Vorwort, Inhaltsverzeichnis und Kap. 1 - 12 (2,6 MB)
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Lutz Wegner<br />
Ora et labora<br />
oder<br />
Wie der digitale Glaube<br />
in die Welt kam<br />
George-Verlag<br />
Habichtswald-Ehlen
© 2002 Lutz Wegner<br />
Alle Rechte vorbehalten<br />
Verlegt <strong>und</strong> gedruckt bei<br />
George-Verlag, Weserstraße 2-10, 34317 Habichtswald-Ehlen<br />
www.oberbrunner.de<br />
ISBN 3-934752-03-9<br />
Die Drucklegung erfolgte mit fre<strong>und</strong>licher Unterstützung durch die<br />
Gemeinnützige Hertie-Stiftung<br />
Quellennachweise zu den Umschlagbildern:<br />
Titelbild [1]: Älteste farbige Darstellung des hessischen Wappens (1334)<br />
aus der Handschriftensammlung der Landesbibliothek Kassel.<br />
Seite 3 [2]: Aufruhr Korachs, Datans <strong>und</strong> Abirams. Codex Pamplona (spanischen<br />
Bilderbibel), um <strong>12</strong>00, aus der Sammlung Oettingen-Wallerstein<br />
der Universitätsbibliothek Augsburg.<br />
Seite 11 [3]: Flechtbandinitiale nach der Anfangsseite des „Enchiridon“ des<br />
Augustinus (354—430), aus der Handschriftenabteilung der Landesbibliothek<br />
Kassel.<br />
Seite 186 [4]: Der Teppich von Bayeux (11. Jahrh.): die Eroberung Englands<br />
durch die Normannen. Endstück: William ist siegreich.<br />
Einband außen [5]: St. Benedikt von Nursia. Benevent (11. Jahrh.), Rom.<br />
Vatikan. Bibliothek.<br />
Typographie<br />
Vom Autor mit Framemaker 6.0 in der Book Antiqua 10 pt gesetzt. Diese<br />
Schriftfamilie, speziell die Renaissance-Antiqua, ging aus der humanistischen<br />
Minuskel des 15. Jh. hervor, mit breit angesetzter Breitfeder im<br />
Wechselzug in r<strong>und</strong>en durchgehenden Bögen geschrieben [6]. In der französischen<br />
Variante, etwa durch den Pariser Schriftenschneider Claude<br />
Garamond (1499—1561), mit geradem Strich im kleinen „e“, in der venizianischen<br />
Renaissance Antiqua (italic!) mit schrägem Strich <strong>und</strong> nach links<br />
geneigten R<strong>und</strong>ungen. Die Garamond-Antiqua wurde im übrigen durch<br />
Jean Jannon erst um 1620 eingeführt, stammt also nicht von Garamond<br />
(Garamont) selbst.<br />
2
Für Hermann Maurer<br />
3
<strong>Vorwort</strong><br />
Dies ist ein Roman. Romane erzählen von fiktiven Begebenheiten. Romanfiguren<br />
sind frei erf<strong>und</strong>en, zufällige Ähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt.<br />
Oder doch? Wer kann das schon beurteilen.<br />
Dieser Roman schildert eigentlich ein Trauerspiel, ein Drama. Na ja. Ein<br />
kleines Drama, so ein Tragödchen, eben das alltägliche Gezerre aus den<br />
deutschen Hochschulen. Eine Geschichte über eine real existierende<br />
Gesamthochschule in den Jahren 1999 bis 2001, die sich als 94. Hochschule<br />
in der Republik einen Studiengang Informatik zulegen will. Oder eben<br />
nicht zulegen will, oder nur in ganz bestimmter Form, unter Vorbehalten,<br />
in jedem Fall nicht mit denen da ...<br />
Der Roman ist eine Allegorie. Er siedelt das Thema Informatik, das keinen<br />
mehr hinter dem Bildschirm hervorlockt, ausgerechnet im finsteren<br />
Mittelalter an. Er erfindet Reformatoren, die dem digitalen Glauben eine<br />
neue helle Kathedrale bauen wollen. Er prangert Inquisitoren an, die den<br />
Ketzern schon mal die Folterwerkzeuge zeigen.<br />
Wie wäre die Kirchengeschichte gelaufen, wenn Heinrich Voes <strong>und</strong> Jan<br />
van Esch [7], die darauf beharrten, daß Gottes Wort mehr gelte als Papstworte,<br />
<strong>und</strong> die daraufhin in den Niederlanden zum Tode verurteilt <strong>und</strong><br />
verbrannt wurden, mit Tilman Riemenschneider gechatet hätten (Til,<br />
schick mir mal den Altarentwurf als Jeipäck ;-)?<br />
Riemenschneider war Bürgermeister von Würzburg, das sich 1525 dem<br />
Bauernaufstand gegen den Bischof Konrad von Thüringen anschloß. Nach<br />
der Niederschlagung wurde er acht Wochen gefangengesetzt <strong>und</strong> gefoltert<br />
<strong>und</strong> hat danach nie mehr ein Werk erstellt. Was, wenn Johannes Hus in<br />
Prag <strong>und</strong> Girolamo Savonarola ihre Thesen ins Web gestellt hätten <strong>und</strong><br />
Papst Alexander IV, ein Borgia, letzterem den Bann per email (Rückbestätigung<br />
an alexander4@vatican.org) hätte zukommen lassen?<br />
Darf man so ernste Themen zur Basis einer Realsatire machen? Eine Sottise<br />
um einen lächerlichen Studiengang, wie ein geschätzter Kollege sich<br />
herabließ zu bemerken, wichtigtuerisch <strong>und</strong> selbstzentriert. Und wenn<br />
schon, muß das dann nicht sorgfältig recherchiert sein, kirchengeschichtlich<br />
korrekt <strong>und</strong> alles?<br />
Gerne hätte ich mehr die alten Handschriften studiert, aber der Tag,<br />
auch wenn man die Nacht dazunimmt, ist kurz. So ist dies auch ein Internet-Roman<br />
geworden mit Stichworten aus dem Web, in wenigen Wochen<br />
5
in fiebriger Hast verfaßt, vielleicht ignorant, der Gnade der Lesergemeinde<br />
anheim gegeben.<br />
Deshalb steht der Roman zunächst an verborgener Stelle im Web, seine<br />
URL ein wohlgehütetes Geheimnis. Eine neue Form der Verbreitung des<br />
Glaubens, wie man sie sich jetzt überall in den Kirchen zuraunt. Flüchtig,<br />
die regulae mißachtend, weshalb die wahren Hüter des Glaubens diesen<br />
reformatorischen Eifer auch fürchten.<br />
Aber der neue Glaube ist nicht mehr zu unterdrücken. Sein Orden, die<br />
Informatik, gründet überall neue Abteien. Mit den weltlichen Brüdern<br />
mehren die Mönche den Wohlstand der Klöster, auch wenn die <strong>Kap</strong>itelbeschlüsse<br />
aus dem Jahre 1134 für den Orden der Zisterzienser verbieten,<br />
„vom Schweiße fremder Menschen“ zu leben. Nur nicht so pingelig mit<br />
den Drittmitteleinwerbungen!<br />
Wie kommt man auf die absurde Idee, darüber einen Roman zu schreiben?<br />
Sie reift in langen Sitzungen. Sie wird gesponnen in emails mit Gott<br />
<strong>und</strong> der Welt, darunter ganz amüsanten <strong>und</strong> klugen, etwa mit der wissenschaftspolitischen<br />
Sprecherin der CDU, Frau Traudl Herrhausen. Als Gönnerin<br />
der neuen Kirche hat sie den geballten Frust der Missionare mitbekommen<br />
<strong>und</strong> Trost gespendet. Eigentlich mehr als Trost. So um die 5 Mio.<br />
DM, um genauer zu sein. Sie vermittelte zu den mächtigen Fürsten dieser<br />
Welt. Da darf man eine Kerze anzünden.<br />
Kann das eine Satire sein? Das muß jeder für sich beurteilen. Eine<br />
Anklageschrift soll es nicht sein, eher ein Therapeutikum gegen den ganz<br />
normalen Wahnsinn. Verrückt eben.<br />
Die Uni als Bistum, das Ministerium als Vatikan, Fachbereiche als<br />
Abteien, Professoren als Mönche, die von den Almosen der weltlichen Brüder<br />
leben. So viel hat sich in den Jahrh<strong>und</strong>erten nicht geändert. Lassen Sie<br />
sich darauf ein, oder ab auf den Scheiterhaufen mit dem Traktat. Man darf<br />
auch austreten aus der Kirche. Heute jedenfalls.<br />
Kassel, im November 2001<br />
6
Inhalt<br />
KAPITEL 1 Die Chronik des Lucius 11<br />
KAPITEL 2 Die Klagen der Stände 13<br />
KAPITEL 3 Das Bistum wiegelt ab 15<br />
KAPITEL 4 Der verzweifelte Mönch 21<br />
KAPITEL 5 Das Problem mit der Zeitrechnung 25<br />
KAPITEL 6 Die Kurie schlägt zurück 28<br />
KAPITEL 7 Die Philippika des Herzogs Ludwig Georg 33<br />
KAPITEL 8<br />
Die Bildertafeln des<br />
Hermann Caementarius 37<br />
KAPITEL 9 Der Beichtvater 41<br />
KAPITEL 10 Das Treffen mit der Gräfin 45<br />
KAPITEL 11 Die Tafelr<strong>und</strong>e 49<br />
KAPITEL <strong>12</strong><br />
Die Geschlechtertürme von<br />
San Financiano 51<br />
KAPITEL 13 Das Gestüt neben der Abtei 58<br />
KAPITEL 14<br />
Die Anrufung des<br />
weltlichen Tribunals 62<br />
KAPITEL 15 Die Bischofsweihe 69<br />
7
8 ora et labora<br />
KAPITEL 16<br />
Die Weissagung der<br />
auswärtigen Schriftgelehrten 73<br />
KAPITEL 17 Der Ketzer 75<br />
KAPITEL 18 Das Konzil 78<br />
KAPITEL 19 Die Speisung der Barmherzigen 85<br />
KAPITEL 20 Das Treffen hinter dem Friedhof 87<br />
KAPITEL 21 Die Reise auf die grüne Insel 89<br />
KAPITEL 22<br />
Das Dogma von der<br />
unbefleckten Berufung 99<br />
KAPITEL 23 Die Heiligen Drei Macher 105<br />
KAPITEL 24 Der Markt vor den Klostermauern 107<br />
KAPITEL 25<br />
Die barmherzige Bruderschaft<br />
der Heiligen Hertha 109<br />
KAPITEL 26 Die Exegese 115<br />
KAPITEL 27 Das Bittschriftwesen 117<br />
KAPITEL 28 Die Reise ins Lombardische <strong>12</strong>3<br />
KAPITEL 29 Der Weggang der Getreuesten <strong>12</strong>9<br />
KAPITEL 30 Die Pfründenwirtschaft der Fürstbistümer 132<br />
KAPITEL 31 Die Wallfahrten 135
Inhalt 9<br />
KAPITEL 32<br />
Der Bischof läßt einen Religionsfrieden<br />
aushandeln 139<br />
KAPITEL 33 Die Kirche füllt sich 143<br />
KAPITEL 34 Die Reise nach Viterbo 147<br />
KAPITEL 35 Der Himmel stürzt ein 153<br />
KAPITEL 36 Die Konsekration der neuen Kathedrale 157<br />
EPILOG Spiele der Macht 161<br />
Die Personen der Handlung 165<br />
Anhang 173<br />
Index 181
10 ora et labora
KAPITEL 1<br />
Die Chronik des Lucius<br />
ies ist, lieber gottesfürchtiger Leser, die Chronik<br />
des Bruder Lucius aus der Abtei der Franziskaner<br />
im Bistum Cassella. Ungläubig wird er<br />
immer wieder gefragt, wie es denn kommen<br />
konnte, daß das Bistum Cassella über so<br />
viele Jahre keine eigene Kathedrale für den<br />
neuen digitalen Glauben, die Informatik,<br />
besaß. Lag es daran, daß Cassella im<br />
wüsten, kargen <strong>und</strong> heidnischen Norden<br />
jener wohlhabenden Provinz Hassia liegt,<br />
welche sich in der Mitte des Reiches erstreckt<br />
<strong>und</strong> vom starken <strong>und</strong> listigen König Roland <strong>und</strong> seinen<br />
weisen Beratern <strong>und</strong> Ministern regiert wird? Der Volksm<strong>und</strong> sagt, die<br />
Menschen dort seien besonders verstockt <strong>und</strong> hartherzig, doch ist das<br />
wirklich wahr? Legt Zeugnis ab, Bruder Lucius!<br />
Aus alten Aufzeichnungen ist belegt, daß die Kurie in Cassella,<br />
zunächst noch unter Bischof Franz, später auch unter Bischof Hans, der das<br />
Bistum immerhin 8 Jahre leitete, den Bau einer Kathedrale für den neuen<br />
digitalen Glauben versprochen hatte. So auch im Jahr des Herrn 1487, als<br />
der Verfasser dieser Chronik, Bruder Lucius, in das Bistum Cassella, an die<br />
Ufer der beschaulichen Fulda, in die Abtei der Franziskaner [8], eines Bettelordens<br />
also, kam.<br />
11
<strong>12</strong> ora et labora<br />
Die Abtei war als Doppelkloster konzipiert, d.h. mit Nonnenkloster mit<br />
Betonung auf der Seelsorge <strong>und</strong> Männerkloster mit Ausrichtung auf Predigt,<br />
Meditation <strong>und</strong> Pflege der Schriften. So rühmte sich Cassella als das<br />
größte Franziskanerinnenkloster Deutschlands, das 6 Nonnen beherbergte<br />
<strong>und</strong> war das Ziel vieler Pilgerreisen erstaunter Äbtissinnen in den Siebzigern<br />
des 15. Jahrh<strong>und</strong>erts.<br />
Das Kloster litt auch unter der Aussiedlung einiger Mönche an entlegene<br />
Orte, wo sie in der Diaspora Missionsarbeit betrieben <strong>und</strong> in Predigten<br />
<strong>und</strong> mittels mildtätiger Hilfe versuchten, die Gottlosen zum reinen<br />
Glauben zu bekehren. Alle litten sie unter bitterer Armut <strong>und</strong> kärglicher<br />
Ausstattung der Gründerzeit, hatten keine Novizen <strong>und</strong> kein weltliches<br />
Gesinde. Umso mehr zankten sie sich um das Wenige, das sie besaßen.<br />
Das Ansinnen des Bruder Lucius, der reichlicher ausgestattet war, der<br />
Situation durch Bau einer Kathedrale für den neuen digitalen Glauben<br />
abzuhelfen, fand keine Unterstützung in seiner Abtei. Auch dem Bischof<br />
kam die Schließung der <strong>Kap</strong>uziner-Abtei im Bistum Hildesheim [9] unter<br />
König Gerhard, dem späteren Kaiser des Reiches, ganz gelegen. Flugs<br />
besorgte man sich eine Weissagung einer Glaubenskongregation, welche<br />
keinen Bedarf an neuen Abteien für den digitalen Glauben feststellte.<br />
„Die beruflichen Aussichten der sogenannten Kernfach-Theologen werden<br />
allgemein zurückhaltend beurteilt. Die Kurienstrukturkommission sieht<br />
daher keinen Erweiterungsbedarf über die bestehenden Kirchen neuen<br />
Glaubens hinaus“.[10]<br />
Fortan förderte man den Ausbau bestehender Abteien, Anbauten an Kirchen,<br />
neue Fresken hier, einen edlen Beichtstuhl da. Das Schwergewicht<br />
des digitalen Glaubens verschob sich – nicht ganz ohne hinterlistige<br />
Machenschaften – von den mit ihrem Armutsgelöbnis frömmelnden Franziskanern<br />
(Mathematikern) hin zu den gr<strong>und</strong>besitzenden Benediktiner<br />
(Ingenieurwissenschaftlern) <strong>und</strong> den Zisterziensern (Wirtschaftswissenschaftlern).<br />
Letztere hatten sich bekanntlich mit der Hinwendung zu<br />
Agrarwirtschaft <strong>und</strong> Handwerk eine wirtschaftliche Gr<strong>und</strong>lage ihrer Klosterwirtschaft<br />
gegeben [11].<br />
Es begann eine Zeit vieler harter Winter <strong>und</strong> auch der Gang ins Calefactorium<br />
brachte Lucius nur kurzfristige Linderung. ER hatte beschlossen,<br />
den Glauben an dem Bistum im Norden vorbeigehen zu lassen <strong>und</strong> mit<br />
mürrischen <strong>und</strong> unwirschen Menschen zu strafen, die litten große Noth.<br />
Alles würde sich erst ändern, als die wenigen weltlichen Fürsten, die es<br />
im Norden Hassias aushielten, immer ärger klagten, sie fänden keine Jünger,<br />
die den neuen digitalen Glauben verstünden. Davon soll diese Chronik<br />
künden.
KAPITEL 2<br />
Die Klagen der Stände<br />
I<br />
mmer mehr Blätter berichteten über die Klagen der Stände,<br />
denen es an gottesfürchtigen Knechten, Mägden <strong>und</strong> Rittern<br />
mangelte. Werber zogen über das Land <strong>und</strong> versuchten diejenigen<br />
mit allerlei Mitteln anzuwerben, die des neuen Glaubens<br />
mächtig waren, egal ob kommuniziert oder gar mit der Priesterweihe versehen.<br />
Vielfach wurden ihnen sorstes versprochen, die sie zu Mitinhabern<br />
der Burg machten, auf der sie sich verdingen sollten.<br />
Der Kaiser des Reiches, Gerhard, forderte sogar, man solle Reichsfremde<br />
hereinlassen, um die Künste <strong>und</strong> das Handwerk mit diesen Gottesfürchtigen<br />
zu stärken.[<strong>12</strong>]<br />
So war diese Sorge, die alle Adeligen umtrieb, auch Zentrum aller Dispute,<br />
als Kirche <strong>und</strong> weltliche Vertreter am 29. April 1499 auf der Feste<br />
Marbachshöhe auf Einladung der Räte <strong>und</strong> Förderer des kurhessischen<br />
Adels sich trafen. Neben Lucius waren von Seite der Kirche zugegen Bruder<br />
Dieter von den Benediktinern, der Novize Jörg von Bruder Udo aus der<br />
Zisterzienserabtei, ein weiterer Bruder der wirtschaftlich so erfolgreichen<br />
Zisterzienser, Bruder Reinhard, der Marktschreier beriet, so sie ihren<br />
Absatz vergrößern mögen.<br />
Unter dem Adel kannte Lucius nur Junker Jörg, Nobler zu Miriam, der<br />
an seiner Franziskanerabtei im neuen Glauben unterwiesen worden war<br />
<strong>und</strong> ganz neu eine Werkstatt sein eigen nannte. Besonders hatte er methodi<br />
gef<strong>und</strong>en, unreine Marienbilder, die auf dem Markt angepriesen wurden,<br />
13
14 ora et labora<br />
zu entdecken <strong>und</strong> so die Gemeinde zu schützen. Er hatte seinen Platz an<br />
der Tafel gegenüber Lucius eingenommen.<br />
Nachdem viel über die Gottlosigkeit der Jugend gesprochen worden<br />
war, faßte sich Bruder Lucius ein Herz <strong>und</strong> sprach laut <strong>und</strong> mit fester<br />
Stimme: „Wir brauchen eine eigene Kathedrale für den neuen Glauben im<br />
Bistum Cassella!“<br />
Ein Raunen setzte an im Saale. Viele in der Menge der Adeligen nickten<br />
mit dem Kopf.<br />
„Es ist ein unverzeihliches Versäumnis der Bischöfe, welche nicht glauben,<br />
es gäbe genügend Mitglieder der Gemeinde um die Predigten zu füllen.<br />
Welche Thorheit!“ rief er in der ihm eigenen Direktheit, welche im<br />
Bischofskonzil <strong>und</strong> beim Rat der Äbte so wenig gelitten war.<br />
War es ein Wink von IHM, daß ihn nach des Disputes Ende ein fre<strong>und</strong>licher<br />
Mann von kräftiger Statur, mit tiefer <strong>und</strong> väterlicher Stimme, beiseite<br />
nahm?<br />
„Ich bin Meister Alfred. Ich berate den kurhessischen Adel <strong>und</strong> vermittle<br />
bei Hofe. Wir sollten über den neuen Glauben reden. Vielleicht kann<br />
man die Mönche der verstreuten Klöster zusammenbringen, damit deren<br />
Predigten mehr Widerhall finden <strong>und</strong> das Studium der Schriften gefördert<br />
wird. Bruder Lucius, Ihr solltet ein Memorandum verfassen, welches wir<br />
verteilen können, damit der Adel Kenntnis von den Sorgen erhält.“<br />
Er fuhr fort: „Ich bin bereit, in die Abtei der Franziskaner in der Ödnis<br />
zu kommen. Hier ist mein Täfelchen. Ich werde aus der Ferne das Zwiegespräch<br />
suchen <strong>und</strong> wir vereinbaren, wann ich mit einem Begleiter ins Kloster<br />
komme.“<br />
Lucius dankte ihm von Herzen <strong>und</strong> las sein Täfelchen. Er war der Ex-<br />
Minister des alten reformatorischen Königs <strong>und</strong> gehörte der Fraktion der<br />
freidenkerischen Räte an.<br />
Und so geschah es, daß er am 15. July des Jahres 1499 mit Junker Eckert<br />
in die Abtei in der Ödnis kam <strong>und</strong> mit Lucius das Memorandum [13] <strong>und</strong><br />
für den 15. Oktober des gleichen Jahres 1499 ein großes Treffen mit allen<br />
Vertretern des Bistums, aus dem Adel <strong>und</strong> vom Hofe, plante.<br />
Wie wenig konnten die armen Seelen alle ahnen, daß dieses Konzil nie<br />
zustande kommen würde <strong>und</strong> man zunächst die Konsultation im Kleinen<br />
suchte, welchselbige aber ausartete in ein wüstes Hauen <strong>und</strong> Stechen,<br />
Schimpfen <strong>und</strong> Klagen, übles Gerede, Gift <strong>und</strong> Galle. Ach liebe Gemeinde,<br />
wie waren sie doch alle einfältig im Glauben, sahen nach langen Jahren der<br />
Dürre plötzlich sprudelnde Quellen, wo sie doch die Kargheit des rauhen<br />
Nordens hätten warnen sollen.
KAPITEL 3<br />
Das Bistum wiegelt ab<br />
Eine eigenständige Kirche für den digitalen Glauben, die Informatik,<br />
wäre wünschenswert <strong>und</strong> würde auch gebaut, wenn nur<br />
der Vatikan seinen Teil beisteuere. Das hatte das Bistum immer<br />
erklärt. Nach 1492 jedoch, mit der Aufnahme der Brüder Udo<br />
bei den Zisterziensern <strong>und</strong> Dieter bei den Benediktinern wurde dann aber<br />
ein Konzept der Hauspastoren verfolgt, das eine Bündelung der Mönche<br />
für eine eigene Kirche des neuen Glaubens unwahrscheinlich machte.<br />
Die Versuche der Benediktiner um 1494/95, ihren Katechismus mit dem<br />
einzigen Prediger Dieter mit aller Macht gegen jeden kirchlichen Rat<br />
durchzusetzen, verhärteten die Fronten zwischen den Abteien. Mehrfach<br />
hatten die Franziskaner daraufhingewiesen, daß eine Taufe erst nach der<br />
Kommunion <strong>und</strong> die Vertauschung von Ostern <strong>und</strong> Weihnachten ungewöhnlich<br />
wäre <strong>und</strong> das Bistum im Reich damit isoliert dastünde.<br />
Im Gr<strong>und</strong>e steckte dahinter ein tiefes Mißtrauen gegen den neuen Glauben.<br />
Viele im Bistum verbreiteten gerne die Ansicht, die Befürworter einer<br />
eigenständigen Kirche wären von den wirklichen Glaubensfragen abgewandt<br />
<strong>und</strong> würden mit ihrem strikten Keuschheits- <strong>und</strong> Armutsgebot an<br />
den Bedürfnissen der Gemeinde vorbei predigen.<br />
Ihre Argumentation war, daß man die sogenannten Bindestrich-Kirchen<br />
fördern müsse, also Friedhofs- <strong>und</strong> Grabes-Kirchen, Tauf-Kirchen, Wehr-<br />
Kirchen, Pilger-Kirchen, Seelsorger-Kirchen, Hof-Kirchen. In der Meditation<br />
sollten die Mönche die Nähe anderer Glaubensbrüder suchen, etwa<br />
15
16 ora et labora<br />
der Alchimisten, um Gold zu schlagen, oder der Astronomen, um den Lauf<br />
von Sonne <strong>und</strong> Mond über die Erdenscheibe zu erklären.<br />
Insgesamt kamen den Franziskanerbrüdern Friedrich, Heinrich <strong>und</strong><br />
Lucius die Angebote des Jahres 1497 konfus <strong>und</strong> wirr vor. Was sollte es,<br />
Mitternachtsmessen in Hebräisch für fortgeschrittene Theologen zu halten,<br />
wenn an der Basis der Gemeinde Defizite herrschten. In ihren eigenen Gottesdiensten<br />
beobachteten sie, daß die Kommunionschüler der Benediktiner<br />
noch nicht einmal das Vaterunser <strong>und</strong> die zehn Gebote kannten. Was sollten<br />
da theologische Exkurse in die Feinheiten der Marienverehrung. Wie<br />
konnte man den Bau von Seitenkapellen an der Kirche planen [14], wenn<br />
im Hauptschiff noch nicht einmal die Säulen standen?<br />
Der Weihbischof Herbert, der den zu diesem Zeitpunkt bereits nicht<br />
mehr im Amte weilenden Bischof Hans vertrat, war wütend <strong>und</strong> ließ die<br />
drei Franziskaner seine Enttäuschung wissen. Zugleich war auch dem<br />
damaligen Abt Klaus die Schwächung der drei reformatorischen Brüder<br />
seiner eigenen Abtei nicht ungelegen, wollte er doch die alt-testamentarische<br />
Ausrichtung, die er mit Neuberufungen von Mönchen aus den klassischen<br />
Hochburgen der Orthodoxie betrieb, nicht gefährden. Würde man<br />
den neuen Glauben nur genügend diskreditieren <strong>und</strong> in die Diaspora treiben,<br />
so würde die alte Kirche, die zwar kaum noch Gläubige anlockte, in<br />
neuem Glanze erscheinen, Ruhe träte ein, damit die Meditation nicht weiter<br />
gestört wäre, <strong>und</strong> alles würde wieder gut.<br />
Auch der spätere Kardinal Heinz Thatzinger, damals noch Vorsitzender<br />
der Glaubenskongregation der Benediktiner, schrieb am 9. Dezember 1497<br />
eine spitze Epistel an den aufsässigen Mönch Lucius, in der er die engagierte<br />
Mitarbeit in der Liturgie seiner Kirche forderte. Auf die theologischen<br />
Hinweise zu den eklatanten Schwächen des Kanons der Benediktiner,<br />
die dieser auf immerhin drei Seiten Pergament dargelegt hatte, ging<br />
der für seine Orthodoxie <strong>und</strong> Strenge im Glauben bekannte Prediger nicht<br />
ein.<br />
Klar war, die Franziskaner sollten zu Kreuze kriechen <strong>und</strong> ein Unterwerfungsdekret<br />
unterschreiben. Hinweise, die Gläubigen aus seiner Abtei<br />
kämen gerne zu deren Predigten <strong>und</strong> lobten die Klarheit der Worte, die<br />
ausgearbeiteten Scripta zum Glauben <strong>und</strong> die Bibelfestigkeit aller Mönche,<br />
wurden beiseite gewischt. Trotz der Bedenken des Rats der Franziskaner<br />
vom 26. Januar 1498 bezüglich des theologischen Konzepts der Benediktiner<br />
stimmte Abt Klaus in der großen Konzilsversammlung des Bistums im<br />
Februar 1498 für die Annahme des neuen Katechismus.<br />
Die Erwartungen von Prior Hans, den Weihbischöfen <strong>und</strong> Äbten der<br />
Franziskaner <strong>und</strong> Benediktiner, es würde endlich Ruhe einkehren im Bistum,<br />
erfüllten sich aber nicht. Überall gingen die Besucherzahlen in den
Das Bistum wiegelt ab 17<br />
Gottesdiensten des alten Glaubens zurück, während andernorts die reformatorischen<br />
Kirchen überzuquellen begannen. Bereits im Herbst 1497 war<br />
die Zahl der Kircheneintritte von 4000 Gläubigen auf über 6000 gestiegen.<br />
Sie sollten sich in den Folgejahren verdoppeln.<br />
Aber das Bistum hielt an seinem Kurs fest. Auch Berichte <strong>und</strong> Tabulationen<br />
der reichsübergreifenden Blätter im Frühjahr 1499, etwa die des<br />
Druckers Augstein aus der Hansestadt Hamburg oder die ob ihrer Farbigkeit<br />
<strong>und</strong> kurzen Artikel neuerdings vom einfachen Volke gerne gekauften<br />
illustrierten Blätter des Druckers Markwort (facta, facta, facta et semper<br />
credere in populo) bewegten nichts. Sie hatten das Bistum Cassella als weißen<br />
Fleck <strong>und</strong> unmissioniertes Gebiet ausgewiesen.<br />
So kam es denn zu der Versammlung der Stände im April 1499, über die<br />
der Chronist im vorherigen <strong>Kap</strong>itel berichtet hat, in der dem Unmut über<br />
das Nichthandeln des Bistums von seiten des Adels Ausdruck gegeben<br />
wurde. Das daraus entstandene Memorandum, das im September 1499 an<br />
den Adel verteilt wurde, <strong>und</strong> in dem der Bau einer neuen Kirche <strong>und</strong> die<br />
Einwerbung mildtätiger Spenden zur Gewinnung zweier Mönchsstellen<br />
vorgeschlagen wurde, versetzte das Bistum in helle Wut, wurde hier doch<br />
unterstellt, man tue selbst nicht genug für den neuen Glauben.<br />
Zugleich wurde bekannt, daß man in Bad Wildungen, einem malerischen<br />
kleinen Örtchen im Nordhessischen, plane, eine vom Adel finanzierte<br />
<strong>Kap</strong>elle mit einer Art Kleinkonvent zu bauen, um junge Adelige im<br />
neuen Glauben zu unterweisen. Auch hierfür würden Gönnermittel der<br />
Fürstentümer fließen, die dann nicht mehr für die neue Kathedrale des<br />
digitalen Glaubens zur Verfügung stünden.<br />
Die Initiativen des Unruhegeistes Lucius zur Einrichtung einer neuen<br />
Kirche stießen auch bei der sonst so wohlwollenden Beraterin des Bischofs,<br />
Freifrau Beatrix, auf Skepsis. Man habe große Schwierigkeiten die neuen<br />
Zellen der Franziskaner auszustatten. So ringe man darum, dem neu aufzunehmenden<br />
Mönch, den man aus dem gelobten Land gewinnen wolle,<br />
ein adäquates Angebot zu machen. Wie sich herausstellte, war das unnötig.<br />
Der Kandidat verhandelte noch nicht einmal ernsthaft, auch nicht im Bistum<br />
San Financiano, wohin man ihn ebenfalls rufen wollte. Ein schönes<br />
Beispiel für Wunschdenken im Bistum <strong>und</strong> in der Franziskanerabtei.<br />
Auf den trostlosen Gängen in seiner Abtei in der Ödnis sprach er den<br />
dogmatischen Exorzisten Ralf an, der eine Dauerstelle an der Abtei hatte<br />
[15]. Er war zwar zum Priester geweiht, hatte sich aber wohl nie um eine<br />
Mönchsstelle bemüht. Er hatte das Bistum mitgegründet <strong>und</strong> vertrat die<br />
Fraktion der dogmatischen Nicht-Mönche in allen Konzilen.<br />
Ihm ging der Ruf vorraus, den früheren Bischof Hans an die Macht<br />
gebracht zu haben. Seine Nähe zu den Orthodoxen <strong>und</strong> Mystikern in Rom
18 ora et labora<br />
war bekannt. Seine gemurmelten Halbsätze in den Konzilen, verb<strong>und</strong>en<br />
mit dunklen Andeutungen <strong>und</strong> Vorwürfen mangelnder Dogmenfestigkeit<br />
hatten etwas Dämonisches an sich <strong>und</strong> waren gefürchtet.<br />
„Sagt, Bruder Ralf“, fragte Lucius, „ihr habt doch ein Ohr in der Kurie.<br />
Welche Chance gebt ihr dem Bau einer neuen Kathedrale, besonders wenn<br />
es gelänge, einen Stifter für einen Teil des Baues zu finden?“<br />
War es Mitleid oder Hohn, der aus seinem Lächeln sprach? „Bruder<br />
Lucius, nimmermehr wird es eine eigene Kathedrale geben, das glaubt mir.<br />
Der Vatikan gibt nichts <strong>und</strong> das Bistum ist bitterarm. Wir selbst werden<br />
unsere neue orthodoxe Kirche bauen, für die ich gestritten <strong>und</strong> deren<br />
Ordensregeln ich verfaßt habe, aber der neue Glaube hat an diesem Bistum<br />
keinen Platz, es sei denn als Nebenaltar im großen Dom bei den Benediktinern.“<br />
Lucius war enttäuscht, daß auch die Franziskaner im eigenen Haus die<br />
Sache verloren gaben, ja geradezu erleichtert darüber waren. Er klagte sein<br />
Leid Schwester Irmgard, seiner zuverlässigen <strong>und</strong> aufmunternden Schafferin.<br />
„Seid Ihr überrascht, Bruder Lucius? Hier gilt, hilf Dir selbst, sonst hilft<br />
Dir niemand. Mitleid ist nicht Sache der Bettelmönche, die in der kargen<br />
Abtei schon mehr als zwanzig Jahre ihr Dasein fristen“. Die Gegenreformation<br />
marschierte, das war klar.<br />
Wenn also dem neuen Glauben Verbreitung geschaffen werden sollte,<br />
dann mußte der Druck von außen kommen. Etwa in Form von Stiftungen<br />
an die Kurie. Lucius nahm sich vor, mit den Mächtigen dieser Welt in Kontakt<br />
zu treten.<br />
Zugleich arrangierte der rührige Laienbruder Alfred, Exminister in<br />
Rom unter dem letzten reformatorisch-liberalen König Walter, ein Treffen<br />
am 26. Oktober 1499 in den Räumen der Zünfte, zu dem die Brüder Werner<br />
(der Sonnige), Heinz, Dieter, Friedrich, Heinrich, Lucius sowie Udo von<br />
den Zisterziensern geladen waren.<br />
Das Gespräch brachte keine Fortschritte in Richtung Bau einer eigenen<br />
Kathedrale. Bruder Alfred schlug deshalb vor, jede der drei divergierenden<br />
Abteien solle einen Vertreter ins Schlößchen Schönfeld zu einem leckeren<br />
Male schicken. Die sollten dabei beraten, wie die Angebote der Liturgie<br />
<strong>und</strong> die Interessen für die Bibelauslegung so zusammengebracht werden<br />
könnten, daß daraus der digitale Glaube neue Anhänger schöpfen könne.<br />
Jenes Treffen fand denn auch am 27. November 1499, einem Samstag,<br />
statt <strong>und</strong> zeitigte neben einem eher mäßigen Male eine kontroverse Diskussion.<br />
Bruder Udo von den Zisterziensern betonte die Wichtigkeit des angewandten<br />
Glaubens. Auf keinen Fall wolle man eine losgelöste Kongregation.<br />
Auch das Volk <strong>und</strong> der Adel benötigten diese dogmatischen, ja gera-
Das Bistum wiegelt ab 19<br />
dezu fanatisch vom neuen Glauben besessenen Mönche, nicht. Lucius<br />
widersprach, überall sonst im Lande blühe diese Gemeinde.<br />
Auch Bruder Dieter, der Zögerliche, war kein Fre<strong>und</strong> des eigenständigen<br />
Glaubens. Er betonte, wie gut die eigene Kirche angenommen worden<br />
sei. Diese erfolgreiche Benediktinerkapelle sei mit Predigten zu unterstützen.<br />
„Ihr, Bruder Lucius, seid auch verpflichtet, das Eure dafür zu tun.“<br />
Lucius versicherte ihm, daß alle seine Glaubenskinder gerne in seinen<br />
Predigten gelitten seien, daß die Franziskaner aber seinen Katechismus<br />
wegen der vielfältigen Widersprüche zur Heiligen Schrift nie angenommen<br />
hätten. Trotzdem habe sich das große Konzil des Bistums unter dem inquisitorischen<br />
Prior Hans darüber hinweggesetzt <strong>und</strong> beim Vatikan die Konsekrierung<br />
der Kirche erreicht.<br />
Am Ende des Treffens stand denn eine Verabredung, man wolle auf ein<br />
Kirchlein mit zunächst sechs Mönchen hinwirken. Dies war eher eine vage<br />
Absichtserklärung als ein fester Plan.<br />
Derweilen schottete sich das Bistum weiter ab. Selbst die Philippika des<br />
Fürsten Ludwig Georg zu Neujahr 1500 bewirkte mehr Wut als Aufbruchstimmung,<br />
obwohl fast jeden Tag von den überquellenden Kirchen für den<br />
neuen Glauben berichtet wurde, die den Ansturm der Kircheneintritte<br />
nicht verkraften konnten.<br />
In einem Bericht des Hinkenden Boten vom 11. März 1500 „Großer<br />
Bedarf auch in der Region“ zum Thema „neuer Glauben“ hieß es:<br />
Um den steigenden Bedarf mittel- <strong>und</strong> langfristig decken zu können, ist es<br />
nach Ansicht des Adels dringend notwendig, mehr Kirchenplätze anzubieten.<br />
Eine Forderung von Herzog Ludwig Georg, Vorsitzender im Rat des<br />
Adelstages, <strong>und</strong> des Beraters des kurhessischen Adels, Meister Alfred, lautet<br />
seit Jahren, im Bistum Cassella eine eigenständige Kirche für den neuen<br />
Glauben einzurichten. ...<br />
Getan hat sich bislang aber kaum etwas. Im Vatikan in Rom hieß es auf<br />
Anfrage unseres Boten, bislang seien von dem Bistum Cassella keine derartigen<br />
Signale gesendet worden. Gr<strong>und</strong>sätzlich – so die Vatikanssprecherin<br />
Birgit – sehe es bei neu einzurichtenden Stellen an den Bistümern ziemlich<br />
„mau“ aus. Dies bedeute aber nicht, dass alles beim Alten bleibt. [...]<br />
Blieb es aber erst einmal. Und das Bistum reagierte verärgert mit einem<br />
Artikel des Hinkenden Boten unter der Überschrift „Bistum: Bieten verstärkt<br />
angewandten Glauben“.<br />
Bistumssprecher Bernd verweist darauf, dass das Bistum 1490 in der Bistumsplanung<br />
einen Schwerpunkt „neuer Glaube“ vorgesehen <strong>und</strong> bei<br />
Hofe Kirchenplätze dafür beantragt habe.<br />
Keine der höfischen Fraktionen habe sich diesen Vorschlag jedoch zu<br />
eigen gemacht, so der bischöfliche Sprecher. Deshalb habe die Bistums-
20 ora et labora<br />
Spitze vor zwei Jahren ein neues Entwicklungskonzept beschlossen mit<br />
dem Ziel, den angewandten Glauben zu verstärken.<br />
Zu welchen theologischen Feinsinnigkeiten die Scheu vor dem Unaussprechlichen<br />
führte, zeigt die am 17. April 1500 dem Vatikan <strong>und</strong> sonstigen<br />
Plagegeistern zugegangene Bulle.<br />
Unter der Abschnittsüberschrift „Weitere Ausbauperspektiven für den<br />
neuen Glauben am Bistum Gesamtdiözese Cassella“ heißt es:<br />
Die Gesamtdiözese hat den Weg zum weiteren Ausbau des neuen Glaubens<br />
– insbesondere mit dem Aufbau des theologischen Glaubensschwerpunkts<br />
Sakralarchitektur im Benediktinerkloster an der Williams Road –<br />
bisher konsequent beschritten. ... Unser gemeinsames Ziel sollte es deshalb<br />
sein, dieses Anforderungsprofil weiter zu präzisieren <strong>und</strong> von den Benediktinern<br />
<strong>und</strong> <strong>Kap</strong>uzinern am Bistum Gesamtdiözese Cassella gemeinsam<br />
getragenen Glaubensschwerpunkt Sakralarchitektur zum Ausgangspunkt<br />
der weiteren Entwicklung zu nutzen. Die Abtei der Benediktiner sieht<br />
bereits die Einrichtung von zwei neuen Mönchsstellen für Anhänger des<br />
neuen Glaubens für diesen Schwerpunkt vor.<br />
Nach einem weiteren Ausbau des Kirchenschwerpunkts, der durch die<br />
Einrichtung von Stiftungsmönchen unterstützt <strong>und</strong> beschleunigt werden<br />
könnte, sollte als mittelfristiges Ziel eine größere Eigenständigkeit des<br />
Schwerpunktes bis hin zur Einrichtung einer eigenständigen neuglaubensadäquaten<br />
Kirche angestrebt werden, ...<br />
Sicherlich hatte die Entwicklungsplanerin des Bistums, die liebreizende<br />
Freifrau Beatrix, sich hier für örtliche Verhältnisse weit aus dem Kirchenfenster<br />
gelehnt. Sie hatte sogar von einer eigenständigen Kathedrale<br />
gesprochen, wenngleich nur – welch eine göttliche Eingebung – von einer<br />
neuglaubensadäquaten. Und ewig die Litanei vom Schwerpunkt Sakralarchitektur,<br />
einer Glaubensrichtung, die für ihre schwachen F<strong>und</strong>amente<br />
landauf landab bekannt war.<br />
„Heiliger Herr, laß Schwerter wachsen“! dachte sich der zornige Lucius.<br />
„Könnte ich vielleicht den Erzengel Michael mir kurzfristig ausleihen, der<br />
heilige Kämpfer, der voller Wut zwischen die Ungläubigen fährt?“<br />
Oder er bräuchte einen von den Glaubensrittern, die Spanien von den<br />
Mauren befreit haben oder jetzt Wien vor den Türken schützen wollten.<br />
Allerdings könnte die Abtei nur 52,70 teutsche Reichstaler die Kampfst<strong>und</strong>e<br />
(45 Minuten) für Glaubensritter bezahlen <strong>und</strong> das auch nur bei<br />
Nachweis besonderer Fähigkeiten, sonst nur 34,20 Taler, Reisekosten werden<br />
nicht erstattet, dem Steuereintreiber wird darüber Mitteilung gemacht,<br />
der Lohn Gottes wird in der Regel 4 Monate später ausgezahlt, Lanzen sind<br />
selbst mitzubringen, für den neuen Glauben gebrochene werden leider<br />
nicht ersetzt ...
KAPITEL 4<br />
Der verzweifelte Mönch<br />
So sehr er sich auch im Bistums bemühte, Unterstützung für eine<br />
eigenständige Kathedrale des digitalen Glaubens zu gewinnen, die<br />
Chancen für Bruder Lucius sanken immer mehr. Auch der Adel<br />
des lokalen Sprengels <strong>und</strong> die Berater des Hofes hielten sich<br />
bedeckt. Nur eine rasche Zusage über Stiftungsmönche, möglichst noch<br />
mehrere auf einen Streich, könnte die Stimmung zu seinen Gunsten kippen.<br />
Das hieß, auf ein W<strong>und</strong>er zu hoffen.<br />
Dabei war der digitale Glaube durchaus Gesprächsstoff urbi et orbi in<br />
jenen Monaten zu Ende des 14. Jahrh<strong>und</strong>erts. Der neue Markt blühte, überall<br />
wurden neue Burgen gegründet. Der Trubel mit dem Saeculum, der<br />
Jahrh<strong>und</strong>ertumstellung 1499 auf 1500, tat ein übriges. Die Samstagsausgabe<br />
der Allgemeinen Blätter von San Financiano quoll über mit Stellenangeboten<br />
für K<strong>und</strong>ige der binären Schriften.<br />
Im Skriptorium dieser reformatorischen Blätter, die im übrigen wieder<br />
zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt waren (die gantze Heilige<br />
Schrifft, treüwlichest verteütschet, Noth, Hülfe, kan, frembde, <strong>und</strong> so weiter<br />
<strong>und</strong> so forth), hielt der Chefredakteur im kleinen Redaktionskonzil eine<br />
simulierte Titelseite der Allgemeinen Blätter von San Financiano hoch. Die<br />
Schlagzeile lautete „Vatikan will 10 Tage im Kalender ausfallen lassen.“<br />
In der rechten Kolumne wurde von Gerüchten berichtet, es gäbe Menschen<br />
auf der anderen Hälfte der Erdscheibe, Antipoden (Gegenfüßler)<br />
sozusagen, die mit dem Kopf nach unten hingen.<br />
21
22 ora et labora<br />
In der linken Spalte war von der Stiftung dreier Mönchsstellen für den<br />
digitalen Glauben im Bistum Cassella die Rede. Sie kamen vom Adel <strong>und</strong><br />
die Allgemeinen Blätter zeigten das Bildnis der noblen Spender in kleinen<br />
Holzschnitten auf der Titelseite.<br />
Die untere Hälfte der Titelseite war bis auf einen Textrahmen frei.<br />
„Unrealistisch?“ stand darin.<br />
Darunter wiederum, um 180 Grad gespiegelt, die Antwort. „Richtig. Die<br />
Allgemeinen Blätter bringen auf Seite 1 keine Miniaturen!“<br />
Der scriptor principalis der Allgemeinen Blätter wandte sich an die Kollegen.<br />
„Wie ich höre, ist die Postille von einem gewissen Bruder Lucius aus<br />
dem Bistum Cassella auch einigen anderen Kollegen zugegangen. Dieser<br />
Mönch will den Norden Hassias missionieren. Der Adel soll für den neuen<br />
digitalen Glauben 3 Mönchsstellen stiften.“<br />
Einer der angesprochenen Kollegen nickte mit dem Kopf <strong>und</strong> ergriff das<br />
Wort.<br />
„Wenn wir da mitspielen <strong>und</strong> Bildnisse von Stiftern auf Seite 1 bringen,<br />
kommt morgen der Nächste Geistliche <strong>und</strong> will eine Aktion für sein Waisenheim.<br />
Zwar bringt uns der Mangel an Gläubigen zur Zeit fetten Lohn,<br />
kostet doch eine ganze Seite am Sonnabend glatte 100.000 Reichsthaler.<br />
Was dieser Bettelmönch will ist aber verrückt, das können wir nimmermehr<br />
erfüllen.“<br />
„Bettelmönch? Spinner! Kaum zu glauben, wer heutzutage alles Mönch<br />
wird. Also, Protokollant, eine Antwort an diesen Mönch im Cassella ... Epistel<br />
mit der Sie uns bedacht haben ... können wir kurz beantworten ...<br />
Unterstützung durch uns kommt nicht in Frage ... Köpfe der spendenden<br />
Herzöge auf Seite 1 ist schlicht abwegig ... hoffe Sie haben Verständnis für<br />
unsere Haltung.<br />
Moment, streichen Sie das letzte. Schreiben Sie: Verständnis dafür sollten<br />
Sie aufbringen können. Salutem plurinam dico et cetera et cetera.“<br />
„Das wäre abgehakt,“ fuhr der Chefredakteur fort. „Nächster Punkt,<br />
wer bleibt an der Geschichte mit dem Prozeß Gutenberg gegen Fust dran,<br />
Werk der Bücher, <strong>und</strong> so? Diese neue Markt ist ein sepulcrum curatori pecuniarii.<br />
Fust hat ihm 800 Gulden für eine commercium mercatorum geliehen,<br />
wir haben eine Abschrift aus den Prozeßakten vorliegen [17]. Da machen<br />
wir eine Story draus ...<br />
Der Brief der Allgemeinen Blätter mit Datum vom 29. Dezember 1499<br />
ging einige Tage später bei Bruder Lucius ein <strong>und</strong> kam in den großen Ordner<br />
„Absagen“, Unterabteilung „Essigschwämme“.<br />
❦❦❦
Der verzweifelte Mönch 23<br />
Das Mitglied des Vorstands von St. Bartholomäus, Herzog Bickenbrook,<br />
hielt den Nachdruck der Allgemeinen Blätter in der Hand. In der linken<br />
Spalte war sein Abbild.<br />
„St. Bartholomäus mit eigener Abtei“, war die Schlagzeile. Daneben<br />
wieder die Ankündigung des Vatikans, 10 Tage im Kalender unter den<br />
kirchlichen Altar fallen zu lassen.<br />
Der Adelige mit der feinen Art der ehrbaren Kaufleute aus der Hansestadt<br />
Hamburg dachte nach. Ja, man hatte kräftig in neue Medien investiert,<br />
die Technik des Gutenberg zu Mainz, digitaler Glauben <strong>und</strong> so weiter.<br />
Im Bistum Paderborn auf einer großen Wallfahrt hatte er die Gläubigen<br />
aufgefordert, sich an ihn zu wenden, wenn sie die Kooperation von Adel<br />
<strong>und</strong> Kirche suchten. Man brauchte gute Leute <strong>und</strong> Gütersloh war nicht der<br />
Nabel der Welt.<br />
Die Schafferin, die das Pamphlet morgens hereingereicht hatte, stand<br />
noch im Türrahmen. Sie wußte was er in der Hand hielt. So viele gefaltete<br />
DIN A3 Pergamente brachte die Postkutsche nicht.<br />
Der Herzog sah sie an <strong>und</strong> hob fragend die Schultern.<br />
„Ein bißchen verrückt“, sagte sie vorsichtig.<br />
„Ja“, antwortete er, „aber eigentlich ganz witzig. Hat jedenfalls Mut <strong>und</strong><br />
ein bißchen Phantasie, dieser Mönch. Können wir gebrauchen. Das Bistum<br />
sitzt in Cassella, ausgerechnet Cassella <strong>und</strong> seine Chatten.“<br />
„Warum nicht“, dachte er sich, „einst haben ja Brukterer, Chatten,<br />
Chauken, Cherusker <strong>und</strong> andere Stämme den Fränkischen B<strong>und</strong> gebildet.“<br />
„Reichen Sie die Sache an Fürst Daniel weiter. Der soll den Junker Thomas<br />
nach Cassella schicken. Wir schauen uns die Abtei dort mal an, dann<br />
sehen wir weiter.“<br />
Die Schafferin nickte <strong>und</strong> entschwand.<br />
Schon zehn Tage später, am 10. Dezember 1499 war der Abgesandte des<br />
mächtigen Herzogs in Cassella. Das war sensationell schnell.<br />
„Wie wurde die Seite der Allgemeinen Blätter von San Financiano mit<br />
dem Abbild des Herzogs aufgenommen“, fragte Lucius unsicher.<br />
„Das war goldrichtig“, lachte Junker Thomas. „Die Herzöge erhalten<br />
täglich Post von Bettelmönchen, die uniforma beantwortet wird. Wer<br />
durchkommen will, muß ungewohnte Wege gehen.“<br />
St. Bartholomäus war eine aufgeschlossene Burg, das zeigte sich wieder.<br />
Rasch hatte man sich auf die mögliche Gönnerschaft einer Mönchsstelle<br />
geeinigt. Noch um die Weihnachtszeit, wenn die K<strong>und</strong>e von der Ankunft<br />
des Christkindleins die Herzen milde stimmt, wollte man sich entscheiden.<br />
Bruder Lucius nahm die frohe Botschaft mit in die Gespräche, die er mit<br />
den verstockten Brüdern der anderen Abteien <strong>und</strong> der Kurienleitung<br />
führte.
24 ora et labora<br />
Das war voreilig.<br />
Junker Thomas suchte im Januar das Gespräch aus der Ferne.<br />
„Die Mönchsstelle geht ins Bistum Hannover. Es tut mir leid. Die Entscheidung<br />
war knapp“, tröstete er Bruder Lucius.<br />
„Schicksal“, dachte sich dieser, „knapp daneben ist auch daneben. Wo<br />
finden wir so rasch wieder offene Ohren?“<br />
Noch gab es einige lokale Fürsten, auch einen mächtigen Herzog in<br />
Melsungen, dem Bildung <strong>und</strong> regionale Förderung am Herzen lag. Lucius<br />
würde auch ihm eine Seite der Blätter von San Fianciano schicken, im<br />
Geheimen. Das Risiko mußte er eingehen.
KAPITEL 5<br />
Das Problem mit der<br />
Zeitrechnung<br />
I<br />
m Herbst 1499 wurde der Adel immer unruhiger. Nicht nur gab es<br />
Probleme mit dem Mangel an Gläubigen, das kommende Saeculum,<br />
also der Wechsel von 1499 auf 1500, beunruhigte ihn <strong>und</strong> das<br />
gemeine Volk. Dabei war das nur ein kleiner Teil der Schwierigkeiten<br />
mit der Umstellung der Zeitrechnung, die in der Kirchenliteratur als<br />
das Y1.582K Problem bekannt wurde <strong>und</strong> das Reich Millionen von Talern<br />
kostete [18].<br />
Die Dinge rührten von dem julianischen Kalender her, der auf Julius<br />
Cäsar zurückgeht <strong>und</strong> den dieser im Jahre 46 vor Christus als Ersatz für<br />
den ptolemäischen Kalender einführte. Er sah vor, daß ein Schalttag alle 4<br />
Jahre dem 28. Februar folge.<br />
Damit war aber das kalendarische Jahr um 11 Minuten <strong>und</strong> 14 Sek<strong>und</strong>en<br />
gegenüber dem astronomischen Jahr zu lang. In den aufeinanderfolgenden<br />
Jahren summierte sich alle <strong>12</strong>8 Jahre der Abstand, um den die<br />
Gestirne dem Kalender davoneilten, um einen Tag. Das blieb den Gelehrten<br />
der Kurie nicht verborgen. Auch das Volk bemerkte es langsam <strong>und</strong><br />
wurde unruhig, spielten doch die Feiertage (davon gab es im Bistum Bamberg<br />
38 ganze <strong>und</strong> elf halbe!) eine große Rolle im Leben der Menschen. Sie<br />
bestimmten, ob man zur Feldarbeit durfte <strong>und</strong> welche Kleidung man tragen<br />
sollte (heutige Mönche arbeiten antizyklisch <strong>und</strong> gehen bevorzugt<br />
Sonntags in die Abtei, wenn sie ungestört meditieren <strong>und</strong> die Predigt vorbereiten<br />
wollen).<br />
25
26 ora et labora<br />
Es war demnach höchste Zeit, einige Schalttage ausfallen zu lassen,<br />
etwa in den durch 100 teilbaren Jahren, also im Wechsel von 1499 auf 1500,<br />
dem Saeculum. Soweit war die Kurie aber noch nicht.<br />
Erst Gregor XIII., ein Papst der Renaissance, nahm sich des Mißstandes<br />
persönlich an <strong>und</strong> beauftragte eine Kommission, bestehend aus dem<br />
Mathematiker Ignazio Danti, dem Bamberger Gelehrten Christoph Clavius,<br />
sowie dem Patriarch von Antiochien, Ignatius. Ab 1578 warb Gregor XIII.<br />
für seine Kalenderreform, die den nach ihm benannten Kalender einführen<br />
sollte. Dieser sieht bekanntlich ein Schaltjahr alle 4 Jahre, außer alle 100<br />
Jahre, aber wieder alle 400 Jahre, vor. Zugleich wurde das Osterfest neu<br />
festgelegt.<br />
Am 24. Februar 1582 unterzeichnete er die Bulle inter gravissimas, die<br />
vorsah, dem 4. Oktober 1582 sogleich den 15. Oktober folgen zu lassen,<br />
ersatzweise diesen Sprung ein Jahr später vorzunehmen. Der Wochentag<br />
bliebe dabei gleich, nach dem Donnerstag 4. Oktober käme somit Freitag<br />
der 15. Oktober.<br />
Wie bei allen vernünftigen Vorschlägen wurde die Einführung erst einmal<br />
heftig diskutiert <strong>und</strong> dann, besonders von den protestantischen Kräften<br />
im Reich, vehement abgelehnt. Seit 1555 galt ja im deutschen Reich der<br />
Augsburger Religionsfrieden, der Religionsfreiheit garantierte <strong>und</strong> die<br />
deutsche Landkarte in einen bunten Fleckenteppich von bevorzugt protestantischen<br />
oder katholischen Städtchen <strong>und</strong> Regionen, daneben aber auch<br />
paritätischen Reichsstädten <strong>und</strong> Gemeinden aufteilte.<br />
So klappte die Abstimmung zwischen dem Hochstift Würzburg, das<br />
den Sprung zwischen dem 4. <strong>und</strong> 15. November machte, <strong>und</strong> dem Bischof<br />
von Bamberg schlecht, weil dieser die Unterlagen nicht erhalten hatte <strong>und</strong><br />
den Martinstag (11. November) nur ungern auslassen wollte. Die protestantischen<br />
Städte Coburg, Nürnberg <strong>und</strong> die Oberpfalz wollten gar nicht<br />
mitmachen. Noch Johannes Kepler beklagte 1593 die Spaltung Deutschlands<br />
vom Rest Europas. Erst ab dem 1. März 1700 galt in Deutschland<br />
nach einer Vereinbarung des ständigen Reichstages ein bis auf wenige Ausnahmen<br />
einheitlicher Gregorianischer Kalender.<br />
Dabei ist anzumerken, daß sich das katholische Frankreich <strong>und</strong> Spanien<br />
leichter taten, dafür blieb das anglikanische England (<strong>und</strong> in der Folge die<br />
Kolonien) bis 1752 beim Julianischen Kalender.<br />
Gemessen an diesen wirklich revolutionären Umstellungen kommen<br />
uns die Sorgen zum Saeculum 1499/1500 <strong>und</strong> die Aufregung, die in den<br />
Blättern <strong>und</strong> von den Marktschreiern verbreitet wurde, übertrieben vor.<br />
Wollten da einige Geistliche <strong>und</strong> Mitglieder des Adels an der Furcht des<br />
Volks verdienen?
Das Problem mit der Zeitrechnung 27<br />
Der Hinkende Bote im Stadt- <strong>und</strong> Landkreis Cassella fragte Bruder<br />
Lucius zu seinen Erfahrungen mit dem Saeculum, war er doch ein Anhänger<br />
des neuen Glaubens <strong>und</strong> mit den Fragen der Zeitumstellung vertraut.<br />
Im Boten vom <strong>12</strong>. Januar 1500 antwortete er mit einem Zitat der anglikanischen<br />
Bänkelsänger, Hofnarren <strong>und</strong> Gaukler Monty Python: „Plötzlich passierte<br />
nichts“.<br />
❦❦❦<br />
Im Ernst, lieber Leser. Können Sie sich vorstellen, Sie wollten heute 10<br />
Tage ausfallen lassen in Ihrem Rechner oder in SAP R/3. Was würde Ihnen<br />
das Finanzamt husten, wenn Sie nur noch 355 umsatzsteuerpflichtige Tage<br />
in Anrechnung brächten <strong>und</strong> sich auf eine päpstliche Bulle beriefen. Erklären<br />
Sie Ihrem DV-Leiter, daß Sie nach dem Edikt von Nicäa 325 auf der<br />
Frühjahrs-Tag-<strong>und</strong>-Nacht-Gleiche am 20. bzw. 21. März bestehen – basta!<br />
Und wie sorgen Sie dafür, daß der Patriarch von Konstantinopel mit der<br />
Ostkirche, die seit dem 11. Jahrh<strong>und</strong>ert von Rom abgespalten <strong>und</strong> seit 1453<br />
unter osmanischer Regentschaft ist, endlich beikommt <strong>und</strong> die Uhren<br />
umstellt? Sonst können sich die Muselmanen den EU-Beitritt ganz<br />
abschminken. Jawohl, mein lieber (protestantischer) Schwede! Man sieht<br />
sich in Osnabrück <strong>und</strong> Münster.
KAPITEL 6<br />
Die Kurie schlägt zurück<br />
Seit mehr <strong>und</strong> mehr vom Aufschwung der Eintrittszahlen in die<br />
neue Kirche des digitalen Glaubens gesprochen wurde <strong>und</strong> eine<br />
solche Kirche auch für Cassella gefordert wurde, nahm die Unruhe<br />
im Bistum, die einige durchaus auch erreichen wollten, zu. Sie<br />
machte besonders Prior Hans <strong>und</strong> Weihbischof Herbert ganz nervös <strong>und</strong><br />
gereizt.<br />
Am 14. Dezember 1499 tagte das Ständige Konzil V, das im wesentlichen<br />
für die Abnahme der biennalen Berichte über den Zustand des Kircheninventars<br />
sowie die Beantragung neuen Chorgestühls <strong>und</strong> neuer Glokken,<br />
mit denen die Gläubigen zum Gebet gerufen werden, zuständig war<br />
(vgl. „Das Bittschriftwesen“ auf Seite 117). Der Prior leitete traditionell dieses<br />
Konzil im neuen Konzilgebäude, das gleichermaßen neu, trostlos <strong>und</strong><br />
unfunktionell ob seiner flachen Decke <strong>und</strong> zweiseitigen Fensterfront war.<br />
Nach der endlosen Sitzung faßte sich Bruder Lucius ein Herz <strong>und</strong> trat<br />
an den Prior heran. „Hochwohlgeborener Laienbruder Hans, hochbelasteter<br />
Prior des Bistums, darf ich Euch fragen, wie Ihr die Chancen für eine<br />
neue Kathedrale sehen würdet, vorausgesetzt, der Adel würde uns drei<br />
Mönchsstellen stiften“?<br />
Statt einer freudigen Nachfrage, ob denn eine solche gönnerhafte Gabe<br />
realistisch sei, kam eine schroffe Antwort. „Bruder Lucius, schlagt Euch<br />
solches aus dem Kopf. Eine eigenständige Kathedrale zu errichten ist aussichtslos.“<br />
28
Die Kurie schlägt zurück 29<br />
„Die Fehler sind in der Vergangenheit gemacht worden. Das Bistum<br />
kann nicht <strong>12</strong> bis 15 Stellen aufbringen, um die Mönchsstellen mit Novizen<br />
<strong>und</strong> Laienbrüdern auszustatten, geschweige denn kann das Bistum eine<br />
Übernahme nach Ablauf der üblichen fünfjährigen Stiftungsperiode versprechen.<br />
Bruder Lucius, es ist unredlich, immerfort von 10 bis 11 Mönchen<br />
für eine neue Kathedrale zu reden <strong>und</strong> so Unruhe <strong>und</strong> Tagträume unter<br />
den Gläubigen zu verbreiten. Akzeptiert endlich, daß der neue Glaube ausschließlich<br />
im Kloster der Benediktiner gepredigt wird.“<br />
Seine Stimme war laut <strong>und</strong> gut im Saale vernehmlich. „Überhaupt ist<br />
der Glaube im Kloster der Franziskaner zu dick vertreten, da dort nur die<br />
Orthodoxie <strong>und</strong> das alte Testament verlangt werden.“<br />
Er wußte zu gut, daß dieses falsche Argument Bruder Lucius wütend<br />
machte. Über die Hälfte der Predigten, Beichten <strong>und</strong> Exerzitien der Franziskaner<br />
wurden bei den Brüdern Friedrich, Heinrich <strong>und</strong> Lucius abgelegt.<br />
Das Bistum brüstete sich damit, wie gut der neue Glauben ins Klosterleben<br />
der Bettelmönche integriert sei, gleichwohl gab man ihnen nicht die freie<br />
Stelle des ausgeschiedenen Mönchs Meckelein <strong>und</strong> warf ihnen vor, sie<br />
seien überversorgt mit Gottesmännern.<br />
Lucius entgegnete, die Kommunionschüler der Benediktiner würden eh<br />
zu den Franziskanern kommen <strong>und</strong> wären hochzufrieden mit der Glaubenslehre.<br />
Der Prior ließ das Argument nicht gelten. Er schleuderte ihm ein<br />
letztes „arbeiten Sie bei den Benediktinern mit <strong>und</strong> hoffen Sie nicht auf<br />
W<strong>und</strong>er des Himmels“ in sein blasses Gesicht <strong>und</strong> eilte von dannen.<br />
Im Hintergr<strong>und</strong> glaubte der verdatterte Lucius noch Bruder Udo von<br />
den Zisterziensern gesehen zu haben, der den lauten Disput sicher mit<br />
Interesse verfolgt hatte. Der so gemaßregelte Mönch ritt deprimiert in sein<br />
Kloster in die Einöde <strong>und</strong> berichtete der treuen Schwester Irmgard von seinem<br />
herben Gespräch.<br />
„Ach Bruder Lucius, diese Konfrontationen werden Euch noch umbringen.<br />
Ihr habt nicht die Kraft, den Kampf mit der mächtigen Kurie auszufechten.<br />
Mal um Mal holt Ihr Euch eine blutige Nase. Es sind deren zu viele<br />
<strong>und</strong> Eure Helfer Friedrich <strong>und</strong> Heinrich sind zu schwach für einen langen<br />
Krieg. Gebt auf, begnügt Euch mit dem einfachen, bescheidenen Leben in<br />
der Ödnis <strong>und</strong> den wenigen, aber klugen Kommunionschüler, die Ihr hier<br />
habt. Ich werde Euch eine Tasse vom türkischen dunklen Trank machen,<br />
auf daß ihr wieder zum Leben kommt.“<br />
Lucius war sich nicht sicher, ob die gute Seele nicht recht hatte. Schon<br />
Bruder Peter, der Nordische, hatte ihm geraten: „Wenn Du die Schlacht<br />
nicht gewinnen kannst, wechsle die Seiten, bevor Deine Truppen ganz aufgerieben<br />
sind. Oder gebe Dich geschlagen <strong>und</strong> ziehe Dich zu Fauna <strong>und</strong>
30 ora et labora<br />
Flora <strong>und</strong> den treuen Kreaturen, Deinem canem, zurück, ehe Dein Herz<br />
Schaden nimmt.“<br />
Vielleicht hatte er recht. Trotzdem setzte Lucius sich am 15. Dezember,<br />
also dem Tag nach dem unerfreulichen Zusammenstoß hin <strong>und</strong> wies die<br />
perfiden Unterstellungen des Priors, die Franziskaner würden den Benediktinern<br />
nicht hinreichend zuarbeiten, zurück.<br />
Es war klar, dies war eine Schmutzkampagne, die schon der spätere<br />
Kardinal Thatzinger begonnen hatte <strong>und</strong> die auch der robuste Bruder<br />
Wolf-Jürgen von den Benediktinern in seiner Zeit als Abt fortgesetzt hatte.<br />
Ja selbst einige der eigenen Franziskaner, voran der hinterlistige ehemalige<br />
Abt Klaus, hatten die Anhänger des neuen Glaubens aus Mißgunst beim<br />
Bischof angeschwärzt. Die Sache hatte Methode – aliquid semper haeret.<br />
Am Abend suchte Lucius wieder aus der Ferne das Gespräch mit dem<br />
von des Alters Weisheit gesegneten Laienbruder Gert, der Trost spendete.<br />
Am 22. Dezember, also kurz vor dem Tag des Herrn, träfe man sich wieder<br />
in der Räumen der Zünfte um eine Kooperation zwischen Zisterziensern,<br />
Benediktinern <strong>und</strong> Franziskanern zu erwirken. Dann wolle man weitersehen.<br />
„Nur Mut Bruder Lucius!“<br />
So traf der gebeutelte Bettelmönch sich am Mittag des 22. Dezember mit<br />
Bruder Udo, dem stämmigen Zisterzienser, <strong>und</strong> Bruder Dieter, dem Zögerlichen<br />
aus der Williams Road, in der Kammer der Zünfte. Vom Adel<br />
kamen Bruder Alfred, der Ex-Ratsherr bei Hofe, der selbstlose Almosensammler<br />
Gert, <strong>und</strong> der Vogt der Kammer, Bruder Leiniger, der selbst eine<br />
vom Adel privat finanzierte Abtei gegründet hatte.<br />
Die Erwartung war, daß sich die drei Glaubensbrüder einig würden,<br />
wie dem neuen Glauben eine Kathedrale zu bauen sei. Wir sehr wurden<br />
die Erwartungen enttäuscht.<br />
Da es sonst keine Pergamente für die Tafel gab, legte Lucius seine Epistel<br />
vor, die einerseits eine kleine Lösung vorsah, bestehend aus einer<br />
Mönchsstelle finanziert durch gönnerhafte Zuwendung des Adels, sowie<br />
zwei Mönchsstellen aus der Obhut des Bischofs.<br />
„Der Bischof hat sie eh geparkt unter seinem weiten Bischofsgewand,<br />
glaubt es mir“. Eine Mönchsstelle aus dem Adel zu bekommen, das müßte<br />
möglich sein. Bruder Alfred nickte vorsichtig. Offensichtlich hatte er schon<br />
vertrauliche Gespräche mit den Mächtigen im Reiche geführt.<br />
„Aber bringt uns die kleine Lösung etwas“? fragte Lucius. „Dann gibt es<br />
etwas Service in die existierenden Abteien <strong>und</strong> Kirchen hinein, wie in Form<br />
von Wanderpredigern, aber der neue Glaube hat keine Heimstatt, keinen<br />
Altar, keine eigenen Novizen <strong>und</strong> Kommunionschüler. Das kann uns nicht<br />
befriedigen.“
Die Kurie schlägt zurück 31<br />
Bruder Leiniger bestätigte seine Ansicht. „Dann bleibt das Bistum ein<br />
weißer Fleck auf den Listings der Blätter, die alle Bistümer in ein Ranking<br />
brachten“. Lucius warf ihm einen dankbaren Blick zu.<br />
Relativ unvermutet fiel Bruder Udo über ihn her. „Bruder Lucius hält<br />
sich an keine Absprachen. Nur die kleine Lösung ist realistisch. Der Adel<br />
hat keinen Bedarf an keuschen Mönchen, die sich nur dem abgehobenen<br />
Glauben widmen. Glaubt mir, die wirtschaftliche Hinwendung der Zisterzienser<br />
ist gottgefällig. Baut Bindestrich-<strong>Kap</strong>ellen <strong>und</strong>, Bruder Lucius, hört<br />
auf, alles kaputtzumachen.“<br />
Der so Angegriffene erstarrte <strong>und</strong> brauchte dringend einen Schluck des<br />
türkischen Mokka. Die Hände zitterten. Bruder Udo holte zum finalen<br />
Schlag aus: „Es ist immer wieder die Person Lucius, die dem neuen Glauben<br />
im Wege steht. Wie kannst Du, Bruder Lucius, so töricht sein <strong>und</strong> den<br />
Prior Hans ansprechen zu Fragen der Gönnerschaft, wo wir das Konsistorium<br />
des Bistums heraushalten wollten.“<br />
Also hatte Bruder Udo den Streit auf dem Ständigen Concilium V wohl<br />
mitbekommen. Womit aber hatte Lucius sich diesen Zorn eingehandelt?<br />
Fürchtete der Zisterzienser die Konkurrenz im Bistum? Wußte er, daß<br />
Lucius die Adeligen von Bartholomä angesprochen hatte, die auch Gunst<br />
<strong>und</strong> Zuwendung dem weit verbreiteten Werk des Bruders Udo hatten<br />
zukommen lassen?<br />
Die drei Vertreter des Adels waren ebenfalls erstarrt. Sollte so die<br />
Zukunft des Glaubens am Bistum aussehen? Sie wandten sich zu Bruder<br />
Dieter von den Benediktinern, der 20 Minuten geschwiegen hatte.<br />
„Was sagt Ihr, kluger Bruder Dieter?“<br />
„Ich finde, die Benediktiner sollten sich einen anderen Vertreter im<br />
Konzil suchen. Für diese törichten Spielchen des Bruder Lucius habe ich<br />
keine Zeit. Berufungen von Mönchen dauern zwei Jahre, da kann man den<br />
kommenden Herbst 1500 eh vergessen.“<br />
Wie immer verstand Lucius die Argumente des Benediktiners nicht.<br />
Natürlich war es spät, aber sie zusammen waren immerhin sechs Mönche<br />
<strong>und</strong> auch das Bistum Marburg hatte so angefangen. Je schneller man sich<br />
einig würde, desto eher könnte man die Mönchsstellen ausschreiben, deshalb<br />
waren sie ja zusammengekommen.<br />
Auch Bruder Alfred war jetzt verärgert. „Bruder Lucius, es ist nicht gut,<br />
wenn ihr vorprescht <strong>und</strong> eigenmächtig Firmen ansprecht, ohne daß es ein<br />
abgestimmtes Konzept des Bistums <strong>und</strong> des Adels gibt.“<br />
„Brüder im Geiste“, erwiderte der Angegriffene zur Verteidigung. „Der<br />
neue Glaube ist schnell. Ein Jahr in der Reformation ist wie sieben Jahre im<br />
normalen Kirchenleben. Der Adel will schnell neue Gläubige, man muß<br />
den Schwung nutzen“. Er erinnerte sich an die Reaktion derer von St. Bar-
32 ora et labora<br />
tholomä, die innerhalb von wenigen septimanae auf seine Epistel geantwortet<br />
hatten <strong>und</strong> versprachen, noch zum Fest des Herrn, oder kurz danach,<br />
die Entscheidung über eine gönnerhafte Spende für die neue Kathedrale zu<br />
verkünden.<br />
Unsicherheit umfaßte sein schwaches Herz. Hatte er alles falsch<br />
gemacht, wie ihm auch Weihbischof Herbert, der ehemalige Abt Klaus, der<br />
Prior, <strong>und</strong> viele andere vorwarfen. War es unklug, dickköpfig auf einer<br />
eigenen Kathedrale zu bestehen? Er wollte doch nur, was alle anderen Bistümer<br />
im Reich auch hatten! Könnte ER ihm nicht langsam mal ein Zeichen<br />
geben?<br />
Verbittert ritt er in die Ödnis, dazu verdonnert, nichts zu unternehmen.<br />
Dies würden sehr traurige Weihnachten werden.
KAPITEL 7<br />
Die Philippika des Herzogs<br />
Ludwig Georg<br />
Täglich Vorwürfe zu hören, das Bistum tue zu wenig für den<br />
neuen Glauben, zehrte an den Nerven der Bistumsleitung. Das<br />
Gerede des gemeinen Volks war geeignet, das Ansehen des Bistums<br />
zu schädigen.<br />
Andererseits war es Bruder Lucius unverständlich, warum man nicht<br />
offen zugab, Mitte des Jahrzehnts eine Fehlentscheidung getroffen zu<br />
haben, die man aber gewillt sei zu beheben. Kirchenpolitik ist wie weltliche<br />
Politik eine Frage der Mehrheiten, der Ressourcen <strong>und</strong> der Durchsetzbarkeit.<br />
Niemand aus der Kurie kommt auf den Scheiterhaufen, weil im Konzil<br />
die Mehrheit der Kardinäle die Wünsche der Gemeinde falsch eingeschätzt<br />
hat. Aber man darf eine gewisse Größe erwarten, wenn es darum<br />
geht, Fehler zuzugeben <strong>und</strong> diese zu revidieren.<br />
Der ehemalige Weihbischof Burckhard, gerade aus dem Rennen für das<br />
Bischofsamt ausgeschieden, gab etwa im Gespräch offen zu, damals falschen<br />
Ratschlag gegeben zu haben. Das war aufrecht. Zugleich gab er dem<br />
Versuch, jetzt über Stiftungsmönche doch noch zu einer eigenständigen<br />
Kathedrale zu kommen, keine Chance. Das war entweder resignierend<br />
oder eigennützig gedacht, vielleicht aus der ewigen Angst um die Existenz<br />
der eigenen kleinen, aber wie er nicht aufhörte zu betonen, feinen Abtei der<br />
Dominikaner.<br />
Edelleute außerhalb der Kurie taten sich in ihrer Kritik leichter. Besonders<br />
gut traf dabei die Philippika des Herzogs Ludwig Georg, selber<br />
33
34 ora et labora<br />
Ehrenritter <strong>und</strong> Beschützer des Bistums, in Stadt <strong>und</strong> Land vielfach philantropisch<br />
engagiert. Er las dem Bistum auf dem Neujahrsempfang des Jahres<br />
1500 die Leviten. Unter dem Motto „Zutrauen statt Angst <strong>und</strong> Skepsis“,<br />
forderte er unverblümt vor <strong>12</strong>00 Gästen die Kathedrale für die neue Kirche.<br />
Der Prior Hans <strong>und</strong> Weihbischof Herbert schäumten.<br />
Sogleich gaben sie in der Verwaltung des Bistums eine Lobpreisung in<br />
Auftrag, die belegen sollte, wie umfassend <strong>und</strong> flächendeckend die Versorgung<br />
der Gläubigen mit Kirchen des alten <strong>und</strong> neuen Glaubens am Bistum<br />
sei. Mangels ausreichender Kenntnisse des neuen Glaubens kamen die Bitten<br />
um Beschreibungen von Predigtinhalten wieder bei Bruder Lucius an.<br />
Welch ein Irrwitz: er durfte die Glaubensgr<strong>und</strong>sätze aufführen für ein<br />
Traktat, das belegen sollte, daß man einen Ausbau seiner Glaubensgr<strong>und</strong>sätze<br />
nicht bräuchte. Bistümer neigten schon immer zum Irrationalen, dies<br />
war aber die Krönung der Wahns.<br />
Im Februar 1500 reiste Bruder Lucius im Rahmen seines Sabbathalbjahres<br />
zu den Antipoden, um sich fern vom Gezänk <strong>und</strong> Gezerre des Bistums<br />
auf die Verstärkung des Glaubens zu konzentrieren. Doch selbst dort<br />
erreichte ihn die Bannschrift des Priors.<br />
Mit Epistel vom 15. Februar 1500, erteilte er allen Versuchen, eine neue<br />
eigenständige Kathedrale zu errichten, eine Absage.<br />
„Die hieraus abzuleitende mittelfristige Entwicklungsperspektive für den<br />
neuen Glauben am Bistum Cassella wird sich auf die Konsolidierung des<br />
Glaubensschwerpunkts bei den Benediktinern zu konzentrieren haben.<br />
Auch andere Bistümer haben in den letzten Jahren deutlich gezeigt, dass<br />
sich auch auf diesem Wege ein attraktives Profil gewinnen lässt. Umso<br />
bedauerlicher ist es, dass nach meiner Wahrnehmung für die Ausgestaltung<br />
des Glaubensschwerpunkts bei den Benediktinern am Bistum<br />
Gesamtdiözese Cassella bisher von den beteiligten Abteien noch keine einvernehmliche<br />
Lösung gef<strong>und</strong>en wurde. Hier ausschließlich auf den<br />
’Königsweg’ einer eigenständigen Kathedrale zu setzen, heißt den ohne<br />
Frage auch im nordhessischen Adel bestehendenden Bedarf an im neuen<br />
Glauben ausgebildeten benediktinischen Kommunionschülern <strong>und</strong> Priestern<br />
zu ignorieren. Ich würde es deshalb sehr begrüßen, wenn der Glaubensschwerpunkt<br />
der Benediktiner zukünftig auch nach außen deutlicher<br />
als gemeinsames Projekt getragen wird. Nur so werden sich perspektivisch<br />
auch die Ressourcen für den neuen Glauben sichern lassen“.<br />
Der Deckel war aber nicht mehr auf den Topf zu pressen, es gärte <strong>und</strong> brodelte.<br />
Herzog Ludwig Georg schrieb als oberster Hüter der Zünfte an die<br />
Päpstin <strong>und</strong> den für Adel <strong>und</strong> dritten Stand zuständigen Hofrat. Er forderte<br />
eine eigenständige Kathedrale – sofort!
Die Philippika des Herzogs Ludwig Georg 35<br />
Der Hinkende Bote brachte am 11. März einen Bericht: „Großer Bedarf<br />
auch in der Region“. Das Bistum reagierte <strong>und</strong> ließ im Boten durch den<br />
dogmatischen Bistumssprecher Bernd verbreiten „Bistum: Bieten verstärkt<br />
angewandten Glauben“ <strong>und</strong> betonte die Angebote der Benediktiner, Franziskaner<br />
<strong>und</strong> Zisterzienser.<br />
Pikanterweise fand sich im Hinkenden Boten direkt unter dem bestellten<br />
Pamphlet ein Aufruf der orthodoxen Fraktion im Magistrat, die eine<br />
eigene Kathedrale forderte. Die Kurie wankte, Ratschläge kamen aus allen<br />
Richtungen, nicht immer hilfreich <strong>und</strong> manchmal dissonant.<br />
Die Botschaft der Päpstin, die mit der Bistumsleitung, einen gewählten<br />
Bischof gab es immer noch nicht, am 30. März gesprochen hatte, war dabei<br />
widersprüchlich. Sie begrüßte die Bündelung der Kräfte, was immer es da<br />
zu bündeln gab. Sie wollte besonders die Konvente stärken, weniger die<br />
Abteien der Bistümer. Das ließ nichts Gutes für das Bistum ahnen.<br />
In einem Artikel der orthodoxen Panorama di San Financiano vom 3.<br />
April 1500 wurde nochmals die Frage nach einer Zulassungsbeschränkung<br />
für die Gläubigen disputiert. Zugleich berichtete das Blatt, die Päpstin sei<br />
sich des Problems bewußt, die Bistümer würden Kräfte in den neuen Glauben<br />
umwidmen, wo sie nur könnten.<br />
Im Bistum Cassella seien die Bestrebungen vor einigen Jahren am mangelnden<br />
Zuschuß des Landes <strong>und</strong> des Vatikans gescheitert. Wirklich? Wo<br />
waren denn die Gelder des liberalen damaligen Nuntius am Reichshof,<br />
Möllemann des Forschen, geblieben, die ausdrücklich für die Kirchen des<br />
neuen Glaubens gedacht waren. Das könnte eine interessante hochnotpeinliche<br />
Befragung der Bistumsverantwortlichen werden.<br />
Vor allem war jetzt die Zeit, alte Fehler zu beseitigen. Handel, Ackerbau<br />
<strong>und</strong> Gewerbe litten keine Noth, der Zehnte floß reichlich, das Reich hatte<br />
die Flüchtlingsprobleme des Balkans in den Griff bekommen, auch wenn<br />
die Ungarn 1498 von den Türken in der Schlacht auf dem Amselfeld vernichtend<br />
geschlagen wurden. Allerorts füllten sich die Kirchen des neuen<br />
Glaubens, allein im Herbst 1499 mit 19.700 Anhängern der digitalen Botschaft,<br />
denn der Mangel an Aufrechten, welche die Schrift kannten, war<br />
riesig.<br />
Derweilen lockte der Adel mit großzügigen Angeboten. Nicht ohne Folgen<br />
für den Bereich des Bruder Lucius bei den Franziskanern. Verunsicherte<br />
Novizen <strong>und</strong> Priesterschüler spüren, wenn ihr Herr <strong>und</strong> Lehrmeister<br />
in Bedrängnis ist. Die stärkeren Seelen rücken zusammen, die aber<br />
schwach im Glauben sind, suchen das Weite. So hatte Junker Christian, ein<br />
geweihter Priester, den Verlockungen des Adels nach knapp 3 Jahren nicht<br />
widerstehen können <strong>und</strong> war im September 1499 gegangen.
36 ora et labora<br />
Sein Nachfolger, der bei Lucius zum Priester geweihte Novize Jens, verließ<br />
ebenfalls die Abtei im März 1500. Die Klostermauern bröckelten.<br />
Wo war der Retter des Glaubens? Oder sollte es eine Retterin sein,<br />
zumal noch aus dem Habsburgischen? Würde er oder sie auf einem Schimmel<br />
ins Bistum reiten <strong>und</strong> dem König <strong>und</strong> der Päpstin vom wahren<br />
Zustand des Bistums berichten <strong>und</strong> wie sehr das Volk unter dem Mangel<br />
an neuen Kirchen litt?
KAPITEL 8<br />
Die Bildertafeln des<br />
Hermann Caementarius<br />
Das Leben des Mönchs ist immer entbehrungsreich, voll der Mühsal<br />
<strong>und</strong> Prüfungen, die ER ihm auferlegt. So kann der Chronist<br />
hier von einem Werk berichten, das ihm sein verehrter Lehrmeisters<br />
Hermann im Jahre 1486, anläßlich eines Besuchs im Bistum<br />
Fuldense, auftrug. Dieser Hermann Caementarius war aus dem Bistum<br />
Baden in die geschützten Mauern des steiermärkischen Graz gezogen. Dort<br />
predigt <strong>und</strong> meditiert er bis heute bei den Franziskanern, ist ein in Glaubensfragen<br />
hochgeschätzter Mann <strong>und</strong> hat eine mächtige <strong>und</strong> reiche Abtei<br />
aufgebaut.<br />
„Bruder Lucius“, sprach er „ich will schaffen ein großes Werk, das dem<br />
gemeinen Volke den neuen Glauben schenken soll. Ich habe durchwandert<br />
den Erdenkreis <strong>und</strong> gepriesene Jünger im Glauben an den bekanntesten<br />
Abteien befragt, ob sie bereit seien, ihre Hingabe an den Glauben <strong>und</strong> ihre<br />
Kenntnis der Schriften einzubringen, ein jeder in seinem Fache. Du Bruder<br />
Lucius, bist bewandert in Glaubensfragen des Codex Unicus, welcher die<br />
Chöre so verwebt, daß sie wirken wie eines <strong>und</strong> alles andere tragen. Der<br />
Kaiser hat mir einen Batzen Dukaten versprochen, aber der Arbeit ist viel<br />
<strong>und</strong> der Lohn wird Dich erreichen im Himmel“. [19]<br />
„Ach Bruder Hermann“, antwortete Lucius gerührt, „das Leben in<br />
Demut <strong>und</strong> Armut, die Askese, das ist das Schicksal der Mönche. Mich<br />
selbst hat es vor einem biennium in den episcopatus Fuldensis verschlagen,<br />
in einen kleinen <strong>und</strong> bescheidenen Konvent, ohne Novizen <strong>und</strong> Kreuz-<br />
37
38 ora et labora<br />
gang. Dort predige, meditiere <strong>und</strong> spreche ich meine Bittgebete, so ER<br />
mich erhört <strong>und</strong> wegführt.“<br />
Wohl war dies kleine Städtchen dereinst auch eine Blüte des Glaubens.<br />
Jetzt aber war Sie nur eine Perle der weltlichen Wissenschaft, ohne Dom<br />
<strong>und</strong> große Abtei. So verbreitete Lucius seine Predigten in Handschriften,<br />
ganz wie vor 600 Jahren der große Bonifatius [20]. Doch hatte er liebe <strong>und</strong><br />
bescheidene Brüder, das spendete Trost trotz der hohen Last der Liturgie.<br />
„Sagt aber, welches ist das Neue in Eurem Katechismus, womit ihr der<br />
Gemeinde predigen wollt? Man flüstert, Du, Bruder Hermann, entwürfest<br />
eine bewegte Biblia Pauperum, reich geschmückt an Miniaturen, Illustrationen<br />
<strong>und</strong> Szenen zum Glauben, welche an viele Abteien verteilt werden<br />
soll, um dort auch jenen thumben Seelen, die der Schrift keinen Sinn abgewinnen<br />
können, den Glauben näherzubringen.“<br />
„Ja, Bruder Lucius, das <strong>und</strong> sogar noch mehr“. Die Röte des heiligen<br />
Eifers erfaßte sein Gesicht, denn in Glaubensfragen war er strenger <strong>und</strong><br />
härter gegen sich als alle anderen Brüder. Mit diesem Furor hat er in<br />
raschen Schritten gar manche Volumina <strong>und</strong> über fünfe mal die H<strong>und</strong>ert<br />
W<strong>und</strong>erpreisungen verfaßt.<br />
„Ich will schaffen eine Bilderbibel [21], denn unsere Priester brauchen<br />
Hilfe bei der Predigt. Vielen ist der Weg in die Abtei zu weit oder die Predigt<br />
zu lang. Auch sind da viele im Volke, die nicht den Dispens erhalten,<br />
für den Gottesdienst ihre Wache auf der Burg oder die Arbeit auf dem Feld<br />
oder im Stall zu verlassen. Denkt an die Kranken <strong>und</strong> Gebrechlichen, solche<br />
die von der Pest gezeichnet sind oder auf dem Meere fahren. Ihnen will<br />
ich die Predigt mitgeben.“<br />
„Wie soll das geschehen?“, fragte Lucius verblüfft. „Gibt es andere<br />
Methoden als das Scribere von Hand auf Pergament, Minuskel für Minuskel?“<br />
„Ja, Bruder Lucius. Ich habe entwickelt einen Stilus, welcher Schrift <strong>und</strong><br />
Bilder in hölzerne Tafeln graviert, so daß ein Mechanikus mit atramentum<br />
(Tinte, Anm. d. Übers.) den Text vervielfältigen kann, so oft ihr wollt <strong>und</strong><br />
solange die Tafeln es tragen. Nimmt man gar viele kleine Bilder, ändert nur<br />
wenig <strong>und</strong> geschickt <strong>und</strong> läßt sodann sie rasch in der Hand fliegen, so tanzen<br />
die Bilder.“<br />
Der Schreck fuhr Lucius in die Glieder. War dies ein Werk des Teufels?<br />
Wenn ja, wie konnten dann so gläubige Brüder wie der heilige Thomas aus<br />
dem Bistum Freiburg oder der calvinistische Bruder Peter, wie konnte Bruder<br />
Gerhard, der später dem mönchischen Leben entfloh <strong>und</strong> geadelt in<br />
San Financiano zu Ehren kam [22], mitwirken? Trotz aller Bedenken<br />
stimmte er aber zu, denn niemand konnte Bruder Hermann etwas ausschlagen.
Die Bildertafeln des Hermann Caementarius 39<br />
Zwei lange Jahre war er mit drei Erstkommunikanten aus dem Kloster<br />
Fuldense an der Bilderbibel zugange. Die Arbeit war mühsam, das Holz<br />
sperrig <strong>und</strong> spröde, der Stilus oft stumpf. Die Tafeln waren klein, es fügten<br />
sich nur gar wenige Zeichen darauf. Oft brach eine Tafel, wenn die Müdigkeit<br />
<strong>und</strong> Unachtsamkeit sie ergriff <strong>und</strong> die Arbeit vieler Tage war verloren.<br />
Auch litt die Kunst unter dem Mangel an Farben. Wohl bot man deren<br />
sedezimale, doch glänzten sie nicht wie die Kolorierung der Handschrift, die<br />
uns noch heute mit dem lebendigen Blau von Azurit <strong>und</strong> Lapislazuli, dem<br />
satten Grün des Malachit, dem leuchtenden Rot durch Zinnober, strahlendes<br />
Gelb mit Auripigment, sowie der Reinheit von Bleiweiß <strong>und</strong> dem Funkeln<br />
des Blattgolds erfreuen.<br />
Gleichwohl zwang die Kargheit der Mittel zu einer wohltuenden<br />
Strenge im Ausdruck <strong>und</strong> großer Klarheit im Bilde. Am Ende gelang das<br />
Werk <strong>und</strong> gefiel den gelehrten Weisen so gut, daß man es sogar ins Lateinische,<br />
der lingua franca des Glaubens, übertrug, damit es helfe, auch die<br />
Gemeinden in der Alten Welt im Glauben zu unterrichten.<br />
In seiner Abtei in Cassella, wohin Lucius im Jahr der Fertigstellung<br />
seine Bittgebete führten, errichtete er eine <strong>Kap</strong>ella, worin die Tafeln noch<br />
manche Jahre aufgestellt waren <strong>und</strong> von der Gemeinde in den Exerzitien<br />
genutzt wurden. Wohl litten sie unter dem Wandel der Jahre, doch gelang<br />
es seinem treuen <strong>und</strong> geschickten Laienbruder Burkhardt, die Tafeln zu<br />
restaurieren <strong>und</strong> mit neuen Scharnieren zu versehen. Die Frische der Texte<br />
macht ihn gar denken, die alte Kunst des hölzernen Schnitts mit den neuen<br />
metallischen Lettern des Johannes Gutenberg zu Mainz zu fassen, auch<br />
wenn dessen Verbreitung unter dem Volke der Kurie Sorgen bereitet.<br />
Durch den Buchdruck wurde die Wissensvermittlung mit erschwinglichen<br />
Textausgaben möglich, die eine angemessene äußere Gestaltung <strong>und</strong> philologische<br />
Exaktheit auszeichneten.<br />
Die Humanisten begrüßten die durch den Buchdruck erzielten Fortschritte<br />
in der Philologie <strong>und</strong> die Möglichkeit, im wissenschaftlichen<br />
Unterricht mit gesicherten Texten arbeiten zu können. Maßgebliche Zeitgenossen<br />
würdigten den Umstand, daß nun auch "jeder Minderbemittelte" an<br />
der Bildung teilhaben konnte.<br />
Nur wenige Gegenstimmen, vornehmlich aus kirchlichen Kreisen,<br />
warnten vor der fehlenden Sorgfalt beim Setzen der Textzeilen <strong>und</strong> einer<br />
daraus resultierenden geringeren Qualität gegenüber den Handschriften.<br />
Mit der vermehrten Verbreitung von theologischem Wissen in der Volkssprache<br />
befürchtete die Kirche außerdem, ihre Macht <strong>und</strong> ihren Einfluß zu<br />
verlieren. Papst Leo X. versuchte deswegen in einer Bulle von 1515 durch<br />
die Einführung einer Zensur <strong>und</strong> Aufsicht gegen gedruckte Bücher vorzugehen,<br />
was dennoch wenig nützte. [23]
40 ora et labora<br />
Bedenket <strong>und</strong> haltet im Herzen.<br />
Mancher vergißt, wieviele Streiter im Glauben es gibt, die den Weg des<br />
W<strong>und</strong>erbaren Wortes ebnen. [24]<br />
Amen<br />
❦❦❦<br />
Die Tafeln in der Abtei Cassella werden bis auf den heutigen Tag zur<br />
Unterrichtung der Gemeinde genutzt. Vielleicht sind sie sogar der einzige<br />
übriggebliebene, in der kirchlichen Arbeit aktiv genutzte codex hermensis<br />
(animierter <strong>und</strong> illustrierter Codex in der Maltechnik des Hermann Caementarius).<br />
Anm. d. Übers.
KAPITEL 9<br />
Der Beichtvater<br />
Im Sommer des Jahres 1499 stellte sich ein weiser Ritter bei Bruder<br />
Lucius vor. „Mein Name ist Heinz-Gert. Ich bin Laienbruder <strong>und</strong> Sprecher<br />
der Gefolgschaft der Ritter vom Heiligen Gral zur Förderung <strong>und</strong><br />
Verteidigung des Fürst-Bistums Cassella (GFF). Wir unterstützen die<br />
Mönche der Abteien, die sich mit den Edelleuten aus Stadt- <strong>und</strong> Landkreis<br />
um Missionsarbeit im Glauben besorgen.“<br />
Seine Rede war wohlgesetzt. Der Ton gefällig, bescheiden, gleichwohl<br />
im Ziel bestimmt. Jugendlichkeit klang aus der Stimme, trotz eines Alters<br />
jenseits der Siebzig, das ihn adelte. „Ich war früher der Vogt der Burg Siemensia<br />
in Cassella, kenne viele der Edelleute hier <strong>und</strong> betreibe die Ritterschaft<br />
um Gottes Lohn willen, weil mich das Elend im heidnischen Norden<br />
erbarmt.“<br />
Lucius war erstaunt ob soviel Edelmut. Die noble Sache galt es zu unterstützen.<br />
„Ich habe gehört, Bruder Lucius, ihr streitet für den neuen digitalen<br />
Glauben“, fuhr er fort. „Darf ich Euch bitten, am 27. September im Rahmen<br />
unseres feierlichen Konzils in der Burg EAM über Euer Anliegen zu<br />
den Adeligen zu sprechen? Der Weihbischof Herbert <strong>und</strong> einige Eurer Brüder<br />
aus anderen Abteien werden auch dabeisein.“<br />
„Gerne“, antwortete dieser. „Jedwede Bühne will ich gerne nutzen, um<br />
dem neuen Glauben zu dienen.“<br />
So kam es, daß Lucius auf dem Treffen die Edelleute um Unterstützung<br />
für den neuen Glauben bitten konnte, ohne jedoch weiteren Zuspruch zu<br />
41
42 ora et labora<br />
finden. Der Weg zum Glauben ist dornig, das wurde ihm ein ums andere<br />
Mal klar.<br />
Wenig konnte er jedoch ahnen, daß Bruder Gert, wie er ihn fortan<br />
nannte, sein engster örtlicher Vertrauter werden würde. Wieviele Abende<br />
verbrachte er damit, das vertrauliche Zwiegespräch mit ihm zu suchen, seinen<br />
väterlichen Rat einzuholen in der Bedrängnis <strong>und</strong> seine Seele zu<br />
erleichtern.<br />
Er war geschickt <strong>und</strong> ohne Eigennutz. Die Jahre auf der Burg Siemensia<br />
hatten ihn gelehrt, wie man bei Hofe vorstellig wird <strong>und</strong> was der Adel<br />
gerne hört. Hier galt es einen Brief auf freie Passage zu erwirken, dort<br />
mußte man sich des Wohlwollens eines Fürsten versichern. Mal drängte er<br />
auf Eile, wo er glaubte, der Gegner des Glaubens sammle seine Kräfte, mal<br />
riet er, den störrischen Ochsen geduldig weiter zu ziehen, wenn der Karren<br />
im nordhessischen Sumpf steckte. Nie sprach er schlecht über andere, ließ<br />
aber Enttäuschung spüren, wenn bei manchem im Bistum Eitelkeit <strong>und</strong><br />
Hochmut blühten, statt Bescheidenheit <strong>und</strong> Demut, wie es die mönchischen<br />
Gelübte forderten.<br />
„Kennt Ihr Bruder Hartmut, den neu berufenen Benediktiner?“, fragte<br />
er Lucius. „Er wird neuer Abt im Kloster an der Williams Road. Ihr solltet<br />
mit ihm sprechen, er sitzt bei Euch in der Ödnis im schmucken Teil der<br />
Abtei, gleich neben Bruder Rainer, dem Dominikaner. Er ist ein frischer<br />
Geist, das kann nicht schaden.“<br />
„Was soll ich mit einem Benediktiner reden, der halb ein Dominikaner<br />
ist? Noch dazu einem, der über die vier Elemente meditiert <strong>und</strong> ein großes<br />
schloßartiges Gemäuer sein eigen nennt“, dachte Lucius nicht ohne Neid.<br />
Ja, Bruder Rainer war ein nobler Mann. Einst, vor vielen Monden, hatte er<br />
Unterstützung für den neuen Glauben signalisiert, doch stürzten Bischof<br />
<strong>und</strong> übelmeinende Mönche den Bau der neuen Kathedrale, welcher in den<br />
Orkus der Dunkelheit <strong>und</strong> Kälte geriet.<br />
Was könnte dieser Hartmut bewirken? Gleichwohl sagte Lucius zu, diesen<br />
Fremden aufzusuchen, allein um dem guten Gert nicht zu widersprechen.<br />
Gerts Rat war schlau, Gerts Rat war weise.<br />
Bruder Hartmut war ein gläubiger Mensch. Er war dem Neuen zugetan,<br />
mit der Wärme des Herzens gesegnet. Noch hatten Intrigen, Übellaunigkeit,<br />
Boshaftigkeit, Neid <strong>und</strong> Mißgunst, die zuweilen das Leben im Bistum<br />
vergällten, ihn nicht erreicht. Zugleich stammte auch er aus den lieblichen<br />
Landschaften um den Neckar, die fröhliche Menschen voll Gottvertrauen<br />
hervorbringen, so daß das gemeinsame Idiom wie eine Seelenverwandschaft<br />
die beiden sogleich verband.
Der Beichtvater 43<br />
„Ja“, sagte Hartmut, „ich will in meiner Abtei den neuen Glauben fördern<br />
<strong>und</strong> die Tore aufstoßen, damit helles Licht den Raum erwärme. Wir<br />
Benediktiner leiden auch am Mangel an Gläubigen, die unsere Kirchen<br />
besuchen. Aber ich muß langsam vorgehen, darf die Orthodoxen nicht verängstigen<br />
<strong>und</strong> die Dogmatischen nicht herausfordern. Gebt mir Zeit, Bruder<br />
Lucius, <strong>und</strong> vertraut mir.“<br />
Die offene <strong>und</strong> ehrliche Art gefiel Lucius. Deshalb faßte er Mut <strong>und</strong><br />
fragte ihn: „Bruder Hartmut, als Anhänger des neuen reformatorischen<br />
Glaubens bin ich bereit, nach den Regeln des Heiligen Benedikt zu leben<br />
<strong>und</strong> will die Kirche auch an der Williams Road errichten <strong>und</strong> nicht in der<br />
Ödnis hier, wo wir sitzen. Ich zweifle aber an der Glaubensfestigkeit Eurer<br />
Brüder. In den letzten Jahren gab es viel Zank um die Auslegung des Katechismus,<br />
um Ordensregeln <strong>und</strong> Abhaltung von Gottesdiensten. Ich bin des<br />
Streites leid. Sagt, wäret Ihr auch bereit, die Kirche in eine neue Abtei zu<br />
geben, eine des <strong>Kap</strong>uzinerordens etwa, nicht in den Eurigen Orden?“<br />
Bruder Hartmut bekreuzigte sich. „Anti-Christ weiche, ich lasse mich<br />
nicht bringen in Versuchung. Ich habe meinen Ordenseid geschworen <strong>und</strong><br />
als Abt muß ich den Reichtum meines Klosters mehren. Wir werden keine<br />
Mönche an andere Orden abgeben, der HERR stehe uns bei. Der Bischof<br />
hat das Bistum eingeteilt <strong>und</strong> steht im Wort beim Vatikan.“<br />
„Die jetzige Aufteilung ist nicht gottgegeben“, verteidigte sich Lucius.<br />
„Die Reformation schreitet voran im Reich, die Päpstin hat bei der<br />
Bischofsweihe über den neuen Glauben gesprochen. Die Kurie ist in Bewegung.<br />
Aber ich will Euch nicht führen in Versuchung. Der neue Glauben<br />
wird seinen Weg gehen <strong>und</strong> wenn die Zeit kommt, wird die neuen Kirche<br />
mit ihrem Glanz die Mönche um sich scharen“.<br />
So vereinbarten Hartmut <strong>und</strong> Lucius, den Weg zusammen zu gehen.<br />
Insgeheim aber sah Lucius die Furcht im Auge seines Weggefährten. War<br />
Lucius der treue <strong>und</strong> intelligente Hirtenh<strong>und</strong>, der seine Herde treibt <strong>und</strong><br />
zusammenhält, oder war er der Wolf, der seine Schafe reißen würde, wenn<br />
er, der Oberhirte, nicht wachsam war.<br />
So hat Ritter Gert, der Weise, die beiden zusammengebracht: Hartmut,<br />
den Gutherzigen <strong>und</strong> Ausgleichenden einerseits mit Lucius, dem Ungeduldigen<br />
<strong>und</strong> zur Schärfe Neigenden andererseits. Zusammen sollten sie<br />
kluge <strong>und</strong> wohlgefällige Bittschriften verfassen <strong>und</strong> Bettelfahrten zu den<br />
Fürsten dieser Welt unternehmen. Zusammen lobten sie Ritter Gert, der<br />
weiterhin unermüdlich von Burg zu Burg, von befestigtem Weiher zu<br />
Wehrturm <strong>und</strong> Domäne zog <strong>und</strong> für die neue Kirche mit dem Klingelbeutel<br />
warb – mit großem Erfolg!
44 ora et labora<br />
ABBILDUNG 1. Codex Pamplona [25]
KAPITEL 10<br />
Das Treffen mit der Gräfin<br />
Eine Einladung der Stadtschreiber vom Hinkenden Boten, Dirk,<br />
Helmut <strong>und</strong> Ulrich, war an Kurie <strong>und</strong> weltliche Edelleute<br />
gegangen. Man wolle an der r<strong>und</strong>en Tafel disputieren, wie es<br />
um die neuen Kathedrale stehe. [26]<br />
So eilte Bruder Lucius am Mittwoch, dem 29. März des Jahres 1500, mit<br />
Bruder Hartmut, dem Guten <strong>und</strong> derzeitigen Abt der Benediktiner, in die<br />
Räume des Boten. Von Seiten der Kurie war noch der Weihbischof, Bruder<br />
Herbert, zugegen, aus der selben Franziskanerabtei wie Lucius. Er war ein<br />
kräftiger Fürsprecher des neuen Glaubens, wie er nicht müde wurde zu<br />
versichern.<br />
Den Disput eröffnete Freiherr Kilian vom Altmarkt, der, wie so viele<br />
Edle in diesen Tagen, händeringend nach Gesinde für Handel, Handwerk<br />
<strong>und</strong> Ackerbau suchte. „Wir vertrauen nicht nur auf die Kirche“, fügte er<br />
hinzu. „Oft ist der Weg zur Kommunion zu lang, die Predigten sind zu<br />
kompliziert <strong>und</strong> langatmig, es reicht meist die einfache Bildung, ein wenig<br />
Lesen <strong>und</strong> das einfache Rechnen, das Zahl zu Zahl fügt <strong>und</strong> ihre Summe<br />
bildet, womit wir Kaufleute zu Batzen <strong>und</strong> Heller kommen“.<br />
„Kein Latein, keine Unterweisung im reinen Glauben, kein Vervielfachen<br />
der Zahlen?“ dachte Lucius, war aber stille, wollte er doch nicht einen<br />
möglichen Gönner der neuen Kathedrale in Bedrängnis bringen.<br />
Glücklicherweise widersprach ihm Junker Jörg, Nobler zu Miriam,<br />
Gründer von solutio singula, der die heilige Kommunion an der Franziska-<br />
45
46 ora et labora<br />
nerabtei empfangen hatte, <strong>und</strong> bereits bei der Kongregation auf der Feste<br />
Marbachshöhe dabei war. Er wies auf den Nutzen der genauen Kenntnis<br />
der heiligen Schriften, ihrer Gebote <strong>und</strong> Wegweisungen, generell den Sinn<br />
der regulae, hin.<br />
Noch bevor Bruder Hartmut von den Plänen der Benediktiner berichten<br />
konnte, trat die Gräfin von Dornbirn, Edle von der Homburg, durch die<br />
Tür. Sie war an die r<strong>und</strong>e Tafel eingeladen worden <strong>und</strong> hatte überraschenderweise<br />
sofort zugesagt. War sie dem neuen Glauben zugetan?<br />
Als Mitglied der Rates der Weisen am Hofe von König Roland, dem<br />
listigen Herrscher des Landes, berichtete sie in Rom über Fragen des Glaubens,<br />
war selbst aber nicht Mitglied des Vatikans, dem Päpstin Ruth, die<br />
mütterliche Hüterin des Glaubens <strong>und</strong> standfeste Streiterin für die Reformation<br />
an der Seite König Rolands, vorstand. Lucius war ihr noch nie<br />
begegnet <strong>und</strong> wußte nur, daß Sie die Witwe des einst mächtigen <strong>und</strong><br />
geachteten Herzogs Alfred, Herrscher über die Deutsche Burg, war.<br />
„Ich bitte mein spätes Kommen zu entschuldigen. Die Postkutschen<br />
verkehren zur Zeit ganz unregelmäßig. Es war also nicht die Nachtigall, es<br />
war die Kutsche“, sprach sie charmant <strong>und</strong> hatte sofort die Herzen aller<br />
Anwesenden gewonnen.<br />
Bruder Hartmut, erst seit drei Wochen mit der Bürde des Amtes des<br />
Abtes beladen, kam zu Wort. Er berichtete von seinen <strong>und</strong> dem seiner Brüder<br />
Plan, ein wenig weitschweifend, aber so voller Liebe <strong>und</strong> Aufrichtigkeit,<br />
daß man ihm gerne zuhörte.<br />
„Eine ganz neue Kathedrale zu bauen, das ist so schnell nicht zu schaffen.<br />
Lieber bauen wir auf unsere prächtigen <strong>Kap</strong>ellen <strong>und</strong> Kirchen in den<br />
bestehenden Abteien. Dort bieten wir vielfältige Predigten für die<br />
Gemeinde an. Auch an die Verpflichtung von Wanderpredigern denken<br />
wir, die von Abtei zu Abtei ziehen <strong>und</strong> über den neuen Glauben berichten.<br />
Aber“, <strong>und</strong> da hörte Lucius gerne zu, „wir wollen freie Mönchsstellen mit<br />
Anhängern des neuen Glaubens besetzen“.<br />
„Solch Wort, das hör ich gern!“ griff der Franziskaner Lucius seine Rede<br />
auf. Zugleich mahnte er aber. „Achtet darauf, daß keine Scheingläubigen<br />
entstehen, welche nur unzureichend im Glauben unterwiesen sind <strong>und</strong> in<br />
der täglichen Arbeit den Geboten nur widerwillig folgen, insgeheim ihrem<br />
heidnischen Glauben treu sind <strong>und</strong> das Kreuz nur zum Schein tragen. Wir<br />
brauchen die wahre Kirche, den geweihten Ort, alles andere ist eitles<br />
Blendwerk[27].“<br />
Die Worte trafen, er sah wie sich der Weihbischof auf dem Stuhle wand.<br />
So stieß er rasch nach <strong>und</strong> forderte, der zukünftige Bischof müsse rasch<br />
handeln <strong>und</strong> den Gr<strong>und</strong>stein zu einer neuen Kathedrale legen, solange die<br />
Fürsten bereit wären, den Bau zu fördern.
Das Treffen mit der Gräfin 47<br />
Den Bau einer eigenen Kathedrale beurteilte der Weihbischof Herbert,<br />
der in Vertretung des vakanten Bischofsamtes das Bistum vertrat, skeptisch,<br />
doch schloß er dies langfristig nicht aus. „Wir wollen die bestehenden<br />
Kirchen stärken <strong>und</strong> die Gemeinde dorthin schicken. Wenn wirklich<br />
ein Bedarf für eine Kathedrale des neuen Glaubens besteht, so muß dies<br />
der weltliche Stand belegen.“<br />
Dies wiederum griff Junker Jörg auf <strong>und</strong> berichtete von einer Bittschrift,<br />
die an alle Zirkel, Burgen, Festungen, befestigte Weiler <strong>und</strong> Höfe gegangen<br />
war, um zu ermitteln, welche Wünsche in Sachen Glaubensfestigkeit der<br />
Adel habe. Es war eine der Reaktionen, welche das Memorandum vom<br />
Herbst des letzten Jahres ausgelöst hatte <strong>und</strong> das Fürst Ludwig am Neujahrstage<br />
angesprochen hatte, sehr zum Mißfallen des sonst so warmherzigen<br />
Weihbischofs <strong>und</strong> des tüchtigen Priors Hans, ob des Vorwurfs der<br />
Untätigkeit im Bistum.<br />
In den Questuarien, die zurückgekommen seien, berichtete Junker Jörg,<br />
hätten sich Neune von Zehnen für eine eigene Kathedrale ausgesprochen.<br />
Noch entscheidender sei, daß in jedem H<strong>und</strong>ert aus dem Sprengel es Vierzwanzig<br />
<strong>und</strong> Fünfe 1 seien, die bereit wären, in ihr Säckel zu greifen <strong>und</strong><br />
einen Stein, ein Kirchenfenster oder einen Türflügel für die Kathedrale zu<br />
stiften.<br />
Freiherr Kilian bekräftigte dies. Ja, man wolle von jetzt 110 auf 500 Rittersleut<br />
aufstocken. Nicht alles müßten kommunizierte Gläubige sein, auch<br />
bekehrte Heiden würden angelernt. Auch seine Domäne werde spenden.<br />
Die Gräfin, die den Ausführungen aufmerksam zugehört hatte, machte<br />
die Haltung des Hofes klar. Zwischen Klerus <strong>und</strong> Regentschaft gebe es das<br />
Konkordat, das die freie Ausübung des Glaubens gestatte <strong>und</strong> es dem Klerus<br />
überlasse, Bistümer, Abteien <strong>und</strong> Kirchen zu errichten <strong>und</strong> über die<br />
zugeteilten Almosen frei zu verfügen. Das sei gerade der Sinn der neuen<br />
reformatorischen Bewegung <strong>und</strong> stehe im Gegensatz zu der absolutistischen<br />
Strenge der alten Regentschaft, die offen oder versteckt Glaubensgehorsam<br />
gefordert habe. Sie sei bereit, mit der Päpstin <strong>und</strong> den mächtigen Fürsten<br />
im Lande zu beraten, wie dem neuen Glauben geholfen werden könne.<br />
Voraussetzung sei aber, daß das Bistum aktiv werde: „Eine Abweisung von<br />
Kirchenbesuchern ist keine Lösung“.<br />
Lucius war skeptisch. Schon oft hatte er solche Reden vernommen.<br />
Waren die Worte nicht Indiz, daß der weltliche Teil die Geistlichkeit alleine<br />
1. quattrevingtcinq (85 von 100), die Prozentrechnung war im Spätmittelalter<br />
unterentwickelt, noch heute können 60% der Bevölkerung nicht Bruchrechnen,<br />
das sind immerhin 5/6 aller Leute. Anm. des Übersetzers
48 ora et labora<br />
lassen wolle, zumal man dem Klerus generell Vernachlässigung der Pflichten<br />
vorwarf?<br />
Er verabschiedete sich. Die kriegerischen Sachsen, erst vor wenigen Jahren<br />
zum Reichsb<strong>und</strong> gestoßen <strong>und</strong> jetzt unter der Regentschaft des absolutistischen<br />
Königs Kurt, hatten ihn ins Bistum Dresden zu einer Predigt eingeladen.<br />
Die Postkutsche wartete.<br />
Die Gräfin griff eilig in ihre Tasche <strong>und</strong> reichte ihm ein Täfelchen, das<br />
ihre Anschriften enthielt. War sie tatsächlich eine Anhängerin des neuen<br />
Glaubens <strong>und</strong> mögliche Patronin für die neue Kathedrale? Alle am r<strong>und</strong>en<br />
Tisch hofften es insgeheim.<br />
❦❦❦<br />
Der Tag, die Nacht, der Lauf des Monds,<br />
die Bahn der Sonne durch das Jahr,<br />
der Wandel ruhet nimmerdar.<br />
Der frischen Blüte folgt<br />
des Sommers sattes Grün.<br />
Im Herbst das Gold des Laubes lacht,<br />
allein des Frost, er weht es fort<br />
<strong>und</strong> kalter Reif umgreift den nackten Ast. [28, 29]<br />
So der Chronist diese Zeilen zu Pergament bringt, hat sich für die Disputanten<br />
fast alles gewandelt: Junker Jörg hat seine Werkstatt <strong>und</strong> Jagd mit<br />
der des Grafen von Waldeck vereint [30]. Freiherr Kilian hat die Domäne<br />
[31] verlassen, statt auf 500 Rittersleute zu wachsen, spricht man von einer<br />
Verkleinerung der Gefolgschaft auf 30 Knappen. Bruder Herbert ist nicht<br />
mehr Weihbischof <strong>und</strong> hat sein Würdenamt an Heinz Kardinal Thatzinger<br />
übertragen, Bruder Hartmut hat das Abtsamt nach einem Jahr an Bruder<br />
Werner, den Sonnigen, abgegeben, die Gräfin von Dornbirn ist nicht mehr<br />
Sprecherin des Glaubens <strong>und</strong> wird vermutlich ganz aus dem höfischen<br />
Treiben ausscheiden. Nur Bruder Lucius, der arme Thor, ist immer noch<br />
Bettelmönch in jener hartherzigen Abtei in der Öde. Ach, möge ER doch<br />
seine Gebete erhören.
KAPITEL 11<br />
Die Tafelr<strong>und</strong>e<br />
Vor allem war die Gräfin schnell. Schon zwei Wochen nach dem<br />
Termin des r<strong>und</strong>en Tisches beim Hinkenden Boten traf sie am<br />
13. April 1500 erneut im Bistum ein, um in der Sakristei des Abts<br />
an der Williams Road die Truppen zu inspizieren <strong>und</strong> die<br />
gr<strong>und</strong>sätzlichen Optionen für den Bau einer Kathedrale zu prüfen.<br />
Bruder Hartmut hatte Fieber <strong>und</strong> fröstelte. Die Gräfin, medica im zweiten<br />
Berufe, prüfte den Puls des Patienten. In der Tat, er war leidend <strong>und</strong><br />
fand im Früchtetee nur mäßig Linderung.<br />
Bruder Lucius, eher dem türkischen Mokka als dem Gebräu der blumigen<br />
Blätter zuneigend, erklärte sich für ges<strong>und</strong> <strong>und</strong> kampfesbereit, gab<br />
aber zu, ein Feldherr ohne Truppen zu sein. Wie sollte die Gräfin mit diesem<br />
Gespann trauriger Gestalten bei der Päpstin <strong>und</strong> dem König Mittel<br />
locker machen?<br />
Trotzdem kündigte sie an, für den 13. Juni einen Kreis erlesener Ritter<br />
auf die Feste Bad Homburg zu laden, um in König Artus’ Tafelr<strong>und</strong>e die<br />
Möglichkeiten für den neuen Glauben in Norden des Landes Hassia zu<br />
beraten.<br />
Nur wenig ist uns heute von diesem Treffen überliefert. Teilgenommen<br />
haben König Roland, der Herzog Ludwig Georg, der Fürst Hermann-Josef<br />
von der Deutschen Burg, Fürsten der Alchemistenküche Aventis, Herrscher<br />
aus dem Bankhaus der Zünfte, Edle vom Hofe der Metallischen<br />
49
50 ora et labora<br />
Schmiede <strong>und</strong> vielleicht einige andere, deren Namen der Sand der<br />
Geschichte verschluckt hat.<br />
Die Sage erzählt sich, der Edle der Deutschen Burg, Lanzelot gleich, sei<br />
beauftragt worden, das Gespräch mit den Missionaren aus dem heidnischen<br />
Norden zu suchen.<br />
Ferner berichtet der Chronist, daß bei einem späteren Treffen Herzog<br />
Ludwig Georg sich erstaunt über den Einsatzwillen des Königs Roland<br />
zeigte. „Ich habe fast alle Könige getroffen, König Walther, König Hans,<br />
<strong>und</strong> jetzt Roland, aber noch keiner hat sich so für ein Thema des Glaubens<br />
hier im Norden des Landes eingesetzt.“<br />
Gerne würden wir mehr erfahren von diesem Treffen, allein die Lippen<br />
aller Teilnehmer von Arturs R<strong>und</strong>e sind versiegelt.
KAPITEL <strong>12</strong><br />
Die Geschlechtertürme von<br />
San Financiano<br />
Es war ganz kurz nach der sagenumwobenen Tafelr<strong>und</strong>e der Gräfin,<br />
als sich ein junger Edelmann bei Bruder Lucius in der Abtei<br />
meldete. Er stellte sich vor. „Mein Name ist Freiherr Martin von<br />
der Deutschen Burg. Ich bin zuständig für die Gewinnung der<br />
feinsten Ritter im Lande, solche die besonders gut reiten <strong>und</strong> kämpfen können<br />
<strong>und</strong> gleichwohl der Minne zugetan sind. Die gewinne ich für die Deutsche<br />
Burg.“<br />
Seine Stimme klang frisch, zupackend war seine Art.<br />
„Mein Herr <strong>und</strong> Meister ist Fürst Hermann-Josef, Lanzelot in der Tafelr<strong>und</strong>e<br />
<strong>und</strong> bereit, Eure Sorgen anzuhören. Schildert mir doch Euer Vorhaben,<br />
lieber geistlicher Bruder, damit ich das Treffen in der Burg vorbereiten<br />
kann.“<br />
Gerne erzählte Lucius von dem Versuch, für den neuen Glauben eine<br />
Kathedrale im wüsten Norden zu bauen, schilderte wie die gütige Gräfin<br />
das Bistum unterstütze, warum man noch keinen Bischof hätte, <strong>und</strong> vieles<br />
mehr. Er kannte Cassella, wie er berichtete. Das war ein gutes Omen. Hatte<br />
ER ihn geschickt?<br />
Schnell war vereinbart, daß Bruder Hartmut, der Abt der Benediktiner,<br />
<strong>und</strong> Lucius am 10. July 1500 nach San Financiano fahren sollten. Freudig<br />
erregt suchte Lucius seinen Kampfgefährten Hartmut in seiner Zelle auf.<br />
„Liebster Hartmut, gutherziger Bruder im Geiste, stell Dir vor, wir fahren<br />
zum Fürsten der Deutschen Burg. Wer hätte das gedacht. Mach schnell<br />
51
52 ora et labora<br />
eine Petition, damit Dir das Bistum eine Reise im Auftrag der Kurie genehmigt.<br />
Ich lasse uns zwei Plätze in der Postkutsche reservieren, außen natürlich,<br />
wie es sich für Bettelmönche gehört.“<br />
So traf man sich am Morgen des 10. July angespannt, aber hoffnungsfroh,<br />
an der Postkutschenstation. Sie warteten auf die Fernkutsche, den<br />
inter citae extensivus, nach San Financiano. Das gab Gelegenheit zum vertrauten<br />
Zwiegespräch, wie es in der Hektik des Bistums sonst selten<br />
gelang.<br />
„Ihr habt einen warmen Mantel dabei“, bemerkte Bruder Hartmut.<br />
„Er ist der einzig vernünftige Umhang den ich habe <strong>und</strong> er hat die feine<br />
Wolle der Ziege. Ich nehme ihn über den Arm, heute morgen war es recht<br />
frisch.“<br />
„Wir Mönche brauchen doch keine edlen Kleider“, fuhr Lucius fort.<br />
„Demut ist angesagt, besonders in Cassella, wo alle herumlaufen wie in<br />
den Bauernkriegen anno ’68. Nimm meine schwarze Kutte aus feinem<br />
Zwirn; ich trage sie nur zur Priesterweihe, zum Profeß, oder wenn einer<br />
der Mönche abberufen wird zu IHM. So wenige Novizen wie ich habe,<br />
wird das gute Stück mir bis zu meiner eigenen Beerdigung genügen. Im<br />
übrigen ist der Lohn, den man uns Kirchenleuten zahlt, so reichlich nicht.“<br />
„Du hast recht“, antwortete Bruder Hartmut. „Wie auch Du habe ich<br />
noch vier hungrige Mäuler zu stopfen <strong>und</strong> wie Du zahle ich der Witwen<strong>und</strong><br />
Waisenkasse die Zinsen für den Erwerb der Heimstatt. Da bleibt nicht<br />
viel übrig.“<br />
„Manche Mönche verdienen etwas dazu“, fügte ich an. „Einige machen<br />
Teufelsaustreibungen oder eine Haustaufe, halten Andachten, wenn eine<br />
Burg eingeweiht wird. Andere betreiben sogar eine private Hostienbäckerei.“<br />
„Da gibt es oft graue Zonen, wo ein Novize hier wie dort arbeitet <strong>und</strong><br />
mancher Glaubensmann einstreicht was eigentlich des Bistums wäre. Das<br />
ist nicht gut, das will der HERR nicht <strong>und</strong> befleckt das Ansehen der Kirche“,<br />
sagte er nachdenklich.<br />
„Ich stimme Euch zu. Aber bedenkt, lieber geistlicher Fre<strong>und</strong>, die Jungen<br />
wollen mit 18 zur Reitschule um den Schein zu machen. Der kostet in<br />
Cassella über 3000 Reichstaler. Sie verlangen heute acht Sonderritte, darunter<br />
Nachtausritte, zwei St<strong>und</strong>en Galopp, Überlandritte. Die Prüfung ist<br />
dem Reich aus dem Ruder gelaufen. Dreitausend Taler, das ist, was mir<br />
König Roland <strong>und</strong> der dogmatische Reichskämmerer Hans im ganzen Jahr<br />
für die caritas meiner filii zahlt!“<br />
Bruder Lucius war in Fahrt, die Armut der familiae war eines seiner<br />
Lieblingsthemen. „Ich unterhalte vier Gäule für mich <strong>und</strong> die Meinigen.<br />
Zwei davon sind kleine, einfache <strong>und</strong> schon etwas alte <strong>und</strong> müde Mähren,
Die Geschlechtertürme von San Financiano 53<br />
sie sollen den Jungen helfen, reiten zu lernen <strong>und</strong> wie man mit Pferden<br />
umgeht. Jedoch wollen die Häuser die das assecurare der Rösser, Maultiere<br />
<strong>und</strong> Ochsengespanne besorgen, dafür pro anno soviel wie ich dem Pferdehändler<br />
für die Gäule der Kinder gezahlt habe. Das ist verrückt. Niemand<br />
wird die civitas des Quattrocento nachvollziehen können.“<br />
„Wir haben nur ein Pferd“, sagte Hartmut, „das lahmte vor kurzem <strong>und</strong><br />
der Hufschmied machte mir Vorwürfe, warum ich so lange mit dem<br />
Beschlagen gewartet hätte. Es ist wie Du sagt, teuerster Bruder Lucius, der<br />
erstberufene Mönch hat ein sicheres, aber bescheidenes Auskommen.“<br />
Die Kutsche lief ein. Die beiden Bettelmönche zwängten sich auf das<br />
Bänkchen in der Holzklasse, zogen die Beine an <strong>und</strong> gingen nochmal ihren<br />
Bittgang bei Hofe durch. „Wir sind gut vorbereitet“, dachten sie.<br />
Nicht allerdings für die Pracht von San Financiano. Bruder Lucius<br />
bew<strong>und</strong>erte die hohen Türme. Bruder Hartmut erklärte ihm, daß an der<br />
Höhe dieser Wehrtürme der Reichtum einer Familie ablesbar war. Er<br />
zitierte aus einem Reiseführer [32]:<br />
Die Türme sind auch heute noch die Hauptattraktion von San Financiano.<br />
Es gibt weltweit keine andere [reichsdeutsche] Stadt, die noch eine solche<br />
Anzahl intakter Geschlechtertürme hat. Sie wurden ursprünglich von den<br />
reichen Bürgern der Stadt errichtet <strong>und</strong> dienten nur zur Verteidigung. Die<br />
Familien wohnten nur im Krieg <strong>und</strong> zu Gefahrenzeiten in den Türmen. Im<br />
unteren Teil befanden sich keine Öffnungen <strong>und</strong> das Eingangstor, immer<br />
sehr klein <strong>und</strong> eng, befand sich hoch oben <strong>und</strong> konnte nur mittels Leitern<br />
<strong>und</strong> Stangen, oder vom obersten Stockwerk des angrenzenden Wohnhauses<br />
erreicht werden. Die wenigen Fenster sind klein <strong>und</strong> hoch <strong>und</strong> dienten<br />
als Schießscharten.<br />
Nach dem Bau einer neuen Stadtmauer verloren sie ihre strategische<br />
Bedeutung <strong>und</strong> einige wurden geschleift oder fielen ein, außerdem baute<br />
man Fenster ein. Sie wurden zu Statussymbolen der reichen Familien <strong>und</strong><br />
sollten deren Macht (<strong>und</strong> Ehrgeiz) ausdrücken. Dieses Streben trieb recht<br />
seltsame Blüten <strong>und</strong> buchstäblich über Nacht wurde manchmal ein Turm<br />
um einen Meter nach oben vergrößert, nur um zu demonstrieren, dass die<br />
Besitzerfamilie wichtiger als die Nachbarsfamilie war. Was diese in der folgenden<br />
Nacht trieb, ist leicht vorzustellen. Um der Anmaßung der reichen<br />
Familien ein Ende zu setzen, bekamen nur noch Adlige <strong>und</strong> Besitzer eines<br />
Schiffes im Hafen von Pisa (!) die Erlaubnis, Türme zu errichten. <strong>12</strong>55<br />
bestimmte die Stadtgemeinde, dass ein Privatturm nicht die Höhe des<br />
Rognosaturmes (50,92 m) überschreiten dürfe, später gab der "Große<br />
Turm" (53,28 m) das Höchstmaß an.<br />
Die großen Familien fanden eine neue Weise, ihre Macht zu demonstrieren:<br />
statt eines hohen Turmes wurden nun zwei kleinere gebaut, ein Beispiel<br />
dafür sind die heute noch erhaltenen Salvucci-Tuerme, die<br />
Zwillingstürme auf der Piazza delle Erbe. Während der Blütezeit soll es 72
54 ora et labora<br />
Türme gegeben haben, 1580 waren noch 25 übrig, heute gibt es noch 13,<br />
alle in Privatbesitz. Eine Wohnung in einem Turm in San Financiano ist<br />
übrigens heute noch "in" <strong>und</strong> erzielt die regionweit höchsten Quadratmeterpreise.<br />
Es ist verbürgt, dass dieses Streben, seine eigene Macht auf diese<br />
Weise zu demonstrieren, weit verbreitet war, sicher im ganzen Taunus,<br />
wohl aber darüber hinaus.<br />
So pilgerten die beiden durch die Toskana-Anlage <strong>und</strong> erreichten bald die<br />
Zwillingstürme der Deutschen Burg. Staunend ging ihr Blick in den Himmel.<br />
Höher als jede Kathedrale baute der Adel seine Burgen.<br />
Plaudernd traten sie durch das Tor in eine weite Halle. Rechts war der<br />
Eingang nochmals durch einen Wassergraben geschützt, dann kam ein<br />
Gatter <strong>und</strong> ein Wächter schaute zu, daß nur Burgeigene die Pforten betraten.<br />
Links gab es einen Empfang. Demütig näherten sie sich dem fre<strong>und</strong>lichen<br />
Burgfräulein.<br />
„In spiritu sancto: Wir sind zwei Bettelmönche aus Cassella <strong>und</strong> wollen<br />
zum großen Fürsten Hermann-Josef“.<br />
„Willkommen bei Hofe. Ich vermute“, flüsterte Sie mit Liebreiz in der<br />
Stimme, „die Herren der Kurie haben einen Audienztermin, nicht wahr?“<br />
Die beiden nickten stumm.<br />
„Dann, Männer des Glaubens, geht doch bitte hier seitlich am Eingang<br />
vorbei, dort erwartet man Euch. Seid gottbefohlen.“<br />
Sie machten einen tiefen Diener <strong>und</strong> gingen einige Schritte rückwärts,<br />
wie man es bei Hofe zu tun pflegt, drehten sich um, <strong>und</strong> eilten zur diskreten<br />
Seitenpforte, wo in der Tat ein weiterer Burgwärter die Namen in ein<br />
Pergament eintrug. Dann rief er in einen Kasten: „Die Patres Hartmut <strong>und</strong><br />
Lucius aus Cassella, zu seiner Durchlaucht, Fürst Hermann-Josef.“<br />
„In den 27. Stock, bitte, ihr frommen Männer, der Glaube sei bei Euch“.<br />
Wie von W<strong>und</strong>erhand öffneten sich zwei kristallene Türen <strong>und</strong> sie traten<br />
ein. Herrlich getäfelt war hier alles, gleichwohl schlicht <strong>und</strong> von feinstem<br />
Geschmack.<br />
Ein geschlossener Förderkorb brachte die Besucher in die Gemächer des<br />
Fürsten. Zwei wohlgekleidete Damen empfingen sie auf das fre<strong>und</strong>lichste.<br />
Weiche Teppiche dämpfen den Klang der Schritte, die Türen schlossen mit<br />
sanftem Ton. Man nahm den Mantel <strong>und</strong> geleitete sie in ein Antichambre.<br />
Es war mit einer edlen Sitzgruppe ausgestattet, die Sofas mit feinstem, hellem<br />
Leder bezogen, die Anrichte ein antikes Kleinod.<br />
Aus dem Fenster der Burg hoch oben streifte der Blick weit über San<br />
Financiano. Bruder Hartmut <strong>und</strong> Lucius sahen sich an. Wie anders war<br />
diese Welt gegenüber den kargen Abteien im ärmlichen Bistum Cassella,<br />
besonders der ihrigen in der Ödnis 1 .
Die Geschlechtertürme von San Financiano 55<br />
Freiherr Martin trat ein <strong>und</strong> begrüßte die Männer des Glaubens. Diese<br />
erwähnten den schönen Glanz der Burg <strong>und</strong> wie das Leben beim Adel so<br />
anders sei als die Kirchenarbeit.<br />
Er stimmte zu <strong>und</strong> man redete über die verschiedenen Bistümer <strong>und</strong><br />
Abteien, die Gläubige hervorbrachten. Wie sich herausstellte hatte Freiherr<br />
Martin, Edler der Deutschen Burg, mit der vollen Priesterweihe versehen,<br />
seine Kommunion auch im Bistum Fridericianum an der selben Abtei der<br />
Zisterzienser erhalten wie Bruder Lucius.<br />
„Sie bringt immer wieder die Besten hervor“, scherzten sie.<br />
„Ja, gute Abteien sind wichtig für das Land. Fürst Hermann-Josef ist<br />
vielfältig interessiert an diesen Themen, er fördert eine von der Kurie unabhängige<br />
Abtei im Badischen. Zugleich sponsern wir einen Mönch mit gönnerhafter<br />
Zuwendung hier im Bistum vor Ort.“<br />
Wie würden die beiden Mönche aus dem heidnischen Norden bei soviel<br />
Glanz abschneiden? Man mußte mutig auftreten, auch wenn die Gemeinde<br />
in Cassella häufig verstockt war <strong>und</strong> den Glauben nur langsam annahm<br />
<strong>und</strong> manche hinter vorgehaltener Hand munkelten, das Bistum locke nur<br />
Kinder der engsten Region an.<br />
Egal, das würde sich ändern mit dem neuen Glauben <strong>und</strong> der hellen<br />
Kathedrale. Sie würde Gläubige von weit her an die Fulda ziehen.<br />
Die Türe öffnete sich, seine Durchlaucht ließ bitten.<br />
Man betrat einen großen, lichten Thronsaal. Der Fürst kam auf seine<br />
Besucher zu. „Männer des Glaubens, Hüter der heiligen Stätten, seid willkommen<br />
auf der Burg. Darf ich Euch Freiherr Frank vorstellen, er wird<br />
unser Gespräch mitbegleiten.“<br />
Die diskreten Damen traten heran <strong>und</strong> erk<strong>und</strong>igten sich nach den<br />
Getränkewünschen der Anwesenden. Man setzte sich um die kristallene<br />
Tafel.<br />
„Die Gräfin hat Euch angekündigt. Ihr seid die tapferen Mönche, die<br />
eine neue Kirche bauen wollen <strong>und</strong> dafür um die Gönnerschaft des Adels<br />
bitten. Wir sind bereit, König <strong>und</strong> Vatikan zu helfen, denn auch wir wollen<br />
den Glauben stärken, gerade auch den neuen digitalen.“<br />
„Publica Privata Participatio, das ist das Losungswort dieser Tage. Wir<br />
geben aber nur an die Bistümer, die sich besonders auszeichnen <strong>und</strong> wir<br />
wollen dies mit den anderen Fürsten zusammen tun, als Initiative der<br />
Noblen in Hassia. Allein eine Mönchsstelle zu fördern, ist uns zu wenig der<br />
innovatio.“<br />
1. Der Chronist spricht vom Aufbau- <strong>und</strong> Verfügungszentrum (AVZ) in der<br />
Heinrich-Plett-Straße in Kassel-Oberzwehren. Das Gebäude sieht so aus, wie es<br />
heißt. Anm. d. Übers.
56 ora et labora<br />
Der Fürst war angenehm, bestimmt, machte einen souveränen Eindruck,<br />
war nicht von jener herablassenden Art, wie man sie manchmal<br />
beim Adel antrifft. Kein W<strong>und</strong>er, die Tafelr<strong>und</strong>e hatte ihn zu Ritter Lanzelot<br />
gemacht, der die R<strong>und</strong>e leiten <strong>und</strong> den Kampf gegen den Unglauben im<br />
heidnischen Norden anführen sollte.<br />
Bruder Hartmut erläuterte das Vorhaben. Er schilderte, welche Entbehrungen<br />
die Benediktiner auf sich genommen hätten, wie sie sich Mönchsstellen<br />
abrungen, um die neue Kirche zu bauen. Lucius pflichtete ihm bei,<br />
ohne das mutige Auftreten seines Klosterbruders wäre das noble Vorhaben<br />
nicht vorangekommen. Er lobte die Ausrichtung des neuen Ordens, angesiedelt<br />
zwischen Benediktinern <strong>und</strong> Franziskanern mit dem besten von beidem.<br />
Der Fürst <strong>und</strong> die anderen Berater lauschten. Ein Nicken hier <strong>und</strong> da<br />
schien Zustimmung zu signalisieren. Würde das Flehen erhört?<br />
Der Fürst lehnte sich nach vorn, ergriff einen Stift.<br />
„Eine Million Reichstaler pro anno, für fünf Jahre, das sollte der Beitrag<br />
des Adels sein. Dazu muß der König <strong>und</strong> der Vatikan 500.000 Reichstaler<br />
geben, daraus schafft 5 Mönchsstellen. Diese Million, das sind zwei große<br />
<strong>und</strong> zwei kleine Gönnerschaften, alles Weitere wird in einer zweiten<br />
R<strong>und</strong>e mit König Roland zu klären sein.“<br />
Er lehnte sich zurück. Das war das Konzept, der Rahmen, der Bauplan<br />
mit knappen Strichen. So baut man eine Kirche.<br />
„Jetzt, liebe Brüder aus dem Norden, beginnt Eure Arbeit. Legt Pläne<br />
vor, sprecht mit den anderen weltlichen Herrschern. Sucht den Rat des<br />
Vatikans, aber eilt Euch, die Kirche muß im Herbst des Jahres 1501 konsekriert<br />
werden, sie muß bieten die Kommunion mit dem Grade des Baccalaureus<br />
im triennium <strong>und</strong> dem Grade des Magisters im quinquennium,<br />
es soll reichlich in lateinischer Sprache zur Bildung der Gemeinde gepredigt<br />
werden <strong>und</strong> der Kontakt zum Adel sei hoch zu halten.“<br />
Die Zeit der Audienz war um. Die beiden Mönche verabschiedeten sich,<br />
noch etwa benommen. Da war sie, die Zahl, decies centena milia 1 , die den<br />
Bau ermöglichen würde.<br />
Lucius nahm seinen Mantel entgegen, Freiherr Martin versprach in<br />
Kontakt zu bleiben, der Fahrkorb kam, die beiden Gäste wurden in die<br />
Tiefe der Burg entlassen, der frische Tag hatte sie wieder.<br />
Herr im Himmel, das war nicht schlecht. Jetzt konnten sie morgen dem<br />
Herzog Georg Ludwig den Plan präsentieren <strong>und</strong> um sein Wohlwollen bit-<br />
1. zehn mal h<strong>und</strong>ert mal tausend (Million). Das Mittelalter tat sich mit großen<br />
Zahlen schwer.
Die Geschlechtertürme von San Financiano 57<br />
ten. Noch einen Tag später würden sie im Konzil des Bistums um Zustimmung<br />
aller Äbte <strong>und</strong> Delegierten bitten. Wenn doch nur dem Bruder<br />
Lucius der Ärger mit dem Bistum um die Wegnahme eines Novizen nicht<br />
so auf der Seele läge.<br />
Frohgemut der eine, nachdenklich der andere schritten sie von den<br />
Geschlechtertürmen der Deutschen Burg in Richtung Postkutschenstation.<br />
Der Empfang war fre<strong>und</strong>lich gewesen, jetzt galt es, rasch zu handeln,<br />
solange das Eisen heiß war.<br />
„Bruder Lucius, dürstet <strong>und</strong> hungert es Euch auch?“<br />
„Ja, Hartmut, das wäre eine gute Idee. Es bleiben noch viele Minuten bis<br />
zur Abfahrt der Kutsche“.<br />
„Schau hier, Lucius, ein orientalisch/lombardischer Wirt. Zwar hat er<br />
kein Tuch auf dem Tische <strong>und</strong> bietet das tomatige Fladenbrot auch für die<br />
eiligen Leut’ auf der Straß’, doch soll uns das nicht stören“.<br />
„Ja“, dachte Lucius, „als Mönch ist Dir die Askese vorgeschrieben. Aber<br />
warum, Oh heilige Kirche, unterwirfst Du mich immer wieder diesen Prüfungen“.<br />
So aßen sie ihr Fladenbrot <strong>und</strong> tranken ein Glas vom malzigen Trank.<br />
Lucius war sehr wortlos, die Welt der hohen Türme hatte ihm zu denken<br />
gegeben. Hätte er nicht auch zum Adel gehen sollen, war er doch bei den<br />
Zisterziensern gewesen. Ach, jetzt war es zu spät. Der Mönch verläßt sein<br />
Kloster nimmermehr.<br />
„Bruder Lucius, Du läßt die Hälfte des Fladenbrotes zurück, das sieht<br />
ER nicht gern. Darf ich?“<br />
„Aber ja doch, lieber Hartmut. Ich sehe, Dir hat der Besuch die Backen<br />
gerötet, das Herz gestärkt <strong>und</strong> den Appetit geweckt“.<br />
So, dachte Lucius, nimmt jeder das Seine vom Blick über die Zinnen<br />
mit.