es mag verehrte hörer' befremden

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es mag verehrte hörer' befremden

WOLFGANG

CORDAN

BESINNUNG AUF MALLARMÉ


WOLFGANG

CORDAN

BESINNUNG AUF MALLARMÉ

ARGONAUTEN

DRUCK


ES MAG VEREHRTE HÖRER' BEFREMDEN

wenn ich Sie durch die güte unserer gastgeberin

hierher habe bitten lassen urn eine stunde lang nichts

anderes zu tun als seltsamen bildern kostbaren reimen

hauchenden beschwörungen und kaum enthüllbaren

ratseln zu lauschen. Wie? In einer zeit wo das nackte

dasein eines jeden von uns jeden augenblick schrecklichen

voraussehbaren katastrophen und noch schrecklicheren

nicht voraussehbaren ausgesetzt ist — wie?

in einem augenblick wo allerorten bomben und granaten

den zerstörerischen triumph der nackten materie

laut verkünden will ich Ihre geduld Ihre aufnahmebereitschaft

für das stillste

und geistigste für das

Gedicht in anspruch nehmen? Mehr als dies: für den

dunkelsten abseitigsten

für den unverstandlichsten

dichter — wie man sagt — für Stêphane

Mallarmé?

Ach' der sich jetzt anschickt dies zu unternehmen

— er hörte noch vor kurzem den hagel des entfesselten

eisens auf sich herabstürzen

und in jenem

furchtbaren augenblick da unweit seines schlupfwinkels

diese erfindung des kalt-bösen intellekts die man

luftmine nennt einschlug / da das licht erlosch und

der keiler sich in ein sehr fürchterliches und so voreiliges

grab zu verwandein schien: da wurden ihm

es sei gestanden — die letzten worte einer pindarschen

hymne im buchstablichsten

zitternden lippen gerissen...

sinne von den

das buch entfiel den

handen und es war nur nacht und grauen.

Es erlischt der geist wo die bombe einschlagt —

aber wo sie nicht einschlug und solange sie nicht

einschlug wird er in stolzer unbeugsamkeit keinen

bliek an sie verschwenden und kein jota seines anspruches

auf omnipotenz aufgeben: zwischen stahl

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und geist gibt es kein gesprach — nicht einmal krieg:

nur das reine dasein des einen oder des anderen.

Und so wenig der stahl den geist vernichten kann —

nur ein einzelnes gefass des geistes vermag er zu

zerreissen — so wenig vermeinen wir der geist vermöge

jemals den stahl zu iiberwinden. Wohl aber

wissen wir ein anderes: jene übermachtig gewordene

herrschaft des tollen eisens die heute apokalyptisch

iiber uns hereingebrochen ist bestreicht die flachen

die der geist in beklagenswerter schlaffheit und verwirrung

selbst preisgab / und die luft ist erfiillt vom

hammern des todes da der geist aufhörte sie mit

bildern des lebens zu erfüllen. Nein' ich spreche

nicht in metaphern ich spreche vom gegenstandlichsten

und ich wünschte mir als lohn meiner bemiihung

dass Sie mir wort fiir wort folgen wollten.

Es gibt eine innere und eine aussere geschichte der

menschheit — freilich tritt die letztere laut und anmaszend

auf und glaubt sich aus sich selbst herleiten

zu können — wo sie doch nur eine vergröberung und

vulgarisierung dessen darstellt was in den stillen

stuben des geistes langst entworfen und gelebt wurde.

Dass Sie bereit waren mir heute zu lauschen / dass

ich zu Ihnen und woriiber ich zu Ihnen sprechen

kann ist die unmittelbare — wenngleich nie bewusste

— folge der schlichten tatsache dass Vondel Goethe

und Racine in stillen stunden das geheime Hochamt

des Geistes zelebrierten. Wir sprachen wir dachten

wir handelten anders wenn jene nicht gewesen waren.

Aber es gibt auch hexenküchen des geistes und

schwarze messen: deren folgen treten sichtbarer und

schneller in erscheinung — doch schöpft der geist

hieraus seinen letzten wenngleich bekiimmerten stolz:

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selbst das höllische eisen das vielleicht morgen schon

durch diesen raum fahrt ist der feind den er aus sich

selbst erzeugte / nicht sein feind: sein gegenbild —

ich sagte es schon — das an seine stelle treten möchte.

Hier liegt der innerste rechtsgrund für den herrschaftsanspruch

des geistes über die materie.

Auch vor 50 jahren fielen schon bomben: allerdings

in einer zeit die die heutige apokalypse erst vorbereitete

und noch nicht gewöhnt war das verbrechen

in kolossalischem maszstab hinzunehmen wog ein kilogramm

zerstörung — von einem anarchisten auf dem

boulevard Michel zur entzündung gebracht — schwerer

als heute eine million kilogramm auf alle strassen

von Berlin. Erschreckt begriff man das symbol des

verraterischen eisens und alsbald eiken die schreibzuhalter

des ausseren lebens die journalisten (zu

deutsch: eintagsfliegen) zu den solange unbeachteten

dichtern von Paris urn sich bei dem authentischen

geist auskunft zu holen. Mallarmé trafen sie am ausgang

eines cafés / und der sonst so verbindliche

schüttelte die fliegen mit dem herrisch-hochfahrenden

wort ab: „Je ne connais qu'une bombe — un livre."

Ich kenne nur eine bombe: ein buch — kann man

den anspruch des geistes stolzer formulieren? Der es

aussprach hatte freilich ein recht darauf so zu sprechen

/ denn niemand hatte wie er urn die erhaltung

des geistes gerungen ƒ so sorgsam die innerste zelle

des geistes — die dichtung — gehütet. Eben dieses

war der unaufhörliche gegenstand seines nachdenkens:

wie der dichtung jener platz wieder zu erobern

sei den ihr die musik des XIX. jahrhunderts entrissen

hatte und auf den noch ganz andere und weniger

geistige machte lüstern waren. Eben damals begannen


ja jene krafte sich zu rühren die geradenwegs und

von den einsichtigen der epoche wie Burckhardt und

Nietzsche mit grosser genauigkeit vorausgesagt zu

den heutigen zusammenbrüchen führen mussten. Jene

jahre waren es da ein typus mensch sich in Europa

breit zu machen begann der aus den religiösen bindungen

entsprungen — die er nach aussen noch aufrechterhielt

— sich bedenkenlos und ausschliesslich

dem gewinn dem geschaft der maschine als neuem

gott ergab / der besessen vom technischen fortschritt

und dessen erwerbsmöglichkeiten kultur bestenfalls

noch als kaufliches ornament seines sinnlosen daseins

betrachtete / der bar jeder höheren einsicht und

verantwortung überproduktion und überbevölkerung

wuchern Hess sodass auf den innerstaatlichen krieg

aller gegen alle zwingenderweise der krieg der staaten

urn absatzmarkte und rohstoffvorkommen folgen

musste. Es war die heraufkunft jenes menschen den

Ortega y Gasset den hordenmenschen genannt hat

und der beileibe nicht eine einzelne klasse bezeichnen

will. Im gegenteil: dem bombenwerfenden anarchisten

des boulevard Michel können wir leichter verzeihen

als jener satten bürgerei die in ihren geschaften

gestort eilends ihre laufburschen zu eben den vertretern

des geistes sendet denen sie sonst nur verachtung

und mitleid entgegenbringt.

Begreiflich dass die schneidende ablehnung des befragten

dichters wut und hohn hervorrief. Aber wie

hatte er im wörtlichsten sinne recht! Denn die explosion

vom boulevard Michel steilte ja nur eine auch

schwerhörige aufrüttelnde lautverstarkung eine handgreifliche

demonstration jener bomben dar die Marx

und Bakunin auf dem lautlosen papier entworfen

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hatten. Und es würde abermals eine zeit dauern bis

die lunten eines anderen dynamiteros — Friedrich

Nietzsches — abbrennen und die schlafrigen aus ihren

stiihlen werfen sollten.

In solchen zeiten ergibt sich das schrift turn und auch

die dichtung nur zu leicht der blossen unterhaltung

oder der kauflichen parteinahme — der verantwortende

und verantwortliche dichter wird sich notwendigerweise

vom aufgeregten markt zurückziehen... in

seinen vielgelasterten turm der durchaus nicht aus

elfenbein vielmehr aus guten festen quadern gefiigt

ist — wohl aber innen kostbar und raffiniert ausgestattet

sein mag: denn hier soil sich ja jene stille

emsige arbeit vollziehen — das weiterknüpfen des

teppichs der kultur des teppichs der tradition des

teppichs des lebens.

Es war unseres dichters und ist unsere innerste iiberzeugung

dass nicht einmal eine blosse zivilisation auf

die dauer ohne die magischen zauberkammern haltbar

ist wo die Seele mit den Göttern und Machten zwiesprache

halt.

Ortega y Gasset hat in uberzeugendem gegensatz zu

Oswald Spengler dargelegt dass ein heriibergleiten

der europaischen kultur in eine zivilisation etwa amerikanischer

pragung schliesslich zum tode auch der

zivilisation fiihren muss.

Die geschichte gibt uns einen unbestreitbaren aber

kaum je in richtiger beleuchtung gesehenen beweis:

die Antike d.h. das römische Imperium ist weder am

Christentum noch an den Germanen noch an seiner

sogenannten sittenlosigkeit zu grunde gegangen sondern

an der unzulanglichkeit der regierenden rasse.

Die Romer — diese Preussen oder Amerikaner des


altertums — waren ein im tiefsten amusisches unschöpferisches

volk dessen einziges talent in der

reinen organisation lag. Es hat sie diese begabung getragen

und getrieben bis sie materiell an der grenze

ihres willens zur macht angelangt waren / der damals

bekannte orbis terrarum in ihrer gewalt und eingerichtet

war. Sie haben sich dann wohl noch einige

generationen lang vom griechischen geist nahren

können — alle ihre schöpfungen sind zweiter hand

— nachdem aber dieser schatz verbraucht und auch

die Griechen als volk grossenteils absorbiert waren

setzte ein gigantischer verdurnrnungsprozess ein (nur

diese krasse term umschreibt den ratselhaften und

alle spateren römischen autoren erschreckenden vorgang

des verwelkens hinreichend) ein prozess der

verdummung der schon zu zeiten Diokletians dahin

führte dass wegen allgemeinen analphabetismus die

centurionen-stellen kaum noch zu besetzen waren.

Und so war das römische Imperium der ihm damals

gestellten aufgabe nicht gewachsen: eine technik zu

entwickeln die mit neuartigen und zweckmaszigen

mitteln im stande gewesen ware England mit Persien

zu verbinden / hungersnöte und barbareneinfalle

rasch aufzufangen ƒ eine schnelle verstandigung der

verwaltungen zu gewahrleisten. Paris lag damals ferner

von Rom als heute Batavia von Amsterdam. Es

ging die Antike zu grunde an materiellen ursachen

die ideelle gründe hatten. Beachten Sie" meine zuhörer*

die zwanglose verkniipfung materialistischer

und idealistischer geschichtsauffassung und glauben

Sie nicht dass wir uns zu weit vom gegenstand dieses

nachmittags entfernt hatten — wir sind im innersten

kern des weltbildes das Ihnen in gedrangter form

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vorzutragen ich mich anschickte. Denn keiner als

Stéphane Mallarmé empfand so stark diese zusammenhange

und sprach sie — wenngleich mit andern

worten: subtiler und einseitiger — aus. Er wusste dass

alles glauben lieben hoffen alle anstrengungen und

leiden unserer vater vertan verspielt zu grunde gerichtet

wiirden wenn jene menschenart ausstiirbe die

zum befremden der tatmenschen nichts anderes tut

als auf einsamen wegen mit wind und licht zwiesprache

zu halten und geduldig zu verhalten urn an

einem gesegneten abend in stillem haus aus einem

kristall die welt brechen zu sehen wie die götter sie

traumten. Glauben Sie mir: nur die erhabenen traume

der dichter behüten die welt davor ganz zu zerspringen

so wie nach kabbalistischem glauben die welt nicht

untergeht solange 343 gerechte noch hinieden wirken.

Und wenn in früheren jahrhunderten das stille gebet

der mönche der welt einen metaphysischen gnadenschatz

aufhaufte so sind es heute unsere grossen dichter

die das göttliche verwalten / und darum grüssen priester

und dichter einander im vorübergehen — wie einer

der Ihrigen bekannte — und tragt ein anderer den

rock nach dem schnitt eines geistlichen gewandes.

Haben Sie dies begriffen so werden Sie verstandnisvoller

in das haus des dichters — sein buch — eintreten.

Nichts enthalt er Ihnen vor: nichts von seinen

himmeln und oft auch nichts von seinen hollen.

Treten Sie ein — Sie werden dort alles finden was

Sie draussen vermissen: stille und weite horizonte /

mit tausend zungen redende nachte und unerwartete

morgenroten / schauer und weihen / aufschlüsse und

antworten sogar die Ihnen die zeitung nicht gibt wiewohl

diese Ihnen jeden tag genau sagt wie es steht...


nur sagt sie es jeden tag anders. Die dichter dagegen

sagen immer dasselbe in vielen wechselnden zungen

freilich und mit verschiedener betonung — denn das

Ewige hat viele formen aber nur elnen Sinn.

Treten Sie ein — aber nur dann wenn Ihre Seele es

verlangt und wenn Sie (um mit Mallarmé zu sprechen)

nicht erwarten dort Ihre strassen- und hausbekanntschaften

zu treffen sondern dann wenn Sie zu

einem zwiegesprach mit Ihrem eigenen urbild und

zur Grossen Feier bereit sind. Dann — so bereitet —

die türe hinter sich schliessend und wartend bis sich

die stille auf Ihr herz und Ihren atem gelegt hat treten

Sie vielleicht vor den spiegel und sprechen —

zögernd noch und bangend vor dem was sich Ihnen

enthüllen könnte — mit den worten des dichters:

Waar bleef de tijd? Hoe lang al

sneeuwt het? De stilte van

een spiegelbeeld bevangt al

deze kamer j en geen

teeken van leven kan

meer

door...

Weiter kann Sie kein dichter geleiten als bis vor den

Grossen Spiegel. Jedes wort erlischt nun um jenem

unhörbaren gesprach nachzugeben dessen jeder von

Ihnen bedarf und fahig ist: des einsamsten gespraches

mit den Machten.

EIN DICHTER DER SEIN AMT ALS HOCHAMT

begreift wird an sein talent und seine lebensführung

die strengsten maszstabe anlegen: ja die kongruenz

zwischen werk und leben eines dichters darf

geradezu als ein kriterium seiner grosse betrachtet

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werden. Weit entfernt von der romantischen irrlehre:

ein dichter könne ein menschlich unwürdiges gefass

göttlicher gedanken sein setzen sie alles darein „das

aussere im masze ihres inneren" zu halten. Was uns

von Dante und Petrarca überliefert ist deutet darauf

hin und uns allen ist bekannt einen wie grossen teil

seiner schöpferischen kraft Goethe in seine lebensführung

gab. Seine zeitgenossen boten Mallarmé ein entgegengesetztes

beispiel — es war die blütezeit der

pariser bohème und es ist sicher dass die liederlichen

streiche eines Rimbaud und Verlaine Mallarmé nur

noch mehr in seiner stilisierten haltung bestarkten. Er

musste es tief beklagen dass zwei so hochbegabte talente

sich zu clowns der bourgeoisie erniedrigten / wie

beider talent — bei dem einen abrupt bei dem anderen

in einem langwierigen grausamen verfallsprozess — zu

grunde ging. Über Rimbauds kunst hat er sich in einem

betont zurückhaltenden / distanziert anerkennden aufsatz

geaussert. Uns dunkt seine wahre meinung sei

eher als in jenem von taktischen rücksichten beeinflussten

essai in einer ausserung Henri Mazels zu erkennen

— eines der bannertrager des symbolismus

und begründers der „Plume" und des „Mercure de

France". Dieser sagt: ,,'Le Bateau Ivre' est une vision

effarante, et le nom de son auteur ne sera jamais

oublié des artistes de la phrase, mais en poésie il y

a autre chose que la phrase! Dans ces vers ne se trouvent

ni profondeur de pensee, ni intensité d'emotion,

il n'y a que des images, parfois étonnantes, mais qui

n'éveillent rien que l'étonnement..."

Von Verlaines kunst hat Mallarmé eine höhere meinung

gehabt wenngleich er zu den zweideutigen spateren

erzeugnissen nur schweigen konnte. Die con-

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duite Verlaines aber hat ihn bis ins herz verwundet.

Eine szene erhellt bildhaft den gegensatz der beiden

dichter.

Es war anlasslich eines diners zu ehren Verlaines der

— mit grosser verspatung und von einem seiner

fatalen genossen begleitet — in einem fürchterlichen

zustand der verkommenheit und berauschung den saai

betrat. In gefahr zu fallen wurde er von seinem

kumpan mit puffen und den worten zu seinem platz

getrieben: Vorwarts alter / es sind ja nur noch drei

meter. Mehrere teilnehmer jenes bankettes berichten

in ihren erinnerungen wie das brullende gelachter

das den eintritt Verlaines begleitete plötzlich verstummte

/ ein eishauch über die tafel fuhr und jeder

in defer scham das haupt senkte. Es war nichts geschenen

als dass ein kleiner gepflegter herr wortlos

aber mit einer unbeschreiblichen geste sein tranenüberströmtes

antlitz abgewandt hatte: Stéphane Mallarmé.

Mallarmé hat nie sentenzen oder regeln der lebensführung

gelehrt — wenn er sprach sprach er über

fragen der kunst im engeren sinne ... aber er' der

grosse Symbolist' war sich jeden augenblick des symbolwertes

jeder seiner handlungen und gesten bewusst

ƒ der citoyen Mallarmé war so völlig eines mit

seiner hohen geistigen welt dass auch unbewusst jede

seiner lebensausserungen anmut und würde hoheit

und charme ausstrahlte. Er verschmahte es nicht die

geistvolle delikatesse noch in die unschuldigsten

vorgange des taglichen umgangs zu legen. So wenn

seine freundin Méry an einem ostern von einem

dutzend purpurn gefarbter ostereier überrascht wurde

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auf denen in goldenen lettern quatrains zu lesen

waren deren raffinement den aufwand rechtfertigten /

oder wenn er gar am badestrand die sandburg der

freundin mit weissen kieselsteinen bewarf deren

schliff mit dem der in blauer tinte darauf zu lesenden

distichen wetteiferte. So noch in der arabeske geistvoll

und elegant... welcher zauber muss von diesem

kleinen — wie ein französischer verwaltungsbeamter

gekleideten — manne ausgegangen sein wenn er mit

dem ganzen gewicht seiner persönlichkeit sprach...

an jenen dienstag-abenden in der rue de Rome wo

er zwanzig jahre lang eine stets wachsende schar hingerissener

adepten urn sich versammelte aus der die

ersten dichter der nation hervorgingen.

Trotz aller berichte kann man sich nur schwer eine

vorstellung eine tastbare vorstellung von der luft

machen die urn jenen mann lag... man kann seine

magie indirekt ableiten wenn man sieht wie die drei

unbestrittenen altmeister des französischen geistes:

der katholische Paul Claudel der protestantische

André Gide und der paganistische Paul Valéry sich

noch im greisenalter zu einer nie erhörten verherrlichung

ja mythologisierung Mallarmés vereinigen.

Sodass 1936 anlasslich des fünfzigjahrigen jubilaums

des Symbolismus Paul Valéry mit der ihm eigenen

kaken herausforderung unumwunden aussprach: „Je

suis heureux et honoré de prendre part a la generation

d'un mythe — en plein lumière."

Erinnert man sich schliesslich noch dass der zwanzigjahrige

Stefan George hier das wunschbild seiner

jugendlichen sehnsucht: den dichter als statthalter

metaphysischer gewalten fand und aus der rue de

Rome die kraft zum antritt seines eigenen stellvertre-

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tenden erdenlebens mitnahm so ahnt man wie fromm

und hell die flamme des geistes dort gebrannt hat.

Erinnern wir die aussere kulisse dieses lebens: da

war der nicht geliebte aber mit anstand geleistete

beruf eines englischlehrers am gymnasium Fontanes.

Mallarmé scheint die lektionen auf gleichermaszen

unkonventionelle aber erfolgreiche art geleitet zu

haben wie Nietzsche die seinen in Basel. Es ist bekannt

dass ihm seine schuier seltene metaphern des

alexandrinischen Kallimachos zu sammeln pflegten

und ihn einmal — da sie von seinen gotischen studiën

erfuhren — mit einer ansprache in dieser verschollenen

zunge begriissten. Da waren nach der schule die

nachmittage im atelier Manets ƒ zugebracht in stillem

zuschauen oder zwanglosem gesprach. Da war die

kleine fast armliche wohnung in der rue de Rome

deren pforten sich jeden dienstag von 8—12 uhr öffneten.

Von diesen dienstagen nimmt der mythos Mallarmé

seinen ausgangspunkt.

Man stieg eine unbeleuchtete treppe zum vierten stock

empor wurde — vom meister selbst empfangen — in

das zimmer geleitet wo der gastherr die tonpfeife in

der linken stenend gegen den kachelofen gelehnt

den satz am unterbrochenen punkt aufnahm und fortführte.

Mehr als vierzehn gaste fasste das zimmer

nicht sodass in spateren jahren iim 10 uhr die erstgekommenen

den draussen wartenden ihre platze abtreten

mussten. Gegenstand des vortrages — denn es

sprach fast nie ein anderer als Mallarmé — waren

fragen der kunst der asthetik der mode... kein ding

was zu gering dass nicht Mallarmé seine optik an ihm

erprobte. Léon Daudet beschreibt den vortragenden:

„Es war ein entzücken. Dieser kleine zauberer der

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worte mit den tiefen ernsten blieken sprach in durchsichtigen

anspielungen die sich zusammenfanden und

allmdhlich in den raum eine logische form zeichneten.

Er sprach mit unvergleichlichem reiz: wie ein seltener

vogel emporflatternd zum gipfel der ideen und formulierungen

/ und trieb ein herrliches spiel mit den

worten. Er baute seine rede sichtlich auf — als grosser

kiinstler — und bedeutete im gegebenen augenblick

durch eine beherrschte bewegung des hauptes

oder der augen das unausdriickbare."

Und um noch die gegenseite zu horen / aus einem

brief des stolzen und skeptischen Lesconte de

Lisle:

„Komme soeben von Mallarmé. Er ist so sanft höflich

verrückt wie nur immer — mit völlig unverstandlicher

prosa und versdichtung."

Leider hat niemand gewagt an diesen abenden mitzuschreiben

sodass der schatz zwanzigjahriger beredsamer

tiefe verloren ging / dies um so bedauerlicher

als nur weniges davon in die so spröde feder des

dichters geflossen ist. Als indirekter hinweis gilt der

„Traité Du Narcisse" des jugendlichen Gide. Dieser

wurde so völlig unter der nachwirkung Mallarmés

verfasst dass zum urteil befugte die stimme des meisters

bis in wortwahl und intonation hinein erkennen

wollen.

Sonst geben die schriften auch der nachsten schuier

wenig hinweise denn Mallarmé hielt nicht schule im

sinne der erteilung von rezepten und noten ƒ ausdrücklich

lehnte er ab chef d'école zu sein — er

lebte vielmehr nach seinen gegebenheiten ein hohes

dichterisches dasein voll adel takt und ernst vor und

trieb jene die ihm folgen wollten nur an nach diesen

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grundsatzen des höchsten anspruches ihr eigenes

wesen zur entfaltung zu bringen.

Welche fülle erlauchter namen hat das rauchgeschwangerte

zimmer der rue de Rome durchlaufen!

Da waren als gelegentliche besucher die kollegen und

gesinnungsverwandten Catulle Mendès / Francois

Coppée / Debussy j George Moore / Whistler / De

Herédia / Gauguin... da waren die freunde und

schuier Henri de Régnier / der stolze unglückliche

Villiers de l'Isle Adam — der einzige der wohl einen

dialog mit Mallarmé führte — Viélé Griffin / Paul

Fort / Albert Mockel / Maeterlinck / Verhaeren /

Stuart Mill / Albert Saint-Paul — der Stefan George

einführte und übersetzte — da waren Pierre Louys /

Paul Claudel / Andre Gide und Paul Valéry... urn

nur die bedeutendsten zu nennen! Es ist ohne beispiel

in der geschichte des geistes wie hier ein sanfte stimme

und eine unsagliche bewegung der hand eine stets

sich ausbreitende gesellschaft eigenwilligster widerspriichlichster

ehrgeizigster und begabtester künstler

zur bedingungslosen verehrung zwang.

Um das bild abzurunden sei erinnert wer hier nicht

hingehörte: Verlaine der nur seltene male sich —

sichtlich unbequem — zeigte und schon aus dem

grunde wegblieb weil nur einmal um halb zehn ein

warmer grog gereicht wurde / und sein gegenspieler

— der andere clown der bourgeoisie: Oscar Wilde.

Man war kritisch gesonnen denn dieser hatte sein

„Picture of Dorian Gray" auf dem hauptmotiv von

Balzacs „Peau de Chagrin" aufgebaut und in seiner

„Salome" den stoff von Mallarmés schmerzenskind:

der ewig unvollendeten „Hérodiade" aufgegriffen.

So wurde er nach ein telegramm Whistlers: „Wilde

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kommt zu Ihnen / tafelsilber verstecken" in iibermiitiger

stimmung erwartet. Tailhade berichtet:

„...in einem frack erster klasse / geschniirt gekammt

auf glanz poliert lackiert mit edelsteinen beringt / in

diamanten wie eine venuspriesterin / den seidenen

rockaufschlag mit einer ungeheuren chrysantheme

betupft... beunruhigt durch die ironie die ihm entgegenschlug

und weniger sicher seiner effekte als

unter den londoner gecken die ihm damals zu fussen

lagen..." Er sollte bald darauf auf grassliche weise

erfahren welche früchte es abwirft sich auf eine gesellschaft

zu stützen deren lebensformen man gleichzeitig

affektiert und verhöhnt.

Nein — im umkreis Mallarmés konnte weder das gemeine

noch das mondaine atmen. Am kürzesten hat

Manets malerauge sein wesen erfasst:

„Er schien der sohn eines priesters und einer tanzerin."

Dies uniibertreffliche wort kennzeichnet den menschen

Mallarmé — er bezeichnet zugleich die grundlagen

seiner dichtung: mit religiösem ernst seinem

Werk dienend verschmahte er es — ganz im sinne

Nietzsches — nicht' auch dem heiligsten zeremonial

noch eine arabeske tanzerischer fröhlichkeit anzufiigen.

Was seine dichtung wirken sollte hat er deutlich

ausgesprochen: jenen respekt erzwingen wie man ihn

heute höchstens noch der Matthauspassion und dem

Parzival entgegenbringt. Die prosa kann einen derartigen

anspruch nicht erheben / ihre funktion ist eine

andere. In ihrer gesondertheit wusste Mallarmé sie

durchaus zu schatzen und sein brief an Zola über den

„Assommoir" gehort zu den merkwürdigsten doku-

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menten des verstandnisses — von einem anderen stern

aus! Aber die prosa gibt die dinge wie sie uns erscheinen

— die dichtung gibt ihre urbilder. In den

traumen der dichtung steigen die dinge in uneingeschranktem

glanz makellos wie götterbilder auf. In

der prosa treten sie in ihrer irdischen verkörperung

— will sagen: verflachung reduzierung / im zustande

des halben verzichtes vor uns.

Die aufgabe der dichtung wird also eine andere sein

als die der prosa. Mogen ihr nationale und soziale

zwecke als nebensinn zugebilligt werden — so wie

die maler Lionardo und Rubens festaufziige arrangierten

— ihren daseinsgrund wird sie in etwas anderem

finden: ,,1'explication orphique de la Terre qui

est le seul devoir du Poète."

Die orphische erklarung der welt! Die dinge in

ihrem innersten sinnverbande sehen — nicht ihr zufalliges

aufeinander stossen im raum. Jedes ding als

teil einer grossen gesamtform begreifen und seine bedeutung

für und innerhalb dieser gesamtform ergriinden

/ und schliesslich den anteil des menschen

an diesem und seine geheimen bezugspunkte zu diesem

allem aufdecken. Ding- und menschenwelt also nicht

in ihrer aussenform beschreiben sondern ihre metaphysische

bedeutung entratseln. Das meint Mallarmés

ablehnung der descriptiven poesie.

Anschaulicher ausgedriickt: jedem ist heute gelaufig

dass der menschliche körper nicht einfach eine

summe von gliedern und gefassen ist die sich mehr

oder weniger unabhangig von einander erweisen —

nein zwischen den entferntesten und scheinbar selbstandigsten

organen walten geheimnisvolle und noch

nicht in allen fallen entratselte korrespondenzen

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(deren sich die medizin etwa zum zwecke der lokalanasthesie

zu bedienen weiss). Und dies gesetz durchwebt

den gesamtkosmos dergestalt dass gestirne steine

töne blumendüfte in einem ununterbrochenen „commerce"

der anziehung und abstossung erganzung und

vernichtung untereinander und in bezug auf die sinnesorgane'

ja das schicksal des menschen begriffen sind.

Diese magische weltschau diese lehre der korrespondenzen

die so alt ist wie die welt — an die im

übrigen alle grossen künstler in allen jahrhunderten

glaubten — hat der spatantike philosoph Jamblichos

erstmalig systematisiert / Goethe steilte sie in seinen

„Wahlverwandtschaften" geradezu schulmaszig dar

und Baudelaire hat sie in seinem programmgedicht

Correspondances in die moderne dichtung eingeführt.

Erinnern wir uns des zweiten strophe:

Comme de longs êchos qui de loin se conjondent

Dans une tênêbreuse et profonde unité

Vaste comme la nuit et comme la clarté

Les parfums les couleurs et les sons se répondent.

Der dichter wird also nicht bemüht sein die dinge

und wesen zu beschreiben — er wird versuchen das

wesen der dinge die aura der wesen die wechselseitige

durchdringung ihrer ausstrahlungen in worten auszudrücken

/ er wird sogar soweit gehen: veranderte

spannungen die durch die abwesenheit eines dinges entstehen

auszudrücken! Nicht die dinge selbst — der hinter

ihnen stehende sinn wird ausgesagt / nicht die dinge

selbst sprechen sondern ihre kraftfelder ihr strahlungsbereich

vibriert / auch kann in seiner funktion ein ding

die bedeutung eines anderen vertreten: sodass bild und

ton / geschmack gefühl und geruch in harmonischer

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ordnung und stufung zu einer symphonie aller sinneseindrücke

zusammenrauschen' von der kunst des

dichters in ihrem höchsten göttlichen Sinn gleichsam

von innen illuminiert: das heist Symbolismus.

Meine hörer! Ihre geduld mir bis hierher gefolgt zu

sein — und ich versichere Sie: wir haben nur die

hauptgange von Mallarmés beblümtem labyrinth

durchschritten — Ihre geduld sage ich* wird sich

sogleich belohnt sehen da wir uns dem verstandnis

einiger kostbarkeiten nahern. Lassen Sie mich noch

sagen: die arbeitsweise Mallarmés musste unter all

diesen voraussetzungen die schwierigste und oft erschöpfendste

sein. All das was den gedichteschreibern

als ihr glanz und schatz gilt: talent schulung können

inspiration — war ihm nur der anfang. Das handwerkliche

war dem vielbelesenen („J'ai lu tous les

livres" in der „Brise Marine") so gelaufig dass er

jedes thema aus dem stehgreif a la Victor Hugo / de

Musset / Banville zu dichten und umzudichten im

stande war. Die inspiration als quelle und ausgangspunkt

aller dichtung war auch ihm ein gegenstand

scheuer verehrung / nur misstraute er ihr — vielmehr:

trachtete er sie zu reinigen von den schlacken

die jeder vulkanische ausbruch auch mit sich fiihrt.

Für ihn setzte nach der empfangnis des ersten entwurfes

die eigentliche arbeit erst ein: die langwierige

prozedur der purification elimination / des schabens

radierens ersetzens. Kein gedanke kein ding kein

noch so schönes bild wurde geduldet wenn es nicht

mit allen anderen gliedern in geheimer oder offensichtlicher

korrespondenz stand. So wuchs das gedicht

das für Mallarmé war: „Le hazard vaincu mot par

mot".

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Der zufall wort für wort besiegt! Ja — auch das

wort selbst / nicht nur das ding für das es steht / war

gegenstand der untersuchungen. Indem er bis auf die

wurzeln der sprache grub wusste er manchem verschlissenen

wort wieder neuen zauber zu verleihen

sodass der burger seine taglich gebrauchten worte

plötzlich nicht mehr verstand. Dies ist die berühmte

etymologische magie Mallarmés die — wie Pannwitz

bemerkt — nichts ist als „die wörter mit der wurzel

auszuziehen." So denn im wechselspiel von inspiration

und überlegung (science) erkampfte sich Mallarmé

schritt für schritt den weg zum reinen kunstwerk zur

l'Art pure:

Car j'installe par la science

L'hymne des coeurs spirituels

En Voeuvre de ma patience

Atlas herbiers et rituels.

Soeben' meine hörer' versprach ich Ihnen ein ende

unserer grüblerischen anstrengung und gewiss haben

Sie schon wiederholt Ihre blicke über die beiden

beschriebenen flachen vor Ihnen gehen lassen. Und

ich glaube Sie nicht zu verletzen wenn ich eine gewisse

fassungslosigkeit bei Ihnen vermute. Gewiss:

es sind die zeichen unserer schrift die Sie vor sich

sehen — wenngleich die sonst üblichen satzzeichen

fehlen — und es handelt sich zweifellos um die

französische sprache / auch wird die mehrzahl der

worte gelaufig sein... jedoch: welch sinn verbirgt

sich hinter dieser flut von offenbar gewollten und

nach irgend einem gesetz geordneten vokabeln? Und

noch bescheidener: wo sind die verben und die dazugehörigen

substantiva / zu welchen begriffen gehören

21


die verwaisten adjectiva — ja was gehort zu wem?

und schon resignierend: was bedeutet 'ptyx'? Soviel

worte soviel fragen. Lassen wir es uns indessen nicht

verdriessen und gehen wir an die lösung des rebus —

nachdem wir uns alle hilfsmittel des verstandnisses

geduldig erarbeitet haben. Stellen wir zunachst den

schlichten sinn her ohne voreilig nach weiterem zu

fragen. Wir erfahren dann das folgende.

Zu mitternachtlicher stunde unterhalt (stiitzt / nahrt)

die mit dem onyx ihrer strahlenden nagel eine lampe

tragende angst manchen nachtlichen traum den der

phönix verbrennt ohne dass etwas davon in einer

urne zurück bleibt auf der kredenz des leeren zimmers.

Kein ptyx ist da denn der Meister ist zum totenfluss

hinuntergestiegen um mit diesem verschwundenen

symbol der hallenden leere — dem einzigen

gegenstand zu dem das Nichts sich bekennt aus den

unterirdischen wassern zu schöpfen. Aber da geistert

plötzlich neben dem offenen nordfenster ein dahinsterbendes

gold auf — ist es vielleicht die szenerie

einer schar von einhornen die wiitend feuer gegen eine

nixe schleudern bis die nackte wieder im spiegel versinkt?

Dann erscheint im rahmen der vergessenden

flache strahlend das siebengestirn des Grossen Baren.

Ich schmeichle mir nicht durch die wiedergabe des

blossen inhaltes in trockener prosa das gedicht Ihnen

begreiflicher gemacht zu haben... doch nun —

nachdem wir die grammatikalischen schwierigkeiten

beseitigten — diirfen wir uns am wirklichen sinn

versuchen.

Dem mit Mallarmé vertrauten rufen die beiden worte

l'angoisse und salon vide sogleich die vision der zwischen

erwartung und verzweiflung gespannten schöp-

22


fungsnachte hervor. Denn der unter anwendung des

mallarméschen kunstprinzipes mit keinem wort genannte

aber atmospharisch suggerierte zentralpunkt

des gedichtes — auf den alles bezogen — ist der

dichter selbst. Es ist eine schöpfungsnacht: aber eine

andere als jene des 'Don Du Poème' da er triumphierend

in der ersten zeile schon ausrufen kann: „Je

t'apporte l'enfant d'une nuit d'Idumée!" Nein' aus

dieser idumaischen nacht — das heisst mit einer anspielung

auf eine wenig bekannte biblische stelle eine

nacht mannlicher selbstzeugung — wird kein gedicht

geboren werden. Schneidende angst befallt die

seele des dichters: die angst nennt er seine lampe in

der seit dem abenddammern alle traume verbrennen

ohne dass die reine erlösende Idee wie ein Phönix

aus den flammen emporstiege und in einer urne die

asche' das tastbare resultat der verwandlung: das gedicht

zurückliesse. Es ist ein biographisches détail und

zum verstandnis des gedichtes entbehrlich wenn man

weiss dass Mallarmé eine lampe in gestalt einer nackten

frauengestalt besass / die in ihren schmalen emporgestreckten

handen wie eine altarflamme den beleuchtungskörper

trug und die der dichter beziehungsreich

l'Angoisse nannte. Wohl erleichtert der umstand

das fernere verstandnis des bildvorgangs dass auf

dem schreibtisch ein blau glasiertes japanisches gefass

stand in das der dichter seine entwürfe zu stecken

pflegte: cinéraire amphore!

Bei der symbolgeladenheit jedes einzelnen gegenstandes

bleibt es verwunderlich dass alle mir bekannten

kommentare über die 'credences' hinweglasen und

sie einfach als andeutung der möblierung des zimmers

hinnahmen. 'Credences' kann hier nicht einfach für

23


dressoir stehen — das ware eine blosse naturalistische

aufzahlung: es muss in seiner andern bedeutung als

anrichtetafel der messe begriffen werden / steht also

für den schreibtisch des dichters auf dem ja in dieser

nacht das Hochamt des Geistes zelebriert wird.

So umreissen die drei beherrschenden symbole der

ersten strophe sogleich den schauplatz und das gesetz

der handlung die sich von hier aus weiterentwickeln

wird: der altar des geistes / die traumverzehrende

lampe und die mannende urne.

Indessen — wir sagten es schon — diese nacht scheint

unfruchtbar zu sein / das opfer ohne erhörung: verlassen

fühlt sich der dichter im salon vide — der

allerdings nicht im wörtlichen verstande leer ist /

dessen gegenstande vielmehr heute steril und ohne

schwingungen sind... der doppelpunkt führt zum zusammenfassenden

symbol: kein' ptyx.

Das wort ptyx gab lange zeit zu den fantastischsten

auslegungen anlass. Mallarmé selbst frug wahrend der

arbeit an diesem sonett bei drei freunden — darunter

einem agyptologen — an: ob ihnen die bedeutung

dieses wortes und die sprache der es zugehöre bekannt

sei. Fast wünsche er dass es nicht existiere denn dann

habe er den triumph es durch die magie des reimes

geschaffen zu haben. Einen sinn und zwar einen sehr

bestimmten babe es — fügt er hinzu. Die antworten

sollen negativ gewesen sein. Heute enthalt der 'Thesaurus

lingae graecae' den sehr entlegenen quellennachweis

dieses wortes für — muschelhorn.... also

genau jene bedeutung die ihm Mallarmé intuitiv verliehen

hatte. Ein einzigartiger vorgang von sprachmagie

der — da er sozusagen aktenmaszig datiert vorliegt

— stoff zum nachdenken gibt.

24


Der verschwundene ptyx wird im gedicht das symbol

der hallenden leere' der unendlichkeit genannt und

sogleich noch naher als das einzig angemessene attribut

des Nichts umschrieben / indem sein hallen ein

widerhall des kosmischen Nichts ist aus ist dem alles

kommt und zu dem alles kehrt. Wer der Meister ist

der mit dem ptyx zum Styx d.i. zu den tiefen des unterbewusstseins

wie Faust zu den Müttern herabgestiegen

ist darf unerörtert bleiben: zweifellos ist er der

Herr der schöpferischen Seele' des dichterischen Ichs...

es ist also gleich ob man ihn mit Gott oder Apollon

oder dem alter ego des dichters identifizieren will. Es

bringt somit die zweite strophe die fortführung und

vertiefung der ersten: vergeblich warten lampe urne

und tisch auf die frucht der mitternachtlichen stunde:

nicht nur zeigt sich der raum spannungslos und leer

— auch der dichter selbst ist gleichsam entseelt und

nur körperlich da: mit der hallenden traumesmuschel

ist sein höheres Ich in die tiefsten schründe unterhalb

des bewusstseins hinabgestiegen.

Da — in diesem augenblick der starre da der begriff

der zeit selbst entschwunden zu sein scheint taucht

verführerisch aus dem see des spiegels (eine beliebte

gleichsetzung Mallarmés) die fleischliche verführung

das gegenprinzip des schöpferischen geistes: die frau

auf.

Trotz der bitteren jugendzeile: „La chair est triste

hélas!" war Mallarmé nicht sinnenfeindlich und rief

gar bald nach der unmenschlich starren Herodias die

das haupt des Taufers als sühne für eine mögliche

bedrohung ihres keuschen gefühls fordern muss den

südlich-lüsternen faun des 'Après-midi' auf den plan.

Bei innigem familienleben war seine stellung zur frau

25


nicht problematisch / ja er erlebte als alterer auch

noch die grosse passion in gestalt der Méry und liess

durch dies medium die frau sogar zur beseelerin einiger

seiner kunstvollsten spatgedichte werden / weniger

dem w e i b verfallen als Baudelaire daher auch

dessen hass nicht kennend hat Mallarmé jedoch die

in der frau symbolisierte verführerische umarmung

immer als die gegenwelt als die gefahr der coeurs

spirituels behandelt. In dem zweiten gedicht dieses

nachmittags werden wir dieser tendenz in mythologischer

umkleidung noch einmal begegnen. Hier also

steigt die nackte nixe vor dem ermüdeten dichter

auf / ihm bedeutend: was qualest du dich in der

abstraktion des geistes... siehe hier die bequeme bereitheit

der wollust! Doch dies nur einen augenblick.

Denn schon werfen vom rande des spiegels — vom

ufer des sees her — einhorne (das antike symbol der

keuschheit) feuer auf die unerbetene bis sie wieder

versinkt. (Auch hier sei nur in paranthese bemerkt

dass Mallarmé in der tat aus Avignon einen antiken

spiegel besass dessen schmuckleiste jagende einhorne

zeigte.) Nun — in der erneuten und noch tieferen

stille erscheint in kaltem gebieterischem glanz das

siebengestirn des Grossen Baren — oder ist es der

Orion? — seit der Chaldaer zeiten mit der heiligen

siebenzahl das symbol der macht und unerschütterlichkeit

der Urgesetze die die welt regieren / symbol

der höchsten kosmischen konstellation und in diesem

besonderen fall zugleich allegorie der sieben reime

des sonettes... das mit der letzten zeile im spiegel als

vollendete idee aufflammt: das gedicht auf das nicht

entstandene gedicht!

Wieviel worte haben wir benötigt um den inhalt von

26


nur vierzehn zeilen auch nur annahernd zu erschliessen!

Welche welten wurden im engsten rahmen bewegt!

Und welche kunstmittel sind in diesem wunderbau

versteekt! Da ist der durchgehaltenen reim

von ix und ore •—• in den terzinen abgewandelt zu ixe

und or... an sich schon eine artistische leistung erster

ordnung. Da sind — schon versteckter •— die vokalkorrespondenzen

der einander zugehörigen begriffe:

angoisse — lampadophore /croisée vacante / or —

décor — licornes... auffalliger schon die doppelte

alliteration im aboli bibelot d'inanité sonore — im

feuerkampf der erregten einhorne zu einer zungenbrecherischen

kette von assonanzen gesteigert: selon

peut-être le décor des licornes ruant du feu contre

une nixe... um schliesslich in der letzten zeile in lautmalerei

und lautallegorie den höhepunkt zu erreichen

indem fünfmal wiederholt der weisse i-vokal das kalte

sternenlicht suggeriert wahrend mit einem siebenfachen

s-laut die sieben sterne sich spitz in den Spiegel

heften.

Begnügen wir uns mit dieser ernte! Versagen wir es

uns in dieser stunde noch mehr der versteckten sinngebungen

und verkniipfungen zu entschleiern. Es sind

aber — ich versichere es Sie — noch mehr geheimnisse

hier verborgen denn es konnte sich der dichter

— da er das höchste seines lebens: die schöpferische

stunde darstellte — nicht genug tun an kostbaren

seltenen worten doppelsinnen hintergründen... wie

ein funkelndes ornat musste bei diesem Hochamt das

aussere gewand das ergriffene innere umgeben sodass

selbst einem nicht in das verstandnis eingedrungenen

das aufrauschen dieser wortfolgen jene schauer zuteil

werden mussen die die teilnahme an einem geheim-

27


nisvollen ritus und das vernehmen ratselvoller zaubersprüche

vermitteln. Vernehmen wir nun diese hymne

des coeurs spirituels und horen wir sie auf diejenige

weise die Valéry mit der autoritar des meister-schülers

in seinem discours 'De la Diction des Vers' vorgeschrieben

hat:

Ses purs ongles trés haut dédiant leur onyx

L'angoisse ce minuit soutient lampadopbore

Maint rêve vespéral brülé par le pbénix

Que ne recueille par de cinéraire amphore

Sur les credences au salon vide: nul ptyx

Aboli bibelot d'inanité sonore

(Car le Maitre est allé puiser des pleurs au styx

Avec le seul objet dont le néant s'honre)

Mais proche la croisée au nord vacante un or

Agonise selon peut-être le décor

Des licornes ruant du feu contre une nixe

Elle défunte nue en le miroir encor

Que dans l'oubli ferme par le cadre se fixe

Des scintillations sitót te septuor.

Mehrfach haben wir uns in unsere darstellung einer

religiösen terminologie bedient. Und in der tat —

Valéry hat es bekannt: „Nous avons eu a cette époque

la sensation qu'une manière de religion eüt pu naïtre

dont l'émotion poétique eüt été l'essence". Wahrlich

— die echten leser Mallarmés waren mehr als blosse

feinschmecker der poesie: die mitteilung von fragmenten

aus den zu lebzeiten des dichters nur in wenigen

exemplaren verbreiteten gedichten erfolgte mit

kultischer ergriffenheit. Wer den charakter des fran-

28


zösischen schrifttums kennt wird die aus tiefem ernst

geborene kühnheit der satze Valérys ermessen können

die ich bis zu diesem augenblick bewahrte: „ces

fragments de poèmes que Ton se passait et qui unissaient

entre eux se les transmettant les adeptes disperse

sur la France comme les antiques initiés s'unissaient

a distance par l'échange de tablettes et de

lamelles d'or battu... trésor de délices incorruptibles

bien défendu par soi-même contre le barbare et

l'impie."

Das barbarische und das unfromme das sogenannte

aufgeklarte der skeptizismus jener die keine wunder

mehr zwischen himmel und erd zu sehen im stande

sind haben hier keinen zutritt. Für sie ist dies in der

tat poésie bermêtique — die tür des verstandnisses

ist geschlossen. Andere aber begreifen Mallarmés

wort vom schicksalsaugenblick da der vorhang

im tempel wieder erbebt. Es sind die dichter die

ahnungsvoll als erste das geschehen begreifen und es

soil nicht verwirren wenn Kavafis in Alexandria seine

griechischen / Yeats die keltischen götter seiner grünen

insel aufruft: die weltstunde ist da wo alle alten

götter in verwandelter form ihre auferstehung feiern

und der grösste der stürme: der toten zurückkunft

anhebt.

ES VERSCHMAEHTE DER DICHTER MALlarmé

nicht — und ich erwahnte es schon —

seinen hohen ernst in leichtere form zu kleiden oder

anders ausgedrückt: aussere anlasse konnten ihn wie

auch Goethe / Gezelle und Verwey durchaus zum

aussprechen seines weltbildes in einer dem umstand

29


angemessenen form verleiten. Betrachten wir noch —

bevor wir unseren gemeinsamen nachmittag beenden

— eines der bezeichnendsten beispiele dieser leichtfüssigeren

Muse.

Es war im jahre 1893 anlasslich des siebten banketts

der symbolistischen zeitschrift ,La Plume'. Immerhin

war damals ein solches bankett ein grösseres ereignis

als es heute die zusammenkunft der noch hier und da

lebenden species poeta sein dürfte. Mit klangvollen

namen war die elite der dichterischen avantgarde verweten.

Mallarmé prasidierte. Eingangs fiel seine zerstreutheit

befremdlich auf — offensichtlich war er

innen mit gott weiss welchen iiberlegungen beschaftigt.

Da — als der augenblick des toastes gekommen

war erhob er sich und sprach bewegt / zitternd / entriickten

blickes mit sonorer doch einmal fast versagender

stimme den Salut.

Von den sehr gedrangten ersten beiden zeilen abgesehen

bietet der inhalt keine schwierigkeiten. Nachdem

in der driften zeile der ausgangspunkt des vergleiches

gefunden ist wird dieser logisch mit nur

wenigen sprachlichen kühnheiten bis zum triumphalen

ende gefiihrt. Wenn sich der dichter erhebt so sagt

er dass — wie der schaum sein glas krönt — sein

gedicht nichts anderes will... es handelt sich nur um

einen toast. Gesprochen enthalt die erste zeile

einen hübschen doppelsinn indem der jungfrauliche

d.h. soeben geborene vers auch das noch unberührte

volle toastglas sein kann. Der schaum des kelches den

der dichter in der hand halt erweckt sogleich seine

lieblingsassoziation: glas — see — schaum — nixe —

sirene / und das perlen des sektes ist wie ein sprudeln

30


von luftblasen tauchender sirenen die sich vor dem

argonautenschiff der dichter ertranken: höchst gelehrte

anspielung auf eine version der argonautensage

nach der sich die sirenen aus verzweiflung ertrankten

als der reine gesang des Orpheus den ihrigen

übertraf und dieser so seine gefahrten und sich vor

der mörderischen lockung der wollust behütete!

Dies wird das beherrschende bild. Denn wir fahren

ja dahin meine freuhde — ruft der dichter aus: ich

schon am heck / als steuermann wohl heute — ihr

als die tatenlüsternen jungen helden fiebernd am bug

der durch unwetter und winterstiirme sich seine bahn

bricht. Die rührung übermannt den dichter: eine

selige trunkenheit verführt mich — ruft er aus —

treibt mich ohne furcht vor den erschütterungen des

meeres auch noch grüssend das segel zu hissen... was

die fahrt auch immer bringen moge: die einsamkeit

die klippe oder die enthüllung des leitenden sternes.

Kien cette écume vierge vers

A ne designer que la coupe

Telle loin se noie une troupe

De sirenes mainte a Venvers.

Nous naviguons o mes divers

Amis mot déja sur la poupe

Vous I'avant fastueux qui coupe

Le flot de foudres et d'hivers.

Une ivresse belle m'engage

Sans craindre même son tangage

De porter debout ce salut

Solitude récif étoile

A n'importe ce qui valut

Le blanc souci de notre toile.

31


Der chroniqueur berichtet dass nach eine kurzen betroffenen

pause drei auf einander folgende ovationen

den saai erschütterten. Und es sind auch wahrlich vor

allem die terzinen von einer hinreissenden schönheit

und tiefen symbolik. Beginnend mit dem für Mallarmé

ganz ungewöhnlichen persönlichen bekenntnis

„une ivresse belle m'engage" enthüllt die beredsamkeit

des augenblicks die drei grundelemente einer

dichterischen existenz: die grosse stille — in der

allein reine formen kristallisieren können / die immer

drohende klippe der inneren und ausseren schwierigkeiten

/ und das segnende licht des leitenden sternes.

Was auch immer das los beschlossen haben moge:

die weisse sorgfalt unseres segels sei gehisst!

MEINE HORER! GLAUBEN SIE DOCH NICHT

dass ich Ihre aufmerksamkeit für spiele des

geistes in anspruch nehmen wollte. Auch heute gilt es!

Auch? Ach — mehr denn je. Denn in diesen jahren

entscheidet sich mehr als nur das schicksal einiger

grenzen oder die herrschaft

einer klasse über die

andere. In diesen jahren will es sich erweisen ob das

was unsere vorviiter in jahrhunderten getreuen dienstes

erworben haben verfallen und vertan werden

soil. Ob die geistige sprache in der wir uns heute verstandigen

durf ten für immer ausgelöscht sein soil:

ob unsere teure mutter Europa zwischen ihren waldern

und flüssen künftig ein entartetes geziefer

tragen soil das ohne bewusstsein seiner erbarmlichkeit

wie beduinen um die ruinen Babylons dahinlebt. Nur

die walder taler und flüsse wage ich anzurufen —

denn schon sanken hier wie dort die dome in schutt

32


und asche. Eines aber zerstört keine gewalt des eisens

— das reich der dichtung. Nur Sie selbst können es

zerstören indem die messe des geistes keine glaubigen

mehr fande. Dann wenn keiner mehr von Ihnen das

stille spiegelgesprach mit sich selbst halt / wenn keiner

von Ihnen mehr die worte fliistert die ein dichter

Ihnen in den mund legte — dann erst erlösche der

Stern Europas. Der heute zu Ihnen sprach vermag

freilich ein solches ende nicht zu sehen. Als ein bescheidener

adept jener meister deren namen heute

aufleuchteten meint er ihren prophezeiungen vertrauen

zu können und die dunkle weissagung des

götternahesten dichters seiner zunge klingt ihm in

den ohren:

Dann kommt das brautlied des himmels.

Wollendruhe. Goldroth, Und die rippe tönet

Des sandigen erdballs in Gottes werk

Ausdrücklicher bauart / grüner nacht

Und geist der s'aulenordnung / wirklich

Ganzem verhaltnisz j samt der Mitt j

Und glanzenden —

Ach' dass meine armen worte vermocht hatten Ihnen

die sittliche grosse und bedeutungsvolle tiefe eines

jener manner nahe zu bringen die stellvertretend für

Sie das schicksalsgesprach mit Göttern und Damonen

führen. Des mannes der als erster wieder in seinem

lande die dichtung in ihren rang als dolmetscherin des

Ewigen einsetzte und dies so tat dass Henri de Régnier

im namen aller die ihn gekannt haben sagen

durfte: „Er lebte für seine Kunst / erfüllte mit solcher

reinheit des herzens und des geistes ihre pflichten

dass bis in fernste zukunft bei seinem namen die

33


stirnen und die gedanken sich vor dem wunder eines

einzigartigen werkes dem beispiel eines verehrungswürdigen

lebens neigen werden."

Dass Sie nun vielleicht mit erweckter anteilnahme und

tieferem verstandnis ein buch eines der wahren dichter

Ihrer eigenen sprache aufschlügen! Bedenken Sie:

Sie sind unmissbar... denn der gottesdienst erlischt

den der priester in einer verlassenen kirche zelebrieren

muss.

Wir dichter aber — wenn ich denn im plural sprechen

darf — wir Argonauten wollen uns durch die stiirme

nicht anfechten lassen. Weiss und stolz wollen wir das

segel setzen und der klippen nicht fürchten. Immer

von neuem gilt es ein Goldenes Vlies zu erobern —

und wer anders brachte es heim?

34


COLOPHON

Der vortrag „Besinnung auf Mallarmé" wurde am

25. marz 1944 im hause Roland Hoist zu Sloterdijk

vor einem geladenen kreise gehalten.

Für diese buchausgabe entwarf frau

A. Roland Holst—De Meester die

zeichnung des dichters. Es wurden

150 gezahlte exemplare

hergestellt die

nicht für den

handel bestimmt

sind

Dies ist nummer:

27

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