Andererseits - Hauner Journal

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Dr. von Hau nersche s K i nderspit a l–L M U

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Das „verlorene Stück“

Maximilian Stehr, Hans-Georg Dietz

Dass es sich bei der Zirkumzision um einen „verstümmelnden“ Eingriff handelt, rückt selbst

im religiösen Umfeld des Islam wie des Judentums mehr und mehr in das Bewusstsein der

Bevölkerung. Die türkische Frauenrechtlerin und Autorin Necla Kelec fordert in „Die verlorenen

Söhne“, Beschneidungen ohne medizinische Indikation zu verbieten. Während Mohammed

die Beschneidung lediglich hygienisch begründet, ist sie im Judentum Ausdruck des Bundes

Abrahams mit Gott (Genesis 17: 10-14). Umso bemerkenswerter ist ein Beitrag des jüdischen

Autors und Filmemachers Oded Lotan („Das verlorene Stück – Auf der Suche nach einem

geopferten Körperteil“, Deutschland/Israel 2006, Erstausstrahlung ARTE am 17.05.2007). Hier

geht der Autor als beschnittener Jude in recht selbstironischer Weise auf die Suche nach dem

„verlorenen Stück“. Auf seiner Reise findet er sein Präputium (bzw. die traditionelle Begräbnisstätte)

nicht. Er findet vor allem aber auch keine schlüssigen oder vernünftigen Antworten auf

seine Fragen zu dem „Warum“ in seinen zahlreichen Interviews. Zurück bleibt sein Eindruck

mit zunehmendem Unverständnis für eine Verstümmelung im Neugeborenenalter.

Andererseits, die Beschneidung ist seit einigen

Monaten wieder vermehrt Thema öffentlicher

Diskussion, da sie mit der Prävention

vor HIV-Infektion in Zusammenhang gebracht

wird. Berichte über zwei Studien der US-Gesundheitsbehörde

National Institute of Health (NIH),

die belegen, dass die Beschneidung das HIV-Risiko

verringere, wurden wiederholt auch in unserer

Tagespresse publiziert. Dabei wird eine routinemäßige

Beschneidung erneut generell empfohlen.

Schon werden Stimmen laut, die nach einer möglichen

Übertragbarkeit dieser in Afrika erhobenen

Studienergebnisse auf unsere Verhältnisse fragen.

Diese Forderung muss aus unserer Sicht, aus Sicht

der Kinderchirurgie in Mitteleuropa, kommentiert

werden.

Süddeutsche Zeitung vom 14.12.2006 von

Markus C. Schulte von Drach (Auszug):

BESCHNEIDUNG VERRINGERT HIV-RISIKO

Die US-Gesundheitsbehörde NIH hat zwei klinische

HIV-Studien in Afrika abgebrochen, da die

Daten bereits vor dem eigentlichen Ende der Untersuchung

ein deutliches Ergebnis zeigen.

Es sei nicht nötig die Studien in Kenia und

Uganda fortzusetzen, erklärte das NIH, nachdem

die Fachleute ... festgestellt haben, dass das Risiko

einer HIV-Infektion bei beschnittenen Männern in

Kenia um 53 Prozent und in Uganda um 48 Prozent

niedriger war, als bei unbeschnittenen Studienteilnehmern.

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