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mayanan pramada

Angst & Liebe

Wie das Leben einen Menschen formt


mayanan pramada

wurde 1981 als Tochter einer Chemiefacharbeiterin

und eines Maurers in Naumburg an der

Saale geboren. Ihre Eltern gaben ihr den Namen

Melanie Köbke. Ihre Kindheit und Jugend waren

vorrangig geprägt von Angst und einer starken

Sehnsucht nach Liebe. Nachdem sie das Abitur

mit 1 abgeschlossen hatte, ging sie für eine

Krankenschwester-Ausbildung nach Frankfurt am

Main, die sie jedoch wegen eines Bandscheibenvorfalls

im Alter von 19 Jahren vorzeitig abbrechen

musste. Sie wechselte somit im Jahr 2001 –

im selben Jahr starb ihre Großmutter, kurz darauf

geriet sie in eine 9monatige Wohnungslosigkeit

– in die IT-Branche, schloss 2004 eine Ausbildung

zur IT-Systemkauffrau mit Auszeichnung ab und begann im Anschluss ein Studium an

der FH Wiesbaden. Im selben Jahr wendete sie sich aufgrund ihres seelischen Leides

an eine große Tageszeitung mit dem Ziel, eine Selbsthilfegruppe für Betroffene mit

»Borderline« zu gründen. Sie war damit erfolgreich und die Selbsthilfegruppe existierte

zwei Jahre. 2005, nach drei Semestern an der FH, erlitt sie einen psychischen

Zusammenbruch, ein Jahr darauf entkam sie nur knapp dem Freitod, verbrachte zwölf

Wochen in einer Psychiatrie und war danach erneut für sechs Monate wohnungslos.

Diese gravierenden Erfahrungen beeinflussten ihr Innenleben maßgeblich. Sie legte

ihren Geburtsnamen ab, ließ Wiesbaden und viele ihrer Freunde hinter sich und widmete

sich mehrere Jahre der Aufarbeitung ihrer traumatischen Kindheit und Jugend.

Seit dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2010 – im selben Jahr schloss sie auch erfolgreich

eine Umschulung zur Digitaldruckerin ab – gibt sie sich voll und ganz ihrer Berufung

hin: dem Schreiben, dem Mitteilen ihrer Erfahrungen und Erkenntnisse, dem Heilen

mit Worten.

Dieses Buch ist ihre Lebensgeschichte, erzählt mit über 200 Schwarz-Weiß-Photos

und Zeichnungen, über 70 Gedichten und mehr als 320 Originalauszügen aus ihren

Tagebüchern, die sie im Alter von elf Jahren zu schreiben begann. Es ist das schonungslose

Zeugnis eines Menschen, der nahezu zwei Jahrzehnte auf der Suche nach

sich selbst war – sich dabei fast verlor – doch dadurch letztlich zu sich selbst finden

durfte.

Es ist nicht einfach nur die Geschichte einer »Borderline-

Persönlichkeit«. Es ist die Schilderung dessen, was Leben

ist: intensiv, unvorhersehbar, komplex, gewaltig, unbeugsam,

kraftvoll, mutig, mystisch ... ein einmaliges und wertvolles

Geschenk.


mayanan pramada

Angst & Liebe

Wie das Leben einen Menschen formt

seelenwissen


© 2012 mayanan pramada

Umschlaggestaltung: Melanie Köbke

Satz: Melanie Köbke

Lektorat, Korrektorat: Ilona Stahl, Melanie Köbke

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Printed in Germany

ISBN: 978-3-8491-2018-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung

ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt

insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung,

Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.


Meine Reise ins Leben begann mit einer Reise in die abgründige Dunkelheit

meines Ichs, getrieben von einer starken Sehnsucht nach dem Tod, von einer

unbändigen Sucht nach der Auflösung dieses menschlichen Ichs, das ich

glaubte, sein zu müssen.

Ich fürchtete mich davor, irgendwann am Ende meiner Reise zu erkennen,

dass dieses Ich entweder nicht existiert oder ein Monster ist.

Als ich dann nach 25 Jahren die dunkelste Düsternis in mir selbst erreicht

hatte, erkannte ich plötzlich, dass dort tatsächlich kein Ich ist. Ich fürchtete

mich jedoch nicht, denn an seiner Stelle war kein Monster, sondern Licht.

Viele Jahre fürchtete ich mich vor der Welt und dem Leben. Heute weiß ich,

ich fürchtete mich vor mir selbst - vor dem leuchtenden Leben im kleinen

leuchtenden Universum, geführt von einem leuchtenden Gottesfunke, der

ich bin.

Ich fürchtete mich vor der Liebe zu mir selbst. Ich fürchtete mich davor, dem

Leben nicht würdig zu sein.

Ich weiß, dass meine Lebensgeschichte in seinen groben Zügen der vieler

anderer Lebensgeschichten gleicht. Aber trotzdem – oder gerade deswegen –

will ich sie detailreich erzählen.

Ich liebe das Leben und seine vielen Milliarden Geschichten, die wie viele

Milliarden Fäden das eine große Gemälde aller Schöpfung gemeinsam

flechten.

Meine Geschichte ist die Geschichte eines Fadens unter vielen. Er berührte

andere Fäden und wurde ebenso von vielen anderen Fäden berührt. So wird

es auch immer bleiben.

Denn wir alle sind unsterblich und ewiglich miteinander verbunden.


Ich sage Danke 13

0 – 6 Jahre / ​Vorschulzeit 17

6 – 10 Jahre / Grundschulzeit 33

10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I 51

Krieg 57

Gottes Meisterstück 77

15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II 101

Wir 105

Das Nichts 111

Ich sah es 113

Bizarr 120

Verschlossene Tore 139

Maskenträger 142

Zwei Sekunden 159

Mahnung 162

Sommernacht 163

Stille 168

ICH 170

Abschiedsbrief 177

Sein 199

Sommertagsträume 203

Ruhelos 208

18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I 213

Einsame Trauertränen 229

Leer 230

Heimweh 233

Die Pusteblume 236

EKSTASE 237

Grenzgänger 244

Ichverzicht 247

Doch ich … 250

20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II 255

Oma 262

Was ist Liebe ? 267

Glas 268

Wohin 272

9


Kelch der Leidenschaft 273

Am Ende 275

Eine Leinwand und zwei Farben 276

hand an mich gelegt 283

Durchgeknallt 295

ich bin 297

nicht meine schuld 298

unfürsorglich 306

Wenn ich ... bin 307

Alles gelogen 314

Akutchaos 317

hier und gleich 331

Hilferuf 333

Welt sein 336

in der leere 340

Zeitlos 354

schweigen fühlen 357

Weg(ent)scheid 361

gejagt 374

KIND 385

meine schreie 391

Die gezählten Minuten 392

Wahnsinn oder Wahrheit? 395

24 – 26 Jahre / Auszeit 403

nächte mit mutter 409

unfähig 410

erbstücke 411

gefängnis 412

nicht so 413

abgelegt 415

fremd mitleben 420

kopflos 421

unterm zirkuszelt 426

alles legal 428

nur show 446

ein versuch 451

schiffbruch 453

kriegsopfer 455

10


26 – 31 Jahre / Heilzeit 459

ich bin liebe 482

eckige herzen 487

der erste blickkontakt 507

Danke für diese Chance 510

Wer bist du? 520

vorgefertigt 521

frohes fest 522

mutters liebe 525

morgen-symphonie 527

verwundeter baum 529

spiegelung 533

leben 535

trauertraum 536

lebensträume 544

angeboren 551

ver(w)irrt 551

träumende und erträumtes 552

Anhang 1 553

Gefallene Engel 555

Jesus und Cosma 562

Der Schmerz der Suizidalität 564

Leben auf dem NEUEN WEG 566

Ode an meine Freunde, die mir Familie sind 568

Ich bin nicht mein Körper 570

Nach Hause gehen 579

Gern möchte ich dir etwas über »Vergebung« erzählen 586

Anhang 2 593

Fügungen des Lebens 595

Der rote Faden 601

Warum du durch deinen eigenen Schmerz musst 603

Warum Liebe wehtut 607

Die Wahrheiten des Lebens 613

Du bist dran 615

Perfekt 617

11


Wenn ich in diesem Buch das Wort »Gott« verwende,

meine ich damit nicht den Gott in den Kirchen bzw. die

Götter der von Menschen konstruierten Religionen.

Das Wort »Gott« dient mir als Synonym für die »geheimnisvolle,

zeitlose, ordnende Energie hinter all dem

Sicht- und Hörbaren unserer irdischen Realität«; eine

bewusste Energie, die immerwährend alles durchströmt,

formt und lenkt.

Einige mir wichtige Menschen, Momente und Ereignisse sind in diesem

Buch nicht erwähnt. Das liegt zum Einen daran, weil mir viele Photos und

genaue Erinnerungen verloren gegangen sind und zum Anderen, weil ich

die Seitenzahl dieses Buches begrenzen wollte.

Ihr, all meine vielen lieben unerwähnten Wegbegleiter, könnt euch trotzdem

sicher sein, dass ihr für immer einen festen Platz in meinem Herzen habt,

denn ihr habt mich berührt und damit meinen Lebensweg beeinflusst.

Wenn nur eine Begegnung mit einem von euch nicht stattgefunden hätte,

würde es heute dieses Buch in dieser Art und Weise vielleicht nicht geben.

12


Ich sage Danke

Geliebtes Leben,

ich danke dir.

Ich danke meinen Eltern.

Ich danke meinen Großeltern.

Ich danke den Eltern meiner Großeltern.

Ich danke den Eltern der Eltern meiner Großeltern.

Ich danke den Eltern der Eltern der Eltern meiner Großeltern.

Ich danke euch

für mein Leben.

Ich danke meinen Freunden, die mich lieben.

Ich danke meinen Freunden, die ich liebe.

Ich danke meinen Freunden, die mich verließen.

Ich danke meinen Freunden, die ich verließ.

Ich danke meinen Lehrern, die mich förderten.

Ich danke meinen Lehrern, die mich forderten.

Ich danke meinen Lehrern, die an mich glaubten.

Ich danke meinen Lehrern, die nicht an mich glaubten.

Ich danke all meinen Wegbegleitern, die mich ermutigten.

Ich danke all meinen Wegbegleitern, die mich entmutigten.

Ich danke euch,

dass ich werden durfte,

wer ich heute bin.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich empfing.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich nicht gehen ließ.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich immer wieder empfängt.

Ich danke dem Leben dafür, dass es mich belebt.

Ich danke

dem Leben in mir.

Ich danke dem Mut, der mich trägt.

Ich danke dem Zweifel, der mich lenkt.

Ich danke den Visionen, die mich stärken.

13


Ich danke den Ängsten, die mich schützen.

Ich danke den Erinnerungen, die mich lehren.

Ich danke der Freude, die mich lockt.

Ich danke der Liebe, die mich führt.

Ich danke jedem Tag, der mich begrüßt.

Ich sage heute

… an meinem 30. Geburtstag …

– DANKE –

Danke, dass ich dich erleben darf.

Danke, dass ich mich erleben darf.

Danke für bereits fast 11.000 gelebte Tage.

Danke, dass ich lebe.

Ich bin da – bleibe da – und werde nie vergehen

dank mir und allen Wesen und Welten,

die mich unterstützen,

lehren und führen.

DANKE!

(veröffentlicht auf http://seelenwissen.wordpress.com am 09.03.2011)

14


0 – 6 Jahre / ​Vorschulzeit

In meinem ursprünglichen Zustand der Einheit und

Ganzheit wusste ich nicht einmal, dass ich existiere.

Und eines Tages sagte man mir, ich sei »geboren« worden,

ein bestimmter Körper sei »ich« und ein bestimmtes

Paar seien meine Eltern.

Ramesh S. Balsekar

17


0 – 6 Jahre / Vorschulzeit

Mitte der 70er Jahre lernten sich ein Junge und ein

Mädchen – beide etwa 14jährig – in einem Lebensmittelgeschäft

kennen und verliebten sich ineinander.

1980 heirateten sie – mit großen Plänen und

hoffnungsvollen Träumen im Gepäck.

Das waren meine wundervollen Eltern Evelin

Christiane Geißler und Lutz Martin Köbke.

Ich war zum Zeitpunkt ihrer Vermählung bereits

im Bauch meiner Mama mit dabei.

19


0 – 6 Jahre / Vorschulzeit

Am Montag, den 09.03.1981, um 00:10 Uhr wurde ich in Naumburg

an der Saale im schönen Burgenland in Sachsen-Anhalt geboren.

Meine Mutter war an diesem Tag hoffnungsvolle 20 jahre jung, mein

Vater 22. Ich war ein Wunschkind von Herzen für beide.

20


0 – 6 Jahre / Vorschulzeit

Meine Eltern gaben mir den Namen Melanie. – Er bedeutet »die

Dunkle«, »die Schwarze«, »die abseits Stehende«, »die Beobachtende«,

»die Nachdenkliche«, »die Melancholische« und weist damit auf

das »düstere nachdenkliche Wesen« der Namensträgerin hin. – Es

war der perfekte Name für meine persönliche »Reise ins Leben«!

Mit der Vergabe meines Namens, aber vor allem durch meinen

festen Geburtszeitpunkt (als meine Seele im Körper inkarnierte) –

davon bin ich überzeugt – war das grundlegende Muster meines

zukünftigen Menschseins (mein Denken / Fühlen / Verhalten /

Stärken & Schwächen / Fähigkeiten & Talente / Aufgaben im Leben)

festgelegt.

Niemand von uns ist zufällig und ohne Sinn (ohne »Aufgabe/Auftrag«)

auf der Welt. Wir sind – ebenso wie die Erde, die Galaxis, das

Universum – durch und durch strukturierte und organisierte Energie,

die wir als »materiell« und mit einem »Ich« ausgestattet erleben.

Unsere »Aufgabe« / unseren »Auftrag« müssen wir nicht unbedingt

verstehen oder formulieren können. Wichtig ist, dass wir im Laufe

unseres Lebens erkennen, wer und wie wir wirklich sind (unsere

»Stärken« fördern) – dass wir lernen, uns zu lieben (unsere »Schwächen«

annehmen und zu handhaben wissen) – dass wir lernen, uns

so zu leben, wie wir nun einmal sind und sein wollen! Dann sind wir

in unserer Kraft, in unserer Mitte, in unserem Element, in unserem

»Auftrag«. – Dann nehmen wir bewusst und aktiv an »Gottes phänomenal

gigantischem Meisterwerk« teil.

Im Indianischen Horoskop bin ich ein »Puma«. Im Chinesischen Horoskop

bin ich ein »Hahn«. In der Astrologie bin ich ein »Fisch« mit

Aszendent »Skorpion«. Im Human Design System bin ich ein »Projektor«,

habe das Profil »2/4«, meine Innere Autorität ist »Emotional

– Solar Plexus« und mein Inkarnationskreuz lautet »Das rechte

Kreuz des Regierens«. In all diesen Horoskopen finde ich die mir

sehr wichtigen und liebgewonnenen (»starken« und »schwachen«)

Eigenschaften meines Wesens wieder.

21


0 – 6 Jahre / Vorschulzeit

1986, ich war fünf Jahre alt, wurde mir ein Brüderchen geschenkt.

Seinen Namen Sebastian erhielt er von mir – darauf war ich mächtig

stolz. Ich liebte ihn für immer gleich auf den ersten Blick.

Ende des Jahres 1987 schon verließ uns leider unser Vater. – Und

damit brach die Tragik in voller Gewalt über mein (unser) Leben

herein, da es für unsere noch sehr junge Mutter unmöglich war, den

Verlust ihrer großen Liebe – und ihre Wut, allein gelassen worden

zu sein – zu bewältigen, ohne dabei ihren Kindern psychischen und

körperlichen Schaden zuzufügen.

Für ein Kind ist seine Familie / seine Umgebung die ganze Welt. Daraus

entwickelt es seinen Blick auf die Welt, sein Verstehen der Welt

und seine Position in der Welt. Ich erfuhr ab diesem Zeitpunkt, dass

die (ganze) Welt gefährlich, bedrohlich, gewalttätig, unberechenbar

und ein Leben in ihr leidvoll ist.

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Einsamkeit

Ich gehe durch leere Straßen.

Ich bin allein.

Allein an diesem Abend.

Der Mond verschwindet hinter den Wolken.

Die Straßenlampen flackern.

Sie erlöschen.

Ich stehe im Dunkeln.

Ich habe Angst.

Angst vor dem ewigen Dunkel.

Angst vor der Einsamkeit.

1994

Während der Grundschulzeit hatte ich viel Zeit damit verbracht,

Geschichten und Märchen zu schreiben, die aber leider alle verloren

gegangen sind. Das änderte sich Anfang der 90er Jahre:

Dies ist das älteste Gedicht von mir, was ich noch habe. Ich war

zwölf Jahre jung, als ich es schrieb.

55


10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Die 90er Jahre waren der Beginn meines Schreibens von Gedichten

(manchmal 30 Stück pro Monat) und (vorerst) das Ende des Schreiben

von Geschichten und Märchen. Die Gefühle in mir mussten raus

– zunehmend mehr in verschlüsselter, heimlicher, metaphorischer

Form, denn ihr direkter Ausdruck hätte mich zu sehr gequält. Ich

schrieb vor allem auch selbst, weil ich in den dicken Gedichtbänden,

die ich mir in der Bibliothek ausgeliehen hatte, keine Gedichte fand,

zu denen ich hätte sagen können: »Ja, so geht es mir auch. Ja, in diesen

Worten fühle ich mich erkannt.«

Damals ahnte ich noch nicht, dass das Schreiben eine große Bedeutung

in meinem Leben einnehmen würde – dass es mich bis heute

begleiten und für viele befreiende Glücksmomente sorgen würde.

Samstag, 08.01.1994

Es ist Sonnabend und am Montag ist schon wieder Schule. Ich habe

schreckliche Angst, es eines Tages nicht mehr zu schaffen und meine

Familie zu enttäuschen. Am Dienstag schreiben wir eine Französischarbeit.

Ich habe noch nicht gelernt. Die letzten Tage hatte es

andauernd geregnet und viele Städte wurden überflutet. [...] In

Sydney, Australien, ist es sehr heiß. Viele Häuser brennen, auch der

Regenwald.

Ich hoffe, dass die Menschen bald vernünftig werden und aufhören,

die Welt zu zerstören. Wer leidet sind ja meistens die Kinder, die gar

nichts damit zu tun haben.

56


10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Krieg

geschrieben 1994

Traurig sitze ich am Fenster und schaue zu, wie die Regentropfen an mein

Fenster schlagen und langsam hinabfließen. Ich höre das Plätschern nicht,

sondern die Schreie von Kindern und die lauten Schüsse der Kanonen.

Ich schließe meine Augen. Sekundenlang sehe ich schwarz. Als ich meine

Augen wieder öffne, zeigt sich vor mir ein Bild des Grauens. Ich sehe

Kinder, die vor einer Horde bewaffneter Männer davon laufen. Blindlings

schießen diese in die Kindermenge. Die Kugeln zerfetzen den Körper eines

Kindes. Tot bleibt es liegen.

57


10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

In panischer Angst versuchen die anderen Kinder zu entkommen. Aber aus

dieser Hölle gibt es kein Entkommen. Die angsterfüllten Schreie der Kinder

lassen mir das Blut in den Adern gefrieren. Doch die Soldaten schießen

weiter.

Mit zerschossenen Beinen bleibt wieder ein Kind liegen. Ohne Erbarmen

schießen sie ihm in den Kopf, bis keine Kugel mehr hineinpasst.

Plötzlich ein Knall. Ein blutverschmierter Oberkörper ohne Arme und ohne

Kopf fliegt an mein Fenster, rutscht hinab und lässt eine Blutspur an der

Scheibe zurück. Die Kinder sind verschwunden, stattdessen liegen überall

Menschenteile auf der Straße.

Tränen laufen mir über die Wangen. Diese Kinder waren noch nicht einmal

zehn Jahre alt und trotzdem mussten sie sterben. Die Straßen färben sich

rot. Rot mit dem Blut der Unschuldigen.

Ich kann es nicht mehr ansehen und halte mir die Hände vor die Augen.

Sekundenlang höre ich nichts. Doch dann vernehme ich das Plätschern der

Regentropfen. Ich bin wieder zu Hause. Ich öffne meine Augen und laufe

nach draußen. Kühl und erfrischend läuft mir das Wasser über das Gesicht

und vermischt sich mit meinen Tränen.

»Warum? Warum tut ihr das?«, schreie ich so laut, dass mir die Stimmbänder

wehtun. Weinend breche ich zusammen und bleibe auf der Erde

liegen. Mein letzter Gedanke: »Wenn ich doch nur helfen könnte!«

58


10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Donnerstag, 07.07.1994

Im Moment verstehe ich mich selbst nicht. Ich raste schnell aus, ich

kann mich nicht bändigen, ich trotze oft, ich widerspreche, ich könnte

meinen Bruder erwürgen, ich könnte immer weinen. Ich bin am

Boden zerstört. Ich möchte weg, weg von meiner Familie, weg von

meinen Freunden, raus aus dieser Stadt.

Ich bin, wie jedes Kind, dazu verdammt, meine nächsten fünf Jahre

auf der Schulbank zu verbringen. Ich will aber nicht mehr. Ich kann

nicht mehr.

Ich komme jetzt schon in die 8. Klasse. Die Zeit, ich hasse sie. Warum

kann ich nicht ein siebenjähriges, unschuldiges Kind sein und für immer

bleiben? Ohne Schule, ohne Krieg, ohne Elend und ohne Armut?

Ich mag die Erde nicht.

Ich will nicht erwachsen werden. Die Erwachsenen zerstören die

Erde. Wenn ich auch erwachsen bin, zählt man mich zu ihnen.

Kinder sind die Weisesten dieser Erde. Ich zähle nicht mehr zu ihnen.

Ich bin schon zu erfahren und zu alt. Die Kleinen wissen nichts von

Elend, Krieg oder Armut außer rund 1 Million Kinder. Sie wurden

verdammt, dafür zu leiden, was die Erwachsenen für Fehler gemacht

haben, die sie sich aber nicht eingestehen wollen. Die Kinder wussten

nichts von Elend, bis sie es selber am eigenen Leib gespürt hatten.

Wir Kinder unter 14 Jahren würden niemals auf die Idee kommen,

andere für Geld umzubringen, eine Atombombe über ihnen abzuwerfen

oder einen Krieg gegen sie zu führen. Aber nur, wenn die Erwachsenen

nicht wären. Sie zerstören das Leben von vielen Kindern,

die ein normales Leben hätten führen können. Aber jetzt müssen sie

betteln, schuften für die Erwachsenen oder mit in den Krieg ziehen.

Während ich dies jetzt alles schrieb, habe ich geweint, denn es ist die

Wirklichkeit. Was ich geschrieben habe, ist die Realität. Und das

schockt mich. Denn in dieser Welt ist niemand mehr sicher!

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Samstag, 08.10.1994

Ich hatte andauernd Streit mit meiner Mutter. Sie ist grauenvoll.

Ich wünschte, sie wäre tot – und Sebastian auch. Andauernd muss

man nach ihren Launen leben. Ich wünschte, sie würde versuchen,

mich zu schlagen, dann würde ich mich wehren, aber richtig. Es wird

immer unerträglicher mit ihr. Ich habe schon dran gedacht, abzuhauen

– aber wo soll ich hin?

Kürzlich, da wollte sie mir eine Ohrfeige geben, da habe ich sie abgewehrt,

richtig hart. Sie sagte: »Wage es ja nicht, deine Hand gegen

deine Mutter zu erheben!« Aber sie darf es!? Ich hätte am liebsten

geantwortet: »Wage es ja nicht, deine Hand gegen deine Tochter zu

erheben!« Aber stattdessen hatte ich mich entschuldigt und einen

Rückzieher gemacht. – Elternteil gewonnen, Kind verloren. – So geht

es bei uns immer aus. Und danach will sie sich wieder einschmeicheln.

Keine Entschuldigung von ihr. Sie tut ganz einfach so, als

wäre nichts passiert. Das hasse ich an ihr. [...]

Mutter will ja nicht einmal darüber reden. Und wenn sie es tut,

komme ich nicht zu Wort, denn sie würde dann sagen: »Widersprich

deiner Mutter nicht!«

Wie soll ich das nur aushalten?!

Freitag, 14.10.1994

Im Moment verstehe ich mich mit meiner Mutter wieder etwas

besser. Ich glaube auch nicht, dass jedes Kind seine Mutter immer

durchweg liebt.

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

1995 – 50 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges.

In diesem Jahr liefen viele Reportagen und Dokumentationen im

Fernsehen.

Ich habe mir fast alle angesehen – oft bis in die frühen Morgenstunden.

Ich sah Berichte über die KZs Auschwitz, Buchenwald und

Treblinka (auch in französischer Sprache) – zu allen machte ich mir

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Notizen. Ich sah stundenlang die halbtoten, fast komplett verbrannten

Überlebenden der Atombomben-Abwürfe von Hiroshima und

Nagasaki. Ich sah die Zerstörung und das Leid der Bombenabwürfe

über deutschen Städten. Ich sah »Horrorfilme«!

Ich habe geweint, so viel geweint, so unendlich viel geweint, bis

mein Körper schmerzte. Ich konnte nicht verstehen, dass ich in einer

Welt lebte, in der es »so etwas« (dafür fehlten mir die Worte) gab.

Ich fragte mich: Wie konnten / können Menschen dazu fähig sein?

Warum wurde und wird das zugelassen? Müssten nicht alle Menschen

schreiend aufspringen, täglich darin bestrebt, solche Verbrechen

zu beenden? Warum aber schwiegen alle?

Ich war schockiert, in was für eine Welt ich da bloß hineingeboren

worden war.

Ich spürte innerlich, dass die Menschheit diese Welt und damit sich

selbst zerstörte! Was für ein Wahnsinn! – und ich mittendrin, denn

ich war ebenso Mensch und damit logischerweise ebenso gefährdet,

diese Krankheit namens »kollektiv-suizidalen Wahnsinn« in mir zu

tragen.

Die Schule weiterhin ernst zu nehmen, mich auf den Lernstoff, die

Prüfungen und meine kleine persönliche Berufs-Zukunft vorbereiten

zu müssen, war wohl das absurdeste, was man von mir – die den

»Untergangsschmerz« dieser Welt fast körperlich zu spüren glaubte

– verlangen konnte. Doch ich meisterte es – noch – denn ich lernte

langsam die Vorzüge des Verdrängens kennen.

Doch fragte ich mich stets: Wozu persönliches Glück anstreben,

wenn die Welt unterging?

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Gottes Meisterstück

geschrieben 1995

Im Weltall gab es eine wunderbare Welt, entstanden aus Staub durch

Gottes Hand, dem Allmächtigen. Er erschuf diese Welt als Paradies für die

Lebewesen, die in ihr lebten. Diese Lebewesen erschuf auch er und sie sollten

sein Meisterstück werden. Doch gedachte er nicht der Hand des Bösen,

die seine Kreaturen zu Unheil und Gewalt verleiten würden.

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Geistige Individuen erschuf er und sie waren ihm treu und untertan.

Darauf erschuf er körperliche Individuen, welche die geistigen Erschaffungen

nicht sehen oder hören konnten. Ihnen schenkte er einen der schönsten

Planeten, die er je geschaffen hatte, damit sie sich unter seiner Regierung

entfalten konnten.

Doch das Böse verleitete sie, ihre eigene Regierung zu sein und auf das

Wort Gottes nicht zu hören. In ihre Gefühlswelt kamen Hass, Neid, Egoismus,

Wut und Streitsucht dazu, Dinge, die Gott ihnen nicht gab. Auch

in ihrem Verhalten veränderte sich einiges: Habsucht, Gewalt, Zerstörung

und Feindseligkeiten verbreiteten sich unter ihnen. Leiden mussten

deswegen nicht nur sie, sondern auch ihr von Gott geschaffenes Paradies.

Es wurde Stück für Stück zerstört. Übrig blieben Kriege, Hungerepidemien

und Seuchen.

Unbeschreibliche Qualen musste ihre Natur durchstehen, doch es dauerte

nicht lange, bis sie sich wehrte. Sie schickte riesige Flutwellen auf Gottes

Geschöpfe, Erdbeben kostete Millionen das Leben, Vulkanausbrüche

zerstörten Hunderte von Dörfern und Städten, Dürre verbreitete sich auf

großen Weiten dieser Welt, Orkane machten des Menschen Bauwerke dem

Erdboden gleich und Hitze ließ ihre Häuser brennen.

Viele Tierarten, die auf dieser Erde lebten, wurden ausgerottet wegen ihres

Felles oder anderen Teilen ihres Körpers, welche dem Menschen viel Geld

einbrachten. Auch vor ihren Regenwäldern machten sie nicht Halt. Erbarmungslos

fällten sie die gigantischen Bäume, welche schon Hunderte von

Jahren auf dieser Welt weilten. Respekt vor anderen hatte die Menschheit

nicht, nicht einmal vor dem Allmächtigen Gott und sich selbst.

Da wurde Gott bewusst, dass es nicht so weiter gehen konnte und er musste

dem Tun seiner Kreaturen ein Ende bereiten. Viele Engel schickte er zu

ihnen, um ihnen die Augen zu öffnen über ihr falsches Handeln. Doch sie

reagierten nicht, und ihm war klar, er musste sein Meisterstück vernichten

und nochmal von vorn beginnen.

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Dienstag, 31.10.1995

Mit Mutti habe ich meine Sorgen. Ich sage schon nichts mehr oder

nur das, was sie hören will, damit es nicht zum Streit kommt. Sie fällt

so schnell Vorurteile, gibt immer anderen die Schuld und hasst Menschen,

die sie gar nicht persönlich kennt. Sie ist unheimlich gehässig

und verletzend. Ich habe es nur nie so gespürt, weil ich ihre Tochter

bin – da verhält sie sich anders. Sie hat schlechte Charaktereigenschaften,

aber ich bin ja auch nicht gerade ein Engel. Ich kann ihr immer

verzeihen, weil sie meine Mutter ist und ich ihre Liebe brauche.

Heute war sie wieder sehr gereizt und da war ich am Nachmittag zu

Oma geflüchtet. Mutti war schon sehr überrascht, als ich mich von

ihr verabschiedete und ihr sagte, dass ich mit dem Fahrrad herumfahren

will. Sie weiß ja, dass ich keine Freunde hier habe. […] So fuhr

ich allein herum und spürte erst so richtig, wie einsam ich bin. Kein

Schwein, außer Verwandten vielleicht, würde es auffallen, wenn ich

eines Tages nicht mehr da wäre. Es ist schlimm. Ich war noch nie so

einsam. Schließlich fuhr ich zu Oma und trank Tee mit ihr. […]

Die Einsamkeit gefällt mir im Moment gar nicht und sie treibt mich

noch an den Rand des Wahnsinns, ich spüre es.

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10 – 14 Jahre / Gymnasialzeit I

Ich fühlte mich in meiner Kindheit und Jugend unsäglich einsam,

verstoßen, verlassen, verkannt, missbraucht und hungrig nach Liebe

– wie dieser Teddy, an dem ich tagelang weinend zeichnete.

Ich erinnere mich, wie ich oft abends im Bett lag und nicht einschlafen

konnte. Ich weinte mir die Augen wund – ich weinte, bis mein

ganzer Körper schmerzte. Ich glaubte tatsächlich, an diesem Gefühl,

nicht geliebt zu werden, nicht in den Arm genommen zu werden,

eines Tages zu sterben.

93


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Samstag, 09.03.1996

Nun bin ich wieder ein Jahr älter. 15 Jahre – ist schon der Wahnsinn,

wie die Zeit verfliegt. Dieses Jahr komme ich schon in die 10. Klasse.

[…] Ich habe noch keine Ahnung, was ich später mal werden will.

Ich habe Angst, mich festzulegen. Es ist alles so trostlos. Wenn ich

das Abitur nicht schaffe, ist mein ganzes Leben versaut. In Sachsen-

Anhalt ist die höchste Arbeitslosenquote. Es ist schrecklich. […]

Ich hasse diesen Staat. Wie soll man mit 1000,- DM im Monat auskommen,

wenn man geschieden ist, zwei Kinder hat, Telefon, Strom,

Gas, GEZ, Miete, Wasser und Müll – manchmal insgesamt bis zu

600,- DM – zahlen muss? Man verhungert und keiner fragt danach.

Muttis Konto ist immer im Minus. Man kann sich nichts kaufen.

Man sieht so viele schöne Dinge und denkt darüber nach, warum es

so viel Ungerechtigkeit gibt. […]

Soll nicht jeder Mensch auf Erden gleich sein? Die Einen leben in

riesigen Villen mit Gold und Marmor, die Anderen leben auf der

Straße mit Kartons als Decken. Nennen sie das gleich sein? Es ist

verrückt – es ist falsch. Hätte ich die Macht, wäre jeder gleich – vor

dem Leben und vor dem Gesetz. […]

Das ist keine schöne Welt. Ich glaube, das ist die Hölle. Ja, wir

befinden uns in der Hölle. Gibt es irgendwo mehr Gefahren, Angst,

Schrecken, Hass, Neid und Gewalt als in unserer Welt? Diese Welt,

in der wir leben, ist noch schlimmer als die Hölle – doch der Mensch

begreift es einfach nicht.

Hier wieder dafür ein Beispiel: Es sind 70.000 Tonnen Öl vor der

Küste Wales ausgelaufen (Bilder auf der nächsten Seite). Zehntausende

Vögel und Meerestiere sind schon gestorben. Doch es kommt

noch schlimmer: Im März und April kommen über eine Million

Vögel zum Brüten dorthin. Ein Massensterben ist vorprogrammiert.

Und das nur, weil sie immer billige, alte Tanker benutzen. In den

letzten Jahren ist so viel Öl ins Meer ausgelaufen. Der Schaden wird

noch über 100 Jahre bleiben. Und niemand tut was! Sie sollten neue

103


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Tanker bauen, aber nein, das ist zu teuer. Da lassen wir lieber ein

Paradies nach dem anderen sterben.

PS: Bitte, lieber Gott, lass das vorprogrammierte Massensterben

nicht zu! Bitte!

104


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Mittwoch, 17.04.1996

Ich bezweifle, dass ich das ganze Lernen tagein, tagaus noch lange

durchhalte. Aber bald sind Ferien. Ich sage mir, das Wichtigste im

Moment ist die Schule. Mach erstmal einen guten Abschluss, danach

hast du genug Zeit zum Ausruhen.

Samstag, 27.04.1996

Mutti macht mich traurig. Sie tut mir leid und doch hasse ich sie

manchmal. Die Liebe, die ich für sie empfinde, entschwindet immer

mehr. Jedes Wochenende, wenn Robert von der Montage kommt,

betrinken sich beide, bis sie bewusstlos ins Bett fallen. Am nächsten

Morgen, wie auch heute, muss ich mir Muttis Gejammere anhören.

Immer sagt sie, es wäre ihr eine Lehre, aber dann trinkt sie doch wieder.

Manchmal trinkt sie auch unter der Woche eine ganze Flasche

Wein. Und früh, wenn wir in die Schule müssen, sind wir allein in

der Küche. Ich habe, da sie sowas tut, den Respekt vor ihr verloren.

Ich bin unsagbar enttäuscht und beschämt, wenn ich sie immer sehe,

wie sie am Morgen nicht aus dem Bett kommt, sich beim Frühstück

den völlig zerzausten Kopf hält und sie mich mit den geschwollenen,

roten und glasigen Augen anschaut. Wenn sie lacht, als wäre sie

verrückt; wie sie sich bewegt in ihrer Trunkenheit. All das macht mir

Angst und ich stürze ins Bad und weine mir die Augen aus, bis sie

schmerzen. Wenn ich Mutti darauf anspreche, sagt sie nur, dass sie

doch auch ein bisschen leben will. Doch das ist doch kein Leben, oder?

Ich frage mich, ob ich überhaupt lebe, ob ich glücklich bin. Alle

anderen Jugendlichen gehen in die Disko bis spät in die Nacht, treffen

sich irgendwo und unternehmen was zusammen. Jeder ist in irgendeiner

Clique. Ich bin in keiner Clique. Ich meide die Gegenwart von

anderen Jugendlichen. Ein Stubenhocker bin ich. Krank sehe ich aus,

weil ich den Rest des Tages immer in der Bude hocke. Ich habe keine

Freunde. Ich könnte mir welche suchen, aber auch dagegen sträubt

107


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

sich etwas in mir. Überall, immerfort geht es nur um »Willst du mit

mir gehen?«. Schwärmen, flirten und sagen »Ich liebe dich!« steht

ganz oben auf der Hobbyliste. Doch können wir schon wissen, was

Liebe ist?

Ich meide Jungs, die mir gefallen. Ich schaue weg. Nicht, weil ich

schüchtern bin, sondern weil ich kein Interesse habe an einer Beziehung,

die in ein paar Monaten wieder zerplatzt. Ich suche richtige

Liebe und Geborgenheit, doch das kann ich jetzt noch nicht finden.

Die coolen Typen nerven mich. Ich will keinen Sex, nein, ich sehne

mich nur nach jemandem, der mich in den Arm nimmt und es mit

der Liebe ernst meint.

Ich bin kein Cliquentyp. […] Es ist wie eine erschreckende andere

Welt für mich. Oberflächlich und verletzend, ohne Verständnis für

echte Gefühle. Nun frage ich mich, wer besser lebt – die Anderen oder

ich? Denn ich kann nicht sagen, dass ich glücklich bin. Schrecklich

allein bin ich, jeden Tag.

Sonntag, 05.05.1996

Mutti und Robert haben sich wieder verkracht. Es könnte sein, dass

nun für immer Schluss ist. Doch ich mache mir keine Gedanken

darüber.

Ich habe wieder Gedichte geschrieben. Es ist toll, dass ich meine

Gedanken und Gefühle so frei in Reim und Prosa ausdrücken kann.

Das macht mich glücklich. Die Worte sind schon in meinem Kopf, ich

muss sie immer nur noch aufschreiben. Es ist einfach toll.

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Bizarr

Während Löwen und Hyänen sich bekämpfen

und die Flut die Ebbe ablöst,

während ein Mensch Millionen gewinnt

und die Vögel ihre Nester bauen,

schlägt der Tod zu.

Während das Eis an den Polen schmilzt

und das Ozonloch sich weiter ausbreitet,

während die großen Wälder verschwinden

und die Atomkraft steigt,

wird die Erde mit neuem Leben gefüllt.

Während das Blatt eines Baumes hinabfällt

und der Wind die Windmühlen antreibt,

während die Kontinente sich bewegen

und der Blitz den Himmel erhellt,

leben wir.

Doch wenn das Blatt die Erde berührt

und der Blitz am Himmel vergessen ist,

leben viele nicht mehr.

Trotzdem treibt der Wind die Windmühlen weiter an

und stets bewegen sich die Kontinente.

November 1996

120


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Trotz all der widrigen Umstände meines Lebens und trotz all der

Not auf dem ganzen Planeten glaubte ich an eine höhere, vor allem

gute (!) Macht, was ich durch diese Abzeichnung zeigte.

Ich betete jeden Abend zu Gott und bat um seinen Schutz – nicht

nur für mich, sondern für die gesamte Menschheit. Und ich dankte

ihm dafür, dass ich nicht – wie so viele andere Menschen – unter

Hunger, schwerer Krankheit, Obdachlosigkeit, Familienlosigkeit

und Krieg litt.

125


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Mein Bruder und ich, wir stritten uns – zeitweise sogar so heftig,

dass wir uns mit Messern gegenseitig durch die Wohnung jagten,

wenn unsere Mutter nicht da war. Aber in der größten gemeinsamen

Not hielten wir zusammen. Ihn zu beschützen und vor Prügelstrafen

zu bewahren, sah ich schon früh als meine Aufgabe an.

Ab dem Zeitpunkt, als mein Bruder im Alter von drei oder vier

Jahren mehrmals von zuhause weggelaufen war und ich ihn jedes

Mal – von Mutter beauftragt – suchen gehen musste mit der Androhung,

ja nicht ohne ihn zurück zu kommen, wusste ich: Auch mein

kleiner Bruder, der innerhalb unserer kleinen Familie von Anfang

an den Clown und Kasper spielte und sich nie beklagte, litt ebenso

sehr wie ich, auch wenn wir nicht darüber sprachen. Ich als seine

große Schwester musste einfach alles tun, um ihn zu beschützen,

auch wenn mir das oft nicht gelang. Aber es gab ja niemand anderen

sonst, der das getan hätte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich

beispielsweise die Unterschrift unserer Mutter fälschen lernte, damit

sie die Einträge der Lehrer im Hausaufgabenheft meines Bruders

nicht zu sehen bekam. Denn das hätte für ihn Prügel bedeutet.

Ihn und mich verbindet bis heute ein ganz besonders inniges Geschwister-Band.

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Dienstag, 20.05.1997 – 22:22 Uhr

Ich habe mir mehrmals mit einer Rasierklinge in den Daumen geritzt.

Ich weiß auch nicht warum. Es tut nicht weh. Das Blut gefällt mir.

Warum?

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Heute kann ich rückblickend zu diesem Ereignis sagen:

Der dauerhafte seelische Schockzustand, in dem ich mich bereits fast

mein ganzes Leben lang befand – plus die zusätzliche innere Qual

wegen der nicht veränderbaren katastrophalen Zustände in unserer

Welt (Hunger, Elend, Verschmutzung, Krieg, Krankheiten) – hatten

einfach seinen Höhepunkt erreicht und das Fass zum Überlaufen

gebracht. Ich hatte ein Ventil gebraucht, um nicht vollends durchzudrehen.

Das Selbstverletzende Verhalten (SVV) sollte zu einem für mich sehr

belastenden Geheimnis werden für meine etwa zehn darauf folgenden

Lebensjahre.

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Sonntag, 25.05.1997

Am Freitag waren wir im Freizeitland »Geiselwind«. Wir waren zu

acht: Papa, seine Lebensgefährtin, Bastian, unsere Halbschwester

(4), ihre Halbschwester (9), deren Freundin (9), der Halbbruder von

Papas Lebensgefährtin (12) und ich. Früh um 6 Uhr fuhren wir los.

Ca 10 Uhr waren wir da. […] Die Lebensgefährtin von Papa ist nett,

aber ich kann nicht sagen, ob sie immer so ist oder ob es nur gespielt

war. Ich weiß es wirklich nicht und ich will auch nicht darüber

nachdenken. Ich wollte Papa sagen, wie sehr ich ihn liebe und brauche,

aber ich kam nicht dazu. Mutti tat mir leid, weil sie nicht hatte

mitfahren können. Sie trank ein paar Gläser Schnaps am Abend, weil

sie sich Sorgen gemacht hatte. 21 Uhr waren wir wieder zuhause und

Mutti hat sich sehr gefreut.

Gestern erzählte sie mir noch, sie hätte am Freitag Abend geweint

und gedacht, wir wären wirklich tot, denn in den Nachrichten kam

ein Bericht über einen Busunfall, in dem auch Kinder waren. Ursprünglich

sollten bei uns auch noch mehr Kinder mitfahren und so

wusste Mutti nicht, dass wir statt mit einem Bus mit einem kleinen

Transporter gefahren waren.

Ich glaube, sie würde sterben ohne uns.

Sonntag, 01.06.1997

Papa war am Freitag da, spät am Abend. Er war aber nicht wegen

uns da, nein. Er kam, weil er es nicht lassen kann, fremd zu gehen.

Er ist wirklich hierher gekommen, um mit Mutti Sex zu machen. Ich

verstehe das nicht. Wie kann er sich das trauen, wenn Bastian und

ich da sind (Bastian hat ihn gar nicht bemerkt). Wie soll ich ihn noch

lieben können? Wollte Mutti mir wieder einmal zeigen, wie schlecht

Papa ist? Aber ich kann ihn nicht hassen. Ich hatte mit dem Gedanken

gespielt, wenn sie es gerade treiben, mit aufgeritzten Armen

137


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

ins Zimmer zu kommen und zu sehen, wie Papa reagiert. Aber ich

könnte es nie, ich würde ihn verlieren (oder habe ich ihn schon verloren?).

Er lügt so viel, warum? Er betrügt so viel, warum? Wie soll

ich es denn glauben, wenn er sagt, er liebe uns? Ich glaube, ich werde

mein ganzes Leben lang nur Bastian wirklich lieben können.

Samstag, 07.06.1997

Mutti hat eben Bastian verprügelt (oh Gott, er hat soo geschrien!).

Mich hat sie nur angeschrien, ich solle nicht die Mutter von Bastian

spielen und warf Straßen- und Hausschuhe nach mir. Ich weiß nicht,

wie es Bastian geht. Er soll im Schlafzimmer bleiben und ich hier im

Kinderzimmer.

Am schlimmsten ist, dass ich Mutti verstehen kann, zumindest ein

bisschen. Aber ich will es nicht verstehen. Ich will sie hassen. Ich

will ihr abends nicht mehr beim Putzjob helfen, nicht mehr mit ihr

einkaufen oder auf Ämter gehen müssen (wegen ihrer Ängste braucht

sie mich dafür). Ich will sie nie wieder sehen. Ich will, dass sie aus

meinem Leben verschwindet.

Hinzu kommt, dass ich mich schuldig fühle. Zu einem Streit gehören

immer zwei, aber Bastian hat alles abgekriegt. Hoffentlich hasst er

mich nicht, denn ich liebe ihn mehr, als ich irgend jemand anderen je

geliebt habe.

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Maskenträger

Was bringt Menschen dazu,

Lügen als Wahrheiten zu verkaufen?

Sie verschleiern die Wahrheit

mit einem Schwall an Worten;

Worten, die für ihre Lügen missbraucht werden.

Der Redner müsste dabei rot im Gesicht werden,

aber er wird es nicht.

Eine Maske kann sich nicht verfärben.

Juli 1997

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Zwei Sekunden

Einst

ich glaubte zu träumen

für den Bruchteil einer Sekunde

entschwand ich dem irdischen Denken

der irdischen Realität

verließ diese Dimension

und sah

und fühlte

wie ich es in meinem irdischen Leben noch nie erfahren durfte

Unendlicher Friede

verbreitet über eine Welt ohne Zeit

Ruhe in solch beträchtlichem Maße

dass mein Herz vor Sehnsucht aufschrie

und sich sogleich auch der Liebe bemächtigen wollte

deren innige Tiefe mir eine Träne erzwang

ohne die ich nicht mehr glaubte leben zu können

Alles Existierende in meinen Erinnerungen löste sich auf

und schien nie existent gewesen zu sein

Erleichterung und Zufriedenheit schenkten mir ein Lächeln

die große Last auf meinen Schultern schien entfernt

Aber am Ende dieser einen Sekunde

folgte die nächste

und mit Entsetzen wurde mir bewusst

dass dieser Traum nur geträumt sein konnte

Und wieder spürte ich das schwere Erbe auf meinen Schultern

und aus meiner Freudenträne wurde ein Trauerstrom

der mich in dunkle Bitterkeit führte

aus der ich mich nur mit Mühen befreien konnte

Ich spürte wieder die Enge dieser Welt

und ihre Fesseln, ihren Horror

Ihre Kälte vereiste meine Tränen

Ihr Wahnsinn vernichtete alle Erinnerungen an meinen Traum

Ihre Hartherzigkeit vernichtete mein Lächeln

Panik ergriff mein Denken

da es diese rationale Welt ist

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

in der ich leben muss

und nicht meine Welt ohne Zeit

gebettet in allumfassende Liebe

Aber noch regte sich Hoffnung in mir

und ich fragte mich

ob es wirklich nur ein Traum war

und nicht gar das wahre Leben

nach unserem derzeitigen Leben

wenn wir aus diesen Erden-Alptraum erwachen

Februar 1998

Mit diesem Gedicht versuchte ich einen Traum festzuhalten, den ich

mit 14 Jahren geträumt hatte. In diesem Traum flog ich über unseren

Planeten, sah die Kriege, die brennenden Wälder, die verschmutzten

Flüsse und Meere, die Verhungernden, die Slums, uvm. Dann erwachte

ich – aber nur im Traum – und befand mich plötzlich in einer

Welt des absoluten Friedens. Ich spürte sofort: Das ist mein Zuhause

und ich war unendlich dankbar, aus diesem Alptraum (dem Leben

auf der Erde) erwacht zu sein.

Dort waren zwei strahlend weiße Gestalten. Die eine saß, die andere

stand etwas seitlich dahinter. Ich kniete mich vor das sitzende

strahlende Wesen, legte meinen Kopf in seinen leuchtenden Schoß

und weinte bitterlich über das, was ich in unserer Welt gesehen

hatte. Das leuchtende Wesen streichelte mir die ganze Zeit sanft über

den Kopf und beruhigte mich, dass es ja nur ein Traum gewesen sei

und nun wieder alles in Ordnung war. Bis dahin hatte ich in meinem

Leben noch niemals solch ein Gefühl von Liebe, Geborgenheit und

Sicherheit verspürt, wie in diesem Moment, in diesem Traum.

Tja, und dann wachte ich auf – und musste erkennen: Ich lebte in

diesem Alptraum (auf der Erde) – und aus diesem würde ich so bald

nicht erwachen – erst durch den Tod. Das war solch ein Schock für

mich, dass ich den ganzen Tag dann nur geweint hatte.

Ab diesem Moment aber war ich fest davon überzeugt, im Traum

tatsächlich zuhause gewesen zu sein, dort, wo ich hinkomme, wenn

ich sterbe. Es nahm mir ein wenig die Angst vor dem Tod – machte

mich sogar neugierig auf den Tod.

160


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Sonntag, 26.07.1998

Mutti geht es sehr schlecht. Sie hat heute eine halbe Flasche Schnaps

getrunken (aus der Tasse!) und ihre Lieblingsmusik (»Moviestar«,

»Horoscope«) gehört. Sie hat geweint aus vielen Gründen. Sie ist

allein (Christoph (Name geändert) ist weg, Robert ist weg), sie ist

arbeitslos, sie zieht sich zurück und ihre Ängste steigen. Sie hat kein

Geld und kann uns somit keine schönen Ferien bieten (Eisessen,

Kino, Urlaub). Sie hat niemanden zum reden (Ich bin zu jung. Und

wenn ich versuche, mich in ihre hoffnungslose Lage zu versetzen,

dann ist es unerträglich. Darum tue ich es nicht mehr. Verzeih bitte

meinen Egoismus!). Wie kann ich ihr nur helfen? Sie hat so viel

Kraft, trotz all der Sorgen (die Rechnungen stapeln sich). Ich will

ihr helfen, aber wie? Sie tut mir so leid. Sie hatte nur Pech im Leben.

Womit soll ich sie aufbauen? Am Tag ist sie immer so stark. Da

lässt sie sich nichts anmerken. Ich wusste ja nicht einmal, dass sie

Schlaftabletten nimmt, ohne die sie nicht schlafen kann. So schlecht

ist sie doch nicht, dass sie so bestraft werden muss. Sie soll endlich

wieder glücklich sein. Es war so ungaublich schön anzusehen, wie

sie strahlte, als sie in unseren Nachbarn Christoph verliebt war. Ich

hatte sie vorher noch nie so glücklich gesehen. Sie wirkte kraftvoll,

schön, stark, zuversichtlich, zufrieden. So möchte ich sie gern wieder

erleben.

Bitte, meine Mutti soll endlich wieder das Leben genießen können.

Montag, 27.07.1998

Ich habe mich oft gefragt, warum ich mich mit der Rasierklinge selbst

verletzt habe. Fühlte ich wirklich so starken seelischen Schmerz?

Wollte ich vielleicht nur anders sein als normale Menschen? Wollte

ich einfach nur aus dem Rahmen fallen? Vielleicht dachte ich, endlich

ein Geheimnis haben zu müssen, von dem niemand weiß, nicht einmal

meine Mutter, die meint, mich doch »so gut« zu kennen?

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15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Vielleicht brauchte ich etwas, um mich nicht mehr seelisch nackt zu

fühlen? Auf alle Fälle hatte der kleine Schmerz oder das Blut (oder

meine Einbildung?) irgend etwas in mir gelindert. Ein beruhigendes

Gefühl durchdrang mich, wenn ich nur an die Wunden dachte, die

ich für die nächsten Tage und Wochen verstecken musste. Deshalb

tue ich es jetzt auch nicht mehr. Wir haben Sommer, es ist heiß. Aber

ich verspüre auch nicht mehr den Drang, mich selbst verletzen zu

müssen. Vielleicht werde ich schon bald darüber lachen – ich meine,

wenn ich die Pubertät endlich hinter mich gebracht habe.

Dienstag, 25.08.1998

Mit Sebastian verstehe ich mich ganz schlecht. Ich komme nicht mehr

mit ihm zurecht. Er ist schrecklich trotzig, aggressiv, rebellisch, faul,

respektlos und auch sonst anders. Er muss ja so werden, wenn er nur

auf der Straße herum hängt.

Seit Tagen könnte ich nur weinen.[...] Es ist so schrecklich, dass ich

mit ansehen muss, wie die Welt aus allen Fugen gerät (Hochwasser

in China, Russlands Währungsabsturz und Regierungszerfall,

Bedrohung durch Afghanistan, […]).

Ich habe Angst. Die Menschen sind so krank im Kopf. Es könnte so

schön auf der Welt sein, aber nein, überall sind Gefahren, nirgendwo

ist man sicher.[...] Ich möchte doch nur in Ruhe leben. Aber ich glaube,

es gab noch nie eine Generation, der das Leid des Krieges erspart

geblieben ist im Laufe ihres Lebens. Ich habe Angst. Und die Angst

wächst.

PS: Onkel Richard hatte einen Herzinfarkt und liegt noch auf der

Intensivstation zur Beobachtung.

174


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Freitag, 11.12.1998

Mutti ist seit gestern im Krankenhaus. Heute wurde ihr der Polyp

in der Gebärmutter ausgeschabt. Sie will morgen schon wieder nach

Hause. Robert hat heute Abend angerufen, er war angetrunken,

wenn nicht gar total betrunken. Ich wimmelte ihn schnell ab, weil

ich mich mit Menschen in so einem Zustand nicht unterhalten kann.

Mich ärgert, dass er erst jetzt angerufen hat. Mutti hatte ihn vor

zwei Wochen gebeten, uns zu Hans zu fahren, der morgen wieder ins

Krankenhaus muss. Aber wer sich nicht gemeldet hat, war Robert.

Dafür hasse ich ihn. Er hätte ja wenigstens absagen können.

Sonntag, 03.01.1999

Wir sind zur Zeit ziemlich arm. Diesen Monat hätten wir drei nach

Abzug von Miete, Strom, Versicherung etc. nur 370,- DM zum

Leben. Das würde nie reichen, da Mutti ins Krankenhaus muss

wegen ihrer Schilddrüse, weil ich nach Halle, Frankfurt und Magdeburg

fahren muss (Vorstellungsgespräche für eine Ausbildung

zur Krankenschwester) und weil jetzt auch noch die Waschmaschine

kaputt ist. Deshalb waren wir heute betteln bei Onkel Max. Es war

so demütigend. Ich hatte mich ins andere Zimmer verkrochen und

hörte zu, wie Mutti weinend alles vorrechnete. Max ist total lieb

und gab uns, ich meine lieh uns, 600,- DM. Davon müssen wir aber

auch noch Rechnungen bezahlen, die wir seit Monaten schon vor uns

herschieben. Mutti und ich, wir können schon seit Wochen (sie) bzw.

Tagen (ich) nicht schlafen deswegen. Ich hoffe, sie kann jetzt besser

schlafen.

Ich werde wohl das ganze Jahr nicht gut schlafen können, weil ich

so viele Prüfungen bestehen muss, vor denen ich große Angst habe:

Vorstellungsgespräche, Referate, Vorabitur, Abitur schriftlich und

mündlich, Fahrschule, Ausbildung in einer fremden Stadt.

Das hört jetzt wohl mein ganzes Leben lang nicht mehr auf.

182


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Dienstag, 09.03.1999

Heute bin ich 18 Jahre alt geworden. Komisches Gefühl ist das. Die

nächsten Geburtstage werden nicht mehr so bedeutsam sein, weil ich

dann einfach nur noch »älter« werde.

Nicht wegen der wenigen Geschenke, sondern

wegen dem, was das Erwachsensein nun von mir

fordern würde, war ich unglücklich und verzweifelt.

Ich wollte raus in die Welt, doch fürchtete ich

mich gleichzeitig so sehr davor, dass ich an dieser

Angst fast zerbrach.

Aber es ging kein Weg daran vorbei: Ich musste

ins Berufsleben, so wie das alle mussten.

189


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

204

09.07.1999 – Abiball

Ich (in beiden Bildern ganz links) war die Drittbeste

von über 100 Schülern in meinem Jahrgang

(nur 1 Berechnungspunkt an der Abschlussnote 1,2

vorbei geschlittert, was mich damals sehr ärgerte).

Natürlich war ich stolz, aber ich konnte mich nicht

lange darüber freuen. Ich spürte, gute Noten würden

mir nicht helfen können bei dem, was mich

nun erwartete.

Karriere war das wenigste, an was ich dachte. Ich

fragte mich eher: Werde ich das Kommende überleben?

Werde ich wiederfinden, was ich während

meiner ersten 18 Lebensjahre verloren habe? –

MICH?

Zu diesem großen Ereignis hatte mich meine Mutter

nicht begleitet. Mein Vater aber war anwesend.


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Ruhelos

Bin gefangen

eingesperrt

angekettet

im Kerker der Zeit

Stille

doch sie läuft weiter

und zerschneidet

wie ein Blitz

die Ruhe in der Luft

Meine Ketten glühen

rasseln

schleifen

auf dem Boden meines Lebens

folgen mir

unendlich lang

Flucht

unmöglich

unsichtbare Ketten fesseln

nur die Phantasie

die Angst

sind nicht abzuwerfen

fesseln fester

Ewige Straße

ohne Ende

ohne Horizont

über das Leben

über den Tod

Schritt für Schritt

unendlich

gegen meinen Willen

muss ihr folgen

laufen ohne Rast

und die Uhr tickt

mit mir

gegen mich

208


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

Stunden um Stunden

Tage zu Jahren

Leben zur Ewigkeit

Hoffnung

ein Ziel

August 1999

209


15 – 18 Jahre / Gymnasialzeit II

18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

Immer weiter fliehen wir vor unserer inneren Wüste,

unserer Leere, da wir ohne liebende Beziehung zu uns

und anderen sind, und fliehen damit vor unserer eigenen

Vergangenheit.

Arno Grün

213


18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

So verließ ich im September 1999, 18 Jahre jung

– im Nachhinein betrachtet völlig verwirrt, verträumt,

verängstigt, naiv, menschenscheu, unvorbereitet,

orientierungslos und auf mich allein

gestellt (ohne Unterstützung von den Eltern, was

mir damals nicht fehlte, weil ich das einfach nicht

kannte) – meine Heimatstadt und zog über 350km

weit in die ferne Großstadt Frankfurt am Main für

meine Berufsausbildung zur Krankenschwester.

Meine Angst unterdrückte ich vor anderen Menschen,

immerhin war ich ja nicht die Einzige, die

für nen Job ihre Heimat aufgeben musste.

215


18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

Ich wollte völlig neu beginnen. Ich wollte nicht das Landei sein,

nicht die Introvertierte, nicht die Schwache und Verrückte, auch

nicht die Streberin. Ich wollte mein Leben in Naumburg vergessen –

und einfach nur endlich leben.

Und da war ich nun unter vielen jungen Menschen, die nur so vor

Lebenskraft, Humor, Plänen, Selbstbewusstsein und Begeisterung

strotzten. Ich fühlte mich wie ein schwarzes Schaf unter ihnen, in

dem ein schlimmen Geheimnis ruhte – mein bisheriges Leben – von

dem sie nichts erfahren sollten.

Parties, Zigaretten, Alkohol und Sex (für mich bis dahin kaum Teil

meines Lebens) waren plötzlich »Pflicht«, wenn ich dazugehören

wollte (Es gab oft Flur-Parties, und da das Schwesternwohnheim

etwa 11 Stockwerke hatte, gab es eine Menge Parties).

Im Grunde überrollte mich ab diesem Moment das (Erwachsenen-/

Berufs-)Leben mit voller Wucht – und ich rollte in den darauf folgenden

Jahren einfach mit, ohne etwas dagegen tun zu können – und

ohne zu wissen, was mir da eigentlich geschah.

217


18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

232

Nach acht Monaten in der Krankenschwester-

Ausbildung (und einem Loch im Kopf, das genäht

werden musste, deswegen die sehr kurzen Haare)

spürte ich bereits: Ich schaffe das niemals bis zum

Ende.

Ich schaffe das nicht, jeden Tag fremdbestimmt

arbeiten zu gehen. Das war mir einfach zu wenig,

so sinnlos, denn mit dem verdienten Geld konnte

ich mir Glück und Zufriedenheit nicht kaufen. Es

diente nur dem Überleben. Aber ich biss die Zähne

zusammen, passte mich an, tat, was alle taten. –

Noch hatte ich die Kraft dazu.


18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

Dienstag, 30.01.2001

Gestern war ich nochmal beim Arzt wegen meinem Rücken.

Diagnose: Chondrosen der Disci BWK12/L1 bis L2/L3, Discusprolaps

L4/L5, Hyperlordose im LWS-Bereich, bilaterale Spondylolyse

L5/S1 mit Spondylolisthese Grad 2, Ventralversatz beträgt 12mm,

mit Impression der Nervenwurzeln beidseits bei linksseitiger Dominanz.

Auf deutsch: degenerativ bedingte Veränderungen der Knorpel

BWK12/L1 bis L2/L3 (Abnutzungserscheinungen der Bandscheiben),

Bandscheibenvorfall L4/L5, Hohlkreuz im LWS-Bereich, Erkrankung

der Wirbelsäule mit Defektbildung im Bereich der Wirbelbögen,

Verschiebung eines Wirbels (Wirbelgleiten L5/S1) um 12mm, mit

Einengung der Nervenwurzeln beidseits bei linksseitiger Dominanz.

Therapie: Krankengymnastik und bei neurologischen Ausfällen OP.

Das heißt, ich muss meinen Beruf wechseln. Und ich brauche alle

meine Röntgenbilder der Wirbelsäule von den vorigen Jahren. Mutti

will mich anrufen und mir sagen, ob sie meinen früheren Orthopäden

ausfindig machen konnte.

Außerdem habe ich heute erfahren, dass Oma einen Herzinfarkt

hatte und seit Samstag Nacht im Krankenhaus liegt, zusätzlich mit

Pneumonie und Wasser in der Lunge. Ich habe sie gleich angerufen.

Sie klang optimistisch. Das Jahr fängt gut an.

Meine Gefühle kann ich nicht aufschreiben, weil ich wie betäubt bin.

248


18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

252

Ich war überglücklich, mit meinem kleinen – mittlerweile

groß gewordenen – Bruder zu tanzen.

Und er (auch meine Mutter) war sehr stolz, dass

seine große Schwester extra aus Frankfurt angereist

war.

Was beide nicht wissen konnten, da ich es sie nicht

wissen ließ: Ich war unglücklich, ich war verzweifelt,

ich hatte starke Rückenschmerzen, ich verletzte

mich häufig selbst und hatte nun auch noch

den Weg in eine Esstörung (Bulimarexie), die mich

über Jahre besitzen sollte, eingeschlagen, ohne

dass ich es wusste.


18 – 20 Jahre / Ausbildungszeit I

20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Es interessiert mich nicht, wo oder was du gelernt hast.

Ich will wissen, was dich von innen hält, wenn sonst

alles wegfällt.

»The Invitation« von Oriah

255


20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Samstag, 27.07.2002

Ich fühle mich gar nicht gut. Tief in meinem Inneren ist etwas zerstört

worden, eingebrochen oder verloren gegangen. Ich spüre es, wie

ich ständig unglücklich bin trotz eines Lächelns auf meinen Lippen.

Ich weiß nicht, ob es die derzeitigen Sorgen und Nöte sind, die mich

so quälen. Das würde ja irgendwann wieder vergehen. Aber manchmal

spüre ich, dass … es ist so schwer zu beschreiben, dass alles, was

diese Welt mir zu bieten hat, mich nicht zufrieden oder glücklich

machen kann, als hätte ich schon in einer »besseren« Welt gelebt.

All die Fehler des menschlichen Charakters, die auch mich immer

mehr zerfressen und wertlos werden lassen, sind nie allumfassend zu

bereinigen. Auch wenn ich noch so perfekt und weise werden könnte:

An meiner Umwelt – so verständnislos und egoistisch – werde ich

immer eine nahe Grenze finden. Wie in einem Gefängnis. Entfaltung

ist nicht möglich.

Ich frage mich: Wozu noch leben, wenn ich eine für mich wichtige

Grenze nie werde überschreiten können? Wenn mein ganzes Leben

nur daraus besteht, weiter im Sud der Falschentscheidungen anderer

um mein Leben und meine Erfüllung kämpfen zu müssen? Dafür

möchte ich meine ganze Lebenskraft nicht aufbringen müssen.

Mutti hat Bastian (16 Jahre) diese Woche raus geworfen. Er wohnt

bei einer Freundin.

Sascha und ich machen uns das Leben schwerer, als es sein muss.

Ich würde dies alles gern beenden, bin aber zu feige.

Ich habe so viel Angst in und vor dieser Welt, dass ich sie nicht einmal

verlassen kann.

281


20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Durchgeknallt

Heute Nacht

will ich leiden

will ich schreien

will ich bluten

ich will

Fenster und Türen verschließen

dem Schmerz und mir jegliche Fluchtmöglichkeiten verwehren

ich will

die Musik voll aufdrehen

und meine Gedanken aus meinem Kopf schleudern

ich will

die Klinge zärtlich liebkosen

und dem Schmerz Gesicht und Stimme herausschneiden

Heute Nacht

will ich fühlen

will ich weinen

will ich sein

Januar 2003

295


20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Montag, 03.02.2003 – Gewicht 48,2kg

Es geht mir nicht gut. Ich arbeite an meinem Kokon und kann es

selbst nicht mehr beeinflussen. Sascha hat es seit Wochen recht

schwer mit mir. Ich werde immer verschlossener und merke, wie

schwer es mir fällt, etwas von meinen Gedanken preiszugeben.

Nichts. Ich könnte dann nur weinen und mich in den Arsch beißen,

weil ich mich nicht zusammenreißen kann. Daher war der Besuch bei

der Psychotherapeutin letzten Freitag die reine Qual. Von den angesetzten

50 Minuten fand vielleicht höchstens zehn Minuten so etwas

wie Konversation statt, ansonsten über 40 Minuten Schweigen. Es

war im Nachhinein furchtbar und sehr kraftraubend. Daraus zog ich

folgende Konsequenz: Den Termin kommenden Freitag habe ich heute

abgesagt, vielleicht sage ich auch noch den Termin nächste Woche ab.

Ich weiß, Flucht ist keine Lösung, aber ich kann mich diesen Terminen

nur mit genügend Kraft stellen, über die ich im Moment aber

nicht verfüge.

Heute war ich nach zwei Wochen Krankschreibung wieder zum

ersten Mal auf Arbeit. Ich hatte riesige Angst davor. Am meisten

vor den Menschen, mit denen ich mich befassen muss (einen Neuen

musste ich einweisen). Die Angst drohte, mich aufzufressen. Aber

kaum auf Arbeit war ich locker, cool, keck, witzig, …., leer. Jetzt bin

ich nur noch leer.

Ich kann nicht weinen, kann nicht lachen, nicht nachdenken. Wenn

ich es zu sehr versuche, könnte ich abstürzen in die schwarzen Tiefen

meiner kindlichen, blutenden, ängstlichen Seele. Gestern wollte ich

mich selbst verletzen. Jetzt bin ich vor lauter Leere in mir auch dazu

nicht fähig und sitze vor meinem dritten Glas Wodka Blutorange.

Das warm gemachte Essen habe ich schon wieder erbrochen, weil ich

– wie an meinem Gewicht ersichtlich ist – sehr inkonsequent gewesen

bin die letzten Tage. Das stimmt mich sehr unzufrieden.

Mutti hat Bastian (16 Jahre) vorige Woche schon wieder rausgeschmissen.

Ich konnte sie nicht davon abbringen. Seitdem hat sich

keiner von beiden bei mir gemeldet. Ich merke, wie froh ich bin, dass

ich so weit weg lebe. Damit will ich nichts mehr zu tun haben.

301


20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Die Narben auf meiner Seele waren von Jahr zu

Jahr mehr in die Sichtbarkeit vorgedrungen.

Ich führte ein Doppellleben: Auf der Arbeit versteckte

ich die Wunden und Narben unter langärmeligen

Oberteilen (auch im Sommer) und im

Privatleben hoffte ich stets, dass mir niemand von

der Arbeit begegnete und meine »Verrücktheit«

entdeckte.

319


20 – 24 Jahre / Ausbildungszeit II

Sonntag, 09.05.2004 – Gewicht 46,6kg

Das war kein gutes Wochenende. Sascha war da und so vieles lief

schief (sein Auto sprang nicht mehr an, wir mussten es verschrotten

lassen). […] Ich war weiterhin gut drauf, aber ich musste von Sascha

körperlich und psychisch heute frühzeitig Abschied nehmen, weil

das Wochenende so enttäuschend war und ich beim Abschied nicht

weinen wollte.

Als ich eben nach Hause kam, wog ich 46,6kg. Als ich gestern ging,

waren es 45,7kg. Es ärgert mich, dass ich übers Wochenende immer

zunehme, nur weil ich bei Saschas Familie essen muss. Ich war so

wütend deswegen, weil das Wochenende so schlecht gelaufen war,

dass ich alles Essbare (aus Kühlschrank, Tiefkühlfach, Schränke) in

Tüten packte und dann die vier Tüten in die Mülltonne warf. Jetzt

fühle ich mich besser und sicher. Vorher hatte ich mich aber noch mal

vollgefressen und es erbrochen.

Da mir alles so sinnlos scheint mit unserer Wochenendbeziehung,

meine Eltern sich einen Scheißdreck um mich kümmern, ich mich

verloren und verlassen fühle und nur auf mich allein gestellt sehe,

ist es mir nicht so wichtig, ob ich »gesund« bleibe. Da kann ich auch

hungern, kotzen, ritzen – mich heimlich davon stehlen. So allein mit

mir ist das Leben nichts für mich wert – außer zur selbst gewählten

Zerstörung.

Ich bin so einsam und es kostet mich so wahnsinnig viel Kraft, es zu

verdrängen und nicht in Weinkrämpfen zusammen zu brechen. Was

soll ich noch schreiben? Ich kenne das Ende nicht, habe keine Ziele.

Hatte ich schon mal bessere Zeiten?

350


Wahnsinn oder Wahrheit?

24 – 26 Jahre / Auszeit

Ein erstes Zeichen beginnender Erkenntnis ist der

Wunsch zu sterben. Dieses Leben scheint unerträglich,

ein anderes unerreichbar. Man schämt sich nicht mehr,

sterben zu wollen; man bittet aus der alten Zelle, die

man hasst, in eine neue gebracht zu werden, die man

erst hassen lernen wird. Ein Rest von Glauben wirkt

dabei mit, während des Transportes werde zufällig Gott

durch den Gang kommen, den Gefangenen ansehen

und sagen: Diesen sollt ihr nicht wieder einsperren. Er

kommt zu mir!

Franz Kafka

403


24 – 26 Jahre / Auszeit

Am 20.07.2005 war mein Aufnahmetag in einer bayerischen Klinik –

der Beginn meiner ersten stationären Psychotherapie.

Die Diagnosen lauteten:

• Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-

Typus

• Bulimia Nervosa

• Schädlicher Gebrauch von Alkohol

• Muskulotendinöses Schmerzsyndrom

99 Tage blieb ich dort. Ich beschreibe jeden einzelnen Tag in meinem

Online-Roman »Glasglockenleben – 99 Tage Wahnsinn(s)Leben«.

405


24 – 26 Jahre / Auszeit

So beschrieb ich ein paar Jahre später meine Erfahrungen

in der geschlossenen Psychiatrie:

unterm zirkuszelt

getragen von psychedelischen leidensgebilden

durchstreifen wir sonnenvergessene flure

von deren leergelebten wänden

die wirklichkeit schamlos abblättert

und im ticken der uhr

zu einem normlosen takt aufruft

zusammengepfercht unterm zirkuszelt

– umringt von weißbekittelten ahnungslosen

unseren härtesten kritikern und heimlichen profiteuren –

verlieren wir uns in narrenfreien gesängen

entblößen uns als seelenartisten und todesbändiger

versteckt hinter clownsmaskeraden

– weiße plastiknasen, rotgerahmte augen

einem aufgemalten, breiten grinsen im gesicht –

balancieren wir angekettet in reih und glied

»tablettenausgabe! der nächste!«

versuche, normalität geschmack zu verleihen

schluck für schluck tagein tagaus

versiegt die quelle unseres freigeistigen spiels

zu stigmatisierten hohlkörpern entstellt

treten wir hinaus auf die sinnberaubte bühne

einer berühmt verwahnwitzigten leerlaufwelt

Februar 2010

426


26 – 31 Jahre / Heilzeit

Am 30.04.2007 war mein Aufnahmetag im Zentralinstitut Mannheim,

der dritten und letzten Klinik.

Die Diagnosen lauteten:

• Emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-

Typus

• Bulimia Nervosa

• Generalisierte Angststörung

• Schädlicher Gebrauch von Alkohol

12 Wochen war ich dort.

461


26 – 31 Jahre / Heilzeit

486

Das ist das letzte Photo mit meiner Mutter (August 2007).


26 – 31 Jahre / Heilzeit

mutters liebe

weit verstreut liegt deine

asche auf den wunden unserer

trauer, trübt unsere blicke

und der himmel fällt hinein

in deine abwesenheit

deine stimme wandert durch

unsere erinnerungen, wir sehen

im grün des grases die spuren

zu dir, schöpfen den tau und

schmecken unsere tränen

ein kuss, ein hauch von dir

liegt in der luft, begleitet

vom klang der vögel trägt

das leben uns weiter, lehrt

uns liebe

April 2010

525


26 – 31 Jahre / Heilzeit

träumende und erträumtes

in der sekunde meiner geburt

trete ich aus mir selbst heraus

und erschaffe die welt

im moment meiner geburt

begebe ich mich ins vergessen

und begegne mir im leben

im augenblick meiner geburt

spaltet sich das eine in das viele

und die trennung bestimmt meine reise


in der sekunde meines abschieds

begrüße ich die ewigkeit

und umarme mich

im moment meines abschieds

erinnere ich den sinn meiner reise

und bestaune die wege meines lebens

im augenblick meines abschieds

wird aus vielheit wieder einheit

und der ganze traum bin ich

Juni 2012

552


Anhang 1

Der Schmerz der Suizidalität

Alles Leben auf diesem Planeten strebt nach Entfaltung, solange es

von Lebendigkeit durchströmt wird. Jede Pflanze strebt im Frühjahr

danach, in all seiner einzigartigen Pracht zu erblühen. Wie

eine Explosion erwacht das Leben in unseren Breitengraden, wenn

die Wärme und die Sonne mit ihrer Lebenskraft die Luft und den

Boden küssen. Keine Pflanze käme auf die freiwillige Idee, dass sie ab

diesem Moment keine Triebe, keine Blätter und keine Blüten hervorbringen

will.

Sich nicht in diesem Strom der fließenden und stetig erneuernden

Lebenskraft zu befinden, ist mitnichten eine alleinige und schon

gar keine freiwillige, spontane Entscheidung nur desjenigen, der an

den Selbstmord denkt und ihn gar ausführt. Nicht mehr Teil dieser

fließenden Energie zu sein, sich von ihr abgetrennt zu fühlen aufgrund

von Umständen, die im Umfeld der betreffenden Person zu

suchen sind, ist ein zerreißender Schmerz, der mit Worten kaum zu

beschreiben ist. Sich vom Leben nicht mehr geliebt zu fühlen, sich

vom Leben selbst ausgestoßen zu fühlen, sich vom Leben verraten

und hintergangen zu fühlen, kann die Seele und den Verstand eines

Menschen in solch hohem Maße zermartern und zerlöchern, dass

ihm jede Lösung Recht ist, um diesem Schmerz und dieser inneren

Einsamkeit und Isolation zu entkommen. Dieses radikale Abgetrenntsein

vom Leben erfahren jene Menschen wie ein qualvolles

Sterben – wie ein Leben außerhalb des Lebens und innerhalb der

absoluten Nichtexistenz. Es gleicht einem langsamen Verhungern.

Dieses Verhungern wird um so quälender für all jene Menschen,

die einfach nicht verstehen und auch nicht akzeptieren wollen, dass

sie durch vorangegangene Entscheidungen in solch ein Gefängnis

hinein geraten sind und Hilfe brauchen. Es sind Menschen, die

eigentlich auch noch viele Ziele im Leben haben, die für das Leben

durchaus noch Liebe empfinden und innerlich verzweifelt nach

einer Erwiderung dieser Liebe schreien. In ihrem Lebensumfeld aber

finden sie aus vielerlei Gründen diese Liebe nicht, ihre Hoffnungen

sterben und sie trennen sich immer weiter selbst vom Leben ab. Sie

verwerfen ihre Ziele und ergeben sich dem Schmerz, nicht mehr

Teil des Lebens zu sein, keine Chance mehr auf die Erfüllung eines

glücklichen Lebens zu haben. Sie verbarrikadieren sich im Schmerz.

564


Anhang 1

Hinter dem Wort Suizid verbirgt sich aber nicht nur allein dieser

Schmerz, denn Mord bleibt letztlich Mord, auch wenn das Wort

Selbstmord lautet. Jene, die sich daher im Teufelskreis suizidaler Gedanken

befinden, tragen auch bereits eine tiefe Schuld mit sich, weil

sie an sich selbst ein Verbrechen verüben wollen, weil sie Pläne für

ihre eigene Vernichtung ausarbeiten, weil sie ihre Mitmenschen belügen

und ausgrenzen. Einen Großteil ihrer geistigen Kräfte müssen

diese Menschen für den Verdrängungsmechanismus aufbringen, der

sie davor schützen soll, sich vor sich selbst bereits vorab zu Mördern

zu erklären und sich selbst damit des Mutes zu berauben, den sie

brauchen werden, um die eigentliche suizidale Tat vollbringen zu

können. Denn zu Mördern werden sie unweigerlich, sobald sie ihr

Leid tatsächlich durch Suizid erfolgreich beenden. In den Erinnerungen

der Hinterbliebenen sind sie dann für immer als Selbst-Mörder

verhaftet.

Manch Hinterbliebener wird wohl erst dann erkennen, dass der

Gestorbene viele Hilferufe ausgesendet hatte, die seiner Tat vorangegangen

waren; Hilferufe, die nicht von Egoismus, sondern von

Schmerz, Verzweiflung und Isolation zeugten.

(ein überarbeiteter Auszug aus einem Artikel, den ich am 25.06.2009 (dem

23. Geburtstag meines Bruders) auf http://seelenwissen.wordpress.com

veröffentlichte)

565


Anhang 2

Die Wahrheiten des Lebens

Die Person, die dir begegnet, ist die Richtige.

Das heißt, niemand tritt rein zufällig in dein Leben. Alle Menschen,

die dich umgeben, die sich mit dir austauschen, sind Symbole für

etwas, das mit dir in Resonanz geht: entweder um dich etwas zu

lehren oder um dich in deiner momentanen Lebenssituation voranzubringen.

Die Menschen, die dir besonders hilfreich sind für deinen

Weg, sind dir zumeist die Wichtigsten in deinem Leben – Es sind

diejenigen, die du am stärksten liebst, am stärksten fürchtest, am

stärksten brauchst und am stärksten abwehrst. Sie sind deine Meister

– so wie auch du ihr Meister bist.

Das, was passiert, ist das Einzige, was passieren soll.

Nichts, absolut nichts von dem, was dir widerfährt, hätte anders

geschehen sollen. Nicht einmal das unbedeutendste – erst recht nicht

das schmerzlichste – Ereignis in deinem Leben geschah ohne einen

berechtigten und dringlichen Grund. Es gibt kein: »Wenn ich dies

oder das anders gemacht hätte, dann wäre dieses oder jenes anders geschehen!«

Nein! Das, was passiert, ist das Einzige, was passieren konnte

und passieren musste, damit du deine Lektionen lernst – damit du

erkennst und erinnerst, wer du wirklich bist. Jede einzelne Situation,

die dir im Leben begegnet, ist absolut perfekt und angemessen, auch

wenn dein menschlicher Verstand – dein Ego – sich widersetzt und

es nicht akzeptieren will, dich sogar zu Scham, Reue, Schuld, Neid

oder gar Rache zu verführen versucht. Die Akzeptanz ist in deinem

Herz, lange bevor dein Verstand sie (be)greifen kann. Denn du selbst

hast all die Möglichkeiten und Gelegenheiten, die sich dir in deinem

Leben bieten, vor deiner Geburt selbst erdacht, damit du dich weiter

entwickelst. Du allein bist verantwortlich für alles, was in dein Leben

tritt.

Jeder Moment, in dem etwas beginnt, ist der richtige Moment.

Alles beginnt genau im richtigen Moment, nicht früher und nicht

später – somit auch niemals zu früh und niemals zu spät. Wenn du innerlich

bereit bist, etwas Neues in deinem Leben zu empfangen, macht

es sich bereits auf den Weg zu dir, lange bevor du es antriffst. Alles

beginnt bereits mit einer deiner innersten Entscheidungen – ob du dir

dieser nun bewusst bist oder nicht. Alles geschieht für dich, für die Erfüllung

der Wünsche deiner Seele. Alles beginnt und endet durch dich.

613


Anhang 2

Was zu Ende ist, ist zu Ende.

So einfach ist das. Wenn etwas in deinem Leben endet, dient es

deiner Entwicklung und geschieht durch einen deiner innersten

Wünsche. Deshalb ist es gut, loszulassen und vorwärts zu gehen,

beschenkt und erfüllt mit neuen Erfahrungen, die du brauchst für

deinen weiteren Weg.

Ich liebe dich.

Ich weiß, dass es kein Zufall ist, dass du das hier jetzt liest. Wenn

dieser Text dir heute begegnet, dann deshalb, weil du in der Liebe

bist und emotional verstehst, dass kein einziger Regentropfen

irgendwo auf dieser Welt aus Versehen auf einen Ort fällt, sondern

dass die ganze Welt vielmehr ein Ozean ist und du bist ein Tropfen

darin, der sich der anderen Tropfen und ihrer gemeinsamen Quelle

und Größe bewusst wird. Du als einzelner Tropfen trägst die Kraft

und die Stärke des ganzen Ozeans in dir.

So lass es dir also gutgehen. Geh deinen Weg! Lebe und liebe mit

deinem ganzen Sein und öffne dich dem Glück, das du in Wahrheit

bist. Damit erfüllst du den Grund deiner Reise ins Leben und verbindest

dich – mit all der Weisheit deines Lebens und all dem Wissen

deiner Göttlichkeit – hingebungsvoll mit der Erde und der Schöpfung,

die dich dafür immerwährend behütet und unermesslich ehrt.

(Veröffentlicht auf http://seelenwissen.wordpress.com am 11.02.2011.

Als Vorlage für diesen Text dienten mir »Die vier Gesetze der indischen

Spiritualität«.)

614


Anhang 2

Der rote Faden

Es gibt

in deinem Leben

einen roten Faden.


Alles,

was geschehen ist,

reiht sich an diesen roten Faden.


Alles,

was geschehen wird,

reiht sich an diesen roten Faden.


Dein Leben ist »logisch«,

auch wenn du dir dem nicht bewusst bist.


Schau zurück

und finde die Gemeinsamkeiten

in allen Geschehnissen deines Lebens!


Erkenne die Wegweiser und die Hinweise,

die Mahnungen und die Einbahnstraßen,

die Kreuzungen und die Wiederholungen!


Entdecke die Essenz,

die dir durch alles Vergangene offenbart wird!


Du bist der einzige Zeuge deines Lebens,

bist alleiniger Beobachter darüber,

wie du (re)agiert (gefühlt) hast

und noch immer (re)agierst (fühlst).


Niemand erlebt die Welt so wie du.

Du erfährst sie aus deiner ganz eigenen Perspektive.

Das macht dich einzigartig und bedeutend.


Jeder Wandel in deinem Leben

war und ist eine Preisgabe dessen,

wer du bist und wo du hingehst.

601


Anhang 2

Jeder Wandel ist aber nur ein »äußerer« Wandel.

In dir bewirkt er

die Entwicklung / die Offenbarung deines Selbstes.


Denn dein Selbst »bleibt sich immer treu«.

Es kennt den roten Faden deines Lebens

und führt dich.

(veröffentlicht auf http://seelenwissen.wordpress.com am 27.04.2011)

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