Konig Rudolf von Frankreich - Bibliothèque numérique de l'école ...

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Konig Rudolf von Frankreich - Bibliothèque numérique de l'école ...

Herrn Professor Dr. Wilh. Arndt

zu Leipzig

mm

Herrn Professor 1)1 . . Otto Meitzer

'tAl I)resdeii

in Verehrung gewitirn et.

Documefll

l liii I II ll ll II lItl •••'

0000005628254


Rudolfus rex noti aspernandus, si causa perinde ac fortitutline

valuisset. Diii cum fortuna et adversis hominum anirnis

colluctatus, tandem vicit Galliamque in obsequio habuit, fructus

lahorum non degustavit.

Leibniz.


Einleitung

Frankreich unter Karl III. bis zur Wahl Rudolfs.

Das westfränkische Heidi umfasste zum letzten Male unter

Karl dem Kahlen und seinem Sohn Ludwig alle die Länder in

seinen Grenzen, die im wesentlichen das neuere Frankreich bilden.

Alsbald nach Ludwigs Tod begann die Zerbröckelung; die Bretagne

war unter Man fast unabhängig und zwei andre Gebiete traten

sogar völlig aus dein Staatsverbaml aus und erkannten auch (liC

Oberlehnsherrlichkeit der französischen Könige nicht mehr an:

Nielelburgund oder Provence, wo die Wahl der Grossen dcii

Herzog Boso zum Königsthron beriet, und Hochburgund, wo der

Wclfe Rudolf dem Reispiele Bosos folgte. Grössere Gefahr als

diese Loslösungen an den Grenzen brachte dem Bestand des

Reiches die Spaltung in zwei feindliche Lager. als ein Teil der

Grossen im Hinblick auf diedrohenden äusseren Gefahren zu

Ungunsten des unmündigen Karl von der karolingischen Geschlechtserbfolge

abging und von seinem fast geschwundenen Wahlrecht

Gebrauch machend, dem bewährten Grafen Ob, dein Sohn des

Markgrafen Robert des Tapferen, die Krone übertrug, während

der andere Teil sich gegen diesen ablehnend verhielt und einige

Jahre darauf Karl zum Gegenkönig erhob. Nach mehrjährigem

Kampfe fand diese Spaltung jedoch einen günstigen Abschluss,

indem Odo sterbend dem Gegner die Wege zur Alleinherrschaft

ebnete und dein Reiche den inneren Frieden zurückzugeben sich

bemühte. Karl, an den sich schon früh der Beiname des Einfaltigen

geheftet hat, i) ward mit Ausnahme der erwähnten Sonder-

1) Für Karl ist als Ehrenretter Bo]guet aufgetreten mit seiner }twie

sur le de rg,ie Ch.-1.-S, in den Mm. de lArad. royale de Bruxelles (1843)

Bd. XVTI aber in durchaus voreingenommener Weise, vgl. z. B. p. 7 des

Sep. abdr. seine Uebersetzung von Richer 1, 14, Nicht 'l'hietmar v. Merseburg


staaten nun im ganzen Westfrankenreich anerkannt; waren auch

damit keineswegs die innern Kriege aus der Welt geschafft 1 --

fast in allen Teilen der Monarchie führten aufstrebende Dynasten

beständig heftige Kriege unter einander - so gab es doch wieder

eine Centralgewalt, der alle Provincialgewalten unterthan waren,

bisweilen freilich nur der Theorie nach. Auch die Verleihung

der neustrischen Küstengebiete an der Seinemündun g an die normannischen

Raubschaaren Rollos war kein direkter Verlust für die

wirkliche Macht des Königtums. Lange Zeit ist es ja traditionell

gewesen, gerade deswegen Karlals erbärmlichen Schwächung zu

brandmarken; dagegen hat sich eine Gegenströmun g erhoben, die

jene Verleihung als ein ganz vortreffliches Werk weiser Staatskunst

preist — beides mit Unrecht, weder Tadel noch Lob kaiiii

deshalb dem König zu Teil werden. Die .Landahtretung war die

einzige Mö glichkeit einer Abhilfe und die Verantwortung dafür

fällt den grossen Vasallen zu, die durch ihre Gleichgilti gkeit gegenüber

den allgemeinen Interessen, durch ihre Abneigung für dieselben

Opfer zu bringen, den König, dessen eigne Hilfsmittel zur

Abwehr nicht ausreichten, zwangen diesen Ausweg zu betreten;

Einbusse erlitt ja der Kronbesitz nicht, denn jene Gebiete standen

1, 13, Moii. Germ. 55. III, 741 der die ersten 5 Bücher 1012 fertig hatte

ist der Erste, der einen Beinamen ab incolis Karl Sot i. e. stolidus ironice

dictus für Karl hat, sondern den Ansatz bietet schon Cont. Tiegin. (um 960

‚ Trier) zu 925, Al. G. SS. 1 1 616 (vir hebetis ingenii), und den Spottnamen

selbst die Mirac S. Apri (5. Evre bei Toul) c. 22, SS. IV, 517 (a sui-, cognoininatus

Siinplex). die früher Adso von Der (-- 992) zugeschrieben wurden,

sicher aber noch von einem anderen Zeitgenossen sehr bald nach dem Tod

Gcrhards von Toul (994) um 995 aufgezeichnet sind, ferner Aimoins Mirac. S.

Bened. Bq. (= Bouquet, Hecucil des histor. des Gaules et de la France)

IX, 137 (Siniplex) die 1005 entstanden. Also gegen Ende des 10. Jahrh.

hatte die Tadelsbezeichnung schon ausserhalb Frankreichs Geltung erlangt

muss demnach, da diese Quellen sich auf französischen Gebrauch berufen, in

Frankreich selbst noch früher entstanden sein. Neben dem seit dem 11..lahrh.

allgemein üblich werdenden Simplex und den besondern Gruppen allgeliörigen

Follus (Chr.Andeg., Malleac., Sahnur,, Kiniperleg.), Stultus (Chr. Naninet.,

Turon. almur., breve Turon., lib. de ca.stri Ambasiac u. a.), hehes (Rod.

(Hab.), insilricns (Adein. Cahann.) finden sich lobende Namen im Ohr. S. Ben.

Div. Bq. VIII, 213 Sanctus) und Fragm. de destruet. cccl. Corbeieiis. (Duchesne

Ser. 11, 59 Phis). Sonderbarer Weise kommt für Karl im Ohr. S.

Mart. Turon. und Chr. Salmur. (Bq. VIII, 316, IX, 55) selbst der Name

Capet vor, den ausser Kg. Hugo auch noch dessen Vater Hugo (sonst Magnus

oder Allius) und Kg. Rudolfe Bruder Hugo (sonst Niger) erhalten.


L

gleichfalls nicht unter der unmittelbaren Herrschaft des Königs,

wechselten also nur den Herrn. während der König nach wie vor

Oberlehnsherr blieb. 1) Zu gleicher Zeit, wo dieses Ereignis sich

im Nordwesten abspielte, wuchs dem Reiche im Nordosten ciii

grosses Gebiet zu : das alte Königreich Lothringen schloss sich

an Karl an, und dies bedeutete nicht einen nur ideellen Gewinn

für das Königtum, sondern auch einen reellen. wie später die

Bürgerkriege zeigten, in welchen Karl gerade in den Lothiringern

eine seiner Hauptstützen fand.-)

Sein Reich dehnte sieh seit dieser Zeit (91) vom Meere

bis zum Rhein und zur Saöne aus, während es die Rhone nicht

erreichte; im Süden überschritt es den östlichen Teil der Pyrenäen

und zog die spanische Mark in seine Grenzen, Dieses weite

Gebiet zerfiel in eine grosse Anzahl weltlicher und geistlicher

Unterherrschaften ; Hauptteile waren die Markgrafschaft Frau cien

oder Neustrien und die Herzogtümer Burgund, Normandie und

Aquitanien ; ihnen gesellten sich zahlreiche Grafschaften zu, deren

Inhaber teils direkt unter dem König standen ‚ wie Vermandois,

Flandern, die spanischen Grafschaften, teils Vasallen der ilerzoge

waren, wie Anjou ‚ Poitou, Toulouse, Rouergue und zahlreiche

minder mächtige 3); denn schon war die Auflösung der alten Gauverfassung

sehr weit vorgeschritten. Vielfach waren mehrere

Gaue in einer Hand vereinigt, anderwärts hatten sich auch Gaue

in mehrere Grafschaften zerteilt, denen sich als Herrschaftsgebiete

die Vicegrafschaften 4) anschlossen, da auch der Vicegraf nicht

mehr ein königlicher Verwaltungsbeamter neben, bezüglich unter

dem Grafen war, sondern ein Grundherr wie jener und die Unterordnung

der provincialen Gewalten unter einander sich lediglich

1) Vgl. Depping, histoire des expditiou maritimes des Normands (Pari

1896, II, p. 107 1V: Licquct, hist. de Normandie (Rotten 1835) 1 1 p. 74 ff;

Lair in der Einleitung seiner Dudoausgabe Oaen 1865) p. 62 IV, 94 IV.

2) Irrig wird wiederholt angenommen, auch das Elsass sei Karl Zugefallen,

so Borgnet, 1. c. p. 30. Warnkoenig et (i)rard, Lust. des Carolingiens

Drux. 1862) II 886; dagogen Dütumler, Gesch, des ibstfrlItik. Reichs (Berlin

1865) II, 578 590, Weuuuiing, Die Bestrebungen der franzOs. Konige des 10.

Jahrh., Lothr, f. Frankreich zu gewinnen (Progr. des Gymnasiums zu Hanau,

1884) p. 6.

8) Vgl. Warnkönig und Stein, Französische Staats- im. Rechtsgesc.hichte

(Basel 1846) 1, 120 (eine Tabelle, die freilich mancher Aenderungen bedarf)

und die 1Jebcricht ib, 176-201.

4) lieber die Vicomts s. de Lasteyrie. &tuilcs s. 1. comntes et vicomtes

de Limoges, Bibl. de l'c. d. haut. tud. (1874 Paris) fase. 18.


8

zu einer Machtfrage gestaltet hatte. Die geistlichen Würdenträger

waren zum Teil nur Geschöpfe ihrer mächtigeren Landesherrn (so

in Neustrien und Burgund) 1), zum Teil entwickelte sich aber neben

den weltlichen Herrschaften eine mehr landesherrliche Stellung

der Bischöfe; allen voran stand das Irzbistum Reims, das in allen

Verhältnissen als einer der Hauptfaktoren des politischen Lebens

hervortritt. Gegen die drückende Uebermacht seiner Fürsten, die

aus Beiräten nur zu leicht zu Gebietern und Bedrängern wurden,

suchte Karl Hilfe, indem er die geistlichen Herren begünstigte,

bei denen der Mangel der Erbfolge eine grössere Abhängigkeit vorn

Königals oberstem Schutzherrn der Kirche 2) bedingte als bei den

durch ihr ziemlich gesichertes Erbre.cht mächtigen Dvnasten,

Dies Bestreben bat ihm auch seine Früchte getragen ; der ileimser

Erzbischof war es, der während der letzten Jahre Karls fast allein

voti den westfränkischen Grossen den König aufrecht erhielt.

Ferner zog dieser Leute von geringerer herkunft in seine nähere

Umgebung, die als seine Geschöpfe lediglich auf ihn angewiesen

waren und deren persönliches Wohl und Wehe ihnen Eifer und

Treue im Dienste des Herrschers zur Pflicht machte. Besonders

letzterer Umstand rief den lebhaftesten Unwillen der Fürsten

hervor zu stark beherrschten schon die feudalen Anschauungen

die Gemüter, als dass die mächtigen Herren es ruhig hätten ertragen

sollen, dass ein andrer Einfluss, zumal der eines Unebenbürtigen,

heim Könige stärker sei als der seiner grossen Vasallen ).

Dem Austrasier Hagano war es gelungen, das höchste Vertrauen

Karls zu gewinnen. Als homo niediocris hatte er sich,

unterstützt durch seine Verwandtschaft mit einflussreich en Personen

in Lothringen und getragen von der unwandelbaren Gunst des Königs,

zur Würde eines Comes und vielleicht sogar für einige Zeit zu

einer herzoglichen oder doch herzogsglcichen Stellung in Lothringen

erhoben, indem er wohl die durch den unruhigen und hochfahren-

1) Vgl. z. B. Gesta pontif. Autissiodormsium, die 1{z. Riehard als fast

unusns(hrdnkten Herrn des Bistums zeigen, Biblioth. histor. de IVonne (cd.

Duru 1850, Paris, Auxerre) 1, 367, 372, 374. S. auch Warnkanig und Stein.

1. c. 1, 222 if.

2) Vgl. für diese Zeit den Brief P. ‚Johanns X. an Karl im I4ütticher

Bisehofsstreit 921, Bq. IX, 216, an Köln il). 215.

3) Auch anderwärts begegnet uns in jener Zeit dieselbe Erscheinung;

Kg. Zwentebulch von Lethr. wurde es gl eichfalls zum Vorwurf gemacht, dass

er die Vornehnien zurücksetze und mit Geringeren die Reichsgeschäfte ordne.

Beginn, Ohren. ad 900, M. G. SS. 1, 609.


9

den Sinn Oisilberts 1) verursachten Wirren im Dienste Karls ZUgleich

auch geschickt zu seinem eigenen Vorteil zu verwenden

wusste 2)

Im Jahre 920 brach gegen ihn der erste Sturm los, der zugleich

gegen das Königtum selbst gerichtet war. Karl zeigte

eine Festigkeit., die Seinem Charakter Ehre machen mag, die aber

für ihn als Herrscher von den ver]iängnisvollsten Folgen begleitet

war. Noch gelang es diesmal dem kraftvollen Auftreten des

J-leriveus von Reims, den König zu retten und ihn nach siebenmonatlichen

Bemühungen und Opfern a in der Herrschaft zu erhalten,

aber es war nur ein zeitweiliges Zurückdrängen der Katastrophe,

die unausbleiblich über kurz oder lang den Thron umstürzen

musste, da Karl auch durch die überstandene Gefahr nicht in

seiner Zuneigung zu seiner jetzigen Umgebung wankend geworden

war, in Lothringen hatte Karl damals auch einen Erfolg zu verzeichnen

; gegen den designierten Bischof i-lilduin von Lüttich-

Tongern, der sich an der Empörung beteiligt hatte, setzte er Richar,

den Abt von Prüm ‚ ein und erzielte schliesslich auch seine An-

1) Diese Form ist gcwiili(t zur äusserlichen Unterscheidung des Lothringers

VOfl (1cm Burgunder Gisleliert; beide sind wiederholt verwechselt

worden, z. B. bei Bulliot, Essai histor. sur l'abbaye de S. Martin d'Autun

(Antun 119) J, 164. Anm. 3, bei Haedieke, Etude sur le royauine de Bourgogne

et de I'rovunce 1 progr. du ccli. ru. Franc., Berlin 1805i p- 24, 31. ii. a.

2) [eber ilagano : Fiodoard, Uhron. 9'20, 922, 55. HI.3fi, 370. lust.

Remensis cccl.(Fl. H. E.) 1. IV, c. 15. SS. Xiii. 577: Folcuin, gesta abb.

Sithiensium c. 99. SS. Xlii, 625 licher 1. 15, 16. 21 (nur nach der Oktavausg.

der Mon. Germ. 55. c.itiert); Ekkehard. Cliruii. 55. Vl. 181 1. Vita S.

Gerardi Broniensis, Bq. IX. 123. Bass der Günstling nicht nnigennützig

den Vorteil der Krone erstrebte, sondern den eignen nicht vergass, zeigte die

Eroberung von Laon wobei FInd. (1. c.) besondrer Erwähnung wert erachtet

dass der Schatz des Hagano mit erbeutet worden sei. Ueber die erste Einp;rung

vgl. ausserdem Anti. S. Colomlac Senonenisis 920 SS. T. 104. C. von

Kalckstein ‚ Gesch, des französ. K(;nigthums unter den ersten Capetingern

(Leipzig, 1877) 1. 142 ff. Monrin, ]es Cointes de Paris (Paris 1869 p• 118 lt

bekämpft die Hypothese, die Hagano als thätig für die Stärkung dir Eönigsmacht

auffasst, und schildert ihn sehr ungünstig, freilich mit noch geringerer

Begründung und auf so einfältige Erzählun gen sich stützend, wie die Vorzinilnerseene

bei Ekkehard.

3) Er hatte während dieser Zeit den König bei sich und sein Gebiet

bestritt die Kosten des königlichen Hofhalts.


10

erkennung durch die lothringischen Gegner und durch den Papst.

Gisilhert war im Verein mit andern Grossen seines Herzogtums

gleichfalls abgefallen; der Misserfolg der neust.rischen Rebellen

veranlasste ihn jedoch einzulenken und sich Karl wieder zu unterwerfen

Die Beziehungen zu Deutschland wurden besser; 92()

1)

hatte der König im Wormsgau bei Ffeddersheim durch König

Heinrich zwar eine Niederlage erlitten, als er die linksrheinischen

deutschen Lande an sich reissen wollte, aber im fol genden Jahre

ZD

kam es zunächst zu einem Waffenstillstand und schliesslich am

1. November in Bonn zum Bald aber verdüsterten sich

rriedp.11.2,

die Aussichten des Karolingers wieder; am 1. September 21 war

Herzog Richard von Burgund gestorben, neben Mark graf Robert

der mächtigste Vasall, aber dabei einer der besten Fürsten des

Reichs, der allerdings auch wie alle weltlichen Fürsten bisweilen

gegen die Kirche eigenmächtig verfuhr, ;;,) selbst trotz seiner

kirchlichen Gesinnung Kirchengut besass-1), jedoch auch sein Herzogtum

sowohl gegen äussere Feinde zu schützen verstand --

wiederholte Normunnensie( ,-e legten davon Zeugnis ab -. als auch

im Innern die Ordnung aufrecht erhielt, ein Bestreben, das unter

den Zeitgenossen selten war und ihm hei der Nachwelt den Ehrennamen

des Justitiarius verschaffte 5). Richard war ein treuer Anhänger

Karls gewesen, und weiiii er auch in der letzten Zeit nicht

selbst für Karl eingetreten war, so war es doch für den König

1) Schreiben Karls M. G. LL. (Leges) 1, 565 Briefe Johanns X. Bq.

IX, 915. 216 Ebd. 920 p. 369; Richer 1, c. 22-94; Fnlcuin, gesta abb.

Lobiens. c. 19. SS, IV. 63, Anm Lobiens, 920 SS. 11, 210. Witt,ich in Forschungen

z. deutsch, Gesch. III. 118 lt. id., Entstehung des Herzogthums

Lothringen, ((hittingen 1862) p. 99.

2) Vertragsurkunde M. (i LL. 1.567; Flod. 920, 921. p. 369. heuer

1. c.; Cuintiri. I{egin 'nis irrig zu 923, 924 SS. 1, 115, 616. Ann. Lobiens. 923

SS. II, 210, XIII. 233; letztere beiden sprcrlien unrichtig y(fl einem \'erzil'ILt

Karls, auf Lothringen; erst unter Rudolf ging es an Deutschland verloren.

Vgl. ferner Waitz, Jahrbücher des deutschen Reiches unter König Heinrich 12.

(Berlin 1863) p. 27, 51. 62; \Vitt.ieh, Herzirgth. Lth. p. 100 II'.

3) vgl. Kalckstein . 93 (f.

4) Laienabt von S. Germain zuAuxerre: Urk. 22. April 901. B. (— Böhmer,

Regesta Karolibrum, Frankfurt 1533) n. 1915. Bq. IX. 490 von S. Columba

zu Sens: Urk. 16. Juni 891, B. 1887 Bq. IX. 457; Cartul. de gnra1 VVonne

(Auerre 1854) 1 ii. 65, 65; Gesta pontif. Autissiod. 1. e. 1, 379,

51 Hugo Flaviniac. Chiron. 88. VIH, 357, Series abb. Flavin. ib. 503;

Append. Mirac. S. Germ. Autissind.. BibL hist. ne I'Yonne II, 197, 199; Origo

et hist. comit. Xivernens, Labbe Bibi. Mss. 1, 399.


11

schon ein grosser Gewinn, wenn der miiclitige Herzog sich nicht

mit den Feinden vereinigte. Nach seinem Tode wurde das Vorhältnis

ein andres; der neue Herzog Rudolf stand durch seine

Vermählung mit Roberts Tochter Emma in nahen Beziehungen

zum Haupte der Unzufriedenen, auf seinen Beistand konnte Karl

nicht zählen, und bald nahm Jener auch persönlich an den Unternehmungen

gegen ihn teil. Noch schlimmer war es für den König,

dass seine feste Stütze. der Erzbischof von Reims. sich auch von

ihm abwandte. Ist es auch nirgends direkt und mit Bestimmtheit

gesagt. dass Heriveus abfiel, versichert Eielier auch das Gegenteil,

so geht dennoch aus der Schilderung des Bürgerkriegs bei Flodoard

hervor, dass Karl selbst Reims als feindlich betrachtete.

Wenn der Erzbischof während der Unruhen des Jahres 922 persönlicli

nicht mehr hervortritt, so liegt dies wohl daran . dass er

schwer krank darniederlag. Welcher Grund diesen treuen Anhänger

jetzt die karolingische Sache aufgeben liess, wird nicht überliefert;

ob er sich in seiner Erwartung auf Belohnung getäuscht sah ist

nicht zu entscheiden: auch dass gerade er die Verleihung der Abtei

Chelles an Hagano so bitter empfunden haben sollte, erscheint

wenig glaubhaft; derartiges war damals so häufig, dass es kaum

als genü gender Anlass zu einem so bedeutsamen Schritte betrachtet

werden kann, zumal ja }Ieriveus selbst gar nicht dadurch berührt

ward, da Chelles zu Reims in keinen Beziehungen stand; auch

der Verlust der Erzkanzlerwürde ist als Grund aufgefasst worden,

ohne (lass man jedoch in der Lage ist, genügende Belege zu bieten.

Für die Vermutung, 1-leriveus habe selbst bei Karl auf die Uebertragung

hingewirkt, liegt nicht der mindeste Anhalt vor 1)

Die schon berührte Vergabung von Clielies im Osten von

Paris gab den unmittelbaren äusseren Anlass zur erneuten Einpörung.

Karl nahm es seiner Tante Rothildis, der Mutter der

Gemahlin Ilugos, des Sohnes des Markgrafeu Robert; dessen

Familie musste durch diese Handlung doppelt verletzt werden,

weil ein Glied ihrer Verwandtschaft benachteiligt wurde und gerade

der Besitz des im Herzen ihres Gebietes gelegenen Chelles

in des gehassten und verachteten Feindes Hand ihr als beständige

fl Flod. 922 p. 370, 11. Rein. IV, 17 SS. XIII, 577; Richer 1, 11:

Ilotger Erzkanzler: Bq. IX 37. 538, 541, 546 u. s. w. bis zum Schlusse der

Urk. Karls; Heriveus: il). 513 fl bis 510, 541 Mabillon, Ann. oril. S. Ben.

111, 369, 1. 42. c. 43; Hist. de Languetloc 111, 91. Löns, die Vorfahren

hugo Capets im Kampfe mit den letzten Karolingern. (Gymn. progr. Deutsch-

Crone 1870) p. 10; Ka]ckstein p. 153; B&rrgnet p. 40 versucht Richer folgend

vergeblich, Herivens als treu bis zu seinem Tode darzustellen,


1 1

Drohung erscheinen mochte. Da auf friedlichem Wege vorn König

Abstellung der alten und neuen Beschwerden durch Beseitigung

des Günstlingsregimentes nicht zu erreichen war, betrat man den

Weg der Gewalt. Es kann hier nicht auf die Operationen der

beiden Gegner, die im wesentlichen sich im Bmois, Laonnais

und .Soissonnais abspielten, ein geganen werden; Karl floh wiederholt

mit Hagano über die Maas nach Lothringen ‚ von wo er mit

frischgesammelten Streitkräften immer wieder in die genannten

Gegenden einfiel, überhaupt war es kein Krieg in grossem Massstabe.

sondern nur eine Reihe kleiner Raubzüge mit Verwüstungen

und Ueberfällen i)• Auf Seite Markgraf Roberts mit den Neustriern

standen von bedeutenderen Herren Gisilbert von Lothringen. Rudolf

von Burgund, Hei'iveus von Reims, während Karl ausser einigen

Bischöfen besonders noch eine ziemlich starke dem Herzog feindhohe

Partei in Lothringen anhing. Die Normannen und die südfranzösischen

Grossen hielten 1cm Namen nach zu Karl, aber

thätig für ihn aufzutreten lag ihnen vollständig fein erst als seine

Sache bereits verloren war, ergriffen die Norniannen die Waffen,

während im Süden auch dann sich keine Hand rührte und man

sich begnügte, den Gegenkönigen passiven Widerstand zu leisten.

Man hat in dem Kampfe der Karolinger gegen die Bubertiner,

und zwar nicht nur in der einen Phase desselben, die zwischen

Karl 111. und Robert-Rudolf sich ereignete, sondern in der ein

volles Jahrhundert sich hinziehenden Agonie des alten Herrscherhauses

den Ausdruck tiefer liegender Ideen erblicken wollen: die

Reaktion des neugebildeten Franzosentiinis mit dcii Herzogen von

Francien als Vorkämpfern gegen die ‚germanische R.ace', deren

Führer die Karoliiiger wären, die Abkömmlinge der Franken; so

besonders Thierry, dem sieh Michelet ganz anschliesst. Diese

Ansicht entbehrt jedoch jeder Begründung und mit Recht hat

Arbois de Jubainville darauf hin gewiesen, dass man damit moderne

Verhältnisse in das zehnte Jahrhundert übertrage, wo es dauernde

Parteien in diesem Sinne nicht gab, sondern die schwankende

Politik einer Anzahl übermäc]itiger Untertliaiien ihr und ihrer

Hintersassen, d, h. also des Staates Geschicke bestimmte: was

ausserhalb des Lehnsverbandes stand, die grosse Masse des niedern

Volkes und der Ijnfi'eien ‚ hatte keinen Anteil am Staatsiehen

allein die Konstellationen jener Grossen unter einander u . aben der

Gesammtheit ihrjeweiliges Aussehen, und Stätigkeit der Gesinnung,

feste Parteigrundsätze suchen wir vergeblich, nur in Rineni war

man zielbewusst und zäh ‚ im Streben nach eigener Maehtver-

1) V1. Kalcksteiri p. 153 ff.


‚3

grösserung. Die Geschichte der letzten Karolinger zeigt beständig

feindselige Absichten gegen Deutschland, nichts dagegen von einem

„Band der Erinnerungen", von „verwandtschaftlichen Neigungen

zu den Ländern der langue tudesque", die Kriege Karls gegen

Konrad und Heinrich, Ludwigs gegen Otto 1., Lothars gegen

Otto II. und III, sind dafür beredte Zeugen; die bisweiligeii An-

'näherungen waren von seiten der Kainlinger sehr unfreiwilliger

Natur, denn nur in höchster Not entschloss man sich dazu, wenn

man ohne deutsche Hilfe verloren gewesen wäre, und schlecht

genug hat Lothar die ihm und seinem Vater von Otto und Bruno

erwiesene Hilfe an Oos Sohn und unmündigem Enkel gelohnt.

Wohl herrschte damals eine nationale Trennung im Frankenreiche,

aber für den Dynastiewechsel ga b sie keinen Ausschlag: die Spannung

zwischen Nord und Süd; die bisweilen in scharfer Weise zum

Ausdruck gelangende Abneigung gegen den König von jenseits

der Loire, den „die treulosen, die unsinnigen Franken- eihoben

hatten, hiess die Aquitanier an Karl noch längere Zeit festhalten,

der ihnen übrigens, wie ihr Verhalten bewies ‚ sehr gleichgiltig

war, und unter Karis gleichnamigem Enkel, dent Herzog von Nieder-

Lothringen wiederholte sich das Schauspiel gegenüber Hugo Capet 1),

In geistreicher Weise erörtert Guizot die Ursachen des Verfalls

der zweiten DI)vnastie ynastie; ; er sieht den Grund in der Unreifheit der

staatlichen und socialen Zustände, ein grösseres Gemeinwesen zu

bilden und die Idee der Staatseinheit zu fassen, wie es der Plan

des grossen Karl gewesen war; der Zug der Zeit gehe auf näherliegendes,

auf Festigung der Verhältnisse in kleineren Kreisen,

die eher durchzuführen war, aber zur Indifferenz gegen den Staat,

zur Sonderentwicklung der verschiednen Gebiete führte und in der

äusserlichen Zusammenfassung im Feudalstaate ihren Abschluss

fand; das Einporkommen eines Herrschers aus der Reihe der

Feudalherren selbst gebe dieser Bildung die Sanktion 2

1) Thieriv, Lettres sur 1']iist. de France, n. XII (7-e cd. Paris 1842)

p. 201 ff.; Michelet, hist. de Fr. (d. de 1879) II. 58 fi.; gleiche Ansicht auch

bei Hennebert, Les corntes de Paris 1885 vgl. Recension iii Revue histor.

XXIX 1885) p. 233; Arbois de Jubainvilic, hist. des ducs et des conites de

Champagne (Paris 1859) 1, 81; Monf.esquieu, esprit des bis 1. XXI eh. 25-

32, - Wenning, 1. c. - Mary-Laüni Hist. politique, rälig. et 1itr. du Midi

de Fr. (Paris 1845) lid. 11; unten p. 28 if, die aquitan. Crk.; Ilicher 1, 3,

Charakteristik der Aquit. 1 vgl. Reimann, de Richeri vita et scriptis (Qlsnac

1845) p. 44; Roth, Feudalität und lJiiterthanenverband Weimar 1563) p 14,

TJeher Karl von Lothr. s. Kaicästein p. 421),

2; (iuizot, Essais sur lIiist. de Fr. (18 4rn o M. Paris 1872 p. 68 1V,;

Mourin, 1. c. prt'ace p. XXVII sucht den Grund in dem Gegensatze zwie1iii


14

Indessen diese Auffassung lässt sieh ebenso wenig wie die

anderen halten: Luchaire kommt nach eingehender Prüfung zu

dem Ergebnis, dass in keiner der angenommenen Arten ein principieller

Gegensatz zwischen Karolingern und Gegenkönigen statt

hatte, dass vielmehr letztere und dann auch die ersten Kapetinger

durchaus in den Baimeti der Karolinger weiter wandelten: die

Unmöglichkeit für letztere, das Königtum trotz ihrer eifrigen nicht

zu verkennenden Bemühungen fernerhin noch in erforderlicher

Weise zu vertreten, ihre Machtlosigkeit inmitten der nur theoretisch

untergeordneten, aber mächtigeren Gewalten liess sie die Krone

verlieren und dieselbe auf die Robertiner als Inhaber der geeigneten

Machtfülle übergehen. 1)

Als nach dein von Laon Karl durch die Auflösung

seines Heeres wieder zum Rückzug über die Maas gezwungen

wurde, nahmen die Aufständischen die ihnen dadurch gewährte

Ruhe wahr, um ihren Unternehmungen eine straffere Organisation

zu geben; am 29. Juni 922 wurde in Reims Markgraf Robert

von geistlichen und weltlichen Grossen zum König gewählt und

in S. Remy von Walter von Setis gekriiit. Es war das zweite

Mal, dass dieser Kirchenfürst an einem Nichtkarolinger das Amt

übte, Odo hatte er gekrönt, da Fulko von Reims zu dessen Gegnern

gehörte, jetzt verrichtete er die Handlung, weil ileriveus durch

seine Krankheit verhindert war. l)rei nach der Krönung

starb Letzterer ) ; sein Nachfolger Seulf war zwar ciii tüchtiger

Mann, der sich mit Eifer die geistlichen und weltlichen Pflichten

seines Amtes angelegen sein liess, aber verdankte doch seine Wahl

den Gegnern und schon dadurch war ihm die Stellung angewiesen,

der ide latine, der monarchie irnpiria1e, der centralisatiuii romaine und den

neuen Ideen der Feudalität, und tritt gleichfalls der Ansicht Thierrys entgegen,

p. 86, 348; jedoch auch seine Meinung ist, wie Luchaire nachweist,

nicht die richtige.

1) Luchaire ‚ bist. des institutions monarchi1ues d. 1. Fr. sous les

premiers CaptieJLs Paris 1883) 1, 21 if. Vgl. audi Warnkanig und Stein,

111. 37 ff.

2) Auch darf für diese Zeiten noch nicht von einem feststehenden

Krönungsrecht des Reiiusers gesprochen werden; schon Ansegis von Senis hatte

Ludwigs des Stanunlers Söhne gekrönt, vgl. Wenick. Die Erhebung Arnuifs,

Leipzig 1852 p. 97 Anni.; Dümmier, Ostfränk. Reich II, 122.

3) Flod, 922 p. 370 H. R. IV, 17 p. 577; Varin, Archives lgislatives

de ha ville de Itcims (Paris 1864) II, 1, p. 81; Ann. 5. Cd. Sen. 922 SS. 1, 104,

Hist. Franc. Senon SS. IX, 366.


15

die er im Bürgerkrieg einzunehmen hatte. Die Kämpfe dauerten

fort, Robert verlegte aber den Schauplatz nach Lothrin gen hier

ZD

hatte er Anfang 923 im Ribuariergau an der Roer eine Zusammenkunft

mit König Heinrich, der den Bonner Vertrag ausser Acht

liess und sich mit dem Gegenkönige in freundliches Einvernehmen

setzte. Es gelang Robert, einem Teil der Lothringer einen Waffenstillstand

bis zum Oktober aufzunötigen, worauf er nach Frankreich

zurückging; die burgundischen Truppen, die ihm im vorigen Jahre

zugezogen waren, waren wieder entlassen, und auch von seinen

übrigen Streitern hatte er, wie scheint, nur einen Teil bei sich

behalten, da er zunächst keinen Angriff zu erwarten hatte. Doch

Karl raffte sich mit zäher Ausdauer von neuem auf 1), wieder

brachte er ein lothringisches Heer zusammen; unter Verletzung

des besch worneu Waffenstillstandes marschierte man auf Robert

los, der unweit Soissons an der Aisnc lagerte; will man die Angaben,

dass Karl in Attigny auf dem Einmarsche verweilt hatte,

dass er bei Soissons den Fluss überschritt und die Schlacht auf

der Ebene vor dem S. Medardusklostei' stattfand, vereinen, so ist

eine doppelte Ueberschreitung anzunehmen, bei Attigny auf das

linke Ufer und bei Soissons auf das rechte zurück, denn S. Medard

liegt gegenüber der Stadt auf dem Nordufer. Der 15. Juni 923,

ein Sonntag, sollte dieEntscheidung über die Krone bringen; kaum

hatte Robert Zeit sich vorzubereiten, mit den Truppen, die gerade

bei ihin waren, musste er die Schlacht annehmen, die nach den

bedeutenden Verlusten beider Teile zu schliessen, sehr heftig gewesen

sein muss. Robert selbst, der sich persönlich am Kampfe

tapfer beteiligt hatte, fiel; ein Graf Fulbert soll ihn getötet, aber

seine That mit dein eigenen Leben bezahlt haben. Schon schien

der Fall des feindlichen Führers dein König den Sieg

zu bringen, als verspätet auf dem Schlachtfelde robertinische Hilfsschaaren

unter Hugo und Heribert eintrafen und das Schicksal

des Tages wendeten 2).

1) Ganz unbegründet weist Martin, hist. de France (4mc d. Paris 165)

II, 507 allein dem Hagano das Verdienst des entschlossenen Widerstandes

und dieses kühnen Zuges zu; seit der Flucht Karls, die Roberts Krönun g vorherging,

tritt 1-lagano nirgends mehr hervor.

2) Flod. 993 p. 371; Fo1cin, g. abb. Sith. c. 100. SS. XIII, 625;

Cont. Reg. 922 S. 1, 615; Vita Joh. Gorz. c. 43. SS. IV, 349; 1-ticher L

42-46; Aiinoin, Mir. S. Bened. Bq. IX, 130; 1)udo ed. Lair p. 250; Geneal.

Fusniae. 55. XIII, 252; Ademar Cabann. interpol. III, 22. 55. IV, 125 (nach

dem einen Codes falsch zum Himmellhhrtstag, 15. Mai; ; Ann. S. Ccl. Sen.

922 SS, 1, 104; Ann. 5. Ben. Div. 922 55. V, 40; Ann. S. Dionysii SS. XIII,


16

Seine lothririgisehen Anhänger verliessen jetzt Karl, er aber

gab noch nicht alles verloren, sondern suchte sich neuen Rückhalt

in Frankreich selbst zu gewinnen; an Heribert, Seulf und andre

Fürsten ergingen Botschaften, um sie zur Wiederanerkennung zu

vermögen, in der Hoffnung, beim Tode des Gegenkönigs würden

sie sich aus Verlegenheit, ein allen genehmes neues Oberhaupt zu

finden, lieber dem alten Herrscher wieder zuwenden. Die Erwartung

schlug aber fehl, die Rebellen „verblieben hartnäckig in ihrer

Treulosigkeit" und dachten sofort auf ihre Sicherung, indem sie

den Herzog von Burgund herbeiriefen der auch der Aufforderung

alsbald mit einem starken Heere entsprach. Karl hatte sich inzwischen

an die Normannen als letzte Hilfe gewandt, die sich in

der 'l'hat zum Einfall in Francien rüsteten, kaum aus treuer Dankbarkeit

und Anhänglichkeit für den rechtmässigen König, der ihnen

ihr Land verliehen, denn von derartigen Gefühlen entdecken wir

an den damaligen Grossen keine Spur 1;, vielmehr weil in diesem

Falle unter der Maske von Streitern der Legitimität die alten

Raubzüge erneuert werden konnten, ohne dass man sich bei dem

Bedenken eines Vertragsbruches aufzuhalten brauchte. Um diese

eventuellen feindlichen Absichten im Keime zu ersticken, bezogen

die fränkischen und burgundischen Heere, letzteres unter Führung

Rudolfs, Stellungen an der Oise, wodurch (heu Normannen die

Verbindung mit Karl unmöglich gemacht wurde; Kalckstein vermutet,

Karl habe sich in Compigne aufgehalten, welches allerdings

für die Normannen günstig gelegen wäre, vorausgesetzt, dass

er, der nach den Verlusten im Kampfe und dem Abzug der

Lothringer doch fast ganz von Truppen entblösst gewesen sein

muss, es wagen konnte, von Soissons weiter nach Westen im

Feindesland vorzugehen und sich von seiner Rückzugslinie, der

Maas, zu entfernen. Die Diversion der Oisearmee hatte den ge-

720 (zu 637); Necrol. B. Martini Turon. (cd Nobilleau. Tours 18"05)p. 25.

Necrol. Autissiod, b. Lebeut Mm. curie. l'hist. dAuxerre (Paris 1743) II. pr .

p. 252. - Vgl. auch Ka]ckstein p 482 und über die Voll eitrigen Quellen

behauptete Teilnahme der Deutschen unter Heinrich auf Seiten Karls Waitz,

lleinr., 73. - Mehrere Berichte schreiben Karl mit Unrecht den Sieg zu,

wie 1'olcuin, l)uil, Odorann (Bq. VIII. 237) Hist. Franc. Sen (SS. IX, 366,,

und andere; während die meisten von ihnen daran aber den Verrat Heriberts

anreihen führt bei Dudo Karl nach dem Siege die Herrschaft weiter, bei

Aciemar sogar bis an seinen Tuil, worauf unangefochten sein Sohn folgt. Für

die Lage von S. Medard vgl. Gcneralstabswerk des Deutsch-franzOs. Kriegs,

Atlas, Plan n 16.

1) Vgl. auch Lair, Dude, p. 173 Anm.


17

w(inscliten Erfolg, und Karl ‚ für seine Sicherheit besorgt, ging

über die Maas zurück, um sich in Lothringen für neue Unternehmungen

vorzubereiten 1).

Wie im Jahre zuvor bei Roberts Wahl, benutzten auch jetzt

die Gegner die eingetretene Waffenruhe, um zu einer neueii Königswahl

zu schreiten. Wohl schon während der seit 'Roberts Tod

verflossenen Wochen hatten Beratungen über die Person des Nachfolgers

stattgefunden. Tn Betracht konnten ja drei Männer kommen.

die durch ihre Macht alle anderen überragten Graf Heribeit JE.

von \rerIr1dois. selbst ein Karohinger als Nachkomme dos unglücklichen

Königs Bernhard von Italien, Markgraf Hugo von

Francien, der Sohn und Neffe zweier Könige. und Herzog Rudolf

voll der mit den Robertinern und den Herrschern beider

Burgund verwandt war. in gleic.hzeitigeui Quellen fehlt über die

Motive, die für den Ausgang der Wahl massgebend waren, jeder

Aufschluss, nur spätere versuchen in ihrer Weise sich die Gründe

zurechtzulegen. Nach Aimoin 2) hätte gegen Heriberts Erhebung

sich der allgemeine Hass geltend gemacht, den er sich besonders

durch sein schändliches Verfahren gegen den König zugezogen

habe - dies ist aber nicht stichhaltig, da nach 1 1lodoard, der bekanntlich

in der Aufzählung der Ereignisse innerhalb eines Jahres

die Zeitfolge wahrt, erst nach Eudolfs Wahl die Gefangennahme

des Königs erfolgte. Auf seine karolingische Herkunft als Grund

der Nichtwahl, wie Kalckstein will, möchte ich kein Gewicht legen;

seit drei Generationen waren die Nachkommen Bernhards einfache

Grafen und nie ist von irgendwelchen Erbansprüchen ihrerseits

die Rede, weder gegen Karl den Dicken, noch Odo oder Karl den

Einfältigen ; es bleibt somit nur ein persönliches Motiv übrig

Heriberts Charakter. Dieser war freilich nicht danach angethan,

ihn in einem Feudalstaat als passenden Oberherrn erscheinen zu

lassen; von einer der ilaupteigenschaften der damali gen Fürsten,

auf die besonders die Geistlichkeit Wert zu legen und die sie

immer als löbliches Beispiel zu erwähnen pflegte, voll Freigebigkeit,

hören wir bei ihm so gut wie nichts 3), im Gegenteil

zeigte er sich stets als treulos, habsüchtig, immer bedacht, sich

1' FlocI. 923 I 371 372; Richer 1, 4(i 1'oleuiii c. 1(10, 55. XIII,

62ö. - Kalckstejn p. 161.

2) Aimoin, Mir. 5, Bened. Bq. IX, 139.

3) Nur bei Alberieh v. Truisfontaines finde ich eine Schenkung an die

Kirche eruhlint SS. )X111 p. 758, doch auch dies war nur die 1-3ickgal.o

mcc tr(iher entzogenen Gutes ib. p. 741. (zu !) u. 873).


18

auf andrer Kosten zu bereichern ‚ selbst ohne Rücksicht auf die

lebnsreclitlichen Anschauungen seiner Zeit 1).

Hugo soll seiner Jugend wegen übergangen worden sein

(nach Aimoin, doch hat Kalckstein das unzutreffende dieses Grundes

nachgewiesen )' aber er hat kaum Hecht, wenn er Hugo noch

nicht das zur Behauptung der königlichen Würde nötige Ansehen

besitzen lässt; eben die Erlangung eines reiferen Alters half ja

diesem Mangel ab und selbst jugendliches Alter hat weder vorher

noch nachher als Grund für den Ausschluss gegolten. wenn anders

mau überhaupt gewillt war, die Persönlichkeit zuzulassen. Auch

nicht in ihm SeIl)SL scheint der Anlass gesucht werden zu müssen,

sondern in der Besorgnis der andern Grossen, dass ans der wiederholten

Wahl eitles Bobertiners sich für dieses Geschlecht ahlniälicli

ein gewolinheitliches Ei-brecht herausbilden und die Erbkönige sich

dann über ihre jetzigen Genossen ebenso erheben würden, wie es

einst die Arnulfinger getluan ‚ während ein Wahlkönigtum, immer

von ihnen abhängig blieb. Als dritter Thronkandidat bot sich

Rudolf dar. Herr des Herzogtums Burgund, besass er die erforderliche

Macht. ohne die ein König nicht auskommen konnte,

wie Karls Beispiel gezeigt hatte; in seineul Lande hatte er sich

wie sein Vater durch strenge Rechtspflege Achtung erworben,

sein kirchlicher Sinn ihm die Heizeui des Cierus gewonnen, und

trotz der Macht seines Herzogtunis schien er doch den Andern

nicht allzu gefährlich werden zu können, da dessen Lage mi Südwesten

nicht so bedrohlich war, wie die der Markgrafschaft Francien

oder der Besitzungen des Hauses Vermandois die den ganzen

Norden beherrschten, auf den ja liilipts-i'iclilleli das staatliche Leben

concentriert war. Seine Verwandtschaft mit den burgundischen

1) Flod. H. 11. IV, 18, 19, p. 578; Ann. 927 p. 377, wo er gegen das

Herkommen den Söhnen des Grafen von Laon ihr Leim zu Gunsten seines

Sohnes entziehen wollte. 934 32, wo er die Geiseln der Seinigen preisgab,

937 p. 384, wo er seinen Vasallen Walo nach eben geschehener Kommen(iation

beraubte diese Fälle liegen zwar zum Teil erst nach 923, genügen jedoch,

uni hieriberts Charakter zu veranschaulichen.

2) Ajinnin 1. c.; Kalckstein p. 161 und 468.

3) Ob er so vorausblickend war, die Schwierigkeiten der Herrschaft zu

ahnen, oh es Gewissensbedenken waren über die vermeintliche Strafe (Ice

Hiiiimels an seinem thronräuberischen Vater, wozu jene Zeit unter dein Eittfluss

der Kirche trotz ihrer sonstigen Härte und Rücksichtslosigkeit leicht

geneigt war, muss ebenfalls unentschieden bleiben thron. Turon. Bq. IX, 51,

auch Richer II, 1, wo Hugo auf Roberts Wahl zurückgreift als Gottesurteil

erscheint des Gegenkönige Fall ferner bei Cont. Regin., Aimoin, Ann. Lobienses.


19

\ re1fc, i und dcii Bosoniden liessfreundnachbarliche Beziehungen

zu beiden Reichen erhoffen und seine Ehe machte wohl Hugo

leichter geneigt, gerade ihm die Herrschaft zu überlassen. Aus

denn Histörchen hei Rodulfus Glaher kann man gelten lassen, dass

besonders zwischen Hugo und Rudolf die Entscheidung schwankte,

und vielleicht mag aus der Hereinmischung der Emma noch gefolgert

werden können, dass auch ihr Einfluss sich in den Verhandlungen

mit geltend gemacht hat, wenn auch nicht in der dort

erwähnten Weise; wenigstens widerspricht das Bild, das uns Emma

als Königin bietet, nicht einer Beteiligung dieser Frau.')

So vereinigte man sieh schliesslich auf die Person Budolfs

in Soissons erfolgte am Sonntag den 13. Juli 923 durch die Wahl

der Grosseim seine Erhebung auf den Thron und im S. Medarduskloster

daselbst weihite als dritten nichtkarolingischen Herrscher

der Westfranken auch ihn der alte Königsmnac.her Walter von Sens.

Die Kirche hatte nach der Schlacht von Soissons auch ihrerseits

versucht, dem Bürgerkrieg Einhalt zu thun ‚ ein Konzil trat

unter Vorsitz Seiilfs in Reims 'zusammen nach (lern August,

nicht vor demselben, wie Kalkstein will, da es im zweiten Amtsjahre

des Seulf stattfand, das am 27. August 923 begann 2); persönlich

waren die Bischöfe von Seissons. Laon, Cambrav, Seiilis

und Noyon zugegen, die andern Diöcesanbischöfe liessen sich vertreten;

eine allgemeine Busse wurde allen thittlich an der Schlacht

Beteiligten auferlegt - eine Einschränkung, die aus Rücksicht

auf den neuen König geschah -‚ und hart waren die Vorschriften:

drei Jahre soll die Busse währen, im ersten sind die Büsser während

der Fastenzeit ganz von der Kirche ausgeschlossen, alle drei .Jahre

hindurch sollen sie diese vierzig Tage lang am Montag, Mittwoch

und Freitag hei Brot, Salz und Wasser fasten, und in gleicher

1) PInd. 923 p. 372: ilicher 1, 47; Ann. S. Col. Sen. SS. 1, 105; Folcuiii,

g. a. Sith, c. 101. SS. XIII, 620; Aiinoin Mir. S. ibm. Bq. IX, 139;

Lii). die diversis casibtis uienbii Dervensis, Acta S. 0. B., sace, 11 p. 846:

11 ist. reg. Franc. SS. XIII. 251 : Just. Franc. Sen. SS. IX 366 Ibm. (Jlab.

1. 2 55. VII, 53. Rjchr behauptet. Rudolf habe seiner Wahl widerstrebt.

(loch bei dem bekannten Charakter von itichers Darstellung muss i']i mir versagen,

diese sonst nicht bezeugte Angabe ‚ ohne sie ausdrücklich verwerfen

zu können, hier aufzunehmen. Mo,,rins Schilderung Rudolfs (p. 140; entbehrt

fast aller wirkliche,, Grundlagen und ist zum Teil offenbare Entstellung, z. B.

dass Rudolf unkriegerischer gewesen als seine Zeitgenossen, wird Niemand

behaupten, der Fiodoarci auch nur flüchtig einmal gelesen hat.

2) Varin, Arch. legisi. d. 1. vil]e de Eein,s II, 1, p. 90. Seulf 1. Sept.

nach einer eine, Amtsdauer von 3 Jahren 5 Tagen Flod. 925 p. 376.

2*


20

Weise während der zwei Wochen vor Johanni und Weihnachten

und ausserdem überhaupt das ganze Jahr hindurch jeden Freitag

mit Ausnahme etwa auf diesen Tag fallender hoher Feste, oder

bei Verhinderung durch Krankheit oder Kriegsdienst. Es scheint

jedoch bei der grossen Ausdehnung, die das Verbot erlangt hätte,

kaum an7dinehlnen, dass es streng durchgeführt werden konnte;

Einzelne liessen sich schon zum Gehorsam gegen die Kirchengesetze

zwingen, doch oh auch das halbe Reich, mit Einschluss der

meisten Fürsten, ist mindestens recht fraglich').

Rudolf vor seiner Wahl.

Ehe wir auf das Königtum Rudolfs eingeben, soll noch das

wenige, was über sein bisheriges Leben bekannt ist., hier eingefügt

weiden. Rudolf war der älteste Sohn Richards, des Halbbruders

von Boso 2), dem König des provenalisciien Reiches, und von

Richilde, der Gemahlin Karls des Kahlen ; zuerst Graf von Autun

hatte Richard unter Odo in Burgund die Herzogswürde erlangt,

wenn er auch in den gleichzeitigen Quellen bald nur als Graf oder

Markgraf, bald als Herzog oder Fürst bezeichnet ist Seine

Gemahlin war Adelheid, die Schwester Rudolfs I. vom transjuranischen

Burgund. Die verwandtschaftliche Verbindung mit den

drei benachbarten Königshäusern wird nicht wenig zum raschen

Emporkommen der Familie beigetragen haben, deren Besitz an

den Grenzen der drei Reiche lag. Richard hatte sehr weitgehende

Machtbefugnisse; ausser der Lebnshoheit über das Herzogtum

Burgund besass er die Grafschaft Antun und wahrscheinlich

Auxerre und Sens, sicher in diesen Städten die Abteien S. Germain

und S. Colombe 4); in welcher souveränen Weise er auf die Besetzung

des Stuhles in seinem Landesbistum Auxerre einwirkte,

1, S. das Dekret 1)uchcsne, Ser. 11, 588; Mansi, Concil. coll, (II. cd.

1773) XVIII, 345; II (I. LX. 324,

2) Vgl. Gingins-1a-Sana., Mm. p. . h Lhist. de Provence et de Bourgognc

Jurane im Archiv für Schweizer. Gesch. (Zürich 1851) VII, 122.

3) Flod. 921 p. 360; H. Rein. IV, 12 p. 576; Gesta pont.Autissiod.

1. c.. p. 37; Chron. S. Bon. 1)1v. Bq. VIII. 241, 242 (Exccrptc von

Cartul. de l'gIise d'Autun (Paris, Antun 1865: n. 22, 23, 26; Cart. gu. de

I'Yonne, 1, ii. 129, 132, 133.

4) S. oben p. 10 Anm. 4; KaIck,t. p. WO: CIia1Ic List. de I'Auxerroi

(Au., Paris 1878) p. 89, 93.


21

ist schon berührt worden 1), auch anderwärts übte er hierbei grossen

Einfluss, wie der Bistun]sstreit in Alltun unter Odo beweist.

Seiner Ehe entsprossen drei Söhne, Rudolf, Hugo und 13 0S0 2).

Die spätere Ueberlieferung lasst Rudolf durch König Karl aus der

Taufe gehoben werden und knüpft daran seine Erhebung auf den

Thron durch diesen Path(,n ‚ da derselbe eingesehen habe, dass er

doch nicht wieder aus Heriberts Gefangenschaft freikommen werde3)

die Unmöglichkeit des Verhältnisses geht aber sofort daraus hervor,

dass Karl 879 geboren war') ‚ Rudolf aber schon 901 oder

sogar schoii früher in Urkunden als Zeuge fungiert, also von Karl

im Alter nur wenig verschieden gewesen sein kann,'».

Die drei Brüder treten bei Lebzeiten ihres Vaters wenig

hervor, sie erscheinen nur einige Male in Urkunden. Das älteste

Auftreten Rudolfs scheint das in einer Gerichtsurkunde Richards

für S, Benignus zu Dijon zu sein. die ungefähr in den Anfang des

letzten Jahrzehnts des neunten Jahrhunderts gehört.,wenigstens

1) 8. oben p. 8 Anm. 1; für Autun: Hugo Flavin. Clirni. SS. VIII.

356, und Series abb. Flaviniac. ib. 502.

2' Nach I)uchesne, bist. gdnal. de la maison de Vergy (Paris 1625)

p. 10. war Gis]eberts v. Vergy Gemahlin Eriiieugarda die Tochter Richards,

imil durch sie gelangte ihr Gemahl nach seines Schwagers Hugo (des Schwarzen)

'liii zur llerzogswürde in Burgund. Ufrörer, P. Gregor VII. ii. s. Zeitalter

(SehafI'hauseri 1859 , TV, 27 hat dieselbe Ansicht, hält aber den Burgunder für

den Lothrin ger Gisilbert s. ob. p. 9 Anm. 1).

3) Odorann B9. VIII. 237, Bich, I9et. Chron. Bq. IX. 23. Hist. Franc.

Sen, SS. IX, 366, u. a.. die Gruppe 1er Sens-Fleuryschen Ueberlieferung.

E. Arndt, Gesch. des Ursprungs ii. der Entwicklung des franzOs. Volkes

(Leipzig 1844 1 380 lässt Karl gezwungen werilin Rud. als Mitregenten

anzuerkennen.

4) Karl wurde 879 am 17. September geboren, vgl. Püninil(-r. Ostfränk.

Reich II, 123.

5) 'Iaufpathenschaft als enges Pietäteveritältuis das aus der cugnatio

spiritualis entsprang, ist überhaupt ein ziemlich beliebtes Moment zur Ausschmückuiig,

indem man es anführt als Motiv besondrer Anhänglichkeit oder

als Umstand, der eine an sich schlimme That noch schlimmer mache, oder

als Grund von Begünstigungen durch den Pathen so von Karl und Rudolf,

von Robert und Rollo, von Herzog Wilhelm Langschwert und Ludwigs Sohn

Lothar (bei Duulo Wilhelm v. Juniiges u. von Adels und Ingelger, angeblichem

ersten Grafen von Anjuuu (Geta emis. Andeg. B(t. IX, 27), von

König Aetlielstan u. Alan liarbatorta (Chron. Namuet. Bq. Viii, 276), von

Karl u. Ilcribcrts Soliii (Rod. Glab.. SS. VII, 33), voll hugo Capet u. I-Ingo

von Anihoisc (Marchegay et Salmon, Uhroniques d'Anjou 1, 159).


22

ist die Vermutung die nächstliegende, in dem Grafen Rudolf, der

mit unterschreibt, den Sohn des Verleihers der Urkunde zu sehen,

zumal der Graf Wido, der neben diesem Grafen Rudolf genannt

wird, sich auch in der folgenden Urkunde mit ihm zusammen

findet 1) In dieser, einer Urkunde seines Vaters für Montieramev

aus Courtenot (an der Seine, dp. Aube, arr. Bar-s.-S.), tritt unser

Rudolf sicher auf; das Datum, 21. December des IV. Jahres König

Karls, hat man 2) als 896 gefasst, es wird jedoch auch hier, wie

es in burgundischen Urkunden Regel ist, Karls Herrschaft erst

von Odos Tod ab zu zählen sein, so dass wir das Jahr 901 anzunehmen

haben; Rudolf heisst hier ausdrücklich der Sohn Ricbards.

Ob in dem Rudolf und Boso, die eine Schenkung der Kaiserin

Richilde, der Gemahlin Karls des Kahlen, für Gorze 910 unterschreiben,

die Söhne Richards gesehen werden dürfen, ist zweifelhaft,

einige Wahrscheinlichkeit gewinnt diese Annahme dadurch,

dass beide Brüder Neffen der Verleiherin waren, Boso später in

Lothringen begütert war und auch mit Gorze in Verkehr stand3).

Alle drei Söhne sind Zeugen unter einer Vergabung Richards an

S. Benignus, die um 912 anzusetzen ist, 4) ferner sind sie nach

einer Gerichtsurkunde für die Kirche von Auttin als Genossen

ihres Vaters im Grafengericht thätig, wo Rudolf zum ersten Male

besonders hervortritt als Stellvertreter seines Vaters, für welchen

er die Urkunde, die aus Pulliacum vom . September 916 datiert,

ist, vollzieht und besiegelt. Dieselbe Funktion verrichtet. er in

einer zu Autun unter Genehmigung des Herzogs ausgestellten Verleihung

des Bischofs Walo von Autun aus dem Jahre 91 5)

Den Grafentitel führten sämtliche Brüder, hugo vermutlich

für den Warasciisgau im transjuranischen Reiche, einen Teil der

späteren Franche Comt )‚ wenigstens hatte er in demselben Güter

1) Chron. S, Den. Div. Bq. VIII, 241.

2) Ducliesne, bist. g6n&1. d. 1. m. de \rergy II pr. p. I Arbois de

Jubainville, Ii. d. (Iucs de (.,hamp. 1. 450 pr. ii. 17.

3) B(l. IX, 665.

4) Chron. S. Bern Divien, B(I. VIII, 242.

5) Cart. de 1'gl. d'Autini, n. 22, 23; unter in Burgund häufigen Pouilly,

P.-en Montagne, P.-sur Vingeanne, P.-s. Sa'ne, P.-s. Loire 11. a, erscheint

ersteres hier seiner Lage nach am geeignetsten ‚ v1. Joanne, Atlas de la

France (Paris 1870) 3 dtp. Cote-dOr, Up. ITvre.

6) Vgl. Haedicke. Etudes sur le rovauine de Buurg. et de Provence p.

22. ff.; Ilugos Teilnahme an den Kämpfen im Westreiche weist aber auch

darauf hin, dass er hier Besitzungen hatte wie ja auch sein Bruder Boso

im Reiche Heinrichs und seines Bruders Rudolf zugleich als Grundherr nachweislich

ist, also zwei Oberherrn hatte.


und gab seine Zustiminung zu einer diesen Gau betreffenden

Schenkung, obschon die Annahme auch zulässig ist, dass er nicht

in seiner Eigenschaft als Gaugraf, sondern als Sohn zustimmt,

denn die Urkunde ist nach lliehards Tode von seiner Wittwe

Adelheid Adeleth am 24. April 922 zu Autun i) gegeben, somit

als Rudolf schon als Erbe seines Vaters (las Herzogtum besass

gleichwohl ist auch er wie seine Brüder einfach als Graf aufgeführt

. Von Thaten Budolfs ist aus seiner früheren Zeit nur die

Besitzergreifung von Bour ges bekannt, aber leider herrscht über

das nähere grosse Unklarheit. Zum Jahre 9I G wird ein Brand

von Bourges gemeldet, zu 91 der Ueberfall der Stadt durch Wilhelm,

den Neffen Wilhelms 1. von Aquitanien, und die Höckerobernug

durch die Bürger: 924 besitzt Rudolf Bourges nebst dem

Berry, das ei kurz zuvor (nuper) mit hilfe Markgraf Roherts dem

Herzog Wilhelm entrissen hat. Einfach scheint die Erklärung.

dass der Brand sich eben bei der Eroberung durch Rudolf ereignet,

Wilhelm die Stadt wieder erlan gt, sie bald aber von neuem verloren

habe, bis er sie 924 zurückverliehen erhielt; nur müsste

man dann annehmen. (lass die Bürger selbst ihre Stadt dem Burgunder

wieder überliefert, oder er sie zum zweiten Male und zwar

von ihnen erobert hätte, was aber beides der Angabe widerspräche,

dass ei sie dem 1-lerzog von Aquitanien abnahm. Eine andre Erklärung

lässt den Brand ganz ausser dem Bereiche der politischen

Thatsachen; die Reihe der Daten ist dann: 91 Eroberung durch

Wilhelm und Rückeroberung durch die Bürger, vor 922 zweite

Eroberung durch Wilhelm. dann Eroberung durch Rudolf (vor dem

Juni 922, 924 Rückgabe an den Aquitanier ). Eine Quelle teilt

mit, König Karl habe durch Stephan. Abt von S. Martial zu Limoges,

zwei Thürine gegen Wilhelm errichten lassen; bringt man

dies mit deii aquitanischen Händeln in Verbindung und fasst es

als eine königliche Anordnung zum Beistand Rudolfs. dessen Vater

bei Karl sehr einflussreich war, so werden dadurch die Kämpfe

Rudolfs über das Jahr 92() hierühergerückt, da erst seit diesem

1) Cartul, dc 1'g1. d'Autuii ii. 9. 10: Puchesne, hist. gn . d. 1. in. d.

Vergv pr. p. 29.

2) hinsichtlich seichter Titelschwankun gen s. ob. p. 20 und im folg. zu 927.

3) Ann. Masciae. S$. III. 169, die das eine Faktum zu 919 geben

(ha es aber im selben Jahre, wie Wilhelms J T üd stattgefunden hat, ist 918

anzunehmen: Flod. 924 p. 373. Die erste Ansicht vertritt Kalckstein p. 140,

die zweite, passendere Baluze, hist. gnal. d. 1. maisa d'Auvergne Paris

1708) 1, 20, 21: Kalcksteins Darstellung lhsst den Punkt offen, wie Bourges

wieder an Rudolf k-:un, nachdem die Bürger Wilhelm vertrieben hatten.


21

Jahre Stephan Abt war ). Seiner Ehe mit Roberts Tochter Emma,

die vor 922 bereits geschlossen sein muss, ), ist schon im obigen

gedacht worden. Nach den Fehden im Berry tritt Rudolf, abgesehen

von der Notiz, dass er noch als Herzog (921-923) den

nach Burgund geflüchteten Mönchen von Der seinen Beistand angedeihen

liess, erst, während des Bürgerkriegs an der Spitze seines

burgundischen Aufgebots wieder handelnd auf. An der Marne

unweit Epernay vereinigte er sein Heer mit dein Schwiegervaters

; atwh. sein Bruder Hugo folgte bald mit seiner Mannschaft

nach und hatte gleich beim Heranrücken einen Erfolg über eine

karolingische Streifschaar zu verzeichnen. In der Folge entschwinden

jedoch beide unsern Blicken die Burgunder hatten Ende 922

nach dem Eintritt der Waffenruhe ihre Heimat wieder aufgesucht

und erschienen in der ersten Hälfte von 923 nicht im Felde; erst

der unglückliche Ausgang Roberts veranlasste Rudolf, Ende Juli

sofort nach Francien aufzubrechen 4), Die weiteren Vorgänge bis

zu seiner Wahl sind bereits erörtert worden5),

1) Ademar, (Jominemoratio abb. S. 3lartial. Leniov., Labhe, Bibl. Mss.

II, 272 u, l)upkw-Agier, Chrtn. de S. Martial de Limoges Paris 1874) p. 4.

nennt zwar diesen Wilhehn CflCfl Grafen von Poitiers, lenkt also wohl an

W. Caput-Stupae Ebolus Sohn, aber zu dessen Zeit h:lite Karl nicht mehr:

es ist also nur eine Verwechslung Ademars, das Ereignis selbst ist deshalb

nicht zu bezweifeln: Kalckstein bringt es gleichfalls mit der Angelegenheit

voll in Berührung, sollte aber dann nicht die Teilnahme Rudolfs vor

die Zeit Stephans verlegen.

2) Fhod. 922 p. 370

3) Flod. 922, 923 p. 370, 371 Bi1, IX, 7.

4) Flod. 923 l' 371-

5) Die einzige Spezialarbeit die sich mit Budolt esdtäft.igt ‚ ist thi

von Guillon de Montbion ‚ Raoul ou Rodolphe (devenu roi de France 923 ne

acrait-il pas le mnse personnage que llodolphe II. roi de Bourgogne Transjurstic)

Paris 1827. Die Schrift ist durchaus verfehlt, sie will keine (Jeschiihte

Rudolfs geben, sondern nur jene Identität erweisen, die schon der Titel

andeutet: die ganze Beweisführung ist aber derartig, dass es schwer fällt,

sie überhaupt ernsthaft zu nehmen das wunderbarste ist nur, (las sich doch

Jemand gefunden hat, der die Ansicht nicht ganz verwarf, obwohl auch er

nicht zustimmt; Daunüu iii 1er Pecension im Journal des Savants 1828 p.

93 11.. Da wie erwähnt., Guillon sich mit der Geschichte Rui.lolfs nur ganz

oberflächlich befasst, soweit es für seine Phantasien nötig ist, so haben wir

im folgenden nur wenige Male Veranlassung gehabt, seiner zu gedenken,


25

II. 1)a.s Gegenköiiigtuin II u(lolfs.

Rudolfs Anfänge.

Die Wahl Rudolfs warkeineswegs ein Willensausdruck der

Nation d. h. sämtlicher Grossen; nur der iohertinische Anhang

wählte ihn zum Ersatz für den verlornen Führer. Beteiligt waren

das Herzogtum Burgund, die Markgrafschaft Francien, die Grafschaft

Vermandois mit ihren Dependenzerm, von Lothringern für den

Anfang nur wenige, wie etwa Graf Boso; ein grosser Teil der

letzteren hatte bis zur Schlacht von Soissons auf Karls Seite gestanden,

ein andrer zwar mit den Aufständischen sympathisiert,

aber doch eine mehr abwartende Haltung eingenommen, wie Gisilbert

selbst. Von den geistlichen Herren folgten viele willenlos der

Entscheidung ihrer Landesherren, wie in Burgund und Francien,

wo sie fast ganz von jenen abhingen. Die Normandie und Bretagne

und der ganze Süden fehlten bei Rudolfs Erhebung. Am Kriege

hatte sich keiner der aquitanischen oder spanischen Grossen beteiligt,

obwohl sie bis zuletzt an Karl fest hielten; einige der

letzten Urkunden, die wir von Karl haben, sind für die spanische

Mark gegeben, Wigo von Giromma hatte sie erwirkt, der noch im

Juni 922 sich persönlich beim König im Rmois befand, als dort

die feindlichen Heere sich gegenüberstanden;') so nützte man das

Königtum bis zum letzten Augenblicke aus, doch an Gegenleistungen

dachte Niemand. Dem Fernhalten vom Bürgerkriege entsprach

auch das weitere Benehmen. Man spielte sich als königstreue

Unterthanen auf, sprach mit Emphase von der Schmach des Königtums

und war über das Verbrechen des Thronusurpators sittlich

entrüstet; 2) aber wie vorher keine Hand zum Schwert gegriffen,

um dem Könige zu Hilfe zu kommen, so blieb es auch jetzt bei

der blossen .Entrüstung. zur That raffte sich Keiner der mächtigen

Fürsten auf, von denen mancher sich mit den nordfranzösischen

Machthabern gar wohl messen konnte. Es konnte ja auch für die

nach möglichster Selbständigkeit begierigen Dynasten keine bessere

Konstellation geben: der von ihnen anerkannte König war nur

noch ein machtloses Phantom, er konnte den Anmassungen seiner

1) B. ii. 1975-1977, Bq. IX. 554-556.

2) Urkundliche Belege im folgenden.


26

angeblichen getreuen Vasallen nicht entgegentreten und diese hatten

dabei noch das erhebende Bewusstsein für die verfolgte Legitimität

eingetreten zu sein ; den wirklichen Inhaber der Herrschaft dagegen

erklärte man für einen Tyrannen und Thronräuber und half sich

damit über die unangenehme Pflicht hinweg, ihm (Ichorsain leisten

zu müssen. Das thatsächlich rein persönliche Interessen und nicht

Anhän glichkeit an das angestammte Herrscherhaus die Handlungsweise

der meisten südlichen Herren bestimmte, zeigen deutlich

wiederholte ähnliche Fälle, wo es sirh nicht um einen Gegenkönig

aus fremdem Geschlecht, sondern eben um ein Glied desselben

Hauses handelt, wie gegen Karl 111. unter und nach Odo, gegen

Ludwig IV.. gegen Lothar (89. 936, 954), denen man auch erst

nach längerem Zögern sich unterwarf 1)

Das soeben im allgemeinen Skizzierte bedarf nun der Begründung

im einzelnen ‚ die im folgenden versucht weiden soll.

Für die nihieren Verhältnisse der Anerkennung Rudolfs bieten die

erzählenden Quellen nur sehr geringe Ausbeute : wir sind daher

fast ausschliesslic.h auf urkundliches Material angewiesen. welches

wenn auch ziemlich umfäng l ich, doch noch viele bedauerliche

Lücken übrig lässt. Nicht alle Gebiete sind gleich gut mit ihm

ausgestattet, nur an einer kleinen Zahl von Orten geben uns die

Urkunden durch die ganze Regierungszeit Budolfs hindurch ein

treues Geleit. an den meisten haben wir sie nur zu einzelnen

Jahren, besonders den späteren, können also, wenn sich nicht andre

Aufschlüsse bieten, kaum mit Gewissheit sagen ‚ ob in dem betreffenden

Orte oder bei der betreffenden Person Rudolf von Beginn

all als König gegolten hat.

Im Herzogtum Burgund erkannte man Rudolf sofort an, da er

hier selbst Landesherr war, auch war er alsbald nach der Wahl nach

Burgund gegangen und von einem Widerstreben seiner Unterthanen

hören wir nichts 2 1 . . In Clun y wurde Karl während Roberts Gegenkönigtum

noch anerkannt, leider fehlen aber dann gerade für die

Zeit unmittelbar nach Rudolfs Wahl Belege, erst 324 beginnt die

Datierung nach Rudolfs ‚Jahren und zwar vom 2. bis 13. Jahre-3).

1) Vgl. Hist. de Lang. IV, 22 über Karl, III, 116, 123 über Ludwig,

III, 146 über Lothar.

Flod. 923 p. 372.

3) Bruel. Re.cueil je Chartes de Clunv (Paris 1876) 1 n. 231, 233-236

nur 232 nennt Robert als König: in 11. 248 heisst im Juni 924 Karl noch

König, die Urk. nach Jahren Rudolfs sind ausserordentlich zahlreich, von n. 288

ab bis 447 (durchsetzt von solchen, die in die burgundischen Nachbargebiete

gehören und nach deren Herrschern zählen); vgl. Bruel in der Bild. de 1'öcol:

des chartes (1880) XLI, 23 8., der mehrere differierende Anfangsteriiiiiie nachweist,

als Regel gilt jedoch der Wahltag, 13. Juli 923.


27

Diese Zeugnisse erstrecken sich meist auf den ('lau Gau von i\hicon

daneben auch auf die Gaue von Chfilon und Antun. Für mehrere

hurgundische Gaiie fehlen für die ersten Jahre Urkunden gänzlich,

doch gilt für sie gleichfalls. wie für die genannten, sofortige

Huliligung ; sicher ist es für Seits ‚ dessen Erzbischof den König

gekrönt hatte, wahrscheinlich für .Dijon und Auxerre ‚ dessen

Grafen, bezüglich Vicegrafen. dem Hause Vergy entstammten, das

mit dem Herzogshause in nahen Beziehungen stand 1.

Die meisten Lothringer huldigten Rudolf im Herbst 923,

ausdrücklich wissen wir von Metz und Verdun. dass sie ihm unterthan

waren, nur (Jisilbert und Rotgar von Trier versagten die

Unterwerfung 2). Reims, das sieh sonst seine Politik selbst gewiihlt,

das sogar für die Anderer massgebend gewesen war, musste sich

jetzt ganz von fremdem Einfluss leiten lassen; durch geleistete

Dienste hatte sich Heribert im vorigen Jahre so festzusetzen gewusst,

dass das Erzbistum völlig in Abhängigkeit von ihm geraten

war, Seulf hatte daher Karls Aufforderung sich ihm wieder zu

zuwenden, abgelehnt `). Heriberts Huldigung unterwarf dem König

Verrnandois, Amiens, Troyes uni-! die andern zerstreut liegenden

Besitzungen dieses Vasallen in den Gauen von Soissons. Brie,

Provins u. a. 4 ). Laon. stand durch seinen Grafen Rotgar auf

Rudolfs Seite, Soissons durch seinen Bischof Abbo der Roberts

Erzkanzler gewesen war und in dieser Stellung auch zu Rudolf

übertrat ).

Der ausgedehnte Machtbezirk Markgraf Hugos fügte sich

gleichfalls dem neuen Herrscher, also der Rest von Nordfrankreich

bis zur bretonisch-normannischen Grenze : in Tours z. B. rechnet

man am 18. December der 12. Indiktion (= 9231 nach Rudolf,

für die andern neustrischen Grafschaften mangeln ähnliche bestimmte

Nachweise, doch werden wir nicht fehlgehen, wenn wir auch für

1) Duehesne, hist. g&1i. d. 1. m. cl. Vergy 1 p. 40 ii. a.; Vita S. \i..

vcntii. 1h1. IX, 131. Vgl. ferner noch für Autun UR. ii. 1, Mabillin, de re

dipl. lib. VI, Urk. ii. 132 (p. 5 66) für Chälon : UR. 2 1 3, 4; für M3cou Cart.

de S. Vincent de Mhcon 013cin 1864) 1, n. 310, 314, 501, 480, 8, 38, 496

u. a.; für Fleury: Perard, Recucil de plasieurs Pices s. b Uli. de Bourgogne

(Paris 1664) p. 44, 29, 30, 42, 43: für Langres- UR. 7, l'erard p. 63. (TJ1.

Urk. Rud. im Anhang.)

2) Flod. 923 p. 372.

3) Flod. 923 p. 371, H. IL IV, 18 p. 578.

4) Vgl. über Heriberts Besitz: Arbois de Jubainville 1. v. 1, 89, 90

Kalcksteiii p. 162; Georges, bist. de Champagne et de Bric (Paris 1878) p. 277.

5) Flod. 923 p. 371 Bq. IX, 560, 563; vgl. Abschnitt Urkundeuwesen;

i'onthicu, Boulogne, Flandern leisten 925 Ileeresfolge.


28

sie keine Verzögerung annehmen, da Hugo seine Vasallen straff

genug sich unterthan hielt, um seine Entscheidung auch für sie

als verbindlich erscheinen zu lassen; für Chartres haben wir eine

Urkunde aus seinem achten, für Angers eine Schenkung Graf Pulkos

aus dem siebenten Jahre, für Blois gicht Budolf selbst schon

924 ein Diplom, für Paris giebt es eine Urkunde vom Vicegrafen

Teudo aus dein dritten Jahre und iii Orlaiis (wie in Tours und

Paris) gebot Hugo direkt als Graf '.

Die Normandie war dem Gegenkönig feindlich, Urkunden

stehen uns hier gar nicht zur Verfügung lieber die Bretagne,

deren Geschichte für das neunte Jahrhundert eine reiche Quelle im

Chartular von Rdon hat. brechen im Anfang des zehnten die urkundlichen

Hilfsmittel gleichfalls ab ‚ die beiden einzigen Zeugnisse

desselben für diese Periode geben keine Nachricht über den Oberherrn.

Der Grund der Dürftigkeit liegt darin, dass die grossen

Grundherrn, die allein bei der Frage der Anerkennung des Herrschers

in Betracht kommen, gerade in jener Zeit zum grössten Teil durch

Verlassen der Heimat sich der Unteijocimtig durch die Normannen

entzogen hatten und nur niedres Landvolk 'zurückgeblieben war

In Berry wird Rudolf sogleich Annahme gefunden haben,

da der Gau direkt unter seiner gräflichen Verwaltung stand ‚ und

als der nächste Besitzer Wilhelm abfiel, fand dies nicht allgemeine

Nachfolge denn noch zu dessen Lebzeiten, am 23. November 92,

gilt Rudolf fortgesetzt als König 4 )1. In Poitou scheint man nach

einigen Zeugnissen Karl treu geblieben 'zu sein 5), in andern Ur-

1) Mabille, Paiicarte noire de S. Martin de Tours (in den Mnt. de la

Soc. archal. de Tonraine XVII und separat Paris. Tours 1800) ii. 129 Cartul.

de S. Pre de Chartres (Paris 1840; 1 ii. 3: Mabillon .Ami. Bened. 111, 403

Gesta cons. Andegavens. Bq. IX. 30 \larclicgay et Salmen, Ohron. d'Anjou

1, 67 Ult. ii. 5; Mabillon 1. c. p. 384: (lau. Christ. VIII, 484.

2) F1d. 023 p. 371. 372.

3; Flod, 1)19, 921 368. 369; Chron. Namnetensc B(. VIII. 975;

Cartul. de liSlon (Paris 1863) i. 283, 305.

-1) [rk. der Kanoniker von Bourges 1 Gall. Christ. II. ccl. 134. vom

5. Ciemenstag im .1. J. lInd., der 926 tlmatsächlich ein Donnerstag war; ferner

für Dols IJH. Ii.

5) Besly. hist. des cointes de Poictu (Paris 1647) pr. p. 221, 295 mit

dein drastischen Ausdruck a. III - r'gni Radnlfi regis curn suis inlidelibus

niciite captis ähnlich Urk. ii. 9 hci Lastcyrie ‚ sur les comtes et vicomtes de

Iiimiges p. 114: Cartul. de l'ubh. de S. Cvprien uic Poitiers (1874, Archives

Iiistor. du Poitou III) n. 236 237, 240, aus dem 27. bez. 30. J. Karls, d. i).

925 u. 927.


kunden von Rudolfs 5. bis 11. Jahre ist jedoch dieser anerkannt 1).

Gleich Poitou folgte auch Limousin nicht der allgemeinen

Stimmung Aquitaniens. da es durch seinen Nachbarn und Oberherrn.

den Grafen voii Poitou. beeinflusst war, in Tulle scheint man

dem Burgunder sich gleich untergehen zu haben, die Urkunden

des Klosters gehen vom 3. bis 13. Jahr, setzen also 923 als Anfang

voraus 2). Denselben nimmt für Beaulieu der Herausgeber

Deloclie an; da wir indessen nur Urkunden bis zum 10. Jahre

kennen, wird 923 zweifelhaft, und es gewinnt die Vermutung Raum,

dass für Beaulieu dasselbe statt hat, wie für Quercv, wo man

Rudolf zum Teil erst 920 anerkannte; dies bestätigen zwei Urkunden

des Vicegrafen Frotard von Cahors für Aurillac von 930,

welches als 5.. und für Beaulieu von 932 (md. 5), welches als

7. Jahr gezählt wird 3). Aber auch in Q.uercv herrschte keine

Einheitlichkeit. denn Urkunden von Moissac gehen bis in das

11. Jahr, setzen also einen früheren Anfang als 926 voraus 4,.

Der sonderbarste Contrst waltet jedoch in den Urkunden

von Brioude in Auvergne ob; Auvergne besass Herzog Wilhelm

als Graf, und Brioude sein Bruder Acfred als Laienabt; beide

waren eifrige Gegner des Königs, und dieser Stimmung tragen

auch einige Urkunden Rechnung, welche Karls Namen beibehalten

und Rudolf als illegitim bezeichnen 5); doch auch einfache Da-

1Cart. de 8. Cyprien cl. 301. 124, 92, 528. 337 u. a.: Bcsly 1. c.

p. 237 die Unentschiedenheit zeigt auch eine Urk. des Klosters Nouai11 vorn

I)ecenjb. a. III, 1adulfi regis quando Karolus in custodia tenebatur bei Baluze,

Capit. regum Francor. II, append. col. 1532, Mansi Cone. XVIII, app. 11. 135.

2) Baluze, bist. Tutelensis (Paris 1717! app. col. 323-365.

3) Justel, hist. gtna1. d. 1. maison de Turenne (Paris 1645) pr. p. 9

und Cartul. de Beaulieu (Paris 1859) n. 48; da zwei Urk. Frotards für verschiedne

Orte die Konkordanz 926 = 1. Jahr gewähren, ist wohl Deloche's

Aenderung a, VilIl statt VII, die nur geschah um 923 als Beginn herauszubekommen

unberechtigt. Vgl. ferner Cart. de Beaulieu n. 72, 167, 38, 66,

44, 144, 108.

4) Mloulen 1, Docuinents itistor. sur le Tarn - et - Garonne, (Montaubaji

1879; 1, 2091.

5) (Jart. de Brioude Cierntont-Ferrand 1863) n. 39: a, TU. quo Karolus

rex per infidos Francos dehonestatus est 16. Führ. 926), ii. 327: a. IV,

quo infideles Franci principem suum Karolurn prpria sede exturhaverunt et

lladulphum elegerunt Roberto interfecto (8. Dcc. 996 ‚ n. 315: u. IV. rluo

Franci deinhonestaverunt regem suam Karoluni et contra legern sibi Rodulfiim

in regem elegerunt, (11. Oct. 926) u. a., vgl. auch Baluze, hist. g€n. d. 1 in.

d'Auvergnc II pr. p. 19 -21, Baluze, Capit. II vol. 1531, 1534: Cartul. de

$auxillaiigcs (Cierinont Fd, 1864) n. 13.


30

tierungen mit Jahren Karls ohne den Ausfall gegen seinen Nebenbuhler

finden sich '). Neben jenen obigen Rudolf so gehässig

gegenübertretenden datieren nun die meisten Urkunden nach seinen

Jahren und zwar unmittelbar von der Wahl an, wir haben gerade

hier die vollshindigste Reihe, nicht so zahlreich wie in Cluny,

aber für unsere Frage noch wichtiger. denn vom Juli des 1. Jahres

bis zum Oktober des 13. haben wir Urkunden zur Hand .

Dies sind die Gebiete. in denen man Rudolf sich nicht widersetzte,

oder ihn doch noch vor Karls Tod anerkannte, das übrige

Südfrankreich datierte ostentativ nach Karls Regierung weiter,

meist ohne Andeutung, dass er in Wirklichkeit gar nicht mehr

König war: und selbst nach seinem Tode zählte man die Jahre

von diesem Zeitpunkt ab, vereinzelt aber ging man dann sofort

auf Ludwig über' ;). Für Languedoc bezeugt Fiodoard, dass bis 42

laimund Pontius, Graf von Toulouse, Markgi'af von (]othien, sein

Bruder Erniengaud, Graf von llouergue, Mitinhaber von (]otliien, und

Lupus Aznar, der Herr der Gascogne, noch nicht gehuldigt hatten,

und zahlreiche Urkunden bestätigen den Zustand dci' Zwischenzeit 4).

Velai und Gvaudan gehörten (]ein Auvergne als besondre

Grafschaften, teilten daher die Entschliessungen des Herzogs

von Aquitanien ). Uzge und Vivarais waren noch Teile des

1) Für Brionde Cartul. n. 16 betreffs Canetum, 924 md. 12 auch

Baluze 1. c. 1530.

2) Cart. de Brionde ii. 169, 104, 255 112 u. s. w. bis 2, 153, 18(i

tuch Brite!, Bild. de l'äeole des chartes \' 1. 2 ( - 27) p. 476, 495; ferner

'art, de Sauxillanges n. 218, 774.

3) Für tue sjianisihc Mark: P. de ?ilarca - Baluaius . Marca Hisp:t'iica

l'aris 1688) app. n. 70, 71. Baluze, Capit. II, 1535; Cltr ' n. Barcinolt. (Murca

1iipanica app. cd. 758): Karl König nach Odos Tod 32 J. 3 M. Post cuius

bitum non habuerunt regem per annos octo; Ann. Barcinon, SS. XIX. 501.

-1) Für Narbonrie: H. (1. Lang. V n. 50. 51, 5-9, 57, Mabillon Anti.

Bett. 111, 1172 1. Ilousaillon und Eine LT. d. Lang. V, ii. 359, 60, 62; Baluze,

Capit. 11, 1335; 'f. Carcassonne H. d. Lang. V, ii. 53, 61, Bal. 1. c. ; f. Iluerguc

(liodez. Vabre, Conques) H. d. Lang. V. ii .35a, 59. 433, 11, ii. 207. Bihl. de

l')e. d. chart. V. 4 ( 24) p. 153, Cartul. dc l'abb. de Conques (Paris 179)

ii. 121, 92, 5 1 231, 143, 291 f. Beziers H. d. Lang. V, n. 5. Dein oben

erwähnten Chron. Barciu. steht nahe Chron. Nemausense (Nimes: ‚ 88. 111, 219

(auch H. d. Lang. V, col. 28): Karl 35 J. Kittig. Post cuins obitum fuerunt

anni 7 sine legitim rege, in quibus regnavit Rodulfus. Eine Urkunde des

Bischofs von Nimes (bei Menard, hist. de Nisines 1 pr. p. 19) gicht das 30 J.

Karls nach Odos Tod 927,

Lang. III. p. 87, 90, 97, IV, IF. 85.


31

prorenalischeii Reiches Ludwigs des Blinden Und noch nicht zum

Languecioc gekommen 1).

Von verschiedenen kleinen Gebieten, die wir sucht berührt

haben, lässt sich die Haltung nicht angeben, doch wird in diesem

Falle wohl mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen sein, dass sie

dein ihrer mächtigeren Nachbarn gefolgt sind.

Rudolf hat auch als König seine früheren Würden (den 1-1erzogstitel

und seine Grafschaften) beibehalten, wenigstens finden

wir in seiner Zeit keinen Andern in solcher Stellung ) ; er musste

darauf sehen, sich in seinen Besitzungen eine feste Grundlage für

sein Königtum zu wahren, denn der Machtbereich desselben ‚ wie

er ihn von seinem Vorgänger überkarn ‚ reichte nur )litt eine

Schattenherrschaft zu führen, während dein eine feste Regierung

not that und eine solche auch allein dem thatkräftigen

Wesen des Königs entsprach. Sein Herzogtum hat immer seine

Tlauptstütze gebildet; so oft ihn nicht, wie es allerdings fast unablässig

der Fall war, legierungsangelegenheiten in andre Teile

der Monarchie riefen, verweilte er in Burgund 43). und Burgunder

bildeten den Kern seines Heeres, an den sich die wechselnden

Kontingente der grossen Vasallen anschlossen.

Gleich nach der Weihe in Soissons brach er nach seinem

Stammland auf; Karl war zwar noch frei. aber seine Macht so

schwer getroffen, dass Rudolf nicht sogleich eine ähnliche Ueberraseliung

wie Robert zu fürchten hatte. Doch auch nach dem

Schlage voll und trotz der trüben Erfahrungen bei seinen

Botschaften an die Rebellen, dachte der unglückliche Fürst fortgesetzt

all Wiedergewinnung seiner Lande. Mit H ein rieb hatte

er 921 Beziehungen angeknüpft, Roberts Erhebung unterbrach dieselben;

jetzt war der Gegenkönig gefallen. iiiid der Ueberlebende

mochte hoffen, voll mit dem Deutschen in gutes Einvernehmen

kommen und seine Unterstützung erlangen zu können.

Er schickte Gesandte an Heinrich mit Geschenken, darunter Reliquien,

die in jener Zeit einen unschätzbaren Wert hatten, und

1) Unrichtig lässt II. cl. Lang. 111 p. 96 sie schon 924 an das Haus

Toulouse kommen, vgl. }Iaedicke, tucles s. 1. ro yaume cl. Bnuirr. et cl. Pro.

p. 10 Gingins-la-Sarraz ‚ Archiv f. Schweiz. Gesch. VII, p. 72; erst nach

Ludwigs 'lud 928 kam,ri sie an Frankreich.

2) Nach Gfrörer, Grog. VII., IV, 28 hatte Gislebert (v. Vergy) das

llcrzogtuiii erhalten, was jedoch falsch ist.

3) Mourin, Comtes de Paris p. 139 nennt unbegründet Dijon als Hauptstadt

Rudolfs; wenn überhaupt eine Vermutung ausgesprochen werden soll,

kann nur Autun in Betracht kommen, UR. 1, 8, 12.


32

mag ihm vielleicht die Ueberlasstuig Lothringens 'zugesagt haben.

Aber dieser Versuch, sich einen Helfer zu erwerben, scheiterte

wie alle früheren; Heinrich nahm die Gesandten auf, trat

auch nicht mit Rudolf in Verkehr, enthielt sich indessen jedes

Schrittes zu Gunsten des Karolingers '). Der Misserfol g wird

diesen geneigter gemacht haben auf einen andern Vorschlag einzugehen,

der ihm jetzt gemacht ward.

Ileribert sandte den Grafen Bernhard, seinen Vetter, mit andein

Boten zu ihm -- der wohl noch in Lothringen sich aufhielt

- und trug ihm seine Hilfe an ; die von Richer angeführten

Ueberrednn gsrnittel entsprechen sehr gut der Sachlage, mögen sie

ZD

nun echt oder von ihm ersonnen sein : Ileribert habe nur notgedrungen

mit den Feinden sich vereinigt, jetzt biete sich eine günstige

Gelegenheit, das Geschehene wieder gut zu machen ; doch

solle Karl, um Argwohn zu vermeiden, ohne grosses Gefolge

kommen. Manches mochte beitragen, Bedenklichkeiten bei Karl

zu beseitigen. Heribert war doch immerhin ciii Karolinger, wenn

auch nicht aus der herrschenden Linie, mi Bürgerkriege hatte er

in der Tliat anfangs noch einige Zeit auf Karls Seite gestanden 2),

Rudolfs Abwesenheit in Burgund liess hoffen, dass man mit

Heriberts beträchtlichen Mitteln sich weide festsetzen können, ehe

dein Gegner die Gefahr klar würde. Dazu kamen noch die eidlichen

Bürgschaften der Gesandten, die mit um so mehr Vertrauen

erweckender Zuversicht geleistet wurden, als Bernhard und seine

Genossen selbst betrogene Betrüger waren. 1-leribert hatte als

vollendeter Kenner seiner an Treubruch und Verrat so reichen

Zeit 3) für gut befunden, seine Unterhändler über seine walii'en

1) Soviel glaube ih unheleiiklich der Ueberlieferung Widuhin,ls (1 33

SS. 111, 431) entnehmen zu (lÜrh'n Waitz, Hein, 1, 75 setzt Wid. Worten

strenger folgend, die (esndtsi'hit't erst nach Karls Gefangennalinie, desgl.

Wittich, Herz, Lothring. p- 115; es ist aber unwahrscheinlich dass Heribert

seinem Gefangenen die Müglicltkeit gelassen haben sollte, nach aussen Verbindungen

'in seiner Befreiung anzuknüpfen. Thietmar (1, 13, S.S. 111, 741)

lässt Karl wirklich durch Heinrich wiedei' eingesetzt werden, wohl irre geführt

durch Ludwigs Einsetzung seitens Ottos.

2) F'lud. 922 p. 370.

3) Vgl. die dir Flodoardausgabe des Pithosus (anri. et hist. Franc.

script. c-jaet. Xli. Paris 1588) angehängten Visiones Flotihilac ‚ geschehen im

Jahre 940 (1. c. p. 278, Flod. 940 p, 387 1 , die wiederholt der leichtsinnigen

Eide gedenken, p. 282 inrarnonta quae tam innumerabilia liunt 283 inrainenta

quae tot fiebant; Adso, Mirac. S. Basohi c. 7 SS. 1V, 517, Anm. ferner im

Laufe dieser Darstellung die häufi gen V crrii tereien Feb iii i i 1 esndi'rs in dcii

Aufständen hlerihjerts gegen Rudolf.


Absichten im Dunkeln zu lassen ‚ um nicht durch etwaige Gewissensbetlenken

oder Verräterei ihrerseits die A usfti]irun g gefährdet

oder vereitelt zu sehen. Man darf es Karl nicht als eineii

Beweis seiner .‚Einfalt" auslegen, wenn er sich täuschen liess; die

I)ailegungen des Grafen waren glaubhaft genug und Karls Lage

ganz hoffnungslos; er sah keinen andern Weg vor sich, hier bot

sich einer dar, der, wenn aufrichtig gemeint, allerdings Aussicht

auf Erfolg bot. Er folgte den Gesandten und traf mit geringer

Bedeckung in Heriberts Burg S. Quentin an der Somme ein, wo

er nur zu bald erfuhr, wie schmählich er betrogen; denn der Vasall

bemächtigte sieh seines Herrschers, dessen Leute zum Widerstand

zu schwach waren: sie wurden entlassen, Karl jedoch bald

darauf in der festen Burg Chateau-Thivrry gefangen gesetzt. Nach

glücklichem Gelingen dieses Handstreichs folgte Heribeit dein

neuen Künig nach Burgund 1) Die Berichte über die Gefangennahime

differieren in manchen Einzelheiten ; einige setzen sie vor

Ruiiolfs Wahl, und dieThat selbst wird veischiedentlich ausgeschmückt,

um 1-Ieriberts Verrat im hässlichsten Lichte dastehen zu lassen

auch die Reihenfolge der für die Haft in Betracht kommenden

Orte S. Quentin, Chateau-Thierrv und Pionne wechselt. Der Vorfoll

muss auf die Zeit genossen einen sehr tiefen Eindruck gemacht

hauen, und lange hat derselbe tortgewirkt ; war es doch der erste

Fall seit der Ausbildung des Lehnsstaates, dass ein Vasall an die

geheiligte Person seines Königs und Herrn Hand anzulegen wagte

fast alle historischen Quellen, selbst die dürftigsten Annalen und

Genealogien erwähnen ihn 9) und zwar meist mit Ausdrücken des

Abscheus vor dem Thitter, welcher malorum incentor, proditor, do-

1) FIoü. 923 1). 372; Richer 1. 47 Fulcuin g. a. Sith. c. 101 SS. XIII,

6213; 1{od. Glab. 1, 1 SS. VII, 53; Aimoin llq. IX. 139. Odorann B(I. VIII,

237 (iesg]. 11. Franc. Sen. SS. IX, 366), Widukind 1, 99 55. III, 430, Bisst

f5lschuich Karl tlttrcli Hugo gefangen und im Staatsgef5iignis bewahrt werden;

Thietmar, 1, 13 55. III, 741.

2; Z. 11, Ann. Laiibienses u. Leodienses SS, IV, 16; A. S. Maximiiii

'Irovir. il). 6; A. EiniilIeiis. SS. III. 141 ; A. Elnon. min. 55. V, 19 A. l3landin.

il). 24; A. }'loriac, 1re'. SS. Xlii, 87: brev. Chrou. Tornac. Bq. Viii, 285;

von Genealogien haben sich selbst solche, die sonst nur Namen ohne Daten

bringen, nicht enthalten können, den Verrat anzuführen, vgl. die karol. (enca1.

SS. II, 319; (ieneal. cirnit. T3n1nens. 55. IX. 300: die verschiedenen (leneal.

SS. XIII, 217, 252. In einer Urkunde Arnuifs v. Flandern wird 942 noch der

Gelangensehaft gedacht: regnante Ludouuieo auno VI filio Karoli reclausi bei

van Lkern Chartes et d-cuni, de l'abb. de S. Pierre iä Gand (0 alLE 1868)

P. 24 , n. 18.


34

lositate plenus, deceptor fraudulentissimus. iufidelium oder irtiquoruni

oder proclitoviirii ne(luissimus ‚ oiuniuln prin( ,ipum Francorurn

pessimus heisst, und bei seinem Tode weiss man schreckliches

(freilich ganz erdichtetes) von der Strafe des Himmels zu erzählen

1). Karls Gemahlin Eadgifu ‚ der Mutter seines Sohnes

Ludwig. gelang es, den Nachstellungen. die dem für die Zukunft

zu fürhtenden c Prätendenten bereitet wurden, zu entgehn ; Ludwig

war der einzige berechtigte Erbe, da Karl von seiner ersten Gemahlin

nur Töchter, und nur aus einer illegitimen Verbindung

drei Söhne hatte ) ; bei ihren an gelsächsischen Verwandten - sie

war die Tochter König Eadwards, eine Schwester Aethelstans -

fand die Königin Schutz, ihr Sohn seine Erziehung ).

Der einzige, von (lern hören, dass er für Karl eintrat

(ausser den ormannen denen aber Karl nur ein Vorwand für

ihre 1iiubereien war), war Papst Johann X.. dessen Schreiben

zwar nicht erhalten, aber aus Fiodoard zu erschliessen ist; unter

Androhung der Exkommunikation drang er auf Wiedereinsetzung.

1) Ilicher II, 87 giebt eine ine(liciniseie Beschreibung, Rod. Glaber 1.

c. p. 54 schildert den Tod eines r1lIeatrl.e%lt Folkuin c. 102, 1. e. 626

zeichnet sich durch besonders geschinackv die Todesart aus. Eigentümlich

sind die Sagen des Chron. \Valciodor. SS. XIV, 506 if. Graf Eilbert, der bei

einem Akt der Selbsthilfe Beime erobert und daselbst eine Kirche verbrinnt,

wird vorn König iidt dein bekriegt, aber verbunden mit seinen

Brüdern, darunter Heribertus de 5. Quinitine, siegt er und nimmt Karl gefangen

922; nachdem dieser längere Zeit in Prinne gefangen gesessen, entlassen

ihn die Brüder und huldigen von neuem. Der König rächt sieh aber

nach lleriberts Tod, indem er dessen Söhne durch Rudolf voss Cambray um

ihr Erbe bringen lässt. Einige wahre Züge sind demnach drin, aber sie

sind irr eine ganz wirre Beziehung unter einander gebracht und mit Sagen

durchsetzt.

2) Vgl. 13. 1927, 1945, 1956 Witgeri Geneal. Arnulfl SS. IX, 303. Der

Name der zweiten Gemahlin ist rrieist in Ogiva verderbt, Folcuimi Odgeva,

Ainioin 1-lea(itgiva. ihre Urabschrift Bq. IX, 103 Ethgiva: Ethelwerd mi Brief

an Mathilde 55. X, 4.,59 Anm. Eadgyfu, Iliclmer Actlmgisa, FIod. Ottogeba.

3) Folcuiii 1. c.; Flott. 936 . 383; auf Ricimers Angabe (II, 1) ‚ sie sei

erst zu Aethelstan geflohen, somit erst nach Eadwards Tod (Sept. 9241 nach

England gelangt, ist wenig zu geben ., R . weiss, dass Ludwig bei Aethelstan

aufwuchs; (lass er so genau beachtet haben sollte, ob zur Zeit der Flucht

dieser eben schon zur Herrschaft gelangt war, wie Kalckstein p. 163 annehmen

möchte, scheint bei Richers Arbeitsweise wellig gerechtfertigt. Cont. Regiu.

925 SS. 1, 616 lässt Ludwig nach Irland, Hod, Glab. 1. c. über den Bitein

fliehen.


Die Zeit desselben ist unbestimijif, ; Kalckstein setzt es nach seinem

Schreiben an Rudolf, den er anfangs als König anerkannt habe.

bis er dann sich dem Karolinger wieder zuwandte, mir ist es aber

unwahrscheinlich, dass er erst mehrere Jahre der Thronusurpation

zugestimmt, dann plötzlich ‚ ohne dass Rudolf ihm einen Grund

gegeben hatte. - dem Verlangen des Papstes beim Streit zwischen

(igny und Cluny hatte er entsprochen, wie Widos Urkunde beweist

- ohne dass beim Papst in jener Zeit ein karolingerfreundlieber

Einfluss erkennbar ist, ihn als Usurpator erklitrt'und Karis

Wiedereinsetzung so kategorisch verlan gt haben soll. Sehr gut

lässt sieh dagegen des Papstes Schritt alsbald nach der Gefangennahme

einreiben als er jedoch Rudolf in der Herrschaft befestigt

sah, liess er die Sache ruhen und erkannte ihn der Macht der

Thatsachen folgend an, Ausser der äussern Wahrscheinlichkeit

hat diese Ansicht noch den Umstand für sich, dass damals Kaiser

Bereiigai' noch lebte (- 1- 7, April 924\ der zu Karl in freundschaftlichen

Beziehungen stand und schon 921 bei der Besetzung des

Bistums Lüttich seinen Einfluss bei dem Papste für Karl, geltend

gemacht hatte unter seinem Einfluss mag auch jetzt 'her Papst

für den König eingetreten sein, wonach der Brief in (las Ende von

923 0(1er (Ije ersten Monate voll gehört, der baldige Tod des

Kaisers erleichterte dann auch Johann den Uehei'trjtt zu Rudolf

und das Preisgeben Karls 1),

Heriberts That befreite Rudolf zwar für den Au Augenblick von

dem Rivalen, war ih m aber in sofern bedrohlich, als der Graf

inKarl ein Mittel hatte, dem Könige Vorteile abziitrotzen ; (lOnIl

dass er nicht als treuer Anhänger des Burgunders den Fluch des

Verräters auf sich genommen sondern nur aus ausgepritgtestern

Eigennutz, lehren seine ganzen Massnahmen und Erfolge in den

nächsten Jahren.

rOfl

llegierungshandluiigen des Königs aus demersten Aufenthalt

in seinem Herzo gtum ist nichts bekannt; nur kurze Zeit

der Ruhe war ")in ‚ denn Hugo rief seine Hilfe für das

bedrängte F'rancieu an. Verspätet waren die von Karl aufgebotenen

Norrnanneii jetzt endlich losgebrochen, der Seekönig a U ginold, der

Herr der Schaar, die seit Jahren die untere Loire besetzt hielt,

wo sie auf den zahlreichen Inseln Zuflucht fand, hatte unter seinem

1) Flod. 928 p. 377, 11. R. IV, 21. p. 579: Richer 1, 54; B1. IX,

215-217, Sehreiben Johanirs an Karl (921) ‚ an Köln (921). an Rudolf 928);

Mabillon Anti. Betr. III. 386, Urkunde \Viilos von (Jigay; Düinrnler, (Jesta

Berengarii iI]iperatoris (Halle 1871) p. 10; Kalckstein p. 176; im folg. zu 928.

3*


Befehl auch Normannen Rollos von der Unterseine vereinigt und

war über die Oise nach Franeien eingefallen; eine Niederlage

durch Vasallen }feriherts und andere nordfranzösische Herren trug

nur dazu bei, die Verlieeruiigeii zu vergrössern; eine erneute Niederlage

durch Graf Adalelni von Artois trieb ihn zwar zurück, aber

die Raubzüge liessen trotzdem nicht nach. 1)a eilte auf Hugos

Ruf der König selbst über Compiögne herbei in das heimgesuchte

Beauvaisis; Seulf. Heribeit uni andere leisteten Heeresfolge. Ein

Einfall in ihr eignes Land jenseits der Epte, dem man die Leiden

Franciens mit gleichem rergalt, sollte die naubscliaaren zum Rückzug

nötigen und ihnen zeigen, dass die Zeiten der Schwäche ein

Ende hätten, in denen die Grenzgebiete auf ihre eignen, stark

erschöpften Kräfte angewiesen waren und voin Königtum ohne

Hilfe gelassen wurden 1 ). Doch mitten in diesen Händeln rief ihn

ein für das Frankreich des zehnten Jahrhunderts wichtigeres Ereignis

ab.

Lothringen war seit der Sonderung der karolingischen Reiche

immer den Westfrankenkönigen wie ihren östlichen Vettern als

ersehnter Gewinn erschienen, Karl hatte es schliesslich durch

glückliche Fügung der Verhältnisse mit seinen Staaten vereint und

jmn Bürgerkrieg hielt es grösstenteils zu ihni. 1)cr 1. Juni 1 1,23

änderte. die Lage; Lothringen hatte bisher erfolglos die Hauptopfer

des Kriegs auf karolingischer Seite getragen, Karl war zudem

gefangen; nach anfänglicher Zurückhaltung entcblossen sich

daher die meisten Grossen, Rudolf anzuerkennen. ihre Botschaft

traf ihn in der Normandie, und auch er konnte sich dem Zuge

seiner Zeit und seiner Stellung nicht entziehen; die Ausdehnung

seines Herrschaftsgebiets über das weite Reich Lothars musste wie

allen Westfranken auch ihni als höherer, ruhmvollerer Gewinn

gelten als die definitive Züchtigung der normannischen Räuber,

welche ja seine Vasallen durchführen konnten.Nach voraufgegangner

Beratung mit den Grossen begab er sich nach Lothringen

in der Grenzfeste Mouzon erfolgte seine Annahme als König, und

sogleich bot sich ihm Gelegenheit, seines Amtes zu walten. Sein

neuer Unterthan Wigerich von Metz nahm seine Hilfe gegen die

bischöfliche Burg Zabern in Anspruch, die im Elsass gelegen, der

Heinrichs Hoheit anerkannte, von dessen Kriegern besetzt worden

war. Erst nach längerer Belagerung, die fast den ganzen Herbst

ausfüllte, zwang er die Burgniannen, zur Stellung von Geiseln,

worauf er nach Laon zurückging und mit seiner Gemahlin, die inzwischen

in Reims durch Seulf zur Königin gekrönt war, zusammentraf.

Doch die kaum gewonnene Herrschaft bedrohte ein ge-

1) Flod 923


fährliches Unwetter aus Osten: die mächtigsten Lotliringer, Gisilbert

und der Erzbischof von Trier hatten es vorgezogen sieb an Deutschland

anzuschliessen (Köln war ihnen schon früher vorangegangen) 1),

und riefen ihrerseits nun Heinrich herbei ; auch er leistete der

Aufforderung Folge und kam gegen Ende des Jahres über den

Rhein; sein Erfolg beschränkte sich jedoch auf den glücklich ausgeführten

Bau) von \Tiehheerden und anderin Besitz und Fortführung

junger. waffenfähiger Leute-). Die berüchti gte \Vankelniütigkeit

der Lothringer 8) trat diesmal nicht zu rIage : nur einer von denen,

die sich Rudolf unterworfen hatten, Otto, fiel ab, wohl aus einem

persönlichen Grunde, denn in ihm haben wir den später unter

Otto 1. hervortretenden Otto, den Sohn Richwins zu sehen, welch

letzteren Rudolfs Bruder Boso in einer lothringi s chen Privatfehde

hatte ermorden lassen 4). Sobald aber die Meldung eintraf, Rudolf

rüste sich, mit seinem gesamten friinkisch-burgun(lisclien Heerbann

dem Einfall zu begegnen, brachte Heinrich seine Beute über den

Rhein in Sicherheit, nachdem er mit den Lotliringern einen Waffenstillstand

bis zum 1. Oktober des folgenden Jahres eingegangen

war. Die westfränkische Partei behauptete entschieden in dem

Zwischenlande die Oberhand; Wigerich glückte die Eroberung

von Zithern, welches zerstört wurde, und in Verdun gab Rudolf

nach l)idos Tot! das Bistum an hugo, deiii Seulf die Priesterweihe

erteilte )•

1) \Vittich. Herz. Lothringen p. 107 Anm. 3 1 110, 114 Anm. 3; Waitz

lIelur. 1 p. 70 A tun. 7.

2) Das Urteil mag herb erscheinen es ist jedoch ohne Parteinahme für

Heinrich unmöglich, sein Auftreten anders aufzufassen: oft betrachtet man

cleutschcrseits die Unternehmungen der französischen Könige auf Lothringen

von vornherein als tiireeht: seit 869 schwankt es herüber und hinüber, keinem

zu festem Eigen der Butter Vertrag hatte es sogar offiziell beim Westreiche

gelassen und seitdem ist kein Verzieht bekannt: erst später ist die Streitfrage

zwischen Rudolf und Heinrich zu Gunsten des Letzteren erledigt worden.

0 lü(-her 1, 36 1 37; Widuk. 1, 30. SS. 111, 430.

4) F1d. 923 p. 371, 373; Wiönk. 1!, 26 SS. lii, 445; Vita Job. Gnrziens.

c, 12. 105 35. IV, 840 1 367; (jhron, Mcdiani iaonast. ib. 89. Ist 1er

Biquinus dux des Calenilar. neerol. ltomarieense (Böhmer, Fontes TV. 463)

unser lTichwin . so füllt sein Tod auf den 15. November. Vgl. auch Leibniz,

Anrial. imperii occident. e(l. Pertz, hannover 1845) II, 890

5) Flod. 923 p :172, 373; Ann. 8. Benigni Div. SS. V, 40; Aun. neerolog.

Fuldenses 85. XIII, 192. Per Cont. ITcgin. ist für diese Jahre sachlieh

sehr brauchbar, in der Reihenfolge aber ganz verwirrt, vgl. 921--925.

Sein Bericht iSS. 1, 616), Heinrichhabe mit (lisilbert und Rotger 923 den

Metzer Bischof bezwungen, lässt sich nur erklären, wenn man ihn als vorüber-


Während dieser Vorgänge im Osten hatten im Auftrage des

Königs Hugo und Heribert mit einem Deckungscorps auf dem

linken Oise(fer 1"rancien vor den Normannen geschützt, und nach

der Krönung Emnias war auch der Erzbischof von Reims nmli dem

nordwestlichen Kriegsschauplatz ab g egangen. Man beschränkte

sieh jedoch auf gegenseitige Raubzüge, bis man sich in wiederholte

Verhandlungen einliess, (Ije schliesslich zu einem }'riiliminarfrieden

führten:weitere Gebiete nach Westen bin sollten dem

bisherigen Be.stande der Normandie, die im wesentlichen die D-

partement Seine inf&ieure und Eure umfasste 1), zugefügt werden.

Rudolf scheint indessen den Frieden nicht sogleich genehmigt zu

haben, da Fiodoard nur von einem Waffenstillstand spricht, den

er ihnen nach Empfang von Geiseln bis Mitte Mai 24 bewilligt

h

abe. Keiner von beiden Teilen konnte sich einen entscheidenden

Sieg zuschreiben der Staat niusste sich dazu verstehen, wie früher

so oft, den Normannen eine Ahlinduhl gssunTnle zu zahlen, welche

im Anfang von 92 .1 durch eine im Gebiet von Fraiicien erhobene

pecunia collatieia ‚ rohl eine Art aussergewöhnlicher Kopfsteuer,

die es sonst nicht gab, aufgebracht wurde, aber dennoch war das

Ansehen des Reiches besser gewahrt worden als bei früheren ähnliehen

Ahkouiinien; nicht die Franken waren es, die diesmal den

Norrnannen Geiseln stellen mussten, sondern das umgekehrte Verhiiltnis

hatte statt Rudolf hatte den Bedingungen zugestimmt,

um freie Hand für eine Unternehmung von ähnlicher Tragweite

zu gewinnen, wie die lothringische.

Noch verharrte der Süden mit wenigen Ausnahmen in teils

abwartender, teils feii'(Iliclier Haltung gegenüber dem neuen Herrscher,

welcher aber nicht gewillt war, seine Rechte. als Oberherr aufzugehende

Ueberwiiltigung durch einen Vorstoss H einrichs fasst: doch ist diese

künstliche Deutung kaum iiOt.ig, da die Nachricht erst zu 9.5 gehören wird wo

sie keinen Astss erregt. Waitz ‚ Heirir. 1. p. 70 u. Wittich Herz. l,othr.

p. lii beachten nicht, dass Wigerich oder WO g er) nach Abzug Heinrichs

auf westfränkischer Seite stand, Zahcr,,s Sehiek.al beweist; besonders

Wittich fasst dieses erste Auftreten Heinrichs viel zu rnachtvohl auf. S. ferner

Werra. der Continuator Rerinonis Leipzig 1883 p. 76, der auch die ‚‚heillose

Verwirrung rügt, aber loch p. 83 das Metzer Faktum unter Berufung auf

\Vaitz bei 93 lassen will,

i) Liequet 1, c. p. 76 ff., anders Lair. lJt,do p. 63 fl.

2) Flod, 923 1 924 p. 372, 373: W'arnkonig und Stein, franz. St.- u.

lt-Gesch. 1. 156: Waitz, deutsche Verl'assiinggesehichte (Kiel 180fl IV.

96, 102.


geben ; mit gewaffneter Hand sollteii die Widerstrebenden zum

Gehorsam genötigt werden. Schon rückte das königliche Heer

heran, als Herzog Wilhelm lT. von Aquitanien l' sich zu entgegenkommenden

Massnahmen entschloss: das thatkrüftige Vorgehen

Rudolfs. die zahlreiche Unterstützung, die ihm auf diesem Zuge

von dcii Vasallen geleistet wurde. moliten keine günstigen Aussichten

auf erfolgreiche Gegenwehr bieten. Der König stand im

(lau von Autun, als der Herzog bis zur Loire vorging, uni dureh

Besetzung der Flussübergtnge wenigstens einer Ueberraschung

vorzubeugen; beide Heere standen sich nun durch den Fluss getrennt

gegenüber, und sogleich begannen Verhandlungen. Wiederholt

gingen Boten von (1cm zu jenem Ufer. bereits war die Nacht

angebrochen, da that W 7 illielm den ersten eine Lösung vorbereitenden

Schritt, indem er selbst auf das rechte Ufer kam und in das

königliche Lager ritt. Der König war gleichfalls zu Pferde, und

schon die Begegnung zeigte, dass der Herzog sieh zur Anerkennung

lieibeilassen werde; denn nicht als gleichberechtigtes Haupt einer

Krieg führenden Partei trat er dem Haupte der Gegenpartei gegenüber,

sondern schon wie ein Vasall seinem Herrn: er stieg

vorn Bosse und begrüsste so den König, der ihm- auch schon

ein Zeichen der de.mniiehst einzunehmenden Stellung - den Kuss

des Lehnsherrn bot. Man begnügte sich mit dem Austausch dieses

Ceremoniells und Vorbesprechungen, der Abschluss des Friedens

wurde auf den folgenden Tag verschoben, an welchem der Herzog

zu einer zweiten Unterredung kam ; die Bedingungen der Huldigung

wurden vereinbart und eine Frist von acht Tagen zur Beratung

derselben den Aquitanieru zugestanden. Nach deren Ablauf

erfolgte die förmliche Huldigiing, die Gegenleistung des Königs

bestand in der Büc .kgabe der Grafschaft Berry mit der Stadt Bourges

an Wilhelm2).

Budolfs Heerlager und seine Residenzen zu Antun und Ch-

Ion waren in diesem Frühjahr der Vereinigungsort einer sehr

1) Mourin ' p. 148 hat keine Ahnung von der Existenz Wilhehins II,;

bei Wilh. d. Fr. Tod lässt er Acfre(1 928 beraubt und Aquitanien durch luldf

an Raimund Pontius. einen ‚‚getreueren Herrn'', verliehiiii werden.

) Flol. 924 p. 578. der im Gefolge seines Erzbischofs als Augenzeuge

im Lager weilte, ist hier gegen seine Gewohnheit ausführlicher und bietet

obige interessanto Details. Buch. 1, 48: Ami. Nivernens. $S. XIII, 89. H. d.

Lan. III, 95 bis-I ohne Grund den K;nig in ungünetigerer Lage als dcii

Herzog erscheinen Marv-Lafons hist. du Midi d. 1. Fr., die auf das stärkste

von provincialpat riitiseher Eitelkeit gegcuiiber den Nordfranzosen durchtränkt

ist, betrachtet für jene Zeiten Aquitanien als fast selbständiges Reich und

verwirft deshalb die Scene bei Flod., (lic zur Gleichstellung Rudolfs und Wil-


4(1

stattlichen Versammlung: Königin Emma weilte bei ihrem Gemahl;

von hervorragenden Nordfranzosen treffen wir an Erzbischof Seulf,

Bischof Ansegis von Troyes, den Kanzler Abbo von Soissons,

Markgraf Hugo, Graf Herihert, von Burgundern des Königs Bruder

Graf Hugo, die Grafen Walo und Gislebert. Söhne von herzog

Richards Freund Graf Manasse aus dem Hause Vergv, Abt Eimo

von S. Martin von Autun, Abt Heriveus von Tournus, Propst Herrnold

von S. Symphorian von Autun, von Aqiiitaniern Herzog

Wilhelm, Bischof Adalard von Puv; diese aufgeführten sind ja

nur die, welche uns ausdrücklich genannt werden. Selbst aus dem

Nachbarlande l'rovence waren Grosse herbeigekonunen; der mächtigste

Mann dieses Reiches, Hugo, der für den blinden Kaiser

Ludwig die Herrschaft führte, war an den Beratungen beteiligt 1)

Herzog Wilhelm war nicht der einzige, der einen Machtzuwachs

erhielt: auch die bisherigen Getreuen wurden für die geleisteten

Dienste belohnt: Heribert erhielt das feste Pöronne, das

einer seiner Hauptwaffenpldtze wurde. Markgraf Hugo bekam Le

Mans, Seulf zwar keine direkte königliche Schenkung, doch erwirkte

ihm Rudolf hei Hugo von Provence die Rückgabe der erzbischöflichen

Besitzungen im Lvonnais, deren sich schon 1-leriveus von

Reims hatte beraubt sehen müssen-).

helms dc(,li zu wenig passen will. II, p. 81 ff.: sein Grund ist freilich nur,

Aquitanien ci fiinfrrtal so gross als Burgwmd l und er bedenkt nicht, dass Rudolfs

Heer nicht nur aus seinen herzoglichen Vasallen bestand, und andererseits

W il helm keineswegs die gesamten Kr5fte des Herzogtums Aquitanien

zur Verfügung hatte.

1) Flod. 1 c. UR. n. 1 —4, Ilulliot, ess. hist. sur l'abbaye de 8. Martin

dAutun 1, 164 sieht in der Vercaniinhmg zu Chhluri ein rewöhnliches Maifeld

nach alter Weise. Die Einrichtung der alten Reichstage bestand aber zu jener

Zeit nicht mehr; Reichstag und Jioftag sind nicht mehr zu sondern, (lic Teilnaliirie

der Freien ist mit dem Uebergang derselben in Lehiisabhiingigkeit geseliwunden

und die Beratungen der Grossen mit dein (der li3ufigstc

Ausdruck dafür ist ilacitunc finden ganz nach den jeweiligen Erfordernissen

statt, vgl. Flod. 993. 924. 1425, 927. 1428, 930, 935.

2) Mit Recht liebt Kalekstein p. 166 gegen Hist. ii, Lang. 111, 95, 108

hervor, dass die Anwesenheit des Regenten Hugo nichts für die Oberhoheit

Rudolfs im Reiche Ludwigs beweist. Wir haben noch mehrere Jahre nach

924 Urkunden aus jenen Gebieten, die nur Ludwig als Herrscher keimen.

Vaisste glaubte Lud. um 924 schon gestorben es ist jedoch sicher, dass

dessen Tod erst 1428 erfolgte. Vgl. Gingins-la-Sarraz, Archiv f. schw. Gesch.

Viii, 71 ff., IX, 134. Cart.. de Savigny (Paris 18.53 , 1. n. 7. 8, 10, 11, 13, 14

Cart. de S. Vietor de Marseille (1857 II, ii. 10-10: Cart. de S. Andrd-le-Ba,

de Vienne Coll. de cart. dauphinois 1, L yon 1869) zahlreiche Urk. v. 924-928.


41

Hugos Gegenwart bezweckte augenscheinlich die Anbahnung

freundschaftlicher Beziehungen zu dem neuen Olierhaupte. um den

bisher waltenden Frieden zwischen beiden Reichen zu erhalten

gerade die Sicherstellung der Provence gegen etwaige wiederhervorgesuchte

AnsprCiche des Westfranken1önigs musste wesentlich

das Ziel des Regenten sein und es ist deshalb unwahrscheinlich,

wenn man darin, lass in einer Urkunde Budolfs, aus eben diesen

Tagen und von diesem Hoftag stammend, einem Kloster seine Besitzungen

auch im Gebiet von Vieniie, Vaison ‚ Fr6jus bestätigt

werden, den Ausdruck der Wahrung westfränkischer Rechte erl)iitkt;

e.nigstens hätte dies nicht beitragen können ein gutes

Einvernehmen zu fördern. dass dies aber erzielt wurde, geht aus

jener Bereitwilligkeit Hugos hervor, die Rechte voll in seinem

Gebiet zu achten 1).

Neben jenen ersten der Vasallen erhielten auch Andre Zeichen

königlicher Huld; aus dein Anfang 924 datieren die frühsten erhaltnen

Urkunden Rudolfs, Die erste ist zu Antun wohl auf dem

Einmarsch nach der aquitnnisc.hen Grenze am 29. Februar für das

Kloster S. Svmphorian von Autun ausgestellt; die folgenden stammen

aus Chi1on-s.-S., wohin sich Rudolf nach der Begegnung

mit dem neugewonnenen Herzog begeben hatte; 5. Martin von

Autun erhielt am 3. April Bestätigung seiner Privilegien und neue

Schenkungen. zwei Tage darauf erfreute sich der Bischof von Puy

der besonderen Gnade des Königs, da er an seinem Herzog Wilhelm,

der zugleich Graf von Velav war, einen einflussreichen Fürsprecher

gefunden hatte. I)a3 letzte der hierher gehörigen Diplome

vom 9. April bekräftigt die Rechte des Klosters Tournus an der

Saöue im Chälonais 2).

Trotz der achtunggehietenden Stellung. die Rudolf einzunehmen

anfing, herrschte keineswegs im Lande völlige Ruhe, die gewohnten

Kriege und Gewaltthaten der Mächtigen dauerten fort.

aber Rudolf zeigte, dass er sich kräftig genug fühle, auch in dieser

Hinsicht Abhilfe zu schaffen. Ein alter Störenfried, der seinen

Nachbarn, besonders den Bischöfen von Auxerre, schon manche

schwere Stunde bereitet hatte, der Vicegraf Ragenard von Auxerre,

der Bruder Manasse's von Yergv, hatte die Burg iont-S.-Jean

widerrechtlich besetzt und weigerte ihre Uebergabe; der König

hielt sich nicht selbst mit der Belagerung auf, sondern überliess

sie mehreren burgundischen Herren. darunter den Neffen des

Rebellen, Walo und Gislebert, deren Bemühungen es gelang, ihren

Oheim zur Nachgiebigkeit zu bewegen; unterstützt voll Königs

L Moll. 1. c. : VR. n. 2: KnIektein p. 166.

2) 111. n.


42

Bruder Hugo vermittelten sie für ihn gegen Stellung seines Sohnes

als Geisel einen Waffenstillstand, der auch von allen seinen Genossen

mit beschworen werden musste, Nach Ablauf desselben

nötigte ihn der König bei seinem burgundischen Heibstaufenthalt.,

ihm selbst das Schloss zu übergeben 1).

Aehnliche Unruhen herrschten in Lothringen ‚ wo ein Familienzwist

im Herzogshause ausbrach ; Gisilbert bekrie gte seinen

Bruder ilaginar ‚ seinen Schwest.eritiann Berengar und deren Verbündeten

Graf lsaak ; wie immer in solchen Fehden war Verheerung

der Besilzungeii das einzige Ergebnis ). Sein Lehnsherr Heinrich

war in diesem Jahre durch einen Ungarneinfall in Sachsen festgehallen

; deshalb suchte Gisilhert jetzt, wohl durch jene Streitigkeiten

veranlasst. Rückhalt an Rudolf. der jedoch nach Beschlussfassung

mit 'seinen Vasallen die vom Herzog gewünschte Vasallität

nicht annahm, da man voraussah, dass das Verhältnis bei Gisilherts

Charakter kaum von Dauer sein könne der König verabscheute

seine Meineidigkeit und Unbeständigkeit. meint Fiodoard 3) Eine

Reichsversamnilung zu Attignv beschloss vielmehr die Unterwerfung

des noch widerstrebenden Teiles Lothrin gens mit Waffengewalt;

doch während der Rüstungen verfiel Rudolf in eine heftige Krankheit

und den Genesenden warf ein Rückfall noch schwerer daiuieder,

so dass er in der Befürchtung seines Ahlebens zu S. Remy,

wohin er sich hatte bringen lassen, wohl um nach damaliger Sitte

von dein Hilfe zu ei-flehen, sein rIe5taffle1.jt aufsetzte,

welches diesem Kloster und anderen in Burgund und Francicii

sein gesamtes Vermögen mit Ausnahme des Anteils der Königin

zuwies. Als er endlich nach vier Wochen sich erholte, war er

augenscheinlich noch nicht kräftig genug, sich den Anstrengungen

eines Feldzugs auszusetzen; denn obwohl es noch nicht zu spät

1 (iesta pont. Autise. 1. c. p. 367 ff., 373 J)uchesne, hist. d. 1. in. d.

Vcrgv pr. p. 19; Flod. 1. e. Mont-S.-Jean ist in Burgund zu suchen, nürdlich

von ChSIon, da Flod. au!' dem Rückwege nach Heitus dahin kani Orte des

Namens sind dort nicht selten, im 1h1). SCne-et-Loire giebt es S. Jean in

den Arr. Chülon und Autun ‚ doch günstiger ge legen ist das im l)p. COte-

(1 10r, arr. Besune (NW. Yen Pnui]lv). das zugleich Flod. Xamensforni treuer

wiedergiebt, da es nicht nur S. Jean de ‚ . . (dc Viemies. de Vauz . de 'I'rz

ii. a.) heisst, sondern direkt Mont-S.-Jean ‚ ef. Juanne ‚ Atlas d. 1. Fr., ltp

Cöte-cl'Or und Saöne-et-Loirc.

2) Flud. 1. c.: Berengar war Gf. v. Naiiiiir (pagus Lomensi), Vita S.

Gerardi Bron. B 1. IX, 13, Isask Of. v. Cainbrav, Flod. 9P4 p. 374. 11. R.

IV, 19 p. 578. Gest. eji. Caiiierae. SS. VII, 42.

3) Leibniz, Ann. imp. II, 355 erinutet . Buhuif habe ihn abgewiesen,

pin sich seine Gegner nicht zu entfremden.


4

in der Jahreszeit war und Heinrichs gleichzeitige Krankheit ihn

begünstigt hätte, verschob er doch den lothringischen Krieg').

Soissons wurde ein kürzerer Aufenthalt zu Teil, der mit der Regelung

der normannischen Verhältnisse in Zusammenhang stehen

wird denn während w5hiend der König nun nach Burgund ging, schlossen

in seinerAbwesenheit, aber mit seiner Ermächtigun H ugo, Ileribert

und Seult dcii Frieden mit den Seinenormannen ' ab; die durch

seine Krankheit ihm auferlegte Untliätigkeit zwang den König jetzt

doch, den Feinden die schon im Vorjahre geforderten Gebietserweiterungen

zuzugestehen, die damals den definitiven Friedensschluss

verhindert hatten Hugo musste ihnen Le Maus überlassen,

wozu sie noch Baveux bekamen.

Zu den fortdauernden Zwistigkeiten Gisilberts und Raginars

gesellte!! sich die zwischen Rudolfs Bruder Boso und Graf Otto,

auf den die Feindschaft von seinem Vater Bichwin vererbt war

Graf Isaak bekam Händel mit seinemii Bischof Stephan ‚ dem er

eine Burg entriss und niederbrannte. Doch die Kirche war selbst

solchen trotzigen Geselleui gegenüber nicht machtlos ‚ die geistlichen

(eiisuren übten noch ihre Macht auf die meisten Gemüter h.

Eine Reimser Synode in Trosly au der Aisne (Diöc. Soissons", das

schon mehrere gleiche Versammlungen erlebt, hatte im Oktober

die (-f'eniigthuung, lsaals Bestrafung und Busse zu sehen. Dieser

Synode wohnten auch Laien bei, Heu'ibert und andere Grafen werden

geiiaiuit, überhaupt finden wir ja in unsrer Periode wie allerw

ärts so auch in Frankreich eine enge Verquickung der geistlichen

und weltlichen Faktoren mi Staatsleben Bischöfe und Aebte sind

mächtige Herren geworden, zum Teil mit fürstlicher Gewalt, und

nehmen an den Staatsleistun gen und an dessen Leitung denselben

Anteil wie die weltlichen Grossen, diese wiederuni erblicken wir

vielfach als Teilnehmer der Synoden und in geistlichen Würden

als Laienvorsteher der Stifter 4)

Während in diesem Jahre die eine Ungarnschaar den allen

Wegn ach Deutschland einschlug, wandte sich eine andere nach

1) l']od. 924, J). 37-1.

2) Flod. 1, c. liieher, der Krankheiten und Verwundungen gern genauer

beschreibt, spricht 1, 49 von einent hitzigen Fieber, unter welellein Begriff er

aber allerlei zu verstehen scheint, vgl. Beiniann ' •

b) Mit Unrecht will Arbols 1. c. p. 91 das (iegenteil behaupten; die

Concile der Zeit bieten mehrfache Fälle vorn Siege der kirchlichen Autorität,

vgl. Mansi, Conc. XVIII, 32, 343, 345, 349 u. a.

4) Vgl. Bavelier, Essai bist. sur le droit d'1ection et sur 1ev anciennes

assernbhes reprts. d. 1. Fr. (Paris 1874) p. 337. Conc.ilakten vii

909, c. 3, Mansi L c. 27O-27,


14

Italien. wo der rfli.oflstI.eit zwischen Hi.rengai' und Rudolf II. von

Hochburgund ihre Unternehmun gen begünstigte am 12. März zerstörten

sie Pavia, schweiften weiter durchOberitalien . drangen

trotz der Gegenrnassregeln Rudolfs II. und Hugos von Provence

über die Pässe der Seealpen in die Provence ein und bis über die

Rhone nach der Mark Gothieii vor, wo sie ihr Geschick ereilte; die

1)iden genannten Fürsten setzten ihnen nach und brachten ihnen

Verluste bei, den Hauptschlag erlitten sie jedoch durch eine ruhrartige

Seuche. die unter ihnen ausbrach. Die Beste der Sehaar

fielen unter dem Schwert des Raimund Pontius von Toulouse

oder wurden zersprengt 1),

Wachsende Schwierigkeiten der neuen Herrschaft.

An den normannischen Ziien des Vorjahres hatte sich auch

Raginold, der Häuptling der Loireleute, stark beteiligt: schon 921

hatte letzteren Markgraf Robert den Gau von Nantes und die

Bretagne überlassen, doch scheint diese Abtretung erfolglos gewesen

zu sein, da F'lodoard 924 hervorhebt, sie hätten noch kein

Gebiet in Frankreich erhalten 2 : vielleicht hatte sie keine Geltung

erlangt, da sie infolge des bald darauf ausbrechenden Bürgerkriegs

der königlichen Bestätigung erniangelte. Als nun Raginold seine

Genossen von der Seine durch neue Ländereien bereichert sah,

während er selbst keinen Kampfpreis davontragen sollte, nahm er

im Herbste 924 die Verheerungen wieder auf und fiel die Loire

aufwärts ziehend in Hugos Machtbereich zwischen Seine und Loire

ein. Gemeingeist war ein unbekanntes Gefühl der Grossen: der

heimgesuchte Markgraf und der wohl für seine nördlichen Gebiete

besorgte Herzog Wilhelm schlossen mit dem Seekönig einen Separatfrieden

und gewährten nach der alten, seit dem neunten Jahrhundert

beliebten Gewohnheit den Raubschaaren ungehinderten

Durchzug auf Nachbarland, nach Burgund, Was die beiden mächtigsten

Herren nächst dem König nicht einmal versucht hatten,

das wagten hier minder mächtige einheimische Grosse die Grafen

Warner von Sens und Manasse von Vergy-T)ijon und die Bischöfe

Gotselrn (oder Gauzliii von Langres und Ansegis von Troyes vereinigten

ihre Streiter und traten hei Mons Caldus (oder Calaus)

1) Flod. 1. c. p. 373 Liutprand, Antapod. III, 3 11. 55. IH, 804, der

aber unrichtig die Ungarn aus Italien wieder heimziehen lässt. H. il. Lang.

ITT, 99 ff.; Catel, bist. des Comtes de Tolose (Toulouse 1623) p. 87, 88,

2) Vgl. auch zu 927.


4

dem Feinde am 6. December entgegen, der eine grosse Zahl Leute

einbüsste aber der Verlust der Burgunder war viel beträchtlicher,

Graf Werner fiel als Opfer der damaligen Kampfweise. der Tod

seines Streitrosses gab ihn in die Hände der Normannen, die ihn

niederhieben; Ansegis, der als streitbarer Kirchenfürst sich in den

Kampf gemischt, wurde verwundet 1). Burgund war bedroht, wenn

nicht auf die Meldung des Geschehenen der König selbst herbeigeeilt

wäre . Der Ort ist kaum sicher bestimmbar, gerade ('haumonts

gicht es in Frankreich eine ausserordentliche Menge; Chalaux

ist nicht wahrscheinlich, da wir dann annehmen mdssten, die Normannen

hätten sieh trotz des Heranrückens des Königs und ihrer

eignen Verluste noch tiefer im Feindesland von der Yonne nach

der Seine vorgewagt, mährend andrerseits Chauniont-en-Bassigny

zu weit nach Westen von der Seine ab liegt, wo der sofort herheigekornmene

König sie verschanzt fand. Gerade der Umstand,

dass sie sich verschanzt hatten weist darauf hin, dass sie des

Königs Anzug erwarteten, also nach der ersten Schlacht nicht noch

weiter herumgestreift sein können in der Nähe der Seine muss

daher tier Ort liegen, und da bietet sich in sehr günstiger Lage

rechts unweit dci' Seine Chaumont-le-Bois (dtp. Cöte-d'Or,

arr. Chatiflon-s. S., zwischen Mussy und Chatihlon) 3), von hier

zogen sich auf die Kunde vom Anmarsch des Heeres die Normannen

an die Uferhöhen selbst zurück, um auf der einen Seite durch

den Fluss geschützt zu sein, und verstärkten diese durch die Natur

feste Stellung durch Verschanzung ihres Lagers.

Nur kurze Zeit hatte Budolf nach seiner Gesundung sich im

Herbste in Burgund aufgehalten und den Winter wieder in Fraucien

zugebracht '. Rasch raffte er hier zusammen, was sofort an

Mannschaften aufzubringen war; die bischöflichen Vasallen von

Remis ‚ Abbo von Soissons und einige Andere kamen mit ihm

ij Flod. 924, 925 p. 374: über 800 Normannen tot: Richer 1, 49: 960

ornI.; Hist. Franc. Se il . (SS. IX, 366 desgl. Clarius ‚ Chrun. S. Pet. Viv.

Sen. B(1. IX, 34): mehrere Tausend Burgunder tot: Ann. S. Col. Sen. SS. 1,

105. Geber das sogenannte Cliron. Signiacense s. unten zu 930.

2) Eitten Sieg der Burgunder, wie Xalcksteiii p. 167 ihn annimmt, vermag

ich in de.ni Gefechte nicht zu sehen, wenigstens müsste es ein sehr bedenklicher

Pvrr!iussieg gewesen sein.

3) Vgl. über die zahlreichen Cliaumonts für die verschiednen l)tpartemerits

die Dictionnaires top— Ir. d. 1. Fr. (Aube. Niövre etc.). Chalaux: Kalckstein

Chaumont-en-Bassigny Leibniz, Ann. imp. 11, 360, Vgl. Joanne, Atlas,

der die tnpogr. Verhältnisse sorgfältig berücksichtigt, dp. Cüte-d'Or.

1) In dcii ersten Aufenthalt vor der Krankheit oder in diesen letzten

gebart UR. ii. 5 aus Laon 9•l für S. Lonior in Bleis.


4(

selbst, Heribert folgte alsbald nach, auch aus Butgund zog er noch

ansehnliche Streitkräfte all An der Seine traf man auf das

Lager des Feindes 1), Die fränkischen Abteilungen begannen. nachdeinsie

abgesessen waren ‚ den Sturm auf dasselbe ; sie bildeten

den kleineren Teil des Heeres, das der Hauptmasse nach aus dem

Reiterheer der burgundischen Vasallen bestand diese hielten sich

jedoch voiu Kampfe fern, ein berittener Angriff auf die befestigten

Stellungen war unratsam 9 ). abzusitzen aber mochten sie sich scheuen,

da die schwere Bewaffnung sie für den Fusskampf unl)el]ilflich

machte. Die Frankeiimussten sich daher begiiügen, die ihrerseits

auch zum An griff übergegan geneii Normaiinen in die Verschanzungeii

zurückzuwerfen, zu deren Erstürmung sie zu schwach waren. Man

schritt zur teilweisen Urnsehliessung, um den Sieg nicht allzu

teuer erkaufen zu müssen; Markgi'af Hugo schloss auf dein gegenüberliegenden

Ufer die Lücke des Belagei'ungsgiirtels ‚ der sich in

einer Entfernung von 2000 bis 3000 Schritt uni das Lager herumzog.

J)or bedeutende Abstand lässt auf eine grosse Ausdehnung

der Linien schliessen, die Umzingelung kann deshalb keine vollständige

gewe s en sein abgesehen von der dafür nicht genügenden

Zahl der königlichen Krieger bot auch das Terrain die grössten

Schwierigkeiten ‚ so dass selbst eine sor gfältige Beobachtung ei'-

schwert war. Die ('regenden der obern Seine, wo wir den Kampf-

Platz zu suchen haben, sind ein stark durchschnittenes Hügelland,

gerade dort treten die Höhen nahe all Fluss heran ; noch

heute sind jene Landschaften stark bewaldet, im zehnten Jahrhundert

muss die Bewaldung aller sonstigen Erfahrung gemäss

eine noch weit dichtere gewesen Sein-), Ihre Kriugsweise hatte

die Noi'mannen für ein derartiges Terrain, das fürBeiterlicere ganz

ungeeignet war, geschult: gewöhnt auf ihren Baubzügen das Land

zu durchstreifen, voll Flüssen aus, denen sie folgten, Vorstösse

in die anliegenden Landschaften zu unternehmen, dabei

meist in kleineren Schaaren, hatten sie gelernt, sich gerade auf

schwierigen Schleichpfaden zu bewegen, die eine Verfolgung erschi

w eiteii,

Im vorliegenden Falle erleichterten auch die Verhältnisse im

gegnerischen Heere ihnen die Rettung. Wiederholt drang man

1) Flod, 925 p. 374, 375 beschreibt diese für dama]i ges Heerwesen und

Kampfart interessanten Kämpfe ziemlich eingehend Rich. 1. 49, der sa(-lilicli

ganz von Ebd, abhängt, bringt in seiner Weise verschiedne Einzelheiten von

der Beratung des Königs, voll Aufeebotsfrist.

2) Vgl. das Verhalten der Franken vor der Normanitenschlacht an der

Dyle Ann, Fuld. 891 SS. 1, 407.

)Vgl. Joanne 1. c.


hier auf Verengerung des Hinges aber die Franken wussten die

Ausführung von einem Tag zum andern zu verzögern, da sie erst

die Schiffe erwarten wollten, die zur Absperrung des Flusses von

Paris unterwegs wären. Ehe dies eintrat, benutzten die Normannen

die noch vorhandene grössere Bewegungsfreiheit, und bei einem

Ausfall gelang es ihnen ein nahes Waldgebirge zu erreichen, unter

dessen Schutz sie abziehen konnten.

Sicherlich mit Hecht beschuldigte man die Franken verräteriseher

Nachlässigkeit: nach ihrer Seite war der Durchbruch

erfolgt sie hatten vorbei ein schärferes Vorgehen gelähmt -

Grund genug zu solchem Verdacht. Die Verstimmung derselben

mag wohl durch ihren anfänglichen Misserfolg und durch die Nichtunterstützung

seitens dci Burgunder hervorgerufen worden sein

sie rächten sich, indem sie die Feinde, die Burgund verheert, entwischen

liessen. Den Markgrafen Hugo trifft jedoch diesmal schwerlich

die Schuld, denn er deckte das andre Ufer; die übrigen

Franken, die mit Rudolf auf derselben Seite la gerten, wo die

Normannen sieh befanden, waren dafür verantwortlich ; aus Fiodoard

ist ersichtlich, dass das Entkommen nicht über den Fluss, sondern

zu Lande, längs der bewaldeten Uferhöhen hin, erfolgte. ')

Auch hier wieder siegten kleinliche, persönliche Motive über

das Wohl des Staates; ein neuer Fürst stand an der Spitze, eiltschlossen

seine Pflicht zu thun ‚ doch die IJnterthanen waren die

alten geblieben, für sie existierte das Königtum vor allem dann,

wenn man es gegen seine speciehlen Feinde brauchte oder Privilegien

erbetteln oder ertrotzen konnte, selbst hingegen scheute

man sich ängstlich ihm Opfer zu bringen. Dieser Vorfall ist zugleich

eine. eindringliche Hechtfertigung früherer Fürsten, denen

man die Misserfolge oft allzuleicht zur Last gelegt hat.

Es konnte nicht dazu beitragen den verwegnen und gewandten

Feinden Achtung selbst vor der vereinten Macht der Monarchie

beizubringen, glückte es ihnen in solcher Weise dein fast sichern

Untergang zu entgehen. Ihr Rückzug bewies dies ; wie der Einfall

vollzog er sieh unter den gewöhnlichen Plünderungen. Die

reichen Abteien besassen von jeher eine grosse Anziehungskraft

auf die beutegierigen Gesellen. Dem alten Kloster S. Benedikts

i) Flod. 925 p. 374. 375. Richer 1, 49 stellt alles im glaiizeiiclsten

Lichte dar, an den Sieg der Grafen bei Cliaumont reiht sich der Sieg des

Kciiigs an der Seine, wo 3000 Normannen erschlagen werden, ungerccliiiet die

im Lager Verbrannten, und von hier geht es gleich zur Einnahme von Ei,.

Vgl. auch Ieiiiiann 1. c. p 11.


1

an der Loire, Fleury, half seine kostbare Reliquie gegen solche

Feinde nichts, mit dein Leib ihres heiligen flohen die Mönche

unter Abt Lambert in gesicherte Gegenden ; das Kloster wurde der

Schauplatz wilder Seenen ‚ der Seekönig selbst hauste in seinen

Mauern. Doch 5. Benedikt stand nicht vor andern Heiligen zurück,

die solche Frevier schwer zu züchtigen pflegten : ein Traumgesicht

soll wie in einer Unzahl ähnlicher Fälle den Räuber erschreckt

haben, der gleich darauf mit seinem Heerhaufen davongezogen

sei; doch kaum in seinen gewöhnlichen Aufenthaltsort

zurückgelangt, sei er von der göttlichen Strafe ereilt und noch

an seinem Leichnam ein grauenvolles Gericht vollstreckt worden.

In Fleury bewahrte ciii marmornes Menschenhaupt au der äussern

Kirchenmauer, das man schon zu Ainioiiis Zeit für das Bild Raginolils

ausgab, die Erinnerung an die Gefahr und die Macht des

Schutzherrn 1)

Rasch hatte sieh nach dem kläglichen Ausgange das stattliche

Heer des Königs zerstreut, schon im Februar war dieser

Feldzug beendet. Ein Erfol g nach einer andern Seite entschädigte

Rudolf für den entgangenen Sieg. Gisilbert von Lothrin

LI

gen war

noch nicht zur Ruhe gekommen; im März spannen sich trotz der

Abweisung im vorigen Jahre neue Verhandlungen zwischen ihm

und westfränkischen Grossen an, in Heriberts Hand liefen die

den zusammen. Nachdem dieser in einer persönlichen Zusammenkunft

mit Gisilbert die Massnahmen besprochen, wusste er in einer

weiteren Beratung Markgraf Hugo für den Lothringer zu gewinnen.

Dem Einfluss seiner ersten Vasallen gab der König nach erklärte

sich bereit, Gisilberts Huldigung auf einem Reichstage zu

Cambrav entgegenzunehmen.

Die Lothringer mit ihrem Herzog blieben jedoch aus unbekannter

Ursache von diesem Placitum fern: an der Maas, bis zu der

ihnen Rudolf entgegenging, fand dann ihre Aufnahme in den westfränkischen

Reichsverband statt. Selbst Bosos Feind Otto konnte

sich der allgemeinen Stimmung des Landes nicht entziehen ‚ er

huldigte jetzt wieder dein Bruder seines Widersachci. Zum

zweiten Male in diesem Jahrhundert war (las Ziel der \\restfrir1ke1

herrscher so gut wie erreicht: die Mehrzahl der Lothringer mit

dem Herzog an der Spitze unterstand ihrem Oberhoheit, von mäch-

1) Aiinoin, Mirac. S. Bened. Bq. IX, 138. Die Erwähnung Abt Lnm

berts veranlasst. Aimoins Bericht in die ersten Jahre Rudolfs zu setzen und

mit diesem Zuge in Verbindung zu brinren.


49

tigeren T-Terren fehlten nur der trirer und der ferne kölner Erzbischof

1).

Nicht lange kann ludolf dein seine Gegenwart

geschenkt haben, neue Schwierigkeiten erhoben sich an der Nordwestgrenze,

wo die Seinenormannen den Frieden von 924 gebrochen

hatten. Von einer Aufreizung durch Raginold, wie man hat

annehmen wollen, ist nicht das geringste bekannt, wohl aber mag

ihr eigner Erfolg und jetzt der glücklich abgelaufene Zug Ragiriolds

sie kühui gemacht haben, den Krieg von neuem mit einem Einfall

in das Beauvaisis und Amienois zu eröffneis ). Anfangs glückte

der Vorstoss. da die Grenzdistrikte sich auf den Frieden verlassen

zu haben scheinen; Amiens wurde bedroht und durch die Unvorsichtigkeit

der Bewohner hei der hastigen Flucht in Asche gelegt

Arms teilte dieses Loos. Erst bei Noyon stiessen sie auf Widerstand,

die Burgmannen unternahmen veistitrkt durch die Einwohner

der in Brand gesteckten Vorstadt einen Ausfall, der ihnen die

Zurückgewinnung eines Teils der Vorstadt einbrachte. Die Abwesenheit

der waffenfähigen Mannschaft aus der Normandie benutzten

die Bewohner des Bessin zu einem Phuinlerungszugc in die Normannenlaude

links der Seine )‚ und gleich darauf führten diesem

1) Flod. 1. c. Auf dein lothringischen Zuge hatte der Künig am 6. April

Laon berührt vgl. CII. ii. 0, die Kalrkstein p. 169 erst auf dein Feldzug

gegen die Normandie ausgestellt seiii lässt, womit aber las frühe Datum nicht

vereinbar erscheint.

2) F'ld. 925 p. 375 Kaleksteiii p. 169; Deiping, hist. des i,xpd. inarit,

d. Norm. 11. 140 lässt in direktem Widerspruch zu FIod. (foelus irrumpentes)

den Frieden vorher durch die Norniannen aufgekündigt werden.

3) Depping 1. c., Lic1uet 1, 77 (vgl. auch IJ(l. VIII, 183 Anm.) haben

bei Flod, statt llajocenscs korijieicren woll('rL Ilelvacenses, was jedoch zu verwerfen

ist; denn das dem Beauvaisis angrenzende Gebiet der Normandie liegt

von Beinis aus nicht nitra Sequanain, wohl aber die dem l3essin benachbarten

Striche links der Seine, ferner ist es undenkbar, dass die Leute von Beauvais

zu gleicher Zeit einen Einfall in die Normandie machen sollen, wo die Feinde

sie im eignen Lande überfallen um! ihre Stadt niederbrennt. Der Umstand,

dass das Bessin 924 dcii Normannen abgetreten war, spricht durchaus nicht

gegen }'Iod., denn die Abtretung braucht infolge des \Viderstrcbens der Bewohner

keine sofortige Ausführung erlangt zu haben, oder dieselben waren

jetzt mi Aufstand. Auch hören wir im folgenden ausdrücklich von einem

Einfall in das Land eis Seuanaiii neben dem ultra Sei1uaiiani. Lair, l)ud'j

p. 66, bezieht Flod. Worte propter promissience Kroli etc. unrichtig mit auf

den Vertrag von S. Clair-s.-E. die Worte zeigen irin '/.usaminenhan g, dass sie

auf die neueren Versprechungen Karls gehen, der dalurcln 923 (len Beistand

dcij N rnialllmcii ilie liebehlen erlangen wollte Iuia ipsi Nortnian iii


50

Beispiel folgend die Pariser zusamuicit mit den Besatzungen der

Iiugonischen Burgen einen Einfall in das Land rechts der Seine

aus. Das Jiouennais erfuhr nun Verwüstung, Raub und Mord, und

dies übte auf die Normannen, die noch in Francien standen, seine

sofortige Wirkung: sie kehrten eilig zum Schutze des eignen

Besitzes beim, zumal ihnen weitere Unternehmungen erschwert

waren, da Heribert inzwischen ins Feld gerückt war, und an der

Oise sich mit seinem allerdings nur kleinen Heere 1) festgesetzt

hatte, da beim weiteren Vorrücken der Feinde seine Besitzungen

in die unmittelbarste Gefahr kamen. Graf Hil gaud (voll Poiithieu)

und seine Genossen aus den fränkischen Küstengebieten bedrängten

nun auch von Norden her die bereits von Westen und Süden

gefährdeten normannischen Lande 2),

Nach der Zusammenkunft mit Gisilbert hatte Rudolf Burgund

besucht am 30. Mai war er in Arciacum an der Sane, im Juli

in Antun, an welchen Orten er Urkunden für S. Benignus von

Dijon und S. Symphorian von Autun ausstellte.

Mit stattlichem Gefolge hatte er die Symphorianskirche

besucht; da benutzten die Kanoniker die günstige Gelegenheit, um

sich eine Güterverleihung zu erwirken, deren Urkunde ausser

anwesenden burgundischen Grossen, meist Gliedern des Hauses Vergy,

auch des Königs Mutter Adelheid unterzeichnete •

Die normannischenAn gelegenheiten erheischten seinen Aufbruch

nach Francien; den verschiedenen Angriffen, die von den Umwohnenden

auf die Normandie gemacht worden waren, sollte jetzt

ein Hauptschlag durch den Herrscher selbst angeschlossen werden.

Seine Burgunder begleiteten ihn, ein allgemeines Aufgebot erging

unter Königsbann für Fraucien; auch der äusserste Norden leistete

Heeresfolge, neben den andern Herren der Nordküste, die schon

vorher den Kampf auf eigene Faust geführt (also Hulgand, wohl

auch Adaluif von Boulogne u. a.), erschien Arnulf von Flandern.

Heribert tritt schon wie der Herr des Reimser Erzbistums auf:

er führte dessen Vasallen an und eröffiiete mit ihnen die Feindseligkeiten.

Der alte Rollo hatte zuvor gegen die oben erwähnten

pac cm, quam peigerant [S. Clair], propter promissiones Karoli

in fr e g er e von einer „Reklamation" des l3essin auf Grund der

Bestimmungen von 911 kann nicht die Rede sein.

1) Per dürftige Stand der Weiden gestattete die Aufstellung grösserer

Truppenmassen nicht, da in den fränkischen Heeren die Iteiterei die Hauptwaffengattung

war (in Sahsen war um diese Zeit das Verhältnis noch ein

anderes), vgl. oben p. 46, Waitz Verfassgesch. IV, 458. VIII, 112.

2) Flod. 1. c.

ä) IJR. ii. 7 8, abweichende Ansicht Kalckstein p. 172 Anm. 1.


51

Einfälle Hilgands den am weitesten vorgeschobenen Punkt seiner

Herrschaft, die Burg Eu. durch 11000 Mann Verstärkung gesichert;

ihr galt in der That der erste Angriff des fränkischen Heeres.

Ob der König selbst mit vor die Feste zog, ist unsicher, Richer

behauptet es, nach Flodoard scheint sich jedoch seine Abwesenheit

annehmen zu lassen .

Rasch wurde der äussere Wall eingenommen, auch die innere

Mauer erlag dem ungestümen Angriffe und die Burg fiel in die

Hände der Franken, die hier an den Normannen alte, langjährige

Leiden rächten: der Ort wurde durch Feuer zerstört, die gesamte

männliche Bevölkerung hingemordet. Unweit der Burg war der

Seeküste eine kleine Insel vorgelagert, auf welche sich ein Teil

der Besatzung rettete, doch der Kampf wurde von den Franken

auch auf diesen Zutluchtsoi't hinübergetragen; nach längerer (legenwehr

ward das Eiland erobert und von neuem äusserte sich die

Wildheit und Erbitterung, mit der man kämpfte. Kein Normanne

entging dein Untergang; viele erlagen auf der Insel selbst, manche

schwammen nach dein zurück, fänden aber au der Küste

den Tod, dein sie zweimal entgangen waren; mit aItnorfischem

Trotze gabeneinige sich selbst den Tod, um nicht durch die

Hand der gehassten Franken zu fallen. Nach Beendigung der

Metzelei verliessen die Sieger mit beträchtlicher Beute das normannische

Gebiet; der König selbst bezog im Beauvaisis mit

Hugo und dcii Burgundern ein Lager, um das Land gegen einen

zu befürchtenden Racheakt zu docken '2).

1-Ingo wird schwerlich der neustrisclie Markgraf sein; nach

der Stellung bei lflodoard ist der Normannenkrieg in den August

oder September zu setzen; Ende August finden wir den Markgrafen

nicht im Feldlager beim König, sondern in Paris und Fiodoard

berichtet für jene Zeit, dass der neustrische Hugo, den er hier wie

gewöhnlich als Roberts Sohn bezeichnet, einen schinipflichen Vertrag

mit dcii Normannen abschloss, der wieder, ganz wie wir es

ihn Ende 924 thun sahen, seine Besitzungen sichern und die Angriffe

der Feinde auf (las Gebiet der preisgegebenen Nachbarn

leiten sollte. Die Franken der Küste, Arnulf, Adalulf, T-Tilgaud

1) Flod. ies p. 375; hoher 1, 50. - liepping, II, 141 Lierjuet 1, 98:

Martin, h, d. Fr. 11, 511. Pet'tz Einleit. zu Richer (8.) p. Vii Anm. 13 ist

gegen des Kirn igs Anwesenheit,

2) Floduard sohildert die Vorgänge von Eu eingehend und mit fast

dramatischer BeleltiLeit; er mag die Kunde wohl vn einmi der Vasallen

seiner Kfrihir', hic ja mitgefochten, erfahren haben.

4

( IBLIOTHEQUE)

"..


i52

und llu(lolf von Gouy waren diesmal die Opfer seiner erbärmlichen

Handlungsweise 1),

Diese Schläge gegen die Normannen ermutigten verschiedene

Kongregationen zur Heimkehr in ihre Klöster von denen von 5.

Maiir-des-Fossts und Montier-en-Der wird es zu dieser Zeit ausdrücklich

berichtet, Erstere waren kurz vor dein 2. August aus

dein Lyonnais ziinickgekommen und hatten die Mönche S. flerc.hars

eine Strecke Weges zu Reisegeflihrten gehabt. Um Der

hatte sich Rudolf persönlich Verdienste erworben, in seinem

Herzogtum hatten die Mönche an (id Saine Aufnahme, Schutz

und Unterstützung gefunden, weshalb ihre dankbare Gesinnung in

seiner bald darauf erfolgten Erhebung den Lohn seiner Frömmigkeit

sah; die Ermöglichung der Rückkehr in die Heimat verschaffte

ihm neuen Anspruch auf ihre Ergebenheit, die in der Klostergeschichte

beredten Ausdruck findet 2)

Inzwischen spielten sich anderwärts bedeutsame Ereignisse

ab. König Heinrich war nicht gewillt, auf Lothringen zu verzichten

und den Abfall des Herzogs ungestraft zu lassen. Er

hatte dcii Rhein überschritten und Gisilberts Festung Zülpich

bezwungen, andre Geschäfte müssen ihn aber bald bewogen haben,

dies nicht weiter auszunützen; er begnügte sich mit Geiseln des

Herzogs und ging nach Deutschland zurück ; aber gegen Ende des

1) Heil. 1. c. p. 376; Urk, des Vicegraf Tendo v. Paris v. 23. Aug. 925,

Mabillon ‚ Arm. Bcncd. III. 384. fluge richtig, wie ich glaube, als der Burgunder,

Rudolf- Brauer, gefasst bei Leibniz, Ann. imp. 11, 361, als der Neustrier

bei Kalckstein p. 170. Letzterer wird vielfach zu günstig aufgefasst;

V011 Ileribert unterscheidet er sich iltirch grüssere Zurückhaltung LTnentschie_

denlicit der Stellungnahme, das Streben, sich in schwieriger Lage für jede

Eventualität einen Ausweg zu ielierii weder Rudolf noch Heribert war er

ein fester Freund. Für den Gründer der kapetingischen Hausmacht mag las

angebracht erscheinen - auf keinen Fall ist es geeignet, uns Hugo „den

Grossen" als einen bedeutenden Mann erscheinen zu lassen; jenen Beinamen

hat eine dankbare mönchische Geschichtsschreibung, die unter seinen königliehen

Nachkommen schrieb und in deren Gnadenbeweisen sich sonnte, deren

Vorfahren verliehen, seine Zeitgenossen (vgl. Flod.) nannten ihn Albus. Sein

würdiger Genosse, bald Freund, bald F'oiud, Heribert, ist in seinem Auftreten

rücksichtslos bis zum äussersten, er sclire'kt vor keiner Gewaltthat zurück und

scheut audi das Urteil der Mitwelt nicht, Hugo ist mehr der Vertreter der

schlauen, vorsichtigen hinterlist des kalten, selbst feigen Egoismus.

2) Vgl. die obige Urkunde Teudos; Lili. de div. cas. coen. Dervensis

Bq. IX, 7, Mab. Acta S. 0. B. saec. II 846, 847. Kalckstein gicht p. 172

die Rückkehr der Dervenser zu 926, sie muss jedoch nach den genannten

Quellen auch zu 925 gehören.


Jahres, während Rudolf im Nordwesten stand, vollendete er das

Werk und bewogalle Lothringer ihm zu huldigen; jetzt erst ward

das ganze Land ihm unterthaii und in den Urkunden erscheint

allgemein sein Name. Die Meisten scheinen ihm - haltlos, wie

sie immer zwischen Deutschland und Frankreich schwankten -

sofort zugefallen zu sein, nur von Wigerich (Witger) von Metz

heisst es, dass gegen ihn Waffengewalt gebraucht werden musste 1),

Selbst Rudolfs Bruder Boso schloss sich den Uebrigen an, denn

wir finden ihn später als deutschen Vasallen. In Verdun musste

der vorn WestfralLkenköni g eingesetzte Hugo dem Bernuin, einem

Neffen Bischof i)ados, weichen, dem Heinrich das Bistum gab,

ohne dass die Kirche sich gegen ihn gesträubt hätte, da Hugo

wohl als Fremder wenig beliebt sein mochte; denn schon in jener

Zeit zeigt sich die Erscheinung, dass die Bisehofssitze sich stark

ans ihren Provincia.len rekrutieren, besonders aus einheimischen vornehmen

Familien .

Während der Gang der Dinge in Lothringen auf Jahrhunderte

hinaus die Geschicke eines weiten Teiles des Frankenreiehs bestimmte,

berührte ein andres Ereignis den Staat in seinen innersten

Verhältnissen und trug zur Jahrzehnte langen Beunruhigung bei

der Reimser Bistnrnsst.reit. Seulf war zwar gleich in seinem

ersten Jahre in Abliöngigkeit von Heribert geraten, da sich aber

dieser bisher noch iiicht, mit seinem König überworfen hatte, war

der Erzbischof nicht gehindert, sich als treuer Unterthan zu erweisen

und zu wiederholten Malen haben wir ihn als Teilnehmer

königlicher Feldzüge kennen gelernt. Das Papsttum hatte ihm

die Metropohitenrec.hte seiner Vorgänger zugestanden ; persönlich

war er - ein Schüler des gefeierten Lehrers Remigius von

1) Flod. 925. 998. 929 p. 375, 576. 378 Hugo F']avin. Chron. SS. Viii,

:1s8; Cont. liegin. 92,13, 925, SS. 1, 616: Ami. S. Ben. Div. V 40 Wittich,

Herz. Lotlir. p. 114 Waitz, Heinr. 1. p. 83 (in der soeben erschienenen 3.

Aufl., diee erst von hier an beim Druck noch benutzt werden konnte,

9) Interessante Belege gewähren die Gesta irnit. Autissiod. 1. e. In un trefuhr

zwei und einem halben .lalirinjuilert (8 .19-1114) sind von 18 Bischcifcn

ID Burgunder. davon 5 aus .% uxerre selbst, 19 der 18 sind von vornehiiier

Herkunft oder haben Bischctb zu Verwandten, nur 2 werden als persUnlu'li

cinfai'.lic Leute bezeichnet, was wie bei 3 andern ohne nähere Bt'zeiciuiung auch

eine der genannten Eigenschaften n icht aussehl ii, sst. nur ein einziger wird mit

seiner geringen Herkunft hervorgehoben Johaimn 991 - 1951 aber gerade da zeigt

sich, wie sehr dies gegen das Herkommen verstiess, denn er genoss ebendeshalb

keine Achtung. - Andre Beispiele des 9. Jahrhiuimderts bringt Dtlnimler,

Ostfräk, Reich 11, I3543 A um.


54

Auxerre - ein gebildeter, in den Wissenschaften bewanderter

Mann, der seinen geistlichen Funktionen wohl vorzustehen wusste,

ohne der für einen Kirchenfürsten nötigeii weltlichen Geschäftskenntnis

zu ermangeln. Das Kloster S. Remy verdankte ihm die

Anlage eines Kastells und die Schenkung von Condatum. Die

Verbindung mit Heribert war sein Unglück. Man erzählte, er

habe dem Grafen für seinen Sohn Hugo die Nachfolge zugesichert;

ob dies wahr ist, oder ob sich erst ex eventu das Gerücht bildete,

ist nicht zu entscheiden. Am 1. September 925 starb er Plötzlich,

was den Verdacht auftauchen liess, das Gift des Grafen von Vermandois

habe für eine raschere Erledigung des Reimser Stuhles

Sorge getragen'). Sofort erschien 1-lerihert in Reims; die Vasallen

des Erzbistums waren zum Teil für ihn gewonnen -- die Verbindung

zwischen ihm und Scuif war auf ihren Betrieb hin erfolgt

-‚ auch unter den Geistlichen besass er Anhang, und durch

diese Partei liess er mit Unterstützung der Bischöfe Ahho von

Soissoiis und Bovo von Chilons seinen fönfjührigeii Sohn Hugo

zum Erzbischof wählen oder als designierten Nachfolger wenigstens

förmlich anerkennen. IT in diesen unregelmässigen Vorgan g gegen

Anfechtungen sicher zu stellen, erwirkte er sogleich beim Könige

dessen Genehmigung, die einem Manne, der seinen Bitten solchen

Nachdruck gebeii konnte wie Vermandois, nicht versagt weiden

durfte; Rudolf musste gute Miene zum bös(3ii Spiel machen, Hugo

wurde nicht direkt eingesetzt, aber Rudolf gestattete, dass die

Nachfolge einstweilen offen blieb und gab dem Grafen die Verwaltung

der Temporahien, bis er ihm einen geeigneten Kleriker

vorstelle, der die Ordination in gesetzlicher Weise erhalten könne,

machte ihm aber eine billige Ausübung seines Amtes zur Pflicht .

1) Hoi. 922, 925 p. 371 1 375. 37, 11. II. IV, 18-20, 35 p. 578. 555;

Richer 1, 41, 55; Variit, Arch. adniiu. d. 1. v. d. ileime 1. p. 72. ii. 10, II,

Anm., Arch. bgisI. II. 1 p. 90, 114 Anm., 109 Anm.

2) Nach der einen Angabe bei Flod. soll Heribert vom König in Burgund

diese Verleihungen sich verschallt haben, aber ich glaube ihm hierin nicht

folgen zu dürfen: diese Stelle entstammt nicht Plod. selbst, sondern der von

ihm eingefügten Verteidigungsschrift des Erzbischofs Artold an die Synode

von Tugelheim 948, in der andern Stelle tier H. I. (c. 20) und den AmiaItn,

die zwar etwas später, alter auf Grund gleichzeitiger Notizen geschrieben siiiil,

fehlt sie. Den Hauptgrund gegen einen zweite,, Aufenthalt des Königs in

Burgund sehe ich im äusseren Gang der Ereignisse. lni Herbst hatte sich

Rudolf in Beauvaisis zum Grenzschutz festgesetzt und gleich im Beginn von

920 finden wir ihn ebenfalls in dieser Gegend, in Artois, thatsiiehlich int Kampfe

gegen die Normariticis und hören nicht das mindeste, dass er erst wieder nah

Francien herbeigikominen sei, wie es nst Flott, stets gewissenhaft annitrkt.


5r)

Der König gab also nur so weit als nötig nach und that, was in

seinen Kräften stand zur Wahrung der geistlichen Würde; mit

Unrecht ist ihm sein Verfahren zum Vorwurf gemacht worden 1).

Mochten für ihn zwingende Gründe obwalten ‚ dass er sich

überhaupt zu solchem lntgegenkommen zum Teil verstand, so

kann diese Entschuldigung für den Papst nicht gelten. Johann X.

hatte keinen Karl als Werkzeug fleriberts zu fürchten, ihm zumeist

stand die Schirmung der kirchlichen Interessen zu, doch von

einem Geschöpfe der 'I'heodora war das nicht zu erwarten ; Bischof

Abho ging selbst nach Rom und erlangte für sich als Vikar die

jrri.)ViSOFiSche Leitung der geistlichen Amtshandlungen ). In den

Besitz der Macht gelangt, machte Horibert zunächst die Gegenpartei

unschädlich: Pfründenentzie.huiig war ein gutes Mittel, die

an ein bequemes Leben gewöhnten Kanoniker zur Unterwerfung

zu zwingen, unter anderen verlor auch Flodoard sein von Heriveus

erhaltenes Besitztum die widerstrebenden Vasallen erfuhren die

gleiche Behandlung, selbst offne Gewaltthat gegen Geistliche

scheute man nicht; eine Unruhe der Stiftsherren wurde einige

Zeit darauf durch Heriberts Leute niedergeschlagen und kostete

zwei Geistlichen das Leben

Mit einem Norrnannenfe]dzug hatte das Jahr 925 für den

König begonnen und auch das neue Jahr 926 brachte neue Kämpfe.

Die Rache für En blieb nicht aus, eine Normannenschaar fiel in

Artois ein. Der König zog mit Heribert und einigen der Küstengrafen

gegen sie und schloss sie ein, doch wieder half ihnen die

Oertlichkeit. Das königliche Heer hatte sich teilen müssen; nach

einigen Tagen brachen sie Nachts plötzlich aus den bewaldeten

Höhen, die sie schützten, gegen das Lager des Königs los. 1-leribert,

der abseits gelagert haben muss, eilte rasch herbei, einige Lagerhütten

gin gell zwar in Flammen auf, aber schliesslich gelang es,

den Feind, der 1100 Tote auf der Wahlstatt liess, abzuwehren;

1) Mehrfach sagt man mehr oder minder bestimmt, der König habe

Hugo das Bistum verliehen, was im Flod. weder steht noch sich hineininterpretieren

liisst; er hat nur eine eventuelle spätere Erhebung dese1lou nicht

abgelehnt: Baroiiins,Anhi. eceles. (1609) X. 699 Georges, li. d. ClLamp. et .

d. Brie p. 279.

2) Finil. 1. c. nach Tiutpr. Antap. II, 48 SS. III, 297 stand Johann

nicht zu Marocia, wie Kalckstein meint i' 170, sondern zu 'l'heo(lora in intimen

Ueziehungen.

) FInd. 14, B. IV, 13, 90. 35 p. 576, 578, 586. Beim Sturz Artolds

und der Einsetzung Hugos 940 wiederholten sich die Vorüi.Ile. Flod. fügte

sich jedoch bald 940, 941 p. 387, 388, H. Et. IV, 28 I 582.


5€;

ahnt' auch die Franken hatten beklagenswerte Verluste, der tapfre

Normannenkiimpfer der letzten Jahre, Graf Tlilgaud von Ponthieu,

war gefallen, der König selbst verwundet und zur Rückkehr nach

Laon genötigt 1). Die Normannen erlangten durch seinen Abzug

trotz ihres misslungnen Angriffes die Möglichkeit, ihre Verwüstungen

bis an die lothringische Grenze, den Gau von Porcien, auszudehnen.

Tu die Nähe dieser Gegend. bis zum Gau von Voncq, streiften

gleichzeitig andre Raubgesellen, die Ungarn . Es ist dies der

erste Zug dieses Jahres vor dorn 1. April, dem Sonnabend vor

Ostern, an welchem eine Mondfinsternis weiteres Unheil ahnen

liess, Beim Herannahen der Feinde flüchtete man die lieliquien

vom platten Lande oder den einsam gelegenen Klöstern in die

nachste Bischofstadt, so nach Metz. Ton], Reims u. a, oder suchte

an unzugänglichen, durch ihm'e Lage geschützten Orten Sicherheit.

Zahlreich sind die Klagen über das Unheil, das sie anrichteten;

auch sie hatten bald die Wahrnehmung gemacht, dass Besuche

der Klöster sehr lohnend seien, und die Mönche des Ostens hatten

vor ihnen dasselbe Entsetzen wie ihre Brüder im Norden und

Westen vor deii Wikin gernund die im Süden vor den Saracenen;

eine Strafe für die vielfache Zerrüttung der soc.ialen Verhältnisse,

für die Zuchtlosigkeit aller Kreise, die Gewaltthaten und Greuel

der Mächtigen sah man in dieser Landplage —

1) Folcuiu hat flitle Zcitangaln eine Stelle, die mit grosser Sicherheit

hierher bezogen werdn kann, Aus Floil. 925 p. 375 wissen wir, dass zu

Lande die Grenze dureh den König gedeckt war, und dennoch finden wir darauf

die Normannen in Artois aus F.ly. c. 101 55. XIII, 626 erfahren wir

nun, dass dieselben zu ihrem alten Hilfsmittel zurüekgritl'cn sie gingen in

See, und im Rücken des Körngs landend, verheerten sie den (iau von Th(-

ronanne. Rudolf eilte herbei, die Normannen entledigten sich der Gefangenen

durch Niedermetzeliiiig, wurden aber hei Falcoberg (Fauqisemhergues. an der

Aa, d'p. Pas-de-Calais, arr. S. Omer) durch den König hart bedrängt unil

schliesslich geschlagen, allerdings unter grossen Opfern fränkischerseits. Fule.

entspricht und ergänzt somit Flod, Bericht. Bei Rich. 1. 31 fallen nicht nur

1100, sondern 8000 Feinde. des Königs Wunde soll sich zwischen den Schultern

befunden haben.

2) Vonci an der Aisne oberhalb Attigiiy, (Id1). Ardennes. arr. Vouziers,

vgl. Joanne, Atlas, (kp. Ardennes, Waitz, Heinr. p. 88 (85 hält es für Vouzy,

vgl. dagegen Lorlgno]], Bibi. d. l'dc. d. haut. tnd, fase. Xl, 100 ff.

3) Flod. 14241 p. 376, H. IL IV, 21 1). .579 Mirac. 5. Apri c. 22. 55,

IV, 517; Mirac, S. Basoli e. 7, ih . .%iIiII. Ann. S. Vincent. Mett SS. III. 137

Gest. ei). Mettens, 85. X. 541; Mir. 5. l)eicoli, Duchiesnc 5cr. III, 492;

l y pt. Virdunene SS. IV, 38; [rk. Frankos h. Martene. Coll .amlll. 1, 280,

281 (Beyer, Mittelrhein. Urk.-buch, Coblenz 1860. 1. n. 167).


) 4

Von allen Seiten türmten sich Schwierigkeiten gegen den

Herrscher auf: er selbst verwundet, Normannen und Ungarn bereits

in gefährlicher Nähe der Hauptpunkte des Staates Laon und

Reims: wohl ermutigt durch diese Verlegenheiten des Königtums

fiel nun Herzog Wilhelm von Aquitanien ab, einer seiner Brüder,

vermutlich Acfred, nahm in Nevers eine drohende Stellung gegen

Rudolfs Herzogtum ein. Wiederum musste sich dieser dazu verstehen

. die Ruhe von den Normannen durch eine Reichssteuer,

zu welcher Francien und Burgund herangezogen wurden, zu

erkaufen; nach Abführung der Summe kam ein eidlich bekräftigter

Friede zu stande 1)•

Die Ungarn verschwanden nach ihrer Gewohnheit rasch, wie

sie gekommen, ehe die Betroffenen Zeit hatten, sich zur Vergeltung

zu rüsten, und der König hatte jetzt freie Hand gegen den abtrünnigen

Aquitanier. Das burgundisch - fränkische Heer wandte

sich zunächst gegen Nevers, welches nach Stellung von Geiseln

unbehelligt blieb, da die Bezwingung des Herzogs die Hauptaufgabe

war. Man verfolgte ihn bis in sein Land hinein; vor völliger

Niederwerfung rettete den Flüchtigen die Kunde, Francien sei

durch einen neuen Ungarneinfall bedroht, wodurch der König zur

Umkehr nach Norden veranlasst wurde 2• Dem ersten Zug der

Ungarn war bald ein zweiter gefolgt, der im Mai Schwaben heimsuchte

und nach Ueberschreitung des Rheins und der Vogesen

sich wiederum über Lothringen und Frankreich ergoss, jedoch

nach den gewöhnhicheii Verwüstungen wie der erste wieder zurückflutete

Wie sehr die Ungarnfurcht die Gemüter beherrschte,

kam auch gegen Ende des folgenden Jahres zum Vorschein, wo

wieder das Gerücht eines Einfalls wie ein Gespenst Lothringen

und Francien durchflog 4)

Mehrfache Beziehungen bestanden schon zwischen dem angelsächsischen

Herrscherhause und kontinentalen Fürstengeschlechtern;

1 Flod, 926 p. 376. Auch der kraftvolle Heinrich hatte sich 924 zum

Erkaufen des Friedens durch den bekannten neunjährigen Tribut verstehen

müssen.

2) Bahuze, h. d'Auvergne 1, 22.; H. d. Lang III, 104; Mary-Lafon, h.

du Midi d. Fr. II, 93 hat hier wieder Gelegenheit seinen Hass gegen die

Oberherrschaft des Frankenkönigs zu äussern, Aquitanien ist aber gar nicht

(wie er meint) zur Beisteuer herangezogen wor(len, vgl. Flod. 1. c.

3) Ann. Augiens. SS, 1, 68; Ekkehard, cas. S. Gaili SS. II, 110; ferner

oben p. 56 Anm. 3: es sind cntschiiedeii nach Flocl. 1. c. zwei Einfälle zu

unterscheiden, obwohl andre Quellen sie zusammenwerfen vgl. auch Waitz,

Heinrich p. 88 (85).

4) Flotl. 927 p. 377.


58

sie erhielten in diesem Jahre einen erneuten Ausdruck ‚ indem

Markgraf Hugo sieh in zweiter Ehe mit Eaclhild, einer Schwester

König Aethelstans, verband. Ob dies aber als eine offenbare Annäherung

an die karolingisc.he Partei zu verstehen ist, ist sehr

fraglich, denn dass Karl Eadhildens Schwester Eadgifu zur Ehe

hatte und man in S. Martin in diesem Jahre vorübergehend einmal

die Gefangenschaft Karls in einer Urkunde erwähnte, bildet

keinen genügenden Grund; der letztere Umstand wird dadurch

völlig aufgewogen, dass die Urkunde für die Gegenkönigin Emma

als für die legitime Königin ausgestellt ist, welche einige Stiftsgüter

in den Gauen von Melun und Beauvais gegen Jahrzins

erhält. Rudolf heisst König, nach seinen Jahren ist gezahlt, Karl

hat nicht einmal dcii blossen Titel König, und der andre Grund

der dynastischen Verwandtschaft hat in jenen Zeiten ebensowenig

das alleinige Leitmotiv der Politik gebildet wie sonst ').

Heriberts erster Aufstand.

Gegen Ende des Jahres 2i föllt der äussere Anlass zu

einer Gefahr, die Budolfs Königtum selbst in Frage stellte. Durch

den Tod seines Anhängers Rot gar wurde die Grafschaft Laon erledigt

; Herihert wollte sich die günstige Gelegenheit zur Machtvergrösserung

nicht entgehen lassen, (In das Gebiet doppelten

Wert hatte: durch das feste Laon an und für sich und noch

speziell für Herihert als Bindeglied der nördlichen Gebiete mit

Reims. Nicht direkt für sich erbat er es, sondern wie in Reims

wurde ein Sohn vorgeschoben Odo ; doch den lehusrechthiehen

Anschauungen folgend, die sich gefördert durch das bekannte C'apitulare

von Kiersy herausbildeten, gab der König Laon dem

Rotgar, einem Sohne des Verstorbenen 2).

1) Flod. 1. e. Mabille. Pane. noire ii. 130 (des Index, ii. 103 der l'anc.):

Kalckstein p. 1 7. 468 Leibniz. Ann. imp. II, 375.

2) Flrjd. 26 p. 377. 11. R. IV, 21 p. 574. - Capit. Carisiac. M. (1.

LL. 1, F39. 3 .12 -- Vgl. l)ümmlcr, Otfr. R. II, 630. E. Iiourgeoi, Le c.apitulair

d Kierv-sur-Oise (Paris 1855) p. 197 Ii. Waitz . Heinrich p. 93

90) 1iLst uttentsclnetlen, ob der Rudolf, der mi November 142M in Worms hei

1 Leinrieh war, der Westfranke oder Ilo(„hburgunder war; ausser den Wahrsehcinlichskeitsgriinden

für Letzteren (W'aitz p. 1) dürfte gegen Ersteren die

wciiirc Monate darauf erfolgt(! Verbindung Heinrielis mit Ileribert sprechen,

welche vermuten lässt, (lass zwischen dem franzdsisrlien und deutschen König


Himmlische Vorzeichen schreckten die Gliiubigen, eine Seuche

folgte und raffte in l)eutschland und Frankreich zahlreiche Opfer

dahin und bald schloss sich ihr ein neues Un glück an. Heribert

hatte bisher zu Hudo]f gehalten und ihn kräftig unterstützt, da

dieser seine Anhänglichkeit. durch fortgesetzte Verleihungen immer

neu belebt hatte doch ein Herihert war nicht zu befriedigen,

Pronne 924, Reims 925 waren solche Abschlagszahlungen, (lic

seine Treue wieder für einige Zeit erkauften; jetzt kam der Zeitpunkt

wo ihm der König nichts geben konnte und sofort endete

auch seine Treue 1

Die Verbindung mit dein deutschen König sollte ihm

den nötigen Halt gewdhren, nachdem er sich den Bücken durch

ein Abkommen mit Hugo gedeckt hatte, der, wenn auch kein

karoliiigischer Parteigänger, doch seinem Schwager in den ersten

Jahren kühl gegenübergestanden zu haben scheint; wenig sahen

wir ihn iii des Königs Mähe, in den vorliegenden Urkunden tritt

er nie, wie sonst einflussreiche Personen, als Intervenient auf; erst

seit der Entzweiung Rudolfs und ileriberis rückt er mehr in den

Vordergrund und Interessengemeinschaft knüpft ihn enger an den

König, es ist., als habe in der That eine gewisse Eifersucht gegen

Vermaudois in ihm geherrscht, die den selbstsüchtigen Markgrafen

freilich nicht abhielt, gelegentlich eine Schwenkung zu seinem

Nebenbuhler hin zu machen. Wie er seine Pflichten dem Staat

gegenüber auffasste, wie er sich als Glied eines Ganzen gegen

dessen andre Glieder zu verhalten beliebte, ist im obigen wiederholt

darzulegen Veranlassung ge wesen, Auch jetzt kam es ihm

darauf an, sich Heribert nicht ablehnend gegenüberzustellen, um

dem Ausgang ruhi g entgegensehen zu können. Bei einer Zusammenkunft

mit Heinrich fanden Beide ihn sich geneigt und tauschten

mit ihm Geschenke aus 2 ). Nach der B.(lekkehr bethätigte sich

freundliche Beziehungen noch nicht eingetreten waren, widri genfalls Ileinrichs

Handlungsweise in sehr ungünstigem Lichte erscheinen müsste; vgl. auch im

folg. p. 59 u. a.

1) Mouriti hat eine gewisse Vorliebe für Heribert, der ihm der Hauptheld

her ormannenkriege ist; des K(inigs zahlreiche Norivannenk5nipfe werden

gar nicht oder nur flüchtig liirülirt,; die Darstellung ist oft imkonseqizent, z. 11.

p. 145 ist Heril,. 4 Jahre lang der treue, tapfere. tieiiosse des Künigs, p. 150

wird hingegen gesagt, dass er nicht aus Ergebenheit, sondern egoistischer Berechnung

gehandelt habe. Uber Hugo s. oben i' 52.

2) Im März und April war Heinrich in den Landen rechts des Rheines

hier suchte 1101 die +esaniItsc1ialt Heriberts und später Ileribert unil lEugo

selbst auf, Erei gnisse, die nach Wigerichs von Metz Tod und nucht den hliniinelserseheitintigen

sieh vollzogen. Flod. 1. c. Gest. eh). Mett, SS. X, 541


(30

das Einvernehmen durch einen gemeinsamen Zug gegen die Loire-

Normannen; unrühmlich aber endete die Unternehmung nach einer

fünfwöclientlichen Belagerung der Feinde mit gegenseitiger (.,eiselstellung

und erneuter Ueberlassung des Gaues von Nantes - eine

Bestätigung, dass die frühere Abtretung wirkungslos geblieben

war. Zu diesen Kämpfen scheint auch der Tod Ingelgers, des

Sohnes Fulkos von Anjou mit grössrer Wahrscheinlichkeit gesetzt

werden zu dürfen, als zu 923, denn hier handelte es sich tun

Feinde in unmittelbarer Nähe von Anjou 1)•

Heribert schritt nun zur Ausführung seines Planes gegen

Rudolf. Als Verweser des Erzbistums liess er eine S ynode der

Bischöfe des Beimser Sprengels in Trosly zusammentreten; des

Königs Einspruch, zu dessen Rechten die Berufung der Synoden

und Concilien gehörte, und das Verlangen die Versammlung zu

vertagen blieb unberücksichtigt wie eine Vorladung nach Cornpigne

).])ei-Sohn Hilgauds von Ponthieu ‚ Graf Erluin ‚ unterwarf

sich in Trosly der Kirchenbusse wegen seiner i)oppehlie

nahe liegt aber die Vermutung, dass die Synode zum geheiiiien

Hauptzweck Besprechungen über die Schritte gegen lind olf hatte.

Ein Handstreich auf das nahe Laon misslan g , da Rudolf die Burg

durch rasch abgesandte Mannschaft verstärkt hatte, der er selbst

bald folgte. Vermanclois griff jetzt zu seiner gefährlichsten Waffe:

Calmet, hist. de Lorraine, 1. pr. p. 61, 82. Waitz, Heinrich p. 119 1 17j:

Leibniz A. i. 11, 378 lässt Heinrich nach Lothringen entgegenkommen.

1) Xalckstein p, 164 Anm. 1 gicht den Tod des Ingelger zu 923.

929 war er tot; in einer lJrk. seines Vaters f. S. Albin v. Angers werden die

andern Familienglieder genannt nicht aber der älteste Sohn, Mab. Ann. Ben

III, 403: G. coris. Anilegav. li . Marchegay et Salniort Chron, dAnjou P. 66

('7; Chron. Rainaidi Andegav. bei Marchegay et Mabille, Chron, des ilglises

d'Anjou Paris 1859) p. 8, Chron. S. Albini Ändeg., ib. p. D. Chron. Viiidoc.inense

ib. p. 162; diese Quellengruppe giebt die Uri. zu 929. Bodin, Recherches

hist. s. 1'Arijou (2. id. Angers 1847) 1, 144, der die schon stark ausgeschmückte

Kunde der G. cons. And. mcli weiter ausmalt, lässt J. bei der Verteidigung

der seinem Hause gehörigen Grafschaft Charolais gegen die Norinannen Fällen

und in S. Martin in Sroune (Chateau-Ncuf sur Sarthe, Up. Maine et Loire,

arr. Sogre) bestattet werden, ohne Beleg und wohl auch ohne glaubhafte

Grundlage; vgl. gegen die ausführliche» Angaben der (iceta die Bemerkung

des Fragm. hist.. Antlegav. c.. 1 (Mareh. et Sahni, Chrin. l'Anjuu 1, 375

1)'Aehery, Spic.il. III, 233) aus dciii iI..lahrh., welelits dein Grafen l'ulco

Reclui,i zugeschrieben wird, nEu (lessen Verfasserschaft Monod Revue bist. Bd.

28 (1885) p. 265 festhält.

2) Flod. 927 p. 377, H. R. IV. 21 p. 579: Richer 1, 52. Warnkönig

uiuil N tein, franz. St. u. R. G. 1, 137; Arbeis 1. c. 1, 101.


61

Karl wurde Rudolf als Köni g gegenübergestellt. Nach seiner

Gefangennahme war Karl bis in den IEerbst 924 in (.hateau-

Thierrv-s.-Marne bewahrt worden; uni diese Zeit brannte sein

Haftturm plötzlich nieder, ohne dass aber an Brandstiftung zum

Zweck der Beseitigung des Gefangenen zu denken ist, da dessen

Person für Heribort ein zu wertvoller Besitz war 1). Karl kam

darauf nach Pronne, wie meist angenommen wird, obwohl Flodoard

nichts bestimmtes bietet und nur andre Quellen Pronne geben

es ist jedoch möglich ‚ dass Prorine als Karls Todesort Anlass

war, es auch für früher als Aufenthalt zu fassen, und (lass der

König 924 in Chateau-Thieiry (nur in einem andern Gebäude)

blieb .

Rudolf war auf diese neue Verräterei des Grafen kaum vorbereitet,

rüstete sich jedoch sofort zur Abwehr; am 27. September

weilte er auf der Heise nach Burgund in Briare an der Loire, wo

('luilys Privilegien bestätigt wurden. Der Tod des Herzogs

Wilhelm 11. von Aquitanien im Sommer 927 war wohl mit der

Grund, dass der König an die Loire sich begab, um den Süden

vom möglichen Anschluss an Heribert abzuhalten; Herzog Acfred,

der Seinem Bruder folgte, behielt aber dessen ablehnende Haltung

bei: jedoch standen einige Teile Aquitaniens (Pu y . Brioude,

Cahors, Beaulieu, Tolle, Bourges) zu Ru(lolf, wie die oben erwdhnte

Haltung ihrer Urkunden erweist. Hier mag es auch gewesen sein,

dass Graf Ebbo, ein mächtiger Vasall des benachbarten Berr y, zu

ihm kam und seiner Stiftung Dols eine königliche Tnimunitätsurkunde

verschaffte 3) Dann begab sich der König nach seinem

1) FIod. 923, 924 p. 372, 374. Lns, d. Vorfahr. Hug. Cap. im Kampfe

m. d. letzt. Karo). p. 12. - Die Lage seines Kerkers ist nicht mehr zu erniittelii

. da die llauresti; iii Ch.-Th. einer jiiugcrn Zeit angehoren ‚ vgl. Poi1uet.

bist. de Chateau Tluerry (Chat. Tu. 1839 1, 38 Anm.

2i Flod. 1. c. Folc. g. Sith. . XIII, 620; Rich. 1, 47; A. Lobiens.

(11, 210) Xlii, 233; Mir. S. Bcii. Bq. IX, 139; 11. reg. Franc. 88. XIII, 251

ii. a. Arbois 1. v'.' Poiuet 1. c., Geri(!s e ii. d. Chain1r. et d. Brie p. 280

nehmen Ch.-Th. auch nach 924 als Aufenthalt an.

3) UR. ii. 10, 11. iber den Tod Wilhelms schwanken die Angaben

Flod. 927 p. 377. zum Sommer 927, Ann. Masciac. 88. 111. 170: 927, B(I. VIII,

230: 920. Baluze, hist. d'Auv. 1, 21; lT. d. Lang. III, 104; Kaleketein p.

175: zwischen April und September; walirscheinlich vor dem 3. Juni, wenn

die Vollstreckungsurkunde seines Testairients (Baluze 1. c. II pr. p. 18) iii sein

Todesjahr gehort, was doch wohl anzunehmen ist. Diese zeigt zughdeli, (lass

die Bischöfe von Puy und Ciermnont nicht der Haltung ihrer Grafen und Hersoge

(Willi. u. Acf.) folgten, sondern an der Unterwerfung von 924 festhielten,

denn sie erkennen Rudolf als Herrscher an. Gfrörer, Gregor VII. giebt IV,


Herzogtum, um entscheidende Vorbereitungen zu treffen, Iann

hielten für ihn die Söhne Rotgars, die dadurch sein Vertrauen

rechtfertigten und seine Gemahlin Emma. eine Frau von entschiedenem.

fast männlichem Sinn, von welcher Züge berichtet

werden. die eher zu dem Bilde eines damaligen (irosseii zu gehöien

scheinen'). Die tapfere Besatzung ging sogar angriffsweise

vor, indem sie die Ländereien bei der Beirnser Burg Coucy durch

einen Ausfall heimsuchte. Herihert konnte einstweilen nichts im

Felde vornehmen, benutzte daher die Frist bis zur Ankunft des

Königs, seinen Anhang zu stärken.

Die Noi'niannen waren anfangs noch für Karl eingetreten,

hatten aber später indirekt Rudolf anerkannt, insofern sie mit ihiii

als Oberhaupt des fränkischen Reiches wiederholt verhandelt und

Verträge geschlossen hatten ; auch jetzt befanden sie sich mit . ihm

in Frieden, was jedoch für sie keinen Hinderungsgrund l)ildeto. zu

Karl zurückzutreten in En ‚ das sie wieder in Besitz genommen

hatten, trafen Rollo und sein Sohn Wilhelm mit dem Grafen und

seinem sogenannten König zusammen, und Wilhelm ‚ der nach

1)udo schon bei Lebzeiten seines Vaters die Herrschaft oder doch

Anteil daran erhielt, verband sich durch einen Freundschaftsvertrag

mit Ileribert und leistete Karl die Huldigung. Rollo aber, an

Vertragsbruch gewöhnt, trug Sorge sich des als treulos genügend

bekannten‚ neuen Freundes durch Behaltung seines Sohnes Udo

als Geisel zu versichern 2)

inzwischen hatte Rudolf seine Bur gunder aufgeboten und

noch zur Weihnachtszeit rückte er in Francien unter liauheii und

Brennen wie in Feindesland ein; da eilte ihm Hugo entgegen

und begleitete ihn bis zur Oise, wo seiner Vermittlung ein vorläufiges

Abkommen zwischen den Kriegführenden gelang : Heribert

stellte ihm Geiseln dafür, dass er zum nächsten Placitum sich

einfinden volle.

Rudolf ging 111111 nach Burgund zurück, nachdem er noch

vergeblich versucht hatte, seine Gemahlin zur Räumung von Laon

zu bewegen, sei es, dass er durch dessen nachträgliche Ucher-

40 all, bei Willielins Tod habe Rudolf die Grafschaft Berrv geteilt, und die

Stadt Bourges seinem Getreuen Godfried als Vicedoininus gegeben, ohne Beleg:

den Namen iiirnnit er wahrscheinlich von dein Gozfrid her, den }'lo(l. 935

erwähnt, s. im folg. zu dieseni Jahre.

1) s. im folg.

2) .Flod. 927, p. 377, 11. U. IV, 21 11. 579 Riclwr 1, 53; 1.)udo, Lair,

173, 151. Licquct p. 109. Die späteren angelsächsischen Annalen SS. XIII,

105 geben Wilhelm eine 15jährigc Regierung mit dem Anfangsjahr 925.

Betr. der von Kaickatein p. 176 erw9lintn lTrk flul. s. UR. ii. 1-1.


03

lassung der UnzufriedenheitIlcriberts den Hauptgrund benehmen

wollte, sei es. dass er es nicht für genügend gesi('hel't hielt gegen

etwaige vereinte Angriffe der fränkischen Ite.ljellen und der Novmannen.

Ilerihert kam mit Karl nach Reims und stellte in einem

Schreiben an .Johann X. sich als den Vorfechter der Legitimität

und der pä1)Stlichefl Bestimmungen hin, indem ei' sich auf Jobanus

Einschreiten zu Gunsten Karls berief 1),

Damals hatte ei' im Besitz der Gunst des neuen Königs

Roms Gebote nicht beachtet, jetzt sollten sie ihm vom Papst neu

bekräftigt als moralischeVerstärkung dienen. Doch er kam Zu

spät-. sein Gesandter fand Johann in ähnlicher Lage. wie den, für

den er sieh einst umsonst verwandt: dci' mächtige Markgraf Wido,

der Gemahl der Maria, die man spöttisch die Marocia nannte,

hatte ihn, wie die im Sommer zurückkehrende Gesandtschaft

meldete, gefangen gesetzt und im folgenden Jahre starb er in. der

Haft. sein Nachfolger Leo Vl. hat sich Karls nicht angenommen

2)

In die Zeit von Karls Scheinherrschaft hat man die Ueberti'agung

derBesitzunge n des Hauses Auvergne an Ebolus von

Poitiers nach Wilhelms Tode verlegen wollen, daletztrer 927 starb

und im selben Jahre auch Karl frei kam ; doch ist die Nachricht

nicht zu verwerten, da sie durch die rIllmtsaCheIl widerlegt wird.

Dass Eholus Ansprüche auf den Besitz erhoben haben kann, ist

nicht ausgeschlossen . dass in der Hauptsache aber, d. h. betreffs

des Herzogtums und der Grafschaft Auvergiie, dieselben zunächst

nicht zur Geltung kamen, ist sicher; denn sein Anschluss an

Rudolf half ihm hier nichts; selbst wenn dieser zu seinen Gunsten

hätte einschreiten wollen machten es ihm gegenwärtig die Umstäjide

unmüglich. Nach Wilhelms Tode besass sein Bruder

Ac(red das Herzogtum und die einzelnen Grafschaften seines

Hauses, nach ihm wenn auch nicht unmittelbar, finden wir Raimund

Pontius von Toulouse als Herzog; erst Ebolus' Sohn Wilhelm

(.aput-stupae) gelangte in den Besitz von Aquitanien und Auvergne.

Raimund erscheint wiederholt als princeps und dux Aquitanorum,

Ebolus hingegen nur als Graf (so in seiner eignen Urkunde von

934 Ebolus niisericordia 1)ei Pictavorum umilis comes) und

ebenso sein Sohn Wilhelm im Anfange seiner Herrschaft -3).

1) Flod. 1. c.; s. ob. p. 35. Leibniz 1, c. p. 380 glaubt an Rudolf

geheime Zustimmung zum Verbleiben der Königin in Laon.

2) Flod. 928, 029. 933 p. 378 1 381: Jaffi, Regesta pontif. Roman. (II.

cd.) p 452; Liutpr. III, 43. SS. III, 312. M:irozia, Marocia Maruc(„ia.

3) Ademar III, 23 38. IV, 125. Baluze ii. d' Auv. 1, 23; Mary-Lafon

11, 93 lässt durch Willi. selbst die Übertragung geschehen. Die II. il . Lang.


Die vereinbarte Zusamnienkuult des Königs und lieriberts

fand noch vor Ablauf der Fastenzeit (Ostern 928 April i.) statt,

den Ort kennen wir nicht'); nachher scheint der König in Burgund

gewesen zu sein, da wir seine Gegner in Francien freie

Hand haben sehen und auch die Königin, die jetzt erst Laun

aufgab, nach Burgund ging. Sofort besetzte Herihert die Feste;

auf Hugos uiibestimnite Haltung scheint dieser Erfolg in einer

den Rebellen günstigen Weise eingewirkt zu haben er liess sich

durch Heribert, der sich von Laon aus zu einer zweiten Besprechung

mit Rollo begeben hatte, bewegen, gleichfalls in freundschaftliche

Beziehungen zu den Normaunen zu treten. Rollo nötigte hier

den Grafen, in förmlicher Weise nebst einigen andern fränkischen

Grafen und Bischöfen Karl als königlichen Oberherrn anzuerkennen

dann erst gab er ihm seinen Sohn Odo zurück. Wer jene ausser

Heribert waren, lässt sich kaum erweisen: möglich (wie Kalekstein

'il1:, dass Erluin dabei war zum I)aiik für l[eriberts Bemühungen

auf der Synode von Trosly, vielleicht auch hugonische Vasallen

gewiss ist nur, dass das Grafengeschilecht von Laun ‚ Rotgar und

seine Brüder, trotzdem der König ihr Lehen dem Feinde hatte

preisgeben müssen, doch fest zu ihm stand, wofür sich Vermandois

durch Zerstörung ihrer Burg Mortagne (am Zusammenfluss

von Scheide und. Scarpe) richte, gewiss ferner, dass ciii

bisheriger Genosse Heniberts, Abbo von Soissons. dem König

treu blieb, da er auch während und nach dieser Zeit königlicher

Erzkanzler war, wofür er freilich mit demVerluste der geistlichen

Amtsgeschäfte des reimser Vikariats büsste-'-. Henibert fand

hierfür in Bischof Odalnich von l)ax ein abhiingi geres Werkzeug,

III, 104 ist gegen die Verleihung Karls nach Willi. Tod, will sie aber p. 105

und IV. 79 nach Acfreds Tod geschehen sein lassen; Kalckstein p. 180 lässt

Karl ans dem Spiele und die auvergnatischeit Besitzungen in Folge von Verwandtschaft

auf Ebohis übergehen. Über 1-lairitunds Würde: Flist. d. Lang V,

n. üü, 67, 69; dass er sich daneben auch conies od. niarchio nennt, verschlägt

nichts gegen sein Herzogtum; vgl. ähnliches Schwanken bei Richard von Burgund

s ob. p. 20. andre Analogien bietet auch Waitz, Heitir. p. 110 (E05).

Über Ebolus und Wilhelm: Cart. de S. C yprien de Poitiers ii. 528(orig., 545,

23, 3. 4, 183 u. a.; Besly, h. d. enint. d. l'oicton pr. p. 221, 225; Bq. IX,

578 (UR. n. 20).

1) Flod. 928 p. 377. Flod. Ausdruck denominatum placiturn scheint

auf Compigne hinzudeuten, wo 927 die geplante Zusammenkunft nicht stattgefunden

hatte.

2) Fhd, 928. . 378,11. R. IV, 21, 22 p. 579; entstellt bei Richer 1,

55; UR. n. 11 --14, - Kalck-stein p. 177, Leibniz p. 386.


das für seine Thätigkeit mit der Abtei des heiligen Timotheus

und einer einzigen Pfründe abgefunden wurde; der Einfall der

Saracenen Abdurrahmans III. nach dem Siege im Val de Junquera

über die Könige von Leon und Navarra hatte ihn aus seinem vaskonischen

Bistum vertrieben').

In neue Verwicklungen drohte um jene Zeit Boso seinen

Bruder zu stürzen; einer der unruhigsteii Köpfe in Lothringen,

war er wieder einmal mit seinen Nachbarn in Zwist geraten, da

er geistliche Besitzungen an sich gerissen hatte und selbst seinem

König Heinrich den Gehorsam verweigerte, der daraufhin zugleich

den Weg der Gewalt und der Güte versuchte. Seine Burg Durofostum

wurde belagert, ihm aber Frieden für den Fall seiner Unterwerfung

zugesagt; mit freiem Geleit erschien er vor Heinrich,

schwor Ruhe zu halten und bekam für den zurückgegebnen Raub

andre Güter; zugleich wurde er und itaginar mit (3isilbert und

andern Lothringern ausgesöhnt 2) Die neue Gunst des Herrschers

bewährte sich auch gleich darauf, da dieser sich durch Herihert

und Hu go, die bei ihm erschienen, nicht zu einem feindlichen

Vorgehen gegen Bosos Bruder gewinnen liess, wozu ihn die Rücksicht

auf den eben erst befriedeten Vasallen mit veranlasst

haben mag.

Das Versageii der päpstlichen moralischen und der deutschen

realen Unterstützung machte die Aufständischen zu einem Ausgleich

mit Rudolf geneigt, zumal die Normannen sich nicht

rührten und der zwar karolingisch gesinnte Süden unthätig blieb.

Von Heinrich heim gekehrt reisten die beiden Häupter zu einer

1) Flod. 1. c.; Bq. VIII. lraet. XVI., II. (l, Lan g. 111, 90; Schäfer

Gesch. v. Spanien Hamburg 1844) II, 179.

2 Flod. 1. c.; Heinrich in Lothringen, Juli - Sept. 9P8. vgl. Stumpf,

lieg. n. 22. Durofust wird verschieden gedeutet, SS. 111, 378: IDeift; Kaickstein

p. 178. ()sterley (Histor. geograph. Wflrterbueli d. deutsch. Mittelalters,

Gotha 1883) p. 133: Doveren: Waitz, Ileittr. p. 123 (120) bezweifelt mit Recht

beide Ansichten, und in der Ihat scheint es wenig wahrscheinlich, dass Boso

in jenen Gegenden Besitz gehabt haben solle; seine andern Besitzungen weisen

uns sämtlich in das Flussgebiet der mittleren und oberen Maas und in die

Champagne, desgl. die Beziehungen, in deiieii wir ihn luiiidelnd auftreten sehen.

Freilich vermag ich auf den Dpartenientskarten bei .Joaunc in diesen Gegenden

keinen irgendwie anklingenden Ort, der lautliell auf I)urofostum zurückführbar

wäre, zu entdecken; ebenso wenig gicht der vollständige Dietion. topogr.

du. dp. de in Meuse (Paris 1872) einen solchen Ort, mehrere vorhandene

I)effoy sind keine Eigennamen, sondern Gattungsbegriffe, und bedeuten Wald

oder Sumpf, vgl. Ducange VII. (Gloss. gallic.) s. h. v.

5


--.-66--

Besprechun g mit dem König und das Abkommen kam wirklich

zu Stande, da Rudolf dein Heribert nach erneuter Huldigun g Laon

liess und sieh ihm auch nach andrer Seite (wie gleich gezeigt

wird) entgegenkommend erwies; der unglückliche Karl ward das

Opfer des Friedens: zum zweiten Male verraten musste er die

einjährige Schattenherrsehaft wieder mit der Haft vertauschen 1).

Im Reich Provence Star)) im Laufe dieses Jahres der blinde

Kaiser Ludwig ; der wahre Inhaber der Regierungsgewalt, Hugo,

seit 926 König von Italien, eilte sofort herbei, uni seine Herrschaft

zu sichern, ohne aber den Königstitel für dieses Reich anzunehmen,

denn sein urkundlicher Königstitel bezieht sich, wie die Zählung

der Regierungsjahre ergiebt, auch nach 92 nur auf Italien. Der

legitime Thronfolger Karl Konstantin hatte in den letzten Jahren

seines Vaters die Grafschaft Vienne besessen, aber auch diese

ging ihm jetzt verloren. Seine persönlichen Verhältnisse (wie

überhaupt die des Viennois und Lyonnais) sind sehr unklar und

schwanken in der ganzen Folgezeit zwischen burgundischer und

westfränkischer Oberhoheit; souveräne Herrschaft hat er nicht zu

erlangen vermocht 3)•

ImNovember ist Hugo in Vie.nne und anderwärts nachweisbar

Rudolf suchte ihn begleitet von Heribert hier auf und

letzterer erhielt von dem Usurpator das Viennois für seinen Sohn

Odo. So strebte der erwerbsüchtige Graf seinem Hause im

den eine gleiche Herrschaft zu gründen, wie im Norden; denn

wir müssen dabei im Auge behalten, dass die neue Erwerbung

nicht bloss ein fernes Sprengstück der Besitzungen gewesen wäre,

sondern Heribert als Inhaber von Reims deren schon im burgundischen

Reiche besass, da dem Erzbistum ja 924 sein ausgedehnter

Besitz restituiert worden war; beide Gebiete sollten sich somit

zum Rückhalt und als Grundlage weiterer Ausbreitun g dienen,

Diese Kombination kam aber nicht zur wirklichen Ausführung.

Vienne blieb zunächst in den Händen seines Erzbischofs und

Vicegrafen, von Anhängern Hugos, und bald darauf muss Karl

Konstantin sieh in den Besitz der Stadt gesetzt haben, da wir

1) Flod. 928 p. 378, H. R jy 22 p. 579; Richer L 54.

2) S. oben p. 40, vgl. dazr auch l)ürnrnler Forsch. z. d. G. X,

320, 322.

3) Flod. 928 '. 378. Haetlicke, dt. s. 1. royaunie d. Tlourg. p. 12 lässt

Karl Koiist, 928 zu Rudolf (v. Frankr,) fliehen und 930 Vicnne zurückerobern,

dcsgl. Gingins-la-Sarraz 1. c. VIII, 72 ff, 79 11 IX. 141 fl


67

ihn im Beginn von 931 als deren Gebieter antreffen kein Vermandois

hat iii Vicnne Herrschaft geübt').

Nachdem hierdurch Heribert für den Augenblick befriedigt

war oder doch schien, dachte der König daran, ihn für künftig

seines Drohungsmittels zu berauben und ging nach Reims, wo

Karl in Gewahrsam sich befand, um auf geeignete Weise sich mit

ihm auseinander zu setzen. Nicht schwer wird es gehalten haben,

den beklagenswerten Fürsten zur Zustimmung zu bewegen; er

begegnete ihm auf ehrerbietige Weise als seinem ehemaligen

Herrscher, ehrte ihn durch würdige Geschenke und überwies ihm

das Ki'ongut Attigny und wahrscheinlich auch Ponthion am Ornain )'

wogegen Karl, wie man wohl annehmen darf, seinen glücklicheren

Nebenbuhler als rechtmässigen König anerkannt haben wird. Dieser

Vorgang hat die sonderbarsten, mitunter recht abgeschmackten

Auslegungen gefunden. Die häufigste und noch am ehesten zulässige

ist die, welche ihn einfach auf das Mitleid Rudolfs zurückführt;

sehr sonderbar hat sich Leibniz den Sachverhalt konstruiert

Karl sei Oberlehnsherr, Rudolf habe das Königreich von ihm zu

Lehn erhalten und damals sei auch die Huldigung durch jene

Grafen und Bischöfe erfolgt, die Rollo verlangt hatte - so

künstlich dies ist, so unrichtig ist es auch, da es Flodoards ganz

klarem Bericht des Jahres 98 besonders hinsichtlich der Zeitfolge

durchaus widerspricht. Mehrfach hat man für beide Fürsten reichlichen

Stoff zuiii Tadel in der Begegnung gefunden: Karl wird

als völlig verkommen dargestellt und Rudolf als grausamer Sieger

geschildert, der in eitlem Stolze es sich nicht habe versagen können,

zu dem Unglück, das er über Karl gebracht, auch noch unedlen

1) Flod. 1, e. Die Urkunden gebeit ein Bild des Schwankens der Herrschaft

seit Ende der zwanziger bis Anfang der fünfziger Jahre, wo sich endlich

die transjuranischc Herrschaft konsolidiert hat: Ludwig den Blinden,

Rudolf von Frankreich, Rudolf II. von 11 irliburgund, Hugo, Ludwig IV.,

Konrad sehen wir rasch hinter und zum Teil neben einander genannt; schwierig

wird die Frage besunders durch die Unsicherheit in dcii Datieruiigsepocheu

der einzelnen Herrscher; näher hierauf einzugehen gehört aber nicht in eine

Geschichte Rudolfs. Vgl. Chartul. von Savigny im Lycunais von Ainay in

Lyon, von Cluny, von S. Aiidrd-le-Bas iii Vienne ; Gingitis VIII, 72, s. vor.

Anm.; Hüfter, die Stadt Lyon und die Westhälfte des Erzbisthurns in ihren

polit. Beziehung. z. deutschen Reich u. z. tranz5s. Krone (Münster 1878)

p. 18, 22.

2) Flod. 928 p. 378, H. R. IV, 22 p. 579, Richer 1, 55. Nur letzterer

erwähnt Ponthion; ilies war in der That auch Krongut (vgl. z. B. Ann. Bertiiiiani

858, 861 88. 1. 452, 456 u. a.) und dies auch im 10. Jahrh. geblieben,

Flod. 952 p. 401.

5.


- 68

llohii zu fügen 1). 1lierfir ist auch nicht die leiseste Spur einer

Uegrüiitlung beizubringen, man kann bei unparteiischer Betrachtung

in Rudolfs Schritt nichts sehen als das, was ihm eine richtige

Erkenntnis derLage verschrieb er machte den Gegne r unschädlich

und hielt sich dabei voll Grausamkeit gänzlich frei, uni

den bisherigen Anhängern Karls den zu erwartenden ITebertritt

zum neuen null legitimen König zu erleichtern. Wenn

seine That in dieser Hinsicht die gewünschten Folgen nicht

hatte, so lag das nicht an ihm, sondern an jenen Scheingetreuen,

die nicht sowohl einen Karolinger, als am liebsten gar keinen

König über sich haben wollten, am wenigsten aber einen wahren,

kräftigen König.

Volle Freiheit erlangte Karl jedoch auch durch Rudolfs

Verleihung nicht; vielleicht war es nicht mehr eine strenge (iefangenschaft,

sondern mehr eine Art milderer luternierung mit

beständiger Ueberwachung durch Ileribert; unsre einzige zuverlässige

Quelle Fiodoard meldet nur. (lass der ehemalige König in

Pronne, also in der Gewalt des Grafen, starb, die andern Zeugnisse

lassen ihn im Gefängnisse sterben, zum Teil mit schrecklichen

Ausmalungen. Sein Tod erfolgte am 7. October 929; in

der S. Furseuskirche zu Pronne wurde er bestattet 2)

Jetzt war auch der letzte Vorwand der Südfranzosen die

Unterwerfung hinauszuschieben weggeräumt,d och unbekümmert

darum beharrte man an den meisten der noch widerstrebenden

Orte auch ferner in der Ablehnung; nach Karls Regierung konnte

man nicht mehr rechnen, man nannte daher als Herrscher Gott

oder Christus und zählte die Jahre nach Karls Tod. Vereinzelt

betrachtete man den jungen Ludwig, der in England weilte, schon

von jetzt ab als Nachfolger seines Vaters; in Conques (Rouergue)

1) Ploil. 1. c. Picher 1. e. JGtickstein p. 179; Martin, li. d. Fr. II, I3

Leibniz. A. i. 11, 3; Arbois 1, 105; Georges. li. d, Chainp. p. 280 H. 1.

Lang. III, 106; Borgnet, sur le rL'gne de Ch.-1.-S. p. 50; Lns p. 13.

2) Flod. 929 p. 378; Hugo Flavin. Nec.roi. SS. VIII, 287. Folcuin. g.

a. Sith. c. 102 SS. Xiii. 626: 16. Kai. oc-t. (16. Sept.) Eich. 1, 56 (Todesursache

machronosia, humores noxii). Die lothringischen Quellen geben Karl

meist eine zweijährige Gefangenschaft und 924 als Todesjahr: Cont. Reg, 995

SS. 1, 616; Ann. Lobiciies, denen er als -Märtyrer gilt. 924 SS, Ii, 210. XIII,

233; Leodierises 924 88. IV, 16; Ehion. minor. 924 88. V, 19; Blandiii. 994

SS. Y, 24; Sigeb. Geinblac. 926 58. VI, 347: Cliron. Tornac. 923 Bi1. Viii,

215; Aimoin, Mir. S. Bcii., Bq. IX, 140 (danacit Ohron. S. Benigni, Hugo

Floriac. u. a.) ; 1lit. reg. Franc., SS. XIII, 251; lUst. Franc. Sen. 88. IX, 366

(danach Rich. l'ietav. Chron. B(t. IX, 23, Orderic. Vital., Duchesne Norm. p.

635); Chron, Turon. Bq. D, 31.


69

gab man jedoch die nutzlose Demonstration auf und nahm Rudolf

als Herrn an

1) Cart. de Conques ii. 291, 6, 208, 91, 18, 200 u. a. : oben p. 30:

(all. Christ VI (1739) ccl. 433 Urk. betr. Nimc : a. III quo Ludovicus cuepit

regnare post obitnni regis itodulti, letztrer Zusatz drückt deutlich den Unterschied

von einem daneben üblichen früheren 1)atierungstermine Ludwigs

aus, wie unter Karl: a.....post ohituui ()dunis, unter Rudolf: i....post

obitum Karili. Im Kloster Cannes: a. VIII!. Ludovici et a. 1. quo obiit Badulfus

rex, Mali, Ann. Beil. 1I1..'172 : dieselbe Ansicht auch im . demar SS.

IV, 125, der Ludwig direkt auf Karl folgen lässt. Gall. Christ. 1 instr. coL

6 gicht eine Urk. f. das coenobiuiii Evahonense v. 27. März 936 iiid. VI.

a. VIII. regn. Ludov. 1'rancor. et Aquitanor. rege, es ist also hier Luiwigs

Herrschaft auch von 929 ab datiert doch stimmt md. Vl. nicht: von den

als Zeugeti genannten Personen 'lud wohl fast alle zeitlich passend, wie Gerune,

'I'urpio. Arnold. Odo, hlildegar, Verdacht erweckt Jedoch Guido coznes

Borbonensis, denn unter den Herren voll gicht es uni diese Zeit

keinen Wido und zuerst ein Aiino führt Mitte des 10. ‚Ialirh. die Bezeichnung

als Bourbon, aber nicht als Grat', vgl. J. M. de lx Mure. 1 [ist, des Ducs de

Bourbon et des Comtes de Forez (Paris Lyon i868 p. 141 ; s. auch de

Iastevrie, 1. e. p. 66 Anm.


III. Das Königtum Rudolfs.

Fortschritte des Königs.

Kaum mit seinem König Heinrich ausgesöhnt, hatte Graf

Boso sich in neue Streitigkeiten gestürzt. Mark graf Hugos Schwiegermutter

Rothilde, deren Abtei Chelles 922 Robert und Hugo zum

Losbrechen gegen Hagano mit bewogen hatte, war am 22. März

gestorben; Boso riss Besitzungen derselben an sich und wurde,

da er sie auf Hugos Verlangen nicht zurückgab, von diesem

bekriegt. Dessen Bundesgenosse Heribert eroberte Bosos Hauptburg

Vitrv (im Pert1iois 1), worauf man ihm bis Ende Mai Waffenruhe

zugestand; König Heinrich, an den er sich wendete, setzte

darauf einen feierlich beschworenen Frieden durch. Von Lothringen

richteten die beiden Verbündeten ihre Waffen nach der

Küste und belagerten Montreuil, die Burg Erluins von Ponthieu,

waren aber mit dem Empfang von Geiseln zufrieden ; bald danach

störte gerade Erluin ihre Eintracht. indem er sich Hugo kommendierte,

wogegen Ileribert sich durch den Abfall von Hugos Vasallen

Hilduin verstärkte-).

Seit 925 hatten grössere Unternehmungen seitens der Loire-

Normannen nicht stattgefunden; im Anfang des Jahres 930 wandten

sie sich wieder einmal dem Süden zu irnd drangeii bis in das

Limousin vor. Auch dieseii Gegenden versagte Rudolf (von dessen

Aufenthalt während des Jahres 929 wir nichts wissen) seinen

Beistand nicht, zumal Limousin seit Anbeginn ihm gehorsamte.

1) Diese Stelle zeigt, dass W. Schnitze, Forsch. z. d. G. XXV, 270,

irrt, wenn er erst 935 Boso sieh Vitrvs bemächtigen lässt, indem er die Worte

der Vita Joh. (lors. c. 104 58. TV, 367 Vietoriacum obtinens mit ibm Bericht

der Transl. S. Eugenii c. 21 von einem 'Zuge Bosos in den pagus Lomacensis

bis nach Brogne zusammenbringt; letzteres Ereignis wird zu irgend einem der

Kriege Bosos gebaren, Vity war aber bereits 929 in seinem Besitz, und zwar

wohl reehtmässig, da er es 930 bei der Vermittlung der Streitigkeiten zurückerhielt.

2) Flod. 920 p. 378 11. lt IV. 22, 23 p. 579; KaIckstein p. 179; Barthlniy

(Bibi. d. l'c. d. chart. IV, 2 (_ XVI1) p. 361 sieht schwerlich mit

Recht in der Annäherung Rudolfs au Karl den Grund zum Vorgehen Heriberts

gegen Boso.


71

Bei der Oertlichkeit ad Destricios rieb er ihre Schaaren fast

gänzlich auf und diesem Erfolge reihte sich ein zweiter an: ciii

Teil der Aquitanier, die so des Königs Macht und Schutz bei sich

selbst erfahren hatten, unterwarf sich jetzt'). Auch Aquitanier

hatten an den Kämpfen teilgenommen, an welche die Sage den

Beinamen Wilhelrns von Angoulöme „Sectorferri" anknüpft 2).

Besonders auf diesen Sieg über die Loiretruppe, durch die

Fleury wiederholt gelitten, wird sich Aimoins Lob beziehen, dass

Rudolf durch seine Normannensiege dem Lande den Frieden

zurückgegeben habe und in der Tliat hören wir nichts mehr von

bedeutenden Einfällen dieser Schaar in das Innere Frankreichs

- eines Streifzugs nach Touraine und Berry konnten sich die

Bewohner selbst erwehren (93). \rje sonst folgten auch diesem

Siege von 930 Rückwanderungen flüchtiger Klosterleute. Von

Angoulme kamen die Bewohner von (harioux (Up. Vienne, arr.

Uivray) heim in ihr Kloster. S. Genulf wurde nach Estres (Up.

Indre, arr. ( hateauroux) zurückgebracht, S. Benedikt bezog wieder

sein Fleury, -dessen Gebäude bei Baginolds Besuch der Zerstörung

entgangen waren; ihm aber sollte es daheim nicht wohl werden.

Die Normannennot war beendet, unter den Brüdern jedoch kein

Friede eingezogen; ihre Feindschaft unter einander, ihr unkanonisches

Leben trieben den Vater der Mönche aus seiner entheiligten

Ruhestätte hinweg, wie eine Vision den entarteten Mönchen verkündete.

Diese Zustande benützte ein frommer Graf Elisiard,

U Flod. 930 p. 379; Rieher 1, 57 Chron. Vezeliac. (zu 929) Bq. IX,

Atiemar III, 20 55. 1V, 128 lässt die Schlacht von Rudolf von Burgund

als Bundesgenossen König Odos geschlagen werden, doch ist sie offenbar auf

Rudolf von Frankreich zu beziehen, vgl. Kalckstein p. 180; beide werden ja

vielfach schon im Mittelalter verwechselt, hier ist die Verwirrung erhöht durch

die Verwechslung nicht mit dem zeitgenössischen Rudolf sondern mit dessen

' lt

gleichnamigen Vater; Marvaud hist, des vicomtes de Limoges (Paris 1873) 1,

67 bringt es fertig, Rudolf von Burgund Ode zu Hilfe ziehn und dennoch die

Schlacht 930 stattfinden zu lassen. als Ort nennt er Estresse (prs de Beaulieu,

das im Id. Jahrh. als Seigneurie Dextresse verkomme.

2) Ademar III. c. 218 SS. IV, 127; Stemma cornit. Engolisse. Bq. X,

164; Rieb. Pict. Chron. Bq, IX. 21. Im Frühjahr 930 starb (it. Adernar,

Erneiiits Sohn, der alte Nebenbuhler des Ebolus um den Besitz von Poitou;

nach Ann. Engolisni. SS. IV, 5, Chron, Auitan. SS. II, 253 Adenar -- 4.

non. apr. nach Adern. Cabann. III, 28 85. IV, 126 10 Jahre nach Alduin

von Amigoulirne. der 6 non. apr. 916 starb, weshalb Bit. VIII, 222 Anm.

Ademars von Peiton Tod zu 926 setzen will, während Waitz SS. IV, 196

Anm. bei Adern. Gab. 14 Jahre statt 10 liest.


um sich vorn König die Abtei Abt Lambert war um diese

Zeit gestorben - verleihen zu lassen ; er erhielt sie, berief indessen

bald den'berühmten Beformator Abt Ode von Cluny zur Leitung,

der bereits Massay, I)ols, ilornaiimoutier, Aurillac und Tulle mit

verwaltete und dem es anfangs auch schwer ward, den Trotz seiner

Heerde zu beugen und Fleurvs alten Buhm zu erneuern 1).

Im Norden nahmen die Fehden ihren Fortgang, Markgraf

Hugo ) verlor noch einen andern Vasallen, Arnold von Douay,

an He.ribert und gegenseitige Feindseli gkeiten verheerten Francien,

so dass der König selbst einschritt und durch verschiedene Hoftage

einen Frieden erzielte, in den auch sein Bruder Boso eingeschlossen

wurde; Heribert gab ihm Vitrv zurück, bewog aber

bald darauf Ilosos Vasallen Ansellus, den Befehlshaber der Burg,

zum Abfall, wofür er ihm mit Verleihung von Coucy lohnte;').

Bald folgten dein kleinen Erfolg aber verschiedene Rückschläge;

Hugo gewann Gisilbert mit seinen Lothringern für sieh; vereint

bezwang man Douay 4 , doch erhielt sich Heribert seinen Anhänger

Arnold durch Begabung mit Pöronne. während mit I)ouay von

Hugo Graf Rotgar belehnt wurde ; gleichzeitig fiel Vitr y wieder

in die Hände seines Herrn, der sich mit List auch Mouzons bemnächtigte,

es jedoch gegen Weihnachten wieder verlor, da T-Ieribert

seine Entfernung benützend heimlich heranzog und unter Beihilfe

seiner Freunde in der Burg, die ihm nach unerwartetem Ueberschreiten

der Maas verräterisch ein Thor öffneten, sich in den

Besitz setzte und die bosonischen Leute gefangen nahm 5).

1) Rieli. Piet. 1. c.; Trauslatio S. Genulli Hil. IX, 144; Aisnoin, Mir. S.

Bei). Bq. IX, 139; Vita Odonis, auct. Johanne., III c. 8 Acta S. 0. B. saec.

V p. 182; UR. n, 29; Ljlj. de div easib. coen. Perveiisis c, 9.. Mab. Acta

S. 0. B, asec. II p. 847 7 848.

2) Hugo Teilnahme ans limousinisohen Zug. die Kalekstein p. 181 nach

der Urk. Hugos bei Bourges 3. Mai 930 annimmt, ist miiglic.h. seine Abwesenheit

aus Francien um jene Zeit auch durch Arnolds Abfall wahrscheinlich;

unrichtig setzt er dagegen die Bestätigung der Prekarieurkunde für Kenigin

Emma (s. ob. p. 58) auch in diese Zeit; sie ist vom 15. April des VIII. Jahres,

also 931, Mabille Pnncarte ]loire n. 98 (md. n. 138).

3) Völlig verkannt ist die Sachlage in der Flodoardübersetzung bei

Guizot, Collect. 41. rnm. relat. i l'hist, cl. Fr. V. (Paris 1824) p.544.

4) Vgl. Ka]ckstein p. 182 Aiim. 2.

5) Flod. 930, 931 p. 379. 11, R. LV, 23 p. 580. - Kalckstein hat sieh

durch Barthlmys Aufsatz über das l)Iinnojs (Bibi. d. l'ic. d. chart. IV, 11

xVlli p . 351-368) verleiten lassen, das Chron. Signiacenec oder Maceriensc

des Abtes Alard de Geunilaco bei diesen Kämpfen (p. 182) und noch ander-


73

Seit der Erlangung der gesetzlichen Alleinherrschaft nach

Karls Verzicht und Tod stieg Rudolfs Stern immer höher; der

Ausbreitung seiner Macht über einen weiteren Teil Aquitaniens

(930) folgte 931 zu Anfang des Jahres die Rückgewinnung eines

ehemaligen Reichsteiles im Südosten. Er zog vor Vienne und

dessen Besitzer, sein Neffe Karl Konstantin nahm seine Oberlehnsherrlichkeit

an, ohne dass also der König auf die Vergabung an Odo

von Vermandois noch Rücksicht nahm, da bereits wieder ein gespanntes

Verhältnis zwischen ihm und Heribert infolge des

Krieges mit Hugo eingetreten war. Nach erhaltenem Treueid

Karls zog Rudolf zurück und dann nach Tours zu Markgraf Hugo;

für den 4. März ist seine Anwesenheit in der Klosterburg S.

Martins durch eine Urkunde für dessen Kanoniker bezeugt' ' ).

Bald darauf wurde seine Rückkehr nach Burgund nöti, wo

ein bisher treuer Vasall, Gislebert (von Vergy), der Sohn des

Grafen Manasse, durch einen Uebergriff der Königin zum Abfall

gedrängt wurde. Emma, wie früher erwähnt, eine sehr kräftig

auftretende Fürstin, hatte ihm die Burg Avallon genommen; aus

Fiodoard ist nicht recht deutlich, ob mit Unrecht oder nicht, doch

scheint eher das erstere der Fall zu sein, da einerseits Flodoard

nichts erwähnt, dass der Graf vorher gewaltsam die Burg an sieh

gerissen habe und wir andrerseits Belege haben, dass auch der

Königin solche Gewaltthaten gegen den Besitz Andrer, wie sie

wärts (167, 185, 225 ii. a,) stark zu benutzen, dasselbe ist aber bereits 1820

von Brial {in der Hist. lit&. d. 1. Fr. XV, 596 ff.) und 1859 von Wattenbach

(in Pertz' Arch. d. Ges. f. adt. dtsch. Geschk. XI, 211 ff.) als untergeschoben

erwiesen worden Longnon, der im ersten Teile seiner trefflichen Abhandlungen

sur les pagi de la Gaule (1869, Bibl. d. Ne. d. haut. dt. fase. 1,

8 ff.) ihm auch noch gefolgt war, hat es im zweiten Teil (]872 ib.

fase. XI. 123 ffi eingehender als die vorgenannten geprüft und als elendes

Machwerk aus dem Ende des 17. oder Anfang des 18. Jahrhunderts erwiesen.

1) Flod. 931 p. 379; UR. n. 13. -- Karl Konstantin soll sich die Geneigtheit

seines Oheims im ai1uitanischen Normannenkrieg erworben haben,

vgl. Kalckstein p. 182, Gingins 1. c. VIII. 82 if,, der Karls Tapferkeit mit den

schönsten Farben ausmalt doch ist dies reine Hypothese, da ja selbst seine

Anwesenheit beim westfränkischen König nach 928 nur wahrscheinlich und

nicht sicher ist und die Kenntnis von seinen Tliaten gegen die Normannen

ohne Zeitbestiniinung nur auf der allgemein gehaltnen und dabei sehr bedenklichen

Stelle Ricliers II, 98 beruht, dessen andre dortige Angaben über Karl

erwiesener Massen falsch sind, vgl. Gingins 1. c. Nach Martin. h. d. Fr. Ii,

514 (desgl. auch Bq. VIII, 186 Anm.) soll Karl Vieirne als Lehen des trans-

‚jnranischen Königs besessen haben, als der Westfranke ihn zur Unterwerfung

nötigte. H. d. Lang. III, 109; Hülier, 1. c. p. 19.


74

damals so vielfach von den Grossen geübt wurden, nicht ganz

fremd waren'). Eine ähnliche Handlung wie gegen Gislehert

glaubte Emma auch gegen den heiligen Germanus von Auxerre

wagen zu dürfen. Da die Erzählung für ihre Zeit sehr bezeichnend

ist, mag sie hier eingefügt werden: dem König Rudolf. einem

vortrefflichen Fürsten, machte seine Gemahlin durch übles Reden

und Thun viel zu schaffen; einst eignete sie sich gewaltsam die

villa Quinciacus im Nivernais an, ein Gut des S. Germanus, und

verlieh sie den Mannen ihres Gefolges. Doch bald ereilte sie die

rächende Hand des Heiligen, der sie durch einen Starrkrampf der

Zunge als des Gliedes, mit dein sie viel gesündigt, bestrafte und

zur Reue zwang. Mit zahlreichem Gefolge erschien sie im Kloster

und erlangte nach der Spende zweier kostbarer Spangeis ihre Gesundheit

wieder; zugleich soll die Begebenheit bei ihr eine gründliche

Besserung bewirkt haben-).

(islehert und sein Genosse im Aufstand, Graf Richard, der

Sohn Warners (wohl des Grafen von Sens, der 95 bei Chaumontle-Bois

fiel), leisteten in ihren Burgen Widerstand, den Rudolf

einstweilen nicht brechen konnte, da neue drohendem Verwicklungen

in dem fortwährend giihrenden Norden ausgebrochen

waren

Boso hatte, da es mit Heribert zum Frieden gekommen war,

neuen Streit mit seinem Herzog Gisilhert und verlor an ihn seine

Burg Durofost.um; bald darauf schlossen Heribert und der Lothringerherzog

ein Bündnis, wodurch sich Boso zum Abfall von

Heinrich, bei dem Gisilbert als Schwiegersohn in Gunst stand,

veranlasst fühlte und sich an seinen Bruder anschloss. Seine

1) Flod. 1. e. Kalelstein verlegt p. 181 unrichtig die Streitsache von

Avallon in das Jahr 980, und p. 183 bringt er sie zum zweiten Male zu 931.

) An der Begebenheit wird sieh nicht zweifeln lassen; die Quelle,

Appendix Mirac. S. Germani Autissiod., ist von einem Mönch von S. (eruiain

im Anfang des Il.Jahrh. verfasst, der die zwei Spangen, die wie viele derartige

Wertgegenstände im Mittelalter für ein Werk des Eligius, des heiligen

Bischofs von Novon galten, als noch am Schrein des Heiligen hängend beschreibt

wo sie die Geberin eigenhändig befestigt hatte. Dass die einfache

Tliatsahe der Entziehung und Rückgabe des Gutes noch mönchisch mit einem

Wunder verherrlicht und mit dciii Klatsch späterer Generationen über eine

gewisse Untugend der Küiiigin unik-leidet wurde, raubt ihr nichts von ihrer

Glaubwürdigkeit. App. Mir, in d. Bibi. Tust, de F Yonne II p. 197 198. -

Quinciacus ist eins der Cmucv im Ibp. Nivre ‚ arr. Claineey, s. I)ict. topogr.

d. (Vp. d. 1. Nivre (166, Paris).

3) Richard, Sohn Warners. s. IM. im Rec. d. ehart, d. Cluny 1, ii. 726

vgl. auch Gingins (les Hugonides) 1. c. D, tabi. IV.


Rückkehr von letzterem benutzte er zu einem Racheakt gegen

seinen Nachbar Bovo von Cliülons, der die Verstümmelung einiger

Leute Bosos seitens bischöflicher Vasallen durch Eroberung und.

Einäscherung von Chilons büsste und dafür nun zu Heribcrt mit

dem wir ihn schon 925 in Beziehung sahen) übertrat 1)• Auch

Arnulf von Flandern suchte in der allgemeinen Zerrüttung zu

gewinnen, er entriss Botgars von Laon Söhnen das ihm günstig

gelegene Mortagne, welches also nach seiner Zerstörung durch

Heribert (928) wieder an sie gekommen war 2).

Jetzt rückte der König in Francien ein und trat für Hugo

auf, worauf Heribert mit seinem offnen Abfall nicht länger zurückhielt.

Seine Burg Doullens erlag dem königlichen Heere, das

darauf Arras einschloss, 1-Teribert kam mit lothringischen Hilfstruppen

unter Gisilbert zum Entsatz heran, ein Waffenstillstand

bis zum 1. Octob(,r verhinderte aber den Zusammenstoss und

beide streitenden Teile zogen sich zurück. Da brach Heriberts

Besatzung in Reims dcii Vertrag, indem sie Hugos Burg Braisne

an der Vesle, die er vom Erzbistum Rouen zu Leben trug, bei

einem Streifzug zerstörte 3).

Dies bewog Rudo1f 1 zu einem energischen Vorgehen gegen

diesen einen Hauptstützpunkt der feindlichen Macht. Verbandlungen

mit Klerus und Bürgerschaft von Reims über die endlich

vorzunehmende Wahl des Erzbischofs führten zu keinem Ziele, da

man in der Stadt, freiwillig und durch Heriberts Gaben gewonnen

oder durch seine Besatzung gezwungen, an der provisorischen

Wahl und Nonuination des Kindes Hugo festhielt, die man nach

Kirchenrecht nicht umstossen könne. Daraufhin rückten der König

und der Markgraf mit ihren Truppen in das Gebiet von Laon

und Reims ein, wo sich jetzt schon die Wirkung dieser entschlossenen

Schritte darin äusserte, dass Einzelne die Sache des

Vermamlois verliessen und sich zum heranziehenden Heere he-

1) 1'lo&l. 931 p. 379. Ende 932 (Flod. 932 p. 381) lag er wieder mit

einem geistlichen Herrn in Fehde, dein Bisehut Bernuin von Verdun.

2) Flod. 1. c. s. oben zu 928.

3) Flod. 931 . 380, H. R. IV : 23 p. 380; Richer 1. 58 lässt auch

Arras genommen irnd durch einen Treueid dem König gesichert werden. -

Arbois de Jubainville 1, 109.

4) 111 diese Zeit gehört höchstwahrscheinlich IJH. 14 aus Compit"gne

vom 7. Okt. des X. (leg. IX.) Jahres; vor dein 1. Okt. geschah die Unternehmung

gegen Arras, in der zweiten Hälfte des Oktober war der König in

Attigny, da um jene Zeit (24. Okt.) die Verhandlungen mit Heinrich statthatten,

in das Itinerar fügt sich somit bequem Compiägne mit dem 7. Oktober

ein; vgl. ferner Anm. zu UR. 14.


- ‚

413

gaben; Artold, ein Mönch von S. Reiny, suchte damals Hugo auf

und scheint sich seine Geneigtheit erworben zu haben, die ihm

bald Früchte tragen sollte. Als die Lage so ernst wurde, hielt

es Heribert für gut, sich auswärti ge Hilfe durch Übertritt aus

der französischen in die deutsche Lehnsahhängigkeit zu verschaffen,

er suchte Heinrich in Lothringen auf und huldigte ihm. Rudolf

war jedoch auf seiner Hut; er selbst rückte bis Attigny nach

Osten und sandte Hugo weiter zu Heinrich, dessen Aufenthalt in

Jvois am 24. Oktober i) sich gut mit der Zusammenkunft vereinigen

lässt, Die Sendung war nicht erfolglos: man traf ein

Abkommen, das sich Heinrich von seiten Hugos durch Geiseln

sichern liess, von einer Intervention zu Gunsten seines eben gewonnenen

Vasallen Heribert war ferner keine Rede, sondern er

ging über den Rhein zurück. Es könnte auffallen, dass der deutsche

König sich diese Gelegenheit zum Eingreifen entschlüpfen liess,

dass er sogar dein feudalen Herkommen zuwider seinen Mann

nicht unterstützte, wozu er als senior verpflichtet war, sobald er

einmal die Huldigung, sei es nun allein für dessen Person 2) oder

mit für dessen Besitz, angenommen hatte ; es ist wahrscheinlich,

dass er wichtigere Vorteile gegen das Preisgebendes unbeständigen

Grafen eintauschte, und zwar die Anerkennung seiner Herrschaft

in Lothringen. Bisher hatten der Sach s e und der Burgunder sich

feindlich gegenübergestanden, noch beim letzten Aufstand der Jahre

927, 92 hatte Heinrich auf Seite der Empörer sich befunden und

erst zuletzt ihnen thätige Beihilfe versagt, seitdem ist nichts von

einer Annäherung beider Fürsten bekannt; hier geht nun Heinrich

so bereitwillig auf die Vorschläge des Gegners ein, dass die Annahme

unmöglich ist, ein so verständiger Herrscher wie er würde

dein Gegner diesen wichtigen Dienst geleistet haben ohne entsprechende

Entschädigung, die ihm jener wohl durch den Verzicht

auf Lothringen gewährte 3). Rudolf hatte in den letzten Jahren

1) Flod. 931 p. 380, H. R. IV, 24 p 580: Ann. Augieiises 931 SS. 1,

69. Stumpf, Reg. ii. 34. M. G. DD. (Di1i1iri. 1. 65 n. 30. Kalckstein p.

185: Waitz, Heinrich p. 144 (141 3; : Leibniz. A. i. 11. 410. Ivois oder Jvcy

Carignan) am Chiers, Up. Ardennes, arr Sedan, iialtc der iieutschfranzsischen

Grenze des Mittelalters, war überhaupt ein beliebter Zusainin(!jikunitsort der

Herrscher beider Reiche und wurde in der Folgezeit wiederholt gewählt. vgl.

Waitz, Verfass. gesch. V, 137 Anm. 4.

2) So fasst Kalckstein 1. c. die Huldigung.

3) Flod. Worte pacta securitate weisen ziemlich deutlich auf die Art

des Vertrags hin. es wurde von beiden Seiten Sicherheit verabredet, Heinrich

also im gegenwärtigen Besitz Lothringens sicher gestellt.


iE

begonnen sein Königtum im Westreiche selbst züi festigen und

gab daher Lothringen jetzt auf, das seit Karls des Kahlen Zeit,

obwohl stets eifrig erstrebt, immer nur ein prekärer Gewinn für

Frankreich gewesen war, wie er ja selbst in seinen ersten Jahren

hatte erfahren müssen; Heinrich andrerseits musste an einem

förmlichen Verzicht des Frankenkönigs liegen, da ein solcher seiner

Stellung im Zwischenreiche zu gute kam i Bisher hatte ei' zum

'l'eii kraft seines Rechtes der Eroberung, zum Teil infolge des freiwilligen

Anschlusses der Lothringer geherrscht, R.üekfallsgelüste

bei irgend welcher Veränderung der gegenseitigen Stellungen

waren bei den fortdauernden Berührungen zwischen den französischen

und lotliringischen Herren nicht ausgeschlossen, wie Bosos

Beispiel zeigt 2), der eine Zwittersteflung einnimmt, da er deutscher

Vasall für I)urofost u. a.) und französischer (für Vitry u. a.) zugleich

war; durch die Verständigung der Oberherrn wurde ein

solches Hin- und Herschwanken erschwert oder doch die friedliche

Beilegung beim Eintritt eines Abfalls erleichtert.

Gegen die Gefahr von aussen gesichert, zog der König mit

einem stattlichen Heere vor Reims, Hugo, Boso und zahlreiche

andre Grafen und Bischöfe befanden sich bei ihm. In Cormicy

war das königliche Hauptquartier, die Mannschaften wurden in der

Nachbarschaft in die Dörfer verteilt und lagerten in weiter Ausdehnung

bis nach Bouffignereux im Gau von Laon hin 3) Die

ihn begleitenden Bischöfe drangen nun in Rudolf, dem unkanonischeii

Zustand einer so langen Sedisvakanz ein Ende zu machen,

und leicht ging er darauf ein, da er hier die Pflicht des Schutzherrn

der Kirche mit den politischen Beweggründen auf das beste

vereinigen konnte; ei' liess daher durch reimser Klerus und Laien,

soweit sie schon offen zu ihm übergegangen waren, im Lager die

Wahl vornehmen; auch von manchen in der Stadt Befindlichen,

1; Waitz' Darstellung p. 144 (142) ist eine andre, erscheint aber der

Lage weniger angemessen der Grund, Rudolf habe in der letzten Zeit keine

A,is1riiche erhoben, involviert doch keineswegs einen Verzicht, und früher

kann dieser nicht stattgefunden haben: dass er aber jedenlalls stattgehabt

lit, beweist die im Frieden 035 über Bosos Vasallität gctroffiie Entscheidung.

2) Desgl. schon 92I (xisilberte Beispiel nach seinem ersten Anschluss

923 an Deutschland.

3) Flod. H. R. 1. 20 p. 437. Cormicy, dp. Marne. arr. Reims, Beuffignereux.

d :p. Aisne, arr. Laon beide nahe der Grenze der Arrondissements,

NW. von Reims an der Strasse nach Laon, um einen eventuellen Entsetzungsversuch

des Grafen zu hindern. Die Flodoardübersetzung bei Guizot, Cohlect

p. 92 giebt \'ulfiniaci-rivus falsch als Bonfincau, vgl. dagegen Diet, topogr.

du Up. de l'Aisne (Paris 187l v 34


78

die noch nicht mit klarer Parteinahme hervortreten mochten oder

konnten, sicherte man sieh die Zustimmung. Man hielt sich also

formell möglichst im Rahmen der Vorschriften des Kirchenrechts:

dass trotz demder König seinen Einfluss ausübte, der der Krone

ja auch durch den Papst geviUirleistet war. ergiebt sich aus der

Wahl jenes Artold, der damit den Lohn seines rechtzeiti gen Parteiwechsels

erhielt und dessen Lebensstellung als einfacher Mönch

in ihm für das Königtum einen treueren Helfererwarten liess als

in einem Mitglied des landsässigen Adels, das durch allerhand

Familienrücksichten beeinflusst war und dem König selbständiger

gegenübertreten konnte, Diese Wahl, der Zwiespalt im Innern,

die Aussichtslosigkeit des Entsatzes und die Verwüstung der

ausserhalb der Mauern liegenden Kirchengüter machte endlich in

der dritten Woche der Belage rung die noch Widerstrebenden gefügig,

sodass die bischöflichen Vasallen jetzt freiwillig die Thore

öffneten, worauf der neue Erzhischöf die feierliche Weihe in Gegenwart

von achtzehn Bischöfen erhielt ).

Dann erging ein Strafgericht über einen Anhänger Heriberts:

Bischof Bovo war in die Hände der Köni glichen gefallen, angeblich

auf einem Streifzug, und teilte mit seinem Metropoliten das

Laos der Absetzung; Htigo übernahm seine Verwahrung. seine

Würde erhielt ein Geistlicher Milo. Nicht zufrieden mit den

erlangten Erfolgen schritt man weiter zur völligen Demütigung

des übermütigen, gehassten Grafen, Laon kam an die Reihe, wohin

er selbst sich geworfen hatte -- hier mag auch seine Hauptmacht

versammelt gewesen sein, da wir in Reims bei der Belagerung

und Einnahme nicht mehr von seinen Leuten hören. Bald aber

musste er die Unmöglichkeit erkennen, die Stadt zu halten; er

erbat und erhielt freien Abzug, liess aber in der von ihm vorsorglich

errichteten Burg seine Gemahlin, die dem Beispiel ihrer

königlichen Schwester folgend den Bemühun gen der Feinde standhaft

Trotz bot, schliesslich jedoch von ihrem Gemahl ohne Entsatz

gelassen erlag-"). Das Königtum war wieder im Besitz seiner

1-Iauptfestung, Laon und Reims gewährten seiner Sache einstweilen

1) Schreiben P. Jolianne X. 929 1: J3q. IX, 215, 216.

2) Flod. 11, R. IV, 35 p. 586 ist eingehender als die beiden andern

Stellen H. R. IV, 24. p. 580 u. Ann. 931 p. 380, welche die Wahl im Lager

übergehen und nur die Weihe nach der Kapitulation angeben. Riclier 1,

59-61 lässt den Konig eine eindringliche Ermahnungsrede an die Bürgerversammlung

halten, trifft aber (c. 61) für die Sachlage den richtigen Ausdruck;

eives ab rege su as 1, ins s i s regiis concetlunt

3) Flod, 931 p, 380, 11. lt IV, 24 li. 580; Richer 1 69.


79

genügenden Rückhalt und Rudolf konnte seine Thätigkeit nach

entgegengesetzter Richtung entfilten.

In Aquitanien entzweiten Fehden die provinzialen Gewalten

-- sie sollten ihm den Abschluss der Unterwerfung erleichtern.

Den Winter brachte er in Burgund zu, doch verschob sieh das

aquitanische Unternehmen noch durch andre dazwischenkommende

An gelegenheiten. Die bisher im Aufstand befindlichen Burgunder

Gislebert tziid Richard verloren einige Burgen und kehrten bald

darauf zum Gehorsam zurück ).

In Noyon hatte sich mittlerweile nach Airards Tod ciii

Kampf um das Bistum entsponnen, da die Wähler den Abt von

Corhie, Waltbert, verlangten, während ein ehrgeiziger Geistlicher

der Stadt selbst danach strebte und mit UnterstützungGraf Adaich

is von Arras, den er verräterisch einliess, es an sich zu reissen

(lachte. Die vertriebnen Bischofsmannen erstürmten aber zusammen

mit den Vorstädtern die Stadt und der Graf musste sich in die

feste Kirche zurückziehen, nach deren Erbrechung er ohne Scheu

am Altar niedergehauen wurde. Waltbert ward nun von Artold

geweiht und gelangte auch thatsächlich in den Besitz 2),

Während diese Ereignisse Artois und Picardic in Spannung

erhielten, erschien auch der König zu kurzem Aufenthalt in

Francien ): ein rascher Vorstoss brachte Heriberts Abtei S. Medard

bei Soissons in seine }Iand, worauf er nach Burgund zurückkehrte,

da er sein Augenmerk auf den Verlaufder Dinge jenseits der

Loire gerichtet hielt. Und jetzt endlich wurde ihn die Genugthuung,

den so hartnäckigen Süden doch als sein betrachten zu

1) Flod. 932 380.

2) Flod. 1. c.; Richer 1, 63 wird von Kalckstein p. 187 falsch aufgefasst.

Bei Fächer erscheint Adaleim nicht als Genosse Heriberte, sondern als Anhänger

des Königs, wie die Stelle beweist, (lass der Graf nichts davon wusste,

(lass der Küniig dem Geistlichen das Bistum verweigert habe; unter der Grafschaft,

die dieser dem Grafen verschaffen will. ist schwerlich die von Arras

zu verstehen -dort hatte der Bischof von Noyon nichts zu verschaffen -

sondern die von Noyon selbst. So ilichers Auffassung, die freilich auch nicht

zutreffend ist, denn betreffs der Stellung des Adalelm hat Kalckstein wohl

Recht, wenn er ihn für heribertisch gesinnt hält zufolge der Belagerung von

Arras, s. ob. p. 75, die doch nur einem Feinde gelten konnte). Martin h. d.

Fr. II, 516 (ganz unbegründet). - Waltbert war in der Folge unbestrittener

Inhaber von Noyon so z. B. Anfang 934, vgl. Mabillon, de re dipl. 1. Vl. ii.

134. P• 567.

3i Flod. 932 p. 31 Heribert hatte kurz zuvor Hain in Vermainluis

erobert und dessen Besitzer Ebrard, den Bruder Erluins, gefangen genommen.


können. Die drei mächtigsten Herren, die noch in der Ablehnung

beharrt hatten, Graf Raimund Pontius von Toulouse, sein Oheim

Ermengaud von Rouergue und selbst der Vaskonendynast Lupus

Ac.inarius huldigten ihm; meist nimmt man einen Zug Bndolfs

nach Aquitanien an, ohne dass sich dafür indessen ein Beweis

erbringen liesse, es wird daher unentschieden bleiben, ob die

Grossen zu ihm kamen oder er sie aufsuchte. Das wahrscheinlichere

ist mir ohne lUthers Zeugnis hier verwerten zu wollen, der

ja unselbständig ist und nur auf Fiodoard beruht ein ähnliches

Entgegengehen wie 924 (gegenüberHerzog Wilhelm zur

Loire. Die Unterwerfung ist auch durch Urkunden aus fast allen

Teilen Aquitaniens und des Languedoc bezeu gt und man ging

hierbei so weit, dass man nuti Rudolfs Herrschaft offiziell mit

Karls Tod beginnen liess, also das eigne Verhalten in diesen

drei Jahren, die man als köni gslose Jahre in den Urkunden gezählt

hatte, als ungesetzlich bezeichnete 1:.

Per Schritt dieser Herren dehnte Rudolfs Machtbereich bis

zu den Pyrenäen aus, nur die südlich davon liegende spanische

Mark, ein ganz für sich lebendes kleinstaatliches Gebilde, ging

auch fernerhin ihre eignen Wege ; die Erblichkeit der Lehen war

hier, weit weg vorn Sitze der Centralgewalt, völlig durchgedrungen,

so dass die Grafen ihre. Bezirke geteilt auf die Söhne vererbten

wie Eigengut und auch mit 'Ion an sie gekommenen Regalien ganz

nach Willkür schalteten ".

Über die Belohnung der huldigenden Grafen herrscht unter

den Neueren grosse Meinungsverschiedenheit. Das Streitob,jekt

bildet das Herzogtum Aquitanien, das VOffl König noch nicht

vergeben gewesen sein kann; dass Rudolf es deisi Grafen von

Poitou genommen haben sollte, ist nicht glaublich, da Ebolus

fortgesetzt Rudolfs Vasall blieb, der König also keinen Grund zu

einer solchen Massregel hatte, und auch nach 932 Ebolus an ihm

1) Flod 939 p. 3I; iliclier 1. 64; Ull. u. 16. vom Juni (Mai) ans

Anse im Lyonnais nach der Unterwerfung der Aquitanier, da die LTrk. Montoben

im neu erworbenen Gebiete betrifft. H. d. Lang. V. n. 57-63; Gailia

Christ. VI, col. 433, 1085. Die Urkunden mit Datierung nach Karls Tod

gehen nur vom 1. - 3. Jahre; Baluze Capit. II, app. 1535; s. ob. p. 30, 68.

KaIc.kstein p. 186 lässt Rudolf erst 933 nach Aquitanien ziehen. H. (l. Lang,

111, 110 if; Leibniz, II, 418 ii.

2) Gesta comit. Barcinon. Bi1. IX, 69. Im Jahre 911 hatte Graf Wifreil

von Barcelona über sein Münzrecht nur unter Vorbehalt nachträglicher königlicher

Bestätigung verfügt, 934 gab sein Bruder, Graf Suniar von Urgel. einen

Teil seines Anspruchs aus eigner Machtvollkommenheit dem Bistum Girona.

s. Marca Hispanica col. 385, 838, 846.


81

festhielt, vor allem aber weil gar kein zuverlässiges Zeugnis vorhanden

ist, dass er es überhaupt seit 927 oder 928 besass. Dass

hingegen Raimund in der Fol ge es inne hatte, zeigen die Urkunden;

ZD

es liegt demnach die Vermutung nahe, dass ihm der König bei

seiner Huldi gung ell den Herzogstitel zugestand; eine Doppelver-

leihung an Raimund und Ermen gaud zusammen (nach Art ihres

gemeinsamen Principats in Gothien) ist unwahrscheinlich, da Ermengaud

nie den Herzogstitel führt 1).

Rudolf Herr des Reiches.

In Franeieit hatte hugo auch miaeli des Königs Entfernung

den Krieg weiter geführt; mehrere Bischöfe halfen ihm bei der

Bezwingung von Amiens, von wo man sich nach Empfang von

Geiseln gegen S. Quentin wandte, den alten Hauptsitz des Grafen

in seinem Stammlande Vermandois, welchen man zwei Monate

unilagerte, ehe die Uurgmannen kapitulierten.

Der ehemalige Bischof Bovo von (Jhdlons hatte sich während

seiner Haft die Geneigtheit seines Hüters Hugo erworben und

dessen Fürsprache ihm die königliche Gnade und damit sein

Bistum wiederverschafft, in dessen Besitz ihn nun Raubzüge des

Gegenbischofs Milo gefährdeten; Artold trat aber iii die Fussstapfen

seiner Vorgänger und exkommunizierte auf einer Synode mit seinen

Suliraganen den Ruhestöror 2'•

lleriberts Missgeschick führte Herzog Gisilhert leicht wieder

mit dem früheren Genossen Hugo zusammen, die Lothringer belagerten

1'ronne, da aber wiederholte Sturmangriffe nur mit Verlusten

endeten, gab der Herzog nach einer durch Hugo vermittelten

Zusammenkunft mit Rudolf die schwierige, wenig Gewinn vorsprechende

Unterneinnung auf und zog heim. Der König, der in

diesen Kämpfen eine eifrige Thätigkeit entfaltete, kam gegen Ende

des Jahres nochmals selbst herbei und ein weiterer Platz im

Vermandois ‚ Hain, musste von ihm und Hugo belagert Geiseln

stellen. Die Lage des Rebellen verdüsterte sich mehr Ufld mehr;

1) Urkundliche Belege für Ebolus und Raimund s. ob. p. 61 Anm., für

Ermengaud Catel, h. d. conit. d. Tolose p. 84, 85 (II. d. Lang. V. n. 59

ach 11. d. Lang. 111, 111 erhielt Raimund Velai und Auverguc, Eriiiengand

G * vaudart ‚ die letztere Verleihung nehmen auch an Kalckstein p. 186.

Gfrörer, Gregor, IV, 17.

2) I'lod. 932 p. 380; vgl. auch Kalckst&iii p. 486.


Von stärkeren Festungen blieben ihm in seinem nördlichen Gebiete

unbestritten nur noch Pronne und Chateau -Thierry, denn auch

Arras, zwar nicht ihm selbst, aber seinem Genossen Adaleim gehörig,

war an Graf Arnulf von Flandern verloren gegangen, der

sich wohl Jenes Tod in Noyon zu nutze machte, und in Laoii

schob man etwaigen Versuchen T-Eeriberts zur Wiedergewinnung

einen Riegel vor, indem man bei Gozberts Tod den Ingram zum

Bischof machte, der als Dekan des königlich gewordenen S. Mcdardusklosters

sich wohl als königstreu gezeigt hatte 1).

Seine hoffnungslose Lage liess T-[eribert, trotzdem ilun 931

der deutsche König nicht beigestanden hatte, dennoch bei diesem

die letzte Hilfe suchen, aber das ganze Jahr verging unter wechselvollen

Kämpfen, ohne dass deutscher Beistand ihn geschützt, da

Heinrich durch den Ungarnkrieg und dann mit Ordnung innerer

Verhältnisse beschäftigt war,

Gleich der Jahresanfang brachte einen neuen Schlag ‚ wenn

auch nur moralischer Art. Die Erhebung Hugos, Herihert Sohnes,

hatte seiner Zeit Johanns X. Genehmigung erhalten; sein Nachfolger

Artold strebte alsbald sich gleichfalls eine derartige Sanktion

seiner immerhin etwas bedenklichen Würde zu erwirken. Beim

Eintreffen der Beimser Gesandten Giso und Amairich war Johann XI,

in den Händen seines Bruders Alberich; aber seine geistlichen

Funktionen durfte er unter Aufsicht des Herrn von Rom weiter

verrichten und so erhielt denn Artold anstandslos mit dem erzbischöflichen

Pallium seine Bestätigung!).

Nach dem Zuge gegen Hain war der König nach Burgund

zurückgekehrt, da in der Provence die Dinge einen den westfränkischen

Interessen ungünstigen Verlauf zu nehmen drohten.

König Hugo von Italien war in einer staatsrechtlich unklaren

Stellung Inhaber der Macht im grössten Teile des Reiches Provence

geblieben; einen offiziellen Herrscher gab es nicht, da er

selbst nicht burgundischer König war. Sein Nebenbuhler um die

Lombardenkrone, Rudolf 11, von Hochburgund, plante um ‚jene

1) Flod. 032 p. 380, 381. Leibniz II, 420. Ann. Elnonens. min. SS.

N 719, Blandiniens. ib. 24 Cliroii. Tornae.ense Bu1. VIII, 25.

2) Floi.1. 989, 033 p. 381, H. R. TV, 24 p. 580; Lintprand Antap. III,

45 88. III, 313; Widuk. 1, 39 88. III, 435, Waitz 1. c. p. 151 (149). --

Das bei Flod. 938 in den Kämpfen zwischen Ilischof iiicl,ar von Lüttich und

Graf Bernhard genannte Harceias ist nicht Ilarcis, wie Kalekstein p. 188 Anm.

1 itieint, sonderii Arches, das jetzige Charleville an der Maas, welchen Namen

es 1806 nach seinem Besitzer Karl von Gonzaga erhielt, vgl. Longnon 1. c.

fase, XI. . 79.


83

Zeit einen neuen Zug zur Rückeroberung Italiens; da entschloss

sich Hugo durch Verzic.htleistung auf seine anfechtbaren Machtbefugnisse

in Burgund sich den Besitz des italienischen Reiches

zu sichern: er überliess dem Hochburgunder seine Ansprüche mit

Vorbehalt einiger Besitzungen, wofür dieser die seinen auf Italien

hingab. Die Ausführung dieser Bestimmungen musste aber der

Ausübung westfränkischer Hoheitsrechte in dem verwaisten Lande

ein ernsteres Hindernis bieten als bisher die Macht des fern in

Italien stark in Anspruch genommenen Hugo; die Behauptung von

Vienne selbst musste fraglich werden. Rudolf rückte deshalb

wieder die Rhone herab und ergrift von der Stadt Besitz; es

scheint also, als sei sie nun durch eine königliche Besatzung

gedeckt worden, während bei dem ersten Erscheinen des Königs

dein Fürsten KarlKonstantin der Schutz der Stadt überlassen

worden war. Auch einige Urkunden Rudolls deuten auf den Besitz

hin, welche dem Titel rex Francorum jetzt zufügen Aquitanorum

et Burgundionum, was nicht auf sein Herzogtum gehen kann -

dies hat nie für ein Königreich im Königstitel gegolten sondern

auf das Reich Provence, dessen Hauptstadt er besass, denn das

war Vienne unter Boso und Ludwig gewesen').

1) Flod. 933 p. 381; Liutpr. III, 47, SS. III, 314; UR. 20, 22. Gingins

1. c. VIII. 84, IX, 166; Hüffer p. 16; Pflinmler, Kaiser Otto d. Ui'.

(Leipzig 1876) p. 110; Leibniz II, 438 (zu 935). Der Bec. de eliart. de Cluny

hat zwei Urk.. 1, n. 437 vom Mai, ii. 439 v. Okt. a. 11 regnante Radulfo rege

Viennense. Ihre Zugehörigkeit ist zweifelhaft, der Herausgeber Bruel will sie

(Bibi. d. l'c. 4. eh, 40 (1880) p• 339) Rudolf Il. zuweisen, Sie gehören Liner

Gruppe von Urkunden an, die die Familie einer Bie]iilde in Vienne oder im

Viennois betreffin und in Vicime selbst von demselben Schreiber (resp. seinem

Beauftragten) ausgestellt sind: n. 338 aus dem 28. J. K. Ludwigs (928, ii.

417, 439 aus dem 2. J. Rudolfs, 476 aus einem Interregnum, 670 W! (tome

ir, addit. p. 7513,aus dein J. Kg. Konrads v. Burgund, 686. 687 aus dein

. J. Konrads; dass letzterer Vieniie besass, ist sicher, für seinen Vater ist

dagegen kein Beweis zu erbringen, wohl aber wissen wir es für 931 ii. 933

voi) ]tud. v. Frkr., und hören nicht, dass es zu seiner Zeit dciii Westreiche

wieder verloren ging, während in den Zeiten der Bedrängnis Ludwigs IV.

dies leicht eintreten konnte, wie in andcreii Landesteilen, vgl. Ilaedicke s. 1.

roy. d. Bourg. et Prov. p. 25 fr, Hiiffi.r p. 20. Dass später die transjuranischeit

Könige als Herrn von Vienne dcii Titel rei Viennerisis führten (vgl. Cart. de

l'abb. 4. S. Aiidri-le-Bas de Vienne ii. 98, 102, 113, 116, 120. 122), erlaubt

noch nicht, den Rudolf, der schon früher den Titel hat, für den transjuranisclien

zu erklären, sondern besagt nur, dass er gleichfalls . Herr von Vienne war; iii

Lokalurkunden wie in diesen hier kanin der Titel mit voller Berechtigung auch

6*


84

Unmittelbar darauf eilte der rastlose König nach Norden

zurück und das letzte Gebiet des eigentlichen Frankreich (abgesehen

von dem gerade in Empörung begriffeneii Verrnandois:, die

Normandie, gab endlich auch nach : der junge Herzog oder richtiger

Markgraf Wilhelm wurde Vasall Rudolfs und sein Gebiet dafür

durch Hinzurerleihung von Teilen der bretonischen Nordküste erweitert.

Diese Ecke des Reichs war von inneren Fehden auch

nicht frei geblieben; 931 war am S. Michaelstage ein grosser

J3retonenaufstand ausgebrochen, um durch normannischen Massenmord

das Land zu erlösen '). l)em kurzen Aufflackern Auffiackern folgte aber

bald um so tieferes Erliegen unter den rachsüchtigen Siegern,

indem der Häuptling Ingo, wohl der Nachfolger Raginolds, der

unsern Blicken seit der Verwüstun g Fleiuvs entschwindet, mit

seinen Loire-Normannen die Bretagne schrecklich heimsuchte und

behauptete. Auch die Seine - Normannen scheinen nach Rollos

Tod durch den Aufstand mit berührt worden zu sein, wenigstens

hören wir von gegenseitigen Kriegszügen der Bretonen und

Wilhelms, welcher schliesslich die Oberhand behielt, wodurch

aber keineswegs eine definitive und vollständige Unterwerfung der

Bretagne erzielt war, denn selbst von den erlangten bretonischen

Gebieten ging eiii Teil hei dem siegreichen Aufstand des Grafen

Alan Barbatorta unter angelsächsischer Hilfe wieder verloren.

innere Unruhen fehlten nicht, da die neuen feudalen Herrschaftsbegriffe

noch nicht voll zum Durchbruch gekommen waren und

die Umwandlung der alten Häuptlingswürde in ein strafferes Lehnsfürstentum

und das Eindringen des Frankentums manchen Widerspruch

fand; die Aufständischen wurden jedoch von Wilhelm besiegt

2). Gerade die noch vorhandne Unsicherheit seiner Herrdem

Westfranken als ilirent Künig gegeben werden - ein ganz analoger Fall

ist der Titel rex Aqnitanoruiii für Rudolf in Urkunden von Brioude ohne den

Zusatz Francorum; Cart, de Brioude n. 155, 63, 137, 232: man kennte hierin

einen Ausdruck des in allen Gebieten thatsächlich vorhandnen Partikularismus

sehen. Ich nehme daher jene beiden TJrk. des Ilec. d. Cluny als auf westfr2ukische

Oberhoheit bezüglich in Anspruch, wie solche sich mit Flol. vereinigen

lässt.

1) Ein Vorläufer der zwei berühmteren Normannenmorde des Mittelalters,

der S. hlricciusnacht, 13. Nov. 1002 in England, und der sidiischen Vesper,

30. März 1282.

2) Flod. 931, 933 p. 380, 381 ; Gedicht auf Herzog Wilhelms Tod, Bibl.

d. l'c. 3. eh. 31. 1870) p. 394, 399; Duclo, ei, Lair p. 76. 174, Orderic., Vital

Duehesne, Norm. i» 368 571 1 619. In obigen Grundzügen wird man den


S 15

schaft wird den Markgrafen um so leichter geneigt gemacht haben,

sieh wenigstens die formale Berechtigung durch königliche Belehnung

zu verschaffen.

Mit einem ansehnlichen Heere legte sich der König darauf

vor Chateau-Thierry, dessen Schloss sich über der im Marnethal

liegenden Vorstadt auf einer Anhöhe erhob. Die Königin begleitete

ihren Gemahl, welchem besonder3 geistliche Herren Heerfolge

leisteten, so dass die Metropoliten von Tours und Reims die Anwesenheit

mehrerer ihrer Suifragane und einiger burgundischer

Bischöfe zur Abhaltung einer Synode benutzten während der Belagerung,

welche sechs Wochen beanspruchte; auch dann fiel die

feste Burg nicht durch Gewalt, sondern durch Parteiwechsel des

Befehlshabers Walo, den man für die der Königin geleistete Vasallität

im Besitz liess 1

Ham, das im Vollabre dem König sich unterworfen hatte,

war wieder offen zu 1-leribert zurückgetreten, der seinem Sohn

0(10 den Befehl daselbst übertrug; die Gebiete voii Soissons

und Noyon hatten auch bald unter seinen Streifereien zu leiden.

Nur vorübergehend glückte ein Handstreich des Grafen auf

S. Quentin, wo die Abgeneigtheit der Einwohner, für den neuen

normannischen historikern entschieden folgen dürfen; auch beim Antritt von

Wilhelms Sohn Richard wiederholten sich die Aufstände. Das Chron. Turon.

Bq. IX, 51 gicht nicht (wie Kalckstein p 188 Anm. 2 sagt) 931 als Todesjahr

Rollos. sondern setzt dies in Heinrichs viertes Jahr, d. lt. nach seiner

Z5]iliing 923/24, da 925 mit dem sechsten Jahre identiti(iert wird. Erst das

daraus excerpierte Chron. Turon. abbrev. Salmon. Chrori. dc Touraine, Tours

1854) setzt Inkarnationsjahre hinzu, berechnet sie aber nach den Angaben

der Vorlage und setzt deingemäss auch Rollos Tod schon zu 923. Chron.

Nanntet. Bq. Viii. 276; Adetnar in, 27. SS. IV, 127. De1ping II, 149 ff.

schildert Wilhelm „Langschwert" (Longa-Spata) allzu sehr nach Dudos

niönchisehier Auffassung; wir müssen auch hei diesem in Rechnung ziehen,

was Maurenbrecher, de histor. X. saec. scriptoribus für die geistliche Geschichtsschreibung

des Mittelalters bemerkt p. 7, 8, 91. Licquet 1, 106 ff.;

tmürer, Gregor VII, 111, 172 11; Lair, 1. c. p. 79 Ir; Dümmler, Forsch. z. d.

(1. VI, 377; Büdinger, Sybels Hist. Zeitsehr. Bd. 3 p. 359; von Amira, ib.

Bd. 39 (N. F. 3) p. 261 Ii (über den markgriUlichen Charakter der Normandie

für diese Zeiten p. 262).

1) Flod. 933 p. 381, H. II. IV, 24 p. 580. Poquet, lt. d. Chat.-Thierry,

1 p. 42, 43 gicht einige weitere Details aber ohne Bezeichnung ihrer Entlehnung,

und lasst schliesslich nach Weggang des Königs die Belagerung von

Emma geleitet werden, wozu jene Huldigung an sie keinen Annahmegrund

bietet.


80

Inhaber Hugo zu kämpfen, ihm am dritten Tage die Erstürmung

erleichterte, da die hugonische Mannschaft allein zu schwach war;

er gewährte ihr gegen Ablegimg eines eidlichen Versprechens wahrscheinlich

ihrer ferneren Neutralität ungehinderten We ggang und

überliess die Bewachung einer Abteilung der Seinigen. Er scheint

aber im Vertrauen auf die ihm nicht ungünstige Stimmung der

Bürgerschaft sich mit einer gelingen Zahl begnügt zu haben, wodurch

es Hugo, der sofort heranzog, möglich wurde, S. Quentin

zum zweiten Male zu nehmen und die frühere Lauheit der Bürger

gegen seine Interessen hart zu bestrafen ; ein von Heribert zurückgelassner

Kleriker Treduin wurde nebst einigen Andern gehängt,

während Andre mit Verstümmelung büssten. Auf dem Abzug von

S. Quentin ergab sich an Hugo, den Erzbischof Artold begleitete,

die Burg Roye in Vermandois ‚ während Heribert, der trotz der

Ueberlegenheit seiner Gegner eine ausserordentliche Ausdauer und

Gewandtheit in der Benützung aller günstigen Umstände an den

Tag legt, sein Chateau-Thierry durch Zurück gewinnung einiger

seiner früheren Krieger, denen Walo die Bewachung übertragen,

wieder an sich brachte, es jedoch nur mit einer Besatzung versah,

ohne sich selbst darin einzuschliessen ').

Hugo hatte kaum diese Kunde erfahren, als er noch im

Winter sich zur Belagerung anschickte; der König, der Ende des

Jahres selbst in Francien gewesen war 2), erschien im Anfang des

neuen Jahres wieder im Felde und umschloss mit Hugo Chateau-

Thierry; doch diese zweite Belagerung kostete noch mehr Mühe

als die vorige und auch jetzt war die Festung mit stürmender

Hand nicht zu nehmen. Der von der Königin belehnte Walo befand

sich bei den Belagerern und ihm mit seinen Leuten gelang

im vierten Monat der Belagerung mit Hilfe ihrer genauen Lokalkenntnis

die Einnahme der unteren befestigten Vorstadt an der

Marne durch nächtliche Ersteigung: die Burg auf der Uferhöhe

setzte die Verteidigung fort, bis wiederholte Angriffe die Eingeschlossnen

zur Unterwerfung willig machten; sie blieb in den

Händen ihrer Verteidiger ‚ die aber durch Geiselstellung ihre

friedliche Haltung verbürgten ). Indessen glaubte sich Heribert

1) Flod. 933 p. 381, 382. Roc lp. Somme, arr. Montdidier.

2) Vorausgesetzt, dass die Urk. aus Attignv vom 13. Deecinber echt

ist, s. UR. 20.

3) Flod. 934 p. 382. Für den 5. März ist Rudolfs Anwesenheit bezeugt

durch UR, 21. Poquet bringt eine Ansicht von Chateau-'I'hierrv zwar aus

späterer Zeit, die aber doch die Lage von Burg und Unterstadt veranschaulicht.


im Drange der Not nicht an diese Verpflichtung seiner Leute

binden zu müssen und setzte sich unter Preisgebung der Geiseln

von neuem im Orte fest, so dass für die Gegner eine dritte Belagerung

nötig geworden wäre, wenn nicht das Eingreifen Heinrichs

die Besitzfrage vorläufig geregelt hätte. Die Siege über

Ungarn, Siaven und Dänen erlaubten dem deutschen König jetzt,

dem Ansinnen Heriberts zu entsprechen und wenn auch nicht persönlich

zu Hilfe zu kommen, so doch Gisilbert und Graf Eberhard

mit mehreren lothringischen Bischöfen nach Francien zu schicken,

deneti es gelang, ihrem Schützling einen Waffenstillstand bis zum

1, Oktober zu verschaffen; aber nur gegen Ueberlassung der vielumstrittnen

Marncfestung gestand der König ihm für die Dauer

der Ruhe den ungefährdeten Besitz von Pronne und Ram zu,

also trotz ausländischer Vermittlung ein recht ungünstiger Ausgang

für den Grafen, der die eine Burg ohne weiteres ausliefern

musste und dein nicht einmal der Besitz jener beiden auf die

Dauer fest garantiert wurde .

Seine Aussichten besserten sich aber etwas, da er den Grafen

Arnulf von Flandern durch die Vermählung mit seiner Tochter

Adela, mit der jener seit längerer Zeit verlobt war, in sein Interesse

zog. Bei der starken Macht des Viamländers, der im

vorigen Jahre durch den Tod seines Bruders Adalulf Herr von

Boulogne und Thörouanne und Abt von S. Bertin geworden und

ihm als Inhaber eines beträchtlichen Gebiets von Norden her

gefährlich werden konnte, wie die Einnahme von Arras (932)

lehrte, musste ihm an guten nachbarlichen Beziehungen zu diesem..

viel liegen 2)

1) Flod L c. y,r1jZ Heinr. p. 165. Leibnitz A. i. II, 433. Eberhard

hielt unul bisher für den bekannten Bruder Xönig Konrads, doch in der 3.

Aufl. p. 90, 164, 223 tritt Waitz für Eberhard, Grafen an der Yssel, ein.

9) Find. 1. c. ; Fulcuin, g. a. Sith. c. 103, 105 SS, XIII, 627 Adaluif

tut 933 id. nov. in Sithiu an einer Krankheit; nach einer andern Nachricht

starb er durch einen Unfall auf der Jagd mit Hinterlassung nur eines unehelichen

Sohnes lialdzu, weshalb sein Besitz an den Bruder fiel, vgl. die Notiz

de Arnulfo comite SS. IX 304; writger, Geneal. Arnulti, ib. 303; Ann. Elnon.

min. SS. V. 19; Blandiniens. ib. 94; Brief Ethelwcrds 53. X, 459 Anm.

Unter Adaluif setzle sich (nach Job. Lcmig, Ipe.r. Chron. S. Bertini SS. XXV,

771 1 in dein S. Bertirt gehcrigeii Guimmes trotz der Gegenwehr der Klosterleute

ein Sifrid mit seinem Normaniienliaufen fest und behauptete es mit Hilfe

Arnulfs, den er zum Lehnsherrn annahm; Kakkstein p 174 zu 926; ganz abweichend

ist der ausführlichere Bericht, aus dciii erst Johann seine Nachricht


Die gegönnte Frist benützte Heribert unter anderem zur

Verproviantierung von Pronne, indem er zugleich an seinen abgefallenen

Vasallen und Buges Anhängern in Verniandois Rache

nahm, denn ihrer Ernten bemächtigte er sich. Die Lothringer

hatten sich inzwischen auch zur Unterstützung ihres Freundes gerüstet

ihr Herzog führte sie im Spätherbst nach Francien, um

zunächst S. Quentin den Feinden zu entreissen, Hugo wandte

jedoch kluger Weise die Gefahr ah, indem er Gisilbert durch Gesandte

zum Abschluss eines neuen Waffenstillstandes bis zum

1. Mai 935 und zur Umkehr bewog. Heribert blieb also bis auf

weiteres auf den geringen Best seiner Besitzungen beschränkt 1)

Ein schwerer Verlust war es für Rudolf, dass gegen Ende

des Jahres seine Gemahlin Emma starb. Mag auch die Mönchslegende

an ihr einiges auszusetzen gehabt, mag sie auch, dein

Zeitgeist entsprechend, sich einige Gewaltthäti gkeiten haben zu

schulden kommen lassen, - ihrem Gemahl hatte sie in seinen

schweren Kämpfen wacker zur Seite gestanden und auch der

Achtung ihrer ITnterthanen scheint sie sich erfreut zu haben;

ihre einflussreiche StellungZD beweisen die königlichen Urkiinden,

denn lieber als die Fürsprache eines Andern suchten Bittsteller

die ihrige zu gewinnen 2).

im Frühjahr 935 unternahm der König einen kleinen Streifzug

gegen eine Schaar Aquitanier, die Viriliacuin, eine Burg des

Grafen Gauzfred von Nevers, eingenommen, und verschaffte dieselbe

seinem Getreuen wieder, dessen er sich nach Francien zurückgekehrt

als Gesandten zu Heinrich bediente-); in Laon erwartete

kürzend und abändernd herübemahm, in Lambert. Ardensis bist. comit. Ard.

et Ghisn. c. 7-10, wo das Ereignis zu 928 gesetzt wird SS. XXIV, 56

ff.: eine dritte abweichende Erzählung scheint der Stelle bei Leibniz II, 397

zu 929 zu Grunde zu liegen.

1) Flod, 934 p. 382; Waitz p. 168 (164).

2) Flod. 1. c.; Gesta. poiit. Autiss,. Bibi. bist. de 1'Yonne 1, 378 Append.

Mir. S. Germ. Autiss., ib. II, 198: Rod. Glab. 1, 9 85. VII, 53: UB. 2, 17,

18, 19, Fürbitten für sie sind angeordnet IJI. 1, 2, 8, 13, 14, 22, 26, Feier

ihres Todestages 28,

3) Gauzfred oder Gozl'ril erscheint in einer Urk. für den Bischof von

Nevers, weshalb Kalckstein p. 190 vermutet, er sei Graf von Nevers; er findet

sich jedoch auch in einer Urk. für das Senonais, CII. 15 'a. 93. Dass wir es

aber in der That mit dem Grafen von Nevers zu thun haien, wird gewiss

durch seine und seiner Gemahlin Ava Urk. im liec. d. Chtnv 1, ii. 146 und

449. Vgl. auch ob, p. 61, Anm. Viriliac'uni ist vielleieht identisch mit


89

PT deit Ausgang der Sendung. wo während seines Verweilens ein

Streit zwischen Königs- und Bischofsmannen die Ruhe störte, ohne

aber weitere Folgen nach sich zu ziehen.

Ein 1-Toltag versammelte die Grossen in Soissons um den

Herrscher; hier empfin g er eine Gegenbotschaft Heiiirichs, der

sich in den ersten Monaten in Westfalen und den Bheinlanden

aufhielt und jetzt nach Lothringen kam, und verabredete mit ihm

eine persönliche Zusammenkunft. welche im Juni stattfand. Als

Ort scheint wieder die bekannte Grenzgegend am ('hiersflnsse gewählt

worden zu sein, da wir Heinrich am 8. Juni hier finden

ausser den ost- und weslfr(inkischen Königen mit ihrem Gefolge war

auch der bur(rundische König Rudolf II. zugegen. Man bemühte

sieh, alle Streitfragen beizule gen 1-Teribert kehrte zum Gehorsam

gegen seinon Lehnslierrii zurück, der ihm mehrere seiner an Hugo

verlornen Besitzungen wieder zusprach und diese beiden Gegner

versöhnte; Graf Boso hingegen trat wieder in sein Abhängigkeitsverhältnis

zum Ostreiche zurück und auch ihm wurden seine

meisten Guter restituiert. Ob auch eine ähnliche Regelung der

burgundischen Verhältnisse eintrat, ist unbekannt, jedoch nicht

unwahrscheinlich 1)

Zu rechter Zeit fand dieser Abschluss der herihertischen

Rebellion statt, um dem König zu erlauben, sich sogleich nach

Burgund gegen einen Ungarneinfall zu wenden; die räuberischen

Schaaren hatten schon manches Unheil im Süden angerichtet, Ebbo,

Graf von l)ols, blieb in einem Gefechte und zahlreiche Klöster,

darunter B'ze, gingen in Feuer auf; den Kampf mit dem tapfern

Fürsten wagten die Ungarn aber nicht, sondern ent%ichen bei

seinem Anzug nach Italien:).

Viriacum, Viry, l)ict, topogr. du dep. de la Nivre p. 198, die Lage dieser

Vicarie im Ni yernais links der Loire passt zu den aquitanisclien Händeln.

1) Flod, 935 1• :182. 383, Widuk. 1, 39 SS. 111, 435 (ihm gilt Rudolf

vom späteren karolingerfreundliihen Standpunkt Ottos 1. aus als Usurpator,

cniitra ins fasque onine rex constitutus); M. (4. DD. 1, 73, n. 40: Stumpf n.

44.-17. Waitz p. 170 (166 3); Leibniz II, 438. l3osos Rückkehr zu Heinrich

ist der deutliche Beweis. dass Heinrichs Rechte auf Lothringen anerkannt

wurden, von Rudolf also ofticiell darauf verzichtet war, s. ob. zu 9:11. •• Die

von (iingins 1. c. VIII, 86. IX, 173, Kalckstein p. 191 angerLuIIInnImc Überlassung

von Vienne an Rudolf 11. ist wenig glaubhaft vgl. Haelicke p. 20,

Hilffer p. 20 1 Xalckstein selbst p. 236.

2) Flod. 1. e. Ann. Mett. brevies. (zu 934( SS. ITT, 155: Chron, Vezeliac

Bq. IX, 90, Chr. Dolense. ih.; Aun. Beenenses 88. 11, 249 zu 933 woraul

auch Waitz p. 154 (151) die Stelle bezieht, da er diese Schaar für die dritte


90

Sein Erscheinen diente auch zugleich dem Zwecke, einen

rebellischen Grafen Boso, der mit seinen Genossen l)ijon eingenommen

hatte und behauptete, zu strafen').

Die Friedensbedingungen zwischen Hugo und Heribert waren

aber nicht leicht durchzuführen, da Ersterer die Auslieferung S.

Quentins verweigerte, sei es verleitet durch Unbestimmtheit in

den Verabredungen oder bereuend, sich zum Verzieht auf das erst

nach wiederholtem Ringen Erlangte verstanden zu haben; unter

dem Vorwand der Vermittlung begleiteten mehrere lothringische

und sächsische Grafen Heribert gegen ihn, das mitgenommene

starke Heer stand freilich im Widerspruch mit diesen angeblichen,

friedlichen Absichten, und als Hugo bei seinem Entschluss verharrte,

trug 1-leribert kein Bedenken, sich sein wirkliches oder geglaubtes

Recht mit Waffengewalt zu erzwingen. S. Quentin musste

sich er( reben, wurde aber, da Vermandois einen abormaligeii Verlust

fürchten mochte, nicht besetzt gehalten, sondern geschleift.

So hoch stieg den Unternehmern des Zuges infolge dieses ersten

Erfolges der Uebermut, dass man sieh selbst an Laon wagen

wollte, doch da schritt Rudolf ein und der Freundschaftsvertrag

mit dem Ostreiche bewährte sich jetzt, denn man leistete seinem

Gebote Folge und zog heim 2),

Das Königshaus wurde um jene Zeit wieder von einem Todesfall

betroffen, der aber Rudolf von mancher Unannehmlichkeit und

Sorge befreite. Sein unruhiger, händelsüchtiger Bruder Boso, von

dessen wildem Trotze die Mönche seiner Nachbarschaft schlimme

Geschichten zu erzählen wussten und der mit seinen Lehnsherren

Heinrich und Gisilbert oft zerfallen, auch bald mit dein bald mit

jenem französischen Herrn verfeindet war, war im Juni wieder

Heinrichs Vasall geworden und nahm dann an dem Feldzuge der

Lothringer gegen Hugo teil; am 13. September soll er nach einer

Urkunde mit seinem Bruder in Attigny zusammengeweson sein

der 933 hei Flod. berührten erklärt : indessen erscheint es sehr befremdliehi,

dass dort gerade die nach Frankreich selbst gekommene Abteilung nicht erwähnt

sein sollte und FIod. hat nicht zu 933. sondern nur zu 935 einen Ungarneinfall

und zwar besonders nach Burgund. Leibniz, 1. c. p. 439 lässt die

Ungarn vor Rudolf 11. fliehen, nach }'lud. ist aber nur R. v, Frankreich zu

verstehen, p. 440 bezieht er Ebbos Tod auf den Normanneneinfall.

1) Bosonen ausser Rudolfs Bruder) finden sich mehrfach in Burgund,

so Graf Boso von I'rovence. dessen Nachfolger und Schwiegersohn Graf B054

II, ein andrer Boso, Sohn Ailalelms: vgl. Rec. (l. Cluny 1, ii. 726; Gingiiis

IX, 171, tabl. 1V.

2) Flod. 935 p. 383; Arbuis 1, M.


ald darauf aber starb er wahrend der Unternehmung gegen S.

[uciitinund fand sein Grab bei Reims in S. Remv, dessen Gunst

r sich durch die Schenkung des Gutes Dornremy erworben

hatte 1).

Ein Einfall der Loirctruppe drohte neues Unheil, doch gelang

?s den davon betroffenen Bewohnern von Berry und Touraiiie selbst,

]er Normannen Herr zu werden und sie zu vernichten. Im

ihrigen Lande herrschte endlich, abgesehen von kleinen Räubereien,

gegen die eine reimser Synode unter Artolds Vorsitz in Fismes

.3eschlüsse erliess 2), Ruhe, die grossen Provinzialkriege der

:nächtigen Vasallen, die das Hauptunglück des Landes bildeten,

;chienen endlich gestillt zu sein des Königs Amt war es nun,

len Frieden, den er durch sein zwölfjähriges Bemühen dem Reiche

gegeben, zu wahren, und dass Rudolf gewillt war, sich der fried-

Hehen Verwaltung des unter seinem Scepter vereinten Reiches zu

widmen, dass er darauf rechnete, seine IJnterthancn hinfort durch

Treue, nicht durch Waffengewalt im Gehorsam zu erhalten, lehrt

die Urkunde aus Attigny vom 13. September 935, worin er die

köni gliche Burg Uxellodunum in Quercy, da jetzt das ganze Reich

ihm gehorche und auch der Süden freiwillig seiner Herrschaft sieh

beuge, an (las Kloster Tulle schenkt unter der Bedingung. dass

ide gesehleift werde, um nicht zum Rückhalt für feindliche UnteriLehinungen

zu dienen-").

1) Flod. 1. c.; UR. 22: Varin, Areh. Idgisi. d. Reims II, 1 p. 169 Anm.,

Nit, de benefact. S. Rernigii. Die interessanteste Angabe Ober ihn ist die

bekannte Stelle 41er Mir, S. Gorgonii des Job. v. Gorze (od. wie Schnitze im

N. A. IX, 504 will, von einem andern Zeitgenossen) c. 12. SS. IV, 242 und

danach in der Vita Job. Gors. des Joh. von S. Arnulf, c. 104-109 ib. p.

367, 368, die Bosos Übermut gegen König Heinrich, herzog Gisilbert und

i;ischof Adalbero in so bezeichnender Weise zum Ausdruck bringt; denn

von den Gedanken, die er hier so herausfordernd dem Abgesandten des geschädigten

Klosters Gorze entgegenschleudert, legen seine Handlungen mehr als

genug Zeugnis ab. - Domrerny (in der Gegend der Bosonischen Besitzungen

gicht es mehrere, Dict. topogr. d. dp. d. 1. Meuse) ist D.-la-Pucclle an 11cr

Maas, d1). Vosges arr. Neuf'chateau, das durch seine Johanna zu hohen Ehren

kirn vgl. Sickel, Sybels Hist, Zeitschr. IV, 293).

2) l"lod. 935 p. 383, H. U. IV, 25 p. 580. Fismes an der Vesle, dip.

Marne arr. Reims. Leibniz II, 440 und GfP;rer, Gregor, IV, 41 lassen gegen

(Lese Nortriannen Ebbo von Dols fallen gegen die Angabe des Chron. Dolense,

s. oben.

3) UR. 22.


9 1

Doch es sollte ihm nicht beschieden sein diesen schöneren

Teil seiner Herrscheraufgabe zu erfüllen.

Bald darauf erkrankte er und lag den ganzen Herbst schwer

darnieder; zum letzten Male in sein Herzogtum, das ja sein

Lieblingsaufenthalt war, zurückgekehrt weilte er am 13. Decemher

in Auxerre, dessen Bischof Wido vor seiner Ernennung ihm und

seiner Gemahlin persönlich nahegestanden hatte h, und scheint die

Stadt auch nicht wieder verlassen zu haben, denn am 14. Januar

936 erlag er hier seinen Leiden 2), Ein Brand der Kirche

S. Coluinba in Sens, die er zur Aufnahme seines Körpers bestimmt,

hinderte die sofortige Beisetzung; dieselbe erfolgte am 11. Juli

in jener Kirche, wo auch Herzog Richard seine letzte Ruhestätte

gefunden: in der Crypta S. Svmphoriani rechts vom Altar lag der

Vater, mitten im Chor der Basilica S. Coluinbae der Sohn unter

einem Grabmal von dunklem Marmor \. S. Columha erfreute sieh

auch seiner letzten Gunst, ihr vermachte er einen Teil seines

Privatgutes, die goldne mit funkelnden Edelsteinen geschmückte

Krone und das wertvolle Gerät seiner Kapelle, die sich durch

ihren Altarschmuck, Kelche, Reliquienbehillter und Bücher auszeichnete;

lange verwahrte man hier mit treuem Andenken an

den frommen Herrscher seine Spenden, die Krone bis zum Jahre

1147, wo Abt Theobald sie mit auf den zweiten Kreuzzug nahm

und sie, da er im Orient starb, nicht an ihre Stätte zurückkam 4)•

Alle Quellen stimmen darin überein, (lass Rudolf keine

Kinder hinterliess, in einigen findet sich aber die Notiz, dass ein

1) Gunstbeweise für ihn UR. 28, ferner hatte Rudolf nach Lebeuf 1,

223 dcii Arm des Märtyrers S. Cyr, eine Reliquie der Kathedrale von Auxerre,

in Gold fassen lassen.

2) Flod. 936 p. 383, H. E. IV, 26 p. 580 7 Ann, S. Col, Sen. SS. 1,

105, Adon. Contin. alt. SS. II 326, Neerolog. Äutissiod. bei Lebeuf Mm,

cone. l'hist, d' Auxerre II, 274; hingegen 18. Kai. Febr. - 15. Januar: Bist.

Franc. Sen. SS. IX, 366, Chron. S. Pet. Viv. Sen. Bq. IX, 34, Nec,rol. cathed,

Niverii. b. Lebeuf 11, 48. Für den 14Jan. Kalcketein p. 192, H. d. Lang.

111 116, Mourin p. 168, u. a., für den 15: BÖhmer Reg. Karo]. p. 189, Gfrörer

lii, 140, Leibniz 11, 455. Martin iT 516 1 Chevalier, Rpert. des sources Just.

du moven-äge I. col. 1979. u. a., Arbuis 1, 116 Anm. verwechselt die Daten.

Rieher 1, 65 Todesursache cacocexia, humoris superfluitas; Lebeuf II, 48 verwechselt

wahrscheinlich seine Krankheit mit der Ludwigs IV.

3) 5, Anm. 2, ferner Append. Mir. S. Germ. Autiss. Bibl. hist. de

YVonne 11, 198. tJber die Beisetzung s. Notiz im Psalter der Königin Emma

depositio Rodulti inchiti regis V. idus iulii, Mabilloui de re dipl. 1. II c. 26

22 p. 200. Sein Alter ist nicht überliefert, vgl. aber ob. p. 21.

4) Cont. Adon. alt. SS. 11, 326. Ann. S. Col. Sen. 1148 SS. 1. 107,


Sohn Ludwig vor ihm gestorben sei, doch nieht erst Alberich von

Troisfontaines 1) (saec. XIII. med.) berichtet es, sondern schon

200 Jahre früher das Chronicon S. Benigni Divionensis. Meist

hat man ohne weiteres die Stelle auf den transjuranischen Rudolf

bezogen - ohne rechten Grund. Zwar ist es in der That auffällig,

dass keine andre Quelle etwas von dem Kinde erwähnt, aber das

Schweigen kann nicht als Gegengrund betrachtet werden, da ja

gar nicht gesagt ist, wie früh schon der Knabe gestorben und da

in ganz gleichem Grade das Nichterwähntsein für einen angeblichen

Sohn Rudolfs 11. gilt. Ein starkes Gewicht für die Vaterschaft

des Frankenkönigs bildet die Urkunde seiner Mutter Adelheid vom

14. Juni 929 2); dort sind die üblichen Fürbitten angeordnet für

Richard (ihren Gemahl), für Königin Willa (Gemahlin ihres Bruders

Rudolfs 1.), pro domno R du 1 f f 1 o in e o (Rudolf von Frankreich)

et item R o du 1 f rege n e p0 t e ni e 0 (ihr Neffe Rudolf II.),

pro aliis quoque filiis meis Hugo (11. der Schwarze), Boso

(der lothringische Boso) et L udo w i c o n e po t e etc. Nepos steht

hier in dem häufigen Doppelgebrauch von Neffe und Enkel, doch

als Rudolfs 11. Sohn wäre Ludwig weder Neffe noch Enkel, sondern

Grossneffe und könnte doch nicht ebenso wie sein Vater bezeichnet

sein, der hier richtig nepos heisst; sofort gelöst ist aber alle

Schwierigkeit, wenn wir die Stelle einfach und ungesucht mit

Enkel übersetzen und auf den Sohn eines ihrer Söhne beziehen

und zwar - zufolge jener Angabe - für den Rudolfs. Es soll

diese Annahme nicht als sicher hingestellt werden, doch erscheint

sie wahrscheinlicher, zum mindesten ebenso wahrscheinlich als

die andre Hypothese. Ob dieser Ludwig noch 929 lebte, geht

aus der Urkunde nicht hervor, da sie Fürbitten für Gestorhne und

noch Lebende enthält3).

1) Kalekstein p. 193.

2) Bq. IX, 693 Bruel, Rer. ii. chart. d. Cluny I. n. 379 p. 358 1l. Bibl.

de Fee. d. eh., 41. (1880 p. 25.

3) Cliron. 8. Ben. Div. Bq. VIII 243, hugo Flavin, Chron. SS. VIII,

359, Alberic. Cliriti, SS. XXIII, 757. Kalekstein p. 193 spricht Rudolf den

Sohn ab; inkonsequent ist Leibniz: Orig. (iuclf. II 38 nennt er L. den

Sohn des Frankenkönigs, 39 hingegen folgt er der verwirrteii Darstellung

Albrichs, der beide Rudolfe verwechselt und nennt L. als Soliti JuduIfs II.

aus dessen angeblicher erster Ehe mit Emma. Sein Herausgeber Scheid hat

aber in der Anm. dies richtig gestellt und auch er entscheidet sich, sogar ohne

die [rk. der Adelheid herbeizuziehen, für ltud. v. Frankreich: in den Ann.

imp. II, 455 (u. 404) hat auch Leibniz diese Ansicht. Guihlon de Monthion,

llaoitl ou ltodolphe p. 93 ist aut Kaiser Ludwig verfallen ‚ der aber mi fit-


94

nass Rudolf unter den obwaltenden Verhältnissen keine Verfügung

über die Krone traf, kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht

werden, da er dazu kein Hecht besass, und ebenso wenig ist es

ein Beweis für geringe Autorität, dass zufällig sechs Tage vor

seinem Tode die Kirche S. Columba zu Sens durch einen Haufen

verbrecherischer Gesellen angezündet worden war -- die Verhütung

jedes Verbrechens ist noch keinem Sterblichen geglückt i).

Sein Tod erledigte den Thron, die Lage war verwickelter

als bei seiner Wahl, obwohl es damals drei Kandidaten gab,

während jetzt nur zwei der Grossen ernstlich in Betracht kommen

konnten: Herihert und Hugo. Aber 923 standen die Drei in

guten Beziehungen zu einander, während jetzt die Beiden verfeindet

waren. Jedem war ein mächtiger Anhang im Reiche selbst

oder dem Nachbarreiche zur Seite, die Erhebung des Eineii hätte

nur ein Parteikönigtum geschaffen, dein die Andern in schroffer

Opposition gegenüber stehen mussten, da Jeder zu fürchten hatte,

sein früherer Privatfeind würde, einmal im Besitz der Krone, den

Machtzuwachs zur Unterdrückung des Gegners benützen, und V011

den liess sich die Erneuerung des Verfahrens gegen Rudolf voraussehen.

Zugleich mag sich wieder hier und da eine gewisse

Anhänglichkeit an die Karolinger geregt, die Geneigtheit zu deren

jetzt ermöglichter Restauration sich geltend gemacht haben. Dieser

Stimmung und den Schwierigkeiten gegen seine eigne Erhebung

trug Hugo Rechnung und beförderte die Restauration wohl in der

Hoffnung, durch vorläufige Unterstützung des Königtums sieh

dessen Freundschaft zu erwerben und wie sein Haus bisher nieist

im Gegensatze gegen die Karolinger emporgekommen war, einmal

auf anderm Wege unter dem Deckmantel der Königstreue dasselbe

Ziel weiter zu verfolgen,

Auch den anderen Dynasten erschien dies als das zweckmässigste,

da es keinen der Genossen begünstigte und das Königtum

nicht in die Hand eines mächtigen Herrn legte, der wie

Rudolf versuchen konnte, sich auch wirklich als ihr Oberherr zu

erweisen, sondern in die eines Jünglings, dessen reale Macht nicht

gefährlich werden und von dessen Unerfahrenheit man möglichst

grossen Vorteil zu ziehen hoffen konnte,

Am Hofe seines Oheims Aethelstan, des Königs der Angelsachsen,

lebte mit seiner Mutter Eadgifu der Sohn Karls, der im

genden au q(lrÜcklieli als imperator erwähnt ist, und nicht so ohne jede Ehrenbeeieliriung

genannt werden konnte, da selbst die Konige ihren Titel erhalten.

1 Flod. 1. c. Ann. S. Co]. Sen. SS. 1. 105, Richer 1, 65. LOns 1. e.

p. 14; Xalckstein p. 193.


95

i(. Jahre stehende Ludwig; ihm beschloss man die Herrschaft

zurückzugeben.

Im Auftrag der Grossen ging Erzbischof Wilhelm von Sens

mit Gesandten nach England, doch erst nach Empfang feierlichen

Eidschwures gaben Aethelstan und seine Schwester ihre Einwilligung

und entsandten den jungen Fürsten mit stattlicheni Gefolge

in sein Reich. Bei Boulogne bereiteten ihm seine neuen

Vasallen beim Verlassen des Schiffes einen festlichen Empfang

und leisteten gleich an der Küste deii Treueid. Darauf zog man

nach Laon zur Salbung und Krönung, die am 19. Juni 936 der

Erzbischof von Reims vornahm').

In der Zwischenzeit vorn Januar bis Juni datierte man von

Rud6lfs Tod ab, selbst die Reichsteile, die lange seiner Herrschaft

widerstrebt hatten, trugen jetzt kein Bedenken, seinen Namen in

den Urkunden fortzuführen, ja es berühmt meelit sonderbar, dass

gerade sie sich nun gar nicht von ihm trennen zu können

schienen: denn selbst nach Ludwigs Erhebung ignorierte man vielfach

diesen Spross des angeblich so treu verehrten Herrschergeschlechts

und bediente sich ungescheut des Namens des anfangs

so sehr als Thronräuber verlisterten Rudolf, um so die Fiktion

eines günstigen Interregnums aufrecht zu erhalten 2).

1) Flocl. 936 p. 383, H. R. IV, 26, 35 p. 580, 586, Richer 11, 1— 4,

Folciin, g. a. Sith. c. 102 SS. XIII, 626, Ami. S. Col, Sen. SS. 1, 105, Bist,

Franc. Sen. SS. IX, 3(j6, Ainioin Mir. S. Beii. Bq. IX, 140, Boduif. Glab. 1

3 SS. VII, 53, IjutIn, Lair p. 193; vgl. Kalckstein p. 194 II.

2) Marca Hispunica, append. col. 847 ii. 72 betreffs Roussillon); Baluze,

histcr. Tutel. app. col. 349, 355, 356 Tul1e); Bibi. de löc, d. chart. V, 4

(-- 24) p. 170 (Ro(Icz) II. d. Lang. V. n. 64 (Carcassonne, ii. 65 (EIne), 68

(Beziers). 71 iVabres, sogar der I)eeemher 937 noch als Interregnum im II.

Jahre nach Bud, Tod) ; Baluze, Ca1iit. II app. 1535 (EIne, Arles [Arulo, l'vrönes

trienta]es] auch Voni Dec. 9:17); Cart. de Biaulieu n. 178 Beaulieu);

Cart. dc S. Cyprien ii. 375, 381, 414 (Poitiers) Perard, Rec. d. pi'ces s.

lii. d. Bourgogne p. 161 (1)ijon, aus 5437) ilec. d. eh . (l. Cluny lii. 445, 447,

448, (Cluny), ib. ii. 446 (Nevers). Vgl. II. d. Lang. III, 116; Bruel, Bibi. da

1'&. d. ehart. XLI. 30. (Zu oben p. 69 Anm. 1. Anerkennung Ludwigs seit

929 vgl. auch noch Bruel 1. c. p. 31. liee. (l. Cluny 1, 513.)


EI

Seh Iussbetraehttiiig.

Werfen wir noch einen Rückblick auf die Periode französischer

Geschichte, die vor unsern Augen vorühergegangen ist!

Wohin wir uns auch wenden, nirgends zeigt sich während

dieser langen Kämpfe dem Auge ein Ruhepunkt, ' beständi g wogt

das Treiben der Grossen glihrend auf und ab ‚ nicht einmal ausgesprochene

Gegensätze treffen wir an. die eine feste Parteibildung

schüfen, sondern haltlos schwanken die Einzelinteressen von einer

Seite zur andern, so dass es selbst dem Königtum, das doch der

feste, alle Zeit unrerrfickbare Angelpunkt des Staatslebens sein

soll, fast zur Unmöglichkeit wird. Seine Stellung zu wahren ‚ da

es seiner Natur nach in einer Lehnsmonarchie eben wesentlich

auf die Mitwirkung der grossen Vasallen an gewiesen ist.

Das deutsche Königtum befand sich dem westfränkischen

gegenüber in einer viel günstigeren Lage, denn Deutschland war

in der Entwicklung der Lehnsverhältiiisse hinter Frankreich zurück

in Deutschland kamen neben dein deni Köni ge als massgebende staatliche

Faktoren ausser einigen Kirchenfürsten noch die grossen

Herzoge in Betracht, die Untergewalten in den Herzogtümern

hatten nicht den Grad von Selbständi gkeit erlangt, wie im Nachbarreiclie,

wo neben den Herzogen eine grosse Anzahl andrer

Machthaber stand, die jenen nur nominell oder zum Teil auch

gar nicht unterthan waren, sondern direkt dem König unterstanden.

Auch äussere Schwierigkeiten türmten sich in noch bedrohlicherer

Höhe auf als rechts des Rheins; dort waren die

Ungarn die Geisel des Landes, hier gesellten sich zu diesen noch

die Normannen und Saracenen.

Im Ostreiche boten die Kämpfe gegen die heidnischen

Slaven unruhigen Gemütern nicht bloss Gelegenheit, ihre Lust

an Krieg und Raub zu befriedi gen, sondern vor allem auch dem

Königt u m zugle ich die Möglichkeit, mit den neuen Ländereien

die Getreuen zu belohnen und dadurch in rllrelie zu erhalten, auch

das Krongut selbst war noch sehr ansehnlich, während im Westreiche

beide Mittel ganz oder fast ganz fehlten, da das Krongut

seit den Bürgerkriegen des neunten Jahrhunderts sehr zusam-


ft7

mengeschmolzen war' ' ) und anderes Gut nicht verliehen werden

konnte, ohne seinenInhaber zu berauben und zum Feinde zu

machen. Obwohl nicht zum alten Herrscherhause gehörig hat

Rudolf als König sich doch mit demselben solidarisch gefühlt und

den ihm zugefailnen Rest des Kronguts nicht an seine Anhänger

verschleudert 2), sondern mit einigen Ausnahmen, wo er gebieterisehen

Verhältnissen nachgeben musste, sich bemüht, es zusammenzuhalten

und, sobald sich eine Gelegenheit bot, wie im zweiten

herihertischen Aufstand, Entäussertes zurückerlan gt. Wenn er sich

auch in sofern günstiger gestellt sah als die letzten Karolinger,

dass er über ein eignes Gebiet als Herzog waltete, so genügt diese

Aeusserlichkeit allein noch nicht, um seine Erfolge zu erklären

denn auch dieser Besitz stand ihm nicht zur unbeschränkten Verfügung,

da er immerhin mit seinen herzoglichen Vasallen rechnen

musste, und die Unruhen 931 und .935 zeigen, dass selbst hier

Versuche gegen sein straffes Regiment gemacht wurden. Hierin

war der deutsche König nicht minder im Vorteil vor ihm: er

konnte über sein Sachsen freier gebieten als es je ein westfränkischer

Herzog über sein Land gekonnt hat (selbst die feste herrschaft

der I{obertiner nicht ausgenommen), da gerade in Sachsen

das Feudalsystem noch weniger ausgebildet war als im übrigen.

Deutschland; auch bildete Sachsen ein gewichtigeres Glied im östlichen

Reichsverbande als Burgund im westlichen.

Den westfränkischen Königen hat es in der allgemeinen

Auffassung oft geschadet, dass sie die Sachsenherrscher zu Zeitgenossen

hatten - je mehr Lieht auf der einen Seite, um so

tieferer Schatten auf der anderen. Das treffliche, kraftvolle

Königtum Jener liess, besonders seit der Glanz der Kaiserkrone

sie umstrahlt, das oft schwer bedrängte Karolingertum, das freilich

in ganz andre Notlage zum grossen Teil durch die Schuld seiner

Vorfahren sich gedrängt sah, in umso kläglicherer Gestalt erscheinen.

In einigen Perioden, wie unter Karl III. und Ludwig IV.,

war ja auch thatsächlich die Lage zu Zeiten recht hoffnungslos,

aber auch das zehnte Jahrhundert ist für das französische Königtum

nicht eine Bahn, auf der es ununterbrochen nur bergab dem

Untergange zueilt, sondern auch hier zeigen sich Zeiten, wenn

nicht des Aufschwungs und der Neugeburt, so doch sicherlich

mannhaften Beharrens und kräftigen Zurückdrängens der das

Königtum als Repräsentanten der Staatseinheit bedrohenden

U Vgl. Warnkönig und stein, frz. St.- und R.-gesch. III, 37 ll • ; für

1)eutchIand s. Wait',., Verftsgesc1i. VIII, 239.

2) Wie ohne jedwede Begründung Ufrürer (iregor, III, 140 meint.

7


LS

elemente, und als eine solche Zeit stellt sich Rudolfs Regierung

entschieden dar.

Seine persönlichen Eigenschaften lassen uns in ihm eine

königliche Erscheinung erblicken, wie sie das zehnte Jahrhundert

verlangte. Wiederholt hören wir von Beweisen seiner frommen

Gesinnung, seiner Freigebigkeit und Milde gegen die Kirche, die

ihm die Herzen der Welt- und Klostergeistlichkeit gewann, aber

seine kirchliche Gesinnung gab ihn nicht als Schwächlin g in die

Leitung eines übermächtigen Klerus, wurde nie zur Frömmelei

denn es paarte sich damit die andre Haupteigenschaft, die ihn

dem weltlichen Teil seiner Cuterthanen als den rechten Mann erscheinen

liess, seine Tapferkeit und Kriegstüchtigkeit; reichlich

hat er diese in den vielen Kriegen zu bewähren Gelegenheit gehabt;

selbst mit der ei gnen Person trat er ein und wie Kriegerblut

ist auch Königsblut im Kampfe gegen die Reichsfeinde geflossen.

Der mittelalterliche König war aber nicht nur ein gnädiger

Herr gegen die Kirche, nicht nur der Heerführer seines Reiches,

er war auch der höchste Schirmer des Rechtes und der Ordnung;

Rudolf erfüllte auch hierin die Pflichten seiner Stellung und

ahinte dem Beispiele seines Vaters Richard nach, so dass auch

sein Gerechtigkeitssinn durch verschiedene Erzählungen gefeiert

wurde 2)

Wenn wir sein ganzes Auftreten während der zwölf Jahre

betrachten, können wir nicht umhin ihm Anerkennung zu zollen.

Seine Regierung war ein fast unausgesetztes Ankämpfen gegen die

oben skizzierten Schwierigkeiten, die bald vereinzelt, bald auch

vereint gleichzeitig auf ihn eindrangen; wacker hielt er aber

Stand; musste er ein Stück zurückweichen, so war es für ihn nur

ein zeitweiliger Zustand und Schritt für Schritt drang er wieder

vor; seine Ausdauer, seine Entschlossenheit verbunden mit kluger

iMiissigung und zugleich sein verständiges Eingehen auf die Grundforderungen

seiner Zeit brachten ihn schliesslich doch an das

1) Wie bei jenem Ludwig, der der Fromme heisst, den aber C. von

Noorden scharf, doch treffend den Frömmler nannte.

2) Zu den Fällen, die im Laufe der Darstellung berührt worden sind,

mag nueh auf zwei hingewiesen sein, die oben nicht einzureiben waren, auf

die ilofge.richtsurkunde in Dijon für S. Benignus im Chroii. S.. Ben. Bq. VIII,

245, Analeeta Divionerisia p. 125, und besonders auf die Bestrafung des

Räubers, der Die (Up. Yonne arr. Tonnerre), ein Gut Fleurvs, an sich gerissen

hatte und seine Widersetzlichkeit mit tlern Tode büsste der Kanig selbst soll

an der Aufgreifung des Thäters und seiner Bande teilgeiioiiiitien und uni eigen-

Itindig niedergestossen haben, wie man später in Fleury sich erzählte, Aimoin,

Mir. S. Ben. Bq. IX, 15.


99

Ziel: er starb als anerkannter Herrscher seines Reiches, dem er

auch gute Beziehu gell zu den Nachbarreichen hinterliess 1)•

Das Bild Ru( 1fs in der historischen Ueberhieferung ist denn

auch (abgesehen natürlich von einigen prinzipiell gehässigen

Stimmen des Süde is, denen er der unrechtmässige Herr war und

blieb) ein äusserst günstiges, wie es keinem andern Westfrankenkönig

der letzten (arolingerzeit zu Teil geworden ist, selbst mit

überschwenglichem Lob gehen einzelne Autoren sehr freigebig

um'); doch o]in Berücksichtigung dieser dankbaren Uebertreibungen,

unter Erwä gung auch des Un günstigen, das sich in

Rudolfs Gescliicht zeigt, bietet doch die wahre Erscheinung, wie

sie aus den glaub' ürdigsten Zeugnissen sich ergieht, genug des

Lobenswerten, un die vorausgehende Beurteilung zu rechtierigen

Man kann Rudolf wohl in Vergleich stellen mit Konrad und

Heinrich, ohne Gefahr zu laufen, dass derselbe für ihn ungünstig

ausfällt. Wie die Konrads, war seine Zeit von inneren Kämpfen

erfüllt., die auch ihn noch in kräftigem Alter aufrieben, aber sein

Hingen war glücklicher als das des Franken, nicht so glücklich

als das des Sachsen; was jenem nie zu Teil ward, was diesem

seine Tüchtigkeit und sein Glück gleich im Anfang seiner Herrschaft

bescheerten ‚ die unbestrittne Oberhoheit - sie war ihm

1) Unberechtigt ist 'Waitz p. 173 (l69) geneigt in der Zusamuierikurift.

am Chiers 935 einen iiltnlichen Vorgang zu sehen wie den zu Worms, wo

Arnulf 895 als Schiedsrichter über den Gegenkönigen Udo und Karl stand,

wie er auch schon zuvor als Oberherr l,s Kindes Ludwig im heidi l'rovenee

aufgetreten war; doch dort lud der deutsche Herrscher die Frankenfürsten

zur Entscheidung vor sich in sein Reicht, hier verabredeten zwei Könige eine

Zusammenkunft und kamen als Gleichgestellte einander entgegen; dass Rudolf

Herr im eignen Hause blieb, lehrt die deutsche Vermittlung für Fleribert, dem

die von Heinrich beauftraAen deutschen Grossen von Rudolf nur unter Ullgütustigen

Bedingungen einen \Vahlenstillstand verschaffen konnten. Richtiger

lasst Waitz selbst, Verfassgesch. V, 93 das Verhältnis auf.

2) Richer (1, 47) hebt auch Ru,lilfs gute wissenschaftliche Bildung hiervor;

Aiunoin mit seinen Ableitungen). ltod. Glab., Ann. S. Cl. Set,., Hist.

Franc. Sen. (und die verwandten Quellen), Hist. reg. Franc.. bcniL&rs Lii,.

de div. cas. coen. Derre.iisis und Append. Mir. 5. Gern,. Autiss. 1.

3) Es möge hier auch Leibnizs Urteil Platz finden, das er A. i. 11,

455 abgiebt: lindolfus .......x neu asPernaildus, si causa perinde ac furtitudine

valuisset. Diu cum fortuna et adversis honiinuiii aninnis colluctatus,

tandem vicit Galhiainque in obsequio habuit, seil fructus laborum non dcgustavit.

7*


1 CIO

erst in seinem letzten Jahre beschieden, und während der Sachse

dann seine Kraft der innern Regieiungsthätigkeit in erhöhtem

Masse zuwenden und sein Reich auch innerlich gefestigt und beruhigt

seinem Sohne übergeben konnte, war die Frist, die dem

Burgunder blieb, zu kurz, um mit gleicher Thätigkeit auch im

Westreiche durchdringen zu können. Bei seinem Tode führte kein

gleich trefflicher Sohn wie Otto seine Aufgabe erfolgreich weiter:

die Thronfolge eines zwar gut beanlagten ‚ aber leidenschaftlichen

Jünglings, der statt den Wiederausbau der Fundamente fortzusetzen,

auf dein unsichern Boden sieh ein Herrschaftsgebäude im

alten Glanze errichten wollte, stürzte das Reich bald von neuem

in ein Wirrsal von Kämpfen, die das Eingreifen des deutschen

Königs veranlassten und ihn eine indirekte Herrschaft wenigstens

für eilige Zeit auch jenseits der Maas üben liessen.

/


1 () 1

IV. Die Urkunden Rudolis.

Die Urkunden eines Herrschers ohne handschriftliche Grundlagen

behandeln zu wollen, dürfte umsomehr als Vermessenheit

er3ehcinen. als es sieh um eine spätkarolingische Periode handelt,

bei welcher das vorliegende Material sich in der schlechtesten

Verfassung befindet und Vorarbeiten noch völlig fehlen 1).

Doch wird hier auch dieser Anspruch nicht erhoben, das

Gebotene soll nur das Erreichbare zusammenstellen um damit,

da die Neuausgabe der Karolingerregesten diesem Gebiete ihre

eingehende Sorgfalt noch nicht hat angedeihen lassen können 2),

wenigstens eine Ergänzung des ganz ungenü genden Abschnittes

bei Böhmer und zugleich der vorausgehenden Geschichte Rudolfs

zu bieten. Das geringe Material macht eine umfassende., zu festen

1-Zügeln gelan gende Beleuchtung sehr schwierig: Böhmer gicht nur

17 Urkunden,' Bouquet 21; daran reihen sich noch 2 andre, also

auf nur 23 Diplomen müssten wir das Urkundenwesen aufbauen;

ferner haben wir noch Kenntnis von einigen verlornen Urkunden,

von denen aber nur eine Art Regest oder die blosse Erwähnung

der Verleihung erhalten ist.

Rudolfs Kanzlei lehnte sich an das Vorbild der karolingischen

Kanzlei an. An der Spitze stand ein Bischof als Erzkanzler,

welcher Titel jedoch nur zweimal erscheint, II. 13, 14, da sein

Inhaber meist nur als episcopus oder praesul oder pontifex be-

1) Das einzige sind die ganz dürftigen, Zinn Teil mit Irrtümern durchinengten

Notizen bei Maijillon de rc dipl. fil cd. Paris 1709) p. 120 (fehlerhafte

Xanzleiaugabe), Bq. IX, 561, DucarLge., Glossarium (ed. in 4)11, 0 s.

v. cancellarius (die gleichen Fehler), Natalis de Wailly, E1mcnts de ia10-

graphie (Paris 1838) 1, 226 (wiederholt die Angaben der vorigen) und 358;

für die eigentliche Urkundenlehre sind nur die zerstreuten Notizen in Stumpfs

Reichskanzlern Bd. I. (Innsbruck 1865) zu nennen.

2) Nach ilein Titel scheint überhaupt die Arbeit zuniichst ihren Abschluss

mit 918 liuilcn zu sollen.


11 ^-)

zeichnet wird 1 [iiter Karl hatte nach Heriveus von Reims

Rotgar von Trier die Würde innegehabt, da er aber nicht zu

Robert übertrat verlieh der Gegenkönig das Amt an Bischof

Abbo von Soissons. den bei Roberts Tode sein Nachfolger Rudolf

beibehielt. Abho stand itt engen Beziehungen zu Ileribert und

war zugleich geistlicher Bisturnsverweser voll doch beim

Aufstand 927 blieb er seinem König treu und behielt die Erzkanzierwürde

; die letzte seiner Urkunden, n. 14, ist vom 7. Oktober

9J 1. Ein Grund seines Rücktrittes ist unbekannt; die von

Kalckstein angedeutete Vermutung ist nicht stichhaltig, denn

Abhos freundliches Verhältnis zu Hugo war seit 928 gelöst, da

Heribert ilun wegen seiner Treue für Rudolf die Verweserschaft

entzog und dein Odairich voll übertrug.

Ihm folgte Ansegis von Troyes, der bis zu Tiulolfs Tod

fungierte und selbst in Ludwigs erstem Jahr im Amte blieb.

Mehrere Urkunden entbehren der Recognitionszeile in den vorhandenen

Drucken gänzlich, n. 3, 5, 10, 19. in 9 ist sie unvollständig;

eine Urkunde nennt den Erzkanzler Ansegis selbst als

Recognoscenten. n. 21, die im Feldlager vor Chateau-Thierry verlieben

wurde, während sonst die eigentlichen Kanzleigeschäfte den

Unterbeamten überlassen blieben.

Dieselben, stets Geistliche, treten auf als notarius in 1, 2,

4, 6, 7, 11, 13, 14, cancellarius 1) 12. 15, 23. ohne Amtsbezeichnung

‚ i(i. 17. 18, als sacerdos 20, 22.

Unter Abbo finden wir den Notar Ragenard liaynard) bis

zum 30. Mai 925; aus dem Juli 925 giebt es eine Urkunde eines

1) Auch in den Frk-. Karls d. E. begegnet oft nur die Bezeichnung als

Bischof oder Erzbischof, besonders in der zweiten Hälfte seiner Regierung ist

hingegen meist :unminus cancellarius beigefügt, bisweilen archieancellarius,

vereinzelt camwellarius daneben für dieselbe Person, z. B. Bq. IX, 489 uni-1

492, 469 uimcl 475 u. a. nie (wenigstens in den Urk. b. DI.) treffen wir dcii

Titel Erzkaplan während des ganzen letzten Jahrhunderts der wcstfraijl


103

Anselin (8): seit 927, wahrscheinlich seit September ist Heribert

als Notar und Kanzler belegt bis zum 7. Oktober 931, den unter

Ansegis der Kanzler Hugo ablöst am 28. December 931 ; dann

erscheinen Rotmund (Rosmund, Beadmund) vom 20. Mai ‚ bez.

19. Juni, bis 1. Juli 932, der Priester Gotefied am 13. 1)ecemher

933 und 13. September 935, und nochmals Hugo 12. December

935 1).

Ueher die sonstigen Verhältnisse des Kanzleipersonals mangeln

Nachrichten, doch lassen sich zwei Fälle ermitteln, welche zeigen,

dass auch hier ein Gebrauch bestand, der in der deutschen Kanzlei

sehr ausgebreitet war: durch Mitglieder der königlichen Kapelle,

die mit der Kanzlei versclimohen war, die Bischofsst1ile zu besetzen

2) Ein Rotmund wurde 935 von Rudolf in seinem Landesbistum

Antun als Bischof eingesetzt, in welchem wir unzweifelhaft

den oben erwähnten Botmiiiid zu sehen haben 3; ein andrer Geistlieber,

Wido, tritt in dcii vorliegenden Urkunden, deren Reihe ja

grosse Locken bietet, nicht auf, die Gesta pontificum Autissindorensium

berichten aber, nach seinem frühen Eintritt in den

geistlichen Stand zur Zeit Bischof Herifrids sei er in Auxerre

wissenschaftlich herangebildet worden, als Mann aber später in

den speziellen Dienst König Rudolfs getreten und habe am Hofe

verweilt, er sei demnach Mitglied der königlichen Kapelle geworden;

im Jahre 933 verlieh der König auf Verwendung seiner

Gemahlin ihm das Bistum Auxerre 1): also gerade zwei Sitze in

seinem eigenen Herzogtum sehen wir ihn mit ihm persönlich

nahestehenden Männern besetzen.

1) Kakkstein p. 223 vermutet, Hugo sei der Bei mser Erzbistumspriite•ndemit,da

. beide Urk. aus Auxerre stammen, dessen Bischof Wido sein Lehrer

war;

es ist aber abgesehen von seiner Jugend - er war II bei.. 15 Jahre

alt - wenig wahrscheinlich, dass er, der Sohn des aufstätidiselien Heribert,

in so nahen Beziehungen zum König gestanden haben solle, um Mitglied der

Kanzlei zu sein,

2) Vgl. Stumpf, Beichslsanzler 1 p. 10. II p. 8, 48 7 75, 09 u. a., M.

Dl). 1. p. 1, 37, 82 fl., 3iilhlbacher 1. c. p 352, 353, 360.

3) Hugo Flavin. Uhron. SS. VIII, 350, Series abb. Flavin. ib. 503; dass

er vor seiner Erhebung Weitgeistlieher und nicht Klosterbruder war, zeigt

seine Amtsführung.

4) Flod. 933 p 181 (lesta pont. Autiss. Bibi. hist. de l'Yonne 1, 378;

Hist. litir. d. 1. Fr. VI, 288. Er war wie Sn1f von Reims ii. a. Bischöfe)

aus der Schule des Eeniigius von Auxerr' lirv nr'umIIL'en. uni .elbst Lehrer

il's 1lino von Bsirns. vgl. F].-,(l. ii. l . \!II .ol. I'i'zAi'e

101, e K1,ii.d''r 1


104

Hinsichtlich des Textes sind wir ausschliesslich auf die zum

grossen Teil recht mangelhaften Drucke angew iesen; auch eine

Vergleichung der verschiedenen Drucke ist meist ohne Erfol g, da

die Texte zum guten Teile einem Vorgänger entlehnt sind, ohne

dass man es für nötig erachtet hätte, die eventuell noch vorhandenen

Originale oder Kopien einzusehen; die Texte leiden

daher fast sämtlich mehr oder minder an Ungenauigkeit.

In französischen Urkundeneditionen hat man z. B. das

Chrisrnon nie bezeichnet; auch in keinem der Drucke rudolfinischer

Urkunden ist es erwähnt, aber selbstverständlich wird es nicht

fehlen, und die beiden veröffentlichten Facsimilia haben es in der

That, von einem andern Originale sagt es Sic.kel 1)

Fast alle Drucke gewähren hingegen die verbale Jnvocation:

in nomjne sanctae et indivicinac trinitat.is ‚ die Grimaldische

Formel, nur n. 22 hat im Druck gar keine und n. 3 die folgende:

In nomine I)ei et salvatoris nostri Jesu Christi, was Bouquet als

fehlerhaft bezei(hnet; allerdings ist diese Ausdrucksweise ungewöhnlich,

doch ist dadurch die Echtheit der Urkunde nicht gefährdet,

da innere Gründe sie nicht anfechten, sie durch n. 2 und

4 gedeckt wird und schon von Lothar eine Bestätigungsurkunde

vorhanden ist 2)

Der königliche Titel schwankt sehr stark ): ohne Reichsbezeichnung

finden sich 10 Fälle, die aber unter sich weit auseinandergehen

; es steht It. gratia Dci rex in ‚ 12, 23, misericordia

1)ei r. 1, 4, divina ordinante providentia r. 3. superna regente

pietate r. 6, eiusdem Dci ornnipotentis gratia et iiiiseric. r. 2, div.

propitiante clernentia pius augustus atque invietissimus r. 17, gratia

Dci pacificus augustus et invictus r. 10; das Frankenreich wird

erwähnt: div. eiern. Francoruin r. 5, div, propitiante dem. Fr. r.

7, 15, 16, 1, 19. ipsius (Dci) prop. eiern. r. Fr. 11, dir. prop.

dem. r. Fr. et vir illustris 21, div. ordin. provid. r. Fr. 9, ornnilotentis

Dci iniseric. r. Fr. 13, 14; in zwei Diplomen aber findet

1) Siekel. Acta reg. et iml)crator. Karolin. (Wien, 1867) 1, 211 Anm.

2, 295 Anm. 2 Facs. v. UILO bei Mabullon de re dipl. p. 417, tab. XXXVI,

v. fl .. 17 bei Silvestre, l'akiograpliie universelle Bd. III, Abt. Chartes royales

Xilne si'ele fl. 2, wo in ihrn die Anfangsbuchstaben des Namens Christi enthalten

sind.

2) Bq, IX, 562, 618; die Invucation J. n. 1). e. s. im. J. C. ist die in

den Diplomen Xtiimig Lothars 11. übliche und gerade in iler Übergangsperiode

nach 1cr gut karoliiigisc1 Zeit findet sich wiederholt ein o1ches Zurücklt

II auf frühire Fu rmeln, v gl. Stumpf 1 78; Millilbachmer 1, c p. 404 lT.

3). Vgl. Stttiii1;f 1.


L 4

1 0F

sich die vollständigste Titulatur 1) gratia Dei Fr. et Aquitanorum

at([ue Burgundionitm r. pius iuvictus ac seinper augustus 20, inclitus

fügt noch hinzu 22, vgl. jedoch über 20 und 22 die Aninerkungen.

In der königlichen Unterschriftszeile ist die Benennung zwar

auch verschieden, aber es überwiegt doch Signum Rodulfi regis

gloriosissimi (17 mal), bisweilen mit beigesetztein domni, daneben

erscheint S. II. r. gioriosi in 3, 6, serenissimi 11, gloriosissimi

atque praecellentissirni 12, ohne ehrendes Epitheton 10, ohne Signuin

überhaupt 8; in der Datierung entspricht dem S. R. r. gloriosissimi

ein regnante II. r. gloriosissimo in 7, 18, 19, 21, 22. 231

ein r. R. r. giorioso in 1, 2, 4, 17, 20, (leni S. R. r. gioriosi ein

i. 11. r, gloriosissirno in 3, 6 ; serenissimus in der Datierung

bieten 13, 14, keinen Zusatz 10, 15, 16, gar keine Angabe 5, 9.

Ankündigung der königlichen Unterschriften haben alle ausser 3,

10, 12, 17, 20 (die sie aber dennoch bringen) mlii 8.

Bei Ankündigung der Sigillation gedenken die meisten des

anulus, hingegen der bulla 13), 14211- ohne nähere Bestimmung

sind ii, 12, 17, ohne jede Erwähnung des königlichen Siegels)

8; 10 meldet, dass die Urkunde von dcii Primates mit untersiegelt

sei, 8 und 22 haben Signa andrer Personen 4)

Nachbildungen des königlichen Mouogramrns, die bei einigen

Variationen denselben tiritndcharakter tragen, finden sich mehrfach

5); auch das epigiaphische Monogramm (auf Münzen) entspricht

dem palaeo graphischen ).

1) Vgl. stumpf 1, 88.

2) Stumpf 1, 95.

3) Guillott de Mont1ton p. 103 giebt : lluudul1ilius gratia l)ei Fraucuirlun

ccx als Siegellegende um Budolfs Bild auf einem Diplom in dcii Archiven

von S. Denis, ohne weitere Bezeichnung desselben; der Schriftcharacter soll

angeblich der Zeit entsprechen und das Bild einen Mann von über 50 Jahren

darstellen, vgl. jedoch über ksiiigliche Siegel Stumpf 1, 106 ff. besonders lii.

Die Beschreibung eines andern Siegels (v. UR. 17) s. bei Leibniz, Orig.

GuelC. II, 161.

4) Vgl. Ficker Beiträge zur Urkundenlehre (Innsbruck 1877, 78) 1, 227

II. 131: Sickel Acta Kar. 1, 203, Beitr. IV. W. S. B. 47 p. 578; Stumpf 1, 119.

5) Mabillon u. Sjlve.stre facs. 1. c. Beslv. hist. des corntes de Poictol]

p 239, l)ucaiige, Glossarium Bd. IV (cd. in 4) Mono-r. Pl. II. n. 65-67,

Guihlon Pl. 1 zu p. 69, Leibniz, Orig. Gucif. II, 161. Stumpf 1. c. 1 p. 101.

6; I)ueange, Glos. IV s. v. moneta p. 751, pI. III. ii. 14, 15. - Es

mag bei dieser Uelegen}Leit noch auf andre Beschreibungen von Münzen Budolis

verwiesen werden. Bibi. bist. da I'Yonne II, 253 mit der Prägstätte

Sens, die bei l)ucange haben Paris und Orlaiis, ferner s. zu UR. 3.


106

Die Datierung erfolgt nur UR. 5 nicht nach dem aunus regni,

meist ist letzterer begleitet von der Indiction, welche nur in 5,

8, 13, 14, 16, 21 fehlt; vereinzelt tritt das Incarnationsjahr auf

3, 5, 10, 22, jeder Zeitangabe ermangelt 9. Doch trotz des Vorhandenseins

von meist zwei Daten ist die Chronologie ungemein

schwierig und in mehreren Fällen ist ohne Korrektur einer oder

selbst beider Zahlen die Einreihung ganz unmöglich.

Der Epochentag Rudolfs ist der 13. Juli, sein erstes .Jahr

läuft demgeniäss vom 13. Juli 923 bis 12. Juli 924; für einige

Diplome hat mau, um der heillosen Verwirrung zu entgehen, angenommen

1), man habe bisweilen das volle Jahr 923 als annus

1 zu setzen, doch auch dies ist nur ein ungenü gender en Notbehelf.

Schwieriger steht es noch mit der Frage, welche Indiction gewählt

ist; für den ersten Teil des Jahres bis September ist es ja gleichgiltig

bei der Zählung, da sie hier sich decken, anders aber bei

den letzten Monaten und gerade für diese ist das Material ') zur

Entscheidung nicht ausreichend.. Es lässt sich daher nur sagen,

dass mit der ln(lictio roniana, die den Kalenderjahren entspricht,

in einigen Fällen eine Lösung möglich gemacht ist, dass bei den

Septemberindictioneu diese Möglichkeit, die widersprechenden Daten

in Einklang zu bringen, sich etwas erhöht; überhaupt herrschten

hierbei in der späteren Karolingerzeit keine festen Regeln ).

Das Formelwesen in Rudolfs Urkunden ist schwer festzustellen;

von den alten Formeln. wie sie uns Roziöre 4) bietet,

kommt, soviel ich habe ermitteln können, nur eine völlig in Be-

1) Bq. IX, 5431 als Bestätigung dürfen hier loch unmöglich Privaturkunden

herangezogen werden, deren Anfangsterniiue sehr schwankend sind, s.

oben; vgl. auch Sickel, Bcitr. L W. S. B. 36 p. 348.

2) Aus den Monaten September bis December giebt es 43 (vielleicht

7, ii. II) Urkunden, davon 5 mit annus regni und inihetic, doch sind in sämtlichen

die beiden Zahlen unter einander unvereinbar.

3) Mühlbacher 1. c. p. 368 weist für Karl (den Dicken) 1)icke.n) nach, dass unter

ihm wechselnd selbst bei einem Kanzler, ja selbst in eiiieni Monat verschiedene

Tndictionon Anwendung fanden. - Welchen Daten man d(ii Vorzug geben

soll, ist chie schwer allgemein zu beantwortende Frage, z. B. Beitr. 1. W. S.

B. 36 p. 344 betrachtet Sickel f. Lud. (1. D.) die lud. als ausschlaggebend.

lleitr. VIII. ib. 101 p. 137 (f. Otto 1.) den annus regni ; s, auch Stumpf II

p. XII. In den folgenden Regeslen ist meist letzterem gefolgt, da mehrfach

äussere Umstände (zeitlich gleichstehende Urk., Itinerar u. a.) dafür sprechen,

z. B. UR. 3, 10, 12, 17-20.

4) Recucil gtnral des formules usittes (]ans l'empire des Fruncs du

au Xe sic1e, 3 Bde., Paris 1859, 1871.


1 f 7

tracht in den Urkunden für S. Martin von Tours und Marmoutier,

doch ist auch hier wohl nicht Zurückgehen auf eine Formelsamm

lung, sondern Vermittlung durch Urkunden der Vorgänger anzunehmen.

die fast alle nach der gleichen Formel stilisiert sind 1);

in den übrigen Urkunden ist das Formular nur in einigen Fällen

dein früherer Urkunden entsprechend, in den andern hingegen sind

nur einzelne Stücke bald der, bald jener Formel entnommen und

daraus ist eine ei gne Formel kompiliert; um hierüber zu sicheren

Resultaten zu gelangen, müsste die Betrachtung sämtliche Urkunden

der letzten westfränkischen Karolinger umfassen ‚ eine

Spezialarbeit, die hier nicht geboten werden kann; manche Bemerkungen

und Hinweise sind den einzelnen Urkunden beigegeben

worden.

Wie sich aus den im folgenden beigefügten Anmerkungen

er(riebt, sind es nur wenige Urkunden, hei denen nichts oder doch

nur etwas kaum ins Gewicht fallendes auszusetzen ist, sehr viele

bieten Vorkommnisse, auf welche hin man früher das Diplom ohne

weiteres für gefälscht erklärt hätte. Fickers grundlegende Untersuchungen

zeigen indessen, wie vorsichtig und massvoll man bei

solchen Urteilen seiii muss, denn für eine sehr grosse Menge von

Verdachtsmomenten hat er Originale als unanfechtbare Entlastungszeugen

vorgeführt und gerade die Über gan gsperiode der 1)iplomatik

‚ wie Stumpf die Karohirigerzeit nach Karl dem Dicken bezeichnet,

ist besonders reich an Abweichungen, da in ihr manches

noch einmal auftaucht, was lange abgekommen war, manches schon

vereinzelt eindringt, was erst später zu allgemeinerer Annahme

gelangte und sich mehrfach eine Beeinflussung der Königsdiplome

durch Privaturkunden geltend macht2).

1) Rozire 1, 32 ii. 24.

2 In dcii 1legestLn ist B. = Böhmer Begesta Carolorum, Brq.

Bri 1uigny Table ehron1ogii des diplomes, chartes . . conc. ä l'hist. de

Fran ce (Paris 1769) 1 mit Sitciiiiurnmer, Bq. ohne Bandzahl Bouquet IX,

St. Stumpf Heichskanzler 1. Ficker = Beitr. z. Urkundenlehre, IJKdE.

lTrk. Karls III des Einfältigen. BetrefFs der äussern Einrichtung schien es

zwee1,im5ssig, dem Beispiel Bresslaus in seiner ‚Kanzlei Kaiser Konrads 11."

folgend die Anmerkungen unmittelbar dem Ilegest anzuschliessen. Reiehsversainiiilunigcii

‚ Friedensschlüsse, Gesandtschaften u. (Irgl. (wie bei l3Olimer-

Mülnlbaclier) waren nicht aufzunehmen, da sie schon oben in der Geschichte

iludehfs ihren Platz gefunden haben.


1 ()S

lt e g es t e Ii.

1. Autun 924 Februar 2i.

II. restituiert auf Bitte des l3iscli. Ansegis (v. Troves) und

seines Getreuen Adso dein Kloster S. Sviuphorian in der Vorstadt

von Autun unter Propst Herniold eine Kirche in Aiciacu,n und

bestdtigt die anderen Besitzungen . . . apud Augustodunuin civitatem

. . Rayllardus not. adv. Ahbonis ep. dictavit, prid. kai.

mart, md. XII, a. 1,

B. 1980 zum 28. Febr.. desgl. Kalekstcin p. 165, Arno. 2: 991 ist aber

Schaltjahr Bri. 1, 385: Bq. 562 'n. d. Chartul. des Klosters: Thirnx, conites

dAutun p. 1 18 : Kai. mau : Gailia Christiamia 2 IV, 372. Formular s, UKdE.

f Antun 11. 486, ilOdos B1. 456, ULud. cl. St. Ilq. 415.

2, Chlon 924 April 0.

lt bestätigt dem Abt Eimo v. 5. Martin in der Vorstadt

von Autun auf Bitte seiner Gemahlin die Schenkungen früherer

Könige in seinem Reiche und in Provence. genehmigt eine Sehenhing

seiner Gemahlin und einen Tausch seines Getreuen Berengar,

regelt die Abtwahl und Stellun g des Klosters . . . Bagenard not.

adv. Abbonis ep. recogn. et subscr. Vl[I. id. apr. md. XII. a. 1.,

Cabillono civitate.

B. 1981 ; Br1. 385; Mahillon de re dipl. 564 (n. Abschrift v. D Auzut

aus cl. Orig.) B1. 563; Gall. Christ. IV, instr. 71. Ilimlliot den Herr

Wrede in Gottimigen einzusehen die Güte hatte) bist. de, 5. Martin d'Autun 1

164, 11, 24, mit der Subser: Ragn. not. Lauduiecusis episeopus rec. et

Dat. 1111 id. apr.... . Cabilne . . . Vgl. ob. p. 41. Formular Anklänge

an UKIE. f. 8. M. v. Autun Bq, 485.

3. Chi1on 924 April 8.

R. giebt Bisch. Adelaid von Puv-on-Veiai unter Zustimmung

des Grafen Wilhelm (v. Velay,‚ Hz. v. Aiiuitanien) den Flerkeim

l-'uy (buigum), Grafschaftsrechte (-Markt, Zoll, Müiize , Gerichtsbarkeit)

und stellt den Besitz der Muttergotteskirche unter Immunititt.

Vl. id. apr. md. X. a. 1.. a. I)UCCCXXIII (corr. liii.' Cabiliono

civit.

11. 1982; Bri,1. 385 Gall. Christ. II, 221 - Bj. 564, II. cl. Lang. II

pr. vol. 61 erwähnt Vorhandensein inelirrer Kopien v gl. oben p. 41. ferner

II. cl. Lang. 111, 97; bestätigt nut Erwclluriurtg Fhiduifs durch Kg. Lothar Bq


618, B. 9030• md. X nach UR. 2 und 4 corrig. md. XII. Münzen aus 1cr

biscliütlichen Pritgstätte mit Rudolfs Namen, s. Hut. de Lang. VII, 387.

4. Chflon 924 April 9.

II, bestätigt dem Abt }Teriveus vom Kloster S. Maria und

Ph ilibert in Abtei S. Valeriani im Castrum Trenorcium CI'ouriius)

die früher erhaitrien Besitzungen, freie Abtwahl und die sonstigen

Hehte. Bageriard not. adv. Abbonis ep. recog. et subscr. V. id

apr. md. XTT. a. 1. Cabillorio civit.

B. 1983; Brq. 386; Bq. 565 nach Chifflet bist. dc lalpb. dc Tournns

p. 275 wiederholt mit einigen Erweiterungen ohne Nennung uudolfs von

Ludwig IV, B. 2006 Bq. 593, v, Lothar 13. 2032 Bq. 620, während UR. auf

1JKdE. Bq. 323 zurückgeht. Formular Anlehnung an das von UR. I.

5. Laon 924.

R. giebt auf Bitte seines Pfalzgrafen Theobald (v. Blois) den

Möiichen von S. Lomer im Schlosse Blois zu passenderein Aufenthalt

die Kirche S. Lubin daselbst mit Zubehör und Gerechtsainen

Lugduni, a. verbi DCCCCXX[V.

Briq. 386; B1. 566 nach Gall. (lrist. VIII instr. 112 vgl. Kalcksteirs

p. 11i6; Mm. d. 1. Soe. archolog. de 1'Orhannais 11(1853) p. 384. Nach

liivotion, Titel, Arenga nennt sich der König nochmals mit Namen unde ego

Hailulihus rex und bedient sich stets ausser in der Corrohoration und Ankündigung

von Sign um und Siegel des Singulars; liecognition und reguläre

l)alirung fehlen; die Urk. ist, wenn echt, jedenfalls sehr stark verderbt; St.

1. 81, 88 betrachtet an und für sich ego als Zeichen der Unechtheit. Unter

Lugdunum ist ohne Zweifel Laon zu verstehen, für Laulunum findet sich in

jenel Zeit auch Lugd., z. B. Polcuin, g. abb. Sith. 102, SS. XIII, 626. Die

Corriboration ist wie bei U1i, 7.

G. Laon 925 April 6.

R. verleiht auf Bitte Rotgers, des Grafen (v. Laon) und Abtes

(v. Elno ‚ S. Anand), dem Kloster Elno Mansen in Vidiniuni im

Austrobaimt an der Scheide u. a. und bestätigt die Schenkungen

seiner Vorgänger . . . . Ragenard not, adv. Ahbonis ep. rec. et

subscr . . . . . VIlf id. apr. md. XIII. a. 11. Lauduno castro.

B. 1984; Brnq. 387; MarLene, Coll. ampliss. 1 col. 279 Bq. 566, ex

chartario Eliioncnsi Mabillon, Ann. Bened. III, 383; Kaickatein p. 174, s. ob.

p. 49. Urk. ist im allgemeinen ordnungslniissig sonderbar aber ist die Corroboration

in 4 metrisch nicht ganz reinen Hexametern nirgends saust finde ich

ein Analugun von diplomatischer Poesie, auch hat lagenard sich diese Extravagalis

nur hier gestattet; in v. 3 schlägt Nut. du, Wailly 1. c. 1, 338 patet

statt paret vor, welches aber metrisch falsch und durch den Sinn nicht erfordert

ist. Das Siegel wird als Portraitsicgel angemeldet, die Wahrheit ist

nicht zu ermitteln, St. 1, 111 meint allerdings, auch von den späteren Karoliuigerui

des 1.0. Jahrh. habe nur Lothar kein Geinunensiegel gebraucht. Im

Coiutext geringe Anklän ge an UKdE. 1. Elno Bq. 502 (?).

7. Arciacum an der Saöne 925 Mai 30.

R. bestätigt auf Bitte des Bisc.li. Gauzselin von Langres und

seines getreuen Grafen Manasse (von Dijon-Vergy) dem Kloster S.


110

Benignus in der Vorstadt. von Dijon die Gaben früherer 1ürsten

und Bischöfe, dazu die villa Saeiacum. Teile des Marktrechts und

einige andre Besitzungen. Rainard [not.1 adv. Abbonis pontificis

rec. et subser. . . . Arciaco villa supra fluvium Ararim. TU. kai.

jun., iiid. Xlii., a. IV.

Brq. 388 zu 926; l'erard, Rec. de pi'ccs s. ihist. de Ilnirgogne p.

162 zu 925 Bq. 569 zu 926; I)uchesnc H. il. 1. ni. d. Vergy pr. p

395. III. kai. jul. md . III. Ausführliches Regest ins Chrnn. S. Ben, U. VIIL

243, u. Analeeta Divionensia (Dijon 1875) p. 124; Chron . Alherici 55. XXIII.

758: Kalckstein p. 172 Anm. 1; Gui]lo,i p. 79, 80 bemüht sich vergeblich,

Areiaeum oder Artiacum (so. und nicht Aritacuns hai Perar(11 aufzufinden, lautlich

entspräche ein Arcey, wie ein solches am I)ouhs, ckp. Doubs arr. Baume,

vorkommt; auf den Spezialkarten bei Joanne finde i(-li jedoch nur ein etwas

anlautendes Are, d&p. Haute-Sane, arr. Grav, auf dein rechten Ufer unweit

der Einmündung des ruisseau des Eeoulcttes. Nachm WailIv 1. c.. soll Urk. auch

Incarnationsjahr haben. Anmius IV, giebt 927, od. V. Auf, 923 gerechnet 926,

imid. XIII. = 925; schon das Chron. S. Bei). (Mitte 11, Jahrh.( setzte die

1-rk. zu 925, ihm folge ich ; dasselbe hat auch noch nicht die Zusätze einer

Kopie. die nach Bq. einige Rechte hinzu giebt. Formular zum 'feil wie UR.

18, 19.

S. Antun 925 Juli.

R gicht den Kanonikern von S. Symphorian zu Antun, die

ihn bei Gelegenheit seines Kirchgaugs angingen, die Lehn seines

verstorbnen Getreuen Ado durch Niederlegung eines Messers auf

dem Altar, und gestattet auf Bitte schier Mutter Adelheid und

seines Vasallen Unizo die Verleihung derselben als Prekarie an

seinen Getreuen Alderich .... . in atrio S. Symphoriani, Herrnold.

praepos. firinavit. S. Adheleidis, S. Gilberti coni. S. Ragenaidi

(Vicegf. v. Auxerre) S. Roberti. S. Manassis (Gisleh. Bruder)

Ego Anselinus rogatus sc.ripsi et datavi in mense julio die mercurii,

a. ITT. regn, Red. glor. rege.

B. 1985, Br 1. 387; Bq. 569 mm. Thiroux, Ii. d. comt. d'Autun, p. 119;

vgl. Kalckstein p. 172, Anm. 2 (unrichtig Dienstag). Vieles auffällige : es

fehlen Arenga, Ankündigung der Unterschrift und der Siegelung, [ntersehrift

selbst, ob auch das Siegel, ist nicht angegeben; statt dessen Iimmden sich 10

Zeugenmiterschriften, von denen die uns bekannten zeitlich und örtlich allerdings

wohl passen, und wenn auch dieser Vorgang iii Köni gsurkunden sehr

selten ist, da sie zur Unscheltbarkeit dessen nicht bedürfen, so spricht er doch

noch nicht für die Unechtheit, da unterschreibende Geistliche und signierenh'

Laien auch scimirim in (leim älteren K;inigsurkunden als Beurkundmmngszeugen vorkoinimmeu,

vgl. Fieker 1, 227 ff. § 131), 131. Actum mit Ausstellungsort und

Ap]recation sind von der Datierung getrennt, letztre steht,statt am Schluss,

seliomm vor den Zeugen. Die Form der Verleihung durch Uebergabe eines

Gegenstandes, die bei Privaten gewöhnliche ‚ ist, obschon selten in Königsurkunden

erwähnt, doch auch nach 1'icker 1, 116 § 75 bei diesemm meist allzunehmen,

Nur Invoeation und Titel sind kanzleimimssig, sonst trägt die ganze

Urkunde den Stempel von Privaturkunden so ausser den Zeuen die Strafbestimmt)-

bei Verletzung der Prckarie und besonders die Subscription : ego

Ammeelimmus r o g a tu s ....und die ungenaue Zeitangabe ‚‚an einem Mittwoch

im Juli", die in l'rivaturkuriilen der Zeit unendlich lmiiulig ist, da dieselben


111

selten den Wochentag, stets den geiaiien Monatstag geben. Wir haben also

wohl keine Urkunde der ku'iniglichen Kanzlei vor uns, sondern eine von dem

Empfänger selbst vorbereitete (s. Fick-er 1, 287 if § 164), welcher der König

nur seine Sanktion erteilte, die hier vielleicht nur durch Siegelung erfolgte, da

seine Unterschrift in der Abschrift mit angegeben worden wäre, während

Siegel. selbst wo sie vorhanden waren ‚ von den Kopisten oft nicht mit erwähnt

wurden dassSiegel bisweilen beigefügt wurden ohne vorherige Ankündienng

ist durch Sieke] 1. 191 nachgewiesen. Für den Charakter einer

Irivaauch

rkunde spricht am' die Trennung von Actum und Datum durch die

Zeugen, die in jenen nach I'ic.ker II, 94') § 133 seit dem 8. Jahrhundert üblich

war und wofür sich noch in, 10. Jahrh. zahlreiche Beispiele finden, z. B. Baluze,

hist. g&n. d. 1. ni. d'Auvcrgne II p. 6, Cartui. de S. Pöre de Chartres

p. 8, Rec. d. chart. 1. Clunv 1. n. 271, 450 u. a. - Anselin erscheint auch

nur in dieser einen Urkunde.

9. [925].

R. reorganisiert auf Bitte Bisch. Adalelms von Laon das

heruntergekommene Kanonikerstift S. Vincentius in monte Lauduno

und bestimmt dessen Rechte genau. Recognition, Datum, Ort

fehlen,

Brq. 387; Mabillon de re dipl. 565 ii. d. Orig. mi Archiv v. S. Vincent

= Bq. 568; zum Teil fa'si;n Mabill. 1. e. p. 417 Pl. XXXVI; der Schluss ist

lückenhaft, ob unlesbar oder nicht ausgefüllt, ist nicht klar gesagt (wohl das

letztere), der Ort des verlornen Siegels hingegen angegeben auffällig im Facs.

ist für eine Reinschrift das an unpassendem Platze stehende gar nicht zum

Text gehörige generalitatis, das auch durchstrichen ist: die Schrift erscheint

der Probe iiaeh allerdings zeitgemäss ob auch kanzleimässig?). Die Verlaihungazeit

ist ganz unsicher, es ist deshalb die bisherige Ansetzung beibehalten

worden Ada]ehn starb 930, s. Ebd. ib. p. 379. Eine Bestätigung

giebt es voll Lothar 975 Bj. 639. B. '2051,

10. Briare 927 September 9,

R. bestätigt dein von Wilhelm dem Aelteren (W. 1. dem

Frommen v. Aquitanien) gestifteten Kloster Cluny seine Privilegien

(Exernton von aller weltlichen Obrigkeit, Marktzollhefreiung. freie

Vvra\\\ nach Odos Tod) und seine Besitzungen (Blanuscuni u. a.),

e Urkunde von seinen Primates signieren . . . . Briodero

villa md. Xl.. V. id. sept., inc. DCCCCXXVII, r.

Zuerst ediert 1876 von Bruel ‚ Eec. d. chart. de Chntv 1, 281 n. 285.

aus Cart. (' 46 (Bibl. d. 1. ville de Cluuy, n. 1, saec. XII. in.), die crw(ihLIte

Stiftungsurk. Wilhelms ib. n. 119. Datierung ist bis auf' md. XI korrekt, doch

auch hier di; Besserung sehr leicht, da wir XV zu lesen leihen mit römischem

1iiictjonsiiiodus. liecognitionszeile fehlt. Briare an der Loire, ef. Cartul. de

l'Vonne II p XXVIII, u. Mm. d, 1. Soc. arc1oo1. de lOrleannais IV (1858)

p. 158; ein andres llnio(Irum bei Lotignon, ttude s. les pan d. 1. (Jaule, Bibl.

de l'c. d. haut. dlud. fase. XI p. 77) heute Briöres, d1 . Arlennes, arr. Vonziers,

kann seiner Lage nach nicht in Betracht kommen : s. b. p. 61. 1"i'-

mular (Titel, Arcnga, Promulgation) s. UR. 17.

11. 927.

R. gewährt auf Bitte seines Getreuen Ebbo dein Kloster J)41s

Immunität und bestätigt seine Besitzungen (ad Roccam, Kapellen


pp-

112

in villa u. castro Dolis u. a.) Herbert not. adv. Abbonis ep.

recoge.... . md. XV., a. V.

B. 1986, Brq. 390; Bes]y, hit, d. comt. d. Poictou pr. p. 239 (e

tabulario Do]ensi, m. Facs, des Monogr.) Bq. 570; Ort und genaue Zeit

fehlt, doch gebart Urk. nach a. V. erst der zweiten Hälfte des Jahres und

zwar (s. oben p. 61) wohl dein Herbst an. Ebbo stiftete I)ds 917, fiel 935;

])o1s ‚ Dolis=Bourgdien tu; littire gegenüber Ohateauroux ‚ Castrurn loi1ulhi,

dein Sitz der Herren aus ]hbos Geschlecht, nachdem ihr Stammschloss Ddois

an das Kloster gekommen war,

12. Autun 930 März 23.

R. wird bei einem seiner gewöhnlichen Kirchgänge in der

Fastenzeit zu Autuit im Kloster S. Maria und S. Andochius von

den Nonnen und Bischof Heriveus (v. Autun) um Erneuerung ihrer

Urkunden ersucht; er bestätigt ihnen ihre Besitzungen .... .pud

urbem Aeduam, Heribert regalis cancellarius adv. Abbonis ep. SCripsi.

X. kai. apr. md . 1. a. VII.

B. 1987, ]Iriq. 390; Bq. 573 n, Lahbe ‚ epit. regalis p. 576). lud. 1.

928, a. VII, 92930, Bq. behält md. 1., ändert Vif. in V. od. VI; Tliiroux, Ii.

ii. conit. d'Autun p. 121: a. IV; Munier, Mim. et recherch. s. 1. ville d'Autun

(vgl. Guillon p. 73 Anm.) auch a, IV. Es scheint mir zulässiger, dein a, r. zu

folgen und hei der md. zu ergänzen III; denn infolge Verblassens der Tinte

oder Abspringens der Buchstaben ist es wahrscheinlicher, dass der Abschreiber

nur noch die 1 wahrnahm, als dass er für eine V eine VII erblickt haben

sollte (d. v. Lang Sendschreiben au Bühmer. Nürnberg 1833, p, V). Ich setze

das Diplom daher zu 930, nicht, wie bisher allgemein an genommen, zu 998.

Die Lesart a. IV, bez. 1111 scheint zu a. VII zu passen als leichte Aenderung,

doch ist damit die Indiction ganz unvereinbar, 927 hat mtl. XV.

13. Tour s 931 März 24.

R. bestätigt auf Bitte des vir venerabilis noster quoque satis

superque fidolis Hugo, Abt und Rector S. Martins und seiner Besitzungen.

den Kanonikern die Immunität und alle Besitzungen in

Austria, Neustria, Burgundia, Aquitania und anderen Reichsteilen

in Anbetracht der erprobten Treue Hugos. Die Immunität gilt

dem vom Abt Robert, späterem König, gegen die Norinammnen erbauten

Castrum, Münzrecht u. a. werden bestätigt, die Besitzungen

ausführlich aufgezählt, Strafandrohung GOO Solidi. Heribert not.

adv. Abbonis praesulis neenon archic.ancellarii rer., IX, kai. apr.

a. V.I II, Turonis in ipso S. Martini castro.

B. 1988, Brq. 393; Bq. 573, nach sr:;rterie. 'I'lis. ;tnccd. l cd. 63, ex

archivo 8. Martini: Labbe alliance ehirnol. Ir, 596; Mahille ‚ Paiiearte neire

n. 6 (index n. 136; ; Kalckstein p. 183 gicht 4. März ‚ doch halten alle Texte

24., nur Lahbe hat XI. kai. api. 22. Mäiz. FIHl. 931 p.379. St. 1, 495

Anm. 153 über bulla. Dieselbe Formel liegt zu (runde inden lJrk. Lud. d.

Stanimlers Bq. 406, Karls d. Dicken Ib 1. 349. Xarlii;aiins B 1. 497, [KdE. Bq.

498, 542, besonders 509 Titcl archicaucellariusi : tue angewandte Formel ist

die bei Rozire 1, 32 n. 24.


118

14. Compiögne 931 Oktober 7.

R. stellt auf Bitte des vir vener. n. sat. sup. fid. Hugo

inclitus abba utriusque monasterii b. Martini au regni nostri marchio

in Anbetracht von dessen Treue das Kloster Marmoutier unter

seinen Schutz und Immunität, bestätigt Rechte und Besitzungen,

bestimmt, Marmouticr solle stets demselben Abt unterstehen wie

.S. Martin, ordnet Fürbitten für König Odo, König Robert u. a.

an; Strafandrohung 30 Pfund Gold. Heribert not. adv. Abbonis

praes. neenon archicanc. rec., iion. oct. a. X. Compendio palatio

in ipsa S. Cornelii basilica.

Brät. 389; Bq .571 (ex chart. Majoris Monast. S. MarL Turoti.) bezeichnet

es irrig als Urk. 1. beide KlOster S. Martins. Nach a. X geliort das Diplom

zu 932, Bq. bemerkt dagegen mit Recht, dass da Ansegis, nicht Abbo ‚ im

Amte war, liest V, was an und für sich zulässig ist, und giebt daher 7. Oct.

927; doch dagegen sprechen sachliche Bedenken: damals war hugo durchaus

nicht so vertraut mit dem Kunig, sondern neigte wenn auch nicht offen abgefallen,

sehr zur Seite des Rebellen Heribert, zweitens verbietet die [rk.

selbst jene. Annahme, denn sie sagt: Hugo habc

für Marmoutier eine Urkunde

erbeten sic.ut antea aliud monast. sive basilicant ciusdem sancti confessoris, in

qus ipse dornirus noster Martirins corpore quieseere videtur, cum suis omnibus

rebus llostrae defensiuiii comniiserat, also das bestimmte Zeugnis, dass vorher

S. Martin bereits eine Urk. Rud. erhielt; eine frühere vor 927) haben wir

nicht., wohl aber stimmt die Bezeiclimntng dieser erwähnten Urk. ganz mit 13,

auch ist das Formular von 14 und 13 das gleiche., es wird somit fast zur

wisslreit, dass die in 14 genannte frühere Urkunde unsere 13 ist, 14 also erst

nach ihr, nach dem März 931, gegeben sein kann; wir werden demnach a.

IX zu lesen haben, wodurch sie in den Oktober 931 komnmnt ‚ wohin sie vortrefflieb

passt, denn zu jener Zeit war hugo im besten Einvernehmen mit dein

König gegen Heribert, und ]Rudolf thatsächlich im Herbst, in Francien (vgl.

ob. p• 75 Anm. 4;, während 927 er im herbst nach Burgund ging (Flod. 927,

UR. 10, ob. p ui; und wir einen nochniahigen Abstecher imachm Compigmie annehmen

müssten, uni die Urkunde überhaupt einreihen zu können. Nach

Flol. 1. c. scheint zwar in dieseni Jahr ein Aufenthalt in Connipiögne (gleichzeitig

mit der Synode von Trisly,nach F'lod. Zeitangaben irrt Spätsommer)

vielleicht annehmbar zu sein ; doch da lleribert sich zu erscheinen weigerte

und deshalb die ganze Zusammenkunft nicht zu Stande karo, ist sehr fraglich,

ob auch der Köni g überhaupt darin no(Ii hing(-gangen ist: diese geringe Müglichkeit

kann also obige den [rk. selbst critnwnrrrene Gründe nicht entkräften.

1. Auxerre 931 l)ecember 2S.

R. giebt auf Bitte des Bischofs Ansegis (s'. Troyes) und Graf

Oauxfrcds :v. Nevers) seinem Getreuen Adelard, dessen Gemahlin

Pleetrudis und Ne1fln Geilo die abbatiola S. Pauli im Senonais

nebst einigen Ländereien im Gdtinais zu Lehen. Hugo cancell.

adv. Ansusi ep. rec. V. kai. januar. md . VI., a. Viii. Autissiodoro.

11. 1993, Brq. 396; Perard, Rer. de Bourg. p. 163 - Bq .579 zu 933.

A. VIII ist 1930, md. VI (rom.) 933. 1ü1. korrigiert daher VIII zu XI, was

wohl kaum mu1ghic.hI ist: dic Kanzlei bietet keinen Anhalt, da die Reeognoscentemn

unter Ansegis neben einander fungieren, nicht periodisch wie unter

Abt es scheint daher eher zu lesen a. VII] 1 irmd. IV oder 1111 und ergiebt

sich liecennber 931, wo die Urk. sieh gut eintügt, denn Ende 931 ging B. nach


114

Burgund. Das Fonnular ist fast ganz das von 23, die von demselben Recognosccnten

stammt; Anklänge an UKdE. Bq. 500, 540, UOdos B(l. 146.

16. Anse 932 Juni 19.

R. bestätigt auf Bitte des sehr getreuen Vasallen )almacius

dem Kloster S. Johannis Baptistac in Montolieu (Castrum Mailasti)

seine Besitzungen in den Gauen von Carcassonne, Razs, Narboiine.

Rosmundus adv. Ansigisi ep. rec. Ansavilla Xlii. kai. jun. a. IX.

Ii. 1989; 25. Mai 932; Brq. 394; Bq. 576 n. einem apographum, nicht

autogr. wie B. meint, der damaligen konigi. Bibi. zu Paris) H. d. Lang. V

n. 56; Baluze Cap. II, l57, ex archivo Montis ()livi; Mansi XVIII col. I0 l5

zu 30. Mai 931 III. Kai. jun. Mahul Cartul. et archives de Carcassonne

I 76 Doppeldatum: Datum III. Kai. jun. a. IX. r. R. r. Actuni Ansavilla

XIII. Kai. jun. a. IX r. ii.. r.: woher er dies hat . er nicht, citiert iiui

die Drucke bei Baiuze, H. d. Lang. und Bouges, h. d. Carcassonne p. 518 pr.

n. XVII; er scheint es bloss aus den beiden differierenden Angaben kombiniert

zu haben, auch wäre ja das zweifache r. R. r. ganz abnorm. Ueberliefert

ist junii, indessen die folgende Urkunde vom 21. ‚Juni ist gleichfalls aus Anse

a. d. Saönc iiii Lvonnais und es ist doch sehr befremdlich, dass Rudolf zur

Zeit des bedrohlichen heribertischen Aufstandes sich in diesem kleinen Orte

im äussersten Winkel des Südostens über einen Monat aufgehalten haben

sollte, die Urkunden werden daher, wie schon Bq. vermutete. zeitlich näher

zu einander gehören und statt junii wird zu lesen sein juhii wodurch aus dem

20, Mai der 19. Juni wird. 931 nahm man meist an weil man auch die folgenden

IJrk. des 9. Jahres der md. III. wegen zu 931 versetzen wollte ; doch

das ist sachlich für ii. 16 nicht möglich, da erst 932 die Unterwerfung auch

jener Gebiete erfolgte, in denen Montolieu liegt. Im Formular starke Berührungen

nun (Titel, Proinulgatio, Narratio Corrohoratio) mit UR. 18, beide von

Rotid ausgestellt.

17. Anse 932 Juni 21.

R. schenkt an Cluny auf Bitte seiner Gemahlin Emma und

einiger Getreuer im Mäconnais Chevignes (Cliivineas, den dritten

Teil der piscina Osa, und bestätigt die Schenkungen Andrer, darunter

Bischof Bernos von Mäcon. Readmund adv. Ansusi ep.

recogn. . . . Ansa villa, XI. kai. jul. md . III. a. IX.

Ii. 1990 zu 932; Bröq. 394; Bq. 570 (ex chartul. Cluniac., Orig. Guelf,

II, 161 ; Marrier et DUUhCSnC, Biblioth. Cluniae. (Paris 1614) col. 410; Bruel,

Rec, d. chart. d. Cluny n. 396, zu 931, nach Orig.. Bibl. nat., coll. de Bourgogne

or. 13, und nach drei Cliartularen des XII. ii. XIII. Jahrh. u. einer jüngern

Kopie. Ein Facs. des Orig. der Pariser Bibl. gicht Silvestre, Pateogr. univers.

111 (Chartes royales, Xme sicic. ii. 2 leider nur vni palaeographischen und

nicht historischen Standpunkt; vom Protokoll giebt er nur den Titel und die

Signumszeile mit dem Monogr. ‚ nicht einmal. ob das Siegel vorhanden oder

seine Stelle noch sichtlich, hat er erwähnt, lud. III. ist 930, a. IX. 932; die,

welche es zu 931 geben, lassen den a. r. von Anfang 921 gerechnet sein, wofür

aber der Beweis fehlt und wobei die lud. immer noch geändert werden müsste;

es scheint einfacher das Regierungsjahr als das zuverlässigere festzuhalten und

die lud, in V. zu ändern, so dass nur eine Korrektur nötig ist. Gehören 17

und 16 (wie höchst wahrscheinlich ist. demselben Aufenthalt in Anse an, so

ist schon dadurch 931 für 17 (und 18, 19) ausgeschlossen; sonderbar ist nur,

dass wie 17 auch iM, 19 denselben Fehler tragen, wir also dieselbe Korrektur

vornehmen müssen. Ceber den Titel St. 1. 88.


113

18. Boiacum 932 Juli 1.

R. giebt auf Bitte seiner Gemahlin Emma und seines Bruders

Ugo an Clun y die villa Solustriacus (Solutrd, dp. Saöne-et-Loire,

arr. M;'kon, W. v. Mdeon) ‚ bestätigt seine und Andrer frühere

Schenkungen, verleiht zum Fischteich Osa noch drei leibeigene

Fischer mit ihren Familien hinzu. . Rotmundus adv. Ansigisi

recogn. . . . Boiaco villa . . . kai. jul. md . III a. Vilil.

Zuerst ediert voll Eec. d. eh. d. Uluny 1 n. 398 nach Cart. 0 48

und Bibi. nat., Coll. Morean, cop. toni. IV 1. 95, zu 931, betr. des 'Jahres s.

zu n. 17; d er Ort JJoiacum ist nach Cuillon p. 80 nicht zu ermitteln, auch

bei Joanne findet sielt kein Boyö oder Boiay oder dergl., nur ein Boyer, rechts

nahe der Saö jje. dp. Saöne-et-Loire, arr. Chälon. Formular s. UH. 16.

? 19. Boiacum 932 Juli 1.

R. schenkt auf Bitte seiner Gemahlin Emma und seines

Bruders Ugo an Cluny Besitz in Solustriacus, Vergasona, Cavanicas

und bestätigt andre Güter . . . . Boiaco villa, kai. jul. md . 111

a. VIIH.

B. 1991 zu 932, J3rtq. 394, lJq. 577 ex schedis nies. bibl. S. Gerni.

Prat., Orig. Gueh'. II, 162, Tiruel 1. c. n. 397 aus Cart. C. 47. - Vergisson,

Chevignes ‚ Collonges (Coloniae), in der Nähe voll s. 18. Urk. 18, 19

sind sich sehr ähnlich, decken sich grösstenteils im Wortlaut. Verbriefungeii

der gleichen Handlung vom gleichen 'Inge, deren Text im allgemeinen übereinstimmt,

in manchen Einzelheiten aber doch abweicht, sind nach 1"icker 11,

439 471, noch nicht Zeichentier Unechtheit der einen von ihnen. Abweichungen

sind wohl durch geänderte Neizauefertigung unter Wiederholung des ersten

Protokolls zu erklären, vgl. il ). 1, 295 Ii ,. § 166. Als einfach voll andern

abgeschrieben ist keine der IJrk. zu betrachten, da sie sachliche Unterschiede

zeigen, vgl. 18: villa .....ilustriaeus in comitatu Matiscnense, 19: mansos

vestitos in Matisccnsi ‚ 3 maneos in Salustria, et 3 in \'ergasona et unum

absumn in Cavanicas; 18: tres piacatores . . . . llaimioardumn, 19: servientes tres

.andalfredus ; 18: tertia pars de piscina que dicitur Osa, 19: piscina

quae nuncupatur Osa. Es ist hiernach nicht zu entscheiden, wciclieui man

den Vorrang lassen soll: jedes gicht Details die dein fehlen, die aber

noch sonst bestätigt sind, wie Clievignes und die tertia pars de (isa durch

ii. 17. Auch könnte für die Selbständigkeit beider sprechen, dass Cart. C, in

dem sie erhalten sind, sie hinter einander giebt, was doch kaum geschehen

wäre, hätte man sie für gleich oder das eine Exemplar nur für ein Excerpt

des andern gehalten, was ja der Inhalt gar nicht zuliess. sondern man hielt

sie schon im Anfang des 12. Jahrh. für zwei verschiedene Diplontte. - Bruel

hält 18 für eine Ergänzung voll - Lambert de Barive, der in der zweiten

Hälfte des vorigen Jahrhunderts im Auftrag tier Regiernng Abstiiriften von

Cluniaeenser Urkunden anfertigte (jetzt in Coll. Mt,reau ‚ IlibI, mit.) giebt bei

18 an, dass das Siegel nicht mehr vorhanden sei, wonach es scheint, mis hätte

ihm nicht (oder nicht nur) (las .Chartular,‚ sondern noch das echte oder ein

geglaubtes Original vorgelegen. - Ueberhaupt ist die Ueberlieferung der Urk,

lInd. f. Cluny sehr mangelhaft, vgl. unten n. 25, 26.

20. Attigny 933 December 13.

R. hat früher das Kloster Tulle dem Kloster S, Sann in

Poitiers unterstellt und dem Abt Aimo zur Reform gegeben; da

8


11

dies sich nicht bewährt hat, ändert er seine Bestimmung, stellt

Julie selbständig her, gewährt nach Odos und seines Unterabtes

Adacins Tod freie Ahtwahl, und Unverletzlichkeit des Besitzes,

sichert ihm nach Adeinars (von Turenne) Tod den Rückfall aller

seiner Güter und eigne Wahl eines Vogtes. Gotefredus sacerdos

adv. Ansigisi ep. rec. et subscr . . . Anatiaco id. dcc. md. iii a. XI.

B. 1992, Briiq. 396; B. 578, nach 3labillon Ann Beii. III, 404; Baluze,

hist. 'lutelensis, app. col. 325; Justel ‚ hist. gn. d. 1. in. 3. Turcune (Paris

1645) pr. p. 16. id. sept. und a, inc. 945, wogegen S. Amable, hist. de S.

Martial 935 haben soll, lud, III. stimmt nicht zu a. XI, doch ist die Eintracht

der Daten itut der leichten Aenderung md. VI hergestellt. Bedenklich

ist aber der Titel, s. ob. p. 105; seniper augustus findet sich zwar schonin

einer l;rk. Kaiser Nai-13 des Dicken, vgl. Siekel 1, 263 § 85, ob aber auch für

K(inige? Im Anfang oliri c ilt der König im Singular, dann richtig mi Plural.

Verstärkt wird das Misstrauen, da von demselben liecognoseenten nich eine

Urk. vorliegt, wieder aus Attiguy und für Tufle, die dieselben Titel führt, aber

dazu noch der Invocation ermangelL mit der Areiiga beginnt, dann erst den

prunkvollen Titel und gleich darauf' die Narratio folgen lässt,, und schliesslich

hinter dem kotuglic.hen Monogramm noch die Signa seiner beiden Brüder

bringt.. Anatiacum ist doch wohl als Attign y zu Ibseen ‚ an ein Anaziacuin,

das in Privaturkunden von Clunv (z. B. 1 n. 192) als Ausste]luugsort vorkommt,

wird wohl der verwandten zweiten [rk. wegen nicht zu denken sein.

Einen charakteristischen Zug finden wir noch in beiden: ein gewisses Zurschautragen

von elcfirsaiiikcit in 20 lässt Gotefred den König 'Seine Sinnesänderung

dadurch entschuldigen, (lass man lese, die vortrefflichsten Kaiser

hätten nötigenfalls ihre Dekrete geändert, und in 22 wird bei Uxellodunnm

erwähnt, es sei einst durch die Belagerung seitens der Römer bekannt geworden,

mit Bezug auf Caesars beil. (ball. VIII, 39, 40 tI'. Sind die Urkunden

echt, so kann dies als Zeugnis für lii gelehrte Bildung des Kanzleipersonals

gelten doch wenn auch ohne die erforderlichen Grundlagen hier die Frage

der Echtheit nicht entschieden werden kann, so ist doch festzuhalten, dass

beide sehr verdächtig erscheinen, diiss 22 in seiner äusseren Ueberlieferung

sicher verderbt ist; allerdings findet sieh in UR. [II. 17 (orig.) auch einiges, was

in 20, 22 verdächtig erscheint. Titel und Arenga sind ähnlich, der Singular,

dann der Plural für den König ist gleichfalls vorhanden. - Vgl. auch n. 27.

21. Chateau -Thie rry 934 März .

lt. verleiht auf Bitte der Aebtissin Berta vom Kloster S. Maria

in Soissons den dortigen Kanonikern von S. Peter und Maria, die

durch Feuersbrunst obdachlos waren, einige Gebäude als Mod mit

freiem Verfügungsrecht. Ansusus episeopus recogiiovit . . ‚ (..astello

Theoderici 111 non. mart. a. XI.

B. 1994, Brii.. 396: llii. 579 nach Mabillon de re dipl. n. 113 p. 566

(ex chartario Suessioncnsi). Im Litel Zusatz vir illustris, die angebliche merowingische

Königsbezeiehnung, die aber durch J. Havet ., Bibl. 3. l'c. 3. chart.

(1885) 46 p. 138 ff. als eilt Irrtum erwiesen ist; erst Pippin und seine S(iltrie

gebrauchten sie, unter Karl verschwand sie jedoch bald, vgl. Sickel 1, 241,

244, 254, 259, St. 1, 83; unter den späteren Herrschern taucht sie wieder auf,

so hier, ferner bei Karl d. Einf. Bq. 513, 514, 516, 517, s. auch Sickel, Kaiserurk.

in Abbildungen, Text (zu Lief. Vif tab. 28) 1>' 203. Amit Schlusse findet

sich hinter der Ankündigung des Ringsit'gels noch eine \'erfluehung des [eber-


117

treters der Urk. : Malillon hält es für einen Zusatz des Bischofs von Soissons,

auf den er auch die in der Urk. erwähnte apostolische Verleihung bezieht,

Ist es nicht erst ein spätrer Zusatz, so wäre darin wohl ein Zusammenhang

mit den 1"orine.n hisehi(itlichier Urkunden zu erblicken, wie ihn Ficker II, 108

§ 252 für Königsurkundei' nachweist, vgl. auchSichel Beitr. IV. W. S. 11. 47

p. 579, auch S. Maria v. Suissons war ein privilegit'rtes Kloster, Sickell. c. p. 576.

22. Attigny 935 September 13.

R. verleiht dem von Graf Ademar beschenkten Kloster Tulle

die Burg Ijxellodumim im Quercv, die zum Schutz gegen Normanneneinfälle

iii Perigorci und Lirnousin von seinen Vorgängern auf der

Stätte des alten berühmten Uxellodunum erbaut worden ist, da

Gothen und Aquitanier freiwillig seine Herrschaft anerkennen, und

die Burgleute die Nachbarschaft schädigen ; um sie nicht in Zukunft

zum Stützpunkt für Aufständische werden zu lassen, soll sie

zerstört werden. S. Bosonis. S. Hugonis. Gotfredus säe. adr.

Ausegisi ei) . rec. et subscr.... . apud Attiniacum, id, sept. md.

VIII inc. DCCCCXXXV, r. VIII!.

B. 1995, Brq. 398; Bq. 580; Justel 1. c. p. 16, 17. Vgl. UR. 20. Als

a. r. ist XIII zu lesen. um TJebereiitstiminung zu erzielen. Kalckstcin P' 192

bezeichnet Adernar als lntervenienteii, er ist alter nur als Schenker von Gütern

in der Nähe von lJxcii. genannt. Aufflillig ist, dass Ademar als Graf erscheint,

da wir ihn sonst nur als Vicegraf kennen, vgl. Cart. de Beaulieu und besonders

Bal.uze, bist. Tutel., app., wo er zahlreich als Geber oder Zeuge auftritt oder

sonst erwähnt wird, aber bei Baluze und seitdem allgemein unrichtig Vic. v.

Sealae, Echelles, heisst, s. l,asteyrie, Bibl. d. l'c. d. 1. tt. 18 p. 65. Uxelladunum

‚ das mit leni alten gallischen Uxell. identiliciert wird, lag auf dem

Puc d'Issolu tOr ältliche lautliche Vorgänge vgl. Longnon, Bibl. de löc. des

buntes itud. fasc. NI p. 51]; dass wirklich dies von den vielen in Betracht

gezognen hier gemeint ist, zeigt die Benennung in der Urk, : po(Iiuti puy)

lTxehlod., ferner die Nähe der ademarischen Besitzungen Veiracum (u. a.), des

heutigen Vayrac oder Veyrac, nördlich v. il. Dordogne, Up. Lot, arr. aourdon.

23. Auxerre 935 Decemher 12.

R. überträgt auf Bitte Graf Gozfreds (von Nevers) deni Bischof

'I'edalgrin von Nevers einige Leben des Grafen (Biliaciim ii.

a. im Autunais, Brienn(iiiis villa [Brinon] im Nivernais) gegen

Zinszahlung. Hugo cancell. adv. Ansusi ep. rec. et subser.

Autissiodori II. id, dcc. md. VI., a. r. XIII.

B. 1996, Brq. 398: Bq. 581 (ex chart. Nivern.); Gall. Christ. 111 1 , 796.

S. auch Lebeuf, 1. c. II, 46. IJeber Gozfred s. oben zu 935. md. Vi passt

nicht, muss VIII otler IX sein. U11, 15 und 23 gehären eng zusammen: in

beiden erscheint Gauzfred, beide sind aus Auxerre und von demselben Hugo

verfasst, leiden liegt die gleiche Formel zu Grunde; die Empfänger sind jedoch

verschieden und ebenso die Quellen der vorliegenden Texte, das Chart. Nivern.,

dem G:tgnii'r's Abschriften entnahm, ist aus dem Ende Nil. saec. s. Deisle.

Cata]. des Actes dc Phil. Aug.(Paris 1856) p. 548.

Verlorne oder bisher unbekannt gebliebne Urkunden.

24. Für S. Nazarius von Autun.

Urk. Ludwig TV, aus Auxerre 25, August 936: universa


strumenta . . de villis inde abstractis quas praedecessores nostri,

Rodulfus videlieet et ceteri, restituerunt, h. e. Torcoiium, Susiacum,

Laisiacum . . . etc.

Ni. 584 da Diplom Ludwi gs ist sicher, Mabillon hat es im Original

gesehen, cf. de re dipl. p. 417 z71». XXXVI, n. 2. Die Zeit von l]R. ist

unbestimmbar.

25. Für Cluny vor 931.

Urk. P. Johanns XT. f. Cluny vom März 931 bestäti gt die

Besitzungen und Rechte des Klosters, darunter: monetam propriam

sic.ut fihius noster .Rodulfus rex francorum concessit, ita liaheatis.

Jaff Reg. Pont. 2 n. 358 .1. Marrier, Bibl. (luuiac. p. 1 Migni 13,-1,

1055; Bruel, Eec. d. eh. d. ClunI' 1 Facs. tab. 111. nach (art, (J 11 (diese

Partie von C aus saec. Xl, ex.) Die nicht erhaltne [11. mit ler Verleihung

des Münzrechts muss somit, vor 931 fallen.

26. Für Cluny vor 933.

ITrk. der (iorigregation von Cluny aus dem 10. Jahre lud.

9321933 . ....capellam in quadam villa que Solustriacus nuneupatur,

quam domnus quoque Rodulfus rex pro salute anirne sue

ac dilecte corliugis et pro animabus omnium parentum suorum vel

cunetorum Christi fideliuiui remedio consentiente seil. fratre suo

Hugone pacifico principe et A)berico inc.Iito comite Deo et sanctis

apostolis Petro et Paulo in hoc cenobio iam duilum contulerat.

I-lriiel 1. e. n. 408 p. 394. Von den vorhmarLänen tR. f. Cluny erwähnen

Soluträ 18 und 19, wo Emma und Hugo Petenten sind. Alberich aber, der

Uraf von Mäcon, (cl. (2art. de S. Vincent de Mäcon n. 38. 111, 404, 496 u. a.)

findet sich in keiner, desgl. nirgends die Fürbitte für das Seelenheil der parentes;

die Ausdrucksweise der Urk. ist aber derarti g , dass ihr unbedingt eine

bezügliche UB. vorgelegen haben muss; es ist demnach noch ‚'mi' Urkunde

betr. So1utr anzunehmen mcgliclti'rweise war sie das ursprünglihic Diplom:

auf das auch 18 uni! 19 zurückgehen, das also uns nur in diesen l Teilen

überliefert wäre 18, 19, 26.) so dass sich die Zahl von insgesamt anscheinend

6 Diplomen Ruil. L Cluny auf 4 reduciert, doch ist die Annahme eines solchen

Diploms als Quelle für die zwei andern und für diese Notiz sehr unsicher.

Zu den in den verschiedenen UR. L Cluny crähiiit,'ni Besitzbestätigungen vgl.

folgende vorausgehende l'rivaturk.: itec, il. Clnny 1 n. 283, 322, 373, 378,

385, 387.

27. Für Tulle vor 933.

UI. 20 für Tulle: Precibus autem iflustris viri Adeniari,

qui locum ipsuin catenus tenuerat, suggerente etiam Ebalo comite

cuiciam religiosissimo abbati nornine Aimoni locum eundem ad

restaniandum regulare propositum commendaveram atque coenobio

S. Savini subiectum feceram.

Ein genaues Regest der früheren Urkunde, die er jetzt zurücknimmt,

sogar mit Angabe dci' damaligen Tntervenienten, vor 933 gehürig. Nach llaluze.

bist. Tutel. p. 25 und 72 wäre schon 925 auf Aiuio in Tulle Ode durch Verleihung

Budolfs gefolgt, bevor er (927) in Clunv Abt ward wonach (.1. 27


119

vor 925 anzusetzen wäre - sachlich nicht unm(;glich, deiiii gerade für Tulle

ist 923 als Anfangstermin ticr Anerkennung Rudolfs nachweislich. Betr. der

Zuverlässigkeit v. n. 90 s. oben.

2. Für Auxerre 933-934.

Gesta pontif. Autissiodor. c. 4. Bischof Wido . . . villam

Crevennam S. Stephano sublatam cum suis appendicus per preceptum

rega'e regis coniventia loco restituit pristino, bestimmt

eine Hälfte zur Feier des Todestages des Königs, die andre des

der Königin, und zum Seelenheil des Bischofs. Piscatores tainen

in servit.io maneant episcopi per iussionern prepositi canonicorum.

Gest. pont. Aut. e. 41 u. 45, Bibl. hist. de 1Yonne 1 p. 362 378, 379.

Genaues Regest, als Bittsteller wird bei seinen Beziehungen zum Herrscherpaare

Wido selbst zu denken sein verliehen zwischen dent 23. Mai 933 (am

Himmelfahrtstag erfolgte seine Inthronisation in Auxerre nach der an) 19. Mai

in Sens stattgeliabten Ordination durch seinen Metropoliten) und Emmas Tod,

die noch als lebend zu denken ist, da sonst (wie z. B. Bit. 535, 545) ihr 't(Idestag

schon angegeben wäre. I)a in Aux. ihr '['otlestag gefeiert werden sollte

ist hier sicher das Datum desselben aufgezeichnet worden, (las Necrol. Autise.

Lebeuf, Mcm. conc. l'hist. dAuxerre II, app. p. 246 ff, hat es aber nicht.

vgl. auch ib. II, 48.

29, Für Fleury.

Vita S. Odonis 1. 111 e. 8: Tfleurv war nach den Normanneneinfüllen

in grossem Verfall. Per i]lud tempus vir Elisiardus, qul

tune erat comes illustris ‚ mine vero in monastico degit habitu,

atuliens imifamiam horum monachtorum praedictamn ahbatiant a

Rcdulfo rege petiit et aceepit, acccptaiiique patri nostro tradidit.

Mahullon ‚ Acta S. 0. B. saec•. V p. 1 82); auch hier scheint nach Art

der üblichen Verleihung von Abteien (cl'. z. II. auch n. 15) urkundliche Ausfcrtigunr

anzunehmen. Aus der Begünstigung durch den König. der auch

durch die Gestattung der Uebertragung all das Aufblühen Fleur ys ermOglichte,

ist auch die Rudolf geneigte. Stimmung der floriacenser Ieberlieferung

mit herzuleiten.

Zur Vervollständigung des Hegistrums, soweit es sich herstellen

liess, seien noch erwähnt:

Schreiben Rudolfs an Reims. September 1931.

Flod. ad 931-. Rodulfus rex litteras Remis misit ad cherurn

et populum pro agenda elect.ione praesulis; ad quae mi respondent,

se id agere non posse, saivo suo electo et electione nianente quam

fecerant.

Flod. als Reimser Camioniens ‚ wird selbst direkt davon Kunde erlangt

haben ‚ da es an ihn ja mit gerichtet war, besonders in der Antwort scheint

er (salva . . etc.) die Wendungen der lleimnser selbst wiederzugeben. SS.

[II. 380.

Schreiben P, Job anns X an Rudolf 927-9.

Johann verwendet sich für Cluny, zu dessen Ungunsten Abt

Wido von Gigny das Testament Be.rnos von Cluny verletzt hat.


120

Jath 2 n. 3578; Bq. 217 ohne Daten, iloeh zwisduiii dem 13. Januar

927 (Ilernos Tod) uni Juni 928 (Johanns Sturz) litzüg1ich 21 . Januar 928

(Widos Zustimmung; vgl. Bq. 718, Mabill .Ann. Ben, III, 393.

Eine Originalurkunde Rudolfs auf der Pariser Bibliothek aus

dem Jahre 9() erw5hnt Sickel (1, 295 Anm. 2), deren Ulirismon-

Verzierungen in tironischen Noten das Wort amen enthalten; er

spricht von Rudolf L meint aber doch wohl Rudolf von Frankreich,

da Jener (R. v. Hochburgund) bereits 912 starb; oh das betreffende

Diplom eines der oben erwähn ten oder ein noch ungedrucltes

ist, vermag ich nicht anzugehen.


121

Ueberblick über die Quelleii.

Ueber die Grundlagen der Darstellung mögen noch einige

Bemerkungen hier einen Platz finden, durch welche nicht beabsichtigt

wird, neue Beitrüge zur Quellenkunde zu geben, sondern

in denen nur die Gewährsmänner, soweit sie für die behandelten

Jahre in Betracht kommen, skizziert werden sollen.

Den Kern bilden die Angaben des Zeitgenossen Fiodoard

in seinen beiden zum Teil neben einander herlaufenden Werken,

den Annalen und dem vierten Buch der ileimser Kirchengeschichte,

von welchen sich letztere für einen Teil unsrer Periode wieder

in zwei parallele Ströme scheidet, in die eigentlichen darstellenden

Abschnitte TV. 18 ff) und in den wörtlich aufgenommenen

Bericht des Erzbischofs Artold (1V. 35), der 948 auf der Synode

von ingellteim zum Vortrag kam. Ueber die wechselseitigen Beziehungen

der Annalen und der Beimser Geschichte ist anderweit

eingehend gehandelt worden 1 die weit ergiebigere Fundgrube

sind die Annalen, die in manchen Punkten allerdings durch die

Geschichte des Erzbistums nicht unwesentlich ergänzt werden.

Ohne Flodoard würden sich nur einige, recht dürftige Brocken

zur Geschichte dieser Jahre beibringen lassen, eine Geschichte

der Zeit selbst aber wäre unmöglich da er nicht nur die einzige

bedeutendere, völlig zeitgenössische Quelle für diesen Zeitraum

ist, sondern zugleich eine solche wie deren die historische Literatur

jener ‚Jahrhunderte nur wenig aufzuweisen hat. Vom liistoriographischen

Gesichtspunkt ans muss man anderen Werken den

Vorrang lassen, dagegen mit in erster Linie ist der Ileimser

Canonicus zu nennen, wenn wir ihn lediglich als historische

Quelle beurteilen, wenn wir nicht auf die äussere Form unser

Augenmerk richten, sondern auf das Gebotene selbst. Flodoard

ist weit entfernt, den höheren Anforderungen, wie sie unsre Zeit

an den Historiker und besonders an den Geschic.hts s ehre i h er

stellt, zu entsprechen, entschädigt aber für diesen Mangel durch

die ausserordentliche Fülle wertvollsten Materials ‚ das er uns in

trocknem Ausdruck bietet, ohne Raisonnement, schlicht eine Angabe

an die andre reihend, aber dabei zuverlässig, soviel wir

1) Vgl. Wattenbach, Geshichtsque11en (5. Aufl. 885) I 379; Einleit.

d. Ausg. in der M. '; Monod, Revue eritiquc 1873 11, 263.


1.2

nur Gelegenheit haben nachzuprüfen, Man hat auch ihm eine

gewisse Parteilichkeit gegen Deutschland Schuld geben wollen 1),

wohl mit Unrecht; für die hier behandelte Periode ist der einzige

Scheingrund der an und für sich ja etwas sonderbare Umstand,

dass Heinrich meist ohne nähere Bezeichnung, ein paar Mal als

princeps Transrhenensis oder Germaniac und nur einmal als König

bezeichnet wird; was Flodoard dazu bestimmte, ist nicht zu ergründen,

in der Meldung der Thatsachen selbst lässt sich keine

Parteilichkeit ermitteln: er verschweigt oder verdunkelt nicht den

Verlust Lothringens an Deutschland, lässt wiederholt in der Folge

Heinrich als legitimen Herrn dieses Reiches erkennen und gicht

über Heinrichs grossen Ungarnsieg genauen Bericht.

Am deutlichsten aber treten seine Vorzüge hervor, wenn wir

unsern vergleichenden Blick der zweiten Hauptquelle für die französisclie

Geschichte des 10. Jahrhunderts. Richer, zuwenden. ilicher

ist in allem der volle Gegensatz zu Flodoard. Dieser giebt einfach

die Thatsachen, jener will ein historisches Kunstwerk schaffen,

ohne dazu die Befähigung zu haben, die Trockenheit giebt er auf

und gewährt dafür der hohlen Phrase freien Spielraum, die kunstlose,

aber wahrheitsgetreue Aneinanderreihung ersetzt er durch

einen Scheinpragmatismus; um seinem Bestreben Genüge leisten

zu können, stellt er die Ereignisse so um, schiebt sie so in und

durch einander, dass bisweilen ein freilich auch nur sehr oberflächlich

abgerundetes Bild entsteht, in dem es schwer ist, die wahre

Gestalt der Dinge wieder zu erkennen ‚ ja er scheut sich sogar

nicht vor offenbarsten Fälschungen, sofern sie seinem franzCisischen

Standpunkt zur Stütze dienen können oder sollen. Das bekannteste

Beispiel ist ja sein Bericht von den lothringischen Vorgängen der

Jahre 916 bis 921. eine Frage, die aber nicht in unser Gebiet

ftUlt, es genü ge daher, auf sie hingewiesen zu haben 2). Für

die zweite Hälfte des Jahrhunderts hat Richer trotz seiner tendenziösen

Haltung beim Fehlen eines sonstigen Führers gewiss

seinen grossen Wert )‚ auch für Ludwig IV. mag er, obwohl

wir da noch Fiodoard neben ihm haben, benutzbar sein ‚ da

1) Wittieh, Herz. Lothringen p, 104 An h m. 4, Forsi. z. d. U eseli. III,

139. - Nicht minder ist die Zeit Ottos 1. durchaus objektiv dargestellt und

besonders seit der Unterstützung, die König Ludwig und Erzbischof Artold zu

Teil wurde, ist Flod. eher das Gegenteil als deutschfeindlich.

2) Vgl. Borgnet 1, c. p. 54 9.. Reimann de Richeri vita 12 if., Maurenbrecher

p. 70 ff., Waitz, Heinrich 1.Aufl. p. 198, 3. Aufl. 25 ff., 46, 50, Pertz,

Ein]. z. llicherausg. (8) P. VII if., Wittich, Forsch. z. (1. Cr. III, 108 f.

3) Monod tritt in seiner neuen Abhandlun g zu Gunsten Richers als

quelle für diese Zeiten ein, Revue. histor, XXVIII (1885), 248 if,


123

ihm sein Vater Rudolf manchen Aufschluss gegeben haben kann

- für die Zeit König Itudolfs jedoch ist ihm kein Wert zu

zuerkennen 1). Flodoard gicht uns die Mittel zur schärfsten

Kontrole an die Hand, er ist die Grundlage für Bicher, welcher

dieser aber leider sehr schlecht gefolgt ist, denn aller Orten entdecken

wir willkürliche, unzulässige Abweichungen, Auslassungen,

Ausschniückungen und Erdichtungen, wovon nur einiges hier kurz

zusammengestellt sei: das völlige Totschwei gen der in Lothringen

zu Gunsten Deutschlands eingetretenen Veränderung während der

ganzen Regierung Rudolfs 2'l, die Darstellung der Normannenkriege

von 925, 926 (1, 48-51), die Verhältnisse im Erzbistum Reims

925-928 (1, 55), die Kämpfe in Noyon 932 (1. 63) 1 die Abfertigung

der Jahre 933936 (1. 65), die Personalnotizen über Karl

Konstantin (II, 98), die Ziffern der Gefalhuen in (1011 rers(hIjedI-en

Schlachten, die zahlreichen. detaillierten und scheinbar sachverständigen

Angabenüber Verwundungen und Krankheiten, u. a. in.

Fiodoard und ili(:,her sind die einzigen Autoren des 10. Jahrhunderts,

die das ganze Reich berücksichtigt haben oder dies

wenigstens im Sinne hatten ; fremde Schriftsteller dieser Zeit bieten

über Frankreich nur ganz geringe Ausbeute wie der Continuator

Reginonis ‚ Widukind und Liutprand. Mehr verdanken wir hingegen

partikularen Geschichtsschreibern, die sich eine Provinz,

ein Bistum, ein Kloster, ein Geschlecht als Mittelpunkt wühlten;

unter ihnen mögen die unbekannten, aber zeitgenössischen Verfasser

dci' Bischofsgeschichten von Auxerre 3), Folkuins Geschichte.

1) Abgesehen von einigen wenigen Stücken, in denen wir ihm nicht

tilgen müssen, aber vielleicht folgen dürfen, wie die Schenkung von Ponthion

(E. 55), iniiglicherweise auch das Sträuben Rudolfs bei seiner Wahl (1 47).

l'erts 1. e. . VIII nennt noch einiges andre, worin ich ihm aber nicht zustiiiinieii

kann z.B. in den Hagauoanekdoten (1, 15), dein Streit um Noyon

(1. 63, wo nur Flod. ausgemalt, nichts positives neues beigebracht ist ausser

dciii Namen der Grafschaft Adalclms).

2) Richer versucht sogar, die alte Sachlage als weiterbestehend darzustellen,

indem er dem Aufgebot Rudolfs auf (lern Zuge 930 ausser

dcii Nordfranzosen (Celten) auch Lothringer (multi Belgarum nach seinem

Sprachgebrauclu folgen lässt 1, 57.

3, Die Gesta pont. Autissiod, (Bibl. hist. de l'Yonne 1.) sind bis zu

Bischof Wala von bekannten Verfassern (Ende des 9. Jahrh.), von da an sind

diese unbekannt, ihre Nachrichten sind aber sehr gut, so dass sie mindestens

vortreffliche Grundlagen gehabt haben müssen, wahrscheinlich waren es aber

selbst Zeitgenossen; gerade die Notizen für die erste Hälfte des 10. Jahrh.

lassen sich mehrfach nachprüfen, mit Walderieh (-- 933) scheint ein Fortsetzer

bgesehlosscn zu haben, da hier, wie wir es bei solchem Fall iti mittelalteriiche


124

von S. Bertin, 'Witgers Genealogie der flandrischen Grafen, 1)udos

ormanneiigeschiehte hervorgehoben werden, letzterer freilich ist

das, was Bicher für Frankreich im Gegensatz zu Deutschland ist,

in noch gesteigertem Grade für die Normandie im Gegensatz

zum andern Frankreich und den übrigen Staaten und daher nur

dann mit verwendbar (wenigstens für unsre Jahre), wenn seine

Berichte noch durch andre zuverlässige gestützt werden 1)•

Manches Gute finden wir in den zahlreichen Annalen und

Chroniken zerstreut, die zum Teil direkte gleichzeitige Aufzeiclinungen,

zum Teil aus früheren Werken kompiliert sind die Lückenhaftigkeit

dieser Quellen ‚ die oft nur für ein einziges Faktum

heranzuziehen sind, gestattet jedoch nicht, jeder in diesem Ieberblicke

näher zu gedenken 21.

Soweit es überhaupt für das 10. Jahrhundert möglich ist,

ist die Darstellung auf Urkunden basiert, besonders, da Königsurkunden

sj-iärlieh sind, für Verhältnisse in einzelnen Reichsteilen

auf die ziemlich zahlreichen Privaturkunden.

Werken häufig finden ‚ eine chronologische Zusammenfassung des seit Bischof

l'alladius (7. Jahrh.) bis zum 12. Jahre Widos verflossenen Zeitraums gegeben

ist im .lahre 945 wurde also dieser Abschnitt beendet. Auch die folgende

Biographie Widos zeigt die gleichen Vorzüge; ihr Anfang ist Voll übrigen

abweichend und verrät deutlich die Benutzung von Urkunden: Guido sola

Dci clementia operante Autissiodorensis episeopus etc. Ferner s. ob. UR. 28.

die Restitution von Cravan, Ge.sta p 379, wird durch die Urk. Karls 111. für

llcrifrid von Auxerre Bq. IX 487 sicher gesfellt, vgl. auch 1. c. p• 362; audi sonsl.

sind Urkunden im Excerpt mitgeteilt. Auf einen Zeitgenossen, der an seinem

Bischof lebhaften Anteil nimmt, weist, ferner folgender Passus hin p. 379: scd

quod ibi operatus est (Wido), ne forte oblivjoni tradatur et cupiditate suecessoriim

ac ministrorum ab eeclesiae (lorninin subtrahatur. huic OpUSCUIO ratuin

duximus inserendum, scie]ltes quia facientis non deerit praemium, und schliesslieb

haben wir auch aus dem 11. Jahrh. die ausdrückliche Nachricht, es sei

ein scli3ies Herkommen der Kirche von Auxerre, gleich beim Tode jedes

Bischofs die Hauptilaten über seinen Episkopat aufzuzeichnen, 1. c. 397.

l} Vgl. Üb. Dwlo ausser den Aufsätzen voll und J)Ümmler auch

Lair in der ausführlichen F3n1. zur 1)ndoausg., welcher aber in dem Bestreben

voll Erzählung inüglichst viel zu retten, zu weit geht.

2) Es ist hier zu verweisen auf Wattcubach ‚ auf die Vorreden zu hat

verschiedenen Quellen (vornehmlich für die in den M. G. erschienenen, ferner

im Bouquet und in den zahlreichen provinzialen Quellenpublikationen) und neuerdings

besonders auf den erwähnten Aufsatz Moiiods in der Revue histor. XXVIII.


1 ii h a 1 t

1. Einleitung.

Frankreich unter Karl 111. bis zur Wahl Rudolfs.

Karl III. der Einfältige Empörungen I Gegenkönig Robert 5, Wahl

Rudolfs 17.

Rudolf vor seiner Wahl 20.

II. Das Gegenkönigtum Rudolfs.

Rudolfs Anfänge.

Anerkennung oder Verwerfung 25, Karls GcIaugcnnaliiiie 32, Rudolf

in der Normandie und in Lothringen 36, Unterwerfung Wilhelm, voll

Aquitanien 39, Verhältnisse in Lothringen, Rudolfe Krankheit, Friede

mit dcii Normannen 42.

Wachsende Schwierigkeiten der neuen Herrschaft.

Normannenkämpfe in Burgund 44, im Norden 49, Verlust Lothringens

5 ' Verhältnisse in Reims 53 Normaunenkrieg in Artois, [ngarneinfälle,

Abfall Wilhelms von Aquitanien 55.

Heriberts erster Aufstand.

Veranlassung, offner Aufstand, Beziehungen Ilcril *,,rts zu Dciitschlaiid SS,

Wiedereinsetzung König Karl s 61 End" der Etnrung, Karl's Ausgang,

Zustände im Reich Provenec 66.

III. Das Königtum Rudolfs.

Fortschritte des Königs.

Zwistigkeiten llcribcrts, Hugos und Bosos, Normannensie,. Rudolfs

in Limonsin 70, Gewinnung voii Vienne, Unruhen in Franc.ien und Burgund,

Heribcrts zweiter Aufstand 73, Zug des Königs gegen Ileliris,

Beziehungen zu König Heinrich, Einnahme von Reims und Laoui 76.

Huldigung der Herren des Languedoc und Vaskoniens 80.


1 2(

Iudolf Herr des Reiches.

Niederwerfung Heriberts durch Rudolf iiiid Hugo 81 Sicherung voll

Vienne. Huldigung des Normannen Wilhelm 83, deutsche Vermittlung

für Heribert, Tod der Ktiig in Etui i ia, Friede nach Innen und Aiisen

87, König Rudolfs Tod 91 Iut3rreg1)urn, Wahl Ludwigs IV. 94.

Schlussbetrachtung 96.

1V. Die Urkunden Rndolfs.

Allgemeines 101.

Regesten 108.

I T eberhljck über die Quellen 121,

Inhaltsverzeichnis 125.

Berichtigung.

P. 61 1. am 9. September weilte er.

Monogr. Rudolfs auch face. in Rec. de chart. de Cliiny 1 pi. 1, Siegel ib. 1)1. II.


(

(h,tv IItLIpzIg.

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