Wildtiere haben Anrecht auf Schonzeit! - Schweizer Tierschutz STS

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Wildtiere haben Anrecht auf Schonzeit! - Schweizer Tierschutz STS

Keystone

Alle Wildtiere haben

Anrecht auf Schonzeit!

Die Schweizer Jagdgesetzgebung sieht nicht für alle Wildtiere

Schonzeiten vor. Sie nimmt in Kauf, dass verwaiste Jungtiere

elendiglich umkommen. Im Rahmen der Revision der Verordnung

über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere

und Vögel (JSV) fordert der STS eine Schonfrist für alle jagdbaren

Arten.

Artikel 5 des Bundesgesetzes über die Jagd

und den Schutz wildlebender Säugetiere

und Vögel (JSG) definiert für eine auserwählte

Gruppe jagdbarer Tierarten Schonfristen

während der Zeit der Jungenaufzucht

(und teilweise der Wintermonate). Je

nach Art dauert diese Schonfrist zwischen

drei (Reh, Fuchs) und zehn Monaten (Murmeltier,

Wildhuhn). Andere Arten – beispielsweise

die Elster oder der Waschbär

– sind ganzjährig jagdbar. Haben sie keine

Schonung verdient?

Diskriminierende

Gesetzgebung

Die Unterscheidung in Arten, die eine

Schonfrist «verdienen» und den vogelfreien

Rest ist geprägt von einer überholten

Mentalität: hier das klassische Hoch- und

Niederwild sowie das einheimische Haarraubwild

– dort die «Plagen», namentlich

die Rabenvögel und «Faunen f remd linge».

Es wird unterschieden zwischen angeblich

nützlichen und schädlichen Arten, zwischen

einheimisch und fremd. Doch weder

die eine noch die andere Unterscheidung

ist konsequent, geschweige denn ökologisch

sinnvoll. Ungerecht sind beide.

Überholte Denkweisen

«Neue Arten hat es immer gegeben»,

schreibt Professor Josef Reichholf, Botschafter

der Deutschen Wildtier Stiftung,

in seinem kürzlich erschienenen Buch «Naturschutz

– Krise und Zukunft» (2010). Gemäss

Reichholf ist es gar nicht so einfach,

ureinheimische Arten ausfindig zu machen.

Was heute als einheimisch gilt, war

unseren (Ur-)Grosseltern noch fremd. So

gehören weder Sikahirsch, Mufflon, Türkentaube

noch Fasan zur ursprünglichen

Wildfauna der Schweiz – und doch werden

sie alle als jagdbares Wild geführt und

geniessen spezifische Schonzeiten. Warum

also sollten Neuankömmlinge wie der

Waschbär ganzjährig jagdbar sein?

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TIERREPORT 4/2010


istockphoto

Die Einteilung der Tierwelt in so genannte

Nützlinge und Schädlinge ist nicht

nur anthropozentrisch, sondern auch ökologisch

unhaltbar. Wissenschaftliche Arbeiten

haben zum Beispiel längst ergeben,

dass Rabenvögel keine ernst zu nehmende

Bedrohung für die Bestände anderer Vögel

darstellen. Eine Bejagung mit der Begründung

der «Schädlingskontrolle» erfolgt

also ohne sachliche Grundlage! Und wie

sieht es mit dem Waschbären aus, der ursprünglich

aus Nordamerika stammt?

Der Waschbär ist

längst Europäer

In seiner amerikanischen Heimat hat der

Waschbär keine natürlichen Feinde, welche

seine Bestände wirksam kontrollieren

würden. Die Jungensterblichkeit durch

Seuchen und Parasiten ist dagegen sehr

hoch. Dem Waschbären gefällt es offenbar

sehr gut in Mitteleuropa, denn er breitet

sich trotz aktuell starker Bejagung

in Deutschland (jährlich werden gegen

55 000 Tiere erlegt!) immer noch aus –

auch in die Schweiz.

Als Allesfresser besetzt er eine ähnliche

ökologische Nische wie der Europäische

Dachs, ist aber stärker an Gewässer

gebunden und tritt in Europa hauptsächlich

in Siedlungsgebieten auf. Eine Bedrohung

einheimischer Arten konnte bislang

nicht festgestellt werden, obschon es

in Mitteleuropa Waschbären in grösserer

Heimisch geworden: Waschbären sind schon längst in Europa etabliert, sind also grundlos zu

Freiwild erklärt.

Anzahl schon seit den 50er-Jahren gibt! In

Deutschland wird er unterdessen als «einheimische»

Art betrachtet, und erste Länder

gestehen den Muttertieren Schonzeiten

zu. Es gibt also keinen Grund, Waschbären

zu Freiwild zu erklären!

Verwaiste Jungtiere

sterben elendiglich

Dasselbe gilt eigentlich für alle so genannt

«schädlichen» Arten. Ihre Schädlichkeit

ist oft mehr Volksglaube als Realität. Das

ausreichende Vorhandensein geeigneter

Lebensräume und die Populationsdynamik

(Seuchen, Migration, Stress) regulieren

ihre Bestände. Ein hoher Jagddruck ist

nicht nur wirkungslos, sondern oft sogar

kontraproduktiv: bei anpassungsfähigen

Arten in optimalen Lebensräumen führt er

sogar zu erhöhter Fruchtbarkeit und damit

zu insgesamt wachsenden Beständen! Die

Bejagung während der Zeit der Jungenaufzucht

ist aber eine tierethisch nicht vertretbare

Grausamkeit: Wird das säugende

Muttertier erschossen oder ein Ernährer der

Familie getötet, verhungern oder erfrieren

die von der elterlichen Fürsorge abhängigen

Jungtiere elendiglich. Sie müssen sterben,

bevor sie überhaupt eine reelle Chance

hatten, das Leben alleine zu meistern.

Ehrensache

Dass den jagdbaren Tierarten eine mehrmonatige

Schonzeit zugestanden wird, ist

eigentlich weidmännische Ehrensache: das

Wild soll ja auch Rückzugsmöglichkeiten

haben (Schonzonen), und Jungtiere sollen

nicht ihrer Eltern beraubt werden (Schonzeiten).

Unlautere Jagdmethoden werden

von verantwortungsbewussten Jägern geächtet.

Dem Tier wird durch diesen Ehrenkodex

eine realistische Überlebenschance

gewährt und Achtung vor seinen Bedürfnissen

entgegengebracht. Auch aus diesem

Grund sollten Schonzeiten für alle jagdbaren

Tierarten selbstverständlich sein! -

istockphoto

Ohne Überlebenschance: Werden die Eltern getötet, sind junge Waschbären dem Tod geweiht.


Sara Wehrli, Fachstelle Wildtiere

TIERREPORT 4/2010 23

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