn ihr nicht mit der Zunge ein verständliches

Wort von euch gebt, wie soll man erkennen, was gesprochen wird?

Denn ihr werdet solche sein, die in die Luft reden. Bloß durch Töne bekommt

der Hörer noch nichts. Vom Musikinstrument verlangen wir eine Melodie,

von der Trompete ein bestimmtes, erkennbares Signal. Mag ihr Ton noch so

stark sein, so bringt er doch keine Wirkung hervor; erst das bestimmte Signal

bewirkt, daß die Truppen sich zum Kampf rüsten. "Wollen sie nicht in die Luft,

sondern zu den Menschen reden, zu solchen, die ihr Wort empfangen und bewahren,

so muß es verständlich sein.

14,10.11: So viele Arten von Stimmen, wie viele es sein mögen, gibt es in

der Welt, und keiner von ihnen fehlt es an der Stimme. Wenn ich nun die Bedeutung

der Stimme nicht kenne, werde idj dem, der redet, ein Fremder bleiben

und der, der redet, ist für mich ein Fremder. Dasselbe zeigt Paulus an den vielen

Sprachen der Menschheit. Über Töne verfügt jede; aber auch hier hilft der Ton

für sich allein uns nichts. Man muß den Sinn der Worte kennen; nur so überwindet

die Sprache die Trennung zwischen den Menschen. Bleiben die Töne

unverstanden, so stellen sie zwischen uns keine Gemeinschaft her.

14,12.13: So auch ihr, da ihr nach den Erweisungcn des Geistes verlangt,

trachtet danach, daß ihr zum Aufbau der Gemeinde reich seid. Deswegen soll

der, der mit der Zunge redet, darum bitten, daß er es auch auslegen könne.

Paulus löst ihren Blick von ihrer eigenen Person ab. Nicht, was sie für sich

selbst empfangen und an ihnen Wunderbares geschieht, darf sie fesseln. Das

sind für sich allein noch kleine Dinge. Seinen herrlichen, großen Inhalt erhält


148 Die Vorschriften für die, die mit Zungen reden

jedes Christenleben dadurch, daß wir nicht bloß für uns, sondern für die Gemeinde

zu sorgen haben. Darum ist es für den, der mit der Zunge redet, ein

Fortschritt, wenn er das Vermögen bekommt, sich über das, was er erlebt und

sagt, Rechenschaft zu geben und es der Gemeinde in Verständlicher Form mitzuteilen.

Da hier alles auf Gottes Gabe beruht und dadurch entsteht, daß der

Geist den Menschen lenkt und formt, so genügt es nicht, daß sie diese Fähigkeit

bloß für sich wünschen; sie sollen um sie bitten.

14,14.15: .Denn wenn ich mit der Zunge bete, so betet mein Geist; mein

Verstand trägt aber keine Frucht. Wie steht es nun? Ich will mit dem Geist

beten, ich will aber auch mit dem Verstand beten. Ich will mit dem Geist zur

Harfe singen; ich will aber auch mit dem Verstand zur Harfe singen. Erlangt

der Redende das Vermögen, auszulegen, so ist das auch für ihn selbst ein Fortschritt,

weil er so Gott mit seiner ganzen Person und allen seinen Kräften die

Anbetung darbringt. Die mit der Zunge gesprochenen "Worte waren Gebete

und Lieder, da ja der so Redende zu Gott sprach. Ihm bringt er seinen Lobpreis

dar. Dabei kam es zu einer Scheidung zwischen dem Geist und dem Verstand,

und daher rührte die Unverständlichkeit dieses Gebetes. Während der Mensch

im inwendigen Grund seines Lebens zur höchsten Tätigkeit aufgewedvt und

befähigt war, blieb sein Verstand, durch den wir in unserem Bewußtsein unsere

Gedanken in verständliche Worte fassen, untätig. Durch die Kraft des geistigen

Vorgangs wurde er zurückgedrängt und in seiner Tätigkeit gehemmt. Aber

das ist nicht das Beste, nicht das höchste Ziel, sondern dieses besteht darin, daß

wir alles, was wir sind und haben, zu Gottes Preis verwenden, den Geist und

den Verstand. Dies hat die Korinther sicher überrascht. Denn ihnen galt an

denen, die mit der Zunge redeten, wohl das als das Größte und Göttliche, daß

die natürlichen Kräfte gebunden waren und ein Teil ihres seelischen Lebens

verschwand. Damit dachten sie sich Gott noch so, wie der Heide von ihm

denkt, nämlich so, daß da, wo Gott sich offenbare, der Mensch verschwinden

und zerbrochen werden müsse. Denn der Heide kennt Gottes Gnade nicht; weil

er gnädig ist, macht Gott sich dadurch offenbar, daß er uns lebendig und herrlich

macht. Darum ist es nicht das Ziel des Geistes, uns zu verstümmeln und,

was an uns natürlich ist, zu lähmen und zu verderben; sondern sein Sinn geht

* darauf, daß er den ganzen Menschen zu Gott wende und alle seine Kräfte

lebendig und zu Gottes Lob geschickt mache. Darum ist der, der mit beiden

beten kann, mit dem Geist und mit dem Verstand, und Gott sein Lied mit

beiden singt, der reichere.

14,16.17: Denn wenn du durch den Geist den Segen sprichst, wie soll der,

der den Platz des Unkundigen ausfüllt, zu deiner Danksagung das Amen sa-


Der frühere Brief an die Korinther 14,14-20 149

gen, da er ja nicht weiß, was du sagst? Du zwar hast recht, daß du Dank sagst,

aber der andere wird nicht gebaut. Das Gebet, das Gott preist, bleibt notwendig

unvollkommen, solange es im Betenden verschlossen bleibt. Denn es stehen

in der Gemeinde die vor ihm, die sich an sein Gebet anschließen wollen dadurch,

daß sie ihr Amen zu ihm hinzufügen und sich damit sein Gebet aneignen

und es bestätigen. Auf ein mit der Zunge gesprochenes Gebet kann aber niemand

antworten, niemand ihm beistimmen. Das ist für dieses ein Verlust, weil

das rechte Gebet über unser eigenes Herz hinausstrebt und alle mit uns in Gottes

Lob vereinen will.

14,18.19: Ich danke Gott, mehr als ihr alle rede ich mit der Zunge. Aber

in der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, damit

ich auch andere unterweise, als zehntausend mit der Zunge. Auch dies hat die

Korinther sicher überrascht. Ihre Anfrage über die Zunge mag leicht auch dadurch

veranlaßt sein, daß die Gegner des Paulus von ihm sagten, er habe diese

hohe Gabe nicht. Er ist aber auch in diesem Stück nicht ärmer, nicht weniger

von Gott begabt als sie. Auch er übt jene Anbetung, die nicht mehr zu sprechen

vermag, jenen Lobpreis Gottes, der die Seele überwältigt und den Verstand

schweigen macht und das Wort verliert. Und ihm sind solche Stunden häufiger.

gegeben als ihnen; sein Umgang mit Gott ist tiefer, reicher, geheimnisvoller

als der ihrige. In der Gemeinde tut er aber nicht das, was nur ihn selbst erbaut,

sondern dann lebt er ganz für die Brüder und sieht seine Pflicht darin, daß er

sie unterweise. Wenn ihm darum die Gelegenheit, zur Gemeinde in verständlichen,

für sie nützlichen Worten zu sprechen, aufs kleinste Maß beschränkt

wäre, während er mit der Zunge ohne Beschränkung reden dürfte, so wüßte

er, was er wählte. Er würde das sagen, was er in den Verstand und das Gedächtnis

der Hörer hineinlegen kann, ihnen zu einem bleibenden Besitz. Zur

übermäßigen Pflege der Zungenrede waren die Korinther auch deshalb gekommen,

weil jeder von ihnen gern bei der Versammlung tätig mitwirken und auch

einen Beitrag zu ihr geben wollte. Sie hatten das Wort sicher, wenn sie mit der

Zunge sprachen. So sind sie aber nicht auf dem rechten Weg. Es soll ihnen mehr

gelten, auch nur den kleinsten Beitrag zur Versammlung in verständigen Worten

zu geben, als daß sie diese für die anderen durch ihr Gebet unfruchtbar

machen.

14,20: Brüder, seid nicht Kinder an der Vernunft, sondern an der Bosheit

seid Kinder; an der Vernunft aber werdet vollkommen. Es ist ein kindisches

Benehmen, wenn sich jeder vordrängt: Ich will auch beten! und jeder den anderen

zeigen will, daß der Geist auch ihn erfülle, obwohl er ihnen nichts zu

sagen hat. Nur ein Gebiet gibt es, auf dem Paulus für sie kindliche Unerfah-


150 Die Vorschriften für die, die mit Zungen reder.

renheit wünscht, nämlich in allem, was schlecht ist. Da ist es für sie ein Gewinn

und Ruhm, wenn sie darin so unwissend und dazu so wenig brauchbar und

chtig sind wie ein Kind. Dagegen haben sie dann die reife, volle Manneskraft

zu bewähren, wenn sie mit ihrem Verstand die Lage aufzufassen haben, in der

sie stehen, und begreifen sollen, was diese von ihnen als ihre Pflicht verlangt.

14,21.22: Im Gesetz ist geschrieben: Durch solche, die eine fremde Zunge

haben, und durch die Lippen fremder werde ich zu diesem Volk reden, und

auch so werden sie nicht auf mich hören, sagt der Herr (Jesaja 28,11-12). Die

Zungen sind also ein Zeichen nicht für den Glaubenden, sondern für die Ungläubigen,

die Weissagung dagegen nicht für die Ungläubigen, sondern für

die Glaubenden. Sowohl die Zunge als die Weissagung sind ein Zeichen, weil

es bei beiden deutlich ist, daß Gott hier im Menschen wirkt und nicht der

Mensch allein redet, sondern das, was er erlebt und sagt, von Gott empfangen

hat. Dadurch macht sich Gott in seiner Gegenwart und wirksamen Gnade allen

offenbar. Allein die beiden Zeichen stehen einander nicht gleich, sondern die

Weissagung ist das höhere Zeichen. Denn durch die Zunge, die niemand versteht,

zeigt Gott, wie er mit dem Unglauben handelt, dem er sein Wort nimmt;

durch die Weissagung aber, die uns den Willen Gottes so sagt, daß wir ihn verstehen,

zeigt er, was er den Glaubenden tut, denen er sein Wort gibt, daß sie

ihn erkennen. Solange uns das, was Gottes Geist wirkt und sagt, verborgen

bleibt und uns nur als ein Geheimnis erscheint, kann in uns der Glaube nicht

entstehen. Diesen gibt uns Gott dadurch, daß er uns sein Wort verständlich

macht, so daß es in uns eingeht, in seiner Wahrheit sich uns bezeugt und unser

Wissen und Wollen Gott unterwirft. Deshalb schafft zwar die Weissagung

Glauben, weil sie uns Gottes Werk verständlich macht, die Zunge dagegen

nicht, weil der, der sie hört, nichts durch sie empfängt, was er verstehen

könnte. Aber auch dann, wenn das, was Gott sagt und tut, für uns bloß ein

undurchdringliches Geheimnis bleibt, hört es nicht auf, ein Zeichen zu sein,

das die gottlosen Gedanken widerlegt und denen, die in ihrem eigenen Leben

von Gott nichts merken, zeigt, daß sie nur deshalb von Gott verlassen sind,

weil sie ihm nicht glauben. So hat auch Jesaja Gottes Regierung beschrieben.

Zuerst gab er dem Volk den Propheten, der mit seinem allen verständlichen

Wort ihnen zeigte, wie sie Gott zu gehorchen haben. Weil er aber umsonst

sprach oind das Volk dieses Zeichen verachtete, das sie zum Glauben führen

konnte, wird ihnen nun ein anderes Zeichen gegeben; nun sendet ihnen Gott

solche, die sie nicht mehr verstehen, durch die er in einer für sie fremden Zunge

mit ihnen spricht. Aber auch diese fremden Worte befreien sie von ihrem Unglauben

nicht, sondern machen ihn nur offenbar und zeigen, daß sich Gott vor


Der frühere Brief an die Korinther 14,21-25 151

ihnen verbirgt und sein "Wort vor ihnen verhüllt. Es ist aber für die ganze Gemeinde

und besonders für die, die das Verlangen haben, Gott in besonderer

Weise zu dienen, ein höheres Ziel, daß sie Gott dann dienen, wenn er Glauben

schafft, als dann, wenn er dem Unglauben zeigt, daß er von ihm geschieden ist.

Auch jenes muß dann geschehen, wenn Gottes Befehl seine Knechte dazu beruft.

Es bildet aber nicht ihr einziges und nicht ihr höchstes Amt.

14,23-25: Wenn nun die ganze Gemeinde zusammenkommt und alle mit

Zungen reden, aber Unkundige oder Ungläubige eintreten, werden sie nicht

sagen: Ihr seid verrückt? Wenn aber alle weissagen, aber ein Ungläubiger oder

Unkundiger eintritt, so wird ihm von allen seine Sünde vorgehalten; von allen

wird er erforscht; was in seinem Herzen verborgen ist, wird offenbar, und so

wird er auf sein Antlitz fallen, Gott anbeten und verkünden, daß Gott wahrhaftig

in euch ist. Die Zungen und die Weissagung machen auf die, die der Gemeinde

noch fernstehen, einen völlig verschiedenen Eindruck, und an diesem

wird sichtbar, daß sie nicht auf derselben Stufe stehen, sondern daß nur die

Weissagung Gott so bezeugt, wie er an den Glaubenden handelt. Ein Fremder,

der in die Versammlung kommt, kann noch unkundig sein, weil er von Jesus

überhaupt noch nichts gehört hat, oder er ist schon ungläubig, weil ihm sein

Wort zwar gesagt, aber von ihm abgewiesen worden ist. Weder dem einen noch

dem anderen können die Zungen das geben, was er braucht, auch dann nicht,

wenn sie der Gemeinde noch in viel reicherem Maße gegeben wären als jetzt,

wenn alle sie hätten, nicht nur einige. Dann wäre vollends der Eindruck einer

solchen Versammlung auf die Fremden nur ein abstoßender. Der Zugang zu

Christus wäre ihnen dadurch nicht ermöglicht, sondern vielleicht für immer

verwehrt. Weil sie die Christen zwar irgend etwas sagen hören, aber nichts verstehen

und wohl sehen, daß sie bei sich selbst starke Bewegungen der Seele erleben,

doch ohne daß sie denen, die zu ihnen kommen, etwas zu sagen vermöchten,

so würden sie bei ihnen Wahnsinn vermuten, und ob sie nun unwissend

oder auch unwillig seien, beide würfen das Christentum weg. Wenn

die Gemeinde nichts anderes zu bieten hätte, so wäre sie also bloß ein Zeichen

von jener Art, von der Jesaja sprach, eine solche Erweisung Gottes, die den

Ungläubigen zeigt, daß sie nicht zu Gott kommen können. Das Höchste geschieht

so vor ihren Augen, weil Gottes Geist bei den Menschen einkehrt und

sie mit der Anbetung Gottes erfüllt; sie aber sehen darin Verrücktheit und

nichts mehr. So diente die Gemeinde nicht der Gnade Gottes als Werkzeug und

wäre nicht für die, die ihm noch ferne sind, ein Zeichen, daß Gott auch sie zu

sich beruft. Dieses verschafft dagegen der Prophet sowohl den Unwissenden als

den Ungläubigen. Deshalb entsteht aus der Mehrung der prophetischen Gabe


Die Vorschriften für die, die mit Zungen reden

für die Gemeinde keine Gefahr. Es wäre im Gegenteil für ihre Arbeit eine herrliche

Stärkung, wenn alle ihre Glieder das prophetische Wort empfingen. Dann

hätten sie alle den eindringenden Blick in das Herz derer, die zu ihnen kommen,

und könnten ihnen das Bußwort so sagen, daß es sie trifft und ihnen ihre

Sünde enthüllt und ihnen dadurch zeigt, daß sie hier wirklich Gott begegneten.

Daraus entständen nicht wie bei den Zungen lästerliche Worte, sondern sie

brächten Gott das Bekenntnis dar, daß er in der Gemeinde gegenwärtig sei,

weil er sie so mit seinem Wort ausrüstet, daß es den Menschen von seiner Sünde

überführt, ihn von ihr befreit und in seine Gnade stellt.

14,26: Wie steht es nun, Brüder? Wenn ihn zusammenkommt, so hat jeder

einen Psalm, er hat Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zunge, er hat

Auslegung; alles geschehe zur Erbauung. Keiner braucht leer zu kommen; für

jeden hat die Versammlung Raum, daß er seine Gabe für sie fruchtbar mache.

Dazu gibt es aber nicht nur einen einzigen Weg, so daß jeder in derselben Weise

am Aufbau der Gemeinde mitarbeitete. Die Mittel sind hier mannigfach; denn

außer der Zunge und noch mehr als sie dient auch das Lied, das Gott preist,

und die Lehre, die Gottes Willen erkennbar macht, und das prophetische Wort,

das auf einer besonderen Erleuchtung beruht, der Förderung der Gemeinde mit

wirksamer Kraft. Ihr zu dienen, das ist der eine Zweck, dem hier alles untergeben

bleiben muß. Hier hat keiner nur an sich selbst zu denken und nur seine

eigene Erbauung zu suchen, noch weniger seinen Ehrgeiz zu befriedigen; alles,

was in der Gemeinde gesagt und getan wird, geschieht für sie.

14,27.28: Redet einer mit der Zunge, so seien es zwei oder höchstens drei

und nacheinander und einer lege es aus. Wenn aber kein Ausleger vorhanden

ist, so schweige er in der Gemeinde, rede aber für sich und für Gott. Bei den

Zungen wehrt Paulus dem Übermaß, weil ihnen die anderen zunächst nur untätig

zuhören, und er sorgt dadurch für die Ordnung, daß er nicht zuläßt, daß

mehrere gleichzeitig reden. Sowie eine solche Unordnung einreißt, wird offenbar,

daß die Redenden bloß für sich selbst reden, nicht mehr für die anderen.

Sodann wird den Zungen nur dann in der Versammlung Raum gewährt, wenn

ihr nachher gesagt werden kann, was die Betenden bewegt hat und worüber sie

mit Gott redeten. Diese Weisungen zeigen deutlich, daß das Reden, von dem

hier Paulus spricht, von bewußtlosen oder krankhaften Zuständen ganz verschieden

ist. Denen, die an solchen leiden, kann man nicht sagen, sie sollen still

sein, weil bei ihnen der Schrei gewaltsam ohne ihr Wissen und Wollen hervorbricht.

Die, die der Geist bewegt, erhalten durch ihn die Herrschaft über sich

selbst und haben es in ihrer Macht, sich der Rede dann zu enthalten, wenn sie

niemand nützt. Dann bleibt sie ihrem eigenen persönlichen Umgang mit Gott


Der frühere Brief an die Korinther 14,26-33 153

vorbehalten und verliert dadurch für die, die an ihr nicht ihre Eitelkeit zu nähren

suchen, nichts von ihrem "Wert.

14,29: Propheten sollen aber zwei oder drei reden und die anderen darüber

entscheiden. Weil der Prophet im Namen Gottes spricht, so verlangt er für sein

"Wort den ganzen Gehorsam. Das entbindet aber die Gemeinde nicht von ihrer

Pflicht, es zu prüfen; durch eine blinde Unterwerfung unter die Propheten gäbe

sie ihr Christenrecht preis und brächte sich in große Gefahr. Reden die Propheten

im Geist Gottes, so haben ihn die anderen auch, und sie sind gerade deshalb,

weil sie für Gott zum ganzen Gehorsam bereit sind, besonders verpflichtet, zur

Gewißheit zu kommen, daß das, was ihnen die Propheten sagen, ihnen von

Gottes Geist gegeben sei. Zu diesem Urteil sind zunächst die berufen, die auch

die prophetische Gabe haben.Durch ihre Zustimmung wird das, was die Redenden

sagen, für alle bestätigt und die Einmischung menschlicher Absichten und

Gedanken nach Kräften abgewehrt.

i4,$o-}$:Wenn aber einem anderen, der sitzt, eineOffenbarung zuteil wird,

so schweige der erste. Denn ihr könnt alle nacheinander weissagen, damit alle

lernen und alle ermahnt werden, und die Geister der Propheten unterwerfen

sich den Propheten; denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des

Friedens wie in allen Gemeinden der Heiligen. Bei den Propheten sorgt Paulus

anders als bei den Zungen dafür, daß alle zum Wort kommen, weil ihr Wort,

je reicher und mannigfaltiger es wird, um so sicherer allen das gewahrt, was

ihnen heilsam ist. Da von ihnen nicht nur Gottes große Regierung, die den

ganzen Weltlauf umfaßt, besprochen, sondern seine Weisung auch für besondere

Anliegen und einzelne Personen verkündigt wird, so konnte es dabei auch

zu bewegten Besprechungen kommen. Es ist möglich, daß einem anderen als

dem, der eben spricht, neu und vollständiger gezeigt wird, was in diesem Fall

Gottes Wille sei. Auch dann dringt Paulus darauf, daß jede Unordnung vermieden

werde, wie sie eben dadurch entstände, daß nun gleichzeitig mehrere

weissagten. Er läßt den Einwand nicht zu, daß der, den der Geist treibe, notwendig

sprechen müsse. Denn er heißt es unmöglich, daß Gottes Geist die, durch

die er spricht, miteinander entzweie und unfolgsam gegeneinander mache. Die

Propheten gehen im Gehorsam gegen das prophetische Wort den anderen voran,

auch dann, wenn dieses nicht ihnen selbst,'sondern einem anderen Bruder

gegeben wird. Das beruht auf Gottes klarem Willen, weil er sich immer als den

bewährt, der nicht Zwietracht und Unordnung, sondern Frieden schafft. Dies

ist auch durch die Erfahrung aller Gemeinden bestätigt. Nirgends nötigt der

Geist Gottes die, die er gebraucht, dazu, daß sie einander widersprechen und

sich in der Ausrichtung ihrer Sendung hindern. Wenn solches in Korinth ge-


154 Die Vorschriften für die, die mit Zungen reden

schähe, so wichen sie von der bei allen 'erprobten Erfahrung ab, und dies wäre

Grund genug, gegen eine solche Weissagung mißtrauisch zu sein.

14,34.35: Die Frauen sollen in den Versammlungen der Gemeinde schweigen.

Denn es wird ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterwerfen,

wie auch das Gesetz sagt. Wenn sie aber etwas lernen wollen, sollen

sie daheim die eigenen Männer fragen; denn es ist für eine Frau schimpflich, in

der Versammlung zu reden. Bei der großen, zuversichtlichen Freiheit, an der

damals die Versammlungen der Christenheit ihr Merkmal hatten, durch die

alle in der Gemeinde vorhandenen Kräfte für sie verwendet wurden, stellte

sich auch die Frage ein, ob diese Freiheit der Frau in derselben Weise gelte wie

dem Manne. Auch in diesem Punkt wie in vielen anderen mußte sich die Gemeinde

ihren Weg erst suchen und selbständig erkennen, was bei ihr Sitte werden

soll. Schon durch das, was Paulus in Kapitel 11 über das Benehmen der

Frau beim Gebet gesagt hat, wissen wir, daß er der Gleichstellung der beiden

Geschlechter widerspricht. Die Grenze, die durch die Natur zwischen ihnen gestiftet

ist, soll in der Christenheit unverletzt bleiben. Das wird dadurch erreicht,

daß der Frau in den Versammlungen das Wort nicht gestattet wird. In

Kapitel 11 hat Paulus dies noch nicht gesagt, weil er dort nicht vom Recht

sprach, das den Frauen bei den Versammlungen zukomme, sondern davon, wie

sie sich beim Gebet oder beim Weissagen vor Gott verhalten. Das Weissagen

war nicht notwendig an die Versammlung gebunden, und die Art, wie die

Frau sich beim Gebet benimmt, bildet vollends eine Sache für sich, mit der die

Frage, ob auch sie sprechen soll, nicht zusammenfällt. Paulus hat nicht gesagt,

daß keine Frau einen prophetischen Beruf erhalten könne. Hat sie in Gottes

besonderem Auftrag ein göttliches Wort zu sagen, so kann sie das aber auch in

anderer Weise tun als durch eine öffentliche Rede. Nachdem aber Paulus in

Kapitel 11 gesagt hat, auch in ihren höchsten geistlichen Fähigkeiten, wenn sie

betet oder weissagt, habe sich die Frau als Frau zu benehmen, so daß sie sich

dem Mann nie gleichmachen und ihre Verbindung mit ihm nie abstreifen oder

vergessen kann, so verstehen wir auch leicht, daß er es als schimpflich für eine

Frau empfand, wenn sie in den Versammlungen vor den Männern und an ihrer

Statt zu reden begehrt. Auch so tut sie, als sei sie keine Frau, sondern ein Mann.

Ihrem Verlangen nach Erkenntnis leistet Paulus mit Freuden jede Hilfe; dazu

aber, daß sie zu einer klaren und tiefen Erkenntnis des göttlichen Worts gelange,

ist es nicht das einzige Mittel, daß sie öffentlich in den Versammlungen Fragen

stelle oder Reden halte. Sie bespreche vielmehr das, worüber sie Aufschluß begehrt,mit

ihremMann.Er ist der nächste, der ihr in allen Anliegen ihres inneren

Lebens, auch in ihrem Verlangen nach Gottes Erkenntnis, zu helfen hat.


Der frühere Brief an die Korinther 14,34-40 15 5

14,36: Oder ging das Wort Gottes von euch aus, oder kam es einzig zu euch?

Auch bei der Frauenfrage war es wichtig, daß nicht eine einzelne Gemeinde

eigenmächtig tat, was ihr recht schien, sondern jede die Eintracht mit den übrigen

Gemeinden bewahrte und zur Bildung einer allgemeinen, überall gültigen

Sitte der Christenheit mithalf. Die Korinther könnten sich dann mit einigem

Schein weigern, auf andere Rücksicht zu nehmen, wenn sie die erste Gemeinde

wären, von der die anderen alle das Evangelium erhielten, oder wenn sie die

einzige Gemeinde wären. Nun aber, da sie weder die erste noch die einzige Gemeinde

sind, gilt das, was die anderen Gemeinden als recht und schicklich beobachten,

auch für sie.

14,37.38: Wenn jemand meint, er sei Prophet oder vom Geist geleitet, so

erkenne er an dem, was ich euch schreibe, daß es das Gebot des Herrn ist.Wenn

es aber jemand nicht begreift, so begreife er es nicht. Zum Schluß wendet sich

Paulus wieder an die, die bereit sind, ihm zu widersprechen. Jetzt haben die,

die als Propheten in Gottes Auftrag sprechen oder sonst eine besondere Erleuchtung

durch den Geist sich zuschreiben, die Gelegenheit, zu erweisen, daß

wirklich Gottes Geist ihr Auge hell und ihr Urteil sicher macht. Dadurch bewähren

sie das, daß sie in den Worten des Paulus Gottes Gebot erkennen.

Denen aber, die ihm widersprechen, kann er ihren Unverstand nicht nehmen,

kann und will auch nicht weiter mit ihnen streiten. Sie müssen selber sehen,

wohin sie ihr Unverstand führt*.

14,39.40: Also, meine Brüder, trachtet nach dem Weissagen, und verhindert

das Reden mit den Zungen nicht. Alles aber geschehe mit Anstand und in

Ordnung. In diesem Schlußsatz faßt Paulus nochmals alles zusammen, was er

der Gemeinde ans Herz gelegt hat, die Wertschätzung des prophetischen Worts,

die Zurückhaltung gegenüber dem Reden mit Zungen Und die Unterordnung

aller Bestrebungen unter die eine beständig gültige Sorge, daß der Gemeinde

durch alles gedient und sie gegen jeden Schaden geschützt werde.

Kapitel 15

Die Antwort auf die Bestreitung der Auferstehung

An den Schluß seines Briefs hat Paulus die Besprechung über einen der Gedanken

gestellt, mit denen sich die neue Weisheit der Korinther beschäftigte.

Nur einen einzigen ihrer Lehrsätze bringt er zur Erörterung, da er vor allem

* Die letzten Worte sind auch so überliefert: „Wenn aber einer nicht darauf achtet, so wird auf

ihn nicht geachtet." Damit wäre gesagt, daß der, der das Gebot des Apostels unbeachtet läßt, nicht

erwarten darf, daß ihn der Herr als Glaubenden anerkenne.


156 Die Antwort auf die Bestreitung der Auferstehung

danach strebt, daß ihr Verlangen nach der Erkenntnis ihnen den Bück in die

Ziele der göttlichen Gnade nicht fälsche und seinen rechten Platz in ihrem inwendigen

Leben bekomme. Darum geht er ihre besonderen Meinungen und

Lehren nicht mit ihnen durch; sie haben für ihr Verhältnis zu Gott nicht die

entscheidende Bedeutung. Anders urteilt er aber über solche Sätze, die das

Evangelium angreifen und das bestreiten, was Gott an Christus nach dem

Zeugnis seiner Boten getan hat. Wenn sich ihre Weisheit am Werk Gottes vergreift

und dieses bestreitet, dann erhält sie freilich Wichtigkeit, weil sie damit

ihren Glaubensstand und ihr Verhältnis zu Jesus in seinem Fundament berührt.

Mit der Verkündigung Jesu war die Verheißung der Auferstehung für alle

verbunden, die unter seiner gnädigen Herrschaft stehen. Diese widerspricht

aber dem, was uns beim Ausgang des menschlichen Lebens die Erfahrung zeigt.

Die Natur bereitet uns das Sterben und zeigt uns keine Mittel und Wege, wie

wir auferstehen könnten. Darum war der Gedanke an eine Auferstehung sowohl

in Jerusalem als bei den Griechen für viele eine schwere Sache, weil sie

gewohnt waren, ihre Vorstellungen über das menschliche Leben nach dem,zu

bilden, was uns die Natur sichtbar macht. In Korinth blieb es nun nicht bloß

beim inneren Sträuben, das sich gegen den Gedanken an eine Auferstehung

wehrt, so daß sie zweifelnd zwischen dem apostolischen Wort und dem natürlichen

Eindruck hin und her schwankten; sondern im Zusammenhang mit ihrem

Eifer für die Weisheit schritten einige über den Zweifel hinaus zum Beschluß,

daß es eine Auferstehung für die Toten nicht geben könne. Was sie nun über

sie sagten, ob sie unser Leben mit dem Tode enden ließen oder den Seelen Unsterblichkeit

zuschrieben, das ergibt sich aus der Antwort, die Paulus ihnen

gibt, nicht. Nur das ist sichtbar, daß ihre Hoffnung wie die der ganzen Christenheit

darauf gerichtet war, daß Christus wiederkomme und auf der Erde

sein Reich aufrichte. So führt er die Lebenden zur Herrlichkeit. Das genügte

ihrer eigensüchtigen Denkweise, die nur auf das eigene Heil bedacht war. Sie

hofften von sich, daß der Tod sie nicht anrühre; für die dagegen, die gestorben

waren, hielten sie die Hoffnung nicht fest. Das stand mit ihren anderen Abweichungen

vom Wort des Paulus in Übereinstimmung, gegen die der Brief

in seinen früheren Teilen gesprochen hat. Wenn sie den Verkehr mit der Dirne

verteidigten, die Ehe verwarfen, die Arbeit, wie Paulus sie betrieb, für unwürdig

erklärten, die Frau dem Manne gleichmachten, keinen Wert darauf

legten, daß auch der Verstand in ihrem Gebet und Wort eine fruchtbare Arbeit

Reiste, und die Erkenntnis feierten, während ihnen die Liebe fehlte, so machten

sie mit all dem ihre Mißachtung des Leibes sichtbar und wandten sich vom


Der frühere Brief an die Korinther 15,1.2 *57

natürlichen Leben, das an unseren Leib gebunden ist, ab. Deshalb mußte es

ihnen als eine Last erscheinen, daß Jesus dem Leibe die Auferstehung verhieß

und seine Erneuerung in das Werk der göttlichen Gnade einschloß, und sie

gaben gern den Einreden Gehör, mit denen in der griechischen "Welt die Hoffnung

auf die Auferstehung bekämpft worden ist.

Die Antwort des Paulus gibt uns ein Beispiel für das, was er die „"Weisheit"

genannt hat, die er den Vollkommenen bringe, 2,6. Dieses lehrhafte Kapitel

ist nicht weniger erhaben und vorbildlich als seine seelsorgerlichen Unterweisungen

und trägt in besonderem Maß dazu bei, daß dieser Brief der Kirche

deutlich und vollständig zeigt, wie sie in ihrer Arbeit in Übereinstimmung mit

Paulus bleibt, auch in ihrer Lehrarbeit.

Kapitel 15,1-11

Der Beweis für Jesu Auferstehung

15,1.2: Ich mache euch aber, Brüder, die gute Botschaft bekannt, daß ich euch

gesagt habe, die ihr auch annahmt, durch die ihr auch steht, durch die ihr auch

gerettet werdet, mit welchem Wort ich euch die gute Botschaft sagte, wofern

ihr es behaltet, es müßte denn sein, ihr hättet ohne Grund geglaubt. Schon dieser

Eingang zeigt, daß nach dem Urteil des Paulus der Angriff auf die Auferstehung

gegen das Fundament der Gemeinde gerichtet ist. Denn damit sie in

dieser Sache ein klares Urteil haben, muß er ihnen nochmals die heilsame Botschaft

Gottes sagen. Ihre Einrede richtet sich gegen dasjenige "Werk Gottes,

durch das er ihr Heil gewirkt hat und mit dessen Verkündigung er sie zu sich

berufen hat. "Weil sie diese angenommen haben, deshalb haben sie ihren festen,

sicheren Stand erlangt, während sie, wenn ihnen die Botschaft des Apostels

wieder verlorenginge, fielen. Durch sie haben sie die Errettung, die sie vor

allem Bösen und allen seinen Folgen bewahrt und ihnen zum ewigen Leben

verhilft. Verlören sie sie, so wäre ihnen die Errettung geraubt. Zu diesem Ziel

hilft ihnen die Botschaft des Apostels dann, wenn sie sie bewahren, und darum,

ob sie sie bewahren, handelt es sich bei dem Streit, über den Paulus jetzt zu

sprechen hat. Sie ist aber wirklich eine Heilsbotschaft für sie und führt die, die

sie bewahren, sicher zur vollkommenen Errettung, so gewiß ihr Glaube nicht

ohne Grund entstanden ist. Sollte sie das "Wort, das ihnen gebracht ist, nicht

zum Heil führen, so müßte zuerst ihr Glaube als unbegründet und nichtig zerfallen.

Das fürchtet niemand, der wirklich glaubt; er weiß, daß der Glaube

festen Grund besitzt und sein Ziel sicher erlangt, weil uns Gott den auf ihn gerichteten

Glauben nicht umsonst gewährt.


15 8 Der Beweis für Jesu Auferstehung

15,3-8: Denn ich übergab euch vor allem, was ich auch empfing, daß Christus

für unsere Sünden starb in Übereinstimmung mit den Sprüchen der Schrift

und daß er begraben wurde und daß er am dritten Tage auf erweckt wurde in

Übereinstimmung mit den Sprüchen der Schrift und daß er von Kephas gesehen

wurde, dann von den Zwölf. Dann wurde er gleichzeitig von mehr als

fünfhundert Brüdern gesehen,von denen die meisten bis jetzt noch leben; einige

aber sind entschlafen. Dann wurde er von Jakobus gesehen, hernach von sämtlichen

Boten. Zuletzt aber von allen wurde er wie von einer unzeitigen Geburt

auch von mir gesehen. Auch jetzt stellt Paulus wie beim Abendmahl 11,23 fest,

daß hier nicht Dinge besprochen werden, die bloß von ihm selber stammten,

nicht Vermutungen oder Theorien, die er selber entworfen habe; sondern er

hat das, was er den Korinthern gab, empfangen und gab es ihnen so, wie er es

empfing. Die Botschaft, die er ihnen zu sagen hatte, machte sie mit dem bekannt,

was mit dem Christus geschehen war, mit dem, den Gott zum Schöpfer

und Herrn der ewigen Gemeinde machte, und hierbei war das erste, daß der

Christus starb. Das ist deshalb eine Heilsbotschaft für sie, weil er für ihre Sünden

starb. Sie berührt somit die Korinther aufs tiefste; denn deshalb gibt sie

ihnen den festen, aufrechten Stand vor Gott und die ewige Errettung. Weil

Christus für ihre Sünden starb, darum verderben sie diese nicht, sondern sie

sind von ihrer Schuld und Strafe frei. Eine solche Botschaft ist so groß, daß sie

einer Bewährung bedarf, und sie bekommt sie dadurch, daß sie mit dem übereinstimmt,

was bestimmte, deutliche Worte der Schrift zum Amt dessen rechneten,

den Gott als den König seiner Gemeinde senden wird.

Weiter hat ihnen Paulus berichtet, daß Christus begraben ward. Damit ist

ihnen sowohl die Wahrheit und Vollständigkeit seines Todes bezeugt als auch

bereits vorbereitet, daß ihn Gott zu neuem Leben erweckt. Sein Leib blieb nicht

am Kreuz, verschwand auch nicht, ohne daß man wußte, wo er blieb, sondern

er bekam sein Grab. In diesem lag er einen Tag; am dritten, von seinem Todestag

aus gezählt, wurde er wieder erweckt, und auch dies hat seine Bewährung

darin, daß die prophetischen Worte dadurch erfüllt worden sind.

Der Bericht über das Ende Jesu, den diese kurzen Worte enthalten, ist mit

der evangelischen Erzählung einstimmig. Jesus trägt das Kreuz, um der Gemeinde

die Vergebung der Sünden zu verschaffen. Darin bewährt er seinen

Gehorsam gegen das, was ihm die Schrift als sein Amt zuteilt. Er hat nicht vor

seinem Tod eine wunderbare Hilfe Gottes erlebt, sondern sein Leben endet am

Kreuz. Gleich nachher wurde er von diesem abgenommen und in sein Grab

gelegt, worauf er nach dem Ablauf eines Tages sein neues, verklärtes Leben

beginnt. Wieviel Zeit zwischen seiner Auferstehung und seiner ersten Erschei-


Der frühere Brief an die Korinther 15,3-8 159

nung liege, darüber hält Paulus keine Bemerkung für nötig. Nichts unterstützt

den Gedanken, er habe zwischen beide Ereignisse eine längere Zeit gesetzt. Da

nach Paulus Jesu Kreuz und Grab unzweifelhaft nach Jerusalem gehören, so

haben wir anzunehmen, daß auch sein Osterbericht damit begann, daß Jesus

zuerst in Jerusalem seinen Jüngern sichtbar ward.

Gewißheit über Jesu Auferstehung erhielten seine Jünger dadurch, daß er

sich ihnen zeigte, und Paulus nennt nun die Zeugen, auf deren Erlebnis und

Bericht die Sicherheit des Osterworts beruht. Voran steht Petrus, dann folgen

die vereinigten Zwölf. Auch hier stimmen der Bericht des Paulus und derjenige

der Evangelien in wichtigen Hauptpunkten zusammen. Nach beiden war bei

den Ereignissen der Ostertage dies die wichtige Hauptsache, daß die Jünger

Jesus sahen, nicht neue Offenbarungen, weder Lehren noch Vorschriften, die

ihre Arbeit ordneten, noch Gesichte, die ihnen irgendwie die himmlische Welt

aufschlössen, sondern einfach seine Bezeugung, durch die er sich ihnen als

lebend erwies und seine Gemeinschaft mit ihnen bestätigte und dadurch für

immer fest machte. Nach beiden Berichten stehen sodann diese Erlebnisse mit

dem Apostelamt der von ihm erwähnten Zwölf in Verbindung. Jesus erscheint

nicht den Regenten Israels, zuerst auch nicht anderen, die ihm Glauben erwiesen

hatten, sondern denen, denen er die Sendung als seinen Boten gab.

Darum erhalten sie seine Erscheinung auch nicht einzeln zu verschiedenen Zeiten,

sondern vereint. Wie oft er den Zwölfen erschien, sagt Paulus nicht. Er

zählt nicht die Erscheinungen, sondern die Männer, auf deren Bericht die Gewißheit

der Christenheit beruht. Darum erwähnt er auch die Frauen nicht,

mit deren Erlebnissen in den Evangelien die Ostergeschichte beginnt. Denn

nicht auf ihrem Zeugnis, sondern auf dem der Jünger beruht die die Christenheit

begründende Predigt. Sie ist aber nicht einzig auf das Erlebnis der Zwölf

gestellt, sondern außer ihnen hat noch eine große Brüderschar gleichzeitig den

Herrn gesehen. Es gab also in der Kirche, zunächst wohl in der Palästinas,

viele, die die Auferstehung Jesu mit der Sicherheit vertraten, die das eigene

Erlebnis gibt. Von dieser Versammlung sprechen die Evangelien nicht, die nur

berichten, wie die Apostel über Jesu Auferstehung gewiß geworden sind. Da

diese große Versammlung schwerlich in Jerusalem stattgefunden hat, die Auferstehung

Jesu dagegen in Jerusalem geschah, so hat der Osterbericht des Paulus

ähnlich wie der des Matthäus und Johannes sowohl Erscheinungen Jesu in

Jerusalem als solche in Galiläa erzählt. Die Zahl derer, die auf Grund ihres

eigenen Schauens vom neuen Leben Jesu reden konnten, wird noch dadurch

erweitert, daß auch der Bruder Jesu, Jakobus, ihn sah. Daß er von nun an mit

ähnlichem Ansehen wie die Apostel die Gemeinde von Jerusalem leitete, be-


loo

Der Beweis für Jesu Auferstehung

ruhte somit nicht auf ihrem eigenen Willen, sondern war durch Jesus herbeigeführt

dadurch, daß er auch ihn zum Zeugen seiner Herrlichkeit machte.

Darauf folgt noch eine Erscheinung Jesu vor allen, denen er die Sendung als

seine Boten gab. Da hier Paulus nicht mehr wie zuerst von den Zwölf redet,

denkt er hier deutlich an eine größere Schar. Wir werden an jene Männer zu

denken haben, von denen der Anfang der Apostelgeschichte erzählt, daß sie

sahen, wie Jesus von ihnen schied, und darauf in Jerusalem auf den Pfingsttag

warteten.

Damit war der Verkehr des Auferstandenen mit seinen Jüngern zu Ende.

Die Evangelien und Paulus sagen einstimmig, daß derselbe eine bestimmte Zeit

umfaßt habe. Nie hat die Ostergeschichte so gelautet, daß sich Jesus irgendwo,

etwa auch in Antiochia oder in Korinth, jemand geoffenbart habe. Nie wurde

jemand verheißen, wenn er in die Kirche trat, auch er könne vielleicht Jesus

schauen, schon vor seiner Wiederkunft. Bei allen, die die Ostergeschichte erzählten,

war sie also deutlich von jenen Erscheinungen unterschieden, bei denen

sich mit dem prophetischen Vorgang auch ein visionärer Anblick Jesu verband.

Niemand hat bezweifelt, daß es solche Offenbarungen Jesu an allen

Orten und zu jeder Zeit geben könne. Aber mit der Ostergeschichte wurden

sie nie verglichen; denn diese gab denen, die an ihr teilhatten, einen Anblick

Jesu, der für sie die volle Sicherheit der Wahrnehmung besaß.

Einen einzigen fügt Paulus noch zu jenen hinzu, denen sich Jesus in jener

ersten Zeit geoffenbart hat, sich selbst. Auch für ihn hat Jesu Auferstehung die

Deutlichkeit und Gewißheit des eigenen Erlebnisses. Er kann nicht an ihr

zweifeln, weil niemand an dem zweifeln kann, was er sah. Darauf, daß ihm

Jesus seinen Anblick gab, beruht sein Apostelamt. Wer daher die Auferstehung

fraglich macht, der greift nicht nur Petrus und die anderen Jünger,

sondern auch Paulus an in dem, worauf sein ganzer Glaubensstand und seine

ganze Apostelarbeit begründet ist. Die besondere Art, die Jesu Begegnung

mit ihm selbst besaß, drückt er dadurch aus, daß er sich einer Frühgeburt

vergleicht, die nicht zur richtigen Zeit und darum am Tod vorbei nur mit

großer Gefahr und Mühe zum Leben kommt. Er denkt bed diesem Gleichnis

daran, daß seine Geburt zum Leben, das aus Gott ist, durch Jesu Offenbarung

bewirkt worden ist. Dabei ging es aber auf eine abnorme Weise zu, die seiner

Begegnung mit Jesus einen besonders wunderbaren Charakter gab, nicht bloß

deshalb, weil er beträchtlich später als die anderen den Christus noch sah, sondern

deshalb, weil ihm Jesus seinen Anblick dann gab, als er noch sein Verfolger

war, so daß dieser für ihn mit seiner Bekehrung zusammenfiel.

15,9.10: Denn ich bin der geringste unter den Boten, der ich nicht tüchtig


Der frühere Brief an die Korinther I5,g.io

l6l

bin, ein Bote genannt zu werden, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.

Ich bin aber durch die Gnade Gottes, was ich bin, und seine Gnade, die er

mir erwies, wurde nicht leer, sondern ich tat fnehr Arbeit als sie alle, doch

nicht ich, sondern mit mir Gottes Gnade. Die anderen waren so zu Jesu Boten

geworden, daß er sie am Anfang seiner Arbeit in seine Gemeinschaft nahm,

worauf sie ihn bis zum Kreuz begleiteten und er sich ihnen in seiner Auferstehungsgestalt

zeigte; Deshalb war es allerdings eine große Sache, daß Paulus

seine Sendung der der anderen gleichstellte, obwohl der erste Teil seines

Lebens nicht dem Herrn gehört hat, sondern von ihm dazu gebraucht worden

ist, ihn zu bekämpfen. Paulus hat nie gesagt, durch die Berufung, die ihm

Jesus gab, sei sein früherer Fall ein für allemal zugedeckt und verschwunden.

Gewiß, der Herr hat nicht nach seiner Sünde mit ihm gehandelt, sondern mit

vollkommener Vergebung das Alte aufgehoben und aus ihm das gemacht,

was seine Gnade ihm bereitete. Für sich selbst will und soll es Paulus jedoch

nicht vergessen, welche Verschuldung ihm vergeben ward und welche Größe

deshalb die Gnade hat, die ihm erwiesen ward. Darum fügt er seinen Namen

nicht ohne Einschränkung zu dem der anderen Apostel hinzu, nicht nur als

den letzten, sondern auch als den geringsten, weil der Apostelname für ihn zu

groß ist. Auch mit diesem Wort gab er denen, die in Korinth gegen ihn stritten,

recht, soweit er konnte. Zweifeln sie, ob er ein Apostel sei, so antwortet

er freilich: Ich bin's, 9,1, und läßt nicht zu, daß an Gottes "Werk ein Zweifel

gehängt und seinem Willen widerstrebt werde. Wenn sie aber auf seine Person

sehen und finden, er sei zum Apostelamt unfähig und könne sich nicht

neben Petrus und Johannes stellen, so widerspricht er ihnen nicht; im Gegenteil,

er ist noch viel tiefer als sie von der Erkenntnis durchdrungen, wie wunderbar

die ihm erwiesene Gnade ist.

Aber mit dem Schmerz, der die Erinnerung an seine frühere Sünde begleitet,

verbindet sich die dankbare Freude im Rückblick auf das, was seither geschehen

ist. Es war nicht umsonst, daß Gott ihm gnädig war, sondern, daraus

entstand eine reiche Frucht. Wenn er durch den Verlauf seiner Bekehrung unter

die anderen herabgesetzt ist, so ist er durch die Größe seiner Aufopferung

und Hingabe an Jesu Willen über sie emporgestellt. Es ging nach der Regel

Jesu, daß der, dem viel vergeben ward, eine große liebe empfängt, aus der

die große Anstrengung, die beständige Bereitschaft zur Arbeit und die furchtlose

Übernahme jedes Dienstes entsteht, mehr als bei denen, die zuerst berufen

sind. Er vergleicht nicht seinen Erfolg mit dem der anderen und wägt nicht

die Größe seiner Leistungen. Aus dieser machen sich nur Toren einen Ruhm;

denn sie hängt nicht nur vom Willen des Mcnsdica ab. Wohl aber vergleicht


IÓ2

Die Folgen des Zweifels an der Auferstehung

er die Last, die er trug, mit der der anderen und freut sich daran, daß es ihm

keiner in der rastlosen Mühe, mit der er Jesu Dienst betreibt, gleichgetan hat.

Aber alle Eitelkeit und Selbsterhöhung bleibt ihm fern. Das alles entstand ja

durch Gottes Gnade, die ihn zur Erkenntnis Jesu brachte und ihm die Liebe

gab, die keine Arbeit für ihn scheut.

15,11: Ob es nun ich sei oder jene, so verkündigen wir, und so habt ihr

geglaubt. Alle Boten Jesu richten dieselbe Botschaft aus, eben die, daß der

Christus gekreuzigt und auferweckt worden ist, und dieser Botschaft, nicht

irgendeinem anderen Grund, verdanken sie ihre Gewißheit Gottes, ihre Zuversicht

zu ihm, ihren Glaubensstand, der ihnen ihr ganzes christliches Denken,

Wollen und Handeln verschafft. Wenn sie den Gedanken an die Auferstehung

beiseite legen, so hat dies also weit um sich greifende Folgen. Sie setzen

sich nicht nur mit Paulus in Widerspruch, sondern mit allen Aposteln

und geben nicht nur einen einzelnen Gedanken auf, mit dem ihr Christenstand

nicht verändert würde, sondern legen das weg, worauf ihr Glaube steht.

Kapitel 15,12-19

Die Folgen des Zweifels an der Auferstehung

15,12.13: Wenn aber vom Christus verkündigt wird, daß er aus den Toten

erweckt ist, wie sagen bei euch einige: Eine Auferstehung Toter gibt es nicht?

Wenn es aber eine Auferstehung Toter nicht gibt, ist auch Christus nicht auferweckt.

Die Korinther disputierten über die Auferstehung mit jenem Leichtsinn,

der mit Gedanken spielt, die von der Wirklichkeit losgerissen sind, so

daß sie nicht mehr wußten, woher ihre Gedanken kamen, noch auch, was sie"

wert waren, was sie verloren, wenn sie sie preisgaben, und was sie besaßen,

wenn sie als gewisse Erkenntnis sie leiteten. Paulus läßt dieses blinde Spiet

nicht zu, sondern hält ihnen vor, was für ein Gewicht ihre Entscheidung hat.

Wenn sie es für unmöglich halten, daß Tote auferstehen, so trifft dieses Urteil

nidit nur den Ausgang ihres eigenen Lebens, nicht nur die Gemeinde oder

die Menschheit, sondern auch Jesus. Daran haben die Korinther schwerlich gedacht.

Das Evangelium galt ihnen als wahr und fest, und sie erheben gegen Jesu

Geschichte keine Einreden. Dagegen halten sie das für unmöglich, daß die, die

ins Grab sanken, wieder erwachen könnten. Damit verdecken sie sich aber,

was ihr Zweifel bedeutet. Er kann nicht an dieser Stelle stillhalten, sondern

führt sie notwendig dazu vorwärts, daß sie auch das für unmöglich erklären,

was mit Jesus geschehen ist. Was überhaupt unmöglich ist, ist es auch für ihn.

Wenn das, was der Tod anrichtet, unaufhebbar ist, wenn es gegen ihn keine


Der frühere Brief an die Korinther 15,11-15 163

Hilfe und keine Erneuerung gibt, weil die Natur dies nicht zuläßt oder Gottes

Wille und Vermögen uns dies nicht gewährt, so können sie hiervon nicht

Jesus ausnehmen, sondern müssen ihre angebliche Erkenntnis dadurch vollenden,

daß sie sagen, daß auch für ihn sein Kreuz das Ende war.

15,14.15: Wenn aber Christus nicht auf erweckt ist, dann ist also unsere

Verkündigung leer, leer auch euer Glaube; wir werden aber auch als falsche

Zeugen gegen Gott erfunden, weil wir gegen Gott das Zeugnis ablegten, daß

er den Christus auf erweckt habe, den er nicht auf erweckt hat, wofern ja Tote

nicht auf erweckt werden. Endet die Arbeit Jesu damit, daß er stirbt, so hat

die Botschaft der Apostel ihren Inhalt verloren. Paulus kann sich nicht denken,

was von seinem Wort nodi bliebe, wenn er nicht mehr sagen dürfte, daß

Jesus lebe. Er hat ihnen nicht eine Weisheit vorgetragen, die bloß aus Gedanken

bestände, aus denen man sich hübsche Gottes- und Sittenlehre bilden

kann, will ihnen auch nicht bloß eine alte Geschichte erzählen, die sich einmal

zugetragen habe, nun aber vergangen sei; sondern er verkündigt der Menschheit

ihren Herrn, durch den Gott sich ihr offenbart, sie begnadigt, regiert und

einst vollenden wird. Unseren Herrn haben wir an Jesus, wenn er lebt, nicht

dann, wenn sein Kreuz das Ende ist, sondern dann, wenn ihn Gott erweckt,

und verherrlicht hat. Müssen wir, dagegen Jesus zu den Toten rechnen, so

bleibt vom apostolischen Wort nichts. Hat aber dieses keinen Inhalt mehr,

dann gilt dasselbe vom Glauben, durch den wir es aufnehmen und in uns tragen.

Dieser gilt nicht uns selbst, nicht unserer eigenen Frömmigkeit, auch

nicht einem unbekannten Willen Gottes, der in dem, was geschehen ist, nicht

offenbar geworden wäre; sondern er gilt Jesus, vertraut seinem Ruf und

Wort, ist seiner Gegenwart gewiß, wartet auf seine Hilfe und gewinnt an ihm

jene Gewißheit, durch die wir mit ihm verbunden sind. Eine auf einen Toten

gegründete Zuversicht ist nichts und leer.

Ebenso verwandelt sich dadurch das Urteil über die Apostel in sein volles

Gegenteil. Wer ihrem Wort traut, gesteht ihnen zu, daß sie Zeugen seien, die

das, was geschehen und von ihnen gesehen ist, mitteilen. Nun sollen sie Unmögliches

verkündigen, was nicht geschehen sein kann. Den Vorwurf, der

darin liegt, empfand Paulus in seiner ganzen Schwere. Es wäre anders, wenn

er als Denker, Forscher und Dichter zur Menschheit spräche; von diesen gilt,

daß es menschlich sei zu irren und daß keiner mehr geben kann, als er selber

hat. Weil er aber wie alle Apostel als Zeuge spricht, so erhebt er den Anspruch,

daß sein Wort Wahrheit sei. Darum verlangt er auch für dasselbe Glauben.

Und dies tut er im Namen Gottes, mit der ausdrücklichen Berufung auf ihn,

dessen Werk die Auferweckung Jesu ist und nach dessen Befehl sie verkündigt


164 Die Folgen des Zweifels an der Auferstehung

wird. Für das Gewissen des Paulus wäre es ein schwerer Frevel, das als ein

göttliches "Werk zu bezeugen, was nur erfunden ist.

15,16.17: Denn wenn Tote nicht auf erweckt werden, so ist auch Christus

nicht auf erweckt worden. Wenn aber Christus nicht auf erweckt ist, dann ist

euer Glaube fruchtlos. Ihr seid noch in euren Sünden. Ein Glaube, der keinen

Inhalt hat, schafft auch keine "Wirkungen. "Wenn der nicht mehr da ist, an den

sich ihre Zuversicht hält, so kann er ihnen das nicht geben, was sie von ihm

erwarteten. Jetzt meinen sie, sie hätten in ihm die Versöhnung mit Gott und

es sei ihnen das abgenommen, was sie sich durch ihre Sünden bereiteten. Das

ist, wenn er tot ist, eine Einbildung. Dann hat sich dadurch, daß sie im Glauben

mit ihm verbunden sind, an ihnen nichts geändert, und ungebüßt und

unverzichen liegt auf ihnen ihre Schuld.

15,18.19: Also sind auch die, die im Christus entschliefen, umgekommen.

Wenn wir bloß in diesem Leben im Christus Hoffnung haben, so sind wir

mehr als alle Menschen, zu bemitleiden. Ist er selber tot, so gibt er niemand

Leben, und die, die in der Gemeinschaft mit ihm ihr Leben beschlossen, haben

dadurch nichts gewonnen und sind wie alle anderen tot. Aber nicht erst das

Sterben wird dann für uns dunkel, sondern auch das Leben. Nach dieser Meinung

gibt uns Jesus bloß eine Hoffnung, nicht mehr, nicht auch ihre Erfüllung,

und er gibt sie uns nur für dieses Leben, weil kein anderes folgt. So wird aus

dem Christcnleben ein trauriger Zustand. Es wird armseliger und trauriger,

als es diejenigen haben, die ihn nicht kennen oder ihm nicht glauben. Auch sie

kennen freilich nicht mehr als dieses Leben; aber sie begehren auch kein anderes.

Sie haben keine Hoffnung; aber es ist besser, keine zu haben, als rime

solche, die uns erfüllt und beherrscht und doch zerfällt. Die Hoffnung, die

am Christus entsteht, macht, daß wir denen gleichen, die nach dem Siegespreis

laufen und ihm alles nachsetzen. Der, der seine ganze Kraft an eine Hoffnung

setzt, die ihn täuscht, und ihretwegen auf alles verzichtet, alles leidet und seine

ganze Kraft auf dieses eine Gut wendet, das doch kein Gut ist, der ist des Mitleids

wert.

Paulus erwartet, daß die Korinther allen diesen Folgerungen einen "Widerspruch

entgegensetzen, der auf einer klaren Gewißheit beruht, und ihm sagen:

"Wir wissen, daß du kein falscher Zeuge bist und mit Gott nicht spielst, sondern

in Aufrichtigkeit vor Gott redest, und wir wissen, daß unser Glaube nicht

leer und fruchtlos ist, sondern uns zu Gott gebracht, uns von unseren Sünden

freigemacht und uns seinem Geist unterworfen hat, und wir wissen, daß wir

durch die Hoffnung, öxc uns Christus gab, nicht betrogen sind und nicht ins

Elend fallen, sondern nach dem ringen, was uns wirklich hilft und allein be-


Der frühere Brief an die Korinther 15,16-22 165

steht. So sollen sie auch dem, was sie wissen, mit allen ihren Gedanken Untertan

bleiben und auf keinen Zweifel hören, der ihrer Gewißheit widerspricht.

Kapitel 15,20-28

Christus der Überminder des Todes

15,20-22: Nun aber ist Christus aus den Toten auf erweckt worden als der

Erstling der Entschlafenen. Denn da der Tod durch einen Menschen kam,

kommt die Auferstehung der Toten auch durch einen Menschen. Denn wie

alle durch Adam sterben, so werden alle durch Christus auch lebendig gemacht

werden. Den Gedanken der Korinther hat Paulus nicht auch bloß Gedanken

entgegengesetzt und mit ihnen nicht über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit

der Auferstehung disputiert, sondern er stellt sie vor das, was durch das Ende

Jesu geschehen und von den Jüngern gesehen worden ist. Denn das, was Gott

wirklich macht, gibt uns die wahren Gedanken und zeigt uns, was möglich

und vernünftig ist. Die Frucht, die zuerst auf dem Feld reif wird und Gott gehört,

bleibt nicht allein, sondern ihr folgt die übrige Ernte, und sie wird dazu

Gott dargebracht, damit die ganze Ernte geheiligt sei und der Mensch sie nach

Gottes Willen und mit seinem Segen sammle und brauche. So ist die Auferweckung

Jesu nicht nur eine Gabe für ihn selbst und hebt seine Gemeinschaft

mit uns nicht auf, sondern in seinem Leben ward auch für uns das Leben offenbar,

nicht bloß so, daß er ein Beispiel wäre, wie Gott auch uns das ewige Leben

bereiten will und kann, sondern so, daß unsere Auferstehung an die seine

durch einen ursächlichen, wirksamen Zusammenhang gebunden ist. Er ist nicht

nur einer unter vielen Söhnen Gottes, an dem wir sehen, was Gott auch uns

gewährt, nicht nur ein Glied seiner Gemeinde, an dem die allgemeine Regel

sichtbar wird, nach der Gott uns alle regiert, sondern er ist der Christus, durch

den Gott seine Gemeinde herstellt und zu dessen Eigentum er sie macht. Darum

wird uns die Auferstehung deshalb zuteil, weil er auferstanden ist, als seine

Gabe, durch die er sein Christusamt an uns vollführt.

"Wie es zugeht bei der Gewährung des Lebens, erläutert Paulus an der

Weise, wie der Tod zu seiner Herrschaft über die Menschheit kam. In der

Ostergeschichte sehen wir an einem Menschen, der am Kreuz endete, das ewige

Leben offenbar werden. Darüber sollen wir uns aber nicht wundern, daß Gott

einen Menschen zum Mittler des Lebens für uns macht. Denn die Herrschaft

des Todes ist auch durch einen Menschen entstanden, der das Gesetz Gottes

brach und dadurch dem Tod verfiel. Bei beiden bestimmt das, was dem einen

geschah, das Los aller. Wir sollen darum nicht fragen, wieso das Leben da-


166 Christus der Überwinder des Todes

durch, daß Jesus es empfängt, auch für uns bereitet sei. Alle haben teil am

Tod, weil Adam starb; alle werden teil am Leben haben, weil Christus lebt.

Mit dem einen ist aller Los entschieden, aller Stellung vor Gott bestimmt.

Dort hat der erste Mensch, der der Vater der späteren ist, die Macht, daß sein

Tod den Tod aller zur Folge hat; hier hat der Christus, der Herr aller, die

Macht, daß sein Leben allen das Leben zeigt. Mit jenem-sind alle dadurch verbunden,

daß sie nach dem Lauf der Natur von ihm stammen; mit diesem sind

alle dadurch verbunden, daß Gott ihm alles übergeben hat und ihn zum Herrn

über alle erhöhte.

Hebt Paulus dadurch, daß er sagt, er werde an allen als der handeln, durch

den sie das Leben haben, den Satz des göttlichen Rechts auf, daß nicht alle

Gottes Reich erlangen und Gottes Gericht die, die errettet werden, von denen

scheidet, die untergehen? Aber Paulus spricht hier nicht davon, wie Christus

durch die Herrlichkeit der göttlichen Gnade zugleich das Recht Gottes heilige

und alles Böse von seinem Reiche trenne, sondern wendet das Auge derer, die

nur die Macht des Todes sehen und zweifeln, ob das Leben auch für die Sterbenden

erschienen sei, zur königlichen Hoheit Jesu, die ihn zum Wirker des

ewigen Lebens für alle macht. Dieselbe Herrlichkeit, die ihn stark macht, alle

ins Leben einzuführen, macht ihn auch fähig, Gottes Gericht zu vollführen in

Vollkommenheit. Es gibt auch einen „zweiten Tod", womit man dasjenige

Leben verliert, das uns Christus erworben hat und das die Auferstehung gewährt.

Aber auch dann, wenn Christus in seinem richterlichen Amt Gottes

Willen gegen die heiligt, die ihn brechen, bleibt es dabei, daß jenes Sterben,

das von Adam stammt, für alle überwunden ist, nicht nur für einige, und völlig

aufgehoben ist, nicht nur zum Teil. Doch davon, wie die Leben schaffende

Macht Jesu mit seinem richterlichen "Werk sich eint, spricht hier Paulus nicht,

nur davon, daß er jene besitzt in unbeschränkter Vollständigkeit.

15,23.24: Jeder aber in seiner eigenen Abteilung. Der Erstling ist Christus,

darauf die, die dem Christus gehören, bei seiner Ankunft, hernach das Ende,

wenn er Gott und dem Vater das Königtum übergibt, wenn er jede Herrschaft

und Gewalt abgetan hat. Eine einzige göttliche Schöpfertat hat das Leben für

alle hergestellt, jene, durch die Jesus auferweckt worden ist. Daß aber in ihr

die vollkommene Gnade sich offenbart, das tritt nicht plötzlich in einem Augenblick

durch eine einmalige Wirkung ans Licht, sondern wird in mehreren Stufen

sichtbar, durch die die göttliche Regierung bis zu ihrem vollkommenen

Ziele vorwärtsgeht. So entstehen mehrere Abteilungen von solchen, die ins

Leben gelangen, und jeder hat zu warten, bis für seine Schar der Tag kommt,

an dem sie ins Leben hinübergeht. Zunächst tritt Jesus allein in die Herr-


Der frühere Brief an die Korinther 15,23.24 167

lichkeit der Auferstehung ein. Dadurch wird sichtbar, daß er der Erstling ist,

der vor den anderen zur Vollendung kam. Vorerst bleiben die, die ihm gehören,

noch in der Sterblichkeit und tragen die irdische Art an sich, die sie der

Herrschaft des Todes unterworfen macht. Für sie kommt die Auferstehung

dann, wenn er sich wieder offenbart. Für die kommt er, die ihm im Glauben

verbunden sind und seine Gemeinde bilden, und nimmt sie zu sich, damit auch

sie jenen Stand des Lebens empfangen, der keinem Tod mehr unterworfen ist.

Doch damit ist Jesu Sendung noch nicht vollendet und das Leben, das er gibt,

noch nicht allen verliehen. Könnte er es nur denen geben, die jetzt seine Gemeinde

sind, so wäre dies eine kleine Schar, und die, die er auferweckt, wären

dann nur eine einzige Abteilung, nicht mehrere. Darum unterscheidet Paulus

das Ende von der neuen Ankunft Jesu, und mit dem Ende kommt eine zweite

Schar zum Leben als die Frucht, die er durch sein offenbares, königliches "Wirken

für sich gewonnen hat, und dann erst ist vollkommen offenbar, daß er dazu

das ewige Leben hat, damit es durch ihn alle empfangen.

Das Ende seines königlichen "Werks ist das, daß er seine Herrschaft dem

Vater zurückgibt, von dem er sie empfangen hat. Sie hat einen Anfang, darum

auch einen Schluß. Ihren Anfang bekommt sie durch seine "Wiederkunft, die

ihn zum Herrscher über die Menschheit macht, vielleicht dürfen wir sagen,

schon dadurch, daß ihn Gott zu seinem Thron erhöhte, wo er am ganzen göttlichen

Herrschen und "Wirken Anteil hat. Paulus spricht nicht davon, wann

und wie er seine Herrschaft beginne, sondern nur davon, wann und wie er sie

beschließe. Einen Schluß hat sie deshalb, weil er sie nicht seiner selbst wegen

hat, damit er sich an seiner Macht und Herrlichkeit erfreue, sondern dazu, damit

der "Wille Gottes durch ihn geschehe. Er kommt als der wieder, den der

Vater sendet, damit er sein "Werk ausrichte, wie er in seiner irdischen Gestalt

in der Sendung des Vaters kam, um zu tun, was er ihn tun hieß. Auch das

Königtum Jesu ist ein Amt, das er für die vollzieht, die ihm der Vater übergibt,

und weil es ein Ziel hat, so hat es auch einen Schluß. Er vollbringt, was er tun

soll, und gibt, nachdem er sein Ziel erreicht hat, seine Herrschaft an Gott zurück.

Dieses Ziel ist dann erreicht, wenn es keine Macht mehr gibt, die in der

"Welt Selbständigkeit und eigene Herrschaft hat, sondern alle von ihrem Thron

herabstiegen, die, die ihn nach Gottes "Willen haben, mit,Freuden, weil ihr

Amt nun erloschen ist, die, die im Streit mit Gott ihre Macht besitzen und gebrauchen,

gezwungen, weil ihnen nicht weiter Frist gegeben ist, dem "Willen

Gottes zu widerstehen und zwischen ihm und der "Welt eine Trennung zu

stiften. "Wie damit eine neue Offenbarung des Lebens verbunden ist und wie


I 68

Christus der Überwinder des Todes

dadurch das Ende kommt, bei dem auch der Christus sein Königtum abgibt,

für beides geben folgende Sätze noch eine Erläuterung.

15,25.26: Denn er muß König sein, bis er alle Feinde unter seine Füße legt

(Psalm 110,1). Als letzter Feind wird der Tod abgetan; denn er hat ihm alles

unterworfen, daß es unter seinen Füßen ist (Psalm 8,7). Von seinem Königtum

nimmt die Verheißung jede Schranke weg. Auf diesen Grund stellt Paulus die

Gewißheit, daß das Leben über alle Macht des Todes siegreich sei. Die Herrschaft

des Christus behält keine Lücken, weicht vor keinem Widerstand und hat

keine Macht neben sich, die sich gegen ihn behauptete. Paulus spricht absichtlich

nicht mit seinen eigenen Worten von ihr, sondern mit denen des Psalms,

die dia Herrschaft dessen als vollkommen preisen, dem Gott den Thron verschafft.

Weil jeder Widersacher, der ihm widersteht, bezwungen und alles ihm

unterworfen wird, darum ist es gewiß, daß auch der Tod seine Macht verliert.

Denn der Tod ist sein Widersacher. Weil Christus auch in seiner himmlischen

Herrlichkeit seine Sendung von der göttlichen Gnade empfängt, gibt er Leben.

Andere Herrscher, die nicht durch Gott, sondern gegen ihn regieren zu ihrer

eigenen Verherrlichung, mögen im Tod ein Machtmittel haben und ihren

Thron auf den Schrecken gründen. Christus herrscht dagegen dazu, damit

durch ihn für alle das Leben beginne. Der Tod ist aber nicht sein einziger

Feind. Was uns von Gott scheidet, ist nicht nur unser Zustand, nicht bloß unser

Schicksal, nicht zuerst unsere Sterblichkeit und unser natürlicher Leib. Christus

hat noch tiefere Widerstände zu überwinden, die sich gegen Gottes Willen

sträuben, durch die die Geister inwendig in ihrem Willen von Gott geschieden

sind. Darum ist auch der Tod nicht der erste Feind, der zuerst vor seinem

Wort weichen muß, sondern der, der zuletzt abtritt. Denn seine Macht beruht

auf Gottes gerechtem Urteil. Zuerst muß der Grund des Urteils beseitigt sein;

dann ist dessen Geltung aus. Aber dann, wenn sich in allen Regionen der

Schöpfung kein Wille mehr gegen Gottes Willen erhebt, dann ist die dem Tod

gegebene Zeit vorbei.

15,27.28: Wenn er aber sagen wird, daß alles unterworfen ist, so ist offenkundig

der ausgenommen, der ihm alles unterworfen hat. Wenn ihm aber

alles unterworfen sein wird, dann wird sich auch er, der Sohn, dem unterwerfen,

der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allen sei. Auf die neue

Schar, die dann zu jener ersten hinzukommt, die Jesus schon bei seiner Wiederkunft

zur Auferstehung geführt hat, richtet Paulus unseren Blick nicht,

unternimmt es auch nicht, uns die Herrlichkeit des Lebens zu beschreiben, die

dann erreicht ist, wenn der Tod nicht mehr herrscht. Er beschreibt nicht, was

kein Auge sah. Dagegen spricht er noch von dem, was er mit Gewißheit weiß,


Der frühere Brief an die Korinther 15,25-29 169

von Jesu Willen. Ihn kennt er und weiß, was er dann tun wird, wenn er nochmals

sagen kann, es ist vollbracht, und auf das ganze "Weltall mit der Freude

dessen sieht, der alles vollführt hat, wozu er gesendet war, über alles seine

Herrschaft begründet und befestigt und alles mit seinem Willen geeinigt hat.

Was folgt nun? Etwa eine Stunde der Selbstverwunderung, ein Loblied auf

die Macht und den errungenen Sieg? Paulus kennt Jesus und weiß, daß er für

einen solchen Willen völlig verschlossen ist. Dann folgt die höchste, seligste

Tat des Sohns, der Akt der Beugung vor dem, der ihm alles gegeben hat, die-

Herrschaft und den Sieg, und ihm alles unterworfen hat, nicht damit er für sich

die Herrschaft habe, sondern damit er sich und alles Gott untergebe. Nun folgt

die Feier der vollkommenen liebe, die jetzt nicht mehr nur sich selbst, sondern

mit sich alles, was besteht, Gott zu Füßen legt, alles so, daß es Gottes Willen

ganz erfüllt. Nun haben alle nichts in sich, als was Gott in ihnen wirkt, sind