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04 | Dezember 2012 – Februar 2013

Illegal am Haken

Die Tunfisch- und Haijagd im Indischen Ozean kennt keine

Grenzen. Die Österreicherin Melanie Aldrian war mit

der „Rainbow Warrior“ vor Ort.

Russland im Öl

Energieriese Gazprom greift nach der Arktis.

Vom Experiment zum LebenSstil

Eine steirische Familie lebt ohne Plastik.


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser!

Sie landen für ihre Überzeugungen manchmal im Gefängnis, wie Ina

Vallant in Moskau (Seite 14/15). Sie erklimmen schwindelerregende

Höhen an so unwirtlichen Plätzen wie Kohlekraftwerken, wie Gernot

Goldmann in Polen (Seite 6/7). Oder sie inspizieren die Kühlräume

riesiger Fangschiffe, um die lokalen Behörden beim Kampf gegen die

illegale Fischerei zu unterstützen, wie Melanie Aldrian im Indischen

Ozean (ab Seite 8).

Unsere Aktivisten und Aktivistinnen sind das Herz von Greenpeace.

Nicht alle Aktionen sind so spektakulär wie die eben erwähnten – aber sie

sind immer ein entscheidender Faktor, warum wir mit unserer Umweltschutzarbeit

Erfolg haben. Durch ihren persönlichen Einsatz, ihre

Präsenz und den gemeinsamen Protest vor Ort bringen sie festgefahrene

Positionen in Bewegung. Aktionen erreichen die Öffentlichkeit und

erzeugen den notwendigen Druck, um in absehbarer Zeit verschiedene

Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen. Greenpeace hat in

41 Jahren keinen einzigen Sieg errungen, an dem nicht Aktivisten und

Aktivistinnen beteiligt waren. Man kann diesen Einsatz nicht genug

auszeichnen – an dieser Stelle ein herzliches Danke an euch alle!

Karl Popper meinte, Aktivismus ist die Abneigung gegen jede Haltung des

passiven Hinnehmens. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten

Start in ein aktives 2013 – denn es gibt noch vieles, das wir zurückweisen

müssen, um eine umweltverträgliche Gesellschaft zu erreichen. Und

nimmt man es im Popper’schen Wortsinn – dann sind wir alle Aktivisten!

Mit herzlichen Grüßen

IMPRESSUM

Birgit Bermann, Chefredakteurin

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber: Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, Fernkorn -

gasse 10, 1100 Wien; Tel. 01/545 45 80, www.greenpeace.at Spendenkonto: P.S.K. 7.707.100, BLZ: 60.000,

www.greenpeace.at/spenden Redaktion: Birgit Bermann (Chefredaktion), Melanie Aldrian, Brigitte Bach

(In Aktion), Anja Freudenberg, Antje Helms, Julia Kerschbaumsteiner, Marcelline Langer, Agnes Peterseil,

Hanna Schwarz, Wolfgang Weitlaner E-Mail: act@greenpeace.at Bildredaktion: Georg Mayer

Artdirektion: Karin Dreher Anzeigenproduktion: planetsisa Fotos: Greenpeace, Coriette

Schoenaerts, Privat Lektorat: Johannes Payer Druck: Niederösterreichisches Pressehaus

erscheint viermal jährlich auf 100-%-Recyclingpapier. Ab einer Jahresspende von € 40 wird Ihnen

gratis zugesandt. Die nächste Ausgabe erscheint im März 2013.

Zur besseren Lesbarkeit wird auf eine geschlechtsspezifische Schreibweise verzichtet. Entsprechende

Bezeichnungen gelten ausdrücklich für beide Geschlechter.

© Paul Hilton/GP, © GP/Georg Mayer, © Paul Hilton/GP, © Denis Sinyakov/GP, © GP/Zbysek Jakubowicz , © Privat

08

14

04 In Aktion 06 Die Lüge von grünen Kohlekraftwerken 08 Noa gegen

Goliath 12 Kommentar: Die Hüter der Meere 13 Das Design der Zukunft

14 Wo Russland im Öl versinkt 16 Wald in Gefahr plus Interview: Nicola

Weitzer und Kathrin Wesonig 18 Im Gespräch mit Polly Higgins 19 Steuerlicher

Systemwechsel 20 Ein Leben ohne Plastik 22 Jahresbericht Greenpeace CEE

06 20

Inhalt

act 3


Philippinen:

Wie viel giftige

Gefahr steckt

im Wasser?

Schminke, künstliches

Blut und zerfetzte Kleider

verwandelten philippinische

Greenpeace-

Aktivisten in schaurige

Gestalten. In Zombie-

Verkleidung protestierten

sie gegen die Untätigkeit

der Regierung, einen

effektiven Wasserschutz

zu implementieren. Es

fehlt an einem Überwachungssystem

für Chemikalien,

einer Offenlegungspflicht

für die Industrie

sowie einem Gesetz,

das die Einleitung von

gefährlichen Stoffen in

Gewässer untersagt.

Dem Zombie-Auftritt

war eine dreiwöchige

Tour vorausgegangen, bei

der über hundert Freiwillige

entlang des Marikina-

Flusses unterwegs waren,

um Verschmutzungen zu

dokumentieren und das

öffentliche Bewusstsein

gegenüber gefährlichen

Giften zu schärfen.

Erneuerbare

Energien: Erleuchtung

garantiert in Indonesien!

Wo sonst könnte man die Menschen

besser von der Vision einer sauberen

und sicheren Energiezukunft begeistern

als direkt neben einem Symbol

der Erleuchtung? Greenpeace wählte

die weltgrößte buddhistische

Tempelanlage Borobudur auf der Insel

Java als Platz für seine „Climate

Rescue Station“. Die gesamte

Installation rund um den vierstöckigen

Bau ließ Borobudur zwei Wochen

lang mit der Kraft der Sonne in einem

erneuerbaren Licht erstrahlen – und

demonstrierte, dass die Deckung des

indonesischen Energiebedarfs aus

erneuerbaren Quellen realisierbar ist.

Derzeit stammen noch 95 Prozent

der im Land verbrauchten Energie von

schmutzigen Brennstoffen wie Kohle.

Atomkraft: Leichter Zugang

zu schwedischen AKW

Durch einen Stresstest der besonderen Art machte

Greenpeace im Oktober erneut auf die schweren

Sicherheitslücken in Atomkraftwerken aufmerksam. Ziel

der Aktion waren die beiden störanfälligen schwedischen

AKW Ringhals und Forsmark. 70 Greenpeace-

Aktivisten gelangten ohne große Hindernisse auf die

Kraftwerksgelände und blieben dort auch noch lange

Zeit unentdeckt – zwei Aktivisten verließen als Letzte

nach fast 40 Stunden (!) freiwillig das AKW Forsmark.

Fotos: © Ulet Ifansasti/GP, © Nicolas Chauveau/GP, © Vyber Vlado-Benko/GP, © Emma Stoner/GP, © Sunny L/GP, © David Robert Jones/GP, © GP, © Jed Delano/GP

Klimaschutz: Worte

statt Taten bei VW

„Der grünste Golf aller Zeiten“ – was VW

als Werbeslogan für sein brandneues

Modell verspricht, macht der Konzern in

der Realität nicht wahr. Das meistverkaufte

europäische Auto kam nun in der siebten

Edition auf den Markt und stößt noch

immer mehr CO 2 aus als notwendig.

Greenpeace fordert den größten

Autohersteller Europas seit dem Jahr 2011

mit einer breiten Kampagne dazu auf,

endlich den wichtigen Schritt zum

„Drei-Liter-Golf“ zu gehen. Doch auch bei

der jüngsten Golf-Entwicklung wurden

klimaschonende Ziele nicht umgesetzt.

Grund genug für einen großen Protest

während der Präsentation des Golf 7

beim Pariser Autosalon: Greenpeace-

Aktivisten aus mehreren Ländern machten

auf die Vernebelungstaktiken von VW

aufmerksam und informierten Messebesucher

über die gängige klimafeindliche

Modellpolitik. Nur mit konkreten

Umweltzielen und dem Einbau der

verfügbaren Spritspartechnik in die

gesamte Golf-Serie kann das Unternehmen

seiner Klimaverantwortung und

seinen Werbeslogans gerecht werden.

Detox: Schluss

mit Chemie in

der Kleidung!

Vor über einem Jahr startete

Greenpeace die

Detox-Kampagne und

deckte die giftigen Verbindungen

zwischen großen

Kleidermarken und Textilfabriken

in China auf.

Bisher haben sich sechs

Marken (H&M, Adidas,

Nike, Puma, C&A und

Li-Ning) verpflichtet, Giftstoffe

aus Lieferketten

und Produktpaletten bis

2020 zu beseitigen. Nun

schwenkt auch das britische

Unternehmen Marks & Spencer auf eine giftfreie

Zukunft ein – ein weiterer Meilenstein! Der jüngste

Detox-Report betrifft umwelt- und gesundheitsschädliche

Schadstoffe in Outdoor-Kleidung. Aktuelle Detox-

News finden Sie unter: www.greenpeace.at/detox.

Indien: Einen Monat in den Bäumen für

den Schutz von Tigern und Wäldern

Er ist engagiert, erfahren und entschlossen: Wenn Brikesh Singh,

Kampaigner bei Greenpeace Indien, Bedarf sieht, klettert er im

Namen des Umweltschutzes in luftige Höhen. Bei seinem

jüngsten Einsatz platzierte er sich auf einem Baum inmitten des

Tadoba-Tiger-Reservats in Zentralindien – und blieb gleich einen

Monat! Brikesh protestierte so gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke

und dessen Folgen: Vertreibung indigener Völker, schwere

Umweltschäden und bedrohte Tiger. Ein Drittel der verbliebenen

Tigerpopulation des Subkontinents lebt in Zentralindien.

Brikesh verließ sein Baumhaus Anfang Oktober zum Start der

UN-Biodiversitätskonferenz in Hyderabad. Dort forderte

Greenpeace von der indischen Regierung medienwirksam den

Stopp der Förderung des Kohlebergbaus.

Slowakei:

Grüne Jobs

statt braunem

Brennstoff

500 Millionen Euro in fünf

Jahren – so viel beträgt

die staatliche Braunkohle-

Subventionierung in der

Slowakei. Geht es nach

den Plänen der Regierung,

wird sie diesen Kurs

beibehalten. Damit

verbunden ist das

Versprechen, die lokale

Wirtschaft in der

Westslowakei zu stärken

und Arbeitsplätze zu

schaffen. Greenpeace ließ

diese geplante Fehlinvestition

in die Luft gehen,

startete seinen Zeppelin

direkt über dem Kohlekraftwerk

in Nováky und

forderte eine Umkehr hin

zur Förderung von grünen

Projekten.

In Aktion

4 act act 5


Die Lüge von

grünen Kohlekraftwerken

Unser Wald gehört nicht in den Kohlekessel.

Doch bei Cofiring – dem Verbrennen von

Biomasse in Kohlekraftwerken – geschieht

genau das. In manchen EU-Ländern wird

die grüne Schummelei sogar noch mit

Subventionen gefördert. Von Anja Freudenberg

engpässen gekennzeichneten Energiemärkten

Osteuropas. Zudem ist Cofiring eine

äußerst verschwenderische Art, mit der wertvollen

Ressource Holz umzugehen. Bei der

Verwendung von Biomasse zur Stromerzeugung

durch Cofiring gehen 60 bis 70 Prozent

der Energie im Umwandlungsprozess verloren.

Energieeffizienz sieht anders aus.

Und nicht zuletzt bleibt noch die Frage: Woher

stammt das Holz? Für den Ausbau von

Cofiring wäre zukünftig ein massiver Biomasse-Import

nötig. Die potenziellen Lieferanten

verdeutlichen die miese Umweltbilanz

noch weiter: Es sind überwiegend Gebiete mit

Primär- und Regenwäldern und schwachen

Umweltstandards wie Russland, Weißrussland,

Ukraine, Brasilien, Tansania, Mosambik,

die USA und Kanada.

Aber auch im eigenen Wald steht die steigende

Biomasse-Nachfrage für Energiegewinnung

in direktem Zusammenhang mit der

Kenia importiert, um Kohlekraftwerke zu beliefern.

Diese Zahlen wurden von Experten

geschätzt, da die polnische Regierung keine

Daten veröffentlicht. Cofiring erhält in Polen

über die Hälfte der für erneuerbare Energie

bestimmten finanziellen Unterstützung und

wird von den Steuerzahlern getragen – 2011

waren das 560 Millionen Euro.

Kampagne in Polen

„Es ist mehr als ein schlechter Scherz, dass

Firmen, die Cofiring betreiben, mit grünen

Zertifikaten und Geld belohnt werden“, sagt

Robert Cyglicki, Programmdirektor von

Greenpeace in Polen. Um auf diese betrügerische

Praxis aufmerksam zu machen und eine

politische Diskussion anzustoßen, erkletterten

zwölf Greenpeace-Aktivisten im vergangenen

Frühling den Kühlturm des Cofiring-

Kohlekraftwerkes Turów (act 02/2012). Mit

dabei waren auch die zwei Österreicher Jutta

Wie man sich mit

schmutziger Kohlekraft

trotzdem ein grünes Mäntelchen

umhängen kann,

zeigt Cofiring unrühmlich

vor. In Europa betreiben

Großbritannien, Finnland,

Belgien, Dänemark,

Schweden, die Niederlande

und Polen diese Form des

Greenwashing.

In Polen erhält Cofiring

die Hälfte der grünen

Subventionen. Greenpeace-

Aktivisten erkletterten

aus Protest das Cofiring-

Kohlekraftwerk Turów. Mit

dabei der österreichische

Greenpeacer Gernot Goldmann

(kl. Bild r.).

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit

hat sich in den letzten Jahren bei der Energieerzeugung

eine neue Methode des Greenwashing

eingeschlichen. Bei dem sogenannten

Cofiring wird in gewöhnlichen Kohlekraftwerken

Biomasse beigemischt und das

Ergebnis als „grüne Energie“ verkauft. Vorreiter

sind die USA, wo diese Methode seit

den 1990er-Jahren kommerziell verwendet

wird. Westeuropäische Staaten wie Großbritannien,

Finnland, Belgien, Dänemark,

Schweden, Niederlande und Polen folgten

bald dem schlechten Beispiel aus Übersee.

Besonders in Polen ist die Lage trist: Das

Land zeigt bei fast 90 Prozent Abhängigkeit

von Kohle in der Stromversorgung keinerlei

Ambitionen, seine Energieinfrastruktur zu

reformieren.

Holz im Kohlekessel

Cofiring ist eine Umweltfalle. Beim Verheizen

von Kohle zur Energiegewinnung werden klimatreibende

Emissionen wie Kohlenstoff freigesetzt.

Wenn gemeinsam mit der Kohle ein

Anteil von Biomasse verbrannt wird, dann

entstehen dabei dem Anteil der Biomasse entsprechend

weniger Emissionen. Der durchschnittliche

Biomasse-Anteil bei Cofiring beträgt

in Europa fünf bis zehn Prozent, wobei

meist Holz benutzt wird. Kohlekraftbetreiber

machen kräftig Werbung für diese Methode,

da sie auf diese Weise ohne hohe Investitionskosten

ihre Emissionen reduzieren und Geld

für CO 2 -Zertifikate einsparen können. Diese

Einsparungen reichen allerdings nicht aus, um

Cofiring rentabel zu machen, der Staat – und

damit der Steuerzahler – muss kräftig subventionieren.

Die Kohlekraftbetreiber sind die einzigen

Gewinner beim Cofiring. Durch die sogenannte

„Vergrünung“ von Kohle entstehen

keine Anreize, die veraltete fossile Energieinfrastruktur

zu ersetzen und ein gesellschaftliches

Umdenken hinsichtlich des Umgangs

mit Ressourcen zu fördern. Fördergelder,

die in Kohle investiert werden, fehlen für

den Ausbau von CO 2 -freien und unbegrenzten

Energiequellen wie Wind und Sonne.

Hinzu kommt, dass durch Cofiring weder

die Menge an produzierter Energie noch die

Energieunabhängigkeit gestärkt wird – ein

wichtiges Kriterium in den von Versorgungs-

Fotos: 3x GP/Zbysek Jakubowicz, © GP/Georg Mayer

»Es ist eine Sauerei, dass der polnische Energiebetreiber

vorgibt, einen Beitrag für grüne Energie zu leisten, und in

Wahrheit Kohle fördert. Dieser Betrug gehört aufgeklärt!«

Degradierung der Waldqualität und der Reduzierung

der Waldfläche als CO 2 -Speicher.

Nützliche Biomasse wie tote Bäume, die beim

Verrotten eine wichtige Nährstoff- und Nahrungsquelle

für Flora und Fauna liefern, wird

aus dem Wald herausgenommen. Die Konsequenzen

sind Auswirkungen auf die Grundwasser-

und Bodenqualität, reduzierte Artenvielfalt

und verringerte Waldqualität. Auf andere

Biomasse auszuweichen ist bei Cofiring

keine Option: Rest- und Abfallprodukte aus

der Land- und Forstwirtschaft wie zum Beispiel

Getreidestroh oder bearbeitetes Holz aus

der Möbelindustrie verursachen wegen ihrer

ungeeigneten chemischen Eigenschaften

technische Probleme bei den Heizkesseln.

In Polen werden jährlich schätzungsweise

mehrere Millionen Tonnen Holz aus den Wäldern

geholt und zusätzlich 900.000 Tonnen

aus Ländern wie der Ukraine, Liberia und

Matysek und Gernot Goldmann. „Es ist eine

Sauerei, dass der polnische Energiebetreiber

vorgibt, einen Beitrag für eine grünere, sauberere

Umwelt zu leisten, und in Wahrheit Kohle

fördert. Dieser Betrug gehört aufgeklärt“, begründet

Gernot Goldmann seinen schwindelerregenden

Einsatz.

Die mutige Aktion hat den Stein ins Rollen

gebracht. Noch am selben Tag wurden Greenpeace-Vertreter

vom polnischen Wirtschaftsministerium

zu Gesprächen eingeladen. Bei

dem Treffen wurde zugesagt, die Subventionen

für Cofiring schrittweise auf null zu reduzieren.

Greenpeace wird dafür kämpfen, dass

dieses Bekenntnis keine leere Versprechung

bleibt! Auch auf EU-Ebene muss es ein Subventionsverbot

für Cofiring geben, damit unserer

grünen Zukunft nicht durch Kohlemogeleien

ein Strich durch die Rechnung gemacht

wird. n

6 act act 7


Noa gegen

Goliath

Die Jagd auf Tunfische und Haiflossen im Indischen Ozean ist

zu einem Raubzug geworden. Ein internationales Greenpeace-

Team segelte mit der „Rainbow Warrior“ in den Gewässern

Mosambiks, um die lokalen Behörden im Kampf gegen die

illegale Fischerei zu unterstützen. von Melanie Aldrian

Tonnen an tiefgefrorenen

Fischen im Bauch der Fangschiffe

– der österreichischen

Greenpeace-Mitarbeiterin

Melanie Aldrian (kl. Bild l.)

boten sich Bilder, die sie wohl

nicht mehr vergessen wird.

Zwei Wochen lang unterstützte

die Crew der „Rainbow

Warrior“ die mosambikanische

Fischereiaufsicht und

ihren Chef Noa Senete

(kl. Bild ganz l.) bei ihrer

schwierigen Arbeit.

„Ich gehe unsere Fische retten“,

sagt Noa Senete morgens zu seinem

Sohn, wenn er zur Arbeit geht. Noa

ist Leiter der nationalen Fischereiaufsicht

in Mosambik und hat sein

Büro für zweieinhalb Wochen zu uns

an Bord der „Rainbow Warrior“ verlegt.

Seit elf Jahren überwacht er die

Fischereiaktivitäten in den Gewässern

des ostafrikanischen Landes.

Fragt man Noa nach seiner Arbeit,

erzählt er von seiner persönlichen

Mission. Er will verhindern, dass

seine Enkel in Geschichtsbüchern

nachlesen müssen, warum es hier

keinen Fisch mehr gibt.

Verbrechen auf hoher See

Er beschäftigt sich täglich mit jenen

Fällen, die immer häufiger werden

und die Meere zunehmend an den

Rand des Kollapses führen: Boote,

die ohne Lizenz fischen, die

Fangquoten überschreiten und Arten

fangen, für die sie keine Berechtigung

haben oder die unter Schutz

stehen. Man muss nur genau hinsehen,

um sich die Konsequenzen

ausrechnen zu können. „Die Fälle

illegaler Fischerei nehmen zu, der

Fischbestand schwindet“, erzählt

Noa, während sein sonst so breites

Lächeln schwindet.

Noa ist in einer Fischereifamilie

aufgewachsen und kennt den westlichen

Teil des Indischen Ozeans so

gut wie kaum jemand. Er erinnert

sich an die einst ertragreichen Fänge

der lokalen Fischer und hat ihre zurückkehrenden

Fischerboote in den

vergangenen Jahren leerer und leerer

werden sehen. Eines der größten

Sorgenkinder: Tunfisch. Was auf

Pizza, in Pasta oder als Sushi auf unseren

Tellern landet, ist zu einem

großen Teil im Indischen Ozean aufgewachsen:

25 Prozent des weltweiten

Fangs stammen von dort. Für internationale

Fischereiflotten sind

die Küstengewässer Ostafrikas daher

finanziell höchst attraktiv.

Die massive Überfischung des letzten

Jahrzehnts hat jedoch Spuren

hinterlassen. Im Jahr 2007 hat der

Tunfisch-Bestand des Indischen Ozeans

seinen Tiefpunkt erreicht: Rund

ein Drittel des Bestands ist verschwunden

– zu einem Großteil in

den riesigen und hungrigen Bäuchen

asiatischer und europäischer Fischereiboote.

Nachhaltige Fangmethoden

oder geregelte Fangquoten werden

konsequent ignoriert. Auf den zurückgehenden

Tunfisch-Bestand reagiert

man pragmatisch, mit Alternativen.

Da der Tunfisch-Bestand

schrumpft, wird verstärkt nach Hai

gefischt. Die Nachfrage nach Haiflossen

am asiatischen Markt ist groß

und verspricht ein lukratives Geschäft

(siehe Interview Seite 10).

„Am Ende des Tages zählt der Ertrag.

An morgen – an die Zukunft der globalen

Fischbestände – denkt kaum jemand“,

erzählt Noa, während er nachdenklich

auf das offene Meer blickt.

Fischen im Trüben

Zwei Boote und 50 Inspektoren patrouillieren

bis zu 250 Tage im Jahr innerhalb

mosambikanischer Gewässer

– ein Gebiet, das mit 400.000 Quadratkilometern

größer als Deutschland

ist. Oftmals ein Kampf gegen

Windmühlen, wie Noa erzählt. Er

kennt die Grenzen seiner Arbeit nur

zu gut, und wer einmal auf hoher See

war, kann diese nachvollziehen. Die

Distanzen sind groß, es vergehen oft

viele Stunden, manchmal Tage, bis

man in den unendlich wirkenden

Weiten des Ozeans auf ein Schiff

trifft. Die Kontrollorgane können die

Fotos: © Paul Hilton/GP

8 act act 9


Fotos: © Paul Hilton/GP

Fischereischiffe zwar am Radar orten

und bekommen Hinweise von lokalen

Fischern, aber mit den Räubern

des Ozeans verhält es sich wie mit der

Stecknadel im Heuhaufen. Wer hier

auf hoher See gegen das Gesetz handelt

und nicht gefunden werden will,

hat meist leichtes Spiel.

„Wenn wir illegale Fischerei verhindern

und unsere Fischbestände

retten wollen, muss noch viel passieren

auf nationaler und internationaler

Ebene“, fasst Noa zusammen. Er

ist dankbar für jede Hilfe, die er bekommen

kann. Die „Rainbow Warrior“,

ein Helikopter sowie die 56 Augen

und Ohren, die Noa und sein

Team während der Zusammenarbeit

mit Greenpeace mehr zur Verfügung

haben, sind ein erster Rettungsanker.

Auch für Greenpeace ist die

Arbeit mit der nationalen Fischereiaufsicht

von großer Bedeutung. Wir

sind das erste Mal hier im Indischen

Ozean und versuchen uns ein Bild

zu verschaffen und die Grundsteine

für unsere zukünftige Arbeit im

Indischen Ozean zu legen.

In den Wochen der gemeinsamen

Arbeit liegen Motivation und Frustration

manchmal sehr nahe beieinander.

Gemeinsam scannen wir das

riesige Gebiet, suchen, finden und

inspizieren Fischereiboote, prüfen

den Fang, dokumentieren die angewandten

Fischereipraktiken und

sprechen mit Crew und Kapitänen.

Sprachliche und kulturelle Unterschiede

erschweren die Kontrollen.

Es dauert oft Stunden, bis man sich

durch die Papiere gewühlt und die

Lizenzen kontrolliert hat – dann

erst kann man den Fang überprüfen.

Das ist der schwierigste Teil der Inspektion,

jener Part, der uns in die

Gefrierräume des Schiffes führt und

dessen Eindrücke mich noch lange

begleiten werden.

Schrecklicher Anblick

Bei minus 60 Grad Celsius im Bauch

des Schiffes stockt einem den Atem.

Selbst unter den Schutzanzügen

brennt die Kälte auf der Haut. Der

Inhalt der Lagerräume lässt einem

zusätzlich das Blut in den Adern gefrieren.

Etliche Tonnen toter Fisch

sind hier gelagert. Hauptsächlich

Tunfisch, Schwertfisch und Haie.

Wertvolle Nahrungsquelle und einst

Nachhaltige Fischerei wie auf

den Malediven (kl. Bild l.) mittels

Angelrute und Leine ist nicht nur

möglich, sondern löst auch viele

Probleme: Die Bestände werden

geschont, und mehr Arbeitsplätze

werden geschaffen.

Im Indischen Ozean wird Haifang

und „Finning“ betrieben. Der

österreichische Meeresbiologe

und Aktivist Manuel Marinelli (kl.

Bild r.) setzt sich dagegen ein.

prächtiges Leben des Ozeans liegt

hier fahl und achtlos auf einen Haufen

geschmissen. Ein Bild, das mir

unter die Haut geht. Noa ist den Anblick

gewohnt, er weiß, wonach zu

suchen ist. Er kennt die illegalen

Praktiken und die Tricks der Fischereiflotten.

Und doch sind ihm oftmals

die Hände gebunden. Er weiß,

dass der illegal gefangene Fisch

längst zuvor auf hoher See umgeladen

worden sein oder irgendwo an

Bord gut versteckt liegen könnte.

Hinzu kommen gesetzliche Graubereiche

und schwammige Regelungen,

die erfolgreich genutzt werden,

um Strafen zu entgehen.

Was lässt einen in diesen Stunden

des Zweifels weitermachen, frage ich

ihn. „Der Ozean bedeutet für mich

Leben“, antwortet Noa und spricht

mir damit aus der Seele. Wir sehen

auf den Ozean hinaus: Eine unserer

wichtigsten Nahrungsquellen entspringt

aus ihm. Meeresalgen produzieren

die Hälfte des Sauerstoffs

der Erde. „Lassen wir zu, dass unsere

Meere weiterhin geplündert werden,

berauben wir uns selbst und vor allem

die nächsten Generationen.“ n

„Haie sind missverstandene

Tiere“

Manuel Marinelli ist Meeresbiologe

und Taucher und war Teil

der Greenpeace-Expedition im

Indischen Ozean. Seine Leidenschaft

gilt den Haien.

Wie geht es den Haien im Indischen

Ozean?

Täglich werden tausende Haie wegen

ihrer Flossen gefangen, teils gezielt,

teils als Beifang. Das Fleisch ist weniger

wert, deshalb werden den Haien

die Flossen abgeschnitten („Finning“)

und die Tiere dann noch lebend

wieder zurück ins Wasser geworfen.

Diese Grausamkeit ist nur schwer in

Worte zu fassen.

Was fasziniert dich an Haien?

Sie sind die wohl am meisten missverstandenen

Tiere. Viele denken bei

Haien an blutrünstige Raubtiere, was

so nicht stimmt. Ja, Haie sind Raubtiere,

aber das sind wir am Ende auch.

Wenn man bedenkt, wie viele (Anm.:

Bis zu 73 Millionen Haie sterben pro

Jahr durch „Finning“) von Menschen

getötet werden, erscheinen die Angriffe

von Haie auf Menschen minimal.

Deine Befürchtungen?

Wenn Haie weiter so befischt werden,

sind sie bald akut bedroht. Doch

ohne Kontrolle von oben, ohne „Top-

Räuber“, kollabiert das Ökosystem.

Haie jagen hauptsächlich schwache

und verletzte Tiere. Das wirkt sich auf

den Bestand positiv aus.

Was muss passieren?

Es müssen Fangquoten eingeführt,

eingehalten und besser kontrolliert

werden! Darüber hinaus braucht es

Meeresschutzgebiete – großflächige

Zonen, in denen nicht gefischt

werden darf.

Was kann jeder Einzelne tun?

Viel! Das gilt nicht nur für Haie: Es

wird gefischt und überfischt, weil die

Nachfrage da ist. Man muss nicht ganz

auf Fisch verzichten, aber was zählt,

ist, sich zu informieren und bewusst

einzukaufen.

So wird Tunfisch gefangen

Von destruktiv und umweltzerstörend bis selektiv und nachhaltig – entscheidend ist, mit welcher Methode

der Tunfisch aus dem Meer geholt wird. Ein Überblick über die verschiedenen Methoden des Tunfischfangs.

Angelrute & Leine Schleppangel Ringwade

Ringwade mit Fischsammler Langleine

Greenpeace

fordert

In Österreich

erhältlich

3. Hai-„Finning“

2. Beifang

1. Überfischung

Nachhaltigkeit

Verbreitung

100 km lange

Hauptleine, daran

Nebenleinen mit bis

zu 3.000 Angelhaken

mit Ködern; treibt

nahe der Meeresoberfläche

Fangmenge

weltweit

Wichtigste

Fangart

Beschreibung

Nachhaltige Köderfischerei!

Der

Handel muss mehr

Tunfisch aus Angelfischerei

anbieten!

JA:

Immer mehr Tunfischprodukte

aus

„Angelfischerei“

(z. B. Vier Diamanten,

Rio Mare, John

West, Followfish)

NEIN

KEINER:

Fisch wird lebend

gefangen und kann

vor dem Einholen vom

Haken getrennt

werden, z. B.

Jungfisch

Skipjack-Vorkommen

relativ gesund, v. a. im

Pazifik, teilweise aber

wenige Daten. Wichtig

ist, dass auch der

Köderfisch nachhaltig

befischt wird!

JA:

Eine der selektivsten

und umweltverträglichsten

Methoden; schafft

Arbeitsplätze in

armen Küstenregionen!

Küstenfischerei z. B.

Malediven, Senegal,

Salomonen;

traditionellste

Fangmethode

335.320 t

Skipjack

Anlocken mit

Köderfisch und

Wasserberegnung;

versetzt Tunfischschwarm

in Fressrausch,

Fischer mit

Angel ziehen den

Tunfisch im

Sekundentakt an

Deck

Fangobergrenzen

für Weißen Tunfisch!

Der Handel muss

mehr Tunfisch

aus Angelfischerei

anbieten!

JA:

Nur wenige

Produkte (z. B. Spar-

Premium-Albacore-

Tunfisch aus

MSC-Fischerei)

NEIN

GERING

Weißer Tunfisch fast

ausgebeutet, im

Nordatlantik überfischt.

Braucht dringend

Fangobergrenzen!

JA:

Sehr selektive

Fangmethode!

Hochseefischerei;

z. B. Azoren,

Nordostatlantik,

Nordostpazifik

68.871 t

Weißer

Tunfisch

(Albacore),

Skipjack

Schleppangeln

werden von einem

fahrenden Boot nahe

der Wasseroberfläche

gezogen;

Angelhaken mit

Ködern

Keine Super-Super-

Seiner! Umladeverbot

auf See!

Einhalten von Meeresschutzgebieten

und zeitlichen Fangverboten!

UNBEKANNT:

Fischsammler-freier

Tunfisch wird nicht

getrennt verarbeitet.

MSC-zertifizierter

Skipjack (Marke

„Pacifical“) noch

nicht am Markt

TEILWEISE,

aber weniger

verbreitet

beim Skipjack-

Fang (niedrigpreisige

Fischart)

SEHR GERING:

Nur 0,5–1 % des

Fanges!

Sehr effektive Methode,

im industriellen

Maßstab droht

Überfischung: Die

größten „Super-

Super-Seiner“ fischen

bis zu 60 t Skipjack /

Tag

JA:

Relativ selektive

Fangmethode,

solange nur frei

schwimmende

Fischschwärme

gejagt werden!

Industrielle Hochseefischerei;

noch

wenige Flotten

ohne Fischsammler,

aber Nachfrage

wächst weltweit

847.052 t

Skipjack,

Gelbflossentunfisch

2 km langes Netz

wird mit Beiboot

ringförmig um einen

Fischschwarm

ausgebracht und

beutelartig

zugezogen

Verbot von Fischsammlern!

Einhalten

von Meeresschutzgebieten

und Fangverboten

(6-monatiges

Fischsammler-

Verbot im Zentralpazifik)!

JA:

Großteil des mit

„Ringwade“

gekennzeichneten

Dosentunfischs wird

mit Fischsammlern

gefangen!

JA:

Mitgefangene

Haie werden

oftmals „gefinnt“

HOCH:

10 % Beifang (über

100.000 t / Jahr), z. B.

Schildkröten, Haie,

Wale, Delfine; weitere

15–20 % des Fangs sind

Jungfische!

Durch hohen Beifang

droht Überfischung

gefährdeter Tunfischarten,

die nicht Zielart

sind

NEIN:

Umweltschädlich

durch hohen Beifang,

z. B. Schildkröten,

Haie und Jungfische

überfischter

Tunfischarten

Industrielle Hochseefischerei;

häufigste

Fangmethode,

über 70 % der Ringwaden-Flotten

setzen

Fischsammler

ein!

1.976.453 t

Skipjack,

Gelbflossentunfisch

Künstliche, im Meer

treibende Fischsammler

locken Fisch

an; Kontrolle mit

Sonar und GPS;

Ringwaden-Netz wird

um Fischsammler

gezogen

Beifangvermeidung

(Absenkung der Leinen

bei Nacht und

durch Rohre, Rundhaken

etc.)! Verbot

von Haifang und

„Finning“; Umladeverbot

auf See!

NEIN:

Supermärkte haben

diese Fangmethode

aus ökologischen

Bedenken ausgelistet

WEIT

VERBREITET:

Gezielte Jagd

auf Haie für

„Finning“

SEHR HOCH:

20–40 % Beifang!

Schildkröten, Delfine

und Seevögel fressen

Köder und ertrinken;

Haie und Rochen werden

gezielt getötet

Bedrohte Bestände

für Großaugen- und

Gelbflossentunfisch;

große Haiarten

wie der Blauhai im

Zentralpazifik stark

dezimiert

NEIN:

Umweltschädlich

durch extrem

hohen Beifang,

Haifang verbreitet!

Industrielle Hochseefischerei;

1,4 Mrd. Haken

pro Jahr –

4 Mio. Haken

täglich!

526.406 t

Weißer

Tunfisch

(Albacore),

Großaugen-,

Gelbflossentunfisch

10 act

Fangmethode

Angelrute

& Leine

Schleppangel

Ringwade

ohne

Fischsammler

Ringwade

mit

Fischsammler

Langleine


CEE.Kommentar

* Antje Helms

ist Meeresexpertin

bei

Greenpeace

Die Hüter der Meere

Würden Sie Ihren Fisch nicht auch lieber frisch direkt von

Fischern kaufen, die an die Methoden des nachhaltigen Fischfangs

glauben? Doch was macht einen guten Fischer aus? Von Antje Helms*

Endlich hat sich der Trend umgekehrt:

Die Überfischung der Meere

geht zurück. Fischbestände werden

kaum mehr oberhalb ihrer „sicheren

biologischen Grenzen“ befischt. Die

Wissenschaft diktiert die Fangquoten

– nicht mehr die Politik! Für den

Abbau massiver Überkapazitäten

musste von den weltweit 3,5 Millionen

Fangschiffen nur ein Prozent

verschrottet werden: jene 30.000 Industrieschiffe,

die am meisten die

Meeresumwelt zerstörten. Die globale

Fangflotte ist damit auf dem besten

Weg, auf ein gesundes Maß zu

schrumpfen. Am meisten profitieren

davon die 100 Millionen kleiner Küstenfischer,

denn sie können wieder

profitabel fischen.

Inzwischen werden Sie erkannt haben,

dass ich hier nicht die Gegenwart

beschreibe. Was Sie gerade gelesen

haben, ist die Greenpeace-Vision

– unser Rettungsplan für die Meere.

Ein wichtiger Baustein darin ist das

weltweite Netzwerk von Schutzgebieten

– 40 Prozent der Meere sollen

für die Fischerei tabu sein. Das Paradoxe

dieser einschneidenden Maßnahme:

Die Fischerei profitiert davon,

denn die Bestände nehmen außerhalb

der Schutzzonen rasant zu.

Die zentrale Rolle in der Fischerei

der Zukunft spielen für Greenpeace

die handwerklichen Kleinfischer.

Doch welcher Fischer arbeitet handwerklich,

welcher schon industriell?

Bilden Schiffslänge, Motorleistung

oder die tägliche Rückkehr in den Hafen

eine Grenze? Eine international

gültige Definition für Kleinfischer

existiert nicht, zu divers sind ihre

Arbeitsbedingungen und Fangmethoden.

Auch aufgrund dieser Inhomogenität

sind sie in den letzten

Jahrzehnten so abgedrängt worden,

dass wir fast nur noch industriell gefangenen

Fisch am Markt finden.

Eines haben alle Kleinfischer gemeinsam:

Sie sind auf Fanggründe

„vor ihrer Haustür“ angewiesen. Deshalb

gehen sie schonender mit der

Ressource Fisch um und nutzen selektivere

Fangmethoden. Es stimmt:

Nicht alle Kleinfischer fischen perfekt

nachhaltig, so gibt es kleine

Trawler, die den Meeresboden genauso

umpflügen wie die großen. Ganz

sicher haben sie derzeit jedoch keine

Alternative, um ihren Lebensunterhalt

zu bestreiten.

Keine Lobby, keine Stimme

Denn die Kleinfischer sitzen nicht

mit am Tisch, wenn es um wichtige

Entscheidungen in der Fischereipolitik

geht. Manche sind täglich auf See,

andere haben noch nicht einmal

E-Mail – sich zu vernetzen, Forderungen

aufzustellen, geschweige

denn bei politischen Entscheidungen

mitzureden ist so unmöglich. Im Gegensatz

zur Industrielobby, die in den

Hauptstädten der Welt bestens aufgestellt

ist. Dementsprechend industriefreundlich

werden Fangrechte

und Subventionen von den Fischereiministern

verteilt. Bisher.

Das will Greenpeace ändern: Den

Millionen handwerklicher Fischer

wieder eine Stimme zu geben, ihre

Anliegen für Politiker sichtbar zu machen

und eine breite Öffentlichkeit

sowie den Einzelhandel zu ihrer Unterstützung

zu gewinnen, dafür setzt

sich Greenpeace ein – in Europa, in

Westafrika, im Pazifik und seit der

jüngsten Expedition der „Rainbow

Würden Sie für so einen

Fisch nicht auch einen

fairen Preis zahlen?

Warrior“ auch im Indischen Ozean.

Ich würde meinen Meeresfisch am

liebsten direkt von einer Fischerei-

Kooperative kaufen: frisch, hochwertig

und gesund. Rückverfolgbar bis zu

jenem Fischer, der an nachhaltigen

Fischfang glaubt und sich täglich auf

seinem Schiff als „Hüter der Meere“

einsetzt. Würden Sie für so einen

Fisch nicht auch einen fairen Preis

zahlen? Derzeit scheint eine solche

Direktvermarktung in einem Binnenland

wie Österreich fast unvorstellbar,

zu sehr haben wir uns schon

an den Tiefkühl-Industriefisch im

Supermarkt gewöhnt. Ich bin allerdings

zuversichtlich, dass eine andere

Fischerei möglich ist – und die

Greenpeace-Vision einer nachhaltigen

Fischerei Wirklichkeit wird. n

FotoS: © GP/Kurt Prinz, © Clément Tardif/GP, ???

Foto: © Coriette Schoenaerts

Müll ist eine wertvolle Ressource.

Ob etwas auf der Müllhalde landet

oder wiederverwertet werden kann,

ist zu 80 Prozent abhängig vom Design

eines Produktes. Diese Herausforderung

hat dazu geführt, dass

Produktentwickler, Logistiker, Verpackungsdesigner

und Marketingexperten

sich die Frage gestellt haben:

„Wie kann man Dinge so gestalten,

dass sie nachhaltig, ökologisch

und sozial ausgewogen produziert,

konsumiert und wiederverwertet

werden können?“ Die Antwort ist

Ecodesign.

Bei Ecodesign geht es darum, Produkte

so zu denken, dass sie von

Anfang an wenig Ressourcen verbrauchen,

keine oder geringe Umweltbelastung

verursachen, geringe

Transportwege haben, recycelbar

sind und schließlich wieder als wertvolle

Ressource in den Kreislauf der

Natur geführt werden können.

Wichtig sind auch soziale Aspekte

wie die Arbeitsbedingungen, unter

denen das Produkt hergestellt wird.

Sichere Arbeitsplätze und Lebensqualität

sind ebenso Teil dieses Konzepts

und sorgen für soziale und politische

Stabilität.

Langfristig gedacht

Ecodesign hat im Grunde genommen

viel mit Mathematik zu tun. Die richtige

Wahl des Materials, Energieeffizienz

in der Produktion und im Verbrauch,

Langlebigkeit des Produktes,

Ökologisch und sozial ausgewogen:

Ecodesign wird unsere Welt verändern!

Das Design

der Zukunft

Hören Sie es klingeln? Weihnachten

naht! Und die Frage „Was schenke

ich?“ schwebt wie ein Damoklesschwert

über unseren Nacken. Bald

wird heftig eingekauft, eingepackt,

verschenkt, ausgepackt, eingetauscht,

umgepackt. Das meiste

landet kurz danach auf dem Müll.

Von Marcelline Langer

mögliche Emissionen und Schadstoffe,

Verpackung und Möglichkeiten

des Recyclings sind nur einige Aspekte,

die bereits in der Planung genau

kalkuliert werden. Dabei wird die

gesamte „Lebenszeit“ des Produktes

unter die Lupe genommen und darauf

geschaut, dass das Ergebnis nicht

nur praktisch ist und gut aussieht,

sondern auch der ökologische Fußabdruck

möglichst klein ist.

Aus recycelten Schubläden entsteht

ein neues Möbelstück, aus

mehreren Holzpaletten ein unkonventioneller

Couchtisch auf Rädern,

Bio-Unterwäsche wird aus regionalen

Materialien hergestellt, in eine biologisch

abbaubare Hülle verpackt und

später als Dünger in die Gemüsebeete

gepflanzt. Aber Ecodesign geht

noch viel weiter! Tragbare Radioempfänger,

die mit Solarenergie betrieben

werden: Sie wurden so konzipiert,

dass man sie immer wieder auseinanderbauen

und nach einem kleinen

Service wieder gebrauchen kann.

Oder hochwertige Teppiche, die aus

recycelten und schadstofffreien Materialien

bestehen und immer wieder

neu aufbereitet werden können. Aber

auch moderne und funktionale Büromöbel

können das Ergebnis von Ecodesign

sein. Visuell unterscheiden sie

sich nicht von herkömmlichen Büromöbeln,

mit dem einzigen Unterschied,

dass sie zu 100 Prozent recycelt

werden können.

Doch Ecodesign ist noch mehr als

das! Weil endliche Ressourcen wie

Kupfer oder Lithium, die für die Produktion

von Batterien oder Solarmodulen

notwendig sind, immer

knapper und teurer werden, sind

Hersteller daran interessiert, diese

Ressourcen wiederzugewinnen. Dafür

müssen sie allerdings die Produkte

so gestalten, dass die Rückgewinnung

der Ressourcen aus den gebrauchten

Gegenständen auch möglich

ist. Das heißt, dass die verkaufte

Ware am Ende ihrer Lebenszeit

nicht im Müll landet, sondern wieder

zurück zum Hersteller muss.

Hier entstehen neue Geschäftsmodelle,

in denen es nicht mehr um das

Produkt alleine geht, sondern um

das Service, das rund um dieses Produkt

angeboten wird.

Ecodesign steht nicht nur für das

Produkt an sich. Es ist das Ergebnis

eines Umdenkens und verlangt nach

Kreativität, enger Zusammenarbeit

zwischen den einzelnen Produktionsbereichen

und schafft neue, lukrative

Märkte. Es setzt sich mit der

Frage auseinander, wie wir mit unseren

natürlichen Ressourcen auskommen

können, welchen Stellenwert

Produkte des täglichen Bedarfs für

uns haben und wie wir sorgsam mit

diesen umgehen. Man könnte auch

sagen: Ecodesign ist eine Haltung unserer

Welt gegenüber. Und der Anfang

ist gemacht, wenn wir uns die

Frage stellen, auf welche Weise wir

Dinge konsumieren wollen … und

was wir unseren Liebsten zu Weihnachten

schenken möchten. n

12 act act 13


Russisches (Öl-)

Roulette

Fünf Millionen Tonnen Rohöl

laufen pro Jahr aus lecken Ölleitungen

– das entspricht sieben

„Deepwater Horizons“.

500.000 Tonnen Öl landen

über verschmutzte Flüsse in der

Arktis.

15.000 Kilometer Pipelines

befinden sich in der russischen

Komi-Region. Über 10.000

signifikante Rohrbrüche werden

jährlich gezählt.

Durch das bei der Ölförderung

unkontrolliert austretende

Methan und das Verbrennen von

frei werdendem Gas entstehen

Treibhausgasemissionen von insgesamt

130 Millionen Tonnen

CO 2 -Äquivalenten pro Jahr.

Das entspricht sieben Prozent

der jährlichen russischen CO 2 -

Emissionen.

Wo Russland

im Öl versinkt

Im Frühsommer startete

Greenpeace weltweit mit einer groß

angelegten Kampagne. Das Ziel: ein

Verbot der arktischen Ölausbeutung

und ein Schutzgebiet um den

Nordpol. An vorderster Front der

Arktis-Zerstörer steht neben Shell

die russische Gazprom.

Von Hanna Schwarz

In Klagenfurt, Graz und Wien und weltweit

in Metropolen wie Sydney, London,

Washington sowie an Sehenswürdigkeiten

wie der Chinesischen Mauer oder dem

Taj Mahal waren vergangenen Sommer

Eisbären aufgetaucht – der heimatlos gewordene

Eisbär wurde zur prominenten

Kampagnen-Figur und zum Symbol für

die Rettung der Arktis. In ganz Europa erkletterten

die weißen Bären Shell-Tankstellen

und warnten vor den drohenden

Bohrungen des Ölkonzerns, die ihren

Lebensraum in Gefahr bringen. Wenige

Wochen nach dem Start der Kampagne

war es dann Zeit, den zweiten großen

Ölmulti ins Visier zu nehmen,

der sehr konkrete Pläne für die Ausbeutung

der Arktis verfolgt – der russische

Energieriese Gazprom.

Russlands arktische Regionen

mussten bereits schlechte Erfahrungen

mit der Ölförderung machen.

Ein Greenpeace-Team hat in der sibirischen

Komi-Region, 2.000 Kilometer

von Moskau entfernt, die Verwüstungen

durch die Ölindustrie

dokumentiert. Über 3.000 Bohrlöcher

und abertausende Kilometer

rostiger Pipelines prägen das

nördlichste Russland. Ausgelaufenes

Öl bildet kleine Giftseen,

erstickt den spärlichen Flechtenbewuchs,

dringt in den Boden ein

und gelangt ins Grundwasser.

Zerstörte Existenzen

Im Frühjahr sei es am schlimmsten,

erzählt Kanev Vyacheslav Vaselyevich,

ein 84-jähriger Rentierzüchter,

den angereisten Umweltschützern.

„Es ist Öl im Wasser, in der Luft,

in der Nahrung – überall stinkt es

nach Öl.“ Früher lebten die Komi von

der Fischerei, der Jagd und der Fischzucht

– durch das auslaufende Öl aus

lecken Leitungen, die seit Jahren

nicht erneuert worden sind, ist ihre

Existenzgrundlage zerstört, das Leben

zu einem tristen Dasein degradiert.

Das Beispiel Komi zeigt eindringlich,

wie die Zukunft der Arktis

aussieht, wenn dort nach Öl gebohrt

wird und sie nicht so schnell wie möglich

zum Schutzgebiet erklärt wird.

Doch auch in anderen Regionen

Sibiriens ist die Lage düster, denn

Russland nimmt einen Spitzenplatz

bei Ölkatastrophen ein. Am stärksten

betroffen sind die Gebiete rund

um die großen Flüsse Ob, Tas und Jenissei.

Das Öl, das täglich in diese

Flüsse gelangt, lässt die Fische mit

dem Bauch nach oben schwimmen

und die Teller der Fischer leer. Bereits

jetzt wird die Arktis durch die russische

Ölindustrie schwer belastet:

500.000 Tonnen werden durch Flüsse

in den Arktischen Ozean transportiert.

Alleine 500 Millionen Tonnen

werden Jahr für Jahr in Sibirien aus

dem Boden geholt. Und noch ist die

Gier nicht gestillt. Die Fördermenge,

die Russland durch Bohrungen im offenen

Arktischen Meer („offshore“)

erreichen möchte: 13,5 Millionen

Tonnen Öl pro Jahr.

Um dieses profitable Ziel zu erreichen,

setzt Gazprom die Ölplattform

„Prirazlomnaya“ ein. 2012

konnte sie aber noch nicht wie geplant

zum Zug kommen. Wie Greenpeace

Russland herausfand, war die

fünfjährige Gültigkeit für einen Notfallplan

bereits im Frühsommer abgelaufen.

Zusätzlich hatte sich das

Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“

mit vielen Aktivisten und Greenpeace-Geschäftsführer

Kumi Naidoo

an Bord auf den langen Weg in den

eisigen Norden aufgemacht, um die

Bohrvorbereitungen zu vereiteln

und die Plattform zu besetzen.

„Meine Kollegen und ich stehen

hier stellvertretend für die über eine

Million Arktis-Schützer“, sagte Kumi

So wird in Russland Öl gefördert:

Die sibirische Komi-Region

ist durch die Ölförderung zerstört.

Wird es in der Arktis bald genauso

aussehen (gr. Bild)?

Drei Tage lang besetzten

Greenpeace-Aktivisten die Ölplattform

„Prirazlomnaya“ sowie das

Versorgungsschiff „Anna Akhmatova“

in der russischen Petschorasee

(kl. Bild r.). Greenpeace-Chef Kumi

Naidoo beim Erklettern der Plattform

(kl. Bild l.).

Naidoo, nachdem er die riesengroße

Plattform „Prirazlomnaya“ erklettert

hatte und mit eiskaltem Wasser

aus den Schläuchen der Arbeiter bespritzt

wurde. „Gazprom und Shell

riskieren mit ihren Förderplänen ein

einzigartiges Ökosystem. Früher

oder später wird es in der Arktis zu

einem Ölunfall kommen. Der einzige

Weg, dies zu verhindern, ist ein

generelles Verbot aller Bohrungen in

der Arktis.“

Ein Ölunfall im höchsten Norden

kann das Ende für den wohl prominentesten

Arktis-Bewohner bedeuten

– den Eisbären. Neun Monate

lang herrscht hier härtester Winter,

mit minus 50 Grad Celsius und meterhohem

dickem Meereis. Ausgetretenes

Öl zu beseitigen ist unter diesen

Bedingungen unmöglich. Das

scheinen auch die Gazprom-Verantwortlichen

so zu sehen und die Notfallausrüstung

der „Prirazlomnaya“

deshalb gleich im Vorhinein einzusparen:

15 Schaufeln, 15 Eimer und

ein Vorschlaghammer stehen auf der

Ölplattform zur Verfügung.

Eisbären in Moskau

Nach dem Einsatz von Greenpeace

auf der Ölplattform inmitten der

Petschorasee galt es, weiter medienwirksame

Aktionen in Russland zum

Schutz der Arktis durchzuführen.

Anfang September kettete sich ein

heimatloser Eisbär vor den Augen

zahlreicher Moskauer Bürger an den

Zaun vor der Gazprom-Zentrale in

Moskau. In Russland ist eine solche

Aktion ein nicht ganz ungefährliches

Unterfangen, wie auch die österreichische

Aktivistin Ina Vallant feststellen

konnte, die vor Ort dabei war

(siehe Interview rechts).

Die Greenpeace-Kampagne zum

Schutz der Arktis zählt bereits wenige

Monate nach ihrem Start über

zwei Millionen Unterstützer, die

„Arctic Defender“. Die gesamte

Greenpeace-Welt wird erst ruhen,

wenn ein Arktis-Schutzgebiet Realität

geworden ist – auch im kommenden

Jahr werden sich Shell, Gazprom

& Co. also auf sehr viel Widerstand

gefasst machen müssen. n

14 act act 15

FotoS: © Daniel Mueller/GP, © Daniel Beltrá/GP, 2x © Denis Sinyakov/GP, © GP/Georg Mayer

„Ich will den

Schutz der Arktis!“

Ina Vallant ist seit sechs Jahren

für Greenpeace als Aktivistin

im Einsatz – zuletzt vor der

Gazprom-Zentrale in Moskau.

Warum setzt du dich für die

Arktis ein?

Die Arktis ist ein so einzigartiges

Naturparadies. Als ich hörte, dass

Konzerne dort nach Öl bohren wollen,

musste ich etwas tun. Wenn in

der Arktis ein Unfall passiert, dann

hat das riesige Auswirkungen. Ich

will den Schutz der Arktis – für die

Antarktis gibt es ihn bereits.

Du bist zu einer Aktion nach

Russland gefahren. Hattest du

keine Angst?

Nein. Mir persönlich fiel es schwer,

in Österreich herumzusitzen,

während der Lebensraum Arktis

schwindet und von der Profitgier

internationaler Ölkonzerne

gefährdet wird. Vor der Zentrale der

Gazprom in Moskau zu stehen und

zu sagen: „Die Weltöffentlichkeit

schaut auf euch! Lasst die Finger

von der Arktis!“, war sehr wichtig für

mich. Aktionen bergen ein gewisses

Risiko, aber im Leben gibt es gefährlichere

Sachen, die gar nicht sinnvoll

sind. Als wir aber mit unserer Aktion

noch am gleichen Tag vor Gericht

gelandet sind, habe ich doch sehr

gestaunt.

Was motiviert dich, als Aktivistin

für die Umwelt einzutreten?

Es ist das Feedback der Leute,

besonders von Kindern. Neulich

bekam ich einen Brief von einem

Achtjährigen, der mir schrieb, wie

gut er es findet, dass wir die Eisbären

und ihren Lebensraum retten

wollen. Dann weiß ich wieder,

weshalb ich dafür kämpfe – für

unsere Zukunft und für zukünftige

Generationen.


Wald in Gefahr

Rumänien verfügt über Waldschätze,

die am Rest des europäischen

Kontinents zum allergrößten

Teil bereits verloren gegangen sind.

Draculas Heimat ist mit 6,5 Millionen

Hektar zu rund einem Drittel bewaldet,

darunter befinden sich auch

die letzten unberührten Buchen-

Urwälder des alten Kontinents. Sie

geben noch heute seltenen Tieren

wie Braunbären, Wölfen und Wildkatzen

eine Heimat und konnten

sich jahrhundertelang ungestört von

menschlichen Eingriffen entwickeln.

Ihr ökologischer Wert ist daher besonders

groß. Natürlich gewachsene

Wälder weisen eine eindrucksvoll

hohe Artenvielfalt auf und sind auch

in Bezug auf ihre Kohlenstoff-Speicherfähigkeit

klassischen Forstwäldern

weit überlegen.

Doch wer hofft, dass Rumänien

mit diesem wertvollen Erbe sorgsam

umgeht, wird enttäuscht. Im Land

der Ostkarpaten wird viel zu viel geschlägert

– verbotenerweise auch in

National- und Naturparks und in

Natura-2000-Gebieten. Doch wie

viele Bäume tatsächlich der Kettensäge

zum Opfer fielen und in welchen

Regionen am meisten gefällt

wurde, darüber fehlte lange Zeit

eine genaue Dokumentation.

Angesichts der dramatischen Lage

startete Greenpeace in Rumänien

2011 eine Waldkampagne. Eines der

ersten Projekte war die Erstellung

einer genauen Kahlschlag-Karte, um

die Öffentlichkeit zu informieren

und auf die verantwortlichen Behörden

gezielt Druck ausüben zu können.

Nach monatelanger akribischer

Satellitenrecherche kombiniert mit

zahllosen Vor-Ort-Checks war es vergangenen

Frühling so weit: Die Datenlage

zum rumänischen Waldbestand

wurde veröffentlicht – und löste

ein gewaltiges Medienecho aus.

Nicht nur, weil der Waldschutz generell

ein sensibles Thema ist, sondern

vor allem, weil das Ergebnis dramatischer

war als befürchtet: Jede Stunde

verschwinden in Rumänien drei Hektar

Wald von der Bildfläche! „Die Resultate

waren überraschend, obwohl

wir natürlich mit Verschlechterungen

gerechnet hatten“, sagt Doina

Danciu, Leiterin der Waldkampagne

in Bukarest. „Zudem liegen 48,9 Prozent

der abgeholzten und zerstörten

Wälder in Schutzgebieten“, fasst sie

die alarmierenden Ergebnisse zusammen.

In dem untersuchten Zeitraum

von 2000 bis 2011 ist insgesamt

eine Fläche von 280.108 Hektar

Wald verschwunden.

Greenpeace Rumänien suchte sich

einen sehr guten Zeitpunkt aus, um

mit diesen bestürzenden Nachrich-

Abholzung in

Rumänien

2000–2011

Abgeholzte

Gebiete

Urwald

Wald

Natura

2000

National-/

Naturpark

Rumänien verfügt über eines der letzten intakten Urwaldgebiete Europas. Doch die zunehmende

Nachfrage nach Holz übt immer mehr Druck auf die wertvollen und schützenswerten

Buchenwälder aus. Von Birgit Bermann

ten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Kurz nach dem Ende einer Regierungskrise

im Frühling setzte

Greenpeace die neue Regierung mit

der Veröffentlichung erfolgreich

unter Zugzwang. Der Chef der rumänischen

Forstbehörde Romsilva

wurde bald nach Veröffentlichung

der Kahlschlag-Daten ausgetauscht.

Welche weiteren Schritte

Greenpeace Rumänien in seiner

Kampagne setzen wird, entscheiden

die nächsten Wochen, wenn

sich die neue Regierung nach den

Wahlen Ende November konsolidiert

– und sich in die Karten

schauen lässt, wie sie es mit dem

Waldschutz hält. Denn eines ist sicher:

Rumäniens Wälder brauchen

dringenden, umfassenden und vor

allem schnellen Schutz. Sonst sind

die letzten Urwälder des Kontinents

bald Geschichte. n

Fotos: © Markus Mauthe/GP, © Weitzer, © GP/Birgit Berman

„Wir möchten etwas zurückgeben“

Nicola Weitzer und Michael Wesonig unterstützen privat als Großspender die rumänische

Waldkampagne von Greenpeace. Gemeinsam mit Kathrin Wesonig führen sie den

Parketthersteller Weitzer Parkett. act sprach mit den beiden Chefinnen über mutige

Schritte im Umweltschutz und die Emotionen beim Spenden.

Interview: Birgit Bermann und Agnes Peterseil

Rumäniens wertvolle Buchenwälder

brauchen Schutz! Greenpeace

hat im Rahmen seiner

Kampagne einen Antrag auf Aufnahme

ins UNESCO-Weltkulturerbe

gestellt. Nicola Weitzer

(kl. Bild r.) ermöglicht als Großspenderin

entscheidende Fortschritte für

die Waldkampagne von Greenpeace

in Rumänien. Gemeinsam mit

Kathrin Wesonig (kl. Bild ganz r.)

ist sie Teil der Führungsebene des

Parketther stellers Weitzer Parkett.

Sie haben eine ökologische Vorreiterrolle

eingenommen und sind als einer der ersten

großen Parketthersteller 2009 aus

Tropenholz ausgestiegen. Hat sich dieser

Schritt bezahlt gemacht?

Nicola Weitzer: Der Ausstieg aus dem

Tropenholz hat sich ganz sicher für uns bezahlt

gemacht. Heute haben die Kunden

einen sehr ökologischen Blickpunkt.

Kathrin Wesonig: In manchen Märkten,

gerade in Österreich, Deutschland und der

Schweiz, hat man uns zu dem Ausstieg sogar

gratuliert. Dem bewussten Kunden ist

es ja sehr wichtig, ein ökologisch nachhaltiges

Produkt zu haben, das nicht Teil der

Vernichtung des Regenwaldes ist.

Wie schätzen Sie das Spannungsfeld

zwischen Wirtschaft und Umweltschutz

ein? Oft herrscht ja die Meinung vor: Umweltschutz

kostet. Sehen Sie das auch so?

K.W.: Kurzfristig könnte man das schon

sagen, dass Umweltschutz kostet. Langfristig

ist es aber eine Investition, und je

nachdem, welche Haltung man als Unternehmen

einnimmt, ist es eigentlich ein

Muss. Wenn die Konsumenten bewusst

sind und darauf schauen, woher das Produkt

kommt, das sie erwerben, dann wird

es auch zu einem wirtschaftlichen Nutzen

– wenn man sich wirklich zum Umweltschutz

bekennt.

N.W.: Es ist schon richtig, es kostet am

Anfang. In manchen Ländern, wo der Tropenholzanteil

bei rund 30 Prozent gelegen

hat, haben wir den Ausstieg natürlich gespürt.

Wir haben dann über unsere Fachhändler

Aufklärung betrieben, erklärt, was

Tropenholz für die Umwelt bedeutet, und

sehr rasch nach Alternativen gesucht.

Hat die Branche nachgezogen?

N.W.: Also gang und gäbe ist der Tropenholzausstieg

sicher noch nicht. Aber mittlerweile

haben wir ein bisschen einen

Boom ausgelöst, und es sind andere nachgefolgt.

Am Anfang sind wir schon kritisch

beäugt worden.

Weshalb?

K.W.: Wegen dem Mut, auf Ertrag oder

Umsatz zu verzichten. Und bis jetzt kann

man noch nicht sagen, dass jeder auf diesem

Kurs ist.

Sie spenden seit Jahren großzügig für

unsere Waldkampagne? Warum haben

Sie sich für Greenpeace entschieden?

K.W.: Es war uns wichtig, dass wir die gleiche

Sprache sprechen und die gleiche Zukunftsvision

haben. Wenn man diesen

Weg geht, ist Greenpeace definitiv der richtige

Partner. Und natürlich hat Greenpeace

einen hohen Bekanntheitsgrad. Da weiß

jeder, dass es eine vertrauenswürdige Organisation

ist.

Warum spenden Sie? Was bedeutet es

Ihnen, Spenderin zu sein?

N.W.: Weil man die Tätigkeit von Greenpeace

unterstützen möchte. Wir sind nur

ein kleines Mosaiksteinchen, aber ich glaube,

im Gesamten wird irrsinnig viel bewegt.

Von der Natur wird viel gegeben, und

wir möchten auch etwas zurückgeben. Und

wir wollen nachhaltig sein, den richtigen

Weg gehen und einen Beitrag leisten.

Welche Gefühle verbinden Sie mit dem

Spenden?

N.W.: Es ist ein gewisses Zeichen der

Dankbarkeit. Es ist ein gutes Gefühl, vor

allem auch mit einem Partner, der dafür

sorgt, dass die Spende auch für das eingesetzt

wird, was man möchte: den Regenwald

zu erhalten und die Menschen, die

dort leben, zu unterstützen, damit sie ihr

tägliches Leben leichter oder besser erledigen

können. Es ist ein sehr angenehmes

Gefühl, dass wir überhaupt die Möglichkeit

haben, das zu tun.

Welche Umweltschutzthemen sind Ihnen

noch besonders wichtig?

K.W.: Der Klimaschutz ist ein großes Thema.

Mit unserem Biomasse-Heizkraftwerk

erzeugen wir nicht nur umweltfreundliche

Wärme für mehr als 1.700 Haushalte, sondern

auch Ökostrom. Photovoltaik auf unseren

Dächern und ein kleines Wasserkraftwerk

produzieren seit kurzem auch

Energie. Das ist unser Beitrag zum Klimaschutz.

Wir werden nicht mehr auf dieser

Welt in dem Sinne leben können, wenn

das Klima nicht stabilisiert ist. Aber am

wichtigsten ist vielleicht die Frage: Was

kann ich tun, als einzelne Person in meinem

täglichen Dasein? Vom bewussten

Einkaufen bis zur Frage „Wo kommen die

Produkte her?“, „Wie reise ich?“ oder „Wie

bewege ich mich fort?“. Wir können jetzt

über große, globale Themen reden, aber im

Kleinen – Schritt für Schritt – soll jeder

versuchen, einen so großen Beitrag wie

möglich zu leisten. n

Interview

Agnes PeterseiL

agnes.peterseil@

greenpeace.at

www.greenpeace.at/

projektspende

01/545 45 80-15 oder

0650/927 19 83

Die Basis der

Unabhängigkeit von

Greenpeace sind

private Spenden sowie

Stiftungsbeiträge, die

wir dort einsetzen, wo

sie am dringendsten

gebraucht werden und

am meisten nutzen.

Wenn auch Sie mit

einer größeren Spende

eine Kampagne oder

ein Projekt unterstützen

möchten, schreiben

Sie mir bitte oder

rufen Sie mich an. Ich

bespreche gerne die

geeigneten Möglichkeiten

mit Ihnen!

16 act act 17


Interview

Was wollen Sie mit einem Ökozid-Gesetz

erreichen? Ich will die massive Umweltzerstörung

und den Verlust von Ökosystemen

beenden. Es bedeutet, dass wir nicht mehr

länger die Zerstörung erlauben, sondern

ein Recht schaffen, das das Leben sichert

und ihm den Vorrang einräumt.

Was bedeutet Ökozid? Welches Ziel verfolgt

Ihre Kampagne? Es gibt zwei Arten

von Ökoziden: den von Menschen gemachten,

der in der Regel von Unternehmen verursacht

wird, und natürlich vorkommende

Ökozide wie Tsunamis oder Hochwasser.

Wir können keine Unternehmen für natürliche

Ökozide belangen, aber was erreicht

werden kann, ist, dass Regierungen an eine

Fürsorgepflicht gebunden werden. Damit

sie den von natürlichen Ökoziden Betroffenen

beistehen – oder von den Folgen des

Klimawandels, wie man auch sagen kann.

Wenn wir eine Fürsorgepflicht einführen,

schaffen wir eine gesetzliche Verpflichtung,

an Lösungen zu arbeiten. Wenn Ökozid wie

Genozid als internationales Verbrechen anerkannt

wird, erzeugt das diese Fürsorgepflicht

für jene, die in übergeordneter Verantwortung

stehen – CEOs, Regierungschefs,

Minister oder Bankvorstände.

»Richte keinen Schaden an! Dieser Grundsatz

wird an die erste Stelle gerückt.«

»Ich will den

Verlust von

Ökosystemen

beenden!«

Was wird sich mit einem Ökozid-Gesetz

konkret ändern? Richte keinen Schaden an!

Dieser Grundsatz wird an die erste Stelle gerückt.

Das bedeutet einen Systemwechsel,

da ein Rahmengesetz geschaffen wird, das

in die nationalen Rechtsordnungen übergeht.

Und es schafft gleiche Wettbewerbsbedingungen

für alle Marktteilnehmer,

denn für alle gilt dann eine einheitliche

Rechtslage. Der Green Economy wird mit

einem Ökozid-Gesetz also Vorrang eingeräumt.

Darüber reden alle Regierungen,

aber wir waren bis jetzt nicht in der Lage,

das wirklich voranzubringen. Wir würden

endlich anfangen, langfristig und auch für

zukünftige Generationen zu denken.

Regierungen stehen oft an der Seite von

Umweltverschmutzern. Wie soll sich das

ändern? Derzeit herrschen Gesetze, die dem

Profit Priorität einräumen, und die Politik

ist an diese Gesetze gebunden. Hier in Österreich

ist der Umweltminister auch für die

Landwirtschaft zuständig – eine schwierige

Konstellation. Wenn es ein Ökozid-Gesetz

gibt, dann kann sich der Minister an die industrielle

Landwirtschaft wenden und sagen:

Es tut mir leid, aber das entspricht

nicht dem Gesetz. Wir können unternehmerische

Aktivitäten, die mit massiver Umweltzerstörung

einhergehen, nicht weiter

unterstützen. Weil es jetzt ein Gesetz gibt,

das massive Umweltzerstörung verbietet.

Die britische Anwältin Polly Higgins

will den Ökozid – die massive

Beschädigung und Zerstörung von

Ökosystemen – als fünftes Verbrechen

gegen den Frieden anerkennen

lassen. Der bei der UNO eingebrachte

Antrag hat das Potenzial,

viel zu verändern.

Interview: Birgit Bermann

Sie haben großes Vertrauen in die Gesetze?

Ich habe sehr großes Vertrauen in

Gesetze, die funktionieren. Aber es gibt

viele Gesetze, die nicht funktionieren, wie

bei den Klimaverhandlungen. Wir brauchen

Gesetze und müssen solche schaffen,

die auf der Unverletzlichkeit des Lebens

gründen – und zwar allen Lebens, nicht

nur des menschlichen. Wenn wir mit den

bestehenden Gesetzen weitermachen, stehen

uns gewaltige Probleme bevor.

Es gibt auch Gesetze gegen den Genozid,

dennoch gibt es ihn noch. Warum soll

das mit einem Ökozid-Gesetz anders sein?

Wir müssen unsere bestehenden Normen

grundsätzlich verändern. Denn sie sind es,

die Ökozide verursachen und massive Umweltzerstörung

auf einer täglichen Basis

zulassen. Auch Diebstahl gibt es noch immer.

Dennoch würden wir nie daran denken,

die Diebstahlsgesetze loszuwerden. Es

geht darum anzuerkennen, dass es Ökozid

gibt und dass er die Ausnahme und nicht

die Regel werden muss. Es geht darum, bestimmte

Aktivitäten als grüne Verbrechen

anzusehen. Und dass jene, die mit dem

Ökozid weitermachen, dafür auch zur Verantwortung

gezogen werden – damit die

Gerechtigkeit zum Zug kommen kann. n

www.oekozid.org

www.eradicatingecocide.com

FotoS: © GP/Georg Mayer, 2x © Paul Langerock/GP

Steuerlicher Systemwechsel

Unser derzeitiges Steuersystem belohnt Energieverschwender und zementiert die

Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen. Eine Energiewende kann nicht ohne eine

ökologische Steuerreform auskommen. Von Julia Kerschbaumsteiner

Die Verbrennung fossiler Brennstoffe

ist der Klimakiller Nummer 1.

Das Wachstum unserer Wirtschaft

ist bislang auf die Verbrennung von

fossilen Brennstoffen ausgerichtet

und bedeutet Abhängigkeit von teils

autoritär geführten Anlieferstaaten.

Reichtum war bislang eine Frage des

Zugangs zu fossilen Brennstoffen.

Dieses Wachstumsparadigma hat

ausgedient. Eine Energiewende

sieht die Entkoppelung von wirtschaftlichem

Wohlstand von der

Verbrennung fossiler Brennstoffe

vor. Um ökologisch wie wirtschaftlich

unrentable Technologien obsolet

zu machen, braucht es Investitionen

in Zukunftstechnologien, um

unerschöpfliche Quellen wie Sonne,

Wind, Wasser und Erdwärme für

eine breite Bevölkerung zugänglich

zu machen.

Die Ökologisierung aller Lebensbereiche

gibt es nicht gratis. Eine

Reformierung des Steuersystems

mit starker ökosozialer Ausrichtung

kann die Finanzierung sicherstellen

und einen Weg vorgeben, der auf

erneuerbaren Energiequellen und

Energieeffizienz aufbaut.

Solarenergie und Windkraft – die

Energiezukunft von morgen kann mit

einem ökologisch orientierten Steuersystem

schneller zur Realität für breite

Gesellschaftsschichten werden. Noch

sind wir von der Verbrennung fossiler

Rohstoffe und von ihren Lieferanten

abhängig.

Effizienz belohnen

Eine ökologische Steuerreform sendet

ein Preissignal an die Endverbraucher.

Eine solche Steuer überträgt

Haushalten oder Unternehmen

die Verantwortung über ihr

„Energieverhalten“. Während jene,

die sich für mehr Effizienz und den

Umstieg auf erneuerbare Energie

entscheiden, steuerliche Begünstigungen

erhalten, werden Energieverschwender

zur Kasse gebeten.

Die Einnahmen, die lukriert werden,

kommen wiederum jenen zugute,

die in effiziente Häuser, Geräte

und Büros investieren.

Heute machen Ökosteuern mit

sieben Milliarden Euro rund sechs

Prozent des gesamten Steueraufkommens

aus. Dieser Anteil soll

schrittweise auf vierzehn Milliarden

Euro verdoppelt werden. Den größten

Faktor nimmt dabei die verstärkte

Besteuerung von fossilen Brennstoffen

ein. Im Gegenzug soll die

steuerliche Entlastung von Arbeit

stehen, mit sozialen Ausgleichsmaßnahmen

für stark belastete Bevölkerungsgruppen.

Bei der Einführung

bzw. der Erhöhung von Ökosteuern

geht es also zentral um eine steuerliche

Umschichtung, nicht um eine

steuerliche Mehrbelastung.

In einem ersten Schritt sind folgende

steuerlichen Maßnahmen

möglich, die ökologisch nachhaltig

und sozial gerecht sind: Die nebenstehenden

Tabellen zeigen Vorschläge

der Allianz „Wege aus der Krise“.

Auf der Ausgabenseite werden jene

Zukunftsinvestitionen dargestellt,

die durch die lukrierten Mittel gefördert

werden.* Für eine Ökologisierung

unseres Steuersystems und den

nachhaltigen Einsatz dieser Steuermittel

braucht es transparente und

offene Prozesse. Nur gemeinsam

können wir einen neuen Kurs für unsere

Gesellschaft setzen, der auf dem

respektvollen Umgang mit unserer

Umwelt aufbaut. n

Reform von Ökosteuern in Mio €

Erhöhung der MöSt für Diesel 400

Lkw-Roadpricing auf allen Straßen 370

Kerosinbesteuerung 390

Reform der NoVA (Normverbrauchsabgabe) 45

Reform der steuerlichen Begünstigungen für Firmenwagen 300

Weitestgehende Aufhebung der Kfz-Steuerbefreiung 110

Förderentgelte für bundeseigene fossile Rohstoffe

(Erdöl und Erdgas)

Einführung einer Düngemittelabgabe 50

1.765

Ausgabenseite in Mio €

Thermische Sanierung 200

Förderung dezentraler Stromerzeugung 30

Beratungsoffensive – Energiesparen/nachhaltige

Energieformen

Maßnahmenpaket gegen Energiearmut 100

Reaktivierung und Ausbau von Regionalbahnen 350

Flächendeckender 1-Stunden-Takt für bestehendes und

reaktiviertes Netz

Ausweitung des Busverkehrs 45

Verbesserung des Güterverkehrs auf der Schiene 50

Verbesserung der Eigenkapitaldecke der ÖBB 140

Reform der Pendlerpauschale 100

Zukunftsfonds – Infrastrukturprojekte für Gehen

und Radfahren

Soziale Ausgleichsmaßnahmen für MöSt-Erhöhung 11

1.231

* „Wege aus der Krise“ ist eine breite Allianz zivilgesellschaftlicher Organisationen und Gewerkschaften, die Alternativen aufzeigt, um

das gegenwärtige Wirtschaftssystem nachhaltig zu verändern. Greenpeace engagiert sich seit 2010 in dieser Allianz. Für weitere Infos:

www.wege-aus-der-krise.at/

100

10

95

100

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»Es geht mir nicht darum, das Leben

schwieriger zu machen, sondern – ganz

im Gegenteil – einfacher.«

korken und bei Schraubgläsern sind

ebenso wie Tetrapaks mit Kunststoff

beschichtet. Sehr schnell fiel

auch auf, dass bei Hygieneartikeln

nahezu überall Plastikgefäße oder

-verpackungen im Einsatz sind.

„Nicht überall ist es uns gelungen,

Alternativen zu finden, aber das

war dennoch kein Grund aufzugeben.“

Hilfe von vielen Seiten

Dankbar ist Sandra Krautwaschl für

die Hilfe von zahlreichen Freunden,

mit denen das Projekt oft diskutiert

wurde und die bei der Suche nach

Alternativen tatkräftig mitgeholfen

haben. „Verschraubbare Glasgefäße,

die irgendwo im Keller bei Freunden

oder Bekannten standen, sind

chen.“ Es folgte der Schritt in die

Öffentlichkeit – der Blog www.keinheimfuerplastik.at

ging online, und

die Familie nahm am Aktionstag

„Die Kunst, nachhaltig zu leben“ in

Stübing teil. „Dabei haben wir einen

riesigen Plastikberg dem gegenübergestellt,

was wir jetzt verwenden.“

Krautwaschl erzählt, dass es

unmöglich gewesen sei, alle früher

im Haushalt verwendeten Plastiksachen

auf dem dafür vorgesehenen

Tisch aufzustapeln. „Wir mussten

uns auf eine Auswahl beschränken.“

Anfang 2012 trat dann der Heyne

Verlag an die Steirerin heran und

fragte, ob aus dem Tagebuch des

Experiments – das ja schließlich

zu einem neuen Lebensstil geworden

war – ein Buch werden könnte.

seren Plastikmüll seit Beginn des

Experiments um 95 bis 98 Prozent

und den restlichen Müll um rund

50 Prozent reduzieren konnten,

reicht mir als persönliche Bestätigung

der Sinnhaftigkeit aus“, zieht

die Pionierin des plastikfreien

Lebens Bilanz.

Ja zur Lebensfreude

„Durch das Schreiben des Buches ist

mir erst aufgefallen, wie wichtig es

wurde, mich vor der ständigen Konsum-Animation

zu schützen und jenen

Dingen zuzuwenden, die mich

interessieren und mir Freude bereiten.

Es geht mir nicht darum, das

Leben schwieriger zu machen, sondern

– ganz im Gegenteil – einfacher“,

erzählt Sandra Krautwaschl

Im Buch „Plastikfreie

Zone“ ist ein

sehr ausführlicher

Serviceteil enthalten,

der auch bald

im Blog gelistet

wird. Besonders

bei Hygieneartikeln

ist die Beschaffung

teilweise

etwas schwieriger. Statt herkömmlichem

WC-Papier (das nahezu

immer in Plastikfolien verpackt

ist), kann man Papierhandtücher

aus Recyclingpapier kaufen, das

im Großhandel in einer Kartongroßpackung

erhältlich ist. Bei

Duschgel und Shampoo kann man

etwa Naturseifen in fester Form

verwenden oder z. B. auf Lavaerde

zurückgreifen. Eine Alternative

zu Zahnpasten sind Zahnputzsalz

oder Xylit.

Ein Leben ohne Plastik

Die steirische Familie Krautwaschl verzichtet in ihrem Haushalt auf Plastik. Vor

knapp drei Jahren hat das Experiment begonnen. Heute sind sie zu einer Art

Galionsfigur in Sachen „Müllvermeidung“ geworden. Von Wolfgang Weitlaner

Sandra Krautwaschl (kl. Bild l.) will nur

das Beste für ihre Familie (gr. Bild) –

und das bedeutet für sie weitgehenden

Verzicht auf Plastik im Haushalt.

Mit viel Erfindungsreichtum, Fantasie

und Kompromissbereitschaft lebt die

fünfköpfige steirische Familie den

neuen Lebensstil vor. Filmemacher

Werner Boote (gr. Bild Mitte) stand

mit seinem Doku-Film am Beginn des

Experiments.

Angefangen hat es mit der Premierenvorstellung

samt Diskussion

von Werner Bootes Kino-Doku

‚Plastic Planet‘“, erzählt Sandra

Krautwaschl. Der so gemütlich geplante

Abend wurde für die dreifache

Mutter zu einem Weckruf. „Ich

bin auf dem harten Boden des Plastikplaneten

gelandet: Weichmacher

in Bodenbelägen, Plastikstrudel im

Pazifik, intersexuelle Fische in Flüssen,

Opfer der Kunststoffindustrie

in Venedig, Bisphenol-A in Babyschnullern,

Unfruchtbarkeit, ohnmächtige

Politiker und arrogante

Vertreter der Plastikindustrie – all

diese Dinge sind in meinem Kopf

herumgeschwirrt“, schildert sie.

Das Experiment beginnt

Doch wie kann man diesem Wahnsinn

tatsächlich entfliehen? „Bis

vor 100 Jahren hat die Menschheit

existiert, ohne überall den ganzen

Müll zu hinterlassen, der teilweise

mehrere 100 Jahre lang braucht, bis

er wieder verrottet. Da will ich heraus

– darüber war ich mir sicher“,

erinnert sich Sandra Krautwaschl.

Nun ging es darum, die Familie zu

überzeugen. Mit ihrem Mann Peter

vereinbarte sie zunächst einen Versuchszeitraum

von einem Monat.

Eine Bedingung schob er allerdings

nach: „Keinen Stress. Die Sache

muss Spaß machen.“ Auch die Überzeugungsarbeit

bei den Kindern Samuel

(heute 16 Jahre alt), Marlene

(heute 13) und Leonhard (heute 10)

war weniger schwierig als befürchtet.

„Erst als es darum ging, Plastikspielsachen

aus dem Kinderzimmer

zu verbannen, gab es Diskussionen“,

erzählt die 41-Jährige.

Am Anfang, im November 2009,

stand der sportliche Ehrgeiz im Vordergrund,

den Haushalt von sämtlichen

Plastikprodukten frei zu bekommen

und passende Alternativen

zu finden. Darüber hinaus ging

es aber auch darum, Lebensmittel

und Haushaltsartikel zu kaufen, die

nicht in Plastikverpackungen stecken.

„Der Teufel steckt bei vielen

Artikeln im Detail“, weiß Krautwaschl.

Dichtungsringe bei Kron-

Fotos: © Privat

plötzlich in unsere Küche gewandert.“

Hilfestellung gab es auch bei

der Suche nach Alternativprodukten.

„Das Schöne ist, dass dieser Lebensstil-Wandel

auch eine große soziale

Komponente bekommen hat.“

Sandra Krautwaschls Ehrgeiz hat

sie auch dazu bewogen, mit „Plastic

Planet“-Regisseur Werner Boote

und Produzent Thomas Bogner in

Kontakt zu treten. „Ich bat um Hilfe,

um den Verlauf unseres Experiments

besser zu dokumentieren

und nach neuen Lösungen zu su-

Dort sollten neben der persönlichen

Geschichte auch Informationen

über Alternativprodukte drinstehen

und die Frage der Machbarkeit

und der Kosten diskutiert werden.

Sehr oft scheint nämlich genau

dieser Punkt eine Rechtfertigung

dafür zu sein, am Status quo festzuhalten.

Doch das neue, plastikfreie

Leben kommt nicht teurer, so

Krautwaschl. Blogger stellen auch

immer wieder den Sinn der Aktion

infrage. „Darauf gibt es eine gute

Antwort: Die Tatsache, dass wir un-

über ihre neue Lebensqualität. Es

liegt ihr auch fern, mit erhobenem

Zeigefinger aufzutreten. „In meinem

Blog beschimpfte mich ein Leser

einmal als ‚Plastiktaliban‘. Dabei

ist unser Leben ein Plädoyer für

Leichtigkeit und Kompromissbereitschaft.“

Als größten Gewinn bezeichnet

sie die Erkenntnis, dass

man für viele Dinge gar keine Alternative

braucht, weil man sie ersatzlos

streichen kann. Was der Familie

viel wichtiger geworden ist, ist ein

noch bewussterer Lebensstil. „Wir –

und damit spreche ich für alle Familienmitglieder

– überlegen uns sehr

genau, wenn wir einkaufen, was wir

wirklich brauchen. Ich denke, dass

wir mittlerweile noch größeren

Wert auf die Langfristigkeit von

Dingen legen. Dabei fällt auch auf,

dass gerade die Kinder eine größere

Wertschätzung für Sachen entwickeln

und dem Konsumwahn eine

Absage erteilen.“ n

www.keinheimfuerplastik.at

www.plastic-planet.de

20 act act 21


Greenpeace

CEE in Zahlen

Fundraising-Direktorin Susanne

Winter (l.) und Finanzleiterin

Manuela Bachlechner (r.) stellen

die Rechts- und Finanzstruktur

von GPCEE vor und zeigen,

warum wir mit Stolz sagen

können: Greenpeace, das sind

unsere Unterstützer!

Um unsere völlige Unabhängigkeit zu garantieren,

nimmt Greenpeace kein Geld von Regierungen, Unternehmen

oder Institutionen wie der EU oder der UN,

sondern ausschließlich von privaten Spendern und Stiftungen.

Im Jahr 2011 spendeten 122.686 österreichische

Spender die Summe von 7,904 Millionen Euro,

weitere 27.543 Spender aus Osteuropa unterstützten

unsere Büros in der Region und machten so unsere

Arbeit möglich. Vielen Dank!

Besonderer Dank gilt all den Unterstützern, die im

Laufe des Jahres auf unsere Notfallmailings geantwortet

und nach der Tragödie in Fukushima zusätzliche Hilfe geboten

haben, sowie all jenen, die die Finanzierung des

neuen Greenpeace-Flaggschiffs ermöglichten, der im Oktober

vom Stapel gelaufenen „Rainbow Warrior III“. Mit

Stolz können wir sagen, dass auf der Spenderwand an

Bord der neuen „Warrior“ die Namen von hunderten

Spendern aus Zentral- und Osteuropa stehen.

Ebenso sind wir unseren engagierten Vorstandsmitgliedern

und den zahllosen Freiwilligen in allen Ländern

dankbar, deren Einsatz, Energie und offene Großzügigkeit

sich nicht in Geld ausdrücken lässt, aber ohne die wir

im letzten Jahr unmöglich all unsere Erfolge hätten erreichen

können.

Eben genau weil wir uns bei unseren Kampagnen voll

und ganz auf Ihr Handeln, Ihre Unterstützung und Ihre

Spenden verlassen, können wir ehrlich sagen: Danke –

Greenpeace in Zentral- und Osteuropa, das sind Sie!

Fotos: © GP/Georg Mayer, © Oliver Tjaden/GP, © Markel Redondo/GP, © GP/Moritz Wustinger, © Greenpeace/Peter Somogyi-Toth, © GP/Branislav Blašcák

Die Erträge Aufwendungen

in 1.000 EUR

teilen sich in folgende Bereiche: 7.904

Regelmäßige Spenden 6.776

Einmalige Unterstützungen 957

Verlassenschaften 64

GPI-Förderbeiträge0

Zinserträge84

Sonstige Erträge 24

Nettoeinnahmen aus den Rücklagen 0

Summe 7.904

Aufwendungen in 1.000 EUR 7.542

Kampagnenarbeit

in Österreich

• Meere

• Klima

• Wälder 57 %

• Energie/

Atom

• Gentechnik

3 %

5 %

20 %

15 %

Verwaltung

Fundraising

Beitrag für

internationale

Kampagnenarbeit

Kampagnen in

Osteuropa

Die Differenz zwischen

den erzielten Einnahmen

und den getätigten Ausgaben

im Jahr 2011 in Höhe

von 362.000 Euro wurde in

einen Fonds zur weiteren

Finanzierung der Arbeit in

Osteuropa eingestellt.

Großer Dank gilt unseren

Spendern, die 2011 den

Bau der neuen „Rainbow

Warrior“ (gr. Bild) und die

Soforthilfe nach der Nuklearkatastrophe

in Fukushima

(kl. Bild o.) unterstützten.

Grund für Protest gab es in

der Region CEE genügend:

gegen AKW-Finanzierung in

Wien oder Giftdeponien in

Ungarn und der Slowakei.

Die Struktur Greenpeace CEE

122.686 Spender in Österreich finanzierten im Jahr 2011

die Umweltschutzarbeit durch ihren Beitrag. Darüber hinaus

unterstützten 27.543 Spender in Osteuropa unsere Tätigkeiten.

Kommunikation/

Marketing

Fundraising

· Fördererservice

· Spendengewinnung

· Mailings

Mobilisierung

· Web

Direct Dialog

· Straßenwerbung

Stimmberechtigte Mitglieder

wählen

Ehrenamtlicher Vorstand:

Heinz Reindl, Michael Möller, Karin Küblböck,

Hans Rupp, Josef Schimmer

ernennt, kontrolliert und entlastet

Geschäftsführung: Alexander Egit

Aktion/

Netzwerk

Bereiche

· Greenpeace-

Kampagnenteam-

Betreuung

· Aktionskoordination

· Foto/Video

Verantwortlichkeiten

Kampagnen/

Medien

Datenschutz & Spendenwerbung:

Susanne Winter +43 1 545 45 80-77

Spendenverwendung:

Alexander Egit +43 1 545 45 80-25

Administration

und Finanzen

· Finanzen

· Buchführung

· Recht

· IT

· Personal

Das Österreichische Spendengütesiegel steht für geprüfte

Spendensicherheit durch strenge Qualitätsstandards, Transparenz und

laufende Kontrolle. Es existiert seit 2001 und wird nur an Organisationen

verliehen, die eine sparsame Haushaltsführung sowie eine transparente

und ordnungsgemäße Verwendung der Spenden nachweisen können.

Das Gütesiegel muss jährlich erneuert werden. Greenpeace trägt das

Spendengütesiegel seit dessen Beginn.

entsendet

Trustee

Vertreter

des Vereins

Greenpeace

CEE in der

internationalen

Dachorganisation

Der Verein Greenpeace in

Zentral- und Osteuropa hat

seinen Sitz in Wien und

erstreckt seine Tätigkeiten

auf Zentral- und Osteuropa.

Zu diesem Zweck wurden

eigene Vereine und Stiftungen

in Polen, Ungarn, der

Slowakei und Rumänien

errichtet. Weiters arbeiten

wir mit Partnern auch in

Bulgarien und Slowenien.

Oberstes Beschlussgremium

ist die Mitgliederversammlung.

Diese wählt den ehrenamtlichen

Vorstand, der

aus fünf Personen besteht.

Der ehrenamtliche Vorstand

setzt die Geschäftsführung

ein. Diese hat die rechtliche,

organisatorische und finanzielle

Gesamtverantwortung

für den Verein sowie für die

festangestellten Mitarbeiter.

22 act act 23


Die Zukunft

der Arktis?

Gemeinsam können wir die Arktis schützen.

Werden Sie zum Arctic Defender

und erhöhen Sie Ihre monatliche Spende!

www.greenpeace.at/spenden oder 01/545 45 80

Ihre nächste Spende übernimmt das Finanzamt!*

* Vergessen Sie nicht – Ihre Spende an Greenpeace ist steuerlich absetzbar. Jetzt können Sie

Ihre Spende erhöhen, ohne mehr zu bezahlen! Alle Infos auf www.greenpeace.at/spendenabsetzbarkeit

PSK, KNR. 7.707.100, BLZ 60.000

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