Mck Wissen | China - Brand Eins

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Mck Wissen | China - Brand Eins

www.mckinsey.de McK Wissen 10 3. Jahrgang September 2004 15 Euro C 59113

McK

Wissen 10 CHINA

www.mckinsey.de McK Wissen 10 3. Jahrgang September 2004 15 Euro C 59113

China

McK

Das Magazin von McKinsey

„Jedes Ding hat drei Seiten: eine, die du siehst, eine, die ich sehe, und eine, die wir beide nicht sehen.“

Wissen 10

Kinderbibel

Sonnenblumenkerne

Asia House

Kaiserpalast-Attrappen

Stromausfall

KarstadtQuelle

Lizenznummer

Nähmaschine

Pflanzenjäger

Guangxia

Feiertagswirtschaft

Haushaltseinkommen

Versicherung

Schutzanzüge

Bancassurance

Geschlechtertrennung

Wasserstoffperoxid

Nichtelastische Strickwaren

Rhabarber

Zieleinkaufspreis

Auslandsinvestitionen


Fremde Welt

Vor wenigen Tagen, Mitte September, hat McKinsey in Frankfurt ein

neues Büro eröffnet: Das Asia House soll internationales Kompetenzzentrum

und Knotenpunkt für ein grenzüberschreitendes Netzwerk sein.

Berater aus Ost und West werden hier miteinander leben und arbeiten –

und voneinander lernen. Ein bislang einmaliges Projekt, ungewöhnlich für

eine Unternehmensberatung. Aber passend zur Zeit: China verändert sich.

Mit einer Geschwindigkeit, die nicht nur die westliche Wirtschaftswelt

alarmiert. Und mit einem Wachstum, das auf absehbare Zeit keine Grenzen

kennt.

Was ist das für ein Land, das sich seit Jahren zwischen Kommunismus und

Kapitalismus bewegt? Das sich der westlichen Welt öffnet und sich gleichzeitig

jedem unerwünschten Einfluss verschließt? Das auf die Mechanismen

der freien Wirtschaft setzt und staatlich kontrolliert, wo immer es

geht? Und das sich anschickt, eine Supermacht zu werden?

Eine Marktführerschaft nach der anderen ringt China den westlichen Konkurrenten

ab. Die Volksrepublik ist der größte Produzent von Spielwaren,

Mountainbikes und Mikrowellengeräten. China produziert mehr als die

Hälfte aller weltweit verkauften Kameras, ein Viertel aller Kühlschränke.

Wir tragen T-Shirts, Pullover und Turnschuhe aus China. Wir leben in

Möbeln, die chinesische Arbeiter zusammengebaut haben. Wir kalkulieren

mit chinesischen Taschenrechnern, schauen auf chinesische Flachbildschirme,

besitzen massenweise Geräte mit Platinen oder Chips, die in

chinesischen Fabriken verlötet werden. Nicht mehr Japan, China ist der

wichtigste Handelspartner der Deutschen in Asien.

Ein Partner, der uns unheimlich ist. Misstrauisch macht. Der in seinem Land

gut 230 000 Dollar-Millionäre sowie drei Millionen Bürger mit einem jährlichen

Einkommen von mehr als 100 000 Euro zählt. Und 150 Millionen

Menschen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen. Ein

Partner, den wir zu kennen glauben. Für den ein Menschenleben angeblich

wenig zählt. Der sich, wie wir meinen, weder um die Umwelt noch

um zumutbare Arbeitsbedingungen oder Sicherheitsfragen, Marken- und

Patentrechte, Pressefreiheit oder Ethikgesetze schert. Und der uns dennoch

mit seinem riesigen Markt und dem Heer billiger

Arbeitskräfte lockt.

Das Bild, das sich der Europäer von China mache,

sei geprägt von Vorurteilen und Klischees,

behaupten all jene, die das Land kennen und

lieben. Oder von einer ungeheuren Arroganz.

Professor Helmut Merkel, Asien-Kenner und

Vorstandschef der Karstadt Warenhaus AG,

nennt das Verhalten so manchen Westlers seinen

chinesischen Partnern gegenüber beschämend

(Seite 70). Genau wie John Thornton, der erste

Professor aus dem Westen in China seit Gründung

der Volksrepublik, der für seinen Lehrstuhl

an der Tsinghua Universität Peking eine Wall-

Street-Karriere aufgab: Ein durchschnittlich gebildeter

Chinese, meint Thornton, wisse heute

viel mehr über den Westen als ein vergleichbar

gebildeter Europäer oder Amerikaner über China

(Seite 46). Grund genug, sich mit der fremden

Kultur intensiver auseinander zu setzen.

Die meisten Autoren dieser Ausgabe leben in

Asien. Sie haben den Markt und die Menschen

beobachtet, glitzernde Metropolen und bitterarme

Provinzen bereist, Fabriken und Shopping

Malls besucht, Deutsche und andere Ausländer

vor Ort getroffen und Experten aus aller Welt

befragt. Dabei ist ihnen Erstaunliches und Widersprüchliches

begegnet. Vieles, das den Westler

abschreckt. Vieles, das ihn beeindruckt. Einiges,

von dem er lernen könnte. Und ein Land, das

sich auch durch noch so intensive Recherchen

nicht wirklich erklären lässt.

Susanne Risch,

Chefredakteurin

susanne_risch@brandeinswissen.de

* Das Zitat auf der Titelseite ist ein chinesisches Sprichwort.

Editorial Text: Susanne Risch Foto: Britta Max McK Wissen 10 Seiten: 2.3


Inhaltsverzeichnis McK Wissen 10 Seiten: 4.5

1 Definitionen & Zitate

Groß, cool, speziell – und ein Paradies für Dampflokfreunde. China aus Sicht des Westens. Seite: 6

2 Luxus auf dem Lande

Ein Konzern, mehr als 50 Tochterunternehmen, 2000 Einheimische, 20 000 Gastarbeiter, 350 Villen à 400 Quadratmeter

Wohnfläche und ein Miniatur-Peking als Naherholungsgebiet. Das alles gehört zu Huaxi, dem „Dorf Nr. 1“. Seite: 8

3 Dichtung und Wahrheit

Das Bild, das Europäer von China haben, steckt voller Klischees. McKinsey-Director Jonathan R. Woetzel versucht,

die gängigsten Vorurteile zu entkräften. Seite: 14

4 Der Drache erwacht

Jahrzehnte lang war die Nanjing Road die Prachtstraße von Schanghai. Doch Bürgerkrieg und Kommunismus beraubten

sie ihres Flairs. Bis zur Weltausstellung 2010 soll der alte Glanz wiederhergestellt werden. Ein Riesenprojekt. Seite: 20

5 Evolution statt Revolution

Ein Volk. Und eine neue Zeit. Was denken die Menschen? Wie leben, was fürchten und wovon träumen sie? Zehn Porträts. Seite: 30

6 If you can make it there …

Die beste China-Strategie? Schlecht vorbereitet zu gehen kann sehr teuer werden. Nicht zu gehen noch teurer. Seite: 40

7 Etwas für China tun

John Thornton quittierte seine Wall-Street-Karriere, um an der Tsinghua Universität in Peking Global Leadership zu lehren.

Als erster Ausländer seit Gründung der Volksrepublik China. Die erste öffentliche Zwischenbilanz. Seite: 46

8 Vom Fahrrad zum Ferrari

Auto, Möbel, Luxus und Lifestyle: China ist im Kaufrausch, Händler aus aller Welt wollen profitieren. Leichter gesagt als getan. Seite: 52

9 Wo Karstadt shoppen geht

Schon lange kaufen große Handelskonzerne auf der ganzen Welt ein. Jetzt lassen sie gleich vor Ort produzieren. Eine Fallstudie. Seite: 62

10 Intelligenter, flexibler, schneller

Karstadt-Chef Professor Helmut Merkel über die Vorzüge des Direct Sourcing und das China-Engagement des Konzerns. Seite: 70

11 Vom Zauber des Entfernten

Der erste China-Hype ist alt: Im 16. Jahrhundert entdeckten die Europäer den Reiz des Ostens. Mit manchmal skurrilen Folgen. Seite: 74


12 Hinter dem Lächeln der Dolch

List-Experte Professor Harro von Senger über die Bedeutung der geheimnisvollen 36 Strategeme für das chinesische Denken. Seite: 80

13 Geballte Ohnmacht

Das chinesische Wirtschaftswunder gibt Millionen von Menschen Arbeit – aber um welchen Preis? Beobachtungen aus zwei Welten. Seite: 86

14 Mal so, mal so

Schön und traurig, aufregend und anstrengend. Wie deutsche Manager China erleben. Und mit dem Kulturschock umgehen. Seite: 94

15 Sorge um die Vorsorge

Früher hat sich der Staat gekümmert, heute sollen sich die Menschen in China selbst absichern. Nur wie? Womit? Und: bei wem? Seite: 102

16 Schneller, weiter, höher

China und Indien werden weltweit als Supermächte gehandelt. Welche Nation hat die Nase vorn? Ein statistischer Vergleich. Seite: 110

17 Specht der Reformen

Eine moderne Wirtschaft und eine staatlich kontrollierte Presse. Wie soll das gehen? Gar nicht, fand Hu Shuli – und gründete

das erste unabhängige Wirtschaftsmagazin in China. Die Chefredakteurin von Caijing erzählt, wie das Abenteuer gelang. Seite: 114

18 Im Clanhaus um die ganze Welt

Die Geschichte der chinesischen Auswanderung ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Woran liegt das? Seite: 118

19 Die Berater-WG

Mit dem Asia House in Frankfurt will McKinsey den interkulturellen Austausch zwischen China und Europa fördern. Ein Lokaltermin. Seite: 126

20 Straße der Befreiung

Was früher die Seidenstraße war, ist heute die Route von Peking Richtung Russland. Die Trucker Wang und Jiang sind dort zu Hause. Seite: 130

Köpfe Seite: 136

Impressum Seite: 138

Inhalt


Begriffsklärung McK Wissen 10 Seiten: 6.7

1 Definitionen & Zitate

„Die Volksrepublik China ist der flächenmäßig größte Staat in Ostasien sowie der viertgrößte der Welt. Mit seinen

fast 1,3 Milliarden Einwohnern ist es das bevölkerungsreichste Land der Erde.“ http://de.wikipedia.org/wiki/Volksrepublik_China

China ist cool, und China ist die Hoffnung der Weltwirtschaft.“ Deutsche Welle

China ist auch ein wichtiger Partner in der Wissenschaft und Technologie, mit eindrucksvollen

Ergebnissen in der Vergangenheit und mit einem der größten Personalreservoirs an hoch qualifizierten

Forschern und Wissenschaftlern in der Welt.“ OECD – Pressemitteilung, Paris, 14. März 2002

China ist marktwirtschaftliches Entwicklungsland.“

Li Xiaoxi, chinesischer Wirtschaftsexperte

China ist speziell – ganz allgemein. Die meisten Reisenden sind von diesem Land

entweder vollkommen begeistert oder total enttäuscht.“

Foren-Beitrag auf www.kommunikationssystem.de

China ist ein klassisches 35-mm-Land mit verhältnismäßig billigen Kameras.“

John Tseng, Vizepräsident und General Manager des Consumer-Bereiches von Kodak China Ltd. anlässlich der Messe „China Foto ‘99“


China ist nicht nur etwas für Großkonzerne, sondern auch für die fleißigen Mittelständler.“

Bernd Reitmeier, Executive Director, Delegiertenbüro der Deutschen Wirtschaft, Schanghai

China ist für viele Investoren auch immer noch ein unbekannter und schwer einzuschätzender Markt.“ Der Aktionär

China ist eher eine Goldmine, denn ein Minenfeld.“ NZZ

China ist einfach zu groß und zu kompliziert, und es ist schwer, es umfassend zu verstehen.“ Ein Expat in China im Bild

China ist sicher kein Schlaraffenland.“ Erwin Lüthi, Leiter der Osec-Anlaufstelle, Peking

China ist ein Land, das koordinierte Beziehungen betont

und schätzt.“ www.chinatoday.com.cn

China ist die älteste, noch bis heute lebendige Kultur der Welt.“

www.antikreisen.de/china/

China ist einer von mehr als 100 Staaten weltweit, in denen Folter und Misshandlung

von Gefangenen auf der Tagesordnung stehen.“ Internationale Gesellschaft für Menschenrechte

China ist ohne jeden Zweifel das wirklich letzte, perfekte Paradies für den Dampflokfreund.“

www.frank-engel.de


Dorf Nr. 1 Text: Martin Gøttske McK Wissen 10 Seiten: 8.9


Luxus

2

auf

dem Lande

Huaxi ist ein Dorf aus dem Bilderbuch des Kapitalismus. Seine 2000 Einwohner sind Mitbesitzer einer

Holding mit 58 Unternehmen, die sich um das Dorf scharen.

20 000 Gastarbeiter arbeiten dort – zum Wohl der Dorfbewohner und für das Ansehen des Landes.


Dorf Nr. 1 Text / Foto: Martin Gøttske McK Wissen 10 Seiten: 10.11

Der ganze Raum atmet Wohlstand. Ein mächtiges, weiches Ledersofa

dient als Beobachtungsstand für den 40-Zoll-Flachbildfernseher. Porzellanfiguren

schmücken die auf Hochglanz polierten Massivholzmöbel. An den

Wänden Vitrinen mit einer Sammlung alter Uhren. Inmitten der bürgerlichen

Pracht steht der alte, wettergegerbte Mann im abgetragenen blauen

Arbeiteranzug, mit marodem Gebiss, wie ein Gast aus einer fremden Welt.

Aber Zhou Fuquan ist nicht der Gärtner. Oder ein Einbrecher. Er steht in

seinem eigenen Wohnzimmer.

An die fragenden Blicke hat sich Zhou schon gewöhnt, auch an die Kameras.

Seine Gäste empfängt er neben einer Urkunde im goldenen Rahmen,

mit der er für seine treue Arbeit im Dorf ausgezeichnet wurde. Es soll kein

Zweifel daran aufkommen, dass er die Villa mit harter, ehrlicher Arbeit verdient

hat. „Wir sind gekommen, um von euren Erfahrungen zu lernen“,

schmeichelt Kang Baoyin, der eine Touristengruppe aus der Nachbarprovinz

Zhejiang durch Zhous Haus führt. „Ihr könnt es genauso gut haben“,

spielt Zhou den Ball routiniert zurück.

Huaxi ist ein real existierender Mythos. Er soll beweisen, dass der Wirtschafts-Boom

nicht nur den großen Städten Wohlstand bringt. Und das

wird überall demonstrativ sichtbar gemacht. Im Dorfzentrum haben die

Einwohner als eine Art Siegessäule eine 25-stöckige Pagode errichten lassen.

Drum herum, gezirkelt wie auf einem gigantischen Schachbrett, stehen

350 Villen mit jeweils 400 Quadratmetern Wohnfläche – ein geradezu

unglaublicher Luxus in einem chinesischen Dorf. Die Häuser gleichen sich

wie ein Ei dem anderen, bis auf die zwölf Luxusvillen der örtlichen Kader.

Eine davon bewohnt Zhou Fuquan mit seiner Familie.

Rund 2000 Menschen leben in Huaxi. Sie verdienen jährlich 50 000 Yuan

(5000 Euro) pro Kopf, die Dorfverwaltung stellt ihnen außerdem ein Auto

– Citroën oder VW für das einfache Volk, Audi für die Elite – vors Haus.

Strom, Treibstoff und Arztbesuche sind umsonst. Auch die Schulausbildung,

die in China sonst überall Geld kostet, ist in Huaxi kostenlos. An

ihren freien Tagen können sich die Dörfler in einem eigens für sie errichteten

Naherholungsgebiet in den Bergen vergnügen. Dort steht – Walt

Disney lässt grüßen – ein Miniatur-Peking, komplett mit Platz des Himmlischen

Friedens, Kaiserpalast-Attrappen und der Großen Mauer. Kein Wunder,

dass 780 Millionen chinesische Bauern, die im Schnitt 260 Euro im

Jahr verdienen, gern von Huaxi lernen wollen. Doch das heißt, das rasche

Rad der Geschichte zurückzudrehen zur Stunde null vor 30 Jahren, als

die von Mao Zedong gegründeten Volkskommunen

aufgelöst wurden und Privatbesitz wieder

möglich war.

Sogar in den Volkskommunen gab es schon, von

Mao gefordert und gefördert, kleine Produktionsbetriebe

mit Leichtindustrie, die den Dörflern

einen Nebenerwerb sichern und damit die Abhängigkeit

vom Ernteerfolg verringern sollten.

Vieles ging unter in den Wirren des Umbruchs.

Aber es gab in den Dörfern gut ausgebildete

Kader, die zu Ingenieuren oder Verwaltungsmanagern

ausgebildet waren und ihr Wissen

anwenden wollten.

Ein besonders guter Draht nach Peking

Glaubt man der offiziellen Version, dann war es

Huaxis Parteisekretär Wu Renbao, der die Zeichen

der Zeit erkannte und beschloss, eine Produktion

von Sprühflaschen für Düngemittel aufzubauen.

Die Dorfverwaltung brachte die Mittel

für die bescheidene Fabrik auf, die Bauern stellten

ihre Arbeitskraft zur Verfügung, und ab ging

es in die freie Marktwirtschaft. Durchaus auf

Linie der Partei. Die sorgte für zinsgünstige Kredite,

Aufträge von Staatsbetrieben, half bei der

Beschaffung von Rohmaterialien und gab Pachtland

für wenig Geld.

Hunderte von Dorfunternehmen entstanden zu

jener Zeit auf diese Weise, und so ging der Plan

der Partei auf, die Kleinindustrie anzukurbeln, um

die Abhängigkeit der Bauern von staatlichen Subventionen

langfristig zu mindern. Mit Glück,

Weitsicht, Talent und einem besonders guten

Draht nach Peking gelang es Huaxis Dorfchef

Wu, sein Dorf erfolgreicher als alle anderen werden

zu lassen. Und so sieht das heute aus:

Pracht und Größe des Theatersaals zeugen vom Ruhm und

Reichtum Huaxis. Im Naherholungsgebiet entspannen

sich die Dorfbewohner beim Anblick lustiger Nachbildungen

weltberühmter Architekturdenkmäler.


Aus der Luft betrachtet wirkt Huaxi wie der Appendix eines großen Gewerbegebietes,

auf dem sich 57 Fabriken und Industrieunternehmen ausbreiten.

Firmen aus Huaxi beliefern die Bauunternehmen im Schanghaier

Hinterland mit Stahl- und Kupferrohren sowie Kabeln und Aluminium-

Fensterrahmen. Andere Betriebe stellen Chemikalien und Polyesterstoffe,

Kleidung, Zigaretten und Schnaps her. Zusammen setzen die Unternehmen

im Jahr knapp eine Milliarde Euro um. Nach eigenen Angaben besitzt der

Konzern umgerechnet 206 Millionen Euro in Anlagewerten und ist der

zweitgrößte dorfeigene Betrieb in China. Heute ist Huaxi eine Unternehmensgruppe

mit 57 Töchtern. Die Huaxi Village Company, eines der

Unternehmen innerhalb der Holding, ist seit 1999 an der Börse in Shenzhen

notiert.

Gestern arm, heute reich – was will man mehr?

Hauptanteilseigner der Holding sind die Dorfbewohner. Entsprechend

einem vor vielen Jahren gefassten Beschluss wird nur die Hälfte der 50 000

Yuan Jahresverdienst an die Dörfler ausbezahlt, während der Rest in einen

Fond fließt. Verläuft das Jahr gut, werden 40 Prozent des Zuwachses am

Ende des Jahres als Boni ausgeschüttet. Aus den einbehaltenen Beträgen

finanziert das Dorf Sachleistungen wie die Autos und das Schulgeld. Der

Rest wird in neue Fabriken, eine neue Pagode oder in Aktien investiert.

Über all das wird in einer jährlichen Vollversammlung entschieden, auf der

die Oberen zumindest der Form nach der Dorfbevölkerung Rede und

Antwort stehen.

Ein Verlangen nach mehr demokratischer Kontrolle kam bei den Dorfbewohnern

bis jetzt noch nicht auf. Schon seit einigen Jahren ist es möglich,

Dorfvorsteher zu wählen, die nicht Parteimitglieder sind. Hunderte Dörfer

in China haben von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, nicht so Huaxi.

Ortsverwaltung und Parteiführung sind nach wie vor in einer Hand. „Jeder

kann sagen, was er meint, und am Ende wird über neue Projekte abgestimmt“,

erklärt Herr Chen, der Bewohner einer einfachen Villa. „Konflikte

gibt es kaum, denn die Ortsvorsteher verstehen am meisten vom Geschäft,

und wir sind mit ihren Empfehlungen gut gefahren. In den siebziger Jahren

waren wir arm, heute sind wir reich – was wollen wir mehr?“

Klar, dass sich die Neureichen nach schlichter Arbeit nicht mehr drängen.

Die Bewohner von Huaxi sind Fabrikmanager, Vertriebsverantwortliche,

Vorarbeiter oder Kontrolleure. Wer zu solchen Arbeiten nicht in der

Lage ist, bekommt einen Job ohne besondere

Verantwortung zugewiesen, in dem er keinen

Schaden anrichten kann. Fürs Grobe halten sich

die Dorf-Kapitalisten an die 20 000 Gastarbeiter,

denen es, Vergangenheit verpflichtet, vergleichsweise

gut geht.

Eine von ihnen ist Sun Xiaojun. „Ich bin froh, hier

arbeiten zu können“, sagt die 24-jährige Näherin

in Huaxis Schneiderei. Fünf Millionen Anzüge

werden hier jährlich von tausend Mitarbeitern

hergestellt. Der Jahresumsatz der Anzug-Fabrik

beträgt 50 Millionen Euro. Nur die Führungsriege

stammt aus Huaxi. Aber Neid empfindet

Sun nicht. „Das ist für uns eine große Chance,

selbst zu Wohlstand zu kommen. Wir werden gut

behandelt und verdienen hier fünfmal so viel wie

zu Hause.“

Das Geld ist hart verdient: Gearbeitet wird zehn

Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Hundert

Euro verdient Sun im Monat. Wenn sie

besonders fleißig ist, gibt es dazu eine Prämie.

Das Geld kann sie aber fast vollständig sparen

und an ihre Familie schicken, denn Kost und

Logis stellt die Fabrik. Die Arbeiter schlafen in

Wohnheimen, vier Leute in einem Zimmer mit

zwei Etagenbetten. „Die Fabrikbesitzer in Huaxi

haben natürlich ein viel besseres Leben als wir“,

sagt Sun. „Aber in unserem Dorf lebt niemand

in einem so bequemen Gebäude wie unserem

Wohnheim.“ Bad und Toilette im gleichen Haus

und fließend heißes Wasser zum Duschen sind in

ihrer armen Heimatprovinz Gansu ein unerschwinglicher

Luxus. Und weil Sun zusammen

mit mehreren anderen aus ihrem Dorf gekommen

ist, hat die Kantine ihres Wohnheims sogar

extra einen Koch aus Gansu angestellt.

Der Weg des Dorfes Huaxi mit dem geschäftstüchtigen

Ortsvorsteher Wu Renbao von der


Dorf Nr. 1 Text: Martin Gøttske McK Wissen 10 Seiten: 12.13

ersten Plastiksprühflasche bis zur Industrieholding, die im Sozialbereich

Maßstäbe setzen kann, war natürlich lang und steinig, aber er führte stetig

nach oben. Innerhalb weniger Jahre waren in Huaxi zwei Millionen Yuan

an Gewinnen zusammengekommen. Viel Geld in einer Umbruchswirtschaft

ohne richtig funktionierendes Bankensystem. Wu ahnte, dass man damit

einiges ins Rollen bringen könnte, und beschloss, dass das Geld in neue

Fabriken investiert werden soll.

Fortschrittsmodell mit feudalistischem Führungsstil

„Huaxis Erfolg ist ausschließlich das Ergebnis

von Fleiß, Ehrgeiz und den großartigen Führungsqualitäten

des Wu Renbao“, erklärt Reiseführer

Zhang Youxia voller Überzeugung.

Diese Qualitäten weisen für heutige Verhältnisse

allerdings einige Besonderheiten auf. Ganz wie

zu Zeiten der Volkskommunen können die Bauern

von Huaxi nicht frei über ihren Wohlstand

verfügen, der Eigentümer des ganzen Reichtums

ist weiterhin der Staat. „Die Dorfbewohner

haben keine Kontrolle über ihr Geld und Eigentum.

Wenn sie das Dorf verlassen wollen, wird

ihnen alles genommen“, berichtete kürzlich ein

Fernsehreporter. „Jeder hört auf den allmächtigen

und allgegenwärtigen Gott“ – gemeint ist

Wu. Li Jiangtao, Parteiabgeordneter in Guangzhou

und Professor für marxistische Philosophie

an der Akademie der Sozialwissenschaften, geht

in seiner Kritik noch weiter: „Was die Bewohner

von Huaxi erleben, ist der Führungsstil des

Feudalismus.“

Dazu kommt ein Personenkult wie zu den besten

Zeiten Mao Zedongs. Auf großen Bannern prangen

die Weisheiten Wus im ganzen Dorf. Eine

seiner Parolen lautet: „Gebt dem Volk Wohlstand!“

Jeden Morgen sollen die Dorfbewohner

seine Anweisungen studieren, wie einst die des

Großen Vorsitzenden. Dazu gehört Wus Sieben-

Stufen-Plan zur Erlangung von Reichtum, wobei

die Erziehung des Volkes, der Aufbau des Dorfes

und die ständige Verbesserung der Produkte

ganz oben stehen.

Die Erziehung des Volkes treibt in Huaxi mitunter

seltsame Blüten: Bars, Internetcafés und

Karaokebars sind verboten, weil sie Wu suspekt

sind. Stattdessen lehrt er die „drei Dinge, die

man nie vergessen soll“: die Familie, die

Er traf eine zweite weitsichtige Entscheidung: Kaum zeichnete sich die

Baukonjunktur in der Wachstumsregion Schanghai ab, waren die Unternehmen

von Huaxi dabei – mit Baustoffen, Rohren, Kabeln und allem, was

die ehrgeizigen Industrie- und Bauprojekte im Schanghaier Hinterland

brauchten. Je prestigeträchtiger die Projekte Wus wurden, umso einfacher

war es, staatliches Geld für neue Investitionen zu bekommen. Wu hatte

Talent dafür, höhere Partei-Instanzen für sich zu gewinnen. Mit dem wirtschaftlichen

Erfolg kam die politische Aufmerksamkeit. Immer häufiger

bekam Wu Renbao Besuch von Kadern aus der Region, die lernen wollten,

wie ein Dorf eigene Industrien aufbauen kann.

Und dann traf Wu seine dritte bedeutende wirtschaftliche Entscheidung,

vielleicht die wichtigste von allen: Er erkannte, dass sich Huaxi perfekt dazu

eignete, als Fortschrittsmodell vermarktet zu werden. Die verantwortlichen

Partei-Kader verstanden die Idee sofort, schließlich knüpfte sie an wohlbekannte

Ideen an: Huaxi sollte zu einem Musterdorf ausgebaut werden,

das den anderen als Vorbild und Inspiration für das ländliche Unternehmertum

dienen konnte. So kam es, dass Ende der achtziger Jahre das

Innen- und das Landwirtschaftsministerium begannen, von Huaxi als „Dorf

Nummer eins“ zu sprechen. Bilder in der Pagode zeigen Wu Renbao

zusammen mit Chinas Großen. Eine Kalligrafie hält den Besuch des ehemaligen

Präsidenten Jiang Zemin fest, der beim Anblick Huaxis ausgerufen

haben soll: „Die Bewohner von Huaxi haben es gut. Wirklich gut!“

„Wir haben nichts geschenkt bekommen. Unsere Fabriken sind profitabel,

und wir haben uns alles selbst erarbeitet“, entrüstet sich Dorfbewohner

Chen über Vorwürfe, dass es bei Huaxis Erfolg nicht mit rechten Dingen

zugegangen sei. „Die Partei hat uns den Weg bereitet, aber gegangen sind

wir ihn allein.“

Drei Dinge, so lehrt der große Wu,

sollte man nie vergessen: die Familie, die

Nachbarn und das Kollektiv.

Wu Renbao hat gut lachen: Expremier Jiang Zemin

(vierter von links) zeigte sich beim Besuch von Huaxi begeistert.

Und auch die offizielle Ansichtskarte kommt nicht ohne

Dorfbewohner Nr. 1 aus.


Nachbarn und das Kollektiv. Und er hat es sich auch nicht verkneifen können,

seine Lebensweisheiten wie Mao in einem kleinen Büchlein mit dem

Titel „Die Aussprüche des Wu Renbao“ zusammentragen zu lassen. Selbst

als Modeschöpfer eiferte Wu dem großen Vorbild nach: Eine ortseigene

Fabrik näht „Renbao-Anzüge“.

Ein Kandidat – hundert Prozent der Stimmen

Auf Huaxi kommen schwierige Jahre zu. Je freier die Marktwirtschaft in

China wird, desto weniger wird die Regierung die dorfeigenen staatlichen

Unternehmen fördern. Auf staatliche Abnahmegarantien kann Huaxi schon

heute nicht mehr hoffen. Statt auf munter wuchernde Kleinbetriebe, setzen

die Wirtschaftsplaner deshalb jetzt auf große Fabriken und anspruchsvolle

Zulieferketten in den Ballungszentren. Ob Huaxis bisheriger Erfolg wirklich

auf der Nutzung der marktwirtschaftlichen Möglichkeiten beruhte, wird

sich erst in Zukunft zeigen.

Auch die in Huaxi praktizierte Rundum-Versorgung passt nicht mehr zur

aktuellen Linie der Partei. Sie will die Menschen, wenn schon nicht politisch,

so zumindest wirtschaftlich zu Freiheit und Eigenverantwortung

erziehen. Das Volk soll sich selbst um sein Wohlergehen kümmern und

nicht mehr auf Unterstützung des Staates hoffen. Wu, der ehemalige Pionier,

ist plötzlich nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

Ende vergangenen Jahres beugte sich der 76-Jährige schließlich dem größer

gewordenen Druck und räumte seinen Posten als Parteisekretär, den er seit

1961 innehatte. Doch ob damit die Wende in Huaxi eingeleitet wurde? Zu

seinem Nachfolger wurde mit hundert Prozent der abgegebenen Stimmen

Wu Xie’en gewählt, der Sohn des alten Wu. Der studierte Betriebswirt war

der einzige Kandidat.


China-Klischees Text: Jonathan R. Woetzel McK Wissen 10 Seiten: 14.15

3

Dichtung und Wahrheit

Auf dem chinesischen Markt liegen Chancen und Risiken dicht beieinander. Häufig werden sie verwechselt,

weil alte Klischees und festgefahrene Denkmuster den Blick verstellen. Jonathan R. Woetzel, Director im Greater

China Office von McKinsey, stellt die gängigsten europäischen Vorurteile auf den Prüfstand und hilft,

unternehmerische Oasen von Fata Morganen zu unterscheiden.

Weil Chinas Wirtschaft eher wuchert als wächst, könnte das Land bald in große

Schwierigkeiten geraten.

Ein Trugschluss. Vor allem für jene, die sich den Herausforderungen nicht

stellen wollen und deshalb hoffen, die Volksrepublik China würde einfach

wieder von der Bildfläche verschwinden. Aber das volkswirtschaftliche

Fundament ist äußerst solide. Alle wichtigen Faktoren – etwa die hohe

Sparquote, die massiven Investitionen und die schnellen Produktivitätszuwächse

– sind für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre stabil und tragen

das Wachstum. Außerdem werden Immobilien-, Kapital- und Arbeitsmärkte

von der Regierung geschickt kontrolliert. Nicht, dass Chinas

Wachstum immer ruhig und geradlinig verlaufen wird. Aber wenn es einmal

Überangebote oder Preiseinbrüche gibt, sind das keine Katastrophen,

sondern eher kreative Zerstörung. So funktioniert eben der Kapitalismus.

Für die meisten ausländischen Investoren ist China bisher ein Verlustgeschäft.

Wer glaubt im Ernst, internationale Unternehmen würden über Jahrzehnte

Milliarden nach China tragen, ohne etwas zu verdienen? Studien zeigen:

Zwei Drittel aller europäischen und amerikanischen multinationalen Konzerne

machen in China Profite. Für viele läuft es sogar sehr viel besser

als erwartet, und die Gewinnmargen liegen häufig über dem Niveau in

anderen Erdteilen. Seit 1990 haben sich beispielsweise die Gewinne ausländischer

Investoren in China versiebenfacht.

Für viele Firmen ist China einer der profitabelsten Märkte überhaupt. Siemens,

Alcatel, Carrefour, Motorola oder Nestlé schreiben in China dicke

schwarze Zahlen. Allerdings werden die Gewinne in der Regel gleich wieder

in China investiert. Denn der Markt ist so groß, das Wachstum so

rasant und die Konkurrenz so scharf, dass sogar die Marktführer ständig

nachlegen müssen.

Der Markt ist viel kleiner als gedacht: Für ausländische Investoren sind allein die

reichen Metropolen an der Ostküste interessant.

Bis vor einigen Jahren war das in der Tat so. Denn an der Ostküste werden

58 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet,

obwohl dort nur 38 Prozent der Bevölkerung leben. Das jährliche Pro-Kopf-

Einkommen liegt dort mit 2100 US-Dollar weit über dem Landesdurchschnitt;

in Schanghai sind es sogar schon 5000 US-Dollar. Legt man Kaufkraftparitäten

zugrunde, gibt es sogar schon mehr als zehn Millionen

Chinesen mit einem Einkommen von mehr als 25 000 US-Dollar, bis 2010

dürfte die Zahl auf 50 Millionen Menschen ansteigen.


Trotzdem entsteht ein Großteil des neuen Wohlstands nicht in Peking,

Schanghai, Guangzhou oder anderen Ostküstenmetropolen, sondern in den

Städten aus der dritten Reihe und im ländlichen Hinterland. Die Märkte

wachsen dort viel schneller; schon heute findet die Hälfte aller Konsumgüter

dort Abnehmer. Viele internationale Unternehmen profitieren davon.

Aber genauso wenig wie sich westliche Geschäftsmodelle einfach auf

China übertragen lassen, kann man Konzepte aus Schanghai in Lanzhou

oder Shijiazhuang umsetzen. Deshalb haben etwa Procter & Gamble mit

Crest oder die Danone-Gruppe spezielle Produkte für das Hinterland entwickelt.

Crest etwa hat zwei Produkte der unteren Preisklasse eingeführt,

um Marktanteile im mittleren Markt zu gewinnen, dabei das Kannibalisierungsrisiko

aber einzudämmen. Zu einem wahren Verkaufshit hat sich ein

anderes Produkt von Crest entwickelt: Zahncreme mit Jasminteegeschmack.

Danone bietet Kekse mit regionaler Geschmacksnote an und hat seine Verpackungen

so verändert, dass sie chinesischen Kindern besser gefallen. Auch

Coca-Cola bietet Getränke, die auf regionale Geschmäcker abgestimmt

sind. Außerdem braucht man eine andere Preispolitik, maßgeschneiderte

Vermarktungskonzepte und neue Vertriebsstrukturen.

Mit einem Land ohne Freiheit und Menschenrechte kann man keine Geschäfte machen.

Mit Aussagen über Chinas Wertesystem sollte man ungeheuer vorsichtig

sein, besonders was die Menschenrechtsfrage angeht. Wenn man China mit

anderen Schwellenländern vergleicht, hat es ein relativ humanes Regierungssystem,

das Konflikte lieber durch entsprechende Anreize zu lösen

versucht als durch Gewalt. Freilich ist China keine westliche Demokratie,

und daran wird sich wohl auch vorerst nichts ändern. Aber das heißt keineswegs,

dass Unmenschlichkeiten in China gebilligt würden. Für mich ist

es völlig undenkbar, dass China noch einmal in ein Chaos wie zu Zeiten

der Kulturrevolution oder des Großen Sprungs zurückfällt. Dafür waren

die Veränderungen der vergangenen 20 Jahre viel zu dramatisch. Die

Bevölkerung nimmt die Regierung zunehmend in die Verantwortung, und

es wäre für die Kommunistische Partei politischer Selbstmord, mächtige

Interessengruppen durch Brutalität gegen sich aufzubringen. Das ist auch

gar nicht nötig. In der Vergangenheit hat man gesehen, dass die Partei es

geschickt versteht, die Wirtschaft einzusetzen, um ihre Machtbasis abzusichern.

Das ist, denke ich, ein recht stabiles System, zu dem es derzeit

keine praktikable Alternative gibt.


Chinas Erfolg beruht auf zwei Standortvorteilen – dem großen Markt und niedrigen Löhnen.

Wer „billige Arbeitskräfte“ sagt, meint häufig nur, dass die Menschen einfache

Arbeiten ausführen. Doch das ist nur ein Teil der chinesischen Erfolgsgeschichte.

Von immer größerer Bedeutung wird Chinas gewaltiges Potenzial

an Fachkräften: Die chinesischen Universitäten bilden jährlich allein

500 000 exzellente Ingenieure aus, außerdem hervorragende Wissenschaftler,

qualifizierte Programmierer und ehrgeizige Manager. Und die arbeiten

tatsächlich zu weit niedrigeren Gehältern als ihre westlichen Kollegen.

Der chinesische Markt bietet diesen Leuten vielfältige Chancen, ihre Fähigkeiten

zu entwickeln. Nirgendwo auf der Welt wird in so viele Branchen

so stark investiert wie derzeit in China. Deshalb durchlaufen chinesische

Ingenieure eine steile Lernkurve, können eigene Technologien entwickeln

und die Qualität verbessern.

Das ist ein fruchtbarer Nährboden, um chinesische Weltklasseunternehmen

aufzubauen – und genau dort wird in Zukunft Chinas entscheidender Wettbewerbsvorteil

liegen. Die Chinesen sind zurzeit sehr geschickt darin, die

landeseigenen Ressourcen zu nutzen – von günstigen Arbeitern bis zu

Materialien und Zulieferungen. Wer für den Aufbau seiner Fabrik lokale

Designer, Maschinen oder Baukonzerne einsetzt, kommt 50 bis 70 Prozent

billiger davon als die meisten ausländischen Firmen – und kann so

schneller Gewinne erzielen. Chinesische Firmen wie der Computerhersteller

Legend, der Weißwaren-Produzent Haier oder der Textilfaser-Hersteller

Haixin machen es vor. Ausländische Unternehmen werden sich

daran ein Beispiel nehmen müssen. So wie etwa General Electric (GE): Das

Unternehmen beschäftigt in China 300 Einkäufer, die chinesische Zulieferer

auswählen. Bis 2005 will GE aus China Komponenten im Wert von

jährlich fünf Milliarden US-Dollar beziehen und auf dem lokalen Markt

gleichzeitig einen Umsatz von fünf Milliarden US-Dollar erzielen.

Internationale Konzerne werden zu Partnerschaften mit chinesischen Unternehmen

gezwungen. Das verursacht hohe Kosten und Interessenkonflikte.

Das war früher so. Doch es ist Jahre her, dass Joint Ventures die Hauptrolle

bei ausländischen Neuinvestitionen spielten. Zwar gibt es tatsächlich

noch einige Marktsegmente, wo Ausländer nur zugelassen werden, wenn

sie mit chinesischen Partnern ein Gemeinschaftsunternehmen gründen.

Aber in den meisten Branchen herrscht längst freier Wettbewerb. Mehr


China-Klischees Text: Jonathan R. Woetzel McK Wissen 10 Seiten: 16.17

als 50 Prozent der Auslandsinvestitionen gehen in eigene Unternehmenstöchter,

so genannte „Wholly owned“-Strukturen. Die Joint Ventures, die

es gibt, sind kaum echte 50-50-Beteiligungen, sondern zumeist eher „Versicherungen“,

bei denen eine Seite einen Anteil von 80 Prozent oder mehr

hält. Außerdem werden derzeit viele alte Joint Ventures restrukturiert. Wer

das Gefühl hat, dass sein chinesischer Partner keinen Mehrwert schafft, hat

häufig die Möglichkeit, das Unternehmen ganz zu übernehmen. Das hat

zwar seinen Preis, aber Alcatel, Fuji Xerox oder Unilever haben vorgemacht,

dass man damit erfolgreich sein kann.

Im Übrigen: Joint Ventures funktionieren oft genug gut. Vor allem beim

Markteinstieg sind sie nach wie vor eine entscheidende strategische

Option. Denn die besten Deals werden gemacht, bevor die Regulatoren

den Markt für alle öffnen. So hat Volkswagen sein erstes Gemeinschaftsunternehmen

mit der Shanghai Automotive Industry Corporation und der

Schanghaier Stadtregierung schon Mitte der achtziger Jahre gegründet und

auf Jahre die Marktführerschaft erobert, bis der Wettbewerb zunahm.

Bürokratismus und Korruption behindern internationale Unternehmen.

Nach dem Ranking internationaler Organisationen wie Transparency International

belegt China in Bezug auf Korruption einen Mittelplatz unter den

Entwicklungsländern. Was die Bürokratie betrifft, so stimmte es in den

frühen Jahren der Öffnungspolitik zweifellos, dass ein gutes politisches

Netzwerk das A und O des China-Geschäfts ist. Aber man sollte den chinesischen

Politikern nicht pauschal düstere Motive unterstellen, auch wenn

viele die Situation für sich ausgenutzt haben. Sie hatten schließlich keinerlei

Erfahrung mit ausländischen Investoren, also wollten sie die Unternehmen

erst kennen lernen und nur mit Geschäftsleuten zusammenarbeiten, die

ihrem Land tatsächlich das bringen würden, was sie versprachen.

Inzwischen sind sie 25 Jahre weiter. Sie wissen sehr genau, was sie wollen:

neue Technologie, fortschrittliches Know-how und moderne Geschäftsmodelle.

Und sie haben sehr viel mehr Erfahrung, welche Unternehmen

auch halten, was sie versprechen. Wer hierzu gehört, hat in China gute

Karten – auch ohne großes politisches Lobbying.

Trotzdem sind gute Kontakte mit der Regierung immer noch ein entscheidender

Erfolgsfaktor. Immerhin reguliert sie die Wirtschaft, kassiert

ein Drittel des Gewinns als Steuern und ist außerdem für einige

der größte Auftraggeber. Wer in China langfristige Geschäfte machen will,

ist daher gut beraten, den Dialog zu suchen.

Solange ein zuverlässiges Justizsystem fehlt und geistiges Eigentum nicht effektiv

geschützt werden kann, herrscht in China das Gesetz des Dschungels.

China hat alle wichtigen internationalen Abkommen zum Schutz geistigen

Eigentums unterschrieben. Die Behörden haben in der Vergangenheit mehrfach

bewiesen, dass sie das Problem ernst nehmen und sich auch um die

Belange internationaler Konzerne kümmern. Die steigenden Auslandsinvestitionen

sind der beste Beweis dafür, dass die internationalen Unternehmen

davon ausgehen, dass der Wettbewerb zunehmend fairer wird.

Trotzdem ist die Rechtsstaatlichkeit natürlich noch längst nicht so stark

im System verankert wie in westlichen Industrienationen. Vor allem auf

lokaler Ebene ist es nicht immer leicht, sein Recht geltend zu machen.

Deswegen sollten Investoren beim Schutz ihres geistigen Eigentums eigene

Sicherungsmechanismen einbauen. Das kann man zum Beispiel dadurch

erreichen, dass Arbeitsprozesse und Know-how voneinander getrennt

werden. Auch bei der Einstellung von Führungskräften sollte man vorsichtig

sein. Langfristig besteht die Herausforderung allerdings nicht darin,

eigenes Know-how in China abzuschotten, sondern neues zu entwickeln.

Chinas Ingenieure, Techniker und Wissenschaftler sind eine Ressource, die

man nutzen muss.

Die Banken sind hoch verschuldet, die Finanzmärkte undurchsichtig; der Staat manipuliert

die Marktmechanismen und ist unberechenbar, weil er demokratische Reformen verweigert.

China steht vor gewaltigen Herausforderungen. Aber die Reformen machen

größere Fortschritte, als man unmittelbar sieht. China setzt auf Dezentralisierung

und Privatisierung. Die Lokalregierungen bekommen zunehmend

mehr Kompetenzen und werden an dem Wohlstand gemessen, den sie

ihrer Bevölkerung bringen. Die Pekinger Zentrale übernimmt immer mehr

die Rolle eines Projektleiters, der Abläufe koordiniert und Schlüsselentscheidungen

trifft. Gleichzeitig werden die ineffizienten Staatsbetriebe nach

und nach verkauft. Heute erwirtschaften sie nur noch ein Viertel des

industriellen Bruttoproduktionswertes; in den meisten Branchen ist die

Wirtschaft längst in der Hand von Privatunternehmen. Das lohnt sich


auch für den Staat: Wegen der hohen Unternehmenssteuern sind die

Steuereinnahmen in den vergangenen fünf Jahren von elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes

auf 17 Prozent gestiegen.

Auch im Finanz- und Bankensektor gehen die Reformen voran. In der Vergangenheit

wurden gut 70 Prozent aller Unternehmensinvestitionen über

die Staatsbanken abgewickelt. Im nächsten Jahr kommt voraussichtlich

schon mehr als 35 Prozent des Kapitals von den chinesischen Börsen. Der

chinesische Aktienmarkt mit seinen beiden Standorten Shenzhen und

Schanghai ist nach Japan der zweitgrößte in Asien. Die Regierung schlägt

damit zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie entlastet die Banken und diszipliniert

gleichzeitig die Unternehmen, die nicht mehr dem Staat verantwortlich

sind, sondern ihren Shareholdern.

Der Kollaps des Sozialsystems und die steigende Arbeitslosigkeit gefährden die

Stabilität des Landes.

Nein. China hat zwar ein großes soziales Gefälle zwischen Arm und Reich,

aber die Stabilität ist nicht bedroht. Die chinesische Arbeitslosigkeit ist

nicht so einfach mit der westlichen vergleichbar. China ist nach wie vor in

erster Linie ein Agrarland, und die größte Herausforderung besteht darin,

die überschüssigen Arbeitskräfte vom Land für die Industrie zu nutzen.

Genau das geschieht derzeit durch die Urbanisierung, die von der Regierung

mit großem Aufwand vorangetrieben wird. Heute lebt rund ein Drittel

der Chinesen in Städten; in 15 Jahren wird es wohl die Hälfte sein.

Urbanisierungspolitik ist für China die beste Sozialpolitik. Die Regierung

hat genug Geld für die nötigen Infrastrukturmaßnahmen. Die Staatsverschuldung

ist mit weniger als 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes

gering, die Devisenreserven liegen bei mehr als 400 Milliarden US-Dollar.

In den Banken schlummern noch Ersparnisse von mehr als einer Billion

US-Dollar, weil die Chinesen mehr als 30 Prozent ihres Einkommens

sparen, um sich für Alter und Krankheit abzusichern.

Stromausfälle und Umweltkatastrophen sind inzwischen alltäglich. Das gefährdet das

Wachstum.

noch nicht richtig funktionierten. Aber als Kapitalisten sollten wir doch verstehen:

Wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot, ist das ein großer

Anreiz für neue Investitionen. Genau das passiert jetzt. China hat Kohlereserven,

die für Jahrzehnte reichen. Das Land kann so viele Kraftwerke

bauen, wie es will. Und dass einem Land dauerhaft der Strom ausgeht –

das hat es auf der ganzen Welt noch nie gegeben.

Chinas Wirtschaftswunder bedroht den Wohlstand des Westens.

Keine Frage: China ist groß und wird auch weiterhin schnell wachsen.

Aber zumindest für das kommende Jahrzehnt wird es gemessen am Bruttoinlandsprodukt

nur eine mittelgroße Wirtschaftsmacht sein. Derzeit ist

das Bruttoinlandsprodukt etwa so groß wie das von Großbritannien. In

den kommenden Jahren könnte es Deutschland überholen, aber an Japan

kommt es frühestens 2020 und an die USA wohl nicht vor 2040 heran.

Vor allem aber ist China keine Gefahr für das weltweite Wirtschaftswachstum,

sondern ein Antrieb. Immerhin hat das Land eine ausgeglichene

Handelsbilanz. Japan und Südkorea wachsen derzeit vor allem wegen

ihrer Exporte nach China. Bei vielen Produkten – von Kraftwerken bis zu

verpackten Waren – ist China längst der größte Importeur der Welt. Auch

die Konsumgüterindustrie und weltweite Zulieferketten profitieren stark.

Bedroht sind vor allem diejenigen, die ihre Zeit mit Wettbewerbsangst

vergeuden, statt schleunigst anzufangen, sich die gleichen Ressourcen zu

sichern wie ihre chinesischen Wettbewerber.

If you can make it there … In Anlehnung an den alten Frank-Sinatra-Song: Der

chinesische Markt ist ein Prüfstein für internationale Unternehmen. Wer dort erfolgreich

ist, setzt sich überall auf der Welt durch.

Das ist kein Mythos, sondern Realität. Auf kaum einem Markt der Welt

herrscht so harte Konkurrenz. Damit setzt China im globalen Wettbewerb

zunehmend die Standards. Für internationale Unternehmen gibt es nur

zwei Möglichkeiten: mitspielen oder zuschauen.

Das sind zwar ernste Probleme, aber Chinas Entwicklung wird davon nicht

bedroht. Die gegenwärtigen Engpässe sind vor allem das Ergebnis von

schlechter Planung in der Vergangenheit, als die Marktmechanismen


Vergleich: BIP, Branchenwachstum McK Wissen 10 Seiten: 18.19

WELTMACHT CHINA

DAS BIP DER WIRTSCHAFTLICH BEDEUTENDSTEN REGIONEN CHINAS IST SO HOCH WIE DAS EINIGER AUFSTREBENDER LÄNDER

BIP, 2003 (in Mrd. US-Dollar)

China

Andere asiatische Länder

Lateinamerika und Osteuropa

Yangtse-Delta*

314

Indien

531

Brasilien

493

Perlfluss-Delta**

155

Taiwan

286

Russland

433

Drei-Provinzen-Eck***

153

Indonesien

208

Tschech. Rep.

86

Region Peking****

150

Thailand

143

Ungarn

83

Shandong

150

Malaysia

103

Rumänien

57

Schanghai

71

Philippinen

80

Slowakei

33

Peking

43

Vietnam

39

Kroatien

28

* Umfasst Schanghai, Jiangsu und Zhejiang

** Guangdong

*** Umfasst die nordöstlichen Provinzen Liaoning, Jilin und Heilongjiang

**** Umfasst Peking, Tianjin und Hebei

Quelle: McKinsey R&I, CEIC, China Statistical Yearbook 2003, Global Insight WMM 2. Q. 2004


COMPUTERMACHT CHINA

FAST 50 PROZENT WACHSTUM JÄHRLICH: BÜROMASCHINEN UND COMPUTER SIND BALD DIE GRÖSSTE BRANCHE IN CHINA

Top-10-Branchen* nach Wertschöpfung, 2003

in Prozent**

Wachstum der Bruttowertschöpfung der Top-10-Branchen*, 1993 – 2003

CAGR, in Prozent

Chemische Industrie

3,0

Büromaschinen und Computer

49,6

Büromaschinen und Computer

3,0

Elektrische Industriemaschinen

21,2

Nahrungsmittel, Getränke und Tabak

2,7

Sonstiger Fahrzeugbau

20,6

Textil, Bekleidung und Leder

2,5

Fotoapparate und optische Geräte

19,1

Eisen und Stahl***

2,3

Elektrogeräte und Haushaltswaren

18,2

Radio-, TV- und Kommunikationsgeräte

2,1

Energieversorgung

17,4

Nicht-metallische Mineralprodukte

1,7

Radio-, TV- und Kommunikationsgeräte

15,2

Metallerzeugnisse

1,1

Kraftwagen und Kraftwagenteile

14,0

Kraftwagen und Kraftwagenteile

1,0

Arzneimittel und Medizinprodukte

13,0

Elektrogeräte und Haushaltswaren

0,9

Metallerzeugnisse

12,4

* Ohne Baugewerbe und Energie

** Anteil der gesamten Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes

*** Einschließlich anderer Metallindustrien

Quelle: McKinsey R&I, Global Insight WIM 2. Q. 2004


Nanjing Road Text / Foto: Martin Kölling McK Wissen 10 Seiten: 20.21

4


Der Drache erwacht

Einst war sie Verbindungsstraße, dann Prachtmeile, am Ende kaum mehr als eine chaotische Verkehrsschlagader

mitten durch die Stadt. Beraten von McKinsey, will die Regierung die Nanjing Road, Symbol der Boom-Stadt Schanghai,

bis zur Weltausstellung 2010 zur Einkaufsmeile von Weltruf wandeln.


Nanjing Road Text / Foto: Martin Kölling McK Wissen 10 Seiten: 22.23

„Rolex? Omega? Very cheap!“ Wie Kletten hängen Uhrenfälscher auf

Schanghais berühmtester Einkaufsstraße Nanjing Road an allen ausländisch

aussehenden Passanten. Entkommen? Unmöglich. Morgens um neun,

nachts um zehn, vorn, hinten, links und rechts Menschen, Menschen, Menschen.

Zwei Millionen sollen es an Samstagen wie diesem sein. Vom Platz

des Volkes drängen die Massen auf einer Strecke von rund anderthalb Kilometern

erst durch die Fußgängerzone, dann über schmale Gehwege zum

„The Bund“, der von Briten und Amerikanern gebauten Uferpromenade,

und zurück. Geschichte atmen. Entlang einem exotischen Mischmasch aus

europäischer Vorkriegsarchitektur und chinesischen Bauten, Konsumtempeln

und Krämern, Hochglanzfassaden und bröckelndem Putz, Baugruben

und himmelhohen Betonskeletten. Nachts bestaunen sie das Farbenspiel

der Neonreklamen und die Skyline der neuen Hochhaus-Stadt Pudong auf

der anderen Seite des Huangpu-Flusses.

An einer Mauer um eine der größten Gruben inmitten der Fußgängerzone

erklärt die Regierung des Bezirks Huangpu das Gedränge: „Die Nanjing

Road hat eine Geschichte von mehr als hundert Jahren. Sie ähnelt bei Tag

und Nacht einem prächtigen Drachen.“ Obacht! Wenn in China die Mauern

poetisch werden, weiß man, dass die Politik Großes vorhat. Richtig,

erfährt der Passant, das Ziel der Hoch- und Tiefbauten im Zentrum der

Stadt ist gewaltig: „Die Nanjing Road, die Ansammlung von Wundern,

erlangt weltweiten Ruhm und ewigen Glanz.“

Unbescheidener formuliert die Bezirksregierung ihre Vision nur noch in

einem Entwicklungsplan für die Straße: Der Ostteil der Route mitsamt der

historischen Uferpromenade, dem Bund, soll bis zur Weltausstellung 2010

„zur berühmtesten, längsten, schönsten kommerziellen Destination für

Fußgänger in der Welt“ werden. Damit der Traum Wirklichkeit wird, hat

die Bezirksregierung – zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte –

einen kapitalistischen Berater ein Projekt dieser Größenordnung planen

lassen. McKinsey & Company soll die Idee realisieren helfen. Es wird nicht

gekleckert, sondern geklotzt: 20 Milliarden Yuan (1,9 Milliarden Euro) soll

die Metamorphose vom kommunistischen zum kapitalistischen Konsumparadies

zwischen 2001 und 2010 verschlingen. 95 Prozent der Investition

sollen von privaten Investoren getätigt werden, der Rest kommt vom Staat.

Der Umsatz des Handels wird sich dadurch auf 4,8 Milliarden US-Dollar

verdreifachen, versprechen die Unternehmensberater.

Weltspitze.


Die Umsetzung der Vision überwacht eine Direktorin

des Bezirks, Xie Yun. Sie empfängt Besucher

in einem modernen Konferenzzimmer in

der zehnten Etage des funkelnden Bezirksamtes

Huangpu. Neben sich eine Tasse Tee, vor sich

einen Kalender. Von revolutionärer Schwärmerei

keine Spur, politische Parolen kommen der Genossin

nicht über die Lippen, wenn sie über die

Bedeutung der Nanjing Road und deren Probleme

spricht. Funktionalität steht bei den Funktionären

derzeit hoch in Kurs: „Die Nanjing Road

ist ein Symbol Schanghais, wer sie nicht besucht

hat, hat Schanghai nicht besucht. Doch in den

neunziger Jahren verlor sie ihre Funktion als

Haupteinkaufsstraße.“

Eine Tragödie. Die Nanjing Road! Sie galt in den

wilden zwanziger und dreißiger Jahren als eine

der sieben interessantesten Straßen der Welt. Hier

rieben sich West und Ost, Reich und Arm, westlicher

Imperialismus und chinesischer Patriotismus,

Kulis und Kapitalisten. Dann kam der chinesische

Bürgerkrieg, 1937 die Besetzung durch

japanische Truppen, 1946 erneut ein Bürgerkrieg

und 1949 Mao Zedong mit den Kommunisten.

Pomp wurde durch Propaganda ersetzt, die Herrschaft

des Kapitals durch die der Kader und

Kulturrevolutionäre. 40 Jahre später waren Tanz

und Gaumenschmaus verschwunden, geblieben

waren Büros und staatliche Kaufhäuser. Die

Prachtmeile war zu einer chaotischen, mit Fahrrädern,

Taxis und Bussen verkeilten Verkehrsschlagader

herabgesunken.

Als China Anfang der achtziger Jahre seine Öffnung

begann, reichte der Abglanz alter Pracht

zwar aus, Kunden und Touristen zu locken. Im

modisch kollektivierten China galt die Meile

noch immer als quirliges Einkaufsparadies.

Die Geschichte der Nanjing Road

Von der Glitzermeile zum Revolutionsboulevard und wieder zurück

Bevor die Europäer und Amerikaner Schanghai zu ihrer Quasi-

Kolonie machten, war die Nanjing Road nur eine Verbindungsstraße

nördlich der Stadt. Noch 1870 säumten zweigeschossige

Holzhäuser die staubige Straße. Dann gründeten Engländer und

Amerikaner die so genannte Internationale Konzession direkt

am Fluss nördlich des Zentrums, die Franzosen verwalteten das

Gebiet westlich davon. Die Nanjing Road wurde zum Herzen des

kapitalistischen Kommerzes.

Ein bunter Stil-Mix aus gotischen Türmchen, griechischen Domen,

barocken Korridoren und spanischen Veranden ersetzte die

Holzhäuser. Wie durch ein Wunder überlebten die Prachtbauten

der westlichen Imperialisten den Krieg, die Japaner, die

Befreiung durch die Kommunisten, die Wirren der Kulturrevolution

und so manche ästhetische Verwirrungen von Architekten.

Selbst in der seit etwa 1990 grassierenden Bauwut machten die

Bulldozer einen Bogen um die Zone. Von diesen unglaublichen

Zufällen profitiert die Nanjing Road heute.


Doch in den neunziger Jahren zogen andere Viertel innovative Boutiquen

und Auslandskapital an – und damit der Nanjing Road Käufer ab.

Schanghais Jugend feiert ihre modische Befreiung von Mao-Anzügen seitdem

im Gebiet um die Huaihai Road. Ihre Seitenstraßen werden gesäumt

von Platanen, europäischen Villen und Reihenhäusern, gebaut von Franzosen,

die diesen Teil Schanghais vor dem zweiten Weltkrieg verwalteten.

Kaufhäuser, kleine Läden, Kneipen, Restaurants und der Xiangyang-Basar

machen den Bummel zum Erlebnis. Hier liegt das Paulaner Bräuhaus. Hier

verrühren Köche die chinesische Küche mit japanischen, amerikanischen

oder europäischen Stilen zu neuen In-Lokalen. Hier fühlen sich Ausländer

wohl, aber auch die westlich orientierte chinesische Elite.

Eine Straße von Weltruf – und pro Kopf rund ein Euro Umsatz

Im Südwesten wurde das Wohngebiet Xujiahui in ein gigantisches Einkaufs-

und Büroviertel umfunktioniert. Zehntausende Menschen wurden

von der Bezirksverwaltung umgesiedelt. Gleichzeitig rückten Supermärkte

und Kaufhäuser in Stadtteile, Vorstädte und die regionalen Metropolen

vor. Der wieder erlaubte bourgeoise Luxus schmähte seine einstige Heimat

und siedelte sich statt in der Nanjing, in der Nanjing West Road an.

So wirbt vor dem Büro- und Konsumpalast Plaza 66 eine riesige Handtasche

von Louis Vuitton um zahlungskräftige Kundschaft. In der Luxus-

Mall ballen sich auf vier Etagen von Armani bis Zegna die Top-Marken

der Welt, Deutschland ist durch Hugo Boss und den Küchenbauer Poggenpohl

vertreten.

Düstere Aussichten für die Nanjing Road. „Wir erkannten, dass die Straße

radikal reformiert werden musste, wenn sie ihre Stellung halten sollte“, sagt

Bezirksdirektorin Xie Yun. Multifunktionalität hieß das Ziel: eine Straße

nicht nur zum Einkaufen und Besichtigen, sondern auch für Büros und

Galerien, ein Ort zum Essen und Verlustieren.

Die erste Verbesserungsidee der Regierung war die beste. 1999 verbannten

die Bürokraten Autos, Busse, sogar die allgegenwärtigen Radfahrer aus

dem Mittelstück der wichtigen Ost-West-Verbindung. „Die Einrichtung

der Fußgängerzone hat die Grundlage für die weitere Entwicklung gelegt“,

sagt Xie. Danach war die Stadt mit ihrem Latein am Ende. „Die Straße

hatte nur ihr Aussehen verändert, nicht aber ihre Funktion.“ Zehn Yuan

pro Kopf gab jeder Passant im Schnitt aus, eine Kaufkraft von etwa einem

Euro oder drei Halbliter-Flaschen Oolong-Tee. „Die Leute sind gekom-

Bezirksdirektorin Xie Yun will aus der Nanjing Road ein Einkaufsparadies machen. Erste Erfolge kann sie durch

die Ansiedlung von Fastfood-Ketten, asiatischen Modelabels und einer großen Armani-Filiale verbuchen.


Nanjing Road Text / Foto: Martin Kölling McK Wissen 10 Seiten: 24.25

men und sofort wieder gegangen“, sagt Xie Yun, „sie konnten die gleichen

Produkte ja bei sich zu Hause oder anderswo kaufen.“

Bezirksbürgermeister Xu Jianguo fasste schließlich einen mutigen Entschluss:

Ein ausländischer Berater sollte den Plan für die Wiederbelebung

der einstigen Prachtstraße entwerfen. Xie: „Wir brauchten internationale

Consultants, um eine internationale Perspektive zu bekommen.“ Und

Informationen aus erster Hand: „Chinesische Institute kopieren oft nur alte

Informationen.“

Ende 2000 fiel die Wahl auf McKinsey. „Das Unternehmen hatte Erfahrungen

auch in Entwicklungsländern und viele Erfolge“, erklärt die Spitzenbürokratin.

Trotzdem waren die Widerstände in der Bürokratie zunächst

stark. „Es war wirklich sehr teuer, zudem waren wir nicht sicher, ob die

Berater-Vorschläge gut genug wären und ob sie den Charakter der Straße

verstünden“, erinnert sich Xie. „Deshalb hatten wir uns auf ein Scheitern

eingestellt. Xu Jianguo sagte: ,Falls das Projekt fehlschlägt, werde ich

unter starken Druck geraten‘.“

Auch die Berater in China betraten Neuland: eine Lokalregierung als Kunden,

die Entwicklung einer gesamten Nachbarschaft und die Begleitung der

Renovierung über einen Zeitraum von fast zehn Jahren. „Es war wahrscheinlich

das erste Projekt dieser Art in China“, sagt Jonathan Woetzel,

Direktor im Greater China Office von McKinsey. Und es erwies sich als

kompliziert: „Bei unseren Public-Sector-Studien in anderen Teilen der Welt

sagen wir unseren Klienten, wie sie ihre Arbeit effizienter organisieren können“,

so Woetzel, „bei der Nanjing Road geht es hingegen um Strategie

bei der Einzelhandels- oder Wirtschaftspolitik.“

Und um einen Klienten mit geringer Erfahrung. Chinesische Regierungen,

vom Dorf bis zur Zentrale in Peking, sind als Eigentümer von Staatsbetrieben

zwar wichtige Wirtschaftsakteure. Die Einführung der Marktwirtschaft

jedoch überfordert die meisten. Nach Jahren der Planwirtschaft sind

die Diener des Staates geschult im Taktieren und Ausführen von Befehlen

– strategisches Denken ist ihnen fremd. Eine Komplikation, deren Ausmaß

sich auch den Beratern nicht auf Anhieb erschloss. „Wir waren auf die

Großartigkeit des Projektes vorbereitet, aber es ist weit komplexer, als wir

anfangs dachten“, gesteht McKinsey-Projektleiter Li Guangyu, gebürtiger

Rot-Chinese, Kadersohn und über Montreal, London und Paris nach

Schanghai zurückgekehrt. Dann lädt er zum Essen ein. „Ich möchte Ihnen

etwas zeigen.“


Wenig später im renovierten Viertel Xintiandi. „Das ist für mich die

Essenz Schanghais“, sagt Li. Die Verschmelzung von Ost und West. Chinas

Beitrag zum Kosmopolitismus. Er zeigt auf die Fassaden der typischen

Hofhäuser, den Shikumen. Davor stehen Stühle, Tische und Sonnenschirme,

dahinter gibt es Starbucks Coffee oder moderne chinesische Küche.

Abends ist es rappelvoll. „Westler lieben das chinesische Ambiente mit

westlichem Lebensstil“, so Li, „Chinesen das fremde westliche Ambiente

im traditionellen Umfeld.“

Geschaffen haben dieses Kleinod Investoren aus Hongkong. Bis auf einige

Außenmauern rissen sie die Häuser ab und bauten dahinter neu. Die Höfchen

wurden zu Plätzen, nur hier und da erinnert eine Gasse an die Enge

der wirklichen Shikumen. Eine ähnliche Umwandlung des historischen

Erbes schwebte McKinsey zu Beginn des Projektes auch für die Nanjing

Road vor. Doch der Weg von der Idee bis zum Zehnjahresplan war weit.

Schritt 1: Zielbestimmung

2001 formten die Berater aus den vagen Vorstellungen der Regierung eine

Vision. Es geht nicht länger nur um mehr Umsatz, die Straße soll Schanghais

Anspruch als führende Weltmetropole des 21. Jahrhunderts untermauern.

Schritt 2: Identifikation der Akteure

Wer weiß was? Wer zieht welche Fäden? Im Dickicht der Zentral-, Stadtund

Bezirksregierungen mit ihren informellen Hierarchien und diversen

Staatsunternehmen die wirklichen Entscheidungsträger auszumachen war

der wichtigste und schwierigste Schritt. „Ohne die Hilfe der Regierung

wären wir hieran vielleicht gescheitert“, sagt Li. Denn wer mit den offiziell

vielleicht richtigen, in Wahrheit aber nicht entscheidenden Kadern verhandelt,

hat in China schon verloren. Letztlich diskutierten 100 Leute mit.

Power-Point-Präsentationen waren den meisten ebenso fremd wie projektorientiertes

Arbeiten über Abteilungsgrenzen hinweg. McKinsey musste die

Teilnehmer parallel zur Beratung trainieren. „Nicht typisch für uns“, sagt Li.

Schritt 3: Bestandsaufnahmen

Fußarbeit – die Teammitglieder interviewten rund 1000 Passanten auf der

Nanjing Road.

Brainstorming – Architekten, Makler, Künstler, Filmregisseure und Werbefirmen

steuerten ihre Ideen bei.


Abschnitt 3:

Die Region um den Platz des Volkes ist

der Jugend und der Kultur gewidmet.

Abschnitt 2:

Die Fußgängerzone soll die konsumfreudige

Mittelschicht anlocken. Mode

und Lifestyle für die Massen.

Abschnitt 1:

Ostteil und Bund sollen zu einem Luxusviertel

umfunktioniert werden. Wohnen,

Essen und Shopping für die Reichen.


Nanjing Road Text / Foto: Martin Kölling McK Wissen 10 Seiten: 26.27

Benchmarking – was haben andere Straßen, was die Nanjing Road nicht

hat? Welche Merkmale zeichnen Einkaufszonen in Top-Lage aus? Mithilfe

der Kollegen weltweit analysierte McKinsey Schanghai die Erfolgskriterien

der neun bekanntesten Einkaufszonen der Welt. Als Vorbild fungierten

die Champs Elysées in Paris, die Mailänder Via Montenapoleone,

Carnaby- und Oxford Street in London, Barcelonas Las Ramblas, die

Ginza in Tokio, die Marina in Singapur, der Times Square in New York

und die Michigan Avenue in Chicago.

Das harsche Ergebnis für China: Die Nanjing Road erfüllt nur die wenigsten

Kriterien für eine Straße, die Publikumsmagnet sein will. Zwar genießt

sie Weltruf, und die einmalige Architektur lockt Besucher zuhauf. Aber

sie lockt weder etablierte Marken noch junge, erfrischende Anbieter; sie

bietet kein angenehmes Umfeld und keine verkehrsgünstige Umgebung.

Passanten beschweren sich über die altbackenen und langweiligen Sortimente

der staatlichen Kaufhäuser, über Menschenmassen und den Mangel

an Ruhezonen, Restaurants und Unterhaltung. Ihr Geld geben sie deshalb

lieber anderswo aus.

Selbst die Regierung hält sich mit harscher Kritik nicht zurück – und rügt

sogar Ikonen wie das Peace Hotel, das seit Urzeiten als der Kern des wichtigen

Bund gilt. Auf seinen Tischuntersetzern nennt sich das Haus „das

berühmteste Hotel der Welt“. Doch Genossin Xie schimpft auf den Eigner,

die staatliche Jin-Jiang-Gruppe: „Das Peace Hotel ist verglichen mit

anderen schlecht.“

Aus der Studie wird ein Zehnjahresprojekt

Rein optisch ist es eine Augenweide. Art-déco-Eingangshalle, überall edle

Hölzer, Marmor, bunte Ornamente, vergoldete Stuck-Drachen. Hier hat

sich die Händlerfamilie Sassoon ihr Denkmal gesetzt. Der Blick von der

Dachterrasse über den Huangpu-Fluss auf die Skyline der neuen Hochhausstadt

Pudong – unvergesslich.

Touristen und Geschäftsleute steigen dennoch lieber in den neu gebauten

Ablegern der großen Hotelketten ab. Das Parkett der Ballsäle bleibt unbetanzt,

die Dachterrasse selbst an Wochenenden halb leer. Den Angestellten

ist kaum ein Lächeln zu entlocken. Telefone müssen Gäste schon mal

selbst reparieren. Das Haus ist bekannt für schlechten Service und Ideenlosigkeit.


All das findet McKinsey innerhalb der ersten drei

Monate heraus. Aus dem Projekt wird ein Mammut-Auftrag,

begleitet von immer neuen Überraschungen,

endlosen Diskussionen – und unerwarteten

Kompromissen. So gaben die Berater

beispielsweise in der Frage der riesigen Neon-

Reklamen in der Fußgängerzone nach, die die

Fassaden verschandeln. „Wir dachten, die seien

passé“, erzählt Li, „die Beamten widersprachen,

das sei nun mal typisch Schanghai.“ Sogar in

den Medien wurde die Diskussion schließlich

ausgetragen, ein Novum. Eine Umfrage löste die

Gegensätze einvernehmlich. „Die Konsumenten

mögen die riesigen Neonreklamen tatsächlich“,

sagt Li. „Also gaben wir unser Okay für die

Mittelsektion, aber nicht für den Bund.“ Abgemacht.

Nächster Punkt.

„Es war eine riesige Übung – von der Kalkulation

der Gesamtinvestition in den nächsten zehn

Jahren über die konkreten Umsetzungspläne bis

hin zu den Vorschlägen für Design und Material“,

erinnert sich Jonathan Woetzel. Und es war

höchste Zeit: Mit viermal mehr Publikumsverkehr

als andere Top-Straßen in der Welt machten

die Läden der Nanjing Road nur die Hälfte

von deren Umsatz.

Nur mit einer Radikalkur würde sich die Realität

mit der Vision in Einklang bringen lassen, entschieden

die Berater. Und so klingt auch das Konzept.

Der Begriff Nanjing Road wird auf die

gesamte Nachbarschaft samt Seitenstraßen, Platz

des Volkes und Bund erweitert. Danach heißt es:

weg mit architektonischen Schandflecken, raus

mit defizitären staatlichen Kaufhäusern, rein mit

ausländischen Investoren und ihren Ideen.

Die Straße wird in drei Erlebniswelten aufgeteilt.

„Weil man nicht alle Alters- und Einkommens-

Bewegung erwünscht: Im Ostteil der Nanjing Road, in dem heute

reger Verkehr herrscht, sollen in wenigen Jahren die Reichen

flanieren. Bis dahin haben die McKinsey-Berater Li Guangyu (links)

und Jonathan Woetzel allerdings noch eine Menge zu tun.


schichten gleichmäßig bedienen kann“, erklärt Li. Der Ostteil der Nanjing

Road mit dem Bund soll zum Luxusviertel umfunktioniert werden. Li nennt

den Abschnitt eine der besten Lagen der Welt für die Hauptfilialen von

Luxusmarken. Spitzenrestaurants, kleine, edle Boutiquen und Hotels sowie

Apartments für Reiche sollen das Angebot abrunden.

In der Fußgängerzone wird man sich wie bisher auf die Mittelschicht

konzentrieren. Restaurants, Modemarken, moderne Kaufhäuser und „Category-Killers“

wie das Kinderspielzeug-Kaufhaus „Toys ’R Us“ sollen die

Massen in Spendierlaune versetzen.

Der Teil um den Platz des Volkes ist der Jugend und Kultur gewidmet.

Die Regierung ist bis heute vom Konzept der Berater begeistert und zieht

den Plan durch, nicht zuletzt bestärkt durch die Beförderung von Bezirkschef

Xu zum Wirtschaftsleiter Schanghais. Beamtin Xie und Berater Li

loben die gute Zusammenarbeit. „Es ist fast schon gefährlich verführerisch

für Consultants“, sagt Li. Denn anders als so mancher Industrie-Klient

setzen die Beamten das Gehörte oft schnell in die Tat um. Planwirtschaft

hat auch ihr Gutes.

Erhalt und Wirtschaftlichkeit

sind nicht länger ein Widerspruch

Die Kader wandeln sogar ihr Denken. „Das ist der eigentliche Erfolg“,

meint Li. Die Beamten haben erkannt, dass sich der Erhalt des Alten lohnt

– und rechnet. In der Bürokratie gibt es heute zwei Strömungen: Für die

einen bedeutet Erhaltung die Aufrechterhaltung des Status quo. Sie wollen

ihre Teigtaschen wie früher am Straßenstand kaufen. Die zukunftsorientierte

Fraktion, inklusive McKinsey, will wie in Xintiandi das Erbe zum

Zweck der Wertschöpfung weiterentwickeln.

Und feiert erste kleine Erfolge. So haben die Berater kürzlich ein Dutzend

weiterer erhaltenswerter Stätten in Schanghai identifiziert, etwa die Lagerhäuser

am Suzhou-Fluss. Die Regierung wollte sie abreißen, McKinsey

drängte auf Umwandlung, weil Lagerhäuser durchaus wertvoll sein können.

„Dass sie das gemacht haben, ist einer der größten Erfolge“, sagt Li.

„Darauf bin ich sehr stolz.“ Vor fünf Jahren hätte niemand Erhalt und Wirtschaftlichkeit

gemeinsam gedacht, inzwischen ist das Konsens.

Trotzdem: Bei der Modernisierung der Nanjing Road müssen jede Menge

Hürden überwunden werden. Der Rechtsanwalt Bernd-Uwe Stucken, Partner

der deutschen Kanzlei Haarmann Hemmelrath in Schanghai, kennt

die wichtigste aus dem Effeff: „Bisher durften

Ausländer in China nur Produktions- und keine

Handelsgesellschaften gründen.“ Ausnahmen gab

es bislang nur für einige wenige Konzerne wie

den deutschen Großhändler Metro und die französische

Supermarktkette Carrefour. Mit amtlichem

Segen dürfen sie in China Läden bauen.

Der Wettbewerb hingegen konnte bisher nur

mühsam aktiv werden – mit Konstruktionen, die

zwar nicht illegal, aber auch nicht hieb- und stichfest

waren. Oft ziert die Unternehmen zwar ein

westlicher Name an der Tür. „Aber de jure führt

ein Chinese das Geschäft“, erklärt Stucken.

Die Behörden tolerieren das, nach der alten

Maxime: Erst einmal schauen, was passiert. Läuft

es gut, wird legalisiert, läuft es schlecht, wird

reguliert, im schlimmsten Fall verboten. Asiatische

Investoren haben mit dieser Praxis keine Probleme,

solange der voraussichtliche Ertrag stimmt.

Anders die Europäer, vor allem die Deutschen:

„Die wollen auch in der Grauzone noch Sicherheiten“,

sagt Stucken, „aber das ist der Punkt, an

dem wir Rechtsanwälte passen müssen.“

Für Juristen wie Mandanten ist Besserung in Sicht.

Im April dieses Jahres hat China die Bedingungen

für Investitionen gelockert, um den Richtlinien

der Welthandelsorganisation Genüge zu

tun. Seit Juni sollen internationale Investoren

auch in den Einzelhandel investieren dürfen –

wenngleich noch bis zum 11. Dezember 2004

mit geografischen Restriktionen. Ob diese Öffnung

auch de facto wirkt oder ob restriktive,

bürokratische Genehmigungsverfahren die Investitionslust

bremsen, wird sich zeigen. Die ersten

Anträge liegen bereits in Peking. Sollte sich

China wirklich öffnen, ist für Stucken klar: „Dann

werden die Ausländer noch mehr Vorteile haben

als bisher.“


Viele Menschen – wenig Umsatz: Von früh morgens bis spät

nachts drängen sich die Passanten in der Fußgängerzone. Leider

geben sie dabei bislang kaum mehr als einen Euro pro Kopf aus.


Nanjing Road Text / Foto: Martin Kölling McK Wissen 10 Seiten: 28.29

Ihr Geld werden sie dennoch schwer loswerden. Die Eigentümerstrukturen

an der Nanjing Road machen große Bauvorhaben kompliziert – und

teuer. Zwar gehören die meisten Gebäude letztlich dem Staat, wie es sich

für ein kommunistisches Land gehört. Die Eigentumsrechte sind jedoch

verwoben – auf diversen Ebenen in verschachtelten staatseigenen Unternehmen.

Manche Häuser haben sogar mehrere Eigner. Das Peace Hotel beispielsweise

gehört in Teilen der China Telecom. Und die Staatsbetriebe agieren

nach kapitalistischen Motiven. Weil sich die Stadt- oder Bezirksregierung

öffnet und nicht mehr befiehlt, wurden die Beteiligten von Anfang an von

der Bezirksregierung in die Pläne einbezogen, zudem werden Marktpreise

bezahlt, statt zu enteignen. Der neue politische Stil ist willkommen, aber

er dauert länger und kostet mehr als früher. „Zu Beginn des Nanjing-Road-

Projektes konnten die Firmen den Reiz nicht sehen, jetzt will jeder einen

Teil abhaben“, sagt Li.

Prachtvolle Fassaden – und erbarmungswürdige Wohnungen

Auch die Umsiedlungen der Anwohner, die so manches Bauvorhaben

stören, sind nicht mehr so einfach wie früher. „Heute ist es ein harter

Job, weil wir die Menschenrechte der Anwohner schützen“, behauptet

Bezirksdirektorin Xie Yun. Wurde früher Platz für ein Hochhaus oder eine

Autostraße gebraucht, wies man den Anwohnern eine neue Wohnung zu,

und weg waren sie. Inzwischen unterwirft sich die Regierung dem Markt.

200 000 Yuan (19 550 Euro) Entschädigung werden laut Xie für einen

Umzug üblicherweise gezahlt, gerade genug, um sich in einer der neuen

Trabantenstädte eine Einzimmerwohnung mit Küchlein zu kaufen. Für

Bewohner der Nanjing Road blättert die Regierung nach eigenen Angaben

schon mal 350 000 Yuan (34 200 Euro) hin, um sie zum Auszug zu

bewegen.

Grundsätzlich stößt der Staat auf wenig Widerstand, weil die Wohnungen

nicht selten in einem erbarmungswürdigen Zustand sind. Gleich hinter

den Glitzerfassaden der ehemaligen Prachtmeile zieren malerische zweistöckige

Häuschen eine schmale Straße, wie Wohlstandseuropäer sie zum

Anschauen lieben. Im Erdgeschoss sind Blumengeschäfte und schmuddelige

Restaurants. Oben hängt ein alter Herr seine Wäsche im Fenster zum

Trocknen auf. Doch im Hinterhof vertreibt Frau Wang jeden Anflug von

Vorne hui, dahinter pfui: Bis auch der Blick in die Seitengassen der Nanjing Road lohnt,

wird es noch ein paar Jahre dauern.


Sozialromantik. „Journalist sind Sie?“, fragt die 75-Jährige. „Kommen Sie

mit. Die Welt soll sehen, wie wir leben!“

Frau Wang drängt vorbei an einem Mann, der gerade sein Geschirr wäscht,

verschwindet hinter einer Tür, quetscht sich im schmalen Gang an einem

Gaskocher vorbei und öffnet das Türchen zu ihrer Wohnung: „Schauen Sie,

hier leben wir zu siebt.“

Der L-förmige Raum ist vielleicht 18 Quadratmeter groß. Etwa drei

Meter breit, vier Meter hoch. Ein Ventilator verquirlt die stickige Sommerluft.

Durch die aufgerissenen Fenster dringt der Geruch von Bratfisch.

Zwei Hochbetten schaffen Liegefläche und ein wenig Platz am Boden.

Zwischen Kommoden, Fernseher und einem abgenutzten Sofa ist trotzdem

kaum Platz, um sich zu drehen. Die Küche? Wird mit den Nachbarn geteilt.

Bad und Toilette? Sind irgendwo, weit weg, bis zu 300 Meter manchmal.

Wer hier geblieben ist, schätzt Nachbarschaft und zentrale Wohnlage mehr

als ein eigenes Klo mit Wasserspülung.

Frau Wang träumt davon, dass die Häuser renoviert werden und sie wohnen

bleiben darf. Für wahrscheinlicher hält sie den Auszug, irgendwann.

„Ich sorge mich, dass die Entschädigung nicht reicht, um eine Wohnung

in der Nähe zu kaufen.“ Zwei ihrer vier Söhne sind ohne Arbeit. „Nach so

vielen Jahren Kommunismus verbessert sich unser Leben nicht, es wird nur

schlechter“, schimpft sie.

Erste sichtbare Erfolge – und viele ungelöste Probleme

Die ausländischen Investoren feilen derweil an ihren Bau- und Modernisierungsplänen.

„Die Märkte nehmen das Konzept sehr gut auf“, sagt

Berater Li. 2001 hat McKinsey das Nanjing-Road-Forum eingerichtet. „Das

erste Jahr war schwer“, erinnert Projektleiter Li. „Wir mussten fast betteln,

um Top-Leute zum Kommen zu bewegen. Im vergangenen Jahr haben die

Leute uns bedrängt, damit sie teilnehmen durften.“

Bis das Mammut-Projekt Wirklichkeit geworden ist, wird es noch dauern,

die ersten Erfolge sind heute schon sichtbar. Unter dem Platz des Volkes

wurde eine unterirdische Shopping-Passage für Nippes, Schmuck und junge

Mode eingerichtet. Auf der anderen Straßenseite hat sich das Raffles City

Shopping Centre aus Singapur niedergelassen. Hier tummelt sich wie von

McKinsey gewünscht die Jugend.

Auch der Mittelteil der Nanjing Road verbucht die ersten spürbaren

Fortschritte. Ausländische Fastfood-Ketten wie Pizza Hut, Kentucky

Fried Chicken, McDonald’s oder Yoshinoya aus

Japan fertigen die Massen ab. Preiswerte asiatische

Modemarken bereichern die Einkaufslandschaft.

Japans Discounter Uniqlo hat sich einquartiert,

Giordano aus Hongkong hat sogar

seinen weltweit größten Laden in die Fußgängerzone

gesetzt. Schräg gegenüber buhlt Rivale

Baleno im Techno-Look auf vier Etagen um

Kunden. „Die Nanjing Road ist die bekannteste

Geschäftsstraße Schanghais, ein guter Platz für

Touristen“, begründet der blond gefärbte stellvertretende

Ladenchef Cao Liang die Ortswahl.

Von den 18 Baleno-Läden in Schanghai mache

dieser den besten Umsatz.

Selbst traditionelle Kaufhäuser wie das 1882

gegründete Caitongde-Haus, Schanghais älteste

Apotheke für chinesische Medizin, spüren den

Aufschwung. „Wir haben jetzt mehr Kunden als

früher“, sagt Vize-Chef Lu Jinsheng. Doch das

allein reiche noch nicht, meint er, die Nanjing

Road brauche mehr spezialisierte Geschäfte und

Restaurants, die Kaufhäuser müssten „ein Einkaufserlebnis

bieten“. Auch Familie Cheng, sechs

Personen, vier Generationen, aus der Exportmetropole

Kanton bei Hongkong sieht noch Verbesserungsbedarf.

„Zu wenig Platz zum Sitzen

und Ausruhen, kaum Schatten“, schimpft Vater

Cheng. „Der Service ist auch nicht gut, unhöflich.

Unsere Beijing Road ist viel besser.“

Die größte Baustelle auf dem Weg zur Moderne

ist jedoch das künftige Luxusviertel. Wie vor zehn

Jahren reiht sich heute Laden an Laden. Schmierige

Imbiss-Stände verkaufen Garnelen in den

Torbögen zu den Hinterhöfen. Von den vier

Spuren sind oft nur zwei zu befahren, weil die

Kunden die Straße aus Platznot zum Gehweg

machen. Dazwischen quetschen sich Autos,

Busse und Fahrräder. Es gibt noch viel zu tun.

Immerhin ein Hauch von Luxus weht schon durch das Viertel. Im Restaurant

„M on the Bund“ tafeln Konsule, Manager und neureiche Chinesen

zur Fusion-Küche der Australierin Michelle Garnaut, die auch das legendäre

Hongkonger „M on the Fringe“ betreibt. Gegenüber im Haus „3 on

the Bund“ hat ein weiterer Gourmet-Tempel aufgemacht, „hochmoderne

Perfektion, aber keine Seele“, raunt ein Connaisseur. Beide Läden sind für

chinesische Verhältnisse teuer. Im „M on the Bund“ kostet ein Menü ohne

Getränke pro Person mehr als 300 Yuan (29 Euro) – das Zehnfache eines

Mittelklasse-Dinners, hundertmal teurer als ein Arme-Leute-Frühstück aus

drei Baozi, etwa tennisballgroßen gefüllten Teigtaschen.

Eröffnungsfeier mit 70 Millionen Gästen

Auch die Haute Couture hat vorsichtig Einzug gehalten. Im Erdgeschoss

von „3 on the Bund“ hat Armani kürzlich seinen ersten Shop in Schanghai

eröffnet. „Es ist eine einmalige Lage“, erklärt Ophelia Zeng, die

Ladenchefin, „sie trifft das Image unserer Marke perfekt.“ Die meisten

Kunden, erzählt sie stolz, seien Einheimische, obwohl die italienische Mode

wegen der Zölle und Mehrwertsteuer sogar 10 bis 15 Prozent teurer ist

als in Hongkong. Ob sich das Geschäft rechnet, will Zeng nicht verraten.

Nur so viel: „Ich würde es begrüßen, wenn sich hier mehr Marken ansiedeln

würden. Wir brauchen mehr Verkehr.“

Neue Mieter müssen sich jedoch noch gedulden. Zwar werden Nummer

12 und 18 on the Bund gerade renoviert. Die Sanierung des Ostteils der

Nanjing Road und des Bund soll jedoch erst zu den Olympischen Spielen

2008 in Peking abgeschlossen sein. „Einige Projekte sind sogar so kompliziert,

dass wir als Deadline 2010 eingeplant haben“, sagt Bezirksdirektorin

Xie Yun. Dann findet die Weltausstellung in Schanghai statt und soll

die höchste Besucherzahl in der Geschichte anlocken: 70 Millionen Gäste

sind geplant. Ein idealer Zeitpunkt, die Nanjing Road wieder in der Elite-

Liga der Konsumparadiese zu verankern.


Menschen Text: Bernhard Bartsch Foto: Ricky Wong McK Wissen 10 Seiten: 30.31

5 Evolution

statt Revolution

Deng Xiaoping stellte vor 25 Jahren das Leben von damals rund 900 Millionen Chinesen auf den Kopf

und entfachte die größte marktwirtschaftliche Aufholjagd der Weltgeschichte. Was hat sich für die Menschen

verändert? Zehn Nahaufnahmen.


Ouxiang – Idol

Dass er ein Gewinner ist, hat Sompo Zhou schwarz auf weiß. Pekinger Medien wählten den Unternehmer

zusammen mit Olympiasiegern, Wissenschaftlern und Künstlern auf eine Liste der „10 Vorbilder

für die Jugend“. Die Hauptstadt erkor ihn außerdem zum Pekinger Unternehmer des Jahres 2003:

Mit 37 Jahren hat Zhou bereits eine Unternehmensgruppe mit 3000 Mitarbeitern aufgebaut.

Seine Karriere begann der Chairman von Zhou Dynasty International Group Mitte der neunziger

Jahre als Joint-Venture-Verhandler für ausländische Großkonzerne wie Bosch und Siemens. Später

handelte er mit Tabak, Spirituosen, Medizintechnik, Werkzeugen und Kunststoff-Fenstern; Zhou

lieferte den Stahl für Pekings neuen Flughafen und verkaufte chinesische Containerschiffe an westliche

Reedereien. Zurzeit baut er eines der größten chinesischen Autohändler-Netzwerke auf, betreibt

Investmentfonds und plant einen Industriepark. Neben all dem ist der habilitierte Wirtschaftswissenschaftler

Vize-Direktor und Professor am Institut für Strategisches Management der Peking University

und hat kürzlich sein drittes Buch veröffentlicht.

„Ich habe eine gute Angewohnheit: Ich achte darauf, dass ich abends spätestens um zehn Uhr zu

Hause bin. So habe ich noch zwei ruhige Stunden, um an meinen Büchern zu schreiben. Danach

mache ich ein paar Atemübungen und gehe ins Bett. 15-Stunden-Tage sind der Durchschnitt.

Weniger ist ein Luxus, den wir chinesischen Unternehmer uns noch nicht leisten können. Die

meisten machen nicht einmal Urlaub. Der Vorsprung des Westens ist so groß, dass wir eigentlich

30 Stunden am Tag arbeiten müssten. Da muss man eben doppelt so effizient sein, schneller zum

Punkt kommen, Nägel mit Köpfen machen. Das ist alles eine Sache der Einstellung. Der Student

im Prüfungsstress an der Uni kann ja auch doppelt so schnell lesen wie sonst. Für uns ist jeder Tag

eine Prüfung.

Schneller und besser sein – das ist das Geheimnis des chinesischen Erfolgs. Dabei machen wir das

Gleiche wie alle anderen auch. Chinas beste Unternehmer sind nicht durch ausgefallene Ideen oder

raffinierte Erfindungen reich geworden. Technologie und Know-how gibt es auf der Welt schon

genug, die kann man von ausländischen Partnern bekommen oder einfach kaufen. Das sieht man ja

auch. Wenn in Europa mal wieder eine Firma Pleite geht, machen sich immer häufiger chinesische

Investoren darüber her.

Und dann nutzen wir die Technologie, um damit Spitzenqualität zu Billigpreisen anzubieten. Das ist

weder neu noch originell, aber unwiderstehlich. Ein chinesischer Ingenieur verdient 200 bis 500 US-




Dollar im Monat – da kann keiner mithalten. Ich bin mir zum Beispiel absolut sicher, dass China

in zehn Jahren der größte Auto-Zulieferstandort der Welt sein wird. Deswegen werde ich noch

dieses Jahr den Bau eines großen Industrieparks für Autozulieferer in Angriff nehmen, in Peking

oder Tianjin. Das wird höchster Standard, State

of the Art, entworfen von einem deutschen

Architekten, Professor Albert Speer.

Kapital ist nicht das Problem. Viele unserer

Geschäfte sind hoch profitabel; allein unsere

Autohäuser amortisieren sich bereits nach zwei

oder drei Jahren; im Westen dauert es zehnmal

so lange. Außerdem gibt es 40 Millionen Überseechinesen,

die Geld haben und in China investieren

wollen. Mehr als 70 Prozent der Auslandsinvestitionen

kommen von ihnen, im vergangenen

Jahr etwa 40 Milliarden US-Dollar. Auch meine

Familie lebt zum größten Teil in Europa: Wir

haben dort rund 1000 Verwandte, mein Vater

ist Vorsitzender des Europäischen Auslands-

Chinesenverbandes.

Chinesen haben das Talent, überall Geld zu verdienen.

Egal, wohin sie ausgewandert sind, meist

ohne einen Pfennig in der Tasche – nach zehn

Jahren waren sie immer reich, vor allem in

Singapur, Thailand, Indonesien, aber auch im

Westen. Es gibt zwar wenige chinesische Industrielle

oder Erfinder, aber als Händler sind wir

unschlagbar. Das ist der sechste Sinn. Ein Sprichwort

sagt: Nur im Kampf findet man echte

Freunde. Das stimmt: Nirgends lernt man sich

so gut kennen wie beim Geschäftemachen.

Diese Mentalität ist schon an sich ein Wettbewerbsvorteil,

besonders gegenüber den Deutschen.

Die sind viel zu ehrlich, um hart zu

handeln. Wenn dir ein Chinese eine Vase für zehn

Dollar verkaufen will, verlangt er fünfzehn – und

hofft, dass du ihn wieder auf zehn runterdrückst.

So kann er dir einen Gefallen tun, dir Gesicht

geben. Aber die Deutschen geben meistens schon

bei vierzehn auf und fühlen sich dann über den

Tisch gezogen.“

Sompo Zhou


Menschen Text: Bernhard Bartsch Foto: Ricky Wong McK Wissen 10 Seiten: 32.33


Chenggong – Erfolg

Anfang der Achtziger verließ Zhang Xin mit ihrer

Mutter die Volksrepublik, um in der britischen

Kronkolonie Hongkong ein neues Leben anzufangen.

Die 16-Jährige machte Überstunden in einer

Fabrik und besuchte nach Feierabend Kurse in

Buchhaltung. Mit Energie, Intelligenz und Charme

setzte sie sich durch: Ein Stipendium ermöglichte

ihr ein Wirtschaftsstudium in Sussex und Cambridge.

1992 kehrte sie als Investmentbankerin für

Goldman Sachs nach China zurück.

Heute verkörpert Zhang für viele Pekinger den chinesischen

Traum: Sie ist nicht nur reich, sondern

auch Trendsetterin für das neue Lebensgefühl der

jungen Erfolgreichen. Zusammen mit ihrem Mann

gründete sie das Immobilienunternehmen Soho

China, baut Hochhausstädte, so luftig wie aus

Reispapier gefaltet, und eröffnete an der Großen

Mauer ein auf der Architektur-Biennale in Venedig

preisgekröntes avantgardistisches Boutique-Hotel.

Derzeit bereitet sie Soho Chinas Börsengang in

New York vor.

„Mit dem Boom ist das so eine Sache. Als ich ein

Kind war, war Peking eine Stadt mit schmalen

Gassen und kleinen Häusern. Ein wenig heruntergekommen,

aber gemütlich und liebenswert.

Und heute? Schauen Sie aus dem Fenster: alles

grau, alles groß,

alles gleich, im Hauruck-Verfahren

hingeklotzt. Was im Weg steht, wird abgerissen,

und auf den Straßen ist Dauerstau. Klar,




die Leute sind jetzt reicher als je zuvor. Aber was

ist denn Wohlstand wert, wenn man ihn nicht

in bessere Lebensqualität umsetzen kann? Die

Ersten, die reich geworden sind, dachten, dass

sie jetzt alles haben müssten. Deshalb haben sie

sich Häuser aus Stahl, Glas und Marmor gebaut,

griechische Säulen drangeklebt, römische Statuen

davor gestellt und oben ein chinesisches Dach

draufgesetzt. Um auch ja nichts zu verpassen.

Zum Glück ist die junge Generation anders.

Internationaler. Weltoffener. Sie will nicht alles,

sie wählt sich das Beste aus.

Das ist unser Markt, Häuser zu bauen, in denen

man nicht nur wohnen kann, sondern leben.

Dafür holen wir uns die international besten

Architekten, am liebsten Asiaten, weil die sich in

Megastädten wie Peking am besten zurechtfinden.

Unser neues Projekt, Jianwai Soho, hat zum Beispiel

Riken Yamamoto entworfen, ein Stararchitekt

aus Japan. Es ist eine Stadt mitten in der

Stadt, mit viel Glas, Licht und Grün. 50 000 Menschen

können dort wohnen, arbeiten, einkaufen

und essen gehen. Die Wohnungen gehen weg

wie heiße Semmeln. Man muss nur einmal im

Berufsverkehr festgesteckt haben, um davon zu

träumen, zu Fuß ins Büro gehen zu können.

Mein Lieblingsprojekt ist unsere ‚Kommune an

der Großen Mauer‘. Die Idee entstand, als wir

uns ein Landhaus gebaut haben und bald jede

Menge neugierigen Besuch bekamen. Sein Wochenende

allein in einem schönen Haus im Grünen

zu verbringen, das war für viele völlig neu.

Also haben wir ein paar kleine Täler am Fuß

der Mauer gekauft, nicht weit von Peking, und

zwölf asiatische Architekten eingeladen, ein

avantgardistisches Villendorf zu entwerfen. Alles

war erlaubt, solange sich der Bau mit lokalen

Materialien und Arbeitskräften umsetzen ließ.

Viele Häuser sind dann auch ziemlich expe-

rimentell geworden, etwa ein Haus, in dem man

alle Betten, Schränke, Badezimmer und Küchen

im Boden versenken kann. Oder ein Haus aus

Bambus. Aus den Villen haben wir dann ein Boutique-Hotel

gemacht, mit Restaurants, Bars und

Pool. Und in den Nachbartälern können Privatleute

mit unseren Architekten ihre eigenen Häuser

bauen. Denn das Tolle ist doch: Je mehr man

sieht, was alles möglich ist, desto kreativer wird

man. Die junge Generation ist wie eine gut

durchgeschüttelte Cola-Dose. Und jetzt spritzt

alles hervor.“

„Klar, die Leute sind jetzt reicher als je zuvor.

Aber was ist denn Wohlstand wert, wenn man ihn nicht

in bessere Lebensqualität umsetzen kann?“ Zhang Xin


Wanr – Spaß

Bei Zhang Qixin leben drei Generationen in zwei

Zimmern. Eigentlich ein Zimmer zu wenig und

eine Generation zu viel, findet die 21-jährige Englisch-Studentin

und freut sich, dass sie während

der Woche nicht bei Eltern und Großmutter lebt,

sondern im Uni-Wohnheim. Dort muss sie sich

zwar mit zwei Kommilitoninnen das Zimmer teilen.

Aber dafür sind sie sich einig, dass es höchste

Zeit ist, das Leben zu genießen.

„Über die Sache reden wir meist auf Englisch.

‚Kiss‘ sagen wir, ‚boyfriend‘ oder ‚I love you‘. Das

klingt modern und locker. Auf Chinesisch bringt

man das kaum über die Lippen. ‚Küssen‘ – vulgär,

eklig. Und erst ‚Ich liebe dich‘ – viel zu

schwer. Ich weiß nicht, ob meine Eltern das

jemals gesagt haben. Wenn, dann bestimmt nur

einmal.

An der Uni hat jetzt fast jeder einen boyfriend

oder girlfriend. Wenn man abends durch den Park

geht, findet man kaum eine freie Bank, und hinter

jedem Baum wird getuschelt. Offiziell ist das

zwar verboten, aber die Lehrer können sich ja

auch denken, warum die Bibliothek immer so

gerammelt voll ist –

weil man halt nicht immer

in sein Zimmer kann … na, deshalb eben.

Wir genießen das Leben, so sehr wir können.

Denn vor der Uni haben

wir ziemlichen Horror.

Als Schüler hast du nur einen einzigen Fixpunkt

im Leben – die Uni-Prüfung. Wer die besteht, hat




es geschafft; wer nicht an die Uni kommt, ist

ein Versager, denn ohne Studium findest du nie

einen ordentlichen Job. Deswegen bekommst

du als Schüler natürlich von allen Druck. Am

Ende des Schuljahres dürfen die Guten an eine

bessere Schule, die Schlechten steigen ab. Und die

Eltern drängeln und zerren die ganze Zeit an dir

herum, hier noch ein Kurs, dort noch eine Nachhilfestunde,

und wenn es Krach gibt, machen sie

dir ein schlechtes Gewissen, weil du ja das einzige

Kind bist, die ganze Hoffnung der Familie …

Aber jetzt ist die beste Zeit. Viele sagen, dass

Studenten die reichsten Menschen sind, weil sie

immer Geld von ihrer Familie und ihren Großeltern

bekommen, weil die so stolz sind. Ich

glaube, das stimmt. Meine Eltern sind wahnsinnig

sparsam, aber ich durfte mir einen Computer

kaufen, kann Karaoke singen gehen und shoppen

gehen. Das Dumme ist nur, dass man jetzt

schon weiß, dass vielleicht bald wieder alles vorbei

ist. In ein paar Jahren sind meine Eltern alt,

und dann wollen sie, dass ich wieder bei ihnen

wohne und mich um sie kümmere. Das kann was

werden. Zum Glück bin ich unter einem guten

Stern geboren, am 26. Dezember. Das ist der

Geburtstag von Mao Zedong, und der konnte ja

auch ziemlich was aushalten.“

Zhang Qixin


Waidiren – Wanderarbeiter

Jing Tou sucht sein Glück in der Fremde. Er ist

einer von schätzungsweise 200 Millionen Wanderarbeitern,

die derzeit vom armen Hinterland

Zentral- und Westchinas in die Boom-Zentren

drängen. Vor elf Jahren, er war gerade 17 Jahre alt,

verließ Jing sein Heimatdorf in den Bergen der

Provinz Anhui, um im 1000 Kilometer entfernten

Peking Arbeit zu suchen. Er jobbte im Straßenund

Hochhausbau, als Laufbursche, Lastenträger,

Straßenhändler und Handwerker. Heute verdient

er umgerechnet 70 US-Dollar im Monat; nach

Pekinger Maßstäben wenig, aber auf dem Land ein

stattliches Einkommen.

„Wenn ich nach Hause komme, schaut mein

kleiner Sohn mich an wie einen Fremden. Er ist

schon sechs, aber wir sind nur einmal im Jahr

zusammen, zum Frühlingsfest, zwei oder drei

Wochen. Die


ersten Jahre haben sich meine

Eltern um ihn gekümmert, aber jetzt sind sie

nicht mehr so gesund. Meine Mutter brauchte

vergangenes Jahr

eine Operation im Kreiskrankenhaus,

die fast unsere ganzen Ersparnisse aufgezehrt

hat. Da hat dann meine Frau ihren Job

als Haushaltshilfe aufgegeben und ist zurück ins

Dorf gegangen. Ich muss für alle sorgen.

Auf dem Land kannst du nichts verdienen. Ab

und zu gibt es

ein paar kleine Handarbeiten für

die Frauen. Uhrarmbänder zusammensetzen oder

Plastik-Kabel aufschmoren, um das Metall herauszuholen.

Eine Zeit lang haben viele Familien


Feuerwerkskörper gemacht, aber dann ist irgendwo

in der Gegend mal ein Haus in die Luft

Jing Tou

gegangen, und dann wurde das verboten. Die

Landwirtschaft reicht so gerade für den Eigenbedarf,

vor allem weil der Boden so schlecht ist.

Dabei war die Gegend früher wohl mal sehr

fruchtbar. Aber während der Kulturrevolution

wurden die Berghänge alle abgeholzt, um neue

Felder anzulegen. Inzwischen hat der Regen alle

fruchtbare Erde von unserem Feld ins Tal gespült.

Deswegen bleibt uns Jungen gar nichts anderes

übrig, als in die Stadt zu gehen. Jammern hilft

ja nicht. Meistens fahren wir gemeinsam und

arbeiten auch zusammen. Da weiß man, dass

man den anderen vertrauen kann. Und außerdem

mögen wir alle das gleiche Essen. Wir haben jetzt

einen kleinen Handwerkertrupp und machen

Innenausbau. Das Gute daran ist, dass die Arbeit

nicht zu hart ist und man auf der Baustelle schlafen

kann. Also drinnen.“


Menschen Text: Bernhard Bartsch Foto: Ricky Wong McK Wissen 10 Seiten: 34.35


Houmen – Hintertür

Um es in China zu etwas zu bringen, muss man erst mal raus, fand Luo Sizhe und wollte zum Studium

nach Europa. Leichter gesagt als getan. Obwohl jährlich zehntausende chinesischer Studenten ins

Ausland reisen, gibt es weder allgemein zugängliche Informationen noch einheitliche Verfahren oder

verlässliche Anlaufstationen. Stattdessen versuchen meist zweifelhafte Vermittlungsorganisationen mit

der Unwissenheit der Studenten Geld zu verdienen. Dass Luo, 21, heute trotzdem im nordenglischen

Blackpool lebt, verdankt er seinem Talent, die Agenturen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen –

wobei er vielleicht mehr über das Geschäftsleben gelernt hat als bei seinem Wirtschaftsstudium.

„Mit dem Reisepass fing es schon an. Das war noch zu Schulzeiten. Um einen Pass zu beantragen,

brauchte ich die Zustimmung von meinen Eltern, Lehrern und allen möglichen Behörden, und überall

musste ich ausführlich erklären, was ich überhaupt im Ausland wollte. Was sollte ich schon wollen:

studieren, reisen, die Welt kennen lernen. Die meisten konnten das verstehen, nur der Schulleiter

stellte sich quer: ‚Studier’ erst einmal in China, und dann sehen wir weiter.‘ Thema beendet.

Aber wenn man nicht locker lässt, gibt es immer ein Hintertürchen. Ich fand heraus, dass der Schulleiter

sein Amtssiegel zum Aufbewahren einem Lehrer anvertraute, dessen Frau einen kleinen Kiosk

betrieb. Sie war eine ziemliche Furie, keiner kaufte gern bei ihr ein, was sie natürlich noch grantiger

machte. Also habe ich angefangen, so viel von ihr zu kaufen, bis sie mich gut leiden konnte. Und

irgendwann ließ sie dann ihren Mann antreten, um mir meinen Passantrag abzustempeln.

Das war in Chongqing, ich war 17. Eigentlich ist Chongqing eine riesige Stadt, zehn Millionen Menschen

oder so. Aber wie man ein Auslandsstudium organisiert, weiß dort keiner, meine Eltern schon

gar nicht. Also bin ich nach Peking gefahren, allein, mit meinem Pass und einem Rucksack voller

Bargeld, ein Großteil des Familienvermögens.

Das Problem ist: In Peking gibt es zwar viele Leute,

die dir helfen können, aber keiner tut es umsonst. Jede Information kostet Geld, aber ob sie richtig

oder falsch ist, weißt du nie. Die erste Firma hat mir mein Geld abgenommen, mir einen Studienplatz

in Deutschland versprochen, mich zum

Deutschkurs geschickt. Und dann warten lassen. Ein

Jahr lang Versprechungen. Am Ende habe ich mein Geld nur zurückbekommen, weil ich ein paar

schmutzige Details über den Laden herausgefunden habe. Damit konnte ich sie erpressen.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Im Himmel gibt es Gesetze, aber auf der Erde gibt es immer

einen Weg, sie zu umgehen. Wenn das nicht stimmen würde, säße ich wahrscheinlich immer noch

in Peking herum. Und weißt du was? Das wäre gar nicht so schlecht. Denn so toll, wie ich immer


gedacht habe, ist England nun auch nicht. Ja, London ist super, aber der Rest? Kleine Häuser, Straßen

mit Schlaglöchern, Städte, in denen sonntags tote Hose ist – da sind wir in Peking viel weiter.“


„Das Problem ist: In Peking gibt es zwar viele Leute,

die dir helfen können, aber keiner tut es umsonst.

Jede Information kostet Geld, aber ob sie richtig oder

falsch ist, weißt du nie.“ Luo Sizhe


Biantai – Pervers

Den Plot für seinen Film „Blinder Schacht“ hatte

Regisseur Li Yang aus der Zeitung: Zwei Kohlekumpel

erschlagen einen Kollegen und tarnen den

Mord als Unfall, um die Grubenverwaltung wegen

mangelnder Sicherheitsvorkehrungen zu erpressen.

Aus Angst vor einer behördlichen Untersuchung

bezahlen die Minenbesitzer Schweigegeld. Die

beiden Halunken werfen die Urne auf den Müll,

überweisen das Geld an ihre Familien, machen sich

einen wilden Abend mit Schnaps und Huren und

ziehen dann weiter zur nächsten Mine, zum nächsten

Mord. „Blinder Schacht“ gewann unter anderem

einen Silbernen Bären für eine künstlerische

Leistung auf der Berlinale 2003. In China darf der

mit Laienschauspielern und deutsch-hongkonger

Finanzierung gedrehte Film bisher nicht öffentlich


aufgeführt werden.


„Dass mein Film in China nicht in die Kinos

kommt, war zu erwarten. Ich hatte ja nicht einmal

eine offizielle Drehgenehmigung, sondern bin

monatelang durch die Provinzen gereist, um eine

Mine zu finden, die mein Projekt unterstützt.

Politisch ist die Situation in den Kohlebergwerken

ein heißes Eisen;

immer wieder gibt es Demonstrationen

wegen Grubenunglücken, Massenentlassungen

und Korruption. Und Geschichten wie

in ‚Blinder Schacht‘

kann man jeden Tag in der

Zeitung lesen.

Das ist ja auch kein Wunder. Man muss sich mal

vorstellen, wie das Leben in den vergangenen

Jahren durcheinander gewirbelt worden ist. Ende

der Achtziger wurden wir noch von vorn bis

hinten bemuttert. Essen, Wohnung, Schule, Krankenhaus,

Hochzeit – alles war organisiert, zwar

auf niedrigem Niveau, aber für alle gleich. Und

plötzlich heißt es: Schluss! Aus! Ab jetzt muss

sich jeder um sich selbst kümmern. Kalte Dusche.

Das hatten wir doch nie gelernt.

Für die Südchinesen und Schanghaier war das

vielleicht eine Befreiung; die haben seit Jahrhunderten

das Geschäftemachen im Blut und landen

eh immer auf den Füßen. Aber die anderen? Die

müssen sich halt irgendwie durchkämpfen. Und

wenn du erst mal richtig Hunger hast, weicht die

Grenze zwischen Gut und Böse langsam auf, so

ist der Mensch nun mal. Deswegen sind die

beiden Mörder aus ‚Blinder Schacht‘ eigentlich

ganz sympathische Kerle, die ihrem unwissenden

Opfer sogar eine Prostituierte spendieren, weil er

noch Jungfrau ist. Sie wollen ihn zwar ermorden,

aber ihn um sein erstes Mal zu betrügen, bringen

sie nicht übers Herz.

Um solche Widersprüche kommst du in China

nicht herum, weder im Großen noch im Kleinen.

Wenn es in einer Gesellschaft so hoch hergeht,

findest du kaum die Balance. Früher hatten wir

zu viel Sozialismus, heute haben wir zu viel

Kapitalismus, sogar viel mehr als im Westen. Ich

glaube, wenn die Chinesen nicht so pragmatisch

wären, würde das alles nicht gut gehen.

Ein Glück, dass es in China letztlich egal ist, ob

die Herrscher im Namen des Kaisers, des Kommunismus

oder der Demokratie regieren. Solange

das System halbwegs funktioniert, sind die

Menschen zufrieden. Denn was nutzen schon

ideelle Werte? In fast 5000 Jahren Geschichte

hat es bei uns dutzende Kriege um Essen gegeben,

aber nicht einen Glaubenskrieg. Wenn im

alten China ein Kind krank wurde, gingen die

Eltern zuerst zum Arzt, und wenn das nichts

nützte zum Tempel, und zwar der Reihe nach

zum taoistischen, buddhistischen, konfuzianischen

und was es noch so gab. Denn man kann ja nie

wissen, welcher Gott der richtige ist.

Und weil in China alles so pragmatisch ist, kann

ich mir sogar vorstellen, dass mein Film auch

vielen Politikern gefällt, selbst wenn sie das nicht

öffentlich sagen wollen. Die Kader haben ein spezielles

Ritual, um sich gesperrte Filme anzusehen:

Sie veranstalten eine Kritiksitzung, auf der sie sich

gemeinsam über all die ungesunden Gedanken

und nackten Frauen echauffieren. Und normale

Menschen können ‚Blinder Schacht‘ zu Hause

anschauen. Man kriegt ihn an jeder Straßenecke

als raubkopierte DVD.“

Li Yang


Menschen Text: Bernhard Bartsch Foto: Ricky Wong McK Wissen 10 Seiten: 36.37

Wu Qing


Zhengzhi – Politik

Seit 20 Jahren sitzt Wu Qing als Abgeordnete im

Volkskongress, obwohl sie nicht Mitglied der Kommunistischen

Partei ist. Die 67-jährige ehemalige

Amerikanistik-Professorin ist Pekings prominenteste

Aktivistin für die Rechte und den Schutz

sozial schwacher Gruppen.

Zu ihren größten Erfolgen gehört die Einführung

neuer Gesetze, die Kindern von Wanderarbeitern

in Peking Anrecht auf einen Schulplatz zugestehen.

Wu Qing ist Vorsitzende des Chinese Women’s

Health Network und Präsidentin der Women’s

World Summit Foundation in Genf. 2001 erhielt

sie den philippinischen Ramon-Magsaysay-Preis

für Öffentlichen Dienst, der auch als „Asiatischer

Friedensnobelpreis“ bezeichnet wird.

„Im Stadtparlament habe ich den Spitznamen

‚die Abgeordnete mit der Verfassung‘. Ich trage

nämlich immer die Verfassung mit mir herum

und lese bei jeder Gelegenheit daraus vor. Zum

Beispiel Artikel zwei: ‚Alle Macht in der Volksrepublik

China geht vom Volke aus.‘ Oder Artikel

fünf: ‚Keine Organisation oder Person steht

über der Verfassung oder dem Gesetz.‘ Damit

gehe ich vielen Leuten auf die Nerven. Besonders

Politikern. Aber da muss ich durch. Denn wo

kommen wir denn da hin, wenn man nicht einmal

Politikern die Gesetze vorlesen darf?

Das größte Problem ist: Demokratie, Freiheit

oder Überwachung des Staates waren noch nie

Teil unserer Kultur. Konfuzius sagt: ‚Der Herrscher

soll sein wie ein Herrscher und der Untertan

wie ein Untertan; Vater sei Vater und Sohn

sei Sohn.‘ Jeder muss wissen, wo er hingehört

und wie er sich zu benehmen hat. 2400 Jahre

feudalistischer Denkweise – wie will man den

Menschen denn da erklären, was eine moderne

Gesellschaft ist?

Verantwortung, Rechtsstaat, Bürgerrechte, Bürgerpflichten

– damit kann hier kaum jemand

etwas anfangen. Das ist gar nicht die Schuld der

Kommunistischen Partei, zumindest nicht heute.

Aber die Denke, die sitzt fest und hindert uns

daran, auf die nächste Stufe zu kommen.

Ich erzähle Ihnen ein einfaches Beispiel: Im vergangenen

Sommer bekam ich einen Anruf aus

einem Dorf außerhalb von Peking. Dort hatten

die Menschen schon seit Wochen kein Trinkwasser

mehr. Eigentlich eine rein technische

Angelegenheit, die das Wasseramt einfach hätte

lösen können. Aber die Menschen haben Angst

vor der Behörde, und die Behörde reagiert nur

auf Druck von oben, nicht von unten. Und so

mussten die Dorfbewohner irgendeinen politischen

Kontakt finden, der für sie die Fäden zieht.

Wie will man denn so einen modernen Staat

führen?

Am hilflosesten sind – wie so häufig – die Frauen.

Vor allem auf dem Land sind die Analphabetenrate

und die Selbstmordquote bei Frauen gewaltig.

Deswegen habe ich vor fünf Jahren in Peking

eine Schule gegründet, in der Frauen vom Land

ein wenig Bildung nachholen können, bevor sie

sich in der Stadt einen Job suchen. Sie lernen

lesen, schreiben, rechnen und ein paar handwerkliche

Fähigkeiten, nähen oder Haare schneiden.

Und wir machen ihnen klar, welchen Versuchungen

und Gefahren sie begegnen werden

und wie man sich in der Arbeitswelt zurechtfindet:

dass man einen Vertrag abschließen muss,

wie man ihn liest, was für Rechte man sonst hat.

Tropfen auf den heißen Stein? Ich sehe es eher

wie Regen. Wenn es aus Kübeln schüttet, spült

das Wasser die Erde weg, aber wenn es langsam

nieselt, kann das Wasser in den Boden eindringen

und dafür sorgen, dass die Pflanzen Wurzeln

schlagen, wachsen und blühen. Das braucht zwar

bestimmt noch tausend Jahre. Aber Evolution

funktioniert trotzdem besser als Revolution.“


Makesi – Marx

Keine Stadt nutzte die Freiräume der Wirtschaftsreformen schneller und effektiver als das südchinesische

Wenzhou. Noch bevor Schanghai von der Parteizentrale zum nationalen Fortschritts-Symbol ausgebaut

wurde, blühte in dem Küstenort die Konsumgüter-Industrie und bescherte den Bewohnern den

Ruf, Chinas cleverste Unternehmer zu sein. Auch Fan Qiangming fand eine Marktnische. Er kündigte

seinen Lehrerjob und widmet sich seit 20 Jahren der Verbreitung des Marxismus. Unterstützt vom

Wenzhouer Geldadel, gründete er in Peking Chinas erstes privatwirtschaftliches Karl-Marx-Museum.

Ich weiß: Für viele Menschen ist der Marxismus passé. Aber das ist falsch. Der Sozialismus hat

bestimmt seine Sackgassen und Irrtümer gehabt, aber Marx ist immer noch der kühnste und scharfsinnigste

Vordenker der Moderne.

Ich selbst bin Anfang der Achtziger auf

Marx gekommen. Das waren die wilden Jahre der Öffnungspolitik,

alles ging durcheinander. In der Kulturrevolution wurde man schief angeschaut, wenn

man ‚ich‘ statt ‚wir‘ sagte, und plötzlich war ‚ich‘ wieder in, und jeder musste für sich selbst kämpfen.

Wie sollte man sich da verhalten?

Wie konnte man wissen, was gut und schlecht ist? Dann

fielen mir zufällig Marx’ Schriften in die Hände, und auf einmal war da jemand, der mich verstehen

konnte: den Druck, die Verunsicherung. Jemand, der selbst arm war, aber trotzdem ein großer Philosoph

wurde; einer, der den Menschen zeigte, wie man sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt.


Da habe ich beschlossen, Marx’ Werk fortzusetzen.

Weil ich Parteimitglied bin, kam ich ans Wenzhouer Institut für Sozialwissenschaften. Ich fing an,


Vorträge in Schulen und Fabriken zu halten. Ich gab eine Zeitung heraus, erstellte Lehrmaterialien,

schrieb Bücher. Inzwischen betreibe ich sogar ein Marxismusportal, Redworld. Verstehen Sie mich

nicht falsch: Ich will keine Revolution.

Die Zeiten sind vorbei. Aber ich will, dass die Menschen

wissen, wie viel Marx ihnen auch heute noch geben kann. Deswegen gründete ich vor drei Jahren in

Peking ein Marx-Museum und ein Institut für Innovation. Marx hätte gewollt, dass wir uns damit

beschäftigen. Dort sammle ich alle Bücher, die das Wort Innovation im Titel haben, und ordne sie

nach 26 Rubriken – von A bis Z. Das hat vor mir noch niemand gemacht. Die Themen umfassen

marxistische Innovation, kulturelle Innovation oder Unternehmens-Innovation. Viele Bücher sind

von modernen Managern wie Jack Welch, Warren Buffett oder George Soros. Wenn Marx heute

leben würde, wäre die Globalisierung bestimmt sein Hauptthema. Im Moment sind wir noch klein,

aber man muss nach vorne denken. So plane ich eine mehrteilige Fernsehdokumentation. Das Drehbuch

ist fertig, nur das Kapital fehlt noch. Die Moderation will ich zusammen mit Marx’ Ur-Urenkel

machen. Ich habe ihn noch nicht gefunden, aber im Internet steht, dass er Taxifahrer in London ist.

Wir fahren dann zusammen um die ganze Welt, von Trier bis nach Peking. Das wird schön.“

„Ich plane eine mehrteilige Fernsehdokumentation.

Das Drehbuch ist fertig, nur das Kapital fehlt noch. Die

Moderation will ich zusammen mit Marx’ Ur-Urenkel

machen. Ich habe ihn noch nicht gefunden, aber im

Internet steht, dass er Taxifahrer in London ist. Wir fahren

dann zusammen um die ganze Welt, von Trier bis nach

Peking. Das wird schön.“ Fan Qiangming


Menschen Text: Bernhard Bartsch Foto: Ricky Wong McK Wissen 10 Seiten: 38.39

Zhang Meng


Kexue – Wissenschaft

Als dem Leben sein Geheimnis abgerungen wurde,

war Zhang Meng mit dabei. Drei Jahre lang

arbeitete er mit anderen Genforschern in Peking

an Chinas Beitrag zum Humangenomprojekt. Sie

entschlüsselten ein Sechstel von Chromosom 3 –

rund ein Prozent der gesamten Sequenzierungsmasse

von rund 3,2 Milliarden Basenpaaren. Ein

kleiner Anteil, aber

dennoch eine große Leistung,

denn den Chinesen stand nur ein Bruchteil der

Erfahrung, Finanzierung und Technologie zur

Verfügung, die ihre

Kollegen aus den USA, Großbritannien,

Frankreich, Deutschland und Japan

hatten. Nun hat die Genforschung den Kampf mit

Erbkrankheiten und


Krebs aufgenommen, und

Zhang Meng will diesmal nicht nur Ruhm, sondern

auch Geld verdienen. In seinem kürzlich


gegründeten Institut forscht er an gentechnisch hergestellten

Krebsmedikamenten und berät internationale

Biotechfirmen auf dem chinesischen Markt.


„Eines mal vorneweg. Sie hören von mir nichts

Unethisches oder Rechtswidriges. Gentechnik ist

heikel, vor allem, wenn man darüber redet.

Keine andere Wissenschaft macht den Menschen

gleichzeitig so viel Hoffung und so viel Angst.

Damit spielt man nicht.

Trotzdem ist es damit ein bisschen wie mit Kunst.

Wissenschaft inspiriert, fordert, zeigt Grenzen

und verführt dazu, sie zu überwinden. Ich selbst

bin zur Gentechnik gekommen wie viele Künstler

zur Kunst: durch Depression. Ich hatte Medizin

studiert und merkte: Das reicht einfach nicht.

Damit kommen wir nicht weiter. So habe ich

Biochemie studiert und wurde 1998 als Doktorand

von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften

ausgewählt, am Humangenomprojekt

mitzuarbeiten. Drei Jahre lang haben wir

14 Stunden am Tag geschuftet – das war unser

persönlicher Preis, um mit zur Weltspitze zu

gehören.

Doch jetzt wird es erst richtig spannend. Denn

mit der Gen-Landkarte fängt Biotechnologie ja

erst so richtig an – und erstmals gibt es eine moderne

Wissenschaft, bei der China von Anfang an

vorne mit dabei ist. Denn Biotechnologie wird in

China an den Universitäten wahnsinnig gefördert,

wir haben zehntausende von Forschern und

noch dazu Gesetze, die Biotechnologie-Firmen

das Leben ziemlich einfach machen.

Ich bin nach dem Humangenomprojekt direkt in

die Wirtschaft gegangen, zu einer amerikanischen

Firma, die in China Forschung für gentechnisch

hergestellte Medikamente macht. Dafür gibt es

kaum einen besseren Standort als China, vor

allem für klinische Tests. Man muss vorsichtig

sein, wie man das formuliert. Vielleicht so: China

hat die meisten Menschen und die meisten Kranken.

Außerdem ist China arm und kann sich kein

westliches Sozialsystem leisten, wo jeder Mensch

automatisch erstklassige medizinische Ver-


sorgung bekommt. Und dann gibt es Konzerne,

die entwickeln die modernsten Therapien. Sie

merken, worauf das hinausläuft?

Vergangenes Jahr, in der SARS-Zeit, haben wir

im Unternehmen eine gentechnische Diagnose

entwickelt. Damals habe ich mir mit ein paar

Freunden aus der Branche gedacht: Das können

wir auch selber. Deswegen haben wir jetzt ein

eigenes Start-up gegründet, für ganz spezialisierte

Forschungsprojekte. Wir sind noch ganz

klein, nur zehn Leute und wenige hunderttausend

Dollar Investment. Aber wir müssen ja erst

mal lernen, wie man für den Markt forscht. Wissenschaft

schafft Wissen, das können wir schon.

Aber die nützlichen Entwicklungen entstehen in

der Industrie. Und natürlich auch das große

Geld.“

„Jetzt wird es erst richtig

spannend. Denn mit der

Gen-Landkarte fängt

Biotechnologie ja erst so

richtig an – und erstmals

gibt es eine moderne

Wissenschaft, bei der China

von Anfang an vorne mit

dabei ist.“ Zhang Meng


Baofahu – Neureich

Autos sind in China mehr als ein Statussymbol. Über sein Auto definiert man sich selbst – seinen Reichtum,

seine Stellung, seinen Stil. Edward Zongs Kunden sind in jeder Hinsicht ganz vorn mit dabei:

Er verkauft Porsches und kann sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Denn Porsche hat

seinen ersten chinesischen Showroom dort gebaut, wo Chinas Reiche und Mächtige zusammen essen,

saunieren und Tennis spielen: im Changan-Club, wenige hundert Meter vom Platz des Himmlischen


Friedens entfernt. Zong selbst fährt einen in Peking hergestellten Jeep. Eine Stunde steht er jeden

Morgen im Stau. U-Bahn wäre schneller. Kommt aber nicht in Frage.


„Vergangenes Jahr hatte ich den besten Urlaub meines Lebens. Autourlaub. Eine Woche sind wir

durch die Innere Mongolei gefahren, fast 3000 Kilometer, an einem Tag sogar 14 Stunden. Man

muss sich um nichts kümmern – Hotels, Strecke, Essen ist alles organisiert. Man muss nur fahren,

im Konvoi, 20 Autos hintereinander.

Meistens sind die Autos gemietet, damit alle das gleiche haben und keiner sich schlechter fühlt. Denn

normalerweise ist es ja so: Ob meine Wohnung groß ist oder klein, spielt keine Rolle, ob meine

Rolex echt oder falsch ist, merkt eh niemand. Aber am Auto darf nicht gespart werden. Ein

Geschäftsmann, der nicht im eigenen Auto herumfährt, kann gleich einpacken. Und das muss dann

natürlich auch jeder sehen: Wenn man einen

Termin hat oder mit Freunden verabredet ist, ruft man

meistens kurz vorher an und sagt: ‚Du, ich sitze hier gerade im Auto und finde keinen Parkplatz.

Komm doch kurz mal runter und hilf mir.‘

Ich glaube, das ist eine historische Sache. In der Kaiserzeit konnten sich die Beamten und Reichen

in Sänften durch die Gegend tragen lassen, während die einfachen Leute zu Fuß gehen mussten.

Später kamen dann die Fahrräder: Die Straßen waren gähnend leer, nur ab und zu brauste die

Limousine von einem hohen Kader vorbei. Selbst einmal am Rest der Welt vorbeigleiten – das ist

ein alter Traum.

Manchmal tun mir meine Kunden Leid. Die kaufen sich so ein tolles Auto, und dann können sie es

gar nicht richtig ausfahren. Aber für reiche Leute gibt es inzwischen auch Autourlaube: Autobahntourismus

in Deutschland. Der Reiseveranstalter besorgt internationale Führerscheine, lässt die

Touristen nach Frankfurt fliegen und stellt ihnen verschiedene Sportwagen und Limousinen zur

Verfügung. Damit brausen sie dann über die Autobahn, nach Heidelberg, Hamburg, Berlin, Neuschwanstein

und in den Schwarzwald – alles in einer Woche.“

„Ob meine Wohnung groß ist oder klein, spielt keine

Rolle, ob meine Rolex echt oder falsch ist, merkt

eh niemand. Aber am Auto darf nicht gespart werden.

Ein Geschäftsmann, der nicht im eigenen Auto

herumfährt, kann gleich einpacken.“ Edward Zong


China-Strategie Text: Tomas Koch McK Wissen 10 Seiten: 40.41

6

If you can make it there ...

Auf nach China? Ins gelobte Land? Vorsicht, meint McKinsey-Partner Tomas Koch. Der Markt, der große wie kleine

Unternehmen aus aller Welt lockt, bietet nicht nur Chancen. Asien kann gefährlich sein. Für all jene, die sich vor

einem Umzug nicht intensiv mit dem Markt und seinen Besonderheiten beschäftigen. Und für alle, die hier bleiben.


Bis vor zwei, drei Jahren schien Asien für die meisten Unternehmer

hier zu Lande nicht besonders interessant. Die asiatische Finanzkrise 1997

hatte den einstigen Hype schnell und nachhaltig abgekühlt. Jetzt ist der

Markt wieder en vogue, Unternehmer aus dem Westen sind euphorischer

als je zuvor. Und Asien ist neuerdings gleichbedeutend mit China.

Erstaunlicherweise verbinden die meisten den chinesischen Markt ausschließlich

mit Wachstum. 94 Prozent aller Unternehmen, die das Delegiertenbüro

der Deutschen Wirtschaft kürzlich in Schanghai nach dem

Ziel ihrer Investitionen in China befragte, nannten den Zugang zu künftigen

Märkten als wichtigsten Grund. Weniger als die Hälfte der 243

befragten Unternehmen (46 Prozent) hielten die niedrigen Herstellungskosten

oder die Notwendigkeit, großen Kunden zu folgen (42 Prozent),

für bedeutsam. Tatsächlich ist China nicht zuletzt aus diesem Grund

relevant: Das Land bedroht auch das Geschäft in der Heimat.

Gehen oder bleiben – das sind die strategischen Optionen. Wer übers

Gehen nachdenkt, sollte sich darüber im Klaren sein, dass allein die Entscheidung,

in China zu produzieren, noch keine Strategie ist. Es gibt

ohnehin kein bewährtes Konzept für eine Erfolg versprechende China-

Strategie. Wer sich vor Ort engagieren will, muss die spezifische Struktur

seiner Branche analysieren und sehr genau die unterschiedlichen Märkte

kennen, um danach für einzelne Produkte oder Geschäftsbereiche die

jeweils richtige Markteintrittsstrategie zu definieren.

Wer denkt, der chinesische Markt sei nicht attraktiv und daher kein Thema,

der sollte sich fragen, was wohl geschieht, wenn Kunden in Europa oder

in den USA nach China abwandern, weil sie dort billiger produzieren?

Je nach Branche hat der Lieferant keine Wahl: Er muss seinen Kunden

folgen. Beispiel Textil-Industrie. Alle großen Player sitzen inzwischen in

China oder in anderen Niedriglohnländern – in Europa ist die Industrie

nahezu ausgelöscht. Ein ähnlicher Trend zeichnet sich in der Elektronikindustrie

(bei TV-Geräten, DVD-Playern etc.) ab.

Unternehmen können zwischen den zwei strategischen Optionen entscheiden:

bleiben oder gehen. Am Beispiel der chemischen Industrie werden

die Folgen der strategischen Wahl deutlich. Für den Fall, dass das

Unternehmen bleibt, um weiterhin in Deutschland zu produzieren, muss

klar sein, dass über kurz oder lang nicht alle Produkte nach China transportiert

und verkauft werden können. Die Transportkosten stehen in

keinem Verhältnis zum erzielbaren Preis. Bei einzelnen Produkten der chemischen

Industrie liegen die Kosten inklusive Zölle und Transport bei

bis zu 40 Prozent der Herstellkosten. Der Kunde

in China fährt immer besser, wenn er vor Ort

einkauft oder selbst produziert. Nicht nur, weil

er die Logistikkosten spart: Für Produkte in der

Spezialchemie kann man in China von etwa drei

Prozent Arbeitskosten ausgehen – in Europa oder

in den USA von rund 30 Prozent.

Die absehbare Folge: Die Nachfrage bei den Abnehmern

in China geht zurück, die Firma wird

Kunden verlieren und die heimischen Anlagen

immer schlechter auslasten können. Spätestens

dann wird sich die Standortfrage stellen. Schlimmer

noch: Der chinesische Wettbewerber wird

in den heimischen – und in alle anderen Märkte

vordringen. Mit Preisen, bei denen die Deutschen

nicht mithalten können. Die Vorboten sind schon

heute spürbar. Auf Messen für Feinchemie

stammt in der Regel rund ein Drittel der Aussteller

aus China, ein weiteres Drittel aus Indien.

Und ihre schiere Anwesenheit reicht aus, die

Preise der deutschen Lieferanten zu drücken.

Die Matrix (nächste Seite) verdeutlicht das Dilemma

und kann bei der Definition einer adäquaten

China-Strategie helfen:

Zwei Grundfragen entscheiden über Chance oder

Risiko. 1. Wie attraktiv ist der Markt (Größe,

Wachstum, Profitabilität)? 2. Handelt es sich um

ein global verfügbares Produkt, bei dem die Transportkosten

und Zölle im Vergleich zu den Herstellungskosten

niedrig sind, oder um ein lokales

Produkt? Das Chancen/Risiko-Profil sieht je nach

Unternehmen unterschiedlich aus. Für die großen

Chemie-Player ist das Verhältnis ungefähr 50

zu 50.


Segment 1: Der Markt ist nicht besonders attraktiv, die Transportkosten

sind hoch. Für Produkte in diesem Segment, beispielsweise Basis-Chemikalien

wie Wasserstoffperoxid oder Schwefelsäure, lohnt die Investition in

China nicht. Die chinesische Konkurrenz wird billiger und schneller sein.

Also: zu Hause bleiben.

Segment 2: Lokale Produkte (weil hohe Transportkosten), aber ein schnell

wachsender chinesischer Markt. Massenkunststoffe, aus denen Plastiktüten,

Teile von Spielzeugen, Telefonen oder Fernsehgeräten gefertigt werden,

fallen in diese Produkt-Kategorie. Wer das Geschäft betreibt, muss in

China präsent sein – nah beim Kunden, um schnell und kostengünstig liefern

zu können. Deshalb: am Wachstum teilhaben.

Segment 3: Ein globales Produkt und ein wenig attraktiver Markt. Teile

der Feinchemie für die pharmazeutische Industrie fallen beispielsweise

in diesen Bereich. Hohe Investitionen in Anlagen in China würden sich

momentan für deutsche Produzenten aufgrund des lokalen Marktes kaum

rechnen. Die pharmazeutische Industrie vor Ort ist noch nicht so entwickelt

wie in Europa oder in den USA, die Kunden lassen sich deshalb

aus der Alten Welt beliefern. Noch. Der chinesische Markt wird sich entwickeln,

die ersten Feinchemikalienhersteller bauen bereits Kapazitäten

auf und liefern durchaus wettbewerbsfähige Produkte. Deshalb heißt es

zunächst: erhöhte Wachsamkeit.

Segment 4: Globale Produkte und ein attraktiver Markt – hohe Investitionen

vor Ort könnten sich durchaus rechnen. Technische Kunststoffe, die

in der Elektronik- und Automobilindustrie eingesetzt werden, fallen in dieses

Segment. Und der chinesische Markt wächst rasant: Die Nachfrage vor

Ort wird auf absehbare Zeit um jährlich sechs bis acht Prozent wachsen,

in Nordamerika und Westeuropa ist mit höchstens zwei bis drei Prozent

Wachstum zu rechnen. Trotzdem drohen auch hier Gefahren: Chinesische

Produzenten sind längst dabei, sich auf die Bedürfnisse der ausländischen

Konzern-Niederlassungen im Land einzustellen. Ihre Produkte entsprechen

zunehmend internationalen Standards, so dass die chinesischen Unternehmen

mittelfristig nicht nur auf den lokalen, sondern auch auf internationalen

Märkten ernst zu nehmende Wettbewerber sein werden. Insbesondere

die etablierten Heimatmärkte europäischer und amerikanischer Lieferanten

sind bedroht. Das Segment ist „zweischneidig“.


China-Strategie Text: Tomas Koch McK Wissen 10 Seiten: 42.43

Fazit: Jedes Engagement in China sollte sehr sorgfältig geprüft werden. Und

über alle individuellen Besonderheiten hinweg gilt:

_Perfektionismus rechnet sich nicht. In Deutschland wird automatisiert,

weil die Arbeitskosten hoch sind. In China ist es umgekehrt, es lohnt sich,

die preiswerte Handarbeit zu nutzen. Wer sich daran hält, die ortsüblichen

Erfordernisse berücksichtigt und die Vorteile preiswerter Anlagenbauteile

nutzt, kann die Investitionskosten beispielsweise bei Spezialchemikalien

um bis zu 50 Prozent senken, ohne gegen Gesundheits-, Sicherheits- und

Umweltstandards zu verstoßen.

Gehen oder bleiben?

Die strategischen Optionen für ein Engagement in China

Chance

Global

Segment 3

Segment 4

_Das gilt auch für die Produkte: Die Wunderwerke deutscher Ingenieurskunst

finden in China nur in Sonderfällen Abnehmer. Die Chinesen werden

das Produkt möglicherweise lieben, aber kaufen werden sie es nicht.

Chinesische Konsumenten achten vor allem auf den Preis. Und gerade die

deutschen Firmen neigen dazu, beweisen zu wollen, was sie können – statt

danach zu fragen, was der Markt tatsächlich verlangt.

_Nicht nur in China, aber vor allem dort heißt die oberste Regel: lokales

Management. Ohne chinesische Führungskräfte hat ein deutsches Unternehmen

in Asien keine Chance. Bis das Management die Kultur mit all

ihren diffizilen Regeln auch nur ansatzweise verstanden hat, ist das Unternehmen

vielleicht schon in Schwierigkeiten geraten.

_Der Wettbewerber denkt anders: Chinesische Unternehmen haben in der

Regel keine Aktionäre, die auf hohe Renditen drängen. Die lokalen Unternehmer

geben sich mit deutlich niedrigeren Gewinnen zufrieden und konzentrieren

sich stattdessen auf Marktanteile und Wachstum.

Produktcharakteristika

„erhöhte Wachsamkeit“

Beispiel

u Feinchemikalien

Segment 1

„zu Hause bleiben“

Beispiel

u Basis-Chemikalien

„zweischneidig“

Beispiel

u Technische

Kunststoffe

Segment 2

„am Wachstum teilhaben“

Beispiel

u Massenkunststoffe

Bedrohnung

_Die Standortfrage ist deutlich komplizierter, als so mancher meint. Wie

soll der „Footprint“ in China tatsächlich aussehen? Um den asiatischen

Raum abzudecken: Welche Region muss unbedingt besetzt sein? China,

Japan oder Korea?

Lokal

So viel immerhin ist sicher: Wer es auf dem hoch kompetitiven chinesischen

Markt geschafft hat, wird sich auch auf dem Weltmarkt in einer

guten Position befinden.

Quelle: McKinsey

Niedrig

Asiens Marktattraktivität

Hoch


Interview John Thornton Text: Bernhard Bartsch Foto: Corbis / Reuters McK Wissen 10 Seiten: 46.47

7

Etwas für China tun

Er gab eine erfolgreiche Wall-Street-Karriere auf, um Professor in Peking zu werden. Im Interview erklärt

John Thornton, warum das eine der besten Entscheidungen in seinem Leben war und wie er den chinesischen

Führungsnachwuchs auf seine schwierigen Aufgaben vorbereitet.


Ein Pionier war John Thornton schon immer. Für die Investmentbank Goldman Sachs erschloss er

in den achtziger Jahren den europäischen und in den Neunzigern den asiatischen Markt.

1999 stieg Thornton mit nur 45 Jahren zum President und Joint Chief Operating Officer auf. An der

Wall Street stellte man sich darauf ein, noch viel von ihm zu hören.

Genauso kam es – und doch ganz anders. Im Juli 2003 kündigte Thornton bei Goldman Sachs

und ging als Professor nach China. An der renommierten Pekinger Tsinghua Universität unterrichtet

er jährlich 50 handverlesene Studenten in Global Leadership. Damit erhielt Thornton als erster

Ausländer seit der Gründung der Volksrepublik 1949 einen Lehrstuhl an der berühmten Elite-

Hochschule, die traditionell nicht nur Chinas beste Ingenieure und Naturwissenschaftler ausbildet,

sondern auch mehr Top-Politiker hervorgebracht hat als jede andere chinesische Universität.

Neben seiner Professur an der Tsinghua sitzt John Thornton im Beraterstab der chinesischen Börsenaufsicht,

China Securities Regulatory Commission. In den USA ist er Verwaltungsratsvorsitzender

der renommierten Brookings Institution, Washingtons wichtigstem außenpolitischen

Think Tank. Außerdem ist er Chinaberater der Yale University und Mitglied der Aufsichtsräte

von Ford, Intel, British Sky Broadcasting und der Pacific Century Gruppe. Auch Goldman Sachs

blieb er zumindest als Berater erhalten.

McK:

Thornton:

McK:

Thornton:

Professor Thornton, an der Wall Street haben Sie ein Jahresgehalt von rund

zehn Millionen US-Dollar bezogen; jetzt unterrichten Sie in China ohne

Gehalt. Von den immateriellen Vergütungen müssen Sie sich ja einiges

versprochen haben.

Ich habe mich darauf gefreut, eine Menge zu lernen: über China und über

die junge Generation, die das Land einmal führen wird. Ich wollte herausfinden,

welche Gedanken sie sich über China und seine zukünftige Rolle

in der Welt machen, und ihnen bei diesem Prozess ein wenig helfen.

Würden Sie die Entscheidung heute wieder treffen?

Ganz gewiss. Nach China zu kommen war zweifellos eine der besseren

Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

Meine Erwartungen sind weit übertroffen worden: Ich habe großartige

Studenten; ich lebe in einer Kultur, von deren Tiefe, Komplexität und

Denkstrukturen man unendlich viel lernen kann, und ich trage etwas dazu

bei, dass China sich in eine gute Richtung entwickelt. Das alles ist ungeheuer

erfüllend.


McK:

Thornton:

McK:

Thornton:

Die Tsinghua ist beileibe nicht Ihr erster Kontakt mit China. Als Sie für

Goldman Sachs das China-Geschäft aufgebaut haben, hatten Sie mit zahlreichen

chinesischen Politikern und Spitzenmanagern zu tun. Dass Sie sich

heute dazu berufen fühlen, in China Global Leadership zu unterrichten,

entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Sie hatten offenbar den Eindruck, dass

Chinas künftige Führungselite noch viel dazulernen muss.

Aber das müssen wir doch alle. Und Chinas Führungsgeneration von morgen

steht vor Problemen, deren Größe und Komplexität man unmöglich

unterschätzen kann. Sie muss dafür Lösungen finden, die nicht über den

Frieden und Wohlstand in China entscheiden, sondern die ganze Welt beeinflussen.

Je besser die künftigen Entscheidungsträger auf ihre Aufgaben

vorbereitet werden, je differenzierter sie zu denken lernen und je bedachter

sie vorgehen, umso besser.

Wie unterscheiden sich die jungen Eliten von den alten?

Die Jungen sind natürlich vor einem ganz anderen Hintergrund sozialisiert

worden und denken dementsprechend auch anders. Meine Studenten


Interview John Thornton Text: Bernhard Bartsch McK Wissen 10 Seiten: 48.49

McK:

Thornton:

McK:

Thornton:

McK:

sind sehr vielseitig und bringen ganz unterschiedliche Erfahrungen mit.

Die meisten von ihnen haben Wirtschafts- oder Verwaltungswissenschaften

studiert, viele kommen aber auch von anderen Fachrichtungen.

Was die alte und die junge Führungsgeneration gemein haben, ist ein durchweg

hohes Bildungsniveau, eine wahnsinnige Lernbereitschaft und der

Wunsch, zu Chinas Entwicklung etwas Positives beizutragen.

Der Nationalstolz spielt also eine große Rolle?

Die Chinesen empfinden sehr viel für ihr Land, und der Wunsch, „etwas

für China zu tun“, ist ihre wichtigste Antriebskraft. Was das Volk und

seine Führer vereint, ist die Hoffnung auf ein friedliches, wohlhabendes

China – und das Bewusstsein, dass jeder mit dafür verantwortlich ist,

dieses Ziel zu erreichen. Denn das ist die entscheidende Leistung der Volksrepublik:

Sie hat China den Chinesen zurückgegeben.

Über die Chinesen und ihre vermeintlich typisch chinesischen Denkstrukturen

wird häufig debattiert. Man sagt, Chinesen könnten zwar hervorragend

lernen, seien aber keine originellen Denker; sie könnten bestens

kopieren, aber nichts selbst erfinden; sie könnten ausgezeichnet verhandeln,

aber nur schlecht Unternehmen führen. Erkennen Sie Ihre Studenten

in diesen Kategorien wieder?

Meine Studenten sind alle ausgesprochen scharfsinnig und kritisch, offen

für neue Ideen und dankbar für Methoden, mit denen sie effektiver und

effizienter werden können. In meinem Kurs stelle ich ihnen die unterschiedlichsten

chinesischen und westlichen Führungspersönlichkeiten vor.

Sie lassen sich auf jeden ein und finden überall etwas, wovon sie profitieren

können.

Dieser Lernehrgeiz hat in China Tradition. Seit Jahrtausenden ist das Lernen

ein zentraler Wert der chinesischen Kultur. So war es auch nicht verwunderlich,

dass die Reformer nach der Kulturrevolution gleich anfingen,

das Bildungssystem zu einem Stützpfeiler der Modernisierungspolitik zu

machen. Wie weit sind sie damit gekommen?


Thornton:

McK:

Thornton:

Die Fortschritte sind beachtlich. Regierung und Universitäten unternehmen

derzeit gewaltige Anstrengungen, um China zu einem Weltklassestandort

für technologische Forschung und Entwicklung zu machen. Um nur ein

Beispiel zu nennen: Es gibt derzeit eine Initiative für die Entwicklung einer

völlig neuartigen Wissenschafts-Software. Ich bin mir sicher, dass das ein

großer Erfolg wird, und das ist nur ein Projekt von vielen.

Natürlich ist das alles ein langwieriger Prozess, aber Chinas Politiker sind

geduldig und denken weit voraus. Denn sie wissen, wie wichtig Bildung für

die Zukunft des Landes ist – sowohl in der Breite als auch in der Qualität.

Ich habe mit vielen Entscheidungsträgern im chinesischen Bildungssystem

gesprochen, sowohl auf politischer Ebene als auch in den Universitäten und

Schulen. Sie sind sehr innovativ und ständig auf der Suche nach Ideen, um

ihr System weiter zu verbessern.

Kooperationen mit internationalen Unternehmen und Universitäten sind

dabei eine gute Möglichkeit, an Know-how und Kapital zu gelangen. Sie

selbst haben Ende der Neunziger zusammen mit McKinsey die Restrukturierung

der Tsinghua School of Economics & Management geleitet, deren

Dekan zu der Zeit kein geringerer als der damalige Premierminister Zhu

Rongji war.

Die Idee entstand in einem Gespräch zwischen Premier Zhu, Hank Paulson

(CEO von Goldman Sachs) und mir. Wir wollten ein Weiterbildungsprogramm

für chinesische Führungskräfte ins Leben rufen, und innerhalb

kürzester Zeit ist daraus ein richtig umfassendes Ausbildungsprogramm

geworden. McKinsey hat ein strategisches Konzept ausgearbeitet, und die

Harvard Business School hat die Fakultät und ihren Dekan, Zhao Chunjun,

bei der Gestaltung der Kursinhalte beraten. Außerdem haben wir ein

sehr kompetentes Beratergremium gegründet, dem derzeit Lord John

Browne, der CEO von BP vorsitzt.


McK:

Lässt sie sich denn schon mit den Universitäten vergleichen, die Sie seinerzeit

besucht haben – Harvard, Oxford und Yale?

Und sie haben ein tiefes Bedürfnis, das Leben des Volkes zu verbessern.

Dafür sind sie bereit, jedes Mittel auszuprobieren.

Thornton:

McK:

Die Studenten der Tsinghua brauchen sich vor ihren Kommilitonen an

anderen Spitzenuniversitäten der Welt überhaupt nicht zu verstecken. Ein

großer Unterschied besteht allerdings darin, dass die Konzentration künftiger

Top-Führungskräfte an der Tsinghua weitaus höher ist als an den

meisten westlichen Hochschulen. In dieser Hinsicht ist das chinesische

System am ehesten mit dem französischen vergleichbar.

Gut für China – aber auch für den Rest der Welt? In den USA und Europa

sehen viele in China eine Bedrohung des eigenen Lebensstandards. Um

sich vom Niedriglohnland China abzusetzen, hofft man bei uns auf die

Wissensgesellschaft“, wobei wir frech davon ausgehen, den Chinesen in

Sachen Know-how haushoch überlegen zu sein. Überschätzen wir uns?

Oder unterschätzen wir die Chinesen?

McK:

Thornton:

McK:

Wäre es – angesichts Chinas gewaltiger Bereitschaft, Ideen vom Westen zu

übernehmen – nicht langsam an der Zeit, dass auch wir von China lernen?

Das ist für mich das Allerwichtigste überhaupt: Westliche Führungskräfte,

aber auch jeder Einzelne sollten so viel als möglich über China lernen. Ein

durchschnittlich gebildeter Chinese weiß heute viel mehr über den Westen

als ein vergleichsweise gebildeter Europäer oder Amerikaner über China.

Das muss sich ändern. Denn dieses Ungleichgewicht des Wissens führt

auch zu einem Ungleichgewicht des gegenseitigen Verständnisses, und das

ist keine gute Voraussetzung für ein konstruktives Verhältnis.

Was sollen wir also tun, um in Zukunft erfolgreich mit China kooperieren

und konkurrieren zu können?

Thornton:

McK:

Betrachten wir die Sache doch lieber so: Die Weltwirtschaft ist gesünder,

nachhaltiger und effizienter, wenn China voll integriert ist.

Keine Frage: China wird sich entwickeln und mit der Zeit zu einem großen,

diversifizierten Markt heranwachsen, der in vielfacher Hinsicht zum

weltweiten Wachstum und zum Wohlstand beitragen kann. Das ist gut für

China, den Westen und alle anderen Länder, denn es sichert die globale

Stabilität und den Weltfrieden.

Aber könnte es nicht doch sein, dass die Chinesen auf die Herausforderungen

der Globalisierung besser eingestellt sind als wir? Immerhin haben

sie viel mehr Übung darin, sich auf Veränderungen einzustellen. Die Umwälzungen

und Unsicherheiten der vergangenen Jahrzehnte sind doch eine

viel bessere Schule für Flexibilität, Rationalität und marktwirtschaftliches

Denken als unsere komfortablen Sozialstaaten.

Thornton:

McK:

Thornton:

Das Offensichtliche: Investieren Sie Verstand und Herzblut, um China,

seine Menschen und seine Kultur verstehen zu lernen. Ich denke, dass

viele Menschen sich dieser Notwendigkeit durchaus bewusst sind. Aber

noch bringen viel zu wenige die nötige Zeit, den Willen und die Bereitschaft

auf, sich die Welt auch einmal mit chinesischen Augen anzusehen.

Internationalen Unternehmensführern, die Sie als Gastdozenten zu sich

nach Peking einladen, versprechen Sie, dass sie schon einmal einen Blick

in die Zukunft tun können. Was gibt es da zu sehen?

Unbändige Lernbereitschaft, unersättlichen Wissenshunger, das Bedürfnis,

China voranzubringen, und eine große Dankbarkeit gegenüber allen, die

dabei helfen.

Thornton:

In der Tat ist es ungeheuer eindrucksvoll, wie geschickt die Chinesen in

den vergangenen 25 Jahren ihre Wirtschaft gemanagt haben. Flexibilität,

Pragmatismus und langfristiges Denken sind Qualitäten, die sowohl die alte

als auch die junge Führungsgeneration auszeichnen. Sie haben gelernt, sehr

realistisch einzuschätzen, was ihr Land braucht, um voranzukommen.


Handel und Konsum Text / Foto: Johnny Erling McK Wissen 10 Seiten: 52.53

Vom Fahrrad

zum Ferrari

China ist nicht nur Fabrik für die Welt, sondern auch einer der größten Märkte: 1,3 Milliarden Menschen

wollen leben, essen, genießen, Auto fahren, Häuser bauen und einrichten. Ein Konsumparadies mit Tücken.


Handel und Konsum Text / Foto: Johnny Erling McK Wissen 10 Seiten: 54.55

I. DER NEUE WUNSCHZETTEL: HAUS STATT NÄHMASCHINE

Im Peking vor der Zeitenwende, als die Nahrungsmittel noch knapp waren,

galt „Chi-le-ma“ als übliche Begrüßungsformel. Es heißt: „Hast du gegessen?“

und meinte: Mit einem vollen Bauch konnte es eigentlich nur gut

gehen. Vor vier Jahren wählten chinesische Investoren den Spruch als Aushängeschild

für ihr neues Restaurant. Ein riesiges Plakat auf der zentral

gelegenen Donghuamen-Straße fragte die Passanten „Chi-le-ma“? und

wollte mit 500 Spezialitäten, feilgeboten in einem Schlemmerparadies auf

vier Etagen, Antworten geben. Das Restaurant überlebte keine drei Jahre.

Zuerst nistete sich um die Ecke ein Nachtmarkt mit 64 Imbiss-Ständen

ein. Gegen die Buden und das quirlige Ambiente der geschäftigen Einkaufsstraße

hatte das Spezialitätenrestaurant keine Chance. Vor allem aber

der Name war ein Problem: Die junge Generation kannte die zweite

Bedeutung des Satzes gar nicht mehr.

„Früher gingen die Leute aus, um bei einem Essen im Restaurant zu feiern.

Heute wollen sie nur schnell einen Happen einwerfen, um weiter einzukaufen“,

sagt Zhong Zuoxiao. Der 58-Jährige ist Generaldirektor des sechsstöckigen

Luxus-Einkaufszentrums „Sun Dongan“ an der Ecke der Fußgängerzone

Wangfujing. Das Großkaufhaus, im Januar 1998 als Joint

Venture mit einem Hongkonger Partner eröffnet, bietet „alles unter einem

Dach“. Den sechsten Stock hat Zhong zur Imbiss-Etage gemacht. Das Einkaufszentrum

liegt kaum 200 Meter entfernt vom gescheiterten „Chi-lema“.

Zhong hat den Niedergang mit verfolgt – aus seiner Sicht kein Wunder:

„Die Reihenfolge Essen, Kleiden und Wohnen hat sich umgedreht: Die

eigene Wohnung kommt heute an erster Stelle. Dann dreht sich alles ums

Auto, um Genuss und Reisen. Essen ist an die letzte Stelle gerückt.“

Auch das ist eine Folge des anhaltenden Wirtschaftsaufschwunges: Der

chinesische Konsument hat sich fundamental gewandelt. Die Volksrepublik

China ist heute die siebtgrößte Volkswirtschaft der Welt. Bis 2010

wird sie nach einer Prognose von McKinsey mit durchschnittlich 6,7 Prozent

Zuwachs pro Jahr mehr als doppelt so schnell wachsen wie die Weltwirtschaft

(rund drei Prozent).

Der Reichtum ist auf die Metropolen und die Küstenstädte von Schanghai bis

Kanton konzentriert. Auch rund zwei Dutzend Millionenstädte im Inland,

von Nanking und Wuhan bis Chengdu, sind wohlhabend geworden. Schon

innerhalb der Metropolen zeigt sich jedoch ein tiefes Einkommens-

Gefälle, gravierender ist es zwischen Stadt und Land. Im ersten Halb-

Erfolgreich: Carrefour (oben). Hunderte von Angestellten rasen auf Rollschuhen durch die Regalreihen, um den

Kunden das Shopping-Erlebnis möglichst angenehm zu gestalten.

Erfolglos: Chi-le-ma (unten). Die Bedeutung der traditionellen Begrüßungsformel „Hast du gegessen?“

(auf dem riesigen Plakat) versteht die kaufkräftige neue Mittelschicht nicht mehr.


jahr 2004 verfügten die reichsten zehn Prozent der Pekinger über ein Durchschnittseinkommen

von umgerechnet 1803 Euro pro Person, die ärmsten

zehn Prozent kamen auf 303 Euro – eine Relation von rund eins zu sechs.

Der Durchschnittslohn lag 2003 in Peking bei 1388 Euro.

China hat sich nach zwei Jahrzehnten Hochwachstum zu einer Wirtschaft

im internationalen Mittelfeld entwickelt, die nachhaltig expandiert“, sagt

Georges Desvaux, Director bei McKinsey und seit fünf Jahren in Peking.

„In den Städten ist dabei eine völlig neue Klasse von Verbrauchern entstanden.“

Marktforscher und Soziologen haben den Wunschzettel der Chinesen

über die vergangenen Jahrzehnte analysiert:

Bis Ende der siebziger Jahre und damit vor Chinas Reformbeginn standen

„die großen drei“ ganz oben auf der Liste: Fahrrad, Armbanduhr und Nähmaschine.

Dann folgten Lederschuhe und Möbel.

In den achtziger Jahren rückten Fernseher, Kühlschrank und Waschmaschine

vor. Gefolgt von Schönheits- und Hygieneprodukten, Modeartikeln

und Kosmetik.

In den neunziger Jahren standen Telefon, Computer und Klimaanlage auf

den ersten drei Plätzen – vor Haushalts- und Elektrogeräten.

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts haben für den chinesischen Konsumenten

das eigene Haus, ein privater Pkw und die Finanzierung der Ausbildung

des Kindes Priorität, gefolgt von Reisen, Wohnungseinrichtung, DVD,

Mobiltelefon und digitaler Fototechnik.

Der städtische Handel hat sich mit verändert: Kleine Läden, Kooperativen

oder freie Märkte wurden von Kaufhäusern, Hypermärkten und Malls nach

US-Vorbild verdrängt. Das Sun Dongan bietet seinen Kunden auf sechs

Stockwerken und mehr als 120 000 Quadratmetern Ladenfläche sämtliche

Güter des Alltags und der Konsumelektronik bis hin zu Schmuck und

Luxusuhren, Ski- und Golfausrüstungen sowie Laptops „auf mittlerem

Preisniveau“, sagt Direktor Zhong.

II. QUANTENSPRÜNGE ALS PRINZIP

Viele Touristen, die China zum ersten Mal besuchen, sind überrascht: Das

Bild, das sich ihnen in Peking oder Schanghai bietet – Fünf-Sterne-Hotels,

Lichtreklamen, Autostaus und Wolkenkratzer –, passt nicht zu ihren überholten

Vorstellungen von uniform gekleideten Massen, Heeren von Fahrradfahrern

und grauen Städten.

Noch weniger sind sie auf den Konsum vorbereitet: Nirgendwo wird

Marktwirtschaft so ein- und aufdringlich erlebt wie beim Shopping in

den Hypermärkten von Carrefour oder Wal-Mart. Sieben Tage die Woche

schieben sich von morgens neun bis nachts um halb elf Massen mit ihren

Einkaufswagen durch ein Angebot, das mit einer Kaskade von Lichtern und

Tönen zum Zugreifen verleitet.

Es geht moderner zu als in vielen Supermärkten Europas – und bequemer:

Trotz Selbstbedienung helfen und beraten hunderte von Angestellten beim

Einkauf. Das Billiglohnland China löst diesen Widerspruch auf. In den

Carrefour-Märkten können Kunden an elektronischen Lesegeräten in jeder

Halle die Artikelnummern ihrer Einkäufe ablesen und so die Preise der

Waren überprüfen. Niemand regt sich auf oder verzieht eine Miene, wenn

Käufer einzelne Produkte vor der Kasse aussortieren. Junge Angestellte auf

Rollschuhen bringen die Waren ins Regal zurück.

Im Schwellenland China hat der Handel in den Metropolen mehrere Entwicklungsstufen

übersprungen. Der frühere Premier des Landes, Zhu Rongji,

nannte das Quantensprünge. Er bezog sich dabei auf die Einführung des

430 Stundenkilometer schnellen Transrapids in Schanghai, noch bevor der

traditionelle Eisenbahnverkehr beschleunigt worden war. China kennt viele

solcher Quantensprünge. Das Mobiltelefon verbreitete sich schneller als

Festnetz-Apparate. Chinas Bevölkerung sprang vom Fernsehen zur DVD,

ohne sich lange mit Video aufzuhalten. Und auch im Handel fand die Umwälzung

über Nacht statt. Läden mit Verkäufern, die einst nur das Wort

„meiyou“ (Haben wir nicht) in ihrem Sprachschatz führten, verschwanden,

gingen in Konkurs oder wurden geschluckt. Gigantische Warenhallen und

Verkaufszentren, in denen bis zu einer Million Menschen an einem Tag einkaufen

können, dominieren heute den städtischen Konsum.

III. KAMPF UM 300 MILLIONEN KUNDEN

Rund 5000 Einzelhandelsketten mit etwa 100 000 Läden konkurrieren im

Inland um die Käufer. Sie sind von einem schmerzhaften Konzentrationsprozess

bedroht. 480 der weltweit 500 größten Kaufhauskonzerne, Supermarktketten,

Baumärkte und Franchising-Unternehmen sind bereits in

China vertreten. Im Juli 2004 kam auch die größte britische Einzelhandelskette

Tesco. Sie kaufte sich für 260 Millionen US-Dollar 50 Prozent der

taiwanesischen Hymart-Supermarktgruppe, die über einen Partner 25

Hymart-Großläden in China betreibt. Tesco will 2005 mit Hymart zehn

weitere Märkte öffnen.

Die Schlacht der Händler um den Kunden wird nach dem 11. Dezember

2004 eskalieren: Nach den Bestimmungen der Welthandelsorganisation

Auf 120 000 Quadratmetern alles, was das

Herz begehrt – und ein Themenpark

„Altpeking“: Prospekt des Einkaufszentrums

Sun Dongan in Peking (unten)


Handel und Konsum Text / Foto: Johnny Erling McK Wissen 10 Seiten: 56.57

(WTO) enden an diesem Tag Chinas Schutzklauseln und Beschränkungen

für den Handel. Konzerne aus dem Ausland dürfen dann hundertprozentige

Tochtergesellschaften gründen. Der Run um die besten Ausgangspositionen

hat begonnen und konzentriert sich auf die Millionenstädte. Allein

in Peking halten sich täglich mehr als 16 Millionen Menschen auf, in Schanghai

sind es 20 Millionen. McKinsey-Director Georges Desvaux charakterisiert

den Markt als „wettbewerbsintensivsten der Welt, weil alle Anbieter

da sind, Chinesen wie Ausländer“.

Sie wetteifern um die Käufer der neuen Mittelschicht. Ende 2003 gehörten

in China rund 48 Millionen Haushalte zu dieser Gruppe, die über ein

durchschnittliches Jahreseinkommen von knapp 3000 Euro pro Haushalt

verfügt. McKinsey erwartet, dass diese Mittelschicht bis 2012 auf 125 Millionen

Familien anwachsen wird. Rund 300 Millionen Menschen werden

ihr dann angehören, das sind mehr als die USA Einwohner haben.

Der Pekinger Soziologe Lu Xueyi rechnet bereits 15 bis 18 Prozent der

1,3 Milliarden Menschen Chinas zur Mittelschicht und damit zur Konsumklasse.

Lu ist Leiter einer Forschungsgruppe an Chinas Akademie für

Sozialwissenschaften, die seit dem Jahr 2000 ein neues „Schichtenmodell“

zur Beschreibung der veränderten Gesellschaft entwickelt hat und statt Klassen

zehn Schichten identifiziert. In ihrem kürzlich vorgelegten Forschungsbericht

„Soziale Mobilität im heutigen China“ stellen die Sozialwissenschaftler

die Prognose, dass sich die Mittelschicht in den kommenden zehn

Jahren verbreitern wird. Chinas Gesellschafts- und Einkommensstruktur

wird sich vom heutigen Pyramidenmodell mit großer Bauernklasse zu einem

Olivenmodell wandeln, bei dem die prosperierende Mittelschicht den

dicksten Teil darstellt.

IV. GRÖSSER, BESSER, SCHNELLER

In Pekings Sun Dongan mit seinen 270 untervermieteten Shopping-

Passagen und Läden drängen sich täglich bis zu 300 000 Menschen. Das

Untergeschoss hat Direktor Zhong mit Teehäusern, Opernbühnen und

Geschäften für traditionelle Handwerkskunst in einen Walt-Disney-Verschnitt

zum Thema „Altpeking“ umbauen lassen. Die drei oberen Etagen

will er bis 2005 in eine „Welt der Boutiquen“ mit großer Kino-Passage verwandeln:

„Wir müssen immer wieder Neues bieten.“

Die Gruppe der heute 25- bis 34-jährigen Chinesen, mehr als 100 Millionen

Kunden, werden am stärksten umworben. Sie sind die kaufkräf-


tigste Schicht des Landes, oder wie sie Georges Desvaux nennt, die „neue

aufstrebende Konsumklasse“. Sie verdienen nicht nur (erstmalig in China)

mehr Geld als ihre Eltern, sie geben es auch mit vollen Händen aus.

Für ihre Spontankäufe gibt es den neuen Begriff „Chongdong Xiaofei“.

Impulskäufer nennt sie Kaufhausdirektor Zhong, sie entscheiden aus der

Laune des Augenblicks: „Sie sparen nicht. Sie kennen keinen Krieg, keine

Angst vor Schulden oder vor Armut.“ Beim Shoppen sind sie in der

Regel Erstkäufer. Sie achten darauf, ob ein Produkt Marktführer ist. Aber

sie sind sofort bereit, Neues auszuprobieren. „Sie sind markenbewusst,

aber nicht markenloyal“, ergänzt Georges Desvaux die Analyse der neuen

Käuferschicht. Befragungen durch McKinsey über die Jahre 1998 bis 2001

zeigen, wie sehr sie daran glauben, dass ihre „nächsten Einkäufe größer,

besser und schneller ausfallen“ werden. Ihr Einkommen wird nur steigen.

1998 bejahten das 51 Prozent der Befragten. Im Jahre 2001 waren es

68 Prozent.

Der Konsum ist für die junge Mittelschicht zum Lebenssinn geworden. Sie

nennt ihr Verhalten bewusst „bourgeois“ und verwendet dafür ihr neues

Modewort „Xiaozi“ (kleinbürgerlich). Oder sie übernimmt für sich den

New Yorker Ausdruck Bobos (Bohemien & bourgeois). Die einstige Politsprache

ihrer Eltern hat sie umfunktioniert. Als „Tongzhi“ (Genossen)

bezeichnen sich heute Chinas Homosexuelle in ihren Klubs und Bars. Alte

Revolutionsplakate mit dem Bild von Arbeitern, Bauern und Soldaten dienen

als Motiv für Konsumwerbung. Statt erhobener Fäuste werden Golfschläger

hochgehalten: „Spielt Golf, Genossen!“ Die traditionelle Pekinger

Parteibürokratie lässt der Jugend die „Häresie“ durchgehen. Sie sieht

darin keine Bedrohung ihrer Herrschaft.

Die Fastfood-Kultur hat China im Sturm erobert. Neueröffnungen werden

im Wochenabstand gefeiert. Ende Juli gab es 140 Pizza Huts, mehr als 600

McDonald’s-Filialen und 1100-mal Kentucky Fried Chicken (KFC) in 250

Städten. In Pekings Häagen-Dazs-Eissalons, wo die Kugel Eiscreme 2,50

Euro kostet, sitzen verwöhnte Einzelkinder. Deren Eltern kaufen bei Ikea

ihre Möbel, treffen sich abends in Szenekneipen, Galerien und in Diskos.

Besonders gern gibt sich die „Chengshi Xingui“, die „neue Adelsklasse“,

dem Edelkonsum in extravaganten Haar-, Kosmetik- und Fitness-Studios

hin. Schauspieler, Fernsehmoderatoren, Models und Designer, Banker,

Börsenmanager und Immobilienmakler gehören zu dieser Szene, aber auch

Starverkäufer in Autohäusern oder Versicherungen, hoch bezahlte

Chinas Konsum in Zahlen

Mit 1411 Milliarden US-Dollar war das

Bruttoinlandsprodukt (BIP) Chinas

2003 das siebtgrößte der Welt, hinter den

USA (10 988 Mrd.), Japan (4293 Mrd.),

Deutschland (2406 Mrd.), Großbritannien

(1794 Mrd.), Frankreich (1749 Mrd.)

und Italien (1474 Mrd.). Auf den Plätzen

folgen Kanada (869 Mrd.), Spanien

(835 Mrd.) und Indien (631 Mrd.). Nach

einer McKinsey-Studie wird das BIP in

den kommenden zehn Jahren um

6,7 Prozent pro Jahr wachsen. Goldman

Sachs kam zu dem Schluss, dass China im

Jahr 2041 die größte Volkswirtschaft der

Welt sein wird.

Der private Konsum machte im Jahr 2002

51 Prozent des chinesischen BIP aus –

Tendenz steigend, vor allem in den Megastädten:

So wuchs der Konsumanteil des

BIP von Peking und Schanghai von

37 Prozent im Jahr 1999 auf 43 Prozent im

Jahr 2002.

Mit der Wirtschaft wird auch das Pro-

Kopf-Einkommen wachsen, allerdings vor

allem in der Mittel- und oberen Mittelschicht

und dort wiederum vor allem in der

Generation der 25- bis 34-Jährigen.

Diese Gruppe gibt auch das meiste Geld

aus – Handel und Produktentwicklung

fokussieren sich deshalb zunehmend auf

die Zielgruppe.

Die Zahl der Haushalte mit einem

Einkommen von mehr als 7400 Euro wird

bis zum Jahr 2007 auf 195 Millionen

anwachsen (2002: 145 Millionen). Die


Drehbuchautoren, Werbetexter und Art Directors, IT-Techniker und die

vielen anderen Mitglieder der „Weiße-Kragen-Schicht“, die hauptsächlich

für ausländische Firmen arbeiten.

V. ORIGINALE FÜR CHINESEN, FÄLSCHUNGEN FÜR TOURISTEN

Die Pekinger Szenezeitschrift Muyu (Muttersprache) erklärte das Phänomen

des Kauf- und Konsumrauschs junger Städter erstmals im April 2000.

Autor Minjie kam zu dem Schluss: „Die städtische Gesellschaft hat eine

Kreuzung erreicht. Sie hat ihre Klassenschichtung mit dem Egalitarismus

endgültig hinter sich gelassen und sucht nach Wegmarken für ihre neue

soziale Stellung.“ Geld ist für sie die Eintrittskarte, solange sie keine politische

Macht hat.

Das eigene Auto ist Statussymbol, neben der eigenen Wohnung und den

Auslandsreisen. Im beengten Schanghai mit seinen 1,5 Millionen Autos

vergeben die Behörden monatlich nur eine begrenzte Anzahl von wenigen

tausend Nummernschildern. Sie müssen ersteigert werden. Die Nachfrage

bestimmt die Höhe des Sonderzuschlags. Anfang 2004 stieg er auf 40 000

Yuan (4000 Euro) – mehr als das Dreifache des jährlichen Durchschnittseinkommens

eines Schanghaier Bürgers. In Peking, wo es keine Begrenzungen

für Autozulassungen gibt, hat sich die Zahl der Pkw seit 2000 auf

2,3 Millionen verdoppelt. Mehr als 60 Prozent gehören Privatpersonen.

Vom Luxuskonsum gehen die Signale aus, die immer mehr Anbieter aus

aller Welt nach China locken. Ferrari, Porsche und Rolls Royce unterhalten

eigene Showrooms in Peking und expandieren jetzt in andere Städte.

Es folgen die Großen der Haute Couture, des Parfüms, des Schmucks und

der Accessoires.

Vor 25 Jahren, als Pierre Cardin seine erste Modenschau in Peking zeigen

durfte, hatten die neugierigen Zuschauer keinen Cent in den Taschen

ihrer schlichten blauen Mao-Anzüge. Heute flanieren anspruchsvolle Kunden

in feinem Kaschmirgarn durch die Boutiquenzeile im Pekinger Peninsula

Hotel und decken sich mit Taschen, Mode, Parfüm und Schmuck bei

Prada und Piaget, Hermès und Dior, Cartier, Tiffany & Co und seit Ende

2003 auch bei Bulgari ein. „Wir haben zehn Jahre lang den Markt beobachtet.

Der WTO-Beitritt war für uns das Zeichen, dass unsere Zeit gekommen

war“, begründete Bulgari-Unternehmenschef Francesco Trapani

seinen Einstieg als letzter der großen Juweliere ins Reich der Mitte. Der

Umsatz auf dem Schmuckmarkt China hat sich in den vergangenen 25 Jahren

auf zehn Milliarden Euro (2003) verhundertfacht. Verkehrte Welt:

ärmere Schicht mit einem jährlichen

Haushaltseinkommen von weniger als

7400 Euro wird dagegen von 211 Millionen

auf 195 Millionen Haushalte schrumpfen.

Die teilweise erheblichen regionalen

Einkommensunterschiede werden bestehen

bleiben und sich teilweise sogar vergrößern.

Der Hang zur Sparsamkeit ist bei den

Chinesen ungebrochen, weshalb die

Konsumausgaben nicht im selben Maß

wachsen wie das BIP. McKinsey

geht jedoch davon aus, dass die Pro-Kopf-

Ausgaben in den nächsten Jahren

überproportional wachsen werden, dank

der konsumfreundlichen Regierungspolitik

(Erleichterungen beim Grunderwerb,

Liberalisierung im Einzelhandel) und einer

grundsätzlich anderen, hedonistischeren

Einstellung in der Bevölkerung.


Handel und Konsum Text / Foto: Johnny Erling McK Wissen 10 Seiten: 58.59

Während wohlhabende Chinesen nur teuerste und garantiert echte Markenprodukte

kaufen, fallen tausende Touristen aus Europa und den USA

täglich über die Rolex-, Boss- und Prada-Kopien in den Pekinger Shops

der Markenfälscher her.

Chinas unerfahrene Verbraucher stürzen sich in jedes Abenteuer. Als die

Behörden Anfang der neunziger Jahre den Direktverkauf von Kosmetik

erlaubten, wurden in kurzer Zeit Millionen Bürger Opfer betrügerischer

Schneeball- und Pyramidenverkaufssysteme. 1998 ließ die Pekinger Regierung

Direkt- und Vertreterverkäufe verbieten. Einige renommierte Firmen

wie MaryKay, Amway oder Avon durften ihre Produkte in festen Läden

weiter anbieten. Seit 1998 hat Avon 5500 Kosmetikgeschäfte in 74 Städten

eröffnet. Innerhalb einer Dekade verwandelte sich China zu einem Markt

für Kosmetik (Umsatz heute rund zwei Milliarden Euro) und zugleich für

Schönheitsoperationen. Für sie gibt es den Begriff der „Meili Jingji“ (Schönheitswirtschaft).

Tausende Ärzte haben sich auf Schönheitschirurgie spezialisiert.

Ende 2003 zählte das Land 10 000 Spezialkliniken.

VI. ENORM REICH – BITTERARM

Chinas Spitzenpolitiker und Reformer Deng Xiaoping (1904–1997) hatte

die egalitäre maoistische Gesellschaft mit einer einzigen Forderung auf den

Kopf gestellt: „Erlaubt, dass es einigen schneller als anderen gut gehen

darf“, hatte er in einer Grundsatzdebatte im Dezember 1978 gefordert.

Anfang der achtziger Jahre stürzten sich Arbeitslose, die keine anderen

Erwerbsmöglichkeiten sahen, erstmals auf das Kleingewerbe und machten

sich selbstständig. Heute arbeiten 90 Millionen Menschen im privatwirtschaftlichen

Sektor. Ende der achtziger Jahre ließen sich mit Beziehungen

oder durch Bestechung über Nacht Vermögen anhäufen. Schwarzhändler

kauften oder besorgten Rohstoffe wie Stahl, Kohle oder Öl zu staatlichen

Billigpreisen und verkauften sie zu Marktpreisen teuer weiter. Anfang der

neunziger Jahre verdienten Spekulanten über Nacht Millionen mit Immobilien.

Mitte der neunziger Jahre trat eine neue Generation auf den Plan,

die legal mit ihren Talenten und ihrem Know-how Geld machte, vom

IT-Spezialisten bis zum Manager mit MBA.

Je nach Zählweise leben in China derzeit mehr als 230 000 Dollarmillionäre

und drei Millionen Menschen mit einem jährlichen Einkommen und

Vermögen von mehr als 100 000 Euro. Dem stehen 20 Millionen Bürger

in den Städten gegenüber, die von Sozialhilfe leben, 24 Millionen sind

auf Arbeitssuche. Unter der Landbevölkerung fristen mehr als 150 Millionen

Menschen ein entbehrungsreiches Leben mit einem Einkommen von

weniger als einem Dollar pro Tag. Chinas eigener Maßstab für krasse

Armut liegt deutlich unter dieser von den Vereinten Nationen definierten

Grenze für das Existenzminimum: bei weniger als 80 US-Dollar im Jahr.

85 Millionen Menschen – mehr als Deutschland Einwohner hat – gehören

zu den Ärmsten des Landes.

Nach einer Faustregel bewegt sich auf der anderen Seite der Schere die

Zahl der wohlhabenden Chinesen in den Städten zwischen der Zahl der

Handybesitzer (2003 mehr als 230 Millionen) und der Zahl der Haushalte,

die Kabelfernsehen abonniert haben (2003 mehr als 100 Millionen). Marktuntersuchungen

des Handelsamtes, Anfang August von der Wirtschaftszeitschrift

Economic Observer zitiert, kommen auf 65 Millionen Personen,

die sich den Kauf eines Pkw leisten könnten – vier Prozent (260 000 Personen)

sogar Luxuswagen.

Kaufen ist die innere Logik und der Zusammenhalt für ein System, dessen

Wirtschaft auf hohes Wachstum angewiesen ist, um mit den Problemen

seiner Entwicklung und den Millionen Arbeitssuchenden fertig zu werden,

deren Zahl jedes Jahr in zweistelligen Raten wächst. Der Staat will dazu

stärker auf die Ersparnisse der Bürger zugreifen, um die private Nachfrage

anzukurbeln. Während die junge Mittelschicht ihr Geld mit vollen Händen

ausgibt, spart die übrige Bevölkerung, wo immer es geht.

VII. FERIEN FÜR DEN KONSUM

Um diese Spaltung der Gesellschaft in Käufer und Sparer zu durchbrechen,

entwickelte Peking die Idee, der Nation Urlaub für den Konsum zu verordnen.

Die sozialistische Regierung schloss mit den Bürgern einen

Die Ästhetik alter Revolutionsplakate steht

in der Werbewirtschaft wieder ganz

hoch im Kurs – etwa um den Verkauf von

Mobiltelefonen und Uhren zu fördern.


Deal ab: Wir geben euch dreimal im Jahr eine Woche frei, und ihr kauft

ein oder gebt euer Geld auf Reisen aus. Die „Feiertagswirtschaft“ (Jiari Jingji)

findet um die drei Feiertage zum Frühlingsfest, zum Internationalen Tag

der Arbeit (1. Mai) und zum Nationaltag (1. Oktober), statt. Die Bürger

sind angehalten, jeweils am Wochenende vor den Feiertagen vorzuarbeiten.

Damit erwerben sie das Anrecht auf zwei Extratage, die sie jeweils zu

den drei Feiertagen und dem darauf folgenden Wochenende addieren dürfen.

Die Geschäfte haben sich darauf eingestellt. An Sonn- und Feiertagen

haben sie besonders lange geöffnet. Das Sun Dongan beispielsweise schließt

an Feiertagen erst um Mitternacht.

VIII. EIN LAND – VIELE MÄRKTE

In den siebziger Jahren stand in der Wangfujing ein einziges Kaufhaus. Die

Pekinger nannten es „Baihuo Dalou“, das „große Haus der hundert Waren“

– die eine Hälfte, vom Bonbon bis zum Fahrrad, gab es nur auf Bezugsschein,

die andere war grundsätzlich ausverkauft. Heute lässt sich aus Chinas

Listen der Superkaufhäuser das Who’s who des globalen Einzelhandels

ablesen: Carrefour, Wal-Mart, Metro, Parkson, Ito Yokado, Daiei, Sogo,

Makro, Cash and Carry, Seven Eleven, Obi, Ikea. Ende Juli 2004 gab es in

China 49 Carrefour-Märkte, 41 Wal-Marts und 18 Metro-Märkte.

Dieser wachstumsstarke Markt zieht alle internationalen Handelsunternehmen

an. Bislang hat jedoch noch kein Anbieter einen Marktanteil von

mehr als fünf Prozent erreicht. „China“, sagt Jacques Penhirin, Partner im

Büro von McKinsey in Hongkong, „ist nach Japan bereits der zweitgrößte

Handelsmarkt in Asien und wird im Jahr 2010 an erster Stelle stehen.

Händler sollten möglichst schnell in den Markt eintreten und expandieren,

insbesondere da die WTO-Bestimmungen die Rahmenbedingungen ab

2005 erleichtern.“ Markteintritt und erfolgreiche Tätigkeit stellten jedoch

noch immer eine Herausforderung dar, da neuer Raum knapp sei und

starker Preisdruck die Gewinne beeinträchtige.

Neben großen Erfolgsgeschichten hat der chinesische Markt auch Pleiten

zu bieten. „China muss man wie einen Film vom Anfang bis zum Ende

ansehen und nicht nur ein einzelnes Bild betrachten. Man muss sein

Engagement ständig am Markt überprüfen und ihn wie sein eigenes Kerngeschäft

behandeln“, rät McKinsey-Director Georges Desvaux.

Wichtigste Erkenntnis: Es gibt keinen einheitlichen Markt, keine 1,3 Milliarden

Kunden. China teilt sich auf in dutzende von Teilmärkten mit unterschiedlichen

Besonderheiten von der Sprache bis zur Kultur. Auch wenn

Konzerne in ihrer Planung gern von einem „Greater China Market“ mit

China, Taiwan und Hongkong sprechen, sie können diesen Markt nur

dezentral bearbeiten.

Als der damalige Coca-Cola-CEO Roberto C. Goizueta 1995 zur Einweihung

des größten Abfüllwerkes des Softdrinkherstellers in Wuhan einflog,

gratulierten ihm die geladenen Gäste. Nach 13 Abfüllanlagen entlang

der Küste war dies die erste in Zentralchina, Investitionsvolumen: 40 Millionen

US-Dollar. Mit dem Standort Wuhan, dem Verteilzentrum für neun

Inlandsprovinzen, schien das Unternehmen bestens gerüstet, den Gesamtmarkt

zu erobern. Der CEO müsse sich glänzend fühlen, meinte ein Journalist.

Stimmt, bestätigte Goizueta: „Ich schlafe wie ein Baby.“ Dann relativierte

er seinen Satz: „Ich wache jede Stunde auf und schreie.“

Das Unternehmen hatte das Land 1949 verlassen müssen und erst 30 Jahre

später nach China zurückkehren dürfen. Der Konzern musste ein hochkomplexes

Geflecht internationaler und lokaler Bündnisse mit unterschiedlichen

Partnern knüpfen. Im Jahr 2000 war Coca Cola an 28 Abfüllwerken,

Anlagen für das Konzentrat und Distributionsgesellschaften

beteiligt. Nur über dieses Puzzle gelang es dem Unternehmen, 80 Prozent

der Bevölkerung zu erreichen. Coca-Cola-Manager mussten lernen, China

als Summe von Teilmärkten zu behandeln.

Die US-Fastfood-Kette Kentucky Fried Chicken, Teil der Markenkette Yum

(Pizza Hut, Taco Bell), die in China im Jahr 2003 fast eine Milliarde Euro

umsetzte, hat heute mehr Filialen im Land als Hauptkonkurrent McDonald’s

– obwohl sie viel später startete. KFC passt sein Produkt ständig neu

an. Neben Hühnergerichten kann der Kunde etwa zum Frühstück auch

Reisbrei schlürfen. Auf der Speisekarte stehen Lotosgemüse und Pastetchen

aus Blätterteig. Hühner gibt es auch in der Sichuan-Variante mit scharfem

Chili oder nach Pekinger Art eingerollt in dünne Teigfladen mit würziger

Soße à la Pekingente.

Die Regionalisierung von Speisen ist eines der Erfolgsrezepte der KFC-

Kette. Portionsgerechte Mengen, flexible Preisgestaltung und immer neue

Produkte seien weitere Faktoren, urteilte McKinsey in seiner jüngsten Studie

zum Fastfood-Markt. Der Markt wuchs 2002 um 15 Prozent, der Umsatz

von KFC doppelt so rasch. 99 Prozent der chinesischen KFC-Filialen

machen nach eigenen Angaben Gewinn.

Viele Konzerne stellen sich auf China mit Varianten ein. Die Eisfirma Walls

(in Deutschland Langnese) entwickelte ein lokal sehr beliebtes Bohnenpasten-Eis.

Procter & Gamble bietet seine Zahncreme Crest mit dem


Handel und Konsum Text / Foto: Johnny Erling McK Wissen 10 Seiten: 60.61

Geschmack von Jasmintee an, weil Chinesen Tee für ein Allheilmittel

gegen schlechten Atem halten. Ebenso wichtig sind die chinesischen Produktnamen:

Klassisches Beispiel sind die vier Schriftzeichen „Ke-kou Kele“,

mit denen Coca-Cola übersetzt wird. Sie klingen ähnlich und passen

mit ihrer Bedeutung „Schmeckt und macht fröhlich“ zum Marken-Image.

Besser gehe es nicht, sagt Johann Bjorksten, Pekinger Geschäftsführer der

Eastwei-Werbeagentur und Experte für Namensfindung. „Ein richtiger

Name zu einem richtigen Produkt spart Millionen an Werbung.“ Erstaunlich

oft erlebe er in China das Gegenteil. Nicht selten, so will der Werber

wissen, lassen deutsche Manager sich den Namen ihres Produktes von

einer chinesischen Sekretärin auswählen. Richtig hätten es dagegen BMW

mit „Bao-ma“ (Edles Pferd) oder Carrefour mit „Jia-le-fu“ gemacht: Die

drei Schriftzeichen bedeuten, dass die Familie (Jia) Freude und Glück (le

fu) findet. Passend auch, nach mehr als hundert Jahren auf dem asiatischen

Markt, der chinesische Name für Siemens: „Xi-men-zi“ heißt so viel wie

„Tor zum Westen“.

X. EPILOG

In Quizsendungen im chinesischen Fernsehen wird gern nach dem

„En-ge-si“, dem Engel-Koeffizienten gefragt. Er misst die Höhe des Wohlstandes

einer Gesellschaft an dem Anteil am Einkommen, den die Menschen

für Nahrung ausgeben müssen. In China fiel er von 52 Prozent

in 1985 auf 38 Prozent im vergangenen Jahr. Seit die Pekinger mehr als

50 Prozent für andere Annehmlichkeiten des Lebens als für Nahrung ausgeben

können, ist „Chi-le-ma“, „Hast du gegessen?“, aus der Umgangssprache

verschwunden.

Enorm wichtig sind in

China die Produktnamen. So

heißt BMW „Edles Pferd“,

Siemens „Tor zum Westen“

und Coca Cola „Schmeckt

und macht fröhlich“.

IX. DEN ZEITGEIST GETROFFEN

Ikea heißt in China „Yi-jia“, was „Angenehmes für Haus und Familie“

bedeutet. Dazu gehört in den Augen der Kunden, dass dem Käufer die

Möbel geliefert und aufgebaut werden. Der Möbelkonzern musste im

Chinageschäft also umdenken: Mit seinem Prinzip „Do it yourself“ konnten

sich Chinas Käufer nicht anfreunden.

Erst heute, sechs Jahre nach seinem Markteintritt in China, versucht der

schwedische Konzern die Pekinger von der Idee des „Do it yourself“ zu

überzeugen, die ihn weltweit erfolgreich machte. Vor dem 15 000 Quadratmeter

großen Möbelhaus im Nordwesten der dritten Ringstraße ermuntern

Plakate die Kunden, ihre Einkäufe selbst nach Hause zu bringen und

aufzubauen. „Wir packen es Ihnen flach. Sie können Geld sparen.“ Chinas

Kunden zahlen momentan jedoch noch lieber sechs Euro Transport- und

fünf Euro Montagekosten.

Die Möbel an sich waren dagegen auf Anhieb ein Erfolg. Das Wirtschaftsmagazin

Caijing kam in seiner Juli-Ausgabe zu dem Ergebnis, das Möbelhaus

entspreche dem Zeitgeist und dem „Bourgeois-Stil“ junger Ehepaare

in den Städten. In Peking wird Ikea 2005 eine weitere Filiale eröffnen, mit

41 000 Quadratmetern die drittgrößte der Welt. Bis 2008 sollen weitere

acht Möbelmärkte in anderen chinesischen Großstädten folgen.

Chinesen mögen schwedische Möbel. Nur deren Transport und

Montage ist ihre Sache nicht – trotz gar nicht dezenter Hinweise auf

die finanziellen Vorzüge der Eigenleistung.


Großer Markt – große Herausforderungen

Der chinesische Konsument ist genauso kompliziert wie der europäische, entscheidend für den Einzelhandel ist zunächst jedoch das Operative.

Michael Kliger, Leiter der deutschen Retail-Practice von McKinsey, über die wichtigsten Aspekte eines Engagements in China.

1. Partner

Aufgrund des Beitritts von China zur WTO

werden sich zum Jahreswechsel 2004/2005 auch

die Bedingungen im Einzelhandel ändern. Für

ausländische Investoren sind dann alle Städte in

China frei zugänglich, Einzelhandelsunternehmen

aus dem Ausland brauchen keinen Joint-Venture-

Partner mehr. Ein funktionierendes Netzwerk vor

Ort ist jedoch nach wie vor von entscheidender

Bedeutung.

Der Erwerb einer Einzelhandelslizenz, der Kauf

von Immobilien oder Grundstücken, Genehmigungen

der örtlichen Baupolizei, Absprachen mit

Sicherheitsbehörden und Regierungsvertretern –

all das funktioniert nur mit guten Kontakten.

Ausländische Unternehmen ohne Beziehungen

warten nicht selten bis zu sechs Monate länger

auf Entscheidungen als inländische Antragsteller.

Dabei sind Beziehungen sowohl auf lokaler als

auch auf nationaler Ebene wichtig. Agenturen

oder Immobilienvertreter können helfen, ein

Joint-Venture-Partner kann aber auch in Zukunft

durchaus die bessere Wahl sein.

2. Management

Moderner Einzelhandel ist in China noch relativ

neu. Zudem drängen viele ausländische Firmen

in den Markt. Beides lässt die Nachfrage nach

kompetenten Managern in China steigen, doch

das Angebot an erfahrenen Fachkräften vor Ort

ist relativ klein. Hochtalentierte Chinesen zieht es

nicht selten ins Ausland, dem Nachwuchs fehlt

die Ausbildung.

Um die Lücke zu schließen, versuchen ausländische

Einzelhändler in der Regel, in den obersten

Führungsetagen einen möglichst guten Mix zu

besetzen: Manager aus den eigenen Reihen sollen

Firmen-Know-how transportieren, Expatriates

mit Erfahrungen in bereits entwickelten asiatischen

Märkten wie Hongkong und chinesische

Expats aus den USA oder Europa sorgen ihrerseits

für die kulturspezifischen Kenntnisse.

Der Einsatz von vergleichsweise teuren Expats

in den ersten Jahren ist meist der einzig gangbare

Weg, um einen erfolgreichen Markteintritt zu

ermöglichen. Gleichzeitig sollten Einzelhandels-

Unternehmen aber versuchen, Manager aus

China aufzubauen, um das Management vor Ort

zumindest mittelfristig so weit wie möglich zu

„lokalisieren“. Nicht nur, weil es sich finanziell

rechnet: Einheimische Fachkräfte signalisieren

den Erfolg des Unternehmens und somit auch

Glaubwürdigkeit nach außen.

3. Immobilien

China baut. Für Einzelhandelsunternehmen aus

dem Ausland ist es dennoch nicht leicht, passende

und bezahlbare Flächen zu finden. Die

modernen Einkaufszentren, die zurzeit in allen

größeren Städten gebaut werden, gehören meist

staatlichen chinesischen Warenhausketten, Ausländer

kommen deshalb nur schwer zum Zug.

Im Zentrum sind die Einzelhandelsflächen folglich

knapp, die Mieten entsprechend teuer. Zwei

bis vier US-Dollar pro Quadratmeter und Tag

sind für gute Lagen keine Seltenheit – wer sich

als Einzelhändler in der Innenstadt ansiedeln will,

muss also entweder eine hohe Flächenproduktivität

sicherstellen oder seine sonstigen operativen

Kosten, speziell Personalkosten, sehr gering

halten.

Auf der grünen Wiese ist die Situation deutlich

entspannter, aber nicht ohne Risiko. Die meisten

der geplanten Einzelhandelsflächen in der Region

befinden sich noch in einer sehr frühen Bau- oder

Entwicklungsphase. Bei der Frage von Akquise

oder Nicht-Akquise sind Einzelhändler demnach

gezwungen, sich auf die Vorhaben von lokalen

Regierungen zu verlassen. Bebauungs- und Infrastrukturpläne

können sich aber ändern. Was,

wenn die Region dann doch nicht erschlossen

wird? Die Straßen kilometerweit weg gebaut

werden? Die Gewerbegebiete woanders angesiedelt

werden?

4. Kunden

Selbst für Einzelhandelsunternehmen, die erfolgreich

in europäischen oder amerikanischen Großstädten

agieren, ist China nicht selten ein Schock.

Wer sich in einer Stadt wie Peking oder Schanghai

ansiedelt, muss mit einem unglaublichen

Ansturm von Kunden zurechtkommen. Allein

die Nanjing Road in Schanghai zieht an einem

gewöhnlichen Samstag mehr als zwei Millionen

Menschen an, während der Woche ist der Besucherandrang

kaum geringer. Für den Einzelhandel

bedeutet das, neu und umzudenken: Ist die

Fläche groß genug und richtig geplant (Ein- und

Ausgänge, Treppen, breite Gänge, Toiletten)?

Sind genügend Kassen und Informationsstellen

eingerichtet? Wie sieht es mit der Personalkapazität

und den Warenbeständen aus? Ein normaler

Verkaufstag in einer chinesischen Metropole

ist am ehesten mit der Hektik und den Gegebenheiten

in einem deutschen Kaufhaus im Sommerschlussverkauf,

unmittelbar nach Ladenöffnung

zu vergleichen.

In einem Land dieser Größe wird auch eine Zentrale

nicht reichen, um das Geschäft zu steuern.

Mittel- und langfristig wird es im Einzelhandel

ohne den Aufbau regionaler Headquarter nicht

gehen, regional müssen außerdem Logistik, Werbung,

Marketing und Sortiment gesteuert werden

– je nach Saisonalität und Lebensstil in der

jeweiligen Region.


Global Sourcing Text: Harald Willenbrock Zeichnung: Martina Wember McK Wissen 10 Seiten: 62.63


Wo Karstadt shoppen geht

Auf der Jagd nach günstigen Angeboten gehen Handelskonzerne auf weltweite Einkaufstour – das ist Tradition.

Neu ist, dass sie die Waren an allen Ecken der Welt immer öfter in Eigenregie herstellen lassen.

Worldwide Direct heißt das Konzept, das einst schlichte Händler in kosmopolite Co-Produzenten verwandelt.

Ganz vorn dabei: KarstadtQuelle, Europas größter Warenhaus- und Versandhandelskonzern.

9


Global Sourcing Text / Foto: Harald Willenbrock McK Wissen 10 Seiten: 64.65

Die Frau ist Fiktion, der Vorgang millionenfach gelebte Praxis. Er spielt

irgendwann im frühen Advent 2004, irgendwo in Deutschland. Die Dame,

eine Frau mittleren Alters, sitzt in ihrem Wohnzimmer und blättert im

aktuellen Quelle-Katalog, jenem 1260 Seiten starken, Papier gewordenen

Warenhaus, in dem man vom Bleistift bis zur Kühltruhe so ziemlich alles

kaufen kann, was Menschen vielleicht brauchen. Der Katalog ist dick und

schwer wie ein Ziegel. Die Beispielkundin fahndet in ihm nach einer festlichen

Garderobe für die Weihnachtsfeiertage, und nach einiger Zeit stößt

sie irgendwo jenseits von Seite 200 auf das Richtige: einen auberginefarbenen,

elegant geschnittenen Blazer für 49,95 Euro.

Auf dem Bestellformular, Seite 1234, trägt sie in der obersten Zeile Bestellnummer,

Größe und Preis ihres Wunschblazers ein. Und setzt damit, ohne

es zu ahnen, eine Produktionskette in Gang, die mehrmals um die Welt

reicht, Klima- und Zeitzonen umspannt, dutzende Menschen beschäftigt

– und erklärt, warum die Volksrepublik China derzeit die Hälfte des weltweit

produzierten Zements, ein Viertel des Kupfers und ein Drittel des

Stahls verbraucht, während es gleich in der Nachbarschaft, in Thailand

oder auf den Philippinen, ganz nach Abbau aussieht. Die Kette erklärt auch,

warum in China regelmäßig der Strom ausgeht. Und wieso ein

Blazer, der um die halbe Welt gekarrt wird, inklusive Stoff, Arbeitslohn,

Overhead, Transportkosten, Lagerhaltung, Zöllen, Werbung, Katalogdruckkosten

und Gewinnspanne lediglich 49,95 Euro kostet.

Um all das verstehen zu können, muss man vom Quelle-Hauptquartier in

Fürth aufbrechen und um die halbe Welt reisen, genauer: nach Schanghai,

in den Boom-Stadtteil Pudong, Lujiazuidong Road, China Merchants

Tower, Fahrstuhl in den 30. Stock, durch den Eingang links halten, rechte

Tür, stop. Jürgen Massion, 49 Jahre alt, blauer Zweireiher, Schnurrbart, ist

der Statthalter des KarstadtQuelle-Konzerns in China. Eine Wand seines

Büros teilen sich ein Mao-Zedong-Poster und ein hölzerner Drache, vis à

vis parkt eine Flotte Plastik-Oldtimer auf einer Kommode – Überbleibsel

einer lange zurückliegenden Karstadt-Kollektion.

Massion, gebürtiger Aachener, lebt und arbeitet seit 16 Jahren in Fernost.

Der schlaksige Kaufmann spricht ein ganz passables „Survival-Mandarin“,

wie er sagt, ist verheiratet mit einer Taiwanesin und wäre „für den Dienst

in Deutschland, wo alles genau geregelt ist, längst untauglich“.

Hier in China kann Massion eine Menge bewegen. Waren im Wert von

mehr als 183 Millionen Euro haben seine 127 Mitarbeiter in den vier


chinesischen KarstadtQuelle-Einkaufsbüros (Schanghai, Peking, Dalian,

Qingdao) im vergangenen Jahr bei chinesischen Produzenten geordert, in

Empfang genommen, überprüft und in die Heimat versandt. In diesem

Jahr werden es vermutlich mehr als 200 Millionen Euro Einkaufsvolumen

sein – plus weitere 300 Millionen, die Lieferanten aus Hongkong beisteuern,

die auch zumeist im chinesischen Hinterland fertigen lassen.

200 dicht gepackte Container verlassen Schanghai jede Woche Richtung

KarstadtQuelle-Konzern. Gefüllt sind sie zu etwa drei Vierteln mit Textilien,

der Rest der Ladung besteht aus bunt gemischter Hardware wie

Weihnachtsmännern, Spielzeugpuppen, Kochtöpfen oder Haartrocknern

der Quelle-Hausmarke Privileg. Massion: „Außer Handys, Computern,

Fernsehern und Kühlschränken produzieren wir so ziemlich alles hier.“

Weltweite Fahndung nach der besten und billigsten Quelle

Das klingt nach einer beachtlichen Menge, ist aber nur ein Teil jenes gut

zwei Milliarden Euro schweren Warenberges, den KarstadtQuelle Jahr für

Jahr aus aller Welt nach Deutschland schafft. Weltweit unterhält der Konzern

26 Einkaufsbüros. Jedes einzelne steht in unmittelbarer Konkurrenz

zu den klassischen Importeuren, bei denen sich KarstadtQuelle früher fast

vollständig eingedeckt hat.

Aus Konzern-Sicht haben Importeure den Vorteil, dass sie auf eigenes

Risiko arbeiten, in Eigenregie Produkte entwickeln, herstellen und anbieten

und häufig dank jahrelanger Erfahrung in einem bestimmten Produktsegment

zu gesuchten Spezialisten herangewachsen sind. Schlichte Commodities

wie weiße T-Shirts oder schwarze Socken kann auch ein Direkteinkäufer

nicht wesentlich billiger auftreiben als ein Importeur. Zudem binden

Importeure kein Konzernkapital und kosten nur dann Geld, wenn sie

auch tatsächlich zu voller Zufriedenheit geliefert haben.

Die Beziehung hat jedoch auch einen Haken: Der Kunde ist dem Importeur

auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Liefert er verspätet, in schlechter

Qualität oder gar nicht, weil er seine Produktion lieber an einen vermeintlich

attraktiveren Kunden vergibt, steht der Vertragspartner mit leeren

Händen da. Vor allem aber – und das ist in Zeiten der Konsumkrise

ein besonders gewichtiges Argument – streichen Importeure einen erheblichen

Anteil der Wertschöpfung ein.

Deshalb gibt es die KarstadtQuelle-Ländergesellschaften – so etwas wie

internationale Konzern-Emissäre für Effizienz und Kostensenkung. Sie

fahnden weltweit nach den zuverlässigsten Lieferanten,

den attraktivsten Konditionen und den

besten Möglichkeiten, die Herstellung eines Produktes

hier oder dort noch um ein paar Millimeter

zu straffen. Sie sind Eindringlinge ins Reich

der klassischen Importeure. Und besonders effektiv

dadurch, dass auch die Einkaufsbüros in den

verschiedenen Ländern in Konkurrenz zueinander

stehen.

Bevor ein Produkt im Quelle-Sortiment landet,

geht der Konzern bei seinen Länderbüros auf

Einkaufstour. Im Fall des imaginären Blazers

beispielsweise verschickt der für Damenoberbekleidung

zuständige Einkäufer aus der Quelle-

Zentrale in Fürth im Frühjahr 2004 ein Fax mit

detaillierter Artikelbeschreibung, Skizze, Maßtabelle,

gewünschter Qualität, Mengenvorstellung,

gewünschtem Liefertermin (Herbst 2004) und

Zieleinkaufspreis. Wie bei einer Versteigerung

geben die angefragten Regionalmanager dann

ihre Gebote ab – der Einkäufer erteilt den Auftrag

an den attraktivsten Anbieter.

Jürgen Massion hat in diesem Poker ziemlich gute

Karten. Die Herstellungskosten für Textilien in

China liegen derzeit um respektable 20 bis 25

Prozent unter den türkischen; mit Stundenlöhnen

von durchschnittlich 92 US-Cents unterbietet das

Land Konkurrenten wie Spanien (15,08 Dollar),

Slowenien (6,79 Dollar) oder Mexiko (1,68 Dollar)

deutlich.

Ginge es allein um Arbeitskosten, wäre Massion

der sichere Sieger vieler konzerninterner Auktionen

um den Produktionsstandort. Tatsächlich

führt China zusammen mit Hongkong auch die

Liste der KarstadtQuelle-Importländer an. Für so

manche Bestellung spielen aber auch Faktoren

wie Nebenkosten, Qualität und Verarbeitung

oder die Liefergeschwindigkeit eine wichtige

Karstadts Quellen

Die Top-10-Importländer des KarstadtQuelle-Konzerns

und ihr Anteil am Gesamtimport (in Prozent, 2003)

1 China/Hongkong 24,9

2 Belgien* 21,9

3 Türkei 8,8

4 Niederlande 6,3

5 Taiwan 4,6

6 Italien 4,4

7 Polen 3,7

8 Südkorea 3,1

9 Indien 2,4

10 Österreich 1,5

Quelle: KarstadtQuelle

*Belgien verdankt seinen (überraschenden) Spitzenplatz der

Tatsache, dass ein Großteil so genannter Weißer Ware immer

noch in Europa gefertigt und über Belgien importiert wird.

Vom Schanghaier Containerhafen Waigaoqiao verschickt

KarstadtQuelle 25 000 Container pro Jahr nach Deutschland.


Global Sourcing Text / Foto: Harald Willenbrock Zeichnung: Martina Wember McK Wissen 10 Seiten: 66.67

Rolle. Der Schiffstransport von Schanghai nach Europa dauert mindestens

drei Wochen; ein Teil der Aufträge für topmodische, schnell drehende

Artikel landet deshalb nicht in China, sondern in der Türkei (Platz 3 der

internen Liste). Auch für höherwertige Produkte wie Digitalkameras, Computer

oder Flachbildschirme ist China nach Konzern-Meinung noch nicht

reif genug. Einen Großteil der so genannten Weißen Ware wie Kühlschränke

oder Waschmaschinen lässt Quelle nach wie vor in Italien fertigen

und über Belgien importieren, was dem kleinen Land einen Spitzenplatz

in der Konzern-Importbilanz beschert.

„Wir haben in den vergangenen Jahren für deutlich mehr Transparenz in

der Konkurrenz zwischen verschiedenen Ländern gesorgt“, sagt Professor

Helmut Merkel, Vorstandsvorsitzender der Karstadt Warenhaus AG,

„das spart uns jedes Jahr mehrere Millionen Euro im Einkauf.“ Heute

bündeln so genannte General Manager Sourcing die Einkaufsvolumina so

weit wie möglich in einzelnen Ländern oder bei einzelnen Lieferanten. Aufträge

für Artikel, die sich klar definieren lassen und für die eine Vielzahl

von Lieferanten in Frage kommt, werden weltweit ausgeschrieben. Für

seine Internetauktionen nutzt KarstadtQuelle zwei Tools: Texyard für Textilien,

GNX für Hardware. Sie berücksichtigen alle wichtigen Details wie

länderspezifische Frachtraten, Zölle oder Lieferantenkonditionen und

stellen somit sicher, dass die Preise aus aller Welt tatsächlich miteinander

vergleichbar sind.

Das Verfahren verschafft dem Konzern den direkten Zugang zur weltweit

günstigsten Beschaffungsquelle – und schaltet Importeure und Zwischenhändler

aus. „Direct Sourcing ist heutzutage eine absolute Muss-Veranstaltung“,

sagt Merkel. Sein Unternehmen lässt derzeit etwa ein Drittel der

Textil-Eigenmarken unter eigener Regie fertigen, ein Anteil, den der Karstadt-Chef

noch deutlich steigern will. Bei diesen No Names nämlich zählt

bislang allein der Preis. Und der lässt sich am effektivsten steuern, indem

man die konkurrenzfähigsten Partner weltweit identifiziert und gemeinsam

mit ihnen nach Wegen sucht, die Produktion zu straffen.

„Ab 50 bis 100 Millionen Euro Einkaufsvolumen in einer Region lohnt sich

die Eröffnung eines Einkaufsbüros“, schätzt Peter Breuer, Partner bei

McKinsey, der als Global-Sourcing-Experte weltweit Handelskonzerne

berät. Breuers Faustregel: Klassische Agenten benötigen bis zu 15 Prozent

des Einkaufspreises, um ihre Kosten zu decken. Im Klartext: Bei einer

durchschnittlichen Gewinnspanne von etwa fünf Prozent gehen Einzel-

händlern zwischen Rohmaterial und Anlieferung

des fertigen Produktes bis zu 20 Prozent verloren

– eine stattliche Zahl für eine Branche, die ihr

Überleben auf magere Margen von einem bis fünf

Prozent baut. Und verlockende Werte für den

krisengebeutelten KarstadtQuelle-Konzern, der

zurzeit die Schließung von Filialen und längere

Arbeitszeiten für alle Mitarbeiter plant.

Je enger, desto besser

Ein Engagement vor Ort hilft jedoch nicht nur,

Kosten zu senken: Global Sourcing optimiert die

Produktion und minimiert die Risiken. „Wer direkt

einkauft, kann auch direkten Einfluss auf Gestaltung

und Qualität seiner Produkte nehmen“, sagt

Peter Breuer. KarstadtQuelle beispielsweise will

Qualität, Design und Bekanntheit seiner bislang

eher unbekannten Hausmarken Barisal, Anzoni

oder Moorhead deutlich stärken – und das geht

nun einmal nur in direkter Zusammenarbeit mit

den Herstellern. Branchenintern wird dieses

immer engere Zusammenrücken der Konzerne

an ihre Lieferanten Vertikalisierung genannt.

Modekonzerne wie H & M und Zara, die auf

extreme Flexibilität und einen reibungslosen

Fluss ihrer Warenströme angewiesen sind, haben

die Vertikalisierung in der Branche am weitesten

getrieben: Vom Rohwaren-Management bis zum

Lieferanten-Coaching sind sie in die Prozesse

ihrer Produzenten auf jeder Stufe der Herstellung

involviert. Wal-Mart, der weltgrößte Einzelhändler,

steuert mittlerweile rund 20 Prozent seines

China-Einkaufsvolumens in Höhe von 12,5 Milliarden

US-Dollar pro Jahr vor Ort.

Wer erst einmal an der Quelle ist, kann nicht nur

die Prozesse optimieren, er sammelt auch

Jürgen Massion, Regional General Manager von KarstadtQuelle

in China, ordert jährlich Waren im Wert von fast 200 Millionen

Euro bei seinen chinesischen Produzenten. Die Zhongxuan

Garment Co. Ltd., gegründet von Michael Wu (links) und Henry

Cheng, ist einer davon.


wertvolle Kontakte und Erfahrungen, die sich für eine Vertriebsrepräsentanz

im Land nutzen lassen. So haben die Heimwerker von Obi ihre 1998

eröffnete Einkaufsvertretung in Schanghai gleich als Sprungbrett für eigene

Vertriebswege genutzt. Die Marke mit dem Biber betreibt heute zehn

Retail Outlets im Reich der Mitte.

Für die Karstadt Warenhaus AG ist auf absehbare Sicht kein Markteintritt

geplant. „Das Format des Warenhauses lässt sich nicht ohne weiteres

exportieren“, meint Vorstandschef Merkel. „Aber als Direct-Sourcing-Land

ist China für uns absolut aktuell. Die Konditionen sind hochattraktiv.“

Im Einzelhandel machen die Einkaufskosten zwischen 60 (Textilien) und

80 Prozent (Lebensmittel) des Umsatzes aus. Kein Wunder, dass die Vertreter

der Branche seit Beginn der Geiz-ist-geil-Ära gerade an dieser Stellschraube

drehen. „Früher war ein Einkäufer lediglich derjenige, der dafür

zu sorgen hatte, dass die Ware rechtzeitig im Regal lag“, sagt McKinsey-

Berater Breuer. „Heute spielt der Einkäufer eine zentrale Rolle für die strategische

Positionierung von Handelskonzernen.“

Die Rolle von Führungskräften wie Jürgen Massion hat sich vom Verantwortlichen

für Einkauf zum Supply-Chain-Manager gedreht. Sie organisieren,

managen und überwachen vom Rohstoffeinkauf über die Produktion,

von der Qualitätskontrolle bis zum Versand eine lange, feingliedrige

Herstellungskette, die beispielsweise einen Ballen ägyptischen Baumwollstoff

über zig Stationen und Umwege von ein paar zehntausend Kilometern

schließlich in einen eleganten auberginefarbenen, gebügelten, versandfertigen

Blazer verwandelt.

Das Schmieden einer solchen Supply Chain ist mühsam. Und es beginnt

mit der Pflege der bestehenden sowie dem ständigen Suchen und Finden

neuer Lieferanten. 299 Produzenten mit knapp 700 Produktionsstätten

umfasst KarstadtQuelles chinesisches Netzwerk zurzeit, jedes Jahr kommen

30 bis 50 neue hinzu. Tag für Tag verhandeln Jürgen Massions Merchandiser

Termine mit potenziellen Lieferanten, prüfen ihre Produktmuster und

gleichen die Vorstellungen der Auftragnehmer in der chinesischen Provinz

mit denen der Auftraggeber im fernen Europa ab – keine kleine Aufgabe

angesichts der gut 100 000 Einzelaufträge, die KarstadtQuelle Far East &

Co in einem Jahr wie 2003 vergeben hat.

„Wir haben in den vergangenen Jahren die Konzentration gefördert, um

sicherzustellen, dass wir für Lieferanten wichtig genug sind“, sagt Jürgen

Massion. Trotzdem gestaltet sich die Suche nach neuen Lieferanten


Global Sourcing Text / Foto: Harald Willenbrock McK Wissen 10 Seiten: 68.69

immer aufwendiger: Die interessanteren Produktionsstätten verlagern sich

ins Hinterland. „Früher hat es gereicht, den Markt in einem Umkreis von

200 Kilometern um Schanghai zu beobachten. Heute drängeln sich hier

an der Küste alle Konzerne, die qualifizierten Arbeitskräfte werden knapp,

die Löhne steigen. Um noch wirklich attraktive Konditionen zu finden,

müssen wir weit ins Landesinnere gehen.“

Im Verarbeitenden Gewerbe verdient ein Fabrikarbeiter in Schanghai zurzeit

2667 Dollar im Jahr, sein Kollege in Peking immer noch 2131 Dollar.

In der zentralchinesischen Provinz Hubei ist die Leistung für nur 1075 Dollar

zu haben. Ein unschlagbares Argument – und dennoch keine leichte

Entscheidung: Wiegt der Lohnvorteil den Zeitverlust für den Transport an

die Küste auf? Können Qualität und Zuverlässigkeit der unerfahrenen Lieferanten

in Hubei mit denen ihrer Konkurrenten an der Küste mithalten?

Eine Fehleinschätzung kann bedeuten, dass Jürgen Massion ein halbes Jahr

später einen Zentraleinkäufer am Telefon hat, der auf einer Charge verspätet

gelieferter, fadenscheiniger und damit unverkäuflicher Textilien sitzt.

Unendlich viele Möglichkeiten, sich misszuverstehen

Um Produktmängel möglichst frühzeitig zu erkennen und abzustellen,

beschäftigt Massion ein Team von zwölf Inspekteuren, die durchs Land reisen

und vor Ort bei Lieferanten die laufende Produktion kontrollieren. Im

vergangenen Jahr wurden sie bei gut 21 Prozent ihrer Stichproben fündig.

„Im Prinzip müssen wir all das können und wissen, was der Produzent kann

und weiß“, sagt Massion, „sonst muss man gar nicht erst anfangen.“ Im

Worldwide-Direct-Geschäft gilt ohnehin Murphy’s Law: Was schief gehen

kann, geht irgendwann auch schief. So weiß Massion von seltsam anmutenden

Schnitten, löchrigen Stoffen und Businessanzügen zu berichten, die

aussahen wie Ritterrüstungen, weil die Chinesen sie ganz selbstverständlich

mit den landesüblichen starren Einlagen ausgestattet hatten.

Dem Lieferanten kann man oft nicht einmal einen Vorwurf machen –

woher soll eine Näherei an der Grenze zu Nordkorea auch wissen, was

ein Einkäufer in Fürth unter „auberginefarben“ oder „elegante Passform“

versteht? „Allein bei Bettwäsche haben wir acht bis zehn verschiedene

Qualitäten identifiziert“, erzählt Massion, „das kann zu acht bis zehn

verschiedenen Preisen führen.“ Die Kunst des Direct Sourcing bestehe

deshalb auch darin, Aufträge so detailliert und unmissverständlich wie

möglich zu formulieren, denn „die Möglichkeiten,

sich falsch zu verstehen, sind nahezu unendlich.“

Und Urteile im Falle eines Streits eher

selten: „In China eine Konventionalstrafe einzutreiben,

ist de facto unmöglich“, weiß Massion.

„Wir setzen deshalb lieber auf unsere Bedeutung

für Partner – und darauf, dass sie auch in Zukunft

mit uns zusammenarbeiten wollen.“

Die Zhongxuan Garment Co. Ltd., jene Schanghaier

Näherei, an die der deutsche Zentraleinkauf

den Auftrag für den Blazer schließlich vergibt,

ist ein alter, treuer Karstadt-Bekannter. Die

Privatfirma, vor sieben Jahren von den jungen

Chinesen Michael Wu und Henry Cheng gegründet,

fertigt unter anderem für den Otto-Versand,

das französische Versandhaus 3 Suisses und den

KarstadtQuelle-Konzern, dessen Name aus

Chengs Mund wie „Kah-Schtatt-Kwell-Aah“

klingt. Chengs Näherei liegt in einem weißen

vierstöckigen Zweckbau, 80 Kilometer vom

Stadtzentrum Schanghais entfernt. Es gibt eine

Kantine mit eigener Tischtennisplatte, klimatisierte

Arbeitsplätze und Slogans wie „Quality is

life“ oder „Volume is the benefit“ an den Wänden

im Treppenhaus. Die meisten der 800 Zhongxuan-Mitarbeiter

stammen aus Anhui, einer armen

Provinz 300 Kilometer westlich der Stadt gelegen;

viele wohnen in Wohngemeinschaften rund

um die Fabrik zur Miete und sehen ihre Familien

nur während der dreiwöchigen Betriebsferien um

das chinesische Neujahrsfest. Bezahlt wird nach

Akkord, was aus Sicht von Henry Cheng den

Vorteil hat, „dass die Arbeiter mit steigender Produktivität

mehr verdienen, ohne dass wir mehr

pro Stück zahlen müssen.“

Als einer von zunächst 50 chinesischen Herstellern

wird Zhongxuan demnächst von Zertifi-

Globaler Lohn

Durchschnittlicher Arbeitslohn eines Fabrikarbeiters

pro Stunde in US-Dollar (2003)

Deutschland 30,80

Spanien 15,08

Slowenien 6,79

Polen 3,14

Mexiko 1,68

China 0,92

Quelle: EIU Country Data, Heinritz Associates 2004

Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche im Auftrag von

„Kah-Schtatt-Kwell-Aah“: die Arbeiter bei Zhongxuan


zierungsteams der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels

(AVE) besucht werden, die im Auftrag des Konzerns weltweit Lieferanten

auf Einhaltung humaner Arbeitsbedingungen überprüfen. „Wer die Zertifizierung

nicht schafft, bekommt von uns eine zeitlich befristete zweite

Chance. Lieferanten, die die AVE-Kriterien auch danach nicht erfüllen,

werden wir unsere Aufträge entziehen“, kündigt Karstadt-Vorstand Merkel

an. Selbst die fortschrittliche Zhongxuan-Fabrik könnte jetzt Probleme

bekommen, denn die AVE-Kriterien schreiben unter anderem eine Wochenarbeitszeit

von maximal 48 Stunden vor – zwölf weniger, als in Zhongxuan

und in vielen anderen Fabriken in China regulär gearbeitet wird.

In dieser Zeit näht, schneidet oder packt ein Arbeiter und verdient im

Schnitt 1100 Yuan, umgerechnet etwa 130 US-Dollar im Monat. Gearbeitet

wird zehn Stunden pro Tag, sechs Tage die Woche – theoretisch jedenfalls,

praktisch werden die Zhongxuan-Nähereien zurzeit wie viele Schanghaier

Unternehmen durch chronische Stromausfälle lahm gelegt. Cheng

weiß jetzt schon, dass er seine Mitarbeiter demnächst wieder eine Woche

lang von Mitternacht bis sieben Uhr morgens zur Arbeit rufen wird, wenn

die Stadtverwaltung der Firma nur für ein paar Nachtstunden Strom

zuteilt. „Die Energieversorgung ist ein Albtraum“, sagt Jürgen Massion,

„viele unserer Lieferanten wissen nicht, wie sie ihre vereinbarten Kapazitäten

schaffen sollen.“

Zwischen Auftrag und Auslieferung liegen drei Monate

Verläuft alles nach Plan, braucht Zhongxuan knapp zwei Monate, bis die

Näherei Massions Blazer-Bestellung gefertigt, gebügelt und auf Kleiderständern

in einen Container gerollt hat. Danach übernimmt OOCL Logistics

das Kommando. Der Hongkonger Logistiker ist Central Service Provider

und damit exklusiver Logistik-Dienstleister der KarstadtQuelle Far

East & Co. Zwei Tage vor dem vereinbarten Verschiffungstermin holt ein

Spediteur den Container bei Zhongxuan ab und transportiert ihn in den

Schanghaier Hafen Waigaoqiao. Gut 25 000 Container pro Jahr hat OOCL

auf Reedereien zu verteilen. Die nominiert der deutsche Konzern selbst.

Ladekapazitäten sind ziemlich knapp in China.

In wenigen Monaten dürfte der Kampf um Containerraum noch einmal

an Härte zulegen, wenn Anfang 2005 auch die letzten Beschränkungen für

den Textilhandel fallen, die europäische und amerikanische Hersteller

40 Jahre lang vor Billig-Importen aus China geschützt haben. Die Entwick-

lung aus jüngster Vergangenheit lässt für die westliche

Industrie wenig Gutes erahnen: Als Anfang

2002 die Quoten für Babykleidung und Damenunterwäsche

abgeschafft wurden, legten die Importe

aus China in die USA binnen zwölf Monaten

um 826 beziehungsweise 232 Prozent zu. Ab

Januar könnten nach Schätzungen des Washingtoner

National Council of Textile Organizations

Länder wie Mexiko, Türkei und Sri Lanka 200

Milliarden Dollar Exportvolumen an China abgeben

müssen – und 30 Millionen Textilarbeiter in

Kanada, Deutschland oder Taiwan ihre Jobs verlieren.

„Einige Länder werden deutlich Anteile

einbüßen oder vielleicht sogar ganz aus dem

Rennen fallen“, prophezeit Bruce Rockowitz,

Executive Director bei der Firma Li & Fung in

Hongkong, die für Marken wie American Eagle

Outfitters oder Abercrombie & Fitch weltweit

Textilien einkauft. Nach Rockowitz’ Schätzungen

dürften sich langfristig 70 bis 80 Prozent der

weltweiten Textilproduktion nach China verlagern.

Auch Karstadt-Chef Merkel sieht für seine

Direct-Sourcing-Vereinbarungen mit chinesischen

Fabriken „in den kommenden Jahren überhaupt

kein Limit nach oben“ (siehe Interview).

Um von diesen Fabriken nach Europa zu gelangen,

benötigt ein schnelles Containerschiff gute

drei Wochen. Es pflügt durch das Ostchinesische

Meer, fährt an der Skyline Hongkongs vorüber,

durchquert den Suez-Kanal, passiert die Straße

von Gibraltar und dockt schließlich am 27. Tag

seiner Reise im Hamburger Hafen an. Drei Monate,

nachdem Jürgen Massion die Order für eine

Charge auberginefarbener Blazer erteilt hat, werden

die Kleider im Leipziger Quelle-Zentrallager

entladen. Auf Bügel gehängt, warten sie dort darauf,

dass irgendjemand irgendwo in Deutschland

sie im Quelle-Katalog entdeckt und bestellt.

Importeure versus Direkteinkäufer

Was für Importeure spricht …

_ Häufig langjährige Expertise in einzelnen Produktfeldern

_ Arbeiten auf eigenes Risiko, erfordern keinen Kapitaleinsatz

des Kunden

_Ersetzen die kundeneigene, aufwendige Supply Chain

_ Zugang zu Märkten, in denen sich eine kundeneigene

Einkaufsorganisation nicht lohnt (Vanille beispielsweise kommt

fast ausschließlich aus Mauritius – einem Markt, der sonst

wenig zu bieten hat).

Was für Direkteinkauf spricht …

_ Möglichkeit der Differenzierung im Warenangebot gegenüber

anderen Einzelhändlern

_ Möglichkeit, über direkte Einflussnahme auf die

Wertschöpfungskette – Design, Produktion, Supply Chain –

weitere Wertschöpfungspotenziale zu erzielen

_ Bis zu 20 Prozent Kostenersparnis gegenüber Einkauf bei

Importeuren

_Volle Kontrolle über den gesamten Fertigungs- und

Logistikprozess = maximale Liefersicherheit

_Einkaufsbüros können als Brückenköpfe für den eigenen

Markteintritt dienen

_ Direkte Zusammenarbeit mit Produzenten, dadurch die

Möglichkeit, Produkte über Design und Qualität stärker zu

differenzieren.


Interview Helmut Merkel Text / Foto: Harald Willenbrock McK Wissen 10 Seiten: 70.71

Intelligenter, flexibler, schneller

10

Für KarstadtQuelle ist China heute Import-Land Nummer eins. Und der Konzern hat seine Möglichkeiten noch längst

nicht ausgeschöpft. Professor Helmut Merkel, Vorstandsvorsitzender der Karstadt Warenhaus AG über seine Pläne.

McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

Professor Merkel, dieses große chinesische Schriftzeichen hinter Ihrem

Schreibtisch: Wofür steht das?

Das ist „zhong“ und steht für „Mitte“, auch für Balanciertheit und die

Konzentration aufs Wesentliche. Das Wissen, dass man nur existieren kann,

wenn man seine Mitte gefunden hat. Also etwas, das wir alle anstreben.

Sie haben an der Universität in Schanghai als Gast gelehrt, reisen regelmäßig

durch China, sprechen Mandarin und sind mit einer Chinesin verheiratet.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste China-Erfahrung?

Ja, natürlich, denn sie traf mich wie der Schlag. Mitte der achtziger Jahre

erhielt ich eine Einladung der Fudan University in Schanghai, dort als Gastdozent

zu lehren. Als ich in Schanghai landete, war mein Abholer nicht

da, und ich, der ich kein Wort Mandarin sprach, stand ziemlich verloren

herum. Es dauerte aber nicht lange, bis ich umringt war von zwei Dutzend

Menschen, die zwar kein Wort verstanden, aber mir tatsächlich halfen,

zum Gästehaus der Universität zu gelangen. Damals habe ich den Ehrgeiz

entwickelt, die Sprache zumindest so zu lernen, dass ich mich zurechtfinde.

Es hat mich unheimlich fasziniert, dass dies die einzige noch lebendige

Sprache ist, deren schriftliche Abbildung bis in die Anfänge der

Menschheit zurückgeht.


McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

Ihr Unternehmen ist schon seit mehr als 20 Jahren in Schanghai präsent. Was

hat Ihre Vorgänger ins damals noch streng kommunistische China getrieben?

China war schon damals ein Niedriglohnland, das Produktmuster hervorragend

kopierte. Und es ist noch heute unermesslich ressourcenreich. Thailand

und Taiwan waren für uns auch mal interessant, doch das hat sich aus

vielerlei Gründen geändert.

Thailand zum Beispiel ist an der Frage der Masse gescheitert – die Produzenten

dort waren einfach nicht in der Lage, ihre Betriebsgrößen entsprechend

auszuweiten. Dazu kamen umfangreiche Regierungsauflagen, die die

Produktion sehr verteuert haben. Eine thailändische Arbeitskraft in einer

Schuhfabrik kostet heute alles in allem 180 Dollar pro Monat – in China

sind es nur 40 bis 80 Dollar.

Trotzdem kaufen Sie beileibe nicht nur in China ein.

Nein, denn es gibt nach wie vor selektive Kompetenzen. Korea und Bangladesch

beispielsweise sind gut in hochwertiger Freizeitkleidung, Griechenland

hat eine große Tradition in Strickwaren. Ich bin auch überzeugt,

dass die Ukraine noch eine vielversprechende Entwicklung vor sich hat,

während Bulgarien und Rumänien ihren Zenit als Beschaffungsland vermutlich

bereits überschritten haben.


McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

Lassen Sie eigentlich auch noch in Deutschland fertigen?

Nicht, dass ich wüsste. Unsere Inlandslieferanten lassen heute ja auch weitgehend

im Ausland produzieren.

Gibt es für Direct Sourcing, also den Einkauf direkt beim Hersteller, wie

Ihr Unternehmen es betreibt, eigentlich eine Grenze nach oben?

Abgesehen von drei Einschränkungen: nein. Zu einem vernünftigen Sortiment

gehören – erstens – ja auch Markenwaren; ohne die kann ein

Warenhaus unmöglich auskommen. Die zweite Einschränkung betrifft die

Geschwindigkeit. Früher hatten wir lediglich zwei Produktzyklen im Jahr,

heute tauschen wir einzelne Produkte auf Wochenbasis aus. Die Flexibilität

nimmt also zu, während die Zahl der Produkte pro Modell abnimmt.

Und das treibt natürlich die Kosten.

Die dritte Einschränkung ist der Qualitätsaspekt. Auch die Produzenten

betreiben globales Sourcing und die Vormaterialien wechseln von Lieferung

zu Lieferung. Wenn in Südamerika aber eine Mückenplage herrscht,

ist die Qualität des Leders dort plötzlich dramatisch schlechter. Da helfen

Ihnen keine Zertifikate, sondern nur fortlaufende, eingehende Kontrollen.

Wir werden also immer weiter in die Vertikalisierung gehen – das heißt,

viel näher an den Hersteller heranrücken – und vom Rohmaterial bis zum

fertigen Artikel alle Produktionsschritte begleiten müssen.

Noch beschaffen Sie einen Großteil Ihrer Waren über zwischengeschaltete

Importeure. Warum kaufen Sie nicht mehr direkt vor Ort ein?

Das muss man erst einmal können, denn hinter jedem Glied einer Supply

Chain steckt eine enorme Managementleistung. Da ist ein unheimliches

Know-how gefragt, und man muss die Leute erst einmal dorthin setzen,

wo sie ihr Know-how kombinieren können. Außerdem: Allein kriegt man

das gar nicht hin. Sie brauchen Partner, die exakt verstehen, was bei

Ihnen gefragt ist. Und Sie müssen ein System aus Checks and Balances

etablieren. Denn einem Importeur Risiken abzunehmen heißt ja auch, die

Risiken selbst zu übernehmen.

Wenn wir selbst Textilien herstellen lassen, müssen wir zum Beispiel

garantieren, dass die Ware frei von Stoffen wie AZO, Quecksilber und Formaldehyden

ist. Wir müssen also eine zuverlässige Qualitätsprüfung etablieren,

und das bedeutet viel Kleinarbeit. Ein weiteres Beispiel: Wir geben

heute unseren Schuhlieferanten sogar vor, welche Schuhkartons sie zu verwenden

haben. Es gibt günstige, die kosten nur 30 Cents, sind aber im

Professor Helmut Merkel wechselte im Laufe seiner beruflichen

Karriere mehrfach zwischen Theorie und Praxis. Der Betriebswirt war

Projektleiter beim Beratungsunternehmen Sema Group, lehrte BWL,

Logistik und Wirtschaftsinformatik an der Universität Mannheim, war

Mitglied der Geschäftsleitung der Handelsgruppe Deichmann und

wurde im April 2000 in den Vorstand der KarstadtQuelle AG berufen.

Seit Juli 2003 Ist Helmut Merkel Vorstandsvorsitzender der Karstadt

Warenhaus AG mit Sitz in Essen.


Interview Helmut Merkel Text / Foto: Harald Willenbrock McK Wissen 10 Seiten: 72.73

McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

schlimmsten Fall wabbelig und brechen zusammen, wenn man sie stapelt.

Also haben wir uns für die 70 Cent teuren, stabilen entschieden. Um all

solche Details muss man sich kümmern, sonst zahlt man eine Menge Geld.

Wie wird sich das Direct Sourcing bei Karstadt künftig verändern?

Wir werden unsere gesamte Supply Chain besser integrieren und dadurch

viel Zeit gewinnen. Warum soll etwa eine Merchandiserin nicht vor Ort entscheiden,

ob ein Muster unseren Vorstellungen entspricht? Zurzeit werden

die Muster noch nach Deutschland gesandt, dabei würde das Versenden

eines hochauflösenden Bildes völlig ausreichen. Die Zeitpuffer für das Hinund

Herschicken von Warenproben werden wegfallen. Und auf diese Weise

werden wir intelligentere, flexiblere, schnellere Ketten aufbauen.

Was ist nach so vielen Jahren in China Ihre wichtigste Erkenntnis, um

erfolgreich Geschäfte zu betreiben?

Man muss die Kultur verstehen lernen. Wenn Sie den anderen nicht respektieren

und für voll nehmen, haben Sie in China keine Chance. Für mich

ist es manchmal beschämend, zuzusehen, wie manche Westler glauben, mit

den Chinesen umspringen zu können.

Umgekehrt springen Chinesen mit ihren westlichen Geschäftspartnern

auch nicht gerade zimperlich um. Stichwort Rechtsunsicherheit: Machen

Sie sich keine Sorgen um Ihre Markenrechte?

Markenrechte werden leider in der Tat mit Füßen getreten – aber das ist

kein spezifisch chinesisches Problem, das gibt es genauso in Rumänien,

Bulgarien oder Südamerika.

Ein typisch chinesisches Problem ist die Sorglosigkeit, in der mit Umwelt

und Mitarbeitergesundheit umgegangen wird.

China geht derzeit durch eine Phase wie wir zu unserer Wirtschaftswunderzeit.

Ich erinnere mich an meine Kindheit am Rhein, wo selbst ich als

kleiner Junge genau merkte, wie die Wasserqualität immer schlechter

wurde. So ist es heute in China, da sieht man in Guangzhou im Pearl-

River-Delta selbst an Sommertagen die Sonne vor lauter Smog nicht mehr.

Doch genauso, wie sich bei uns Arbeits- und Umweltstandards durchgesetzt

haben und heute der Rhein wieder einer der artenreichsten Flüsse ist,

wird das auch in China geschehen.


McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

McK:

Merkel:

Menschenrechtsorganisationen fordern schon mal, so lange nicht in China

fertigen zu lassen, wie Umwelt- und Arbeitsstandards nicht stimmen.

Die Chinesen wissen sehr genau, wo die Sensitivität bei uns liegt. Aber sie

nutzen die komparativen Vorteile, die sie heute noch haben. Wir beginnen

jetzt ja auch mit unseren Zertifizierungen gemäß den Richtlinien der AVE.

Wer diese Kriterien mittelfristig nicht erfüllt, bekommt keine Aufträge

mehr. Mittlerweile haben auch die Chinesen erkannt, dass gute Arbeitsbedingungen

mit hoher Produktivität einhergehen. Nach 16 Stunden Arbeit

kann kein Mensch mehr Qualität bringen. Aber mit steigenden Standards

steigen natürlich auch die Arbeitskosten und damit die Preise, die wir letztlich

für Produkte nehmen müssen.

Aber beobachten Sie mal deutsche Verbraucher, wenn sie vor einem

Warenhausregal stehen: Die meisten vergessen blitzartig alles, sobald sie

den Preis sehen.

All jene, die hier zu Lande vor Überhitzung warnen und das vermeintliche

Wirtschaftswunderland bereits kurz vor dem Absturz sehen, irren also?

Natürlich gibt es Risiken. Die Gegensätze zwischen den boomenden Küstenprovinzen

und der unterprivilegierten Bevölkerung im Hinterland, insbesondere

in den westlichen Provinzen, könnten das Wachstum in einigen

Regionen tatsächlich für einige Zeit unterbrechen. Genauso ist es mit den

Faktoren Energieknappheit und Umweltverschmutzung. Denkbar ist auch,

dass China nach dem Wegfall der Quoten schlicht zu erfolgreich wird.

Südeuropäische Hersteller, die Produktionskapazitäten und Aufträge an

China verlieren, könnten versuchen, den Warenfluss mit einer Kaskade

von Anti-Dumping-Klagen für einige Zeit zu stoppen.

Für die nächsten Jahre sehe ich aber deutlich mehr Chancen als Risiken.

Wenn Sie einen Kühlschrank für ein Drittel unseres Preises herstellen können,

ist das keine Seifenblase, sondern ein unglaublicher Wettbewerbsvorteil.

Hinzu kommt die enorme Nachfrage im Land, die für einen langfristigen

Boom sorgen wird.

Und dann? Eines Tages wird den Chinesen passieren, was bei uns derzeit

passiert: dass Systeme aufgebaut wurden, die auf Wachstum ausgerichtet

sind, aber kein Wachstum mehr da ist.

Wann wird das sein?

Es wird sicher ein gutes Jahrhundert dauern.


Weltweite Suche – Global Sourcing in der Automobilindustrie

Textil- und Spielzeugindustrie nutzen die Faktorkostenvorteile in Niedriglohnländern

wie China oder Indien schon längst. Automobilhersteller aus

Europa, den USA und Japan dagegen verhalten sich bislang zurückhaltend

– trotz internationaler Allianzen und globaler Ausrichtung. Anders als Lieferanten

aus geografisch näher liegenden Ländern wie Mexiko oder der

Tschechischen Republik werden die Zulieferer aus Indien und China hinsichtlich

Qualität und Effizienz deutlich kritischer beurteilt. Anfang des

Jahrzehnts machten die Exporte von Automobilkomponenten weniger als

ein Prozent der gesamten Ausfuhren Chinas aus (zum Vergleich: Mexiko

7 Prozent, Tschechien 16 Prozent). Zudem handelt es sich in China fast

ausschließlich um Ersatzteile, nicht um Erstausrüstungsgeschäft.

Tatsächlich sind die Anforderungen an den Einkauf von Automobilkomponenten

deutlich komplexer als in anderen Industrien. Neben Parametern

wie Kosten und Qualität spielt vor allem die Zeit eine wichtige Rolle: Einzelne

Teile just in time und sequenzgenau über tausende Kilometer in die

Supply Chain einzutakten ist auch für erfahrene Logistiker höchst kompliziert.

Und die Komplexität der Aufgaben wächst mit jedem Kilometer,

den der Lieferant vom eigenen Werk entfernt produziert.

Doch auch im Automobilbau lassen sich Kostenvorteile nutzen. Welche der

gut 3000 mechanischen Teile eines Mittelklasseautos für eine Produktion

in der Ferne in Frage kommen, muss jedoch sorgfältig geprüft werden. Denn

auch wenn die Herstellung günstig wäre: Einige Teile sind so sperrig (Treibstofftanks)

oder so empfindlich (Windschutzscheibe), dass ein Überseetransport

aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll ist. Die übrigen Teile können

– auf Basis ihrer Lohn- oder Materialkostenanteile und mit Blick auf ihren

Technologiegehalt – in fünf Cluster gegliedert werden. Berücksichtigt man

Einflussfaktoren wie Kostensenkungen durch Spezifikationsanpassungen

oder kontinuierliche Produktivitätsverbesserungen über mehrere Modellzyklen,

lassen sich durch den Einkauf in Niedriglohnländern im Einzelfall

mehr als 70 Prozent der Kosten sparen. Maßnahmen wie Änderungen im

Produktdesign können die Kostenstruktur einzelner Teile und Komponenten

zudem so verändern, dass sie sich in ein Cluster mit höherer globaler

Beschaffbarkeit verschieben lassen.

Die Grundanforderungen bleiben: Global Sourcing erfordert eine funktionierende

Organisation und eine eigene Einkaufsabteilung einschließlich

talentierter lokaler Manager vor Ort zum Aufbau eines zuverlässigen Lieferantennetzwerks.

Mit all dem lassen sich weltweit Kostenvorteile nutzen.

Cluster-Ansatz bei der globalen Beschaffung von Automobilteilen und -komponenten (in Prozent)

Cluster

1

2

3

4

5

Lokale

Teile

Clustermerkmale

Arbeitsintensive

Teile

Arbeitsintensive,

technisch anspruchsvolle

Teile

Teile mit ausgeglichener

Kostenstruktur

(Material,

Arbeit, Innovation)

Technisch

anspruchsvolle

Teile mit geringem

Lohnkostenanteil

Materialkostenintensive

Teile

Schwer verschiffbare

Teile

(weil sperrig oder

empfindlich)

Beispiele für Teile

• Verdichterventil

• Generatorriemenscheibe

• Bremssattel

• Lenkritzel

• Batterieschale

• Sitzpolster

• Nockenwelle

• Motorblock

• Kabelsatz

• Teppich

• Kraftstofftank

• Windschutzscheibe

Materialkostenanteil*

* Anteil an den Materialkosten eines Autos; komplexe elektronische

Komponenten nicht eingerechnet

** Für das Jahr 2015 gerechnet, im Vergleich zur Inlandsbeschaffung

8

11

9

16

27

Hypothese für globale

Beschaffung

Beschaffung in Land mit

dauerhaft niedrigen

Lohnkosten (z. B. China)

Neuaufbau von kompetenten

Lieferanten in

Ländern mit geringen

Lohnkosten (z. B. Indien)

Individuelle

Entscheidung über den

geeigneten Lieferanten

Teil für Teil

Vergabe an technisch

versierte Zulieferer im

näheren Umfeld (z. B.

Tschechische Republik)

Vergabe an Zulieferer mit

dauerhaft niedrigen

Materialkosten (abhängig

vom Material)

Beschaffung im Inland

29 0

Mögliche

Einsparungen**

22

19

49

Quelle: McKinsey Automotive & Assembly Sektor

64

74


Chinoiserie Text: Hans Stumpfeldt McK Wissen 10 Seiten: 74.75

11


Vom Zauber des

Entfernten

Seefahrer und Kaufleute brachten seit dem 16. Jahrhundert das China des Luxus und der Moden den

Europäern intensiv nahe. Chinoiserien überfluteten erst königliche, bald auch bürgerliche Wohnwelten. Selbst der

englische Garten: eine Erfindung der Chinesen.

Eine Zeitreise von Professor Hans Stumpfeldt

Als die „König von Preußen“ am 6. Juli 1753 in den Hafen von Emden

einlief, hatte sie auch 2067 Pfund Rhabarber an Bord. Sie war 16 Monate

und sieben Tage unterwegs gewesen, nach Kanton und zurück. Ihre

Besatzung: 120 Mann, zwölf Grenadiere und 30 Kanonen, fast zwei Dutzend

Seeleute waren unterwegs gestorben. Den Hauptteil der Fracht bildeten

500 000 Pfund Tee und mehr als 100 000 Stück Porzellan, außerdem

227 komplette Tafelservices. Vier Monate und 18 Tage hatte die „König

von Preußen“ in Kanton, dem chinesischen Überseehafen jener Zeit, gelegen.

Die Ostasienschifffahrt war von den Monsunwinden abhängig, die nur

zu bestimmten Zeiten günstig wehten, und in Kanton waren Geschäfte abzuschließen

und neue anzubahnen: Chinesische Zwischenhändler waren

unerlässlich, und sie verdienten kräftig mit. Trotzdem erbrachte eine

Ladung wie die der „König von Preußen“, die dem Brauch nach öffentlich

versteigert wurde, in der Regel das Dreifache des eingesetzten Kapitals.

Friedrich II., König von Preußen, hatte im Jahre 1751 die „Königlich Preußische

Asiatische Compagnie in Emden nach Canton und China“ gegründet.

Er wollte an dem glänzenden Ostasiengeschäft jener Tage teilhaben,

und da er sich gerade Ostfriesland angeeignet hatte, verfügte er endlich

über einen Hafen dafür. Das nach ihm benannte Schiff war das erste von

vier Schiffen dieser Compagnie, die nach Kanton aufbrachen, zwei davon

sogar zweimal.

Preußen – und Deutschland insgesamt – war ein Nachzügler in diesem

Handel. Die Portugiesen hatten 1514 den Anfang gemacht, die Spanier

folgten ihnen wenig später. Die holländischen Mijnheers gründeten am

20. März 1602 die Vereenigde Oost-Indische Compagnie. Über die Rückkehr

eines ihrer Schiffe schrieb ein Zeitgenosse: „Die Luft im weiten Umkreis

war voll ihres köstlichen Duftes.“ Er meinte Gewürze wie Nelken,

Muskat und Zimt.


Chinoiserie Text: Hans Stumpfeldt McK Wissen 10 Seiten: 76.77

Am 26. August 1624 landeten die Holländer auf Taiwan, das die Portugiesen

„Ilha Formosa“, die Wunderbare, genannt hatten. Ihre Niederlassung

bestand nur bis 1661, doch noch heute kommt in manchen Ortsnamen

Taiwans der Ausdruck „hung-mao“ vor, die Rothaarigen. Nachdem die

Briten 1588 die spanische Armada besiegt hatten, drängten auch sie in das

lukrative Geschäft. Heiß umkämpft war es, und mancher Kapitän von

eines Königs Gnade verhielt sich wie ein Pirat.

Was war nicht alles an bisher unvorstellbaren Luxusgütern aus China in

das eher karge Europa gelangt! Neben Seide, Tee, Porzellan, Lackwaren

kam die Sänfte nach Europa, und schon bald wurde in Wien verordnet,

„weder Kranke noch Lakaien und Livree-Personen, am allerwenigsten aber

Juden hineinzunehmen“. Der Kaiser und die Damen begaben sich in Sänften

in die Kirche und ins Theater. Noch vor 40 Jahren ließen sich die

Päpste in Sänften tragen.

Absonderliche Porzellankrüge und nackende Bilder

Reiche Porzellansammlungen entstanden an den Höfen. Im Inventar von

Rudolf II. von Habsburg (1552–1612) werden aufgeführt: „absonderlich

siebenzehn große und kleyne porzellankrüge … ungeschätzt“, daneben

„nackende Bilder“. Auch in die Bürgerhäuser zog das Porzellan ein, wie

holländische Gemälde dokumentieren. Doch bald wurde man des ewigen

„china blue“ überdrüssig und orderte zur Verwunderung der chinesischen

Porzellanmaler eigene Motive: Kriegsschiffe, Stadtansichten, Christus am

Kreuz, sogar blanke Brüste.

Die Mitbringsel veränderten den Alltag: Die Damen lernten den Fächer

anmutig zu handhaben, die Herren den Spazierstock zu schwingen, und

in England führte die Herzogin von Bedford den Five o’Clock Tea ein.

Mancher träumte sich wie ein Dichter „an Sinas reichen Strand, das Porcellanen

schickt,/ und auch Geschütze hat, und auch die Bücher drückt“.

China war ein Traumland, und es war damals tatsächlich reich, denn seit

der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts prosperierte es unter einer neuen

Herrscherdynastie, bis ungefähr um 1800.

Die China-Begeisterung Europas wurde von den Handelsgesellschaften

gezielt gefördert. Sie ließen auf den Ostindienseglern Künstler mitreisen, um

neue Bilder nach Europa zu bringen. Der bekannteste war der Holländer

Johan Nieuhof, der von 1655 bis 1657 auf eine „Gesandtschaftsreise“

nach China mitgenommen wurde, bei der Handelserleichterungen ausgehandelt

werden sollten. Daraus wurde nichts. Doch Nieuhof zeichnete in

China fleißig: Stadtansichten, Flora und Fauna, Tempel, Alltagsszenen. In

Kupferstiche umgesetzt, wurden die damit illustrierten Werke Bestseller.

Jetzt war China genauer wahrnehmbar, und Nieuhofs Darstellungen prägten

auch in Deutschland die Bilder von China, bis ungefähr 1800.

Ein ununterbrochener Strom von Luxusgütern floss von China nach

Europa und unterstrich den Eindruck, den auch Nieuhofs Bilder weckten:

China war ein Paradies. Dieser Eindruck wurde von ganz unerwarteter

Seite genährt, von den katholischen Missionaren, vor allem den Jesuiten.

Der Italiener Matteo Ricci (1552–1610) und der Deutsche Adam Schall von

Bell (1591–1666) zählen zu den bekanntesten.

Die in religiösen Angelegenheiten zunächst sehr offenen und toleranten chinesischen

Kaiser hatten sie und viele weitere Patres missionieren lassen,

nachdem sie deren überlegenes mathematisches und astronomisches Wissen

kennen gelernt hatten. Die Aufsicht über den Kalender gehörte zu den

wichtigsten Obliegenheiten eines Kaisers, und so gaben sie Missionaren

öfter ein Hofamt. „Mir wurde klar“, räumte der große Kaiser K’ang-hsi

(1662–1722) eher widerstrebend ein, „dass westliche Mathematik von Nutzen

sein kann.“

In Briefen berichteten die Patres fleißig, was sie über den Zustand von Staat

und Gesellschaft in China erfuhren. Sie schrieben nicht nur christliche

Traktate für Chinesen, sie übersetzten auch aus der klassischen chinesischen

Philosophie. Vor allem dem chinesischen Weisen Konfuzius (551–479 v.

Chr.) galt ihr Interesse, sie machten ihn zu einem Weltweisen.

Die Gelehrten jener Zeit stürzten sich auf die Missionarsbriefe, und neue

China-Bestseller kamen auf einen aufnahmefreudigen Markt – einen anderen

als den für Porzellan und Tee. „China Illustrata“ (1667) von dem deutschen

Universalgelehrten Athanasius Kircher (1602–1680) und „Confucius

Sinarum Philosophus“ (1687), von einer Jesuitengruppe verfasst, prägten

ein neues Chinabild, bei dem es vor allem auf die Ordnung von Staat und

Gesellschaft ankam.

„Es ist nämlich mit Worten nicht zu beschreiben“, rühmte der große Gottfried

Wilhelm Leibniz, „wie bei den Chinesen alles angelegt ist auf den

öffentlichen Frieden hin und auf die Ordnung des Zusammenlebens der

Menschen.“ Er dachte auch daran, dass deren Kaiser, der erwähnte

K’ang-hsi, seinem Volk in heiligen Dekreten Moral predigte, ohne


dafür einen Gott zu bemühen, und plädierte dafür, das Chinesische zur Einheitsschrift

der Welt zu machen.

Einflussreichen Gelehrten wie Leibniz oder Christian Wolf, der wegen

seiner Rede „Über die praktische Philosophie der Chinesen“ von 1721 seinen

Lehrstuhl verlor, erschien der chinesische Kaiser wie ein Philosophenkönig

in der Tradition des Griechen Plato. Leibniz rühmte den Kaiser

K’ang-hsi als „nahezu beispiellos hervorragenden“ Fürsten und fuhr fort:

„Wäre ein weiser Mann zum Schiedsrichter nicht über die Schönheit von

Göttinnen, sondern über die Vortrefflichkeit von Völkern gewählt worden,

würde er den goldenen Apfel den Chinesen geben.“

Der französische Aufklärer Voltaire (1694–1778), der am Hofe Friedrichs II.

diente, brachte die Sache auf den Punkt: „Was sollen unsere europäischen

Fürsten tun, wenn sie von solchen Beispielen hören? Bewundern und

erröten, aber vor allen Dingen nachahmen.“

Den Aufklärern diente China als Spiegel für Politik und Moral, den sie

ihren absolutistischen Herrschern vorhielten. Das war ein anderes Chinabild

als das der Kaufleute, die ihre chinesischen Geschäftspartner schon einmal

als „geborene Lumpen und Betrüger“ verunglimpften, weil sie sich als

gewiefte Geschäftsleute erwiesen. Doch die Fürsten zeigten sich zurückhaltend

im Hinblick auf chinesische Kaiser. Friedrich II. schrieb 1760 sechs

satirische Briefe als „Übersetzung aus dem Chinesischen“, und als er, zehn

Jahre später, einige Gedichte des gerade regierenden chinesischen Kaisers

in französischer Übersetzung las, lästerte er, damit könne man allenfalls in

Peking Staat machen. Immerhin, er richtete nach chinesischem Vorbild die

Rechnungshöfe ein, die französischen Könige übernahmen die zentralen

staatlichen Examina. Beides wirkt bis heute fort.

Die gelehrte China-Begeisterung färbte auf die geringeren Literaten ab. „In

China, wo Respect vor grauen Haaren/und auch die Cur des Stocks noch

üblich sind“, reimte ein gewisser Gottlieb Konrad Pfeffel einer alten chinesischen

moralischen Erzählung nach. Diese berichtet, dass eine 80-Jährige

ihre 60-jährige Tochter wegen einer Unart verprügelte, doch die Hiebe

fielen nicht mehr kräftig aus, und so schluchzt die Tochter: „Und eben das

thut meinem Herzen wehe/ (…) denn ach! ich sehe,/ wie sehr das Alter

deinen Arm geschwächt.“ Ein anderer reimte sogar schon chinesisch „Se

se ju se sheng“, Gedenke des Todes wie du des Lebens gedenkst, und erfand

eine ferne Geliebte, die er sinnig Tsin-na nannte.

„Staats- und Liebesromane“, die angeblich in China spielen, kamen auf den

Markt. Ein chinesischer Kaiser heißt in ihnen schon mal Hamilcar, eine

hübsche Banise ist bloß eine verdrehte Sabine, und manche Schilderung

deutet eine weitere Facette der Chinalust an: „Den Fluß Claro hatte man

so künstlich geleitet, daß er über eine sehr anmutige Klippe, woran das

Schlos gelegen, herüber flos, und mit einem sehr klahren Wasser ein sanftes

Geräusch verursachete, welches einen Menschen zu grosser Ergetzlichkeit

diente.“ Das Gold und der Marmor der Barockschlösser, nicht selten

nur bemalter Gips, wurden auf solche Weise nach China transportiert,

auch die eigene parfümierte Geziertheit.

Uhren, welche die Zeit anzeigen

In Wirklichkeit hatte Europa China wenig zu bieten, jedenfalls nicht im

Handel. Da erwies sich als ein Glücksfall, dass die Jesuiten die chinesischen

Kaiser, vor allem K’ang-hsi, für astronomisches Gerät interessierten. Schon

Matteo Ricci hatte dem Kaiser Shen-tsung (1573–1619) zwei Uhren überreicht,

„welche die Zeit anzeigen“, wie ein chinesischer Bericht rühmt.

Kaiser K’ang-hsi war ein ausgesprochener Liebhaber von aufwendig

gestalteten Spiel- und Taschenuhren. Aus Frankreich und aus der Schweiz

belieferten die Werkstätten fleißig den chinesischen Markt, obwohl in

China kaiserliche und private Werkstätten entstanden. Eine kaiserliche Verordnung

an das Zollamt in Kanton erklärte jedoch: „Uhren für den kaiserlichen

Palast müssen aus dem Westen kommen.“ Die chinesischen Uhren

konnten es an Feinheit nicht mit ihnen aufnehmen.

Marktorientiert legten sich die europäischen Uhrmacher Warenzeichen

nach chinesischem Geschmack zu und schrieben auch den Firmennamen

mit chinesischen Schriftzeichen. Sehr schnell fanden sie heraus, dass solche

Uhren gern hohen Würdenträgern als Bestechungs-„Geschenke“ übermittelt

wurden, und diese mussten stets zweiteilig sein. Also stellten sie

für den chinesischen Markt künftig Zwillingsuhren her, und die damit

bedachten Würdenträger hängten sie als Zierrat an die Wände ihrer Studios.

Gar zu viel Zeitgenauigkeit erschien ihnen als überflüssig.

Manch weiterer Auftrag erreichte europäische Firmen aus China. So

orderte der chinesische Kaiser Ch’ien-lung in den Jahren 1766/67 bei

französischen Druckern 200 Sätze von sechzehn Kupferstichen, die seine

siegreichen Feldzüge gegen angrenzende Völker verherrlichten. Die Druckvorlagen

waren in Peking angefertigt worden, und die französischen Drucker

ließen für diesen Großauftrag sogar ein besonderes Papier schöpfen,

das Grand Louvois.


„Was sollen unsere

europäischen Fürsten tun,

wenn sie von solchen

Beispielen hören?

Bewundern und erröten,

aber vor allen Dingen

nachahmen.“ Voltaire (1694–1778)


Chinoiserie Text: Hans Stumpfeldt McK Wissen 10 Seiten: 78.79

Erst 1775 war der Auftrag ausgeführt, und die Riesensumme von 204 000

Pfund Sterling traf bei der französischen Compagnie des Indes, die ihn

abgewickelt hatte, ein. Nur das Beste vom Besten interessierte die Chinesen

an Europa. Die Anfänge der industriellen Technologie übersahen sie

allerdings. Die Jesuiten waren hellwache und aufmerksame Beobachter.

Nicht nur für Geist und Moral hatten sie einen Sinn, einer beschrieb

sogar ausführlich die Sojasoße. Ihr Vorteil war, dass sie, anders als die

Kaufleute, auch im Land reisten. Beider Wahrnehmungen ergänzten sich

auf manchmal verblüffende Weise.

Eine Küche „in Sinesischem Geschmack“

Die Kaufleute brachten auch die zauberhaft bemalten Papiertapeten nach

Europa. In jedem Fürstenschloss gab es ein damit ausgestattetes kleines

chinesisches Kabinett, das meist auch einen Lackwandschirm und einige

chinesische Möbel zeigte und die fürstliche Porzellansammlung aufnahm.

Die auf Porzellanen und Wandschirmen dargestellten Szenen entsprachen

zwar nie chinesischer Wirklichkeit, doch sie bezauberten durch ihre Anmut

und Heiterkeit. Passten sie doch in die Stimmung der Fürstlichkeiten

und ihres Hofstaats, die in Schäferspielen und beim Anblick „chinesischer“

Feuerwerke ihr heiter-frivoles Ergötzen suchten.

Die Jesuiten hingegen berichteten über die Landschaftsgärten, die chinesische

Kaiser sich angelegt hatten und die ihre Sommerpaläste, gewaltige

Areale, umgaben. Dieses neue Gartenkonzept, das zunächst in England

wirkte, regte allerorten zu Nachbildungen an, und zu einem Landschaftsgarten

gehörte neben einer zierlich geschwungenen Bogenbrücke auch ein

chinesischer Pavillon – sogar in Bad Doberan und in Neustrelitz. Als Friedrich

II. Schloss Sanssouci errichtete, orderte er ein chinesisches Teehaus,

für das „Affen und Japonesen recht natürlich zu verfertigen“ seien. Chinesen

und Japaner waren damals fast gleich, und ein Chinese war von einem

Türken oft nur dadurch zu unterscheiden, dass er einen Zopf und einen

Sonnenschirm trug. Auch Sonnenschirme hatte Europa bis dahin nicht

gekannt, und die höfischen Damen legten Wert auf eine weiße Haut.

Friedrich II. interessierte sich sehr für diese Arbeiten, „und da bey dieser

Gelegenheit der König oft die Arbeiter besuchte, so beschloß Er zuweilen

im Sommer, in diesem hause zu speisen“. Eine Küche „in Sinesischem

Geschmack“ musste her, mit fünf scheppernden Blechpagoden auf der

Attika und nahebei eine richtige Pagode – heute ein Ausflugslokal. Auch

August II., „der Starke“, von Sachsen erholte sich gern bei derlei „Sinesischem“,

das Wissenschaftler unter dem Begriff „Chinoiserie“ zusammenfassen.

In seinem Sommersitz Pillnitz, nahe Dresden, und in den Elbauen

ließ er nach 1718 zwei „indianische Palais“ errichten; „indisch/indianisch“

war alles Östliche. Umlaufende Friese an den Außenseiten beider zeigen

eine unendliche Folge heiterster Lebenslust: böllerschießende, lustwandelnde,

Liebesbriefe versendende Chinesinnen und Chinesen. Da pinselt

auch schon einmal ein würdiger chinesischer Gelehrter vor einer Staffelei,

die in China gar nicht gebräuchlich war.

Ein Sehnsuchtsland war auch dieses China den Fürstlichkeiten in ganz

Europa, ein Spiegel ihrer Neigungen. Indes, Sehnsucht strebt manchmal

nach Verwirklichungen. So wurde bald nach 1780 bei Schloss Pillnitz eine

Kamelie gepflanzt. Die europäischen Gartenlandschaften sahen noch eher

karg aus, es fehlte an Blütengewächsen. Die Pillnitzer Kamelie, die heute

zu einer Höhe von neun Metern emporgeschossen ist, hatte ein schwedischer

Botaniker aus Japan mitgebracht, doch sie stammte aus China. Im

19. Jahrhundert brachen „Pflanzenjäger“ nach China auf, und bürgerten

abertausende Blütengewächse in die hiesige Gartenwelt ein. Der Rhabarber,

den die „König von Preußen“ im Juli 1753 nach Emden mitbrachte,

war noch nicht dieses erfrischende Gartengemüse. Das züchteten englische

Gärtner erst im 18. Jahrhundert aus der chinesischen Wildform, die als

Medizinal-Rhabarber bekannt ist und deren Wurzel gegen alle möglichen

Leiden wirkte. Er blieb auch im 19. Jahrhundert ein wichtiges Handelsgut.

Bald nach dem Jahre 1800 verging die europäische Chinalust. Mehrere

Interessengruppen – Kaufleute, Intellektuelle, Fürsten – hatten sich zwei

Jahrhunderte lang der Vorstellung und der Wirklichkeit Chinas in je eigener

Weise bemächtigt, und sie nahmen China auch nur in ihren eigenen

Ausschnitten wahr. Der wirtschaftliche und politische Niedergang Chinas

nach 1800 verkehrte vor allem das deutsche Chinabild radikal.

1850 erklärte der sozialistische Schriftsteller und Handelsmann Georg

Weerth: „Jedenfalls sind die Chinesen die ekelhafteste Menschenrasse.“

Andere deutsche Dichter und Denker, von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

bis Karl May, wetteiferten mit ihm in derlei Herabsetzungen. Zwischen

Begeisterung und Ablehnung, in ihren ausschnitthaften Wahrnehmungen

und Aneignungen, bewegen sich auch die jüngeren deutschen Chinabilder.

Achtung: Viel mehr ist hier zu Lande chinesisch als allgemein bewusst.

Professor Dr. Hans Stumpfeldt arbeitet als

Leiter der Abteilung für Sprache und

Kultur Chinas am Asien-Afrika-Institut der

Universität Hamburg.

Besser getroffen als auf den meisten Fotos

fühlt er sich in dieser Zeichnung, die einer

seiner Doktoranden von ihm anfertigte.


Interview Harro von Senger Text / Foto: Ralf Grauel McK Wissen 10 Seiten: 80.81

Hinter dem Lächeln der Dolch

Chinesen gelten in Verhandlungen als listig und verschlagen. Und das ist nicht einmal weit hergeholt:

Sie agieren auf Basis der 36 Strategeme, einem System der List-Techniken. In China ist die Rezeptur der List so

bekannt wie hier zu Lande Grimms Märchen. Professor Harro von Senger hat die alten Volksweisheiten

für den Westen entdeckt und übersetzt. Sein Fazit: Wir sind alle Einfaltspinsel.

12


Das erste Treffen fand in Freiburg statt, in einer Studentenkneipe, am

Nebentisch ein Unbekannter, der uns am Schluss unseres Gesprächs mehrfach

fotografierte. Harro von Senger (60), der an der Freiburger Albert-

Ludwigs-Universität als Professor für Sinologie lehrt, fand das ulkig. Die

Geheimdienststimmung passte zum Thema: den „36 Strategemen“, einem

Kanon der List.

Als er in den siebziger Jahren in China studierte, fielen von Senger immer

wieder seltsame Redewendungen und erklärende Metaphern auf, die in

Texten und Zeitungsartikeln auftauchten. Er ging der Sache nach und stieß

auf ein Militär-Traktat aus der Ming-Dynastie (14. bis 17. Jahrhundert). Von

Senger war der erste Wissenschaftler, der dieses in China populäre System

der List dem westlichen Publikum zugänglich machte. 1988 erschien der

erste Band seines zweibändigen Werkes „Strategeme“ und verkaufte sich

in mehr als zehn Sprachen rund 450 000-mal. Die FAZ nannte den Wissenschaftler

den „meistgelesenen Autor der westlichen Chinaforschung“.

Passend zum aktuellen weltweiten China-Hype veröffentlichte Harro von

Senger im August 2004 sein neuestes Buch, „36 Strategeme für Manager“.

Denn was viele Unternehmer als simple interkulturelle Übersetzungsfehler

irritiert, ist für Chinesen eine alltägliche Mischung aus Wachheit und List.

Das zweite Treffen: Zürich, wieder im Café, vor der Kunsthalle. Diesmal

gibt es keine heimlichen Schnappschüsse vom Nachbartisch, nur der Kellner

macht am Ende ein Erinnerungsfoto. Harro von Senger hat darum

gebeten, so wie chinesische oder japanische Touristen das gern tun.

Professor von Senger, werden die Chinesen nicht langsam unruhig,

weil Sie im Westen ihre Tricks und Kniffe ausplaudern?

Im Gegenteil. Für Chinesen ist List ein Teil von Weisheit. Ich kläre also

aus chinesischer Sicht den Westen über die Klugheit und Intelligenz von

Chinesen auf.

Keine Angst auf chinesischer Seite, dass Sie das Vorurteil der

Verschlagenheit verstärken?

Nein, in diesen Kategorien wird nicht gedacht. In China ist man über meine

Strategem-Veröffentlichungen hellauf begeistert. Schauen Sie, ich arbeite

über dieses Schriftzeichen „zhi“. Dessen Hauptbedeutung ist Weisheit, Wissen,

Klugheit, Intelligenz oder Durchblick. Zhi ist eine der fünf Kardinaltugenden

des Konfuzius. Die andere Bedeutung desselben Zeichens ist

List, Strategem. Und das ist einer der wichtigsten Termini der chinesischen

Philosophie. Nur wer mit einer gewissen Intelligenz ausgestattet ist, kann

sich in einer schwierigen Situation ein Strategem ausdenken. List ist aus

chinesischer Sicht ein Zeichen von Klugheit.

Wie präsent sind die Strategeme im chinesischen Alltag?

Es gibt Kalender, Wandbehänge, Spielkarten, Wachsfigurenkabinette,

Comics in Millionenauflage. Allein in der Wirtschaftsliteratur gibt es mehr

als 50 Titel, die sich auf die 36 Strategeme beziehen: „36 Strategeme und

Management“, „36 Strategeme und Unternehmensführung“ und so weiter.

Es gibt sogar mehrere Fernsehserien, die sich mit dem Thema befassen.

Ich zeige in meinen Vorträgen gern Ausschnitte aus der Serie „Meister

Suns Kriegskunst und die 36 Strategeme“. Jede Folge ist einem Strategem

gewidmet. Das Außergewöhnliche an dieser Serie ist, dass am Schluss

jeder Folge die Theorie eingeblendet und die Handlung noch einmal

erklärt wird. Eine Mischung aus Unterhaltung und Schulfunk.

Wirtschaft wird in China in sehr martialischen Metaphern beschrieben.

Sogar Kunden gelten als Feinde, die man besiegen muss. Ist

das nicht furchtbar antiquiert?

Wieso? Wir sprechen doch auch von Konkurrenzkampf oder Preiskrieg.

Aber wir reden auch von Geschäftspartnern

oder Tarifpartnerschaft. Wir achten doch sehr

darauf, dass wir uns positiv ausdrücken.

Das gibt es auch in China. Im Außenwirtschaftsbereich

ist auch von Partnern die Rede. Das

andere sind Metaphern, die man nicht zu ernst

nehmen sollte.

Im Westen sind Begriffe wie List, Hinterhalt

oder Verschlagenheit sehr negativ besetzt.

In China offenbar nicht.

Nein, denn es gibt ja nicht nur die destruktive

Schadenslist, es gibt auch die konstruktive

Dienstlist und darüber hinaus die meist harmlose

Scherzlist. Diese beiden List-Arten beurteilt

man im konkreten Einzelfall eigentlich auch im

Westen positiv.

Dennoch hat die List hier zu Lande einen

eher schlechten Ruf.

Das geht möglicherweise auf Platon zurück.

Die Welt der ewigen Ideen und das Wahre

befinden sich im Licht. Da gibt es keine Unklarheit.

Seit Platon haben wir eine Art Lichtdenken.

Die List aber hat etwas Abgründiges, Dunkles

an sich. Außerdem geschah die Vertreibung aus

dem Paradies durch eine List. Zu unserer Wahrnehmung

kommt also die christliche Negativprägung.

In China kann man die Tag- und Nachtseite nicht

getrennt voneinander denken. Nehmen Sie das

bekannte Symbol für Yin und Yang, wo die

weiße und die schwarze Form ineinander greifen

und jede einen kleinen Anteil des anderen in sich

trägt. Es gehört zusammen.


Interview Harro von Senger Text: Ralf Grauel McK Wissen 10 Seiten: 82.83

Nun denken wir aber anders. Wieso sollte sich jemand im Westen

mit den 36 Strategemen auseinander setzen?

Der Katalog ist deswegen so hilfreich, weil er umfassend ist. Unser Problem

ist, dass wir in den meisten Fällen keine Bezeichnungen für Listen

haben. Und vor allem keinen systematischen Überblick: Uns fehlen die

Worte. Ohne Worte aber kein Denken, kein Erkennen, kein durchdachter

Einsatz eigener List. Und vor allem keine effiziente Gegenwehr. Dank der

Strategeme überwinden wir unsere Sprach- und Hilflosigkeit angesichts

von List.

Wie nützlich sind die Strategeme für westliche Manager, die in

China Geschäfte machen wollen?

Die meisten Unternehmer haben noch nie davon gehört. Die Wahrscheinlichkeit

ist aber sehr hoch, dass man mit Strategemen in Kontakt gerät.

Man sollte sie daher rechtzeitig identifizieren können und wissen, wie

man sich wehrt.

Ein ehemaliger chinesischer Botschafter in Deutschland hat mal

gesagt, wir würden die Welt zu sehr im Wechsel durch Mikroskop

und Fernglas betrachten. Wie sollen wir sie sonst sehen?

Vielleicht mal mit bloßem Auge, dann würden wir auch den Weg sehen,

auf dem wir gehen. Der Philosoph, der ständig zum Himmel schaut, wird

irgendwann über einen Kieselstein stolpern.

Sind Chinesen die besseren Taktiker?

Sie sind die besseren Strategen. Mir machen Deutsche nicht selten den

Eindruck von Tüftlern und Taktikern. Wo bitte ist bei einem Bastler der Gesamtblick?

Bei der Internationalen Messe für Erfindungen, Neue Techniken

und Produkte in Genf hat ein Deutscher den Großen Preis gewonnen – für

die Entwicklung einer Methode, Stein biegsam zu machen. Sein erster Kontakt

war nach China. Dort ist man hellwach und greift sofort zum Telefon.

Das ist Strategem Nummer 12: „Mit leichter Hand das Schaf wegführen.“

Listenblindheit ist eine Art der Schläfrigkeit. Wir sind nicht wach genug.

Wir analysieren, forschen und entwickeln. Aber fehlt uns, was

Robert Musil den Möglichkeitssinn nannte – die Fähigkeit, das zu

denken, was ebenso gut sein könnte?

Ja, insbesondere außerhalb von Routine-Abläufen. Deutsche sind toll im

Entwickeln neuer Ideen, die sie aber vielfach nicht weiterentwickeln. Sie

sind oft etwas verträumt. Sie stellen für Gedanken und Erfindungen bisweilen

keine Wirklichkeitsverknüpfung her. Sie erfinden etwas, gehen dann

zur nächsten Erfindung und lassen jemand anderen das Geld mit der

ersten Erfindung verdienen. Chinesen, so ist mein Eindruck, sind wacher.

Bei Konfuzius, der die fünf zwischenmenschlichen Beziehungen ins Zentrum

seiner philosophischen Betrachtungen stellt, geht es nicht um so

hochgeistige Dinge wie bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder Immanuel

Kant. Da werden ganz alltägliche Probleme gewälzt.

Verstehen Chinesen die westlichen Philosophen?

Ins Chinesische übersetzt sind die meisten. Aber mal anders gefragt:

Verstehen Sie denn Hegel oder Kant? Ich lehre an einer philosophischen

Fakultät und habe selbst meine Mühe mit Kant. Konfuzius ist dagegen

vergleichsweise leichte Kost.

Hegel nannte Konfuzius einen banalen Denker. Dabei hat Konfuzius sich

nur mit den wichtigsten Dingen beschäftigt. Ein Schüler fragte ihn mal nach

dem Tod. Konfuzius meinte: „Wieso fragst du nach dem Tod? Du verstehst

doch nicht einmal das Leben.“

Ist es richtig, die Strategeme als Schwert des kleinen Mannes zu

bezeichnen?

Die Strategeme waren in China ein Mittel des Individuums gegen die

Staatsgewalt. Es gab ja früher keine gesetzlichen oder moralischen Möglichkeiten

zur Durchsetzung individueller Ziele. Mit der Zeit hat sich die

Situation aber geändert. Mao Zedong hat immer wieder Strategeme angewandt,

als Revolutionär wie als Machthaber. Solche mit List begabten

Mächtigen nennt man auch Tiger mit Flügeln.


„Widerspruch ist das zentrale

Wort. Für uns bedeutet

es Ausschluss, für Chinesen

oft ein Sowohl-als-auch:

Öffnung und Einparteienherrschaft,

kapitalistisches

Hongkong, sozialistisches

Festland. In China

ist immer beides möglich.“


Wir halten fest: Chinesen sind hellwache, ihre Chancen ergreifende

Raubtiere, die einander die ganze Zeit listig übers Ohr hauen. Das

klingt aber auch nicht besonders hoch entwickelt.

Viele Unternehmer fühlen sich bei Joint Ventures betrogen, etwa

wenn ihre chinesischen Partner Jahre später identische Konkurrenzprodukte

auf den Markt bringen.

Zum Beispiel, indem man offen zu seinen Fehlern

steht. Das wäre das Strategem 19: „Unter dem

Kessel das Brennholz wegziehen.“

So ist es ja auch nicht. Denn es gibt zur ewigen Gefahr der List ein ausgleichendes

Gegengewicht: Guanxi, einer der wichtigsten chinesischen

Termini. Er bezeichnet das Beziehungsnetz, das in China eine große Rolle

spielt. Die persönliche Beziehung ist immer mindestens so wichtig wie der

Vertrag, den man schließt.

Das geht ebenfalls bis auf Konfuzius zurück. Es geht um den Aufbau von

Vertrauen, damit Sie in einer Geschäftsbeziehung das strategemische Denken

außen vor lassen können. Dieses Vertrauen ist innerhalb von bereits

bestehenden Beziehungen am besten gewährleistet. Deshalb sind im chinesischen

Raum Familienunternehmen auch so wichtig.

Wie baut ein westlicher Geschäftsmann Guanxi auf?

Das ist ein langwieriger Prozess. Das bauen Sie nicht von heute auf morgen

auf. Man kann den Weg natürlich abkürzen, indem man sich einen tollen

Chinesen sozusagen umschnallt, der in den besten Kreisen bekannt ist

und einen Haufen Guanxi hat (lacht). Wem es gelingt, so jemanden für

seine Firma zu gewinnen, der schafft damit ein Bindeglied zwischen einem

noch nicht Guanxi-Beteiligten und dem Beziehungsnetz.

Ist das auch eine Art Strategem?

Sicher, das wäre die 18: „Will man eine Räuberbande unschädlich machen,

muss man deren Anführer fangen.“ Eintrittspersonen sind für Geschäftsbeziehungen

in China sehr wichtig. Allerdings dürfen Sie Ihren Partner

dann natürlich nicht offensichtlich arglistig behandeln. Sie wollen schließlich

Vertrauen aufbauen.

Aber meine chinesischen Partner behandeln mich auch mit Arglist.

Mit List. In ihrer wirtschaftlichen Strategemliteratur beklagen sich Chinesen

freilich umgekehrt darüber, dass Chinesen auch schon von ausländischen

Geschäftsleuten – oftmals werden Japaner genannt – ausgetrickst

worden seien. In meinem neuesten Buch zitiere ich solche Beispiele.

Joint Ventures sind immer mit einem Endtermin versehen. Wenn westliche

Unternehmen über die Verlängerung ihres Joint Ventures neu verhandeln,

müssen sie oft enorme Zugeständnisse machen. Chinesen können

westlichen Firmen gegenüber wunderbar die 33 anwenden, das Strategem

des Zwietracht-Säens. Da lässt sich mühelos einer gegen den anderen

ausspielen, weil alle Fremdinvestoren denselben Druck haben und die

gleichen Ziele verfolgen. Eine solche Situation lässt sich sehr gut listig

ausnutzen.

Kann der westliche Unternehmer in China überhaupt eine für ihn

durchschaubare Geschäftsbeziehung aufbauen?

Natürlich. Aber dazu muss er China gut kennen, und das tun nur die

wenigsten. Westlichen Unternehmern sind ja nicht einmal die Grundzüge

des chinesischen Rechts vertraut, auf dessen Grundlage sie agieren. Es

scheint niemanden zu interessieren. Mein Buch „Einführung in das chinesische

Recht“ hätte ich mir sparen können. Es hat sich, wenn es hoch

kommt, 2000-mal verkauft.

Was können deutsche Unternehmer aus ihm lernen?

Ach, jede Menge. Zum Beispiel die im Westen nahezu unbekannten, dem

Recht der Volksrepublik China zugrunde liegenden offiziellen Denkmethoden.

Was Verträge betrifft, so handeln Chinesen diese vielfach bis ins letzte

Detail aus. Sobald es Schwierigkeiten gibt, werden die Verträge herausgeholt

– und plötzlich bekommen winzige Klauseln eine enorme Relevanz.

Nehmen Sie beispielsweise die Nationalisierungsklausel: Gewisse Hersteller

müssen sich verpflichten, den Anteil der Bauteile, die in China nach deutschen

Standards produziert werden, jedes Jahr zu erhöhen. Bis zu einer

Quote von 90 Prozent, glaube ich, müssen ein Fahrzeug, ein Rechner oder

eine Maschine in China auf deutschem Niveau gebaut sein. Am Schluss

besitzen die Chinesen fast das gesamte Know-how.

Viele deutsche Manager beklagen gerade,

dass Chinesen grundsätzlich keine Fehler

eingestehen. Sei es aus Angst, das Gesicht

zu verlieren, oder aus einer fehlenden kulturellen

Praxis heraus. Ist das nicht ein

Widerspruch zu Ihrer Empfehlung?

Mein neues Buch handelt von strategemischem

Verhalten. Ich gebe keine Allgemein-Einführung

in die chinesische Kultur. Kritik und Selbstkritik

ist eine altverwurzelte sinomarxistische Vorgehensweise.

Auch das Gesicht ist sicher ein wichtiges

Element der chinesischen Mentalität, aber

doch nicht das einzige. In China ist die Angst, das

Gesicht zu verlieren, weit verbreitet, und als Ausländer

muss man das wissen. Aber mein Rat, Fehler

einzugestehen, ist einem Strategem zugeordnet.

Auf Deutsch würden Sie sagen: „Jemandem

den Wind aus den Segeln nehmen.“

Ich habe die Effizienz eines solchen Verhaltens

während meines zweijährigen Studiums in Peking

einmal erprobt: Ich machte mit einem Freund eine

Fahrradtour durch die Stadt. Plötzlich lief mir eine

alte Frau in den Weg und fiel hin. Der Sturz war

nicht schlimm, aber sie saß auf einem Treppchen

und schluchzte. Ich entschuldigte mich und gab

ihr zehn chinesische Dollar. Meine Personalien

wurden aufgenommen. Zurück an der Universität

meldete ich den Vorfall gleich dem für uns ausländische

Studenten zuständigen Funktionär. Ich

habe nie wieder etwas von diesm Unfall gehört.

Mein sofortiges Geständnis war damals durchaus

ein wenig strategemisch konzipiert. Und es hat –

Wie verdient man sich den Respekt seiner Geschäftspartner? jedenfalls in diesem Fall – funktioniert.


Interview Harro von Senger Text: Ralf Grauel McK Wissen 10 Seiten: 84.85

Angesichts so vieler kultureller Unterschiede: Gibt es in China

Angst vor Überfremdung durch westliche Firmen, die jetzt zunehmend

auf den Markt drängen?

Ja, es gibt eine Wachsamkeit gegenüber allem Fremden. Das führt zu stark

strategempräventivem Verhalten. Das heißt, Chinesen haben zahlreiche

Kontrollverfahren bei den Außenhandelsbeziehungen. Bei Joint Ventures

müssen immer wieder Zwischengenehmigungen eingeholt oder Kontrollen

durchlaufen werden. Sehr teure Joint Ventures müssen von der Zentralregierung

genehmigt werden. Das fällt alles unter Strategem-Prävention.

Man will bloß nicht unter die Räder von Ausländern kommen.

Gleichzeitig setzen die Chinesen alles daran, sich Wirtschaft und

Expertise ins Land zu holen. Wie passt das zusammen?

Ihre Frage ist typisch für den abendländischen Entweder-Oder-Ansatz.

Der ist aber für viele Erscheinungen in China untauglich. Widerspruch ist

das zentrale Wort. Für uns bedeutet es Ausschluss, für Chinesen oft ein

Sowohl-als-auch. Was sich für Europäer ausschließt, ist für Chinesen oft

problemlos vereinbar: Öffnung – und Einparteienherrschaft; weitgehende

wirtschaftliche Reformen – und Festhalten an den grundlegenden marxistisch-leninistischen

politischen Institutionen; ein Land, zwei Systeme:

kapitalistisches Hongkong mit Common Law – sozialistisches Festland

mit einem kontinental-sinomarxistischen Rechtssystem unter dem gemeinsamen

Hut Volksrepublik China. Oder Ihr Problem: sowohl ein Willkommen

gegenüber ausländischen Investoren, Studierenden, Touristen als auch

Kontrollen, damit nichts aus dem Ruder gerät. Die Liste ließe sich endlos

fortsetzen. In China werden gegensätzliche Dinge oft kunstvoll miteinander

verknüpft.

Und die Strategeme können uns Westlern helfen, uns besser darauf

vorzubereiten?

Man sollte auch die offiziellen Denkmethoden, also zum Beispiel das dialektische

Denken, kennen. Daneben ist Strategemkenntnis ganz sicher

Die 36 Strategeme () = Erklärung

Das geheime Buch der Kriegskunst – Sanshiliu Ji (Miben Bingfa) aus der Zeit um 1500 n. Chr.

1. Den Himmel (also den Kaiser) täuschend das Meer überqueren.

2. (Die ungeschützte Hauptstadt des Staates) Wei belagern, um (den durch die Streitmacht des Staates Wei

angegriffenen Bündnispartner) Zhao zu retten.

3. Mit dem Messer eines anderen töten.

4. Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten.

5. Eine Feuersbrunst (als günstige Gelegenheit) für einen Raub ausnützen.

6. Im Osten lärmen, im Westen angreifen.

7. Aus einem Nichts etwas erzeugen.

8. Sichtbar die Holzstege instand setzen, insgeheim nach Chencang marschieren.

9. (Wie unbeteiligt) die Feuersbrunst am gegenüberliegenden Ufer beobachten.

10. Hinter dem Lächeln den Dolch verbergen.

11. Den Pflaumenbaum an Stelle des Pfirsichbaums verdorren lassen.

12. Mit leichter Hand das (einem unerwartet über den Weg laufende) Schaf (geistesgegenwärtig) wegführen.

13. Auf das Gras schlagen, um die Schlangen aufzuscheuchen.

14. Für die Rückkehr der Seele einen Leichnam ausleihen.

15. Den Tiger vom Berg in die Ebene locken (wo er sich nicht verteidigen kann).

16. Will man etwas fangen, muss man es zunächst loslassen.

17. Einen Backstein hinwerfen, um einen Jadestein zu erlangen.

18. Will man eine Räuberbande unschädlich machen, muss man deren Anführer fangen.

19. Unter dem Kessel das Brennholz wegziehen.

20. Das Wasser trüben, um die (ihrer klaren Sicht beraubten) Fische zu fangen.

21. Die Zikade entschlüpft (einer Situation, indem sie sich verwandelt und aus) ihrer goldglänzenden Hülle

(steigt, die ihre Verfolger ablenkt).

22. Die Türe schließen und den Dieb fangen.

23. Sich mit dem fernen Feind verbünden, um den nahen Feind anzugreifen.

24. Einen Weg durch Yu für einen Angriff auf Guo ausleihen (um danach Yu ebenfalls zu erobern).

25. Die Tragbalken stehlen und die Stützpfosten austauschen (um etwas von innen auszuhöhlen).

(Dieses Strategem wird etwa bei der Begriffsentleerung oder beim heimlichen Begriffswandel angewendet.)

26. Die Akazie scheltend auf den Maulbeerbaum zeigen.

27. Verrücktheit mimen (Harmlosigkeit vortäuschen), ohne dabei das Gleichgewicht (und sein Ziel aus den

Augen) zu verlieren.

28. Auf das Dach locken, um dann die Leiter wegzuziehen.

29. Dürre Bäume mit (künstlichen) Blumen schmücken.

30. Die Rolle das Gastes in die des Gastgebers umkehren.


sehr hilfreich. Ein Unternehmer sollte seine zukünftigen Geschäftsbeziehungen

zu China auch anhand der Strategeme durchdenken. Schneit ihm

etwa, kurz vor Weihnachten, eine Einladung, nach China zu Verhandlungen

zu kommen, ins Haus? In solch einem Fall sollte ihm das Strategem 4:

„Ausgeruht den erschöpften Feind erwarten“ in den Sinn kommen, das sein

chinesischer Partner womöglich gegen ihn anwenden möchte. Auch das

Strategem Nummer 1 zu kennen lohnt sich: „Den Himmel (also den Kaiser)

täuschend das Meer überqueren“. Da wird zum Beispiel ein

Geschäftspartner nach China eingeladen und in der Annahme bestärkt,

dass alles besprochen und klar sei. In China stellt sich dann heraus, dass

gar nichts feststeht und die Verhandlungen plötzlich in großer Hast zu Ende

geführt werden müssen.

Anne Reboul, eine Kommunikationswissenschaftlerin aus Genf, beschreibt

Verhandlungsführung aus einer anderen, aber ähnlichen Perspektive. Im Allgemeinen,

sagt sie, gehen wir mit einem naiven Optimismus in Gespräche

hinein. Erweckt der andere den Anschein von Kompetenz und Gutmütigkeit,

nehmen wir an, dass er das auch ist. Wir nehmen den Schein als Sein.

Das beschreibt sie als erste Stufe. In der zweiten Stufe, dem vorsichtigen

Optimismus zweifle ich die Kompetenz meines Gegenübers an. Auf Stufe

drei, dem komplexen oder wachen Verstehen, ziehen Sie sowohl Kompetenz

als auch den guten Willen in Zweifel, selbst wenn jemand so scheint.

Das ist natürlich anstrengend. Aber Chinesen sind in Verhandlungen eher

auf dieser dritten Stufe. Jemand, der die 36 Strategeme kennt, kann sich

also auf Verhandlungen mit größerer Wachsamkeit vorbereiten.

Das Ziel ist also nicht Argwohn, sondern Wachsamkeit?

Genau. Und die 36 Strategeme sind die Anti-Schlaftabletten.

31. Das Strategem der schönen Frau (die den Feind in eine Falle lockt).

32. Das Strategem der leeren Stadt (Einen Hinterhalt vortäuschen, der die eigene Schwäche verschleiert).

33. Das Strategem des Zwietracht-Säens.

34. Das Strategem des leidenden Fleisches (Eine Selbstverletzung mobilisiert den Samariter-Reflex des

Gegners oder das Mitleid des Publikums).

35. Das Ketten-Strategem (das zwei oder mehr Strategeme miteinander verknüpft).

36. (Rechtzeitiges) Weglaufen ist (bei völliger Aussichtslosigkeit) das Beste.

Harro von Senger:

36 Strategeme für Manager.

Carl Hanser Verlag, München, 2004;

222 Seiten; 19,90 Euro

Die Kunst der List. Verlag C. H. Beck,

München, 2004; 196 Seiten; 9,90 Euro

Einführung in das chinesische Recht.

Verlag C. H. Beck, München, 1994;

363 Seiten; 28 Euro

www.36strategeme.de


Ausbeutung / Fortschritt Text: Christiane Kühl / Mathias Rittgerott McK Wissen 10 Seiten: 86.87


Geballte

Ohnmacht

Die einen sagen: In China werden die Arbeiter ausgebeutet. Lebensbedrohliche Produktionsbedingungen,

menschenunwürdige Unterkünfte, soziale Härte, Hungerlöhne, Kinderarbeit.

Die anderen: Das chinesische Wirtschaftswunder gibt Millionen von Menschen Arbeit. Es ernährt, wo bis gestern

Hunger herrschte, es qualifiziert, wo es bislang keine Perspektive gab. Das Land entwickelt sich. Rasant.

Ausbeutung oder Fortschritt?

Beobachtungen aus zwei Welten.


Ausbeutung / Fortschritt Text: Christiane Kühl / Mathias Rittgerott McK Wissen 10 Seiten: 88.89

Die Geschichte beginnt im Kinderzimmer. Johannes’ batteriebetriebener

roter Geländewagen: made in China. Anna-Sophies Puppe mit dem

runden Babygesicht und den blauen Augen, die sie Felix getauft hat: made

in China. Ebenso der große braune Plüschhund, die Plastik-Modelleisenbahn

für den Garten, die Playstation, sämtliche Autos aus Plastik oder

Metallspritzguss, ob Mercedes-Benz, BMW, Ford oder Volkswagen, und die

Carrera-Bahn. Sogar die Kinderbibel wurde im Reich der Mitte gedruckt.

China hat das deutsche Kinderzimmer erobert.

Und mehr. Wir tragen T-Shirts, Pullover und Turnschuhe aus China. Wir

leben in Möbeln, die chinesische Arbeiter zusammengebaut haben. Wir kalkulieren

mit chinesischen Taschenrechnern, schauen auf chinesische Flachbildschirme,

besitzen massenweise Geräte, die Platinen oder Chips enthalten,

die in chinesischen Fabriken verlötet wurden. Das Land im Osten

ist der weltweit größte Produzent von Mikrowellengeräten und Mountainbikes,

stellt mehr als die Hälfte aller weltweit verkauften Kameras her,

ein Viertel aller Kühlschränke, gut zwei Drittel aller Feuerzeuge.

China erobert die Welt. Mit Heerscharen von willigen, billigen Arbeitskräften.

Mit Produktionsbedingungen, die hier zu Lande unvorstellbar

wären. Mit Löhnen, die den Namen aus Sicht deutscher Gewerkschaften

nicht verdienen. Mit Raubbau an der Umwelt und an Leib und Leben der

Menschen. Oder etwa nicht?

Beispiel Spielzeugindustrie. China ist der größte Spielwarenhersteller der

Welt. Rund 10 000 Fabriken haben sich inzwischen auf das Geschäft konzentriert,

allein in der südchinesischen Provinz Guangdong verdienen hunderttausende

von Wanderarbeitern ihren Lebensunterhalt in mehr als 8000

Produktionsstätten.

Uwe Kleinert von der „Werkstatt Ökonomie“, in Deutschland einer der

Hauptkritiker der chinesischen Spielzeugindustrie, war noch nie in China,

dafür kennt der Geograf das Leid der Teppichknüpfer in Indien und Nepal.

Dort hat er Kinder arbeiten sehen. Kleinert arbeitet für die Aktion „fair

spielt“ und versucht, mehr Menschlichkeit in den globalen Handel mit

Spielzeug zu bringen. Und dazu muss er nicht groß verreisen. „Die Zustände

in chinesischen Fabrikhallen sind gut dokumentiert“, sagt er. Am

heimischen Schreibtisch lassen sich zahlreiche Studien über die Arbeit im

fernen Osten auf den Bildschirm laden, etwa von der in mehr als hundert

armen Ländern tätigen Hilfsorganisation Oxfam International oder dem

in Hongkong ansässigen regierungskritischen China Labour Bulletin. Viele

Geschichten gingen um die Welt. Etwa die des Großbrands, der mitten in

der Vorweihnachtsproduktion in einer Spielzeugfabrik in Shenzhen ausbrach.

Die Fenster der Halle waren vergittert, die Türen verriegelt, knapp

89 Arbeiter starben, mehr als 40 wurden verletzt. Das Unglück geschah

im November 1993, aber es könnte sich jederzeit wiederholen, meinen

Menschenrechtsexperten in aller Welt.

Es sind Bilder wie diese, die Uwe Kleinert aufregen: In einem winzigen

Raum sitzen zehn Frauen beieinander. Toilette und Kochstelle starren vor

Schmutz. Müde Gesichter. „Die Arbeiterinnen in Spielzeugfabriken müssen

bis zu 16 Stunden am Tag schuften, sieben Tage die Woche“, sagt Kleinert.

Doch die Menschen arbeiten nicht nur in diesem Loch, sie wohnen

auch hier. Die Baracke gehört zu einer der rund 1600 Spielzeugfabriken in

Shenzhen im Süden Chinas und produziert billige Plastikfiguren. Auch für

deutsche Kinder.

Ma Sanying und ihr Mann werden sich bald trennen. Die amerikanische

Bekleidungsfirma J. C. Penney will es so. Sie besteht in den Arbeiterwohnheimen

ihrer chinesischen Zulieferer auf strikte Geschlechtertrennung

auch für verheiratete Paare. Pengda Textile, Mas Arbeitgeber, baut

deshalb gerade ein graues zweistöckiges Wohngebäude für ihre 190 männlichen

Arbeiter aufs Firmengelände.

Mit Mann und Kind ins Nachbardorf umziehen will die 21-jährige Ma

nicht. „Das Geld spare ich lieber. Wir schicken das meiste unseren Familien“,

sagt sie. Neben ihr rattern Nähmaschinen, Berge halb fertiger hellblauer

Hemden für die schwedische Modekette Hennes & Mauritz (H&M)

türmen sich auf, H&M ist der Hauptkunde der Fabrik. Mas Arbeitsplatz

ist laut und zehn Grad kühler als der feuchtheiße Pekinger Sommer draußen.

„Wir haben ein zentrales Klimaanlagensystem mit amerikanischer

Technik“, sagt Geschäftsführer Peng Leijian stolz. Es gebe 24 Stunden

heißes Wasser und alle zwei Wochen frische karierte Bettwäsche.

Pengda Textile ist kein Sweatshop und war es wohl auch nie. Die Firma

wurde erst vor ein paar Jahren zwischen die Baumschulen des winzigen

Pekinger Vororts Yangfang gestellt. Da gab es schon die Audits und Auflagen

westlicher Firmen, die, getrieben von Kampagnen heimischer Nicht-

Regierungsorganisationen (NGOs), nun bei ihren Lieferanten nach dem

Rechten sehen.


China ist der weltweit größte

Produzent von Mikrowellengeräten

und Mountainbikes,

das Land stellt mehr

als die Hälfte aller weltweit

verkauften Kameras her,

ein Viertel aller Kühlschränke,

gut zwei Drittel aller

benötigten Feuerzeuge.


Deren Arbeit treibt bisweilen seltsame Blüten, wie die Zensur der in

China völlig selbstverständlichen gemischten Wohnheime für Männer und

Frauen. Die für Sozialfragen zuständige Managerin He Man findet das

reichlich schräg. „Wir haben doch Wachleute auf jedem Stockwerk, was

soll da passieren?“

Zurzeit brütet He über dem Fragebogen der Außenhandelsvereinigung des

Deutschen Einzelhandels (AVE). Viele Unternehmen, darunter Otto, KarstadtQuelle,

C&A, Steilmann, Metro und Peek&Cloppenburg, haben sich

unter AVE-Federführung zusammengetan, um die Einhaltung sozialer Mindeststandards

bei ihren Lieferanten in 15 Ländern zu prüfen. Gemeinsam,

statt wie früher getrennt. Also: Bekommen die Angestellten schriftliche

Gehaltsabrechnungen? Werden gefährliche Chemikalien gekennzeichnet?

Sind alle Beschäftigten mindestens 15 Jahre alt? Dürfen sie das Fabrikgelände

verlassen? Auf wie viele Arbeiter kommt eine Toilette?

Managerin He hat sich an die Audits und Fragen gewöhnt. Besonders

detailversessen sei H&M, berichtet sie trocken und zeigt auf zwei Feuerlöscher

neben dem Eingang zur Fabrikhalle. „Zwei an jeder Tür, aufgehängt

auf einer Höhe von 1,50 Meter.“ Drum herum haben Arbeiter eckige gelbe

Linien gepinselt – der Sicherheitsabstand.

Weltweit gibt es eine Reihe von Initiativen, die sich um das Wohlergehen

und die Rechte chinesischer Arbeiter bemühen – allen voran Oxfam International

oder kirchliche Einrichtungen wie das Hongkong Christian

Industrial Committee oder Catholic Agency for Overseas Development

(Cafod). In Deutschland sind es eher kleine, wenig bekannte Gruppen, die

sich für die chinesischen Arbeiter interessieren. Die Globalisierungsgegner

von Attac winken mit der Begründung ab, man befasse sich mit globalen

Fragen. Venro, der freiwillige Zusammenschluss von rund 100 deutschen

NGOs, faxt eine Liste von Initiativen, die sich um China bemühen. Bei

der sonst umtriebigen Organisation Weed verweist man auf Uwe Kleinert

und Kollegen.

Zu den Organisationen, die eine Menge Fachwissen angesammelt haben,

gehört Südwind – Institut für Ökonomie und Ökumene in Siegburg.

Ingeborg Wick ist im Haus die Expertin für weltweiten Textilhandel. Sie

kann detailliert über die Verhältnisse im Textilsektor referieren und nennt,

für jeden verständlich, das Kind beim Namen: „Wenn Überstunden erzwungen

sind, ist das nach internationalem Verständnis Zwangsarbeit.“ Klaus

Piepel, der für das katholische Hilfswerk Misereor bei „fair spielt“ im

Boot sitzt, weiß von der verbreiteten Praxis, bei der Akkordarbeit die

geforderte Stückzahl so hoch zu setzen, dass die Arbeiterinnen den gesetzlichen

Mindestlohn nicht erreichen. Zudem werden Überstundenzuschläge

oft nicht gezahlt und die Lohnabrechnungen so undurchsichtig gestaltet,

dass die Arbeiter vom Betrug nicht einmal etwas merken.

Die Liste der Leiden ist lang, da sind sich alle internationalen Menschenrechtsorganisationen

einig: Pässe werden einbehalten, damit Wanderarbeiter

ihr Glück nicht in der nächsten Fabrik suchen können. Die Beschäftigten,

vor allem in der Textil- und Spielzeugindustrie, sind giftigen Gasen

ausgesetzt und hausen in Schlafsälen, für die sie horrende Gebühren zahlen.

Ausbildung und Sicherheitsstandards sind mies, Arbeitsunfälle an der

Tagesordnung. Eine Versicherung können sich die meisten chinesischen

Arbeiter nicht leisten.

Beijing Garments beschäftigt 3200 Arbeiter, gut die Hälfte kommt aus der

nordwestlichen Armutsprovinz Gansu. Ausländern fehle oft das Gefühl für

die Lage in China, meint Guan Yu, Europamanager der staatlichen Textilfirma,

und nennt ein Beispiel aus dem deutschen AVE-Forderungskatalog.

Demnach darf Beijing Garments keine Arbeiterinnen ohne Ausweis einstellen.

In Gansu, sagt Guan, kostet die Erstellung eines Ausweises umgerechnet

einen Euro – Geld, das die meisten armen Familien sparen. Stattdessen

reisen die jungen Frauen ohne Papiere zur Jobsuche ins mehr als tausend

Kilometer entfernte Peking. Dort müsste Beijing Garments sie abweisen.

Aber was dann?

China hat strenge Wohnsitzregelungen: In Peking können die Frauen keinen

Ausweis beantragen, sie müssten zurück in die Heimat. Aber die meisten

haben nicht einmal das Geld für eine Fahrkarte. „Ich halte das nicht für sinnvoll“,

sagt Guan Yu. Doch auch die Deutschen haben sich bei ihrer Regel

etwas gedacht. Die Ausweispflicht soll vor allem sicherstellen, dass Arbeiterinnen

mindestens 15 Jahre alt sind. Kinderarbeit ist verboten.

Bekommen die Arbeiter

Gehaltsabrechnungen?

Werden gefährliche

Chemikalien gekennzeichnet?

Sind alle Beschäftigten

mindestens 15 Jahre alt?

Dürfen sie das Fabrikgelände

verlassen? Auf wie viele

Arbeiter kommt eine Toilette?


Ausbeutung / Fortschritt Text: Christiane Kühl / Mathias Rittgerott McK Wissen 10 Seiten: 90.91

„Wenn für den europäischen Markt produziert wird, muss den Lieferanten

in China klar sein, dass das zu Bedingungen zu geschehen hat, die man

hier den Kunden erklären kann“, fordert Professor Klaus Leisinger. Der Entwicklungssoziologe,

der sich mit Menschenrechtsfragen in aller Welt

beschäftigt, leitet die Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung und

lehrt an der Universität Basel. Daneben berät er die Weltbank, die Vereinten

Nationen, den schweizerischen Bundesrat und ist einer der Köpfe des

Zentrums für Wirtschaftsethik in Deutschland. Leisinger ist ein Aktivist im

Anzug – und hat schon jedes Extrem gesehen. Chinesischen Vorzeigefirmen,

auf die westliche Konzerne gern verweisen, traut er nicht über den Weg:

„Sage mir, ob du einen groben Verstoß gegen das Sittengesetz oder eine

unternehmerische Glanztat aufzeigen willst, und ich liefere dir die entsprechende

Fallstudie.“

Als Faustregel für China scheint heute zu gelten: je mehr Hightech, umso

besser die Arbeitsbedingungen. Je kleiner die Firma und je simpler das

Produkt, desto schlechter geht es den Beschäftigten. Berüchtigt sind die

Fabriken, in denen 200 Millionen ungelernte chinesische Wanderarbeiter

einen Job suchen: die Sweatshops der Textil- und Spielzeugindustrie. Die

Arbeitsbedingungen seien oft mies – und sie würden nicht selten durch

die Anforderungen westlicher, auch deutscher Unternehmer verschlimmert,

heißt es in einem aktuellen Cafod-Bericht.

Aus Angst, einen Trend zu verpassen oder bestellte Ware nicht schnell

genug absetzen zu können, bestellen die Einkaufsleiter großer europäischer

und amerikanischer Konzerne immer kurzfristiger. Puppen und Plüschtiere,

Autos und Elektrospielzeug, die unter dem Weihnachtsbaum landen

sollen, werden häufig erst im Spätsommer geordert. Die Folge: Arbeiterinnen

in China müssen Überstunden bis zum Umfallen schieben. Der Tod

durch Überarbeitung hat eine eigene Bezeichnung: Guolaosi.

Hinzu kommt ein gnadenloser Wettbewerb. Mehrere tausend Hersteller

sind von den Aufträgen von weniger als 50 Unternehmen abhängig, die

den weltweiten Spielzeugmarkt dominieren. „Die großen internationalen

Firmen haben praktisch ein Monopol“, sagt Mai Qingzhao von der Vereinigung

der Spielzeugfabrikanten in Shenzhen. Als sich chinesische

Zulieferer in den neunziger Jahren darum rissen, den Fastfood-Konzern

McDonald’s mit Miniaturfiguren beliefern zu dürfen, sanken die Preise

innerhalb von drei Jahren um 15 Prozent.


Multinationale Konzerne seien die Vorhut in Sachen Sozialstandards, meint

Liu Kaiming, Direktor des unabhängigen Institute of Contemporary Observation

(ICO) in der südchinesischen Boom-Metropole Shenzhen im

Perlflussdelta. Lius Institut – das erste regierungsunabhängige seiner Art

landesweit – erforscht die Arbeitswelt des Deltas. Eine Region, deren Wirtschaft

explodiert: rund 17 Prozent Zuwachs jährlich in den vergangenen

zehn Jahren. Von dort stammt ein großer Teil der chinesischen Exporte –

und ein großer Teil der Berichte über eingesperrte Arbeiterinnen und

16-Stunden-Tage in schmutzigen Kleinfabriken.

Das Delta im tiefen Süden Chinas, weit weg von der Regierungskapitale,

gilt als Dorado für Manchester-Kapitalisten. Hier wurde vor 25 Jahren die

erste Sonderwirtschaftszone eingerichtet, nachdem Deng Xiaoping die

Bereicherung zum erstrebenswerten Ziel erklärt hatte. Die Zonen sollten

ein Fenster zum Kapitalismus sein, in denen Firmen und Unternehmer

reich werden konnten. Kapital, Technik und Material kamen aus dem

Ausland, China trug billige Arbeitskräfte bei, vor allem Frauen aus den

ländlichen Regionen.

In vielen Sektoren der Leichtindustrie ist das auch heute noch so. Westliche

Markenartikelhersteller fertigen in der Regel nicht selbst, sondern ordern

ihre Waren bei Zulieferern aus Taiwan oder Hongkong, die ihrerseits in

China produzieren lassen. Bei Schnellorders für den Wühltisch schwärmen

die Lieferanten der Multis nicht selten aufs Land aus und suchen sich Mini-

Firmen oder Frauen, die zu Hause mit eigener Maschine nähen. In diesen

Nischen finden nach Ansicht Lius die gröbsten Verletzungen der Arbeiterrechte

statt. Forciert durch die Großen – aber nicht sichtbar: „Die multinationalen

Konzerne sitzen oben in der Kette und können gar nicht kontrollieren,

was auf der untersten Ebene geschieht, die aus tausenden Subkontraktoren

besteht.“

„Es gibt zwei Arten von Investoren in China“, sagt Stephen Frost. „Die

eine Gruppe setzt auf billige Arbeitskräfte, die andere will China als Markt

erobern. In der zweiten Gruppe sind die Arbeitsbedingungen tendenziell

besser.“ Der Australier beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema –

zurzeit als Forscher an der City University of Hong Kong – und weiß, dass

die Situation ziemlich komplex ist: „Viele chinesische Unternehmer sagen:

Einerseits fordern die Kunden bessere Belüftung, Klimaanlagen, besseres

Essen und bessere Schlafräume. Andererseits bekomme ich für meine Produkte

immer weniger Geld. Wie soll ich das machen?“


Spielzeug, das unter dem

Weihnachtsbaum landen soll,

wird häufig erst im

Spätsommer geordert. Die

Folge: Arbeiterinnen in

China müssen Überstunden

bis zum Umfallen schieben.


Auch mit der Forderung nach humaneren Arbeitszeiten kommen viele

chinesische Unternehmer immer weniger zurecht. Das geltende Gesetz

erlaubt maximal 36 Überstunden pro Monat. „Aber das schafft in der

Hauptsaison keine Firma“, sagt Frost.

Mehr als 60 Arbeitsstunden pro Woche sind die Regel, die Beamten drücken

vor allem in Südchina gern ein Auge zu. Häufig nicht mal gegen den

Willen der Arbeiter, denn die werden nach Stückzahlen entlohnt. In Dongguan

im Perlflussdelta legten die Arbeiter einer Firma für zwei Tage die

gesamte Produktion lahm und setzten Firmenautos in Brand. Der Grund:

Sie wollten mehr arbeiten und protestierten gegen eine kürzlich erlassene

Überstundendeckelung.

Wie es den Arbeitern geht, hängt auch davon ab, woher das Kapital kommt

und wie finanzkräftig der Investor ist. „In Joint Ventures von Bayer oder

BASF gibt es nichts zu beklagen“, weiß Erwin Schweisshelm von der SPDnahen

Friedrich-Ebert-Stiftung. Die schlimmsten Bedingungen herrschten

in Firmen, deren Kapital aus Hongkong oder Taiwan stammt.

„Eine Firma wie Novartis mit ihren Ressourcen muss mehr leisten als ein

kleines Unternehmen“, findet Professor Klaus Leisinger. Doch er kennt

auch Unternehmer kleiner Firmen in Europa, die in China Geschäfte

machen und dabei durchaus Großes leisten.

Unternehmen von Novartis bis Otto haben in Verhaltenskodizes festgeschrieben,

was sie für richtig halten: Verbände erarbeiten Sozialstandards,

die sich zumeist an den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorganisation

(ILO) der Vereinten Nationen anlehnen. Zu den Kernforderungen aller

sozial engagierter Organisationen zählen die Einhaltung gesetzlich vorgeschriebener

Arbeitszeiten, die Bezahlung von Überstunden und das

Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit. Hinzu kommen das Recht auf

Arbeitnehmervertretung, Maßnahmen zur Sicherheit am Arbeitsplatz,

Gesundheitsschutz und eine angemessene Unterbringung.

Leisinger schlägt vor, dass Unternehmer sich an örtliche Gesetze halten,

zugleich aber zusichern, darüber hinaus den eigenen Standards zu folgen,

sollten die Gesetze zu lax sein. Der Versandhauskonzern Otto hat das

beispielsweise so in seinen Regeln festgeschrieben.


„Globale Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, in Entwicklungsländern

soziale Mindeststandards außer Acht zu lassen“, sagt Jörg

Wuttke, China-Chefrepräsentant von BASF in Peking. Der Chemiekonzern

hält sich an lokale Gesetze, zudem an eigene Unternehmensrichtlinien, wie

sie auch in Ludwigshafen gelten. Gezahlt wird „deutlich über Mindestlohn“,

aus Sozialverstand – und mit Kalkül: Das Unternehmen kann sich

die besten Arbeiter aussuchen.

„Zwischen lokalen Staatsfirmen und auslandsfinanzierten Chemiewerken

liegen Welten“, weiß Wuttke. „Die einen sind nicht selten Zeitbomben, die

anderen sind Hightech.“ In den Staatskolossen fließen Chemikalien durch

schlecht gewartete Rohre. In Joint Ventures dagegen werden oft sogar

einfahrende Chemielaster auf ihr Reifenprofil und die Fahrer auf ihre Qualifikation

hin geprüft. Am Standort eines geplanten Polyurethanwerks in

Nanjing am Yangtze, in das BASF Milliarden investiert, wurden alle 50 000

Arbeiter geschult, die irgendwann einmal die Baustelle betreten werden –

dringend nötig, findet Wuttke, denn in China fehlt vielfach jegliches Sicherheitsbewusstsein.

Mehr als 63 000 Chinesen starben in den ersten sechs Monaten dieses

Jahres durch einen Arbeitsunfall, das sind monatlich mehr Todesfälle

als in Deutschland in einem ganzen Jahr. Rund 600 000 Menschen seien

durch ihre Arbeit chronisch erkrankt, meldete Chinas staatliche Behörde für

Arbeitssicherheit kürzlich. In Nordchinas Schwerindustrie atmen Arbeiter

Staub und Mineralpartikel ein, in Südchinas Leichtindustrie-Sweatshops

hantieren sie mit giftigen Substanzen, zum Beispiel Schuhkleber mit toxischen

Lösungsmitteln.

Alp Altun, Geschäftsführer des deutschen Malerbedarf-Herstellers Cristin,

lässt in der Produktion keine toxischen Kleber verwenden. In der luftigen

Halle werkeln Arbeiterinnen in blauen Overalls. Draußen donnern auf der

brandneuen sechsten Ringstraße um Peking Lastwagen vorbei. Cristin

exportiert Farbroller, Pinsel und Spachtel in 45 Länder und beschäftigt

rund 350 Menschen – mehr als zwei Drittel kommen direkt aus dem Nachbardorf.

Weil die Deutschen für Arbeit sorgen, zeigte sich der Dorfvorstand

im Gegenzug flexibel bei den Modalitäten der Ansiedlung. Für das Dorf

ist das Investment angesichts zerfallender Strukturen in der Landwirtschaft

eine Überlebenschance. Chinas Gesetze sind so streng wie die Auflagen

der Weltarbeitsorganisation ILO. Es gelten Mindestlöhne, die 40-Stunden-

Woche und die Pflicht, Überstunden zu bezahlen. Doch es hapert an Kontrollen

– bei lokalen Firmen mehr als bei Joint Ventures, im Süden mehr


Ausbeutung / Fortschritt Text: Christiane Kühl / Mathias Rittgerott McK Wissen 10 Seiten: 92.93

als im Norden. Die Arbeitsbehörde hat nicht das Personal, von Peking aus

die Einhaltung der Gesetze zu überwachen. Altun organisiert die Arbeit

freiwillig nach „gesundem Menschenverstand“. Achtstundentag, Pausen,

Vierbettzimmer und vier Monate bezahlter Mutterschutz. „Unsere lokalen

Konkurrenten kennen keine Minimallöhne, zahlen keine Überstunden und

oft monatelang gar keinen Lohn“, sagt er. „Damit können sie uns preislich

natürlich unterbieten.“

Seit NGOs, Handel und Politik zusammen Druck machen, kommt Bewegung

in die Diskussion um Arbeitsbedingungen und Chinageschäfte. „Fair

spielt“ stellte eine Liste von Firmen ins Internet, die in China Geld verdienen

– und schrieb dazu, wer sich in Sachen Sozialstandards in die

Karten schauen lässt. Zur Spielwarenmesse in Nürnberg und zur Weihnachtszeit

macht „fair spielt“ jedes Jahr mobil, besetzt Runde Tische und

lässt „König Kunde“ demonstrieren.

Die zentrale Forderung des Aktionsbündnisses: Spielwarenhersteller sollen

sich an den Code of Business Practices ihres Weltverbandes International

Council of Toy Industries (ICTI) halten. 18 Unternehmen wollten bis Mitte

2004 jeweils zwei ihrer wichtigsten Lieferanten nach dem ICTI-Standard

durchleuchten lassen.

Die Vertreter von AVE haben sich entschlossen, ihre Erfahrungen zusammenzuführen

und gemeinsam für bessere Arbeits- und Sozialbedingungen

zu sorgen. Ihr Sektorenmodell, das sich auf die besonders in der Kritik stehenden

Branchen Spielzeug und Textilwirtschaft konzentriert, verfolgt zwei

Ansätze: Zum einen sollen die Gesetze, die die Arbeitsbedingungen regeln,

zur Anwendung angemahnt werden. Daneben geht es den AVE-Vertretern

darum, die Partner in China zu sensibilisieren und Wege zu finden, die den

Betrieben helfen, die internationalen Standards zu erreichen. AVE-Sprecher

Lorenz Berzau: „Es geht uns nicht um Sozialimperialismus, wie es in den

Lieferländern manchmal heißt. Wir dringen nur auf die Einhaltung lokaler

Gesetze und die Konvention der ILO.“


In China stoßen Code-of-Conduct-Programme wie das AVE-Projekt auf

Skepsis, berichtet Axel Dörken, Direktor der Deutschen Gesellschaft für

Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Peking. „Es gibt Befürchtungen,

dass damit neue nichttarifäre Hemmnisse aufgebaut werden“, sagt er.

Gemeint ist: Ende 2004 läuft das internationale Textilquotensystem aus,

das chinesische Exporte in westliche Länder deckelt. Peking argwöhnt –

zu Unrecht?, – dass Europa und die USA nun andere Wege suchen, die

Einfuhren chinesischer Kleidung zu begrenzen. Die GTZ, die das AVE-

Projekt unterstützt, hat deshalb zunächst das bescheidene Ziel ausgerufen,

das Bewusstsein der Stakeholder zu wecken: Ministerien, Verbände und

Gewerkschaften. Sie sollen im Herbst zum zweiten Mal an einem runden

Tisch zusammenkommen.

Bewusstsein wecken wollen auch einzelne Markenartikelhersteller vor Ort,

beispielsweise Adidas, weil Audits allein nicht helfen. Die Prüfer verdienten

Geld, egal, ob sie etwas aufdecken oder nicht, weiß Liu Kaiming. Der

Direktor des unabhängigen Instituts ICO verfolgte die Prüfungen mehrerer

Marken-Zulieferer. Die Auditoren, so hat er festgestellt, seien in der Regel

angekündigt und würden ausnehmend gut behandelt, die Arbeiter vorher

gebrieft. „Es gibt einen Trend zum Betrug“, sagt Liu. Alp Altun, der Vertreter

des deutschen Malerbedarf-Herstellers, kennt Firmen, die in der

sauberen Kernfabrik nur eine Showproduktion für Auditoren unterhalten,

das meiste aber drei Dörfer weiter billig fertigen lassen.

„Das Problem: Die Leute, die bisher Sozialstandards durchsetzen sollen,

besitzen in der Betriebshierarchie keine Autorität“, meint William Anderson,

Asienchef für soziale und Umweltfragen bei Adidas-Salomon in Hongkong.

Sein Team geht direkt in die Firmen und versucht, eigene Systeme

für Sicherheit und Soziales mitsamt einer Managerposition zu etablieren.

Daneben hilft die Mannschaft, Betriebsärzte fortzubilden und verteilt

zusammen mit dem ICO Flugblätter an Arbeiter, die ihnen ihre Rechte

erklären. So wehrlos, wie sie sich fühlen, sind die chinesischen Arbeiter

nämlich nicht: Landet ein Streit mit dem Arbeitgeber vor einem Schiedsgericht,

„fallen 80 Prozent der Urteile zu Gunsten der Arbeiter aus. Das

weiß nur kaum jemand“, sagt Liu.

Adidas setzt zudem auf langfristige Geschäftsbeziehungen und Konsolidierung

der Zulieferer. Die Zahl der Partner in Asien wurde in den vergangenen

Jahren von 1000 auf 700 reduziert. „Dadurch nimmt unser Anteil am

Produktionsvolumen der Lieferanten zu – und unser Einfluss steigt.“

„Unsere lokalen

Konkurrenten kennen keine

Minimallöhne, zahlen

keine Überstunden und oft

monatelang gar keinen

Lohn. Damit können sie uns

natürlich unterbieten.“

Alp Altun, Geschäftsführer Cristin


Am Ende hat der Verbraucher die Macht. Es müsse sexy sein, ein Produkt

zu kaufen, das unter moralisch einwandfreien Bedingungen hergestellt

wurde, meint der Entwicklungssoziologe Klaus Leisinger. „Moralisch einwandfrei

ist leider kein Kaufargument“, hält Dietlind Freiberg, Pressesprecherin

bei Otto dagegen. Das Versandhaus muss seine Öko-Baumwollprodukte

bis heute subventionieren, um sie an den Verbraucher zu bringen.

„Wir konzentrieren uns darauf, unser Know-how bei Prozessabläufen

und Produkten der Hersteller einzubringen.“

Uwe Kleinert von der Werkstatt Ökonomie verweist resigniert auf Erfahrungen

bei fair gehandelten landwirtschaftlichen Produkten wie Kaffee.

Bei Befragungen hätten elf Prozent der Kunden angegeben, die Ware zu

kaufen, weitere 49 Prozent zeigten Sympathie. Aber weniger als zwei Prozent

der Verbraucher legen die teurere Ware tatsächlich in ihre Einkaufskörbe.

Für Leisinger sind das keine Argumente. Weitermachen, heißt seine

Devise. Warum? „Weil es richtig ist.“

Die Fortschritte sind dort am größten, wo der Öffentlichkeitsdruck am

stärksten ist, beobachtet Stephen Frost und verweist auf Schuh-, Spielzeug-

und Bekleidungsfirmen. Guan Yu von Beijing Garments sagt: Die

Firma habe die Löhne in den vergangenen Jahren um 20 Prozent erhöht.

Für ein amerikanisches Audit musste das Unternehmen rund 100 000 Euro

investieren – für Klimaanlagen und neue Schlafräume, in denen heute sechs

bis acht statt wie früher zehn bis zwölf Frauen schlafen. Ma Sanying, die

künftig von ihrem Ehemann getrennt leben muss, verdient zwischen 50

und 60 Euro im Monat, kaum mehr als der gesetzliche Mindestlohn in

Chinas Hauptstadt. Früher, in dem Dorf in der zentralchinesischen Provinz

Henan, hat sie in einer Baracke Knöpfe angenäht. Für ein paar Cent. Der

feste Job in einer richtigen Firma ist ein gewaltiger Aufstieg. „Ich bin froh,

hier zu sein“, sagt sie.

Stephen Frost, der australische Wissenschaftler, will weiter für Frauen wie

Ma kämpfen. Und rät den Kritikern trotzdem, was auch er in den vergangenen

20 Jahren lernte: „Man sollte China nicht mit dem Westen von

heute, sondern mit dessen Vergangenheit vergleichen.“

Links:

www.woek.de

www.oxfam.org

www.china-labour.org.hk/iso

www.amrc.org.hk

www.suedwind-institut.de

www.misereor.de

www.novartisfoundation.com

www.ilo.org

Studien:

Ingeborg Wick/Sabine Ferenschild:

Globales Spiel um Knopf und Kragen – Das

Ende des Welttextilabkommens verschärft

soziale Spaltungen. Südwind, 2004

Oxfam International: Trading away our

rights – Women working in global supply

chains (2004)


Kulturschock Text: Detlef Diederichsen, Susanne Risch McK Wissen 10 Seiten: 94.95

Mal so, mal so 14

Wie ist China wirklich? Und wie erleben Deutsche das Wirtschaftswunder vor Ort?

Traum oder Albtraum? Erfolg oder Pleite? Chance oder Risiko?

Geduld und kleine Schritte

Dr. Benno Freiherr von Canstein, 50,

General Manager der Allianz Dazhong Life Insurance Co., Ltd,

lebt seit Januar 1997 in Schanghai.

An meinem ersten Abend hier schaute ich von der Uferpromenade

am ‚Bund‘ über den Fluss, da war der Fernsehturm

fertig und ein Hochhaus. Damals, in meiner Anfangszeit, habe

ich oft Fotos gemacht, ich wollte die Entwicklung festhalten.

Das habe ich bald gelassen. Es geht zu schnell. Was hier passiert, muss man

persönlich erleben.

Nichts ist mehr, wie es damals war. China ist wild, bunt und aufregend.

Heute schaue ich auf einen Wald aus Hochhäusern, und der Strom von

Ausländern reißt nicht ab. Es kommen jetzt vermehrt auch sehr viel jüngere

Leute, Studenten, Praktikanten und Berufsanfänger, aber natürlich

auch ältere – alle in Goldgräberstimmung angesichts des vermeintlichen

Eldorados. Dieser China-Hype ist schwierig, denn wo viel Licht ist,

werden natürlich auch viele Motten angezogen.

Erstaunlich finde ich, dass immer noch so viele kommen, die ihre Hausaufgaben

nicht gemacht haben. Sie informieren sich nicht genügend über

den Markt, haben zu wenig Geld, keinen langen Atem und nicht einmal

ein Worst-Case-Szenario. Viele Unternehmer verlassen sich völlig blau-


äugig auf irgendwelche Zusagen. Die Leute scheinen sich von der Masse

der Baukräne oder der Autos auf den Straßen blenden zu lassen. Obwohl

es hier durchaus gute Berater und genügend Anlaufstellen gibt. Es nützt

nichts. In Deutschland, so scheint es, grassiert ein Fieber: Was, du bist noch

nicht in China? Und es stimmt ja auch: Es gibt hier Chancen, große Chancen,

das bedeutet aber nicht, dass man die Grundregeln des Business

außer Kraft gesetzt hat. Die zehn Gebote eines ordentlichen Kaufmanns

gelten auch hier.

Meine wichtigste Erfahrung? Geduld. Ich habe gelernt zu warten. Manches

mehrfach zu wiederholen. Nichts für sicher zu halten. Und besser zuzuhören.

Viele wichtige Dinge werden nur beiläufig, in einem Nebensatz

gesagt. Immer kommt es auf die Zwischentöne an, und die hört man als

Ausländer lange nicht. Schon die Abstufungen für eine Zustimmung sind

ein Thema für sich. Manche Chinesen nicken vor sich hin, andere sagen

‚dui‘, das bedeutet so viel wie ‚Ja, ich habe verstanden‘; ‚keyi‘ bedeutet:

‚Ja, das könnten wir machen.‘ Aber eine Zustimmung ist all das noch nicht.

Erst ‚tong yi‘ kommt einem wirklichen Ja, einem Commitment gleich.

Wer den Unterschied nicht kennt, fliegt nach dem Gespräch euphorisch

nach Hause und schreit Hurra, weil das Joint Venture scheinbar unter Dach

und Fach ist. Dabei hat der Chinese gerade mal gesagt: ‚Ja, ich habe Sie

akustisch verstanden.‘

Geduld braucht man immer und überall. Sie führen mit einem Kollegen

endlose Gespräche. Zwei Stunden später stellt er Fragen, bei denen

Ihnen klar wird: Da ist nichts, gar nichts hängen

geblieben. Es ist einfach eine andere Art der

Kommunikation, die übrigens nicht bedeutet,

dass die Chinesen langsamer sind.

Ein Deutscher hat dafür mal ein schönes Bild

gefunden: Wir wollen ein Ziel erreichen und ziehen

auf einem Blatt Papier eine gerade Linie von

links unten nach rechts oben. Darauf ackern wir

uns stur weiter, Millimeter für Millimeter. Chinesen

tänzeln spiralförmig um diese Linie herum.

Da geht es manchmal zwei, drei Schritte zurück,

dann wieder voran. Und wenn wir auf unserem

Weg einmal stecken bleiben, wirbelt der Chinese

leichtfüßig drum herum. Das muss man wissen

– und sich selbst nicht so ernst nehmen, bereit

sein, ein wenig zurückzugehen, um dann mit

Schwung am Hindernis vorbeizukommen.

In China macht man viele kleine Schritte, die

irgendwann einen Sprung bedeuten. Nehmen Sie

unser Geschäft. Zwischen 1959 und 1979 gab es

hier zu Lande überhaupt keine Versicherung. Erst

danach hat es staatliche Unternehmen gegeben,

die erste internationale Gesellschaft kam 1992


nach Schanghai. Das moderne Versicherungswesen hat hier also eine erst

etwa zwölfjährige Geschichte, entsprechend gering ist die Anzahl von gut

ausgebildeten, erfahrenen Managern – und das Bewusstsein der Menschen,

dass sie für ihren Schutz selbst etwas tun müssen.

Das wird sich ändern, und zwar bald. Durch die Ein-Kind-Familie ist die

demografische Verschiebung enorm, sie ähnelt stark der deutschen. Vergleichbar

ist auch die rasch alternde Bevölkerung: Schanghai ist eine

alternde Stadt, der Anteil der über 60-Jährigen liegt bei fast 20 Prozent.

Damit sind die Perspektiven für Kranken- und Lebensversicherungen

natürlich ausgezeichnet, wenngleich der Markt momentan noch sehr

restriktiv reglementiert ist. Aber auch das ändert sich. Ab Dezember 2004,

nach drei Jahren WTO-Zugehörigkeit, wird sich der Versicherungsmarkt

weiter öffnen. Zurzeit liegt der Marktanteil der ausländischen Versicherungen,

aufs gesamte Land gerechnet, bei weniger als zwei Prozent, in

Schanghai bei rund zehn Prozent. Wir selbst sind hier bei den Ausländern

die Nummer vier, mit einem Marktanteil von etwa einem Prozent. Kleine

Schritte, aber stets Wachstum und Fortschritt.

Und gleichzeitig ein Leben auf der Überholspur: Sie müssen immer präsent

sein, sind stets und ständig gefordert. Auch an den Wochenenden,

denn eine Trennung zwischen Privatleben und Beruf gibt es nicht. Ich habe

mal nachgerechnet: Im vergangenen Jahr gab es genau acht Wochenenden,

an denen nichts Dienstliches stattfand – eine Hochzeit, gemeinsames

Schwimmen, Bowling- oder Karaoke-Abende mit Mitarbeitern und Kunden.

Es gab ausländische Banken, die haben ihren Expatriates früher für

jedes Jahr in China drei Jahre auf die Rente angerechnet. Das trifft den Kern.

Das Leben hier ist wirklich hart. Ich habe aus München ein schönes Wort

für das Tempo mitgenommen. Man muss ‚geländegängig‘ sein.

Sie brauchen hier eine Menge Kraft – aber Sie werden auch entschädigt.

Gut, den Badestrand am Meer, von dem ich geträumt hatte, als ich Schanghai

auf der Landkarte sah, den gibt es immer noch nicht. Aber ich möchte

trotzdem keinen einzigen Tag der vergangenen acht Jahre missen. Hier

herrscht eine unglaubliche Aufbruchstimmung, die Menschen haben

Visionen, sie wagen jeden Tag einen neuen Traum, und sie gehen ihren

Weg. Ich bin damals völlig asienblind hierher gekommen, aber ich bin

allen dankbar, die mir die Zeit in diesem wunderbaren Land und in dieser

faszinierenden Stadt ermöglicht haben.


Kulturschock Text: Detlef Diederichsen, Susanne Risch McK Wissen 10 Seiten: 96.97

Schauen, was geht

Dr. Eva Schwinghammer, 38,

Managing Director TRUMPF SiberHegner Ltd., hat sich seit Anfang 1999 regelmäßig in

China aufgehalten. Seit zwei Jahren lebt sie in Schanghai.

Viele Deutsche kommen mit einem falschen Bild an. Die Berichterstattung in

der Heimat hat sich zu lange vor allem auf die Chancen hier konzentriert. Und

die gibt es ja auch – zuhauf: China öffnet sich. Allein die Größe des Marktes,

der enorm wächst, ist beeindruckend. Doch China hat auch seine Schattenseiten,

und die prägen nicht selten den beruflichen Alltag.

Zurzeit sind Engpässe ein großes Thema, allen voran der Strom-Engpass. Davon bleibt

keiner verschont. Verwunderlich ist, dass viele Firmen hierher kommen, scheinbar ohne

sich darüber Gedanken zu machen. Bei jedem anderen Standort würde man sich im Vorfeld

die Frage der Produktivität stellen. Bei China ist das anders. Das ist für mich schon ein

Phänomen.

Wir haben zum Beispiel heute, Dienstag, erfahren, dass wir morgen nicht produzieren können.

Früher wurde der Strom oft kommentarlos abgeschaltet, jetzt kündigen die Behörden

es vorher an. Dann können wir zumindest intern reagieren. Die meisten Unternehmen

bemühen sich, in der stromfreien Zeit Betriebsferien zu machen. Andere versuchen, auf die

Nacht auszuweichen oder aufs Wochenende, um die Produktion nachzuholen – und dafür

zwei Tage während der Woche zu schließen. Auf der anderen Seite: Was die Arbeitszeiten

angeht, sind wir hier sehr flexibel. Firmen, die in drei Schichten arbeiten, sieben Tage die

Woche, haben natürlich keine Chance, den Produktionsausfall wettzumachen.

Um es klar zu sagen: Dieses Land ist großartig. Es bietet Möglichkeiten, die man anderswo

kaum kennt. Hier kann man Ideen umsetzen. Und immer hat man die Chance, Neues

anzugehen. Aber dafür braucht man Zeit, Gespür, Erfahrung in der fremden Kultur – und das

richtige Augenmaß.

Das deutsche China-Bild ist oft geprägt von Klischees: Die Skyline von Pudong, der Transrapid,

die Formel-1-Rennstrecke – kurz, die Boomtown Schanghai. Aber gerade Schanghai

ist doch das von der politischen Führung bewusst konstruierte Bild vom Fortschritt. Es

stimmt ja auch: Die Stadt ist dynamisch und wächst. Aber ich wage zu behaupten, dass es

für viele schon heute kaum noch einen Kostenvorteil bringt, in den Küstenregionen


Chinas zu produzieren. Es geht eigentlich nur darum, vor Ort zu sein. Schanghai ist teuer,

und die angrenzenden Provinzen ziehen in unglaublichem Tempo nach. Die Lohnkosten in

der Stadt beispielsweise steigen jährlich um 20 Prozent. Das absolute Lohnniveau ist verglichen

mit Deutschland zwar immer noch gering. Aber wenn Sie Ihre Produkte in China

absetzen wollen, ist das schon ein Problem.

Die Chinesen sind extrem preisbewusst, wir leben im Land der Plagiate. Eine DVD, die in

Deutschland 10 oder 20 Euro kostet, bekommen Sie hier für 80 Cent. Weil sie schwarz

kopiert ist. Aber dieser Preis setzt den Maßstab. Unternehmen mit Prestige-Produkten, die

von der aufstrebenden Mittelklasse gekauft werden, können noch höhere Preise durchsetzen.

Wer die Masse bedient, wird mit den Produktionskosten bald nicht mehr klarkommen.

Zumal es schwierig ist, gute Leute zu finden. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen

der fachlichen und der sprachlichen Expertise. Englischkenntnisse sind eigentlich schon eine

zweite Ausbildung. Die meisten Fachleute sprechen nur Chinesisch, und wer beides

beherrscht, ist fast unbezahlbar. Ein Fertigungsplaner mit Ingenieurausbildung und Englischkenntnissen

beispielsweise kostet im Monat gut 1000 US-Dollar, ohne Lohnnebenkosten.

Das wirkt sich letztlich auch auf den Produktpreis aus.

Uns selbst betrifft das Problem zum Glück nicht in dem Maß, weil wir technologisch

anspruchsvolle Investitionsgüter anbieten. Wir haben unser Geschäft hier sehr behutsam

aufgebaut. Zudem unterhalten wir einen Musterbetrieb, der hochwertige Blechteile und Komponenten

auf unseren Maschinen fertigt. Damit laden wir potenzielle Kunden ein, unser

Modell zu kopieren, und machen so den Einsatz unserer Maschinen in China attraktiv. Für

Chinesen ist es wichtig, das Beste zu haben, den Mercedes unter den Maschinen. Das hilft

uns, aber wir spüren den Preisdruck natürlich auch.

Persönlich macht mir der Verlust an Privatsphäre zu schaffen. So etwas wie Vertraulichkeit

gibt es hier nicht. Keiner findet es merkwürdig, Unterlagen zu lesen, die nicht für ihn

bestimmt sind, oder geheime Informationen zu verwenden. Das gilt insbesondere für den

Umgang mit Ausländern. Ich sage immer: Eine Kopie unseres Passes hängt an jeder Litfaß-

Säule. Das ist gewöhnungsbedürftig.

Auch die Komplexität von Vorgängen ist etwas, mit dem man sich auseinander setzen muss.

In Deutschland stöhnen wir ja oft über den komplizierten gesetzlichen Rahmen, der so manches

behindert. Hier muss man – umgekehrt – beim Umgang mit Behörden auf alles

gefasst sein. Das hat viele Vorteile, manches gelingt schneller, als man denkt. Die Kehrseite:

Vorgänge ändern sich ständig. Was gestern noch galt, kann heute schon wieder ganz

anders gehandhabt werden. Man weiß nie konkret, woran man ist. Immer muss man vorsichtig

austarieren, die Möglichkeiten abwägen. Veränderungen ergeben sich zudem nicht

nur durch den sich schnell wandelnden Wortlaut einer Verordnung, sondern auch durch die

handelnden Personen. Je nach dem, wer einen Vorgang gerade bearbeitet, wird ein Verfahren

so oder eben anders definiert.


Außerdem ist China keine freie Marktwirtschaft,

das heißt: Es gelten in vielen Bereichen

nach wie vor extreme Handelshemmnisse.

Für alles, was man ein- oder ausführt,

ist immer ein langer Papierkrieg zu führen.

Das muss man wissen: Effizienz hat hier zu

Lande einfach eine andere Bedeutung. Umso

wichtiger ist es, mit Chinesen zusammenzuarbeiten.

Beruflich ist es ein ungeheuer spannendes

Land. Ein Land der Extreme: Es birgt enorme

Chancen – aber auch viele Risiken. Man kann

hier noch etwas bewegen, etwas aufbauen –

trotz aller Schwierigkeiten. Die Bäume wachsen

auch in China nicht in den Himmel, man

braucht viel Zeit und Geduld. Aber dann geht

auch viel.

Das deutsche China-Bild ist oft geprägt von

Klischees: die Skyline von Pudong, der

Transrapid, die Formel-1-Rennstrecke – kurz,

die Boomtown Schanghai. Aber gerade

Schanghai ist doch das von der

politischen Führung bewusst konstruierte

Bild vom Fortschritt. Eva Schwinghammer


Kulturschock Text: Detlef Diederichsen, Susanne Risch McK Wissen 10 Seiten: 98.99

Man muss die Spielregeln beherrschen

Christian Unger, 37,

Präsident der Bertelsmann DirectGroup China und

Honorarprofessor für internationales Management an der Renmin-

Universität in Peking, lebt seit fast drei Jahren in Schanghai.

Ich bin vor China schon relativ weit herumgekommen in der

Welt, ich habe in Europa gearbeitet, in Amerika, in Südamerika,

aber ich hatte bis dahin keine Asien-Erfahrung. Als

Besucher hat man einen unglaublichen Eindruck von Wachstum

und Dynamik. Berauschend. Es ist vermutlich so ähnlich wie bei uns

während des Wirtschaftswunders, wo sich alles um Fortschritt und Zukunft

drehte. Wer hier lebt, spürt schnell, dass diese Dynamik nicht nur begeisternd

ist, sondern manchmal auch ziemlich schrecklich.

Man lebt in einem Umfeld, das nie schläft. Immer geht es nur ums

Geschäft; wie man es aufbauen, wie man es besser machen kann. Wachstum

ist das Einzige, was die Menschen interessiert, und die Chinesen

klopfen einen ständig auf dieses Thema ab. Rund um die Uhr wird man

danach bewertet, was man bringt, und ob man auch wirklich im Stande

ist, einen Beitrag zu leisten, damit das Land noch schneller vorankommt.

Das ist extrem anstrengend.

Vielleicht auch deshalb, weil wir einen sehr spezifischen Markt bedienen.

Ein deutsches Unternehmen, das hier Autos oder chemische Produkte

produziert, spielt ein ganz anderes Spiel als wir: Es macht einen großen

Unterschied, ob man ein eingeführtes Produkt in China für den Weltmarkt

produziert oder ob man ein spezifisches Produkt in China für China herstellen

will.

Einen chinesischen Autor oder Sänger zu entwickeln ist für uns so schwierig

wie für einen chinesischen Verlag. Deshalb sind wir auch ganz anders

aufgestellt. Ich bin der einzige Ausländer in der Firma, wir beschäftigen

sonst nur Chinesen. Weil die Deutschen keinen Beitrag leisten können. Wir

brauchen – neben dem richtigen Riecher – die totale Kenntnis des Marktes,

also brauchen wir die besten Leute. Und die bekommt man nur mit

einer Kultur, die so attraktiv ist, dass sie die Menschen bindet. Das aber

dauert, also fängt man erst einmal klein an. So gesehen sind die neun

Jahre, die wir jetzt in China sind, eine kurze Zeit.

Wer in diesem Land erfolgreich agieren will, muss ein Insider werden, aber

viele der Unternehmen, die momentan herkommen, blenden die Wirklichkeit

schlicht aus. Sie erinnern mich an die Zeit der New Economy, als alle

dachten, sie gehen jetzt ins Internet und werden reich. Ich kann nur jedem

raten, sich zu Hause erst einmal richtig aufzustellen. Wer nach China geht,

um Probleme in der Heimat zu lösen, hat schon verloren. Und wer meint,

er könne hier den Markt aufrollen, indem er sein Sortiment ein wenig

anpasst, fällt ebenso auf die Nase. Umgekehrt gilt: Wer es hier schafft –

trotz des unglaublichen Preiskampfes und der Geschwindigkeit, mit der sich

das Marktumfeld ändert – der findet sich wahrscheinlich auf jedem Markt

der Welt zurecht. China kann enorme Chancen bieten. Aber nur für ein

gesundes Unternehmen mit einem langen Atem.

Der Markt ist mindestens so heterogen wie in Europa. Wir haben moderne

Städte mit Millionen Einwohnern und Regionen, in denen es aussieht wie

in armen Landstrichen bei uns im frühen Mittelalter. Das Gefälle ist unvorstellbar,

das fängt bei der Sprache an und endet bei den Einkommensunterschieden.

Eine Firma, die in Peking oder Schanghai erfolgreich ist, hat

mit ihrem Angebot in den Provinzen vermutlich keine Chance.

Der chinesische Konsument, wenn man ihn denn verallgemeinern will, ist

ohnehin sehr kompliziert. Einerseits ist er sehr marken-affin; kein Wunder

in einem Land, das mit neuen Produkten geradezu überschwemmt wird.

Marken geben Sicherheit und Orientierung, sie bieten eine gewisse Garantie

und helfen auch dem Chinesen, eine Entscheidung zu treffen. Gleichzeitig

sind die Menschen hier extrem preissensibel und extrem produktorientiert.

Sie bewerten eigentlich alles aufgrund der technischen Eigenschaften.

Der chinesische Käufer kann von A bis Z herunterbeten, was in einem Produkt

steckt. Und er kann alles kopieren und wesentlich leichter und billiger

anbieten, als es der ausländische Hersteller kann. Deshalb ist es hier auch

so wichtig, in den Markenwert zu investieren. Für den chinesischen Markt

ist es von entscheidender Bedeutung, seine Marke emotional stark aufzuladen.

Das kann einen Vorsprung sichern, aber wer weiß, wie lange?

Wir konzentrieren uns hier vor allem auf das Buchgeschäft. Musik ist aufgrund

des Schwarzmarktes nicht interessant. Als ich vor drei Jahren kam,

war deutsche Literatur der Renner, danach wurden uns Informations- und

Nachschlagewerke aus der Hand gerissen: der MBA-Guide für Amerika,

Wie schaffe ich den Toefl-Test am besten?,

solche Sachen. Zurzeit sind Comics für Erwachsene

angesagt, zudem verkaufen wir die Top-Seller

aus den USA oder Europa. Unser Spitzentitel

ist ‚The da Vinci Code‘ von Dan Brown, in

Deutschland heißt das Buch ‚Das Sakrileg‘. Das

haben wir gegen meinen Willen gebracht, ich war

sicher, dass der Titel nicht funktionieren kann.

Um das Buch zu verstehen, muss man eigentlich

die katholische Kirche ein wenig kennen, das

Opus Dei, man muss in Paris oder London

gewesen sein, um die Inhalte nachzuvollziehen.

Ich habe mich geirrt: Wir haben das Buch schon

150 000-mal verkauft, jedes zehnte Club-Mitglied

hat es gelesen. Und auch das sagt viel über den

chinesischen Konsumenten aus: Viele Käufer

recherchieren lange im Internet, sie schauen bei

Google nach und versuchen, die Hintergründe

zu begreifen. Parallel dazu lesen sie das Buch. So

lange, bis sie es verstanden haben.

Das alles wissen wir übrigens von unserer Website,

die hier zu Lande Furore macht. Sie ist zur

wichtigsten chinesischen Plattform für junge

Autoren geworden. Mehr als 5000 Manuskripte

werden uns jeden Tag geschickt, die wir in Auszügen

online stellen. So können wir nicht nur

potenzielle Autoren identifizieren, wir locken

gleichzeitig Leser, die einzelne Kapitel online

gelesen haben und anschließend das gesamte

Buch kaufen. Die Seite ist ein unheimlich praktisches

Tool, um Autoren zu finden, Inhalte am

Markt zu prüfen, Werbung zu machen und den

Konsumenten kennen zu lernen. Das Votum

abertausender Kunden schlägt jede Lektorenmeinung

und jede Erfahrung, die man vielleicht

generieren könnte. Und sie ist für uns zum wichtigsten

Instrument geworden.


Verlagsgeschäfte waren in China für Ausländer lange verboten, die einzige

Möglichkeit, Fuß zu fassen, waren so genannte Co-Publishing-Konstruktionen:

Ein ausländischer Verlag kauft Lizenzen für ein Buch und geht

damit zu einem chinesischen Verleger, um es über ihn zu vertreiben. Das

Risiko ist hoch: Jeder Verlag bekommt vom Staat pro Jahr nur eine

bestimmte Anzahl von Buchnummern zugeteilt, vergleichbar mit unseren

ISBN-Nummern. Wird das Buch am Ende nicht genehmigt oder verkauft

es sich schlecht, ist eine wichtige Buchnummer verloren.

Die Zahl der Lizenznummern war bislang übrigens an die Zahl der Lektoren

gebunden, die ein Verlag beschäftigt, jedem Lektor wurden vier

Nummern pro Jahr zugeteilt. Das war so eine Art Zwangsbeschäftigungsmaßnahme

für Lektoren, und deshalb konnten wir bislang unsere Bücher

auch nur in Kooperation mit Chinesen verlegen. Das wird sich aber noch

in diesem Monat ändern. Wir sind das erste Publishing-Joint-Venture in

China, das in Zukunft anders vorgehen darf. Wir werden pro Jahr einige

hundert Lizenznummern bekommen, unabhängig von der Zahl der

Beschäftigten.

Wo wir in fünf Jahren stehen werden? Schwer zu sagen. Wir werden deutlich

gewachsen sein, organisch, aber vor allem auch durch Zukäufe oder

Beteiligungen, wie wir es in anderen Märkten letztlich auch gemacht

haben. Ob ich selbst dann noch hier bin? Ich glaube, in absehbarer Zeit

muss der Chef dieses Unternehmens ein Chinese sein. Weil wir die besten

Leute nur halten können, wenn sie sehen, dass

sie wirklich eine Aufstiegschance haben, und

weil die Spielregeln letztlich auch nur von einem

Chinesen beherrscht werden können.

Zudem will wohl auch jeder, der aus dem Westen

kommt, irgendwann wieder zurück. In Frankreich,

Spanien oder Amerika ist es leicht: Da sind Sie

irgendwann Teil der Gesellschaft. Für China gilt

das nicht. Als Europäer oder Amerikaner werden

Sie in China immer ein Fremdkörper bleiben. Ich

denke, man muss dann irgendwann einfach

wieder zurück.

Schön und traurig

Dr. Marcus Schütz, 38,

Director Change Management bei

Shanghai Volkswagen Co. Ltd., lebt seit gut einem Jahr in China.

„Meine wichtigsten Eindrücke?

1. Dieses Land ist groß. Es hat atemberaubend schöne und tieftraurige

Seiten. Um die Menschen und das Geschäft hier zu verstehen,

braucht man Zeit, Geduld und Durchsetzungsstärke.

2. Boomtown Schanghai: Die sozialistische Marktwirtschaft lehrt

die Welt das Fürchten. Rohstoffmärkte werden leer gekauft. Preise

steigen. Schiffscontainer auf dem Weg nach Westen sind voll, die

auf dem Weg nach Osten leer. Neue Hochhäuser schießen wie Pilze

aus dem Boden, andere werden abgerissen – manchmal sogar

gleichzeitig. Die Straßen sind voller Autos. Eine Smogglocke liegt

über der Stadt.

3. Ich habe zu wenig Chinesisch gelernt. Aber ich habe verstanden,

dass diese Sprache kaum eine Grammatik hat. Dennoch stehen die

Schriftzeichen in einem komplizierten Netz von Regeln zueinander

und entfalten erst so ihren vollen Inhalt auf allen Ebenen. Aber ein

logisches Regelwerk scheint es nicht zu geben. Man entscheidet

anhand von Einzelfällen. So wird auch gedacht: nicht logisch, aber

hoch flexibel – Fall für Fall.

4. Chinesische Manager denken aus unserer Sicht kompliziert und

außerhalb unserer Business-Logik. Das liegt vor allem daran, dass

sie die Sach- und die Beziehungsebene sehr viel stärker mitein-


ander vermischen als wir. Wenn hier jemand

seine Entscheidung mit der Weisheit aus

5000 Jahren chinesischer Kultur und ganzheitlicher

Weltsicht begründet, dann liegt

übrigens die Vermutung nahe, dass er einfach

(schon wieder!) nicht verstanden hat,

worum es geht.

5. ‚Geld kostet nichts.‘ Nirgendwo auf der

Welt wird in diesem Maßstab so verschwenderisch

mit Kapital umgegangen. Und das in

einer so ineffizienten und intransparenten

Wirtschaft. Die Kapitalrenditen sind entsprechend

katastrophal.

Gerade die ausländischen Investoren erinnern

mich manchmal an die Investment

Banker der neunziger Jahre, die jeden, der

das Wort E-Commerce buchstabieren konnte,

mit Geld begraben haben. Auch in China

werden viele sehr viel Geld verlieren. Das

Geschäft in China findet auf der Straße

statt, denn die Chinesen sind ein Volk von

Händlern.

6. Etwa ein Drittel der Chinesen ist selbstzentriert

und kennt außerhalb der Familie

keinen Gemeinsinn. Für das deutsche Wort

‚Rücksicht‘ gibt es keine chinesische Übersetzung.

So kann man auch im dichten

Gedränge und bei tosendem Lärm für sich

allein sein.

Was ich noch lernen muss, ist, dabei sogar

noch tief und fest einzuschlafen. Der persönliche

Einsatz für die Gesellschaft ist hier

nur die Rolle in einem Schauspiel.“


Kulturschock Text: Detlef Diederichsen, Susanne Risch McK Wissen 10 Seiten: 100.101

Den Weg der Tradition gehen

Stefan Geiger, 34,

Geschäftsführer des Chinaforum Bayern e.V. in München, hat in China

studiert und das Land danach für verschiedene Projekte bereist.

Vor zehn Jahren konnte man noch leichter von ‚den Chinesen‘

sprechen – in Anführungszeichen natürlich. Wenn ich

China-Neulinge beraten wollte, konnte ich sagen: Die Chinesen

sind so und so. Das geht heute nicht mehr, in den vergangenen

zehn Jahren hat sich die chinesische Gesellschaft extrem

gewandelt. Deshalb gelten auch die Klassiker, die in allen interkulturellen

Trainings vermittelt werden, nicht mehr hundertprozentig. Es gibt immer

mehr Chinesen, die im Ausland studiert und sich den westlichen Business-

Sitten angepasst haben.

Mein Rat an Geschäftsleute, die vorhaben nach China zu gehen, heißt

trotzdem: Geht lieber den traditionellen chinesischen Weg, dann macht ihr

nichts falsch. Und auch wenn euch der dynamische junge chinesische

Geschäftsmann die Visitenkarte auf den Tisch wirft: Nehmt sie mit beiden

Händen. Moderne hin oder her, die Visitenkarte steht für die Person, und

man sollte ihr entsprechenden Respekt

erweisen. Sie wird mit beiden Händen

übergeben und mit beiden in Empfang

genommen.

Die Person, mit der man geschäftlich zu

tun hat, steht grundsätzlich viel mehr im

Vordergrund, als es in Europa der Fall

ist. Wir machen ja normalerweise Verträge

mit Firmen, und ob wir die mit

dem einen oder dem anderen verhandeln,

ist uns eigentlich gleichgültig. In

China dagegen ist es entscheidend, dass

Sie zu dieser Person ein gutes Verhältnis

entwickeln, das sich auch weit in den

privaten Bereich hinein erstrecken kann. Deswegen fragen Chinesen auch

viel mehr nach privaten Dingen, wollen wissen, ob Sie verheiratet sind und

Kinder haben. Dem persönlichen Kennenlernen wird viel Zeit gewidmet.

Es kann passieren, dass Sie zu Geschäftsgesprächen nach China reisen und

erst einmal drei Tage lang überhaupt nicht über Business reden, sondern

essen gehen, die Stadt gezeigt bekommen, sich über Gott und die Welt

unterhalten – nur nicht über das, weshalb Sie eigentlich gekommen sind.

Aber auch da gibt es neuerdings Ausnahmen. Für junge, private Unternehmen

ist Zeit auch Geld, und sie wollen rasch zum Ziel kommen. Trotzdem:

In der Regel dauert es lange, bis die Geschäfte laufen. Wenn es dann

so weit ist, geht allerdings alles sehr schnell.

Auch wenn man schon lange im Land lebt: Man bleibt in China immer

Ausländer. Das muss kein Nachteil sein. Deutsche genießen in China

einen sehr guten Ruf. Sie gelten als pflichtbewusst, fleißig, pünktlich,

zuverlässig – der ganze Katalog der angeblichen deutschen Tugenden wird

Ihnen zugeschrieben. Ich habe aber auch Ex-Pats erlebt, die unglaublich

frustriert zurückkamen. Die hatten gravierende Fehler im Umgang mit

Chinesen begangen, sie etwa offen kritisiert, sehr direkt auf Fehler oder

Inkompetenzen hingewiesen – und wurden danach von allen Informationswegen

abgeschnitten. Sie waren Fremdkörper im eigenen Unternehmen.

Die Kommunikation in China ist für uns vermutlich das Schwierigste.

Chinesen nennen die Probleme nicht beim Namen, sie umschreiben sie oder

deuten sie an. Den Einheimischen ist trotzdem klar, worum es geht. Als

Europäer muss man lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Das habe ich

schon als Student begreifen müssen.

Ich wohnte im Studentenwohnheim in einem Doppelzimmer, wollte aber

lieber ein Einzelzimmer. Ich hatte gesehen, dass es etliche gab, die nicht

belegt waren, und war bereit, den entsprechend höheren Preis zu zahlen.

Also ging ich zu dem zuständigen Beamten, doch der wies mich ab. Es sei

kein Zimmer mehr frei. Ich insistierte, typisch deutsch: Das stimme nicht,

die Zimmer 311, 704 und so weiter seien alle noch frei. Ich hatte mir die

Nummern aufgeschrieben. Da lächelte er und sagte, dass sie nächste

Woche belegt würden. Mir war klar, dass er log. Also sagte ich: Okay,

wenn sie nächste Woche alle belegt sind, habe ich Pech gehabt, aber wenn

nicht, dann will ich eins haben. Er nickte.

Nach einer Woche waren die Räume immer noch frei, ich ging also wieder

zu dem Mann und verlangte mein Einzelzimmer. Wieder sagte er, das

würde nicht gehen. Warum? Sie würden noch

gebraucht. Ich sagte ihm ins Gesicht, dass er

mich belügt und dass es eine Frechheit sei, wie

er mich behandle. Alle zwei Tage stand ich fortan

vor seiner Tür und verlangte mein Zimmer –

ohne Erfolg.

Eines Tages kommt der Beamte zu mir und sagt,

er hätte zwei Freunde, die würden gern etwas

über Deutschland lernen: Ob ich mich nicht mit

ihnen unterhalten könne? Sie würden mich auch

zum Essen einladen, zu einem tollen Bankett. Ich

war zwar sauer, aber auch Student – und ein

gutes Essen schien verlockend. Ich sagte zu.

Wir fuhren zur Eröffnungsfeier einer Firma, es

waren sehr viele Leute da, sogar das Fernsehen.

Ich saß neben einigen anderen Europäern in der

ersten Reihe, es gab diverse Reden, danach das

Büfett. Kein Mensch wollte irgendetwas über

Deutschland von mir wissen. Angesichts der vielen

Kameras dämmerte es mir irgendwann: Die

brauchten einfach ein paar Leute wie mich, um

zu dokumentieren, dass diese Firma so wichtig

war, dass sogar Ausländer kamen. Am nächsten

Morgen wurde ich belohnt. Mein Einzelzimmer

war frei.


Du bist in China angekommen, wenn die folgenden Aussagen auf

dich zutreffen:

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Harald Geiger, 35,

baut die Entwicklungsabteilung des Hilti-Konzerns auf und lebt

seit gut zweieinhalb Jahren in Schanghai.

Der wirkliche Kulturschock trifft einen nicht direkt. Am

Anfang ist alles neu und aufregend, danach gibt es eine

Phase, in der man meint, die Unterschiede seien ja eigentlich

doch nicht so groß. Und dann passiert es: Man hat das

Gefühl, ständig gegen Wände zu laufen und in Fettnäpfe zu treten, man

stolpert von einem Missverständnis ins nächste.

Es ist schrecklich, gerade weil man als Expatriate ja auch Leistung bringen

will und muss. Das erwarten die Partner in China und der Arbeitgeber

daheim, und man stellt verzweifelt fest, dass selbst die simpelsten Kleinigkeiten

nicht glücken wollen. Natürlich gibt es auch jene Frohnaturen, die

ganz anders empfinden und prima mit den Chinesen auskommen – und

in Wahrheit ein Feld der Verwüstung hinterlassen.

Ich stolpere immer noch, habe aber für mich einen Weg gefunden, mit

dem Fremden umzugehen. Ich versuche es mit Humor. Inzwischen habe

ich mir sogar eine eigene Website eingerichtet (www.visitchina.de), auf der

ich meine persönlichen Erlebnisse in diesem noch immer fremden Land

darstelle – es hilft mir selbst, aber vielleicht auch dem ein oder anderen

Leser zu Hause.


_Du benötigst nicht länger Taschentücher, um dich zu schnäuzen.

_Du isst Nudelsuppe zum Frühstück.

_Du kannst in Tiefschlaf verfallen, ganz egal, wo du gerade bist.

_Du hast absolut kein Gefühl für Verkehrsregeln.

_Du gehst in den Zoo und denkst: ‚So leckere Tiere hier‘, und fragst:

‚Was kostet der Affe?‘

_Du glaubst alles, was in regionalen Zeitungen steht.

_Du findest es spannend, in einen Lift zu steigen, bevor jemand aussteigen

kann.

_Du beginnst, große Limousinen mit deinem Fahrrad zu schneiden.

_Du lässt dir einen langen Fingernagel wachsen, um zu zeigen, dass

du nicht mehr körperlich arbeiten musst.

_Du wunderst dich darüber, dass deine Freunde zu Hause nicht jede

Woche zehn DVDs kaufen.

_Du kaufst dir eine Sonnenbrille – und lässt die Qualitäts- und

Markenaufkleber auf dem Glas, weil du denkst, es gehört sich so.

_Du hast vergessen, was es bedeutet, irgendwo allein zu sein.

_Du findest es schick, dein Handy an einem bunten Band um den

Hals zu tragen und mit blinkenden oder klingelnden Anhängern zu

schmücken.

_Du stehst immer und überall im Weg herum.

_Du hast das unstillbare Verlangen, Menschen mit kleinen Fahnen zu

folgen.

_Du wunderst dich nicht mehr, wenn drei Männer mit einer Leiter

erscheinen, um eine Glühbirne zu wechseln.

_Du gehst zum Sonntagnachmittagschlaf in die Sofa-Abteilung von

Ikea.

_Du sprichst beim Telefonieren so laut wie möglich, damit auch wirklich

jeder versteht, was du zu sagen hast.

_Du wunderst dich: Luftverschmutzung? Welche Luftverschmutzung?

Und: Du kannst über die Beobachtungen schmunzeln und dich darüber

freuen, dass du in einem ganz wunderbaren Land lebst.“


Versicherungsmarkt Text: Li San McK Wissen 10 Seiten: 102.103

Sorge um

die Vorsorge

Chinesen versichern ihr Auto – sonst nichts. Ein Großteil der Bevölkerung kennt nicht einmal

Kranken- oder Lebensversicherungen. Anders als früher muss der Bürger der Volksrepublik neuerdings jedoch

selbst Vorsorge treffen. Ein Volk lernt um.

15


I. UNSICHERE ZEITEN

Herr Fang liebt antike Keramik. Unlängst besuchte er eine Ausstellung, um sich ein paar besonders

prachtvolle Stücke aus nächster Nähe anzuschauen. Eine Ming-Vase hatte es ihm angetan. Sie stand

hinter Glas, aber das hatte Herr Fang im Eifer übersehen. Er kam dem guten Stück zu nahe – die

Vase ging zu Bruch. Der Schaden belief sich auf rund eine Million Yuan (99 000 Euro), ein Gericht

sollte die Schuldfrage klären. Herr Wang beteuerte, der Unfall sei keine Absicht gewesen. Die Richter

gaben ihm Recht. Schuld sei in Wahrheit das Auktionshaus – es hätte die ausgestellten Preziosen

versichern müssen.

Versicherungen sind den Chinesen fremd. Alter, Krankheit, Unfälle – vor den Wechselfällen des

Lebens schützte über Jahrtausende die Familie. Im Verbund des Clans war der Einzelne sicher,

finanzielle Lasten wurden auf viele Schultern verteilt. Die Kommunistische Partei löste nach 1949

die Familien ab und sorgte für eine staatliche Versorgung auf niedrigem Niveau: Das System der

„eisernen Reisschüssel“, finanziert von Staatsbetrieben, Genossenschaften und Arbeitseinheiten,

sorgte für Wohnungen und Renten und garantierte ärztliche Behandlung im Krankheitsfall. Seitdem

das System in Auflösung begriffen ist, soll jeder selbst schauen, wo er bleibt. Eine Gesellschaft im

Umbruch.

Der Anteil der Staatsunternehmen an der Gesamtwirtschaft geht kontinuierlich zurück, 2003

erwirtschafteten staatseigene Betriebe nur noch 25 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts.

Private Unternehmen fühlen sich nicht in der Pflicht, Sozialversicherungssysteme kennt das Land

nicht. Der Staat kann die Versorgung seiner Bürger nicht finanzieren, und auch die Familie kann

nicht mehr helfen: Die Ein-Kind-Politik ließ die Beziehungsnetzwerke schrumpfen, die chinesische

Gesellschaft altert, das Volk steht vor einem gewaltigen demografischen Problem.

Was den Menschen bleibt? Für den Ernstfall sparen, entscheiden die meisten. Die Chinesen sind das

sparsamste Volk der Welt, die Sparquote liegt bei rund 40 Prozent. In Deutschland, dem Land der

Sparer, liegt sie bei knapp über zehn. Anders als der Deutsche kann der Chinese sein Geld mit den

Jahren jedoch nur mühsam vermehren. Ein bis zwei Prozent Zinsen auf dem Sparbuch, dem mehr

oder weniger einzigen Produkt, das die Banken ihrer Kundschaft bieten, sind zurzeit das Maximum.

Zu wenig für all jene, die wirklich vorsorgen wollen. Versichern statt sparen heißt die Alternative,

doch an die neue Form der Vorsorge müssen sich alle erst gewöhnen.

Für die Massen ist ohnehin jede Art privater Vorsorge unerreichbar: 60 Prozent der Chinesen

gehören zur Landbevölkerung, die vom wirtschaftlichen Aufschwung des Landes bisher kaum profitieren

konnte, 85 Millionen Menschen leben gar unterhalb des Existenzminimums von 63 Euro

im Jahr.


II. SCHÄTZE HEBEN

Herr Zhang und Frau Wang sind verheiratet, Mitte 30.

Beide haben gute Jobs in der Medienbranche und

verfügen zusammen über ein Jahreseinkommen in Höhe

von rund 20 000 Euro. Bis November 2002 hatten

sie keinerlei Versicherungen, dann kam ihr Sohn zur Welt

– und plötzlich war Sicherheit ein Thema.

Kollegen empfahlen ihnen als ersten Schritt eine Unfallversicherung,

die sie auch gleich abschlossen: Für

eine Versicherungssumme in Höhe von rund 20 000 Euro

kostet die Jahresprämie etwa 1000 Euro, der Vertrag hat

eine Laufzeit von 20 Jahren. Das Beste daran hob sich

der Vertreter für den Schluss auf: Das Kind ist bei den

Eltern automatisch mitversichert.

Diese Information erwies sich später leider als falsch,

deshalb sicherten sich Herr Zhang und Frau Wang

noch besser ab. Im vergangenen Jahr schlossen sie eine

Erziehungs- und eine Krankenversicherung mit einer

Laufzeit von 15 Jahren für das Kind ab, in diesem Jahr

eine Rentenversicherung für sich selbst. Frau Wang

muss lange rechnen, um herauszubekommen, wie viel sie

für all die Versicherungen jährlich bezahlen: gut 5000

Euro sind es, fast ein Viertel ihres Jahreseinkommens.


Versicherungsmarkt Text / Foto: Li San McK Wissen 10 Seiten: 104.105

Nach Angaben der zuständigen Aufsichtsbehörde

verwaltete die chinesische Versicherungswirtschaft im

April dieses Jahres 912 Milliarden Yuan, etwa 91

Milliarden Euro. Gemessen an der Zahl von 1,3 Milliarden

Menschen, ist das eine winzige Summe. Zum Vergleich:

Allein das Versicherungsvolumen für die Lebensversicherungen

der 82,5 Millionen Deutschen beträgt

604 Milliarden Euro (Ende 2002).

Die Einkünfte der Bevölkerung wachsen rapide, 2003

betrug das Pro-Kopf-Einkommen der Stadtbewohner

843 Euro, bis 2020 soll es sich verdoppeln. In den

Metro-polen Schanghai, Peking und Kanton, hat sich das

Einkommen der Bürger nach Angaben des Statistikamtes

der Zentralregierung in den vergangenen Jahren

verzwanzigfacht, Tendenz steigend. Die schnell wachsende

städtische Mittelschicht stellt zurzeit die meisten

Versicherungskunden.


III. ZWEIMAL GEKOCHT

Herr Lu arbeitet seit acht Jahren als Vertreter für einen chinesischen Lebensversicherer und gehört zu

den glücklichen Ausnahmen: Er hat relativ früh in dem Beruf angefangen, sich mit der Zeit einen

stabilen Kundenstamm aufgebaut und verdient im Jahr etwa 100 000 Yuan, 9950 Euro. Im vergangenen

Jahr konnte er sich sogar ein eigenes Auto leisten, um, wie er sagt, pünktlich bei seinen Kunden

zu sein.

Typisch ist das nicht. Die meisten Versicherungsvertreter müssen lange arbeiten, bis sie an einen

eigenen Wagen auch nur denken können. Ein Anfänger, weiß Lu, verdient in Peking weniger als 100

Euro im Monat, nach zwei bis drei Jahren kann er mit Glück 250 Euro schaffen. Unter den Vertretern

herrsche ein brutaler Überlebenskampf, sagt er. Allein für seinen Arbeitgeber, der zehn Milliarden Yuan

Prämien pro Jahr einnimmt, arbeiteten 140 000 Vertreter. Für China Life Insurance, die größte chinesische

Gesellschaft, sind 650 000 Verkäufer aktiv.

Zu Hunderten hocken sie in einem Büro und versuchen, telefonisch Kunden zu werben. Fachkenntnisse

besitzt kaum einer von ihnen, es fehlt die Zeit zum Lernen, zudem zahlt die Versicherung

keinen Cent für Aus- und Weiterbildung. Wer sich vom Land in die Stadt aufgemacht hat, um sein

Glück als Versicherungsvertreter zu suchen, muss sehen, wie er sich seinen Lebensunterhalt im

Gewerbe verdient.

Die Qualität der Beratung ist entsprechend. Kaum einer der Vertreter kann sich selbst eine Versicherung

leisten, Missverständnisse und Fehlinformationen sind an der Tagesordnung – meist aus

Unkenntnis, gelegentlich aus Kalkül: So manchem Kunden wird das Blaue vom Himmel versprochen,

Hauptsache, der Verkäufer kann einen Abschluss verbuchen.

Ausländische Versicherer, die auf dem Markt langsam Fuß fassen, haben die schlechte Reputation

der Vertreter als entscheidendes Wachstumshemmnis identifiziert – und bauen deshalb auf selbst

geschulte Anfänger. Die zum US-Versicherungskonzern American International Group (AIG)

gehörende Lebensversicherung American International Assurance (AIA) hat diese Personalpolitik

sogar in ihrer Anzeigenkampagne hervorgehoben. Jetzt ziehen die ersten chinesischen Gesellschaften

nach. Wer in der Vergangenheit als Vertreter gearbeitet hat, ist immer seltener gefragt.

Zweimal gekocht schmeckt meistens schlecht, heißt das in China.


Seit ihr Sohn auf der Welt ist, sorgen Herr Zhang und Frau Wang vor – ihre

Versicherungen lassen sie sich fast ein Viertel ihres Jahreseinkommens kosten.


IV. VERSICHERT UND VERUNSICHERT

Herr Wu verkauft Luxusautos in Peking und Schanghai. Seine Kundschaft sind die Superreichen, aber

auch er hat es schon zu einigem Wohlstand gebracht. An seine Zeit in Deutschland, wo er Volkswirtschaft

studiert hat, erinnert er sich gern. Zum Beispiel wegen der Krankenversicherung: Die kostete

69 Mark im Monat, und dafür bekam er eine komplette medizinische Versorgung, bei freier Arztwahl.

„Ein deutscher Zahn ist immer noch in meinem Mund, hat nie Probleme gemacht“, sagt er.

Aus der Ferne hat Wu nicht nur einen Zahn, sondern auch die Einsicht mitgebracht, dass es gut ist,

sich zu versichern. Deshalb schloss er jede Menge Policen ab, darunter natürlich auch eine Krankenversicherung.

„Alles in allem zahlte ich für meine Frau und mich rund 40 000 Euro jährlich an Prämien,

aber als ich die Krankenversicherung dann zum ersten Mal wegen Zahnschmerzen in Anspruch

nehmen wollte, musste ich lange verhandeln, um überhaupt zum Arzt gehen zu dürfen. Eine Woche

später fiel mir der reparierte Zahn aus dem Mund. Da habe ich sofort alle Verträge gekündigt.“ Wenn

Herr Wu wieder einmal Zahnschmerzen hat, geht er lieber zu einem privaten Arzt und zahlt selbst.

Der chinesische Pkw-Boom hat zu einem Aufschwung im Markt der Sachversicherungen geführt,

der in China zum größten Teil aus Autoversicherungen besteht. Bis vor zwei Jahren ließ sich dabei

für die Gesellschaften viel Geld verdienen, denn die staatliche Regulierungsbehörde legte die Prämien

fest. Mittlerweile hat die Deregulierung für eine gesunde Konkurrenzsituation gesorgt: Weil der

eigene Pkw dem Durchschnittsverdiener möglich sein soll, sind Preise für Policen und die Margen

für Versicherer gefallen. „Für Autoversicherungen ist der Markt zurzeit nicht besonders attraktiv“,

weiß Stephan Binder, Principal im Schanghaier Büro von McKinsey. „Generell sagen wir aber, dass

der Markt für Sachversicherungen analog zum Bruttoinlandsprodukt wächst. Da ist also noch einiges

zu erwarten.“

Es ist allerdings auch noch eine Menge Know-how vonnöten. Insbesondere das Handwerkszeug

der chinesischen Unternehmen in diesem Bereich ist noch nicht sehr entwickelt – Risikoklassifizierung,

Schadensmanagement, alle die eigentlich entscheidenden Faktoren, stecken noch in den

Kinderschuhen. Um Expertise aufzubauen, ist das Interesse groß, mit internationalen Partnern zu

kooperieren.

Auch bei den Krankenversicherungen ist ein beträchtliches Wachstum zu erwarten: Gerade einmal

acht Prozent der Chinesen sind zurzeit für den Notfall versichert. Zwar gibt es in der Regierung

Pläne für den Aufbau regionaler gesetzlicher Kranken- und Rentenversicherungen. Wann, wie und

ob es sie geben wird, ist jedoch noch ungewiss.

Das Angebot der privaten Unternehmen ist noch klein und richtet sich ausschließlich an Großstädter.

Sie zahlen in der Regel je nach Krankheitsfall bestimmte Pauschalsummen – unabhängig davon, wie

teuer die Behandlung tatsächlich ist. „Bei ernsthaften gesundheitlichen Problemen oder komplizierten

Operationen reicht das natürlich nicht aus“, sagt Stephan Binder. „Aber eine Rundum-Versicherung,

die Behandlungskosten unabhängig von der Höhe übernimmt, gibt es in China nicht.“

Für westliche Krankenversicherer bietet die Situation gute Chancen, sofern

es ihnen gelingt, ein Modell zu entwickeln, das sich rechnet. Problematisch

ist die Ungewissheit angesichts der Pläne der Regierung – und die im chinesischen

Krankensektor hohe Quote an Betrugsfällen: „Da gehen Leute,

die versichert sind, in eine Apotheke und kaufen Medizin für die gesamte

Großfamilie oder das ganze Dorf. Ärzte behandeln sämtliche Familienmitglieder

und rechnen alles über die Police des einen Versicherten ab“,

weiß Stephan Binder. Chancen sehen die Experten dennoch: Versicherer

könnten eigene Krankenhäuser bauen und betreiben, wie in den USA.

Oder mit privaten Krankenhausketten Abkommen schließen. Das würde

nicht nur zu einer höheren Versorgung führen, sondern auch vor Missbrauch

schützen.


Guter Rat ist selten: In China kann man Versicherungen an jeder Straßenecke kaufen.

Reinfallen können die Kunden aber auch in Büros mit moderner Technologie.


Versicherungsmarkt Text: Li San McK Wissen 10 Seiten: 106.107

V. EINE BRANCHE IST IM WERDEN

„Der Versicherungsplan ist wohl überlegt, die Prämie niedrig, der Versicherungsumfang groß, die Auszahlung

hoch.“ Frau Liu ist begeistert von ihrer Lebens- und Rentenversicherung. Die Managerin einer

Vertriebsgesellschaft ist gerade 40 geworden und verdankt ihre Freude Verwandten in Hongkong. Nur

durch Beziehungen konnte sie ihre Versicherung bei einem dortigen Unternehmen abschließen, zum

Glück, denn von der chinesischen Versicherungswirtschaft hat sie keine hohe Meinung: „Man kann den

Vertretern genauso wenig trauen wie den Versicherungen selbst. Als in den neunziger Jahren die Zinsen

sehr hoch waren, versprachen sie hohe Garantiesummen und noch mehr Überschussbeteiligungen.

Jetzt sind die Zinsen niedrig, und sie wollen noch nicht mal die Garantiesumme auszahlen.“

Frau Liu ist eine von vielen, die dem heimischen Markt frustriert den Rücken kehren. Chinesen, die

private oder berufliche Kontakte ins Ausland haben oder dort studieren, dürfen auch außerhalb des

Landes Versicherungen abschließen. Immer mehr Chinesen transferieren ihr Geld deshalb beispielsweise

nach Hongkong. Ein Versicherungsfachmann vor Ort glaubt den simplen Grund dafür zu

kennen: „In den achtziger Jahren besuchten viele Festlandschinesen Hongkong. Kaum waren sie hier,

kauften sie sich einen Fernseher. Warum? Weil sie besser und billiger waren. Und aus dem gleichen Grund

kaufen sie jetzt bei uns Versicherungen.“

Am attraktivsten für ausländische Assekuranzen ist der Markt der Lebensversicherungen. In den

vergangenen zehn Jahren wuchs er jährlich um rund 28 Prozent, ein Tempo, das sich nach Ansicht

von McKinsey in den kommenden Jahren nicht verlangsamen wird. Nur die Spielregeln werden sich

fundamental ändern – zum Vorteil all derer, die jetzt mit Innovationen und Flexibilität in den Wettbewerb

einsteigen. Am 1. Januar 2005 fällt eine der wichtigsten Beschränkungen, die den Markt

bislang regulierten: Ausländische Versicherer können dann in ganz China tätig werden. Bislang wurden

Lizenzen an internationale Unternehmen nur in ausgewählten Metropolen vergeben.

Noch ist der Markt fest in chinesischer Hand: Mehr als 90 Prozent teilen die großen drei – China

Life, China Ping An, China Pacific – unter sich auf. Die 20 internationalen Gesellschaften, die mittlerweile

in China vertreten sind, kommen zusammen auf einen Marktanteil von etwa zwei Prozent

(siehe Tabelle). Weil sie in der Vergangenheit gezwungen waren, sich auf die Metropolen zu

beschränken und die Städte heute schon 33 Prozent des Lebensversicherungsmarktes ausmachen,

ist die Konkurrenz groß. Die Vertriebsorganisationen der großen drei sind jedoch ganz auf die

Masse zugeschnitten. Wer sich spezialisiert, hat deshalb gute Chancen, die neue Mittelschicht mit

ihren höheren Ansprüchen an Produkte und Geldanlagen zu erreichen.

Größter ausländischer Player ist die AIA. Der amerikanische Konzern darf seit 1992 Versicherungen

an Chinesen verkaufen und erhielt – dank guter Kontakte von Chairman und CEO Hank Greenberg

zu chinesischen Politikern wie Jiang Zemin und Zhu Rongji – beim Start sogar eine Alleinlizenz.

Ein bislang einmaliger Gunstbeweis, der sich nach Meinung von Experten auf absehbare

Zeit nicht wiederholen wird. Alle anderen ausländischen Gesellschaften müssen sich mit lokalen Partnern

verbünden, dürfen nicht mehr als 24,9 Prozent eines chinesischen Unternehmens erwerben und

maximal 50 Prozent an einem Joint Venture halten. Und die Paarbildung ist teuer: HSBC zahlte für

eine zehnprozentige Beteiligung an Chinas zweitgrößter Lebensversicherung Ping An rund 500

Millionen Euro. Selbst der Einstieg bei einem kleineren Unternehmen ist nicht unter 20 Millionen

Euro zu haben.

Trotz des frühen Markteintritts und der Alleinstellung wurde das Geschäft für AIA erst in den vergangenen

fünf Jahren richtig attraktiv. Bis 1998 bewegte sich das jährliche Prämienaufkommen bei

nur 40 Millionen Euro, danach begann der Boom: 2002 durchbrachen die Prämien im Bereich

Leben die Marke von 250 Millionen Euro, in Metropolen wie Schanghai und Guangzhou hält der

US-Konzern heute Marktanteile zwischen fünf und zehn Prozent.

Als erfolgreich hat sich bislang auch die Strategie des niederländisch-belgischen Versicherers Fortis

erwiesen. Obwohl das Unternehmen nur 24,9 Prozent der chinesischen Versicherung Tai Ping Life

übernehmen durfte, übten die Europäer großen Einfluss auf die Geschäftspolitik aus und können

heute, nach nur drei Jahren, bereits einen substanziellen Marktanteil vorweisen: Mit 0,73 Prozent

liegt Fortis hinter AIA (1,1 Prozent) auf Platz zwei der Versicherer mit ausländischer Beteiligung.

Die Europäer steuerten das Unternehmen erfolgreich in Richtung Bancassurance, also dem Vertrieb

von Versicherungen über Banken. In diesem Geschäft ist Fortis bereits in Europa sehr erfolgreich

und hat in Asien erste Erfahrungen im Joint Venture mit der malaysischen Maybank gesammelt.

2002 übertraf Fortis-Taiping die Planzahlen um 50 Prozent, der Bancassurance-Kanal steuerte

70 Prozent des Umsatzes bei. In Schanghai, dem größten Bancassurance-Markt in China, hält das

Unternehmen inzwischen einen Marktanteil von 22 Prozent.

Weil er neu ist, wächst dieser Markt noch schneller als der Bereich Lebensversicherungen. „Bei

Investmentprodukten gegen Einmalbeitrag liegen die jährlichen Wachstumsraten im Moment zwischen

40 und 50 Prozent“, weiß McKinsey-Berater Stephan Binder. Auf diesem Niveau werde sich

das Wachstum jedoch nicht halten, denn ein Teil des Booms ist hausgemacht: Um Provisionen zu

kassieren, raten Bankangestellte ihren Kunden gern, Geld von niedrig verzinsten Sparkonten in Versicherungsprodukte

umzuschichten.

Noch sind die Verbindungen zwischen Banken und Versicherungen bei bestehenden Bancassurance-Modellen

in China recht locker. Es gibt weder Aktientausch noch Gewinnbeteiligungen, die

Vertriebsvereinbarungen sind nicht exklusiv, die Bank erhält lediglich pro Abschluss eine Provision

zwischen drei und fünf Prozent. Engere Bindungen könnten die Attraktivität des Modells für beide

Seiten erhöhen, etwa wenn jeder Partner Zugriff auf den Datenstamm des anderen bekäme. Dann

könnten Versicherungen auch komplexere und individualisierte Produkte über diesen Vertriebsweg

anbieten, zurzeit verkaufen sie fast ausschließlich einfache Anlageprodukte.

So attraktiv diese Aussicht erscheint – so weit ist der Weg dorthin. Ein Banker, der Versicherungsprodukte

verkaufen soll, muss geschult werden. Und wer seine Kundendaten teilt, muss dem


China wächst am schnellsten

Erwartetes Prämienwachstum im

Versicherungsmarkt 2003–2008

(in Prozent)

China

USA

Europa

Asien

ohne

China

Leben

2

2

3

3

4

5

Sach

18

Quelle: AMBest; McKinsey-Analyse

28

USA 640

Japan

Großbritannien

Gesamtprämien Leben 2008

(in Milliarden Euro)

China

Frankreich

Deutschland

200

135–160

110

85

Quelle: McKinsey-Analyse

400

Partner vertrauen. Viele Bankvorstände fürchten aber, die Ausländer könnten sich die Daten kopieren

und die Partnerschaft anschließend kündigen. Und wo es schon für chinesische Versicherungen

nicht leicht ist, eine Bank von den Vorzügen einer Kooperation zu überzeugen, dürften es internationale

Gesellschaften noch schwerer haben, solange ihnen Lizenzen für das gesamte Land fehlen.

Was sollte eine chinesische Großbank an einer exklusiven Partnerschaft mit einem Ausländer auch

reizen, wenn sie sich damit einen großen Teil des Marktes verschließt? Stattdessen planen einige

chinesische Banken, ohne Partner ins Versicherungsgeschäft einzusteigen.

Für chinesisch-ausländische Bancassurance-Kooperationen sind kleinere, lokal tätige Banken zurzeit

deshalb die besseren Partner. Leicht wird allerdings auch diese Beziehung nicht: Neben dem

Aufbau von Expertise wird es vor allem darum gehen, den chinesischen Partner von den Vorzügen

eines beratenden Verkaufsgesprächs zu überzeugen, das sich an der Situation und den Bedürfnissen

des Kunden orientiert.

Lebensversicherungen in China 2002

Rangfolge nach Prämienvolumen (in Millionen Yuan)

1 China Life Insurance Company 128 781,0

2Ping An Insurance Company of China,Ltd 53 540,0

3 China Pacific Life 24 902,0

4New China Life Insurance Company,Ltd 7982,8

5Taikang Life Insurance Company 6559,0

6 American International Assurance Co.,Ltd 2607,4

7Taiping Life 1658,5

8Pacific-Aetna Life Insurance Company,Ltd 447,2

9 Manulife-sinochem Life insurance Company,Ltd 403,0

10 CTIC-Prudential Life Insurance Co.,Ltd 213,6

11 Allianz Dazhong Life Insurance Co.,Ltd 122,8

12 Xinjiang corps Property Insurance Company 112,0

13 AXA-Minmetals Assurance Co.,Ltd 93,0

14 Generali China Life 31,7

15 Sun Life Everbright 30,8

16 Joan Hancock Tianan Life Insurance Co.,Ltd 22,6

17 China Life-CMG Life Assurance Co.,Ltd 13,0

18 Tian'an Insurance Company., Ltd 12,7

Gesamtprämien Leben 227 484,0

Quelle: Yearbook of China’s Insurance


Ländervergleich Text: Steffan Heuer McK Wissen 10 Seiten: 110.111

16

Fläche: 9596 960 qkm

Landgrenzen: 22 117 km

Länge der Küsten: 14 500 km

Zahl der Anrainerstaaten: 6

Landwirt. bebaubare Fläche: 13,31 Prozent

Fläche: 3287 590 qkm

Landgrenzen: 14 103 km

Länge der Küsten: 7000 km

Zahl der Anrainerstaaten: 6

Landwirt. bebaubare Fläche: 54,35 Prozent

Schneller, weiter, höher

Wenn über den Aufstieg neuer Supermächte diskutiert wird, fallen weltweit zwei Namen: China und Indien. Die

beiden asiatischen Länder sind die bevölkerungsreichsten Staaten der Welt, vereinigen zusammen gut ein Drittel

der Menschheit auf sich. Zudem sind sie wichtige Handelspartner der Europäischen Union und der Vereinigten

Staaten – und exportieren gemeinsam Waren und Dienstleistungen im Wert von einer halben Billion Dollar.

Wie sind Stärken und Schwächen verteilt – heute und in den kommenden Jahren? Ein statistischer Vergleich.


China

Indien

Demografie:

Einwohner (in Millionen, 2003):

1292 (1344)*

1006 (1174)*

Bevölkerungsdichte (Personen je 1000 km 2 , 2003):

137 (140)

322 (357)

Anteil der Kinder und Jugendlichen (0 bis 14 Jahre) an der

Gesamtbevölkerung (in Prozent, 2003):

24,9 (21,3)

31,9 (29,1)

Bevölkerungswachstum (in Prozent, 2003):

0,6 (0,5)

1,6 (1,2)

Geburtenrate (Lebend Geborene pro tausend Einwohner, Anzahl, 2002):

14,6

24

Bildung:

Analphabetenrate (Anteil der Bevölkerung, älter als 15 Jahre, in Prozent, 2001):

14

42

Personen über 15 Jahre, die die sekundäre Schulstufe besucht haben:

(Anteil an der Bevölkerung, in Prozent, 2002)

68,2

48,5

Studenten, die tertiäre Bildungseinrichtungen besucht haben:

(Anteil der Studenten an der entsprechenden Altersgruppe, in Prozent, 2002)

13

11

Öffentliche Bildungsausgaben (in Prozent des BIP; China: 1999; Indien: 2001):

2

4

Entwicklung:

Länderrang im Human Development Index der UN:

(bündelt und gewichtet verschiedene wirtschaftliche und soziale Indikatoren, 2004)

Platz 94 von 177

Platz 127 von 177

Urbanisierungsgrad (Anteil der Bevölkerung in Städten, in Prozent, 2003):

Lebenserwartung bei der Geburt (in Jahren, 2003):

Kindersterblichkeitsrate (Sterbefälle unter 5 J. je 1000 lebend Geborenen, 2001):

Sterberate (je 1000 Einwohner, 2003):

37,1 (43,2)

70,5

39

7,2

29,4 (32,4)

63

93

8,8


* Zahlen in Klammern: Prognosen für das Jahr 2010; ** für das Jahr 2007; *** für das Jahr 2008


Ländervergleich Text: Steffan Heuer McK Wissen 10 Seiten: 112.113

Volkswirtschaft:

Bruttoinlandsprodukt (BIP) nominal (in Milliarden USD, 2003):

Reales BIP-Wachstum pro Jahr (in Prozent, 2003):

BIP pro Kopf zu Kaufkraftparitäten (in internationalen USD, 2003):

Beitrag der Sektoren zum BIP / Arbeitnehmer (AN) pro Sektor:

Primär (Landwirtschaft)

Sekundär (Bergbau, verarbeitendes Gewerbe und Baugewerbe)

Tertiär (Dienstleistungen)

1409,84 (3289,96)

9,1 (6,7)

6076 (10 846)

14,5 Prozent / 50 Prozent der AN

51,7 Prozent / 22 Prozent der AN

33,8 Prozent / 28 Prozent der AN

530,56 (1168,15)

4,59 (5,5)

3357 (5195)

23,6 Prozent / 60 Prozent der AN

28,4 Prozent / 23 Prozent der AN

48 Prozent / 17 Prozent der AN

Erwerbspersonen (in Millionen, 2003):

792,7 (846,2)

485,6 (565,3)

Arbeitslosenquote (in Prozent, 2003):

10 (in Städten bis zu 20)

9,1

Inflationsrate (in Prozent, 2003):

1,2 (2,8)

3,6 (4,8)

Einkommensverteilung: Wie viel Prozent des Volkseinkommens halten

60 Prozent der Bevölkerung? (in Prozent, China: 2001; Indien: 2000)

Anteil des Staatskonsums am BIP (in Prozent, 2003):

EIU Risk Rating (A = least risky, E = most risky):

27,9

12,3 (15,0)

C

37,2

12,8 (11,8)

B

Korruption (Corruption Perception Index von Transparency International, 2003;

10 Punkte = nicht korrupt, 0 Punkte = hoch korrupt):

3,4 Punkte (Rang 66 von 133)

2,8 Punkte (Rang 83 von 133)

Telekommunikation:

Festnetzanschlüsse (Millionen, 2003):

Mobilfunkanschlüsse (Millionen Verträge, 2003):

Personal Computer (Millionen, 2003):

Internetnutzer (Millionen, 2003):

202,1 (301,2)**

261,7 (415,2)**

44 (87,2)**

65,3 (154,4)**

39,4 (57,9)**

21,1 (70,3)**

9,3 (22,5)**

13,3 (45)**


Außenhandel:

Exporte (in Milliarden USD, 2003):

Haupt-Exportgüter:

(Top-5-Produkte und ihr Anteil an allen Exporten in Prozent, China: 2002,

Indien: 2001):

Haupt-Exportländer:

(Top-5-Länder und deren Anteil an allen Exporten in Prozent, 2003)

Importe (in Milliarden USD, 2003):

Haupt-Importgüter:

(Top-5-Produkte und deren Anteil an allen Importen in Prozent, China: 2002;

Indien: 2001)

Haupt-Importländer:

(Top-5-Länder und deren Anteil an allen Importen in Prozent, 2003)

Auslandsverschuldung (in Milliarden USD, 2003):

Ausländische Direktinvestitionen (in Milliarden USD, 2003):

Energie:

Stromerzeugung (GWh, China: 2003; Indien 2002):

Stromverbrauch (KWh/Person, 2002):

Transportwesen:

Private Pkw-Quote (Anzahl privater Pkw pro 1000 Einwohner, 2000):

485 (1240,6)

DV-Ausrüstung: 6,2; Telekommunikationsausrüstung,

-teile und -zubehör: 6,2;

Büromaschinen: 4,3;

Spielzeug und Sportgeräte: 3,9;

Nichtelastische Strickwaren: 3,3

USA: 21,1; Hongkong: 17,4; Japan: 13,6;

Korea: 4,6; Deutschland: 4,0

448,9 (1179,1)

Transistoren und Röhren: 11,9;

Telekommunikationsausrüstung, -teile und

-zubehör: 4,7; Rohöl: 4,3; Polymerization

u. a. Produkte: 4,1; Büromaschinen: 3,4

Korea: 10,5; USA: 8,2; Deutschland: 5,9;

Malaysia: 3,4; Hongkong: 2,7

189,1 (508,09)

53,5 (78,0)***

1846 210 (2 652 391)

1130 (1350)

7

92 (143,45)

Perlen, Edel- und Halbedelsteine: 14,0;

verfeinerte Petroleumerzeugnisse: 4,8;

Frauenbekleidung (keine Strickwaren): 4,1;

Textilgarne: 3,6; Medizinische und

pharmazeutische Produkte: 3,1

USA: 20,3; China: 6,3; Großbritannien: 5,2;

Hongkong: 4,7; Deutschland: 4,3

101,5 (168,0)

Rohöl: 25,1; Perlen, Edel-, Halbedelsteine: 9,0;

verfeinerte Petroleumerzeugnisse: 2,2;

Anorganische chemische Erzeugnisse: 2,1;

Kohle, Litnit, Torf: 1,9

USA: 6,7; Belgien: 5,9; Großbritannien: 5,0;

China: 4,5; Singapur: 4,1

112,4 (179,6)

6 (13,0)***

547 208 (886 643)

486 (634)

6,1

Quellen: ITU 2004, IDC 4. Quartal 2003, International Energy Annual März/Juni 2004, Global Insight WMM 3Q 2004, FERI August 2004, UNESCO Global Education Database 2004, UNCTAD DITE 2004,

UNCTAD Trade-Analysis 2004, Worldbank WDI 2004, Transparency International CPI 2003, EIU Viewswire August 2004, Gartner & IDC, IMF DOTS 2004, Mei Jianping, Chinese Ministry of Science and

Technology, Manav Sehgal, Dir. Business Development, RMSI (UK) Ltd., UNDP Human Development Report 2004, CIA World Fact Book 2003


Wirtschaftspresse Text: Hu Shuli / Abiel Reinhart McK Wissen 10 Seiten: 114.115

17


Specht der Reformen

Hu Shuli, Chefredakteurin des unabhängigen Wirtschaftsmagazins Caijing über den Erfolg

ihres Blattes und die Geburt des investigativen Journalismus in China.

Chinas Medienmarkt ist der letzte Wirtschaftszweig, der noch voll vom

Staat kontrolliert wird. Denn je mehr Eigendynamik die Marktwirtschaft

entfaltet, umso mehr ist die Pekinger Zentrale darauf bedacht, die Kontrolle

über die öffentliche Meinung zu behalten. Die rund 2000 Zeitungen, 9000

Zeitschriften sowie Fernsehen, Rundfunk und Internet sind nach wie vor

strenger staatlicher Zensur unterworfen.

Doch eine moderne Wirtschaft braucht nicht nur den freien Fluss von Kapital,

sondern auch den der Informationen. Und da Chinas Reformen Ende

der neunziger Jahre von massiver Korruption bedroht wurden, war die

Regierung des damaligen Premierministers und ehemaligen Wirtschaftsprofessors

Zhu Rongji bereit, sich auf ein Experiment mit unabhängigem Journalismus

einzulassen: Das kleine Wirtschaftsmagazin Caijing, gegründet von

zurückgekehrten Auslandschinesen, durfte 1998 erstmals investigativen Journalismus

betreiben und Betrugsfälle in Behörden und Unternehmen aufdecken.

Chefredakteurin Hu Shuli und ihr Team nutzten den Freiraum mit

Mut, politischem Geschick, wilder Entschlossenheit – und gewaltigem Erfolg.

Sechs Jahre nach seiner Gründung ist Caijing nicht nur Chinas führendes

Wirtschaftsmagazin, sondern hat auch anderen Medien Freiräume erkämpft,

die bis vor kurzem noch undenkbar waren.

In China gilt Caijing heute als „meistrespektierte Finanzpublikation“ des Landes,

wie die South China Morning Post schrieb. Das Wall Street Journal

befand, Caijing „treibe die Entwicklung voran“.

Caijing erscheint am 5. und 20. jedes Monats, die Online-Version findet der

Leser unter www.caijing.com.cn. Dort kann man auch einen englischsprachigen

Newsletter abonnieren.


Es war Anfang Frühling, eine stürmische Nacht. Wir saßen im vierten

Stock einer Schule, wo mein Freund Xilin Chen ein Büro gemietet hatte

und eine wöchentliche Illustrierte herausgab. Erst gegen Mitternacht

waren wir mit dem Layout für die erste Ausgabe von Caijing fertig geworden.

Nun warteten wir auf den Druck.

Für mich war es das erste Mal, dass ich ein Magazin herausgab, nachdem

ich 20 Jahre lang als Journalistin für Tageszeitungen geschrieben hatte.

Weder ich noch meine Kollegen Yang Daming, Wang Shuo und Yan Xiaoqun

konnten zu diesem Zeitpunkt ahnen, was vor uns lag. Schließlich war

Caijing nur ein kleines Monatsmagazin mit 64 Seiten. Aber schon damals

hatten wir das Gefühl, am Anfang von etwas Wichtigem zu stehen, dass

dies der erste Schritt zu unserem gemeinsamen Traum war: „richtigen“

Journalismus zu machen.

Das war am 31. März 1998. Damals gab es in China wenige farbige

Magazine in guter Druckqualität, und nachrichtenorientierte gab es noch

viel weniger. Für das Layout hatte ich ein Dutzend Time-Hefte mitgebracht

und zu Chen Xinlin, Pekings bestem Zeitungsgestalter, gesagt: „So soll es

aussehen, gutes Design und ästhetische Aufmachung.“ Chen hatte keinerlei

Erfahrung mit Zeitschriften, aber das Titelblatt für die erste Caijing-Ausgabe

wurde trotzdem eindrucksvoll. Voller Verzweiflung beklagt ein Mann

das Vermögen, das er am Aktienmarkt verloren hat. Der Titel lautete: „Wer

ist schuld an Qiongminyuan?“

Mitte der Neunziger war Qiongminyuan ein schwarzes Schaf an Chinas

junger Börse gewesen, eine unbekannte Firma, deren Aktienkurs in kurzer

Zeit um 400 Prozent in die Höhe geschossen war. 1997 wurde das

Papier plötzlich vom Handel ausgeschlossen,

wegen des Verdachts der Bilanzfälschung. Doch

ein paar Insider hatten vorher einen Tipp erhalten

und sofort ihre Anteile verkauft. Übrig

blieben 50 000 Kleinanleger mit einem Haufen

nutzlosem Papier, für das sie ihre Ersparnisse

geopfert hatten.

Knapp dem Verbot entgangen

Es war das erste Mal, dass an Chinas neuer

Börse der Handel einer Aktie ausgesetzt wurde.

Doch obwohl Millionen Anleger darauf brannten,

Informationen über den Skandal zu bekommen,

verweigerte die Börsenaufsicht jeden Kommentar

und machte unmissverständlich klar, dass die

Medien sich von dem Thema fern zu halten

hatten. Als wir die Erstausgabe von Caijing vorbereiteten,

hatte das Schweigen sich ein Jahr

gehalten. Wir entschieden uns, es zu brechen.

Man kann sich leicht vorstellen, wie verärgert die

Aufsichtsbehörden reagierten, als plötzlich eine

detaillierte Titelgeschichte den Qiongminyuan-

Fall aufrollte, und um ein Haar wäre Caijing

verboten worden. Aber wir durften weiter


Wirtschaftspresse Text: Hu Shuli / Abiel Reinhart McK Wissen 10 Seiten: 116.117

erscheinen. Mit einem einzigen Heft hatten wir einen großen Schritt in

Richtung unabhängige Berichterstattung gemacht. Caijings Überleben

machte anderen Publikationen Mut, es uns nachzumachen.

Und genau darum ging es uns. Caijing sollte ein Nachrichtenmagazin sein,

das ebenso seriös über Unternehmen und Finanzthemen berichtete wie

unsere ausländischen Vorbilder, etwa die Financial Times, das Wall Street

Journal oder die New York Times. Wir wollten nicht nur ein Wirtschaftsmagazin

wie Business Week oder The Economist werden, sondern auch ein

Forum für all die wichtigen Geschichten, die in Chinas Presse sonst nicht

zu lesen waren. Wir waren echte Journalisten und wollten Chinas Aufstieg

zu einer modernen Wirtschaftsmacht dokumentieren – mit allen seinen

Erfolgen, aber auch mit seinen Schattenseiten.

Anfangs hatte Caijing nur vier Vollzeitkräfte. Alle anderen arbeiteten Teilzeit

oder frei. Wang Shuo, damals erst 25 Jahre alt, wurde der Leiter

unserer Nachrichtenredaktion. „Haben wir überhaupt eine Nachrichtenredaktion?“,

fragte er, als er seinen Job antrat. Nein – er war unser erster

und einziger Nachrichtenmann.

Wang Shuo hatte drei Jahre lang bei Chinas größter Zeitung, People’s Daily,

gearbeitet. Er hätte dort eine große Karriere als Auslandskorrespondent

machen können, doch er gab sie auf, um zu Caijing zu kommen. Er war

kritisch, nüchtern und bestand auf höchster journalistischer Qualität, trotz

aller Schwierigkeiten, die damit verbunden waren. Umso mehr bedeutete

es mir, als er, der so anspruchsvoll war, nach unserer dritten Ausgabe

sagte: „Shuli, weißt du eigentlich, dass wir hier das beste Magazin im

ganzen Land machen?“

Caijing schlug ein wie eine Bombe, im In- und Ausland. In der letzten

Ausgabe 1998 berichteten wir erstmals umfassend über die gewaltige

Umstrukturierung der Telecom China und wurden dafür vom Wall Street

Journal als „Chinas führende Finanzpublikation“ bezeichnet. Ein Exklusivinterview

mit Informationsminister Wu Jichuan ging weltweit über die

Agenturen.

Die Nachrichtenabteilung wuchs, immer mehr junge Reporter stießen zu

uns. Die meisten von ihnen waren jung und unverheiratet. So wurde

Caijing der „Singles Club“ genannt, weil unsere Journalisten viel zu viel

arbeiteten, als dass Zeit für Freunde geblieben wäre. Dafür verdienten sie

allerdings auch doppelt bis dreimal so viel wie Journalisten bei den offiziellen

Zeitungen. Dank unserer Investoren, einer Privatinstitution

namens Stock Exchange Executive Council, die von Chinesen gegründet

worden war, die lange im Ausland gelebt hatten und nun nach China

zurückgekehrt waren, war das Redaktionsbudget für chinesische Verhältnisse

außergewöhnlich hoch. So konnten wir unseren Journalisten auch

Reisekosten und Spesen zahlen.

Das war neu in China. Normalerweise gingen Journalisten nur zur Pressekonferenz

einer Firma, wenn sie dort einen roten Umschlag mit Geld

bekamen, üblicherweise 200 bis 500 chinesische Yuan (20 bis 50 Euro).

Schon bei People’s Daily war Wang Shuo dafür bekannt, dass er diese

roten Umschläge niemals annahm.

Riesengewinne mit Gemüseextrakt

Unabhängige Berichterstattung, exklusive Geschichten und ungewöhnliche

Perspektiven – mit diesem Konzept gewann Caijing Leser bei der wirtschaftlichen

und akademischen Elite. Anfang 1999 hatten wir 7000 Abonnenten,

ein Jahr später waren es schon 20 000. Nach zwei Jahren hatte

Caijing genug Ansehen, um von Unternehmen ernst genommen zu werden,

und genug Erfahrung, um die komplizierten Vorgänge an den Aktienmärkten

verfolgen und darstellen zu können.

China hatte damals noch wenig Börsenerfahrung. Zwar hatte es in Schanghai

schon Anfang des 20. Jahrhunderts einen Aktienmarkt gegeben, doch

die ersten Börsen der Volksrepublik wurden erst 1990 in Schanghai und

Shenzhen eröffnet. Anfangs wurde die Finanzpresse von der Aufsichtsbehörde,

der China Securities Regulatory Commission (CSRC), scharf kontrolliert.

Um die Stabilität des Marktes zu sichern, bestimmte die CSRC

genau, was veröffentlicht werden durfte und was nicht. Wer sich nicht an

die Regeln hielt, wurde kritisiert und bestraft.

Und dann kam Caijing und enthüllte, wie die Börse tatsächlich funktionierte.

Im Oktober 2000 erschien der Artikel „Fondsmanagement hinter

dem schwarzen Vorhang“. Er basierte auf den Erkenntnissen eines ehemaligen

Angestellten der Schanghaier Börse, der zwischen Oktober 1999

und April 2000 die Transaktionen von 22 neuen Fonds überprüft hatte.

Mit sehr präzisen quantitativen Analysen belegte er, dass jeder einzelne

dieser Fonds an Marktmanipulationen beteiligt gewesen war. Mit Hilfe

mehrerer Experten und Insider konnte Caijing seine Ergebnisse bestätigen.

Unser Artikel war vernichtend und zeichnete ein düsteres Bild der

Hu Shuli

Hu Shuli begann ihre Karriere nach einem

Journalismusstudium an der Pekinger

Volksuniversität 1982 bei der Worker’s

Daily. 1992 wechselte sie als

Chefreporterin und Auslandschefin zur

China Industry & Business Times,

bevor sie 1998 Caijing gründete. Sie war

Stipendiatin am World Press Institute

und studierte ein Jahr lang an der Stanford

Universität. Seit 2002 hält sie außerdem

einen EMBA-Titel der Fordham University.

Für die offensive Berichterstattung

über die Lungenseuche SARS wurde Hu

vergangenes Jahr vom World Press Review

zur „Internationalen Chefredakteurin

des Jahres“ gewählt. Sie hat sechs Bücher

veröffentlicht, etwa über Reformpolitik und

Chinas Rolle in der Welt.


Fondsbranche, in der Korruption und Betrug zur Tagesordnung gehörten

– und die bis dahin fest von staatlichen Brokern kontrolliert worden war.

Die zehn Firmen, die unser Artikel entlarvt hatte, veröffentlichten umgehend

eine Erklärung, in der sie die Integrität ihrer Zunft und die eigene

Unschuld beschworen und uns mit einer Klage drohten. Es blieb bei der

Drohung.

In vieler Hinsicht war die Fondsmanagement-Geschichte ein Durchbruch

– nicht nur für Caijing, sondern für die ganze chinesische Presse. Denn zum

ersten Mal kam von der Regierung keinerlei Reaktion; unser Artikel wurde

weder kritisiert noch verboten. Der Vorsitzende der CSRC sprach sich in

einer Rede sogar für kritische Berichterstattung aus. Investigativer Journalismus

hatte in China eine völlig neue Dimension erreicht.

Ein halbes Jahr später mussten acht der zehn Fondsgesellschaften Unregelmäßigkeiten

eingestehen. 30 Angestellte wurden entlassen. Die CSRC

hatte die Überprüfung gefordert und von den Firmen verlangt, sie selbst

durchzuführen.

Dieser Sieg war der Startschuss für eine ganze Serie kritischer Börsenanalysen:

über Preismanipulationen, Insider-Handel und gefälschte Bilanzen.

Diese Geschichten schockierten die Märkte, besonders unser Titel im

August 2002: „Die Yinguangxia-Falle“. Mehrere Monate hatte Ling Huawei,

eine 25 Jahre alte Journalistin, recherchiert. Guangxia Industry Co. Ltd.

war ursprünglich eine kleine Disketten-Firma aus Yinchuan im Nordwesten

Chinas. Mitte der neunziger Jahre wuchs sie zu einem großen Konglomerat

heran, Umsätze und Profite stiegen, und der Aktienwert schnellte allein

in einem Jahr um 440 Prozent nach oben. Ende der Neunziger war Guangxia

gemessen am Marktwert das zweitgrößte börsengelistete Unternehmen

in China. Und das, obwohl es fast seinen gesamten Umsatz mit einem einzigen

Produkt erzielte: Gemüseextrakt, den es an eine ominöse deutsche

Firma verkaufte.

Ling Huawei besuchte das Unternehmen, interviewte die Manager und

überredete schließlich die Buchprüfer der Firma, ihr Einblick in die Bilanzen

zu geben. Kopien durfte sie nicht machen, aber als ihr bei den Zollformularen

Unregelmäßigkeiten auffielen, prägte sie sich die Identifikationsnummern

ein. Zwei Monate später ging sie zum Zollamt, wo sie zu

ihrem großen Erstaunen keine Kopien der Exportpapiere finden konnte.

Statt der angeblichen Exporterlöse von 700 Millionen Yuan (70 Millionen

Euro) hatte das Unternehmen tatsächlich nur drei Millionen Yuan (300 000

Euro) eingenommen.


Uns war klar, dass die Geschichte dramatische Auswirkungen auf den

Aktienkurs des Unternehmens haben würde. Umso wichtiger war es, dass

niemand vorab informiert war. In unserem Büro hängten wir sogar eine

falsche Version der Textstrecken des nächsten Heftes aus, während wir die

echte Geschichte heimlich zum Drucker schickten.

Am Abend vor dem Erscheinungstermin, so gegen acht, bekamen wir

einen Anruf: Die Geschichte war durchgesickert. Sofort stellten wir den

Text auf unsere Website. Zehn Stunden später musste die Guangxia-

Aktie vom Handel ausgesetzt werden, und nach drei Tagen begann die

Börsenaufsicht mit einer Untersuchung.

Pionier der chinesischen Medienindustrie

Für Caijing war es ein Meilenstein. „Guangxia hat Caijing zum Leitmedium

des chinesischen Aktienmarktes gemacht“, musste selbst der für

gewöhnlich recht arrogante Herausgeber einer offiziellen Börsenzeitung

einräumen. Nicht mehr nur die Eliten, sondern auch der Markt begann,

auf die unabhängige Stimme der Presse zu hören.

Damals, gegen Ende 2001, hatte Caijing bereits mehr als 100 Seiten pro

Ausgabe. Die Auflage erhöhte sich schnell auf 70 000. Auch die Werbeeinnahmen

stiegen, so dass Caijing zu einem höchst profitablen Magazin

wurde. Und damit war es Zeit für den nächsten Schritt: Seit Ende 2001

erscheint Caijing zweiwöchentlich, mit einem erweiterten inhaltlichen Spektrum

und mehr Reportagen über China und die Welt.

Dann, im Frühjahr 2003, brach die Lungenseuche SARS aus. Caijing

berichtete von Anfang an darüber und verwendete viel Zeit und Mühe

darauf, die Herkunft der Epidemie zurückzuverfolgen. Schon die ersten

SARS-Fälle im südchinesischen Guangdong ließen uns aufmerken. Obwohl

SARS kein unmittelbares Wirtschaftsthema war, ahnten wir die

Bedeutung der sich anbahnenden Krise. Im Februar 2003 druckten wir eine

lange Analyse unter dem Titel: „Guangdong-Seuche und staatliche Seuchenkontrolle

prallen aufeinander“. Der Text zeigte die Schwächen der

chinesischen Seuchenbekämpfung, Schwächen, die in Guangdong immer

offensichtlicher wurden. Wir wollten das Land warnen.

Im April breitete sich SARS in Peking und anderen Orten aus und erreichte

Ende des Monats den Höhepunkt. Schon Anfang April hatten wir einen

Plan, um die SARS-Berichterstattung effektiver zu organisieren. Neben ausführlichen

SARS-Artikeln im Heft brachten wir eine Zeit lang sogar eine

wöchentliche Extraausgabe mit aktuellen Informationen

heraus. Stück um Stück konnten wir

das Puzzle der Lungenseuche zusammensetzen,

und Artikel wie „Betroffene Gebiete im In- und

Ausland“, „Wie man im Krankenhaus über Infektionen

informiert wird“ oder „Bauern und

Wanderarbeiter in der Stadt“ gingen um die Welt.

Für Caijings Reporter war es eine aufregende,

aufwühlende und unvergessliche Zeit. Fünf

weiße Schutzanzüge, die bei der SARS-Recherche

benutzt worden waren, hängen heute noch

immer in der Redaktion. Für die SARS-Berichterstattung

wurde Caijing international ausgezeichnet.

Caijing war Pionier der chinesischen Medienindustrie.

Heute sind wir nicht mehr allein. Journalisten

und Verlage haben gemerkt, welche

Möglichkeiten und Chancen der chinesische

Medienmarkt eröffnet, besonders im Bereich der

Wirtschaftspresse. Jahr für Jahr werden neue

unabhängige Zeitungen und Magazine gegründet.

So entsteht Wettbewerb, und das heißt:

Druck, sorgfältig und fair zu berichten und „richtigen“

Journalismus zu betreiben. Dass die

Medien in China eine immer wichtigere Rolle

spielen, das ist wirklich neu.

Mein Kollege Wang Shuo sagte einmal zu einem

neu eingestellten Redakteur: „Caijing ist wie ein

Specht. Wir picken von allen Seiten das morsche

Holz von Chinas großen Reformprojekten, damit

das Land nicht im Korruptionssumpf versinkt.“

Ein schöner Vergleich.


Überseechinesen Text: Justus Krüger / Yenni Kwok Zeichnung: Martina Wember McK Wissen 10 Seiten: 118.119


Im Clanhaus um die

ganze Welt

18

Ob in Thailand, Malaysia, den Philippinen oder Indonesien – die Geschichte der chinesischen Einwanderer in

Südostasien ist die Geschichte eines erstaunlichen wirtschaftlichen Erfolges. Aber wie konnten bettelarme Bauern in

einer fremden und nicht immer freundlichen Umgebung zu erfolgreichen Unternehmern aufsteigen?

Yenni Kwok erzählt die Historie der chinesischen Diaspora zwischen Kolonialisten und Kommunisten, zwischen

Protektion und Pogrom – und damit auch einen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte.


Überseechinesen Text: Justus Krüger / Yenni Kowk Foto: Tempo / Rully Kesuma McK Wissen 10 Seiten: 120.121

Nach 88 Jahren hat ihn seine lebenslange Odyssee schließlich nach

Singapur geführt. Von dort aus wacht Liem Sioe Liong nun über die Reste

einer Firmengruppe, die einst zu den größten Indonesiens zählte. Er ist nach

wie vor einer der reichsten Männer Asiens – wie reich genau, weiß niemand.

1994 wurde sein persönliches Vermögen auf 4,8 Milliarden US-Dollar

geschätzt, im Jahr 2000 ging Forbes von einer Milliarde Dollar aus. Seine

Verschlossenheit hat ihn zu einer mythischen Figur werden lassen. Er ist

so etwas wie der Howard Hawks Asiens.

1990 betrugen die Umsätze von Liems international operierender Salim-

Gruppe etwa acht Milliarden US-Dollar. Allein das heimische Geschäft

von Salim machte rund fünf Prozent des indonesischen Bruttoinlandsproduktes

aus. 135 000 Beschäftigte waren für die Gruppe tätig, die mehr als

300 Unternehmen unter ihrem Dach vereinigte. Liem war die Nummer eins

im indonesischen Bankengeschäft, dominierte genauso den Markt für

Zement wie den für Nudeln, hielt große Anteile in der Autoproduktion

und spielte eine zentrale Rolle in der Petrochemie, bei Baby-Nahrung und

im Immobiliengeschäft. Auf den Umsatz bezogen, übertraf die Salim-

Gruppe die anderen großen Konzerne Indonesiens um rund das Dreifache.

Doch Liems Schicksal war untrennbar verbunden mit dem des indonesischen

Diktators Suharto. Als dessen Karriere 1998 zu Ende ging, war auch

für Liem die Zeit gekommen.

Wirtschaftlich erfolgreich, kulturell isoliert

Geboren wurde Liem in der südchinesischen Provinz Fujian. Armut und

Perspektivlosigkeit hatten ihn jedoch schon früh aus seiner Heimat vertrieben.

1937 verschlug es den vagabundierenden Habenichts schließlich

nach Zentraljava. Dort wurde er zunächst Kleinhändler und verkaufte Erdnüsse,

Nelken und Fahrradteile. Doch in den Vierzigern begann er, mit den

neuen nationalistisch-revolutionären Streitkräften Geschäfte zu machen.

Wenige Jahre später war er zu einem wichtigen Ausrüster der Diponegoro-

Division aufgestiegen. Der für die Truppenausrüstung zuständige Offizier

bei der prestigeträchtigen Einheit war der Leutnant – und spätere General

– Suharto.

Suharto verstand sich gut mit dem bescheidenen Mann aus Fujian. Als sich

der „Vater der Entwicklung“ 1965 in Indonesien an die Macht putschte,

begann für Liem ein rasanter Aufstieg. Und auch anderen Unternehmern

chinesischer Abstammung half der Diktator auf die Sprünge. Aber während

Suharto sich finanziell auf eine Schicht von chinesischstämmigen

Großunternehmern stützte, unternahm er alles, um die kulturelle Andersartigkeit

der chinesischen Gemeinde einzudämmen: Seine Regierung

drängte die Einwanderer, indonesische Namen anzunehmen, schloss ihre

Schulen und untersagte den Gebrauch ihrer Sprache und Schrift in der

Öffentlichkeit.

Diese widersprüchliche Politik hatte in der Region durchaus Tradition.„Die

Übersee-Chinesen erfüllten für eine ganze Reihe von Regierungen eine

wichtige Funktion“, sagt Leo Douw, Professor für moderne chinesische

Geschichte und Gesellschaft an der Universität von Amsterdam. „Sie bildeten

eine Schicht von Geschäftsleuten, die einerseits tüchtig und zuverlässig

waren, andererseits kulturell isoliert. Das machte sie angreifbar und damit

für die Regierenden ungefährlich.“ In Indonesien hatten es vor Suharto

schon die Holländer so gesehen, ebenso die Spanier auf den Philippinen

und die Monarchen Thailands im eigenen Land. Mit dieser Haltung trugen

die jeweiligen Machthaber zwar zum geschäftlichen Erfolg der Chinesen

in den Regionen bei. Doch dieser Erfolg hatte einen hohen Preis: Wuchs

ihr wirklicher oder vermeintlicher Einfluss zu sehr, wurde es gefährlich.

Pogrome waren bis in die jüngste Zeit keine Seltenheit, ebenso wie die staatliche

Unterdrückung chinesischer Kultur und Lebensart.

Trotz dieser Schreckensmeldungen zog es immer wieder Chinesen fort aus

der Heimat. Waren die frühen Auswanderer im 18. und 19. Jahrhundert in

erster Linie wagemutige Händler auf der Suche nach neuen Märkten und

Waren, wurden spätere Generationen durch Bürgerkriege, den Niedergang

des Kaiserreichs, das Chaos der ersten Republikjahre, Überbevölkerung

und Hungersnöte aus dem Land getrieben. Doch was auch immer die

Gründe für den Exodus waren: In ihren neuen Heimatländern erwiesen

sich die Exilchinesen als ausgesprochen erfolgreich. In Indonesien werden

noch heute etwa 80 Prozent der 200 größten Unternehmen von chinesischen

Einwanderern oder ihren Nachfahren kontrolliert. In fast allen

anderen Ländern Südostasiens spielen sie eine ähnlich zentrale Rolle im

Geschäftsleben. Viele der bettelarmen Auswanderer oder ihre Kinder

schafften den Aufstieg in die Mittelschicht, einige sogar in die Oberklasse.

Wie haben sie das gemacht?

Handel und Kommerz haben eine lange Tradition in China. In weiten Teilen

Südostasiens dagegen waren dies ziemlich neue Ideen. Damit war

Chinas Überseekolonien

Nordamerika:

Der Goldrausch in Kalifornien und an der

kanadischen Westküste zog Mitte

des 19. Jahrhunderts eine große Zahl von

chinesischen Einwanderern an. 1880

waren rund 100 000 Chinesen in den USA.

In Kalifornien stellten sie etwa

zehn Prozent der Bevölkerung, aber knapp

25 Prozent der Arbeiter.

Heute stammen die Emigranten zum

größten Teil aus der Mittel- und

Oberschicht. Ein Viertel der etwa

2,7 Millionen US-Amerikaner chinesischer

Abstammung hat einen Hochschulabschluss

– das liegt 100 Prozent über

dem gesamtamerikanischen Durchschnitt.

Das liegt vor allem daran, dass US-

Universitäten eine starke Anziehungskraft

auf Chinesen ausüben. Viele der Studenten

bleiben nach dem Abschluss in den USA.

Rund 1,1 Millionen Kanadier oder

3,5 Prozent der Gesamtbevölkerung sind

chinesischer Abstammung. Sie kommen

vor allem aus Hongkong. Die steigende

gesellschaftliche und politische

Anerkennung der Chinesen zeigt sich etwa

in der Ernennung von Adrienne Clarkson,

geborene Poy, zum Generalgouverneur

von Kanada. 1939 in Hongkong geboren,

kam sie 1942 als Kriegsflüchtling

nach Kanada. In ihrer Funktion als

Oberkommandierende der kanadischen

Streitkräfte nahm sie im Juni diesen

Jahres an den Feierlichkeiten zum

Jahrestag des D-Day in der Normandie teil.


die Konkurrenzsituation für die Neuankömmlinge also recht günstig. Als

zentraler Startvorteil erwies sich jedoch die vor allem in Südchina seit langem

übliche Organisation in weit verzweigten Clan-Netzwerken. Wo immer

es die Emigranten hin verschlug: Der Clan war bereits da. In den Clanhäusern

fanden die Neuankömmlinge Starthilfe, Zugang zu Krediten und

Marktinformationen. Dort ließen sich lokale und regionale Handelsbeziehungen

knüpfen, die den Radius der nichtchinesischen Konkurrenz in der

Regel bei weitem übertrafen.

Auch die Organisation der Emigration trug zum Erfolg bei. So lieh sich

der angehende Emigrant in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts –

einer der Hochphasen chinesischer Auswanderung – üblicherweise das

Reisegeld von einem „alten Gast“, so der chinesische Ausdruck für Angehörige

einer früheren Auswanderergeneration. Einige von ihnen pendelten

regelmäßig zwischen den Hafenstädten Südostasiens und ihren Heimatgegenden

in China. Dort rekrutierten sie „neue Gäste“. Auf kleinen Sampans

reisten die Neuen entlang der südchinesischen Küste bis zu einem der

großen Häfen, vor allem Xiamen, Shantou und Hongkong.

Dabei blieb man unter sich. War der neue Gast etwa ein Angehöriger der

Hakka, einer Volksgruppe in Südchina, so reiste er im Gefolge eines Hakka-Anwerbers.

Solange er auf die Überfahrt wartete, stieg er in einer

Herberge ab, die auf Hakka spezialisiert war. Das hatte nicht nur den Vorteil,

dass er sich dort seiner Muttersprache bedienen konnte – die zahlreichen

südchinesischen Dialekte unterscheiden sich voneinander oft so stark

wie europäische Sprachen einer linguistischen Familie. Es gab dort auch

die Gerichte der heimischen Küche, nicht unwichtig in einem Land, dessen

Bewohner etwas anderes als das Essen ihrer Heimatregion in der

Regel für kaum genießbar halten. Es war für den Auswanderer aber auch

deshalb günstig, unter Landsleuten zu bleiben, weil er dort nicht den Feindseligkeiten

anderer chinesischer Volksgruppen ausgesetzt war. Ein verbissener

Krieg zwischen Hakka und Punti-Guangzhouesen etwa war für eine

ganze Generation von Auswanderern das entscheidende Motiv, die Heimat

zu verlassen.

Stach das Schiff endlich in See, begleitete der Anwerber seine Klienten bis

zum Bestimmungsort. Dort lieferte er sie bei ihrem neuen Arbeitgeber ab

oder brachte sie zu den Verwandten, die nach ihnen geschickt hatten. Die

Neuen wurden in den Zielländern schnell in die passenden Clanhäuser

integriert. In Südchina hatten solche Clanorganisationen schon lange eine

zentrale Rolle gespielt. Guangdong und Fujian, die Heimatprovinzen

Der Gott des Wohlstands (rechts) meinte es gut mit

ihm: Liem Sioe Liong, Asiens Howard Hawks.

Australien:

Die Entdeckung reichhaltiger

Goldvorkommen in Australien zog seit

1851 auch viele chinesische

Einwanderer an. Zehn Jahre später bestand

die Bevölkerung in den Goldfeldern

von Victoria zu 25 Prozent aus Chinesen,

in New South Wales waren es 60 Prozent.

Als der Boom ein Ende fand, gingen

viele zurück nach China, nicht immer

freiwillig. Nach dem Ende der

„White Australia Policy“ Anfang der

siebziger Jahre begann eine neue

Phase chinesischer Immigration. Nun

kamen vor allem qualifizierte

Fachkräfte aus Hongkong. Seit dem Beginn

der Öffnungspolitik ist ein stetiger

Anstieg der Einwanderung aus der

Volksrepublik zu verzeichnen. Heute ist

Chinesisch nach Englisch die am weitesten

verbreitete Sprache in Australien:

400 000 Bürger gaben an, in der Familie

Chinesisch zu sprechen. Das

sind etwa zwei Prozent der australischen

Bevölkerung.


Überseechinesen Text: Justus Krüger / Yenni Kwok Foto: Kwok Familienalbum McK Wissen 10 Seiten: 122.123

fast aller Übersee-Chinesen, sind weit entfernt von der Hauptstadt. An

diesen Rändern des Imperiums reichte die staatliche Autorität meist nicht

bis auf die Dorfebene, sondern versandete irgendwo in der Umgebung der

Kreisstädte. Es waren die Clanhäuser oder Huiguan, die diese Lücke füllten.

In den Dörfern lief nichts ohne die mächtigen Familien, und auf den

unteren Verwaltungsebenen kamen selbst die kaiserlichen Beamten ohne

ihre Unterstützung nicht aus.

Die Verwandtschaftsbeziehungen innerhalb der Clans waren häufig fiktiv.

Mit einer Familie, die sich aus Kindern, Eltern und Großeltern zusammensetzt,

hatten diese Gruppierungen nicht viel gemeinsam. So gab es ganze

Dörfer, die mit einem Familiennamen auskamen – damit besiegelten die

Bewohner ihr Abhängigkeitsverhältnis zum mächtigsten Clan. Das Ansehen

der einzelnen Clanhäuser hing maßgeblich von ihrer Ahnenreihe ab.

Ahnenverehrung ist ein zentrales Element chinesischer Religiosität. Deswegen

bemühten sich die Clans, ihre Abstammung auf einen glänzenden

Helden der chinesischen Geschichte zurückzuführen. So beanspruchen

etwa die meisten Li-Familien Verwandtschaft mit dem Gründer der Tang-

Dynastie, der seinerseits seine Ahnenreihe auf Li Er zurückführte – auf

Laotse.

Mit so einem Daxing, einem großen Namen, legte man sich besser nicht

an, außer man hatte selbst eine Organisation von vergleichbarer sozialer

und wirtschaftlicher Stärke hinter sich. Dann konnte es zu einer blutigen

Fehde kommen. Die mächtigsten Gruppen waren in der Lage, schlagkräftige

Privatarmeen aufzustellen, und in diesem Fall konnte eine solche Vendetta

das Ausmaß eines Bürgerkrieges annehmen.

Nicht alle Clans hatten solche Machtmittel zur Verfügung. Doch auch die

weniger einflussreichen waren straff geführte Organisationen. Die Hierarchien

gewährten allerdings nicht jedem Mitglied gute Aufstiegschancen.

So blieb vielen jungen Männern nichts anderes übrig, als fortzugehen und

den Lebensunterhalt in weit entfernten Städten zu verdienen.

Die brauchten nicht unbedingt in China zu liegen. Immer wieder hatte

es einzelne Glückssucher nach Nanyang, Südostasien, verschlagen. Doch

erst als im 19. Jahrhundert die Ordnung im Reich zusammenbrach, wurde

daraus eine Massenbewegung: Nach Norden und ins Landesinnere zog die

südchinesischen Migranten nun nichts mehr; stattdessen gingen sie zu

zehntausenden nach Nanyang. Die Clanstrukturen versprachen schließlich

überall eine weiche Landung.


Neben Verwandtschaftsbeziehungen, ob real oder fiktiv, war für die Clanidentität

der Herkunftsort entscheidend. Um diese Verbundenheit auch für

die nächste Generation sicherzustellen, schickten die Auswanderer ihre

Kinder zur Erziehung zurück nach China – wenn sie es sich leisten konnten.

Im besten Fall fand der Sohn im alten Heimatort, dem Qiaoxiang, auch

gleich eine Braut. So erging es meinem Großvater Lai Tjin Tong. 1914

wurde er im damaligen Batavia, heute Jakarta, geboren. Kurz nach seinem

sechsten Geburtstag schickten seine Eltern ihn in ihr Qiaoxiang in der

Nähe von Meixian und gaben ihn dort in die Obhut der Familienorganisation.

Erst zwölf Jahre später kehrte er nach Jakarta zurück. Dort heiratete

er seine Verlobte, die er aus Meixian mitgebracht hatte.

Lais patriotische Gefühle für China waren stark. Wie viele seiner Landsleute

war er seit den fünfziger Jahren überzeugt, dass die Kommunisten in

Peking endlich ein Mittel gefunden hätten, den seit Jahrzehnten andauernden

Niedergang Chinas umzukehren. Er war voller Enthusiasmus für die

neue Regierung. In seiner Nachbarschaft in Jakarta fiel er dadurch auf, dass

er so laut es ging volksrepublikanische Radiosender hörte. Als Indonesien

Mitte der Sechziger von antikommunistischen und antichinesischen Pogromen

erschüttert wurde, lag es für ihn nahe, nach China überzusiedeln.

1967 zog er schließlich zurück nach Meixian.

Das richtige Geschäft zur richtigen Zeit

Das Timing war miserabel, denn die Kulturrevolution war bereits in vollem

Gange. Die heimgekehrten Auslandschinesen standen unter Generalverdacht,

kapitalistische Spione zu sein, und damals war Verdacht gleich

Schuld. 1970 gelang es ihm, sich nach Hongkong abzusetzen. Zu seinem

Glück hatte er vor der Umsiedlung nach China einen Teil seiner Ersparnisse

bei Verwandten in Jakarta zurückgelassen – was er mit nach China

genommen hatte, war enteignet worden. Mit dem Geld aus Jakarta gründete

er in Hongkong ein Linientaxi-Unternehmen, etwas später kam eine

Wäscherei dazu.

Die Wäscherei war das richtige Unternehmen zur richtigen Zeit: Ende der

siebziger Jahre begann der Aufstieg der Provinz Guangdong in Hongkongs

Hinterland zu einem der weltweit größten Zentren für arbeitsintensive

Leichtindustrien. Vor allem Kleidung wurde dort in großen Mengen produziert,

und die ganzen Markenjeans und -hemden mussten irgendwo

Europa:

In Großbritannien liegt die Zahl der

chinesischen Einwanderer und ihrer

Nachfahren heute bei rund 250 000. Vor

allem in den sechziger Jahren boomte

die Einwanderung aus China. Die meisten

der Immigranten waren Reisbauern aus

den ländlichen Gebieten um Hongkong. Gab

es 1951 nur 36 chinesische Restaurants

im Vereinigten Königreich, sind es

heute mehr als 14 000. Die Gastronomie

ist noch heute der Haupterwerbszweig

der Chinesen in Großbritannien, doch die

Tendenz ist fallend: Unter den

Einwanderern der zweiten Generation ist

das Spektrum der Aktivitäten sehr

viel breiter als unter denen der ersten.

In Frankreich erreichte die chinesische

Einwanderung nach dem Abzug der

US-Truppen aus Vietnam einen Höhepunkt:

Von den rund 150 000 Flüchtlingen aus

den französischen Ex-Kolonien in Indochina

waren 50 bis 60 Prozent chinesischer

Abstammung. Insgesamt leben heute etwa

300 000 chinesische Auswanderer und ihre

Nachfahren in Frankreich.

Schnell bildeten sich auch auf dem Rest

des Kontinents chinesische Gemeinden.

Wie in Großbritannien sind auch auf dem

Kontinent die meisten Chinesen der

ersten Einwanderergeneration in der

Gastronomie tätig. Es gibt aber markante

Ausnahmen: So haben die rund 10 000

Hamburger Chinesen zum größten Teil auf

irgendeine Art mit dem Hafen zu tun.

Insgesamt leben heute gut 75 000

chinesische Staatsbürger in Deutschland.


gewaschen werden, bevor sie in die Läden geschickt werden konnten. Zur

selben Zeit begann sich jedoch abzuzeichnen, dass Hongkong in nicht allzu

ferner Zukunft ein Teil der Volksrepublik werden würde. Lai traute den

Pekingern nicht mehr und siedelte nach Singapur über. Dort fühlte er sich

fremd, also zog er 1981 zurück nach Hongkong. Vierzehn Jahre später starb

er in Jakarta. Nach seiner Beerdigung in der indonesischen Hauptstadt

richteten seine Söhne einen Schrein zur Verehrung des Patriarchen in

Meixian ein. Die Stadt in Guangdong galt immer noch als Ursprungsort

der Familie, obwohl ihr Vater in Jakarta geboren wurde und sie selbst in

Hongkong lebten.

Neben den familiären gab es weitere Netzwerke, die es den Auslandschinesen

erleichterten, in ihren neuen Heimatländern Fuß zu fassen. Noch

im 19. Jahrhundert entwickelten sich Handelsgilden, die sich ebenfalls oft

nach Namen und Geburtsort unterteilten. Dann kamen Handelskammern

und Gewerkschaften dazu, ergänzt durch Geheimorganisationen oder

„Triaden“, mal politischer, mal religiöser, mal krimineller Art. Ähnlich wie

zuvor in Südchina wuchsen aus den Allianzen der einflussreichsten Zusammenschlüsse

langsam patriarchalisch geführte Dachorganisationen hervor.

Unter den Auslandschinesen übernahmen diese Meta-Huiguan viele gesellschaftliche

und politische Funktionen: Sie waren zuständig für wirtschaftliche

Kontakte, Wohlfahrtsdienste, soziale Kontrolle und den Unterhalt

chinesischer Schulen. Auch vermittelten sie zwischen der chinesischen

Gemeinde und den lokalen Behörden.

„Die Juden des Orients“

Schon die Kolonialregierungen hatten das hohe Maß an chinesischer Selbstverwaltung

nach Kräften gefördert. Es hatte perfekt zu ihrer Strategie der

indirekten Herrschaft gepasst. Dazu gehörte auch eine gezielte Förderung

der Segregation. Das „Kapitan“-System, nach dem die verschiedenen Gemeinden

aus ihren Reihen einen Anführer oder Kapitan wählten, der der

Kolonialverwaltung Rechenschaft schuldig war, wurde zum Vorbild in der

Region. Mit einem kleinteiligen Puzzle halbwegs selbstverwalteter Einheiten

war leichter fertig zu werden, so das Konzept der Kolonialmächte, als mit

einem großen Block von Untertanen unter direkter Kolonialherrschaft. Der

chinesischen Minderheit hatten die Holländer in Indonesien Landerwerb

untersagt. Indem sie auf diese Weise eine finanzstarke Konkurrenz aus dem

profitablen Geschäft mit den Plantagen heraushielten, förderten sie die

chinesische Präsenz in Handel und Kommerz. Nach dem Ende der Kolonialzeit

verschärften die neuen Staaten diese Diskriminierungspolitik. So galt

lange Zeit für die südostasiatischen Chinesen, dass an politische Karrieren

gar nicht zu denken war, akademische Laufbahnen nicht gestattet wurden,

chinesischer Landbesitz unerwünscht blieb und der Zugang zu staatlich

examinierten Berufen wie Arzt, Lehrer oder Anwalt stark erschwert oder

gleich ganz verwehrt wurde. Es blieb den Chinesen also gar nichts anderes

übrig, als alle Konzentration auf das Geschäft zu richten.

Der erwachende Nationalismus in den Ländern Südostasiens machte das

20. Jahrhundert zu einer holprigen Wegstrecke in der Geschichte der Übersee-Chinesen.

Selbst in Thailand, wo sich das Zusammenleben zwischen

Einheimischen und Zuwanderern lange Zeit besonders harmonisch gestaltet

hatte und die Chinesen oft gar nicht als Ausländer betrachtet wurden,

sahen sie sich nun heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Zu Beginn des

20. Jahrhunderts veröffentlichte König Rama VI. von Siam zahlreiche

antichinesische Pamphlete, in denen er sich von traditionellen europäischen

Ressentiments inspiriert zeigte: In „Die Juden des Orients“ warf er

den Chinesen in der Diaspora vor, keine Loyalität zu ihren neuen Heimatländern

zu zeigen. Ähnlich wie in Europa Antisemiten die Juden für

die Urheber von Kapitalismus, Moderne und Sittenverfall hielten, waren

in Asien die chinesischen Immigranten nun dem diffusen Verdacht ausgesetzt,

den jungen Nationalstaaten irgendwie schädlich zu sein.

Nachdem Suharto Mitte der sechziger Jahre chinesische Organisationen in

Indonesien verboten hatte, lockerte er im folgenden Jahrzehnt seine strikte

Assimilationspolitik ein wenig. Wenigstens unter dem Deckmantel einer

religiösen Ausrichtung konnten sich chinesische Organisationen nun wieder

gründen. Die Huiguans hatten sich aber ohnehin weiterentwickelt. In

den achtziger Jahren waren einige von ihnen schließlich zu riesenhaften,

weltumspannenden Heimatort-Vereinen herangewachsen. So versammelten

sich etwa 1991 mehr als 1000 Delegierte zur Internationalen Teochew

Convention in Paris.

Auch die Machthaber in Peking begannen sich nun für diese Organisationen

zu interessieren. 1997 gestatteten sie es den inzwischen 4000 Delegierten

der Chaozhou Convention, sich im südchinesischen Shantou zu

treffen, einst einer der großen Auswanderungshäfen. In den vergangenen

20 Jahren fanden mehr als 100 solcher Großveranstaltungen internationaler

Clans statt, Tendenz steil steigend. Prominente chinesische Großunternehmer

organisieren und unterstützen die Versammlungen. So

Lai Tjin Tong mit seiner Gattin Tjen The Ing

in Hongkong in den siebziger Jahren.

Antichinesische Pogrome in Jakarta und die

Kulturrevolution in der Volksrepublik

hatten sie bereits überstanden. Vor ihnen lag

die Gründung einer Wäscherei.


Überseechinesen Text: Justus Krüger / Yenni Kwok Zeichnung: Martina Wember McK Wissen 10 Seiten: 124.125

liest sich die Mitgliederliste der International Association of Fuzhou Corporation

wie ein Who’s who der Geschäftswelt Südostasiens. Eines der

prominentesten Mitglieder des Vereins ist der Hongkonger Immobilienund

Medienmagnat Robert Kuok, einer der einflussreichsten Geschäftsleute

in der Region mit exquisiten Beziehungen zur Pekinger Regierung.

Und so schließt sich der Kreis langsam. Die Zentralregierung macht sich

daran, die Ressourcen der Diaspora anzuzapfen. Es war kein Zufall, dass

Peking die Sonderwirtschaftszonen in Guangdong und Fujian einrichtete.

Zum überwiegenden Teil stammen die Übersee-Chinesen oder Huaqiao

aus den beiden Südprovinzen. Für Huaqiao-Geschäftsleute führt der Weg

auf den chinesischen Markt in der Regel über Kontakte im Ursprungsort

ihrer Familie. Der neue chinesische Kapitalismus konnte so vom Geld, der

Erfahrung und der Dynamik der erfolgreichen Expatriates profitieren.

Heute ist Amerika verlockender

Der Strom der Emigration nach Südostasien ist dafür im Moment fast versiegt.

Die sich ständig verändernde Lage in China und in den Zielländern

führt zu neuen Mustern der Auswanderung. In jüngerer Zeit zieht es die

Emigranten vor allem nach Australien, Amerika und, in geringerem Ausmaß,

nach Europa. Länder wie Indonesien sind von China aus gesehen im

Moment nicht sehr verlockend. Als es 1998 mit der Diktatur Suhartos zu

Ende ging, war sein Sturz von heftigen Pogromen gegen die Chinesen in

Jakarta begleitet. Zwar entspannten sich seitdem die Beziehungen zwischen

Chinesen und Indonesiern, und in den vergangenen Jahren ist es vor

allem in Jakarta zu einer kleinen Renaissance indonesisch-chinesischer

Kultur gekommen. Doch für viele war 1998 das Maß voll.

So fiel damals auch das Haus von Liem Sioe Liong, Indonesiens reichstem

Mann und Suhartos liebstem Vertrauten, Plünderern zum Opfer. Es lag in

einer bescheidenen Nachbarschaft. Liem hatte es gekauft, bevor sein

Erfolg begann. Er betrachtete das Haus als seinen Glücksbringer. Umso

größer war der Schock, als er es brennen sah. Doch der Zustand hielt nicht

lange an. Als erfahrener Migrant wusste Liem, dass es höchste Zeit war,

weiterzuwandern.

Neben den familiären gab es weitere Netzwerke, die es den

Auslandschinesen erleichterten, in ihren neuen

Heimatländern Fuß zu fassen: Handelsgilden, die sich oft

nach Namen und Geburtsort unterteilten, Handelskammern,

Gewerkschaften und Geheimorganisationen oder

Triaden, mal politischer, mal religiöser, mal krimineller Art.


Asia House Text: Markus Brauck McK Wissen 10 Seiten: 126.127

Samuel Zhuang, Fellow, BA in Economics, hat

in Hongkong in der Finanzindustrie gearbeitet.

Asia House, Schumannstraße 59

Boarding House, Schumannstraße 59a

Masaaki Tanaka, Associate, kommt aus der japanischen

Versicherungswirtschaft; Studium an der Duke University.


Linlin Liu, Associate, war Investment-Bankerin in Peking und

studierte an der Harvard University.

19

Yue Guo, Fellow, studierte in Peking und arbeitete

als Beraterin in China, Hongkong und Singapur.

So fern und doch so nah

Um das kulturelle Verständnis zwischen Asien und Europa zu fördern, hat McKinsey & Company

ein neues Büro eröffnet: das europäische Asia House in Frankfurt.


Asia House Text: Markus Brauck McK Wissen 10 Seiten: 128.129

Es ist wirklich wahr. „Ordnung muss sein.“

Das ist der erste deutsche Satz, den Yue Guo

gelernt hat. Die Chinesin sagt ihn noch etwas

holprig auf und lacht. Erzählt den Witz von einem

britischen General, der meinte, wenn man deutsche

Truppen aufhalten wolle, müsse man nur

die Ampeln an den Straßen auf Rot stellen. Das

ist entspannend, dass die 28-Jährige ein bisschen

die Deutschen verulkt, bevor sie sich wieder dem

Ernst der Verständigung zwischen Asiaten und

Europäern zuwendet. Davon spricht, was für eine

Herausforderung diese Aufgabe sei. Im Übrigen,

sagt sie dann noch, fühle sie sich in Deutschland

schon deshalb wohl, weil sie weniger auffalle als

in der Heimat. Dort sei sie mit ihrer Länge von

fast 1,70 ein Riese, hier überrage sie kaum jemanden.

Wieder lacht sie.

Yue Guo ist eine von rund 40 Beratern, die im

neuen Asia House von McKinsey in Frankfurt

arbeiten. Zwei Drittel kommen aus Asien, ein

Drittel sind Europäer. Nicht nur für Yue Guo,

die ihr Büro seit Ende Juli in der Gründerzeitvilla

an der Schumannstraße hat und direkt nebenan

im Boarding House wohnt, ist das ein aufregend

neues Projekt. Auch für die Unternehmensberatung

selbst. „Was wir hier machen, ist ohne Vorbild“,

sagt Sönke Bästlein, Initiator des Projektes

und Direktor des Asia House.

Ein gemeinsames Büro für Asiaten und Europäer

und eben doch viel mehr. Das Asia House soll

eine Brücke sein zwischen Ost und West. Das

riecht ein bisschen nach Sonntagsrede und Völkerverständigung.

Und es klingt akademisch.

Europäer und Asiaten erklären sich gegenseitig

ihre Welten? Eben nicht, sagt Bästlein und beugt

sich über den Schreibtisch nach vorn. „Gegenseitig“,

das sei schon falsch. „Nicht gegen-


seitig erklären, sondern miteinander arbeiten und

miteinander leben.“ Eben nicht akademisch,

gerade nicht theoretisch, sondern praktisch und

gern auch mit der Prise Humor, die Yue Guo an

den Tag legt. Der nötige Ernst kommt dann von

ganz allein in die Sache.

Ein Büro zwischen zwei Kontinenten

Schließlich geht es hier um die derzeit spannendsten

Märkte. Das Asia House ist zugleich

Think Tank und Knotenpunkt des McKinsey-

Netzwerkes zwischen Asien und Europa, im täglichen

Kontakt mit 13 asiatischen Büros, zum

Beispiel in Peking, Schanghai, Hongkong, Tokio

und Seoul. Obwohl es in Frankfurt liegt, ist das

Asia House quasi das erste McKinsey-Büro auf

zwei Kontinenten. Oder vielmehr zwischen ihnen.

Denn die Zahl der Aufgaben für die Beratung

steigt, in denen genau dieses Dazwischen verlangt

wird. Aufgaben, die sich am besten mit

gemischten Teams und Beratern mit beruflicher

Erfahrung aus beiden Teilen der Welt lösen lassen,

so Bästlein. Das Asia House soll diese Mischung

institutionalisieren.


Julian Dai, Fellow, Ex-Brand-Manager,

BA in Economics

Li Xu, Fellow, war Research Manager

in der Automobilindustrie, studierte

in Peking; MA in Marketing.

Arthur Wang, Fellow, war Brand Manager in

Guangzhou und studierte in Peking;

MA in Technology Economics & Management.

Sönke Bästlein, Director,

Office Manager Asia House


Die Idee ist simpel, doch durchdekliniert bis zum

Schluss. Je weiter die Welten auseinander liegen,

desto enger müssen die Verbindungen sein. Und

desto fruchtbarer die Zusammenarbeit. Deshalb

wohnen die asiatischen Berater direkt neben dem

Asia House. Auch wenn sie für Projekte überall

in Europa verstreut arbeiten können, ihr Lebensmittelpunkt

wird das Frankfurter Westend mit

den Kollegen bleiben. Durch diese Nähe, so hofft

Bästlein, entsteht zwischen den Welten eine

dritte eigene, mit eigenen Werten. Und gebaut

auf gegenseitigem Respekt. „Ich muss nicht lernen,

so zu reden wie ein Chinese“, sagt der

McKinsey-Director. „Ich muss lernen, seine Indirektheit

zu interpretieren, und er muss lernen,

mit meiner Direktheit umzugehen.“

Verschiedene Kulturen, verschiedene Welten, das

ist für multinationale Konzerne immer noch eine

große Herausforderung. Schwierig genug schon

zwischen den USA und Europa. Oft genug

unüberwindbar zwischen Ost und West. Etwas

gemeinsames Neues zu bauen, in dem keiner den

anderen dominiert, ist schwer. Es geht nur, wenn

man miteinander lebt, meint Bästlein. Deshalb

versuchen die Berater das Paradox: Wer größere

Entfernungen überwinden will, muss erst einmal

ganz nah zusammenrücken.

Vor allem muss er nicht lange reden, sondern

machen. Im Februar dieses Jahres, erzählt Bästlein,

hatte er die Idee. Zwei Wochen später war

das Asia House beschlossene Sache. Im April

wurde die Villa angemietet, Ende Juni zogen

bereits die ersten Gäste ein. So rasant werden

Projekte in Europa selten in die Tat umgesetzt –

in Asien schon eher: „Während wir Europäer

noch die dritte Konferenz abhalten, haben die

Chinesen die Fabrik nicht selten schon gebaut“,

sagt Bästlein.


Immerhin blieb noch Zeit für eine leichte architektonische

Ironie. Das Frankfurter McKinsey-

Büro hat seinen Sitz hinter der fernöstlichen Fassade

des Japan-Tower. Das Asia House hingegen

ist in einer gekonnt restaurierten Villa des altehrwürdigen

Europa untergekommen. Viel dunkles

Holz, Kassettendecken, herrschaftliches Treppenhaus,

pompöse Leuchter und, was den Asiaten

als Erstes auffällt: hohe Decken.

Der chinesische Berater Julian Dai reckt den Kopf.

„Sehr hoch, aber schön, sehr schön“, versichert

er. Der 26-Jährige hat erst vor zwei Monaten

geheiratet. Das Hochzeitsbild ist auf dem Laptop

als Hintergrund montiert. Oft wird er seine Frau

wohl nicht sehen in den nächsten Monaten. Dai

war bei Unilever China als Marketing Brand

Manager, bevor er ins Asia House nach Deutschland

wechselte, vor allem, weil er multinational

arbeiten möchte. Ihm bedeute es viel, hier zu sein,

sagt er. „Jeder hier hat einen beeindruckenden

Hintergrund“, sagt Bästlein. Und jeder bringt

neben Mandarin als Muttersprache hervorragende

Kenntnisse der ostasiatischen Wirtschaft und

Kultur mit nach Frankfurt.

Yue Guo war bei Accenture und Hewlett-Packard

in China. Andere haben als Manager bei DaimlerChrysler

oder Morgan Stanley gearbeitet.

Sönke Bästlein ist vor allem begeistert, wie „hungrig

und aufgeschlossen“ die asiatischen Berater

seien. Und wie erfrischend pragmatisch. Beispielsweise

als es darum ging, am Wochenende

Firmenfahrzeuge für private Ausflüge zu nutzen.

„Als ich anfing zu erklären, das müsse alles als

geldwerter Vorteil versteuert werden, hat niemand

wirklich verstanden, was das eigentlich

soll.“ Sönke Bästlein lächelt ironisch. Und Yue

Guo lernte ihren ersten deutschen Satz: „Ordnung

muss sein.“

Michael Luo, Fellow,

MBA Minnesota

Carola Kaleschke-Lanze,

Executive Assistant, Betriebswirtin,

Universität Marburg

Bin Wang, Fellow, Ex-Banker,

MBA CEIBS Schanghai


Kleinstunternehmer Text / Foto: Martin Gøttske McK Wissen 10 Seiten: 130.131

Straße der Befreiung

China ist das Land der Lastwagenfahrer. Weil das Eisenbahnnetz kaum ausgebaut ist, läuft der

Warentransport in erster Linie über die endlosen Straßen des Riesenreiches. Vor allem die Route in den Nordwesten,

Richtung Russland und Europa, ist stark befahren. Die Trucker Wang und Jiang sind dort quasi zu Hause.

20

Wang Xuefeng und sein Laster „Befreiung“


Kleinstunternehmer Text / Foto: Martin Gøttske McK Wissen 10 Seiten: 132.133

Der Laster schlingert gefährlich von einer Seite zur anderen und verfehlt

nur knapp den Straßenrand. Wang Xuefeng hat die Hände zu Fäusten

geballt und brüllt die dreckigsten Kraftausdrücke, die das Chinesische

hervorgebracht hat. Sein Partner, Jiang Xiaoxu, kann normalerweise unter

allen Bedingungen schlafen, doch jetzt schaut er unter dem dicken Militärmantel,

mit dem er sich in der Koje hinter dem Fahrersitz zugedeckt hat,

hervor und pflichtet Wang bei: „Die Bullen sind Schweine.“

Seit 24 Stunden sind die beiden unterwegs, sieben Tonnen in große Ballen

eingeschweißte Kleidung sollen von Peking nach Urumqi, die Hauptstadt

der nordwestlichen Provinz Xinjiang. Dort wird die Fracht umgeladen und

weitergeschickt in Richtung kasachische Grenze, dann auf einem anderen

Lkw nach Russland, weiter nach Osteuropa, auf die großen Straßenmärkte

von Moskau, Warschau und Budapest, und schließlich in immer kleineren

Portionen, in Koffern und Plastiktaschen auf Märkte und in Läden sonstwo

in Europa. Lastwagen für Lastwagen lassen chinesische und russische

Händler so hunderttausende Tonnen Unterwäsche jeder Art, Hand- und

Küchentücher, Hosen, Jeans, T-Shirts, Sportschuhe und Parfüms nach

Europa bringen.

Der Anlass für Wangs Wutausbruch in dieser Nacht war die achte Polizeikontrolle

innerhalb weniger Stunden. 100 Yuan hat sie diesmal gekostet,

umgerechnet zehn Euro. Wang verlangte eine Quittung, doch der Beamte

blaffte ihn nur an: „Eine Quittung? Gern! Macht 500 Yuan!“

„Die stecken das Geld in ihre eigene Tasche“, schimpft Wang. Nach dem

Grund für den Strafzettel zu fragen, hatte er sich gar nicht erst getraut. „Die

machen, was sie wollen. Dein Laster kann in noch so gutem Zustand sein

– sie lassen dich erst gehen, wenn du bezahlt hast.“

Am Straßenrand verkündet ein Schild: „Willkürliche Strafen verstoßen

gegen das Gesetz.“ Doch die schlecht bezahlten Polizisten kümmert es nicht.

Erpressung ist ihre einzige Möglichkeit, das karge Gehalt aufzubessern –

und sie nutzen sie mit erschreckender Einigkeit.

Wang und Jiang sind mit ihrem Lastwagen trotzdem ganz gut im Geschäft.

Die Beschaffung neuer Aufträge ist für die Kleinstunternehmer allerdings

harte Arbeit. Mehrere Nächte nacheinander klapperten die beiden verschiedene

Speditionen in Peking ab. „Es gibt zu wenig Fleisch für zu viele

Leute“, erklärte ihnen Zhao, der Boss eines kleinen Frachtbetriebs – dann

gab er ihnen aber doch einen Auftrag. Früher hatte er einen kleinen Posten

in der Parteibürokratie, heute nutzt er seine Autorität, um ungeduldige

Trucker ruhig zu halten. Zusammen mit einem Dutzend anderer Fahrer

saßen Wang und Jiang kettenrauchend und dicht gedrängt in Zhaos

kleinem Büro und spielten stundenlang Karten. Vor der Tür waren gut

20 Arbeiter damit beschäftigt, Pakete mit Klebeband einzuwickeln und auf

Laster zu verladen. Auch auf völlig überfüllte Ladeflächen wurden immer

noch ein paar Kartons draufgepackt. Um sie herum patrouillierten russische

Händler, die mit scharfem Blick die Abfertigung ihrer Waren überwachten.

Pelze und Ramsch

Allein von Zhaos kleinem Pekinger Hinterhof fahren jede Nacht mehrere

Laster Richtung Russland. Vom ganzen Viertel aus sind es mehrere hundert.

Weil ein beträchtlicher Teil der Exporteure Russen sind, wird hier,

mitten in Peking, am Rande des neuen Central Business District, ebenso

viel Russisch wie Chinesisch gesprochen. Überall findet sich kyrillische

Schrift, russisch sind die Supermärkte, Restaurants, Hotels und Diskos.

Die Yabaolu, die „Straße der asiatischen Kostbarkeiten“, ist gesäumt von

riesigen Kaufhäusern, in denen hunderte chinesischer Zwischenhändler in

muffigen Verschlägen hocken. Ihre Verkaufsräume dienen auch als Lager.

Sie sind bis unters Dach voll gestopft mit Kleidung, Schuhen und allen

möglichen Gegenständen. Doch hier wird keineswegs nur Ramsch verkauft:

An der Yabaolu befindet sich auch der vielleicht größte Pelzmarkt

der Welt. Und da die meisten internationalen Markenmodehersteller inzwischen

in China nähen lassen, tauchen hier kistenweise echte Designer-

Hosen, Edelkostüme und Markenschuhe auf, die in den Fabriken unter

der Hand weitergegeben oder direkt für den Schwarzmarkt hergestellt

wurden.

Keiner weiß, wie viel Geld durch die Hände der vielen tausend chinesischen

und russischen Kaufleute geht, wie viele und welche Waren genau die asiatischen

und osteuropäischen Grenzen passieren. Auf dem Papier tauschten

Russland und China jährlich Güter im Wert von 15 Milliarden US-Dollar

aus, Tendenz steigend. Russland ist damit Chinas achtgrößter Handelspartner.

Doch in dieser Statistik erscheinen etliche der hier verschnürten

Kleiderballen nicht.

Wangs und Jiangs Lastwagen der Marke Jiefang, auf Deutsch Befreiung,

stammt aus chinesischer Produktion. Mehr als 80 Stundenkilometer

4000 Kilometer ostwärts

Regionen, die die Spediteure

durchqueren:

PEKING

Bevölkerung: 13,8 Millionen

Fläche: 16 800 Quadratkilometer

BIP: 30,84 Milliarden Euro

BIP pro Kopf: 2734 Euro

Industrien: Verwaltungszentrum des

Landes, Sitz aller großen Firmen,

Forschung und Entwicklung, Computerund

Autoproduktion

HEBEI

Provinzhauptstadt: Shijiazhuang

Bevölkerung: 67,35 Millionen

Fläche: 187 700 Quadratkilometer

BIP: 59,91 Milliarden Euro

BIP pro Kopf: 894 Euro

Ethnien: 96 Prozent Han-Chinesen

Industrien: Kohle, Öl, Eisenerz

INNERE MONGOLEI

Hauptstadt: Hohhot

Bevölkerung: 23,8 Millionen

Fläche: 1,1 Millionen Quadratkilometer

BIP: 17,05 Milliarden Euro

BIP pro Kopf: 713 Euro

Ethnien: 85 Prozent Han-Chinesen;

15 Prozent Mongolen

Industrien: Landwirtschaft, Viehzucht,

Schwerindustrie (Kraftwerke, Chemie)


schafft der Zwölftonner nicht, trotzdem wird er höchstens zweimal am Tag

von einem ausländischen Lkw überholt. Auf dieser Strecke sind die chinesischen

Marken Jiefang und Dongfeng (Ostwind) fast unter sich.

Die beiden Fernfahrer aus der nordchinesischen Provinz Hebei haben alles

abgefahren, was Chinas Straßenkarte zu bieten hat, von funkelnagelneuen

Autobahnen bis hin zu holprigen Feldwegen. Wang ist 45 und wird von

seinem Kompagnon nach chinesischer Art „alter Wang“ genannt. Er trägt

eine schwarze Lederweste über dem hervorquellenden Bauch. Sein Gesicht

ist aufgedunsen vom öligen nordchinesischen Essen und vom Alkohol.

Der zehn Jahre jüngere Jiang ist einsilbig, verschlossen und schwer zu

erschüttern. Beide sind verheiratet und haben Kinder, aber sie können nur

alle drei Monate nach Hause gehen, für drei bis vier Tage, manchmal auch

nur für paar Stunden. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Wang.

Das Ansehen von Lastwagenfahrern ist gering, obwohl sie für chinesische

Verhältnisse überdurchschnittlich verdienen. Als Freiberufler werden die

beiden pro Auftrag bezahlt. Eine Fahrt nach Urumqi bringt rund 8000 Yuan

(etwa 800 Euro), auf der Rückfahrt 4000 Yuan, weil es weniger Waren zu

transportieren gibt. Das Geld reicht gerade, um die Kosten zu decken: Treibstoff,

Verpflegung, Maut-Gebühren und die ewigen Bestechungsgelder für

die Polizisten. In einem guten Monat schaffen sie die Strecke Peking-Urumqi

zweimal, aber im Winter sind die Straßenverhältnisse zeitweise so schlecht,

dass sie gar nicht fahren können. Von ihrem Gewinn müssen sie noch die

Kreditraten und die Versicherung für ihren Laster zahlen, der 15 000 Euro

gekostet hat. Viel bleibt da am Ende des Monats nicht übrig.

Hunderttausende solcher fahrenden Zweimannbetriebe gibt es in China.

Lastwagen sind das wichtigste innerchinesische Transportmittel. Große,

landesweit tätige Speditionsunternehmen existieren noch nicht, und so

bleibt fast der gesamte Warentransport Kleinunternehmern wie Wang und

Jiang überlassen. Chinas Straßennetz ist viel besser ausgebaut als die Eisenbahn.

Das Autobahnnetz mit mehr als 30 000 Kilometern ist heute schon

das drittgrößte der Welt. Allein im vergangenen Jahr kamen 4600 Kilometer

dazu. Zwei Nord-Süd- und zwei Ost-West-Trassen durchqueren das Land,

bis 2010 sind insgesamt zwölf solcher Hauptadern geplant.

Der Verkehr spült auch ein wenig Geld in die verarmte Provinz. Im unwirtlichen

Norden, durch den Wangs und Jiangs Route führt, zahlt es sich

immer weniger aus, Landwirtschaft zu betreiben. Erosion, Verwüstung

und Wassermangel machen den Bauern das Leben schwer. Viele der Dorfbewohner

haben die Landwirtschaft ganz aufgegeben und kleine Tank-

stellen und Raststätten eröffnet. Mittlerweile hängen ganze Dörfer vom

Speditionsgewerbe ab. Reich werden sie jedoch nicht, denn die Trucker sind

sparsam. Wang und Jiang gönnen sich nur zweimal am Tag eine Pause in

einem der trostlosen Orte entlang der Strecke.

„Kein Bier für mich“, sagt Jiang beim Mittagessen. Nicht, dass ihm die

Sicherheit im Straßenverkehr am Herzen läge. „Wenn man viel Bier trinkt,

braucht man viele Pinkelpausen, und dafür haben wir keine Zeit“, erklärt

er und bestellt eine Flasche Erguotou, scharfen chinesischen Doppelkorn

mit 54 Prozent Alkohol. Die Fahrer schwören darauf. Der Schnaps schütze

vor Erkältungen und sei gut für den Magen, heißt es. Wang und Jiang

kippen ein paar Gläser mit anderen Truckern, um Kraft für die nächsten

Kilometer zu sammeln.

Keine Zeit für Spaß

Früh am Morgen überqueren sie die Grenze nach Ningxia, eine der ärmeren

Provinzen Chinas. Die Straße führt an rußgeschwärzten Fabrikgebäuden

mit qualmenden Schloten vorbei. Kinder schlängeln sich auf Fahrrädern

zwischen den Lastwagen hindurch, alte Leute suchen am Straßenrand

nach Kohlestücken, die manchmal von den Ladeflächen fallen. Unendlich

weit sind die glitzernden Megastädte der chinesischen Ostküste.

„Iss was, und dann können wir doch ein wenig Spaß zusammen haben“,

sagt eine junge Frau, als Wang und Jiang bei der nächsten Pause aussteigen.

Ihre Kleidung macht jede Frage nach ihrem Beruf überflüssig. Wang grunzt

mürrisch, nicht wegen des Angebots, sondern weil ihm der Preis zu hoch

ist. „Früher konnten wir uns öfter eine Frau leisten. Damals fuhren wir nur

bei Tag, in der Nacht hatten wir frei.“ Zwar ist Prostitution in China illegal,

doch keiner kümmert sich darum. Schon kurz hinter Peking stehen die

Mädchen am Straßenrand. Meistens arbeiten sie als Kellnerinnen, Verkäuferinnen

oder als Pächterinnen von Tankstellen. „Arme Mädels“, sagt Wang

mitleidig, „die haben kaum noch Kunden.“

Eine Nacht, zwölf Stunden Fahrt und 700 Kilometer weiter ist das Ende

von Ningxia erreicht. Die Lösslandschaft geht langsam in Wüste über. Ab

und zu ist noch das schlammige Bett des Gelben Flusses zu sehen, er trägt

seinen Namen nicht ohne Grund. In der Provinz Gansu gibt es kaum Zeichen

menschlichen Lebens. Die wenigen Häuser sind staubgrau wie die

Erde, aus der sie gemacht sind. Bäume und Menschen haben gleichermaßen

die Farbe der Wüste angenommen. Ein paar Kamele tauchen auf.

Wang Xuefeng (links) und Jiang Xiaoxu auf

ihrer Odyssee quer durch China. Nach

Hause kommen sie nur alle drei Monate.

NINGXIA

Hauptstadt: Yinchuan

Bevölkerung: 5,72 Millionen

Fläche: 66 400 Quadratkilometer

BIP: 3,25 Milliarden Euro

BIP pro Kopf: 572 Euro

Ethnien: zwei Drittel Han-Chinesen,

ein Drittel Hui

Industrien: Kohle, Metall verarbeitende

Industrie, Leichtindustrie

GANSU

Provinzhauptstadt: Lanzhou

Bevölkerung: 26 Millionen

Fläche: 454 000 Quadratkilometer

BIP: 11,43 Milliarden Euro

BIP pro Kopf: 443 Euro

Ethnien: Han-Mehrheit, viele Minoritäten,

darunter Hui, Mongolen, Tibetaner und

Kasachen

Industrien: Schwerindustrie (Metall,

Petrochemie), Baumaterialien,

Maschinenbau


Kleinstunternehmer Text / Foto: Martin Gøttske McK Wissen 10 Seiten: 134.135

Die Reise führt an den verfallenen Resten der Chinesischen Mauer vorbei.

Ihre letzten Ausläufer haben hier einst das Reich der Mitte vor den Barbaren

beschützt.

Ankunft in einer anderen Welt

Der alte Laster frisst unverdrossen Kilometer um Kilometer. Jiang brennen

die Augen, seit Stunden starrt er angespannt auf die löchrige Piste. Den

rosaroten Sonnenuntergang sieht er ebenso wenig wie die malerischen

Dünen links und rechts der Straße. Die einzige Abwechslung sind die

großen pyramidenförmigen Türme, mit denen ungefähr alle hundert Kilometer

die Tankstellen schon von weitem auf sich aufmerksam machen.

Die öde Landschaft macht müde. Fahrer und Fahrzeuge geraten an ihre

Grenzen. Liegen gebliebene Lkws und der Schrott verunglückter Lastwagen

säumen die Straße. Die Nächte in Xinjiang sind frostig und finster.

Die einzigen Lichter sind die Lagerfeuer, an denen sich die Fahrer der

kaputten Laster wärmen, bis sie am nächsten Morgen bei Tageslicht ihre

Werkzeugkästen hervorholen können.

Urumqi rückt Stück um Stück näher. Wang und Jiang kramen ihre Handys

heraus, um sich schon von hier aus nach einem Auftrag für die Rückfahrt

zu erkundigen. Im Morgengrauen erreichen sie die Vorstädte der Provinzhauptstadt.

Drei Tage und drei Nächte haben sie für die 4000 Kilometer

von Peking gebraucht, jetzt sind sie in einer anderen Welt angekommen:

Arabische Schriftzeichen prägen das Stadtbild, Moscheen, Kamele, verschleierte

Frauen und fromme Männer. Xinjiang ist die Provinz der Uiguren,

die sich den moslemischen Völkern Zentralasiens erheblich näher fühlen

als den Han-Chinesen. Es ist höchste Zeit, dass „Befreiung“ ankommt:

Die mit dicken Seilen vertäute Ladung rutscht immer weiter auf die linke

Seite. Der Boden des Führerhäuschens ist bedeckt mit Zigarettenstummeln

und Schalen von Sonnenblumenkernen. Der Stapel mit Strafzetteln

ist so dick geworden, dass der Magnet, der die Knöllchen an der Kabinenwand

festhalten soll, ständig herunterfällt. Der Spediteur in Urumqi wartet

auch schon ungeduldig. Wang, Jiang und der Laster „Befreiung“ werden

sich eine kurze Ruhepause gönnen, dann steht der Rückweg an – eine

weitere Etappe ihrer lebenslangen Odyssee durch China.

XINJIANG

Provinzhauptstadt: Urumqi

Bevölkerung: 19 Millionen

Fläche: 1,6 Millionen Quadratkilometer

BIP: 14,85 Milliarden Euro

BIP pro Kopf: 825 Euro

Ethnien: 45 Prozent Uiguren, 40 Prozent

Han-Chinesen, außerdem: Kasachen,

Hui, Mongolen, Kirgisen, Tadschiken,

Tartaren, Russen, Mandschus, Usbeken

Industrien: Erdöl und Erdgas

(Alle Angaben: Stand 2002)


CHINESISCH-RUSSISCHER HANDEL

Russland ist Chinas achtgrößter Handelspartner,

umgekehrt ist China Russlands

viertgrößter Handelspartner. 2003 betrug

das Handelsvolumen 15,76 Milliarden

US-Dollar; das entspricht einem Wachstum

von 32 Prozent. Ein beachtlicher

Teil des Handels erfolgt allerdings illegal

entlang der mehr als 4000 Kilometer

langen gemeinsamen Grenze zwischen

Russland und China. Den überwiegenden

Teil machen derzeit chinesische

Textilien und Lebensmittel aus. Die

Handelsbilanz könnte in den kommenden

Jahren kippen, weil China in großem

Maßstab Erdöl aus Russland importieren

will. Peking strebt den Bau einer Pipeline

an, die in den kommenden 25 Jahren 700

Millionen Tonnen für rund 150 Milliarden

US-Dollar von den sibirischen Ölfeldern

nach China liefern soll.

„Befreiung“ allein auf weiter Flur. In der Provinz Gansu gibt es jenseits der Straße kaum noch Anzeichen

menschlichen Lebens. Dennoch halten sich Wang und Jiang strikt an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Ihr

Budget für Bestechungsgelder ist begrenzt.


Autoren / Consultants McK Wissen 10 Seiten: 136.137

Köpfe

Text

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1 Bernhard Bartsch lebt seit fast fünf Jahren in Peking und war bei seinen Gesprächen quer durch

die chinesische Gesellschaft wieder einmal überwältigt von Chinas Optimismus und Zukunftsfreude.

2 Markus Brauck schreibt für brand eins und die Frankfurter Rundschau und hat bei seinem

Besuch im Frankfurter Asia House Chinesen mit erstaunlichem Pragmatismus getroffen. 3 Johnny

Erling studierte 1975 in Peking, als man zum Einkaufen noch Rationierungskarten brauchte. Seit

1997 arbeitet er in China als Korrespondent für die Welt und den Standard und findet Rationierungscoupons

nur noch auf Sammlermärkten. Dort werden sie inzwischen teurer als Briefmarken

gehandelt. 4 Martin Gøttske ist China-Korrespondent der dänischen Tageszeitung Information und

lebt in Schanghai. Über seine gemütliche Dachgeschosswohnung in einem alten Reihenhaus würden

die Bauern von Huaxi vermutlich nur lachen. 5 brand eins-Autor Ralf Grauel nutzt alle bekannten

Strategeme, um die Abgabe seiner Texte so weit wie möglich hinauszuzögern. 6 Steffan Heuer

arbeitet seit 1994 als Wirtschaftsjournalist in New York. Bleibende Eindrücke des Wandels in China

und Indien sammelte er 1993 während einer sechsmonatigen Recherche-Reise durch beide Länder –

inklusive eines langen Abends auf einer Polizeiwache in Schanghai wegen der „Verletzung der

Menschenrechte“ eines Taxifahrers. 7 Der studierte China-Kundler Martin Kölling berichtet

eigentlich aus Japans Zwölfmillionenstadt Tokio. Für McK Wissen besuchte er zwölf Jahre nach

seiner letzten Schanghai-Visite eine Woche lang Chinas Dreizehnmillionen-Metropole. Es kam ihm

vor, als sei ein Jahrhundert vergangen. 8 Justus Krüger reist so viel wie möglich durch China

und Umgebung und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien. 9 Christiane Kühl ist

Sinologin und Journalistin. Seit vier Jahren lebt und arbeitet sie in Peking. 10 Yenni Kwok, chinesische

Indonesierin in der dritten Generation, schreibt für englisch- und indonesischsprachige Publikationen

über Malaysia, China, Hongkong und Indonesien. 11 Li San ist Wirtschaftsredakteur

beim traditionsreichen chinesischen Wochenmagazin Sanlian Lifeweek. Den chinesischen Versicherungsmarkt

lernte er in Deutschland kennen: Hier entwickelte er Markteintrittsstrategien für die

Allianz AG. 12 Mathias Rittgerott hat sich während seines Geografiestudiums mit den Problemen

von Entwicklungsländern befasst. Er hat die Berliner Journalistenschule absolviert und arbeitet

als freier Journalist in der Nähe von Tübingen, vorwiegend für den Stern. 13 Harald Willenbrock

folgte den Spuren eines auberginefarbenen Blazers von einer Schanghaier Näherei bis ins Karstadt-

Quelle-Zentrallager in Leipzig. Der brand eins-Autor ist Träger des Journalistenpreises „Packende

Wirtschaft“ 2004.


Consulting

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13 14 15 16 17 18

1 Dominic Barton ist Director bei McKinsey in Shanghai. Seit mehr als zwei Jahrzehnten berät er

Klienten im Finanzbereich sowie die öffentliche Hand in verschiedenen asiatischen Ländern und

Nordamerika. 2 Dr. Stephan Binder ist Principal im McKinsey-Büro Schanghai. Von dort aus

leitet er die Insurance Practice für den Raum Asia/Pacific. 3 Dr. Peter Breuer ist Principal im

Kölner Büro von McKinsey. Neben strategischen und operativen Fragestellungen im Einzelhandel

berät er weltweit Klienten zum Thema „Globaler Einkauf und Lieferantenmanagement im Einzelhandel“.

4 Dr. Sönke Bästlein ist Director und Leiter des europäischen Asia House von McKinsey

in Frankfurt. Er berät vornehmlich Klienten aus Chemie und Anlagenbau sowie Finanzinvestoren,

unter anderem zu organischem Wachstum, Kapitalproduktivität und Projekt-/Risikomanagement.

5 Dr. Markus Bergmann ist Engagement Manager im Stuttgarter Büro von McKinsey. Die Schwerpunkte

der Arbeit des studierten Mediziners liegen im Bereich Automotive & Assembly. 6 Dr. Sandra

Dembeck arbeitet als Engagement Manager bei McKinsey in München. Sie berät europaweit und

in China Klienten in den Bereichen Handel und Konsumgüterindustrie.

7 Georges Desvaux ist

Director im McKinsey-Büro Peking. Seit 1999 lebt er in China und berät sowohl führende chinesische

als auch internationale Unternehmen schwerpunktmäßig in der Konsumgüterindustrie und im Handel.

8 Dr. Ralf Dingeldein ist Engagement Manager bei McKinsey im Asia House Frankfurt. Als

Core-Group-Mitglied der europäischen Strategy Practice berät er vorwiegend Klienten aus der chemischen

Industrie, dem Konsumgüterbereich sowie Private Equity Funds. 9 Christoph Eltze ist

Associate Principal im Kölner Büro von McKinsey. Als Mitglied der Consumer Industry Core Group

berät er weltweit Konsumgüterunternehmen insbesondere im Bereich Einkauf und Operations.

10 Dr. Jochen Fabritius ist Engagement Manager im McKinsey-Asia-House in Frankfurt. Der

Ingenieur berät schwerpunktmäßig Klienten aus den Prozessindustrien und aus dem Bau und Anlagenbau

in Strategiefragen sowie bei Transformationen. 11 Michael Kliger ist Principal bei McKinsey

in München und leitet die deutsche Retail Practice. Als Mitglied der europäischen Führungsgruppe

für Handel bei McKinsey berät er weltweit führende Handelsunternehmen aller Branchen.

12 Robert Klingler ist Associate Principal im Düsseldorfer Büro von McKinsey. Schwerpunktmäßig

berät er Klienten aus den Bereichen Konsumgüter und Handel 13 Dr. Tomas Koch ist Principal bei

McKinsey in Seoul. Von dort aus leitet der Physiker die Asian Chemical Practice. 14 Li Guangyu

arbeitet als Associate Principal bei McKinsey in Schanghai. Er ist Public-Sector-Experte und beschäftigt

sich schwerpunktmäßig mit Projekten der Regionalentwicklung. 15 Gordon Orr ist Managing

Director des Greater China Office von McKinsey und Leiter der Asian Telecom Practice. Er berät vorwiegend

chinesische Klienten in den Bereichen Telekommunikation und Elektronik. 16 Jacques

Penhirin ist Principal bei McKinsey in Hongkong und Schanghai. Er berät Konsumgüterhersteller und

Handelsunternehmen in Strategiefragen. 17 Dr. Jonathan R. Woetzel arbeitet als Director für

McKinsey in Schanghai. Der Politikwissenschaftler berät die chinesische Regierung, private und staatliche

Unternehmen in Strategiefragen, entwickelt Markteintrittsstrategien für internationale Unternehmen

und ist Autor zweier Bücher über China. 18 Dr. Andreas E. Zielke ist Director im Berliner

Büro von McKinsey. Der Leiter des globalen Automotive & Assembly Sectors ist Experte für

Strategieentwicklung, das Erschließen von Wachstumspotenzialen und operative Leistungssteigerungen

in allen Prozessen der Entstehung und Vermarktung von Automobilen.


Team / Kontakt McK Wissen 10 Seiten: 138.139

Impressum

Herausgeber

Rolf Antrecht, McKinsey & Company

Chefredaktion (verantwortlich)

Susanne Risch, susanne_risch@brandeinswissen.de

Design

Mike Meiré, Creative Director

Katja Fössel, Art Direction

Redaktion

Detlef Diederichsen, Textredaktion

Kristina Haaf, McKinsey Communication Services

Renate Hensel, Schlussredaktion

Krisztina Koenen, Textredaktion

Kathrin Lilienthal, Dokumentation

Katja Ploch, Dokumentation

Holger Schnitgerhans, Textredaktion

Victoria Strathon, Dokumentation

Michaela Streimelweger, CvD / Organisation

Layout & Bildredaktion

Britta Max

Illustration

Martina Wember

Text

Bernhard Bartsch

Markus Brauck

Johnny Erling

Martin Gøttske

Ralf Grauel

Steffan Heuer

Martin Kölling

Justus Krüger

Christiane Kühl

Yenni Kwok

Li San

Mathias Rittgerott

Harald Willenbrock

Redaktionsadresse

brand eins Wissen GmbH & Co. KG

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Telefon: 0 40/32 33 16-75

Martina Sander, martina_sander@brandeins.de

Telefon: 0 40/32 33 16-82

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BLZ: 10080000

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