1691. DonieText13_2.pdf - Iserlohn

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Ulrike Donié

Mimikry

Historische Fabrikanlage Maste-Barendorf/Haus A

1. - 30. Juni 2013

„Meine Arbeiten stehen zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit.

Der Betrachter meint schon einmal Gesehenes wiederzuerkennen.

Bei genauerer Betrachtung könnte sich dies jedoch als Illusion herausstellen.

Sieht er wirklich Himmel oder Meeresgrund?

Sind dies wirklich fischähnliche Wesen?

Wird hier überhaupt Wirklichkeit abgebildet oder handelt es sich um mit

Emotion aufgeladene Assoziationen, die keinen Bezug zu einer jemals erlebten

oder erlebbaren Welt haben?

Verharren und Dynamik stehen sich dabei gegenüber. Zeit steht still oder

verrinnt im Nu.

Es soll dabei eine Spannung, auch farblich, bis zur Schmerzgrenze erzeugt

werden.

Die Arbeiten stellen ambivalente Situationen dar.

Kaum kann der Betrachter entscheiden, ob er hier eine friedliche Szenerie einer

mit seltsamen Wesen bevölkerten anderen Welt vor sich hat oder ob sich im

nächsten Moment der tiefe Abgrund öffnet und er mit allem anderen in einen

Abgrund hineingeschleudert wird.

Der Betrachter mag sich auch darüber Gedanken machen, ob er Schönes oder

hässliches Schönes und Hässliches sieht. Schönheit wurde als Gottesbeweis

(Thomas v. Aquin) angeführt. Nach früherer Auffassung war die Schönheit über

jeden Zweck erhaben, ist über Nützlichkeitserwägungen der Natur

hinausgehender Selbstzweck.

Diese Sichtweise ist durch die naturwissenschaftlichen Untersuchungen der

Evolutionsbiologie in der Neuzeit völlig in Frage gestellt worden. Hier kommt

der Begriff der Mimikry (Titel meines neuen Kataloges) ins Spiel. Von Mimikry

spricht man, wenn durch Tarnung, Locken oder Warnen Eigenschaften

vorgetäuscht werden, die tatsächlich nicht vorhanden sind.

Sie dient dem Kampf ums Überleben und ist damit zweckhaft.

Gerade die Mimikry kann nicht auf die Schöpfung durch einen gütigen Gott

hinweisen, da die Täuschungsmanöver über die äußeren Attribute des Tieres, die

als schön (oder als hässlich) wahrgenommen werden, etwa blutrotes oder buntes

Gefieder, das Prinzip Fressen und Gefressenwerden verkörpern und den

grausamen Kampf ums Überleben anzeigen.


Meine Bilder werfen diese Frage auf und sprechen von dieser Ambivalenz der

Sichtweisen.

Einerseits verwende ich schöne Farben. Man kann sich in einem Farbrausch

verlieren, in einer Welt versinken, die kein Ende findet. Die Farben sind aber

auch fast unerträglich grell und sollen Unbehagen auslösen.

Schön oder hässlich Schön und hässlich?

Werden und Vergehen sollen in einem Prozess dargestellt werden.

Erster Schöpfungstag oder Apokalypse?

Schöpfungsgeschichte oder Selbstorganisation?

Ich möchte keine Antwort geben, sondern Fragen aufwerfen.

Es soll das Leben selbst in seiner Zerrissenheit und Abgründigkeit, aber auch in

seiner unbezweifelbaren Schönheit zu Wort kommen.

Die kleinen Wesen, die oft meine Bilder bevölkern, stellen dabei das

„Geschöpf“ in den Mittelpunkt, das in Mitten der Natur einen aussichtslosen

Kampf führt.

Hier denke ich an Nietzsches Dionysos, den Gott des orgiastischen Rausches,

der Gott der attischen Tragödie, der Gott, der als zerrissener und zeugender das

Leben selbst ist. Die Welt trotz ihrer Zerrissenheit, ihrer Leiderfahrung und

Grausamkeit zu bejahen.

Der mit Bewusstsein und Intelligenz ausgestattete Mensch bedarf der Kultur und

auch (noch?) der Religion, um sich über die Kontingenzerfahrung

hinwegzuretten.

Die Natur ist neutral. Die Worte grausam, hässlich Schön sind vielleicht die

falschen Begriffe für das, was Leben ausmacht , weil sie die Natur bewerten

oder ihr eine Absicht unterstellen.

Bewertungen kommen erst mit dem Menschen auf diese Welt.

Sein mangelnder Überblick führt zur Hilflosigkeit, zur Unmöglichkeit, die Welt

und das Danach zu durchdringen.

Meine Arbeiten sollen diese Undurchdringlichkeit zum Gegenstand machen.

Die illusionierte Räumlichkeit zeigt eine Perspektive in eine unendliche Tiefe

oder Höhe.

Aber wohin?“

Ulrike Donié

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