Vom alten Leben im Revier

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Vom alten Leben im Revier

Imke Zimmermann

Vom alten Leben im Revier

Die alten Hafenreviere sind Bremens jüngster Stadtteil. Sie ziehen immer

mehr Menschen an. Wenige leben hier schon lang – es sind Pflanzen, Tiere

und ein paar Menschen, die alte Rechte haben.

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53°5'51.16"N

8°45'37.70"E

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53°4'56.31"N

8°47'20.38"E

Der Duft der weiten Welt

Europa, Afrika, Nord- und Südamerika, Ostasien, Australien: Die Überseestadt

ist Heimat für die weite Welt – in Gestalt des ostafrikanischen Liebesgrases und

vieler anderer Pflänzchen, Sträucher und Bäume. Rund 400 Arten haben Botaniker

gezählt. Darunter sind viele Einheimische, aber auch etwa 110 Einwanderer aus

anderen Ländern. Manche haben die Wissenschaftler zum ersten Mal auf einem

Stückchen Bremer Erde gefunden.

Den Klebrigen Alant zum Beispiel. Er stammt ursprünglich aus dem

Mittelmeerraum und ist seit 1950 in Deutschland heimisch. Nun trug es ihn bis in

eine Lastwagenspur am ›Landmark Tower‹, dem niedrigeren der beiden Hochhäuser

in der Überseestadt. Unbehelligt von weiteren Fahrzeugen, wuchsen dort 2009

mehrere der stark duftenden und nach ihren leicht klebrigen Blättern benannten

Pflanzen.

In den neu angelegten Rabatten des Parkplatzes am citynahen ›Weser

Tower‹ hatte es sich das Schwarze Bilsenkraut mit seinen weiß-violett geäderten

Blüten bequem gemacht, ein sehr giftiges Nachtschattengewächs. Unübersehbar

waren die gelben Klein- und Großblütigen Königskerzen. Schmalblättriger Doppelsame,

also wilder Rucola, gedieh hier und Schwarzer Senf, der ebenfalls aus

dem Mittelmeerraum stammt und würzig riecht.

Was lockte sie nur in das alte Bremer Freihafengebiet? Und wird man

sie wiedersehen? Die Arten zählen zu den oft ein- oder zweijährigen Pflanzen, die

Schutt, Erdaufschüttungen, Brachen, Bahndämme, Mülldeponien lieben. Was für

das menschliche Auge trist aussieht, ist ihnen ein Paradies, das ihnen der arbeitende

Mensch auf- und umgräbt, zu Haufen türmt, mit Baggern von hier nach da

fährt, mit Kies und Schotter bestreut oder mit Mutterboden, mit Steinen säumt

oder einfach vergisst.

»Häfen sind Spielwiesen der Natur, wenn ihnen der Umschlag mithilfe

geschlossener Container nicht das Leben ausgetrieben hat«, sagt der Bremer

Botaniker Dr. Josef Müller, der seit Jahrzehnten an der Universität Bremen über

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diese so genannte Ruderalflora und die Gründe für ihren Wandel forscht und lehrt.

Kombiniert mit einer Großbaustelle, sind Häfen der Himmel auf Erden für ausgefallenste

Gewächse, darunter auch stark gefährdete Arten.

Je nach Bodenbeschaffenheit siedeln sich andere Pflanzen an. Wird

der Boden bewegt, verschwinden sie wieder oder ziehen weiter. »Die Vegetation

ist keine zwei Jahre dieselbe«, sagt Müller. Und durch die rege Bautätigkeit wird sie

sich weiter verändern: Offene Sandflächen etwa werden unter Pflaster und Asphalt

verschwinden – es entstehen neue, andere Bedingungen für Pflanzenleben, zum

Beispiel in den Pflasterritzen.

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53°6'2.01"N

8°46'22.95"E

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53°6'3.61"N

8°46'7.21"E

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53°6'32.22"N

8°45'34.45"E

13

53°6'24.41"N

8°45'53.10"E

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53°6'16.74"N

8°44'57.55"E

Per Anhalter mit dem Getreideschiff

Noch liegt in der Überseestadt viel brach und Container stapeln sich nur auf einem

kleinen Fleck. Aus den Getreideschiffen, die die Rolandmühle anlaufen, sind

schon ungezählte exotische Samen und Keimlinge am Kai mit entladen und vom

Wind verweht worden. Es reist sich auch gut in den Verpackungen von Fischmehl

oder Kakaobohnen, von Papier und Zellulose, die im Holz- und Fabrikenhafen

eintreffen. Und Platz ist in der kleinsten Rille der großen Reifen, auf denen

Baumaschinen und Laster von außerhalb in die Überseestadt rollen – »so reiste

vermutlich der Klebrige Alant ans Weserufer«, sagt Müller.

Die Pflanzenwelt in der Überseestadt ist ein Abbild der Geschäftigkeit

im Quartier. Unter den mächtigen Förderbändern der Rolandmühle und des

Terminalbetreibers J. Müller Weser, zwischen den Schwellen der Hafenbahn, hat

sich das Grünliche Liebesgras angesiedelt – eine von 350 Liebesgrasarten, die in

den Tropen und Subtropen und vor allem in Ostafrika verbreitet sind.

Eine Rarität in Bremen ist der Weiße Amarant, der sich schon seit

längerem eine Bodenritze an einem Schuppen des ReCo-Kraftfutterwerks an der

Getreidestraße erobert hat. Nur zwei Meter weiter leben Schwarznesseln, alte

Heilpflanzen. Den in Südosteuropa und Südwestasien heimischen Igelklee fanden

Botaniker erstmals in Bremen in der Pillauer Straße – wie auch den sehr seltenen

Australischen Gänsefuß oder handelsüblichen Lein und Hanf. Die Vogel futter-

Im- und Exportfirma Gustav Schiele: ein Garant für Pflanzenvielfalt.

An den Zuweg zum Molenturm am äußersten Ende des alten Überseehafens

sind diverse Farne aus den Mittelgebirgen gezogen. Was sie anlockte

oder wie es der Japanische Staudenknöterich dorthin schaffte – ein Rätsel. Anders

als viele andere Einwanderer wird der Knöterich in der Überseestadt bleiben. Ihn

vertreibt nicht einmal Ausreißen, im Gegenteil, er verdrängt auf Dauer andere

Pflanzen und ist darum eine bei Botanikern eher ungeliebte Art. Josef Müller: »Die

meisten Neupflanzen sind eine Bereicherung.«

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53°6'10.19"N

8°45'9.56"E

Es liegt ein Schrei in der Luft

So vielfältig die Flora, so übersichtlich wirkt die Fauna in der Überseestadt. Immerhin

ist ihr Geschrei groß. Die Flächen in Sichtweite des Staudenknöterichs, haben

sich heimische Sturmmöwen erobert. Besonders im Frühsommer zur Brutzeit

erfordert ein Spaziergang zum Molenturm Mut, denn dann kreisen wütende,

heiser kreischende Möwen dicht über den Köpfen der Spaziergänger. Dieser oft

unwirtliche Zipfel des alten Überseehafens, er ist ihr Revier. Das werden sie

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verteidigen – und besonders die flaumigen braunen Bällchen in den Nestern in der

Böschung, im offenen Gras, auf dem Schuppendach, früher auch zwischen den

Gleisen der Hafenbahn, sogar als sie hier noch fuhr.

Mehr als 200 Paare nisteten hier 2009 und da Sturmmöwen relativ

ortsverbunden sind und um die 20 Jahre alt werden, dürften viele von ihnen auch

in den Jahren zuvor dort gewesen sein. »Die Kolonie ist eine der südlichsten in

Deutschland und eine der seltenen Binnenlandkolonien«, sagt der Bremer Ornithologe

Thomas Kuppel, der die Tiere seit 1992 beobachtet.

Ursprünglich fühlten sie sich ihm zufolge einige Dutzend Meter

entfernt wohler, auf einer lang gestreckten, namenlosen Weserinsel wohl, die

in den 1960er-Jahren als Strömungsschutz für ein Hafenbecken angelegt worden

war. Nach und nach aber wuchsen dort Bäume und Sträucher zu hoch für den

Geschmack der Sturmmöwen, die strandähnliche Bodenverhältnisse lieben.

Nahe der Mole im früheren Überseehafen brüteten nach Zählungen

Mitte der 1990er-Jahre erst wenige Dutzend Paare. Das änderte sich, als der Hafen

1998 zugeschüttet wurde. Nun zog es immer mehr Vögel zu dem vergleichsweise

ruhigen Fleckchen, denn natürliche Feinde wie etwa Füchse haben sie dort nach

Kenntnisstand von Experten wie Kuppel nicht.

Wo die Möwen schlafen

Die Sturmmöwen sind die ausdauerndsten Brüter Bremens, doch haben Kuppel

und andere Vogelkundler viele Verwandte gesichtet: Lachmöwen und manchmal

auch Schwarzkopf-, Silber-, Mittelmeer- und Heringsmöwen nisteten dort, noch

sechs weitere Arten ließen sich blicken. Der sicherste Ort, möglichst viele anzu-

Fotos: Thomas Kuppel

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53°6'12.77"N

8°45'11.78"E

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53°6'13.99"N

8°45'0.96"E

treffen, ist wiederum die Überseestadt. »Das Wendebecken für die großen Schiffe,

das den Kopf des Quartiers bildet, ist der wichtigste Möwenschlafplatz in Bremen.

Hier kommen besonders während der Wintermonate bis zu 13 000 Tiere

zu sammen, meist Zugvögel aus dem Osten«, sagt der Ornithologe.

Nun aber erobern sich die Menschen den ehemaligen Hafen zurück

und bauen bis kurz vor den Molenturm – die Vögel werden umziehen. Wohin?

Vielleicht in den Lankenauer Hafen auf der anderen Weserseite, wo schon heute

eine kleine Sturmmöwenkolonie wohnt. Vielleicht auf die namenlose Weserinsel,

wenn dort zuvor die Bäume gerodet würden.

In jedem Fall ist der Abschied nah. Zumindest Joachim Holtmann

und seine Kollegen bedauern das nicht. Der Polizeioberkommissar ist seit 1991

Bootsführer bei der Wasserschutzpolizei. Seit Verfüllung des Überseehafens liegen

zwei Wapo-Boote zusammen mit dreien vom Hafenamt am Niedergang unterhalb

des Molenturms. Da selbst rot-weißes, an Bord gespanntes Flatterband die Möwen

nur mäßig irritiert, sind die Boote deren reger Verdauung ausgeliefert. »Aber das ist

ja nun ganz bald vorbei«, sagt Holtmann zufrieden.

Kein bisschen stilles Wasser

Anders als die Pflanzenwelt wurde die Fauna bislang kaum untersucht. Doch

vermutlich gehören die Sturmmöwen an Land der Überseestadt neben zweifelsfrei

georteten Ratten und einem Marder zu den ganz wenigen wild lebenden

Dauergästen.

Im Weserwasser rundherum herrscht dafür reges Treiben, weiß Uwe

Pretzlaff, Vorsitzender der Angler-Union Bremen. Viele Brassen, Rotaugen und

Fotos: Toma Babovic

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Rotfedern, Döbel, Alande, Karpfen und gelegentlich ein Lachs oder eine Meerforelle

ziehen friedlich ihre Bahnen in den Hafenbecken. Was bedeutet, dass sie

genügend Wassergetier zum Fressen finden.

Der Reichtum an Friedfischen erfreut wiederum die räuberischen

Verwandten: »Zander vor allem, die sich in der Weser sehr breitgemacht und die

Hechte weitgehend verdrängt haben«, sagt Pretzlaff. Zudem fangen die Angler

Barsche, Stinte, ab und an auch einen Wels und Aale.

Gerade die Raubfische sind den Hobbyfischern lieb, denn sie beißen

nicht nach jedem Köder. »Da steigt das Adrenalin«, scherzt zum Beispiel Eugen.

Seinen Nachnamen mag er nicht preisgeben und wirft stattdessen gerade wieder

schwungvoll seine Angel aus. Wann immer sie können, fischen der 40- Jährige

und viele andere Spätaussiedler aus Ländern der früheren Sowjetunion einzeln

oder in kleinen Grüppchen in der Überseestadt – offenbar ein Freizeitvergnügen

mit Suchtpotenzial. 1996 hatte Eugen es erstmals ausprobiert. »Jetzt ist das wie

eine Krankheit«, beschreibt er seine Begeisterung für die Jagd auf große und kleine

Fische.

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53°5'18.31"N

8°46'9.30"E

Grillplatz an der Weser

Ein Vergnügen, dem Wally und Peter Hamer nichts abgewinnen können, obwohl

sie Gelegenheit wie kaum andere zum Angeln hätten. Hamers gehören zu den

wenigen Menschen, die schon seit Jahren legal im alten Freihafenrevier wohnen.

Im Jahr 2000 zogen sie in das Hausmeisterhaus auf dem Gelände der

Rickmers Reismühle GmbH an der Weserseite des Europahafens – dazu gehört ein

zur Weser hin abfallender Privatgarten direkt am Fluss. Ebenfalls nicht zu verachten:

gemütlich am Rickmers-Anleger in der Abendsonne zu sitzen. Früher wurden

hier die mit Reis beladenen Schiffe entladen. Inzwischen transportieren Laster den

Reis herbei, der in der Mühle im Drei-Schicht-Betrieb vor allem für Großverbraucher

aufgearbeitet wird.

Anfangs sah der frühere Polizist auf dem Gelände nach dem rechten.

Seit seinem Schlaganfall 2003 hat Wally Hamer neben ihrer Tätigkeit als Pharmakauffrau

in einem Großhandel die Hausmeisterarbeiten übernommen: vor Morgengrauen

mit dem Schieber Schneisen durch Schnee bahnen, den Rasen auf dem

weitläufigen Areal mähen, jeden Abend kontrollieren, ob in den Büros das Licht

aus ist.

Bei diesen Rundgängen ist die 64-Jährige nicht allein: Zwei Katzen

patroullieren mit ihr. ›Whiskey‹ und ›Katze‹ wohnen in einem Katzenhäuschen

vor der Tür der Hamers, denn sie vertragen sich nicht mit der dritten im Bunde mit

Namen ›Hatschi‹ – sie hat ihr Körbchen bei dem Ehepaar. Die Katzen sind die letzten

einer Gruppe von acht Tieren, die im Hafen streunten und zumeist sehr krank

waren, wie sich später herausstellte. Wally und Peter Hamer hatten sie auf Bitten

des Unternehmens, das sich Rattenabwehr erhoffte, eingesammelt , sie entwurmen

und impfen lassen und fortan betreut.

Hamers gefällt das Leben in der Überseestadt, zum Beispiel weil sie

zu Fuß nur eine knappe halbe Stunde bis zur Innenstadt benötigen – »besser geht’s

ja gar nicht«, sagt der 67-jährige Peter Hamer. Dennoch wundern sie sich, dass so

viele andere künftig auch gern dort wohnen wollen: »Es ist doch so laut im Hafen.«

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Arbeitsweg: 30 Sekunden

Die Begeisterung vieler für das Hafenareal erstaunt auch Gerhard Kugler. »Ich

hatte es mir besonders am Wochenende friedlicher vorgestellt«, sagt der Betriebsleiter

der Reismühle, der mit seiner Ehefrau ebenfalls auf dem Rickmers-Gelände

lebt. Die Unruhe samstags und sonntags rühre von Hafentouristen her, die in

Autos angefahren kommen, um sich einmal umzuschauen. Unter der Woche

verirren sich dann viele auswärtige Lastwagenfahrer schon am frühen Morgen auf

den Wende platz vor der Reismühle, weil sie den Weg zum Großmarkt nicht

finden. Und bei der benachbarten Spedition nebenan herrscht selbst nachts reger

Fuhrbetrieb.

Ursprünglich lebte der gebürtige Stuttgarter ruhiger: Er war nach

Bremen-Oberneuland gezogen, als er vor zehn Jahren bei Rickmers anfing. Doch

seine Position beinhaltet quasi eine Dauerrufbereitschaft für den Fall, dass Maschinen

ausfallen oder andere Probleme auftreten. Weil solche Notrufe mit einiger

Regelmäßigkeit kamen, wurde ihm bald der Fahrweg zu lang. Mit Erlaubnis des

Unternehmens baute der heute 61-Jährige vor acht Jahren auf der ersten Etage eines

Lager- und Werkstattgebäudes eine Wohnung ein. »Seit ich hier wohne, sind die

Hilferufe weniger geworden«, sagt Kugler mit einem Schmunzeln.

Der Abschied vom Rheinland, wo Kuglers lange lebten, und von den

Freunden fiel dem Ehepaar schwer. Margitta Kugler zog darum erst vor einem Jahr

nach Bremen. Liebevoll hat sie seitdem Rabatten vor dem Aufgang zur Wohnung

angelegt. Und auf dem Betriebsgelände ist ein rund 5 000 Quadratmeter großes

Stück Wildnis für die Familie mit einem Zaun abgetrennt worden. Darauf haben

Kuglers einen Pavillon gestellt und genießen es, von hier aus im Sommer den

Schiffen auf der Weser zuzuschauen. Nein, eigentlich habe er es nicht mit dem

Maritimen, sagt Kugler auf Nachfrage. Aber so weit doch: »Ich möchte einmal ’ne

Seebestattung. Mit dem Wohnen hier bin ich dem schon näher gerückt.«

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