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Carmen - Grafikdesignbuero

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hochschule für musik<br />

detmold<br />

<strong>Carmen</strong><br />

Oper in 4 Akten<br />

von Henri Meilhac und<br />

Ludovic Halévy<br />

Musik von Georges Bizet<br />

Eine Aufführung der Opernschule<br />

der Hochschule für Musik Detmold<br />

im Landestheater Detmold<br />

Musikalische Leitung: Fabio Vettraino<br />

Regie: Peter Grisebach<br />

Bühnenbild: Wolfgang Engel


01.07. 2007 | 19.30 Uhr<br />

02.07. 2007 | 19.30 Uhr<br />

03.07.2007 | 19.30 Uhr<br />

<strong>Carmen</strong><br />

Die Liebe ist hart und unerbittlich wie die Hölle.<br />

Pierre Jean Jouvel


Besetzung<br />

<strong>Carmen</strong> Dshamilja Kaiser | Anne Baumgarte (02.07.)<br />

Don José Byoung Nam Hwang | Sang Yun Lee (02.07.)<br />

Micaëla Johanna Winkel | Krenare Gashi (02.07.)<br />

Frasquita Yan Huang | Frauke Burg (02.07.)<br />

Mercédès Bernadette Schäfer | Britta Strege (02.07.)<br />

Remendado Johann Penner | Bo Hyeon Mun (02.07.)<br />

Dancaïro Kevin Dickmann | Eugen Penner (02.07.)<br />

Escamillo Kang-Ji Choi | Baekeun Cho (02.07.)<br />

Moralès Florian Fuckner<br />

Zuniga<br />

Sebastian Pilgrim<br />

Die Kostümausstattung wurde in Kooperation<br />

mit dem Stadttheater Bremerhaven realisiert.<br />

Musikalische Assistenz<br />

Regieassistenz<br />

techn. Leitung<br />

Inspizientin<br />

Beleuchtung<br />

Maske<br />

Nils Gassmann, Florian Wessel,<br />

Nadja Naumova, Soo-Hyun Park,<br />

Hsuek-Min Tsai<br />

Helene Niggemeier<br />

Klaus E. Kobisch<br />

Rebecca Wiemers<br />

Walter Muschmann<br />

Petra Mollérus | Irmtraud Schultz<br />

Chor und Orchester<br />

der Hochschule für Musik Detmold


Orchester<br />

1. Violine Cecilia Bacci, Judith Lindken,<br />

Benedikt Wiedmann, Kerrin Bohn,<br />

Sabrina Friedel, Johanna Wessel,<br />

Imge Tilif, Tzu Jen Chou<br />

2. Violine Katharina Paul, Anna-Luise Oppelt,<br />

Amaryllis Lialiou, Joo Young Kim,<br />

Fatmanur Sahin, Ariav Buchris<br />

Viola Zeynep Tamay, Mehmet Ali Yücel,<br />

Kristina Panchenko<br />

Anna Scheuren, Mareike Neumann<br />

Violoncello Rodrigo Garcia Simon, Lukas Wittermann,<br />

Athanasios Bellos, Iris Azquinezer<br />

Kontrabass Daisaku Yoshihira, Rayna Valeva,<br />

Natalie Plöger<br />

Flöte<br />

Tobias Flügel, Yi-Hsien Liao<br />

Oboe Tatsuya Nakayama, Naomi Kanegae<br />

Klarinette Hans Joachim Büsching, Lisa Liszta<br />

Fagott Ming-Ching Hsieh, Sang Hee Lee<br />

Horn<br />

Yun Seong Lee, Svetoslav Donev,<br />

Joung-Eun Choi, Martina Gatzki<br />

Trompete Salvador Alamá, Ji-Hoon Lee<br />

Posaune Lennart Rübke, Jia Guo, Yen-Hsin Lee<br />

Pauke Young Eun Seo<br />

Schlagzeug Mark Bessonov, Yukinobu Ishikawa,<br />

Grace Liang<br />

Harfe Rachel Kelz, Lydie Corbin<br />

Chor<br />

Sopran<br />

Alt<br />

Tenor<br />

Bass<br />

Heike Berlage, Sarah Davidovic,<br />

Anna Gubarenko, Su-Jeong Kang<br />

Ki-Sun Kim, Paula-Maria Kunz<br />

Kirsten Labonte, Jun Young Park,<br />

Elina Maria Renger, Theresa Sommer,<br />

Marina Szudra, Katja Tobies,<br />

Timea Toth-Manga<br />

Marieke Bothe, Sandra Botor<br />

Anna Bineta Diouf, Caroline gr. Darrelmann<br />

Marina Herrmann, Barbara Majewska<br />

Hannah Meister, Lena zum Berge<br />

Simon Böckenhoff, Markus Elsäßer<br />

Henry Friese, Georg Führer, Stefan Meier<br />

Johannes Brüser, Alan Schelten,<br />

Hong Kyu Shin, Florian Wessel


Detmolder Schlossspatzen<br />

Alina Awetjan, Nadine Beckmann, Nadine Bohlmann,<br />

Anna Burg, Lina Carstensen, Isabel Chrostek,<br />

Matthias Hammes, Max Harte, Ingrid Hartog,<br />

Christine Hübner, Lucie Justus, Nora Kauder,<br />

Lea-Sophie Kern, Anna König, Wiebke Kuhlmann,<br />

Mareike Lemke, Katharina Lietzow, Anika Lüdike,<br />

Nathalie Mulch, Antonia Nilling, Paul Nilling,<br />

Jana Sophie Noth, Janina Penner, Chantal Pivit,<br />

Michelle Probst, Lydia Pütz, Simone Rethemeier,<br />

Kira Reinhard, Svenja Rissiek, Nicola Schneiker,<br />

Wiebke Schünemann, Carolin Selbach, Ina Steinmeier,<br />

Alina Tereschenko, Fiona Tobin, Marleen Twelsiek<br />

Evelyn Urban, Fabienne Pia Vößing<br />

Musikalische Einstudierung: Christiane Schmidt<br />

Bild- und Tonaufzeichnungen sind nicht gestattet.<br />

Mobiltelefone bitte ausschalten.


Die Handlung<br />

1. Akt<br />

Auf dem Platz vor einer Zigarettenfabrik in Sevilla<br />

beobachten die Soldaten der Wache, an ihrer Spitze<br />

Moralès, das Kommen und Gehen der Leute. Micaëla<br />

erkundigt sich nach dem Sergeanten Don José, der<br />

erst vor kurzem nach Sevilla versetzt wurde und dessen<br />

Mutter sie pflegt. Sie erfährt, daß José zur nächsten<br />

Wache gehört. Das Angebot der Soldaten, mit ihnen<br />

zusammen auf die Ablösung zu warten, lehnt sie ab.<br />

Nach der Wachablösung beginnt die von den<br />

Männern erwartete Arbeitspause der Zigarettenarbeiterinnen.<br />

Während <strong>Carmen</strong> die Aufmerksamkeit aller<br />

auf sich lenkt, scheint José dem Geschehen gegenüber<br />

gleichgültig und unbeteiligt zu bleiben.<br />

Micaëla kehrt zurück und überbringt José einen Brief<br />

seiner kranken Mutter. In José wird die Erinnerung an<br />

sein heimatliches baskisches Dorf wach, das er verlassen<br />

musste, nachdem er dort in einem Streit einen Mann<br />

getötet hatte. José will der Versuchung durch <strong>Carmen</strong><br />

widerstehen und nach dem Willen seiner Mutter nach<br />

Hause zurückkehren und Micaëla heiraten.<br />

In der Zigarettenfabrik bricht unter den Arbeiterinnen<br />

ein Streit aus, in dessen Verlauf <strong>Carmen</strong> eine<br />

ihrer Kolleginnen mit einem Messer verletzt. José wird<br />

beauftragt, sie ins Gefängnis zu führen. Mit dem<br />

Versprechen, ihn zu lieben, wenn er sie entkommen<br />

lasse, bringt sie José dazu, ihre Fesseln zu lösen.<br />

<strong>Carmen</strong> flieht, José wird degradiert und inhaftiert.<br />

2. Akt<br />

Die Zigeunerinnen Frasquita, Mercédès und <strong>Carmen</strong><br />

unterhalten Leutnant Zuniga und seine Offiziere mit<br />

Tanz und Gesang in der Schenke von Lilas Pastia, die<br />

zugleich auch Treffpunkt und Schlupfwinkel von<br />

Schmugglern ist.<br />

Von Zuniga erfährt <strong>Carmen</strong>, dass José noch an diesem<br />

Abend aus dem Gefängnis entlassen wird. Von einer<br />

begeisterten Menge begleitet betritt der Stierkämpfer<br />

Escamillo die Schenke. Seinen Annäherungsversuch<br />

weist <strong>Carmen</strong> zurück.


Die Schmuggler Dancaïro und Remendado wollen<br />

die drei Zigeunerinnen zur Mithilfe an einem neuen<br />

Schmuggelgeschäft gewinnen. <strong>Carmen</strong> lehnt ab:<br />

Sie erwartet José. Doch schon bei ihrem ersten Treffen<br />

nach Josés Haftentlassung prallen die Gegensätze<br />

aufeinander.<br />

Während <strong>Carmen</strong> für ihn tanzt, hört José von Ferne<br />

die Trompeten, die zum Appell rufen und denen er folgen<br />

muß. Zwischen beiden kommt es zu einer heftigen<br />

Auseinandersetzung, der die plötzliche Rückkehr Zunigas<br />

eine unerwartete Wendung gibt. José zückt die Waffe gegen<br />

seinen Vorgesetzten. <strong>Carmen</strong> ruft die Schmuggler herbei,<br />

die Zuniga entwaffnen. José hat keine andere Wahl, als sich<br />

den Schmugglern anzuschließen.<br />

– Pause –<br />

3. Akt<br />

Die Schmuggler versuchen, ihre Waren in die Stadt zu<br />

bringen. <strong>Carmen</strong> entfremdet sich immer mehr von José,<br />

der zwischen Liebe, eifersüchtigem Besitzanspruch und<br />

Skrupeln hin- und hergerissen ist.<br />

Als Frasquita und Mercédès die Karten befragen,<br />

liest sie für sich und José den Tod.<br />

Micaëla hat das Versteck der Schmuggler erkundet<br />

und entdeckt den als Wachposten eingeteilten José in<br />

dem Augenblick, als er Escamillo gegenübertritt, der an<br />

diesem Ort <strong>Carmen</strong> wiederzufinden hofft. Beide erkennen<br />

einander als Rivalen. Es kommt zu einem Zweikampf,<br />

den <strong>Carmen</strong> und die Schmuggler beenden. Micaëla<br />

überredet Don José, mit ihr zu seiner sterbenden Mutter<br />

nach Hause zu kommen.<br />

4. Akt<br />

Vor der Arena in Sevilla wartet die Menge auf den<br />

Einzug der Stierkämpfer. Escamillo und <strong>Carmen</strong> versichern<br />

sich ihrer Liebe. Frasquita und Mercédès haben<br />

José bemerkt und warnen <strong>Carmen</strong>, doch sie fordert die<br />

Entscheidung mit ihm heraus. Als sie sich entschieden<br />

weigert, zu ihm zurückzukehren, ersticht er sie.


Als Musiker sage ich Ihnen: wenn Sie den Ehebruch, den<br />

Fanatismus, das Verbrechen, den Irrtum, das Übernatürliche<br />

aus der Welt schaffen, dann kann<br />

man keine einzige Note mehr schreiben ...<br />

Aus einem Brief Bizets an seinen Schüler<br />

Edmond Galabert


Zigeunerromantik<br />

und Stierkampfgesellschaft<br />

Die Musik der <strong>Carmen</strong>, die so ungemein spanisch<br />

wirkt und stets den Eindruck macht, als habe sie<br />

Spanien musikalisch auf den Begriff gebracht, hat<br />

doch mit original spanischer Musik nichts zu tun.<br />

Bizet hat ein Phantasie-Spanien entworfen, indem er<br />

aufgriff, was im 19. Jahrhundert in Paris und anderen<br />

Orten bürgerlicher Musikkultur für spanisch galt.<br />

Der Ausgangspunkt dafür war ursprünglich möglicherweise<br />

sogar authentische Musik, doch blieben bei deren<br />

Anverwandlung an das gewohnte mitteleuropäische<br />

Idiom nur Spuren des Ursprünglichen übrig und mitunter<br />

nicht einmal diese. Zudem wurden sie wahllos<br />

mit Elementen aus anderen Ländern vermischt.<br />

<strong>Carmen</strong>s Auftrittslied ist eine Habanera, ein Tanz, der<br />

aus Kuba stammt und nicht aus Spanien. Bizet dürfte<br />

die Habanera jedoch für spanisch gehalten haben,<br />

da die Vorlage für die Habanera in der Oper von<br />

dem spanischen Komponisten Sebastián de Yradier<br />

(1809 –1865) stammt. Weitere Anleihen bei bereits<br />

vorhandenen Musikstücken machte Bizet bezeichnenderweise<br />

nicht. Das spanische Kolorit war zu erfinden,<br />

nicht nachzuzeichnen.<br />

Bizet folgte mit der Entwicklung seines spanischen<br />

Idioms einer alten Operntradition, der Vorliebe für<br />

Exotik. Damit sicherte er dem Werk den Erfolg, der<br />

wesentlich auf dem spanischen Kolorit beruht. Die<br />

Exotik ist jedoch nicht nur äußere Zutat. Spanien<br />

erscheint in dieser Musik, wenigstens äußerlich, als<br />

ein heiteres Land, vital und temperamentvoll, mit stets<br />

wolkenlosem Himmel. Damit wird selbstverständlich<br />

der beschriebene Gegensatz zwischen dem tragischen<br />

Geschehen auf der Bühne und dem leichten Ton der<br />

opéra comique unterstützt. Aber nicht nur das: In der<br />

Helligkeit dieser Musik steckt auch etwas Grelles,<br />

Blendendes, und ihr Temperament hat auch einen<br />

Zug ins Harte, Unerbittliche. Diese Eigenschaft dürfte<br />

Nietzsche gemeint haben, als er in Der Fall Wagner<br />

Bizets Mut „zu dieser südlicheren, bräuneren, verbrannteren<br />

Sensibililät“ rühmte. In der Musik schwingt<br />

mit, dass unaufhörlicher Sonnenschein und unentwegt


wolkenloser Himmel am Ende quälend und unerträglich<br />

werden.<br />

Das spanische Kolorit ist konkret mit der Handlung<br />

verknüpft; es bezieht sich vornehmlich auf die Sphäre<br />

des Stierkampfes und auf Escamillo als deren Exponenten.<br />

Der Stierkampf, eine raffinierte Verbindung von<br />

Archaik mit moderner Zivilisation, ist das Anschauungsmodell<br />

einer Männergesellschaft, in der nur Furchtlosigkeit,<br />

Stärke, Disziplin und vor allem die Kraft zum Töten<br />

als Tugenden gelten, Männlichkeit allemal dadurch<br />

definiert ist, dass sie keine Schwäche kennt. Stierkämpfer<br />

tragen Waffen, wissen mit Waffen umzugehen und<br />

erringen ihre Siege mit Waffen. Für diese Gesellschaft ist<br />

es nichts Außergewöhnliches, daß José <strong>Carmen</strong> am Ende<br />

tötet, bezeichnenderweise im gleichen Augenblick, in<br />

dem Escamillo in der Arena den Stier tötet.<br />

Die Stierkampfgesellschaft in <strong>Carmen</strong> ist jedoch<br />

nur eine besonders anschauliche Verstärkung von Zügen,<br />

die der bürgerlichen Gesellschaft allgemein eigen sind<br />

oder doch zumindest im 19. Jahrhundert eigen waren.<br />

Wie man in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts,<br />

also zur Zeit der Entstehung und der ersten Aufführungen<br />

von Bizets <strong>Carmen</strong>, in bürgerlichen Kreisen<br />

über eine Tat wie die Josés am Schluß der Oper dachte,<br />

veranschaulicht sehr eindringlich eine Tagebucheintragung<br />

Cosima Wagners. Sie notierte am 9. Dezember 1879:<br />

„Hier verurteilen sie zu 12 Jahren Zuchthaus einen Mann,


der aus gerechtfertigter Eifersucht seine Geliebte<br />

umgebracht, als ob es eine ehrlose Tat wär!“<br />

Mit dieser Gesellschaft gerät <strong>Carmen</strong>, der darin als<br />

Frau prinzipiell nur zukommt, die männlichen Helden<br />

zu bewundern und deren Lustobjekt zu sein, in Konflikt.<br />

Das Vorspiel der Oper deutet das auf ebenso einfache<br />

wie drastische Weise an. Der Hauptteil wird von der<br />

Stierkampfmusik bestimmt, dem Marsch aus dem<br />

vierten Akt und der berühmten Melodie aus dem<br />

Torerolied, deren Text den Anspruch der Männer auf<br />

die Gunst der Frauen unmissverständlich ausspricht.<br />

Der Hauptteil präsentiert sich als Bogenform A-B-A,<br />

deren dritter Abschnitt zwar stark verkürzt ist, die<br />

Geschlossenheit der Anlage jedoch nicht in Frage stellt;<br />

geschlossen wird in der gleichen Tonart, in der begonnen<br />

wurde, nämlich in A-Dur. Dann setzt, nach einer Generalpause,<br />

unvermittelt d-Moll ein, verbunden mit einem<br />

deutlich veränderten Tempo – Andante moderato<br />

anstelle von Allegro giocoso. Es ertönt über heftigem<br />

Tremoloklang ein Motiv, das sich später als Leitmotiv<br />

<strong>Carmen</strong>s (und nur <strong>Carmen</strong>s) herausstellt. Als solches ist<br />

es unmissverständlich ausgewiesen durch die markante<br />

Verwendung des für die sogenannte „Zigeunertonleiter“<br />

konstitutiven übermäßigen Sekundschritts. Dramatik,<br />

Ernst und auch Trauer treten an die Stelle von Temperament<br />

und elanvoll-vehementer Heiterkeit.<br />

Der Geschlossenheit der Form des Hauptteils stellt<br />

sich formale Offenheit entgegen, der tektonischen<br />

Anlage die dynamische; denn das genannte Motiv wird<br />

wiederholt und sequenziert, es setzt einen Steigerungsprozess<br />

in Gang, der auf dem Höhepunkt unvermittelt<br />

abbricht. In diesem Kontrast der Formteile des Vorspiels<br />

spiegelt sich der unversöhnliche Gegensatz zwischen der<br />

am Stierkampf sich orientierenden Männergesellschaft<br />

und <strong>Carmen</strong>, die in der Auseinandersetzung mit dieser<br />

Gesellschaft zwangsläufig unterliegt. Das zeigt schon<br />

der Schluß des Vorspiels. Es endet mit einer scharfen<br />

Dissonanz, einem verminderten Septimenakkord, der<br />

in dreifachem Forte erklingt – eine der lautesten Stellen<br />

der gesamten Oper und damit ein Auftakt, wie er<br />

schneidender kaum vorstellbar ist.<br />

Egon Voss<br />

11


Sexualität<br />

und Stierkampf<br />

Wenn wir die tauromachistische „Kunst“ unter dem<br />

Gesichtspunkt ihrer Querverbindungen, ganz besonders<br />

zum erotischen Geschehen, analysieren, gehört sie,<br />

unserer Ansicht nach, zu jenen enthüllenden Ereignissen,<br />

die uns gewisse dunkle Stellen unseres eigenen<br />

Wesens offenbaren, und deren emotive Durchschlagkraft<br />

darin gründet, dass sie Spiegelungen unserer eigenen<br />

Emotionen sind.<br />

Es ist nicht nötig, viele Fakten zu beanspruchen oder<br />

sie gar im Schmelztiegel einer symbolischen Interpretation<br />

miteinander zu verquicken, um die Behauptung zu<br />

untermauern, dass die gesamte Corrida in eine erotische<br />

Atmosphäre eingetaucht ist. Sogar ihren äußeren Details<br />

haftet jene starke und zweideutige Faszination an, die<br />

all das charakterisiert, was mit der Liebe zu tun hat, und<br />

die gewöhnlich bei einem menschlichen Wesen mit dem<br />

Wort sexappeal bezeichnet wird.<br />

Das eigentümliche Prestige des Matadors<br />

(im allgemeinen eine donjuaneske Gestalt oder wenigstens<br />

als solche angesehen); sein schillernder Anzug<br />

(den phosphoreszierenden Glühwürmchen ähnlich<br />

oder dem Gefieder exotischer Vögel); der choreographische<br />

Charakter eines großen Teils seiner „Arbeit“<br />

(bei welcher die Grazie, die Art und Weise, wie er seinen<br />

Körper balanciert, streckt oder krümmt eine wesentliche<br />

Rolle spielen); die wesentlich phallische Natur des<br />

Stieres (dessen Genitalien nach der Corrida zu verzehren<br />

bestimmte eingefleischte Liebhaber als eine Ehre<br />

betrachten); die Nähe zwischen Mensch und Tier, die<br />

während der verschiedenen „Pases“ [= Manöver mit<br />

dem Umhang oder dem Stierkampftuch, um das Tier<br />

zum Angriff zu bringen] in einem engen Tanz miteinander<br />

verschlungen sind; der pendelnde Rhythmus<br />

(abwechselndes Nacheinander der Annäherung und<br />

Trennung, wie es auch beim Koitus ist); der Abschluß<br />

der Liebesparade mit jener Spielform der Penetration,<br />

die der letzte Degenstoß bildet (bei dem nach stehender<br />

Redensart der Degen tief in die Wunde hineingestoßen<br />

werden soll, „bis daß die Finger in Blut baden“).<br />

12


Die Corrida und all ihre Marginalien strömen ein<br />

erotisches Fluidum aus (und zwar so sehr, daß für den<br />

Aficionado [= einer, der sich auf Stierkämpfe, im allgemeinen<br />

und im besonderen versteht und sie dennoch<br />

gern hat] der Besuch eines Stierkampfes fast einem<br />

Stelldichein gleichkommt; ähnliche Ungeduld, ähnlich<br />

beklemmendes Gefühl, wie wohl die Sache verlaufen<br />

wird – nichts kann im voraus gesagt werden, wie sich<br />

die Stiere verhalten, was die Matadores tun werden,<br />

die ja alle, auch die berühmtesten, eine Panikstunde<br />

oder Pechsträne haben können –, nach einer schlechten<br />

Corrida der gleiche Eindruck von schmutzigem, enttäuschendem<br />

Erlebnis wie nach einer missratenen Orgie),<br />

und es bedarf wahrlich nicht eines großen Psychologen,<br />

um zuzugeben, dass sie den Aggressionswünschen<br />

entgegenkommt, die bekanntlich mit dem sexuellen<br />

Trieb aufs engste verbunden sind.<br />

Michel Leiris


Der Tod wird kommen und deine Augen haben –<br />

dieser Tod, der uns begleitet<br />

vom Morgen zum Abend, schlaflos,<br />

taub wie uralte Reue<br />

oder absurdes Laster. Deine Augen<br />

werden ein vergebliches Wort sein,<br />

ein stummer Schrei, ein Schweigen.<br />

So siehst du sie jeden Morgen,<br />

wenn du dich über dich beugst<br />

im Spiegel, allein. O liebe Hoffnung,<br />

an jedem Tage wissen wir<br />

daß du das Leben bist und das Nichts.<br />

Für alle hat der Tod einen Blick.<br />

Der Tod wird kommen und deine Augen haben.<br />

Es wird sein wie das Aufgeben eines Lasters,<br />

als tauchte im Spiegel<br />

ein totes Gesicht wieder auf,<br />

als sprächen geschlossene Lippen.<br />

Wir werden stumm in den Abgrund gehen.<br />

Cesare 14 Pavese


Auf Liebe und Tod oder: Die Angst<br />

des Kleinbürgers vor der Freiheit<br />

Was ist es eigentlich, das ihr bis heute jene enorme<br />

Ausstrahlung und Präsenz, jene Faszination bewahrt hat,<br />

verfügt sie nicht doch über magische Kräfte, das Hexeneinmaleins,<br />

mit denen sie seit ihrem ersten Auftreten<br />

in Mérimées Novelle Generationen von Männern und<br />

Frauen immer wieder von neuem entzückt, entrüstet,<br />

verzaubert hat? Was kann eine treulose andalusische<br />

Zigeunerin aus dem Lumpenproletariat, eine Dirne und<br />

Betrügerin, kurzum ein ziemlich kriminelles Subjekt<br />

denn so Besonderes an sich haben, dass sie heute nicht<br />

mehr nur als Titelheldin der meistgespielten Oper,<br />

sondern auch als Kinostar, ja als eine neue Kultfigur<br />

unserer entzauberten Zeit das Publikum zu Millionen<br />

in ihren Bann zieht und nebenbei gleich mehreren<br />

renommierten Filmregisseuren erneut Rätsel aufgibt<br />

über ihr seltsames Wesen?! Ist es nur das Kitschpostkartenklischee<br />

von der feurigen spanischen Zigeunerin,<br />

oder rührte <strong>Carmen</strong>s Wirkung am Ende doch primär<br />

von ihrer negativen Energie her, ihrer Verworfenheit,<br />

ihrer Promiskuität, ihrer bedrohlichen Sexualität, die<br />

sie als einen der besonders schlimmen Weibsteufel in<br />

der langen Geschichte der Männergesellschaft herausragen<br />

lassen?! <strong>Carmen</strong>, ein Männertrauma? Oder gar nur<br />

eine Männerphantasie? Aber, ist <strong>Carmen</strong> wirklich so<br />

schlimm, wie sie Don José und so vielen anderen<br />

Männern erscheint?<br />

<strong>Carmen</strong>s Attraktivität liegt in der ungezogenen,<br />

frechen, ja dirnenhaften offensiven Art, ihre Reize,<br />

ihr Anderssein ständig öffentlich zur Schau zu stellen.<br />

„Das nicht recht Domestizierte“ (Th. W. Adorno) ist es,<br />

das sie von den „anständigen“ Frauen in der rigiden<br />

spanischen Männergesellschaft unterscheidet, und das<br />

darum gerade bei diesen Männern ein ganz besonderes<br />

Interesse hervorruft, weil sie an einer solchen Wildkatze<br />

ihre sexuellen Phantasien besser ausleben können, als<br />

bei ihren züchtigen Ehefrauen.<br />

Wäre das also doch der Hauptgrund für die ungebrochene<br />

Popularität <strong>Carmen</strong>s, dann kann sich seit Bizets<br />

16


Zeiten so viel an den Bedürfnissen und Phantasien des<br />

männlichen Geschlechts nichts geändert haben. Dieses<br />

exotische Wildwesen aber, das von der Gesellschaft die<br />

Lebensalternative Zigarettendreherin oder Soldatenhure<br />

angeboten bekommt, dieses lebenshungrige Bündel<br />

Mensch, möchte ausgerechnet dieser Spießer Don José<br />

zu seiner Ehefrau machen! So löst denn auch weniger<br />

die sexuelle Gier, sondern der unbedingte Besitzanspruch<br />

Josés, der aus <strong>Carmen</strong> mit Gewalt eine Micaëla<br />

machen möchte, ein treusorgendes Heimchen am Herd,<br />

eine Ersatz-Mutter, am Ende die Katastrophe aus. Josés<br />

äußerst schwaches Selbstbewußtsein prägt sein Verhältnis<br />

zu Frauen. Er hat Angst vor ihnen, besonders wenn<br />

sie so frech und ungezogen sind wie die Zigeunerinnen<br />

aus der Tabakfabrik! Für ihn ist <strong>Carmen</strong> von vornherein<br />

mit einem negativen Zauber, mit bedrohlicher Aura<br />

behaftet, er bezeichnet sie als Katze, als Dämon, später<br />

als Hexe und Teufel, und befürchtet ständig Unheil von<br />

ihr. Seine Gefühle für sie reichen nicht aus, um die<br />

entsprechenden Konsequenzen in seinem eigenen<br />

Leben zu ziehen. Als sie ihn vor die Entscheidung stellt,<br />

zwischen ihrer und seiner Lebensart zu wählen, ist er<br />

sofort bereit, <strong>Carmen</strong> für immer aufzugeben. Für José<br />

geht es im weiteren Verlauf der Oper nur noch darum,<br />

sein Gesicht zu wahren, und weitere narzißtische<br />

Katastrophen – eine neue Demütigung durch einen<br />

möglichen neuen Liebhaber <strong>Carmen</strong>s – unter allen<br />

Umständen zu verhindern. Daher ist es vollkommen<br />

logisch, daß Bizet das Kartenterzett schon so früh,<br />

also schon lange vor dem tragischen Schluß der Oper,<br />

am Beginn des dritten Aktes plazierte: Er wollte damit<br />

nicht etwa den lebensmüden Fatalismus einer abergläubischen<br />

Zigeunerin oder gar den latenten Todeswunsch<br />

<strong>Carmen</strong>s anzeigen (den so viele männliche <strong>Carmen</strong>-<br />

Deuter bislang herauslesen wollten, um Josés Tat<br />

zu entschuldigen), sondern er wollte im Gegenteil den<br />

starken Realitätssinn und die stille Verzweiflung einer<br />

gewiß mit einer besonderen Intuitionsgabe ausgestat-<br />

17


teten, hellsichtigen Frau herausstellen, die eben schon<br />

zu diesem frühen Zeitpunkt ahnt, daß es für sie keinen<br />

Lebensausweg gibt aus dieser tödlichen Umklammerung.<br />

Vielleicht hätte <strong>Carmen</strong> mit dem Stierkämpfer<br />

Escamillo glücklich werden, zumindest eine Beziehung<br />

mehr nach ihren Bedürfnissen leben können, denn er ist<br />

in seinen Grundzügen gar nicht so verschieden von ihr.<br />

Als einziger von allen Männern meldet er nicht gleich<br />

Besitzansprüche an ihr an. Zweifellos eine ungewöhnliche<br />

Haltung für einen Mann, der ja in seinem öffentlichen<br />

Auftreten die Rolle eines Supermanns und<br />

Draufgängers spielt und spielen muss, und dabei auf<br />

höherer Ebene eine ganz ähnliche Show abzieht, wie<br />

es <strong>Carmen</strong> in ihrem Asozialenmilieu tut.<br />

Auch Escamillo befindet sich wie <strong>Carmen</strong> am Rande<br />

der Gesellschaft, vielleicht an einem etwas besseren Ort,<br />

mehr im öffentlichen Rampenlicht; aber auch er bleibt<br />

für die Menge, die ihn begafft und bewundert, ein<br />

exotischer, seltener Vogel, der ein Leben jenseits der<br />

gesicherten bürgerlichen Ordnung, in der ständigen<br />

Nähe des Todes, gewählt hat. Den schreibenden <strong>Carmen</strong>-<br />

Deutern, selbst den kritischen, gilt er trotzdem seit<br />

jeher als ein ganz besonders schlimmes Exemplar eines<br />

mediterranen Frauenverächters. Sein männlich auftrumpfendes<br />

Auftrittslied im zweiten Akt, in dem er<br />

wohl seinen eigenen Stand verherrlicht, dient jenen<br />

als Beweis für seinen „Männlichkeitswahn“.<br />

Und doch ist es nur die eingeübte Rolle, die<br />

personality show eines erfolgsgestressten Matadors und<br />

nichts anderes als pure Imagepflege. Seine Beziehung zu<br />

<strong>Carmen</strong> enthält darum, so unbewußt sie sich vollziehen<br />

mag, einen wahren, utopischen Kern: sie ist anarchisch<br />

und darin sittlich, daß sie uneingeschränkt auf<br />

Freiwilligkeit beruht und ohne jeden Zwang auskommt.<br />

Ohne den Zwang, dem anderen ständig seine eigenen<br />

Bedürfnisse aufoktroyieren zu wollen, wie es José noch<br />

18


in der Schlußszene <strong>Carmen</strong> gegenüber mit aller Vehemenz<br />

versucht, als sei er völlig unfähig, überhaupt<br />

wahrzunehmen, geschweige denn anzuerkennen, daß<br />

sein Liebesobjekt eigene, andersgeartete Bedürfnisse<br />

haben kann bzw. haben darf.<br />

<strong>Carmen</strong> stirbt am Ende nicht allein wegen Josés<br />

Eifersucht, sondern weil ihre Art zu leben, zu lieben,<br />

sich auf andere zu beziehen, in einer Welt von Don José,<br />

in einer kranken, von Angst und Zwang regierten<br />

Männergesellschaft nicht möglich ist. Micaëla kann froh<br />

sein, daß José nach dem Mord an <strong>Carmen</strong> wahrscheinlich<br />

ins Gefängnis kommt, vielleicht die Todesstrafe auf ihn<br />

wartet, er hätte sie bestimmt schwer büßen lassen, für<br />

die Schmach, die Demütigungen, die ihn <strong>Carmen</strong>s<br />

undomestizierte Lebensart erleiden ließ. Selbst aus<br />

seinen letzten verzweifelten Sätzen spricht die Unfähigkeit,<br />

das Lebensrecht eines anderen Menschen zu<br />

akzeptieren: „Ich habe sie getötet, meine angebetete<br />

<strong>Carmen</strong>“, schluchzt er und beklagt nur seinen eigenen<br />

Verlust.<br />

Attila Csampai<br />

19


Wie der Stier bin ich zur Trauer geboren<br />

und zum Schmerz, wie der Stier bin ich gezeichnet<br />

durch ein höllisch Eisen in der Flanke<br />

und, als Mann, mit einer Frucht im Weichteil.<br />

Wie der Stier sieht mein übermäßig Herz<br />

alles verkleinert und ich mach es,<br />

mit dem kußverliebten Antlitz,<br />

wie der Stier, deiner Liebe streitig.<br />

Wie der Stier wachse ich unter dem Stachel,<br />

die Zunge von Herzblut überströmt,<br />

am Hals einen brausenden Sturmwind.<br />

Wie der Stier lauf ich und stell ich dir nach,<br />

und meine Begier läßt du an einem Degen enden,<br />

genarrt wie der Stier, wie der Stier.<br />

Miguel Hernández<br />

Herausgeber: Hochschule für Musik Detmold<br />

Prof. Martin Christian Vogel, Rektor<br />

Redaktion: in Kooperation mit dem Stadttheater Bremerhaven<br />

Gestaltung: <strong>Grafikdesignbuero</strong> | Andrea Franzmann<br />

Druck: Druckerei Bösmann<br />

Theaterkasse<br />

Tel. 0 52 31 | 974 803

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