Aletta und der Sonnyboy
Kein Zweifel, er hatte auf Femina geschaltet und versuchte sie anzubaggern. Aletta stoppte ihn harsch: „Bist du verrückt geworden? Sag mal, du spinnst wohl. Hör sofort auf damit, sonst ist es vorbei mit unserer Freundschaft.“ Nello war es ersichtlich peinlich. „Entschuldigung, Entschuldigung, Aletta. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, irgendwie so automatisch. Das kommt nie wieder vor, das verspreche ich. Du bist eben eine schöne Frau. Das lässt sich nicht übersehen.“ erklärte Nello. „Trotz schöner Frau, das war die erste und letzte Warnung. Eine weitere wird es nicht mehr geben, dann sind wir geschiedene Leute.“ Aletta noch mal warnend.
Kein Zweifel, er hatte auf Femina geschaltet
und versuchte sie anzubaggern.
Aletta stoppte ihn harsch: „Bist du verrückt geworden?
Sag mal, du spinnst wohl. Hör sofort auf damit,
sonst ist es vorbei mit unserer Freundschaft.“
Nello war es ersichtlich peinlich. „Entschuldigung,
Entschuldigung, Aletta. Ich weiß nicht,
wie das passieren konnte, irgendwie so automatisch.
Das kommt nie wieder vor, das verspreche ich.
Du bist eben eine schöne Frau.
Das lässt sich nicht übersehen.“ erklärte Nello.
„Trotz schöner Frau, das war die erste und
letzte Warnung. Eine weitere wird es nicht mehr geben,
dann sind wir geschiedene Leute.“
Aletta noch mal warnend.
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Elvi Mad<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong><br />
Nello kann keine Frau lieben<br />
Erzählung<br />
Chacun de nous possède une musique<br />
d'accompagnement intérieure. Et si les autres<br />
l'entendent aussi, cela s'appelle la personnalité.<br />
Gilbert Cesbron<br />
Kein Zweifel, er hatte auf Femina geschaltet<br />
<strong>und</strong> versuchte sie anzubaggern.<br />
<strong>Aletta</strong> stoppte ihn harsch: „Bist du verrückt geworden?<br />
Sag mal, du spinnst wohl. Hör sofort auf damit,<br />
sonst ist es vorbei mit unserer Fre<strong>und</strong>schaft.“<br />
Nello war es ersichtlich peinlich. „Entschuldigung,<br />
Entschuldigung, <strong>Aletta</strong>. Ich weiß nicht,<br />
wie das passieren konnte, irgendwie so automatisch.<br />
Das kommt nie wie<strong>der</strong> vor, das verspreche ich.<br />
Du bist eben eine schöne Frau.<br />
Das lässt sich nicht übersehen.“ erklärte Nello.<br />
„Trotz schöner Frau, das war die erste <strong>und</strong><br />
letzte Warnung. Eine weitere wird es nicht mehr geben,<br />
dann sind wir geschiedene Leute.“<br />
<strong>Aletta</strong> noch mal warnend.<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 1 von 25
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> - Inhalt<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong>................................................................... 4<br />
Wetterfühligkeit............................................................................... 4<br />
<strong>Sonnyboy</strong>....................................................................................... 4<br />
Einheitliches Leben...........................................................................5<br />
Eigenständiges Leben....................................................................... 5<br />
Einsamkeit...................................................................................... 6<br />
Nello <strong>und</strong> Mira................................................................................. 6<br />
Keine Fre<strong>und</strong>in für Nello.................................................................... 7<br />
Piano <strong>und</strong> Violine............................................................................. 8<br />
Nellos Eltern....................................................................................9<br />
Besuch bei Wicherts......................................................................... 9<br />
Vorspiel........................................................................................ 10<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Mira.............................................................................. 10<br />
Italienischen Mentalität................................................................... 11<br />
Wie<strong>der</strong>kehr...................................................................................12<br />
Nellos Fre<strong>und</strong>in?............................................................................12<br />
Weihnachten..................................................................................13<br />
Mondnacht.................................................................................... 14<br />
<strong>Aletta</strong> zu Hause..............................................................................14<br />
Musik in <strong>der</strong> Natur.......................................................................... 15<br />
Beziehungsfragen........................................................................... 16<br />
Kommunikative Liebkosungen..........................................................16<br />
Die Signora <strong>und</strong> ihr Lausbub............................................................ 17<br />
Festgestellt, dass wir uns lieben.......................................................18<br />
Musikalische Herausfor<strong>der</strong>ung.......................................................... 18<br />
Musikalische Gebete....................................................................... 19<br />
Bettgeschichten............................................................................. 19<br />
Matinee........................................................................................ 21<br />
Klavier für Nello............................................................................. 21<br />
Tiefe musikalische Begegnungen......................................................21<br />
Frau Wicherts Fre<strong>und</strong>in...................................................................22<br />
Essen wie in Frankreich................................................................... 23<br />
Italienurlaub mit <strong>Aletta</strong>...................................................................23<br />
Der Stern leuchtet wie<strong>der</strong>................................................................ 24<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 2 von 25
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong><br />
Wetterfühligkeit<br />
Wie könnte man sich nicht über das Wetter beklagen. Es ist zu heiß, zu kalt, zu<br />
nass, zu trocken, aber je<strong>der</strong> kennt diese Menschen, die sich als wetterfühlig<br />
bezeichnen. Der Luftdruck ist es da primär, <strong>der</strong> sie stört. Den einen ist er zu<br />
hoch, den an<strong>der</strong>en zu niedrig. Obwohl Humanmediziner es abstreiten, dass die<br />
Höhe des Luftdrucks sich biologisch auf irgendwelche menschlichen Lebensprozesse<br />
auswirken könne, hält man an <strong>der</strong> Einschätzung <strong>und</strong> dem Sprachgebrauch<br />
fest. Man fühlt sich eben nicht jeden Tag gleich, <strong>und</strong> wie soll man die<br />
Unterschiede schon besser <strong>und</strong> einfacher erklären als mit dem Wetter. Tatsächlichen<br />
Einfuss kann das Wetter unabhängig vom Luftdruck aber schon ausüben.<br />
Wenn im Sommer am azurblauen Himmel die Sonne alles gleißend erleuchten<br />
lässt <strong>und</strong> die Farben zum strahlen bringt, strahlt sie auch in dein Gemüt. Und<br />
die trostlosen Tage im Herbst? Alles, was du an Tristesse, an Trübsinn kennst<br />
können sie in dir hervorlocken, diese grau-regnerischen Tage, an denen es gar<br />
nicht richtig hell zu werden scheint. Du träumst vom Mittelmeer <strong>und</strong> warmen<br />
Stränden, aber es hilft nichts. Das Wetter zwingt dir seinen Blues auf. Es ist die<br />
Realität, die dich umgibt <strong>und</strong> die dein emotionales Empfinden bestimmt. Mit<br />
Träumen hast du keinen Zugriff darauf.<br />
<strong>Sonnyboy</strong><br />
<strong>Aletta</strong> kannte so etwas nicht. Außer an solchen entsetzlichen Tagen im Herbst<br />
hatte sie nie Anflüge von Trübsinnigkeit. Sie studierte Physik <strong>und</strong> machte ein<br />
Praktikum. Daran nahm auch ein Kommilitone teil, <strong>der</strong> Nello hieß. Wenn sie ihn<br />
morgens sah, schien <strong>der</strong> graue Himmel fortgeblasen. Sie konnte sich nicht erklären,<br />
woran es lag. Sie hatte nichts mit ihm zu tun. Sympathisch fand sie<br />
Nello schon. Wenn sie mit ihm sprach, war er immer zu Scherzen aufgelegt<br />
<strong>und</strong> er schien eine Psyche zu haben, die gegen diese äußeren Einfüsse resistent<br />
war. Sie schafften es nicht, seine Mimik ins Mürrische zu verformen <strong>und</strong><br />
seine M<strong>und</strong>winkel tiefer hängen zu lassen. Ein <strong>Sonnyboy</strong>? <strong>Aletta</strong> fragte ihn einfach<br />
mal. „Nein, ich bin traurig.“ sagte er, <strong>der</strong> aus einer an<strong>der</strong>en westfälischen<br />
Kleinstadt stammte, „Ich habe Heimweh. Wenn ich morgens das Gesicht meiner<br />
Schwester nicht sehe, geht es mir nicht gut. Weißt du, sie ist zwei Jahre<br />
jünger als ich, <strong>und</strong> wir haben uns, solange ich denken kann, immer innig geliebt.<br />
Wir fehlen uns jetzt, jeden Morgen. Ich rufe sie immer schon vor <strong>der</strong><br />
Schule an <strong>und</strong> dann geht es mir besser. Stürme, Regen, Schnee <strong>und</strong> graue<br />
Wolken, was ist das gegen die Sonne, die dich aus dem Herzen eines dich liebenden<br />
Menschen bescheint. Das an<strong>der</strong>e sind alles materielle Äußerlichkeiten,<br />
aber zu wissen, dass du geliebt wirst, ist eine Kraft, die alles übersteigt.“ erklärte<br />
es Nello.<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 3 von 25
Einheitliches Leben<br />
Aber sie wurde doch auch geliebt, sinnierte <strong>Aletta</strong>. Uli, ihr Fre<strong>und</strong>, liebte sie<br />
doch, aber <strong>der</strong> machte an solchen Tagen kein an<strong>der</strong>es Gesicht. Wenn sie ihn<br />
angelächelt hätte, hätte er zurück gelächelt, aber an ihren Emotionen, hätte<br />
das nichts geän<strong>der</strong>t. Ob ihre Eltern sich morgens anschauten, <strong>und</strong> dann ging<br />
die Sonne auf? Wohl eher nicht. „Ist was?“ würde ihr Vater fragen, wenn ihre<br />
Mutter ihn direkt anschaute. Es musste etwas an<strong>der</strong>es sein, was Nello gemeint<br />
hatte, o<strong>der</strong> er hatte sich einfach etwas zusammen geflunkert. „Zu wissen, dass<br />
du geliebt wirst, ist eine Kraft, die alles übersteigt?“ Wann <strong>und</strong> wo hatte <strong>Aletta</strong><br />
diese Kraft denn je gespürt? Aber bei den Babys war das doch schon so. Wenn<br />
die Mutter sie anschaute, waren sie glücklich. Ihr Blick vermittelte Zutrauen,<br />
Sicherheit, Liebe pur. Das spürten sie schon in den ersten Tagen. Wo blieb es<br />
später? Verlor sich die Fähigkeit, beim Anblick einer geliebten Person Glück zu<br />
empfinden. Nicht ganz, sie trat aber nur noch selten auf. Zum Beispiel, wenn<br />
man beim Besuch die Großeltern erblickte o<strong>der</strong> wenn man nach einer Klassenfahrt<br />
Mami wie<strong>der</strong> sah. Am nächsten Morgen spielte das keine Rolle mehr. Aber<br />
sie war doch die gleiche, <strong>der</strong>en Anblick gestern in dir Freudengefühle ausgelöst<br />
hatte. Nur dass du sie heute morgen sahst, war Routine, kein Platz um Gefühle<br />
<strong>der</strong> Freude zu entwickeln. Du trafst Lina, deine Fre<strong>und</strong>in. Du mochtest sie sehr.<br />
„Hey, Lina.“ Sagtest du, wie üblich. Du hättest dich doch freuen müssen. Deine<br />
Mimik hätte erkennen lassen müssen, dass es dich glücklich stimmt, Lina zu<br />
treffen. Aber darauf kam dein Alltag nicht. Er hielt dein Leben von dir fern.<br />
Subsumierte alles im technologisierten, routinehaften Tagesablauf, dem gehörtest<br />
du. Er ließ dich deine Empfindungen <strong>und</strong> Gefühle nicht erkennen. Er nahm<br />
dir dein einheitliches Leben, o<strong>der</strong> zumindest große Teile davon. Ja, mehr Leben<br />
ins Leben bringen wollte <strong>Aletta</strong>, mehr von dem, was alle Menschen unabhängig<br />
von allen Sozialisationen <strong>und</strong> Kulturen in sich tragen, leben wollen, das gehörte<br />
dazu <strong>und</strong> möglichst viele Selbstverständlichkeiten <strong>und</strong> Rituale vermeiden.<br />
Eigenständiges Leben<br />
Nur genau so lebte sie nicht. Sie hatte sich alles einfach so unreflektiert entwickeln<br />
lassen. Kriminell hätte es schon nach ihrem feministischen Selbstbild sein<br />
müssen, aber sie war auf <strong>der</strong> Schule schon mit Uli befre<strong>und</strong>et <strong>und</strong> da war man<br />
ohne jegliche Reflexion <strong>und</strong> Diskussion nach <strong>der</strong> Schule einfach zusammen gezogen.<br />
Natürlich wollte <strong>Aletta</strong> ein selbstbestimmtes Leben führen, nur wie das<br />
auszusehen hätte, daran war noch kein Gedanke verschwendet worden. Es war<br />
ja auch praktisch <strong>und</strong> angenehm so. Uli war immer da. Sie konnten vieles zusammen<br />
regeln, besprechen <strong>und</strong> unternehmen. Wie ein Ehepaar hatte sie<br />
schon mal gedacht, aber dann auch nicht mehr weiter. Wie ihr Leben, das sie<br />
leben wollte, konkret jeden Tag aussehen sollte, wusste sie nicht, doch da würde<br />
es auch an<strong>der</strong>es geben, mehr künstlerisch Kreatives. Ihr Geigenspielen bedeutete<br />
ihr schon sehr viel, aber da war auch noch mehr, dass sie anregte, <strong>und</strong><br />
um das sie sich bislang nicht gekümmert hatte. Sie liebte ihre Kamera <strong>und</strong><br />
konnte w<strong>und</strong>ervolle Bil<strong>der</strong> machen, aber mit Fotographie als Kunst hatte sie<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 4 von 25
sich nicht beschäftigt. Schmuck gefiel ihr <strong>und</strong> vor allem die Kreationen junger<br />
Modedesigner <strong>und</strong> -designerinnen. So würde das bald alles völlig verschw<strong>und</strong>en<br />
sein, <strong>und</strong> sie hätte sich selbst zur reinen Fachidiotin gemacht, zumal das<br />
Studium wirklich äußerst viel verlangte. Was sie in <strong>der</strong> Schule gemacht hatten,<br />
kam ihr gegenüber den Anfor<strong>der</strong>ungen des Studiums wie Kin<strong>der</strong>ei vor. Aber<br />
<strong>Aletta</strong> erlebte es eher als Herausfor<strong>der</strong>ung, denn als quälende Last. Und wenn<br />
sie abends raus ging, etwas unternahm, selbstverständlich alles mit Uli. Es war<br />
ja bequem <strong>und</strong> angenehm, aber ihre Kontakte <strong>und</strong> die Kontaktsuche engte es<br />
ein. Nein, als eigenständiger Stern in diesem Universum würde sie leben müssen,<br />
wenn sie ein Leben führen wollte, wie ausschließlich sie es sich vorstellte<br />
<strong>und</strong> das sich gegenüber ihrem bisherigen än<strong>der</strong>n sollte.<br />
Einsamkeit<br />
Uli gefiel das überhaupt nicht, er sah seine Zukunft <strong>und</strong> es machte ihn traurig,<br />
aber er musste einsehen, dass <strong>Aletta</strong>s Absicht nicht zu än<strong>der</strong>n <strong>und</strong> zu beeinflussen<br />
war. Die versicherte immer wie<strong>der</strong>, dass sich doch zwischen ihnen <strong>und</strong><br />
an ihrer Beziehung nichts än<strong>der</strong>e, nur müssten sie sich eben jetzt treffen,<br />
wenn sie zusammen sein wollten. Natürlich än<strong>der</strong>te sich etwas, vieles. Der<br />
warme Uli war einfach da gewesen, in ihrem Bett, immer, unabhängig von dem<br />
was sie vorhatte. Jetzt war er nie mehr da, niemand war da. <strong>Aletta</strong> war allein,<br />
jeden Abend <strong>und</strong> jeden Morgen. Wenn sie nach Hause kam, war Uli da. Unabhängig<br />
davon ob er gelächelt hatte o<strong>der</strong> nicht, es hatte ein gutes Gefühl gemacht.<br />
Jetzt war niemand da. Sie war allein. Sie überlegte, ob sie verkannt<br />
habe, was Uli ihr bedeutet hätte, es auch einfach unter den Bereich des Alltäglichen<br />
eingeordnet habe. O<strong>der</strong> war es gar nicht mal so sehr Uli, son<strong>der</strong>n das<br />
grässliche Alleinsein, zu dem die Alternative mit Uli verb<strong>und</strong>en war. Sie sprach<br />
darüber mit Fre<strong>und</strong>innen <strong>und</strong> Bekannten. Die einen verstanden sie gut, konnten<br />
ihre Situation nachempfinden, an<strong>der</strong>e waren <strong>der</strong> Ansicht, es sei ein Gewöhnungsprozess,<br />
während wie<strong>der</strong> an<strong>der</strong>e die Meinung vertaten, sie werde es zu<br />
schätzen lernen, dass sie selbständig für sich alles entscheiden könne, <strong>und</strong><br />
nicht permanent jemand da sei, den sie berücksichtigen <strong>und</strong> bei ihren Aktivitäten<br />
mit einplanen müsse. Bei Uli war es vielleicht so gewesen, aber mit einer<br />
an<strong>der</strong>en Frau in einer WG zusammen leben, darin sah sie eine Perspektive, die<br />
sie sich bunt ausmalen konnte.<br />
Nello <strong>und</strong> Mira<br />
<strong>Aletta</strong> meinte, dem, was Nello gesagt hatte, näher gekommen zu sein. Sie<br />
freute sich ja auch an jedem Wochenende, wenn sie nach Hause kam <strong>und</strong> ihre<br />
Mutter sah. Aber anrufen, jeden Tag, dazu drängte es sie nicht. Wirkte denn<br />
<strong>der</strong> Kontakt mit seiner Schwester jeden morgen wie <strong>der</strong> Anblick des Gesichts<br />
<strong>der</strong> Mutter auf ein Baby? Dann mussten sie doch schon über irgendwelche beson<strong>der</strong>en<br />
Rezeptoren verfügen, die den an<strong>der</strong>en Erwachsenen fehlten. „Ja,<br />
selbstverständlich ist das glaube ich nicht.“ meinte Nello als <strong>Aletta</strong> noch mal<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 5 von 25
nachfragte, „Aber das ist eine längere Geschichte. Wenn du sie hören willst,<br />
kann ich sie dir wohl erzählen, aber nicht hier.“ Man traf sich im Café <strong>und</strong> Nello<br />
erzählte, was er von seinen Eltern wusste. Er sei wohl seit <strong>der</strong> Geburt tief beeindruckt<br />
gewesen von diesem neuen Menschen, habe Mira, seine Schwester<br />
bew<strong>und</strong>ert, bestaunt <strong>und</strong> geliebt. Als ob er mit zwei Jahren empf<strong>und</strong>en habe,<br />
dass es seine Aufgabe sei, dafür zu sorgen, dass diesem neuen jungen<br />
Menschen nichts Unangenehmes wi<strong>der</strong>fahre <strong>und</strong> er immer glücklich sein<br />
könne. Und Mira scheine dies von Anfang an als Baby erkannt zu haben. Schon<br />
mit wenigen Wochen habe sie, wenn beide neben ihrem Bettchen standen, zu<br />
Nello <strong>und</strong> nicht zu ihrer Mutter geschaut. So sei es eben das ganze Leben<br />
durch geblieben. Sie beiden seien sich gegenseitig die wichtigsten Menschen<br />
auf <strong>der</strong> Welt. Ihre Beziehung habe sich wahrscheinlich in den wachsenden<br />
Gehirnen <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> spezielle Areale geschaffen, die heute keinen Einflüssen<br />
von außen mehr zugänglich seien. „Ja, die Liebe zwischen einer Mutter <strong>und</strong><br />
ihrem Kind, auf einer ähnlichen Gr<strong>und</strong>lage wird es basieren <strong>und</strong> sicher<br />
empfinden wir so intensiv füreinan<strong>der</strong>. Mira hat mal erzählt, dass sie sich<br />
ängstlich immer stärkere Sorgen um mich gemacht hätte, als bei ihrem USA<br />
Aufenthalt die Zeit unseres Telefontermins überschritten war. Dabei<br />
funktionierte einfach die Leitung nicht, sonst hätte sie ja meine Eltern<br />
erreichen können. Aber das fällt <strong>der</strong> hysterischen Mutter nicht auf.“ erzählte<br />
Nello. „Das ist ja wie im Märchen, Nello. Bei Bru<strong>der</strong> <strong>und</strong> Schwester denke ich<br />
immer an meine Fre<strong>und</strong>in. Für die könnte die Welt so schön sein, wenn es<br />
diesen Bru<strong>der</strong> nicht gäbe. Das ist mein Bild von Bru<strong>der</strong> <strong>und</strong> Schwester,<br />
permanenter Streit <strong>und</strong> Zank. Dass es auch so etwas wie eure Idylle geben<br />
kann, war für mich einfach nicht denkbar.“ antwortete <strong>Aletta</strong>.<br />
Keine Fre<strong>und</strong>in für Nello<br />
„Ausschließlich Idylle ist das für mich auch nicht.“. meinte Nello. Weil es auch<br />
lästig sei, dachte <strong>Aletta</strong>. Sie fragte aber doch noch mal nach. „Ach“ stöhnte<br />
Nello <strong>und</strong> schaute sinnierend zum entfernten, gegenüberliegenden Fenster. „Na<br />
ja, es hat eben auch negative Konsequenzen.“ wollte Nello es lapidar abtun. Er<br />
musste es ja nicht sagen, aber jetzt interessierte es <strong>Aletta</strong> doch näher. „Und<br />
die wären?“ fragte sie. „Ich kann keine Fre<strong>und</strong>in finden.“ erklärte Nello. „Muss<br />
alles so sein wie bei deiner Schwester, ja?“ versuchte <strong>Aletta</strong> sich verständnisvoll<br />
einzufühlen. „Nein, ich will überhaupt keine.“ so Nello. „Überhaupt kein Interesse<br />
an an<strong>der</strong>en Frauen?“ fragte <strong>Aletta</strong>. „Doch sehr ich finde Frauen w<strong>und</strong>ervoll<br />
<strong>und</strong> w<strong>und</strong>erschön. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man die große Flut<br />
wie<strong>der</strong> bestellen.“ Nello darauf. „Kontaktschwierigkeiten hast du, o<strong>der</strong>?“ fragte<br />
<strong>Aletta</strong> nach, <strong>und</strong> Nello lachte laut auf. „Nein, nein, weißt du, <strong>Aletta</strong>, es ist so.<br />
Ich lerne eine Frau kennen, wir kommen uns näher, mögen uns <strong>und</strong> wollen gemeinsam<br />
ins Bett. Alles ist w<strong>und</strong>erschön, aber am an<strong>der</strong>en Morgen will ich von<br />
<strong>der</strong> Frau nichts mehr hören, will nicht wissen, wer sie ist, will nichts von ihr erfahren,<br />
will nichts weniger als einen persönlichen Kontakt mit ihr.“ erklärte Nello.<br />
„One-Night-Stands hast du, <strong>und</strong> mehr willst du nicht, keinesfalls mehr.“<br />
meinte <strong>Aletta</strong> dazu. „Das ist ein hässliches Wort. Ich mag es nicht. Das hört<br />
sich an wie, zum Ficken treffen <strong>und</strong> noch ein bisschen länger zusammen blei-<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 6 von 25
en. Aber wenn eine Frau mit dir spricht, denkt sie doch nicht daran, mit dir<br />
Sex haben zu wollen.“ äußerte sich Nello. „Son<strong>der</strong>n?“ wollte <strong>Aletta</strong> wissen. „Sie<br />
will dich als Mann erleben. Gefallen daran finden mit dir zu flirten. Es kribbelnd<br />
weiter zu entwickeln, will spielen. Natürlich will sie im Bett auch Sex, aber da<br />
gibt es noch h<strong>und</strong>ert an<strong>der</strong>e Bedürfnisse. Viele Männer interessiert das nicht,<br />
aber ich liebe es genauso wie die Frau selbst, die Liebesnacht zu einer<br />
Symphonie mit mehreren Sätzen <strong>und</strong> einem fulminanten Schlusscrescendo<br />
werden zu lassen.“ stellte Nello es dar <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> schmunzelte. So hatte sie<br />
noch nie empf<strong>und</strong>en. Bei ihr hätte man es eher mit einem immer ähnlichen<br />
erregenden Bauerntanz vergleich können, <strong>der</strong> mit Kochlöffeln gespielt wurde<br />
<strong>und</strong> letztlich zum Höhepunkt führte. Mit den w<strong>und</strong>ervollen Klängen ihrer Violine<br />
hatte sie Sex noch nie assoziiert. <strong>Aletta</strong> versuchte es zu sortieren: „Für die<br />
Liebe hast du also deine Schwester <strong>und</strong> für's erotische deine sinfonischen<br />
Nächte mit fremden Frauen. So wirst du es also immer halten.“ „Nein, um<br />
Himmels willen, auf keinen Fall. Ich leide doch darunter. Nur ich kann es nicht,<br />
ich weiß doch nicht wie. Meine Schwester ist die einzige, die davon weiß. Sie<br />
spielt schon jeden Tag ein wenig aus Beethovens Variationen für mich. Es sei<br />
wie ein Gebet, das irgendwann Wirkung zeigen müsse.“ stellte Nello dar. „Zum<br />
Therapeuten wirst du müssen, sonst wird sich da nichts än<strong>der</strong>n.“ meinte<br />
<strong>Aletta</strong>. „So sehe ich es auch.“ bestätigte sie Nello.<br />
„Aber sag mal, was spielt deine Schwester denn, Klavier.“ fragte <strong>Aletta</strong>. „Nein,<br />
das spiele ich. Sie spielt Geige. Das ist das zweite, fast genauso schlimme<br />
Übel. Jeden Tag haben wir zusammen gespielt. Ich bin ganz gut, <strong>und</strong> jetzt verkalken<br />
meine Finger. Nein es ist etwas an<strong>der</strong>es. Ich sollte eigentlich Piano studieren<br />
<strong>und</strong> hätte es beinahe sogar geschafft, <strong>und</strong> da kann man nicht nur am<br />
Wochenende spielen. Das ist zu wenig. Da baust du ab.“ <strong>Aletta</strong> wollte mehr<br />
wissen, aber Nello meinte, das sei eine an<strong>der</strong>e Geschichte, da müsse man sich<br />
noch mal treffen. Ein Termin wurde vereinbart.<br />
Piano <strong>und</strong> Violine<br />
Nello berichtete, dass seine Eltern total kulturvernarrt seien, <strong>und</strong> sie nicht ertragen<br />
könnten, dass er Physik studiere. Er habe im Gr<strong>und</strong>e gar nicht damit<br />
gerechnet, die Prüfung für Piano bestehen zu können. „Es gibt heute so eine<br />
Unmenge von ganz hervorragenden Pianisten, dass du schon ein Horowitz sein<br />
musst, um überhaupt die Aufnahme zu bestehen. Dass ich es beinahe geschafft<br />
hätte, werte ich als ganz tolle Anerkennung. Da bist du auf einem Level,<br />
dass du ohne tägliches Training nicht auskommst. Und das gibt’s einfach<br />
nicht. Ich habe ja immer mit Mira zusammen gespielt. Das gibt es jetzt auch<br />
nicht mehr, an keinem Tag in <strong>der</strong> Woche.“ bedauerte Nello. „Und was habt ihr<br />
gespielt?“ erk<strong>und</strong>igte sich <strong>Aletta</strong>. „Nicht schlecht.“ bewertete sie Nellos Antworten.<br />
„Ich spiele ja immer solo. Zweimal habe ich erst mit Orchester gespielt.<br />
Aber wie willst du das auch an<strong>der</strong>s machen?“ „Einen Bru<strong>der</strong> haben, <strong>der</strong> Klavier<br />
spielen kann. „Du musst mal an einem Wochenende mit zu uns kommen. Dann<br />
kannst du mit Mira Geige <strong>und</strong> mit mir Klavier spielen.“ antwortete Nello <strong>und</strong><br />
<strong>Aletta</strong> lächelte. Sie unterhielten sich noch länger über Musik <strong>und</strong> Weiterkom-<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 7 von 25
men. Nello wollte den Termin für ihr nächstes Treffen ausmachen. „Wozu?“ erk<strong>und</strong>igte<br />
sich <strong>Aletta</strong>. „Na wir könnten dann die Details <strong>und</strong> den Termin besprechen,<br />
wann du mit zu uns kommst.“ erläuterte Nello. <strong>Aletta</strong> schaute konsterniert.<br />
Sie hatte es mehr für eine scherzhafte Bemerkung gehalten. „Und was<br />
soll ich da?“ wollte sie wissen. „Das habe ich doch gesagt, <strong>Aletta</strong>. Mira <strong>und</strong><br />
meine Eltern würden sich bestimmt sehr freuen.“ Nello darauf. <strong>Aletta</strong> überlegte.<br />
Eigentlich kannte sie Nello ja gar nicht, nein, sie wusste ja sogar sehr viel<br />
von ihm. Deswegen sollte sie ja nicht zu ihm nach Hause mitkommen. Dabei<br />
ging es ja um Musik <strong>und</strong> das interessierte sie schon. Sie wollte ja auch eigene<br />
neue Kontakte knüpfen. Warum sollte sie sich also nicht darauf einlassen. Ein<br />
nächster Termin wurde ausgemacht.<br />
Nellos Eltern<br />
Nello bereitete <strong>Aletta</strong> darauf vor, was sie erwarte. Seine Eltern seien absolute<br />
Kulturfreaks <strong>und</strong> italophil. Die Mutter sei Übersetzerin <strong>und</strong> übersetze italienische<br />
<strong>und</strong> spanische Belletristik. Sein Vater leite die Deutschlandvertretung einer<br />
kleinen italienischen Firma. Das sei aber im Gr<strong>und</strong>e nur sein Nebenjob, er<br />
sei in allen möglichen deutsch-italienischen Organisationen <strong>und</strong> Verbänden aktiv,<br />
<strong>und</strong> man habe ihn zum italienischen Honorarkonsul ernannt. Diese Pizza<strong>und</strong><br />
Espressowelt, mit <strong>der</strong> hätten sie nichts zu tun, sie lebten in italienischer<br />
Geschichte <strong>und</strong> Kultur <strong>und</strong> <strong>der</strong> sonstigen Kultur natürlich auch. Wenn Mira jetzt<br />
auch noch so etwas wie Mathe o<strong>der</strong> Chemie studiere, würde sie das sicher umbringen,<br />
aber Mira tendiere schon zu Kulturgeschichte. Musik habe sie für sich<br />
schon ausgeschlossen. Sie habe auch keinen Fre<strong>und</strong>, aber das könne <strong>Aletta</strong> ja<br />
mit ihr klären. Diskussionen über Kultur? Na ja, dass sie im italienischen Bereich<br />
nicht bewan<strong>der</strong>t sei, könne ihr ja niemand verübeln, aber ansonsten fühlte<br />
<strong>Aletta</strong> sich auch sehr schwach besaitet. In klassischer Musik hatte sie natürlich<br />
den Überblick, aber sonst? Belletristik vielleicht ein wenig, aber bildende<br />
Künste zum Beispiel? Tabula rasa. Sie wollte bis zum Besuch eifrig die Feuilletons<br />
lesen.<br />
Besuch bei Wicherts<br />
Auf <strong>der</strong> Fahrt empfand <strong>Aletta</strong> doch schon eine interessiert freudige Spannung.<br />
Überlegte noch mal, von welchen kulturellen Events sie berichten könne <strong>und</strong><br />
fragte Nello nach weiteren Details zu seinen Eltern. An <strong>der</strong> Kaffeetafel wollte<br />
sie etwas von einer Ballettpremiere in Hamburg erzählen. „Du spinnst, <strong>Aletta</strong>.<br />
Was soll das denn. Willst hier den Affen machen. Wozu. Du selbst bist wertvoll<br />
genug. Du musst nichts vorspielen. Wenn du Wicherts, Nellos Eltern, nicht passen<br />
solltest, ist das ihr Problem.“ sinnierte <strong>Aletta</strong>. „Nein, die Geige ist mir<br />
schon äußerst wichtig, aber Musik studieren <strong>und</strong> sein Leben als Violinistin verbringen,<br />
das wollte ich nicht. Mein Kopf kann auch noch etwas an<strong>der</strong>es. Da bin<br />
ich stolz drauf <strong>und</strong> es macht mir Spaß. Das ist meine feministische Leistung.“<br />
erklärte <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> lächelte. Das musste sie näher erläutern. „Ja, dass die Mäd-<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 8 von 25
chen besser sind in <strong>der</strong> Schule, wird von vielen immer noch mit <strong>der</strong> Begründung<br />
erklärt, sie seien eben folgsamer, fleißiger <strong>und</strong> machten die Hausaufgaben<br />
immer genau <strong>und</strong> gewissenhaft. Quatsch ist das, absoluter Quatsch. Die<br />
Mädels checken's einfach schneller <strong>und</strong> besser <strong>und</strong> sonst nichts. Aber das kann<br />
die Herrenwelt nicht ertragen. Dass ich die beste <strong>der</strong> Klasse in ihren angestammten<br />
Bereichen von Mathe <strong>und</strong> Physik war, ist somit auch ein Sieg übers<br />
Patriarchat.“ erklärte <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> lächelte. „Bravo, genau,“ unterstützte sie Frau<br />
Wichert <strong>und</strong> zu ihrem Mann gewannt, „Das müsst ihr euch einfach mal hinter<br />
die Löffel schreiben.“ „Trotz <strong>der</strong> geringeren Hirnmasse?“ zweifelte <strong>der</strong><br />
scherzend. „Da ist noch viel mehr, mein Lieber, was Frauen besser<br />
durchschauen <strong>und</strong> erkennen. Das müsst ihr schlicht akzeptieren.“ fügte Frau<br />
Wichert hinzu <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> ergänzte: „Es ist doch auch schon was, wenn sie<br />
schön lieb sind.“ Da konnten die beiden Männer auch nicht umhin zu lachen.<br />
Sie habe überlegt, ob sie nicht Französisch studieren solle, das hätte ihr sehr<br />
gut gefallen. Nach ihrem Frankreichaufenthalt habe sie sich sowohl als<br />
Französin wie auch als Deutsche empf<strong>und</strong>en, aber sie sei <strong>der</strong> Ansicht, dass<br />
Physik ihre Kapazitäten mehr for<strong>der</strong>e, <strong>und</strong> deshalb habe sie sich dafür<br />
entschieden, auf Lise Meitner zu studieren <strong>und</strong> sich den Nobelpreis nicht<br />
wegnehmen zu lassen. Die Herzen aller gehörten schon beim Kaffee <strong>Aletta</strong>.<br />
Lustig, pfiffig war sie, schien sehr intelligent <strong>und</strong> verfügte über weitreichende<br />
Kompetenzen.<br />
Vorspiel<br />
Mann wollte sie spielen hören. Fantastisch! Ein freudiger Schein legte sich auf<br />
die Gesichter <strong>der</strong> Zuhörer. Nach einem Applaus meinte Mira. „Super, da bin ich<br />
noch lange nicht.“ <strong>und</strong> Frau Wichert wollte wissen, ob sie öfter Auftritte habe<br />
o<strong>der</strong> alles nur für's eigene Gemüt sei. „Jetzt nur noch für mich.“ antwortete<br />
<strong>Aletta</strong>, „Aber es ist mehr als das fertige Hören. Es ist ja ein manchmal wochenlanger<br />
Prozess, <strong>der</strong> sowieso nur mir <strong>und</strong> meiner Lehrerin gehört. Ich denke<br />
schon, dass ich nicht schlecht bin, aber für Auftritte da will man die Violinistin<br />
im Orchester hören, <strong>und</strong> da gibt es bei mir nichts.“ „O<strong>der</strong> mit einem Pianisten.“<br />
ergänzte Nello völlig ernst. „Wir werden zusammen die Kreutzersonate spielen.“<br />
<strong>und</strong> die an<strong>der</strong>en waren amüsiert. „Jetzt will ich sie aber auch mal von<br />
euch beiden hören.“ for<strong>der</strong>te <strong>Aletta</strong> Mira <strong>und</strong> Nello auf. „Herrlich, w<strong>und</strong>erschön.“<br />
kommentierte <strong>Aletta</strong> das Spiel <strong>der</strong> beiden. „Jetzt du.“ for<strong>der</strong>te Mira sie<br />
auf. Obwohl <strong>Aletta</strong> keineswegs damit rechnete, es zu können, versuchte sie's.<br />
Nach kurzem Versuch brach sie ab <strong>und</strong> erklärte lachend: „Wie soll das denn gehen?<br />
Ich soll das einfach so vom Blatt ins Blaue spielen können? Gib mal etwas<br />
Leichteres. Nein, das nicht, das ist Babykram“ als sie schließlich etwas Passendes<br />
gef<strong>und</strong>en hatten, probierten die beiden es noch einmal. Es klappte. <strong>Aletta</strong><br />
strahlte. Morgen o<strong>der</strong> heute Abend wie<strong>der</strong>, aber jetzt wollte Nello sich erst mal<br />
selbst einspielen.<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 9 von 25
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Mira<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Mira verzogen sich in Miras Zimmer <strong>und</strong> fachsimpelten noch ein wenig<br />
über Violinenfragen. Dann wollte Mira wissen: „Sag mal, <strong>Aletta</strong>, befasst du<br />
dich näher mit feministischen Angelegenheiten?“ „Nein, ich denke nur, dass es<br />
einige Dinge gibt, die man als Frau schon wissen <strong>und</strong> im Hinterkopf haben sollte.<br />
Wie du dich als Frau siehst, was ist das für ein Bild? Von wem hast du es dir<br />
angeeignet? Wer hat es kreiert? Alles Männer. Männer besetzen nicht nur die<br />
besser dotierten Posten, sie besitzen die Meinungsmacht. Chefredakteure, Leitartikler<br />
alles Männer. Nicht je<strong>der</strong> bildet sich frei seine Meinung, unsere Meinung<br />
ist nicht neutral, sie ist eine Männermeinung. Wenn deine Mami dich als kleinstes<br />
Baby anschaut, dann hat sie an<strong>der</strong>e Assoziationen als bei Nello. Dann sieht<br />
sie ein Mädchen, ihr Bild von einem Mädchen, <strong>und</strong> das wirkt sich auf dich aus.<br />
So geht es dein ganzes Leben weiter bis zu dem Pauker, <strong>der</strong> meint, du kannst<br />
kein Mathe, weil du ein Mädchen bist, <strong>und</strong> dann glaubst du es von dir selber.<br />
Diese Meinung, wer wir Frauen sind, bzw. wer man als Frau ist, ist keine Frauenmeinung.<br />
Das sollte frau nicht vergessen.“ erklärte sich <strong>Aletta</strong>. „Du bist doch<br />
eine Feministin.“ meinte Mira <strong>und</strong> lachte. „Aber das ist gut, sehr gut. Ich weiß<br />
viel zu wenig davon. Ich habe gedacht, wir wären da nicht so persönlich von<br />
betroffen. So ein infantiler Schwachsinn. Wir werden da noch viel drüber reden,<br />
ja.“ „Aber sag mal.“ drängte es Mira, „Hast du eigentlich einen Fre<strong>und</strong>?<br />
Nello wusste es nicht.“ „Ich weiß es auch nicht.“antwortete <strong>Aletta</strong>, „Ich dachte,<br />
ich hätte einen. Ich habe ihn einige Male abgewimmelt, als er kommen wollte,<br />
<strong>und</strong> seitdem höre ich nichts mehr von ihm. Vier Jahre waren wir zusammen<br />
<strong>und</strong> haben gedacht, wir liebten uns. Mit Liebe hatte das überhaupt nichts zu<br />
tun. Es war praktisch, bequem <strong>und</strong> angenehm, sonst nichts. Wer musst du<br />
sein, dass du vier Jahre lang so etwas nicht merkst <strong>und</strong> einfach mitmachst.<br />
Aber das wird es in meinem neuen Leben nicht geben. Davon musste <strong>Aletta</strong><br />
natürlich erzählen. Lachend <strong>und</strong> scherzend gestalteten sie es weiter aus, <strong>und</strong><br />
Mira hatte viele Vorschläge dafür, was auch noch ins eigenständige Leben gehöre.<br />
„Und bei dir, wie sieht es da mit einem Fre<strong>und</strong> aus?“ fragte <strong>Aletta</strong>. Mira<br />
hob die Augenbrauen zu einem bedenklichen Gesicht. „Was soll ich damit?“ erklärte<br />
Mira <strong>und</strong> platzte laut lachend los. „Ich brauch das nicht, ich brauch keinen<br />
m'accompagner monsieur, wie das üblich ist <strong>und</strong> wie du es von dir erzählt<br />
hast. Dann brauch ich später mein Leben nicht wie<strong>der</strong> zu än<strong>der</strong>n. Nein, weißt<br />
du <strong>Aletta</strong>, ich spüre nix, hab gar kein Verlangen nach einem Mann für Sex. Dieses<br />
ganze Trallala mit dem ersten Mal <strong>und</strong> so, das find' ich albern. Wozu soll<br />
ich einen Mann gebrauchen. Männer für Einfühlsamkeit <strong>und</strong> Zärtlichkeit? Dass<br />
ich nicht lache. Männer stinken.“ Jetzt hatten beide wie<strong>der</strong> etwas zu lachen.<br />
Nein, zu Frauen habe sie keinen Draht. Sie ginge davon aus, dass sie irgendwann<br />
mal jemanden kennenlerne, den sie als Menschen toll fände <strong>und</strong> lieben<br />
könne, <strong>und</strong> wenn's dann eben ein Mann sei, sei das auch egal o<strong>der</strong> vielleicht<br />
sogar schön. Aber da dränge sie im Moment nichts.<br />
Italienischen Mentalität<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 10 von 25
Mira <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> unterhielten sich noch über Schmuck <strong>und</strong> Schmuckdesign als<br />
sie zum Abendbrottisch kamen. Frau Wichert schwärmte von italienischem<br />
Schmuck <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> meinte, dass sie dazu geteilter Ansicht sei. Es gebe durchaus<br />
w<strong>und</strong>ervolle Designer, aber man habe auch wenig Hemmungen, ins all zu<br />
Üppig, Protzige zu kommen. Frau Wichert bestätigte <strong>Aletta</strong> lächelnd <strong>und</strong> meinte<br />
die kulturgeschichtlichen Hintergründe <strong>der</strong> italienischen Mentalität dafür erklären<br />
zu können. „Sag mal, Mami, hast du mich eigentlich direkt nach <strong>der</strong> Geburt<br />
an<strong>der</strong>es angeschaut als Nello?“ wollte Mira wissen <strong>und</strong> man entwickelte es<br />
in einer von ständigem Lachen begleiteten Diskussion dorthin, dass ihre eigene<br />
Mutter schon direkt bei ihrem Auf-die-Welt-kommen mit ihrer Unterdrückung<br />
als Frau begonnen habe. Lustig war es bei Tisch <strong>und</strong> Mira, <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Nello<br />
wurden gebeten, doch nachher noch etwas zu spielen. Musik dominierte natürlich<br />
alles, aber auch ansonsten hatten <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Mira unendlich viel zu besprechen.<br />
Völlig vertraut empfand es <strong>Aletta</strong>, als ob sie eine alte Bekannte von Wicherts<br />
sei <strong>und</strong> in Mira eine neue Fre<strong>und</strong>in gef<strong>und</strong>en habe.<br />
Wie<strong>der</strong>kehr<br />
Als <strong>Aletta</strong> sich am Sonntagnachmittag verabschiedete, meinte Frau Wichert:<br />
„Bis nächste Woche.“ <strong>Aletta</strong> stutzte. „Wieso?“ fragte sie. „Ja, du kommst doch<br />
nächstes Wochenende wie<strong>der</strong>, o<strong>der</strong> hat es dir nicht gefallen bei uns?“ meinte<br />
Frau Wichert. „Doch sehr, herzlichen Dank nochmal dafür, aber ich kann mir<br />
doch nicht einfach ein ganzes Wochenende frei nehmen, ich muss arbeiten.“<br />
<strong>Aletta</strong> darauf. „Aber Nello macht das doch auch.“ Frau Wichert noch mal „Und<br />
<strong>der</strong> ist ein Junge. Der checkt es nicht so schnell.“ fügte sie noch lächelnd an.<br />
„<strong>Aletta</strong>, das kannst du mir doch nicht antun, mich einfach hier allein sitzen lassen.<br />
Ich hatte mich schon gefreut <strong>und</strong> war selbstverständlich davon ausgegangen,<br />
dass du kämst.“ klagte Mira. „Darf ich hoffen?“ lächelte Frau Wichert <strong>Aletta</strong><br />
an. Die lächelte zurück, <strong>und</strong> das hieß 'Ja'. Auf <strong>der</strong> Rückfahrt überlegte <strong>Aletta</strong>:<br />
Am nächsten Wochenende würde es ja wie<strong>der</strong> so verlaufen, man erwarte,<br />
dass sie am nächsten Wochenende wie<strong>der</strong>komme. Für die nächste Zeit würde<br />
sie damit rechnen müssen, ihre Wochenenden bei Wicherts zu verbringen. Das<br />
gefiele ihr schon, jedes Wochenende in dieser neuen Familie, mit den fre<strong>und</strong>lichen<br />
Menschen, mit den musikalischen Anregungen <strong>und</strong> vor allem mit Mira, die<br />
sie sehr gern hatte <strong>und</strong> schätzte, <strong>und</strong> mit <strong>der</strong> sie sich w<strong>und</strong>ervoll verstand.<br />
Aber sie würde vieles in ihrer Organisation umstellen müssen. Sie habe kaum<br />
freie Zeit, außer ein paar St<strong>und</strong>en meinte sie. Mal für's Kino, mal fürs TV, mal<br />
für einen Spaziergang. Alles müsse durchforstet <strong>und</strong> neu organisiert werden,<br />
beschoss sie <strong>und</strong> lächelte in sich hinein.<br />
Nellos Fre<strong>und</strong>in?<br />
<strong>Aletta</strong> hatte schon mehrere Wochenenden bei Wicherts verbracht, als es ihr auf<br />
<strong>der</strong> Rückfahrt so son<strong>der</strong>bar erschien, wie Nello plötzlich redete. So weich<br />
schmeichelnd klang es. Kein Zweifel, er hatte auf Femina geschaltet <strong>und</strong> ver-<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 11 von 25
suchte sie anzubaggern. Als er dahin gekommen war, von Dessous zu reden,<br />
stoppte <strong>Aletta</strong> ihn harsch: „Bist du verrückt geworden? Sag mal, du spinnst<br />
wohl. Hör sofort auf damit, sonst ist es vorbei mit unserer Fre<strong>und</strong>schaft.“ Nello<br />
war es ersichtlich peinlich. „Entschuldigung, Entschuldigung, <strong>Aletta</strong>. Ich weiß<br />
nicht wie das passieren konnte, irgendwie so automatisch, wahrscheinlich. Das<br />
kommt nie wie<strong>der</strong> vor, das verspreche ich. Du bist eben eine schöne Frau. Das<br />
lässt sich nicht übersehen.“ erklärte Nello. „Trotz schöner Frau, das war die<br />
erste <strong>und</strong> letzte Warnung. Eine weitere wird es nicht mehr geben, dann sind<br />
wir geschiedene Leute.“ <strong>Aletta</strong> noch mal warnend. Es war still. Keiner sagte<br />
mehr etwas. <strong>Aletta</strong> war nicht nur wütend auf Nello, sie war auch traurig. Als<br />
erniedrigend <strong>und</strong> entwürdigend empfand sie es, dass Nello so mit ihr umgehen<br />
wollte. War sie im Gr<strong>und</strong>e doch nur eine fremde Frau für ihn? Nein das glaubte<br />
sie trotz allem nicht. Aber wie kam er denn dazu. War 'Mann' allein <strong>der</strong> Gr<strong>und</strong>?<br />
Sollte er mal seinen Testosteronspiegel senken. Selbstverständlich wäre es vorbei,<br />
wenn er so etwas nochmal mache, aber es war ja nicht nur Nello. Diese<br />
Wochenenden würde es nicht mehr geben. Traurig dachte sie daran, das<br />
verlieren zu können <strong>und</strong> es wurde ihr jetzt deutlich, wie viel es ihr gab. Da<br />
gehörte alles zu ihrem Leben <strong>und</strong> nichts zum technologisierten Alltag. Als eine<br />
immense Bereicherung für sich sah sie diese Wochenenden. 'Fre<strong>und</strong>schaft'<br />
hatte sie gesagt. Mit <strong>der</strong> sei es vorbei. Hatte <strong>Aletta</strong> das einfach so geplappert,<br />
o<strong>der</strong> war es das, was sie <strong>und</strong> Nello verband? Überlegte <strong>Aletta</strong>. Natürlich, was<br />
sollte es denn sonst sein, wenn sie beide Lust daran hatten, die Wochenenden<br />
gemeinsam bei Nellos Eltern zu verbringen. Wäre Nello dann ihr Fre<strong>und</strong>? Sie<br />
sah es für sich schon so, aber Nello <strong>der</strong> konnte das doch gar nicht. Dessen<br />
einzig mögliche Fre<strong>und</strong>in war doch seine Schwester. Und <strong>Aletta</strong> schmunzelte.<br />
Weihnachten<br />
Am Heiligabend fuhr <strong>Aletta</strong> erst zu Wicherts. Dort sollte es eine vorgezogene<br />
Bescherung geben <strong>und</strong> anschließend wollte <strong>Aletta</strong> am Abend zu ihren Eltern<br />
fahren. Mira bekam ein Collier aus <strong>Aletta</strong>s Schmuckkunstschmiede. <strong>Aletta</strong> entschuldigte<br />
sich, sie habe es letztendlich nur so machen können, wie es ihr gefiel.<br />
Wenn sie Miras Geschmack nicht getroffen habe, könne sie da lei<strong>der</strong> nichts<br />
dran machen. Mira war begeistert. Das sei ihr schönster <strong>und</strong> wertvollster<br />
Schmuck. Der wertvollste werde es ihr ganzes Leben lang bleiben, weil darin<br />
die Verb<strong>und</strong>enheit zwischen <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> ihr läge, <strong>und</strong> die sei an Wert durch die<br />
teuersten Klunker <strong>der</strong> Welt nicht zu überbieten. Nello meinte es wirke edel <strong>und</strong><br />
erfor<strong>der</strong>e ein großes Dekolleté. Schlichte Grazie, vermittle es, meinte Frau Wichert,<br />
<strong>und</strong> Frische, die den Eindruck vermittle, dass die Trägerin den Frühling<br />
erwarte. Frau Wichert erhielt Les Fleurs du Mal von Charles Baudelaire in französischer<br />
<strong>und</strong> italienischer Sprache. Die beiden hatten sich mal darüber unterhalten<br />
<strong>und</strong> Frau Wichert kannte die Gedichtsammlung nicht. Herr Wichert bekam<br />
eine frische Neuausgabe von Goethes Italienreise. Möglicherweise hatte er<br />
schon zehn, aber diese konnte er noch nicht haben. Für Nello gab's ein Album<br />
in elfenbeinfarbenen Ziegenle<strong>der</strong>einband mit Fotos von ihm in allen Situationen.<br />
Im Labor, wie er vorm Institut sein Fahrrad abschloss, wie er mit erhobenen<br />
Zeigefinger beim Essen am Tisch dozierte <strong>und</strong> vieles mehr. Die meisten<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 12 von 25
zeigten jedoch Impressionen von ihm am Klavier allein <strong>und</strong> gemeinsam mit<br />
Mira. Die überwiegende Anzahl <strong>der</strong> Situationen hatte Nello gar nicht mitbekommen<br />
o<strong>der</strong> er hatte sie vergessen. Lange schaute er sich jedes Bild an, bis seine<br />
Mutter sagte: „Nello, <strong>Aletta</strong> hat es dir geschenkt, du kannst es dir jetzt immer<br />
anschauen, <strong>und</strong> wir wollen es auch ausführlich betrachten.“ Er blätterte noch<br />
rasch ein paar Seiten weiter <strong>und</strong> klappte es zu. „W<strong>und</strong>ervolle Fotos,“ sinnierte<br />
Nello, „aber was hatte <strong>Aletta</strong> bewegt, sie zu machen. Ihn die ganze Zeit über,<br />
fast seit Beginn ihre Kennenlernens mit <strong>der</strong> Kamera zu begleiten. Ihn, nicht<br />
ihre Fre<strong>und</strong>in Mira o<strong>der</strong> seine Mutter. Was sie wohl dabei empfinde, woran sie<br />
wohl denke, wie sie ihn wohl sah? Dass sie ihn mögen musste, könne sie nicht<br />
bestreiten, aber das wusste er ja auch so <strong>und</strong> es beruhte auf Gegenseitigkeit. “<br />
Frau Wichert erklärte, das Geschenk für <strong>Aletta</strong> sei ein Geschenk <strong>der</strong> ganzen Familie.<br />
Alle hätten sich daran beteiligt, weil sie <strong>der</strong> Ansicht seien, dass sie so etwas<br />
unbedingt brauche. <strong>Aletta</strong> sah es <strong>und</strong> konnte es nicht fassen. Eine HiFi Audioanlage<br />
für sie. Sie kannte die Anlage nicht, aber wusste, dass sie sich von<br />
dieser Firma nie etwas würde zulegen können. „Nein, das kann nicht sein. So<br />
etwas für mich, für meine Hallen. Nein, das ist einfach Wahnsinn.“ So redete<br />
sie ständig. Ihr Gesichtsausdruck wusste nicht, ob das Gesicht lachen o<strong>der</strong> vor<br />
Freude heulen solle. Herr Wichert <strong>und</strong> Nello installierten sie schnell notdürftig,<br />
damit man sie auch wenigstens mal hören könne. „Fantastisch,“ kommentierte<br />
<strong>Aletta</strong> die ersten Klänge eines Violinkonzertes. „Das klingt ja besser als das<br />
Original.“ <strong>Aletta</strong> umarmte jeden, küsste ihn dabei auf die Wangen <strong>und</strong> sagte<br />
„Danke.“ Nello küsste sie nicht. Sie hielten nur ihre Wangen aneinan<strong>der</strong>. Dann<br />
stoppte <strong>Aletta</strong>, lächelte ihn schelmisch an, gab ihm einen Stups auf die Nase<br />
<strong>und</strong> sagte dabei: „Danke, mein Lieber.“ Die Umarmung mit Mira wollte nicht<br />
enden, weil <strong>Aletta</strong> wusste, dass nur von ihr die Initiative dazu ausgegangen<br />
sein konnte, denn nur mit ihr hatte sie über ihr grässliche <strong>der</strong>zeitige Anlage<br />
gesprochen <strong>und</strong> dass ihr das Geld für eine bessere, an<strong>der</strong>e fehle. Nach Lösung<br />
<strong>der</strong> Umarmung schauten sich die beiden Wissenden an. „Fre<strong>und</strong>innen eben.“<br />
meinte Mira <strong>und</strong> lachte.<br />
Mondnacht<br />
Über die Anlage freute sich <strong>Aletta</strong> natürlich riesig, aber das an<strong>der</strong>e war das,<br />
was sie emotional tiefer, sie persönlich berührte. Sie wurde geliebt, von allen,<br />
nicht weil sie so toll Geige spielen konnte, nein, einfach so, ihre Person, <strong>und</strong><br />
das fast vom ersten Moment an, als sie Wicherts kennengelernt hatte. Sie gehörte<br />
zur Familie <strong>und</strong> fühlte sich, nein, nicht geborgen, aufgehoben in <strong>der</strong> Zuneigung<br />
<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en. Auf <strong>der</strong> Fahrt zu ihren Eltern war alles leer <strong>und</strong> still, nur<br />
<strong>der</strong> Mond wachte. Die Menschen schienen sich alle an den Weihnachtsbäumen<br />
versammelt zu haben. <strong>Aletta</strong> spürte um sich eine Aura aus warmem Glück <strong>und</strong><br />
sanfter Wonne. Sie fuhr nicht zu ihren Eltern, sie schwebte. Eichendorfs Mondnacht<br />
kam ihr in den Sinn:<br />
Und meine Seele spannte<br />
Weit ihre Flügel aus,<br />
Flog durch die stillen Lande,<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 13 von 25
Als flöge sie nach Haus.<br />
Weit ausgespannt hatte ihre Seele die Flügel. Gern hätte <strong>Aletta</strong> die Augen geschlossen<br />
<strong>und</strong> sich träumend über die stillen Lande gleiten lassen. Als leicht<br />
entrücktes Hochgefühl hätte sie ihre Stimmungslage bezeichnet, als sie ihr Zuhause<br />
erreichte.<br />
<strong>Aletta</strong> zu Hause<br />
Sie <strong>und</strong> ihre Mutter lagen sich lange gegenseitig um den Hals, <strong>und</strong> als sie sich<br />
lösten, hatte <strong>Aletta</strong> feuchte Augen. „Ich freue mich, dich zu sehen. Ich liebe<br />
dich, Mama.“ reagierte <strong>Aletta</strong> auf die fragenden Augen ihrer Mutter. Aber es<br />
kam ihr in <strong>der</strong> Tat so vor, als ob sie sich noch nie so gefreut hätte, ihre Mutter<br />
zu sehen. Ob das eher Konsequenz ihres neuen Lebens mit stärkerer emotionaler<br />
Gewichtung o<strong>der</strong> eher ihrem augenblicklichen Entrückungszustand zuzuschreiben<br />
war, konnte sie nicht entscheiden. Ihre Eltern waren so ausgesucht<br />
fre<strong>und</strong>lich. An ihrer Wahrnehmungslage konnte das nicht liegen. Ihr Vater<br />
sprach sie an, fragte sie <strong>und</strong> lachte. So kannte <strong>Aletta</strong> ihn nicht.<br />
Selbstverständlich besuchten ihre Eltern die Kirche. Eine langweilige rituelle<br />
Pflicht war es für <strong>Aletta</strong> gewesen. Heute delektierte sie sich fre<strong>und</strong>lich<br />
schmunzelnd an dem ganzen hochamtlichen Pomp <strong>und</strong> Gepränge mit seinen<br />
klanglichen Verbrämungen. Den Kin<strong>der</strong>chor hörte sie heute nicht als<br />
grässliches Gekreische, <strong>Aletta</strong> lächelte. Jedem Wort des Pastors hätte sie<br />
singend antworten können, <strong>und</strong> die Klänge <strong>der</strong> Orgel r<strong>und</strong>eten das Bild ab.<br />
Dass sie sie sonst als Folterinstrument für die Ohren <strong>und</strong> entsetzliches<br />
Schabrackengetröte bezeichnet hatte, war jetzt vergessen.<br />
Zu Hause musste alles berichtet <strong>und</strong> besprochen werden. Das Nello <strong>und</strong> sie<br />
sehr gute Fre<strong>und</strong>e seien, aber kein Paar im üblichen Sinne, ließ ihre Eltern rätseln,<br />
aber <strong>Aletta</strong> wollte nichts näher erklären. <strong>Aletta</strong> sei immer ihr Stern gewesen.<br />
Sie hätten ihn immer leuchten sehen, aber es sei ihnen vorgekommen, als<br />
ob <strong>der</strong> Stern begonnen hätte, zu verblassen <strong>und</strong> im bie<strong>der</strong>en Alltag zu verlöschen.<br />
Sie hätten keine <strong>Aletta</strong> mehr erkennen können, son<strong>der</strong>n nur, dass sie<br />
sehr gewöhnlich ihre Tage verbrächte. Das richte sich nicht gegen Uli, sie hätten<br />
nichts gegen ihn <strong>und</strong> möchten ihn persönlich, aber <strong>Aletta</strong>s Lebensstil mit<br />
ihm hätten sie für tödlich gehalten. So könne man auch kurz vorm Altersheim<br />
leben. So müsse ihr Stern untergehen. Ihr Vater habe immer Vertrauen gehabt,<br />
dass <strong>Aletta</strong> es merke. Dass sie sich entschlossen habe, ein neues Leben<br />
in Eigenständigkeit zu führen, mache sie unendlich glücklich, <strong>und</strong> sie sähen ihren<br />
Stern wie<strong>der</strong> in voller Leuchtkraft. Das sei ihr w<strong>und</strong>ervollstes Weihnachtsgeschenk,<br />
das <strong>Aletta</strong> ihnen gemacht habe. Ihre Mutter stand auf, sie zu umarmen<br />
<strong>und</strong> zu küssen. Ihr Vater tat es auch. Breite Freude stand in <strong>Aletta</strong>s Gesicht.<br />
Wann hatte er das getan? Als sie ein Kind war.<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 14 von 25
Musik in <strong>der</strong> Natur<br />
<strong>Aletta</strong> besuchte in <strong>der</strong> Weihnachtszeit mit ihren Eltern noch Verwandte, fuhr<br />
dann über Münster, um einige ihrer CDs mitzunehmen, wie<strong>der</strong> zu Wicherts.<br />
Jetzt musste die Anlage genau inspiziert werden. Sie konnte damit sogar digitale<br />
Aufnahmen machen, aber sie hatte ja kein Mikrophon. <strong>Aletta</strong> ging sehr<br />
gern spazieren. Ihr waren die Spaziergänge mit den Eltern keineswegs als<br />
langweilig vorgekommen. Mit <strong>der</strong> Mutter konnte sie über alles reden, <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />
Vater, ein Biologe, konnte die Welt erklären, in <strong>der</strong> sie sich bewegten. Sie hatte<br />
nie eine Ansicht vom Wald als totes Bild mit Bäumen gehabt. Für sie war er immer<br />
ein Prozess, in dem alles lebte, ein Prozess, <strong>der</strong> spannend war <strong>und</strong> immer<br />
wie<strong>der</strong> neue Überraschungen bot. Aber das galt nicht nur für den Wald, son<strong>der</strong>n<br />
für die ganze Natur, die sie lebend <strong>und</strong> in Melodien <strong>und</strong> Rhythmen erlebte.<br />
Biologie hatte sie sehr interessiert. Man hielt sie für naturwissenschaftlich begabt,<br />
aber Biologie sah sie viel näher am Leben, an sich selbst, an ihren Lebensvorgängen<br />
<strong>und</strong> an ihrer Musik.<br />
Beziehungsfragen<br />
Nello <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> waren nach den Weihnachtsferien schon wie<strong>der</strong> an zwei Wochenenden<br />
bei Wicherts gewesen, als Nello auf <strong>der</strong> Rückfahrt fragte: „Sag'<br />
mal, <strong>Aletta</strong>, ich habe mich das schon oft gefragt, was das eigentlich für eine<br />
Art von Beziehung ist, die wir beide zueinan<strong>der</strong> haben.“ In seiner Stimme lag<br />
ein leicht schelmischer Unterton. <strong>Aletta</strong> reagierte entsprechend: „Ich frage<br />
mich so etwas nicht. Da zerbricht man sich nur den Kopf <strong>und</strong> bekommt doch<br />
keine Antwort. Aber in je<strong>der</strong> Beziehung gibt es ja zwei Partner, die gemeinsam<br />
etwas miteinan<strong>der</strong> tun wollen, zum Beispiel miteinan<strong>der</strong> Handel treiben. Dann<br />
hätten wir eine Handelsbeziehung.“ Nello lachte. „Was wollen wir denn gemeinsam<br />
miteinan<strong>der</strong> tun?“ fragte er. „Na, du Dummerchen, das weiß du doch, wir<br />
tun es doch, du beteiligst dich doch daran.“ reagierte <strong>Aletta</strong> in diesem scherzhaften<br />
Gespräch. „Also gemeinsam Musik machen, zu meinen Eltern fahren,<br />
miteinan<strong>der</strong> reden. Und was ist es dann für eine Beziehung?“ fragte Nello. „Das<br />
ist von <strong>der</strong> Qualität abhängig, von <strong>der</strong> Intention, warum man es tut.“ meinte<br />
<strong>Aletta</strong>, „Also ich mache gern mit dir Musik, nicht nur weil gemeinsames Musizieren<br />
schön ist, son<strong>der</strong>n weil ich es mit dir tue. Ich weiß, dass es dich auch<br />
freut <strong>und</strong> glücklich macht. Es gefällt mir, dich glücklich zu machen <strong>und</strong> zu wissen.<br />
Das möchte ich dir geben.“ Nello schaute kurz <strong>und</strong> meinte: „Bei mir ist<br />
das kein bisschen an<strong>der</strong>s. Ich habe Lust auf dich <strong>und</strong> was wir gemeinsam tun.<br />
Es macht mir Freude. Ich empfinde es als ob eine Sonne für mich leuchte.“ „...<br />
<strong>und</strong> sie gibt dir eine Kraft, die alles übersteigt.“ fügte <strong>Aletta</strong> hinzu <strong>und</strong> lachte.<br />
Nello schaute leicht verwirrt. „Das hast du von <strong>der</strong> Liebe gesagt. Könnte es<br />
sein, dass unsere Beziehung da auch etwas mit zu tun hat?“ <strong>Aletta</strong> darauf. Nello<br />
wollte ihr sofort um den Hals fallen <strong>und</strong> sie küssen. „Stop, stop, stop, wir<br />
landen in <strong>der</strong> Leitplanke.“ bremste ihn <strong>Aletta</strong>. Sie hatte das Unaussprechliche<br />
benannt <strong>und</strong> die Fesseln, die sie sich verbal für ihre gegenseitigen Empfindungen<br />
angelegt hatten gelöst. Bei <strong>der</strong> nächsten Abfahrt wurde die Autobahn ver-<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 15 von 25
lassen <strong>und</strong> zwecks erfor<strong>der</strong>licher Stops für den weiteren Weg die Landstraße<br />
gewählt. Auch in Münster brachte sie Nello nicht erst zu sich, son<strong>der</strong>n er kam<br />
mit zu <strong>Aletta</strong>, weil die neue Lage unendlichen Gesprächsbedarf mit sich brachte.<br />
„Aber mit ins Bett gehen das kann ich noch nicht. Da bin ich nicht frei, da<br />
schweben mir immer deine Situationen vor.“ erklärte <strong>Aletta</strong>. Mit ihr sei es doch<br />
etwas völlig an<strong>der</strong>es <strong>und</strong> habe mit den früheren Situationen nicht das Geringste<br />
zu tun. Jetzt würde er mit seiner geliebten Fre<strong>und</strong>in ins Bett gehen. Das sei<br />
für ihn genauso neu wie für sie. Im Prinzip wolle sie ja schon, erklärte <strong>Aletta</strong>,<br />
aber sie brauche trotzdem noch Zeit, um zu einer an<strong>der</strong>en Einstellung zu finden.<br />
Kommunikative Liebkosungen<br />
Sie brauchte nicht viel Zeit, um diese Einstellung zu finden. Drei Tage später<br />
erklärte sie Nello, dass sie jetzt soweit sei. Sie stellte aber ausdrücklich klar,<br />
dass sie nicht mit ihm ins Bett ginge, weil sie sexuelle Befriedigung mit Nello<br />
für angenehmer halte als alleine. Sie wolle ihre gemeinsame Liebe erleben <strong>und</strong><br />
ihren Schlafanzug müsse sie anziehen. Als <strong>Aletta</strong> in ihrem Schlafanzug neben<br />
Nello im Bett lag, schauten sie sich an <strong>und</strong> prusteten los. <strong>Aletta</strong> zog den<br />
Schlafanzug aus <strong>und</strong> Nello kommentierte es mit: „Eine w<strong>und</strong>erschöne Frau bist<br />
du, <strong>Aletta</strong>.“ Mit einem warnenden „Nello!“ reagierte die darauf. <strong>Aletta</strong> erklärte,<br />
was es mit dem Schlafanzug für eine Bewandtnis habe <strong>und</strong> Nello erzählte etwas<br />
von seinen Kleinkindgewohnheiten. Petitessen waren es, von denen sie<br />
sich gegenseitig berichteten, aber sie sprachen es in einer an<strong>der</strong>en Sprache,<br />
leiser, mit sanfter, fast lieblicher Melodie. Alles was sie sich erzählten, war von<br />
einem Lächeln begleitet. Sie unterhielten sich nicht, son<strong>der</strong>n tauschten kommunikative<br />
Liebkosungen aus. Dabei streichelten sie den Oberkörper des an<strong>der</strong>en<br />
<strong>und</strong> mussten sich zwischendurch zueinan<strong>der</strong> wenden, um sich zu drücken<br />
<strong>und</strong> zu küssen. Nach langer Lovetalkzeit nahm das gegenseitige Drücken an<br />
Intensität zu. Sie verschränkten ihre Beine <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> nahm Nellos Hand <strong>und</strong><br />
drückte sie fester auf ihre Brust. Die gegenseitige Steigerung <strong>der</strong> Erregung<br />
stand jetzt im Vor<strong>der</strong>gr<strong>und</strong>. <strong>Aletta</strong> hatte sich fast verausgabt. Erschöpft, verschwitzt<br />
<strong>und</strong> wonnestrahlend lag sie neben Nello. Sie drehte sich zu ihm, legte<br />
ihren Kopf auf seine Schulter, ein Bein über seine Hüften <strong>und</strong> schlief ein. Am<br />
nächsten Morgen wollte sie gar nicht aufstehen, den ganzen Tag mit Nello<br />
schmusen <strong>und</strong> kuscheln. Der wollte aber Frühstück haben, stand auf <strong>und</strong> bereitete<br />
es zu. <strong>Aletta</strong> stand auch auf, ihm zu helfen. Gefrühstückt wurde im Bett.<br />
Es hätte so viel zu erklären gegeben, aber die beiden sprachen kaum. Schauten<br />
sich nur immer wie<strong>der</strong> an <strong>und</strong> lächelten glücklich. <strong>Aletta</strong> starrte Nello an<br />
als ob sie ihren Augen nicht traue. „Nello, weißt du was? Ich bin scharf auf<br />
dich.“ sagte sie plötzlich ganz erstaunt. Sie kugelten sich vor Lachen. „Nello,<br />
ich weiß gar nicht, was das ist. Ich kenne so etwas überhaupt nicht. Woher<br />
kommt das denn? Woran liegt das denn? Aber wir machen's gleich nochmal,<br />
ja?“ erklärte sich <strong>Aletta</strong>. Das hätten sie ziemlich sicher auch ohne <strong>Aletta</strong>s neu<br />
erkannten Bedürfnisse getan.<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 16 von 25
Die Signora <strong>und</strong> ihr Lausbub<br />
<strong>Aletta</strong> meinte, dass ihre Liebe jetzt komplett sei. Sie fühle sich absolut wohl<br />
<strong>und</strong> sei super glücklich. Nichts auf <strong>der</strong> Welt, könne sie heute mürrisch stimmen.<br />
Sie könne Nello jetzt gut verstehen. Man sehe die Welt <strong>und</strong> die Dinge in<br />
ihr so, wie man sie sehen wolle. Wer von Liebe erfüllt sei, sehe die Welt ganz<br />
an<strong>der</strong>s. Eigentlich hätte das für sie selbstverständlich sein müssen. Ihre Mutter<br />
habe es ihr schon als kleines Kind bei 'Eleonara' von Edgar Ellen Poe erklärt.<br />
Solange die Liebe da war, war alles w<strong>und</strong>erschön, als sie verschwand verfiel alles<br />
<strong>und</strong> wurde trist. Die Welt ist so wie wir sie sehen, <strong>und</strong> wenn wir sie mit dem<br />
Empfinden von Liebe sehen, kann uns nichts er schüttern. Ausgelassen <strong>und</strong><br />
übermütig alberten <strong>und</strong> balgten die beiden im Bett. Plötzlich verkündete <strong>Aletta</strong>:<br />
„Nello, aus mir will deine Mutter eine italienische Signora machen, bei dir sieht<br />
aber noch nichts so aus, als ob daraus mal ein Signore werden sollte.“ Wenn<br />
Nello nicht Klavier spielte o<strong>der</strong> für Physik arbeitete, schien sein Zwerchfell immer<br />
auf Erregung zu warten. Auch jetzt lachte er schon in Erwartung dessen,<br />
worauf <strong>Aletta</strong> hinaus wollte. „Son<strong>der</strong>n, wonach sieht es für dich aus?“ fragte er.<br />
„Ein Lausbub, ein Lausbub bist du.“ antwortete <strong>Aletta</strong>. Nello lachte, griff nach<br />
<strong>Aletta</strong> warf sie um, <strong>und</strong> wälzte sich mit ihr im Bett. „Die Signora <strong>und</strong> ihr Lausbub?<br />
Würde das unser Verhältnis charakterisierend beschreiben?“ erk<strong>und</strong>igte<br />
sich Nello. <strong>Aletta</strong> kam sich vor wie ein Kind. Sie hätte diesen Jungen permanent<br />
knuffen <strong>und</strong> mit ihm balgen können, <strong>und</strong> Nello schien sich darüber zu<br />
freuen. „Lass uns aufstehen <strong>und</strong> etwas Gescheites machen, das kann auch<br />
spannend <strong>und</strong> lustig sein. Sie standen auf, bereiteten sich Kaffees <strong>und</strong> saß<br />
schweigend nebeneinan<strong>der</strong>. Ein gegenseitiges Lächeln gab es, sonst brauchte<br />
man nichts, genoss einfach das Glück des Beieinan<strong>der</strong>seins.<br />
Festgestellt, dass wir uns lieben<br />
Mira wurde natürlich immer sowohl aus Nellos wie auch <strong>Aletta</strong>s Sicht telefonisch<br />
auf dem Laufenden gehalten, den Eltern sagen sollte sie aber nichts. Das<br />
wollten sie selber tun. „Mama, wir müssen mal mit dir sprechen.“ meinte Nello<br />
als sie am nächsten Freitag seine Mutter begrüßten. „Worum geht’s?“ wollte die<br />
sofort wissen. „Ja, bei <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> mir“ begann Nello <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> vervollständigte:<br />
„Wir haben nämlich festgestellt, dass wir uns lieben.“ Ein breites Grinsen<br />
legte sich auf Frau Wicherts Gesicht. „Na,“ sagte sie nur <strong>und</strong> das nicht gesagte:<br />
„Hat ja auch lang genug gedauert.“ hatte trotzdem je<strong>der</strong> gehört. „Mit allem,<br />
ihr geht auch gemeinsam ins Bett?“ wollte Frau Wichert eigentlich aus organisatorischen<br />
Gründen wissen. Die die beiden griffen es auf. „Ja, selbstverständlich<br />
mit allem, auch mit Küssen <strong>und</strong> so.“ antwortete <strong>Aletta</strong>, „Zeig <strong>der</strong><br />
Mama doch mal, wie <strong>der</strong> Nello seine <strong>Aletta</strong> küssen kann!“ „So.“ <strong>und</strong> Nello<br />
nahm <strong>Aletta</strong>s Kopf in die Hände, aber küssen konnten sie sich nicht, weil <strong>Aletta</strong><br />
nur lachte. Dann bog Nello <strong>Aletta</strong> wie beim Tango zur linken Seite nach hinten,<br />
wollte sie wie<strong>der</strong> küssen mit dem Kommentar: „Und so“, das gleiche nochmal<br />
nach rechts wurde von einem weiteren „Und so“ begleitet. „Es reicht, es<br />
reicht!“ stoppte die lachende Frau Wichert die Aktion. „Wie ich sehe, seid ihr<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 17 von 25
eide ja schon Meister <strong>der</strong> hohen Kunst <strong>der</strong> Liebe. Werden wir in Zukunft die<br />
ganzen Wochenenden Kunststückchen <strong>und</strong> Infantiles aus <strong>der</strong> Liebeswelt geboten<br />
bekommen?“ <strong>Aletta</strong> hatte schon verstanden, dass sie befürchtete, es könne<br />
nur noch geturtelt werden. „Nein, einer Signora liegt das nicht.“ antwortete<br />
<strong>Aletta</strong>, „aber Nello ist eben kein Signore.“ „Aha“ reagierte Frau Wichert mit einem<br />
spannungsvollen, lachbereitem Gesicht, „son<strong>der</strong>n?“ „Er ist ein Lausbub,<br />
ein richtiger Lausbub.“ antwortete <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Frau Wichert bog sich. Sie umfasste<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> meinte: „Du bist köstlich meine Süße. Und, ist die Signora<br />
mit ihrem Lausbub zufrieden?“ <strong>Aletta</strong> zog nur eine breit lachend grinsende<br />
Schnute <strong>und</strong> nickte, denn eine Benennung für den Grad <strong>der</strong> Steigerungsform<br />
von 'Sehr gut' gab es nicht.<br />
Musikalische Herausfor<strong>der</strong>ung<br />
<strong>Aletta</strong> hatte ihrer Lehrerin gezeigt, was sie mit Nello zusammen spiele. „Das ist<br />
doch völlig unter ihrem Niveau. Das ist doch Zeitverschwendung. Hier versuchen<br />
sie das mal.“ hatte sie entrüstet gemeint. <strong>Aletta</strong> kopierte die Noten für<br />
Nello <strong>und</strong> zeigte sie ihm. „Das kann ich aber auch nicht einfach so, da muss ich<br />
auch üben.“ meinte <strong>der</strong>, <strong>und</strong> das taten sie am Wochenende, während <strong>Aletta</strong> es<br />
auch in <strong>der</strong> Woche alleine konnte. Beim Abendbrot kamen sie darauf zu sprechen,<br />
was es für Nello bedeute, dass er nur am Wochenende spielen könne.<br />
Mira enragierte sich: „Es ist ein Verbrechen. Die ganze Welt steht voller ungenutzter<br />
Klaviere, die keiner bespielt, aber Nellos Klavier Kompetenzen verfallen,<br />
weil er die ganze Woche über nicht spielen kann. Er hat ja auch keinen<br />
Lehrer mehr. Was soll er lernen, wenn er kein Klavier hat. Das ist unverantwortlich<br />
<strong>und</strong> kriminell. Ihr wolltet, dass er Piano studiert, aber dass seine<br />
Künste jetzt verfallen, scheint euch überhaupt nicht zu stören.“ „Mira, bitte,<br />
kriminell ist hier nichts.“ reagierte Mutter Wichert. „Du brauchtest das unbedingt?“<br />
fragte sie Nello. „Ja, sieh mal, die <strong>Aletta</strong> hätte ihre Geige in <strong>der</strong> Woche<br />
nicht. Sie hätte keine Lehrerin <strong>und</strong> könnte nur am Wochenende mal aus dem<br />
Bekannten für sich spielen. Ihr Violinenleben wäre zu Ende. An<strong>der</strong>s ist das für<br />
mich auch nicht. Ich versuche nur Bekanntes am Wochenende zu wie<strong>der</strong>holen,<br />
damit ich meinen Stand nicht verliere.“ antwortete Nello. Ja, Nello sollte in<br />
Münster ein gebrauchtes Klavier bekommen, aber dazu brauchte er auch eine<br />
an<strong>der</strong>e Wohnung, in <strong>der</strong> er spielen konnte.<br />
Musikalische Gebete<br />
Am Samstagmorgen kam Mira zu den beiden, um sie zu wecken. Sie legte sich<br />
mit auf's Bett. Sie habe am Telefon ja schon gesagt, wie sehr sie sich freue,<br />
aber dass sie sich liebten, sei doch nicht neu. Weihnachten habe sie noch gedacht,<br />
wie sehr muss sie den Nello lieben. Habt ihr das immer unterdrückt o<strong>der</strong><br />
euch verboten, darüber zu reden?“ „Ich weiß es im Nachhinein auch nicht mehr<br />
so genau. Irgendwie gemocht habe ich ihn wohl von Anfang an <strong>und</strong> das ist<br />
vielleicht immer mehr <strong>und</strong> stärker geworden. Aber es war auch gleich von An-<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 18 von 25
fang an etwas da, das unter normalen Bekannten nicht üblich ist. Warum habe<br />
ich ihn fotografiert? Was wollte ich mit den Bil<strong>der</strong>n? Dass daraus mal ein Album<br />
<strong>und</strong> Weihnachtsgeschenk für Nello werden könnte, hätte <strong>der</strong> professionellste<br />
Hellseher nicht erahnen können. Warum erzählt Nello mir, <strong>der</strong> fremden Kommilitonin<br />
Intimitäten von sich, die nur du weißt. Ganz selbstverständlich scheint<br />
es zu sein, dass er sie mir erzählt. Normal war das von Anfang an nicht. Im<br />
Nachhinein scheint es mir so, als ob es von Beginn an so etwas wie eine automatische<br />
Anziehung gegeben hätte, als ob von Anfang an klar gewesen wäre,<br />
das wir miteinan<strong>der</strong> vertraut wären.“ Auch seine wi<strong>der</strong>lichen Frauengeschichten<br />
konnten da nichts dran än<strong>der</strong>n. Ich habe ihn deswegen bedauert <strong>und</strong> hätte<br />
ihm gern geholfen. Und jetzt war es einfach mittlerweile albern unter uns, es<br />
nicht zu benennen.“ erläuterte <strong>Aletta</strong>. „Und ist dein sanftes Täubchen jetzt Seligkeit<br />
für dich?“ wollte Mira von Nello wissen. „Ich sag's ja, auf Mira kann man<br />
sich verlassen. Wenn sie sagt, dass ihre Gebete irgendwann helfen werden,<br />
dann wird das auch so eintreten. Mein sanftes Täubchen ist nicht nur Seligkeit<br />
für mich, sie ist die Seligkeit in Person.“ antwortete Nello <strong>und</strong> erinnerte daran,<br />
dass Mira jeden Tag für ihn 'Ein Mädchen o<strong>der</strong> Weibchen' auf <strong>der</strong> Violine gespielt<br />
habe.<br />
Bettgeschichten<br />
Natürlich küssten sich <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Nello tagsüber öfter, aber teenymäßiges Verliebtheitsgeturtel<br />
gab es nicht. Sie mussten nicht permanent aneinan<strong>der</strong> hängen,<br />
saßen am Tisch auch getrennt wie sonst. Nach außen hatte sich kaum etwas<br />
geän<strong>der</strong>t. Sie brauchten ihr Verliebtsein nicht permanent demonstrieren.<br />
Die Singnora habe ihren Lausbub aber gut im Griff, scherzte Frau Wichert am<br />
Sonntag bei Tisch, was bedeutete, das sie das Verhalten <strong>der</strong> beiden anerkenne.<br />
In <strong>der</strong> Woche bekam Nello ein neues Bett. Mira solle entscheiden, da ihre Geschmäcker<br />
identisch seien. Am Mittwochabend benutzten die beiden <strong>Aletta</strong>s<br />
Bett. Am Mittwoch war immer ihr gemeinsamer Abend. Sie bereiteten gemeinsam<br />
das Abendbrot zu <strong>und</strong> wollten eigentlich anschließend etwas zusammen<br />
unternehmen. So war es geplant. Die Lust, mittwochs etwas zu unternehmen<br />
war aber gleich Null. Man aß lieber etwas länger, liebte es sich bei Wein <strong>und</strong><br />
Käse zu unterhalten <strong>und</strong> ging meistens verliebt schmusend sehr früh ins Bett.<br />
Natürlich auch um Sex zu haben, aber im Bett konnte man auch so vieles<br />
an<strong>der</strong>e machen. Sich etwas anschauen, etwas lesen. Im Bett herrschte bei<br />
allem eine an<strong>der</strong>e Atmosphäre. In sanfter Zärtlichkeit <strong>und</strong> liebevollem Klang<br />
geschah alles. Vielleicht musste man in <strong>der</strong> Musik leben um ihre Melodien<br />
hören zu können <strong>und</strong> zu lieben. Beide waren schon früh mit Musik konfrontiert<br />
worden. Nello war klar gemacht worden, das man nicht alles mit dem Flügel<br />
machen dürfe, dann werde er böse <strong>und</strong> mache keine schönen Lie<strong>der</strong> mehr.<br />
Seine Mutter konnte Rudimente bis zum fröhlichen Landmann. Dabei sei er<br />
angefangen zu tanzen, habe sich gekugelt vor Lachen <strong>und</strong> es immer wie<strong>der</strong><br />
hören wollen. Eine Klavierlehrerin sei in Abständen mal vorbei gekommen, um<br />
zu schauen, ob Unterricht für ihn in Frage käme. Weil <strong>Aletta</strong> sich permanent<br />
mit ihrem Xylophon beschäftigt habe, waren ihre Eltern davon ausgegangen,<br />
dass sie wohl musikalisches Interesse haben könne. Sie seien mit ihr ins<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 19 von 25
Musikgeschäft gegangen, um zu schauen, ob es auch etwas an<strong>der</strong>es für kleine<br />
Kin<strong>der</strong> gäbe. Sie habe die Violinen gesehen <strong>und</strong> sei fasziniert davor stehen<br />
geblieben. Der Ladenbesitzer habe ihr gezeigt, was für schöne Musik man<br />
damit machen könne. Alles war scherzhaft, aber <strong>der</strong> Ladenbesitzer meinte,<br />
Mädchen, die in ihrem Alter damit anfingen, seien die späteren Weltstars. Ihre<br />
Eltern hätten nicht glauben können, das es Sinn mache, sich aber doch darauf<br />
eingelassen. Vielleicht auch weil sie befürchteten, dass <strong>Aletta</strong> das Geschäft<br />
sonst nicht wie<strong>der</strong> verlassen würde, aber die kleine Violine musste bestellt<br />
werden. Sie konnte es gar nicht fassen, dass dies w<strong>und</strong>erschöne Gerät ihr<br />
persönlich gehören solle. Sie hätte die Violine am liebsten immer angeschaut,<br />
mit ihr gesprochen <strong>und</strong> sie mit ins Bett genommen. Was sie da als Kind<br />
bewegte, hätte <strong>Aletta</strong> heute gern gewusst, aber lieb <strong>und</strong> heilig war ihr das<br />
Instrument heute immer noch. Auch wenn sie früh ins Bett gingen, wurde es<br />
von selbst meistens doch später. Aber sie mussten ja am nächsten Morgen<br />
wie<strong>der</strong> fit sein. Am Donnerstagmorgen hatte <strong>Aletta</strong> immer die Sonne im Blick.<br />
Gleichgültig ob sie tatsächlich schien o<strong>der</strong> es in Strömen regnete. Ihr Körper<br />
schien die Liebe noch zu empfinden. Im Seminar saßen nur nette <strong>und</strong><br />
fre<strong>und</strong>liche Kommilitoninnen <strong>und</strong> Kommilitonen. Fiese Typen <strong>und</strong> dämliche<br />
Zicken gab es donnerstags morgens nicht.<br />
Am Montag, Dienstag <strong>und</strong> Donnerstag begrüßten sie sich nur morgens telefonisch<br />
<strong>und</strong> wünschen sich am Abend alles Liebe für die Nacht. Permanent telefonieren<br />
wollten sie nicht, nur wenn es mal eine außergewöhnliche Information<br />
gab, riefen sie sich an. In ihre Freizeit konnte <strong>Aletta</strong> an diesen Tagen nur von<br />
Nello träumen, sich nach ihm sehen, <strong>und</strong> daran denken, dass seine Liebe auch<br />
jetzt bei ihr sei. Ihre Musik spielte sie für ihn, <strong>und</strong> wie ein Traumwind nahm er<br />
sie auf <strong>und</strong> trug sie mit sich fort. Zugegen war Nello schon, nur nicht in seiner<br />
materialisierten Form. Als imaginierter Wunsch <strong>und</strong> Traum begleitete er <strong>Aletta</strong><br />
an diesen Tagen. Selbstverständlich wartete <strong>Aletta</strong> auf den Mittwoch <strong>und</strong> das<br />
Wochenende, aber diese drei Sehnsuchtstage gefielen ihr auch.<br />
Matinee<br />
Mira hatten <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> Nello nichts von ihrem gemeinsam geplanten Stück verraten.<br />
Mira hörte ja nicht zu, was die beiden gerade spielten, trotzdem hätte es<br />
auffallen können, denn sonst spielte Nello viel allein <strong>und</strong> jetzt Freitag <strong>und</strong><br />
Samstag ständig mit <strong>Aletta</strong>. Am Samstagabend wurden die an<strong>der</strong>en damit<br />
überrascht, dass am Sonntagmorgen, direkt nach dem Frühstück eine Matinee<br />
stattfinde. Das überbot alles. Mira staunte nur. „Siehst du, ich hab's ja gesagt.<br />
Jetzt hat sie mich, überr<strong>und</strong>et sogar. Da passen <strong>Aletta</strong>s <strong>und</strong> Nellos Level genau<br />
zusammen.“ erklärte sie. Mira hatte es sofort durchschaut. „So bekommen wir<br />
die Kreutzersonate vielleicht doch noch mal zu hören.“ scherzte Frau Wichert<br />
<strong>und</strong> Mira war ganz interessiert, ob sie das vielleicht auch bringen könne. Nach<br />
vielen Hilfen <strong>und</strong> Tips von <strong>Aletta</strong>, mit Unterstützung ihrer Lehrerin <strong>und</strong> endlosem<br />
Üben, hatte sie es schließlich drei Wochen später gebracht. Sie war unendlich<br />
stolz <strong>und</strong> konnte gar nicht wie<strong>der</strong> aufhören zu strahlen. Aber das stellte<br />
eine Ausnahme dar <strong>und</strong> lag nicht im Rahmen des Repertoires, dass sie sonst<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 20 von 25
spielen konnte, nur wenn Nello kam, musste es an jedem Wochenende<br />
wie<strong>der</strong>holt werden.<br />
Klavier für Nello<br />
Nello hatte endlich eine neue passende Wohnung, in <strong>der</strong> er spielen konnte, gef<strong>und</strong>en.<br />
Jetzt wurde das Klavier gekauft. Im Vorbeilaufen klimperte Nello ein<br />
wenig auf den Klaviaturen <strong>der</strong> Klaviere. Er war nur Flügel gewohnt, zu Hause,<br />
in <strong>der</strong> Schule, bei seinem Lehrer. Nein, auf so etwas konnte er nicht spielen.<br />
Beim letzten blieb er aber stehen, ließ sich einen Hocker geben <strong>und</strong> begann zu<br />
spielen. Es sagte ihm zu. Nellos Mutter holte tief Luft <strong>und</strong> erklärte leicht entsetzt:<br />
„Da bekommt man ja ein neues für.“ Der Patron des Geschäfts lachte<br />
<strong>und</strong> sagte ihr, was dieses Klavier neu kosten würde. Im Gr<strong>und</strong>e sei es viel zu<br />
billig, aber man könne ein gebrauchtes Klavier nicht teurer anbieten. Die meisten<br />
Käufer seien keine Experten <strong>und</strong> etwas schlichteres könne man ihrem Sohn<br />
bei seinem Spiel doch nicht antun. „Werden wir uns einschränken müssen?“<br />
fragte Frau Wichert ihren Mann. Sein Kopfschütteln bedeutete die Zustimmung<br />
zum Kauf dieses Klaviers.<br />
Tiefe musikalische Begegnungen<br />
Jetzt begann eine neue Zeit. <strong>Aletta</strong> schwänzte am Dienstag ein Seminar, denn<br />
wenn das Klavier kam, musste sie doch unbedingt dabei sein. Sie lagen sich in<br />
den Armen, küssten sich <strong>und</strong> sonnten sich im Glück. Sie spielten gemeinsam<br />
ein paar lustige Takte <strong>und</strong> mussten sich wie<strong>der</strong> umarmen. Bei ihren Mittwochstreffen<br />
sollte es bleiben, nur jetzt eben bei Nello <strong>und</strong> zwei St<strong>und</strong>en früher zum<br />
gemeinsamen Spiel. „Ich habe überhaupt keinen Hunger.“ meinte <strong>Aletta</strong>, die<br />
sich nach dem Spiel hatte auf's Bett fallen lassen. Mein Körper ist ganz voll,<br />
voll Musik. Er braucht nichts. Womöglich löste sich aber auch jetzt nur die<br />
Spannung, die sie den ganzen Tag erlebt hatte. Tagsüber konzentriertes Studieren<br />
<strong>und</strong> beim Musizieren waren Engagement <strong>und</strong> auch emotionale Konzentration<br />
ihrer ganzen Person gefor<strong>der</strong>t. Nello schlug vor, trotzdem etwas zuzubereiten,<br />
entwe<strong>der</strong> än<strong>der</strong>e sich dabei etwas o<strong>der</strong> man stelle es in den Kühlschrank.<br />
Rosmarinkartöffelchen <strong>und</strong> Spiegeleier, das konnte <strong>Aletta</strong> immer essen.<br />
Zärtlich <strong>und</strong> verliebt erlebten sie sich jetzt schon beim Essen. Immer wie<strong>der</strong><br />
streichelten sie die Wangen des an<strong>der</strong>en <strong>und</strong> berührten sein Gesicht mit<br />
den Lippen. Am folgenden Mittwoch meinte <strong>Aletta</strong>: „Es ist an<strong>der</strong>s geworden,<br />
Nello. Wenn wir nur gekocht, geredet <strong>und</strong> geschmust haben, war es warm,<br />
fre<strong>und</strong>lich <strong>und</strong> es machte uns glücklich, jetzt empfinde ich, das die Musik etwas<br />
Tieferes in uns verbindet. In <strong>der</strong> Musik können wir nur völlig offen <strong>und</strong> ehrlich<br />
wir selber sein, <strong>und</strong> das wendet sich in uns zueinan<strong>der</strong>. So können Worte gar<br />
nicht wirken. In <strong>der</strong> Musik leben wir zusammen. Deine Psyche spürt, wie sie es<br />
erfasst <strong>und</strong> wie bedeutsam es für sie ist, deshalb sind auch unsere albernen<br />
Späßchen verschw<strong>und</strong>en, wir erleben uns ernst <strong>und</strong> erfahren, wie wichtig wir<br />
uns sind.“ „Ich erfahre es auch intensiver.“ Nello dazu. „Musik berührt dich<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 21 von 25
eben äußerst tief. Durch dein Spiel sagst du etwas von dir, das dein kleines Bewusstsein<br />
gar nicht kennt. Und das W<strong>und</strong>er ist, ich verstehe es. Tiefer können<br />
wir gar nicht miteinan<strong>der</strong> kommunizieren, als durch unser gemeinsames Musizieren.“<br />
„Klar,“ bestätigte ihn <strong>Aletta</strong>, „ich höre ja nicht nur die Klänge, die du<br />
erzeugst. Ich denke ja an dich, wie du empfindest, was du durch deine Art die<br />
Tasten zu betätigen zum Ausdruck bringen willst, wer du in diesem Moment<br />
bist. Ich höre die Klänge <strong>und</strong> erlebe dich, das ganze Stück über immer wie<strong>der</strong><br />
neu <strong>und</strong> variiert. Ein tiefgreifendes Erlebnis ist unsere gemeinsame Musik für<br />
mich. Eine Erfahrung die es sonst im Alltag nicht gibt. Die mich vor allem aber<br />
die Tiefe unserer Liebe spüren lässt. Das ist völlig neu für mich. Und ich erlebe<br />
es wie ein W<strong>und</strong>er. Ein Empfinden von Erhabenheit vermittelt sich mir <strong>und</strong> es<br />
erfüllt mich mit ernster Würde.“ „Weißt du, <strong>Aletta</strong>, am Wochenende bei uns<br />
sind wir ja nach dem gemeinsamen Musizieren auch sehr besonnen. Meistens<br />
besprechen wir noch kurz etwas, aber nach Spaßigem ist uns dann auch nicht.<br />
Es fällt nur nicht so auf, weil wir dann nicht allein sind <strong>und</strong> uns mit etwas an<strong>der</strong>em<br />
beschäftigen.<br />
Frau Wicherts Fre<strong>und</strong>in<br />
Am Sonntagvormittag beschäftigte sich <strong>Aletta</strong> meistens mit Frau Wichert in <strong>der</strong><br />
Küche. Die mochte <strong>Aletta</strong> äußerst gern. Ihren Namen hörte Alletta kaum. Sie<br />
war immer nur „Meine Liebste“, „Meine Süße“ o<strong>der</strong> „Meine Hexe“, wobei „Meine<br />
Hexe“ die meiste Liebe in sich trug. Sie betrachtete sie nicht wie eine zusätzliche<br />
Tochter, für Frau Wichert war <strong>Aletta</strong> eine sehr vertraute Fre<strong>und</strong>in, die sie<br />
vielleicht gern gehabt hätte. Die gemeinsame Essenszubereitung bildete den<br />
Rahmen für ihre zentralen Konsultationen. Hier erzählte Frau Wichert viel sehr<br />
Persönliches von sich <strong>und</strong> natürlich immer wie<strong>der</strong> von Italien. Sie zeigte <strong>Aletta</strong><br />
auch, woran sie gerade arbeitete <strong>und</strong> erklärte ihr, wo für sie die Schwierigkeiten<br />
lägen. Mira <strong>und</strong> Nello? Nein die interessiere das nicht, meinte sie. In Wirklichkeit<br />
war es so, dass <strong>Aletta</strong> ihre Vertraute <strong>und</strong> die beiden ihre Kin<strong>der</strong> waren.<br />
Frau Wichert <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> gingen auch schon mal am Samstag gemeinsam einkaufen.<br />
Sie fühlten sich beide in <strong>der</strong> Umgebung <strong>der</strong> an<strong>der</strong>en äußerst wohl.<br />
Frau Wichert hörte auch gern, was <strong>Aletta</strong> von Frankreich <strong>und</strong> französischer Kultur<br />
erzählen konnte. Hier empfand Frau Wichert nämlich einen sträflichen Mangel<br />
bei sich. Aber auch das Alltagsleben interessierte sie. Was heute als 'Italienische<br />
Küche' bezeichnet würde, sei aufgemotztes Arme-Leute-Essen, meinte<br />
sie. <strong>Aletta</strong> erklärte, dass das Essen in Frankreich mit <strong>der</strong> bei uns <strong>und</strong> auch in<br />
Italien wahrscheinlich üblichen Nahrungsaufnahme überhaupt nicht zu vergleichen<br />
sei.<br />
Essen wie in Frankreich<br />
In Frankreich sei es eine Tageszeit, in <strong>der</strong> man sich wohl fühle. Das Geschmacksempfinden<br />
werde verwöhnt aber auch die fre<strong>und</strong>liche Konversation<br />
gehöre dazu. Es käme nicht darauf an, sich nach dem Essen satt, son<strong>der</strong>n wohl<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 22 von 25
zu fühlen. Es sei ein Erlebnis, das bei <strong>der</strong> Vorbereitung beginne <strong>und</strong> bei den<br />
Trauben langsam zum Ende komme. Frau Wichert ließ es sich näher erläutern.<br />
„Alle einbeziehen schon bei <strong>der</strong> Vorbereitung?“ fragte sie skeptisch. „Mira <strong>und</strong><br />
Nello haben noch nie etwas in <strong>der</strong> Küche gemacht.“ „Aber bitte, wessen Finger<br />
die Tastatur für Liszt <strong>und</strong> Chopin beherrschen, sind äußerst geeignet für mich<br />
den Kochlöffel bei einner Bouillabaisse zu führen <strong>und</strong> den Zauberer am Pannenheber<br />
bei <strong>der</strong> Zubereitung eines Omletts zu geben.“ erklärte <strong>Aletta</strong>. Beide<br />
lachten <strong>und</strong> Frau Wichert meinte: „Ja, ihr kocht ja immer zusammen, das hatte<br />
ich nicht bedacht.“ Beim Essen sprach man darüber, <strong>und</strong> Mira beschwerte sich.<br />
Der Wein sei ja sehr gut, aber warum es keine Käseplatte <strong>und</strong> anschließend<br />
kein Obst gäbe, sei sowieso nicht zu verstehen. Nello <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> sollten Käse<br />
aus Münster mitbringen, <strong>und</strong> am nächsten Sonntag wollten die vier gemeinsam<br />
kochen. Frau Wichert hatte alles besorgt <strong>und</strong> schon vorm eigentlichen Beginn<br />
des Kochens begann Mira zu fragen. Das war zum Teil schon sehr lustig, aber<br />
es wurde gar nicht wie<strong>der</strong> ernst. Beinahe wäre das Essen nicht rechtzeitig fertig<br />
geworden <strong>und</strong> einiges angebrannt, weil es fortwährend etwas zu lachen<br />
gab. Anscheinend hatte Frau Wichert ihre beiden an<strong>der</strong>s erlebt als sonst. Nello<br />
<strong>und</strong> Mira bekamen einen Kuss. Beim Mittagessen selbst herrschte eine völlig<br />
an<strong>der</strong>e Atmosphäre. Sicher auch, weil es das Produkt aller war, aber vor allem<br />
auch, weil es nicht mit dem Verzehr begann, son<strong>der</strong>n ein Prozess war, <strong>der</strong> jetzt<br />
nur in ein an<strong>der</strong>es Stadium getreten war. So lange wie an diesem Sonntag hatte<br />
das Mittagessen noch nie gedauert. Das Essen <strong>und</strong> seine Zubereitung wollte<br />
man ab jetzt immer nach <strong>Aletta</strong>s 'französischer Art' gestalten.<br />
Italienurlaub mit <strong>Aletta</strong><br />
Am nächsten Sonntag erklärte Frau Wichert sie wolle Ende August für zwei Wochen<br />
zu Di Lauros. Di Lauros waren Fre<strong>und</strong>e von ihnen in Turin. Da würde sie<br />
<strong>Aletta</strong> gerne mitnehmen. <strong>Aletta</strong> lachte nur, aber Nello fuhr entrüstet auf: „Du<br />
spinnst wohl!“ Ja, er würde es schon vierzehn Tage ohne <strong>Aletta</strong> aushalten, aber<br />
so lange nicht gemeinsam miteinan<strong>der</strong> zu spielen ginge nicht. So gern wie<br />
<strong>Aletta</strong> mit Frau Wichert zusammen war <strong>und</strong> auch allein mit ihr in Turin gewesen<br />
wäre, aber so lange ohne Nello, das erzeugte in ihr keine Freude. Sie unterstützte<br />
Nello deshalb, obwohl sie es für Unfug hielt, <strong>und</strong> zwei Wochen ohne<br />
gemeinsames Musizieren keinerlei Schaden verursachen würden. Frau Wichert<br />
blickte auch skeptisch lächelnd. „Du könntest ja gerne mit fahren, Nello, nur<br />
dann ist es etwas an<strong>der</strong>es. Dann fahrt ihr beide zu Di Lauros, <strong>und</strong> ich bin auch<br />
dabei. Ich wollte aber mit <strong>Aletta</strong> zu Di Lauros. Nello versprach, <strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> seine<br />
Mutter nur bei den Malzeiten <strong>und</strong> beim gemeinsamen Musizieren zu kennen<br />
<strong>und</strong> sonst den ganzen Tag über keine Notiz von ihnen zu nehmen. Mit <strong>der</strong> Androhung<br />
sofort nach Hause geschickt zu werden, wenn er störe, durfte er mitfahren.<br />
Der Stern leuchtet wie<strong>der</strong><br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 23 von 25
Der Sommer war schon dabei, auf sein Ende zuzugehen <strong>und</strong> die grauen Tage<br />
des Herbstes, an denen <strong>Aletta</strong> Nello kennengelernt hatte, würden wie<strong>der</strong> kommen.<br />
Trübsinn würde sie umfangen, wenn sie an einem solch Morgen zu Institut<br />
radelte? Über den Gedanken konnte <strong>Aletta</strong> nur schmunzeln. Ihr Empfinden,<br />
ihre Persönlichkeit, sie selbst war eine an<strong>der</strong>e geworden. Sie stutzte. Natürlich<br />
hatte sie vieles verän<strong>der</strong>t, <strong>und</strong> es hatte sich vieles für sie verän<strong>der</strong>t, aber ein<br />
an<strong>der</strong>er Mensch werden? Wer sie jetzt war, wie sie sich jetzt erlebte, das war<br />
sie ganz persönlich, immer gewesen, nur über lange Zeit hatte es sich nicht<br />
ausdrücken, nicht leben können. Ihre Lebensumstände hatten wie ein Schleier<br />
darüber gelegen, es bedeckt wie eine graue Wolkenschicht aus unreflektiertem,<br />
technologisiertem Durchschnittsalltag. <strong>Aletta</strong> war kein an<strong>der</strong>er Mensch<br />
geworden, nur sie konnte sich selbst, ihr eigenes Leben wie<strong>der</strong> leben <strong>und</strong> den<br />
Stern wie<strong>der</strong> leuchten lassen. Wie sie Violine spielte, darin würde es bestimmt<br />
zum Ausdruck kommen, aber das konnte sie selbst nicht hören. Das neue<br />
Leuchten reichte allein schon, um trübsinnige Gedanken fern zuhalten. Wenn<br />
Nello <strong>und</strong> <strong>Aletta</strong> sich zusätzlich morgens begrüßten, ging zudem jedes mal<br />
noch die Sonne an, <strong>der</strong>en Strahlen die alles übersteigende Kraft, zu wissen,<br />
dass du geliebt wirst, vermittelten.<br />
FIN<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 24 von 25
Chacun de nous possède une<br />
musique d'accompagnement<br />
intérieure. Et si les autres<br />
l'entendent aussi, cela<br />
s'appelle la personnalité.<br />
Gilbert Cesbron<br />
Kein Zweifel, er hatte auf Femina<br />
geschaltet <strong>und</strong> versuchte sie<br />
anzubaggern. <strong>Aletta</strong> stoppte ihn<br />
harsch: „Bist du verrückt geworden?<br />
Sag mal, du spinnst wohl. Hör sofort<br />
auf damit, sonst ist es vorbei mit<br />
unserer Fre<strong>und</strong>schaft.“ Nello war es<br />
ersichtlich peinlich. „Entschuldigung,<br />
Entschuldigung, <strong>Aletta</strong>. Ich weiß nicht,<br />
wie das passieren konnte, irgendwie so automatisch. Das kommt nie wie<strong>der</strong><br />
vor, das verspreche ich. Du bist eben eine schöne Frau. Das lässt sich nicht<br />
übersehen.“ erklärte Nello. „Trotz schöner Frau, das war die erste <strong>und</strong><br />
letzte Warnung. Eine weitere wird es nicht mehr geben, dann sind wir<br />
geschiedene Leute.“ <strong>Aletta</strong> noch mal warnend.<br />
<strong>Aletta</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> <strong>Sonnyboy</strong> – Seite 25 von 25