RCKSTR

fashion.lookfreak

Die Vergabe des „Fuck You, You Fuckin' Fuck“-
Awards ist jeweils eines der Highlights im RCKSTRJahr.
Und wie immer, wenn's ums Nominieren der
zehn nervigsten Schweizer geht, sitzen wir
verzweifelt um unseren Loungetisch herum und
wissen einfach nicht, wie weiter. Denn in 365
Tagen gehen uns dermassen viele Landsleute
auf den Senkel, dass es schier unmöglich scheint,
darunter die zehn schlimmsten Nervbratzen auszumachen. Hier ein paar
Namen, die den Sprung in die Top 10 nicht geschafft haben:

ROCKSTARS

5

0

Wenn das Lied „Royals“ im Radio läuft, fräst es sich förmlich in die Gehörgänge,

wirft bei jedem weiteren Vordringen kleine Widerhaken aus und bleibt hängen. Das

Stück der gerade mal 17-jährigen Neuseeländerin Lorde zwingt sich auf. Da bleibt

nur eins: Kapitulation. Und wir ergeben uns gerne. von Franz X.A. Zipperer

orin genau liegt die Faszi-

„meine Mutter hat mich auch der

Wnation von Ella Yelich-

Kunst der Kurzgeschichte näher

O'Connor alias Lorde, dass

gebracht. Da muss die Geschichte

sie momentan so gewaltig durchstartet

und das zur Hitsingle „Royals“ gehörige

Video inzwischen schon über zehn

Millionen Mal auf YouTube aufgerufen

wurde? Dass vom Billboard über den

Guardian und das Q Magazine bis hin

kompakt erzählt werden. Nahezu

jeder Buchstabe zählt, hat seinen

notwendigen Platz und muss voller

Ausdruck sein. Und darin liegt auch

die Parallele zum Liedtext, du hast

keine Zeit für Füllworte.“

zum NME alle so begeistert über sie

Wer so denkt, braucht keine weitere

Electro-Soul

herfallen, als hätte es die letzten zehn

Erklärung mehr dafür zu liefern, dass

Jahre lang keine Musik mehr gegeben?

Lorde

die Stücke einen so spürbar ureigenen,

unverwechselbaren Charakter

Pure Heroine

Alles inspiriert

haben und mit einer besonderen

(Universal)

Es sind diese seltenen, melodischen

Zunächst mal wundert man

Ausstrahlung punkten, herrlich

Momentaufnahmen, deren Gesang so

sich, warum die wunderbare unangepasst und eigenwillig klingen,

viel mehr zum Klingen bringt, als

Musik so schnell vorbei ist; ohne dadurch sperrig oder befremd-

Lorde in ihrem kurzen, erst 17 Jahre

„Pure Heroine“ dauert lich zu wirken. „Royals“ ist ein

dauernden Leben erfahren haben

kann. Selbst, wenn sie über die banalsten

Augenblicke eines Teenager-

knappe 37 Minuten. Liegt in

der Kürze denn auch die

Würze? Lordes Klänge weisen

wunderbares Beispiel dafür; da wird

die banale Teenagersituation des

Wartens auf das Erwachsenwerden

daseins schwadroniert, gelingt es ihr,

schon grosse Ähnlichkeiten banal beschrieben. Das befremdet und

diesen Zeitraum noch mit beein-

zur Musik von Lana Del Rey gleichzeitig wird gejubelt, weil sich

druckender Magie aufzuladen. Und

und Santigold auf. Wäre da

Lorde eben jener Banalität angenom-

nicht immer wieder dieses

dann sind da immer noch diese

men hat, welche Erwachsene einfach

Quäntchen Überraschung,

bestechenden, trippigen Electropop-

das aufhorchen lässt – in der

immer abtun.

Landschaften, die Lorde da nach und

Stimme und in der

nach auftürmt. Aus vielen Quellen

Notenfärbung. Am Ende der

lässt sie dabei ihren Klangfluss

37 Minuten kann der Unvergleichlich

speisen, Quellen, die zu Beginn des

Kompositionsprozesses für sie selbst

oft nicht kalkulierbar sind. „Ich habe

Neuseeländerin bescheinigt

werden: Sie bewegt sich

irgendwo zwischen ihren

Dieses bewusste Anderssein veranlasst

die Kritiker offensichtlich, die 17-jährige

Neuseeländerin (oder 16, wenn

nie einen konkreten Klang im Kopf,

Vergleichskünstlerinnen, was Sie diesen Artikel vor ihrem Geburts-

wenn ich mich hinsetze und schreibe“,

durchaus positiv gemeint ist tag am 7. November lesen) auf Biegen

reflektiert sie, „dazu höre ich viel zu

und die kurze Dauer fast

und Brechen mit anderen Künstler-

wett macht. (fxaz)

querbeet Musik. Darunter ist dann

innen zu vergleichen – und dafür

Wer das mag, mag auch: London

Hip-Hop ebenso wie alles, was in den

wird jedwede Schublade aufgezogen:

Grammar „If You Wait“,

Top 40 der Hitparade zu finden ist. An

Haim „Days Are Gone“,

von Lana Del Rey über Romy Madley

anderen Tagen lausche ich minima-

Lana Del Rey „Born To Die“7

Croft von The xx und Santigold bis

listischer, elektronischer Musik. James

hin zu jeder anderen Frau im

Blake etwa, der mich dadurch beeindruckt, dass er

mit drei winzigen Klanganteilen ganze Stücke

gestaltet und schliesslich explodieren lässt. Da ich

kein Instrument spiele, suche ich für meine Stimme

immer eine herausfordernde Klangumgebung.“

Popgeschäft. „Die vielen Vergleiche sind mir

natürlich nicht fremd, doch ich bin anders, nicht

einzuordnen“, fährt Lorde fort, „meine Musik ist

eingängig und ist es auch wieder nicht. Das liegt

daran, dass ich mit meinen 16 Jahren ein Kind des

Internets bin. Ich schaue mir lächerliche Cartoons

„Jeder Buchstabe zählt“

Diese Art von Herausforderung brauchen diese

ausdrucksstarke Fräuleinwunder-Stimme und die

an und beschäftige mich ebenso ernsthaft mit Allen

Ginsberg; und mische das alles, so, wie es sich für

mich gut anfühlt. Allein das macht mich anders.“

zum Vortrag gebrachten, poetisch-rauen Lyrics

auch. Und auch bei textlichen Einflüssen ist Lordes

Blickwinkel nicht begrenzt. „Als ich einmal in einem

Interview auf T. S. Elliot zu sprechen kam, ist der

Gesprächspartner still geworden“, sagt sie lachend,

„aber da meine Mutter selbst Schriftstellerin ist,

blieb es nicht aus, dass eine grosse und vor allem

vielfältige Bibliothek unser Haus ziert.“ Aber der

Unterschied zwischen T. S. Eliot und der

Und so wird sie zur Heldin, denn nichts anderes

bedeutet das Wort „Heroine“ aus dem Titel ihres

Debütalbums übersetzt. Auch wenn die vielen

falschen Übersetzungen nicht ganz unrecht haben,

wenn sie von Heroin (schreibt man im Englischen

auch ohne e am Schluss) und damit von hoher

Suchtgefahr sprechen. Denn die ist bei Lordes

jugendlichem Schaffen absolut gegeben.

Geschichte, die ein Lied erzählt, das mit kleinem

Textraum auskommen muss, ist dann doch

► Debütalbum „Pure Heroine“ (Universal) jetzt erhältlich.

verdammt gross. „Ja und nein“, entgegnet Lorde,

100

95

75

25

Selbst ist die Frau

Lorde gehört zu einer Reihe

junger DIY-Solokünstlerinnen,

die allesamt Chartpotential

haben und dabei

authentisch bleiben. Wir

stellen die drei aufregendsten

Newcomerinnen vor.

(shy)

Chlöe Howl

Gerade mal volljährig

und das Gesicht voller

Sommersprossen, doch

die Stimme der Londonerin

zeugt von Tiefe und

ihre Texte von Reife und

Cleverness. Die neue

Single „Paper Heart“ ist

schön poppig und das

Debütalbum soll 2014

kommen.

BANKS

Düster,

schwermütig

und doch

wunderschön –

kein Wunder, ist

Ellie Goulding

erklärter Fan

der R&B-Sirene

aus Los Angeles,

die übrigens ihre

direkte Telefonnummer

auf

Facebook stehen

hat. Die neue „London“-

EP ist der Wahnsinn, nur

leider in unserem iTunes

noch nicht erhältlich.

LOLO

Eine Stimme wie Adele,

aber ohne deren „Mein

Freund hat mich

verlassen und eigentlich

möchte ich doch nur

schwanger werden und

alle Menschen sind

gemein zu mir“-Drama.

Die New Yorkerin ist zu

hören auf der Panic!-At-

The-Disco-Hitsingle „Miss

Jackson“ und hat selbst

drei vielversprechende

Songs draussen.

#

Die auch Berlin ist eine Stadt mit Schlafkappen-Ausgabe

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