Romantisch? Oh, Schreck!

fleigejo

„André ist ja so romantisch.“ wollte meine Freundin Julie meinen Freund lobend bewundern. Mir verzog es das Gesicht. Ich hielt André für ganz normal, aber meinen Vater hielt ich ja auch für ganz normal. „Du bist ein romantischer Spinner.“, das hatte ich noch im Ohr aus den Streitigkeiten meiner Eltern damals vor ihrer Trennung. Vielleicht war André ja auch ein romantischer Spinner, und ich konnte es nur nicht erkennen. Ich kannte nur die wundervollen Tage meiner Kindheit, als meine Eltern sich noch liebten, und dann diese widerliche Zeit der Trennung. Sollte unsere Liebe auch demnächst daran zerbrechen, dass ich Andrés unerträgliche, romantische Spinnerei erkennen würde und nicht mehr ertragen könnte. In Panik sah ich mich, denn meine Eltern schwiegen. Germanistik studierte ich. Da gab's für die Romantik einen breiten Raum. Ich belegte ein Seminar zur Romantik, vielleicht würde ich ja da mehr über André und unsere Liebe erfahren.

Carmen Sevilla

Romantisch? Oh, Schreck!

Miriam und die romantischen Spinner

Erzählung

Nun geh ich stumm an dem vorbei,

Wo wir einst glücklich waren,

Und träume vor mich hin: es sei

Alles wie vor zehn Jahren.

Joachim Ringelnatz

„André ist ja so romantisch.“ wollte meine Freundin Julie

meinen Freund lobend bewundern. Mir verzog es das

Gesicht. Ich hielt André für ganz normal, aber meinen

Vater hielt ich ja auch für ganz normal. „Du bist ein

romantischer Spinner.“, das hatte ich noch im Ohr aus den

Streitigkeiten meiner Eltern damals vor ihrer Trennung.

Vielleicht war André ja auch ein romantischer Spinner, und

ich konnte es nur nicht erkennen. Ich kannte nur die

wundervollen Tage meiner Kindheit, als meine Eltern sich

noch liebten, und dann diese widerliche Zeit der Trennung.

Sollte unsere Liebe auch demnächst daran zerbrechen,

dass ich Andrés unerträgliche, romantische Spinnerei

erkennen würde und nicht mehr ertragen könnte. In Panik

sah ich mich, denn meine Eltern schwiegen. Germanistik

studierte ich. Da gab's für die Romantik einen breiten

Raum. Ich belegte ein Seminar zur Romantik, vielleicht

würde ich ja da mehr über André und unsere Liebe

erfahren.

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Romantisch? Oh, Schreck! - Inhalt

Romantisch? Oh, Schreck!.............................................................. 4

Backzeit.......................................................................................... 4

Zerwürfnis...................................................................................... 4

Romantikfreund..............................................................................5

Was ist romantisch?....................................................................... 6

Befürchtungen................................................................................ 7

Zerbrechende Liebe........................................................................ 8

Forderungen statt Liebe.................................................................8

Neue Beziehungsebene..................................................................9

André, my love.............................................................................10

Trennung kein erledigtes Thema..................................................11

Freund und Freundin....................................................................11

Wer braucht einen Therapeuten?.................................................12

Mein Junghegelianer.....................................................................13

Abgrund Schule............................................................................ 14

Romantischer November..............................................................15

Weihnachtsplanungen.................................................................. 16

Die Feiertage................................................................................ 17

Wo war mein Glück?..................................................................... 19

Kaffeekränzchen und Dinieren......................................................20

Obskure Perspektiven..................................................................21

Psychischer Tresor.......................................................................22

Journalistin werden?.................................................................... 22

Psycho Close-up........................................................................... 23

Fontana........................................................................................ 26

Springtime.................................................................................... 26

Keine One-Man-Show................................................................... 27

Freu dich, Miriam.......................................................................... 28

Geheimbundtreffen.......................................................................28

Annes große Streiche...................................................................29

Weihnachten für die neue alte Liebe............................................30

Mein Bild.......................................................................................30

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Romantisch? Oh, Schreck!

Backzeit

Heute lud die Sonne mit pompöser Pracht zu ihrer Untergangssoirée ein. Der

Abendhimmel schien all seine Fantasien und kreativen Kapazitäten bemüht zu

haben. Mit Farbtönen von Orange bis fast Dunkelrot hatte die untergehende

Sonne die langgezogenen grauen Wolkenfetzen angepinselt. Toll sah es schon

aus. Auf Postkarten hielt ich so etwas für einen Kitsch-Klimax. Was wollten die

Menschen, die derartige Karten verschickten ihren Freunden und Verwandten

sagen? „Schau mal, wie romantisch es hier ist. Wir sind total beseelt.“ Und die

Empfänger dachten: „Nein, wie romantisch. Die müssen sich ja absolut selig

fühlen.“ In Gefühlen wühlen, schön ohne jeglichen Bezug zu irgendeiner Realität?

Trotzdem sah es einfach gut aus am Himmel heute Abend. Niemand würde

es als hässlich oder daneben empfinden, und der Sonne mitteilen wollen, dass

sie an ihrem Firmament heute Abend reinsten Kitsch produziere. Als kleines

Mädchen hatte ich meiner Mutter mal staunend erzählt, dass der ganze Himmel

rot leuchte. Ihre Mutter habe ihr erklärt, das so etwas immer nur auftreten

könne, wenn im Himmel gerade gebacken werde. „Aha!“ hatte ich's erstaunt

und verschmitzt lächelnd vernommen, „Und was wird da gerade gebacken,

Weihnachtsplätzchen oder auch Brot und Brötchen?“ „Das weiß man doch

nicht. In das Alltagsleben im Himmel haben wir Sterblichen doch keinen Einblick.“

klärte sie mich auf. „Und woher will man dann wissen, dass dort jetzt

gerade gebacken wird?“ insistierte ich. Wir liebten diese kleinen Nonsens Gespräche,

die wir, bis auf ein leichtes Schmunzeln allenfalls, mit vollem Ernst

führten. „Na ja, du weißt doch, wie das so geht. Der eine erzählt's dem anderen,

der erzählt es wieder weiter, und in Zeit von Nichts hat es die Runde gemacht.“

gab sie als lapidare Erklärung. „Ja, aber der eine, woher weiß der's

denn?“ hatte ich Lust, es weiter zu treiben. „Beziehungen, verstehst du, sehr

gute Beziehungen braucht man da. Und damit steht's ja bei uns nicht zum Besten.“

Wir hätten jetzt noch so vieles zu erledigen, und wenn das alles geschafft

sei, wir mit allem fertig seien, wollten wir uns auch um bessere Beziehungen

zum Jenseits kümmern. „Wollen wir's so halten?“ schloss sie. Eine Redewendung,

die sie sehr häufig benutze, und wer einmal in der falschen Annahme,

dass es sich um eine offene Frage handele, zu erwägen versucht hatte, ob man

es nicht vielleicht auch anders halten könne, musste schnell feststellen, dass

dieser Spruch für meine Mutter nach ihrem Verständnis so viel bedeutete wie:

„So wird’s gemacht und kein bisschen anders.“ Sie hatte keine Lust mehr, weiter

über die Hintergründe des Abendrots ihrer Mutter zu diskutieren. Nie habe

ich sie als autoritär, harsch oder dominant empfunden. Eine liebevolle und zärtliche

Frau ist sie für mich, der es auch heute noch die größte Freude bereitet,

mit mir zu scherzen und mich zum Lachen bringen zu können.

Zerwürfnis

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 3 von 31


Sie wisse überhaupt nicht, was Liebe sei, hatte mein Vater ihr vorgeworfen,

bevor es zur Trennung der beiden kam. Ich habe nur einige Sentenzen ihrer

Auseinandersetzungen mitbekommen, aber so rational unerklärlich wie Liebe

sein kann, scheint es auch vor sich zu gehen, wenn zwei keine Gemeinsamkeiten

mehr sehen. Realitätsferne Romantizismen seien das alles, was er über

ihre Beziehung fantasiere, hatte meine Mutter vorwurfsvoll argumentiert. Meine

Mutter ohne Liebe und mein Vater ein tagträumerischer Spinner? Beide waren

verrückt, ich mochte und liebte jeden von ihnen, aber ich konnte ihnen ja

nicht erklären, warum sie sich gefälligst zu lieben hätten. Es tat einfach nur

weh, aber dass ich den Entschluss meiner Eltern zu respektieren hatte, ließ

mich meine fortgeschrittene Pubertät schon erkennen. Ich liebe meinen Vater

auch sehr, habe ein warmes, inniges Verhältnis zu ihm. Ich denke schon, dass

er als Mann sehr sensibel und feinfühlig ist. Etwas in die Richtung von matchohaftem

Gehabe fehlt ihm völlig, aber das gefällt mir ja gerade besonders an

ihm. Können etwa nur brutalomäßige Typen keine realitätsfernen Spinner sein?

Sollte meine Mutter jetzt so etwas bevorzugen? Was hatte sie denn in Paps gesehen,

als sie sich verliebten. Hatte sie eventuell nach etwas Unbestimmtem

gesucht, von dem sie meinte, dass es ihr fehle? Hatte sie in meinem Vater das

Fabelwesen vom blauen Planeten ihrer Sehnsucht gesehen, und war enttäuscht,

als sie erkannte, dass er auch nur ein ganz normaler Mensch mit vielleicht

ein wenig ungewöhnlichen Vorstellungen war? Darüber reden konnte

man mit ihr nicht. Es schien ein Bereich ihrer Biographie zu sein, mit dem sie

unzufrieden war und Gespräche darüber sofort abblockte.

Romantikfreund

Mir fiel auf, dass bei uns auch mein Freund für die Romantik zuständig war. So

war es zwar bei uns zu Hause nie gewesen. Paps hatte sich nie darum gekümmert,

dass es auch schön gemütlich war, nur gefielen mir wahrscheinlich Eigenschaften

meines Freundes, die bei meinem Vater Ähnlichkeiten fanden. Worin

Vaters realitätsfernen Romantizismen bestehen sollten, habe ich nie erfahren,

bei André verhielt es sich jedoch so, das es mir äußerst gut gefiel, was ihm oft

wichtig zu sein schien. Mit Realitätsferne und Romantizismus hatte es sicher

nichts zu tun, wenn er zum gemeinsamen Frühstück den Tisch freundlich deckte.

Wenn man sage: „Das Auge isst mit.“, bedeute es nicht nur, das der Braten,

den man zu verzehren beabsichtige, auch eine ansprechende Färbung aufweisen

müsse, sondern alles was im Blickwinkel des Bratenessers liege, übe einen

partikularen Einfluss auf sein Empfinden aus. Und ein bei Wohlgefühl verzehrter

Braten schmecke eben tausendmal besser, als ein in trister Stimmungslage

zu essender, den man sich trotz bester Qualität herunter würge, erklärte es

André. Da war nichts mit Romantik, um schlichte wahrnehmungspsychologische

Betrachtungen handelte es sich, die ich durch meine Erfahrungen nur verifizieren

konnte. Morgendliche Muffeligkeit, wie sie sich sonst bei mir lange

hinschleppen konnte, hatte an dem netten, frischen Frühstückstisch keinen

Platz. Während ich sonst stereotyp immer das Gleiche gegessen und getrunken

hatte, bekam ich jetzt Lust auf Abwechslung. Wie ein ganz kleines Fest war es

jeden Morgen. Ich fühlte mich gut drauf. Ein wunderbarer Start in den neuen

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 4 von 31


Tag.

Derartiges brachte André bei anderen Gelegenheiten häufiger. Er hatte sich nie

mit wahrnehmungspsychologischen Aspekten oder sonstigen Fragen aus diesen

Bereichen befasst, machte es einfach aus dem Bauch heraus, weil er es für angenehmer

und schöner hielt. Er hatte ein Gespür dafür. Vielleicht war dies ja

das Romantische an ihm, dass er seinen Gefühlen stärkere Beachtung schenkte.

Mir fiel so etwas gar nicht ein, kam überhaupt nicht drauf, war wohl ein wenig

stupid. Meine Gefühle meldeten sich erst, wenn ich das von André Initiierte

mit ihm gemeinsam genießen konnte. Anmutungen von Sentimentalität oder

Rührseligkeit hatten bei dem, was man vielleicht als romantisch deklarieren

könnte, keinen Raum. Sonnenuntergänge, Vollmondnächte oder dergleichen,

lösten in Andrés Gefühlshaushalt keine wallungsähnlichen Zustände aus.

Was ist romantisch?

Trotzdem meinte Julie, meine Freundin, dass ich mit André absolutes Glück gehabt

habe, der sei ja so romantisch. Was sie genau damit ausdrücken wollte,

habe ich sie leider nicht gefragt. Etwas, das sie für sich als positiv bewertete,

musste es ja sein. Ihn für einen realitätsfernen Tagträumer zu halten, hatte sie

wohl eher nicht zum Ausdruck bringen wollen. Ob sie ihn für einfühlsam und

feinfühlig hielt, oder den Begriff auch ein wenig weiter fasste, konnte man bei

Julie nicht genau wissen. Schließlich beliebte sie ja auch, Weihnachtsmärkte als

romantisch zu deklarieren. Man verstand sich nicht, wenn man Romantik oder

romantisch sagte. Klar war jedem nur, dass es sich dabei um etwas als schön

und angenehm zu Empfindendes handeln musste, das sich außergewöhnlich

gefühlsbetont gab. Wer's besonders mit dem Realitätsbezug hielt, sah darin allerdings

etwas Negatives, Geringschätziges. Für den handelte es sich dabei um

kitschige Gefühlsduselei, und deren Betreiber waren geschmacklose Träumer.

Vielleicht würde ich ja demnächst Genaueres wissen. Ich wollte nämlich ein Seminar

über Romantik belegen, einem speziellen Bereich zwar nur, der Bedeutung

der Romantik für die Schriftsteller des Vormärz, aber ich würde ja schon

erfahren, was diese von der Romantik gehalten, und was sie darin gesehen

hatten. Dass das Seminar aller Voraussicht nach nicht bei Kerzenschein stattfinden

würde, dessen glaubte ich mir auch jetzt schon absolut sicher sein zu

können, und dass von all jenen, die heute alles und nichts für romantisch halten

konnten, niemand mehr nach der blauen Blume suchte, wusste ich auch.

Romantisch war zu einem selbständigen Begriff der Umgangssprache geworden,

hatte dabei seine Beziehung zum Ursprung weitgehend verloren und

diente als mögliche Sammelbezeichnung für Begriffe mit sehr unterschiedlichem

Bedeutungsgehalt. "Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem

Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen

Schein gebe, so romantisiere ich es." was Novalis zur Zeit der Romantik sah,

hatte heute wohl niemand mehr im Hinterkopf, wenn er ein „Wie romantisch!“

beim Anblick des Abendrots hervor brachte. In gewisser Hinsicht rekurriert die

heutige Verwendung allerdings schon auf ihren Ursprung, die Flucht in die als

schön empfundene Natur war ja schließlich ein Hauptbestandteil der Romantik.

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 5 von 31


Nur Flucht in die Natur, wo sollte es die denn heute geben? Flucht wovor?

Flucht davor, vermittels Naturwissenschaften, die Natur verstehen zu wollen,

wie es in der Romantik der Fall war? Die kulturgeschichtliche Epoche der Romantik

basierte auf theoretischen Grundlagen aus allen Wissenschafts- und

Kulturbereichen. Sie stellte eine Ideengeschichte dar, die ihre historischen Bezüge

und Ursprünge hatte. Das spielt heute bei der Bezeichnung Romantik alles

keine Rolle mehr. Heute sind es losgelöste Bruchstücke, die manchmal eher

einem Bedürfnis nach Rotieren im Sentimentalen ohne jegliche ideengeschichtlichen

Bezüge ähneln. Ihre Bezüge und Ursprünge sollte man vielleicht eher in

den Romantikhotels suchen als in ernst zunehmenden gedanklichen Erwägungen.

Und wenn das Bedürfnis nach dem, was als romantisch bezeichnet wird

zunimmt, ist dies eher ein Zeichen für einen psychosozialen Mangelzustand in

weiten Bevölkerungskreisen. Grundbedürfnisse nach Harmonie und Geborgenheit,

nach Wohlfühlerfahrungen und warmen zwischenmenschlichen Kontakten

werden im realen Lebensalltag nicht mehr hinreichend befriedigt und bedürfen

als Ausgleich romantischer Events im Privatbereich, die dort realer Bezüge entbehren

und im Sentimentalen suhlen. Bei der Romantik unserer Tage handelt

es sich nicht um eine kulturgeschichtliche Strömung, sondern sie ist ein Produkt

der psychosozialen Lebensbedingungen unter den gegenwärtigen Verhältnissen

und äußert sich meistens in übermäßig gefühlsbetonten Formen.

André selbst, der Mathematik und Philosophie studierte, hätte sich in seiner ästhetischen

und emotionalen Verfasstheit wohl keiner dieser Beschreibungen

des Romantischen zuordnen lassen wollen, weder der von Schlegel, Novalis

und seinen Zeitgenossen benannten noch dem heute weitgefassten umgangssprachlichen

Begriff. Und er sah sich auch nicht vor der Dichotomie naturwissenschaftliches

Denken versus Gefallen an der Natur finden.

Befürchtungen

Auch wenn mir das, was andere als das Romantische an André bewerteten,

ausgesprochen gut gefiel, es überhaupt nicht als romantisch bezeichnet haben

und so sehen wollte, machte ich mir doch Gedanken. Könnte der Tag kommen,

an dem ich es nicht mehr schätzen würde, sondern es mich vielleicht sogar aus

irgendeinem unerfindlichen Grund zu nerven begänne? Mama musste Paps

Verhalten ja schließlich auch über Jahre hin gemocht und geliebt haben. In jemanden,

den sie für einen gefühlsduseligen Spinner hielt, hätte sie sich ja wohl

kaum verliebt. Hatte ich mich nicht nur in einen Mann verliebt, der viele Ähnlichkeiten

mit meinem Vater hatte, sondern von dem ich mich demnächst auch

ähnlich meiner Mutter zu trennen wünschen sollte? Wir versicherten uns gegenseitig

unserer großen Liebe und überlegten, worauf wir besondere Obacht

geben wollten, und was wir vordringlich zu berücksichtigen hätten, damit es

auch immer so bliebe. Nur das würden meine Eltern auch wahrscheinlich nicht

viel anders gemacht haben. Sie waren ja schließlich fünfzehn Jahre zusammen

gewesen und ich mit André erst eineinhalb. Dass ich jedoch das, was ich bei

meinen Eltern erlebt hatte, auch in dreizehneinhalb Jahren nicht würde erleben

wollen, dessen war ich mir heute schon absolut sicher. Ich dachte nicht häufig

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 6 von 31


daran, aber immer mal wieder kamen in mir derartige Gedanken auf. Hatte die

Trennung meiner Eltern doch einen Schaden bei mir hinterlassen? War ich von

einer Scheidungsphobie ähnlichen Befürchtung befallen? Hatte es mich psychisch

so tief verletzt, dass der Gedanke daran mir heute noch Angst machte?

Zerbrechende Liebe

Es hatte mich damals schon sehr beschäftigt, wobei nicht einmal im Vordergrund

stand, dass die Atmosphäre zu Hause dadurch zerstört werden würde.

Mir war es unfassbar, dass zwei, die ich für so tolle Menschen hielt, so etwas

grenzenlos Irrsinniges anstellen konnten. Ich wollte es verstehen können, wollte

genau wissen, was sich in den Menschen dabei abspielte, obwohl ich ja von

ihren konkreten Bedingungen so gut wie nichts wusste. Alles über die Liebe

zwischen Mann und Frau und über ihr Scheitern wollte ich in Erfahrung bringen.

Mit gerade vierzehn lernte ich, dass Liebe nicht nur im Smaltalk ständig

präsent ist, sondern seit alters her auch das Thema Nummer eins in der ernst

zu nehmenden Literatur und Gedankenwelt bildete. Verstehen konnte ich es

trotz meines Intensivstudiums nicht. Ich würde nicht mal plötzlich zu meinem

Teddy 'du Arschloch' sagen und ihn wegwerfen können. Ich hab ihn sogar heute

noch, auch wenn ich jetzt jemand anderen zum Schmusen habe, ist er ein

Teil meiner Geschichte, die ich absolut nicht wegwerfen kann und will. Was

muss das für eine Liebe sein, bei der so etwas einfach so möglich wird. Verstanden,

so dass ich es nachempfinden konnte, habe ich es zwar nicht, aber

gelernt, dass es eine Vielzahl von Gründen gibt, woran Liebe zerbrechen und

der Partner sogar zum Aggressionsobjekt werden kann. Durch meine ausführlichen

Beschäftigungen damit, galt das Problem für mich als abgeschlossen.

Meine Aufregung war verflogen, und ich würde mit den Folgen leben. Ich empfand

nicht, dass es mich weiter beschäftigte und quälte. Natürliche wäre es anders

schöner gewesen, aber mit Mama allein war es schon o. k..

Forderungen statt Liebe

Warum sprach meine Mutter nicht darüber? Sie könnte mir doch eventuell dadurch

ähnliche Entwicklungen bei uns vermeiden helfen. Schämte sie sich,

dass es ihr nicht gelungen war, eine beständige Ehe zu führen? So konnte es

nicht sein, aber was ließ sie dann schweigen? Es musste etwas für sie Unangenehmes

sein, etwas bei dem sie peinliche Fehler einzugestehen hätte. Bislang

stand für mich fest, dass sie darüber nicht reden wollte, aber ich würde es

doch noch einmal versuchen. Es ließ mir keine Ruhe. An einem Wochenende

fuhr ich zu ihr. Wir sprachen über André, und wie herrlich ich alles fände. Ich

erklärte: „Mama, ich habe dich immer für eine wundervolle Frau gehalten und

tue es auch heute noch, nur es gibt einen Punkt an dem ich dich als absolut

bescheuert gesehen habe, und das hat sich bis heute auch nicht verändert.“

„Als wir uns getrennt haben, nicht wahr?“ reagierte meine Mutter. „Ja, und ich

halte mich auch für eine Frau, die ziemlich o. k. ist, und ich habe Angst, dass

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 7 von 31


ei mir auch mal so eine Situation eintreten könnte, in der ich mich so irrsinnig

verhielte. So etwas möchte ich mit André nie, nie, nie erleben. Aber ich bin unsicher,

ich weiß nicht wie es dazu kommen kann, wie sich eine Beziehung so

entwickeln kann. Gewollt habt ihr es doch vorher auch bestimmt nicht.“ antwortete

ich darauf. Meine Mutter schaute mich tief an und verzog ihren Mund

zu einem Lächeln. Sie nahm einen Schluck Kaffee, sog mit Blick ins Leere an

ihrer Zigarette und blies den Rauch in einem langen Zug gegen die Decke. „Miriam,

was soll ich dir denn erzählen? Ich werde doch selbst nie damit fertig. Es

war mein Leben, ein wunderschönes Leben. Die Liebe mit Nick war die schönste

Zeit meines Lebens. Das war so und wird auch immer so bleiben. Ich bin

blind gewesen, wusste nicht was ich tat, habe nicht gemerkt, dass ich begonnen

hatte, mir dieses Glück selber zu zerstören.“ „Und was hast du konkret gemacht?“

unterbrach ich fragend den Redefluss meiner Mutter. „Na ja, es geht

dir gut, du fühlst dich wohl, bist zufrieden. Das ist jeden Tag so. Wenn sich

nicht etwas Außergewöhnliches ereignet, nimmst du es irgendwann gar nicht

mehr als etwas Besonderes wahr, es ist selbstverständlich. Womit das zusammenhängt,

siehst du gar nicht mehr, und jemandem deine Liebe dafür zu

schenken, fällt dir gar nicht mehr ein. Natürlich hat sich an der Liebe zu deinem

Liebsten nichts verändert, denkst du, aber jetzt fallen dir zunehmend öfter

Dinge auf, von denen du meinst, wenn er sich ein wenig anders verhielte,

würde es dich noch glücklicher machen. Warum tut er dies oder jenes denn

nicht, wo er doch wissen müsste, dass es dir gut gefiele. Miriam, du bist da

schon auf eine Bahn geraten, auf der das Ausmaß der Selbstzerstörung sich eigenmächtig

potenziert. In der Liebe hat es dich nur erfreut, geben zu können,

Lust daran den anderen zu beschenken, daraus resultierte das Glück, wenn du

anfängst, vom Partner die Erfüllung irgendwelcher Ansprüche zu erwarten, hat

das mit Liebe nichts mehr zu tun. Du beginnst damit, sie langsam zu killen, in

dir selbst und im anderen auch. Du beginnst mit der Arbeit daran, eines Tages

sagen zu können: „Ich würde dich lieben, wenn du ganz anders wärst.“. Selbst

wenn es dir auch irgendwann bewusst wird, aber es gibt einen Punkt, an dem

du nicht mehr zurück kannst. Alles Empfundene rückgängig machen, das geht

dann nicht mehr. Wenn's dir nicht bewusst ist, betreibst du es einfach weiter,

und wenn's dir bewusst ist, was sich da abspielt, tust du's zwar auch, kommst

dir nur dabei vor, wie in deinem eigenen Irrenhaus.“ erläuterte meine Mutter.

„Aber es wird doch nicht an dir allein gelegen haben, dass ihr euch nicht mehr

vertragen habt und unbedingt voneinander loskommen wolltet. Wie ist Paps

den damit umgegangen?“ wollte ich wissen. „Ich denke schon, dass es von mir

ausging. Bei Nick ist mir zumindest nichts aufgefallen, aber es beginnt ja auch

ganz langsam schleichend. Du nimmst es selber gar nicht als eine Forderung,

die keine Liebesbezeugung ist, wahr. Na ja, das wirkt sich dann schnell auf die

Einstellung des Partners zu dir aus und trägt damit zur Potenzierung bei. Wenn

Nick mir vorwirft, ich sage ihm ständig, was er zu tun und wie er sich zu verhalten

habe, aber äußerst selten nur, dass ich ihn liebe, hat er wahrscheinlich

Recht, aber glücklich macht mich die Kritik auch nicht gerade. Sie ist berechtigt,

aber trotzdem ein Vorwurf der mit irgendeiner Art von Liebe nichts zu tun

hat. Die Beziehung erschöpft sich hinterher in unerfüllten Forderungen und

Vorwürfen an den Partner. Und das beruht dann absolut auf Gegenseitigkeit,

unabhängig davon, wer ursprünglich mal damit begonnen hat, das gemeinsa-

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 8 von 31


me Gleis der Liebe zu verlassen.

Neue Beziehungsebene

„Und die Vorwürfe und Forderungen waren die denn berechtigt?“ fragte ich

wohl ein wenig dümmlich. Mir ging es auch eigentlich nur darum, zu erfahren,

was sie sich denn konkret alles vorgeworfen hatten. Meine Mutter verzog den

Mund zu einem abschätzigen Lächeln mit breiten Lippen, hochgezogenen Brauen

und einem Blick, der im günstigsten Fall sagte: „Du erwartest doch wohl

nicht, dass ich darauf antworte.“. Sie ging aber doch darauf ein. „Miriam, es

können ja Banalitäten sein, die du vorher gar nicht wahrgenommen hast, oder,

die dir nichts bedeuteten. Langsam steigert sich der Grad ihrer Relevanz für

dich und deine Zufriedenheit, bis es schließlich zu einem zentralen Moment

wird. Nick war immer lieb und nett, rücksichtsvoll und einfühlsam, wunderbar.

Aber es gibt natürlich auch Momente, in denen eine Frau das mal nicht für so

erforderlich hält. Ist bei mir wenigstens so. Nur war das ja nichts Neues, hat

nie gestört, war nie ein Problem zwischen uns. Wir konnten immer locker damit

umgehen. Jetzt plötzlich wurde es eins. Ein ganz zentrales, mit bösen Vorwürfen

und herabsetzenden Beleidigungen. Es ist tatsächlich alles irrsinnig, wie du

sagst, was sich da entwickeln kann. Nur du bist darin gefangen, es ist wie ein

psychischer Käfig, aus dem du nicht entfliehen kannst.“ In etwa meinte ich

jetzt verstehen zu können, durch welche Hölle sich die beiden damals selbst

getrieben hatten. „Ich denke sehr gut verstanden zu haben, was du erzählt

hast. Es hat mir vieles verdeutlicht. Nur du meinst, wenn du den anderen für

irgendetwas kritisierst, hat das mit Liebe nichts mehr zu tun, sondern ist ein

Zeichen dafür, dass sie bereits zu zerbröckeln beginnt?“ fragte ich nach. „Ach

wo!“ reagierte meine Mutter lachend, „Selbstverständlich kannst du etwas kritisieren

oder dich sogar streiten. Das haben wir ja vorher auch getan. Es ist

nur eine Frage auf welcher Basis es geschieht. Eine Mutter kritisiert doch auch

ihr Kind, ohne dass sich dadurch ein Fünkchen an ihrer Liebe ändern würde.

Nur wenn du der Ansicht bist, dass sich durch das von dir Kritisierte das Bild

der Persönlichkeit des Partners für dich ändern würde, wenn du beginnst,

dunkle Flecke auf die leuchtende Darstellung zu malen, beginnt es ernst zu

werden. Miriam, für mich hört es sich nicht gut an,“ fuhr sie fort, „wenn du

mich immer noch Mama nennst. Wir sind doch zwei erwachsene Frauen, die

miteinander reden. Worüber wir gerade gesprochen haben, weiß sonst niemand

von mir. Mir klingt es vertrauensvoller und gleichberechtigter, wenn du

Anne zu mir sagst, und zur Not bedeutet das ja auch immer noch Mama.“ Wir

lachten und umarmten uns. Mir erschien es auch so, dass das Bild der Beziehung

zu meiner Mutter nicht nur einige zusätzliche Farben gewonnen hatte,

sondern dass sich das bislang eher luftige wirkende Aquarell zu einem gravitätischen

Ölgemälde entwickelt hatte. Ich dachte, es sei schon längst so gewesen,

aber ich merkte, dass sie mich jetzt tatsächlich als eine erwachsen Frau

anerkannte.

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 9 von 31


André, my love

Nach den Erläuterungen meiner Mutter hatten also André und ich die Permission,

uns getrost weiter anmeckern zu dürfen, ohne dass es unserer Liebe abhold

sein könne. Wobei ich der Ansicht war, das bei uns sogar das Gegenteil

der Fall war. Die kleinen Zickereien hatten nicht selten zur Folge, dass wir uns

anschließend im Bett wiederfanden. Nach anderthalb Jahren noch richtig verliebt.

So musste es wohl sein. Eine Phase der ekstatisch Verliebtheit hatte es

bei mir gar nicht gegeben. Anscheinend brauchte man nicht zu Anfang ein wenig

durchgedreht zu sein, um sich erfüllend lieben zu können. Schade, erfahren

hätte ich ja schon gern mal, wie sich so etwas anfühlt, aber für tranceartige

Entrückungszustände war ich anscheinend nicht das geeignete Medium. Ich

sah meine Liebe zu André ein wenig kurios. Ich liebte in ihm nicht nur den

Mann, den die Frau wollte, er war für mich viel mehr. Er stellte auch meinen

gewünschten Bruder dar, den ich leider nie gehabt hatte, mein bester Freund

und Kumpel musste er sein und meine sogenannte allerbeste Freundin auch.

Alle Personen, denen ich gern meine Liebe geschenkt hätte, die mir aber fehlten,

musste André verkörpern. Weil ich das alles in André so wunderbar erkennen

und lieben konnte, hielt ich ihn für einen ganz besonderen Menschen, der

extra für mich auf dieser Welt kreiert sein müsse. So ein üblicher Typ mit der

normalen stupiden Männersozialisation würde so etwas doch niemals bringen

können. Vielleicht war es ja mein Romantizismus, das ich in André einen realisierten

Traum sah, den ich zwar nicht geträumt hatte, aber liebend gern geträumt

haben würde. Träume können wunderbar sein, sie Wirklichkeit werden

lassen fantastisch, aber manchmal musste du der Realität einfach zugestehen,

dass sie es besser bringt, als du in all deinen Träumen.

Trennung kein erledigtes Thema

André und ich unterhielten uns lange über das Gespräch mit meiner Mutter.

Grundsätzlich waren wir froh, dass es mit unterschiedlichen romantischen Ambitionen

der Partner nichts zu tun hatte, sondern sich um den üblichen Weg der

Destruktion einer Liebe handelte, wie sie in jeder Beziehung auftreten konnte.

Dass wir selbst bei uns schon damit begonnen haben könnten, wurde energisch

bestritten, selbst wenn es etwas gab, das mir an André total zuwider war.

Ich hasste seine Vorliebe für diese dunkelgrüne Cordhose. Einen dunklen Punkt

auf meinem Bild von ihm hatte es dafür aber bestimmt nicht gegeben, und

wenn die Entzugserscheinungen übermächtig wurden, ließ ich ihn diesen Ausbund

von Scheußlichkeit an Beinkleidern ja auch tragen. Wie mein Vater denn

zu der Trennung heute stehe, wollte André wissen, aber darüber war mir auch

sehr wenig bekannt. Er hatte mir einfach zugestimmt. Als irrsinnig könne man

es schon bezeichnen, aber damals sei alles schon zu spät gewesen, es wäre

nur noch eine Trennung als möglicher weiterer Weg übrig geblieben. André

kam es sonderbar vor. Nur eine Erleichterung, dass sie sich jetzt nicht mehr

gegenseitig quälen müssten, sei es doch anscheinend nicht gewesen. Es sei

jetzt schon zehn Jahre her und beide seien immer noch allein. Den Eindruck,

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 10 von 31


dass es sich dabei um ihre bevorzugte Lebensform handle oder sie nicht über

entsprechende soziale Kompetenzen für neue Beziehungen verfügten, machten

beide auf ihn nicht. Er vermutete, dass es für beide, trotz der vielen Jahre,

kein erledigtes Thema sei. Bezüglich meiner Mutter konnte ich ihm darin nur

zustimmen.

Freund und Freundin

Jetzt hatte mein Vater eine Freundin. Meine Mutter hatte auch schon mal einen

Freund gehabt. Nicht mal ein halbes Jahr hatte es gedauert. Da meine Mutter

keine Spur von Traurigkeit oder Enttäuschung gezeigt hatte, musste sie ihn

wohl rausgeworfen haben und froh darüber sein. Ich wollte überhaupt nichts

dazu wissen. Ich freute mich nur, dass er verschwunden war. Was für ein Typ

er war, dazu konnte ich gar nichts sagen, ich hatte damals nur gemerkt, dass

es mir grundsätzlich nicht gefiel, dass meine Mutter einen Freund hatte. Ich

hätte mich doch für sie freuen müssen. Sie würde glücklich sein und wieder lieben

können, aber mir war die Vorstellung unangenehm. Am liebsten hätte ich

es ihr verboten. Mein Bild sah sie in den Armen von Paps, sich aneinander geschmiegt

liebkosen und küssen. Das war für mich das Glück. Anders wollte ich

sie nicht sehen. Es würde mein Bild zerstören. Wenn aus der Beziehung mehr

geworden wäre, hätte ich sie gewiss nur noch selten besucht, weil es jedes mal

geschmerzt hätte, sie in einen anderen Mann verliebt zu sehen. Kindisch

dumm, meine Vorstellung. Ich wollte sie ja auch nicht wahr haben und missachtete

sie. Nur gefallen konnte es mir trotzdem nicht, dass meine Mutter

einen Freund hatte. Womöglich war es gar nicht die Beziehung meiner Mutter,

der ich zentrale Beachtung schenkte, sondern meiner eigenen Kindheit. Das

Glück meiner Kindheit war an Mama und Paps gebunden, es war mein glückliches

Leben mit ihnen beiden. Das war meine Welt, die ich geliebt hatte, in der

ich aufgewachsen und glücklich war. Dieses Bild war ich, die kleine Miriam. Es

hatte starr so über all die Jahre verharrt. Sich nicht im Geringsten im Laufe der

Zeit den veränderten Gegebenheiten angenähert, sich nicht verändert und sich

nicht entwickelt. Wie eine Ikone trug meine Seele diese Bild mit sich herum. Es

kam mir vor, als ob ein anderer Mann, der Mama in den Armen hielt, diese Bild

zerstören wollte, es als nutzlos, wertlos deklariere. Es würde nicht mehr gebraucht.

Im Grunde realitätsferner Unsinn, aber meine Emotionen spielten mir

diese Assoziation ein. Als verkraftet konnte man bei mir die Trennung meiner

Eltern auch in dieser Angelegenheit wohl nicht ansehen.

Bei meinem Vater verhielt es sich jetzt kein bisschen anders. Ich solle sie doch

mal besuchen kommen. Ihm sei sehr viel daran gelegen, das seine Freundin

und ich ein gutes Verhältnis zueinander bekämen. Ich würde sie bestimmt mögen.

Bestimmt nicht. Hassen, würde ich sie, obwohl ich sie gar nicht kannte.

Ich wusste einfach nur, dass sie störte, störte im Bild, das ich von meinen Eltern

hatte, auch wenn es eine Produktion meines Kopfes war, dem jeglicher Bezug

zur heutigen Realität fehlte.

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 11 von 31


Wer braucht einen Therapeuten?

Ob ich einen Therapeuten brauche, überlegten André und ich. Leidensdruck erfüllte

mich ja nicht. Es handelte sich eben nur um eine Macke, die ich lieber

nicht gehabt hätte. „Die Alternative wäre, deine Eltern würden sich wieder vertragen,

dann könnte dein Vater wieder deine Mutter in den Armen halten, und

dein Bild stimmte wieder.“ meinte André. Die Vorstellung erheiterte mich. „Ja

und wie soll das gehen? Wird meine Mutter meinen Vater anrufen: 'Hallo Nick,

du weißt doch, die Sache damals vor zehn Jahren, das war alles nicht so gemeint.

Tut mir leid. Soll nicht wieder vorkommen. Vergiss es. Lass uns doch

lieber zusammen wohnen, dann können wir uns die teure zweite Wohnung sparen.'

Meinst du so könnte das gehen, oder müsste sie vielleicht doch noch etwas

sagen in der Richtung, dass sie ihn immer noch liebe oder so?“ wollte ich

wissen, und wir lachten. „Nein,“ erläuterte André, „es war schon ein wenig

scherzhaft gemeint, aber wenn du überlegst, ist es doch auch heute noch pervers.

Die beiden haben mit der Trennung keinen Schlussstrich unter ihr bisheriges

Leben gezogen nach der Devise, „Jetzt ist es vorbei. Jetzt beginnt etwas

Neues.“. Es scheint doch bei beiden tief in ihre Psyche eingegriffen zu haben,

in ihre Emotionalität, in ihr soziales Verhalten, als ob es ihren Umgang mit der

sie umgebenden Welt verändert hätte. Und damit scheinen sie ja wohl nicht

fertig zu werden, nach zehn Jahren noch nicht. Es scheint immer noch in ihnen

zu wühlen und sie zu quälen. Wie es aussieht, brauchten die beiden eigentlich

dringend einen Psychotherapeuten.“ „Mein Liebster, ich sehe es ja auch so,

dass die beiden das, was ihnen am kostbarsten war, unbewusst selber zu Grunde

gerichtet haben, dass sie sich ihr Leben völlig vermurkst haben, dass sie

fahrlässig etwas angestellt haben, was ihren Seelen langanhaltenden Schaden

zugefügt hat, alles sehr schlimm. Ich sage es nicht, weil ich ihnen Vorwürfe

damit machen will. Ich liebe sie beide, was geschehen ist, wird mir immer für

beide leid tun. Aber anzunehmen, wenn es beide gleich sähen, müsse doch etwas

zu reparieren sein, ist absolute Illusion. Da sind keine offenen Wunden, die

man heilen könnte, sie haben alles tot gemacht. Jemandem, der dich herabwürdigend

übel beleidigt und beschimpft hat, wirst du vielleicht verzeihen können,

wenn er alles bereut, aber lieben wirst du diesen Menschen, der dazu in

der Lage war, nicht mehr können. Du wirst das Geschehene nicht wieder aus

der Welt schaffen, in dem du es zu einem großen Fehler erklärst. Die beiden

haben sich gegenseitig und selbst die Basis zerstört, auf der eine Beziehung

zwischen Menschen möglich ist. Wenn du meinst, dass sie doch eigentlich wieder

zusammenfinden könnten, werde ich dich umtaufen müssen mein Junghegelianer,

etwa zu meinem romantischen Träumerprinzen oder so. Es gibt eben

vieles Unangenehme auch in deiner eigenen engsten Umgebung, das du einfach

so akzeptieren musst, weil es nicht zu ändern ist. Wie überall sonst auf

der Welt auch.“ erwiderte ich André.

Mein Junghegelianer

'Mein Junghegelianer' war er liebevoll scherzhaft für mich, seit wir mal fast ein

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 12 von 31


ganzes Wochenende über Hegel diskutiert hatten, er Philosophie studierte und

ich die Junghegelianer sowie das Wort selber mochte. André hatte sich immer

schon sehr tiefgreifend gedanklich beschäftigt. Die linguistische Welt hatte er

mit elf Jahren grundlegend zu erschüttern versucht. Als er das Wort panaschieren

kennen lernte, habe er sich totgelacht. Es sei für ihn das schönste Wort gewesen,

das er je gehört habe. Beklagt habe er sich darüber, dass man es viel

zu selten verwende. Er werde das ändern. Überall dort hatte er es verwendet,

wo es ihm besser gefiel, als das übliche, gebräuchliche Verb. „Das muss ich

erst noch mal gründlich panaschieren.“ sagte er dann etwa, und aus dem

Sachzusammenhang war evident, dass ihm hier die Bedeutung von 'untersuchen'

oder 'recherchieren' zukam. Als sich Andrés Panaschierungsaktivitäten

häuften, habe sein Vater ihn amüsiert gefragt, ob er denke, dass eine Sprache

mit einem einzigen Verb auskommen könne. Die Bedeutung ergäbe sich doch

aus dem Zusammenhang, habe André erklärt, worauf sein Vater gemeint habe,

wenn es nur noch ein Verb gebe, könne man dies doch auch ganz weglassen,

da ja jeder wisse, dass es sowieso nichts Alternatives gebe. Nein, nein, es mache

ja gerade das Schöne aus, es verwenden und hören zu können. Sein Vater

habe noch zu Bedenken gegeben, dass die Schönheit aber verblasse, wenn

man es ausschließlich und ständig höre. Doch bevor die Linguisten ihre ablehnenden

Einwände zu Andrés Vorstellungen einbringen konnten, hatte er selber

erkennen müssen, dass das Verb ein konstitutives Element einer Aussage bildet,

das ein hohes Maß an Differenzierungsmöglichkeiten wünschenswert macht

und eben wohl doch nicht alles zu panaschieren sei. Ob man es nicht losgelöst

von seiner Ursprungsbedeutung als Sammelbezeichnung für Verben aus einem

Tätigkeitsfeld mit ähnlichen Handlungsbezügen verwenden könne, und

sich dadurch eine weitaus höhere Anwendungsmöglichkeit schaffe, hatte er damals

nicht in Erwägung gezogen. Heute, nachdem er sich über den Alltagsbegriff

Romantik Gedanken gemacht hatte, wäre er bestimmt auf die Idee gekommen.

Alles was man sonst unter nachforschen, erkundigen, eruieren, recherchieren

und vielem ähnlichen mehr verstanden hätte, bezeichnete man

dann generell als panaschieren. Die Germanisten stritten sich über den tatsächlichen

Bedeutungsgehalt des Wortes, und die panaschierenden Wähler

fragten sich, was ihre Aktivität denn eigentlich mit panaschieren zu tun habe.

Abgrund Schule

Aber ob André damals im Alter von zehn Jahren schon über die erforderlichen

Kräfte verfügt hätte, so direkt auf die Sprachentwicklung einwirken zu können,

war nicht sicher. Heute verfügte er über viele Kräfte, wobei ich die physischen

unberücksichtigt lasse. Über die Kraft, uns vor dem sich immer deutlicher abzeichnenden

Ende unserer Studi-Zeit zu bewahren, schien aber auch er nicht

zu verfügen. In meinem Romantik-Vormärz Seminar beschäftigte ich mich wieder

mit meinem Literatur-Liebsten Heine. Als Kind hatte ich den Menschen geliebt,

der diese Gedichte geschrieben hatte, als Jugendliche hatte ich den Menschen

geliebt, der dieses Leben geführt hatte und anschließend meinte ich, den

Menschen selbst näher zu kennen, seine Gedanken und Emotionen verstehen

zu können, die Persönlichkeit dieses genialen Menschen zu lieben. Er war mein

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 13 von 31


Liebster in der Literatur, der mich immer begleitet hatte und ich war ein eifersüchtig,

dass eine so große Anzahl fremder, unqualifizierter Menschen sich mit

ihm schmücken und verbrüdern wollte. Ich denke auch, das André neben den

vielen anderen, die er schon darstellen musste, ein wenig von dem verkörperte,

wie ich mir Heinrich Heine vorstellte, selbst wenn er noch nie ein einziges

Gedicht für mich verfasst hatte. Um das zu können, würde er trotz all seiner

Romantik wahrscheinlich erst einmal nach Kevelaer pilgern müssen und der gelobten

Marie ein Wachsgedicht zu opfern haben. Die Tage an denen wir sehr

wohl wussten, was es zu bedeuten hatte, dass wir so traurig waren, häuften

sich, und der Fluss an dem sich dies zutrug, war nicht der Rhein, sondern die

Zeit, die immer schneller voran zu strömen schien, um uns dem Strudel zuzuführen,

der uns im Abgrund Schule versenken sollte. Es war nicht der Umgang

mit den Kindern, der uns schreckte, es war der Ekel vor dem Apparat, der Administration,

den Hierarchien und Bürokratien, der ganzen Atmosphäre, die uns

muffig erschien und die wir nicht mochten, dem ganzen System Schule. Das

war gar nicht unsere Welt. Damit wollten wir eigentlich nichts zu tun haben.

Wir wollten beide überhaupt keine Lehrer sein, sondern 'ganz normale Menschen'

bleiben. Wir hatten es aber doch von Anfang an gewusst, worüber wollten

wir uns denn da jetzt plötzlich beschweren? Die Gewichtungen hatten sich

im Laufe der Zeit verschoben. Zu Beginn war die Berufspraxis in der Schule

noch sehr entfernt und nicht so bedrohlich erschienen. Es war daher auch gar

nicht schwer gefallen, sich für die Schule zu entscheiden, wenn wir dadurch in

unseren Interessengebieten studieren konnten. Ich hatte es ja versucht, hatte

mit Jura begonnen, nur das war der Gipfel. Der Schwerpunkt meiner Interessen,

nicht in die Schule zu müssen, wurde hier überhaupt nicht thematisiert,

und alles andere, was ich da so zu hören bekam, interessierte mich im Grunde

nicht die Bohne. Es war ja noch ein wenig hin, aber die Panik vorm Referendariat

nahm zu. Die semikompetenten Fachleiter und gewichtigen Ausbildungslehrer,

die Unterrichtsbesuche mit den feinziselierten Planungen, an denen man

fimschig herumzunörgeln versuchen würde, das war alles gar nicht das Meine.

„Miriam, wenn es dich so sehr schockt, wirst du etwas anderes machen müssen,

nur es wird dich nichts anfliegen. Da wirst du dich schon drum kümmern

müssen, musst etwas dafür tun. Mir kommt es eher vor, als ob du in einem

Schockzustand erstarrt wärest, und hofftest, dass die Schlange Schule dich

vielleicht doch nicht verschlingen würde.“ schienen André meine Klagen zu nerven.

In der Tat, so ein Verhalten war mir eigentlich fremd, etwas wie ein unabwendbares

Schicksal auf sich zukommen lassen. Es war von Anfang an sonnenklar,

für Germanistik und Philosophie standen für uns beide nur in der Schule

Arbeitsplätze zur Verfügung. Sich doch noch nach anderen Möglichkeiten umzuschauen,

war gar nicht in Erwägung gezogen worden. Wir hatten nichts versucht,

hatten uns keine Gedanken gemacht. Jetzt stand für mich fest, ich würde

nach allen nur erdenklichen Wegen suchen, damit ich, wenn ich dann letztendlich

doch in die Schule müsste, zumindest vor mir selbst erklären könnte,

nichts unversucht gelassen zu haben. Wenn ich mich entschlossen auf mir noch

Unklares einließ, bereitete es mir ein gutes Gefühl. Ich wusste, dass ich mich

voll darauf stürzen und mich darin vertiefen würde. Es war wie ein neues Ziel,

von dem ich überzeugt war, es würde für mich erreichbar sein. Das erstarrte

Kaninchen war aufgesprungen und hatte die lauernde Schlange vertrieben.

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 14 von 31


Romantischer November

Ich sah es so, dass Andrés Vorstellungen weniger von Affinitäten zum Romantischen

dominiert wurden, sondern ihm ein sensibleres psychisches Wahrnehmungssystem

in die Wiege gelegt worden war. Es war eben häufig so, dass ich

mich fragte: „Warum ist mir das nicht aufgefallen? Warum bin ich nicht darauf

gekommen? Warum habe ich das nicht gesehen?“ Ich hielt mich keinesfalls für

hölzern, plump und unsensibel, aber vielleicht hat man sich ja auch nur angewöhnt,

die Dinge sehr viel differenzierter zu betrachten, wenn man in jungen

Jahren schon begonnen hatte, den Analysen Kants zu folgen.

Meinen romantischsten Monat fand André einfach grässlich. Der November sei

eindeutig der unangenehmste Monat des Jahres, und nicht umsonst seien alle

Trauer, Tod und Trübsal betreffenden Gedenktage in diesen Monat gelegt. Na

ja, wonniglich erschien er mir ja auch nicht gerade, nur die anderen Monate

traten für mich emotional gar nicht so deutlich in Erscheinung. Im November

gab es eben Manches, was mir auffällig ins Gefühlsleben rückte. Die wilden

Stürme ließ ich nicht nur lachend mein Haar zerzauseln, sondern auch meine

Seele durften sie aufwühlend zu wilder Lust animieren. Die endlos scheinenden

Tage mit den durchgezogenen grauen Wolkendecken, an denen es nie richtig

hell wurde, und man nie wusste, in welcher Form es gleich wieder zu regnen

begänne, bescherten meinem Schmuse- und Kuschelbedürfnis ungeahnte Höhepunkte.

Auch wenn's schön warm war, braucht ich am Sonntagnachmittag

eine Wolldecke auf der Couch und vor allem bluesige oder andere traurig schöne

Musik. Als depressiv empfand ich meine Stimmung keinesfalls, rührselig,

sentimental das war schon eher die Richtung, in die es tendierte. Eigentlich

mochte ich so etwas gar nicht, nur der November schaffte es manchmal, mich

dieses Empfinden suchen zu lassen. Mit blaue Blume suchen hatte es nichts zu

tun, aber in keinem anderen Monat ließ sich meine Emotionalität so auffällig direkt

von den Ereignissen in der Natur beeinflussen wie im November. Schöntraurige

Sentimentalität warm eingekuschelt bei rührseligen Balladen auf der

Couch genießen war jedoch nicht die einzige Auswirkung des Bildes, das die

Natur im November bot. Dass dürre, triste und dunkele Erscheinungsformen

den Gesamteindruck der Natur dominierten, wurde in diesem Monat endgültig

deutlich. Die kleine Esche wisperte jetzt nicht mehr mit den unendlich vielen

kleinen Blättchen, die ihren mildgrünen Schopf gebildet hatten. Unterschiedlich

dünne schwarze Striche zeichneten ihre kleinen Äste und Zweige gegen das

fahlgraue Licht dieser Tage. Dass alles was man mit Tod und Trauer assoziierte,

zu dem Bild dieses Monats passte, war nur verständlich. Auch wer nicht an

Trauer und Vergänglichkeit dachte, dessen Gedanken beschäftigten sich doch

überwiegend mit Ernstem und Seriösem. Übermütig quirlige Ausgelassenheit

war im November Fehl am Platze.

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 15 von 31


Weihnachtsplanungen

Mich beschäftigte Weihnachten. Nicht etwa für mich persönlich. Mir war alles,

was damit zusammenhing eher unangenehm, hielt alles von den Weihnachtsmärkten

bis zur rührseligen Getragenheit und Andacht in den Familien für

Kitsch. Während meiner revolutionären Phase in der WG hatte ich es auch einmal

abgelehnt, aus Anlass von Weihnachten meine Eltern zu besuchen. „Ich

versteh dich ja, Miriam,“ hatte meine Mutter gesagt, „und muss dir auch in den

meisten Dingen zustimmen, nur im nächsten Jahr machst'e doch am besten

mal einen Fehler und kommst einfach vorbei. Es ist nicht schön, wenn meine

Bäckchen kalt bleiben, weil sie die Haut deiner Wangen zur Begrüßung nicht zu

spüren bekommen.“ Ich war ihr um den Hals gefallen und hatte sie einer Entschuldigung

gleichkommend ganz lange gedrückt. Dass ich so einen Unsinn

nicht wieder machen würde, stand ein für alle mal fest. Sonst hatte ich immer

Heiligabend bei Mama und den erste Weihnachtstag bei Paps verbracht. Im

letzten Jahr hatten André und ich den ersten Weihnachtstag aufgeteilt bei beiden

verbracht und waren am zweiten zu Andrés Eltern gefahren. Eine gut praktikable

Regelung, wir hätten es in diesem Jahr wieder so machen können. Nur

die Vorstellung befriedigte mich nicht, sie bereitete mir Unbehagen, Unbehagen

bei dem Gedanken, dass wir am Weihnachtsmorgen und Mittag ein paar nette

Stunden mit meiner Mutter Anne verbringen würden, und diese Frau ansonsten

die Tage über allein war. Es tat mir weh, sie nicht mit einem besonderen Weihnachtsgeschenk

erfreuen zu können, sie spüren zu lassen, wie viel sie mir bedeute,

wie groß meine Liebe für sie war. Nach längeren Überlegungen einigten

wir uns darauf, dass wir die gesamten Weihnachtstage bei meiner Mutter verbringen

und nur von dort aus am ersten Weihnachtstag nachmittags meinen

Vater besuchen wollten. André musste seine Mutti besänftigen, dass wir in diesem

Jahr erst nach Weihnachten kommen könnten. Ich war froh, Anne strahlte

nur, umarmte mich und flüsterte mir „Danke“ ins Ohr.

Die Feiertage

Ausgelassen glücklich war meine Mutter am Heiligabend, alberte herum und

feixte mit André. So glaubte ich sie nur aus Kindertagen zu kennen. Beziehungsfragen

waren für Weihnachten mit einem zwar nicht ausgesprochenen,

doch für alle selbstverständlichen Tabu belegt. Aber es gab ja auch so unendlich

viel Wichtiges und für Mutter bei dieser Stimmungslage auch Unwichtiges

zu besprechen. Von ganz besonderer Wichtigkeit waren für Anne meine Bemühungen,

nicht in den Schuldienst zu wollen. Sie schienen ihre zerebralen Windungen

noch stärker zu stimulieren als ich meine eigenen. Als ob es sie elektrisiert

habe, wirkte sie und ich vermutete, das sie darin in nächster Zeit ihre

wichtigste Aufgabe sehen würde, diesen Wunsch für mich Realität werden lassen

zu können. Anne und André überboten sich lachend und albernd im Zufügen

weiterer Aperçus zur Gestaltung des ultimativen Weihnachtsfrühstückstisches.

Ich merkte an, dass man auf dem Lande vor dem Frühstück immer erst

einen Schnaps tränke, und warum der denn hier auf dem Tisch nicht zu finden

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 16 von 31


sei. Früher wirkte Weihnachten auf mich immer ein wenig getragen mit aufgesetzter

Freude, nicht sehr angenehm, jetzt war es plötzlich richtig lustig, so

konnte es mir gefallen.

Die Lustigkeit war schnell verflogen, als wir meinen Vater besuchten. Er hatte

seine Freundin schon wieder „vertrieben“ und war ziemlich down. „Ich versteh

mich nicht.“ erklärte er, „Wenn sich mit einer Frau etwas entwickeln könnte,

dann mit Gitta. Es gab überhaupt nichts an ihr auszusetzen, verkörperte im

Grund alle Eigenschaften, die mir gefielen und sah zudem noch sehr gut aus.

Ich müsste verrückt sein, diese Frau nicht zu mögen. So sah ich es und sehe

es eigentlich noch immer so. Nur es entwickelte sich nichts, wir machten zusammen

das eine oder das andere und ich hatte dabei das Empfinden, je mehr

sie sich engagiert, umso stärker nimmt mein Interesse ab. Bis dir vieles hinterher

oft lästig vorkommt und du sicher bist, dass es so nichts werden kann.

Aber warum? Du hast es gar nicht gewollt. Auszusetzen hast du an der Frau

immer noch nichts. Was soll es denn sein, das meine Bedürfnisse weckt, das

mich nicht müde werden lässt? Ich habe dafür keine Erklärung. Wahrscheinlich

habe ich eine dicke soziale Macke. Aber ich will doch gar nicht so leben, ich bin

doch nicht zufrieden damit. Es quält mich. Das ist nicht das, was ich für mich

unter Leben verstehe.“ und Paps Augen begannen feucht zu werden. Ich nahm

ihn in den Arm, und er legte seinen Kopf auf meine Schulter, zum erste Mal in

meinem Leben suchte mein Vater Tröstung bei mir. Er schaute mir direkt ins

Gesicht, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte nur „Miriam“. Nach einer

Pause erklärte er: „Ich freue mich immer ungemein dich zu sehen, aber in einem

Auge hängt auch immer eine kleine Träne. Mit dir jetzt kommt für mich

auch immer die kleine Miriam, die auf die Welt kam, Laufen und Sprechen lernte,

zur Schule ging, eine Zeit wunderbarer Freude, wir wähnten uns im Glück

selber zu Hause. Mit deiner Geburt war auch ein Stern aufgegangen, ein Stern

für uns, der uns auf den Pfad einer neuen Dimension glücklichen Lebens geleitete.

Das ist meine Geschichte, die immer mit dir kommt. Das haben wir erlebt.

Heute erscheint es wie ein irratonaler Traum.“ Ich hätte etwas dazu sagen

können, aber ich wollte jetzt nicht reden. Es täte ihm im Moment sicher gut,

einfach erzählen zu können. „Ich habe auch sehr glückliche Erinnerungen daran,“

schob ich nur ein, und Paps erzählte weiter: „Ja, es war als ob es für jeden

die größte Freude wäre, dem anderen sein Glück weiterzugeben, und du

hast voll mit dazugehört und mitgemacht. Wir haben immer halbernste Diskussionen

über die Liebe unter uns geführt, zum Beispiel ob wir dich liebten oder

in dich verliebt seien oder ob du uns nur sehr gut leiden möchtest oder absolut

in uns verknallt wärst und dergleichen.“ Er hätte heute sicher endlos erzählen

können. Noch nie hatte er es vorher getan. „Hast du denn jemanden, mit dem

du darüber sprechen kannst?“ erkundigte ich mich. Hatte er natürlich nicht.

Freunde? Da war er sich nicht sicher, ob er sie so bezeichnen sollte. Bekannte

habe er genug, wenn er mal abends nicht allein sein wolle, gäb's kein Problem,

aber das sei eben alles nur Oberfläche. Sich um intensivere tiefere Beziehungen

zu bemühen, fehle ihm auch der nötige Drive. Wenn er jetzt mit mir rede,

käme seine Historie ihn auch öfter besuchen. Ich würde mich darauf freuen,erklärte

ich ihm. „Wenn irgendjemand einen Therapeuten braucht, dann ist es

dein Vater.“ meinte André auf der Rückfahrt, „Das aus eigener Kraft wieder

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 17 von 31


hinzubekommen ist unmöglich, zumal er ja auch sein Problem selbst noch nicht

einmal zu erkennen scheint. Der wird auch nicht zu einem Therapeuten wollen,

hält alles für im gewissen Sinne normal und denkt, er würde alles rational bewältigen

können. Aber allein darüber reden, das hilft auch schon viel. Ich habe

ja auch keine Ahnung und will mich auch überhaupt nicht zu einem Pseudopsychologen

entwickeln, aber vielleicht wäre es für ihn nicht schlecht, wenn ich als

Mann auch daran teilnähme.“

„Was ist los? Warum schaut ihr so ernst? Seid ihr müde?“ fragte Anne noch

heiter, als wir wieder zurückkamen. „Paps hatte eine Freundin und hat sie nach

gut fünf Monaten wieder rausgeworfen, obwohl er sie immer noch für eine

ganz tolle Frau hält. Jetzt versteht er sich und die Welt nicht mehr.“ erklärte

ich. Annes Lippen zogen einen breiten Mund und ihr Blick verlor sich im Leeren.

Wie in Trance saß sie kurz da, dann holte sie tief Luft und stand auf. „Ihr

werdet noch nichts gegessen haben, vermute ich mal“ rief sie von der Küchenzeile

herüber. Hatten wir zwar nicht, wollten wir aber auch nicht mehr. Die Atmosphäre

war ein wenig verklemmt. Ich denke nicht, dass alle ständig an die

für meinen Vater missliche Lage dachten, aber der Nachmittag und die Information

darüber, ließen die unbeschwerte Fröhlichkeit nicht mehr zu, die bis dahin

unser Weinachten beherrscht hatte. Wir gingen bald ins Bett, auch weil die

Unterhaltung keine besondere Anregung mehr bot. Was meiner Mutter wohl

durch den Kopf gegangen war, als sie so kurz sinnierend vor sich hin gestarrt

hatte. Unsinn, überlegen können würde ich es nicht. Trotzdem spielte ich mit

verschiedenen Möglichkeiten, was diese Frau wohl empfinden könne, wenn sie

von meinem Vater hörte.

Anne hatte sich offensichtlich auch noch weiter damit beschäftigt. Und beim

Spaziergang am Morgen des zweiten Weihnachtstages wurde das Tabu gebrochen.

„Ja, ja, das ist sehr kurios.“ begann Anne, „Was wir uns da wohl eingebrockt

haben. Ich weiß ja nichts von dem, was bei Nick gelaufen ist, will ich

auch nicht wissen, aber bei mir war das schon sehr sonderbar. Du findest einen

Mann sehr nett, alles dran, alles in Ordnung und in kürzester Zeit kommt er dir

immer komischer vor, obwohl nichts passiert ist. Du bist so durcheinander,

dass du dir überhaupt nicht mehr vorstellen kannst, was du von diesem Alien

eigentlich wolltest. Ich fand ihn doch nett und völlig in Ordnung. Was will ich

denn überhaupt. Ja, Gott und die Welt nicht mehr verstehen, so ist das. Gott

hatte ich doch eigentlich immer sehr gut verstanden, nur mit der Welt da hatte

ich immer schon meine Probleme und sich selbst versteht man sowieso nie.“

Sie konnte wieder lachen. „André, was meinst du, ob es bei uns auch so laufen

würde, wenn ich mich in dich verliebte? Könntest du mir dann auch immer

fremder werden, oder sähest du für unsere Liebe eine Chance, dass es sich anders

entwickeln könnte?“ fragte Anne. „Eure Liebe hat überhaupt keine Chance,

Anne, auch wenn sie bei dir schon längst Blüten treibt. Sie wird immer eine

unerfüllte Sehnsucht bleiben müssen, Frau Mutter. Dieser Mann ist der Meine.

Such dir gefälligst etwas Gleichaltriges für deine amourösen Bedürfnisse.“ erklärte

ich scherzend harsch und André meinte, wenn er sich noch mal verlieben

könne, würde er sowieso alles genau umgekehrt machen. Er würde mit dem

Hass beginnen, den dann Stück für Stück weiter abbauen, so dass er langsam

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in den Bereich der Liebe käme, diese dann immer ein wenig intensivieren, bis

er schließlich zur vollkommenen Liebe gelange. Wir hatten unsere Jux und

Spaßfähigkeit wiedergefunden. Als wir uns verabschiedeten, versicherten wir

uns alle gegenseitig, die schönsten und lustigsten Weihnachstage erlebt zu haben.

Silvester wollten wir wieder zusammen verbringen, nicht um Annes Einsamkeitsempfinden

zu begegnen, sondern weile es uns Spaß machte, und wir

Lust darauf hatten.

Wo war mein Glück?

Ich hatte meiner Mutter eine Freude machen wollen, sie nicht traurig sein lassen

wollen an den Feiertagen, jetzt erschien es mir, als ob sie uns Freude gegeben

hatte, uns alle hatte glücklich werden lassen. Ob es das war, was mein

Vater als 'dem anderen sein Glück weitergeben' bezeichnet hatte. Wo war denn

mein Glück? Wann hatte ich es denn wie und wem weitergegeben? Ich sagte

einfach André, dass ich ihn ganz schrecklich liebe, und ich denke sogar dass es

ihn auch ein wenig glücklich sein ließ. Ich hielt mich keinesfalls für exaltiert,

ausgeflippt oder campy, aber bieder, ordentlich und gleichbleibend ruhig sah

ich mich auch bestimmt nicht. Vielleicht würde lebenslustig, ein wenig quirlig

es am ehesten treffen, was aber nicht bedeuten konnte, dass es mir an Nachdenklichkeit

und Sensibilität mangelte. Vor richtig gehendem Blues schien ich

gefeit zu sein und die Produktion meiner Glückshormone funktionierte hervorragend.

Ich war meistens gut drauf und kam letztendlich mit allem einigermaßen

gut klar. Einen Freund hatte ich fast immer, aber es war immer schon von

Anfang an so, dass ich nie gedacht habe, es könnte für länger andauernd sein.

Obwohl es doch eigentlich recht sonderbar war, habe ich mir dabei nie etwas

gedacht. Vor großen Trennungsschmerzen hat es mich bewahrt. Ich hatte mich

persönlich nie tief darauf eingelassen, es kam mir eher vor wie ein Hobby. Es

war immer in gewisser weise wie ein in die Jahre gekommenes Teeny-Geplänkel

geblieben. Eine erste Liebe, die für mein ganzes Leben etwas Bedeutsames

bleiben könnte, hatte es nie gegeben. Ich empfand es nicht schlecht, aber etwas,

an das ich mich wehmütig erinnern würde, war nicht darunter. Es war gewiss

so, dass ich die Beziehung zu einem Mann gar nicht an mich, an meine

Persönlichkeit ran ließ. Es war Oberfläche. So, wie ich Lust hatte, mit ihm ein

Bier zu trinken, so hatte ich Lust auf Sex mit ihm, mehr nicht.

Ich liebte meine Eltern, besuchte sie auch öfter, aber die Berührungspunkte

waren dünn. Primär fuhren unsere Lebenszüge auf unterschiedlichen Gleisen

und zu gemeinsamen Aktivitäten kam es nicht. Wie ich André kennengelernte

habe, fand ich jedoch schon ziemlich sonderbar. An einen Freund hatte ich bei

ihm gar nicht gedacht, ich hatte ja einen. Ich merkte nur, dass ich ihn immer

besser leiden konnte, bis ich plötzlich das dringende Bedürfnis hatte, ihn zu

küssen. Einfach so, ohne zu wissen, was es bedeuten sollte und was daraus

werden könnte. Es trieb mich dazu, obwohl André noch nie irgendwelche Äußerungen

mit amourösen Tendenzen mir gegenüber von sich gegeben hatte. Sehr

schnell war klar, ihn wollte ich richtig für mich, für meine Person, als meinen

Gefährten. Ihn konnte ich als gleichberechtigt anerkennen und achten. Ein

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Hobby oder etwas in dieser Richtung könnte er für mich bestimmt niemals werden.

Was sich in mir mit André abspielte, war eine andere Dimension, spielte

auf einer Bühne, die für mich bislang immer ihre Vorhänge geschossen hielt,

jetzt gab ich die Hauptactrice. Die anderthalb Jahre mit ihm hatten mich schon

ein wenig verändert. Viel stärker und häufiger suchte ich das Glück zu Hause.

Irgendwelche Hully-Gully Events konnten nicht mehr einen Hauch von

Aufmerksamkeit erzeugen. Ob ich ein wenig ruhiger geworden war? Mit André

gefiel es mir jedenfalls so sehr gut, und ich empfand mich rundum happy.

Kaffeekränzchen und Dinieren

Wir wollten jetzt immer am Samstagnachmittag zu Anne zum Kaffeekränzchen

und Sonntagsmittags mit Paps essen gehen. Die Treffen wurden zu kleinen

selbstverständlichen Ritualen unseres Wochenablaufs. Welch große Freude wir

beiden dadurch machten, merkten wir nicht nur an der Atmosphäre sondern an

der schnell wachsenden Vertraulichkeit und Offenheit untereinander. Auch mein

Vater schien uns 'sein Glück weitergeben' zu wollen. Beim dritten Treffen erklärte

er es für unangebracht, sich gegenseitig mit 'Herr Fabian' und 'Herr Nauman'

anzureden und ich sollte jetzt auch Nick zu ihm sagen. Sonderbar, erfreuen

konnte mich das im ersten Moment nicht. Paps kam mir viel vertrauter vor.

Aber es war wohl sinnvoller, den lieben kuscheligen Paps abzugeben, und mit

dem Mann Nick auf gleicher Ebene zu reden. Wir sprachen zwar nicht ausschließlich

darüber, aber die Szenen dieser Ehe waren uns bald in zwei Versionen

bis ins Detail geläufig. Die Sichtweisen der beiden wiesen nur marginale

Unterschiede in der Wahrnehmung einiger Details auf, ansonsten waren sie

frappierend identisch. Dass sie sich sehr gut verstanden haben mussten, leuchtete

uns ein. Es gab nur einen Bereich, über den keiner von beiden ein Wort

verlor. Die Benennung dessen, was sie sich denn konkret vorgeworfen hatten,

wessen sie sich denn gegenseitig bezichtigt hatten, dazu kam nichts über ihre

Lippen. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater schienen nicht nur während

unserer Besuche aufzublühen, jedes Wochenende diese Möglichkeit zu haben,

der neben ihren anderen sozialen Kontakten eine sehr herausragende Bedeutung

für beide zu kam, schien den leichtenDunst, der wie ein Schleier über ihrem

Leben lag ein wenig zu lichten.

Wohin hatte ich mich entwickelt? Wie sollte ich das eigentlich verstehen? Mit

vierundzwanzig begann ich, mich für das Leben meiner Eltern zu interessieren

und das kein bisschen aus irgendeinem Pflichtgefühl heraus. André versuchte

es so zu erklären, dass wir durch unsere eigene Altersentwicklung mittlerweile

einen besseren Zugang zum Leben und Verstehen anderer Erwachsener gefunden

hätten. Ich sah es mehr als meine individuelle Angelegenheit. Ich hatte

meine Mutter anders angesprochen, hatte sie akzeptiert, von ihr Hilfe erbeten,

was wiederum ihr Verhältnis mir gegenüber verändert hatte. Wir hatten die Distanzen

überwunden, die wir durch die unterschiedlichen Generationen als gegeben

ansahen. Ich liebte unsere Gespräche. Sie bedeuteten mir viel mehr als

Party-Talk und auch als die Treffen mit Julie. Sie vermittelten mir eine andere

Gewichtigkeit, Ernsthaftigkeit und einen tieferen Bedeutungsgehalt, obwohl sie

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keinesfalls in ernster, getragener Atmosphäre stattfanden. Im Gegenteil es war

locker und heiter, und oft eben sogar ausgesprochen lustig. Es war eine andere

Ebene von Kommunikation, auf der es sich ereignete. Vielleicht eine höhere,

tiefere, vertrauensvoller war sie auf jeden Fall. Sie gefiel uns allen, und verzichten

hätte darauf niemand wollen.

Obskure Perspektiven

André hatte sich schon entschlossen zu promovieren, war dabei alles in die

Wege zu leiten und sich fleißig zu informieren. Ich hatte mit ihm mal über Roland

Barthes gesprochen, der mich in einem Seminar begeistert hatte. Eigentlich

hatte ich vor, mich tiefergehend damit zu beschäftigen. André hatte es getan

und wollte jetzt in Narratologie über einen Bereich von ihm promovieren.

Er hatte sich dabei in Felder der Wissenschaftstheorie begeben, die hauptsächlich

Gegenstand der Linguistik sind. Ich kannte mich meist in den Bereichen

seiner Fragestellungen überhaupt nicht aus, da ich mich mit Linguistik kaum

befasst hatte, und konnte ihm trotz Germanistikstudium oft nicht weiterhelfen.

Wenn er Doktor der Erzählkunst sei, werde er es doch sicher zu Stande bringen,

mir auch mal kleine Geschichten zu schreiben, frotzelte ich. Was er als

promovierter Erzähltheoretiker denn machen wolle, welche Beschäftigungsmöglichkeit

er sich denn vorstellen würde, wagte ich ihn zunächst gar nicht zu

fragen. Für meine Perspektive hatte sich nicht weniger Obskures angebahnt.

Annes Freundin kannte eine Redakteurin beim WDR. Ich solle mich doch für ein

Volontariat bewerben. Sie nähmen zwar immer nur zehn, aber die meisten

würden anschließend übernommen. Meine Voraussetzungen seien doch günstig,

zwei Fremdsprachen fließend und Germanistik studiert. Journalistische Praxis

sei keine Vorbedingung. Mich amüsierte es mehr, aber treffen konnten wir

uns ja mal mit der Redakteurin.

Psychischer Tresor

„Mich lässt das nicht in Ruhe.“ erklärte André eines Sonntagsnachmittags als

wir von Nick zurückkamen, „Unsere Verhältnisse sind total offen, sowohl zu

Anne als auch zu Nick. Über alles können wir reden, mit allem locker umgehen,

aber was sie sich gegenseitig angetan haben, ist wie in einem dicken geheimen

Tresor verschlossen. Was kann denn so schlimm sein, dass man nach zehn

Jahren immer noch über nichts davon reden kann? Und wenn es so schlimm

ist, dann ist es doch das, mit dem sie klar kommen müssen, dann liegt da doch

das Problem, das ihre Psyche nicht in Ruhe lässt. Wir besuchen sie ja nicht in

irgendeiner therapeutischen Absicht, es gefällt mir, sonst nichts, aber ich denke,

dass es für beide jetzt schon positive Auswirkungen gehabt hat, nur wenn

sie ihre Tresore nicht öffnen, wird sich grundlegend nichts ändern.“ „André, ich

denke sie schämen sich beide ungeheuerlich dafür, was sie getan haben, vor

sich selbst und vor anderen erst recht. Ich glaube schon, dass sie sich gegenseitig

zutiefst beleidigt haben, und wenn man sich sehr gut kennt, weiß man ja

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 21 von 31


auch, wo es beim anderen am besten trifft, ihn am stärksten verletzt, am

meisten weh tut. Berechtigung oder nicht spielte dabei keine Rolle, wesentlich

war, dass man seine Wut, seinen Hass ablassen konnte. Ich für mich möchte

gar nicht hören, wie scheußlich Menschen zueinander sein können und von

meinen Eltern erst recht nicht. Anne hat mal beispielhaft etwas angedeutet,

dass sie Nick auch wohl etwas in Richtung fehlender Männlichkeit vorgeworfen

hätte, und das ganz übel. Ich weiß nicht, was man da sagen kann, aber dass

es zutiefst beleidigend werden kann, ist für mich schon vorstellbar. Jetzt möchte

sie es nie gesagt haben wollen. Das sie es nicht wiederholen und uns erzählen

will, kann ich sehr gut verstehen.“ beantwortete ich Andrés Darstellung.

„Trotzdem wird es keinen Weg geben, ohne diese Dinge geklärt zu haben. Dann

müssen sie es eben mit einem Psychotherapeuten tun, wenn sie sich vor uns

schämen, aber ohne das zu klären gibt’s keine Lösung.“ unterstrich André seine

Auffassung. Wir wollten mal versuchen, vorsichtig das Gespräch darauf zu

bringen.

Journalistin werden?

Die Redakteurin vom WDR war eine wunderbare Frau. Wir schienen uns auf

den ersten Blick zu mögen. Sie erklärte, wie alles liefe mit der Bewerbung,

dem Auswahlverfahren und der Ausbildung. Trotz der minimalen Chancen verstand

sie es, mir immer wieder Mut zu machen und bei mir Zuversicht zu erzeugen.

Meine Voraussetzungen Germanistik und Französisch studiert und

amerikanisches Englisch absolut fließend seien hervorragend. Da es sich aber

um eine Journalistenausbildung handle, sei das Verfassen von Texten schon

während des Auswahlverfahrens ein wesentliches Kriterium. Ich hatte zwar in

der Schule immer die besten Aufsätze geschrieben, unter anderem auch deshalb

Germanist studiert, aber anschließend hatte ich mich um nichts mehr in

der Richtung gekümmert, war gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich für

mich etwas schreiben könnte. Wenn ich vielleicht Tagebuch geführt hätte, aber

mir gefiel es besser, die von anderen zu lesen. Ein Referat, das mal ein wenig

umgemodelt auf Veranlassung eines Professors in einer Fachzeitschrift erschien

war, blieb das einzige. Sonst hatte es nichts gegeben, das mich als Écrivain einer

kleineren oder größeren Öffentlichkeit hätte zuführen können. Ich müsste

mich intensiv mit Medien und Journalistenschreibe beschäftigen. Gab's bei uns

ja auch einiges, hatte ich mich bislang nur nie drum gekümmert. Frau Gutmann,

so hieß die Redakteurin, war so freundlich, mir Nachhilfeunterricht erteilen

zu wollen. Geld wollte sie keines dafür. Sie mache es für ihre Freundin und

weil sie meine Motivation gut verstehen könne und mich dabei unterstützen

wolle. Eine mir völlig fremde Frau, vielleicht lag es ja doch daran, dass ich reifer

geworden war, und zu einer Verständigung mit Frauen, die wesentlich älter

waren als ich, jetzt leichteren Zugang hatte.

Bis über beide Ohren waren André und ich beschäftigt. Meine Mutter hatte mit

vierundzwanzig ja schon mich zur Welt gebracht. Hatte sie sehr gut gemacht,

fand ich, trotzdem erzeugte es in mir kein Bild, das einem Vorbildcharakter

hätte ähneln können. Ich mochte schon Kinder, würde sie auch gern beim Auf-

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 22 von 31


wachsen begleiten, das konnte ich als prinzipielle Grundsatzfeststellung verkünden,

praktisch lag so etwas aber außerhalb meines temporär überschaubaren

Horizontes. Uns beschäftigten gegenwärtig andere Fragen. Schwangerschaft

und Babys und Kinder kamen darin nicht vor und hatten dort auch keinen

Platz.

Psycho Close-up

Bei Anne schien es uns am einfachsten. Ob sie das alles denn ihr ganzes Leben

lang mit sich herum tragen wolle, fragte ich. Wenn ich wüsste, dass ich jemandem

in einer Kleinigkeit Unrecht getan hätte, würde es mich schon beschäftigen,

und ich fühlte mich nicht eher mit mir selbst im Reinen, bis ich es richtig

gestellt oder mich entschuldigt hätte. „Und das ist bei Kinkerlitzchen schon so.

Ich kann es nicht verstehen, wie ihr so etwas verkraften wollt, wie ihr damit leben

könnt, und es waren ja wohl keine Kinkerlitzchen, die ihr euch gegenseitig

bewusst zu unrecht an den Kopf geworfen habt.“ erklärte ich meine Sicht. „Was

soll ich denn machen? Soll ich überlegen was mir einfällt und dann zu Nick gehen

und sagen: „Entschuldige dafür, und dafür, und dafür?“ Erstens ist es dadurch

nicht wieder aus der Welt, und darüber hinaus wusste ich ja immer, dass

es Unrecht war, nur das hat mich doch nicht interessiert. Ich wollte ihm ja zu

Unrecht weh tun. Ihm zu sagen : „Entschuldigung, es war nicht richtig, was ich

gesagt habe“, wäre doch albern. Ich müsste mich dafür entschuldigen, dass

ein so böser, blinder, wütender Mensch aus mir werden konnte, wobei wir uns

ja kräftig gegenseitig gepuscht haben. Kann man sich dafür denn überhaupt

entschuldigen. Soll ich sagen, glaub mir, dass ich lieber ein anderer Mensch gewesen

wäre. Das weiß auch jeder so. Für mich ist es ein dunkles Kapitel, ein

schwarzer Balken, der keine andere Farbe mehr annehmen wird. Es ist schade

und wird immer beim Anblick des Bildes, das ich von mir habe schmerzen, aber

ich bin sicher nicht die einzige, die sich zu etwas hat hinreißen lassen, ohne zu

erkennen, welchen Schaden sie ihrem eigenen Leben damit zufügt.“ erklärte

Anne ihre Sicht. Ausweglos, keine Änderung möglich, man kann es nur als

schweren Stein an seiner Seele mit sich herumschleppen, so sah es Anne. „Ich

sehe es überhaupt nicht so.“ erwiderte ich, „Anne, du stellst es dar, als ob tausend

böse Teufel dich befallen hätten, und du ihren Handlungsempfehlungen

gefolgt wärest. Weißt du, es ist etwas ganz Stinknormales, was ihr damals abgezogen

habt. In deiner eigenen Betroffenheit siehst du es mit Sicherheit nicht

so, aber es passiert täglich tausendmal auf der Welt, dass Paare sich gegenseitig

ihre Liebe kaputt machen und eigenmächtig ihr Glück zerstören. Meistens

ist dort, wo die Liebe am größten war, hinterher auch der Hass am stärksten.

Natürlich ist es trotzdem nicht schön, auch wenn's nicht ungewöhnlich ist. Alle

Psychotherapeuten können dir genau erklären, wie sich so etwas entwickelt,

und was sich da bei dir abspielt. Auch daran ist, wie bei der Liebe, dein Bewusstsein

nur sehr schwach beteiligt. Mit der Ratio ist da nicht viel zu regeln.

Das läuft in dir ab. Aufhalten kannst du es vielleicht noch mit einer Therapie.

Ein böser Mensch bist du nie gewesen, auch wenn du Dinge getan hast, die du

aus deiner heutigen Sicht rational für dich als unmöglich bezeichnen würdest.

Es gibt keinen Grund für einen schwarzen Balken, ein böser Mensch, der Anne

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heißt, hat nie existiert. Du kannst sagen, da habe ich einen Fehler gemacht, für

den ich teuer bezahlt habe, aber damit kannst du leben, mit einem schwarzen

Balken nicht.“ Anne kam zu mir zur Couch, setzte sich neben mich und umarmte

mich lange drückend. Sie schaute mich mit strahlenden Augen an und

erklärte erleichtert wirkend: „Ich muss das alles erst mal verdauen. Meinst du,

es wäre besser für mich, wenn ich mal damit zu einem Therapeuten ginge?“

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur das du damit klar kommen musst, und die Erklärung

mit dem schwarzen Balken das Gegenteil davon ist. Du musst dahin

kommen, es so zu empfinden, dass du dir nichts vorzuwerfen hast. Einen Fehler

hast du gemacht, o. k., aber lebenslange Vorwürfe, Anne, das ist neben der

Spur. Damit kann keiner leben.“ reagierte ich darauf. Als wir uns verabschiedeten

drückte Anne mich intensiv, grinste mich schelmisch an, gab mir einen

Stups auf die Nase und meinte feixend: „Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich

so ein schlaues Töchterchen bekommen könnte.“

Nick erklärte ich sinngemäß, dass ich davon nichts hören wolle, weil ich es voraussichtlich

nicht ertragen könne. Wie er, der das ja alles selber erlebt habe, es

ertragen könne, ständig damit zu leben, sei mir ein Rätsel. Einfach vergessen

werde er es ja wohl nicht. „Es ist ja da, ist ja geschehen, intensiv geschehen.

Vergessen werde ich davon nie etwas. Es ist ja schon schlimm genug, wenn ich

nur daran denken muss. Wie soll denn Darüber-reden etwas bringen. Es wird

alles nur neu aufwühlen und verschlimmern. Ich bin einfach gezwungen damit

zu leben. Eine andere Wahl habe ich nicht. Ich kann nur davon träumen, wie

schön es wäre, sie zu haben.“ stellte Nick seine Sicht dar. „Du sprichst wie jemand,

der einen anderen umgebracht hat. Er kann noch so viel bereuen und

alles für völlig falsch halten, der Ermordete bleibt tot. Aber selbst so einem

Menschen kann geholfen werden. Wo ist denn deine Leiche? Ist es die, dass du

Anne auf's Schlimmste beleidigt hast? Du hättest es nie gewollt und hast es

doch getan. Ist da etwas gestorben, was nicht wieder lebendig zu machen ist?

Wenn du merkst, das dich jemand absichtlich desavouieren und beleidigen will,

und das noch eigentlich deine Allerliebste ist, bestimmen Enttäuschung, Zorn

und Wut, was du zu tun hast. Deine Liebste hat deinen Bauch getroffen und

der hat reagiert, nicht deine höheren korticalen Zentren. Heute schleppst du

das aber alles vor die Schranken deines Bewusstseinsgerichtes und lässt es da

aburteilen, obwohl ihm dafür jegliche Zuständigkeit fehlt. Natürlich müsstest

du dich schämen, wenn du jetzt so etwas bewusst planen und machen würdest,

aber hast du jemals gehört, dass Paare ihre Streitigkeiten nach bewussten

rationalen Überlegungen durchführen. Wie läuft es denn ab, wenn die Liebe

zerbricht? Immer ganz anders als bei euch. Leider nicht, sonder meistens so

ähnlich oder genauso. Ihr habt in dem Rahmen reagiert, in dem man dabei

eben emotional reagiert. Sag, dass eure Entwicklung blöd und schade war,

aber sag nicht, dass du bewusst etwas falsch gemacht hättest, für das du dich

heute schämen müsstest. Bewusst hättet ihr das gar nicht bringen können,

was ihr euch geleistet habt.“ erklärte ich Nick meine Einstellung dazu. Er lächelte

mich milde mit leicht strahlenden Augen an, wie der Paps, der seine Miriam

ganz lieb hat. Ich mochte das sehr. „Miriam, das hörte sich für mich ein

wenig an wie eine Absolution. Ich würde dir zustimmen, es hat mich überzeugt,

was du gesagt hast, nur empfinden kann ich es so nicht.“ meinte Nick

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 24 von 31


dazu. „Na, du hast ja deine Sünden gar nicht gebeichtet, nicht deine Schuldigkeit

bekannt, nicht um Vergebung gebeten, und Buße hast du auch noch nicht

getan. Wie soll man denn da eine Absolution erteilen? Deine Tochter hat in ihrer

ganzen Heiligkeit erkannt, dass gar keine Schuld vorliegt, sondern nur eine

absolute Dämlichkeit. Nick auch wenn du's jetzt noch nicht so empfinden

kannst, das ist doch verständlich, aber du weißt, dass eine andere Sichtweise,

mit der du leben kannst, möglich ist und dass es nicht mehr ein unerfüllbarer

Wunschtraum bleibt. Du musst dich kümmern, dass es dazu kommt. Eine Perspektive

hast du aber doch schon wenigstens.“ erläuterte ich zum Absolutionsempfinden.

Nick war äußert gut gelaunt und wir sollten unbedingt noch auf

einen Kaffee bleiben, was üblicherweise nicht geschah. Auch Nick umarmte

mich zum Abschied innig und strich mir lächelnd mit der Hand über die Wange.

Den ganzen Sonntagnachmittag verbrachten wir damit, weiter über die Gespräche

mit Anne und Nick zu diskutieren. 'A little bit proud' waren wir schon,

dass es uns gelungen war, beide zu der Einsicht zu bewegen, dass sie die Käfige

ihrer Selbstvorwürfe öffnen könnten. Wie sie dies tun und sich in der neuen

Freiheit bewegen würden, konnte man nicht abschätzen. Am unverständlichsten

blieb mir jedoch, wieso ich plötzlich nach zehn Jahren so brennendes Interesse

entwickelte, die Residuen des Ehekonfliktes meiner Eltern, die beide noch

massiv in ihrer Psyche mitschleppten, einer Lösung zuzuführen. Ausgangspunkt

war die Angst gewesen, dass sich zwischen André und mir ähnliche Konflikte

wie bei meinen Eltern entwickeln könnten. Daran dachte ich jetzt gar

nicht mehr. Wie sollte es in der Liebe zwischen zwei so erfahrenen Ehetherapeuten

wie uns denn zu einer Krisenentwicklung kommen können?

Fontana

Ich verfasste fleißig Reportagen und Berichte. Frau Gutmann fand meinen Stil

sehr angenehm und interessant, aber für News und Informationen sei er zu literarisch,

poetisch. Das wüssten Leser und Hörer gar nicht zu schätzen. Wenn

ich mal Essays verfassen dürfte, sei das schon angebracht. Ich musste mich

noch viel stärker auf journalistische Gedankengänge einlassen. Aber war das

denn die Sprache, die ich liebte? Sollte das deutsche Hochsprache sein? Nein,

eindeutig nicht. Nur war es die mediale Ebene, auf der Kommunikation funktionieren

konnte. Mit medienwissenschaftlichen Gesichtspunkten sollte ich mich

vielleicht auch ein wenig mehr beschäftigen, damit ich Journalistische Schreibe

sinnvoll einordnen konnte und sie nicht mit der Sprache in der Literatur verglich.

Aber es gab ja mehrere berühmte, sprachlich wundervolle Schriftsteller,

die Journalisten gewesen waren. Selbst Fontane hatte nicht nur mal einen Artikel

veröffentlicht, sonder vollständig bei Zeitungen gearbeitet. Also musste

Journalismus doch nicht zwangsläufig mit Schmalspur Deutsch verbunden sein.

Die Fontana unserer Tage wollte ich werden, nur Fontane hatte in meinem Alter

schon mehrere Romane und Gedichte verfasst, und das als Apotheker. Ich hatte

bislang noch nichts zu Wege gebracht. Gedichte wollte ich vorerst mal nicht

schreiben, aber das ich meine literarische Kreativität hatte verkümmern lassen,

und ich das keinesfalls weiter so dahin schludern lassen wollte, stand absolut

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 25 von 31


fest.

Springtime

Unsere Eltern schienen im Frühling gleichzeitig mit den Knospen in der Natur

fast ruckartig aufzublühen. Nur die Zuversicht in das Wissen, dass ein anderer

Umgang mit ihren Erfahrungen möglich sei, und sich ein Weg zur Lösung ihrer

Probleme aufzeigen ließ, vermittelte ihnen einen Schub an Lebensfreude und

schien die leicht tristen Schleier, die ihr Empfinden umhüllt hatten, von ihren

Emotionen aber auch von ihrem Antlitz zu nehmen. Anne war nicht zum Therapeuten

gegangen, aber sie berichtete immer angeregt und erstaunt über neue

Erkenntnisse und Entwicklungen. „So dumm und stupid, wie konnte ich das nur

sein. Ich kann es heute nicht verstehen. Ich hatte es ja mitbekommen, wie alles

abgelaufen war, konnte es ja erklären, ich wusste also Bescheid. Wozu sollte

ich mich da irgendwo informieren. So naiv und dämlich habe ich es wohl gesehen,

keine Zeile habe ich mich dazu informiert. Psychologie, Psychotherapie,

das fällt mir gar nicht ein. Mir einer intellektuell gebildeten Frau. Das ist etwas

für Kranke, Schizophrene, Depressive, so in der Richtung habe ich wohl empfunden.

Kann man wirklich so tumb seien. Ich leide, aber komme überhaupt

nicht darauf, mir erklären zu wollen, was meine Seele quält. Ich weiß es ja,

weiß immer alles in meiner naiven Erklärungsweise. Jetzt, nach zehn Jahren

fange ich endlich an, ein wenig mehr zu verstehen. Aber das Tollste ist, ich

kann über alles einfach so reden, einfach so, war von selbst da. Mit meiner

Freundin, die geschieden ist unterhalte ich mich darüber, als ob's um 'nen leckeren

Wein ginge. Ich weiß nicht, was sich da noch alles in meiner Psyche

verbirgt, aber ich habe ein sehr starkes Empfinden, befreit zu sein, befreit von

einer Klammer, die meine Seele eingequetscht hatte.“ stellte Anne ihre neu

empfundene Verfasstheit dar. Nick äußerte sich nicht in so emphatischen Erklärungen

und Darstellungen. Er brachte es stärker durch seine stets sehr gehobene,

locker, lustige Stimmung zum Ausdruck. „Ich war mal bei einem Therapeuten.

Der meinte, ich hätte einen guten Weg gefunden, und mein emotionales

Betroffenheitsempfinden würde sich gewiss bald ändern. Er wisse nicht,

was es im Moment zu therapieren gäbe. Wenn sich etwas nicht so entwickle,

und ich Leidensdruck verspüre, solle ich mich doch wieder melden. Als geheilt

entlassen. Vom Therapeuten. Was will ich denn mehr?“ erklärte Nick und lachte.

Keine One-Man-Show

Anne erklärte mal bei einem Spaziergang am Samstagnachmittag: „Ich habe

ein wenig ein sonderbare Empfinden, wenn mir bewusst wird, dass ich es für

mich geklärt habe und damit leben kann. Ich kann mein unmögliches Verhalten

erklären und verstehen und es ist o. k. so, nur war es ja nicht eine Show, die

ich für mich allein abgezogen habe. Sie ist ja in der Kommunikation zwischen

Nick und mir entstanden. Auch wenn ich es so empfinde, dass ich es für mich

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geklärt habe, bleibt da ein Gefühl, als ob etwas fehlte. Ich habe schon mal daran

gedacht, eventuell mit Nick zu reden, aber ich bin mir völlig unsicher, wie so

etwas laufen könnte, und was es bringen würde. Ihr seid doch jeden Sonntag

bei ihm, was meint ihr denn dazu?“ „Oh Anne, das ist eine schwere Frage, die

ich ohne hellseherische Fähigkeiten gar nicht beantworten kann.“ meinte ich

dazu, versuchte aber doch etwas dazu zu sagen, „Wie ihr euch gegenseitig

wahrnehmen werdet, wenn ihr euch trefft, wenn ihr miteinander redet. Wie ihr

das verstehen werdet, was ihr daraus hören wollt, was der andere sagt, da

kann ich doch nichts zu sagen. Obwohl es sicher entscheidenden Einfuss auf

ein mögliches Gespräch haben wird. Ich kann nur zu Nick sagen, dass er mittlerweile

sehr offen mit allem umgehen und darüber reden kann. Da unterscheidet

ihr beide euch nicht viel. Wenn du meinst, dass du gern mit Nick über einiges

reden würdest, kann ich dir aus meiner Sicht nur raten, es zu versuchen.

Eine Basis dafür müsste eigentlich vorhanden sein.“ Wir sollten Nick am Sonntag

Annes Bedürfnis vermitteln und ihn fragen, ob er dazu bereit wäre.

Nick schien völlig verwirrt zu sein, als wir es ihm erklärten und ihn fragten.

„Anne? Mit mir sprechen? Sie will mit mir sprechen?“ brachte er erstaunt hervor,

„Wie kommt sie denn darauf?“ Nick sagte etwas, das klang aber, als ob er

vor Konfusion im Grunde gar nicht wusste, was er sagen sollte. Ich erklärte alles

noch mal. Dass sie der Ansicht sei, jeder könne für sich allein nicht alles

geklärt bekommen, dass es eben auch Fragen gebe, die sie gemeinsam beantworten

müssten. Sie sei sich auch sehr unsicher, was daraus würde, wolle aber

so mutig sein, es zu versuchen. Die Gedankenmischmaschine in Nicks Kopf war

zum Stillstand gekommen. Er konnte jetzt wieder in Zusammenhängen denken

und reden. „Ja, eine gute Idee, selbstverständlich.“ sagte er nur knapp und

prägnant. Dann scherzte er schon wieder: „Ob ich wohl ein wenig nervös sein

werde, bestimmt. Wie sollen wir das denn organisieren? Wollt ihr das machen,

oder soll ich mit Anne telefonieren?“ Die beiden sollten es selber untereinander

abstimmen und wollten sich am Sonntagnachmittag zu einem Spaziergang

treffen.

Freu dich, Miriam

Wir wussten ja nicht im Entferntesten, wie es ablaufen und was sich daraus ergeben

würde. Es könnte sich ja auch ganz mies entwickeln, aber das ließ die

Grundstimmung der beiden wohl nicht vermuten. Jedenfalls schien meine hormonale

Glücksproduktion außer Rand und Band geraten zu sein. Nach zehn

Jahren tiefster Feindschaft redeten meine Mama und mein Paps wieder miteinander.

Tanzen, singen, springen, André umarmen und ihn abknutschen, da war

so viel Glück, dass ich es ohne körperliches Ausagieren in meinem Kopf allein

gar nicht bändigen konnte. Ich sang immer den blöden, uralten Schlager „Shame

And Scandal In The Family“ und freute mich dabei, wie ein Kind. Was war

nur in mich gefahren? Wenn ich für eine Volontariatsstelle beim WDR genommen

worden wäre, hätte ich überschäumende Freude verstehen können, aber

darüber, das meine Eltern mal klärend miteinander sprechen wollten, was war

das denn? Vor allem was sollte es überhaupt für mich schon bedeuten? Ich

Romantisch? Oh, Schreck! – Seite 27 von 31


musste schon einen netten Schaden haben, ziemliche Macken in der Psyche,

die mit der Trennung meiner Eltern zu tun hatten. Ja, aber es war ja auch so,

blieb auch so und war durch nichts zu ändern, dass dies meine Goldenen Jahre

waren, als die beiden sich liebten. Ich kann mich nicht in meiner Kindheit isoliert

sehen. Es war immer dieses Trio, von dem ich ein Teil war. Vielleicht hat es

ein wenig Ähnlichkeit mit der Beziehung zu meinem alten Teddy, den ich niemals

wegwerfen kann. Er war das liebend schmusende Einschlafen, mein bester

und treuester Freund abends im Bett. Das war mein Erleben, mein Empfinden,

meine Geschichte. Die will ich behalten, nicht verlieren und nicht vergessen.

Selbst bei einem Buch, mit dem du nur kurze Zeit kommuniziert hast,

dessen Text deine Gedanken angeregt und beeinflusst hat, ist zwischen ihm

und dir ein Verhältnis entstanden, dass du es nicht nach dem Lesen einfach wie

bedrucktes Papier siehst und wegwerfen kannst. Das Buch meiner Kindheit

wird immer mein wertvollstes bleiben. Ich brauche es nicht mehr, weil ich jetzt

in einem neuen, eigenständigen Buch für mein erwachsenes Leben schreibe?

Das kann mein Verständnis nicht sein. Freu dich Miriam, wenn die Liebsten deiner

Kindertage wieder miteinander reden.

Geheimbundtreffen

Verstockt waren sie. Aus keinem von beiden war ein einziges Wort über ihr

Treffen heraus zu bekommen. Ganz in Ordnung sei es gewesen. Sie hätten

aber noch nicht alles klären können und wollten sich am nächsten Sonntag

weiter unterhalten. Mehr Informationen gab es nicht. Auch am darauffolgenden

Sonntag schien wieder ein Geheimtreffen stattgefunden zu haben, bei dem es

auch jetzt noch nicht zu einer endgültigen Klärung gekommen war. Allem Anschein

nach mussten sich die Dinge wohl mehr und mehr verwirren statt zu

entflechten, denn regelmäßig waren sonntags weitere Klärungsgespräche erforderlich.

„Miriam, das ist aber nun wirklich unsere Angelegenheit, was wir

miteinander besprechen. Schließlich haben wir fünfzehn Jahre zusammen gelebt,

und da wird es doch wohl einiges zu bereden geben. Und da es mit Nick

gut geht, gefällt es mir auch.“ war Annes zurechtweisende Reaktion auf meine

Bitte, doch mal endlich wissen zu wollen, was sich denn da zwischen ihnen abspiele.

Nick war genauso schweigsam, formulierte es zwar ein wenig lustiger

aber stellte eindeutig klar, dass es sich um eine Angelegenheit von Anne und

ihm handele. Wir fragten Nick jetzt immer, ob er es wünsche, dass wir zu ihm

kämen. Zum Mittagessen, das funktionierte sowieso nicht mehr. Da war das

anschließende Treffen mit Anne in seinem Kopf präsenter als wir, die gegenwärtig

am Tisch live um ihn saßen. Auch für Anne hatten die sonntäglichen

Treffen höchste Priorität. Unsere regelmäßigen Besuche am Samstagnachmittag

erfolgten zwar noch länger als bei Nick, aber es kam uns schon so vor, dass

sie uns nicht mehr unbedingt brauchte wie bisher, zumindest nicht so dringlich.

Sie würde uns anrufen, wenn sie Lust auf ein Kaffeekränzchen mit uns hätte.

Sonderbare Dinge taten sich da. Diese beiden Typen, die meine Eltern sind,

treffen sich jeden Sonntag und verraten kein Sterbenswörtchen darüber, was

sie da mit einander tun. Nick war sonntags ganz aufgeregt, etwas Besonderes

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edeuten muss es ihm auf jeden Fall. Üblicher weise hätte man längst miteinander

im Bett gelegen, wenn man so oft zusammen spazieren gegangen wäre.

Was tun sie denn da, dass es für sie so interessant macht, die Klärung alter

Probleme allein kann es doch wohl nicht sein, aber die beiden sollten anfangen

sich wieder ineinander zu verlieben? Das war auch absolut unvorstellbar für

mich. Ratlos waren wir. Nur rätseln und wilde Mutmaßungen anstellen konnten

wir. Im Grunde waren sie unmöglich. Uns, ohne die dies niemals zustande gekommen

wäre, brauchten sie nicht mehr. Hielten es noch nicht mal für nötig

uns irgendetwas zu verraten.

Annes große Streiche

Ich war am Sonntagabend bei Anne, weil ich ihr etwas gebracht hatte. Mit

lausbubenhaften Grinsen, als ob sie gerade einen großen Streich ausgeheckt

habe, erklärte Anne: „Nick war schon am Samstagabend hier. Wir haben zusammen

gekocht.“ „Und hat's Spaß gemacht?“ fragte ich nach. Anne zog nur

eine zufrieden grinsende Schnute und nickte Zustimmung. „Magst du Nick eigentlich?“

fragte ich weiter. Jetzt begleitete ein: „Mhm“ das zustimmende Nicken.

„Sehr, Anne?“ erkundigte ich mich noch genauer. Sehr langsam bewegte

sie jetzt den Kopf auf und ab und holte dabei einen tiefen Luftzug durch die

Nase. Wie ein Teeny-Mädchen, das seine eigentlich verbotene Liebe versonnen

träumend gesteht. Anne schien auch zu träumen. Unbelievable! Mama hatte

sich wieder in Paps verliebt. Ich war nicht Herrin meiner Sinne. Ich umarmte

Anne und fuhr schnell nach Hause. Dort wollte ich mich aufs Bett legen und alles

ganz ruhig zu checken versuchen. Natürlich konnte ich unterwegs nicht

meine Gedanken und Assoziationen so lange abschalten. Ruhig checken war

nicht mehr. „André, André, André!“ stürmte ich die Wohnung. „Ich seh' die Bilder

von damals noch live. Wenn jemand gesagt hätte, die haben sich gegenseitig

abgestochen, das hätte ich geglaubt, aber sich wieder verlieben, wie kann

das denn gehen? André, warum hast du nicht Psychologie studiert, dann könntest

du's mir jetzt vielleicht erklären.“ Ich konnte ihm gar nicht viel erzählen.

Es war ja so simpel gewesen. Anne hatte nur ein paar Mal zustimmend genickt.

Aber warum sprachen sie denn sonst nicht darüber? Wusste Nick vielleicht gar

nicht, dass Anne ihn sehr gut leiden mochte, sprach man untereinander nicht

darüber, weil das vielleicht nicht sein sollte, sondern lebte es nur? Zwei Monate

später am ersten Adventssonntag, hatte man es zumindest wohl nicht mehr

voreinander verheimlichen können, das man sich gegenseitig liebe. Mit dem

gleichen spitzbübischen Gesicht wie damals erklärte Anne jetzt: „Nick hat bei

mir geschlafen, in meinem Bett. Wir haben uns geliebt.“ Als ob sie ganz keck

und mutig gewesen wäre, so schaute sie drein, aber ich denke Anne war eher

ein wenig stolz, stolz auf sich, darauf wie sich alles entwickelt hatte, was aus

dem Gespräch mit Klärungsbedarf geworden war. Vielleicht war sie auch ein

wenig verzaubert, weil sie einen Wunsch erfüllt bekommen hatte, den sie sich

nie gewünscht hatte, weil sie ihn gar nicht denken konnte.

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Weihnachten für die neue alte Liebe

Nick und Anne verbrachten jetzt das ganze Wochenende bei Anne. Weihnachten

sollten wir unbedingt alle zusammen bei Anne feiern. Besonders Nick war

daran gelegen. Er betonte immer, dass sie alles nur uns zu verdanken hätten,

und er dafür sorgen würde, dass wir später mal im Himmel einen Platz unter

den Erzengeln dafür bekämen. Anne gestand mir aber auch zu, dass es wahrscheinlich

im nächsten Jahr angebrachter sei, und sie es in diesem Jahr mit

Nick allein besser fände. Nick und Anne konnte man vorerst nur an den Abenden

in der Woche besuchen. Es würde nicht mehr lange dauern, so sah ich es,

bis sie auf die Idee kämen, dass man ja sogar innerhalb der Woche zusammen

sein könne, wenn man eine gemeinsame Wohnung habe. Wir sahen keine Notwendigkeit,

ihnen bei der Entwicklung dieser Gedankengänge behilflich zu sein.

Allerdings mussten wir sie dadurch auch immer einzeln in ihren getrennten Domizilen

aufsuchen.

Mein Bild

Am Spätnachmittag eines Freitags im Januar, als ich Anne besuchte, begann

die Sonne schon wieder ihren Platz am Horizont zu verlassen. Heute war es

kalt und klar, und eine Wolke, die von der Sonne zum Abschied hätte angestrahlt

werden können, war am Himmel nicht zu sehen. Da ließ sie einfach die

ganze, vielleicht mit Eiskristallen durchsetzte Atmosphäre der westlichen Hemisphäre

des Horizonts in einem leichten fast rosafarbenem Rot erglimmen. Das

war nicht die brennende Gluthitze, die zum Backen erforderlich gewesen wäre.

Bei dieser zart erscheinenden Decke in hellen Pastelltönen musste im Himmel

etwas anderes geschehen. Für eine sanfte, neue alte Liebe gab sie schon eher

das einfühlsam ummantelnde Szenario.

Bevor ich Anne verließ und nach Hause fuhr, kam Nick schon herein. Freudig

begrüßten wir uns, und Nick hatte ein paar launige Bemerkungen für mich.

Dann ging er zu Anne. Mit freudig lächelndem Gesicht kamen sie sich entgegen.

Sie schlangen ihre Arme umeinander, küssten sich, schauten sich an und

strahlten. Ich sah es, schaute dem zu, erkannte dieses Bild und und musste

schlucken. Meine Lippen hatte ich zusammen gepresst, aber trotzdem wurde

die sich in meinen Augen ansammelnde Flüssigkeitsmenge zu groß und rann

langsam über meine Wangen nach unten. Mit breitem freudestrahlendem Mund

weinte ich. Weinte vor Glück. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben. Es

musste schon eine Freude sein, die aus ganz tiefen Regionen der Psyche kam,

die man als das Herz bezeichnete, und wo die größte Liebe und das stärkste

Empfinden für andere zu Hause waren. Eine ergreifende Freude, Freude über

das Glück meiner Eltern, das auch das meine war, jetzt und schon vor ganz

langer Zeit.

FIN

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Nun geh ich stumm an dem vorbei,

Wo wir einst glücklich waren,

Und träume vor mich hin: es sei

Alles wie vor zehn Jahren.

Joachim Ringelnatz

„André ist ja so romantisch.“ wollte meine Freundin Julie

meinen Freund lobend bewundern. Mir verzog es das

Gesicht. Ich hielt André für ganz normal, aber meinen

Vater hielt ich ja auch für ganz normal. „Du bist ein

romantischer Spinner.“, das hatte ich noch im Ohr aus den

Streitigkeiten meiner Eltern damals vor ihrer Trennung.

Vielleicht war André ja auch ein romantischer Spinner, und

ich konnte es nur nicht erkennen. Ich kannte nur die

wundervollen Tage meiner Kindheit, als meine Eltern sich

noch liebten, und dann diese widerliche Zeit der Trennung.

Sollte unsere Liebe auch demnächst daran zerbrechen,

dass ich Andrés unerträgliche, romantische Spinnerei

erkennen würde und nicht mehr ertragen könnte. In Panik

sah ich mich, denn meine Eltern schwiegen. Germanistik

studierte ich. Da gab's für die Romantik einen breiten

Raum. Ich belegte ein Seminar zur Romantik, vielleicht

würde ich ja da mehr über André und unsere Liebe

erfahren.

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