Mirko, was willst du?

fleigejo

Isa ist studierte Fotodesignerin, arbeitet aber meistens wie eine schlichte Fotografin. Im Radio hört sie den Namen eines Kulturredakteurs, mit dem sie als Studentin eine wundervolle Nacht erlebte. Sie ruft ihn an. Bloß zum Spaß. Trifft sich aber mit ihm. Meine eigenen Bilder kannte ja niemand. Sie sind ein Trost für mich selbst, ich erzähle mich in ihnen, meine eigene Welt, und versuche mich in den Fotografien zu erkennen. In eine wundervolle Welt war ich geboren. Meine Eltern waren in die Jahre gekommene Yuppies. Ich wüsste nicht, dass ich ihr extrovertiertes, aufgeblasenes Leben je geliebt hätte. Auch meine Mutter liebte ich nicht, ich sah sie viel zu selten, und in der Pubertät begann ich sie zu hassen. Meine eigene, eine gehaltvollere, tiefere Welt wollte ich mir schaffen. Verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer, in der Natur oder bei meiner Freundin und hielt mich gleichzeitig an meiner Kamera fest. Sie ließ mich mit der Welt auf meine Art kommunizieren. „Was soll das, Mirko? Warum tust du das? Es ist nicht mehr vor zwanzig Jahren und wir tanzen auch nicht mehr wei­ter. Nicht nur die Welt um uns ist eine andere geworden, auch unsere eigenen Welten sind andere, als sie es damals waren. Es kann heute nichts geben, was deine Frau nicht wissen dürfte.“ sagte ich.

Carmen Sevilla

Mirko, was willst du?

Isa kann nur Pfannkuchen

Erzählung

Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt

um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.

Victor Hugo

Isa ist studierte Fotodesignerin, arbeitet aber meistens wie eine schlichte

Fotografin. Im Radio hört sie den Namen eines Kulturredakteurs, mit dem sie

als Studentin eine wundervolle Nacht erlebte. Sie ruft ihn an. Bloß zum Spaß.

Trifft sich aber mit ihm. Meine eigenen Bilder kannte ja niemand. Sie sind ein

Trost für mich selbst, ich erzähle mich in ihnen, meine eigene Welt, und

versuche mich in den Fotografien zu erkennen. In eine wundervolle Welt war

ich geboren. Meine Eltern waren in die Jahre gekommene Yuppies. Ich wüsste

nicht, dass ich ihr extrovertiertes, aufgeblasenes Leben je geliebt hätte. Auch

meine Mutter liebte ich nicht, ich sah sie viel zu selten, und in der Pubertät

begann ich sie zu hassen. Meine eigene, eine gehaltvollere, tiefere Welt wollte

ich mir schaffen. Verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer, in der Natur

oder bei meiner Freundin und hielt mich gleichzeitig an meiner Kamera fest.

Sie ließ mich mit der Welt auf meine Art kommunizieren.

„Was soll das, Mirko? Warum tust du das? Es ist nicht mehr vor zwanzig Jahren

und wir tanzen auch nicht mehr weiter. Nicht nur die Welt um uns ist eine

andere geworden, auch unsere eigenen Welten sind andere, als sie es damals

waren. Es kann heute nichts geben, was deine Frau nicht wissen dürfte.“ sagte

ich. „Du hast schon Recht, Isa. Meine Welt ist bei meiner Frau und ihr gehört

mein Herz. Als du anriefst, merkte ich jedoch, dass es so nicht ganz stimmt.

Das Empfinden, was du in mir geweckt hast, lässt sich nicht vergessen wie ein

belangloses Ereignis. An die meisten Feiern und Partys werde ich mich nicht

mehr erinnern, aber am Abend des 30. April fällst du mir fast jedes mal ein. Es

klingt lächerlich, aber du warst eine Nacht die Fee für mich. Den Platz hast du

in meinen Emotionen und Träumen.“ erklärte Mirko. „Ich will dich nicht aus

deinen Träumen reißen, Mirko, doch es war ein Abend, und der ist zu Ende, seit

fast zwanzig Jahren. Das wirst du auch in deinen Träumen nicht übersehen

können. Ich denke eher, du träumst von etwas, das es niemals gab.“ meinte

ich. „Das kann schon sein.“ räumte Mirko ein, „Was immer du im andern

siehst, sind letztlich doch nur deine Bilder. Aber du hast es wachgerufen, hast

dies Bild in mir angesprochen, ein Bild, das ich bislang nicht kannte und es

gehört bis heute zum Schönsten, was ich denken kann.“ Mirko ganz

vergessen? Das ging nicht, auch wenn Isa es manchmal wünschte. Turbulent

entwickelte sich die Beziehung für beide. Letztendlich gab es für Isa die ihr

zustehende Anerkennung und etwas, das ihr noch mehr bedeutete.

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Mirko, was willst du? – Inhalt

Mirko, was willst du?......................................................................4

Gerufen.......................................................................................... 4

Isa die Künstlerin........................................................................... 4

Erste Ausstellung............................................................................5

Mirko Schneider..............................................................................6

Fee für eine Nacht.......................................................................... 7

Mirkos Besuch................................................................................ 8

Sanne Bergmann............................................................................ 9

Sannes Tod und neue Liebe.......................................................... 10

Mirkos Fotografie..........................................................................11

Ausstellungen in Berlin und New York..........................................12

Preise........................................................................................... 13

Mirkos Abschied...........................................................................14

Vorlesung..................................................................................... 15

Frau Doktor Isa Hooger................................................................ 16

Mirko, was willst du?.................................................................... 16

Berlin Besuch................................................................................18

Was machen wir jetzt?................................................................. 20

Dem Braten in die Seele schauen.................................................20

Pfannkuchen.................................................................................22

Das Buch......................................................................................22

Feier mit Mirko............................................................................. 23

Gemeinsame Nacht.......................................................................24

Ruf der Liebe................................................................................ 25

Neue Heimat Berlin.......................................................................25

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Mirko, was willst du?

Gerufen

Die einen ruft der Muezzin zum Gebet, die anderen rufen die Glocken zur heiligen

Messe. Mich ruft niemand, auch nicht zum Frühstück. Wir lassen uns gerne

rufen und folgen dem Ruf auf eine Professur oder dem heimlichen Rufen, wenn

wir es denn hören. Wer dich ruft, sagt immer, dass er dich braucht. Was kann

es für dich Schöneres geben, als zu hören, dass du gebraucht wirst. Jeder Ruf

beinhaltet gleichzeitig Anerkennung, und was brauchst du mehr als die? Der

Rufer ist ärgerlich oder enttäuscht, wenn er nicht gehört wird, oder die Gerufenen

seinem Ruf nicht folgen, weil sie ihn missachten. Manchmal kannst du den

Rufer nicht erkennen oder lässt dich von deinen eigenen Emotionen rufen,

dann ruft es dich, und du fühlst dich berufen. Unsere Kommunikation besteht

also nicht nur aus miteinander reden und sich über seine Mimik mitteilen, sondern

auch aus gegenseitigem Rufen. Und wenn du allein bist, fehlt dir nicht nur

jemand, der mit dir spricht, sondern auch jemand, der dich rufen könnte. Es

geht ja nicht nur darum, dass er dich zum Frühstück ruft, er könnte auch etwas

in dir wachrufen und du könntest deinen Ruf nach Liebe an ihn richten.

Das Rufen stellt eine intensivere, dringlichere Form der Kommunikation dar als

Reden, Sprechen, Sagen und Erzählen. Wer Hilfe braucht, der ruft. Ob ich auch

nach Hilfe rufen sollte? Nur ich weiß nicht, wer mich retten könnte.

Isa die Künstlerin

Fotodesignerin war ich. Die meisten Aufnahmen wurden bei mir im Studio gemacht,

aber oft wurde ich auch gerufen, um vor Ort Dinge oder Menschen zu

fotografieren. Ich folgte dem, nur zufrieden war ich damit nicht. Ich war Künstlerin

und keine Handwerkerin. Ich war nicht Fotografin, doch wer sich für arrivierter

oder intellektueller hielt, ließ seine Fotos bei mir machen und nicht beim

Hochzeitsfotografen. Mein künstlerisches Können und meine Kreativität legte

ich in die Aufnahmen. Viel zu schade, die Fotos waren zwar nicht billig, aber sie

hätten in eine Ausstellung gehört. Damals, während des Studiums gab es öfter

Ausstellungen. Eine Serie von mir bekam einen Preis. Ein Verlag interessierte

sich für sie, und ich entwickelte die Serie weiter. Sie wurde veröffentlicht. Ein

wunderschönes Buch, ich konnte es mir immer wieder anschauen, kannte auf

den Bildern jedes Pixel und konnte es interpretieren. Die potentiellen Käufer

sahen das nicht so und ließen mein Werk in den Buchhandlungen liegen. Vielleicht

hätte ich mehr zu den Bildern schreiben sollen, damit die Betrachter die

einzelnen Fotografien besser verstehen, und sie ihr Interesse ansprechen

konnten. Aber dass der Verlag eine Neuauflage des Verlustgeschäftes wagen

würde, nur auf mein Versprechen hin, dass es mit mehr Text besser verkäuflich

sei, hielt ich selbst für lächerlich. Das Buch musste in Kultursendungen im Radio

und Fernsehen besprochen werden, dann ließe es sich verkaufen. Aber ich

Mirko, was willst du? – Seite 3 von 27


war ein Nobody, für den sich niemand interessierte, eine herkömmliche Fotografin

eben. Meine eigenen Bilder kannte ja niemand. Sie sind ein Trost für

mich selbst, ich erzähle mich in ihnen, meine eigene Welt, und versuche mich

in den Fotografien zu erkennen. In eine wundervolle Welt war ich geboren.

Meine Eltern waren in die Jahre gekommene Yuppies. Ich wüsste nicht, dass

ich ihr extrovertiertes, aufgeblasenes Leben je geliebt hätte. Auch meine

Mutter liebte ich nicht, ich sah sie viel zu selten, und in der Pubertät begann

ich sie zu hassen. Meine eigene, eine gehaltvollere, tiefere Welt wollte ich mir

schaffen. Verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer, in der Natur oder bei

meiner Freundin und hielt mich gleichzeitig an meiner Kamera fest. Sie ließ

mich mit der Welt auf meine Art kommunizieren. Meine Fotos wirken auf

andere meistens eher melancholisch. Ich suche schon, was nicht laut schreit

und blecherne Freude verherrlicht. Das Ersthafte und auch die Traurigkeit, die

jeder in sich trägt, wenn meine Bilder davon sprechen können, erzählen sie mir

mehr. Die Bilder von mir, die ich liebte, wären als Cover einer Illustrierte nicht

geeignet. Wir, zwei Mitarbeiter und ich, gestalteten das Layout einer kleinen

Illustrierte. Meine liebste Arbeit war es. Man ließ uns größte Freiheit und wir

konnten viel Kreativität einbringen. Die schönste Illustrierte, fand ich.

Reaktionen gab es aber nur vom Chef der Redaktion, von außen wurde uns

kein Lob zuteil, man nahm uns einfach nicht zur Kenntnis.

Erste Ausstellung

Eine Bekannte, die am Museum arbeitete, berichtete mir, dass sie eine Ausstellung

zur Geschichte der Fotografie von den Anfängen bis Heute planten. Fast

ausschließlich Kopien würden sie zeigen, die meisten Originale könnten sie

nicht bezahlen. Ob ich nicht von mir zwei oder drei Bilder zur Verfügung stellen

könne als Beispiel praktizierter Fotokunst von heute. Natürlich, nur niemand

würde meine Fotos beachten, und so geschah es auch. Völlig traf es jedoch

nicht zu. Die Kuratorin eines kleinen Museums hatte zum ersten mal von mir

erfahren, rief mich an und fragte, ob sie eventuell eine Ausstellung mit meinen

Fotos machen dürften, und ob sie sich die vorher mal anschauen könne. Wahrscheinlich

wussten sie nicht, was sie sonst hätten machen sollen und was sie

hätten bezahlen können. Eine erste Ausstellung nur mit meinen Bildern. Aber

das Museum kannte kaum jemand. Deshalb verfassten sie selbst unterschiedliche

Rezensionen von Ausstellungen und boten sie Zeitungen unter der Zusicherung,

sie zu veröffentlichen, exklusiv kostenlos an. So ersparten sie sich

andere Werbekosten. In drei Zeitungen wurde meine Kunst gepriesen. Es kam

mir irreal vor. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Ganz ernst nahm

ich es nicht. Auch wenn wir die Rezensionen eingerahmt bei uns im Studio aufhängten,

kostete es mich doch immer ein Lächeln. Isa Hooger, die begnadete

Fotokünstlerin. Völlig lächerlich war es aber nicht. Die Feuilletons wurden ja

nicht nur von der Bevölkerung gelesen, sondern von allen Kulturredaktionen

und die Rezensionen waren qualitativ hochwertig. Eine promovierte Kulturwissenschaftlerin

hatte sie verfasst, und nicht ein Journalist hatte sich irgendetwas

zusammen gestümpert. Ich bekam öfter Anfragen von außerhalb und

brauchte dringend eine Internetseite, auf der man mein Schaffen bewundern

Mirko, was willst du? – Seite 4 von 27


konnte. Ich war zwar noch nie im Fernsehen oder in Kultursendungen im Radio

genannt worden, wurde aber öfter zu Diskussionen oder Referaten eingeladen.

Mirko Schneider

Im Radio hörte ich von einer Ausstellung in Berlin. Die Sendung war relativ

ausführlich, und als Redakteur wurde ein Mirko Schneider genannt. Den Namen

hatte ich doch schon mal gehört. Wahrscheinlich war er als Redakteur einer anderen

Sendung genannt worden, die ich auch gehört hatte. Aber nein, irgendetwas

sagte mir, dass es so nicht war, aber wer war Mirko Schneider dann?

Hatte Sanne ihn vielleicht gekannt? Sie war ja selbst auch Journalistin gewesen.

Der Weg erschien mir auch nicht erfolgversprechend. Wer war das nur,

dieser Mirko Schneider? Woher konnte ich den Namen kennen? Lange versuchte

ich in meinen Hirnwindungen zu forschen. Ergebnislos. Was tat ich da nur?

Überlegte krampfhaft, ob ich eine Person mit dem Namen Mirko Schneider kennen

würde, so eine Verschwendung von Zeit und Gehirnkapazität. Nur die Frage

nach diesem Herrn Schneider ließ sich nicht einfach abschalten. Wie bei einem

Ohrwurm, der dich unablässig quält, schien es sich bei der Frage, wer Mirko

Schneider sei, um einen Gedächtniswurm zu handeln. Irgendwann verebbte

er jedoch genauso wie die Ohrwürmer auch. Sophie, meine Mitarbeiterin, hatte

Geburtstag. Zum Geburtstag luden wir uns immer zu Fèten ein. Da ging es

dann allerdings nicht beschaulich, melancholisch zu. Ich war auch keineswegs

ein Mensch, der häufig oder sogar ständig derartige Zustände suchte. Wenn

Sophie Geburtstag hatte, wollte ich mich freuen, war laut und lustig und wollte

tanzen. „Ah, Mirko!“ schrie ich plötzlich auf. Man lachte, und niemand wusste,

was es zu bedeuten hatte. Mirko Schneider hatte ich bei einer Fète an der Uni

kennengelernt. Wir fanden uns sehr lustig, flirteten miteinander, tanzten oft

und küssten uns auch. Es war ein Abend, der mich glücklich empfinden ließ,

aber das war es auch. Am anderen Morgen war er vorbei und Mirko Schneider

kannte ich nicht mehr. Ich staunte selbst, dass es mir wieder eingefallen war.

Er war mir schon sympathisch, und Flirten und Tanzen machten Spaß. So war

es für einen Abend gewesen, aber dass ich Mirkos Namen behalten könnte,

hätte ich nicht gedacht. Ob er meinen Namen auch wohl noch kannte? Mit Sicherheit

nicht. Den ganzen Abend bei Sophie musste ich an die Fète von damals

denken. Ich hatte mich als freier empfunden. Lust und Scherz und Albernheiten

waren echter und mir leichter zugänglich als heute. Ich dachte sehr

gern an meine Studienzeit zurück, nur diese Gedanken waren nicht darin enthalten.

Jetzt gehörten auch sie dazu. Mirko Schneider, ich hatte ihn wiedergefunden.

Ob ich's doch mal versuchen sollte, ihn nach Isa Hooger zu fragen?

Aber warum? Selbst wenn er sich erinnern sollte, könnten wir uns zwei Sätze

von der Fète erzählen, und das wär's. Es ließ mich aber nicht los. Vielleicht

konnte ich diesen Wiederentdeckungsprozess jetzt nicht einfach konsequenzenlos

abschließen. Wäre ich enttäuscht, wenn er sich nicht erinnerte? Nein, es

wäre ja wahrscheinlich so. Ich rief im Sender an und wurde durchgestellt. „Guten

Tag, Frau Hooger, was kann ich für sie tun?“ fragte er. Das war Mirko. Ich

kannte sogar seine Stimme wieder. „Es ist mir leicht unangenehm, aber ich

wollte sie eigentlich nur fragen, ob sie sich an mich erinnern.“ ich darauf.

Mirko, was willst du? – Seite 5 von 27


„Nein, helfen sie mir.“ sagte er. „Isa Hooger, wir haben uns mal an einem

Abend in der Uni bei einer Fète kennengelernt. Ich habe deinen Namen jetzt im

Radio gehört, und war mir sicher, dass ich ihn kennen würde. Nach längerer

Gedächtnisübung viel es mir dann auch wieder ein.“ erklärte ich ihm. Einen

Moment herrschte Stille, dann rief er „Isa! Komm sofort her, und lass uns zusammen

tanzen. Ich mochte dich sehr, Isa, und habe mich am nächsten Tag

verwünscht, dass wir kein Treffen vereinbart oder unsere Adressen ausgetauscht

hatten. Ich war sogar an der Hochschule und habe dich gesucht. Dass

mir bei Isa Hooger nicht sofort alles klar war, verstehe ich nicht. Aber wir leben

heute eben in anderen Welten. Trotzdem wäre mir nichts lieber, als wenn ich

dich wiedersehen könnte.“ sagte Mirko Schneider. Ich fragte ihn, was er sich

davon verspreche, oder ob wir wieder tanzen gehen sollten? „Alles, Isa, alles

was du möchtest. Meine schönen Gefühle für dich sind immer offen geblieben.

Mir tut es gut, dich wiedersehen zu können, und ich hoffe, du hast auch eine

schöne Erinnerung an unseren Abend.“ Wo sollten wir uns treffen? In Berlin

wäre ihm lieber, aber übernachten müsse ich in einem Hotel, bei ihm ginge das

nicht.

Fee für eine Nacht

Mirko war verheiratet und hatte schon zwei größere Kinder. Warum ich nicht

trotzdem bei ihnen übernachten konnte, verstand ich nicht. Als sich herausstellte,

dass seine Frau gar nicht wusste, dass er sich mit mir traf, sondern ihr

gesagt hatte, dass es sich um etwas Berufliches für den Sender handle, wurde

mir einiges klar und ich war verärgert. „Was soll das, Mirko? Warum tust du

das? Es ist nicht mehr vor zwanzig Jahren und wir tanzen auch nicht mehr weiter.

Nicht nur die Welt um uns ist eine andere geworden, auch unsere eigenen

Welten sind andere, als sie es damals waren. Es kann heute nichts geben, was

deine Frau nicht wissen dürfte.“ sagte ich. „Du hast schon Recht, Isa. Meine

Welt ist bei meiner Frau und ihr gehört mein Herz. Als du anriefst, merkte ich

jedoch, dass es so nicht ganz stimmt. Das Empfinden, was du in mir geweckt

hast, lässt sich nicht vergessen wie ein belangloses Ereignis. An die meisten

Feiern und Partys werde ich mich nicht mehr erinnern, aber am Abend des 30.

April fällst du mir fast jedes mal ein. Es klingt lächerlich, aber du warst eine

Nacht die Fee für mich. Den Platz hast du in meinen Emotionen und Träumen.“

erklärte Mirko. „Ich will dich nicht aus deinen Träumen reißen, Mirko, doch es

war ein Abend, und der ist zu Ende, seit fast zwanzig Jahren. Das wirst du

auch in deinen Träumen nicht übersehen können. Ich denke eher, du träumst

von etwas, das es niemals gab.“ meinte ich. „Das kann schon sein.“ räumte

Mirko ein, „Was immer du im andern siehst, sind letztlich doch nur deine Bilder.

Aber du hast es wachgerufen, hast dies Bild in mir angesprochen, ein Bild, das

ich bislang nicht kannte und es gehört bis heute zum Schönsten, was ich denken

kann.“ „Ist das ein Kompliment für mich? Ich glaube schon. Beschreib' mir

doch das Bild, vielleicht lässt es mich von mir etwas erkennen, was mir bislang

selbst verborgen war.“ bat ich Mirko. Er lächelte und wollte mir einen Kuss geben.

Mirko, nein, es ist heut' kein Tanz in den Mai mehr. Erzähl' es mir.“ wehrte

ich ab. „Isa, wenn ich mein Bild beschreibe, wird es in dir ein anderes erzeu-

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gen. Ich kannte viele Mädchen, hatte eine Freundin, doch du erschienst mir

völlig anders. Verkörpertest das Idealbild einer Frau für mich. Warst lebenslustig,

klug und tiefgründig humorvoll, warst offen, gefühlvoll und wecktest durch

die Küsse mein Begehren. Eine leuchtende Blume, du schwebtest über allem

und warst doch so nah bei mir. Du warst die zauberhafte Fee und bist es stets

geblieben. Seitdem muss eine Frau für mich vor allem klug sein, doch nie

konnte ich das andre von dir auch erkennen.“ beschrieb Mirko sein Bild. „Ja, ja,

du hast schon Recht. Ich komme ja auch von einem anderen Stern.“ reagierte

ich scherzhaft, „Nur leider schwebe ich nicht ständig in lustbetonten

Maiennächten. Nach deinem Bild von mir wirst du in meinen Fotos vergebens

suchen.“ Ich sollte von mir erzählen, in einer Buchhandlung erstanden wir

mein Buch und ich erläuterte es ihm. Mirko wollte meine Bilder sehen. „Schau

sie dir an auf meiner Homepage.“ riet ich ihm. Nein, Mirko wollte alles sehen.

„Da musst du zu mir kommen. Du kannst sogar bei mir übernachten, nur

musst du mir versichern, keine irgendwie gearteten Avancen zu versuchen.“

lud ich ihn ein.

Mirkos Besuch

Er könne meine Bilder gar nicht einordnen. Natürlich seien sie Portraits, aber

passten nicht in eine ihm bekannte gängige Stilrichtung. „Weißt du wie wir das

machen?“ schlug ich ihm vor, „Du hast in Berlin doch sicher so gute Connections,

dass du eine Ausstellung in der Nationalgalerie organisieren könntest.

Dann werden wir ja in den vielfältigen Rezensionen und Besprechungen erfahren,

um welchen Stil es sich bei meinen Bildern handelt.“ Mirko schmunzelte

und wollte etwas über meine bisherigen Ausstellungen wissen. „Wenn du nichts

tust, dann brauchst du dich auch nicht zu wundern. Mehr Anerkennung hätten

deine Fotografien auf jeden Fall verdient. Ich bin natürlich nicht objektiv, aber

sie zeigen mir eine bewundernswerte Seite von dir, die ich damals so nicht sah.

Vielleicht kulminiert auch deine Tiefe, Klugheit und Einstellung zum Leben in

deinen Bildern, nur muss der Betrachter es auch erkennen und erkennen wollen.

Die Primitivität des Blickes ist sehr verbreitet und wird oft durch intellektuelles

Bramarbasieren zu übertünchen versucht.“ war Mirkos Ansicht. „Du hast

ja Recht. Im Grunde mache ich nichts. Mein Marketing ist nicht existent. Dabei

hätte ich schon Möglichkeiten. Nach der Ausstellung und den Rezensionen habe

ich es einfach mal versucht, Mitglied im Bund Freischaffender Foto-Designer zu

werden, und es hat wider mein Erwarten geklappt. Nur ich habe bislang nichts

daraus gemacht, habe die Möglichkeiten, die sich daraus entwickeln ließen

nicht genutzt. Nicht wenig naiv bin ich offensichtlich. Emotional empfinde ich

mich als gut, und denke man müsse das auch erkennen. Ich möchte mich nicht

aufdrängen, möchte gerufen werden. Kannst du das nachempfinden? Wahrscheinlich

nicht.“ erklärte ich. „Doch, doch, sehr gut. Die Königin braucht sich

nicht anzubieten wie sauer Bier.“ sagte es und lachte. „Aber ich kenne schon

einige Galerien, die deine Bilder bestimmt ausstellen würden. Eine Möglichkeit

wüsste ich sogar in New York, und als Mitglied im BFF giltst du überall als arrivierte

Künstlerin. Wenn man dich in New York sehen wollte, wer sollte dich

dann hier nicht sehen wollen? Man müsste nur etwas mehr über dich schrei-

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en.“ meinte Mirko. Ich überlegte, nein, jetzt nicht, vielleicht würde ich es ihm

später einmal zeigen.

Am Abend sprachen wir über Mirko. Er hatte Kulturwissenschaften und Germanistik

studiert. „Beim Sender ist es mit dem Rufen noch viel schlimmer, da wird

dich niemals jemand rufen. Durch Neid, Missgunst, Ränkespiel und Intrigen

musst du dich kämpfen, um das tun zu können, wozu du dich für berufen

hältst. Jetzt bin ich nicht mehr antastbar und habe mit alldem nichts mehr zu

tun, nur wenn du es erlebst, wird dir deutlich, wie Menschen Emotionales,

selbst was aus früher Kindheit zu stammen scheint, oft nicht vergessen, und

jederzeit zu Neuauflagen fähig sind. Warum sollte ich dich vergessen können,

du hast mich schließlich emotional sehr tief berührt.“ erzählte Mirko. „Und du

ziehst auch den Umkehrschluss, nicht wahr? Weil ich dich nicht vergessen

habe, musst du mich emotional auch sehr tief berührt haben, oder?“ wollte ich

lächelnd von ihm wissen. „Nein, Isa, daran habe ich nicht gedacht. Doch wenn

dein Gehirn es für so wichtig hielt, es dauerhaft zu speichern, muss es

emotional schon positiv besetzt gewesen sein.“ meinte Mirko, „Ich habe bei

Helen, meiner Frau, nie an dein Bild gedacht, niemals versucht, sie mit dir zu

vergleichen, aber klug und intellektuell das ist sie schon. Das stammt von dir.

Nur kluge Frauen konnten seitdem noch mein Interesse wecken.“ erklärte

Mirko und erkundigte sich nach meinem Freund oder Mann.

Sanne Bergmann

Mirko, so etwas habe ich nicht. Kein Freund, kein Mann.“ antwortete ich. „Sag

mehr, Isa. Kein Bedürfnis oder fühlst du dich allen überlegen?“ wollte Mirko

wissen. Ich überlegte, was ich ihm sagen sollte. „Du kannst es oberflächlich sehen.

Jeder sucht sich einen Sexualpartner. Das brauchst du vielleicht auch,

aber der Mensch in dir sucht etwas anderes. Du willst nicht allein sein, suchst

den Kontakt, willst Liebe. Es fiel mir nicht leicht, mich auf andere tiefer einzulassen.

Es war schön, kurzes Glück zu erleben, so wie an unserem Abend. Das

schien mir zu reichen. Mein Freund war meine Kamera. Die habe ich schon in

Kindertagen geliebt. Sie war mein Teddy, ich habe mit meiner Liebsten, die immer

für mich arbeitete, die Bilder machte, gesprochen, und meine Emotionen

konzentrierten sich auch später auf sie und meine Bilder. Sie sollte mir die Beziehungen

zu meiner Welt vermitteln. Trotz meiner Freundin empfand ich

manchmal Einsamkeit. Ich wollt' nicht mehr allein sein. Mit einem Freund, der

mich bewunderte, ähnlich wie du, habe ich ein Jahr zusammengelebt. Er konnte

mir nicht geben, wonach es mich verlangte. Er war sehr nett, doch Liebe

kam nicht auf. Trotz Partner war ich genauso einsam wie zuvor.“ erläuterte ich.

„Dann hast du dich von ihm getrennt und dich doch mit deiner Kamera begnügt.“

suchte Mirko meine Biografie zu vervollständigen. „Ja, das habe ich gedacht.

So würde mein weiteres Leben aussehen. Ich könne nicht lieben, weil

ich selbst keine echte Liebe erfahren hätte, sondern nur einen oberflächlichen

Schein davon.“

„Dann wurde ich von Sanne Bergmann – ist dir ein Begriff, nicht wahr? - gebe-

Mirko, was willst du? – Seite 8 von 27


ten, bei einem Vortrag Fotos von ihr zu machen. Sie brauche neue Fotos für die

Presse und sonst auch noch. Schon bei der Vorbesprechung herrschte eine ungewöhnliche

Atmosphäre. Ich kannte sie ja gar nicht, hatte sie noch nie gesehen,

aber es war gleich vertraulich, als ob ich mit einer guten Bekannten, mit

meiner Schwester spräche. Ich meinte, sie gleich beim ersten Kontakt tief zu

erkennen. Wir scherzten und sprachen wie zwei Verbündete. Als wir zwei Tage

später gemeinsam auf der Couch saßen, um die Fotos auszuwählen, war ich

nicht ganz in dieser Welt. Als ob ich Musik hörte. Jedes Wort, das Sannes Mund

verließ, schien mir wie eine aufgehende Blüte zwischen ihren Lippen hervor zu

quellen. Unabsichtlich waren wir ganz dicht zusammen gerutscht. Ein Rausch,

ich kam mir vor wie in Ekstase. Luft holen musste ich, brauchte eine

Unterbrechung. Wir gingen uns einen Kaffee machen. An der

Espressomaschine standen wir voreinander und mein rechter Arm streckte

ganz von allein seine Finger nach Sannes Wange aus. Sie hätte ja sagen

können, dass sie so etwas nicht möchte, aber daran konnte ich gar nicht

denken. Sanne lächelte und zeigte nach kurzer Zeit mit fragendem Blick auf

ihre Lippen. Ich verstand, und vorsichtig touchierten sich unsere Lippen. Wir

spielten damit und ich befeuchtete meine Lippen mit der Zunge. Sanne

schnippte mit ihrem Finger darüber und ich ließ meine Zunge auch über ihre

Lippen gleiten. Was wir da taten, wusst' ich nicht, nur spürte ich, wie es mich

tief ergriff. Das Spiel mit Lippen und Zungen wollte nicht enden. Ich war Sanne

so nah und wollte doch noch näher sein. Unsere Küsse wurden intensiver, und

leidenschaftlich verschlangen wir uns. Der Kaffee war längst wieder kalt. Wen

störte das? Wir saßen glücklich beieinander auf der Couch. „Ich habe noch nie

eine andere Frau geküsst.“ meinte ich erstaunt lächelnd zu Sanne. „Was spiel

das für eine Rolle, ob Frau, ob Mann es geht nur um uns beide.“ erklärte sie.

Sanne hatte bislang auch noch nie mit einer anderen Frau etwas zu tun

gehabt. Ja, Mirko, wir haben uns geliebt, acht Jahre lang.“ erzählte ich. „Und

dann ist eure Liebe doch zerbrochen?“ fragte Mirko. „So ist es, der Tod hat sie

mit seiner schwarzen Hand zerbrochen und dabei meine Seele auch gleich mit

zerrissen. Aber lass es für jetzt genug sein. Weiter möchte ich darüber im

Moment nicht reden.“ antwortete ich.

Sannes Tod und neue Liebe

Warum wir lachten, als Mirko reinkam, weiß ich nicht. „Es gefällt mir gut, dich

rufen zu hören: „Das Frühstück ist fertig.“. Das könnte ich durchaus jeden

Morgen ertragen.“ verkündete Mirko schmunzelnd. „Mein Lieber, wenn wir zusammen

lebten, erwartete ich selbstverständlich, dass du es wärst, der mich

zum Frühstück riefe.“ machte ich ihm deutlich. „Du meinst, die Liebste hätte

Anspruch darauf, die Gerufene zu sein. Nur wenn ich mit dir zusammenlebte,

würde ich gar nicht aufstehen wollen, glaube ich.“ meinte Mirko. „Mein Lieber,

spinn dir nichts zusammen. Deine Träume bewegen sich auf falschen Gleisen.“

korrigierte ich ihn. „Du wirst eine Frau lieben wollen, oder ist durch Sanne für

dich auf immer alles blockiert?“ fragte Mirko. „Das weiß ich nicht, ob ich einen

Mann oder eine Frau lieben würde, das ist abstrakt. Ich weiß nur, dass ich Sanne

geliebt habe, unendlich. Ich habe nicht geweint, ich habe geschrien wie ein

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kleines Kind, als Sanne mich verlassen hatte. Richtig durchgedreht bin ich. Sophie

und Leo waren hier, als ich vom Krankenhaus kam, wo ich mich von der

toten Sanne verabschiedet hatte. Sie haben einen Arzt gerufen. Ich habe wirklich

gedacht, ich könne das nicht überleben. Bei der Beerdigung bin ich wie

eine versteinerte Mumie mitgegangen. Ich hatte Angst, wenn irgendwelche

Emotionen aufkämen, könnte ich wieder ausrasten. Ich wollte Sanne folgen,

wo sie auch immer sei. Das war bestimmt der Todestrieb. Ja, ein Leben ohne

Sanne war für mich nicht mehr vorstellbar und wertlos. Ich war beim Therapeuten,

und trotzdem war sie immer da. Die Trauer ist ein Teufel, die dich befällt,

wann immer sie es will. Es hat sehr lange gedauert, bis ich wieder ein

halbwegs normales Leben führen konnte. Aber die Zeit mit Sanne war mein Leben

und wird es immer bleiben. Das kann es nicht mehr wieder geben, eine

Wiederholung ist nicht möglich.“ verdeutlichte ich Mirko. „Dein Zusammensein

mit einem anderen Menschen, deine Liebe, das war Sanne, und das ist jetzt

damit für dich vorbei?“ fragte er nach. „Das weiß ich nicht. Ich glaube nicht.

Sanne ist ein Teil meines Lebens. Sie wird immer in mir sein. Doch was sie in

mir geweckt und erfüllt hat, das Bedürfnis nach tiefer Liebe ist auch immer da.

So wie es war, kann es nie wieder sein. Ich weiß nicht, wie es sein könnte,

doch das wusste ich ja vor Sanne auch nicht.“ antwortete ich ihm.

Mirkos Fotografie

„Die Bilder von Sanne sind mir ja geblieben. Wenn ich mich einsam fühle,

schaue ich sie mir an, träume und weine. Mein Weltschmerz, verstehst du.

Aber ich habe ein wundervolles Vermächtnis von ihr. Ich habe es noch nie jemandem

gezeigt. Es ist mir eine heilige Ikone. Sanne hat es für mich geschrieben.

Sie wollte es veröffentlichen, hatte nur noch keine Möglichkeit dazu gefunden.

Willst du es mal sehen? Möchtest du es lesen?“ fragte ich Mirko. Er

nickte nur. Dann las er lange. „Giselle Hooger“ sagte er mit einem Lächeln, als

er fertig war. „Wundervoll, besser kann man dich nicht beschreiben. Sie hat natürlich

viel mehr gesehen als ich. Jetzt muss ich mir deine Bilder noch einmal

anschauen. Hast du dich mit Giselle Freund beschäftigt?“ fragte Mirko. „Ja intensiv

und das sehr früh. Sie bildete das Portal zur Fotografie für mich. Vorher

hatte ich fast nur Praktisches zur Technik gelesen. Das war natürlich äußerst

wichtig, zumal dort immer auch etwas zum Bildaufbau und Sichtweisen vermittelt

wird. Wodurch ich auf Giselle Freund gestoßen bin, weiß ich nicht, ich weiß

nur, dass ich mir in der Bibliothek ein Buch über sie besorgt habe, und dann

gab es kein Halten mehr. Ich erfuhr von ihrer Kindheit und verachtete meine

Eltern. Meine Mutter hat sogar geweint über meine Vorwürfe und Anschuldigungen.

Das hatte ich noch nie gesehen und es befriedigte mich. Da war ich in

der Pubertät, war ärgerlich, dass mein zu Hause nicht dem von Giselle Freund

entsprach. So ein Unfug. Sein Elternhaus zu kritisieren, weil es nicht das ist,

was man sich wünschte. Aber das war bei mir ja immer so. Als kleines Kind

musste ich schon wohl feststellen, dass irgendetwas nicht richtig lief. Ein süßes

Püppchen hatte sich die Mami gewünscht und hatte einen Ausbund an Aufsässigkeit,

Trotz und Widerspenstigkeit erhalten. Giselle Freunds Leben ließ mich

meine Wunschidentität entwickeln. Zusätzliches Interesse erhielt sie auch da-

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durch, dass ich begann, mich mit dem Nationalsozialismus und der Zeit davor

in Deutschland zu beschäftigen. Ja, in meiner Fotowelt spielt Giselle Freund

schon eine Schlüsselrolle, auch wenn ich nicht im Entferntesten in ihren Sphären

lebe.“ erläuterte ich. „Würdest du mich auch mal fotografieren?“ fragte Mirko.

„Natürlich, warum nicht? Aber dann müsstest du rauchen. Bei Giselle

Freund haben die Männer alle eine Kippe im Schnabel oder zwischen den Fingern.“

scherzte ich. „Nein, nein, das stimmt nicht. Mitterand hält, glaube ich,

ein Buch in der Hand.“ Mirko darauf. „Du hast ja Recht, James Joyce raucht,

glaube ich, auch nicht. Nur war es damals ja so, dass sich die Männer sicher

fühlten, wenn sie sich an einer Zigarette festhalten konnten. Womit würdest du

dich denn sicher fühlen?“ wollte ich von ihm wissen. Er überlegte grinsend und

meinte: „Das weiß ich wirklich nicht. Mir fällt nichts ein. Vielleicht mit Kuli und

'nem Blatt Papier?“ „O. k., dann machen wir das so. Ins Studio gehen wir

sowieso nicht.“ erklärte ich. Alles wurde hergerichtet. Kamera, Leuchten und

Schirm hatte ich auch zu Hause. Da fotografierte ich die Leute sowieso lieber.

„Nein, nein, so geht das nicht. Du musst schon richtig schreiben, nicht den

Stift in der Hand halten und mich anlächeln. Denk dir etwas aus, schreib einen

Aufsatz über dein Wochenenderlebnis.“ schlug ich vor. Nach anfänglichem

Zögern machte Mirko es. Ich nahm ihn auf beim Überlegen und Schreiben und

wenn er aufblickte, um Fragen von mir zu beantworten. Wir schauten uns die

Fotos auf dem Schirm an. „Isa, jetzt muss ich dir einen Kuss geben, und du

darfst es mir nicht verbieten.“ erklärte Mirko. Ich strich ihm über seine Hand.

„Ein Süßer bist du auch nach zwanzig Jahren noch geblieben, will mir

scheinen.“ reagierte ich. Zum Abschied gab es auch Umarmung mit Kuss.

Ausstellungen in Berlin und New York

Empfand ich etwas für Mirko? Sollte da mehr sein als die angenehme Erinnerung?

Die hatte ich bei Sophie auf der Fète empfunden. Jetzt hatten wir uns

zweimal getroffen. Mit der Fète hatte es kaum noch zu tun gehabt, aber wir

waren schon offen und vertraulich zu einander gewesen. Der neue Mirko war

mir durchaus sympathisch, doch mehr auch nicht. Aber er hatte mir Anerkennung

vermittelt und nicht nur, weil er mich für eine wundervolle Frau hielt. Das

war vielleicht auch ganz nett, doch ziemlich unerheblich. Er hatte meine Bilder

gewürdigt, und Mirko war schließlich nicht irgendwer. Ein Lob für mich aus bislang

wohl qualifiziertestem Munde. Das tat mir gut und festigte mein Selbstbewusstsein.

Er wollte ja auch etwas für mich tun. Ob er das einhielt, oder ob es

in seiner Alltagshektik unterging? Nein Mirko hielt Wort. Eine sehr angesehene

Berliner Galerie sei eventuell bereit, meine Bilder auszustellen. Er brauche einige

Kopien und sagte auch wovon. Vor allem sei aber Sannes Essay wichtig.

Wenn man mich dort gezeigt hätte, stünden mir die Türen aller anderen Galerien

offen. Jetzt musste ich mein liebevoll gehütetes, persönliches Erbstück doch

den Massen offenbaren, aber Sanne hatte es ja auch für die Öffentlichkeit geschrieben.

Nur war es das einzige Erinnerungsstück, das Sanne direkt für mich

und über mich gemacht hatte. Ich wurde zu einer Vorbesprechung eingeladen

und sollte möglichst viel Material mitbringen, damit man sichten und auswählen

könne. Vor der Vernissage musste ich noch einmal wegen letzter Bespre-

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chungen nach Berlin, und dann kam der große Tag. Sagen konnte ich zu meiner

Kunst ja schon Gehaltvolles. Schließlich verfügte ich über umfänglichen

theoretischen Background und hatte gelernt, ihn eloquent anzubringen. Wer

Walter Benjamin und Norbert Elias im Zusammenhang mit seinen Bildern zitiert,

kann wohl nicht die Fotografin vom Lande sein. Mirko wollte seine Umarmung

gar nicht wieder lösen. „Isa, du bist göttlich.“ entfuhr es ihm. „Deine

Einführung war bestimmt genauso gut, wie die Bilder selbst.“ Wichtig war es

mir schon. Schließlich sollten die Betrachter ja wissen, wonach sie in den Bildern

zu suchen hätten. Dickes Lob in den Rezensionen von zwei Feuilletons.

Meine Fotos gäben einer alten Sichtweise eine neue zeitgemäße, heutige Gestalt.

Eine neue Stilrichtung in zeitgemäßer Bildsprache hatte ich also entwickelt.

Das war doch schon was, oder? Beide hatten vieles von Sanne abgekupfert.

Die Hintergründe hätten sie auch selbst nicht gehabt. Die Finissage war

ein lustiges Fest. Die Ausstellung galt als Erfolg, und Mirko meinte, jetzt wäre

New York an der Reihe. Ich konnte ja nicht öfter in die USA reisen, um alles

abzuklären. Das war auch kein Problem. Man wollte die Ausstellung von Berlin

übernehmen. Ich konnte mich zwar englisch unterhalten, aber Sannes Text ins

Englische Übersetzen und meine Einführung auf Englisch machen, dazu reichte

es bei mir nicht. Eine Bekannte, die ein Jahr in den USA gelebt hatte, erklärte

sich bereit, es zu übertragen. Sie sprach perfekt English, aber verstand die

Texte auf deutsch leider nicht. Mehrere Nachmittage haben wir mit ihren Lexika

zusammengesessen und uns dabei totgelacht. Zur Vernissage musste ich

und wollte ich ja auch nach New York. Jetzt hatte ich meine Ausstellung in New

York, nur war es mit der Berliner Galerie nicht zu vergleichen. Ich glaube, meine

Zuhörer verstanden auch den Inhalt meiner Einführung nicht. Zumindest

ließen ihre primitiven Fragen das vermuten. Einen Namen hatte diese Galerie

mit Sicherheit nicht. Aber wer würde das schon in Deutschland wissen. War ich

jetzt eine angesehene Künstlerin? Bestimmt. Mirko hatte Recht. Ich konnte

jetzt im Prinzip überall ausstellen. Vorbehalte und Zweifel an meiner künstlerischen

Qualität existierten nicht.

Preise

Fast immer befanden sich meine Bilder jetzt irgendwo in einer Ausstellung, ich

reiste zu den Vernissagen und erhielt Anerkennung für mein Schaffen. Nur die

schlichte Fotografin war ich längst nicht mehr, das tat mir schon sehr gut.

Überall erfuhr ich Bestätigung für mein Können. Zufrieden war ich, doch ob

sich emotional etwas für mich geändert hatte, wagte ich zu bezweifeln. Natürlich

hatte ich erreicht, was ich erreichen wollte. Die Anerkennung tat mir gut,

nur dass sie mich zu einem glücklicheren Menschen machte, das konnte ich so

nicht erkennen. Alle suchen sie die Anerkennung für ihr Werk und ihre Taten,

nur kann sie auch ein Rausch sein, der schon morgen nicht mehr zählt. Bestand

die Anerkennung zwischen Sanne und mir etwa darin, dass wir gegenseitig

unsere Werke bewunderten? So ein Schwachsinn. Mich verlangte es danach,

Sanne glücklich zu sehen, nur weil sie Sanne war, sonst nichts. Anerkennung

um deiner selbst willen zu erfahren, Liebe erhalten und geben, das verändert

dich, lässt dich zu einem anderen Menschen werden.

Mirko, was willst du? – Seite 12 von 27


Mirko sah es so, dass die permanenten kleinen Ausstellungen auf die Dauer

nicht viel brächten, mir keinen Namen verschafften. Ich müsse mich an Wettbewerben

beteiligen und Preise gewinnen, das schaffe mir Bekanntheit. Alle

möglichen Wettbewerbe hatte er schon herausgesucht und nannte Bilder von

mir, die er für geeignet hielt. Ich müsse es mir überlegen, erklärte ich, und

würde mich wieder melden. Warum war ich nicht sofort begeistert? Das war ich

schon, eine künstlerische Fotografin, die auch Anerkennung für ihr Schaffen

wollte. Aber das war ich nicht nur. Ich wusste, dass ich so mein Glück nicht finden

konnte. Meine Homepage fand ich mittlerweile ziemlich toll, mit Sannes

Text auf deutsch und englisch und meine Ausstellungen waren natürlich alle

aufgeführt. Auch auf der BFF Page war ich mit einer Serie vertreten. Ein völliger

Nobody war ich keinesfalls mehr. „Mirko, du hast dir viel Mühe gemacht,

aber ich weiß nicht, ob ich so etwas will.“ erklärte ich ihm. Er versuchte mir zu

verdeutlichen, wie wichtig es für mich sei und dass es ohne ein Preis keinen

weiteren Aufstieg gebe. „Ich brauche das, glaube ich, nicht, Mirko.“ erklärte ich

nur lapidar. Er konnte es nicht fassen und redete weiter auf mich ein. „Mirko,

du hast gehört, ich will es nicht und dabei bleibt es.“ sagte ich strikt. Mirko

regte sich auf. Hielt alles für die Katz was wir bisher gemacht hätten und wurde

sogar richtig böse. „So rede ich nicht mit dir. Mach's gut, Mirko“ beendete ich

das Gespräch.

Mirkos Abschied

Das Telefon hatte ich noch in der Hand, mein Mund stand offen. Was hatte ich

da getan. „Mirko!“ entfuhr es mir halb weinerlich. Für Preise wollte ich mich

nicht bewerben, aber doch Mirko nicht verlieren. Natürlich hatte er mir viel geholfen.

Dafür müsste ich ihm dankbar sein. Das hatte ich ihm nie gesagt. Ich

hatte mich sicher schon mal anerkennend geäußert, aber mir war es immer

vorgekommen, als ob es unser gemeinsames Ding sei, unser gemeinsames, in

dem wir beide verbunden waren. Bewusst gemacht, welche Beziehung da zwischen

uns bestand, hatte ich mir nie. Jetzt hat ich Zeit, darüber nachzudenken.

Von Liebe und Dergleichen war nie mehr ein Wort gefallen, aber äußerst nahe

waren wir uns schon. Unser Vertrauen ineinander war selbstverständlich und

grenzenlos. Als Verbündete erlebten wir uns, und unsere Anerkennung galt der

Person des anderen, nicht seinen Taten. Aber was war denn unsere Beziehung,

wenn wir nichts Gemeinsames mehr unternehmen würden? Sollte ich jetzt

plötzlich von Liebe sprechen? Nein, nein, das hatte ich auch nie direkt empfunden.

Aber was war es dann, was uns verbunden hatte? Sollte ich ihn nicht anrufen

und alles wieder zu glätten versuchen? Sollten wir uns treffen, damit ich

Mirko meine Motive genau erklären könnte. Er würde mir sicher zuhören, und

sie nicht so barsch überfahren wie am Telefon. Aber da war auch etwas in mir,

das es nicht mochte, jetzt mit ihm zu sprechen. Außerdem wäre es ja auch an

ihm, sich zu entschuldigen. Wenn ihm emotional an unseren gemeinsamen Aktivitäten

genauso viel läge wie mir, würde er das ja auch nicht einfach zerbrechen

lassen. Er würde sich melden, da war ich mir ganz sicher.

Mirko, was willst du? – Seite 13 von 27


Das geschah aber nicht. Mirko meldete sich nicht in den nächsten Tagen, nicht

in der nächsten Woche und nicht im nächsten Monat. Er meldete sich überhaupt

nicht mehr. Ich konnte das nicht verstehen, war maßlos enttäuscht und

wollte auch nichts mehr von ihm wissen, als er schon so lange nicht angerufen

hatte. Was hätt' ich ihm auch sagen sollen, was ich von ihm wollte, wenn es

nichts gab, das wir gemeinsam planten. Meine Emotionen sprachen anders. Sie

schienen schon etwas von ihm zu wollen, nur ließen sie mich nicht wissen,

was. Vielleicht nahm man in zwanzig Jahren ja mal wieder Kontakt auf, erinnerte

sich mühsam aneinander und lud sich zum Tanz in den Mai ein. Eine sonderbare,

sehr schöne Zeit. Sie hatte vieles in meinem Leben verändert und war

dann so unsäglich geendet. Traurigkeit umfing mich. Ich hatte etwas Bedeutsames

verloren, und konnte nicht einmal genau beschreiben, was es war.

Vorlesung

Eine alte Professorin von der Uni rief mich an. Sie habe meinen Namen gelesen

und sich an mich erinnert. Sie wolle mal hören, wie es mir ginge. Na so etwas.

Mir geht’s gut. Was verbarg sich denn dahinter. Man freue sich ja immer, wenn

man höre, dass ehemalige Studentinnen oder Studenten es zu etwas gebracht

hätten. Ich sollte doch mal von mir erzählen. Ich hatte es also zu etwas gebracht,

na schön. Ich erzählte ihr von Ausstellungen und riet ihr, sich doch mal

meine Homepage anzusehen. „Frau Hooger, das ist ja fabelhaft.“ meldete sie

sich einige Tage später, „Sie müssen unbedingt ihre Bilder bei uns ausstellen.

Was sie geschrieben haben, hat mir äußerst gut gefallen, es wäre schade,

wenn unsere Studenten das nicht zu hören bekämen.“ „Soll ich eine Einführung

in die Ausstellung geben?“ fragte ich. „Ja, es wäre sehr schön, wenn sie das ein

wenig ausbauen und in unserem akademischen Rahmen als Vorlesung gestalten

könnten.“ meinte sie. Oh, Schreck. Dafür reichte es nicht. Ich konnte auch

nicht sagen: „Nein, das kann ich nicht.“ und sagte zu. Ich konnte ja nicht nur

mein Bekanntes wiederholen, vom 'Homo Clausus', vom unbehausten Menschen,

von Giselle Freund und dergleichen erzählen, ich brauchte neue Gedanken,

die ich bislang noch nicht formuliert hatte. Über die in der Industriegesellschaft

destruierte Persönlichkeit des Menschen, der sich nicht mehr als einheitlich

empfinde, nicht mehr um seine wahren Bedürfnisse wisse und seine Gefühle

nicht mehr erkennen und wahrnehmen könne. Der entfremdete Mensch, hinter

dessen Maske sollten meine Fotos schauen. Über die Traurigkeit, die man

erlebt, aber nicht wahrnehmen darf. Ihr wollte ich einen größere Passage widmen.

Ich bekam es schon hin und war erstaunt über mich selbst. Ich konnte

nur hoffen, dass die Studenten das auch so sehen würden. „Frau Hooger ihr

Vortrag hat mir sehr gut gefallen, wissenschaftlich fundiert und zeigte ganz

neue Aspekte auf. Wir brauchen sie hier, das müssen sie vermitteln. Nein, jetzt

im Ernst, hätten sie nicht Lust für ein Semester ein Seminar zu übernehmen?“

fragte die Professorin. Hoffentlich äußerte sich mein innerliches Lachen nicht in

meiner Mimik. Ich würde gerne, aber es ließ sich zeitlich nicht arrangieren, erklärte

ich, aber das würde mich wirklich überfordern. Zu Hause ließ ich alles

nochmal ablaufen. Warum empfand ich es eigentlich als Überforderung? Zur

Zeit meines Examens wären solche Gedanken nicht aufgekommen, nur da

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auchte man mich für so etwas ja nicht. Dass ich mich heute nicht mehr traute,

lag nur daran, das ich so fern der Uni war. Falsch war das allemal, dass ich

mich so privatisiert hatte. Ich stand nicht mit Leuten wie Walter Benjamin in

Kontakt, obwohl mir die theoretisch Betätigung fehlte. In die Ausarbeitung der

Vorlesung hatte ich mich auch emotional sehr vertieft. Was tun? Sollte ich die

Professorin anrufen und ihr doch zusagen. Nein, dazu sah ich mich nicht in der

Lage. Doch, ich wollte sie anrufen und fragen, was sie unter den neuen Aspekten

verstanden hätte. Das schizoid anmutende Verhalten des Menschen in der

Industriegesellschaft sei es gewesen und meine Absicht die wahren Bedürfnisse

und Gefühle der Menschen durch meine Fotografie entdecken zu wollen. Auch

meine Aussagen zur Tristesse und Traurigkeit hätten ihr sehr gut gefallen. Es

sei schade, dass ich dies nicht weiter ausbauen könne. Wir sprachen noch weiter,

und ich erklärte, dass ich zu meinem Bedauern dem Wissenschaftsbetrieb

sehr fern sei. Ich solle doch promovieren, schlug sie vor, dann sei ich zwangsläufig

integriert. Ich promovieren? Warum eigentlich nicht? Damals hatte ich

das schon überlegt, konnte es aber nicht abwarten, in die Praxis zu kommen.

Nach mehrfachen Gesprächen mit der Professorin hatten wir ein Thema

gefunden. Dann musste alles genehmigt werden. Jetzt schrieb ich an meiner

Dissertation.

Frau Doktor Isa Hooger

Als Promotionsstudentin musste ich auch ein Doktorandenseminar besuchen

und Übungen abhalten. Für's Studio hatte ich gar keine Zeit mehr, zudem hing

ja auch mein Herz an der Promotion und weniger am Studio. Was sollten wir

tun? Jemanden zusätzlich einstellen? Das konnten wir nicht bezahlen. Sophie

und Leo waren gut, wir hatten ja auch alles zusammen gemacht, aber die Leute

wollten eben von Frau Hooger persönlich fotografiert werden. Es war einfach

zu viel. Diese Ausstellungen in den kleinen Galerien wurden grundsätzlich gestrichen.

Ich brauchte sie für mich nicht mehr und finanziell brachten sie sowieso

nichts. Ich konnte auch nicht die Preise erhöhen, weil ich in einer kleinen

Galerie in Augsburg ausgestellt hatte. Ich würde die stressige Zeit durchstehen

müssen. Wenn ich an meiner Arbeit saß, war sowieso aller Stress vergessen.

Sie schien mir das zu geben, wonach mein Herz gerufen hatte. Nach fast drei

Jahren war es soweit. Die Arbeit war fertig und sie war gut. Vorm Rigorosum

war ich doch nervös, obwohl ich mich eigentlich hätte sicher fühlen können,

aber man wusste ja nie, ob nicht jemandem deine Nase nicht gefiele. Jedoch

alles war lieb und nett, ein interessierter Diskussionszirkel über meine Dissertation

und meine Arbeit als Fotokünstlerin. Ich hatte es geschafft und war stolz

wie der König von Preußen. Natürlich haben wir im Studio getanzt, aber die

richtige Feier sollte es erst geben, wenn mir die Doktorwürde verliehen sei. Es

zog sich ein wenig, aber dann hatte ich es in der Hand. „Frau Doktor Isa Hooger“.

Die Promotion war schon nicht billig gewesen und jetzt brauchten wir

auch noch für alles neue Formulare. Vor allem unser Firmenschild musste erneuert

werden. Wer zu uns kam, sollte schließlich wissen, dass er von der Frau

Doktor abgelichtet wurde. Auch preislich änderte sich etwas. Bei Sophie und

Leo gab's Fotos zu den alten Preisen, bei mir musste schon etwas draufgelegt

Mirko, was willst du? – Seite 15 von 27


werden. Dadurch konnte ich meine Kontakte zur Uni auch besser pflegen und

hielt regelmäßig ein Seminar ab. So gefiel ich mir. Das war in meinen Träumen

niemals vorgekommen. Ich hätte es für irreal gehalten.

Mirko, was willst du?

Persönliche Beziehungen? Damit war eigentlich alles in Ordnung. Man mochte

mich, an der Uni war ich anerkannt und vor allem bei mir selbst. Die Tage waren

glücklich. Wenn ich Sannes Bilder sah, war es eine schöne Erinnerung,

aber ich fing nicht mehr an zu weinen. Mirko Schneider sei heute im Studio

aufgetaucht, erklärte mir Sophie, als ich nach Hause kam. Er wolle mich anrufen

sagte sie. Oh, je, was wollte der denn jetzt? Er sei in der Nähe gewesen

und wolle mich gern wiedersehen, sagte er. „Warum?“ fragte ich nur. Es sei in

ihm nicht abgeschlossen, und er würde gern nochmal mit mir darüber reden.

„In mir ist es aber abgeschlossen, Mirko, und ich habe keine Lust daran, das

alles wieder aufzuwühlen.“ erklärte ich ihm. „Was gibt es aufzuwühlen, Isa?

Unser letztes missratenes Gespräch, sonst war's doch herrlich zwischen uns.“

meinte Mirko. „Du hast viel für mich getan, hast mir geholfen. Ich habe mich,

glaube ich, nie dafür bedankt. Das möchte ich ausdrücklich nachholen. Aber

das ist es auch, Mirko.“ machte ich ihm klar. „Isa, was soll das denn? Aus dir

spricht Kälte und Verärgerung. Das bist du doch nicht. So haben wir nie

miteinander gesprochen. Lass uns doch, bitte, vernünftig reden.“ bat Mirko.

„Was soll das denn, Mirko? Die Zeit ist vorbei für mich, wir können sie nicht

wiederbeleben und ich habe auch überhaupt kein Interesse daran.“ sagte ich

ihm. „Du schickst mich nach Hause, ohne dass ich dich sehen konnte. Du tust

mir weh damit, Isa.“ erklärte er. Oh, nein, jetzt fing er auch noch an, zu

betteln. „Na gut, komm her, wenn es deine Seele tröstet.“ bot ich ihm an.

„Was ist das denn, Dr. Isa Hooger?“ erkundigte sich Mirko nach meinem Klingelschild.

„Na ja, du sprichst jetzt nicht nur mit der schlichten Fotografin, sondern

auch der Wissenschaftlerin, denk, bitte, bei dem, was du sagst, daran.“

reagierte ich und lachte. Von meiner Promotion wollte Mirko natürlich alles genau

wissen. „Hast du meine Dissertation denn nicht gelesen? Du kannst sie auf

meiner Homepage herunterladen, aber da schaust du wohl nie mehr drauf.“

meinte ich scherzhaft. „Isa, du bist wirklich zauberhaft. Immer sorgst du für

neue Wunder.“ reagierte Mirko, „Das machst du ganz allein. Auch wenn du dich

damals für keinen Preis bewerben wolltest, du findest selbst deinen Weg, und

der ist besser.“ „Das dauert aber lange. Vier Jahre hast du gebraucht, um das

jetzt einzusehen?“ sagte ich. Aber ich wollte doch gar nicht davon anfangen.

Jetzt war es doch unüberlegt passiert. „Nein, nein, das ist nicht wahr. Fast direkt

nach unserem Gespräch kam ich mir wie ein Idiot vor. Auch wenn ich deine

Gründe nicht verstanden hätte, ich habe sie ja nicht einmal gehört. Habe

dich gar nicht gefragt, mich benommen wie ein Verrückter.“ erklärte Mirko.

„Und warum hast du dann nicht mal angerufen?“ fragte ich. „Ich habe mich

entsetzlich geschämt, habe es immer aufgeschoben und habe dann gedacht, es

hätte dir gereicht. Mit so einem wie mir wolltest du nichts mehr zu tun haben,

sonst hättest du dich ja auch gemeldet. Und ich war wütend auf mich selbst

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und entsetzlich traurig.“ antwortete Mirko. Der Vorwurf des Vertrauensbruches

also völlig unbegründet? Ich starrte ins Leere und sinnierte über den Stellenwert

der Torheit, zu der Menschen in Beziehungsfragen fähig sind. Aber vielleicht

war es ja auch das Schicksal, das es gewollt hatte, sonst sähe es für

mich heute sicher anders aus. „Und bist immer noch beim Sender. Ich höre

zwar nur selten Radio, aber dein Name kam da nicht mehr vor.“ erkundigte ich

mich. Kurator sei er jetzt bei einem Museum. Das gefiele ihm hervorragend. Er

habe mich immer beneidet. „Ich wäre so gern auch praktisch künstlerisch tätig

gewesen. Doch das wurde mir alles schon in meiner Jugend ausgetrieben. Mein

Klavierlehrer zum Beispiel war ein pädagogischer Rüpel, der mir immer nur sagen

konnte wie schlecht ich sei. Bei meinen Malversuchen kam auch nicht viel

herum. Vielleicht fehlte mir einfach nur das entsprechende Selbstwertgefühl,

die Selbstsicherheit.“ erzählte Mirko. „Habe ich das denn gehabt?“ fragte ich

mich laut selbst. „Nein, darum ging es gar nicht. Zumindest in Kindheit und Jugend

nicht. Ich habe meine Fotos für mich gemacht, wie andere sie bewertet

hätten, hat mich niemals interessiert. Später im Studium natürlich schon,

Selbstbewusstsein als Kind habe ich im Kampf mit meiner Mutter trainiert.“

erklärte ich und lachte. Mirko erzählte von seinem Museum, und dass er seinen

Job für eine ideale Kombination aus Praxis und Theorie halte. Und warum er

dann nicht eine Ausstellung mit den Bildern der begnadeten Künstlerin und

Wissenschaftlerin Dr. Isa Hooger kuratiere, wollte ich von Mirko wissen. „Da

brauchst du ein Thema, bei dem du viel von dir unterbringen kannst. Eine reine

Individualausstellung, die kannst du mit Edward Hopper machen, aber mit Dr.

Isa Hooger zur Zeit noch nicht.“ erklärte Mirko. Ich sollte mir sein Museum

anschauen. Wir vereinbarten ein Wochenende. Bei der Verabschiedung meinte

Mirko beiläufig, dass ich aber auch wieder im Hotel übernachten müsse. Seine

Wohnung sei ganz klein, er sei arm, müsse alles an seine Frau und die Kinder

abliefern. Ich fragte noch, ob sie nicht mehr zusammen seien. Nein, sie hätten

sich getrennt, erklärte Mirko lapidar, bevor er ging. Mir verschlug es die

Sprache. Konnte man ihm also doch nicht trauen. Jetzt hatte er keine Frau

mehr, und da war ich ihm eingefallen. 'Zufällig in der Nähe sein' alles nur Fake.

Dass er böse wurde, weil ich nicht tat, was er sich vorgestellt hatte, gefiel mir

damals schon überhaupt nicht. Jetzt war ihm offensichtlich eigefallen: „Nimm

dir doch die Isa. Die ist doch auch nicht schlecht.“ Ich würde keinesfalls zu ihm

nach Berlin fahren.

Berlin Besuch

Ich rief ihn an, um es ihm mitzuteilen und beschwerte mich. Im Nachhinein

empfände ich sein Verhalten als demütigend. „Isa, wie kannst du nur? Das ist

doch alles nicht wahr. Du hast es dir so ausgedacht, nur es ist fern jeder Wirklichkeit.

Anscheinend ist aus unserem guten gegenseitigen Verstehen der

Wunsch nach Missverständnissen geworden. Ich habe nicht davon gesprochen,

weil ich dich mit meiner privaten Beziehungskrise nicht langweilen wollte. Ich

wollte mich nicht bei dir ausweinen. Und wenn ich an Beziehungen zu einer

Frau denken sollte, was ich zur Zeit nicht tue, kämst du dabei gar nicht in Betracht.

Für mich bist du mit Sanne verbunden, und eventuell irgendwann mit

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einer Nachfolgerin. Isa, las doch, bitte, das positive Bild von mir, das du hattest

wieder leuchten. Wenn du so etwas von mir vermutest, dann schmerzt

mich das.“ erklärte Mirko. Also doch nach Berlin fahren.

Ganz stolz führte Mirko mir alles vor, als ob es sein persönlich erworbener Besitz

sei. Mit ihm schauten wir uns die aktuelle Ausstellung an. Bilder aus einer

Privatsammlung. Unschätzbare Werte wurden gezeigt. Sie zierten zwar sonst

nicht ein Privathaus, sondern wurden als Dauerleihgaben in verschiedenen Museen

gezeigt. Die Erben des Sammlers, waren an einem eigenen Museum oder

der Gesamtunterbringung als Teil eines anderen Museums interessiert. Diese

Ausstellung galt für sie daher auch als Test. Er müsse noch ein paar Kleinigkeiten

klären, dann sei er frei. Ich solle mir doch solange im Shop oder im Café

die Zeit vertreiben. Was wir tun wollten, wusste er gar nicht, darüber hatte er

sich keine Gedanken gemacht. Wir steuerten einfach auf einen nahegelegenen

Stadteilpark zu und gingen spazieren. Ob ich auch sehen wolle, wie er jetzt leben

müsse, fragte er. „Nein, ich werde mir schon eine ordentliche Wohnung besorgen

und kann sie auch bezahlen. Das jetzt war nur eine Unterkunftsmöglichkeit,

die sich gerade anbot. Ich wusste ja auch noch nicht, wie viel ich abzugeben

hatte. Ich will ja zahlen, mich keineswegs drücken, aber ich komme

mir vor, als ob ich die Familie allein finanzierte. Warum Helen noch arbeitet,

verstehe ich nicht. Wenn sie's nicht täte, bekäme sie ja sogar noch mehr.“ erzählte

Mirko. „Und warum habt ihr euch getrennt?“ fragte ich. „Deinetwegen.“

antwortete Mirko und lachte, „Nein, direkt hatte es überhaupt nichts mit dir zu

tun, aber indirekt ganz gewiss.“ „Das musst du mir aber erklären, wieso ich

deine Ehe zerstört haben soll.“ forderte ich Mirko auf. „Das ist ein wenig kompliziert

und voll verstehe ich es selbst nicht. Bevor wir uns damals trafen, hatte

ich das Bild von dem Fètenabend im Kopf und ein amouröses Verhältnis konnte

ich mir schon vorstellen. Nach unseren ersten Sätzen waren derartige Gedanken

bei mir aber verschwunden. Trotzdem war ich von dir fasziniert, nicht als

potentielle Freundin, sondern als Mensch, wie du sagtest. Mein Interesse an dir

und vor allem an unseren Gemeinsamkeiten nahm zu und hatte mich auch

emotional tief erfasst. Man sagt ja, die Menschen seien nicht monogam. Sexuell

trifft das sicher zu, aber im Bereich des Sozialen kann ich das nicht nachempfinden.

Die Männer, die angeblich mehrere Frauen gleichzeitig lieben, kann

ich nicht verstehen. Die Liebe zu jemandem dominiert mich doch emotional,

und wenn das eine Frau ist, kann da nicht eine andere gleichzeitig sein. Bei dir

war es ja gar nicht die Liebe zu einer anderen Frau, es war unser gemeinsames

Handeln, was mich emotional dominierte. Natürlich hing es mit dir zusammen.

Unsere Beziehung in unseren gemeinsamen Aktivitäten erfreute mich und ließ

mich glücklich sein. Das war es, was mich primär emotional bewegte. Wenn du

mir etwas am Telefon erzählt hattest, war ich glücklich.“ berichtete Mirko. „Und

was hatte das mit deiner Frau zu tun?“ erkundigte ich mich. „Ja, wie gesagt,

meine Glücksvorstellungen gehörten unserer Gemeinsamkeit, obwohl sie ja mit

einer Mann/Frau Beziehung und Liebe nichts zu tun hatte. Dass du eine Frau

geliebt hattest, und wie du es beschriebst, wahrscheinlich wieder tun würdest,

das alles störte nicht im Geringsten. Dich als potentielle Freundin zu sehen,

brauchte ich mir nicht verbieten, und trotzdem gehörte dir mein Herz. Die Beziehung

zu Helen bewegte mich immer weniger und mir kam es vor, als ob,

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ihre emotionale Bindung an mich auch immer schwächer wurde. Wahrscheinlich

förderte es sich gegenseitig. Wir beide hatten schon längst nichts mehr

miteinander zu tun, aber das Erlebte wirkte fort und war nicht einfach rückgängig

zu machen. Unsere Gemeinsamkeit hatte mir ein anderes Lebensgefühl

vermittelt und danach sehnte ich mich und nicht nach Helen. Großen Streit hat

es zwischen Helen und mir nicht gegeben, es war einfach leer, da war nichts

mehr. Und das sahen wir schließlich beide so. Bevor wir uns noch jahrelang

quälten, wollten wir Schluss machen. So hat es sich abgespielt.“ erzählte Mirko.

„Und hast du gefunden, wonach du dich sehnst?“ fragte ich grinsend. „Isa,

das Schönste ist die Sehnsucht, wenn du's erreicht hast, gibt es sie nicht

mehr.“ erklärte Mirko und lachte. „Ich weiß es nicht, Isa. Aber tragen wir nicht

alle irgendeine Form von Sehnsucht in uns, von der wir meistens gar nicht wissen,

worauf sie sich bezieht? Sind deine Träume immer an Konkretem ausgerichtet?

Schaust du nicht manchmal einfach in die Ferne, weißt nicht einmal,

woran du denkst? Lustig bist da dann nicht, doch was du möchtest weißt du

auch nicht.“ meinte Mirko. Unsere Blicke trafen sich. Ich überlegte ob er Ähnliches

bei mir gelesen haben könnte. Nein, es waren schon seine eigenen Gedanken.

Zustimmung sollte ihm mein Lächeln zeigen.

Was machen wir jetzt?

Zum Abendessen hatte ich den armen Mirko zu mir ins Hotelrestaurant eingeladen.

Er konnte aber auch trinken, weil der arme Mirko mit dem Taxi nach

Hause fuhr. Wir wollten uns einen Wein aussuchen, der uns gut gefiel, auch

wenn er nicht ganz billig war. Es war nicht erst der Wein, der unsere Zungen

löste, ich hatte Lust, einen schönen Abend zu verbringen und mich zu freuen.

Warum? Mir war danach. Worauf wir diesen teuren Wein tranken, wussten wir

zunächst nicht. Wir schlugen alles vor und entschieden dann, ob es des Weines

würdig sei. Mein Doktortitel und Mirkos Kurator waren es allemal, aber es gab

auch eine Reihe von Petitessen, die wir zwar vorschlugen, aber gar nicht damit

rechneten, dass sie als würdig genug hätten angesehen werden können. Wir

sagten es nur, um Spaß damit zu haben. Wir hatten Lust daran, und freuten

uns, den anderen zum Lachen zu bringen. Nach zwei Flaschen Wein erklärte

ich: „Herr Schneider, ich bin leider völlig beschwipst. Ihre Gesellschaft werde

ich jetzt verlassen und die meines Bettes suchen.“ Langer Abschied. Wahrscheinlich

gefiel mir die Umarmung so gut, weil ich mich dabei an Mirko abstützen

konnte. Am Sonntag besuchte ich Mirko nochmal im Museum. Ich saß

ihm in seinem Büro am Schreibtisch gegenüber. „Und, was machen wir jetzt?“

fragte ich lächelnd provokant. „Eine Ausstellung, was sonst.“ lautete Mirkos Reaktion.

„Ich mache keine Ausstellungen mehr. Das lohnt sich nicht.“ ich darauf.

„Was ist denn eigentlich mit deiner Dissertation? Du musstest sie doch veröffentlichen,

wird die denn verkauft?“ fragte Mirko. „Du kannst sie kostenlos bei

mir herunterladen und in UBs kannst du sie ausleihen, warum sollte man sie

kaufen?“ erklärte ich. „Wahrscheinlich ist sie auch für den Durchschnittsleser

unleserlich oder erweckt zumindest keinen Anreiz, sie zu lesen.“ meinte Mirko.

„Halt dich, bitte, ein bisschen zurück und ließ sie erst mal.“ scherzte ich. Das

wollte er tun und sich dann melden. Die Verabschiedung gestaltete sich sehr

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herzlich und ich konnte nicht umhin, ihm lächelnd über sein Wänglein zu streicheln.

Ich war glücklich auf der Rückfahrt. Der Besuch bei Mirko stimmte mich freudig.

Er hatte das für sich benannt, was ich auch empfunden hatte, mir nur

nicht so direkt eingestehen wollte. In der Zeit mit Mirko damals hatte ich mich

als glücklicher empfunden, obwohl er ja nicht mein Freund, geschweige denn

mein Liebster war. Wir hatten es nicht erklärt und wollten es auch nicht, aber

die Praxis unserer Beziehung trug viele Züge davon. Doch was sollten die Gedanken

jetzt. Ich brauchte das nicht mehr und wollte es nicht aufwärmen. Meine

Tage waren glücklich so, und dabei sollte es bleiben.

Dem Braten in die Seele schauen

Nach einigen Tagen rief Mirko an und entschuldigte sich, dass es so lange gedauert

habe. „Isa, das kann man ja nicht in einer Stunde mal eben überfliegen,

was du geschrieben hast. Ich habe immer nur gestaunt. Dass es in UBs vergilbt,

dafür ist es eindeutig zu schade, nur welcher Rechtsanwalt oder Studienrat

wird sich schon so damit quälen wollen. Ich bin kein Lektor, aber ich habe

doch schon manches Buch rezensiert. Völlig klar ist es mir auch nicht, wie genau

man deine Dissertation gut lesbar und so attraktiv gestalten müsste, dass

man sie einem angesehenen Verlag anbieten könnte. Wir müssten uns mal gemeinsam

Gedanken darüber machen.“ erklärte Mirko. Ach, Mirko! Du solltest

sie doch nur lesen und mir sagen, dass sie gut wäre. Allerdings, sie als Buch in

den Buchhandlungen stehen zu sehen und sie vielleicht sogar in einer Kultursendung

besprochen hören, verführerisch war das schon. Aber war das überhaupt

realistisch? Und vor allem wäre es dann nicht mit Mirko vorbei gewesen.

Ich würde wieder zwangsläufig mehr mit ihm zu tun haben müssen. Das alles

lief mir schnellstens durch die Gedanken. Entschieden hatte ich mich im Grunde

nicht, sagte aber: „Wo sollen wir uns treffen? Schlag etwas vor.“ Er könne

am Wochenende schlecht fort, dafür aber in der Regel montags. Er wollte also

am Sonntagabend anreisen, und am Montag sollten wir mit unserer Besprechung

beginnen.

„Hat sie dir einen Erkenntnisgewinn gebracht?“ fragte ich Mirko zu meiner Dissertation.

„Und ob.“ meinte er, „Man ließt das Dr., na ja, wer hat das nicht

schon. Das all die Feld-, Wald- und Wiesenärzte es haben ist eine Schande.

Was sind das schon für Wissenschaftler? Aber was du geschrieben hast, sollte

eigentlich jeder wissen, der sich eine Fotografie, nein ein Bild anschaut. Alles

nur voll ausgebildete Berufsbetrachter hätten wir dann. Es ist eine wundervolle

Grundlage zur Geschichte und zur Soziologie der visuellen Wahrnehmung und

Darstellung. Und dann dieses Bild des Menschen in der heutigen technologisierten

Gesellschaft und wie er sich darstellt und gesehen werden will. Es ist

auch keineswegs alles nur schwer verständlich. Manche Sätze fand ich wundervoll.

Man könnte sie direkt als Aphorismen bezeichnen. Ja, Isa, ich bin begeistert.“

„Ich muss mal eben beim Ofen nachschauen, ich habe uns nämlich eine

Quiche gemacht. Ja,“ sagte ich Mirko fixierend in gefasst ernstem Ton, „du

Mirko, was willst du? – Seite 20 von 27


siehst dich auch einer begnadeten Cuisinière gegenüber.“ und lachte los. „Das

Gegenteil ist der Fall. Nix kann ich. Nur die Quiche bekomme ich hin.“ erklärte

ich. „Und was machst du dann mit den ganzen Kochbüchern?“ fragte Mirko, der

mir in die Küche gefolgt war. „Die sind von Sanne. Statt der Bücher hätte sie

mir lieber ein wenig von ihren Künsten vermitteln sollen. Ich habe auch nichts

von ihr gelernt Die zauberte mit den Gewürzen in einer anderen Liga als die

herkömmlichen Essenszubereiter. Sie lebte darin, konnte, glaube ich, dem Braten

in die Seele schauen.“ erklärte ich. „Wie bei Leuten mit dem grünen Daumen,

die Planzen verstehen können und mit ihnen sprechen.“ ergänzte Mirko.

„Du musst dich völlig darauf einlassen, dich ganz hinein vertiefen. Aber intensive

Anstrengung und starkes Wollen reichen alleine, glaube ich, trotzdem nicht.

Es muss auch ein Gespür, ein Feeling dafür vorhanden sein, wenn du mehr sehen

und erkennen willst als andere.“ erklärte ich. „Wie beim Fotografieren zum

Beispiel.“ erläuterte Mirko, „Und mit anderen Menschen, wie sieht es da aus?

Anstrengung, Wollen und Gespür verleihen dir die Fähigkeit, den anderen tief

zu erkennen, dich in ihn hinein zu denken?“ wollte Mirko schelmisch wissen

und ich lachte auch. „Mirko, den Wein habe ich vergessen, eine Sekunde. Beim

Menschen wird es noch tausendmal komplizierter sein, obwohl wir alle täglich

es gebrauchen. Zur Kommunikation gehört viel mehr als einfühlsames Sichaufeinander-einlassen.

Hunderte von kleinen Beigaben und Adjuvanzien aus

Denken, Wissen, Emotionen und Erfahrung mischen bei jedem mit. Da

brauchst du dich nicht zu wundern, wenn du mit deinen Eischätzungen,

Ansichten und der Erklärung deiner Emotionen oft völlig daneben liegst.“

lautete mein Kommentar. „Aha, das ist sehr abstrakt. Kannst du das auch mal

konkretisieren? Am Beispiel unserer Beziehung vielleicht?“ bat Mirko

schelmisch. „Nein, Mirko, das geht nicht. Das ist so wie es ist. Ich schau dir in

die Seele wie Sanne dem Braten. Das muss dir reichen, oder ist dein

Wissensdrang damit nicht gestillt?“ erklärte ich. Mirko schmunzelte und sein

Blick bot mehrere Interpretationsmöglichkeiten, liebevoll waren sie aber alle.

Pfannkuchen

„Ich möchte immer mit dir frühstücken, Isa.“ sagte Mirko und ich wartete gespannt

auf weitere Erläuterungen. „Du kannst sagen, was du willst, so empfinde

ich es eben. Es ist ein wundervoller Tagesbeginn. Als erstes deine Stimme

hören, mit dir gemeinsam am Tisch sitzen, zusammen den Kaffee trinken, die

ersten Worte miteinander wechseln. Es ist ein schönes Erlebnis. Was könnte ich

mir mehr wünschen, als dass jeder Tag damit beginnen möge.“ Der Liebe.

Mirko, ich empfinde es auch sehr angenehm, vor allem angenehmer als allein

am Frühstückstisch zu sitzen. Wir wollen es genießen, wenn es sich ergibt.

Weitere Träumereien tun uns beiden nicht gut.“ meinte ich dazu. Dann beschäftigten

wir uns mit dem Buch in spe. „Pfannkuchen kann ich auch. Soll ich

den machen, oder möchtest du doch lieber essen gehen?“ fragte ich zum Mittag.

Mirko lachte. „Was könnte es Köstlicheres geben als Isas selbstgebackenen

Pfannkuchen?“ meinte er. Wir wollten es zusammen machen. „Ich bin kein

begnadeter Kochkünstler, wie Sanne vielleicht, und für deine Quiche brauchte

ich auch ein Rezept, aber sonst bekomme ich schon einiges auf die Reihe.

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Sonntags habe ich zum Beispiel immer gekocht. Helen war auch keine begeisterte

Köchin.“ erklärte Mirko. „Ich möchte schon ganz gerne Kochen können.

Deine Fee müsste mit mit dem Finger schnippsen, und dann könnte sie es,

aber leider liegt davor so vieles, was mir nicht behagt.“ meinte ich. „Die Mühen

der Ebenen.“ kommentierte Mirko. „Nein, Mirko, das passt nicht. Die kommen,

wenn du die Mühen der Gebirge überwunden hast.“ korrigierte ich ihn. „Die haben

wir vorher mit deiner Arbeit.“ meinte Mirko. „Also alles nur Mühen? Vorher

mit der Arbeit und dann mit dem Essen? Das mag ich aber nicht. Mir gefällt

beides.“ erklärte ich lächelnd. Mirko schmunzelte und der erste Pfannkuchen

war fertig.

Das Buch

Wir hatten uns schon einige Vorstellungen zur Grundstruktur und den generellen

Veränderungserfordernissen überlegt, da meinte Mirko, dass es eigentlich

doch ganz sinnvoll wäre, wenn wir die Vorstellungen der Verlage kennen würden.

Drei Verlage, die derartige Bücher veröffentlichen könnten, kamen in Betracht.

Ich wollte mich darum kümmern, rief an und bat um einen Termin. Am

Telefon musste ich näher erläutern, worum es sich bei dem Buch handeln solle.

Dann erhielt ich den gewünschten Termin. Der Verlagsleiter blätterte kurz

durch, und ich erklärte, worum es mir ginge. Er schickte mich zum Cheflektor,

der könne mir nähere Hinweise geben. Herr Schellhove schaute sich das

Inhaltsverzeichnis an und hielt mir dann einen langen Vortrag. Er hatte

offensichtlich seine eigenen Vorstellungen von fotografischer Kunst. „Herr

Schellhove,“ unterbrach ich ihn, „Ich möchte meine Arbeit veröffentlichen. Ich

bin bereit sie völlig zu überarbeiten, aber ein anderes Buch wollte ich nicht

verfassen. Schreiben sie ihre Vorstellungen auf und veröffentlichen sie die

dann selbst.“ Damit war unser Gespräch beendet. Ich wollte mich vom Chef

verabschieden, und er bat mich noch mal rein. „Sie haben sich nicht gut

verstanden, das ist schade.“ sagte er. Ich erläuterte ihm, was sich abgespielt

hatte. „Ach wo, sie sollen selbstverständlich keine andere Arbeit schreiben.

Frau Dr. Hooger, sie schaffen das doch allein. Ich gebe ihnen mal zwei Bücher

mit, an denen sie unsere Struktur erkennen können, und von einem kann ich

ihnen sogar die Kopie des Manuskriptes überlassen. Reichen sie's einfach ein,

wenn sie so weit sind. Zusagen kann ich ihnen jetzt natürlich noch nicht

machen und bevor wir etwas tun, müssen wir auch sicher sein, dass sie es

nicht gleichzeitig einem anderen Verlag angeboten haben.“ erklärt der

Verlagsleiter, bevor wir uns verabschieden. Jetzt musste alles in ein anderes

Schriftsystem übertragen werden. Mirko hatte es im Museum und brachte es

am nächsten Montag mit. Wir schauten uns das Skript an und so wollten wir

meine Arbeit gestalten. Jetzt konnte ich mit dem Schreiben beginnen. Die

ersten Tage waren qualvoll. Ich musste mich an das neue Schreibsystem

gewöhnen, und zu entscheiden, wo ich was fürs Publikum umformulieren

musste, fiel mir nicht leicht. Mirko kam immer Montags zum Korrektur lesen

und wir suchten gemeinsam nach griffigen Überschriften. Zwischen

Kapitelüberschrift und Text hatten wir immer einen Sinnspruch untergebracht.

Jeden Sonntag kam er und fuhr Montagsabends wieder nach Berlin. Ein netter

Mirko, was willst du? – Seite 22 von 27


Sonntagabend und ein arbeitsreicher Montag. Wir beide zusammen, jede

Woche. Ein altes Ehepaar oder eher Bruder und Schwester? Würden wir

überhaupt wieder aufhören können, gemeinsam zu arbeiten, wenn das Buch

fertig wäre? Wahrscheinlich käme Mirko auch weiterhin Sonntagsabends und

zu meinem Leben gehörte es auch dazu. Ich ging gern am Mittwoch zur Uni,

aber die Arbeit mit Mirko war von anderer Qualität und hatte einen anderen

sinnlichen Gehalt. Mit zwei Kindern, die sich in den gemeinsamen Bau einer

Burg aus Spielklötzchen vertieft haben, war es eher zu vergleichen,

konzentriert mit selbstverständlichem tiefsten Vertrauen in den anderen. Es

würde ja mein Buch sein, für das er arbeitete, aber der Gedanke kam nicht auf.

Es war unser Projekt, für das er alles selbstverständlich auf sich nahm.

Nach etwa dreiviertel Jahr waren wir fertig und mit unserer Arbeit zufrieden.

Jeder Kunstbeflissene, zumindest jeder Fotograf müsse diese Buch besitzen,

meinten wir. Wenn der Verlag es ablehnen sollte, könnten wir es gut anderen

anbieten. Aber das brauchten wir nicht. Es sollte veröffentlicht werden, nur

musste ich noch zu einigen Besprechungen mit der jetzt zuständigen Lektorin.

Zur Leipziger Buchmesse erschien es und prangte in den Regalen. Eine Lesung

mit Diskussion hatte ich, auf die 3sat Couch kam ich natürlich nicht. Arte hätte

mein Buch doch wenigstens mal erwähnen können, aber auch da Fehlanzeige.

Dafür erhielt es in allen Fotografie und Design Zeitschriften positive Erwähnung.

Das Buch begann sich zu verkaufen.

Feier mit Mirko

Jetzt mussten wir auch bei uns feiern. Natürlich sollte es eine große Fète mit

allen Freunden und Bekannten geben, aber ich musste auch eine Abschlussfeier

mit Mirko machen. Das ging nicht am Montag, dazu musste er sich schon

ein Wochenende frei nehmen. Wir tanzten und waren glücklich. „Mirko, wir haben

nie über Liebe und Beziehung gesprochen. Wir haben es uns verboten,

aber es gibt niemanden, dem ich mich so nah fühle wie dir, und mit dem ich so

tief verbunden bin. Ich denke, für dich ist es nicht anders. Wir haben gearbeitet

und gelebt, als wenn wir selbstverständlich zusammengehörten und ich

glaube, so ist es auch. Du bist ein Teil von mir geworden, von meiner Welt, von

meinen Empfindungen. Wie sollte ich mich ohne dich erklären. Manches hat

sich bei uns ritualisiert. Wir haben dadurch, dass wir unsere Gefühle für einander

nicht benennen durften, sie vielleicht gar nicht mehr erkannt. Übel, nicht

wahr? Dass so etwas nicht richtig sein kann, weißt du ja schließlich auch. Lass

uns doch offen und wahrhaftig sein. Mich drängt es, dir sagen zu dürfen, was

ich für dich empfinde, und nichts erwarte ich so sehr als deine Worte. Das ist

die Vorstellung von dem, was ich mir wünsche.“ erklärte ich Mirko. Seine Lippen

formten ein leicht verlegenes Lächeln, aber seine Augen starrten mich an,

als ob er gerade eine Erscheinung hätte. Mirko sagte nichts, sondern starrte

nur. Bestimmt konnte er nicht so schnell entwirren, was in seinem Kopf alles

durcheinander raste. Wir hatten uns immer in unserem erprobten Verhaltensspektrum

bewegt, jetzt plötzlich sollte durch wenige Worte von mir alles anders

werden. Er sollte nicht nur offen sagen dürfen, was er empfand, er hatte

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es ja nie zu empfinden gewagt, zumindest hatte es sein Bewusstsein nicht erreicht.

Er blickte nur und sinnierte. „Mirko, wo bist du?“ versuchte ich ihn zu

wecken. „Isa, was du gesagt hast,“ begann er, und seine Augen befeuchteten

sich, „berührt mich so tief, dass ich gar nicht sprechen kann. Nimm mich doch

einfach mal in den Arm.“ „Mirko, mein Liebster.“ sagte ich, um es einfach mal

ausgesprochen zu haben und es mich sagen zu hören. Er schaute auf und lächelte.

Unsere Gesichter waren ganz dicht voreinander. Unser Innerstes verstand,

was unsere Augen uns sagten und wir fielen uns um den Hals. Wir lösten

uns und betasteten das Gesicht des anderen, das wir so oft und intensiv

betrachtet, aber nie berührend erkundet hatten. Neue Liebe war es ja im Grunde

nicht, wir hatten sie uns nur eingestanden, benannt und durften sie jetzt

praktizieren. Trotzdem erschien es uns wie ein Wunder. Nach unserem Handeln

mussten wir füreinander Fabelwesen sein, zumindest aber kostbarste Edelsteine,

die wir nur staunend sanft befühlen durften. Die Zeit der Verdrängung und

Verleugnung war beendet als ob sich uns das Tor einer Schatzkammer oder

vielleicht sogar zum Paradies geöffnet hätte. Wir hatten uns ja gegenseitig

stets erlebt, nur alle Zärtlichkeiten galt es jetzt noch nachzuholen. Und selbstverständlich

auch, wie Liebe sich im Wort vermitteln kann. Das hatte aber vorher

auch nicht ganz gefehlt, nur war die Botschaft stets verschlüsselt.

Gemeinsame Nacht

Ob eine Nacht dafür ausreichen würde? Wohl kaum. „Ich würde gern mit dir

die Nacht verbringen, aber mit Sex das möchte ich noch nicht. Da kenne ich

mich nicht, da bin ich nicht so weit.“ erklärte ich. Mirko war erstaunt, dass ich

überhaupt mit ihm ins Bett gehen wolle. Sex, so etwas Unbedeutendes. „Mirko,

mein ganzer Mensch liebt dich, nicht nur mein Herz oder meine Seele. Die gibt’s

nicht losgelöst von mir.“ erklärte ich ihm. Ich war selig, empfand mich befreit.

Jetzt kam es mir wie eine Fessel vor, die ständig unser Zusammensein

beengt hatte. Weil meine Ratio mir erklärt hatte, wie es sein und nicht sein

dürfe, hatte ich meine Emotionen geleugnet und an die Kette zu legen versucht.

Wir lagen im Bett, lachten, schmusten und kitzelten uns wie die Kinder.

Ganz vorsichtig waren wir, wollten keinesfalls etwas tun, was dem anderen

eventuell nicht behagen oder sein Befremden erregen könnte. „Mirko, ich muss

noch etwas ganz Ernstes klären, sonst bin ich nicht völlig frei.“ sagte ich, „Vergessen

wollte ich es, weil es schon so lange her ist und auch nie mehr wieder

vorkam, aber es geht nicht weg, bevor ich nicht mit dir darüber gesprochen

habe. Ich hätte es längst klären sollen, doch nie schien mir der Zeitpunkt geeignet,

aber zu unserer Liebe möchte ich mein Rätsel gelöst haben. In unserem

letzten hässlichen Gespräch damals hast du dir meinen Kopf zerbrochen

und mir gesagt, was ich zu tun und zu denken hätte. So hatte ich dich nie erlebt

und wenn ich es erleben sollte, ich könnt' es nicht ertragen.“ „Ja, Isa, du

hast völlig Recht. Verrückt gewesen sein muss ich an diesem Tag. So war ich

nicht und bin ich nicht. Ich habe mich für mein eigenes Verhalten vor mir

selbst geschämt. Auch wenn ich sehr enttäuscht war, dich als die Gewinnerin

aller Preise gesehen hatte, und du sagtest 'nein', ist meine Reaktion mit nichts

zu entschuldigen. Du brauchst keine Angst zu haben, Isa, ich werd' mir nie-

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mals anmaßen, zu wissen was für dich das Beste sei. So wirst du mich auf keinen

Fall wieder erleben, meine allerliebste Isa. Verzeih mir nochmal nach den

vielen Jahren.“ erklärte Mirko und wir hielten uns ganz lang umarmt. Konnte es

etwas Aufregenderes geben, als gemeinsam mit Mirko im Bett zu liegen? Wie

sollte da Müdigkeit aufkommen. Morpheus Arme konnten uns in dieser Nacht

nicht erreichen. Sich Drücken, Streicheln und Betasten, die Haut des anderen

spüren und sie küssen, Ekstasen der Sinnlichkeit, gierig schienen wir danach

und suchten dies Erlebnis immer und immer wieder. Tiefstes Verlangen schien

sich zu erfüllen, als ob wir jahrelang darauf gewartet hätten, es selbst nur

nicht wussten. Körperliche Lust, die war es sicher, doch es ergriff uns auch, als

ob wir unsere Liebe in anderer Form, noch stärker, näher, umfänglicher erlebten.

Mein Bewusstsein war nicht nur dumm bezüglich meiner Emotionen, ihm

schienen auch jegliche Informationen darüber zu fehlen, was mein Körper wollte.

In der Morgendämmerung schliefen wir doch miteinander. Ich wollte einfach

und konnte nicht verstehen, wieso.

Ruf der Liebe

Mirko war als erster wach geworden, kam wieder zu mir ins Bett und flüsterte

mir mich weckend ins Ohr, das Frühstück sei fertig. Ich zog ihn wieder ins Bett.

Die Nacht, ich wollte sie nochmal erleben. Wie schade, dass es so etwas nicht

gibt. Wie gern hätt' ich die Uhr nochmal zurück gestellt. „Was machen wir denn

jetzt, Mirko?“ fragte ich einfach mal. „Ich weiß es auch nicht, Isa. Natürlich

möcht' ich immer bei dir sein. Dann müsste ich meinen Job aufgeben, und für

dich sieht es ja nicht anders aus. Es geht nicht. Die Welt will unsere Liebe

nicht.“ äußerte sich Mirko. „Das haben schon viele gedacht und sich deshalb

umgebracht. Ich erwarte von dir, dass du dich im Landwehrkanal ersäufst, weil

deine Geliebte, ach, so fern von dir für dich nicht zu erreichen ist. Mirko, die

Welt will Liebe, Liebe, Liebe und alles andre folgt dem nach. Auch von dir erwartet

sie, dass du dem Ruf der Liebe folgst.“ war meine Reaktion. „Soll ich

dann hier eine Galerie mit einer Dauerausstellung deiner Bilder aufmachen?“

wollte Mirko von mir wissen. „Die Liebe ruft uns nur zusammen, an welchem

Ort, das sagt sie nicht dabei. Den dürfen wir uns selbst wählen, doch dabei

nicht übersehen, dass die Liebe das Entscheidende ist und nicht andere Kriterien.

Wir werden in Ruhe darüber nachzudenken haben.“ meinte ich. Nach unserer

Liebesnacht wollte ich gern im Bett frühstücken, doch es war schon alles

wieder kalt geworden. Außerdem war der Mittag schon vorbei. Ich stand auf,

und wir wollten uns mit diversen Gerichten so etwas wie einen Brunch zusammenbrutzeln.

Meine Pfannkuchen gab's natürlich auch. So etwas Verrücktes,

ich hatte Mirko doch die ganze Zeit geliebt, aber jetzt schien ich frisch verliebt

zu sein. Wollte tanzen, singen, jubilieren. Als wir das Buch erstellten, habe ich

mich immer sehr darauf gefreut, dass Mirko kam. Jetzt war ich verrückt. Über

mein Bedürfnis nach idiotischen kindlichen Verhaltensweisen konnte ich selbst

nur staunen und lachen. Dieses andauernde leichte Hochgefühl, das nur Liebe

dir schenken kann, hatte mich erst jetzt erreicht, nachdem wir uns unsere Liebe

auch offiziell erklärt hatten.

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Neue Heimat Berlin

Die Liebe rief mich auf die Dauer nach Berlin. Etwas Vergleichbares zu Mirkos

Beschäftigung als Kurator wäre hier auf absehbare Zeit nicht zu finden. Für

mich würden sich allerdings auch nicht alle Blütenträume gleich erfüllen. Durch

intensive Vermittlung war es mir schließlich doch gelungen, die Zusage für ein

Seminar an der HDK zu erhalten. Meine soziologischen Bezüge hatten den Ausschlag

gegeben. Letztendlich beruhte das auf Giselle Freunds Impetus. Ihr hatte

ich so vieles zu verdanken. Allerdings vorläufig nur für ein Semester. Trotzdem

war ich stolz. Für mein Studio brauchte ich professionelle Beratung, sonst

hätte ich in Berlin keine Chance. Ich war jetzt öfter in Berlin und Mirko hatte

natürlich längst eine passable Wohnung. Mein Herz war gerettet worden, ohne

dass es nach Hilfe gerufen hatte. Aber vielleicht hatte ich es ja auch selbst

nicht gehört. Die Rufe nach Liebe sind schon intensiv aber meistens nicht sehr

laut und dein Bewusstsein ist oft zu stupide, sie wahrzunehmen und richtig

verstehen zu können. Die Frage, wer wen zum Frühstück ruft, muss allerdings

offen bleiben, weil wir uns meistens gegenseitig wecken, keiner aufstehen will

und wir mit Dringenderem beschäftigt sind, als den Frühstückstisch zu decken.

FIN

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Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt

um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.

Victor Hugo

Isa ist studierte Fotodesignerin, arbeitet aber meistens wie eine schlichte

Fotografin. Im Radio hört sie den Namen eines Kulturredakteurs, mit dem sie

als Studentin eine wundervolle Nacht erlebte. Sie ruft ihn an. Bloß zum Spaß.

Trifft sich aber mit ihm. Meine eigenen Bilder kannte ja niemand. Sie sind ein

Trost für mich selbst, ich erzähle mich in ihnen, meine eigene Welt, und

versuche mich in den Fotografien zu erkennen. In eine wundervolle Welt war

ich geboren. Meine Eltern waren in die Jahre gekommene Yuppies. Ich wüsste

nicht, dass ich ihr extrovertiertes, aufgeblasenes Leben je geliebt hätte. Auch

meine Mutter liebte ich nicht, ich sah sie viel zu selten, und in der Pubertät

begann ich sie zu hassen. Meine eigene, eine gehaltvollere, tiefere Welt wollte

ich mir schaffen. Verbrachte die meiste Zeit in meinem Zimmer, in der Natur

oder bei meiner Freundin und hielt mich gleichzeitig an meiner Kamera fest.

Sie ließ mich mit der Welt auf meine Art kommunizieren.

„Was soll das, Mirko? Warum tust du das? Es ist nicht mehr vor zwanzig Jahren

und wir tanzen auch nicht mehr weiter. Nicht nur die Welt um uns ist eine

andere geworden, auch unsere eigenen Welten sind andere, als sie es damals

waren. Es kann heute nichts geben, was deine Frau nicht wissen dürfte.“ sagte

ich. „Du hast schon Recht, Isa. Meine Welt ist bei meiner Frau und ihr gehört

mein Herz. Als du anriefst, merkte ich jedoch, dass es so nicht ganz stimmt.

Das Empfinden, was du in mir geweckt hast, lässt sich nicht vergessen wie ein

belangloses Ereignis. An die meisten Feiern und Partys werde ich mich nicht

mehr erinnern, aber am Abend des 30. April fällst du mir fast jedes mal ein. Es

klingt lächerlich, aber du warst eine Nacht die Fee für mich. Den Platz hast du

in meinen Emotionen und Träumen.“ erklärte Mirko. „Ich will dich nicht aus

deinen Träumen reißen, Mirko, doch es war ein Abend, und der ist zu Ende, seit

fast zwanzig Jahren. Das wirst du auch in deinen Träumen nicht übersehen

können. Ich denke eher, du träumst von etwas, das es niemals gab.“ meinte

ich. „Das kann schon sein.“ räumte Mirko ein, „Was immer du im andern

siehst, sind letztlich doch nur deine Bilder. Aber du hast es wachgerufen, hast

dies Bild in mir angesprochen, ein Bild, das ich bislang nicht kannte und es

gehört bis heute zum Schönsten, was ich denken kann.“ Mirko ganz

vergessen? Das ging nicht, auch wenn Isa es manchmal wünschte. Turbulent

entwickelte sich die Beziehung für beide. Letztendlich gab es für Isa die ihr

zustehende Anerkennung und etwas, das ihr noch mehr bedeutete.

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