Franz von Sickingens Fehde gegen Trier und ein Gutachten ...

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Franz von Sickingens Fehde gegen Trier und ein Gutachten ...

Die Existenz des Gulachtens, das hier zum ersten Mal veröffentlieht,

und erläutert, wird, war bis auf die Jüngste Zeit den deutschen

l.ecInshistorikern, wie es scheint., vollständig entgangen. Ich selbst

verdanke ihre Kenntniss einer gelegentlichen Bemerkung voll

Horawit.z. Nachdem Rivier durch seine Monographie über Claudius

Cantiuncul;i ‚ die Aufmerksamkeit wieder auf diesen, auch für die

Bechlsgeschichte der Reichslande so interessanten Rechtsgelehrten

hingelenkt kitte, theilte Horawitz aus seinen reichen handschriftlichen

Sammlungen noch eine Reihe 'weiterer Briefe 2 Cantiunculas mit.

Gleichzeitig machte er auf einige noch ungedruckte Gutachten desselben

Metier Juristen aufmerksam, von denen eines schon durch

seinen Gegenstand ein besonderes Interesse in Anspruch nehmen

musste, das Gutachten über den Friedensbruch Franz von Sickingens

wegen seiner Fehde gegen den Kurfürsten von Trier, voll schon

Horawitz erklärte, (lass es wohl editt werden sollte.

Seit Jahren mit Forschungen 0 her die Geschichte des röm. Bechts

in den Reichslanden beschii fügt, nahm ich mir diese Mahnung zu

Herzen, zumal ich nicht fand, dass ein Anderer Neigung zu der Puhlication

verspürte . Diese erschien aber um so dringlicher, als das

Gutachten selbst dein Fleisse eines tjlmann entgangen war und dieser

letzte Biograph des tapfern Ritters mir weder die den Sickingenschen

Fehden zu Grunde liegenden Beclitsverhujltnisse befriedigend darzulegen,

1 Claude Chanson'iiette, juriseonsulte Messin et ses iettres iü6dites

l3ruxefles 1879.

2 Briefe des Claudius Cantitnicula und Ulrich Zasius voll

Wien 1873.

v. Stintzing macht in seiner Erörterung über Cantiuncula (Geschichte

der deutschen Rechtswissenschaft 1) 244 f.), in der er die voll übersehene

Anstellung desselben als Refemens ext,raord. am Kammergericht

beibringt jenes Gutachten gar nicht ein mal namhaft, obschon er die Puhlication

von Horawitz anführt -

Document

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— vi —

noch der in ihnen zu Tage Iretenden Gesinnung uni Absicht volle

Gerechtigkeit widerfahren zu lassen schien. Dass die Volksstinimc in

Siekingen den Vollzieher der Gerechtigkeit sah, ist ja bekannt genug;

dass aber ein Jurist von der Bildung und Stellung eitles Gantiuncula

den Grund zu jener Fehde in der Indigiiation Siekingens über Wortbruch

und Justizverweigerung erblickte, «Dinge, die gerade Männer von

hohem Sinn unerlräglicll finden »‚ das musste doch zu einer sorgfähigeren

Prüfung auffordern. Freilich dient dem 1-JisIoiker doppelt

zur Entschuldigung, was selbst dem hier einsetzenden Juristen zu

Gute kommen muss, dass es nämlich noch au einer Reihe der nütitigsten

Vorarbeiten fehlt haben wir (loch, 11111 1101 das wichtigste

hervorzuheben, nicht einmal eine befriedigende Darstellung der Geschichte

des Reichskamincrgcrichts, am wenigsten für die Zeit vor

1530, wö das Gericht end ich in der Reicltsstad t Speier seinen ständigen

Sitz fluid.

Die Handschrift, welche unser Gut achten enthält,eliört zu dcii

Schätzen der Wiener Hofhibliohliek und trägt die Nummer 8987.

Das Gutachten selbst steht fol. 6 —48 a 1 Die freundliche Ihinittlung

der Kollegen Franz Hofmann und Horawitz verschaffte mir

eine sorgfältige Abschrift der äusserst fehlerhaften Handschrift. Diese

ist hicht das Original des Gutachtens, sondern selbst nur eine Abschrift

nach dein schwer lesbaren Manuseript Gantiuncuhas, angefertigt Von

einem Weihet, der gar ii icht wusste was er schrieb. Zwar hat

eine zweite Hand manches corrigirt, aber gleich[hlls ohne altes Veiständniss,

ja bisweilen scheint die richtige Lesart erst. durch sie

verdorben zu sein. Unter dieser Ahschrift steht deutlich der Name

des Verfassers : Ganl.inncuha 1uriscon. ‚ und zwar hat der Schreiber die

Unterschrift, wie es scheint, einigermassen der des Originals nachgebhdet.

Die Herstellung des Wer mitgetheihten Textes war nicht leicht.

eine Menge VO]) Worten mussten nach dein Zusamnienhange erralhei,

weiden. Bei einer Reihe besonders fraglicher Stellen hat Professor

HofialIlIn sich in stets gleicher Liebenswürdigkeit der Mühe unterzogen,

persönlich eine sorgfältige Naclive gleichung anzustet ieii, um

mir so mehrere erwünschte Aufschlüsse zu geben. Insbesondere verdanke

ich ihm auch die obige nähere Charakterislik der Handschrift.

liti Allgemeinen aber konnte diese Vergleichung nur die Genauigkeit

der mir zu Gebote stehenden Copic bestätigen.

Das Gutaöliten prüft Rechtsansprüche der Kinder Sickingens, und

zwar vonzweierlei Art: einmal Forderungen gegen den Kaiser aus

‚ VgL das Gutachten p. 23.

Den ganzen Inhalt der Handschrift s. Tabulac codicum scriptoruni

hibi. PalaL Yindob. V, 317 sq. und dazu Ilorawitz a. a. 0. S. 7 f.


- -VII -

Darlehen und ahideril Schuldveiliältnissen, und dann Eigenl humsansprüche

auf mehrere väterliche Burgen, welche gewisse Fürsten in

Besitz genommen hatten. Diese Ansprüche waren bedingt durch die

Entscheidung der Vorfrage, ob die.11eiclisaelit, in die Sickingen gefallen

war, recbtsgültig gewesen, und in'wie fern dieselbe die natürlichen

II echte der Kindar Kinder beseitige. Gani i uncula war nur zur , gui achtl ichei i

Aeusserung über diese Rechtsfragen veranlasst die dem Streit zu

Grunde liegenden Tlt;itsaehen waren im Allgemeinen notoriscḥ DCI

Verfasser, der das selbst hervorhebt 7, skizzi rt sie denn auch nur

ganz suni mariseli . Für unser Verständniss des Gutachtens abet ist

eine genauere Darlegung der Verhältnisse unerlässlich. Schon der

Verfasser selbst gellt später, hei der recit tlicheu Beurtheilung der

Sickingen vorgeworfenen Handlungen, auf die Verhältnisse näher ein.

Ja die allerer'ste Frage, die er autwiril, ist die, 01) Sickingen durch

Ansagen der Fehde überhaupt ein Verbrechen begangen, ob ei' nicht

vielleiciLt gesetzliche und ehrenhafte Gründe für die Kriegserklärung

gehabt habe als erkennbaren Grund scheine sich allein eine Justiz-

Verweigerung von Seiten des Kurfürsten von Trier zu ergehen i. Eine

andere Frage sei, 01) Sickingen die Absicht gehabt habe, den Kurfürsten

zu tödien,' wofür nach dem Gutachten gar kein Beweis vor-

110 II, Besonders lebhaft liebt der Verfasser die bezüglich des Fehdewesens

in ganz Deutschland bestehende Praxis hervor'.'.

Wir vollends, die nicht Zeitgenossen Sickingens sind, müssen

die der Fehde zu Grunde liegenden und in dem Gutachten im Allgemeinen

als bekannt vorausgesetzten Thatsachen erst sorgfältig feststellen,

uni sie mit dem r{eehtsgelelirten würdigen und dessen Schlüsse

controliren zu können.

Das gewalttliätige Treiben der Ritterschaft noch im Anfang des

16. Jahrhunderts ist oft genug geschildert worden, aller weit seltener

wird der zu Grunde liegende he rech igte 'I'Iiel) 1 lervo gehoben. Und doch

befand sich der Adel in nahezu ebenso unleidlicher Lage wie die Bauern

Am wenigsten Sympathie genoss die neue Art der Rechtspflege, insbesondere

(las Kanintergericht, obgleich (las Cotlegiurn der Assessoren

O p. 213 mihi de iure i]iterr ogato. Die Ausführung p. 6-26.

7 p. 5 oben. ßo facinore mox invulgäto ilaqus notorio, ul inficiari

i,eiiio potest. -

Die specieS facti 1).3-5

9 p. 6.

10 23, vgl. '. 7, 8 sq., 16,

ii r. 21, 22. -

12 p . 25 S(j.


- vrrt -

zur Hälfte «auf (las Geringst aus der Ritterschaft geboren» sein

sollte. Die Verbindung des gelehrt er) und des ritterliclren Eleme]rts führte,

da man sich nicht verstand, nur zu gegenseitigen Ansclruldigringen.

Noch in den vierzi ger Jahren hatten die adeligen, Beisitzer, auch die

Kammerriehter selbst, viel von dn Doctoren zu leiden, zumal wenn

sie unkundig wa ren- Unter diesen Umständen

suchten die adeligen Beisitzer sich an den Sitzungen möglichst vorheizumacheu.

Die gelehrten Beisitzer aber wurden, wenn auch als

geschickt., so doch nicht, selten, wie es in einem Visitationshci'iclrle

schonend heisst., «sonst, in ihrem 'Wesen etwas mangelhaft befunden».

Noch schlimmer stand es mit deinHülfspersonal Bei der «Stumpfheit

der Richter», so sagt Melanchilion, «dringen in die Gerichtsstätten

die fadesbm Rahu listen als Sachwalter ein, die aus einem Prozess den

andern herleiten, ihre Klienten schinden,. . und die unwissenden Richter

zum Spott machen ». Am schlimmsten stand es vielleicht mit den

Notaren. Die Notariatsordnung Maximilians vom lairr '1512 sagt ganz

ehrlich, dass « der offl'nen Notarien oder deren, die sich iii solch

Amt zu üben schlauen, im heil. Reich viet erfunden werden, die

(wie wir aus kundhicher' Erfahrung und merklicher Klag vernehmen)

Stands, Wesens und Kunst hal ber gebrechlich, ihrer etliche in viel

Weg unnütz,.., etliche Falschheif in ihren Notariat-Aemtern begangen,

oder mit andern Misst.hater) hetleckt. Ode]' öffentlich berücirtiget, ihrer

etliche säumig und ihrer etliche u]]geül)et und unverständig sein, aus

welcher ihrer Unwissenheit, Säumniss und Geihrtichkeit unzählbar'

viel Leni ohnzweii'entlich verfül]rt, versüumt und beschwert werden,))

- Zu diesen Mängeln kam die Unse]bshndigkeit des Gericinis hinzu.

Ganz abgesehen davon, dass der Kaiser sich seines direcien Einflusses

auf das Gericht nicht begab, es vielmehr wenn es ihm behiet,te, an

seinen Hof berief, - auch der Ei irtluss, der voll Fürsten auf

das Geikirt ausgeübt ward, hob seine Unabhängigkeit auf. Nicht

mit Unrcht behauptete die Iteichsritlerschaft, dass, wenn ein Fürst

sehe, er werde unterliegen, er' den Prozess zu verinindern wisse.

Am traurigsten war' es mit der Execution der Ui'tlieile bestellt.

Ging das Reichsgericht überhaupt, einmal gegen einen Fürsten vor,

so war an eine Ausführun g des glücklich er'strittenen Ur'theils nichtS

zu denken. Nur dem Edel]liann war in der Landfriedensordnung das

Schwert genommen, keineswegs dem Fürsten. So' galt die Justiz nur

als ein Palladium für' die Schwachen, als ein Palladium, das einestheils

fast verächtlich, anderseits dazu noch unwirksam erschien. Alte Beschwerung

hil Reich ward auf die Gebrechlichkeit des Rechts- und

Landfriedens zurückgeführt. Die papierneri Ordnungen des Reichs

konnten für einen selbstl]ewussten Ritter, der seine Kraft und die

der Reichsorgane kannte, keine massgehe]lde sein.


- ix -

«In Schwaben conso]idirl.en sich die Veihindungen der Reichsritlerschaft

unter dem Schirme des Bundes; auch in Franken hatte

man ähnliche Bestrebungen; zuweilen versammelten sich die sechs

Orte der schwäbischen Ritterschaft, z. B. 1511 und 1515; hauptsächlich

un ihre Streitsachen den fürstlichen Horgerichten zu en.röcken.

Am Rhein blieb Alles tumultuarisch 13.» Auf der Reichsversammlung

zu Mainz im Jahr 1517, auf •der besonders lebhaft geklagt ward ühei

die Unzulänglichkeit der Einrichtungen, welche Frieden und Rechi,

verbürgen sollten, ward auch eine Reform des Ritterstandes ins Auge

gefasst ; ja der Kaiser wollte den Rittern ein neues Recht setzen,

dieweil sie sich des langen Verzugs im Recht. gegen Kurfürsten

und andere Fürsten beklagten. Aber das neue Ritterrecht, das

ihnen vorgelegt ward, betraf nur die Jleclilsliändel unter ihnen

selbst, während doch, wie sie unter sich selbst «mit endlichen

Austiägen und Rechten genugsam versehen» waren, es hierfür einer

besondern Rechtsordnung nicht bedurfte. Nur gegen Uehergriffc

Mächtigerer verlangte die Ritterschaft Hfulfe von der lleichsgesetzgebung

12 aher umsonst. Die Fürsten hatten sich in der Kammergerichtsoiihiuug

von 1495 das Prinzip gesichert, dass sie zuerst vo r

i 1 ren eigen e Rät Ii e n verklagt werden mussten; die an sich

dann mögliche Appellalion an das Kammergericht war illusorisch,

weil von den im Fürslenlhuni ansässigen Notaren und Sachwaltern

keiner gegen den Fürsten aufzutreten wagte. Maximilian selbst gestand

otien, der Arme von Adel vermöge entweder gar kein Recht zu erlangen,

oder es sei «scharf und spitzig», dass es i hrn nichts fructite I

Mit dein Tode Mainiilians War alle Hoffnung auf eine gemeldete

Behandlung der Ritter geschwunden. Die dem neuen König Kai-] auferlegte

'Wahlverschreihung sicherte die Privilegien 'der Kurfürsten und

daneben auch die anderer fürstlicher Reichsstände. Auf dem ersten

Reichstag des jungen Kaisers begegnen wir nochmals dem Versuch, die

auseinandergehenden Anschauungen über die Rechtspflege zwischen

fürstlichen und nichtfürsllichen Personen zu vereinigen. Grafen und

etliche vorn Adel reichten eine Supplication ein, die Bestimmung von

1495 durch eine weniger beschwerliche zu ersetzen. Man gedachte an die

Stelle des Verfahrens vor den fürstlichen Riithen ein Austragsver!ahren

zu setzen, zu welchem die Beisitzer von den Parteien gestellt werden

sollten. Ein Ausschuss sollte diese Frage berathen; aber die Sache

13 flanke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation 10, 136.

14 lilinann, Franz von Sickingen. Leipzig 1872, S. 236 ff. Seine Auffassiiikg,

als eh der Bitter - eine Sache vertbeidigt hätte, welche das Licht

scheute (5. 2391, ist mir uuversl iiiidlicli. Die Behauptung einer gewissen

corporativen Autonomie war doch wohl berechtigt.

15 flanke 1, t34.


- x

k;riu nicht aus der Siehe, im Gegenitreil verständigte man SiGI) iJtiIiiCi,

weniger Ir'. -

Kein Zweifel, (lass hier das eindringende rühi. Recht die Gegensätze

vollends unversöhnhar machte. Die Entstehung des Begriffs

des « gemeinen Rechts » schuf ein neues, alle Glieder des Reichs

zusammenfassendes rechtliches Band. Den Privilegien ward damit

der Krieg erklärt aber nur die Privilegien der minder Starken wurden

bewältigt, nicht die der Fürsten. in allen zweifelhaften und als

zweifelhaft angesehenen Fidlen trat das gemeine Recht UI die Stelle

des Standesrechts. Audi dein Adel ward das gemeine Recht aufgenöthigt.

Es war nicht nur die Lust. des Nivellirens, welche die

Itomanisten hier vorgeherX hiess,: auch Missgunst gegen dcii bevorrechteten

Stand kam hinzu. Machte dieser für sein altes ]'echt das

'Herkommen geltend, so spottete der Romanist über (las so «prescrihiert

Recht.» Den Rittern erschien der Weg des Austrags als

der einzig ricltl ige.

Diesem austräglichen Recht, das er aus eigener Praxis wohl

kannte, war auch Sich i ngen aufs entschiedenste zugetitan \Vo dies

Mittel, einen Streit zu schlichten, versagte, da fehlte esuieist an einer

Hülfe, (Ja giitT er zu den Waffen, mehr für Andere als für sich selbst.

Siekingen hat nicht nur in der Geschichte der Reformation,

sondern auch in der der deutschen Rechtspflege eine Stelle zu beanspruchen,

allerdings in anderer Weise, wie sein Standes- und Zeitgenosse

Schwarzenherg. Beide, der rheinische und der fränkische

Ritter, waren mit den Besten ihrer Zeitgenossen einig in der lieber-

Zeugung voll Nolhwendigkeit einer Justizrüforjn ; beide waren

auch tliätig bei der Anhahnuug dieser Reform, unser Sickingen

durch seine praktische Kritik der Urtheilssprüche der deutschen

Gerichte, welche seinem Schutz empfohlene Personen gegen die

«Gerechtigkeit» verletzten.

Auch Sickingens Biograph fhsst ‚ wie das nicht anders sein

kann, die Tendenz der voll Ritter unternommenen :trel iden in's

Auge; Er flndet, sie in (,[ein die Mittel zu gewinnen, um

eine seinem Ehrgeiz zusagende Rolle spielen zu können, nicht,

wenigstens in erster Linie mlii, in der gerechten Theilnahnie für

die Vergewaltigten ja, er statuirt iii dieser Hinsicht einen geraden

Gegensatz zu Ulrich voll Bullen wenn es nach Hatten gegangen

whre hätte sein mächtiger Freund wohl noch öfter, gleichsam iii!

Dienst einer höliern Gerechtigkeit, mit dem Schwert dreinschlagen

müssen. Aber diese Aumissung entspiichi. nicht ganz den Zeugnissen

der Geschichte und wird Sickingens Charakter nicht gerecht.

‚° Ulmaiin S. 240 t


xi -

Wenn 1-lullen mit tierRechts vi .s sen s c haft seiner Zeit auf

subleclilem Fusse shrid, dagegen Sickingeif sich hier, soviel wir wissen,

jedes ijrtheils enthielt., so war (las nur sachgemäss, da er ins

Gegensatz zu ,*einem Freunde kein Gelehrter war. Um so entschiedener

stand er dafür im Kampf gegen die damalige Reclsis p fI eg e

und die dem Volksgeist entfremdeten Richter; nicht als ob er etwa gegen

die Wohithaten einer geordneten llechtspilege ungerecht gewesen

wäre ‚ wie TJlinann seltsamer Weise von Hullen sagt ‚ sondern

weil die sog. geordnete Rechtspflege selbst die organisirte Unordnung

und Willkflr wai Anderseits aber 'vor Sickingen -nicht der phanlastrsehe

Don Quixote, der bIos ans Begeisterung für sein ideal der

Gerechtigkeit drein geschlagen hätte ; vielmehr trat es' immer nur

für Männer auf, die sonst kein Recht zu finden vermochten und

durch ihn zu Recht zu kommen hofften.

Was Sich i ngen xii Fehden veranlasste, war in der '[hat in erster

Linie « gerechte Theilnaisine für die Vergewaltigten>. TJlmann selbst

(ionstZitirt gelegentlich, (lass es Ic ei ne vereinzelte Thatsache in dem

Leben Sickingens war, wenn er unschuldig Verfolgten seine uneigennätzige

Tlteilnahine zuwandte (5. 121). Doch auch dieser Gesichtspunkt

der blossen Theilnalime ist nicht der richtige vielmehr haben wiees

hier mit der Uehüng einer wirklichen Pflicht zu thun, die der

Ritter sich auferlegt sah und der sich zu entziehen er für ehrlos

erachtete. Die älteste Fehde, von der wir erfahren, ist im Interesse

eines seiner Diener unternommen, der eine Forderung von 33 Gulden

gegen den Grafen Reinhard von Zweibrücken hatte, aber nicht zu

seinem Rechte kam 17 Die Metzer Fehde erfolgte zur Züchtigung der

Stadt, weil sie einen Meuchelmord an seinem Velter Philipp

Schluchterer angestiftet hajt8. Die Fehde gegen die Doini

nikaner, welche zu Reuehlins Niichtheil, erlangleni Recht zum Trotz,

den Prozess in die Länge zogen, erfolgte, weil Reuclilin seinen Eltern

oftmals gefällige Dienste - ei-zeigt und ihn selbst in seiner Jugend zu

sittlicher Tugend unterwiesen lsatt.e 19. - Die Fehde gegen die Stadt.

Frankfurt unternahm er mit Rücksicht auf seinen daselbst wohnenden

Tochleijuann, vor dessen Haus man einen Saustall errichtet hatte 2O

in der Fehde gegen \Vorms endlich war es Sickingens direkte

Ulinann S. '20. -

18 Ulinaitn S. 94 f.

19 Ulinann S. 9 und 160.

20 IJI,naiiis 8. 125. Worin die .Komik> liegt., dass ciii Artikel des

Friedensvertrags die sofortige Niederreissung . des Stalles vorschrieb, ist

mir nicht fasslich. Wie U Ima.nn sonst selbst hervorhebt, ist hier nicht der

Masstab der Poesie, sondern der der praktischen Interessen zu Grunde zu

legen. Vgl. für diesen Fall den Code civil Art. 674.


- XII -

Vasallenpllie.h t, welche ihn für den Bischof und seine Beamten eintreten

liess, wie wir des Nähern darlegen werden.

Schon diese Beispiele genügen, umaiicji hei der Beurtheiliung der

Fehde gegen Trier vorsichti ger zu machen. Riet handelte es sich um die

Züchligung eines Fürsten, der zu nächst hei der Kaiserwahl eine vom

deutschen Standpunkte aus höchst verächtliche Rolle gespielt hatte, der

ferner Luther verfolgte, den endlich Sickingen deriustizverweigerung beschuldigte.

Wegen selbst erliiluencr Kränkungen hat Sickingön am \'e

nigsten Fehde geführt; ein Fall wie bei seinem Vater. der die Stadt Köln

in Brand zu stecken beabsichtigte, weil ihm der Dolch, den er statutenwidrig

mi Gürtel getragen, confisöirt worden, ist bei Franz unerhört

Kein Wundei, dass hei dein ]‚ald begründetem Ruf und den

glücklichen Erfolgen des tapfern .Ritters sich auch Fremde um seinen

Beistand bewarben. Als z B. der Ei! urter Elans von Gotha angeblich

ohne geiichtliches Verfahren aus der Stadt und einem Umkreis von

drei Meilen verbannt worden war und auf seine Klage auch hei den

sächsischen Herzögen keine Hilfe fand, da wandte er sich demüthig

an SickJngen, der denn auch für ihn eintrat. Ein Anderer, der mit

den Städten Danzig und Elhing in Prozess stand, richtete gleichfalls

all ein dringendes Hilfsgesuch. Selbst ein Graf von ),ei-

Hingen, der sich für vergewaltigt hielt., wandte sich an unsern Ritter.

Dass Sicicingen, je mehr sein Fürwoit an Bedeutung gewann,

Um So weniger äng

s tlich hei den ihn umdrängenden Klienten die

Güte ihrer Forderungen geprüft habe, wie (1 mann sagt, finde ich

nicht. In manchen Fallen, wo Sickingen ifir Andere auftrat, liess

er sich wohl die Ansprüche (leiselhen cedieren; Gewiss war diese

Abtretung der I{echlobjeeie in der flegel nur eine scheinbare; aber

daraus folgt nichts gegen die ritterliche Art der Schulzgewälnung die

Cessionwardie rechtlich erforderliche oder doch die zweck-

In k s s i gsi.e Art, um eine Vertretnngshefugniss xii e:ilangen. Dieselhe

Bedeutung hat ohne Zweifel, wenn Sickingen den zit

Sehü tzen den in seine Dienste nahm und dann für den Diener auftrat..

So hielt er es Z. 13. in • der \ ormser Fehde.

Wald nun seinem Anspruehe nicht genügt, so ward der Rnl.li

der Stadt, welcher der Schuldner angehörte, zur Erzwingung der

schuldigen Leistung angehalten. So geschah es z.13., als ein Deposilar

Sickingens aus Kreuznach einige hinterlegte Sachen heimlich all

Frankfurter luden versetzt, hatte. Hier verlangte Sickingen vom Rath,

(lass derselbe die Herausgabe der Güter an ihn vermitt.leZi. Eben so

verfuhr er in der Trierer Fehde und sonst. Wenn auch die Stadt

21

Von -erbeuteten, Kaufmannsgütern darf man eigentlich nicht reden

es handelt sieh vielmehr um eine Art Pfändung ans einer vermeintlichen

solidarischen Haft.


)iii -

keine Hilfe schaffte, so wandte Sickingen sich an die Landesfürsten,

so z. B. in der Sache des Erfurtr Bürgers; eben so in dci' Ti'ierer

Fehde, die sieh schliesslich gegen den Kurfürsten wandte.

Die Fehde war für Sickingen nur das äusserste Mittel, falls

gütliche Vorsiellungen und Vergleic]isanerhietungen versagten. Auch

das bestätigen eine Reihe von Fällen. Einer mag hier genügen.

Als der Erfurter Bürger in Siekingens Klientel aufgenommen war,

ersuchte der Ritter den Fürsten, jenem zu Verhör und zu Billigkeit

zu verhelfen, und die Verhandlung kam in der That in Gang. Noch

mehrmals freilich sah S)ckingen sich veranlassl, sein Fürwort einzulegen.

Der Schulz, den er Schwächern der Justiz gegenüber zu Theil

werden liess, war nicht allein der der aggressiven Fehde, sondern auch

der der blossen Defensive. So nahm er nach den Unruhen in Worms

eine Reihe von Flü(,htigen, die zu dem Bischof, seinem Lehnsherrn,

in naher Beziehung standen, auf seiner festen Fbernburg auf; so

bot er Luther im Laufe des •Winters 1520 wiederholt eine Zuflucht

auf derselben Burg an, und erklärte dem kaiserlichen Beichtvalr,

wo Luther gute Sachen spräche, wolle er ihn vertheidigen gegen

alle Welt, und Rock, Kinder und Leben daran setzen; so nahm er

den Caspar Aquila, den sein Eifer für Luther in's Gefängniss

gebracht hatte, nach seiner Flucht aus der bischöflichen Haft mit.

Weil) und Kind hei sich auf.

Seine ganze Vergangenheit wies Sickingen auf ruhige und sachgemässe

Behandlung der RechIslindel. War er doch selbst Amtmann

; für seine streitschlichtende amtliche Thähigkeit in Kreuznach

halten wir noch die ]3e!ege in mehreren, durch ihn mit einem Kollegen,

Mejnl.iart von Koppenstei 3 ‚ vorgenommenen Tlmeid ringen aus den

Jahren '1505 - l 510 22, die in grellem Conirast stehen zu der strafrechtlichen

Tliätigkei t, die Bullen einige Jahre später im Dienste

des Erzbischofs von Mainz in Erfurt und Halle übte 23

Auch ausseramtlich erscheint Sickingen als Theidungsma]tu so

gab z. B. Johann Herr von fleifferscheid an Wilhelm Graf von Renneberg

und unserm Sic k i ngen die Voll macht, den Zwist zwischen ih in

und dem Erzbischof von Trier gütlich beizulegen 24, Noch in einer 1521

Dienstag nach dem heil-drei-König Tag von Melchior von Rüdesheim

ausgestellten Urkunde ist von der erfolgreichen gütlichen Unterhandlung

des ehrenfesten, sondern, liehen Hnuptrnannes und Freundes

Franz von Sickingen die Rede 25

22 Mönch. Franz von Sickingen, II, S. 10 ff,

23 Strauss, Ulrich voll Ihitten S. 73 f.

23 Mönch a. a, 0. 111. S. 4.

23 Mönch Iii, 17.


XIV -

• Auch wo er selbst Partei war, sehen wir Sickingen Theidunei

vornehmen, So haben wir z. 13. noch einen Vertrag zwischen

Herrn Hans HofTwarL von Kirchheini, Bitter, und Franziskus von

Sickingen, des Schlosses Hohenhurg halber, durch Herrn Steffan

von Venningen, Ritter, und andere hetheidi ngt d. d. Jacohi 1522.

Fassen wir das Resultat zusammen, so finden wir, dass Sickingen

die Fehde nicht Bedfirfniss ist; dass, wo er sich zur Fehde entschliesst,

sie in erkennbarer Weise nicht wegen eines «Triebes nach

Machlerweiterung», sondern vielmehr in dem Gefühl unternommen

wird, dass eine Itil.terpfliclrt zu erfüllen sei. In erkennbarer Weise

sind es zunächst nicht eigennützige Interessen, welche er verficht,

vielmehr ist es ein Dienst., den er Genossen, den er dem Schutzliern,

den er Dienern und Klienten erweist. Dass er diesen Dienst nicht

mit materieller Einbusse verrichtete, sondern sich, den Anwalt der

Partei, schliesslich gleii:hfalls schadlos hielt, ist richtig, aber durchaus

menschlich und natürlich.

Prüfen wir diese Charakteristik an der ersten grösseren Fehde,

die auch für die Beurtireilung der Trierer von Interesse ist.


1. Die Worniser Fehde.

In Worms, der it Mutter. der Reichslage» und dem wenigstens

zeitweiligen Sitz des Kammergerichts, traten all die Gegensätze,

welche das Reich zerklüfteten, in engem Baum um so heftiger auf.

Nachdem die Stadt seit dem 14. Jahrhundert ihre Selbständigkeit

nicht hatte behaupten können, war sie fast ganz dein preisgegeben,

der selbst nicht viel mclii war als ein Vasall des Pfalzgrafen.

Seit 1483 hatte die Stadt sich denn 'auch in den Schutz des

Pftilzgrafen begehen. Zwar erklärte Friedrich 111. sie im Jahre i/iSS

für eine Reichsstadt und cassirte alle Verträge, welche sie dem

Reich zuwider mit, dem Bischof abgeschlossen hatte. Wirklich nahm die

Stadt die Besetzung der Aemter mehrmals allein vor, so dass der

Klerus mit, Protest auszog. Aber schon 1501 kam der Bischof mit

dem Pfalzgrafen wieder in die Stadt und vollzog die Besetzung nach'

allein Im folgenden Jahr brach der Streit von

Neuem aus.

Als dann nach dem Tode des Bischofs, 1503, Reichard von

Bippui', der zur Partei des Pfalzgrafen gehörte, gewählt worden, fiel

derselbe in dem pfalzhaiertschen Krieg gleichfalls in die kaiserliche

Acht, und die Stadt erhielt alle Hoheitsrechte, welche der Bischof

bisher besessen hatte. Demnach wurde die Verfassung der Stadt

mannigfach geändert und (las Stadtgericht mit einem gelehrten

Juristen, Dr. .l3althasar MeTel, besetzt.; dieser ward auf Lebenszeit

als Schultheiss angestellt. Vergehens suchte der Bischof wieder

in den Besitz-der alten Rechte zu gelangen Erst 4509 kam ein Compromiss

zu Stande, zufolgedessen man auf die Rnchtimg von 1386

zurückging.


— XVL —

Der Bischof selbst war mit dem Abkommen nicht zufrieden, ja

nahm eine schon von seinem Vorgänger erhobene Besitzstörungsklage

auf; a her der Kaiser inh hirte das Verfahren. Das dann ad perpemain

rei memorin in heim Kammergericht erwirkte Zeugenverhör ward

durch die Stadt verhindert So wandte der Bischof sieh endlich im

Jahre 1510 an die Reiclisskinde, ihm zu seinen, Rechte zu verhelfen.

«Ich werde »‚ schloss er seine Darstellung der Vorgänge von 1494-

1510, «ich weide in alle Wege unhitlig wider Recht von offenharlicher

Gerechtigkeit verdrungen, umgetrieben, zu unleidigen Kosten

und Verderben bracht., und mag kein gebührlich Gerechtigkeit

erlangen, das doch billig alle fürstliche Herzen erbarmen und zu

Mitleiden bewegen sollte. »

Wirklich bewogen die Fürsten den Kaiser zu einem Mandat an

das Kammergericht (29. April 1510),dem Bischof wegen eini gei Punkte

gegen die « Widerpartei » unverzüglich Recht ergehen zu lassen.

Allein vier Tage darauf (3. Mai) erliess der Kaiser ein anderes

Mandat, worin er den kais. ICammerprocurator für die Widerpartei

erklärte und jedes Vorgehen gegen die Stadt nnters.agte. « Wir

hauen »‚ so heisst es in diesem Mandat, (rin Kraft unser und des

Reichs Acht und Oheraht, darin derselbe Bischof in dem vergangenen

baierischen Krieg um sein Ungehorsam und Verachtung

gefallen ist, dieselben Wag, Zoll und ander Gerechtigkeit als contiscirt

(]ein ... Bürgernieisl.er und Rath der Stadt. Worms

gnädiglich zugestellt, ihnen auch ernstlich geboten, sich derliall, in

keine Antwort noch Rechtfertigung zu begehen. Demnach empfehlen

wir Euch ernstlich und wollen, dass Ihr auf des Bischofs zu Worms

Klag in Rechten wider die genannten Bürgermeister und Rath zu

Worms nicht proced.irt, urtheilt noch handelt und ibm allein uni die

berührten sein Spruch und Forderung gegen unsern Fiskal als die

Wideiparlei Recht ergeben lasst, wie sich gebührt.» Es sollte also

nur untersucht werden, 01) der Kaiser das flecht gehabt habe,

während deX Acht dein jene Einkünfte zu nehmen. Auf dem

Reichstag zu Köln (1512) kam die Sache wieder zur Sprache; dem

Kammergericht ward abermals aufgegeben, dem Bischof « förderticl ist

und unverzügliclist zu Recht zu. verhelfen und sich durch kein

Mandat, Befehl oder sonst, ichts irren zu lassen. » Es blieb indess

hei dem blossen Befehl, und das Kammergemicht, überzeugt, dass

dem Kaiser nicht mit einer schnellen Justiz gedient sei, hidss de

Sache liegen '.

Sickingens Stellung zu diesem Streit zwischen Stadt und Bischof

war durch die Geschichte seines Geschlechts und seine eigene

1

Arnold, Verfassungsgeschichte der dentsohen l'ieistiitte Il, S. 4A5 ff.


- XVIL -

Vergangenheit bestimmt. Die Burg Sicicingerr war kurpfälzisches

Lehen. Wie der Vater unseres Franz, Schwicker, pfhlzischer Amtmann

ih Ebernbirrg und Kreuznach gewesen, 50 war auch Franz

A ml.man n in 1< r'euzn ach und ]Jeciceln. Bald trat sein 51 tester, nach

dem Grossvater benannter Sohn gleichfalls in pfälzische Dienste.

Auch zu dem bischöflichen Stift in Worms bestanden directe

Beziehungen. War doch ein Beinhard von Sickingen 4445-1482

selbst Bischof von Worms gewesen 2• Und als im Jahre 1482--1483

die Stadt Worms mit dein Nachfolger dieses Bischofs, Johann 111.,

dem früheren kurpfälzischen Kanzler, über die Form der Huldigung

im Streile lag', wählte der Bischof neben einem Geistlichen Herrn

Eitel von Sickingen als Schiedsrichter, während die Stadt den Altammeister

Peter Schott von Strassburg und den Altbürgermeister

Arnold Holzhausen von Fnwkfurt erkor 3. Unser Bitter aber war

ein ].elrnsnann des Bischofs Reinhard, der so bitterlich über Vergewaltigung

klagte.

Da der Bischof selbst aus der Stadt ausgeschlossen war, so fungirte

der Offizial als sein Vertreter . Dieser aber hatte mit der Stadt

über die Rechtspflege die heftigsten Kämpfe auszutechlen. Was

besonders streitig war, können wir entnehmen aus der spätem

Pfalzgrafenrachtirng von 1519, welche in 67 Artikeln die Raths- und

Gerichtsverfassung neu bestimmte. Hiernach geli6rten alle geistlichen

Sachen, wie 'Lehnt- und Eliestreifigkeiten, vor die geistlichen

Gerichte. Güter der Bürge', auf denen geistlicher Zins ruhte, hatten

ihr Forum vor dein tlichen Gericht. Unter einander durften die

Geistlichen liegende Güter vor, geistlichem oder vor weLtlichem Gericht

verkaufen und auflassen. Der Geistlichen ungeweihtes Gesinde war

in persönlichen Ci vil klagen der geistlichen, in allen dinglichen und

peinlichen Klagen der weltlichen Gerichtsbarkeit unterworfen. Die

Juden endlich hatten in peinlichen Sachen ihren Gerichtsstand vor

dem Rath, in hü 'gerlichen vor dem Stadlgericht, aus Zinswucher vor

dein Gericht,.

Mit Ausnahme von Injurien- und Erhzinssachen durfte in bürgerlichen

Streitigkeiten nur appellirt werden, wenn das Streitohject

den Wer'th von 50 Gulden erreichte. A ppellationssachen mussten,

wenn der Appellant nichi die Verweisung an das Kammergericht

forderte, vor das bischöfliche Gericht gebracht verden5.

Auch das ICainmergericht griff in die Geschicke der Stadt

wesentlich mit ein.

2 Arnold a: a. 0. S. 450.

3 Arnold 5. 460 f.

4 Vgl. Arnold S. 458.

5 Arnold S. 495' if.


- XVIII -

Auf dem Reichstag zu Costnilz 1507 . einigle man sich, das ganz

in der Luft schwebende K.aminergericht nach den Wormser Reschlissen

auf sechs Jahre herzustellen und seine Besetzung fester zu

regeln. Zu J. egenshurg ward dann auf Grundlage der kanonischrömischen

Doctrin eine neue Kammergericht.sordnung aufgerichtet.

Der Reichsabschied zu Costnitz hatte in §. 24 bestimmt, dass das

Kammergericht. das erste Jahr zu Begensbnig gehalten, das folgende

Jahr aber ohne alte Verzögerung und Säumniss gegen Worms vorrücken

und allda die bestimmte Übrige Zeit aushalten solle, « sofern

der Bischof, Pfafllieit und die Stadt daselbst mit einander vertragen

und vereinigt werden». Aber die Vereinigung kam noch immer nicht

zu Stande.

Der J1eichsabschied zu Köln, gegeben am 8. October 1512,

bestimmte in 21, dass dür Inung und Spän halber, die zwischen

dein Bischof von \Voims und der Stadt bestehen, « wir jetzt etliche

ICote missa]ien ‚ so unparteiisch seind ‚ verordnen, hiezwischen und

des nächsten iinsers Reichstags gütlich zu handeln, oh sie die Parleien

vertragen möchten » Als dann 1513 der Beichslag und zugleich

das Kammergericht zu Worms gehalten werden sollte, brach zu Anfang

des Jahres in der Stadt ein wilder Aufstand aus, der ohne Zweifel

vorbereitet war und voii hischölliclien Rechlsgelehrten geleitet ward.

Dass der Bischof selbst dahinter steckte, kann uni so weniger einem

Zweiltl unterliegen, als ei aus seinem Vorhaben schon in dein

Schreiben Voll 1510 kein Hehl gemacht hatte. «Wo abermals», so

heisst es zum Schluss, «diese E. G. gnädig Fürbitt und Forderung

hei kais. Majestät nit Statt und Vertrag erlangen, so geh ich E. G.

in der Wahrheit zu erkennen, 1ass nur und meinem Stift solches

länger zu erleiden nit möglich, sondern Pflicht un d No Ui d u rft.

mich zwingen werden, Recht nnd Gerechtigkeit an

Orten und Enden zu suchen, da ich traue und hoffe,

dieselbe zu bekommen.»

Eine ganz geringfügige Veranlassung zu einer Missl.immung hildde

den Ausgang der systelnalisch betriebenen Agitation, bei der 1-laibgelelute,

insbesondere ein Fürsprech dann aber audi Advokaten und

Räthe, desgleichen ein Notar des bischöflichen Hofs als die leitenden

Personen hervortraten. Es waren namentlich Dr. Ludwig Sachs

Johann Diefenbach, Licentiat. beider Jiechle und Magister l3althasar

Sclulör, der Notari Ohne Zweifel durch diese Männer bestimmt, verlangte

das Volk, dass man ler St adtA. dvokaten, Doctoren, Gerichtsschreiber

und andere Gelehrte urlauben, dass ferner keine gelehrte

Ratlisperson mehr im Bat Ii Seil) oder vor Rath oder Gericht im RedIll,

etwas reden solle. Abgesehen war es 'yohl vor allein auf den rechtsgelehrten

Schultheiss und den Shdtschreiher Glantz.


XIX -

Trotzdtn der 1


- n -

Ueberzeugung, das Achtdekret sei hinter dein des Kaisers

und durch Deberrumpelung desselben erwirkt. Der Wormser Stadtschreiber

G]antz hatte intime Beziehungen zu der kaiserlichen

Kanzlei.

Wohl in Voraussicht der kommenden Ereignisse hatte Sickingen

sich von Schlör gewisse Forderungen desselben gegen Wormser

Bürger übertragen lassen. Die Zeit der Uebertragung war' später

streilig während die Stadt behauptete, die Cession sei erst nach

der Achtserklät'ung erfolgt, behauptete Sickinen das Gegenfiieit.

Diese letztere Angabe ist gewiss die richtige. In der Umgehung des

Bischofs, in der man den Aufstand aufmerksam verfolgte, - und

'zu ihr gehörte Sickingen, - konnten die 'Folgen desselben nichl.

übersehen werden. - insbesondere mussten die rechtsgelehrten Rät.he

die Aechtung der Anstifter ins Auge fassert Bieth doch sprter, wo

Sich i ngen seiner Ar ischlag auf Trier plan te, derselbe Schi lör auch

wegen der aus der Rechtordnung sich ergehenden pecuniären Folgen

von derb Vorhaben ab.

Sichingen forderte nun • im Interesse seines neuen Dieners, der

sich seines ganzen Vermögens beraubt sah, einige der 'Wortloser

Schuldner zur Zahlung auf. Der bau plsäehlichste derselben war Nicolaus

Knobloch, der von Schlör früher ein Kapital von 150 Gulden

erhalten hatte, wofür er eine jährliche. Cülte von 7 Gulden entrichten

musste. Knobloch stellte das , Darlehen nicht in Abrede,

lehnte aber die Rückzahlung ab, ohne Zweifel wegen der Aechtung

des Gläubigers ‚ in Folge deren die Forderungen an die Stadt

übergegangen waren. So wandtb sich nun Sickingen zunächst, an

Sctiultheiss und SchütTen 7, und als dieser Schritt keinen Erfolg

hatte, Allerheiligen 1.514 an Büi-gerrneisfer und Rath mit dein gütlich

}rfordern, Bitt und Begehr »‚ den Knoblocli, dein Diener Schlör

vor längerer Zeit «auf sonder Vertrauen und Glauben zu seinem

merklichen Nutzen anderthalb hundert Gulden geliehen, Ztr weisen,

zu vermögen und zu halten, diese untäughare Schuld, sonder längern

A ufentbalt zu bezahlen, oder aber ihn in der Stadt länger nit zu

dulden, damit, wie es wörtlich treisst,, «ich solch Bezahlung von uni

bekommen mag und deshalb Weiterrrng vermieden bleibe, wie ich

mich Solches der- Billigkeit nach zu Euch versehe».

Das Gesuch setzte die Stadt um so mehr in Verlegenheit, als

sie über die eingezogenen Güter bereits verfügt halte, insbesondere

auch zu Gunsten des Leonlra'd vor) Dürckheitn, Röm. Kais. Majestät

Amtrrrann zu 1-lochfelden Dass die Sache einigermassen das Licht

7

So geht aus dem folgenden Scirreiben an den Bürgermeister und

Rath hervor. Münelr 5. a. 0. III ‚3.


- XXI -

scheute, zeigt die Drohung, welche Dürckheim später, als er wegen

der ihm überwiesenen Güter ins Gedränge geriet.h, der Stadt gegenüber

aussprach « wo Ihr diesen Handel ii t' mich trecken wollten,

würde ich verursacht, mich meiner NothduilL halben auch zu entschuldigen

und zu eröffnen, was Ihr deshalb mit mir gehandelt., dess

ich doch viel lieber entbresten und Euer darin verschonen wollte »5.

Sickingen gegenüber suchte die Stadt dadurch einzulenken,

(lass sie ihn auf den Rechtsweg verwies, ja «damit gemeine Stadt

deshalbohne Forderung blieb und weder Sickingen noch .Qürckheim

sieh nit zu beklagen hätten», war Knobloch bereit und Willens,

«die sieben Gulden erschienen Gülten hinter kais: M. Kammergericht

zu legen, jeden seiner Gerechtigkeit seinet.lialb -unverhindeit zu

gewarten» 9.

Da aber die Stadt Gewaltschritte fürchtete, so ersuchte sie das

Reichskamrnergei'iclit uni Schutz und Hülfe, und dieses erliess in

Erwägung, «dass es unbillig und des Reichs gemeinen Constitutionen,

sowie dem Landfrieden ganz zuwider wäre, dass Jemand mit eigener'

Gewalt, ohne Recht, thätliche Gewalt üben solle», ein ]nhibitorialmandat

bei Pön der Acht, das dein Einer auf Ebernhurg insinuirt

wurde. Der Karmnerbote bescheinigte: «(las hat er gutwilliglich angenommen

als sich geziemt.» Ohne sich an dieses Mandat zu kehren,

Widerte Sickingen von der Stadt in einem weilern Schreiben Genugthuung,

widrigenfallsw ürde er gedrungen, seiner Herren Freunde

und Gesellen Rath zu heben, wie er vo ll und den Bürgern

Bezahlung bekommen möchte 10 Und abermals wandte sich die

Stadt an das Kanimergeiicht, das am 27. Februar ein zweites Mandat.

erliess, worin es dein drei Rechtstage setzte und ihm aufgab,

der Stadt Worms mit Gütern oder Bürgschaft Sicherheit zu gewähren,

dass er sie nicht, dein zuwider, angreifen und beschädigen

werde".

Nun ward ein Schiedsgericht in Vorschlag gebracht ‚ womit

Sickingen sich principiell einverstanden erklärte. Da aber über die

Wahl der Schiedsrichter eine Einigung nicht erzielt weiden konnte,

so bestand Siekingen darauf, « die Stadt solle ihre i.liiiger zur

Zahlung nöt.hen und zwingen. » Die Stadt .jedoch, deren Darstellung

wir hier folgen, liess sich durch die Bitten der bedrän gten Bürger

bestimmen, sie vielmehr zu schirmen «denn ohn das müssten sie

- 8 Müneh II, 78.

9 Manch fl, 16.

10 Munch a. a. 0.

11 Wigand: Wetzlar'sche Beiträge 1, 243. Nach den Akten des Reichskammergerichts.


- XXII -

besorgen und stünde vor Augen, dass sie nach Gestalt der Sachen

zu zweifacher Bezahlung gedrungen werden möchten, das siedoch

mit Recht 'zu thun nil schuldig wären. » Zugleich gingen Bürger

und Stadt heim Kammergerieht vor. Zunächst' stellte Knobloch

die Difflmations-KIage an. Am 28. Febivar 1515 12 erliess das Kaminergericht

an Sick i ngen die Au flhrderung, sein Becljt und seine

Forderung darzulliun oder All ewigen Stil Ischweigens 'zu

gewürtigen. Sickingen hielt sich nicht für verpflichtet, dieser Aufforderung

zu entsprechen, und so blieb die Sache liegen.

Bürgermeister und Rath ([er Stadt dagegen erwirkten ein

Mandat, wodurch auf ihr clemüthiglich Ansuchen um weiter nnthdürftig

Hilf und Mandate wider denselben Sickingen hei schweien Penen

und des Reichs Acht ernstlich ge hoten ward, «sich aller gewaltsam

ihlitlidhen Handlungen und Vornehmens gegen die Stadt und der

Bürger Leib, Hab und Güter zu entlihlten, wich durch Andere in

kein Weise zu beschädigen, sondern, wo er, Franziskus, Spruch

oder Forderung zu dein und Rath, den Bürgern oder

gerneiner Stadt zu haben gediichte, dieselben, wie sich ordentlichs

Rechten gebühre, vorzunehmen und redlich Ursach dagegen vorzubringen,

warum das Bit; sein sollt Ja.»

Nun versuchte Sickingen durch an die Zünfte gerichtete Schreiben

diese zu bestimmen, in seinem Sinne auf den Rath einzuwirken,

Die Briefe aber fielen dem Rath in die Hände, und dieser sah sie

als einen Versuch an, Sed ition und Aufruhr zu machen 14• Abermals

wandte sich Bürgermeister und Rath an das Kammergericht «Uni

Hilf des Rechten » mit Gitation und iWandaten. Es ergiig denn auch

ein schärferes Mandat, worin wegen des an die Zünfte gerichteten

Schreibens kaiserlicher Ma jesilit und des Reichs Acht und sonst alle

andere Pen der angezogenen Conslitut.ion und kaiserlichen Satzungen

angedroht wurden und der Ritter vorgeladen ward, «auf nämlich

Zeit und Tag zu erscheinen», also auf den schon in dein ersten

Mandat. bestimmten Termin, den 25. März. Ausserdem ward

Sickingeu bei einer Strafe von 25 Mark löthigs Gold befohlen, innerhalb

9 Tagen nach Verkündigung des Mandats hei dem Kammergericht

«genugsam Gaution und Versicherung mit. Gütern oder Bürg

scharten 'zu thun», dass er nichts gegen die Stadt oder deren Bürger unternehme

und auch keinen Andern anstifte oder unterstütze's. Am 5. März

forderte Sickingcn seinersbits die regierenden Herren der Stadt noch-

12 Wiga.nd 1, 243.

) Mönch a. a. 0. II, 17.

4 Die Darstellung Sickingens bei Münch U, 27 f., die der Stadt daselbst

5. 17.

Nach dein Ausehreiben vo In . 24. April bei MüItc]1 II, S. 17 f.


- XXIII -

mais auf, seinen Diener ScItlör, riet' sich vor Ka i s er 1111 , 1 Ii ei cli s -

st n d n zu Recht. erbiete, zu seinem Vermögen gelangen zu lassen,

widrigenfalls er demselben seine Firille nicht verweigern könne'6.

Die Verschiedenheit der Anschauungen liegt zu Tage. Sickingen

hatlezu dein « i t zt in Worin s » sitzenden Kammergericht kein

Vertrauen. Das verhehlte er denn auch dem Gericht selbst keineswegs,

vielmehr erklärte er dein Kammerrichter, (lass (las Gericht,

so lange es in Worms seinen Sitz habe, ihm nicht gefalle. Ja er

soll geradezu begehrt haben, «solch K.aminergeriCht an ein ander

Stadt, so der Ehrbarkeit geneigter, zu verrücken», ein Begehren,

worin die Stadt ihrerseits die Absicht erblickte, den bösen Anschlag

zu Aufruhr und Zwietracht um so besser zu erreichen. Wenn sich

hingegen Sickingen auf den Kaiser und die Reichsstände berief, so

ward ihm dieser Weg, wie es scheint, vorzuglich durch die Dcmühuugen

des Stadtschreibers verlegt. So sollte die Stadt denn auch

büssen.

Am 22 . März nahm Sickingen, unterstützt von den aus Worms

Geflüchteten, auf einem Wormser Schiff den Rhein hinab beför

-derte Waaren in Beschlug und die auf dem Schiff befindlichen

Bürger gefangen, um sie auf die Ehernhuig abfuhren zu lassen.

Während dieser Vorgang am Morgen stattfand, Übersandte Schlör den

Nachmittag in eignern Namen einen Fehdebrief". Am 5. März,

einem Sonntag, erklärte dann auch Sickingen voll Eiiernhuig

die Fehde durch ein Schreiben

18, das am iblgenden Tage in Worms

anlangte. Es war derselbe Tag, an dem Sickingen, Nvie er selbst in

diesem Fehdehrief hervorhob ‚ vorn Kammergericht in die Acht.

erklärt werden sollte.

Schlör's Fehdebrief machte geltend, dass Bürgermeister und Rath

ihn hei kais. Majestät und Si. Majeslät. verordneten Gommissarien

verschiener Zeit mit unhegiündl.eui, unwahr iaft.igem Vorbringen, als

ob er Elkundigung der Ufröhrer, durch hemelte kais. Gommissarien

hievor zu Worms beschehen, geflohen und derohalben sich der Stadt

Worms geverlich entäussert hätte, wiewol solchs die Unwahrheit.,

und xo Not, offentlich zu Tagen das Widerspiel mit treffenlieben zu

beweisen, rücklich verklagt, und dann durch ihr und der Ihren

ungestimes Anhalten ein vermeinte Acht ‚ sein unverhött odem

-crlangt, itirt, feiner wider in Schein derselben ihn sein e Hal.

und Güter durch die ihren verschlissen lassen, die Seinen u

16 lilmann S. 38 Anm. 2.

17 Wigand 1, 246 f.

IS Wigand 1, 245 f,, auch in dein der Stadt Worms bei

Münch 11, 20.


- xxiv -

seiner Hauswohnung getrieben, nachfolgend solch sein ilah und Gut

genommen, zerrissen, zerstreut und anderen zu. thun in ihier Stadl

gestattet, auch sonst in andere VVege ihn merklich verletzt und

beschwert, dieselben Güter auf sein überflüssig Rechtserbieten nit

wiedergestellt, noch vermeinte Acht, der sie Usbiiuger und Ursächer

seien, abgeschafft hätten, und solchs alles wider Recht, Erher- und

Billigkeit, auch des heil. Reichs ufgerichte Ordnung von il1nen und

den Ihren Cüi'genom wen und geschehen sei.

Sickingens Fehdelwief aber erklärte: «Nachdem ich vielfältig

schriftlich das sn'n verbrieft und beka nntlich Schuld an Euch, mir

die verschaffen voll Bürgetn, als der Du' zur Billigkeit mächtig, -

zu bezahlen erfordert hieb und mir aber ii her solichs und alles myl 1

überflüssig erhar und recht Erbieten von Euch und den Euern das

nit hat mögen widerfahren, sondern bis anher mntwi Iliglich verhalfen,

darzu meinen Boten, so ich deshalb mit. erbars Inhalts offen on helenden

Briefen meiner Nothdurft nach an alle Eure Zünft, geschickt,

aber solche Schi if'ten ihm durch die Eueren gewalligiicli entnommen,

Ihr auch unverursacht durch Eiter onhegrrrndt Anbringen hei kais.

Majestät Kammergericlrt erlangt, nhch nächstkommenj Montags in

j\ eht zu erkennen, dei-o und anderer Euerer vielfältigen unerbar-en

Bündel halben will ich Euer, Bürgermeister und Ra ths, abgesagter

Feind sein, dazu ganzer Gemeinde, alldieweil die Euch, solich ungerecht,

unehrbar R.egierer, ihrer und der alten ehrbaren Stadt Worms

zu Oehern dulden und leiden. »

\\Tährendickingen sein «eigen angeboren Insiegel» aufdr'ückte,

bediente Schlör sich des Sickingeuschen Siegels, weil er eigens Jniegcls

dieser Zeit Mangel hatte.

An den voll gepfändeten Gütern war auch ein Strassburger

betheiligt ‚ nnd da deshalb der Rath von Strassburg hei

Sickingen Klage erhob, erfolgte am Ii. Mai nicht nur eine höfliche

Entschuldigung, sondern auch Leistung von Schadenersatz durch

Zahlung von 25 Gulden 19

Inzwischen war am 40. April vorn Kaiser die Acht gegen

Sickingen und seine Anhänger ausgesprochen worden. Derselben

folgte am 24. April ein Ausschreiben der Stadt Worms all Kurfürsten

und Füi-sten in diesem von echt mittelalterlichen flechlsgedanken

beherrschtem Aussclireil,en wird I3althbsar Schlör, des

Jiischöfl:ichen Hofs zu \Vornis geschworner Notarius, «der aus verdarntnt,er

Vermischung geboren», als unter den Aufrührern «der

vordersten Einer» bezeichnet , « na cli allerhand Erkundung un er

den Uebelthätern und der geschwinden, gefährlichen Sedition und

10 POE Nsche Korrespondenz der- 51 adt Strassburg, 4 5. 3.


- XXV -

Faction dürch kaiserlicher Majestät Landvo g t und andern Kommissarien,

und der dazu crimen Inese maiestatis, Verletzung kaiserlicher

Majestät Hoheit, begangen und demnach der Verwaltung seiner

Habe und Güter verwirkt erfunden, öffentlich ausgerufen und angezeigt,

auch flüchtig worden, und darum von kaiserlicher Majestät in

des heiligen Reichs Acht und Aheracht erkannt und erklärt. »

- Diesen Menschen nun, so hören wir, hat Franz von Sickingen

«.ins eigenem vorgesetzten, unverursachten Unwillen», damit er

einen Schein einer Forderung oder Ansprach an uns, seinen' fürgenomen

arglistigen Anschlag der Anführe erlangen niöcht,» als seinen

Diener angenommen, und «kaiserlicher Majestät und der ausgangen

Acht zuwider unterstanden zu veriheidingen. » Zu den Helfershelfern-

Sickingens gehörten «viel derjenigen, die vormals der bösen Conspiration,

Sedition, Empörung und Auflauf halben, durch sie in unser

Shidt voll begangen Majestät. ‚ Befehl eines i'heils gestraft,

eines, Theils der Stadt -Wurms verwiesen, eines Tlteils meineidig und

ehrlos entlaufen und darum von lCaiserh Majestät in des Reichs Acht

erkanntt und erklärt seien, die Franziskus noch «in seinem Haus

zu Ebernburg enthält und fürschu bt. »

Das Alles gerciche « zu merklicher Schmach, Verachtung und

Ueberführung Röm. Kais. Majestät und des heiligen Reichs ufgerichten

Ordnungen, Landfrieden, guld in 1JulI, Reformation und des heiligen

• Reichs Gericht und gemein Recht, und auch zu sonderlicher Verachtung

unser gnüdigsten Herren, der vier Kurfürsten, Freiheiten und

sonderlich unsers gnädigsten Herrn Pfaltzgrafen Ludwig Kurfürsten,

duich dess Ftirstenthum, Landschaft und Gebiet er die Gefangenen

hei hellem lichten Tag geführt, dess Lehnsmann, Diener und Pflichtverwandter

er doch ist,. »

Nun folgt die Schilderung der dem Ka.mmergericht zugefügten

Schmach. Sickingen habe das Begehren gestellt; (las Kammcrgerlcht.

an eine andere Stadt zu verrücken « wo das nit hescliäh und

dann ihnen, des Kammergerichts Verwandten, darüber Etwas von

seinen Helfern, der er nit aller mächtig und einstheits auch nit kennet,

Etwas widerführe, wöllt er sich dess entschuldigt und freigestellt

haben 20». Sickingen selbst behauptete, er habe dem Kammergericht «nit

ungeschickts » geschrieben und 'berief sich auf sein eigenes Schreiben

und auf die Antwort, welche er voll Majestiit KainmergerichI

empfangen 21 Billig, so fflhrt das Ausschreiben fort., hätte Sickinfln

vor Augen haben sollen «die schwere Straf der Recht von denen,

so kaiserl. Majestät Hoheit verletzen und Aufruhr im Volk und

20 Münc]i a. a,. 0. II. 5, 20 f.

21 Mtinc'h 11, S. 30.


-

Städten zu machen unterstehen, » und sich deshalb mit nichten

unterstanden haben, «solieli erscltrückenlicli, grausam, giftige Zwietracht,

Sedition und Empörung zwischen uns und unser Gemeinde

zu erwecken, verursachen und zu machen». Schon an einer früheren

Stelle ist neben der kaiserl. Maje stät und des Reichs Acht nut' alle

«die andern P ö n der (in den Mandaten) a ii gezogenen G n -

sti t u t i 011 und kaiserl. Satzungen hingewiesen. Gemeint

ist ohne Zweifel die herüchtigtc lexArendia, auf die in dein

Achtsdkret deutlich hingewiesen ist und die wir auch • in unserm

Gutachten eingehend besprochen finden.

«Darum», so schliesst das Ausschreiben, «ist. an Euer kurfürstliche

und fürstliche Gnaden u. s. \v. unser unterthänig dienstlich freundlich

.Bitt, den vorgenannten Franziskum mit seinen Helfen) und

Helfershelfern als Verbrechern (gegen?) kaiserl. Majestät und des

heiligen Reichs Landfrieden, auch gemeiner Rechten und der

Ehrbarkeit V er s ehm ii Ii er, nindert in Euer kurfürstlichen und

fürstlichen 6 naden u. s. -w. Landschaften und Gebieten zu enthalten

noch förzuschuben ‚ sonder, wo die bekommen werden möchten,

die anzunehmen,' zu strafen und dermassen gegen ihnen zu fahren,

damit Andern, dergleichen zu untersiehen, abschuwig gemacht und

man dergleichen fürder im heiligen Reich überhohen bleiben möge.»

Am 4. Mai erging ein tirttieil des Kammergerichts in Sachen

des Bürgermeisters und Raths der Stadt Worms einer- und Siekingens

anderseits. Die Stadt hatte nicht nur den von Sickingen bewiesenen

Ungehorsam gegen die Mandate des Kammergerichts angeklagt,

sondern ±ugleich angezeigt, dass Sickingen sowie Balthasar Schlör,

den jener als einen öffentlichen und verkündeten Aechler und Verfolger

der Stadt hei sich gehalten und offenbar dazu angereizt habe, ihnen

in offenen Briefen Fehde zugeschrieben und 'Wormser Bürger und

Bürgerinnen ‚ die in einem pfalzgräflsch vergeleileten Schin auf

dein Rheinstrom gefahren, eigengewaltiglich überfallen, Einen erschcssen,

etliche verwundet, beraubt und in grosser Anzahl gen

Eberburg geführt, auch um das Ihrige gescliatzt, wie das nunmehr

durch das ganze römische Reich deutscher Nation bekannt geworden

sei. Hierdurch sei er als Brecher ,des Landfridens in des Reiches

Acht und die angedrohte Geldstrafe verfallen. Der Kammerprocurator-

Fiscal trat dem Anl.rage der Stadt hei und am 4. Mai erkannte das

Kammergericht auf die Acht. Das Urtheil, das als ein sehr schleuniges

gelten konnte, lautet 22

« Nachdem von Sickingen wider kaiserlich

Gebot, an ihn ausgangen, darin ihm hei kaiserl. Majestät und des

22

Wigand 1, 247 f. ohne Datum. Es ist, ohne Zweifel identisch mit

dem von Ulmann S. 40 Anm. 4 angeführten Achtxlekret vom 4. Mai.


- -

Reichs Acht, gegen den gemellen Büi'germeisler, BaIh und gemeiner

Stadt \Vornis mit tliallich und gewaltiger Handlung nichts

fürzunehmen, geboten worden, mit Schriften all Zünfte geinelter

Stadt, dadurch er dieselben einem Rath abfällig oder ungehorsam

zu machen unterstanden, freventlicli get.lian, cleshalben er

nachmals mit kaiser]. Ladung all kaiserl. Kammergericht,

um zu sehen und zu hören, sich darum in gemelte Acht gefallen zu

sein erklären, fürgelieischen, aber als ungehorsam ausblieben und nil

erschienen, sunder danach gedachtem Bürgermeister, Rath und Gemeinde

ein offen Vehdezugeschrieben, und davor mit gewaltigem

Angriff, Beraubung, ]linwegsehleifung und Schatzung etwo viel ihrer

Bürger und in ander thallich Wege gegen ihne gehandelt, wie dann

solches Alles kundlich und offenbar, so ist auf beinet ungehorsam

Ausbleiben, heschehnem Rufen und alle Handlung zu Recht erkannt,

dass dci' gemiII.e Franziscus von Sickingen uni sein lieberlhhrung

und freventlich gewaltige und that.Iiche Handlungen in kaiserl.

Majestilt und des Reiches Acht gefallen, erklärt und erkennt werden

soll, den wir auch hiemit dieser Urtbeit darein erklären, sprechen und

denuncii'en, auch darauf den gedachten Bürgermeister und Rath nothdürftig

Executor. und Process in gewonlich Form erkennen.»

«Nachdem Franciscus von Sickingen auf und um sein Ungehorsarn

und Verachtung eines kaiserlichen ausgegangen Mandats seine muttiwillige

Vebde, Bürgermeistern, Rath und Gemein dieser Stadt Worms

zugeschrieben, und ander sein kundtich und offenbar gewaltig Angriff,

Beschädigung und Handlung auf Erklagen und Erfolgen gemelter

I3ürgernieister und Rath durch das kaiserl . Kainmergerir.ht in

kaiseri. Majeslüt und des Reichs Acht mit Unheil und Recht erklärt

und gesprochen ist, darum anstatt kaiserl ....ijesfät so denuneiren

und verkünden wir denselben Franciseus voll in solch

kaiserl. Majestät und des Beichs Acht, set ze:n ihn aus dem

Frieden in den Unfrieden, und erlauben sein Leib, Hab

und Gut den gemelten von Worms und allermäniglichen.»

Die Stadt machte wirklich Anstalten, dieses Unheil zu ihren

Gunsten zur Ausführung zu bringen. Vor dem Licenliaten Hinzhover

erschienen nämlich l3ürgermeister und etliche des Jlaths und nahmen,

wie das darüber aufgenommene Protokolt23 besagt, «in Kraft des Uitheils

und des Reichs Constitutionen an alles und jedes, was der von

Sickingen im heiligen Reich bett, es sei liegends oder fahrends,

was das Namen hat, nichlsausgen,ornmen, in was Handen das sei

und sonderlich, was hemeller Franciscus hat in Kraft einiger Verschreibung

und Pfand oder in ander Weg, auf der Pfalz und sunst.,

23 Wigand 1, 249 f.


- xxviii -

wo er das hat oder haben mag. Item, seine Hof, die er hat zu

Heppenheim an der Bergstrass, iii der Stadt. Altze, au 1' dein

in Kreutzennach ‚ zu Lamhstadt, zu Sobern, zu Mensheim. Rem

nehmen die von Worms auch in alle und jede Verschreibung,

Bürgschaften und Ohligationen, darzu der von Sickingen ihre Bürger,

nächst gefangen, gedrungen hat, mit allen und jeden Rechten und

Nutzungen und derselben J3üj'scIiaft, Caution und Vergewissung,

wie ihm die ohligirt seien. 11cm alle und jedliche Uörfr, Gemeinschaft

oder Theilung. ]lein alle seine Schlösser und Burg. Rem

- Eber]urg, die Burg mit Steinen, Burgtall oder Tall und das alles

und jedes mit ihren Zu- und Ingehörungen, und wollten die berührten

von Worms ihr Gemüt in selben hien,it declarirt haben,

mit Bitt darum, sie darin in Krafl jetzt ergahgener Urteil und aller

• ander Constilutionen des Reichs immittiren, ihne Immission und

Anleitbref, auch sonst all ander notdürftig und gebihlich Mindat

i h ne mitzuteilen, auch alle und jede Verpfändung, Alienation und

Zustellung, die ihr Widerllieil, Franciscus von Sickingen, vor und

in seiner Acht gethan het, wem das geschehn wär, und in wess

Hand das kommen wär, als fürgenoinmen in fiaudem zu reformiren,

cassiren und annulliren, und ob es Not wär, gegen den in habcrn

Ladung, um zu sehen und zu hören, dieselben aliehationes und renditiones

zu cassiren, und sonst auch gebürlicli Mandat, um die einzunehmen,

in der besten Form erkennen und den dickgemelten von

lVorms gedeihen zu lassen.»

Das Protokoll ward mit dein versehen 1). 3 udex dellherabit.

Oh noch etwas in der gefährlichen Sache geschehen, ist

unbekannt die Akten enthalten keine weitere Vertügung.

Bas am 24. April ergangene Ausschreiben der Stadt hatte die

gewünschte Wirkung: am 45. Mai erging in der kaiser]. und des

heil. Reichs Stadt Augsburg gegen Sickingen ein zweites kaiserliches

Achtsmandat, und zwar in ungewöhnlich scharfer Form 24 Dasselbe

ging ganz auf die Gedanken des \Vormser Ausschreibens ein, und

motivirte die verschärften Strafen mit dem Hinweis darauf, dass

Siekingen « Uns in unser kaiserl. Hoheit angegriffen, indem dass

er unserm kaiser]. Kammerrichter und Beisitzern ein vermessene

diohliche Schrift, absageweise, dafür die wohl zu achten ist, Zugeschickt,

darin unter anderm angezeigt, als ob sie unser kaiserl.

Kammergerieht, das doch vormals durch Uns und des Reichs Kurfursien,

Fürsten und Stünde aus sondern beweglichen Ursachen gegen

Woriis gelegt und geordnet ist., an andere Ende verrücken und

also ausserhalb unser und gedachter Stände Befehl oder Willen,

24 Müneh II, 32-35.


- xxtx -

seines Gefallens, damit handeln sollte». Gleichzeitig stellte das

Achtsmandat fest, dass «die Parteien, Boten oder ander Personen,

so ihrer Nothdurft Sachen und Geschäft halben, dasselh Kammergericht

besuchen müssen, keinen freien Zu- oder Abgang darzu haben

oder gebrauchen mögen, sondern darunter beraubt, ihnen Brief, Geld

und anderes genommen, wie dann kurz verschiener Zeit heschehen

ist». Demnach war eingetroffen, was Siekingen vorhergesagt: dass

dem Kammergericht in Worms « von sein Helfern, der er nit aller

mächtig und einst heils auch nit kennet, etwas widerfülire

Weil also Sickingen, so l,eist es weiter, «unser selbskaiserlich

Person beleidigt und verletzt und dadurch die 1enc und Straf des

Lasters, zu Latein crimen lese inajestatis genannt, versvirkt und nit

allein sich selber, sondern auch nach Sag weiland unser Vorfahren

am Reich, Bömischer Kaiser und Könige löblicher Gedächtniss Cnnstitution

und Ordnungen, seine Erben und derselben .Erbenserhen

in absteigender Linien derselben Penen und Strafen theilhaftig

gemacht hat)), werden er und diese Erben « linfür in ewig Zeit aller

Und jeglicher Ehren, Adels u. s. w., dazu auch aller' und jeder Hab und

Güter.., so er, Franciscus, in seiner Gewaltsam hat und besitzt Ode]

künftiger Zeit durch Erbfall oder in ander Weise überkommen oder

erlangen würde, oder.., so er vor dieser seiner uugebürlichen Vehde

und Handlung den Lehnherr'en ausgeschrieben gehabt oder verkauft

oder sonst in anderer Gestalt zu seinem Vortheil hingeben, veründert

oder veräussert hätte, davon • oder daran nichts ausgenommen, die

dann alle samentlich und sonderlicli Wir als unser und des heil.

Reichs conllscirt und heimgeihlten Güter uns ewiglich zugeeignet, auch

von unsern wegen zu unsern Hunden und Gewalt anzunehmen und

einzuziehen 1 )efohlen »

Wie Sickingen, so wurden auch seine Erbe]) von aller Gesellschaft

und Gemeinschaft des Adels aus gesondert, er selbst in die

Schaar der unvernünftigen Thier und ehriosen Menschen gezült, und

sei ne Söhne, «01) er die viel oder wenig hätte», in Kraft obberübrter

kaiserl . Constitution und Rechte aller väterlicher, mütterlicher, anherr-

]iclier,‚ a»fraulicher und anderer zufallender Erbschaft, auch was

ihnen aus Testamenten oder anderen letzten Willen odei sonst zustehen

möchte, ganz entäussert und nuibhig gemacht, also dass sie

in ewigeF Armut, und Dürftigkeit 'ersl rickt und behaft, ihr Leben

beschwerlich und der Tod kurzweilig und ergötzlich sein soll.

So ward also das beröchtigtste Gesetz der byzantinischen Kaiserzeit,

die Lex Qrnsquis der Kaiser Arcadins und IIonorius vom Jahr

397 in zum Theil wörtliche,' Uebertragung auf unsern Ritter und

seine Familie angewandt.. Eine Mxsfertigung dieses Mandats wurde

dem kaiserl, Statthalter, Regent und Rath in] obern Elsass zugesandt


- xxx -

und befohlen, dasselbe allenthalben in der Laiidvngtei ansehlagn und

verkünden zu lassen. Die mit dci' Ausführung Säumigen waren in

dein .Ächtdekret selbst mit der kaised. und des Reichs schwerer

TJngnad und Straf bedroht und dazu einer Pen von tausend Mark

löthiges Goldes, die ein Jeder, so oft er freventlich hiewider liräle,

an die kaiser). Kam mer unahläss]ieh zu bezahlen verfallen sein sollte.

Von einer Ausführung des Ac.lrldekiets, das übrigens Sickingen

als nichtig a ngrifl', War trotzdem im Ernste keine Rede. Landvogt und

Rafil von IJuterelsass tisaten mir alles Mögliche, um aus Schlettstadt,

Golmar und andern Orten den Worrnsern rasche Hülfe zuzuführen.

Sickingen seinerseits erliess am 19. Mai -einen wahrhaftigen

Bericht auf das ungegründt Ausschreiben derer voll gerichtet

an • die Kurfürsten, Fürsten, Prälaten; Grafen, freien Herrn, Bitter,

ilil.termiissigen, Amtleute, Bürgermeister, Sclrultheisse, Richter, Bäthe,

Bürger und Gemeinden, seine gnädigsten, gnädigen Herren und gute

Freunde 25

in diesem Bericht eonstal.irt unser Bitter, dass der Bischof

zu Worms, sein gnädiger Herr von wegen seiner fürstlichen Gnaden

und ihres Stifts auf l3egehr röm. kaiseri . Majestät in Ireffenlicheih Hath

vieler seiner Gnaden, Prälaten, Ritter, Knechte und Lehenmann, unter

denen er damals auch einer gewesen, beschlossen habe, eine ]3otschaft

zu ihrer kaiser). Majestät zu schicken; und da nun seine fürstliche

Gnad in solchen Sachen vor Andern Meister Balthasar Schlör gebraucht

habe, so sei dieser aligefertigt. Nachdem er auf St. Matthis Tag

(24. Februar) zu WTorms angeritten, ‚abc er den Kaiser nach dem

Sonntag Oculi zu Weiss im Land all Ens angetroffen, seine

Werbung gethan und Abschied empfangen und sei dann Donnerstags

vor dem Palmtag (29. März) zu seinem gnädigen Herrn wieder kommen

und habe Relation gethan.

Da ihm, Schlür, nun bericht worden, dass ihm die Zeit seines

Ausseins alle seine Habe, so er zu Worms in seiner Hauswohnirng

gehabt, aufgezeichnet , verschossen und wo er zugegen gewesst, vielleicht,

als andere a uclr enl.Ieih 1 wäre, alles voll wegen, als ob

er der \Vormsisihen Aufruhr mit Ursacher, thei Ihaft und derenhalb

von der Handlung kaiserl. Majestät Landvogts zu Hagenau, so er in

der Fasten anno 1514 zu Worms gehabt, flüchtig worden sein soll,

habe er in Ansehen dieser Handlung und des Widerwillens, so die

von Worin> gegen ihn, seiner getreuen, dem Stift geII]arren Dienst

halber getragen, und weil er bet'u n den, (lass er in solchen Verdacht.

durch die von Worms gesetzt, doch seinethalben unversclrult, kaiserl.

Majestät alsbald ohn einig Verziehen schriftlich ersucht, seine Uri -

schuld da r'zulliun, um Verhör gebeten. Darauf habe der Kaiser an

25 Münelt 11, 22-411.


den Landvogt. in Unl.erelsass geschrieben ; was Inhalts,: sei gedachtem

Ballbasar verborgen, und auch den Landvogt vielfalt.iglicli, schriftlich

und mündlich, durch viele der Prälaten und Ritterschaft ersucht

um Verhör und Verantwortung, welches doch alles Balthasai'n durch

seine Missgünder urgehalten lind verschoben sei.

Darüber habe min Balthasar sich gegen ihn, Sickingen, hochlich

beklagt, und gebeten, ihm gegen und wider die von '\Vorms als den

rechten reizenden Uracher zu Verhör und Verantwortung zu verhelfen

mit dem Erbieten, aus allen seinen Bündeln, bürgerlich oder

peinlich, vor röm. kaiserl. Majestät, ihrer Majestät Hofrath, Kammergericht,

1


- XXXII -

Nachdem alle Bemühungen, Schlör zu Recht zu verhelfen,

umsonst. gewesen, habe dieser ihn schliesslich um einen Reul.erdienst

angesucht und gebeten, dass Sickingen ihm, als er ein Feind worden,

zu Willen sei. «Also hat uns Golf, der Gerechtigkeit zu Sleiiei', ein

glückliche!) Angriff verluhen uf dem Rhein ». Mit Unwahrheit, aus

Neid und I-lass, schrieben die von Worms ohn allen Grund, «dass

ich unverwahrt meiner Ehren oder etwas anders, dann einem frommen

von dci' Ritlerschaft gebührt, gehandelt hab »

(Auch dass ich dem Kamittergericlit etwas ohnschicklichs geschrieben

haben soll, legen sie mir abermals als erdichtlich zu, wie

sich das aus meinen Schriften und mit A niwort voll Kammergericht

k]äilich dart.hun mag.

« Aus dem allein erscheint öfl'enhat' und k]iirlich, (lass mein Gemüt.

nit zu einiger Aufruhr oder Handhabung unehrharer Handlung, 1)0Gb

röm. Kaiser, unsern a]lergnndigsten 1-Jerrn oder sonst Jetnands einigs

Stands des heil. Reichs zuwider Aufruhr und Empörung, Einführung

einigen Uehels zu erwecken, noch die Stadt Worms von Kais. Majesikit

oder dem heil. Reich zu wenden sieht, wie das doch die voll

in ihrem Ausschreiben und andere meine Missgonder nur zu Nachiheil

einzubilden unierstel eii, sondern alleinig den armen verdrückten zu

ü)uvver (?)».

Sickingen begnügte sich jedoch nicht mit einer Zurückweisung der

gegen ihn und seinen .Klienten erhobenen Anschuldigungen, sondern

ging selbst zum AngiIr gegen die Vertreter der Stadt über, ihre

ganze Darlegung, so hob der Hitler gleich in Beginn seines J3erichts

hervor, solle nur dazu dienen, « ihre lang vielfällig, onehrhare, gewnlliame,

argthiitige Händel mit solchen ihren beblümten Schrifi.en

zu heschonen » . An einer spätern Stelle sagt er bestimmter, dass sie

«weder Gottes, seiner heiligen Kirchen noch Kloster, geistlicher und

vel ti icher, mit oneh ibarem durchdringendein Vörneltnier und Verkleinu

ng göttlicher Dienst viel Zeit her .nif verschont haben, dazu

vielen von der Ritterschaft, fast meinen nächst gesippten

Verwandten und besten Freunden ihre Gerechtigkeiten, Freiheiten,

Nutzungen, l-Jerkommen und Gehrüuche, auch gewaltiglicli,

unersuchl, umerfordert Oder -erlangt einichs Rechtens, entsetzen,

ihnen lieimschen und nehmen, welches selten .heslndigen Frieden

lieden mag, wie wohl sie (loch des Friedens sich in ihrem Ausschreiben

zu suchen und geneigt sein berü hmen »

So schwebe denn auch eine j\ rizahl Prozesse «wie sie dann

vielen Geistlichen und Weltlichen, in der sechst, acht, zehend, fünfzehend,

zwanzigst, zwei Und zwanzigst und mehr ‚lahr mit Entsetzung

und Verliallung des ihren durch scheinlich he2wengiicli Proess

noch ii Ilia Iten »


- xxxIJi -

So nun dem also, so schliesst Sickingens wahrhaftiger Bericht,

((und der mehreril cii Euer k urföi'stlichen, fürstlichen Gnaden, Gnaden,

‚Würden und Gunst. der 'Wahrheit ungezweifelt wissen, steht meine

unlerlhünig, hochdienstlich, fleissig und gütlich Bitt, denen von

\Vorins keinen Glauben zu gehen, noch sich wider mich zu einig?n

Ungnä4en, Widerwillen und Ungunst bewegen lassen, sondern

meine Handlung und Benehmen gegen die von Worns

für nothdringli cli, von ihnen geursacht gnädiglich und

günsilich erkennen und ermessen, mir desshalh gnädigste, gnä-

(lige, günstige Herren, gut Freunde und Gönner sein und bleiben. Das

will ich ufiterthänighich, dienstlich, freundlich und, wie ich soll, ungespart

Leibs und Vermögens, allzeit zu verdienen willig erfunden werden». -

liii Sommer 1515 war die Stadt Worms lediglich auf sich selbst

angewiesen. Während Sickingens zahlreiche ireunde die Sache in

eine gütliche Bahn zu lenken suchten, rieth der VTorniser Stadtschreiber

eifrig ah, Sickingen zu gütlichem Verhör kommen zu

lassen. Sickingen selbst, der dem Frankfurter Rath schon am

8. Juni erklärt hatte, dass er in dieser Sache nichts anderes suche

denn die «billich Ehrbarkeit)) und kein Freund der Empörung sei,

schrieb den 25. November denselben Rath, dass einer der Wormser

Vertriebenen, Hans Hetlelherger, von den Richtern päpstlicher Heiligkeit

in Rom ein Urfhdil ei'langt habe, welches anerkenne, dass ihm

Unrecht und Gewalt geschehen sei; das müsse auch für die andern

Vertriebenen gelten. Ulmann sieht darin ein recht hübsches Beispiel

der Mittel, welche angewandt worden seien, uni Worms ins

Unrecht zu setzen. War denn nicht der Papst für die Mehrheit des

deutschen Volks die höchste Autorität,, namentlich wo es sich um

eine Abgrenzung derkirchlichen und staatlichen Gerechtsame handelte?

Und war es ein verwerfliches Mittel, diese Autorität anzurufen und

nun gar für Sickingen, der als Anwalt der hischöll. Partei da' stand ?

Nachdem im Frühling' des folgenden Jahres sowohl \'Vorms als

die Woims unterstützenden Städte durch 'Wegnahme von Kauf-

)ilannswaarell empfindlich gezüchtigt worden, behaupteten die von

Rechtsgelehrten herathenen Städte, dass die pfalzgräfliche Obrigkeit

wegen Unterlassung der exactissima' diligentia den Rechten

nach zum Ersatz verpflichtet sei, um so mehr, da schon tevissima

culpa die Erstattungspflicht begründe und man obendrein für das

Geleit Geld nehme 0. Ungetähr um dieselbe Zeit sah sich der grösste

deutsche Rechtsgclehrte dieser Zeit, Ulrich Zasius, veranlasst die Lehre

von der culpa einer Revision zu unterwerfen

20 Ulniann S. 68 Anm. 4.

27 Stintzing Zasins S. 137 if,


- XXXIV -

Der Sommer des Jahres 1,516 brachte Worms einige Erleichteiung,

da Sickingens Aufmerksamkeit durch den Krieg, welchen er

in Gemeinschaft mit dein Herrn von Gerolzeck gegen den Herzog

von Lothringen führte, abgelenkt wurde. Am Ende des Jahres schien

die Sache wieder eine günstige Wendung zu nehmen. Freunde

Sickingens hatten darauf hingearheilet, den Zwist zwischen Wo,-ms

und Schlör durch kaiserliche Kommissare entscheiden zu lassen.

Sickingen selbst schrieb den 11. November an den kaiserlichen Rath

Renner, der im Gegensatz zu Nicolaus Ziegler dem Adel günstig war, er

wünsche nochmalige Untersuchung und Ernennung von Kommissarien

er bestand also einfach auf seiner früheren Fordernncr. Aber seine

Gegner erwirkten am 6. Dezember ein neues Mandat gegen ihn, in

Folge dessen die Verhandlungen sich zerschlugen.

Am 3. Februar 1517 theilte der Kaiser dem Rath der Stadt

Stadt Strassburg mit, dass er die Ebernburg belagern wolle. Sickingeu

seinerseits erliess Dienstag nach Pauli Bekehrung ein Ausschreiben

an alle Reichsslände, worin er die Gerechtigkeit seiner Sache vertrat.

Trotz aller Friedensliebe könne er seine Fehde nicht einfach beilegen

und Balthasar unresl.ituirl zu Recht stellen. Seine Ilitlerehre erlaube

nicht, denselben so auf die Fleischbank zu liefern.

Inzwischen hatte der Kaiser am 23. April an Strassburg geschrieben,

dass, da die auf den 12. März anbefohlene Hülfeleistung

für Worms nicht zur Ausführung gekommen sei, der Rath nun sein

Truppencontingent am 15. Juni in Worms haben odei' aber das

Geld dafür erlegen solle. Voll aus war bereits eine Insiruction

ergangen, welche die Kurfürsten von Pfhlz, Mainz und

Brandenburg anwies, Sickingen das kais. Geleit zuzuschreiben und

denselben, seinem mehrfachen Begehren gemäss, seiner Handlung

halber zu verhören. Am 26. Juni erschien Sickingen vor den Kurfürsten.

Nachdem sein. Verlangen nach Oeffentlichkeit der Verhandlung

abgeschlagen worden, überreichte er in dem zwei Tage

später stattfindenden Verhör eine Denkschrift, in welcher ei die

Wormser Streitigkeiten nach ihren Ursachen und Folgen darlegte

und vor allem den Vorwurf zurückwies, als 01) sein Thun zur

Schmach und Verachtung des Kaisers gewesen. Auch habe er

während der beiden ersten Jahre seiner Fehde nur den Wormscrn

Schaden zugefügt, erst, später auch denen, welche den Wormsern

Hülfe geleistet, wofern sie kein Geleit gehabt. «Dem rJi.utz und

Poch» der wider ihn angeltenden Städte gegenüber habe er sich

zur 'Wehr setzen müssen. Er wünsche wieder einen gnädigen Kaiser

zu erlangen, aber auch, dass Kaiser und Stände sich dieser Sache

entschlügen ; dann hoffe er von den \Vormsern schon die i3illigkeit zu

erlangen.


- XXXV -

Man einigte sieh, dass die Waffen ruhen sollten, während die

Kurfürsten an den Kaiser Bericht erstatteten. Der Kaiser zeigte sich

befriedigt. Schon den 7. Juli enthob er von Augsburg aus Sickingen

nehsl. seinen Helfern, Anhängern und Verwandten der Acht, Oberacht

und aller anderen Pönen, die für ungültig und unwirksam

erklärt wurden bei einer Strafe von 50 Mark Goldes. Am folgenden

Tage stellte er eine Instruction zu weiterer Verhandlung aus. Zwischen

Sickingen und Worms sei. einstweiliger Bestand zu errichten, übrigens

die Absolution sehr geheim zu halten. Der Strassburger

Böcklin von J3öcklinsau berichtete den 17. August von Worms

an den Rath seiner Stadt, der Wornser Stadtschreiber befände

sich am kaiserlichen Hofe. Was derselbe schreibe, weide ihm

mitgetheilt. Die Wo'mser hätten i hin die Forderungen Sickingens

schriftlich übergehen, die er hiermit. Übersende. In einem eingelegten

Zettel wird hinzugefügt «Nach dein Schreiben dieser Missiven

hat mein Herr Karnnierrichler nach mir geschickt und mir

gesagt., dass ciii Anstand sig zwischen röm. kais. Majestät und

Francis'cus». Nach einem weitern Bericht vom 31. August hatte der

Kainmerric]iler in der Nacht wieder nach iluxi geschickt und ihm

gesagt., dass die Stände des Reichs auf 'den 24. August sich auf

Rotenhin'g zu erheben würden.

Worms war unterlegen, Sickingen Sieger. Im Frühjahr 1518

langte ein Schreiben aus dem kais. Hoflager an, worin der Ritter

aufgefordert ward, persönlich zu erscheinen. Nach dein

ritt er an den Hof. Der kaiserliche .Dath Zie g ler, den Sickingeu

nicht ohne Grund für das Haupt seiner Gegner hielt, sandte ihm

zum Willkomm ciii Fässchen Wein, und erbot sich mehr zu senden,

falls der Trank munde.

Am andern Morgen fand die Audienz statt, der nur noch der

geheime Rath von Renner bciwohnle. Sickingen trug seine Ent,-

schuldigimg vor und der Kaiser erklärte Alles für ein blosses Missverständniss

er wolle dem Ritter wieder ein gnädiger Kaiser sein.

Renner habe Befehl, über das Weitere zu verhandeln.

Schlör, der die Wendung der Dinge in der Nähe seines

Herrn beobachten konnte, hatte sich schon am 27. Juli 1517 an

Dielrich Spät gewandt, um durch denselben zur Restitution und

zum Austrag zu gelahgen. Dieselben wolle er, wie auch sein Junker

thun werde, geheim halten. lin Januar 1518 wandten sieh dann die

geächteten \Vormscr als des frommen Junkers von Sickingen Diener,.

Anhänger und Verwandte an die Stadt. Worms mit dein Begehr,

«dass Ihr unaufzüglich hei kaiserl. Majestät darob syt, . wie

Ihr uns zu Nachtheil die Acht wider Form und Rechten ausbracht

habt, verschafft, dass wir der Sachen gegen Euch zu Verhör kommen


- XXXVI -

und jedem, was billig, wiclerfahre». Sickingen vornämlich aber trat

für seine .Klienten aufs entschiedenste ein. Den 11. August schrieb

er, an Peter Scher, der auf dem Reichstag zu Augsburg den zahlreichen

Wormser Gesandten entgegen zu wirken suchte und ertheilte

ihm die Weisung, die Hestitution der Vertriebenen vor dem rechtlieben

Austrag zu erwirken.

Am 93. September kam ein Friede zwischen Sickingen und

seinen Feinden zu Stande, aber die Wormser Angelegenheit war

damit noch keineswegs erledigt.

Schlör konnte Sonntags nach Galli (10. Oktober) dein kaiserl.

Landvogt mittheilen, dass röm. kaiseri. Majestät ihn auf seine Ent-

.schuldigung gliädiglicl1 voll Acht absolviert, und in seine Hab

und Güter wieder restituirt habe. Bürgermeister und Rath der

Stadt Worms erklärten freilich dem Landvogt noch den 25. Oktober,

und wahrscheinlich nicht mit Unrecht., dass sie von Schlörs Absolution

und Restitution gar nichts wüssten, ihnen dieselbe auch nit ver-

Idiot sei.

Sonntag nach Elisabeth (19. November) schrieb Sickingenan den

kaiserl, Rath Ziegler «Nachdem Ihr mir jüngst geschrieben und

begehrt haben, dass ich geireulichen Eleiss fürweiiden und fördern

wolle, damit die Mittel, durch röm. kaiserl. Majestät verordnete

Kommissarien zwischen dem hochwürdigen Fürsten, meinen gnädigen

Herrn, dem Bischof, seinem Kapitel und der Stadt Worms in zwischen

ihnen schwebenden Irrungen vorgeschlagen, durch gemelten meinen

gnädigen Herrn und seiner Gnaden Kapitel, angenommen würden,

das hab ich mit getieucm Fleiss kaiserl. Majestät zu unerthänigem

Gefallen und Euch zu freundlichem Willen gethan, und wiewohl

unter denselben Mitteln MIlch dein Stift ahhrüchlich, altem Herkommen

und Gerechtigkeiten entgegen, so hat doch mein gnädiger Herr

der Sachen zu gut dero viel umgangen und tauen lassen». An

demselben Tag schrieb auch der Bischof an Ziegler, um ihm

freundlichen Dank zu sagen für seinen «treuen Fleiss in unserm

und unsers Stifts Sachen hei kaiserl Majestät und sunst.»

Mit dem Tode des Kaisers Maximilian ward die Sachlage für

Worms noch ungünstiger; indem der Pfalzgraf als lleichsverwesser

an des Kaisers Stelle trat, verlor die Stadt und gewann der Bischof

einen Scliutzhertn. Am 17. Juni 4519 ward die Pfalzgrafenrachtung

vollzogen, welche die Raths- und Gerichtsverfassung in Worms neu

ordnete und bestimmte, dass neben 12 Pat.riciern und 18 Handwerkern

wieder 6 Ritter gewühlt werden sollten. Am 28. Juni 4520 ward endlich

der neue König gewählt., nachdem die in Augsburg versammelten

Räthe Maximilians die Unterhandlungen in Deutschland gepflogen. In

Mainz hatten um dieselbe Zeit kaisert. Kommissare ein Abkommen


- NXXVI( -

wegen Schlörs getroffen, nämlich dahin, (lass ihm für alle Forderung

und Anspruch, so er seiner Habe und Güter halber, die ihm in

Worms vermöge der Acht genommen worden, zwölfhundert Gulden

aus Gnaden und un),Friedlebens willen gegeben und gezahlt werden

sollten. Die Zahlung erfolgte durch dieselben Kommissare, denen

Sehlör Quittung ertheilte.

Als dann Karl V am 22. Oktober zur Krönung in Aachen einzog,

war auch Sickingen beschie(len. In Köln, wohin er den Kaiser begleitete,

streckte der Ritter dem Herrn zweier Welten 20000 rhein.

Gulden ohne Zinsen und Unterpfand vor. Am 23. Oktober ward zu

Brüssel seine Bestallung als königlicher Rath,Köminerling und Hauptmann

ausgefe'rtgt. Schon nacl) seiner Aussöhnung mit dem Kaiser

Maximilian hatte er eine Denkmünze schlagen lassen mit der Umschrift

«allein Gott die EIii, lieb den gemeinen Nutzen, beschirm

die Gerechtigkeit » in seiner neuen Eigenschaft liess er Münzen mit

derselben Umscluift gen.

Welchen Respekt. konnten Sickingen die Ordnungen des Reichs,

die Mandate des Kammergerichts, die kaiser. Acht. einflössen?

Behaupteten die Kurfürsten, dass sie in Kraft ihrer Freiheiten

dem Kanimergericlit nicht unterworfen seien, so handelte Sickingen,

ohne von dein Notiz zu nehmen, ganz wie er es für

recht hielt,.


11. Die Fehde gegen Trier.

Zeigte uns die Wormser Fehde Sichingen als eifrigen Anwalt,

eines Bischofs, in denn dem er seinen Lehnsherrn verehrte, den er in

seinen altherkömmlichen Gerechtsamen .heeinl.rächtigt sah, so finden

wir ihn später als einen ebenso heiligen Gegner eines Bischofs, und

zwar des miichtigen kurfürsl.lichen Erzbischofs von Trier. Inzwischen

ist mit, dem Ritter eine grosse Wandlung vorgegangen : der gläubige

Sohn der allen Kirche ward ein eifriger Anhänger der neuen, auf das

Wort Gottes gegründeten Lehre. Huttun war es, der ihm die Verhältnisse

des Beichs in anderm Lichte erscheinen lies. Durch I-Jutten ward

er auch veranlasst, für Reuchlin gegen die Dominikaner einzutreten, und

so bildete diese Fehde (las Vorspiel zu der gewaltigen Unternehmung

gegen Trier. Da der Konflikt Reuchlins mit (teil als

ein typisches Beispiel der geistlichen Rechtspflege dieser labt betrachtet

werden kann und Sichingen hier Gelegenheit hatte, «das

antichristliche Gesetz der Pfaffen» z u studieren, so darf an die letzten

\. Stadien des Prozesses erinnert weiden Ich folge dabei der vortreff-.

liehen Darstellung von Strauss, dein in Böcking ein genauer Kenner

des Rechts zur Seite stand 1

Nachdem die Kölner einen kaiserlichen Befehl an alle Reichsangehörigen

erwirkt hatten ‚ wonach der Augenspie gel fleuchlins,

wo man ihn finde, cnnfiscirt weiden sollte, sah sich auch Reuch!iii

jeder Rücksicht entbunden und erklärte: «wer schreibt oder sagt,

dass ich in meinem Ratluschlag, die 3 iidehbücher betreffend, ans

Befehl kaiserlicher Majestät gemacht ‚ habe gehandelt anders

1 Strauss: Ul l ich von Hatten gsa'umeh1.c Schriften VII) S. 147 ff.


- XXXIX -

denn ein christen'licher, . frommer, ehrbar Biedermann, cierselb

lügt als ein unglaubhaftiger, leirhtFertiger, ehrloser Bösewicht ; des

erheut ich mich zu Ehren und Recht fürzukomren. Jm Juni

1513 fand er Gelegenheit, seine Vert.heidigung dem Kaiser zu überreichen

und ein Mandat auszuwirken, das beiden Theilen Schweigen

auferlegte. Aber schon einen Monat später hatten seine Feinde denselben

Kaiser dahin gebracht, dass er einen Befehl an die rheinischen

Erzbischöfe wie auch an den Ketzermeister erliess, die Reuchlinsche

Schutzschrift, wo sie sich fände, wegzunehmen und zu unterdrücken.

Am 0. September 1513 forderte der Ketzermeister Hochstraten

Reuchlin auf, am 15., also schon am sechsten Tage nach der Vorladung,

in Mainz vor seinem Richterstuhl zu erscheinen. Auf den Protest

des von Reuchlin geschickten Procurators wurde der Termin erstreckt,

und so erschien den 9. Oktober Beiichuin in Begleitung eines

Poctor theologiae und. juris und eines adeligen Obervogts, die Herzog

Ulrich zu seinem ‚l3eistande verordnet hatte. Als am 13. Oktober auf

dein Richtplatz, wo schon der Scheiterhaufen aufgerichtet war, das

Urtheil verlesen werden sollte, welches den Augenspiegel zum Feuer

verdammte, da kam ein Bote aus Aschaffenburg mit dein erzbischöflichen

Befehl, kraft, dessen das inqnisitionsgericht aufgehoben und

Reuchlins Appellation an den 'Papst genehmigt wurde.

Der Papst übertrug die Sache dem Bischof von. Speier, der

seinerseits zwei seiner Domherren mit der Entscheidung beauftragte,

die Reuchlins Augenspiegel schützten, Hochstraten Stillschweigen

und Kostenersatz von 111 rheinischen Gulden auferlegten

und bei Strafe des Bannes geboten, sich binnen dreissig Tagen mit

Ileuchlin zu vergleichen. Da nun Hochstraten seinßrscits an den Papst

appellirte, 'fand sich auch Reuchlin veranlasst, die Akten nach Rom zu

senden. Jetzt übertrug der Papst die Sache dein Kardinal Gjimani und

dann einer Commission von 18 Prälaten, vor der sich die Verhandlungen

unter immer neuen Winkelzügen der Mönclisparlei Jahre

lang hinzogen. Endlich am 2. Juni 1516 fand die öffeniliche Schlusssitzung

statt., in welcher das Urtheil geflilIc werden sollte. Der Vorsitzende

und die Beisitzer stimmten alte ftur den Augenspiegel, bis

auf den magister sacri palatii, den Dominikaner Prierias. Der Papst,

der den mächtigen Predigerorden fürchtete, erliess ein mandaturn de

supersedendo, d. li. die Sache wurde nicht entschieden, sondern niedergeschlagen.

Hutten war während seines zweiten Aufenthaltes in Italien dem

Gange des Prozesses mit lebhafter Theilnahme gefolgt. Unter dem

letzten Juli 1516 schrieb er aus Bologna an Nicolaus Gerbet, die

Rettung sei iahe; Hochstraten habe mit den ungeheuern Summen,

die er verschwendet, nichts ausgerichtet.. Einen Monat später gaben


- XI) -

ihm seine Freunde aus Rom immer noch gute Hoffnung; aber er

fürchtete aufs Neue den Einfluss des Sophislengoldes, da er die

Geldgier und Bestechlichkeit der römischen 1-löflinge kannte.

4519 im August. war Hatten in Stuttgart. bei Reuchlin und

erschien dem guten Alten, der mehr moralischen als physischen Mutti

hatte, in dem bevorstehenden Kriege als Helfer. Als das feindliche

Heer sich der Stadt näherte, setzte Hatten es mit Siekingens Vermittlung

hei den Anführern durch, dass im Fall einer gewaltsamen Eroberung

der Stadt Reuchlins Haus durch öffentlichen Ausruf im

Heer sicher gestellt werde. Später ging Sickingen selhst mit HutI.eti

zu Reuchlin, bezeugte ihm seine Ehrfurcht und versprach ihm in

Bezug auf seinen alten Streithandel alle Hülfe. Die aufgelaufenen

Prozesskosten schlug Reuclilin schon 1515auf- mehr als 400 Goldgulden

an.

Arh Freitag nach St. Jakobstag erliess Sickingen eine Erforderung

und Verkündigung an Provinzial, Prioren und Convente des Prediger-

Ordens deutscher Nation, und sonderlich an den Bruder Jakob Hochstrafen,

von wegen des iioelige]ebrlen und weltberühmten Herrn Johann

Reuchlin, beider Rechte Doctors. Da er, Franz, als Liebhaber von

Recht und Billigkeit, in Betracht ferner, dass Reuclilin seinen Ettern

oftmals gefällige Dienste erzeigt, auch, so viel au ihm gewesen, sich

helleissigt habe, ihn, Franz, in seiner Jugend zu sittlicher Tugend

zu unterweisen, oh solchem ihrem Fürnehmen nicht unbillig Missfallen

trage, so stehe an Bruder Hochstrat.en und dessen Ordensobere

sein Begehr, gemeldeten Doetor Reuchlin fortan ruhig zu

lassen, auf den Grund des speierschen Urtheils ihm Genugthuung zu

geben und insbesondere die ihnen auferlegten Prozesskosten im Betrage

von 111 Gulden an ihn zu entrichten, und zwar binnen Monatsfrist,

nach Ueherantwortung dieses Briefes,

Bald nachdem der in seinen Mhteln ganz erschöpfte Beuchl:in

von Pirkheimer ein Darlehen von 30 Goldgulden erhalten hatte,

fing der Fehdehrief an zu wirken. Uni Weihnachten kam der Dominikanerprovincial

zu dem Ritter nach Landstuhl und auf sein

Bedeuten machl.en sich bald darauf zwei Abgesandte des Ordens zu

ieuclilin auf den Weg. Dieser war klug genug, sie an Sickingen als

seinen Beschützer zurückzuweisen. Erst versuchten sie allerhand

Winkelzüge und verlangten Fristen, aber Sickingen zeigte ihnen vollen

Ernst. Um die Unterhandlung mit diesem zu erleichtern, veranassten

sie nun J-Joct,straten, seine Aemter als Prior und Jnquisitoi

nieder zu legen, und Ende Mai 1520 hatte Reuchlin die ihnen

in Speier auferlegten Prozesskosten in gutem Gold in Händen.

Iieberdies erliessen die Dominikaner ein Schreiben an den Papst,

in welchem unter ehrenvoller Erwähnung l :teuchlins um gänztkhe


- -

Hinlegung des Handels auf ewige Zeiten gebeten war. Aber als fichte

MatTen hatten sie das mit dem stillen Vorbehalt getharf, es unmittelbar

darauf als erzwungen zu widerrufen, in diesem Sinne

schickten sie dem ersten Schreiben eilig andere nach. Am 23. Juni

1520 erfolgte ein päpstliches Breve, das die speiersche Sentenz

förmlich kassirte, Beuchlins Buch verdammte und den Verfasser in die.

gesammten Prozesskosten verurtheiltö. .Fiochstrat.en, in seine nur zum

Schein verlorenen Stellen alsbald wieder eingesetzt, und seine wür

Brüder schlugen das Breve in Köln mit Jubel an.

Siekingen musste sich noch einmal in den Handel legen. Er liess

sich durch Holten ein Schreiben au den Kaiser aufsetzen, auch die

Kurfürsten von Mainz und. Sachsen um ihre Verwendung in der Sache

bitten. Reuchlin selbst hul er auf die Ebernburg ein. Aber der

schwach gewordene Gelehrte hatte schau zu Anfang desselben Jahres

einen Lehrstuhl des Griechischen und Hebrfiiscben an der Universität

Ingolstadt angenommen, um im Frühling 1521 sein altes Hauswesen

in Stuttgart wieder aufzusuchen und im folgenden Winter nach

Tübingen überzusiedeln. Am 30. Juni 1522 starb der hochverdiente,

vielgeärgerte alte Mann an der Gelbsucht. Wie es, mit der Beitreibung

der Kosten des langjährigen Prozesses, die ihm schliesslich auferlegt

worden, gehalten ward, erfahren wir, nicht. -

Im Januar 152 0 warHutten hei Sickingen auf Landstuhl nnd suchte

ihn ebenso für Luther, wie kurz vorher für Reuchlin zu stimmen.

Sickingen hatte es damals besonders auf Ferdinand abgesehen. Ihm widmete

Hatten die Schrift aus den Zeiten Heinrichs IV, zu dessen Gunsten

und wider Gregor VII. verfasst, die er das Jahr vorher irr der Bibliothek

zu Fulda gefunden hatte. Sie Karl selbst zu widmen, davon hielt dci'

Umstand ab, dass dieser noch in Spanien war; aber auch an ihn

wandte sieh Hutten in der Zueignung Einen grössern Dienst könne

beiden jungen Fürsten Niemand erweisen, als wer sie nicht länger

Knechte sein lasse. Knechte der römischen Bischöfe aber seien alle

diejenigen deutschen Kaiser gewesen, welche sich •die Demüthigung

hei der Krönung, die Eingriffe in die Regierung, die Plünderung

Deutschlands, wie sie seit langem herkömmlich geworden, habegefallen

lassen. Die beiden erlauchten Brüder sollten dein

Bevoi'thiilungssystem, welches die Päpste in Deutschland in Anwendung

bringen, ein Ende machen, ihr Regiment damit eröffnen,

dass sie den Deutschen die Freiheit wiedergäben und jenen ihr Rauhen,

Plündern und Trügen legen.»

Im Lauf des Juni, als man in Born die Verdammungsbulle gegen

Luther zu Stande brachte, schrieb dieser seit) Buch an den christ-


- XLII -

liehen Adel deutscher Nation. Anfangs August erschien die welthistorische

Schrift, in weicher dargelegt ward, dass die Geistlichen das

Wort Gottes und das Sakrament sollten handeln, - das sei ihr Werk

und Amt, - und dass sie der Obrigkeit unterworfen sein mflssten. Der

Papst solle bestehen, natürlich nicht als Oberherr des Kaiserthums,

noch als Inhaber aller geistlichen Gewalt. Zunächst in Deutschland

solle man einen Primas haben mit seinem eigenen Gericht und seinen

Kanzleien der Gnade und Gerechtigkeit., vor welchen die Appellationen

von den deutschen Bischöfen zu bringen seien.

Vom September an finden wir Hutten auf der Ebernburg. Ehen

schickte Sickingen sich an, zur Begrüssung des aus Spanien angekommenen

Königs Karl abzureisen, «Tag und Nacht», rief J-Iutteu

dein Rhein hinaufziehenden Kaiser zu, «Tag und Nacht will ich

Dir dienen ohne Lohn; manchen stolzen Helden will ich Dir aufwecken;

Du sollst der Hauptmann sein, Anfänger und Vollender;

es fehlt allein an Deinem Gebot..» -

Am 28. Januar 4521 hatte Karl den Reichstag zu Worms

eröffnel.. Auf Andriingen der Stände des Reichs war Luther unter

Zusicherung freien Geleits berufen. Im April trat er die Reise all.

Inzwischen war auf der Ehernhuig ein seltsamer Gast eingetroffen,

der Franziskaner Glapion, . des Kaisers Beichtiger, der Sickingen anlag,

er. möge Luther veranlassen, unterwegs bei ihm einzukehren. In der

That sandte Sickingen seinen Gas!. Martin Bucer mit etlichen Reitern

nach Oppenheim, um dein durchreisenden Luther die Einladung

auszurichten. Aber dieser antwortete, wenn der kaiserliche Deichtiger

etwas mit ihm zu thun habe, so könne das in Worms geschehen.

Am 10. April schrieb der päpstliche Nuntius aus Worms:

«Ehen erfuhr ich durch verschiedene Boten und den Lärm des

laufenden Volkes, dass der grosse Häresinrch seinen Einzug hielt.

Ich schickte einen meiner Diener, der mir berichtete, dass er bis

zum Tlaor der Stadt. von vielleicht hundert Reitern, ich glaube

Sickingenschen, begleitet wurde. » Derselbe Aleander meinte, dass

Sickingen jetzt allein in Deutschland König sei. « Die Prälaten zittern

und lassen sich verschlingen wie die Kaninchen. »

Am 17. konnte der Nuntius die Jnstruct ion feststellen für die

Leitung des Verhörs. Der Kaiser befahl ganz nach seinem Wunsche.

Aleander bestimmte die Fragen, welche der Offizial von Trier in

des Kaisers Namen an Luther richten sollte. Der Offizial, der in

demselben Hause mit Aleander wohnte, Vand an Wand, hatte Luther

angekündigt, dass, wenn er jeden Widerruf ahlehne,- das Reich schon

wissen werde, wie es mit einem Ketzer zu verfahren habe. Am 1. Mai

schrieb Hutten, das Vorgehen, als sei Luther •heruIn worden, um


- x 1111 -

sich zu verantworten, sei eine Lüge evesen man habe ihnt ja

keine Verantwortung gestaltet. Und nun behaupteten einige Juristen,

der Kaiser sei nicht verpflichtet, ihm das freie Geleit zu halten, ja

er sei verpflichtet, es nicht zu halten. nie gottlosen Bischöfe möchten

das Beispiel ihrer Vorgiinger auf dem Gonstanzer Concil nachahmen.

Aber, so fügte er wohlgernuth hinzu, «wir haben Franz auf unserer

Seite, nicht allein günstig, sondern voll von Eifer. Er hat Luther, so

zu sagen, ganz in sich gesogen. »

Rom siegte. Am 25. Mai ward von Aleander ein kais. Edict

erlangt, das Luther in der Form verdammte, wie es die Kurie immer

gefordert hatte. Das ganz römische Edict, das «mit einhelligem

Rath der Kurfürsten und Stände und zwar schon am 8. Mai erlassen

zu sein behauptete, war nicht den versammelten Stünden, sondern

den zuflultig heim Kaiser anwesenden Kurfürsten und Fürsten nicht

vorgelegt, sondern lediglich vorgelesen worden. Der Kaiser hatte

dein den grössten Dienst geleistet ; er hatte demselben, so viel

an ihm war, das in seiner Tiefe erregte deutsche Volk unterworfen 2

Am 34. Mai hatte der Kaiser Wo pms verlassen. Am 2Juni

erhielt er in Mainz die Nachricht, dass der Graf von Nassau einen

festen- Platz Roherts von der Mark genommen habe und der von

den Franzosen Anfangs mit so glänzenden Erfolgen geführte Krieg in

Navaira sich hereil.s gegen sie gewendet habe. Mit Sickingen hatte

er dann eine mehrstündige Besprechung über Aufstellung eines

grossen Heers. -

Der Ritter sass im Wildbad, als ihn am 4. Juli eine kaiserliche

Botschaft zu den Waffen rief; auf eigenen Kredit sollte er als .11cfehlshal,er

ein kleines Heer sammeln. Sickingen, der das Anerbieten annahm,

schickte behufs Klarstellung se iner rechtlichen Ansprüche einen vertrauten

Diener nach Brüssel, dein der Kaiser hei seinem fürstlichen

\Vort die Ersiattung der aufgewandten Kosten zusicherte. Unter der

für Sickingen ausgeterhigten Bestallung schrieb er eigenhändig

«Franziskus, t.hut darin Euer Bestes. Wir werden Euch gute Treue

halten und es anerkennen. n

Anfangs August fand im Luxeinburgischen die Vereinigung der

Truppentheile statt. Ende August musste sich Sedan ergehen.

Sickingen, der an ttern Erfolg rührnlichen Antheil hatte, wollte den

Krieg mit gesammter Macht auf französischem Boden ausfechten.

Aber der Graf von Nassiu widersprach. Die Lage Sickingens, der aus

der kaiserlichen Kasse keine Zahlungen erhielt, auch ohne genügende

eigene Mittel war, erschien um so bedenklicher, als Seuchen und

Krankheiten ausbrachen und die Truppen den anbefohlenen Sturm

2 Baumgarten Geschichte Karls V. Erster Band 5 4,54 ff. u. 493 ff.


- XLIV -

auf Mcziäres verweigerten. Hatten sie doch nicht einmal ihren

vollständigen Sold erhalten. Du October war wieder der Sold für

den September rückständig. Dazu wusste man Misstrauen zwischen

die beiden kaiserlichen Feldherren zu säen. Am französischen Hofe

ei-zahlte man sich hohnlachend, dass sie sögar die Schwerter auf

einander gezückt hätten.

Der Kaiser berief das Heer ab und beschied Sickingen zu sich

mit dem Befehl, sein Volk zu beurlauben. Aber die Entlassung hatte

ihre Schwierigkeiten: Sickingen konnte nur einen Theit ahnen,

die Andern mussten sich mit einem Zahlungsversprechen begnügen 3.

In Brüssel angelangt, musste der Ritter sich lange Zeit, gedulden,

während über ihn und seine unfähige, ja ven-ätherische Kriegsführung

die boshaftesten ErvÄhlungen die Bunde machten. Am -15.

- - November schrieb er an den Rath von Strassbur g « Mir ist es fit

ein kleine Beschwerde, dass ich Uch uf die onverdiente erzeugte

Freundschaft in Lihun der zehentusend Gulden, wie ich verschrieben,

nil hab us Verhinderung ö

onvorschener Zufäll Bezahlung

thun mögen,. liege itzund allhie zu Brüssel, gnädige,-

fürdeilicher Bezahlung von kais. Majestät wartend und hoffend, bitt

deshalheu Verzügs der Bezahlung kein Missd1ens zu dragen 4 ». Im

kais. Kahinet ward berechnet, dass man Franz mehr als 100,000

Gulden schuldig sei. Nach langem Harren musste Sickingen sich mit

einem Abschied begnügen, der ihm Zahlung seiner geprüflei. Forderung

im Betrag von 76,500 Goldgulden in verschiedenen Raten

zusagte, dazu 150 Zentner Kupfer für Geschütze, die in' Dienst. des

Kaisers verbraucht worden. Am 1. und 5. Deceinber wurden diese

Abmachungen zu Papier gebracht. Am 17. entschuldi g te sieh

Sickingen wieder bei dem Rath von Strassburg; dass er die geliehehen

10,000 Gulden noch nicht zurückgezahlt habe, der Kaiser habe

ihn noch nicht befriedigt. Ei' sei mit ihm jetzt. über Ansetzung von

neuen Zielen übereingekommen. Doch glaube er, dass die Zahlung

der ersten Rate, die auf puriflcatio (2. Februar) angesetzt sei, sich

bis in die Fasten verziehen werde. -

Werfen wir jetzt wieder einen Blick auf das Reich.

Auf dem Reichstag war das vollständig in Verfall erathene

Kammergericht wieder erneuert worden. Da man hei 3000 alle

unerledigte Prozesse zählte, so dachte man Anfangs daran, so viel

Assessoren zu ernenne!), dass man sie in zwei Senate -abtheilen

könne, von denen der eine sich nur mit den alten Sachen zu beschäftigen

habe. Man halte ferner den Plan, den Prozessgang nach

3 Waitz Die Flersheimer Chronik, S. 70.

4 Politische Koirespondeiiz Nr. 90.


- XLV -

dem Muster der Rota Romana oder des französischen Parlaments zu

verbessern. Allein es zeigte sich bald, wie wenig sich thun lassen

werde. « Ich habe noch keinen Doctor gesehen», schrieb der Frankfurter

Gesandte nach Haus, cc der eine gute Art der Verbesserung

angegeben hätte. Man sagt nur: Personen und Audienzen sollen

vermehrt, die Ferien verringert, Ca'illationen abgeschnitten sverden

das hätte auch ein Bauer rathen können.» «Man sitzt täglich», sagt,

er ein ander Mal, «über der Reformation des Kammergerichts ; aber

das ist wie ein wildes Thier Jedermann kennt seine Stärke Niemand

weiss, wie man es angreifen soll; der Eine räth dahin, der

Andere dorthin.»

Am Ende kamen die Stände, von denen auch hier die Vorschläge

ausgingen, zu der Ueberzeugung, dass sich nichts Tauglicheres auffinden

lasse als die alte Ordnung ([es Jahres 1405, mit den VerS

hesserungen, die sie später erfahren, und einigen neuen Zusätzen.

Die Hauptveränderung war, dass man dein Kaiser, wie bei dem Regiment,

so auch hei dem Gericht., zwei neue Beisitzer vergönnte. Uehrigens

fand die Besetzung auf die zuletzt in Costnitz beliebte Weise

statt man hielt auch hier die sechs Kreise fest. Di. drei geistlichen

Kurfürsten und die drei ersten Kreise sollten gelehrte, die drei

weltlichen Kurfürsten und die drei letzten Kreise rittermässige Beisitzes

senden. Karl V versprach als Kaiser zwei gelehrte, von Seiten

seiner Erblande zwei rittermässige Assessoren. Mit den Ständen zugleich

hatte er dann die Ernennung des Kammerrichters und der zwei

Beisitzer aus dcii Grafen und Herren zu vollziehen. Die Kosten des

Gerichts, das an demselben Ort wie das ständische Regiment gehalten

und der Aufsicht desselben unterworfen sein sollte, wurden

auf 1.3,410 Gulden angeschlagen .

Als Statthalter war des Kaisers Bruder dem Regiment vorgesetzt.

Der Landfriede Karls V ward nicht besser gehalten als die

früheren. Ein paar kaiserliche Räthe, die von dem Reichstage zu

Worms, wo sie ihn hatten beschliessen helfen, nach Augsburg

reisten, Gregor Lam1arter und der Schatzmeister Johann Lucas,

wurden überfallen und gefangen genommen. Der Sitz der Regierung

und des Gerichts ‚ in gewissem Sinn in diesem Augenblick

die Hauptstadt des Reichs, Nürnberg, war auf allen Seiten von

wilder Fehde umgeben«.

im 1-leihst schritt man zur Errichtung der ständischen Regierungsform.

Die alten Akten des Reichskamhiergericht,s, viele Zentner

5 Ranke J, 318 f.

6 fliinke II, 71.


- XLVI -

schwer, gegen viei'thalbtausend ältere, noch nicht erledigte Prozesse

und eine grosse Anzahl neuer Klagen, auf die noch keine Ladung

erkannt war, wurden nach Nürnberg geschafft.. mi Laufe des November

kam man so weit, dass zuerst (las Reichsregiment, dann

auch (las Kammergericht eröffnet werden konnte 7,

Aber noch konnte man hei keinem Urtheil, keinem Beschluss

auf seine Ausführung zählen. So ward jetzt besonders auf eine Executionsordnung

gedacht zur Fürsehung und Erklärung des Landfr'iedens

nach den, im Jahr 1512 gemachten 'Vorschlägen. Der Entwurf ging

zur J3estäligung all Kaiser, der durch seine vorläufige Einwilligung

schon gebunden war.

Auch die Befestigung des Gerichts, das wegen der Art der Besoldung

seiner Mitglieder nur ein prekäres Dasein hatte, ward in's

Auge gefasst und zwar durch eine Reform des Steuerwesens. Die

Städte erklärten, sich dagegen lieber bereit, zwei Beisitzer des Kammergerichts

zu besolden. ‚in Dezember schrieb der Rath von

Strassburg an seinen Gesandten, er habe abermals ein Mandat erhalten,

worin er zur Bezahlung des St.rassbiirger Antheils an der

Unterhaltung des Regiments und Kammergerichts aufgefordert. werde, -

Aber das Geld dafür habe er schon in der }leihst- und Fastenmesse

anno 21 und 22 zu Frankfurt, und Nürnberg erlegt, und die

jetzt. geforderten Beilräge seien erst in der kommenden Herbst- und

Fastenmesse Ihlti,.

Das Regiment seinerseits hatte unter den Einwirkungen der

kaiserlichen Hot'r'äthe zu leiden, die noch immer, keins ihre( lukrativen

-Rechte falten lassen wollten und nach wie vor der Beslecitlielikeit

angeklagt wurden. Es kamen sehr sonderbare Dinge vor. Unter

anderem hatte der Bischof von Würzburg einen mit kaiserlichem

Geleit versehenen Mini niederwerfen lassen und hielt ihn gethngen

Billiger Weise nahm sich das Regiment des Ueherwältigten an. 'Wie

sehr erstaunte man aber, als ein Erlass des Kaisers einlief, worin

er erklärte, er habe jenes Geleit unbedachtsam gegeben mithin

könne (]ei- Bischof ein wahres kaiserliches Geleit nicht gebrochen

haben. In Gemeinschaft mit dem Regiment verwandten sich die

Stände für den Bischof voll der sich über die Acht beklagte,

die gegen ihn und seine Freunde ergangen war, ohne dass

sie 'eitirt und verhört worden. Aber der Kaiser wollte nicht leiden,

dass man ihm «In seine Geschäfte» greife und wies die Verwendung

kurz ab. Am 14. Mai gedenkt Planitz eines Mannes, der nach langer

Gefangenschaft eine kaiserliche Absolution ausbringt. « Ist vermuthlielt,

weil das Regiment die Sach zu sich fbrdert und die

7 flanke II, 27.


- XLVII -

Such den Hofrätlien nicht gestatten volIte hierin zu handeln, dass

sie die Absolution gefördert, damit das Regiment auch nichts daran

haben sollt.»

%\Tir wissen, wie sehr grade die Ritterschaft über den damaligen

öffentlichen Zustand missvergniigt war, vor Allem über das Kammergericht.,

das nur den Schwachen zu finden wisse, aber den Mächtigen

in Ruhe lasse.

Im Frühling vereinigte sich nun der oberrheinische Adel zu

Landau darüber, seine Lelinssachen nur vor Lehnrichter und

Mannen, wie vor Alters hergebracht, seine Streitigkeiten mit andern

Ständen nur vor unparteiischen, mit rittermüssigen Leuten besetzten

Gerichten entscheiden zu lassen und einem Jeden, dein dies versagt

werde, zu Hülfe zu kommen. Zu ihrem Hauptmann wählte die

freie Reichsritterschaft, die dieses brüderliche Verein- und Verst.ändniss

zu Beobachtung guter Polizei und Handhabung des Landfriedens

unter sich aufrichtete, den edlen, ehrenfesten Franciscus von Sickingen,

der neben andern vorn Regiment für die Stelle eines obersten

Hauptmannes gegen die Türken in Aussicht genommen worden.

Eine Schrift Hnttens an die Reichsstädte, ungefähr vorn

ist ein Manifest der Gesinnungen, die man in der Umgebung

Sickingens hegte. Nie sind die Fürsten heftiger der Gewalithätigbeil,

und Tjnrechtlichkeit angeklagt worden:

Auf der Ebernburg war es, wo um dieselbe Zeit zuerst der

evangelische Gottesdienst eingeführt ward. Von April bis November

iebI.e hier Oecolan»padiu's 1 der den Burggottesdienst reformirte.

Evangetiutn oder Epistel in der Messe wurden deutsch verlesen und

Sickingens Pfarrer verheiratheten sich.

Im Sommer traf die Reihe, bei dem Regiment persönlich anwesend

zu sein, den Kurfürsten Friedrich. Die Stellung des Begi-

)fleITtS zu der religiösen Bewegung änderte sich nun, wiy es zu voller

Selbstständigkeit gelangte wesentlich! Die Behörde, welche die kaiserliche

Gewalt repräsentirte, nahm den von» Kaiser geächteten Luther

in Schutz und näherte sich seinen Tendenzen.

So lagen die Verhältnisse, als Sickingen im Herbst die neue

Fehde ankündigte. Was ihn zuletzt zu diesem Vorgehen trieb, war

sein (Jnmut.h fiber die finaniiellen und militärischen Zustände des

Reichs. «Ich fürchte den Kaiser nicht», so erklärte Franz 1 in» Parlernent

zu Paris, «denn seine Kassen sind leer. Ich dagegen habe

Geld im Ueberfluss, kann auch die Kirchengüter nach meinen Absichten

verwenden.»

Wie es mit den kaiserlichen Finanzen und den kaiserlichen

Truppen stand, wusste Niemand besser als Sickingen. Durch

die Unternehmung gegen den erzhischöflicheti Kurfürsten gedachte


- XLVIII -

er 'Geld und Truppen für den Kaiser zu gdw'innen. Mit gröster

Offenheit erklärte er (las später dem Boten des Räiclisregimdnts

«Wolle man ihm folgen, so wolle er helfen machen, wann die K. M.

in diese-Lande komme, dass K. 14. mehr Le u t u nd Gelds

finde »

Voll patriotischen Zorns sah er die vorn, Klerus zusammengebrachten

und in undeutschem Interesse verwandten Reichlhüitier.

Nicht umsonst halte er die Enthüllungen Hutt.ens über das Treiben

des römischen Hofs Vernommen.

Es scheint kaum einem Zweifel zu unterliegen, dass Franz dem

Ruhme eines Ziska nchstrebte, der die Güter der Waffen Iheils den

Erben derer, die sie gestiftet, Iheils dem allgemeinen Besten zurückgestellt.

Schon ging denn auch das Gerücht, Sickingen habe sich

vorgenommen, die Pfaffen und Bischöfe zur Ordnung zu bringen.

Ueber das Verhältniss zum Kaiser war Siekingen schon längst

mit sich im Klaren. Deutschland brauche jetzt einen schai-.fe.u, kriegej-isclien,

nicht einen trägen Pfaffenkaiser. Es gäbe Fälle, wo Ungehorsam

gegen den Kaiser der beste Gehorsam sei.

Am wenigsten konnte das päpstliche Recht im Wege stehen.

Hatte doch schon Luther die päpstlichen Gestzhücher verbrannt. Und

wenn Holten erklärte, dass das ganze päpstliche Recht als eine

Sammlung von herrsch- und habsüchtigen Menschensatzungen von

allen übrist]ichen Fürsten iiud Völkern verbrannt und abgeschafft

werden sollte, so hatte Franz nichts dagegen, ja er war damit einverstanden,

dass alle lateinischen Reclitsbüchet- an einem Tage verbrannt

würden.

Bald erschien es ih in als Pflicht, die Unterthanen des Reichs,

so viel er vermöchte, von dem antichristlichen Gesetz dci- Pfaffen zu

befreien. Es liege kdin G•I'IInd vor, auch wider Papst und Bischof

zu kriegen, da sie ja selbst das Schwert gebrauchten. Kein deutscher

Bischof seijetzt ein Prediger, dagegen viele treffliche Jäger und

Krieger, vor denen Niemandes Erbgüter sicher seien. Wenn die

Priesterschaft auch ferner- auf Ermahnungen nichts gebenwerde, so

müsse man Gewalt gegen sie gebrauchen.

Es trafen mannigfache Gründe zusammen, um grade gegen den

Bischof Ion Trier vorzugehen, dür noch immer den Titeleines Erzkanzlers

von Arelate führte. War dieser Kurfürst es doch vorzüglich

gewesen, der im Interesse Franz 1 sich lange gegen die Wahl des

Kaisers Karl erklärt hatte, der von dein Könige «Kronen

unbillig empfangen und wider die königl. Majestät eingenommen»,

8 Notizenblatt, Beilage zrnn Archiv für Kunde ösl.erroieluscher Geschichtsquellen.

Zweiter Jahrgniig (1852) S. 41.


dessen Offizial die Verbrennung der Bücher Luthers in Trier so

gründlich besorgt. hatte, dass nicht eines übrig geblieben war, und

Luther selbst in Worms ganz nach den Befehlen des päpstlichen

Nuntius inquirirt und behandelt hatte. Die Handhabe aber für

seinen Angriff gewährten gewisse pi'ivtrechtliche Ansprüche, die er

gegen Trier erworben. -

Nicht Zufall ist es, dass Sickingen den Kurfürsten vor allem auf

dein Gebiet seiner französischen Beziehungen zu fassen suchte.

Der Mainzer Peter Scheffer hatte gewisse Ansprüche gegen

französische Unterthanen erworben, für die er bei Ludwig XII keinen

Schutz hatte finden können. Scheffers Söhne wandten sich nach des

Vaters Tod an den König Franz, aber wieder umsonst. Da erliess

Kaiser Maximilian am 2. Februar I51.6 zu Gunslen der Scheffer

einen Repressalienbrief, worin er den Kurfürsten, Fürsten und

Unterthanen des Reichs hei einer Strafe von'zwanzig Mark löthigen

Goldes befahl, auf Anrufen der Schefferschen Anwälte alle Unter-

[hauen Franz 1 und deren auf Reichsboden betroffene Habe in Besitz

u nehmen und, falls innerhalb sechs Wochen ein Abkommen nichi.

zu Stunde komme, die Güter an die, Kläger auszuantworten.

Sickingen und sein Freund Hilchen von Lorch, einer der Stein-

Kallenfels'schen Ganerben und späterer kaiserl. Hauptmann, ohne

Zweifel um einen Ritterdienst ersucht, liessen sich die Forderung

der Scheffe" übertragen, und als nun Kaufleute aus Mailand, das

Frankreich in Besitz genommen hatte, Trier'sches Gebiet durchzogen,

wurden ihnen auf Grund des kaiserl. Rpressalienhriefes

Waren in bedeutendem Werthie abgenommen 9. Aber der Erzbischof

von Trier verhinderte die Fortschaffung der Waren, indem er, wie es

scheint, die entsprechenden Befehle an die Stadt Trier ergehen liess.

Nach dein kaiseri. Mandat hatte sowohl der Erzbischof als die Stadt

die angedrohte Pön verwirkt, die nun Sickingen und Lorch für sich

in Anspruch nahmen. Sickingen, durch anderes genügend beschäftigt,

überliess die • Verfolgung dieser Angelegenheit zunächst seinem

Kameraden. Wie wir aus dem späteren Fehdebrief entnehmen, verlangte

dieser von dem Magistrat der Stadt Trier zunächst Kostenund

Schadensersatz «wegen Verzug und Weigerung mit Zustellung

der französisch Güter in Kraft kaiserl. Majestät, hochhöbhichst Gediichtniss,

Jepressalien Von wegen der Schöffer Gebrüder zu Mainz,

desgleichen die verwirkte Pen in beinelt Bepressalien bestimmt.

Als sein Gesuch hier abgeschlagen ward, wandte er sich an den

Kurfürsten, natürlich gleichfalls vergeblich.

Die beiden bei Ulmann 5. 90 und 5, 281 f. besprochenen Vorgänge

sind ohne Zweifel so, wie oben dargestellt, zu combiniren.


- 1. -

Es kam eine zweite Sache hinzu. Ein Eitler, Gerhard )3örner,

war mit einem Amtmann des Kurfürsten feindlich zusammengestossen

und verband sich null Johann Buchen von Lorch und

Heinrich von Than:n. Dieselben nahmen im März 1521 zwei wohlhabende

Trierer Unterthanen gefangen, von denen der eine Schuliheiss

von Sennheim (hei Bernkastel), der andere Vater des 1\eihhischofs von

Trier war, und führten sie auf die Burg Thann ab, wo sie, wie unser

Guiaeht.en erzählt 0, in Fesseln gelegt wurden. Als Schatzung ward

eine Summe voll Gulden verlangt, und da die Haft sich Monat.e

lang hinzog, noch 150 Gulden für Atung. In ihrer NotEi wandten

sich die Gefangenen all

der jedoch nach dein

keine Lust hatte, sich mit der Sache zu befassen. Ende Juli aber war

Sickingen in Thanu und versprach den Gefangenen, sich für sie hei dem

Weihbischof voll zu verwenden, ein Versprechen, all jene

ihn am 3. August durch seinen Sohn Schweickart erinnern liessen.

In diesen) ihrem Schreiben erklärten sie zugleich, (lass, \venn Franz

selbst sich für sie verbürgen wolle, sie mit all ihrem Vermögen,

das ihnen nicht für 12000 Gulden feil sei, und zugleich mit ihrer

Person gerichtlich verhaftet sein und ihm für allen Schaden aufkommen

wollten. Ihren wiederholten dringenden Bitten, für sie

einzutreten, gab Sickingcn endlich nach. Diebisherigen Gefangenen

wurden nach Hohenhuig geleitet, wo Sickingcns ältester Sohn lebte,

und hie,' ward ein doppelter Vertrag geschlossen. Während Sickingen

für die mit den - Trierern vereinbarte Loskaufssumine als Selbstschuldner

eintrat, verpflichteten die Trierer sich eidlich, diese

Summe in Monatsfrist auf der Ebernlurg zu erlegen oder sich

bei SickiI)en wieder zur Flaft zu stellen. In einer darüber am

8. August ausgestellten Urkunde entsagten sie jeder Einrede und

erklärten, sich selbst durch einen von der Obrigkeit aus eigenem

Antrieb gegebenen Befehl nicht ihrer Verbindlichkeiten enthoben zu

betrachten. Aber nach 1-lause zurückgekehrt hatten sie iiiehts eiligeres

zu thun, als sich voll Erzbischof ihres Eides etitbinden

zu lassen und die Sache an das Beiclisregiment in Nürnberg

zu bringen. Sickingen ward vorgeladen, um die Gründe zu vernehmen,

wessl,aih die ii läger sich all Versprechen nicht gebunden

erachteten. Wie Wir hören, stellten sie das Versprechen als ein erzwungenes

dar:

Dass die Trierer die Sache wenigstens zunächst vor das Reichsregiment

und nicht vor das Kammergericht brachten, das kann einem

Zweifel nicht unterliegen. Diese Thatsache wird festgestellt sowohl

10 p. 4: lii dao reiii miene et earecnis molestin. graviter

1. c. F. Sieinium din renitentem multis tandem preeihus exorarunt,.


- LI -

durch Schlörs Bedenken 12, als durch ein Schreiben des Erzbischofs.

von Trier an Sickingen vorn 11. Juni 152213, als endlich durch

Cantiunculas Gutachten 14

Die Trierer stützten sich ohne Zweifel auf die Ordnung des

Regiments, wie sie auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1 52,1 aufgerichtet

worden war. Nich derselben(1) sollte runser Regiment.. volle

Gewalt, Nacht und Befehl haben ‚ des heil. Reichs Sachen, Recht,

Fried, und ihrer beiden Vollziehung und Handhabung und was an

(]ein Rechten, ihrer Handhabung... hanget oder dazu d ienslr

liclt oder erschiesslich sein mag, antreffend und die von des Reichs

Untert.hanen an sie langen oder entstehen werden» 1.

Aber sehr fraglich erschien, ob diese höchst unbestimmte Anweisung

dein eine richterliche Cornpetenz in Privatsachen

verleihe. Als zu Anfang des Jahres . 1524 dasselbe Regiment befahl,

die dein Frowin von Flutten entrissenen Besitzungen zurückzugehen',

da liessen die darob entrüsteten Fürsten, der Erzbischof von Trier

voran, durch den Doctor Venningeu erklären, das Regiment habe

eigenmtichlig und mit Umgehung des Kammergerichts das Urtheil

gefällt. Nirgends finde man in der Reichsordnung, «dass am

Regiment sollten rechtlich Händel geübt und Unheil gesprochen

werden, sondern dasselbe gehöre an das Kammergericht» 17

Sickingen liess denn auch seinen Rechtsbeistand, den • frühern

bisehöll. Notar Schlör, sich gutachtlich äussern 1$, und dass dies Gutachten

gleichfalls dahin ging, das eingeschlagene Verfahren sei unstatthaft,

dürfen wir annehnieii. Jedenfalls hielt sich Sickingen nicht für

verpflichtet, der Ladung Folge zu leisten, sondern hielt es für

genügend, dem flegiment den Sachverhalt, so wie er ihn aufFasste,

12 «als Ihr durch seine (Berners) Gefangene an das kaiseri. Regiment

zu Nürnberg citirt worden. Günther, Codex diplom. Rhteno-Mosell. V, 203.

1 «lind gehen Dir . . zu vernehmen, dass wir h,ericht, worden sein,

wie geinelte Schultheissen sohichen Sachen und Forderun g halb, davon

Da schreibst., von (9 vor) der 'röm. K. M., unsers dlergnädigsten Herrn,

Regiment zu Nürnberg mit Dir in Rechtfertigung stehen. ' Münch Iii, S. 21.

14 p. 4. so([ et ipsum Sicinium coram cöncilio Nurenbergensi in ins

vocari curarunt.

15 Neue Sammlung . 11, 173.

16 Uhmauns Annahme S. 896, Regimnt und K am vi er g er i e Ii t

hätten die Sache gemeinsam in der Hand gehabt, ist unnöthig. Das Reiohsregiment

hatte eine selbständige ; mit der Handhabung des Friedens zusanit

menhängende Jurisdict,ion. Vgl. die Regimenl.sordnnng § 31,

17 Janssen, Geschichte des deutschen Volkes, 110, S. 318 f,

1$ Günther a. ii. 0. «Was ich Euch dc,' beiden halber und zu ihrer

Ablehnung . . angezeigt lian. »


- LII -

mitzutheilen 19• Seitdem vernalmi er, wie unser - Gutachten ausdrücklich

feststellt., in dieser Sache von Seiten des Regiments überhaupt nichts

mehr.

Wahrscheinlich wurden die Trierer später veranlasst, sich an (las

Kanunergericht zu wenden; wenigstens erklärte einerseits der Erzbischof

von Trier noch am 2. November 1.522, seine beiden Schuttheissen

würden zu Nürnberg voraussichtlich Recht behalten 20, so dass

also die Sache noch anhängig sein musste, und anderseits versicherten

die Bevollmächtigten der drei Kriegsfürsten bei den Verhandlungen

mit den Abgesandten des Erzherzogs Ferdinand in Heidelberg, dass

sich die Geschatzten an's Kammergericht gewendet hätten 2]

Donnerstags nach Exaudi (47. Mai) schrieb Sickingen ah den Kurfürsten

von Trier wegen seiner Ansprüche an die durch ihn frei gewordenen

Trierer um Abschriften der betreffenden Schriftstücke einzusenden

und dell Sachverhalt darzulegen. Die beiden Trierer

hätten, wie der Kurfürst wohl wisse, ihn, Sickingen, undankbar

und unwahrhaftig, wider ihren gegebenen Brief, Gelöhniss und

Eid bei vielen der Ehrbarkeit. verunglimpft. Sein Begehren gehe

nun dahin, dass, dieweil die Schuldner des Kurfürsten Verwandte

und I-lintersassen, der Kurfürst auch zu aller Billigkeit mächtig sei,

mit ihnen zu verfügen, er sie dahin weise, unterrichte und anhalte,

ihn, Sickingen, ohn einiges länger Aufhalten zu bezahlen, zufrieden zu

stellen und schadlos zu halten.

Am Mittwoch nach Plingsten, den 1 '1. Juni, antwortete der

Kurfürst von Pfalzel aus in folgendem Schreiben 22 : « Liebe!- hesonder.

Wir hah'en ein Schrift von Dir an uns ausgangen, deren Datum

steht Donnerstag nach Exaudi, empfangen.., ist uns samt etlichen

zugeschickten Copien alles Inhalts verlesen, und geben Dir daruf zu

vernehmen, dass wir bericht Worden sein, wie gemelten Schultheissen

solieher Sachen und Forderung halb, davon duschreibest, von der

Römischen Kaiser]. Majestät, unsers allei'gnädigsten Herrn, Regiment

zu N ürnhurg mit Dir in Rechtfertigung stehen, da dann uns noch

Jemand Anders niL gebühren will, inhangend Rechten iclfis zu

attemptii'en oder anzuhalten und zu weisen laut deinei' Begehre,

darus Du selbst abzunehmen und zu ermessen hast, dass wir derselbigen

deiner Begehre in all solchem niL willfahren können. Wann

aber derselben Recht ergangen ist, was uns alsdann darin zu thun

‚° Vgl. das Gutachten p. 4 ratus ‚Ion est sese obuoxium, ut huic

vocatioui andiens esset.. non venit quidem, sed eoncilioNurenbergensi rem

gestarn, ist erat, per schedam sigtaificavit,

20 Ulmaun S. 316.

'' Ulmann S. 283 Aiim. 2.

.22 Manch III. 21 f. im Text in der Schreibweise etwas moilernisirt.


- Liii -

gebühren würde, wollen wir uns der Gebühr und dermassen halten,

dass \vii' dess von niemands Erbars Verweise oder lingbmpf hören.

Das wollten wir Dir uf dein Schreiben nicht. verhallen.»

Sickingen liess sich nicht abschrecken, dein Kurfürsten wiederholte

Vorstellungen zu machen, aber ohne Erfolg. Demnach sagte er deinselben

den 25. August (auf Mitwoch nach Bartliolomäiis 'lag) den

Krieg an, während Buchen von Lorch den 29. August dein

von Trier gleichfalls Fehde ankündigte, und zwar wegen Vorenthaltung

seines Aniheils an den französischen Gütern, in Kraft

dci vooi Kaiser, hochlöhlichst. Gedüchtniss, gestatteten Repressalien und

wegen Nichibezahlung der von der Stadt wegep Eingriffs in das

Repressahienrecht. verwiristen Pün. «Deshalb und, us ander beweg-

]ich Ursachen», so heisst es in dein «will ich Euer,

Bürgermeister, Rath, Euer ganzer Gemeind, Hintersassen und Verwandten

abgesagter Feind sein 23 '

Sickingens Fehdel,rief aber thal, dem hochwürdigst Fürsten und

Herrn, Herrn ilicharden Erzbischof zu Trier, des heiligen römisch

Reichs in Gallien und durch das Eönigreich Arelate Erzkanzler und

Kurfürst u. s. w. zu wissen, dass er mit Rücksicht auf die heid

treulosen und meineidigen Hintcrsassen und Verwandten desselben

sich gegen die Hochwürden, alle ihre Diener und Zugewandte seiner

Ehr halb sich verwahre in Kraft dieses Briefs für sich, seine Diener,

Helfer, Helfershelfer und all diejenigen, so er auf dero kurfürstliche

Hochwürden tjntert.hanen und Verwandten Schaden bringe, wie sich

das fügen, schicken und begehen möcht.

Derselbe Fehdebrief constatirte Sickingens vielfälti ges untert.häniges

Erfordern, auch genugsam Rechtserbieten, ohne dass wir den

letzten Punkt näher darlegen können.

Der Rath der Stadt Strassburg, der die Anwerbung von Truppen

in seiner Nähe nicht hatte ignoriren können und sich um Aufklärung

an Sicldngen wandte, erhielt von demselben am 31. August

folgende Antwort. « Das Schreiben, darin Ihr die Bewerbung zu

Ross und zu Fuss umb Euch anzeigen, hab ich empfangen und

gelesen ; thu Euch darauf zu verneinen, dass mir solche Bewerbung,

welch weder Euch noch gemeiner Statt, oder den Euern zuwider,

wohl bewisst; dann sie mir zugehn wurd ... ich schreib Euch auch

bi Glauben zu, dass dies Gewcrb nicht wider kaiserl. M. noch dero

Erbland gehraucht wurd, sondern denen dienstlich, und so der Allmächtig,

als ich ihme gänzlich vertrau, mir in dein und Sieg

verleiht, soll es sonder Zweifel Euch und gemeiner Statt ztr gutem

reichen, darin Ihr mich dann alles meines Vermögens zu euern Besten

23 Münch 11, 196 und 197.


- LIV -

willig und bereit haben solt, mit gar dienstlicher freundlicher Bitt,

des - Krieg•svolks Versammlung und Ueberzug nil. zu hindern, sondern

so viel möglich zu fördern uni! Euch dem entgegen voll

bewegen lassen, als ich mich gänzlich des zu Euch vertröst » 21

An dieser Stelle erscheint es zweckmässig, einen Blich auf die

Reichsordnungen zu werfen, gegen welche Sickingen so keck vorging.

Zwar bestimmte dieKammergerichtsortlnung in Art. XXVIII, «dass

Niemand hinführo in die Acht erkannt, erklärt, noch für ein Aeclater

gehalten werde, er sei denn zuvor dazu rechtlich citirt» 25, aber hezügbela

der .Ii'riedhrecliei- bestimmte die Landfriedensordnun g vorn Mai

4521 in Art. ii: «die sollen mit der That zusammt andern Pönen

in unser und des heil. Reichs Acht gefallen sein.» Bezüglich gewisse!

vermögcnsrecfflhichr Folgen aber wurden weitere Bedingungen

aufgestellt; nämlich eine «vorgehende Citation oder Fürheischuug»,

ferner eine Deelaration und Erklärung hinsichtlich des null

gestatteten Occupationsrecltl.s. Diese Citation und Erklärung aber

stand sowohl dem Kammergericl]t als dein Beichsreginient zu. Der

schlecht. redigirle Artikel II des Landfriedens flihrt nämlich nach den

oben angeführten Worten « Acht gefallen sein» fort «auch allermänniglich

und einem jeden gegen denselben Thätern und Friedbrechern,

sobald sie all kaiser]. Kammergerieht oder durch

unsern Statthalter und Regiment mit vorgehender Citation oder Fürlieischung,

also in die gemelfiele Acht gefallen zu sein, declarirt und

erklärt werden, ihr Leib und Gut erlaubt sein und niemands daran

freveln oder verhandeln soll oder mag, darzu alle Verschreibung;

Pflicht oder Büudniss, ihnen zustellend und darauf sie Forderung

oder Zuspruch haben möchten, gegen denjenigen, die ihn verhaft

waren, ab und todl, auch die flehen, so viel der Ueberfahrer der

ebraucltt, dein verfallen sein...))

Das unklare Verhältniss zwischen dem Regiment und Gericht bezüglich

der Landfriedenssachen kehrt dann in» Artikel X nochmals wieder.

Derselbe handelt in zwei Paragraphen «von des Regiments Macht wider

die F.riedbrecher.» «. 1 . Item. Als wir auch in dem.geiachten unserm

Landfrieden unserm Kammerrichter Macht gegeben lialjex, von unsertwegen,

wo der Friedhrecher Sachen mit IJeberzug.oder sonst dermassn

gestalt sein würd, dass der jährlichen Versammlung, so dermals verordnet

gewesen ist, aus Notlidurft nicht zu erwarten wäre, uns und

die Kurfürsten,. Fürsten und 51 ände des Reichs förderlich all

24 Polit, Korrespondenz NI, 95.

25 N. Sammlung II, 189.


- LV -

gelegen Malstall zu beschreiben und aber durch (las verordnet Regiment,

allhier aufgericht, die jährliche Versammlung abgestellt ist,

setzen ordnen und wollen wir, dass solches hinfüro an unsern

Statthalter und Regiment .bracht und gelangt werden soll, in aller.

Massen, wie vor an die Versammlung geschehen sein soll. Die werden

alsdann sich nach Cestdlt der Sachen, wie sich nach Ausweisung und

Ordnung, allhie aufgericht, gebührt, darin nothdürftig wohl wissen

zu halten.

« 2. Doch mag und soll nicht desto minder unser Kammerrichter

und Kammergericht allzeit. auf Anrufen der. Beschädigten oder Bekriegten

oder auch von Amiswegen wider die Ueberfahrer und Friedbrecher,

wie Recht, procediren.»

Nachdem dann Art. XIX noch bestimmt «und sollen diese

Gebot., den Landfrieden und desselben Pön betreffend, geineillen

unsern und des Reichs Rechten... nicht . abbrechen,» redet der letzte

Artikel von «Handhabung Friedens, Rechts und dieser Ordnung». In

demselben wird festgestellt, dass der Kaiser sich mit Kurfürsten,

Fürsten und Stünden des Reichs vereinigt und verpiheht habe, den

Landltieden mit Einst zu handhaben, und das Versprechen geleistel,

gegen jeden Friedensbrecher, Niemand ausgenommen, einander getreuliche

l-lülf, Rath und Beistand zu thun und einander nicht zu

verlassen 2(

Die tun 40. Februar 4522 zu Nürnberg acl mandatum domini

Impesatoris in consilio Jmperiali aufgesl.elllte Erklärung des Landfriedens

27, welche behufs Handhabung desselben die Kreiseintheilung

benützte, und zwar so, dass die vier Kurfürsten tun Rhein einen

Kreis bildeten, traf überaus scharfe und dabei sein dehnbare Bestimmungen,

die später aufs rüeksichts]oseste gegen Sickingen ausgenützt

wurden.

Art. VIII bestimmt für den Fall, «so Jemand wider Recht, den

Landfrieden und andere Beichsordnungen an Leib oder Gul,ern vergewaltiget

oder beschädiget-würde», das Recht und die Pllichl. der

Nacheile, uni dein Beschädigten und Vergewaltiglen Leib, Hab

und Güter retten zu helfen. Nach Art. Xiii soll ein jede Obrigkeit

des I3eschädigers Leib und Gut einnehmen und verwahren, und dein

Regiment oder Kammergericht davon Anzeige machen. Ja nach

Art.. ',KV können auch die Beschädigten selbst der Aechter Hab und

Güter einnehmen und dieselben nutzen und gebrauchen, bis Absolution

von der Acht erlangt ist. So die Sachen endlich so gross und

lästig wären, dass einer oder mehr Kreise die Ixcrution zu thun

20 N. Sammlung Il. 195 ff.

27 Neue Sammlung II, S. 229-241.


- lvi -

nicht vermöciflen, alsdann soll Art. XXIII, «solchs an die sechs

Kurfürsten, dazu die zwölf geistliche und weltliche Fürsten oder, wo

ferner Notli, an ein gemeine' Reichsversammlung langen und beratschlagt

werden, \VUS in dem allem ferner gehancllt und fürgenommen

weiden soll.»

Sickingen wusste genau, was er aufs Spiel setzte. Als er Schiör

in seine Absichten einweihte, eröffnete derselbe ihm «etlich beweglich

Ursachen», derenhall) er den Zug «beschwerlich und sorglich»

achtete, ohne damit Sicicingen wankend zu machen. So sah sieh

Schlör veranlasst, seine Bedenken nochmals schriftlich zusammenzufassen.

«Wiewohl ihr als der verständig selbst zu bewegen wisst,

was in dem zu thun oder zu lassen sei, jedoch niag ich nit underlassen,

mein Guetbedünken noch einest und ferner anzuzeigen, dienstlichs

Fleiss bittend, solichs von mir Fuerm Diener treuer Meinung zu

vernehmen, denn sollt Euch desfulls ichts unfallgs znst.ehn, wäre es

mir getreulich leid.»

Schlör hebt nun hervor, dass die Kais. Majestät, dero Rath,

iCüminerer und Hauptmann Sickingen sei, jüngst zu Worms den Landfrieden

erneuet, Kurfürsten, Fürsten und andern Ständen den zu

handhaben befohlen, darum denselben zu verbrechen, beschwerlich

und fahrlich, sonder dieser Zeit, «denn k. Majesl.it sich in wenig

Tagen gen Spanien erhebt», dass ferner «auch der Stift Trier an

ihm selbst inclil.ig und mit andern Fürsten als Köln, Pfalz und

Hessen, der Sickingen insonderheit ungewogen, in Vereinigung sein

soll.»

Was uns besonders interessirt, ist der auf die drohende Acht.

und Vern]ögensconrlseation hezügliche Passus. «Wo Ihr aber endlichs

Willens, Trier zu überziehen, weit ichs doch dieser Zeit aus nachfolgenden

Ursachen anstehen lassen. Röm. Kais. M. ist Euch in

LX"' Gulden geliehenes Gelds und ausständiger Besoldung:.. schuldig.

So habt. Ihr die Neuburg vor ein Pfandschilling und wird der Zug

vollführt, der gerade doch wie er \vnlle, werdent ihr in die Acht

erklärt und stehn alsdann oherzahlten Schulden und Pfandschillings

Confiscatz und Innemung in Sorgen.»

«Wollent lieber Junker», so schliesst das Schreiben, «bitt ich,

dies mein einfältig, doch Ireumeinend Schreiben aus gutem Gemüt.

besclrehen von, mir Eurem Diener verstehen und ufnehmen und die

Sache Eures Fürhahens nach ihrer . Sehwerigkeit und auch des Gegentheils

Gestalt, wohl ermessen, denn ich achts von hohen Nöthen

sei11 28 . D

Sickingen hatte den Würfel schon geworfen.

28

Günther V. 8. 202-203.


- LYII -

Die Erregung über den unerhörten Vorgang war ungeheuer.

Nach allen Seiten flogen Mandate umher. Auf Richards Anrufen

erliess das Reichsregixnent zu Nürnberg den 1. September drei Mandato:

eins an Sicldngen, ein zweites an die Stände, dem Erzbischof

von Trier zuzuziehen, das dritte an den Kurfürsten von Trier. Das

erste 29 lautet

«'Wir Karl u. w. entbieten unserm und des Reichs lieben

Franzen von Sickingen unser Gnad und alles Gut. Lieber Getreuer.

Unser kaiserlich Regiment im heiligen Reich hat glaublich angelangt,

wie Du ein merklich Gewerbe zu Ross und zu Fuss ufbracht und damit

in Willen haben sollest, den ehrwürdigen Reichart, Erzbischof zu Trier,

unsern lieben Neffen und Kurfürsten und seiner Lieb Stift zu überziehen

und zu beschädigen, welches dann, wo dem also, gestracks wider

unsern und heiligen Reichs Landfrieden wäre, und uns also in inserm

Abwesen Empörung und Krieg zu erwecken, von der (?) billig (?) zu

verdriesslichen und ungnädigen Missfallcn reichte. 'Wiewohl (? Dieweil)

aber nach vermöge gemeiner Recht, guldencr Bulle, auch aller unser

und des Reichs Ordnungen und Landfrieden Niemands gegen den

Andern unerfolgts Rechten mit eigen gewaltiger Thut ichts vornehmen,

handeln noch beschädigen, sondern ein jeder, der gegen den Andern

Anspruch und Forderung zu haben gedächte, dieselben laut unser und

des Reichs Ordnung fürnehnien und sich gebbi'iichs und ordentlichs

Rechten begnügen lassen, so gebieten wir Dir von R. K. Macht hei Pen

obgemelter Recht, Pull und des Landfrieden, ünd besonder auch

bei unser und des Reichs Acht und darzu bei einer Pen zweitausend

Mark. lotigs Golds unablässlich zu bezahlen, hiemit ernstlich

und wollen, dass Du solch dein Fürnehmen und Gewerh von Stund

an abstellest, gegen berührten unsern Neffen von Trier, seiner Lieb Stift,

Uulerthanen und Zugehörigen, noch Jemands andern, unserm und des

Reichs Verwandten in Ungülen und mii. der That nichts übest noch

handelst, weder selbs noch durch Andere, in gar kein Wege, als lieb

dir sei obgemelt. 'Pen und Acht, auch ander Straf und unser grosse

Ungnad zu vermeiden; dann wo Du zu ohgenannlen von Trier, seiner

Lieb Stift und Verwandten oder Jemands andern im heiligen Reich

Spruch und Forderung zu haben und die Recht zu suchen gedächtest„

so soll Dir durch berndt unser Regiment dasselbig und warzu Du

Fug hast, der Gebühr unverzüglich verholfen werden. Darnach wisse

dich zu richten.),

Das gleichzeitige Mandat an den Kurfürsten von Mainz So theilt

20 Müucli III, 22 zum Theil unverständlich.

SO Mündh Ii, 203; Der Entwurf: Notizenblatt II, S. f. Danach der

Münch'scho Text oben verbessert,


- LVIII -

den Inhalt des an Sickingen erlassenen Mandates mit und führt

dann fort:

• - « Damit diesem freveln Eürnehmen dester gewisser begegnet

werde, so begehren wir an E. L. sonders ernst, befehlend und wollen,

dass 1111' E. L. Unterl.hanen und Verwandten, ob der zu Ross oder

zu Fuss bei dein Sickingen oder solielleln •Gcwer]j wären, alsbald

hei - Pen Verlierung Leibs und Guts abfordert, auch von Stund an

Euch und den Euern zum Stär]dsten rüstet, und auf des genannten

unsers Neffen von Trier Ersuchen und Erfordern mit der Zahl zu

Ross und zu Fuss, so er benennen, und an das Ort er damit anzeigen

wird, unverlengt- und stracks zuziehet, als Euers besten Vermögens

helfet und rettet, damit der her'ilnl. von Trier und die Seinen vor

Gewalt beschirmt, der Lanclfried ghandhaht und andere Weiterung,

so daraus erstehn möcht, verhüt werde, wie Ihr dann das in solichen

Füllen nach \erniög unser und des Reichs Ordnung und Landlrieden,

Euern Zusagen und Bewilligen nach und sonst zum höchsten

verpflicht und schuldig seid, und sonderlichin Betrachtung, dass

E. L. und andern Sifinden dergleichen Hilf künfliglich auch not weiden

möcht. Daran thuet E. L. unser ernstlich Meinung.»

Am 3. September ritt ein Bole des Regiments aus Nürnberg

ab, um Sickingen das Mandat zu überbringen. Von dem Kurfürsten

in Mainz eher insgeheim unterstützt als verhindert, langte der

Ritter, nachdem er St. Wendel genommen, am 7. September vor

Trier . an.

Den folgenden Tag zog Sickingen unter Trommel- und 'Fi'oinpetenschall

den Marsberg herunler, und forderte den Erzbischof

durch zwei Reiter zur Uebergabe auf. Der abweisenden Antwort

des muthigen Kirchenfürsten folgte die Beschiessung der

Stadt. Als Peis des Abzugs forderte Sickingen 200 000 Goldgnlden.

Abgesandte des Kurfürsten von Köln suchten vergeblich zuzu vermitleln.

Am 9. September kam der Bote des Regiments im Lager hei Sickingen

an und übergab ihm in Gegenwart einer Reihe von J-lauptleuten,

Grafen und Herren und anderen von der Ritterschaft und etlichen

Kriegsleuten, auch Sickingens beiden tiltern Söhnen, das Mandat.

Die Antwort, welche der Ritter dein Boten ertlieilte, lautet, nach

dessen amtlichem, an demselben 'rage aufgesetzten Bericht.31, folgender

massen «Ich soll meinem gnfldigen Herrn Herzog Friedrich Pfalzgrafen

als Röm. Kais. Majestät Statthalter und andern meinen gnädigen

und günstigen Herrn des hochlöblichen Regamenz sagen, dass man

gemach tinte, dann er sei auch Röm. Kais. Majestät Diener als wohl, als

mein gnädiger Herzog Friedrich und Ander des Regamenz, und ei-

' Notizenblatt II, 40 f.


- Lix -

wo]1 wider die KaiseiIiehe Majestät nkhs handeln ‚ sunder der

Bischof von Trier hat) der Kronen viel empfangen wider die K. M

und hat gesagt, er hab dein von Trier die Seinen ausgebürgt.,

und selbschuld darfür worden ‚ darfür niclis anders begehrt zu

geben dann böse stolze Wort, darumb er mit samt seinen Flelfern

geursacht sei worden, gedachten Bischof von Trier iimb das und von

wegen der Kronen, die er empfangen hab, zu strafen, und gesagt

er woll ein besser Recht machen, dann das kaiserliche Hegaineut

bisher gethan hab -».

((Da hab ich zu :Vranz von Sickingen gesagt, er soll mir schriftlich

Antwort geben; das voll ich meinen ... Herrn des Regamenz mit

allein überantworten ; hat er gesagt nei, ich solls mündlich

also anzeigen, dann er rieht niehs mit Briefen da aus ; man findt

wohl Kriegsleut., aber nit viel Schreiber, und ich soll sagen, woll

man Fried haben, so soll man ein gut Hecht machen. . »

Am 10 Seftemher erliess das Regimenl, ein ander Mandats?

an etlieh Fürst und Stünd, sich gegen Franzens Fürnehmen zu

rüsien und die ihren, ob sie bei solchem Gewerb wären, abzufordern.

«DwiL berndt unser Regiment sydher bericht, wie derselh

von Sickingen mit Heeres Kraft in berührtem Stift Trier vor

etlichen Flecken liege und zu Eroberun g und Beschädigung berührts

Stifts heftlich arbeiten sollte, derhalben zu vermuten, er, Franz;

unsern Mandaten kein Gehorsam beweisen, sondern sein fürgefasste

- Meinung zu vollbringen unterstehn werdd, und dann solch Fürnehmen

und Handlung berührtem. unserm Landfrieden, gemeinen

Rechten, guldener Bull und andern Reichsordnnngen stracks zuwider

wut zu besorgen isi, wo solchem Vorhaben und l.hatlichen Handlungen

nit zeitlich und stattlich begegnet, es werde zu merklicher

Weiterung und zuvorderst den grossen Ständen und Gewalten, auch

gemeinem Reich zu unwiederbringli c hen Schaden reichen, darum und

damit berührt Frevel und timal tick Fürnehmen desl,mer gewehrt

weide, so begehren wir, dass Du deinen Unterthan und Verwandten,

01) der zu Ross oder zu Fuss bei dein von Sickingen oder solchem

Geweih wäre, alsbald hei Pen Veilierung Leibs und Guts abfordersl.,

auch alsbald Dich mit den Deinen zum stärksten rüstest und bereitest,

damit, ob sich die Sach witer einreissen und ferner Hilf Noth

würde, auf weiter Ermahnung mit Macht öder zum Theil, wie das

die Gelegenheit und Nothdurft erfordert, zuzuziehen, alles besten Vermögens

helfen und retten bereit und geschickt seiest und durch Dich

in solchem nit gesäumt noch verhindert und ander Weiterung

jeihüt und herürter Landfried gehandhabt werde... Wir begehren

32 Notizenblatt II, 41 f.


- LX -

auch, Du wollest Dich förderlich und unverzüglich her gen Norinberg

fügen und keinswegs aussenbleihen, damit ohlerürler und anderer,

ehehaff er Sachen halber auf fürgenommcnem Reichstag berathschlagt,

gehandelt und beschlossen weiden mag. »

Am 14. September hob Sickingen die Belagerung auf. Noch -

am 18. September erging ein Befehl des Reginients an etliche

Reichsstände, dem Erzbischof von Stund an zum stärksten zu Hilf

zuziehen.

In diesen Tagen ging eine grosse Umwandlung der deutschen Geschicke

vor sich. Der Kurfürst von der Pfalz, der alte Gönner Sickingens

so gut wie der Landgraf von Hessen, sein erbitterter Gegner und der

Kurfürst von Trier, Repräsentanten der gefährdeten fürstlichen Gewall,,

erlangten die Oberhand ül.ier die empörte Ritterschaft und

ihren Anführer. Schon Ende September verbanden sie sich zu einem

gemeinsamen energischen Angriff gegen Sickingen, um «die böse

Wurzel auszurotten». Am 27. September sah der Rath der Stadt Strassburg

sich veranlasst, dem Kurfürsten von Trier auf sein Schreiben

vom 7. Antwort zu er heilen. Ihm thäte der dein und dessen

Tjnlerthanen zugefügte Schaden leid, «und wären ganz willig gewesen,

E. K. G. mit deren Boten Antwort zuzuschicken, das aber us Mangel

des meier Theils unserer Ralsfründ, so dci' Zit zum Thei.l zu Frankfurt

und sonst in andern iren nsländi gcn Geschäften abwesig gesin,

nil. beschen inogen ; haben aber dieselbigen uf datum ernstlich heschriben,

die auch erschienen; und geben E. K. C. undertäniglich zu

erkennen, wu gemeine Ständ des heiligen II. Reichs E. K. G. zuziehen

werden, dass wir uns dermoss halten wollen, als die sich bizhar

gegen dem heiligen K. hich aller l3illicheit und unverwislich erzeigt

und hewisen haben und sonderlich wohl liden mochten, dass dci'

Landfrid bizhar gchandhabt worden und furter gehandhabt werd.»

Bei: ]Curfürsl möge diese Antwort und deren Verzug nicht in lJngnaden

vermerken 33.

Erst am 29. September übergab der Bote des Beiclisregiments

seinen am 9. aufgesetzten 13ericht34. Am folgenden Tage übernahm

der Erzherzog Ferdinand die kaiserliche Statthalterschaft. Ani 10. Oktober

verkündete derselbe zu Nürnberg unter freien Himmel die

Acht gegen Sidkingen und streute die Stücke der am Schluss dci'

Verlesung zerrissenen Urkunde in die Winde. Das gedruckte Achtmandat

war schon vom 8. Oktober da1irt3. Sickingen war geächtet,

ohne vorher citirt oder gehört worden zu sein.

83 Mit. Correspondenz Nr. 101.

Notizeirblatt U, S. 41.

35 Ulinaiui, S. 306 Anm. 4


- LXI -

Diese Unterlassung der Ladung war vielleicht gar nicht ein

Versehen, sondern absichtlich und mit Bedacht, geschehen. Wenigstens

liess sich für dies Verfahren geltend machen, was hei der

Heidelberger Konferenz die Rät.he der Fürsten wirklich geltend

machten : «dass Franzen einich Citation zuzuschicken nit von Noten

gewest, dieweil Franz durch sein geübt mutwillig Handlung mit der

That in die Acht gefallen ;» denn «wiewol der Landfriede verganges

Reichstags mit einem Zusatze gebessert, dass, obschon die

That iffenhai' wär, so soll dennoch derselh erst cilirt,, gehört und

erklärt werden, so ist doch im selhigen der Friedbruch usgenommen.

Soliclis hätten kaiserl. M. Stattlialtr und die vorn ohn

Zwifel auch nit klein erwogen 35 .» Dagegen betrachtete Sickingen

sich durch 'die Achterklürung für beschwert und war der Ansicht,

es sei gegen ihn wider den Landfrieden gehandelt.

Die drei Fürsten verfolgten nun aber nicht Sickingen selbst,

sondern wandten sich zunächst wider seine \Tei.hündele Der Kurfürst

von Mainz, dem sie vorwarfen, einer Anzahl Sickingescher Beiter

den Uebergang über den 1.ihein nicht verwehrt zu haben, musste

seinen Frieden mit 25000 Gulden erkaufen. Die Burg I'Iartmulhs

von Kronberg musste sich am 16. Oktober ergeben. Dann ging

der Zug gegen Frosvin von •Hutten, «weil er sieb des Aufruhrs t.heillnflig

gemacht und erklärte Aechter hei sich aufgenommen ». Seine

Burg Salmünster ward erobert. Die Güter Hilchens von Lorch

wurden eingezogen. Am 10. Oktober stellte Trier dein Pfalzgrafen

und vermuthlich auch Philipp von Hessen die förmliche Vollmacht aus,

gegen Sickingen und seine Anhänger zu handeln, wie sich nach

dem .Landfrieden gebühre. Ini November verliessen ]3ucer und Oecolampadius

die Burgen Sickingens. 'Während l3ucer nach 'Winterthur

ging, begaben sich Hutten und Oecolampadius, wie auch der vertriebene

Hartmuth von lCronberg', nach Basel.

Am 19. November ward in Nürnberg der Reichstag eröffnet, dci'

zweite in diesem Jahr. Als am 25. November in Schweinfurt eine

Anzahl Edelleute in i3erathung getreten waren, sah sich das Reichsregiment

veranlasst, mil,zul.heilen, dass Sickingen durch seinen Friedensbrnch

und dadurch, (lass er in Wort und Schrift habe vernehmen

lassen, er handle mit kaiserlicher Majestät Wissen und 'Wollen, das

crimen laesae maicstatis begangen und in die Beichsacht gefallen

sei j und sie aufzufordern, Sickingen keine Hülf' , zu leisten, widrigenfalls

sie sich der Acht tiieilhaftig machten. Aber an demselben Tage

schrieb auch Hans von der Planil.z jetzt würde man Sickingen nicht

30 Münch III, 53. Im Text sind der Kürze wegen die Sätze umgestellt.


- LXII -

iii die A'chl. erklären, «man hätte ihn denn cil.irt ; aber geschehen

ist gdschelien.»

Sickingen selbst rüstete sich zur Gegenwehr. Um Knechte zu

werben, sandte er seine Hauptleute nach Strassburg und Metz. im

Elsass, Sundgari und Breisgau warben für ihn die Grafen von Fürstenberg

und Zollern, Am 20. September bat Pfalzgraf Friedrich im

Namen seines kurfürstlichen Bruders die Reichslände Uni ein Mandat

an alle Stände des fleichs, ihm zuzuziehen, wenn er voll

angegriffen werde, nicht minder um ein anderes all Grafen von

Fürstenberg und Zollern, sich mit. Sickingen nicht weiter einzulassen.

Am 24. November wurden die Stände abermals angewiesen, Sickingen

keine Unterstützung zu Theil werden zu lassen, die bei ihm befindlichen

Unterthanen abzufordern, alle Pässe und Uebergänge zu

besetzen. Aber zwölf Ganerben.chlösser, so erfuhr man in Nürnberg,

hatten Sickingen ihre Thore geöffnet, um iesatzungen aufzunehmen.

Im ])ecember, am Donnerstag nach Conceptionis

Mariae, richtete der Erzbischof voll einen Beschwerdebrief

an die Baumeister und Gemeinen zu Kallenfels. «Wir werden

J.ierichtel ‚ so wie uf Ansuchen unser widenflrtigen ]franzen von

Sickingen, der Seinen, auch Johann Hilchens von Loreif und anderer,

die wider II. K. M. ufgeriehten Landfrieden und des heil. Reichs

Ordnung..., auch wider alle Ehrbarkeit und Billigkeit, und dazu aber

der 11. K. M. derohalb ausgangen Mandat diesen vergangen Sommer

uns und die unsern mit Heereskraft überzogen, belagert und mit

Nahm, Baub und Brand, Zerstörung und Verwüstung Kirchen und

1< löster grässlich beschädigt haben, iln uf nechst gehalten rÜwen (euern?)

gemeinen Tag denselben das Haus 'zum Stein-Kallenfels geöffnet

haben sollen!, uns und die unsern daraus und darin zu bekriegen

und zu beschädigen,.... darzu in Anmerkung Euer Vorältern Brief

und Siegel unserm Vorfahren Erzbischof B'aldewyn lohlicher Gedächtniss

gegeben, zu Euch als fromMen Rittern und Knechten gar nit versehen

hatten. Damit nun ihr eigentlich Wissens haben mögent, wess

sich Euer \'orältern vor sich und alle ihre Erben, Gemeiner zum Steinkallenfels

gegen unsern) Vorfahren ol.gemelt, alle seine Nachkoinen

und unsern Stift Trier verschrieben, welches sie denn bei schweren

Pünen stets und fest zu halten gelobt und geschnoren, haben wir

us gnädiger und günstiger Meinung nit irnderlassen wollen, Euch desselben

diese auscultirte Kopie zuzuschicken, gritlich begehrend, als

Wir- uns des gänzlich und der Eillichkeit nach auch ungeweigert zu

Euch versehen, Ihr wollt Euch solicli Euerer Vorältern gegebenen

Briefen und Siegel gegen uns und unserem Stift halten, und 01) Ihr,

wie obgemelt, Euer I-Iarls gegen uns geömiet, wie sich doch nit

gebührt.,... soliclrs als Kraft jetzt gedachter Euer Vorällern Verschrei-


- LXIII -

]mng und des kais. Landfrierlens abstellen, damit, ob hierüber anders

von Euch gehn adelt, wir mit unsern Verwandten nicht verursacht

werden, uns mit. Euer \oriill.ern Briefe und Siegel und sunsten des

kais. Landfridens zu halten. Horn[ Euer schriftlich Antwort hei diesem

unserm Boten, uns darnach zu richten, begehrend». Dies Schreiben

sollte, wie die Aufschrift sagt, Baumeister und Gemeinen zu Kauenfels

oder «in ihrem Abwesen den, so ihre Behausung oder Wohnung

da selbst haben», übergehen werden 7.

Während sieb die Feindseligkeiten den ganzen Winter hihdurch

fortzogen, . ward es um Sickingen immer öder. Bald gerieth

sein zweiter Sohn 1-laus, als er mii. J-lilcben von Lorch und einer

reisigen Schar nach Landstuhl reiten wollte, nach tapferster Gegenwehr

in die Hände der Pfalz.

War früher die Autorität des Reichsregiments von Sickingen in

Frage gestellt worden, so warfen sich null Gegner in eine

eben so trotzige, dem Regiment gefährliche Haltung. So kam es, dass

das Regiment bald die in Schutz nahm, die es noch eben als seine

Feinde betrachtet hatte. Die Auslegung der Executionsoidnung vom

Jahr 1521 ‚ welche die Fürsten handhabten ‚ war unerträglich.

Montags nach der unschuldigen Kindlein Tag, den 29. Decemher,

sandten etliche Grafen, Herren und Ritterschaft wegen alles dessen,

was Sickingens Anhängern widerfahren, eine Beschwerung nach

Nürnberg. - -

Auch Sickingen war keineswegs gesonnen, seine, wie er es auflassen

durfte, gegen die Reichsordnung verstossende Aechtung anzuerkennen,

vielmehr betrachtete er sie als wirkungslos und bat in

einem an das Reichsregiment gerichteten Schreiben um Gehör. Dann

gedächte er darzut.hun, dass er die Acht nicht verwirkt habe, ja dass

die feindlichen Fürsten eher die Acht verdienten und der Angriff

auf sie jedem erlaubt sei. - -

In dem iteichsregiment heriel.h ein Ausschuss die Frage, oh

man nicht, allen Theilen Stillstand gebieten oder ob nichl. Erzherzog

Ferdinand - zwar nicht als Statthalter, wohl aber als

Erbherr von Oesterreich - durch Mit.telpersonen Sickingen zur

Güle ermahnen lassen solle. Als Statthalter und Regiment am 1.. Dezember

über diese Vorschläge sich äusserten, lag Siekingens Brief

vor, worin er hei dem Statthalter über die ordnungswidrige Aechtung

seiner Person Beschwerde erhob. Man verständigte sich, eine Kommission

mit der Prüfung des Landfriedens und - der früher wider

Franz ausgegangenen Mandate zu betrauen, um entscheiden zu

können, ob Sickingen billiger oder unbilliger Weise geächtet worden,

5 Münch JT. 248 f.


- Lxiv -

und ob er zu Verhör verstattet werden solle oder. nicht. in diesem

aus elf Männern gebildeten Ausschuss waren zwei. Personen vom

Regiment, zwei vorn Kammergericht, die übrigen von den Ständen,

unter den letztern der Mainzische Kanzler. Als die Kommission am

3. Dezember ihr Gutachten erstattete, ward verlangt, dass Sickingens

Schreiben vorgelegt werde, um beurlheilen zu können, in wie fern

der Ritter sich der Reichsordnung gemäss zu Güte und Recht

erboten habe. Aber Statthalter und Regiment liessen durch Dr.

Lamparter erwidern ‚ das Schreiben enthalte mehrere Punkte, die

so gestellt seien, dass daraus mehr Widerwillen als Frieden hervorgehen

würde. Schliesslich ward vereinbart, dass- am 29. Dezember

in Heidelberg eine Besprechung- mit den Fürsten stattfinden und,

falls man hier zum Ziele gelange ‚ einer von der Botschaft zu

Sickingen reiten solle, um sich auch mit ihm zu verständigen.

in Aussicht genommen war ein \Vaflbnstillstand und Verhör vor

Statthalter und Regiment. Ein Ausschuss zur Prüfung der Schriften

und Instruktionen und zur Bestimmung der Botschafter ward eingesetz(,

aber von den in Betracht gezogenen wollte k&ner den Auftrag

annehmen. Später liessen sich Graf Ulrich von Helfenstein und

Freiherr Friedrich von He ydeck dazu bestimmen. An Sickingen

sandte Erzherzog Ferdinand mit Wissen- der Stände besondere Boten,

die mit ihm nach Heidelberg kommen sollten. Wem dieser Auftrag gegeben

ward, erfahren wir nicht. Sickingen erklärte sich schriftlich

zu gütlicher Handlung bereit unter dci- Bedingung, dass die Edelleute,

denen um seinetwillen ihr Gut genommen, restituirt würden.

Auf einen Waffenstillstand einzugehen, lehnte er ab.

Die Fürsten suchten inzwischen Sickingen alle I-Iülfsquellen

zu nehmen. Am 40 Dezember sandte der Kurfürst von der Pfalz

einen eigenen Rechenmeister nach Frankfurt, um etliches Silber,

das Sickingen bein) ?dünzmeister stehen habe, als verfallenes

Gut abzufordemuss, und den folgenden Tag verlangte der Kurfürst. von

Trier sogar die Herausgabe der 60000 Gulden, welche der Kaiser

noch Sickingen schulde, oder wenigstens ihre Auszahlung an den

Fiseal. So entnehmen wir aus den Antwortschreiben des Begimenis

an den Kurfürsten vom 9. Oktober. Trotz einiger gegen den

Antrag des Kurfürsten erhobenen Bedenken heisst es zum Schluss

«Doch wollen wir dein F.iseal neben Euer Lieb und Kurfürstlichen

-Gnaden Anwalt, was sicl1 in shlchen Sachen gebülu-t zu handeln,

auch befehlen und gestatten 80 .» Am 40. Oktober erfolgte dann die

längst beschlossene Achterklärung.

5 Ulmann, S. 337 Anm. 2.

39 Notizenblatt. II. S. 52.


- LXV -

Am 11. December ertheilte der Erzbischof eine Instruction zu

einer Verhandlung milder Erzherzogin Margaretha, Regentin in den

niederburgundischen Landen, in der es heisst.: «Zum dritten so habe

• unserm gnädigen Herrn von Trier glaublich angelangt, dass die

römische kaiserl. Majestät Franzen schuldig sin stille geluhen Geldes

XXrn und ussteimdes Soldes XIm rheinische Gulden in Golde. Dwiele

ne derselhig Franz uf Ansuchen unsers gnädigen Herrn von Trier

als Friedbrecher in kaiser!. Majestät und des heiligen Richs Acht

öffimtlich erklärt und denunciiret, so ist derselbig Franz und das

Syne Jederinnn und sonderlich sinen K. F. G. als von

i hrn beschädigten erlaubt, darzu so syen auch alle Verschribungc,

Pflicht und Bundnisse, Franzen zustehende und daruf

er Forderung oder Anspruch haben rnoclit, gegen denjenen ihm verhaft

wüten, abc und todt. Und ist allein nach des Erzbischofs von

Trier dienstlich fiöndlich gütlich und flissig Bitt und Begeht,

(lass Franzen von Sickingen alsil. K. lvi. Aechter und erklärten Friedbrecher

soli eh g eluwen und u s tändi g Gell., wie dann

zu Strafe Franzen sich billig gebühret, n lt g cli ebert, sondern

eine soli chs dem Erzbis c hofe als von Franze n b e -

schädigten •.. geh andre i cht ‚ oder aber von ihrer

K. M. Fiscal wegcn confiscirt und behalten •.. werde0.D

Die am 5. und 6. Januar 4525 zu Heidelberg gepflogenen Verhandlungen

blieben erfolglos: Auf den 5. Februar verabredeten die

Fürsten eine persönliche Zusammenkunft in Frankfurt.

Ehe wir die weitere Entwicklung der Dinge verfolgen, werfen

wir einen Blick auf die Beziehungen Sickingens zu Strassburg.

Nachdem der Rath der Stadt, wie wir gesehen, am 27. September

dem Kurfürsten von Trier endlich Antwort ertheilt hatte, dankte

dieser am 7. Oktober «mit Pc» für das gutwillige Erbieten. Aber

auch Sickinge.n seinerseits schrieb am 27. Oktober an den Rath,

uni ihm die Befehdung von Kronbergs durch die drei Fürsten mitzutlieilen.

«Dieweil nun solchs, als sie selbst melden, einig dass

er mii' anhängig gewesen sein solle, heschehen. . und ihr mir nun

dickermals Lieb und Dienst bewiesen, dess ich mich gegen Euch

hedank und höchst Fleiss verdienen will, möchten Euer und meine

Missgänder und Widerwärtigen durch geschwind Praktik auch dermassen

gegen Euch oder den Euern nachtheiligs gedenken und unterstehen.

Wiewohl ihr nun vor Euch selbst zu solchem vor andern

fürträchtig, bedacht, geschickt und gerüst seit, hai) ich's (Loch Euch

als mein lieben Herren und Fründen unangezeigt nit wollen

lassen, des Wissens und sich dest hass darnach zu richten haben.

40 Jünthe,, Coder diplom V, 214 f.

5


- LXVI -

Dann sonder Zweifel, wo man icht zu der Gegenwehr etwas gerüst

ist, hat es ihrenhalben fit gross Sorg oder Not. So erhiet ich

mich, to etwas Gewalts gegen Euch oder den Euern vorgenommen

werden wollt, mciii Vermügen treulich und nachbarlich zu Euch zu

setzen. » Schon drei Tage darauf theilte der Doctor fiscalis Gaspar

MarL aus Nürnberg (lern mit, dass die Stadt des Einversßnd

nisses mit Sickingen verdächtigt sei und demnach vor das Begi'

ment citirt werde solle, «laut des Landfriedens zu purgieren.» Zur

Ergänzung der Laudt'riedensordnung war ein Verfahren .angeordnet,

wonach Verdächtige behufs Ablehnung des Verdadhtes beim Kammergericht

zur Leistung des Reinigungseides angehalten werden durften.

Die meisten Fürsten, so berichtete der der Stadt wohlgesinnte Docior;

«gehen wider Franzen und sein Helfer solchen scharfen Bericht von

Euch, wo Herr Bernliart (nämlich Wurmser, der Strassburger Abgeordnete

zum Reichstag) alt hie gewesen wäre, dass viel schrfer

gegen Euer Slrengheit und W. fürgenommen Niordeti, dass dann von

E. G. zu vernehmenschmählich und veiachtlich gewesen wäre. wes

ich auch in solchem Thun von Eurer wegen in geheim gehandelt,

weidet Ihr mit der Zeit vernehmen. » Der Erzbischof von Trier

warf der Stadt vor, dass sie Sickingen zu seinem Zuge Geld

und Pulver, gegeben lahe, mithin «unverdient uid zuwider dem

kaiserl. Landfrieden und des heiligen Richs Ordnungen», eine Anklage,

welche der Rath in einem Schreiben vorn November

zurückwies. «lind fügen E. K. G.», so lautete die Antwort, ((mit der

Wohrheit unterläniglich zu verneinen, dass wider K. G. wir Sickingen -

zu sim Leberzug weder Geld noch Pulver nit fürgesetzt noch geluben,

wollten ouch ein solchs gar ungern thun, wollen aber E. K G.

ouch nit bergen, wir haben verschinen 21. Johrs bestimtem :[,ranzen

von Sickingen, als er in K. M. unsers allergnädigsicn Herrn Heerzügen

und Geschäften als ihrer M. .Honpt.mann gesin, UI' sill bitlichs

Ansuchen ein Soinma, nämlich 10000 Gulden geluhen, die er uns

dann wieder mit Dank gelufert und bezahlt hat. Folgends dies 22. Johrs

uf Zinstag nach Vincula Petri (5. August.) hat Franz uns ein Geschrift.

unter sinem Insiegel durch Schwickern, sinen Sohn, ('er persönlich

in unserm Rat erschienen, überantworten und vermög -derselbigen Geschrift,

oueh sins mondlichen Fürtrags hitlichen ansinnen lossen, dass

wir ihm, Franz, zu Rettung siner Treu und sines Clouberis, domit

er dem Kriegsvolk siner Zusag und ihrer Gelegenheit nach desto•

fürderticlier ihr usstehnde Bezahlung verschaffen mocht., ein Soinma

Gelds, nämlich achitusend Gulden, fürstrecken und- lilYen wollten.

Auf solch gütlich Ansuchen, ouch in Bedacht, dass er, Franz, noch

etlichem E.riegsvolk, daS er, wie olistat, in K. M. Geschäft, gehabt,

ihr Besoldung schuldig gesin, haben wir ihm die begehrt Somma


LXVII -

geluhen und der ZU von keiner Bewerbung oder Rüstung gewusst.

oder gehört sagen. Sodann des Pulvers halb, haben wir Franzen

weder fürgesetzt ode' geluhen. Er hat uns ouch desshalb nit gebeten

noch ersucht ist, aber wahr, dass uns der wolilgeboren Herr Wilhelm

Grof zu Fürstenberg nachbarlicher und frundlichdr Wise. anzeigen

lossen, er hab 8111 Schlösser und Städt an Pulver entblösst,

mit Dill, ihn 20 Zentner zu lCouf gehen. Da wir dann ihm als unseren

liehen Herrn und guten . Nachbarn den halben Theil des begehrLen

Pulvers, nämlich ein Zentner um)) 12 Gulden auf ein Ziel zu bezahlen,

verkouft und des Orl.s Franzeff nie bedacht noch uf ihn ufgenommen

oder verkouft worden.»

Der Triersche Kanzler haue inzwischen ein Mandat des Reichsregimenis

gegen Strassburg ausgebracht, das aber auf Vermittelung

des Pfalzgrafen nach einer Unterredung W'urmsei's.'mit Kaspar Mart

zurückgezogen ward.

Der Kurfürst von der Pfalz heschwerte.sich seinerseits; dass Sirassburg

Sickingen gestattet habe, in ihrem Gebiet Werbungen vorzunehmen.

Auch diesen Vorwurf wies der Rath am i:, :December in

einem an die Stünde zu Nürnberg gerichteten Schreiben zurück,

indem er zugleich die Massregeln darlegte, welche er gegen derartige

Werbungen getroffen. Am 10. December schrieb dann der Rath von

Trier, er werde benachrichtigt, dass- um Strassburg herum Werbungen

von Kriegsvolk stattfänden, wisse aber nicht, auf wen der

Anschlag gehen solle. Er bitte daher, wenn die ihm zugekommene

Nachricht begründet sei, in Anbetracht der frühern Belagerung Triers!

durch Sickingen, um nühere Aufschlüsse.

Unzweifelhaft bestand' die alte Verbindung der Stadt mit. Sickingen

fort, Am 14. Decemher meldete der Stadtschreiber Peter Butz dem

Abgeordneten in Nürnberg « Ich ha]) den überschickten Brief gon

Eberburg nil 'mogen' bi ‚eiin vergebenen Boten abfertigen, sonder hab

eirn zwei» dick Pfennig geben,- der ihn dohin tragen soll. Was für

Antwort begegnet, will ich Euch fit verhalten.» Der Gedanke liegt

sehr nahe, dass Wurniser, der au des Erzherzogs Ferdinand 'Wunsch

länger in Nürnberg blieb, als dein Rath seiner Stadt liöb war,

den Auftrag erhalten habe, ‚auf. Sickingen versöhnlich einzuwirken.

\nrmser hatte von - Strassburg aus den Ritter Reinhold Spender

als Berather zugesandt erbalten, der auf nächste Weihnachten

zum Assessor am Regiment bestimmt war. «Es ist»,. so Fährt Butz

fort, «bi uns ganz still, wiewohl die Fürsten in Rüstung. Gott füg's

zum besten.» Am 23. Deccm'ber ertheilte Sickimzen dem - Philipp

Stumpf von Schweinberg eine Inst.ruct,ion für den Räth von Strassburg

wegen des noch rückständieu Darlehens. Er, Sickingen, so lautet

dieselbe, könne die 8000 Gulden, welche er dem Rath schulde,


iXYIII -

augenblicklich heim besten Willen nicht bezahlen, du er von drei

Fürsten überzogen zu werden fürchte, und der Kaiser sein p Schuld

von 90 000 Gulden an ihn noch nicht entrichtet habe. Incless habe

er für jene 8000 Gulden gute Gefangene und Anderes und hoffe

daher, die Schuld in Kurzem mit haarem Geld abzufragen. Der Rath

möge daher Geduld tragen. Damit derselbe aber auf jeden Fall, « wie

es jöch umb mich ergeh», eine Sicherheit in Händen habe, Übersende

er ihm zwei Schuldbriefe des ICaisers, deren jeder auf 20000 Gulden

laute ; der Halb möge einen, davon auswählen. Ausserdem aber erbiete

er sich, die Rückzahlung des Geldes so sehr wie möglich zu

beschleunigen. Wenn der Rath die Neuburg annehmen wolle, so

hoffe er dafür die Einwilligung Erzherzog Ferdinands als des Kaisers

Stntthalter zu erlangdn und sich über den Rest nach Abzug der 8000

Gulden mit dem Rath zu verständigen 4r,

Die Fürsten hauen gewünscht, gegen den geächteten Sickingen

mit der Hülle des Reichs unterstülzt zu werden . aber weder hei

dem Regiment noch hei den Ständen konnten sie das erreichen, vielmehr

war noch zu Anfang Februar 1523 die Rede davon, Sickingen

zu gütlichem Verhör kommen zu lassen. Am 7. Februar konnte

Frowin von Hutten aus Nürnberg an Sickingen berichten, die mit

grossem Fleiss hei den Ständen gegen ihn nachgesuchte Hilfe sei

noch nicht bewilligt.

Am . 2Januar meldete der Frankfurter Abgeordnete, der Bischof

von 'Würzburg habe gebeten, von Nürnberg abreiten zu dürfen, da

die meisten seiner Aintleute ihm aufgeschrieben, um seines Erachtens

Franzen zuzuziehen der Bischof befürchte einen Ueberfall

Sickingens. An demselben Tage ward die Werbung der Räthe der

drei Fürsten am Reichsregiment. und Reichstag vorgetragen, aber

ohne Erfolg, und Tags darauf (las ewig denkwürdige Gutachten,

welches die Vollziehung des gegen Luilier ergangenen Edict.s ablehnte,

den Ständen übergeben. Was man von Karl V erwartet hatte,

dass er sich an die Spil.ze der nationalen Bewegung stellen werde,

das tiiat das Regiment nun wirklich. Die am 8. Februar dein

päpstlichen Nuntius ertheilte Antwort ging am 6. März als kaiser.I.

Edict aus.

Nun erschien es wichtig, dass Siekingen sich gegen die Angriffe

behauptete, die sich gegen ihn vorbereiteten. An die Erhaltung des

Ritters, der so oft den Land frieden gebrochen, knüpfte sich jetzt,

nachdem er geächtet war, ein Interesse der ]ieichsordnuug. Sickingen

selbst war unbesorgt. Er zweifelte nicht, sieh in der Feste Landstuhl

• 41

Die auf Strassburg hezüghclieu Aktenstücke: Polit. Correspondens

Nr. 102-112.


- LXIX -

wenigstens ein Vierteljahr haften zu können ; seinen Verbündeten

weide Zeit bleiben, ihn zu entsetzen.

Der Kurfürst von der Pfalz hatte den 15. Januar den Rath

der Stadt Strassburg aufgefordert, einen seiner Bürger, der, wie er

höre, mit etlichen Kriegsknechten Sickingen zugezogen sei, oder

andere etwa bei Sickingen anwesende Strassburger Tinterthanen sofort.

zurückzurufen und gegen die Güter derselben so zu verfahren, dass

man -daraus des Bathes Missfalten spüren könne auch andern Hauptleuten,

deren etliche in Strassburg liegen sollten, mehl zu gestalten,

Knechte anzuwerben. Am 15. März bat er nun, seinen, Hauptmann

Hans von Bruchsal Werbung im Gebiet der Stadt zu erlauben und

auch sonst. demselben zur Vollendung seines Befehls allen möglichen

Vorschub zu thun. Den folgenden Tag theilte Sickingen dci Sladt,

mit, er wolle den am 22. März in Speier versammelten Stiidtebolscha:ften

seiner «Handlung und Sachen Bericht und Anzeig thun» 42•

Im April drohte der Erzbischof von Trier- den Strassburger und

Augsburger Gesellschaften für die Niederlande, gegen sie nach den

Bestimmungen des Landfriedens verfahren zu wollen, wenn sie sich

mit Sickingen als einem Aechtcr in Geldgeschäfte einlieSsen. Aber

Strassburg besass das Privileg, den in der Reichsacht befindlichen

Schutz zu gewähren, ein Privileg, das noch im Jahre 1.521 mit, den

andern glücklich wieder bestätigt worden war".

42 l'olit. Correspondenz Nr.113, 115 u. 116.

43 Ulmanit, S. 339.

44 Den 26, Januar tlteilten der Altstettmeister Hans Bock und der Altam,neister

Conrad von D,rntzenheim von Worms aus dem Rathe mit, dass

sie die Verehrungen nach Befehl des Raths vertheilt und von den 13eselrenLten

die besten Zusagen hinsichtlich ihrer Geneigtheit, für das Wohl

der Stadt zu wirken, erhalten. Mit Nieolaus Ziegler sind sie betreffs Cnnfirmation

der Stadtfreiheiten dahin übereingekommen, dass 'jede Friliit

besunder mit cmi sundern Brief und Siegel »-ausgestellt werden soll. Zieglei

bitte in Betreff seiner Untert,l,nnen zu Barr um die Begünstigung, dass

der Rath ihnen nicht gestatte, nach Strassburg zu ziehen und dort das

Bürgerrecht zu erwerben, während sie ihre Güter nach wie vor zu Barr

haueten. Am 29. Januar sind die Strassburger Abgeordneten zwar guter

Hoffnung, die Confirmation der Freiheiten zu erlangen, bitten aber. bei

Gelegenheit ei,' Fuder Wein per Schiff herabzusenden • dann als uns bedanken

will, so werden wir sie bedürfen.» Am 14. Februar bestätigen sie

den Empfang von drei Fass Wein umd theilen mit, dass etliche der Freiheiten

schon in der Kanzlei Villingers ausgeschrieben seien. Die welche das

Conservatorium (die Anweisung au (las 1-!ofgeri(;iit zu Bottwil, die Stadt

Strassburg hei ihren Privilegien zu schützen) u n d auch die A echt er

zu enthalten„ betreffen, sind ([ein Villingers übergeben.

Ziegler zeigt guten Willen. Am 19. Februar heisst es « Die nächsten ge-


- LXX -

Am 30. April begann die Beschiesung von Landstuhl. Sickiiigen

hatte ' nur seinenj üngsl.en Sohn Fi'anz Konrad hei sieh, -da

Schwicker seinen Posten in Sleinkaflenfels behauptete und der miiileie

in Gefangenschaft lag. Bald schickte er Franz Konrad in Begleitung

Schlörs mit, den wichtigsten Papieren fort. Am 7. Mai

inelten zwo Frihiten sind noch nit usgeschrieben dann wir sind beide bi

dein Sehriber gesia, der sagt, wall sie gar usgeschriebeu, so wel everheifen,

(lass ganz bald underzeichnet und gefertiget werdent....Der Gescliriften

sind vii. wir hoffen, ob Gott will, je, wir «client.., die Frihiten in Kurzem

usbringen und vertruwent dem Ziegler, alles Guten.. Rathen letzterm, die

von ihm bestellten Fische im Werthe voll Gulden zu schenken, das

Geld werde gut angewandt sein. Am 1. März lautet die Meldung: Die Freiheiten

sind alle ausgeschrieben und auf Dato von Erzbischof von Mainz unterzeichnet;

hoffen; dass auch der Kaiser sie bald unterzeichnet und. daisach

versiegelt. Am 0. März melden die Strassburger, der Grosshofmeister des

Kaisers lasse den Rath angehen, die kaiserliche Tafel zu dem am 12. stattfindenden

Blinket gegen Bezahlung mit Fischen zu versorgen und fügen

hinzu: c Die Freiheiten sind von K. M. und sunst auch verzeicht; werde!].

• ob Gott will, bald , versiegelt werden:» In einem Zettel melden sie die

Ankunft von Fischen: Raben wir geihon Herrn Niclaus 'Ziegler vorab

inhalt euers Schrihens; und tianoch dem Villinger 200 Selmeling mid

200 Nunögen und jedem 10 FofeileiL» Dem Rath, der aal 6. auf Beschleunigung

in Ausfertigung der Freiheiten gedrängt hatte, konnte am 10. berichtet

werden, dass an den Freiheiten mir noch das roth Wachs fehle.

• Man habe in der Kanzlei die Vidimus der- Freiheiten oder beglaubigte Abschriften

davon begehrt. Am 13. März endlich sind die, -Confirinationen der

Stadtfreiheiten in den Bänden dci' Gesandten. Ziegler hat Wort gehalten.

Fragen au, oh man ihm mehrer Vetohrung thun wolle, da man ihm

zum Oeftern zugesagt habe, ihan wolle es um- ihn freundlich verdienen.

Villingors Schreiber hat die 14 Urkunden geschrieben, Etwasmüsse)] noch

die « Knechte ' erholte'„welche die Gesandten bei dein Ziegler und

• sonst stetig gefördert haben; denn € man het uns etwan furgelassen, - so

gross Herren haben müssen warten, die vor uns do sint gesin.» Bitten.

nachdem sie die Confirmation der Freiheiten ausgebracht, um Ablösung

durch andere Gesandte. Am 16März theilen sie mit, dass sie die noch

im Besitz des Fischers befindlichen 1200 Selmling an den Pfalzgrafen, den

Bischof von Strassburg, an ..‚ Dootor, Caspar Marl, Nicolaus Ziegler und

Jacob Spiegel verschenkt, da es ihnen unpassend erschienen ist, dass der

Fischer dieselben in Worms verkaufe. Am 21. März bitten sie um Antwort

- ' auf ihre friihere Anfrage, ob sie Zieglern noch eine Verehrung thun sollen,

und am 24. erklären sie, dein Befehl ‚des Baths gemäss mit der Schenk.

gegen Refrn Niclaus Ziegler thun zu vollen, inzwischen war ihnen wieder

Wein zugesandt worden.

Diesen Einblick in das Treiben der' kaiserlichen Kanzlei und die nur

auf die Bestätigung ihrer Freiheiten geri c htete Politik der Stadt Strassburg

gewährt die Polit. Correspondenz Nr. 63-73.


-- LXXI -

Mittags war der Bitter to llt, Deutschland, wie der römische Klerus

jubelte, von dem Afterkaiser befreit. ])ein Kurfürsten von Trier,

der n a seinem Sterbelager gestanden, sandte Papst 1-Jadrian einen

Glückwunsch. Das deutsche Volk aber hielt treu an seinem

Sickingen fest.

Der «Dialogus der Rede und Gespräch, so Franciscus von

Sickingen voi des Himmels Pforten mit Sant Peter und dein

Sant Jürgen gehalten, zuvor und ehedann er eingelassen ist worden»,

lässt den Bitter sich bei Sant. Peter anmelden mit den Worten

«ich bin Franzisbus von Sickingen, ein verordneter Vollzieher der

Gerechtigkeit.>) Und als Sant Jörg dann später bemerkt: «Franz, mir

ist angezeigt. deinör Begehr etliclis ausständigs Solds und anders, so

du forderst, das will ich vernehmen und dir ferner darauf Bescheid

geben», erklärt Franz: «Ich hab nu etlich Jahr mit Vollziehung der.

Gerechtigkeit auf gut Vertrauen dient, wiewohl ohn bestimmten

Sold, und wa ich darzu tauglich, auch Gottes Will gewesst, so wollt

ich gern noch läner das Best gel.hon haben.»

Jörg : «Wer hat dich darzu bestellt oder dir solichs auszurichten

befohlen?»

Franz :. « Mir ist ein geschriftlicher-Befehl zukommen, durch ein

armen Mann überantwort, unter, anderm inhaltend was ich ihm

oder einem andern gleich dein allerwenigsten meinem Nebenehristen

brüderliche Lieb erzeig, das wöll Gott ihn selbst geschehen ihm

zurechpcn und auch mit Belohnung vergleichen das hab ich zu

Herzen genommen und ihm zu der Gerechtigkeit erholfen, fürter

auch andern mehr, wa die an mich gelangt seind »

Jörg: «Wie hasta ihm zu der Gerechtigkeit verholfen?»

Franz: «Ich hab die, voll die Armen aus Pracht, Hoffart,

Neid, Eigennutz und mit dem Bann gewaltigt seind, gütlich

ersucht, die Armen nicht zu unterdrücken. So das geschehen, bin

ich wol zufrieden gewesen. Hat es aber nit sein wöllen, hab ich sie

mit. Heereskraft überzogen, so viel gethon und gehandelt, dass dem

Armen gleichs widerfahren ist. »

Jörg : dcSoliehs ist nit dein, sond. d' Fünig, Fürsten und andern

weltlichen Oherkeit und Gewalt befohlen worden denselben steht zu

• das Schwert zu brauchen der Gerechtigkeit..»

Franz: «Sie habenand's zeschaffen. »

Da nun die Rede auf die Fürsten und Prälaten kommt, sagt

Franz: dc. So ein Armer mit eim Fürsten oder geistlichen gewaltigen

Herrn zu handeln hat, der wird vo ll gewaltig veijagt oder

das sein genommen, er ruf und schrei uni Redit. viel Jahr, und

wann es ihm galiz wohl geht, dass er zu Verhör kommt., so erheut

man ihih (las Recht. So soll er erst darnach nmb das Sein vor den- -


- l.xxtJ -

selben Fürsten, seines Widersachers und Gegentheils Suppenfressern

und Ja-Herren ein Austrag des Rechten annehmen ...

Jörg: &Was t.!iut dann (las Regiment dazu, das vorn Kaiser und

allen Ständen geordnet und besetzt ist?»

Franz - «Die seind jetzt zu Ess]ingen, so viel da seind ; die leben

in Frieden, essen zu Morgen grünen Imber und trinken süssen Wein,

Nachmittag macht man ein Ausschuss... Etlich Herren und sonderlich

die ältesten und geschicktesten, und was mit der Feder umgeht, (Im

werden verordnet mit Mandaten -.. Die ander Partei sitzt illier tue

Supplication der Arisen und schicken dieselben an das Kammergericht,

auf dass sie clest minder beschwert seind... » -

Jörg :. < Wfts ist das Kammergericht?»

Franz : «Es ist ein solch Ding wer von dein Untergericht als

dein erlediget ist, der kommt erst in die Hell gar mit einander.

Denn ich mein wahrlich, dass kein Seel in der Hell von den Teufeln

harter geplagt.. inüg weiden, dann wann ein Armer dein Proctu'ator,

Advokaten und demselben rostigen Haufen zu Theil wird; dann da

seind so viel Action, Except.ion, Replict, Duplict, Tripliet, Quadri -

plict, Ditation, peremptoriales, feme- in novis, prefaxis und ordinariis,

also dass kein Entledigung ist.: es muss Blut und Fleisch alles verzehrt

werden. Kommt unter Hunderten Einer ,zum Enduriheil, so

muss er die ExecuUon und Vollstreckungen bei der von Ochsenstein

Küchenmeister suchen. Der was so gewaltig, so er Einem ein Supp

schuf, so warf man ihn die • Stiegen ab. Aus solichem - Mangel der

Gerechtigkeit folgt wa eins armen Manns Vermögen mit ist, diesem

langen und unausträglichen Pracht auszuwarten, dass er ihm fürnimmt

ein Fehde. . . » 45

Die Sickingenschen Burgen wurden ei-obei't und grossentheils

niedergebrannt ; Nei.ienburg zuerst., . dann die Ganerbenschlökser

Draehenfels, Hohenhurg und- Lülzelburg ; Thann geschont, weil der

Bischof von Speier als Lehnsherr Einspruch erhob. Am 25. Mai

trafen die Fürsten vor der Ehernburg zusammen.

Am 2. Juni "ersuchte Ferdinand zu Gunsten der Sickingenschen

Kinder zu interveniren. Er liess für seine Rätbe eine instruction

behufs Verhandlung mit dein entwerfen, in der es heiss!:

«Anihuglich seiner Lieb unser Lieb und sondern Freundschaft zu

sagen und nachmals seiner Lieb za erzählen : nachdem Franziscns von

Siekingen durch Schickung odei' Verhänguiss des Allnmäclitigen die

Schuld seiner Natur bezahlt und Gott die Strafe, so ui an seinem

45 Manch JI, S. 321 ff,


- LXXI[l -

Leib, Leben und Gut'jüt\gstlich erlitten, vielleicht von seiner Verwirkung

wegen über ihn ergehn lassen, nu werden wir witer berichi,

(lass gemelter Pfalzgraf und siner Lieb tnilverwandten Kriegsfürsten

an des Franzen Tod und dem zugefügten Schaden, der ihm und

seinen Söhnen durch die dry Fürsten mit. Eroberung etlicher Schlösser

begegnet, nit ersättigt, sonder Hans von Sickingen auch der dryer

Fürsten CeCangäner ist und fanglichen gehalten würde, auch ihr

Lieb in emsiger Uebung stehen sollen, das Schloss Ebeihurg und

die übrigen der Jungen von Sickingen Güler auch zu erobern und

einzunehmen. Nu bedenken wir genannten Franzen von Sickingen

getreu, nutzlich und aufrichlig Dienst, die er K. M. und dein

Oesterreich offinalen gethan, die auch dein Oesterreich wol

erschossen sin, auch in Ansehung, dass Franz siue Sün und Kinder

uns befohlen, deshalhen wir zu den Jungen von Sickingen mit

Gnaden bewegt seien ... und dieweil dann der Alt von Sickingen

für sich seibs und ohne Zwifcl wenig mit Rat, Willen und Wissen

siner Süne gehandelt, also dass sie an ihres Vattern Handlung

wenig Schuld tragen, ... und sie unschuldiglich verderbt und verfliehen

worden, dess gedachter uns' Oheim in sineni fürstlichen

erheben Gemüt bass der Notdur.fl. nach zu bedenken was, demnach soll

unser Gesandter an sin Liebnil Fleiss begehren und fründlich bitten,

dass sein Lieb für sich selbs solch heflig Fürnehmen nu fürhaser

abstehn, auch sich gegen den g enantcn Jungen von Sickingen fürstlich

und mit Gnaden halte und bewise, und sich an ihres Vnl.tern begangen

Strafe, die unsers Achtens genugsam, bewegen lasse, und

dib andern zvcn ihr Lieb mitvcrwandl Kriegsfürsten zu derglichen

Cüligkeit bewegen und vermögen, also dass gegen die Jungen von

Sickingen nichts wyter thilliches geübt, sondern die Gietigkeit, Gnad.

und Sanftmüthigkeit, die by so Irefihnlichen adeligen Fürsten alzeit

statthaben sollen, hei ihren Liehen all di'yen hierin aus oberzäll.cn

Ursachen und uns zu sonden» fründlichen Gefallen augenscltinlich

gesehn werde. Des wollen wir üns zu seiner Lieb und den andern

zweien Fürsten fründlich und ungezwifelt versehen und in dergleichen

Fall wiederumb dienstlich heschulden.» 4G Aber die humane Absieht

Ferdinands ward in der widerwärtigsten 'Weise vereitelt.

Mit Sickingens Tod war ein grosser Umschwung aller Verhältnisse

eingeleitet. Schrieb der Freiburger Professor Zasiu.s mit äusserster

Kühle an seinen Freund Amerbach nach Avignon: «dass Franz Von

Sickingen, vor dem die Welt zitterte, durch einen merkwürdigen

Bombardenschuss getödlet worden ist, wirst Du erfahren haben», so

liessen Luthers Anhänger den Muth sinken, während die Papisten

46 Mitnch II, 5. 274 ff.


- LXXIV -

aufjubelten. «Ich kann Dir nicht sagen», schrieb ]3uc& am 9. Juhi

an Zwingli, «wie sehr durch den Fall dieses einzigen Mannes die

papistischen Ungettiüme wieder ihre Hörner erheben.))

Zunächst musste das Regiment, dem ein Schwarzenberg angehörte;

weichen. Es hatte den Frevel begangen, Frowin von Hutten in den

Besitz seiner Güter wieder einsetzen zu wollen. Dann ward (las

Kammergericht einer Reinigung unterzogen. Während Zasius, der

den scheidenden Erasmus an einem Fasitage mit einem Huhn

heirthet hatte, zwar zur Rechenschaft gezogen ) aber deshalb absolvii

ward, weil Erasmus Seil lange durch den Papst von den Faslengeboten

dispensirt sei 7, ward Dr. Kreul.ner, Assessor für den fränkischen

Kreis, seines Amimtös entlassen, weil er an einem Fasttage

Fleisch gegessen, ohne Rücksicht darauf, dass er noch einen Blickstand

von mehr als 1000 Gulden zu fordern hatte48.

Für Sickingens Kinder traten der Bischof von Speier und Herzog

Hans von Simmern als Frirspreclier auf. Die Fürsten waren zu einem

Abkommen bereit, wenn die Ebernburg mit Waffen und Pulver übergehen

werde; dann sollten die Kinder die fahrende Habe behalten.

Als dieser Vorschlag ahgelehntwordeu, ward das Schloss beschossen

und nach der Kapitulation die ganze kostbare Beute getheilt. Nur

die Gewänder und Kleinodien wurden den Frauen gelassen. Am

5. Juni unterwarfen sich auch Baumeister und Gemeinen von Steinkalten

fels.

Noch im Lager vor. Ehernhnrg ward die Tlmeilung der Schlösser.

vorgenommen der Landgraf erhielt alles auf der rechten, der Pfalzgraf

und der, Erzhisöhof alles auf der linken Seite des Rheins. Zur

Behauptung dieser Eroberungen schlossen sie einen Schutz- und

Trutzbund. Unter der Aufsicht. des Pfalzgrafen ward die lhernbui'g

geschleift. .-

Selbst, gegen die Frauen der Sickingenschen Familie gingen die

Fürsten mit unglaublicher Härte vor. Sickingen selbst halte in

seinem Schreiben an die deutschen Städte 1523 vor Sonntag haare

vorgestellt, dass jene selbst zwei edlen Frauen, Barbara von Braunberg,

seiner verwittweteu Schwester und Adam von HonsIeis

.Wjttwe,. ihr Schloss !s{erxheim eingenommen, geplündert und das

daran liegende Dorf, welöhes ]leidenWitt.wen ' zustehe, verbrannt,

die Armen daselbst aus der lVittwän Pflicht gedrunge, alles wider

fräulich Freiheit., des heiligen Reichs Ordnng u und aufgerichteten

Landfrieden ‚ auch unangesehen, dass die hemellen Wittwen mit

seiner Fehd gar nichts zu thun oder zu schaffen halten. Ehen so

47 Stintzing Zasius 5, 245.

48 flanke 11, S . 95.


- LXXV -

grausam verfuhr man nach seinem Teile mit zwei Schwestern

Schweikarts und dessen Ehefrau. Sickingen hatte seinen Töchtern

Margat'et.ha und Ottilie' und der Schwiegertochter die Neuenburg

angewiesen. Als die Burg genommen war, wurden die Frauen

«spüttlich weggewiesen.» Und als Margaet.ha später ihren Gatten

von C!ee durch .dei Tod verlor, entzog der Erzbischof der Wittwe

die 200 Gulden Jährlicher Zinsen, die sie auf seinem Stift. halle.

Nicht glimpflicher wurden die weiblichen Angehödgen der

Sickingenschen Bundesgenossen behandelt. Auf dein Tag zu Heidelberg

war auch Simon von Kronberg, Domherr zu Mainz, von wegen

seines Vaters und als Vormund seiner Bruderskinder erschienen und

machte geltend, dass Anna Hartmanns und Veronika Philipp von

Kronbergs Tochter etliche Güter, Zins und Gerät], die ihnen zu

Kronberg und im Amt: Epslein von ihrer väterlichen Erbschaft

zuständen, nicht minder Klara von Helinstudt, Johann von .Kronbergs

Wittwe, ihr Widem samt etlich andern liegenden und fahrenden

Güterb genommen worden 49 . -

- Johann Hilchens Töchterlein aber liess sich später zu Lorch vernehmen,

(,sein Vater hab ihr alle sein Güter durch ein Donation

ei-stlich vor Schnllheiss und Gericht zu Lorch und darnach vor der

ganzen Landschaft des Ripgaues übergeben» und erbot sich demnach

gegen alle, «so der Güter halb Forderung an sie zu haben

vermeinten, zu Recht für R. K. Majestät; ihrer Majestät StaLl.-

haller und Regiment, auch Kammergericht im Reich und für ihren

gnädigsten Herrn und Landesfürsten 50.» -

Selbst der treue Schlör ward in's feindliche Lager hinübergezogen.

Wie sich aus einer Fürbitte der Grafen Fürstenberg für ihn

ergiebt, war er durch die Ungnade des Pfalzgrafen von seinen Kindern

getrennt und ihm das Seine enizogen. Schliesslich ward •er gegen das

Versprechen, den Erben und Angehörigen Sickingens nicht ferner

dienen zu wollen, in pfälzische Dienste genommen. • Er seinerseits

bedang sich aus, nicht 'gegen SickingensKinder und Verwandte ersendet

zu werden. -

Sickingens •Naehkommenschaft war ökonomisch vernichtet. Die

ganze Zukunft des Geschlechts ruhte auf Schweikait, der sich seiner

verantwortlichen Stellung wohl bewusst war.

Schlör hatte in seinem vor der Trierische« Fehdd eingereichten

Gutachten vorgeschlagen; Hohenburg und Nanstuhl Sc-hwickern zu

49 Müncl' III, .57.

5 0 Müncl' JI, 265.


LXXVI

übergeben, ((also dass derselb sich des Kriegs mit nichte kommerte,

sondern der Pfalz Diener bleibe.» Aber nun hatte Schwicker an dem

Kriege aufs lebhafteste theilgenommen, nachdem er das Dienstverhältniss

zur Püdz aufgekündigt. Zunächst fand er in Hechingen eine

Zuflucht. Seine Versuche, vorn Elsass aus den 'Widerstand fortzuselzen,

wurden vereitelt. Strassburg, dessen Hülfe der sterbende Franz so

bitter vermisst haue, blieb ihm geneigt und gestattete ihm freien

Verkehr in der Stadt, während er die Unterl.hanen des Kurfürsten

von »er Pfalz belästigte, worüber letzterer sich im Juni 1523 bei

dem Rath beschwerte.

Ausser Schweikart war auch Hans bei der Belagerung von

Trier gewesen, ja er hatte das eroberte St. Wendel vertheidigt und

später den Versuch gemacht, die pfälzische Veste Lützelstein einzunehmen,

um schliesslich der Pfalz Gefangener zu weiden.

Der jüngste Sohn Franz Konrad endlich, der unter Schlörs Begleitung

die wichtigsten Papiere aus Landstuhl gerettet hatte, fand

hei dem Erzbischof von 13esanon Aufnahme. Die drei Sehwestern

waren hei Angehörigen verthei]t. Alle diese Kinder hatten, wie die

Flersheimer Chronik sagt, ((weder Heller noch Pfennig.» 51

Schwicker und 1-lans wurden von den drei feindlichen Fürsten

im scharfen Gegensatz zu Ferdinand nicht als im ganzen unschuldige

Kinder, sondern selbst als Friedbrecher betrachtet. Auch der Erzbischof

von Mainz musste, als er 4522 Sonntag nach Gai]i zu Frankfurt

die abgenöl.higle Verschreibung ausstellte, sie als «des heiligen

Reichs Friedhreeher» bezeichnen, denen er keine Hülfe zu ]'heil

werden lassen wolle 52 Ja der Pfalzgraf trug kein Bedenken, in

einem an den Erzherzog gerichteten Schreiben vom 20Juni 1524

Schweikart neben andern des Reichs Aechler zu nennen 53.

Aber auch der Erzbischof von Trier hliel, nicht zurück. Schon

den 30. Juni ertheilte er einem Bevollmächtigten eine Instruktion,

wegen der Sickingenschen Fehde beim Kaiser einen Schadensanspruch

von 300 000 Gulden anzumelden, desgleichen. mitzutheilen, dass er

«durch die Gnad des gütigen allmächtigen Gottes Franzen selbs

persönlich und sein Häuser Neust.uhl, Homburg und Ebernburg mit.

Gewalt erobert, die zu uns und dem .Kurfürstenthum Trier gebracht...

alles zu Gehorsam kaiserl. Majestät....» Am 10. Juni richtete er

selbst in lateinischer Sprache eine Vorstellung an - den Kaiser, in

welcher er den Anspruch erhob, vor allein aus den 40000 Gulden

cntschädigt zu werden, welche Franz von Sickingen zu fordern

a. a. 0. S. 90.

52 Mäncb II, 236.

Notizenblatt II, 115.


- LXXVII -

hatte. Ungefähr um dieselbe Zeit schrieb Schweikart von Sickingen

an den Rath der Stadt Strassburg. Er wisse wohl, dass der Rath

seinem Vater Franz 8000 Gulden vorgestreckt habe, die noch nicht

bezahlt seien. Der Rath möge in Anbetracht. der Lage, in die er

und seine Brüder durch deS Vaters Tod gekommen seien, noch mit

der Bezahlung Geduld haben. Sie wollten allen möglichen Fleiss

ankebren, ihren Verpflichtungen nachzukommen 55.

War so der Erzbischof nicht gesonnen, von seiner starren Haltung

auch nur das Geringste aufzugeben, so schonte auch Sch\veikart

seine Unterthanen nicht. Franz hatte einige Trierische Unter-

Uanen ZU St. Wendel und anderswo niedergeworfen; dann aber

gegen das Versprechen, sich unter gewisscn Bedingungen wieder

bei ihm oder seinen Erben zu stellen, losgegehen. Natürlich

hatten sie zugesagt, eine bestimmte Schatzung zu zahlen. Als sie

aber weder zahlten noch sich stellten, mahnte Schweikart sie,

ihren Verbindlichkeiten nachzukommen, und da (las nicht half, liess

er den Wortbruch nicht ungenimdet. Als später dem Erzbisdiof

Vergleichsvorschläge gemacht wurden, wies er dieselben ab, weil

Schweikart «seiner Amtsleut einen angegriffen und ihm sein Haus,

in dem er seine Wohnung gehabt, in Grund abgebrannt» habe.

Der Bischof von Speier arbeitete unausgesetzt an einem Ausgleich.

Die Flerflieimer Chronik erzählt: «Der Bischof liess nit nach,

erlanget zuletzt, dass ihm gegennet ward, ein gütlichen Tag fürzunehmen

; der ward gen Basel gesetzt, von allen Theilen besucht und

sonderlich treffentlich von wegen der Freundschaft deren von Sickingen.

Aber die Kriegs-Kwfürsten und Fürsten wollten nichts thun. Zuletzt

ward fürgeschlagen, dass denen von Sickingen 4000

Gulden vor alle -Forderung werden und dass Trier

und Speie r, Erzbischof und Bischof, Franz Konrad

mit Pfründen versehen sollten, damit er auch ein

Auskommens hett. Dieser Fürschlag .betrübt die Freundschaft

dero von Sickingen hoch.»

«Indem starb Schwickern sein Hausfrau zu Basel und ward ein

ander Tag ... gen Speier angesetzt. Den liessen die Chur- und

Kriegsfürsten, desgleichen deren von Sickingen Freundschaft ganz

trelTentlich besuchen.» Aber obgleich man sieh bis an den 8. Tag.

besprach, musste man schliesslich unver(ragen abscheiden.

1525den 1.7. Februar erfahren wir, dass Hartmann von ICronberg

und andere Freunde Schweikarts mit Erzherzog Ferdinand der

kaiserlichen Schuld halt) in Unterhandlung standen 5.

4 Günther a, a. 0.. S. 217 f. Anmerkung zu Ni. 86,

55 Polit. Correspondonz Nr. 119.

M •\'g]. unten TU Cantiuur.uln,s Gutachten.


LzXVIII -'

Als der Bauernkrieg ausbrach, zog Schweikart Ulrich von

Würtemberg zu ‚. während, wie unsere Chronik erzählt, Hans

«gesucht ward von etlichen Haufen der Bauern, dass er ihr Hauptmann

'volt werden. Sie wüssten, dass seinem Vatter und ihih Unrecht

geschehen wäre; sie wollten ihm zu allem dem Seinen helfen

und grösser machen, denn er je gewesen wäre. Aber Hans entschlugsieh

ihrer und ritt stracks dem Bund zu.»

Am 1.3. November mahnten Schweikart und Hans den Markgrafen

Albrecht um Zahlung gewisser Rückstände: «Dann E. F. G.

wol wissent ist, wie und welcher mass uns grosse beschwerliche

Zufall zu Hunden gestanden sein mit Ver]ierung unsers lieben Vatt.ers

seligen Leibs und Guts, auch mein,. Hansen, Gefängriuss und grosse

Schulden. Solichs alles unangesehen haben wir in Bedenknng der

Beschwerung, so E: F. G auch zugestanden, auf obgerne]te Bezahhing

fit trengen, sondern uns lieber damit leiden wollen, bis E. C. G.

Sadlf zu Besserung gericht. So nun der allmächtig Gott E. F. G. zu

glücklichem christlichen Stand. geholfen, clai-innen Gott der allmächtig

E. F. G. mit Gnaddn erhalten wolle, so ist an E. F. G. miser untertlifinig

bitten, E. F. G. wollen angesehenunser: hochobliegende

Nothdurft uns solche tausend Gulden gnädiglicli und aufs füiderlic1ist

entrichten und dieselben gen Nürnberg oder Augsburg erlegen».. •51

In demselben Jahre ward durch Vermittlung des Königs Ferdinand

ein Abkommen wegen Neuenburg dahin getroffen, dass die Sickingen

dafür an Haupt-summa und Interesse 26000 Gulden erhielten.

Nachdem im folgenden Jahre der Erzbischof die Stellung in der

Opposition, die er bisher behauptet, aufgegeben und vom Kaiser und

seinem Bruder eine Pension von 6000 Gulden angenommen halte°, kam

die Sickingensche Angelegenheit auf dem Reichstag zu Speier nochmals

zur Sprache. «Königl. Majestät eigner Person • hielt, auf das

gnädigst und mit höchstem Ernst um]) ein Vertrag mil. den Sickiugen

hei den Chur- und Kriegsfürsten emsiglich an und begehrt, die

Sach ihr zu ergeben,» aber obschon der König sein Begehren mehrmais

wiederholte, n die Fürsten, die schluge sich Anfangs eine 'Bedenkzeit

ausgebcten, zuletzt dasselbe ganz ab. Während dann der

Kurfürst sich 1528 zu den hei der Eroberung von Ehernburg gewonnenen

Kanonen eine gewaltige neue, den «Vogel Greiff» giessen liess

und 4529 der König sich gegen die Türken rastete ' und neben

Johann 1-lilchen von Lorch auch Hans von Sickingen zum 1-Iauptmann

bestellte 9, wiederholten sich die Vergleichsverhandlungen auf

dein Reichstag, aber immer umsonst..

57 Münch II, S. 128,

bS Ranke 11, S. 247 f.

59 Vgl. Polit.. Correspondenz Nr. )(iß.


LXXIX -

Auch der Tod des Erzbischofs Beinhart verbesserte zunächst die

Aussichten nicht. Der am 27. März 1531 zu seinem Nachfolger

gewäbhe frühere Domprobst, Johann von Wegenhausen, «erhol sich

viel, aber das ward keine endliche Antwort.» Wie Reinhart erklärt

halte, es stünde nil allein an ihm, so schob auch Johann die ',-ach

auf die andern Fürsten. 4539 trat insofern eine. Wendung zum

Bessern ein, «als des Landgrafen von Hessen Gemüt gemildert» ward.

Derselbe zeigte sich zu einem Vertrag mit Hartmann von Kronberg

geneigt, «das daniT ein guter Anfang».

Bei diesem Ausgleichsversuch war auch Bucer betheiligt, der

sich den 28. Mai veranlasst sah, an den Landgrafen ein Dankschreiben

zu richten, worauf er aber Mittwoch nach St.-Johannis folgende

abweisende Antwort erhielt. «Die Siekinger und Euer uns derowegen

get,hane Danksagungen -betreffend, ist solche Danksagung gegen uns

oha Not, dann wir alwge des mitten Gemüts gewesen und noch,

mehr Gnade denn Strengheit zu gebrauchen, wann wir sehen, dass

es angewendt und nit weiter Besorgung vo nöten wär. Wir sind

auch, gegen den Sickingern noch des Gemüts, wie wir Euch geschrieben,

und dass dieseib Sach itzo zu Worms nil ist exequii-t,

das ist unser Schult - nil ‚ sondern des eilenden Ufbruchs daselbst.

Wir besorgen aber, dass die Sickingen noch nit geringen

Muih und Stolz in ihnen haben..» Nach demselben Brief hatte

Hans von Sickingen gegen Bucer die Rede gethan « es sei itzo

die Zeit nicht, gegen die Fürsten züi handeln»; id est so argumentirte

nun der Landgraf: « es fehlet am Willen nit, sondern an

dem Vermögen und Gelegenheit cD.» Die Stimmung liess also auf

beiden Seiten noch immer viel zu wünschen übrig. Als imJahr 1540

König Ferdinand mit den beiden Kurfürsten von Trier und Pfalz in Hagenau

zusammen traf, da ward abermals um Vertrag angehalten, «aber.

dieweil dci- Landgraf rut da, ward dies uf ihn geschoben.» Nachdem aber

in demselben Jahr ein neuer Erzbischof zu Triel- erwählt worden,

ward unter diesem ((je längei je mehr Hoffnung des Vertrags

gewonnen.» So konnte endlich auf dein Reichsta ge zu Speier 154 1-2 -

an eine definitive Beilegung des Streites gedacht werden. Durch

eine Reihe von Verträgen vom 24. April, iif Jacobi aposioli erhielten

die Sickingenschen Söhne «alle ihre aheroberten Häuser wieder zugestellt»4544

den 30. März gex-ährten die Gebrüder von

Sickingen dein Kurfürsten von Trier die Oeffnung auf ihren Schlössern

Ebernburg, N'anstu'hl und Hohenburg im Wasgau und auf Sonntag

Cantate, dem Pfalzgrafen die Eröffnung auf Landstuhl, wogegen die

Kurfürsten von Trier und Pfalz den Gebrüdern gestatteteii, ruhef,0

Mönch ITT, 5. 100 f.


- LXNX -

,schadet der Erböffnung Veränderungen auf ihren Schlössern vor-zubetonen

61.

Sickingens Genosse Fro\vin von - Butter . , der trierische Hofmeister,

hatte gegen den Landgrafen bei:ni Reicbsregirnent eine Klage

auf Restitution seiner Güter anhängig gemacht, die er den Winter

1523 auf 24 in Nürnberg selbst mit allein Nachdruck betrieb. Am

9. Juni ward denn auch, nachdem die Meinungen der angesehensten

Mitglieder des Kammergerichts vernommen worden waren, der Entscheid

gefühl., der Landgraf habe den Besitz zu restituiren, vorbehaltlich

des Pelitoriurns t2. Aber dieses Unheil erregl.e die ganze

Wnth der drei verbündeten Fürsten und ward nun als Sturmbock

gegen das verliasste Regiment gebraucht. Da die Fürsleii dem Urtheil

nachzukommen sich weigerten ‚ so trug Hallen auf Verhängung

der Acht gegen sie an ; ein neuer ]3ürgerkrieg stand in Aussicht,

da Vermittlungsversuche keinen Erfolg hatten. Das Regiment, so erklärte.

1424 den 1 Februar in ihrem Namen Dr. Venningen 63, sei

gegen Sickingens revolutionäre tjmtriebe nicht ernstlich genug aufgetreten

und habe dessen Anhänger in Schutz genommen. Auch Frowin

von Hatten sei in der Acht. Und zu dessen Gunsten habe das Regiment

eigenmächtig, mit Umgehung des Kaminörgerichts, ein Urtheil gefällt".

61 Die Urkunden bei Manch II, S. 280 ff.

02 So ist ohne Zweifel das von Ulmann, 5. 396 nicht, recht verstandenä

Uitheil aufzufassen.

Es ist doch der Kanzler des Kurfürsten von der Pfalz, Dr. Florenz

von Neinringen?

In der Instruktion, welche der kaiserliche Gesandte J. Ilannart am

26. April für M. Gilles all den Kaiser entwarf, heisst es Lesditei personhies

du regiment ont acquiz grand odio et hayue de messieurs de Treves et

palatin electeurs et du laut.grave Je Hessen a enusc dune sentence inx

eulx rendue conti-e iceulx princes. et 011 faveur de F.revin van Hatten, leqnel

lesdits trois princes prctendent avnir este des adherens de Francisque

de Sekinghen, et a cesto occasion incourn le bau imperial. Et a cc moien

iceulx princes liii ont prins ses hiens et- chasteaux. EL lesdits du regiment

par leurdite sentence ont dec]aire leiht Hütten debuoir estre restitue a

scsdits l,iens. EL pair cc quo iccidx punces ne veullent obeyr a ceste sentence,

ledit ilutteu poursnyt, quils seient declairez au bau da lempire

ensuynant lei ordounanccs et sI,atuz dicellny et lordre dudit regiment.

EL si cc bau se declaroit cohhtre lesdits princes, grosses guerres Seil esrnouveroient.

EL pour appaiser cc differend Ion a Lache de vouloir appoint.e!

'es parlies mais on ny a Seen parvenir, et y a apparence que grosse

discention et cunre de falL sen ensienra entre icelles parties. - Linz, Correspondenz

des Kaisers Karl V. Erstei Band S. 122.


III. Cantfunculas Gutachtern

Die Verhältnisse heim Tode Sickingens Sind dargelegt.: seine

Kinder, Töchter wie Söhne waren thal.slichlich enterbt. Wie es

mit ihrem Erb echte stand, diese Frage war müssig, so lange

die Fürsten sich der Ordnung des Reichs nicht fügten und die

Macht besassen, sich in ihrem Besitz zu behaupten. Aber sie

nahmen wirklich für sich auch ein förmliches Recht an den eroberten

Gütern in Anspruch. Dass dieser Standpunkt nicht von allen anerkannt

ward, kam eben so wenig in Betracht. Allerdings hatte man

auf dem Reichstage des Jahres 154 sogar an einem Stiafuriheil

gegen die- (frei Fürsten gearbeitet, aber mir zu bald musste der

Gedanke all solchen Schritt au1egeben werden.

Sickingen war zwar als Aechter deklarirt, aber keineswegs durch

richterlichen Spruch wegen eines Verbrechens yerurt.heilt, insbesondere

nicht wegen eines solchen, das selbst zum Nachtl ei! der Kinder

die Vermögenseinziehung hegründele. Null bestritten Sickingens

Kinder, wie dieser selbst auch, die Gültigkeit der gegen ihn verhängten

Acht. Wiesen sie wirklich die Ungültigkeit des Achtsdekrets nach, so

waren die auf Grund der Acht gegen Sickingens Vermögen gethanen

Schritte überhaupt rückgängig zu machen. Auch eine törmliche

Zurücknahme des Acht.sdeki'ets war nichts unerhörtes.

Aufrecht erhalten liessen sich die gegen Siciciugns Vermögen

getroffenen Massnahmen, wenn len erbrechtlichen Ansprüchen der

Kinder gegenüber Sickingen eines Verbrechens bezichtigt, werden

konnte, das auch über seinen Tod hinaus noch rechtliche Folgen nach

sich zog. Ein solches Verbrechen war das Majestätsverbrechen, das denn

auch der Erzbischof voll als Kurfürst Sickingen zum Vorwurf


- 1.1 11, xx1i -

machte. Nach den, römischen Recht konnte hier selbst noch nach dem

Tode des 'flräters ein Urtheil erfolgen. Hier lag es den Erben ob, den

dem Erblasser gemachten Vorwurf zu eni kräften ‚ piugare innocentiarn

mortui, um die Conflscat.ion (1er Erhsciia(l abzuwenden.

Noch bestand ein Unterschied in der Stellung der Kinder zu den

.Fürsten und zum Kaiser. Da der Fiscal nach dein des Kurfürsten

von Trier mit der Forderung Sickingens gegen den Kaiser

bereits befasst war, so eIwIl) sich der einzuschlagende Weg von selbst

gegen diesen Fiscat war vorzugehen, um das der Geltendmachung

der ererbten Forderung entgegengestellte 1. inderniss zu beseitigen

und damit die ganze Frage zur prinzipiellen Entscheidung zu bringen.

in diesen Zusammenhang gehört unser Gutachten, das nicht nur

die Forderung gegen den Kaiser überall in den Vordergru od stellt,

sondern auch den Fiscal geradezu als Partei bezeichnet. ; denn

dass unter dem Ausdruck prorurator Caesaris der Fiseal zu versLehen

sei, kann doch wohl keinein Zweifel ii nterliegen . Wir haben noch

einen Auszug aus einer leider undatirten Den kschri Ci., worin Sicl< ingens

Sühne ihre Ansprüche gegen den Kaiser darlegen. Nach der ganzen

llaltmmg, welche König Ferdinand in der Sickingenschen Angelegenheii.

einnahm, steht zu vermuthen, dass an diesem Punkte auch die Anregung

für die Ahlkssung des Gutachtens zu suchen ist., das dann gar

nicht umhin konnte, auch die Aitsprüche gegen die Besitzer der

Burgen mit ins Auge zu fassen.

Mit dieser Verntutliung stimmen auch ii nsere sonstigen Nachrichten

vollständig überein.

Wir hören, dass in den Jahren 1525 nuil 1528 Verhandlungen

wegen der kaiserlichen Schuld siattthnden ..[n einer Beilage ztr

Schwo.ikarts Schreiben an die Stadt Strassburg vom 11 Februar 1525

heisst en a011 auch Euch Anruf zu erkennen, dass mein Vetter

.11artnituxn von Xronlmörg 111111 anderen meine Herren und Freund in

Handlung mit Erzherzog Ferdinand unser 1 isständigen Schr Id halb

stehen, hin auch meines Vetters Hartmann Zukunft (? Ankunft)

alte Tage wartend guter Hoffnung, er werd mir eine gnädige billige

Antwort bringen,.. bitte darum, Ihr wolle t. - Geduld tragen». Aber

die Hoffnung war noch verfrüht: Dagegen scheint Ende 1528 eine

\Teu .sländiirunn erzielt worden zu sein. Am 22. Ohlober dieses Jahres

hat Schweikart hei dem Rath der Stadt Strassburg nochmal irin

Geduld, mit (]ein Fügen «Ich hin der 1-lofinung, die Boten

sollen sich bald zu wandern schicken ii nser Schuld halben hei kais

Majestät » 1. Dies Mal war also eine direkte i3olschafl an den Kaiser

ins Auge gefasst., die Erfolg gehabt zu haben scheint. Wenigtens ist.

l9eido l3riefe im Strassburger Stadtarclriv AA 373.


- LXflhII -

das angeführte •Ausslandsgesncli das letzte, von dem wir Xenntniss

haben.

Die Schwierigkeiten, welche auf Seite des Kaisers zu überwinden

ivarer beruhten gewiss weniger in einer persönlichen Abneigung

gegen einen gülliehen Ausgleich, als viel mehr in der eigeuthümlichen

Stellung des Fiseals. Freilich war der vorn Erzbischof gestellte Antrag,

ihm die Summe zuzuweisen, rechtlich vollständig haltlos: nach den

Reichsgesetzen konnte die Schuld des Kaisers nur als erloschen

betrachtdt werden. Der Kurfürst. aber hatte auch ein Interesse daran,

dass . der Kaiser hei dieser Konsequenz stehen blieb und nicht freiwillig

zahle, weil das Geld in SchweikarLs Hand leicht direct gegen

ihn, den Kurfürsten verwandt werden konnte:

War also schon hier eine Schwierigkeit. zu besiegen, so hielten

(hie Fürsten, welche im Besitz der Sickingenschen Burgen waren,

erst recht an der Schärfe des Rechts fest waren sie doch schon

mit Rücksicht auf ihre persönliche Ehre und ganze Slellu ng genöthigt,

keinen Finger breit nachzugehen. Der von ihnen eingenommene

]lechtsstandpunkt ward noch in späteren Jahren, als die erregten

Leidenschaften sich beruhigt hatten, in allen Documenlen principiell

festgehalten. in den 1542 und 1544 mit. den Gebrüder Sickingen

und den Herren von Tt\ann geschlossenen Vergleicbsverträgen heisst

es fihereinsl.immcnd, (lass die Fürsten und insbesondere der Erzbischof

von Trier die Güter der andern Partei sich zu Hunden

gebracht, besessen und genossen haben «mit Recht, vermöge der

röm. kaiserl . Majestät und des heiligen Reichs Landfrieden, in der

Nacheile, iure helli und des geschriebenen Rechts.)) 2

Sollte demnach überhaupt ein Schritt in] Interesse der Sickingensehen

Erben gethan weiden, so konnte die Aufgabe nur die sein,

die für die strenge Au (ra ssung sprechenden und vii'k 1 ich geltend

gemachten Gründe vollständig darzulegen, ihnen dann a her ehe] 50

sorgfältig die für eine mildere Auffassung sprechenden Argumente

gegenüberzustellen und diese als eine auch nach dem Recht wohl

zu begründende zu erweisen. Und diese Aufgabe griff Cantiancula,

dem sie anvertraut worden war, mit grossem Geschick an, ii in dann

freilich mitten in der Arbeit abzubrechen. Die hier auftauchenden

weitern. Fragen fassen wir zweckmässige- Weise erst ins Auge, nachdem

wir den .Enh;dt des Gutachtens sell,st näher kenne!] gelernt haben

«In Deutschland,>' so beginnt. die Species liicti, «gilt der Satz,

dass Niemand den öffentlichen Frieden stören oder sich selbst Recht

sprechen, Inen Ander]] Gewalt anthun darf. Diese Bestimmung

gehört dem öffentlichen Recht an. 'Wer dagegen angeht, wird des

2

Müne,h TI, S. 281, 292.


- LXXXIV -

Friedenshruchs schuldig erl


- LXXXV -

dass sie seit vielen J aLiili underten ein ähnliches Missutschick nicljt.

erduldet haben.

«Da dies Unternehmen bald allgemein bekannt und so notorisch

war, dass Niemand es in Abrede stellen kann 4, so erklärte das Nürnberger

Regiment Franz von Siekingen des Friedensbruchs schuldig,

ohne ihn vorgeladen oder vernommen Zu haben, vielmehr ohne

Weiteres, mcl gewahrte einem jeden Deutschen di l3efugniss, gegen

Sickingens Person und sein Vermögen anzugehen. Nachdem das zu

seiner .Kenntniss gelangt war, zog Sirkingen sieh in seine Festeste

Burg zurück ; von dem Kurfürsten von Trier und andern Verbündeten

schwer belager, ward er durch ein Geschoss hingestreckt. Nach

seinem Tod machte der Kurfürst. die Burg dem Boden gleich eine

andere gleichfalls Sickingen gehörige gewann er durch Ueheu4gabe

eine dritte eroberten jene andern deutschen Fürsten.

• Der Kaiser, der von Sickihgeii zehn Talente als Darlehen erhallen

und hei seinem fürstlichen Wort gelobt hatte, die Summe

ohne Einrede und Widerspruch an Franz von Sickingen od er dessen

Erben zurückzuzahlen. sieht die Existenz dieser Schuld in Abrede,

nicht minder die einer andern auf Grund von Verwendungen in

seinen Geschäften und in Folge Auftrags. Nun aber machen die

Söhne des Franz von Sickingen nach des Vaters Tod die Darlehnsund

die andere Schuld beim Kaiser geltend. Der Kaiser stellt die

Schuld in Abrede, weil der Vater für einen Fjiedhuecher erklärt sei

ci n cl damit seine Forderung gänzlich eingebüsst habe.

Die Söhne nehmen Ferner Burgen in Anspruch, die nach ihres

-Vaters Tod und sonst. eingenommen und erobert worden. Die Besitzer

der Burgen machen gleichfalls den Friedensbruch gellend. Die Söhne

aber stellen vor, dass sie, den einen oder andern ausgenommen,

das Unternehmen des Vaters weder veranlasst noch unterstützt hätten.

Ueberdies sei das Vergehen durch des Vaters Tod getilgt.» So die

Species facti p. 3-5.

Die Forderungen gegen den Kaiser, welche (las Gutachten voranstellt,

gründeten sich zunächst. auf das Darlehen, welches Sickingen,

wie wir früher gesehen, dein eben gekrönten Kaiser gegeben hatte,

und das hoch immer nicht abgetragen. war. Ein zweiter Posten bezog

sich auf Pensionsansprüche nach Maassgalie der kaiserlichen Bestallung

vom 25. Oktober 4519 Nach derselben war .I'ranz von Siekingen,

vom 1 März desselben Jahres an gerechnet, zuniicltst auf fünf Jahre

4 Auch das Gutachten gebraucht. bezeichnender Weise das Präsens.

5 Die i]l französischer Sprache abgefasste Dn.r]ehhsurknnde 'donne a,

Cologne le XV. jour de Novembre tau XV.C. vingt' und die sich anschliessenden

weitern Urkunden (neue Obligation vom 24. April 1522. Ausstandsgesuch

vom 13. September u, s. w.) hei Manch II, 108 ff.


— LXXNVI

in den kaiserlichen Dienst genommen und zwar mit einem Pensions-,

Baths- und lJienslgeld von jfl lirlich dreitausend cuirenten Gulden, jeder

gerechnet zu zwanzig Sl.übi'n nach derBinbanier Münze. Auch dieses

Dienstgeld war grossentheris rückständig. Ein dritler Poslen bezog

sich auf Verwendungen, die Sickingen im Dienst und Auftrag des

Kaisers gemacht haLte. Nach jener J3estallungc nämlich sollte Sickingen

zwanzig Küm'assei, jeden zu vier ieisien Pferden und vierzig Einspännige

halten, der Kaiser aber ihm für jeden Kürasser monatlich

15 Gulden, '0v jeden Einspännei' monatlich 7 Gulden und 40 Stüber

zahlen. 'Wir hören endlich, von Ersatzansprüchen für im kaiserlichen

Ijienst,vecbrauchte Geschülze. Zwar hatte Sickingen deshalb eine

Anweisung auf Kupfer aus den Magazinen zu Breisach erhalten, aber

geliefert war es bis zu seinem Tode nicht.

Zu (lOt) Pz i pieren, welche Siekingen's ‚j üngsl er Sohn aus der

Ehernbu rg geretlel hatte, gehöi'ten wohl auch die hetreflbnden Documeute

Jener undatirten Denkschrift, welche die Söhne hei einer

gleichfalls nicht heeichneten Stelle eingereicht hatten und die noch aus

zug'sweise erhalten ist 7, waren Abschriften Jener Documente beigefügt.

Die drei Burgen aber, welche Sickingens Sühne vindicirten,

waren Land stuhl, Jfohenhu i'g undbern burg.

Alle diese Ansprüche waren nach Ansicht dci' Sickingenschen

Gegner, insbesondere des Ti'iem'er Kurfürsten, verwir'kt durch den

Friedensbruch des Vaters. Uni nun :lie rechtliche Lage festzustellen,

wirft Gantiuncula p. 6 fün 1' Fragen auf. Erstens trat. Sicki ngtn durch•

seine Km'iegser'klnrung und ' Kriegsführung gegen den Kurfürsten

von Trier ein Verbrechen begangen? Zweitens wie ist dies Vorbrechen,

falls ein solches vorliegt, zu qualificiren und \velchte Strafe

zieht es nach sich? Drittens ist gegen Sickingen die Strafe des

kaiseihichen Bannes fum'ingei'echt verkündet worden.? Viertens: hat

demnach Sickingen sein Vermögen mit der Wirkung verloren, dass

seinen Söhnen g;n' kein Recht mehr darauf zustehl. ? Fün l'tens kühnen

die Kinder, wenn ihnen ciii Recht auf das väterliche Yeu'rnügen verblieben

ist, dasselbe im Wege der Cession auf einen Andern übertragen?

Canhiurncula ist nicht dazu gelangt, alle diese Eragen nach ihrem

Für und Wider zu erledigen vielmehr ist nur die erste und . ein

grosser Theil der zweiten behandel 15.

0 Eine Kopie der Bestallung vom 23, ‚Oktober 1519 hei Münch 11,

106-108.

Müncli.TI, 105-108.

8 Die Disposition des Gutachtens ist folgende

Primurn dubium p. 6-9:

rationes dubitftndi ]. (1-7.

rajiones decidendi p. 7-9;


-

Bei der Frage, ob Siekingeii dititAi seine Hefehdiing des Kur-

Fürsten ein Verbrechen begangen habe, stellt er zunflciisl ti liii'

Siekingen günstigen dann die für ihn ungünstigen Argumente zusarnmen

Zunächst, sb führt er ans, bat es den Anscheii i als ob

Sicki ngen Und ehrenhafte Gründe für seine Kriegserklärung

und Kriegsführung gehabt habe. Für ihn sprechen drei

Argurnenl, zunüchst, dass er dem Fiiisten die Fehde nicht eher angesagt

habe, quarn rcpetit.is LII Co rehus, ice esI, peltia justitia

nilversus cos qul ipsius Sicinii ilehilores erant. Deshalbsei hellutn

hoc iuste et inilici uni ei. gestern. Auch dann sei eine Fehde .eine

gerechte wenn ein Ceiiclttsheri es veiabsüuine, das voll seinen

Untergtbenen verüble Unrecht zu strafen oder das Von ihnen unrechil.-

mässig Genommene zurückzugehen. Im vorliegeiiefl Falle aber liege

klar zu 'lage, priucipeii lt. negligenlem Fuisse ih iusiitia ipsi adverstis

illos duos iinperiienda, und die beiden Trierer selhsl hätten

unehrenhaft gelrandel 1, ihr gegebenes Wort so schmfl blieb zu brechen.

«So wenig' ‚ heisst es darin, « isi. es rieltig, (lass Franz von Sickingen

die LoskauLsumme nicht hätte zurückverlangen dürfen oder die

Anderen sie rocht hätten zurückzuzahlen brauchen, (lass vielmehr umgekehrt

Sickiirgen von Recl:itswegen !Ifltte genölhigt werden können,

die Sunmnre zurückzunehmen und die Losgekauften ihrerseits, volle

fünf Jahre ihm als Knechte zu dienen, wenn sie die ].oskaiifsn mmc

zu erstatten säumten - Denn wer einen Andern loska ufl, übt eilt

Werk dci- Menschen- und der Christen] ehe. Endlich darf Jedermann

einem Andern ilen Krieg ansagen, uni sein Eigenthum wieder tu

erlangen, falls kein anderes Mittel übrig bleibt.»

- «Aber trotzdem», so fährt das Gutachten fort, «liegt die Wahrheit

uf der andern Seite, nämlich, dass iler Krieg weiler ein gerechter,

noch überhaupt. ein Krieg, war, vielniiIrr öffentliche und offenbare

Gewalt.; denn Krieg wild nicht iiii privaten, sondern im öffeni.Iiehen

ilileiesse geffi tut, wenngle s ich mitunter Bepi-ess;i heu oder vielmehr

Pfändungen aus schr

triftigen Gründen gestaliet werden. Auch

Bartohis, der dergleichen Ptbndungen bisweilen für erlaubt hält, hält

doch daran tesi., dass kein anderes Mittel, um Recht zu erangen, übrig

sein dürfe, und (lass die Pfändun g durch einen höheren Richter in

förmlicher Weise nach Beclilsvorschriti (ordine iusio) dekret.irt sei.

Sonst sind dergleichen Pfii ndungen i eine Gewaltacte und unreelilniässtge

Flaniiluiigen ‚ welche die Gesetze durch mannichihehe Strafen erpönen.»

-

Secunduni dul,iurn i. 90-26

ra.tiones dubitandi p. 10-19,

rationes decidendi p. 19-28.


- LXNX'VIII -

- In unserm Falle aber habe der Kurfürst flfl (las Nürnberger Regiment

vor Gericht cliii'!, hier habe die J3etgniss zu Repressalien oder

zu Pfändungen erwirkt werden können. «Da Franz keins von beiden

gethan hat, so ist klar, dass er nicht, allein keinen gerechten Krieg

geführt, sondern auch nicht einmal Repressalien, vielmehr blosse

Gewalt geübt hat.»

«Auch das zweite Argument ist hinfällig. Der Kurfürst voll

kann in Uebung der Justiz und der Pflicht, die Schuldner zur

Zahlung der Loskaufssuinme anzuhalten, nicht säumig genannt

werden, da ja die Sache bereits beim Nürnberger Regiment anhängig

war, und der Kurfürst sich hier gehorsam beweisen und das Dekret

des Regiments abwarten musste.

«Auch das dritte Argument ist leicht zu bseitigen, da es nicht

wahr ist, dass kein Rechtsmittel gegen den Kurfürsten mehr übrig

geblieben sei. Franz von Sickingen hätte ihn ja hei dem Nürnberger

Regiment wegen Vernachlässigung und Verweigerung der Justiz verklagen

können.

«Es ist also vollständig klar, lass dieser Franz von Sickingen

einen triftigen G und für seinen Krieg nicht gehabt. hat, dass ihm vielmehr

ein schweres Verbrechen zum Vorwurf gemacht werden muss.

«Die zweite Frage», so fährt Cant.iuncuii fort, « ist, wie dieses

Verbrechen Sickingens zu qualifleiren und welches seine Strafe sei.

Zunächst wollen wir hier gar nicht teclen von den Pi-ivatrechten

und den Ansprüchen, welche den verletzten Privatpersonen, jeder in

ihrer Weise zustehen, z. Baus den Injurien, Verwundungen,

Töcltungen, Beraubungen, Ueherältigungen, Verwüstungen der

Aecker, Brandstiftungen, Plünderung, Gefangennahme und der ganzen

Iliade voll Unheil, welche die Folge von Kyiegen ist. Es stellen sich

aber eine Reihe von öffentlichen Verbrechen dar, deren aller Franz von

Sickiugen schuldig zu sein scheint. Dahin gehört das Majestälsverbrechen,

der l-lochverräth, die Rebellion, der Aufruhr, das Verbrechen

der vis , publica nach der lexlulia das Verbrechen de,vis

privata nach der lex Julia, das Verbrechen des ' Friedensbruchs und

zwar sowohl nach dem gemeinen als dem stalutai-ischen Recht,))

Ehe wir die Darlegung Cantiunculas über die Anwendbarkeit des

Begriffs des Majestätsvethrechens betrachten, ist an die Geschichte

dieses Be.-1 iA zu erinnern. Die rechtliche Grundlage für die Behandlung

der Majeslätsverhreelier bildete das bekannte Gesetz der Kaiser Arcadius

und Honorius, welches das klerikale Recht des Mittelalters auf die

Hierarchie anwandle und masslos ausdehnte. Den Spuren des canonischen

Rechts folgte das Reichsrecht, insbesondere in Anwendung

auf die Kurfürsten, die ohne Zweifel durch ihre geistlichen Mitglieder

geleitet wurden. Nachdem die Kurfürsten sich schon in 13. Jahr-


- LXXXIX -

hundert als die Nachfolger des römischen Senats bezeichnet, hatten 9,

war die Anwendung der lex Quisquis zu ihrem Schulz eine naheliegende

Consequenz. Hatte doch Bonifazius Viii. dieses Gesetz auch

auf Attentate gegen die Kardinäle angewandt 10, mtl denen die Kurfürsten

sich selbst in Parallele stellten. Peter voit Andlau stellte

dann die Kurfürsten nicht nur dein Senat, sondern auch

dem römischen Volke gleich 1'

Die Reichsgese!ze des 15. Jahrhunderts behandelten bisweilen

den gewöhnlichen Friedensbruch als crimen laesae majestatis. In

dem Gutachten der Kur- und Fürsien in Betreff des Landfriedens

vom Jahr 1467 heisst es in § 1 .: Welcher oder welche aber den

oder die Andern darüber ohne Erfolg'tng ordentlichs Rechts ['ürnehmen

wird mit Uebcrziigen, l3enötung, Brand, Fahung der .Leu t oder mit

Ilauherei, der oder die sollen gefallen sein in die Pöne der (Jeheltat,

zu Latein genannt crimen laesae majeslatis und dazu in die kaiserl.

Echt und Aherecht » Und in Kaiser Friedrichs Constilution eines

-5jährigen Landfriedens, der in demselben Jahr zu Neustadt aufgerichtet,

war, heisst es enl.sprechend in 4 « Ob aber jemand darwider

und darüber den oder die Andern ohne Recht überziehen,

befehden oder bekriegen würde, der und dieselben, die solches

thäten, sollen in die Vene der Verletzung unser Ma ,jestäl, die inan zu

Latein nennet poenam criininis laesae inajesta is, und dazu in unser

kaiserl . Acht und Aherachle gefallen sein »12 Wenn diese Bestimmung

nur vorü hergelieiid alle Friedeitsbrüche für Majeslätsvei'-

brechen erk hirte, so konnte doch später noch in einzelnen Fällen einem

Friedenshruche durch besondere kaiserl Verfügung dieser Charakter

gegeben werden. Und so war es z. Ii. in Sickingens Wormser

Fehde geschehen.

Um so weniger konnte es also Bedenken erregen, den gegen

einen Kurfürsten verübten Friedensbrucli ils Majeslätsverbreclien 7.11

qunlificiren Und so Ihat denn auch schon die goldene Bulle. Aber

gegen diese Anschauung war eine Bencl.ion eingel 'eten .Abgelehnt

ward sie namentlich von Schwarzenberg ‚ wie die von ihm

verfasste Banibergensis beweist. Wiibrend dieses Gesetzbuch in

Art. 132 derjenige, « so i'öm. Kaiser oder König Majeslöt., unser

allergnädigsle Herren läslert, Verhuindniss oder Einigung wider die-

9 Bauke 1, 36.

10 Im Anschluss an eine Dekretale Honorias UI vom Jahr 1235 erging

die Bestimmung Bonifaz VIII, das c. Felicis 5 de poonis in VI (5,9). Hiernach

ist wer in .hoc sacrilegii genus irrepserit, sicut l'ouS critflinis laesae

inaiesLtis zu behandeln. Vgl. Hinschius. Kirchenrecht 1. 350.

11 Die Stelle bei flanke a-. a. 0.

12 Neue Sammlung 4 217 u. 225 t.


- X -

selben Majestät dermassen umAM, dass ei' Wut zu Wein genannl.

erimen lese Inaies tat is geDi an hab, « nach Sage du 1< ai sen. geschi'ieben

Recht», mit Strafeau Eine, Leben und (3-nt, bedroht, wii'd dieselbe,

an einem andern Herrn begangene - Hand 1 ung nach AM. 133 nicht.

als crimen Iacsae maicstatis qualillcirt und auch nicht mit Vermögensconfiscaliou

hesLraft..

- . Dagegen vertrat., wie unser Gutachten beweist, der Kurfürst von

Trier in unserm Falle die I3eslinniung der goldenen Bulle. So hatte

Canti u ncula alle, i An Ias, der gegei Sickingen erhobenen Vorwurf

des Majestiitsverbitclieis als den Wichti g ste]) vicIit igstei hesondeis sorgfältig zu

behandeln. Daruni stellte er denn auch noch ''oi der species Ihcti das

Princip aul - das ei- hier als massgebend betrachtete. Dieses Pniacip

formulirt er so «Das Vermögen eines wegen Majestälsverin-echen

Angeklagten kann ‚ wenngleich es ohne Weiteres confiseirt ist, (loch

von dem kaiser], Procui-ator nicht eher mit Beschlug belegt werden

capi et appi'etiend i), bis dci' Angeklagte &urcli Biclitei-spruc]i des

(Verbrechens für scbnlctig Wunden und erklärt woi-deii ist.»

- Unterscheidet Cantiuicula also- zuniielist schon die c:ontistion

und die Beschlagnahine, so unterscheidet er von beiden noch die

pubticatio Der nicht gerade logisch construirte Satz, dessen letzten

13estandlliei] wir hier naclil.iiiglicli besprechen, lautet nämlich

bona ... licel ipso iure esseil confiseata ‚ ui pi'ius Capt ei

appretiendi, etsi non publicai'i possu ni, nisi Unter ii eser puhlicatio

kann nichts anders verstanden sein, als (las männiglicli, insbesondere

dem Beschädigten gewährte Occupal iousieclit., wie es in den

Landfriedensordnun g en und huiacli in dcii Achtsniandaten gewährt

ward.

Die tintersclieidting- zwischen Conliscation uni Beschlagnahme

aber tritt z. D. in dem Ach lmand0 von 1515 deutlich hervor, in dem

es heisst: «Die Güter, . . . die dann alle . . wir als. . von Eis ci r

und heinigefallen Güter niis ewigliela 1 geeignet ‚ auch von

unser wegen z u unser Banden und Gewalt an zu nehme n U nd

ein z uziehen befohlen.» Nicht minder war sie Scblör geläufig, der

in seinem Gutachten von « Confiscaz und lnnehrnung » rede!.

Die Gonfiseation aber' erfolgte nach Massgabe des röm. Rechts

ipso inne, mit der Vei-übing des Verbrechens, «mit der 'l'hnt »‚ wie

das in Deutschland schon in dem gegen Johannes Parjeida erlassenen

Url heil anerkannt wai'd

Wie es nach kirch]ieheni Sijafreelit eine exconinunieal.io l'atae

sententiae . gab, so liess auch das weltliche Recht - des spätem

itlel Malters in einer Reihe -voll Fällen die Reichsacht mit , all ihnen

Folgen sofort « mit der 'iha» eintreten, so itass es nicht erst einer

Verurtheiliing in die Strafe, sondern nur der Deklaralioll bedurfte,


- Xci

dass die der strafbaren Falidlulig elltSpiNIclleiide Sfrale verwirkt und

zu vollstrecken sei. Insbesondere für die Strafe des k-Iochverraths

stellt Canliuncula p. 12 im Anschluss an das röm. Recht fest, dass

dieselbe den Tijäter treffe nori nodo post dainnationem, sed ex quo

1cm o t cii tnei t contrax ii.

Nichtsdestoweniger war hier nach Cantiuncula ein Unheil erforderlich,

nümlich für die Beschlagnahme des Vermögens, nicht. etwa

eine dainnat.io, wohl oijci' eine deelaral io oder pronuntiatio, also ein

unheil, das . die Thatsache der verhrechqiischen Handlung fest stelle..

Aber war ein solches declarativcs UrU cii auch bei einem notorischen

Delict erfoideilich ? Dieser Punkt war streitig. Kaiser Friedrich

erliess z. 13. im Jahre 11488 zwar im Fall einer vermeintlichen notorischen

Majestätsbeleidigung eine kaiserliche Declaration, aber mit

dem ausdrücklichen Zusatz, dass (las «zu Ueherflüssigkeit » und «ohne

Not» geschehe. Das interessante Unheil 18 lautet in dell] hergehönigen

Passus «. . . damit sie unser Leib, Seel, Ehr und Gut angetast,

unser kaiserliche Majeslii.t beleidigtund mit solcher That, so offenlieb

an] Tage liegt und keiner ferner Beweisung noch Rechtfertigung

Not ist., die Pen, so man zu latein nennt enimen . lesfte maiestatis, m

uns committid und begangen und uns deshalhen mit Leib und Gut.

verfallen sein, darein wir sie auch zu lJeLerfl üssigkeit, wiewol das

Gestalt der Sach nach und ihrer Misshandlung nach nit Not wäre,

aus römischer kaiserlicher Machtvollkommenheit. eigne! .13ewegniss

und rechter Wissen,.declanirt, erkennt und erklärt haben. Gantiuiicula

nun stellt diese Declarat ion ganz al lgen]ei 0 Is Erford eruiss auf,

aber nicht für die Gonliscation, sondern lii r die Beschlagnahme des

Vermögens, und zwar nicht nur in! Eingang des 0 ut:tchtens, sonder]]

auch später p. 24 nochmals. Hier hebt -er mit Rücksicht auf die

Analogie des kanonischen Rechts hervor, dass niull t eine lala a

‚jur e ipso senlentia genüge, sdhderil eine 110111i 11 i 5 sentenlia

erfordert werde.

Traf die Strafe der Verinögensconliscation schon dcii MajestäLsverbrecher

selbst, so schloss , sie nicht minder, das Erhmecht seiner

Kinder aus.. Das Jyzaniiniselle Gesetz sprach das unzweideutig ans

honis eins omijilnis fisco nost.ro ad(l ictis, (ilii vero eins, quihus vitall]

inuperatoria lenitale cnncedi inus (palerno enim deherent peire supplicio,

in quihus palern i, hoc est hereditarii cni.n]ii]iS exenipla metuentun)...

sint perpetuo egentes et pauperes. Und das canonisclie Recht

wiederholte diese Beslirniüung, nicht minder die goldene Bulle in

ihrem 24. Kapilel. Aber diese Bestimmungen hatten in Deutschland

keineswegs eine ungeli inderte Aufnahme gefunden. Zu König

13 Franklin, Die freien Herren mid Grafea von Zimmern, S. 105 f.


- XCII -

Rudolf's Zeilen erklärten (' je Kurfürsten e für eine zu schwere

Bürde, (lass das Kind um des Hochvei'ralhs des Vater's willen sein

.Er'beigenthum verlieren sollte. So fiel denn im 13. Jahrtiundert (las

Eigen des Friedlosen an die Erben, und nur die Ealii'tiahe ward

confiseirt. Wenn nun später hei den Oliei'achts- und Fi'iedloserklärungen

ein Unlerschied zviscliern dem beweglichen und unbeweglichen

eigenengen nicht mehr gömacht ward, vielmehr das

gesarnnile Eigengtrt ierfiel, so dass der König es für des Reichs

Kammer' einziehen, aher auch zu Gunsten Dritter sofort darüber 'erfügen

konnte 4, sö war die Aenderung der Rechtspraxis ohne Zweifel

mit, durch die colderre Bulle venuAi ssI. Zu den erst nachträglich in

M e t z verkündcl,en Kapiteln dieses Reielisgeselzes gehörl 'las hier in

Betracht kommende Kapitel, und zwar an erster Stelle.

Wie wir wissen ist die Bezeichnung und Nu rnerirung der'

Kapitel des Gesetzes erst später erfolgt; und da ist es denn äusserst

interessant, dass zwat' einige Handschriften unsern) KapiLel die Ijeherschrift

geben Be crimine ]aesae rnaiestatis principum electorurn,

andere dagegen keine oder die deutsche haben «Voll den Ufsälzigen

wedde,' der Kurfürsten Lip und Lehen und der Ufsätzigen Busse und

irren ren Nachkommen... ».

Die Vermuihung liegt nahe, dass es mit, der Verkündung der

Melzer Zusätze zu den in Nüi'uiberg gehoffenen Bestimmungen ähnlich

ergangen sei, wie mii tIer Verkündung der gegen Luther' in Worms

erlassenen Bulle, nämlich nach dem Svsteni der' kühnen Uehei'-

rumpelung.

- Unter Friedrich II] wollten die geislhchreri kurl'üi'stejr eine Art.

von Gonsistorium uni den Kaiser bilden, wie die Kardinäle um den

Papst, versteht sich auch mit den nämlichen Privilegien. IJrrd ihren

Ansprüchen kam die hereils erwähnte Theorie des Pelei voll lau,

dessen Lehrmeinungen in der- ka ise,'liclien Kanzlei in unserer Zeit

eine besondere Bedeutung gewonnen zu haben scheinen, rnüglichsi

Weit entgegen.

Wenn wir nunmehr' zu Itrlsern) Gutachten zurückkehren, so ffiht't

dasselbe- u 10 so torf.:

« Erörtern wir die .Rechtsbeslinitnungen bezüglich jener Verbrechen,

so scheiut Franz von Sickingen zunächst dein Vorwurf des

Majeslätsverhrechens nicht entgehen zu können. Nachdem Canl.iuncnl;r

dann gewisse Aussprüche der Juristen Ulpian üiud Marcian, nicht

minder das Gesetz der Kaiser Ai'carlius und Flonorius mitg'etheilt hai,

heisst es weiter

« Mit- diesen gesetzlichen Bestimmungen haben wir also die von

Franz von Sickingen verübten Thafen zu vergleichen. Müssen wir, da

14 Franklin, Das Reichshofgei'icht Il. 5.370 «.


- xciii -

nicht sagen, dass er gegen das röm. Volk und dessen Sicherheit sich

vergangen hat, als er gegen die Sicherheit iii Deutschland sich verging?

Wer anders ist denn in die Rechte und -Würde des röm.

Volks eingetreten als Deutschland allein? Obgleich (las so bekannt

ist, dass es einer Erörterung nicht bedarf, so ist es doch zweckmässig,

es kurz zu berühren, weil damit die Hauptfrage, die un.s

beschäftigt, erledigt werden kann. Zum Verständnis- ist daran zu

erinnern, dass nach der Glosse, der auch Bartolus folgte, das Majestätsverbrechen

nur in dci' civilas Itoniana begangen werden konnte, «Es

steht fest, dass das Jörn. Volk sein ganzes Deich und seine Macht.-

'o]lkoiar menheit durch eine )ex regia auf den römischen Princeps,

nämlich auf A.iigustus üben lagen hat. Durch diese Gewährung, seitens

des Volks erlangten Anordnungen, die (1er römische l?i'il)cel)s nach

seinem besten Ermessen trat Gesetzeskraft

«Fernen ist bekannt, dass flag röm. Heiel i durch Verfügung des

apostolischen Stulils von dcii Griechen auf die Deutschen Übertragen

worden. Das durch diese Uebertragung erworbene Recht. haben

die Deutschen, während vieler .Jaln']rrinderle, ungehindert und unausgesetzt

geübt und keinen andern zu in röm. Kaiser ge;vhhlt als

einen Deutschen.

«'Wenn also (las i'ffl . 'Volk seine ganze Machtvollkommenheit und

das Reich auf Augustirs als Monarchien Übertragen hat und das Recht

dieser Monarchie und dieses Reichs, wie gezeigt, auf die Deutschen

übergegangen ist., 'so müssen wir sagen, dass, gleiclrwie mit Ueberlragnng

des Priesterlhiuins, wie dci' Apostel sagt, nich die Uchiertraguirig'

des Gesetzes erfolgt ist., so mit Uehei'tragrrng des Reichs

auf die Deutschen aucli das Recht. dieses Reichs ülrct'trag'en worden

sei. Denn da die Würde des röm. Volkes und seine Lehre Autorität

und Bedeutung (ipsins(Iue augustahis auctorilas ralioque) verbunden

ist mit der Natur des Reichs, so. 111155 nothwcndig mit dem Uehergang

des Reichs auf Andere auch die Würde, die Autorität.

(las Recht des römischen Volkes übergehen. Das ist, ji die

Eigenthiömhichkeil. des Zusainniengelröu'igen und ihr innerer Vorhand,

(lass, wenn das Eine beseitigt wird, auch das Andere fot'tfälll., Dararms

geht, nun klar' hervor, dass Franz von Sickingen in dein Momente,

wo er :m nil seiner Fehde die Sicherheit der Deutschen beeinträchtigte,

- und (lass er sie beeint m'ächmtigt hat, kann nicht in Abrede gestellt

werden, - auch die Sicherheit des röm. Volks beeinträchtigt und

sich gegen dieselbe vergangen hat und damit nach dem Gutachten

Ulpians Ma ,jestätsverhi'echer gewordn ist.

« Vi-wilgen wir die folgenden Worte dem' angeführten Gesetze

Unus opern, sagt der Jurist, consihirJm initui'a erit. 11. s. w, Kann

nun Jemand in Abrede stellen, dass durch Sickingens l3emühirngen


- xciv -

ttud na(,ii s&inem Plane eine Menge von Leuten zusammengebracht,

noch Leute zum bewaffneten Aufruhr gegen den Staat zusammen -

berufen worden sind ? dass Soldaten angeworben worden, um einen

Aufstand gegen den Staat, zu machen '?nass Truppen a ugesa ni neu

ein Heer gebildet, und ein wilder Krieg geführt, worden ohne Geheiss

des rmisclie,y Kaiser.„? Oder wenn behauptet ui id, er sei nicht,

ohne Geheiss des Kaisers geführt worden, so möge man den Befehl

erweisen, so möge man die kaiserlichen Diplome vorlegen 1

«\;r,5 die Bestimmung der Kaiser 1-Ionen us und A rcadius a uhetrifft,

wie kani-i Franz von Sickingen nicht an die Tödtung eines er-.

tauchten Fürsten, nämlich des von Trier, der gewissermassen als ein

Stück der kaiserlichen MajesUi t betrachtet werden muss, gedachl.

haben, da er diesen Fürsten mit einer so nificlitigen Schaar und in

einem so wilden Kriege i ngegrifl'en hat

«Wenn jenes Gesetz die Absicht des 'Verin'eclier strafen will,

was braucht man dieselbe noch Iestz,.istel ten, da der furchtbare 1Cr ieg

ja; wie beabsichtigt. und geplant, geführt worden ist? Bass also Franz

von Sickingen des Majestiilsverbrechiens schuldig, ist so klar und

einleuchtend, dass nur der es zu leugnen mi Stande ist, dci gleichzeitig

die ganze Geltung des römischen Rechts beseitigen will.

sA rich die rechtlichen Folgen des sind unbestreitbar.

Nach der Best i mninng der Kaiser A.rcadi us und Honoriu.s

fällt das ganze Vermögen des Majeslälsverbrechers all Eisens

und sollten wegen des Vert-i'echens des Vaters, Wie der Text lautet,

eigentlich auch die Söhne das Lehen verlieren, wovor sie nur die

Gnade des Kaisers bewahrt, aber so bewahrt, dass sie voltständig

erbunfliliig, ehrlos, kurz so gestellt, sind, dass sie in ewiger Ai'-

rnuth darben und der Tod ihnen als Erlösung und das Lehen als

Strafe erscheint. Diese Folge kann Niemand in Abrede stellen denn

so lauten die \orlc des geschriebenen Rechts iii dein

Gesetz. Aus demselhen Gesetz fol g t auch, dass nicht minder die

Forderungen und Ansprüche, welche ehemals Franz voll

zustanden, gleichzeitig mii. der Confiseatinn seines übrigen 'Vermögens

untergegangen sind lind zwar ihm, Sickiugen selbst denn wie IJ]pia n

schreibt, sind auch die Foi'derungsrechte zum Vermögen zu rechnen.

«Man darf auch nicht einwenden, dass die i3esli'afun von Söhnen

wegen eines Vergehens des Vater's, xii mal wen n sie voll demselben

nichts wussten und nicht daran 1.heit nahmen, durchaus unbillig, . ja

überaus hart und beinahe tyrannisch sei denn hier handelt, es sieh

um eine Sonderbest.inin'orng, die mit gui cnn Bedacht geholten ist.

Zunächst ist es nicht, mclii' als billig und rectit, dass die Söhne

Franz von Sickingens ‚ welche an seinem Verbrechen mit Theit

genommen haben, dafür auch ihre Strafe erleiden. Aber auch die


IM

- XC, - -

;tiidern Söhne, die daran nicht. bellieiligi und schuldlos sind, müssen

in unserm Falle aus triftigen Gründen eine Strafe erleiden. Denn,

wenn Vater und Sohn von Rechtswegen so gut wie dieselbe Person

sind und dasselbe Fleisch, und wenn umgekehrt die Söhne schon

hei Lebzeiten des Vaters in gewissem Sinne die ITenen des väterlichen

Vermögens, \Ven n endlich schon( j e)- Cieburisort (soltis siat.ivitatss

locus) gewisse Leute verdächtig maclil, l, wie darf man sieh dann

darüber wundern, wenn die höchst lYrsorglirien Kaiser der Meinung

gewesen sind, dass iii diesem Falle die Sühne, wie Erben des väterlichen

Vermögens, so auch der Vermessenheit. ihres Vaters seien

und deshalh die Bestimmung gehoffen haben, dass das Majeslüt-sverbrechen

sich ererhe und die Söhn',' mit dem Vater hingerichtet.

werden niüsst.en,wnfein nicht die kaiserliche Gnade ihnen das Lehen

besonders schenkt.

«Demnach finde!, also das Ma1estätsveiiiieehen sind

die 5 in fe desselben a ii f Siv k i n gen und seine K i n der

A. n \VC11 dung.

Nur auf Eins sei hier nach aufmerksam gcniaclst. Wenn l?5 jI. 1.2

heisst. : nec ei mlvi potesi ‚ so gehtdas sieht ha r auf die kaiserliche

Schuld

Gegen diese vorn Kurfürsten Volt Trier und velleichtaucli von

dens Fiseal vert.relene Tieciitsauffassnng weudet sich dann Ganl.iuncula

später p. 19. Zuvörderst stellt. er zwei leitende Grundsätze auf.

Wie es nämlich nach Celsus incivile sei, nisi tota lege perspeeta

una aliq in pate id eins proposila ‚judicare rel respondere, so sei

es nicht minder unhilhig ‚ ein einzelnes Gesetz herauszugreifen

und nicht auch die andern, ebenfalls in Betracht kommenden

zu erörtern und darauf Inn eine deflintive Entscheidung zu flillen

«Denn es ist, sicher, dass sowohl die frühemn Gesetze ein späteres, als

die spätein ein früheres Gesetz erläutern können.)) Ausserdem aber

solle mau nach dem Sat,.e des 'Maicellus keine härtere oder mildere

Snäfe verhängen, als der vorliegende Fall erlseische « denn man soll

nicht nach dein Buhm de- Strenge oder Milde streben, snfldefll

wohl erwägen, was dem Verhältniss angemessen sei und danach das

ljrtheil ifil cii. Dazu aber kommt, (lass nach der Ansicht. des Heims

genianhls und Panlus in Strafsachen die wiMme Auslegung vorgezogen

werden muss. Ueberhanpt muss jedes töciltige Mann als

Bichter oder wer sonst im Beeht einen Spruch zu fällen hat, nach

Möglichkeit suchen, siels des Lobes würdig tu machen, das nach

Bezug genommen wird auf 1. 31 §' 21 1). de aedil. vom! eine Stelle,

die von der N a t, i o n a 1 t Ei t tier Selaven spricht.

Ir Wir lesen part.ieulo. vielleicht las so auch Cantiuncula. (pa.rtlt).


- ‚NC\'i -

Cicero dem Gaius Aquilius zu, Theit gew ist, diesem hochangesehenen

Manne, der die Recblsbesl.imrnung niemals von der Billigkeit

losgelöst hat....

« Wenn wir also», so fährt das Gutachten fort, « nach dieser

tezat2 II, nach diese), Norm des Guten und Billigen unsere Streitfrage

behandeln, , so inösseii wir meines Erachtens sagen, dass

Fra nz von Sie k inge n nach Massgabe der vorliegenden '[hatsachen

keineswegs des Majestätsverbrechens, ausser

vielleicht nach dein Kapitel der lex Julia, hätte für schuldig

erklärtt werden können.»

«Zunächst können die für die entge ge ngesetzte Meinung ngeführten

Stellen des Tilpian und Marcian - gemeint sind die p. 10 und

a

itß erörterten 1. 1 i. 1 .8 D. ad legeni Juliam maiestatis - cl e n

JK i nd ern Sie k Inge 115 nicht, schaden, da sie nur von dein

Kapitel dci ex Julia reden, nach welchem die Majestälsverbrecher

hingerichtet werden sollen, aber ohne dass irgendwie die Rede davon

ist, dass die Söhne der väterlichen Erbschaft beraubt werden sollen.

Ja, i-lermogenianus sagt ausdrücklich, das 'Vermögen der wegen Majestätsverbrechen

Verurtheilten verbleibe ihren Kindern und falle erst

dann dein zu, wenn kein Kind da sei.

« Auch die Bestimmung der Kaiser i-lonorius und Arcadius kann

Sickingens Söhnen nich 1. schaden, nflmlicli die Bestimmung, wonach

Sick'ingens Vermögen dein verfallen ZU Seil) schien, mit J']intansetzung

seine!' Söhne, denen, wie es den Anschein hatte, durch kaiserliche

Gnade nur ein jammervolles Dasein gewahrt wird. Denn

hinsichtlich dieser Constitution gicht es mehrfache Lösungen, welche

crgehen, dass Sickingen weder in die Strafe jenes Gesetzes geflillen

ist, noch das Verbrechen, dessen man ihn hier beschuldigte, begangen

hat, und dass demnach gegen Sickingens Söhne ans jenem Gesetz

nichts hergeleitet werden könne-

«Zunächst Zunächst. sIeh t fest, dass die c:oisl itutioii nicht nur eine straf-

1 'echt.li che, son dciii auchi (1 ber nu s harf md ge Nil ssig lind deshalb

streng in ihren Schranken zu halten ist.Eiwilgen wir also sorgfliltig

die Worte des Gesetzes und von welchen Personen es redet. Quisquis,

so sagen die Kaiser, scelestam inierit factionem de riece virorum

illustrium ‚ qui consiliis cl, eonsistorio nostro inlersunt, senatorum

cham (quam ei ipsi pars corporis )insi ci suut) vel cuiusvis postremo,

qui nobis mi litat, cogitaveiiI ‚ ipse eC nidem ul pote maiesLtis räus

gladio feriatui, mi, s. w.

Die art mizvta spielt auöli in eillefil Gutachten Mela.nchtlions vorn

Jahr 15P eine grosse Rolle. Försternann. Urknndenhucli zu der Geschichte

des Reichstags zu Augsburg. 11.-


- XCVII -

«Also der Wortlaut des Gesetzes begreift nur vier Fälle, in

denen man vom Gesetze getroffen wird; nämlich, wenn Jemand in der

That die .Tödliung des Kaisers oder eines jener erlauchten Männer ins

Auge fasst, die zu seinem Rath oder Consisldriun gehören, oder

eines der Senatoren oder irgend eines andern kaiserlichen Beamten.

:i.n keinem dieser Fälle aber hat sich Franz von Sickingen befunden;

denn er hat niemals an die Tödtung des Kaisers noch irgend eines

andern Mannes, der diesem zur Sc ite steht, gedacht, oder es !st doch

nicht erwiesen, dass er daran gedacht hat. Und es kommt nicht in

Betracht, dass er gegen Trier die Waffen ergriffen hat; denn auf

einen solchen Fall findet jene Constil.ution keine Anwendung; sie redet

ja nur von der Verletzung der Person des Kaisers oder solcher, die

seiner Majestät tilatsächlich Dienste leisten, bei ihm und in der

flegel ständig ihm zur Seile sind. Dass es sich so verhalte, sagen die

Worte der Const.itul.ion klar, und entsprechend hat denn auch

Bartholomaeus Socinus ein Gutachten abgegeben und zwar nach Cinus,

der vor ihm so gelehrt hatte... 15

- «Wer selbst. seine Vaterstadt belagert oder verräl.h, ist dennoch

nicht Maestätsverbrecher, wenigstens nicht nach dem Kapitel, was

von dein handelt, der sich gegen das Reich oder zur Tödtung des

Kaisers verschworen hat, und deshalb betrachtet der Text des Gesetzbuchs

diese Verbrechen als verschieden. Dass es so sei, haben denn auch

die beiden Söcinus, Vater und Sohn, in ihren Gutachten rtargethan.

- j Auch das kann Sickingens Söhnen nicht entgegengehalten

verden, wenn Jemand behaupten sollte, der Fürst. von Trier habe zu

den ersten kaiserlichen Räthen gehört und gehöre noch dazu, und

demnach finde die oft erwähnte Constit,ution Anwendung, da Sickfrigei

jenem nach dem Leben gelrachtel., ja ihn thalsächlich angegriffen

habe. Ich antworte nämlich, es sei nicht bewiesen, dass Franz von

Sickingen ihm nach dein Leben getrachtet, wenngleich er die Stadt

Trier belagert habe; denn das ist ein thatsächlicher Umstand, der

18 Die Lehre des Cinus findet sich hei seiner Besprechung der lex

Quisquis in seinem Commentar zum Codex, worüber Saviguy a. a. 0.,

S, 86 ff.

lieber die consilia des BarthSl. Soeinus s. Savigny, Geschichte VI,

358. In der von mir benutzten. von Savigny nicht erwähnten Ausgabe

Lngd. lööl habe ich das Gutachten nicht gefunden. Auf das ritajestätsverh

i:echen beziehen sich in P 1 consil. XXII (fol. 41 f.), in F. II consil. CCLXXV

(fol. 205), in P. IV consil. XXXV1I (fol. 47), LVII (fol. 79), u nd CXXI

(fol. 161 fl.

In einem eonsilium wird hervorgehoben, quod crimen appugnatae.

patriae generaliter distinguitur a crimine laesae maiestatis tanquam

species separata (Ii, p. 205), was ich wegen des im Text folgenden Satzes

bemerke.


- XCVIII -

bewiesen werden muss und nicht vei'niuthet weiden - kann. Aber

setzen wir den Fall, der Beweis wäre geliefert, so stelle ich dennoch

in Abrede, dass Sickingen wegen dieser Absihht oder'auch wegen

dieses Versuchs in die Strafe jenes Gesetzes verfallen sei, und zwar

aus zwei Gründen, ein uni, weil die Conslitntion nicht von beliebigen

Jläthen oder Senatoren des Kaisers, sondern von solchen handelt, die

Iliatsächlich und in Wahrheit am kaiserlichen Hofe thälig sind. 1-1 ier

kommt auch das Gutachten Ulpians im Tittei de mtniWs m in Betracht,

das bisher Niemand zu diesem Zwecke verwert het hat., obgleich es

klaren Beweis macht. Da heisst es nämlich, dass, wer durch kaiserliche

Verleihung irgend ciii öffentliches und bedeutendes Amt .hekleidet,

nichi dieselbei • Befugnisse und dieselbe Immunität habe wie

die, welche uni die Person des Fürsten beschäftigt sind. Und dasselbe

hestiiiunt gerade für unsern Fall Kaiser Friedrich in jenem bekannten

Gesch gegen die Rebellen. •Et qui in nostri, so sagt er,.

imperii prosperitatem aliqu Id inachinatur contra nos seil

n pstros in bis, quae ad coihmissum eis negotium ieifl.inent, rebeltando.

Darum stellt Bartolus daselbst - in Abrede, dass der ciii Rebell sei,

der etwas dergleichen gegen einen König oder Fih'sl.en oder seine

eigene Stadt unternommen -habe, wie wir gleichfalls bei dein

der Rebellion d ai'thuiu werden. -

« Aber gehen wir auch das zu und setzen den Fall, der Fürst von

Trier habe .lamals 3 als e' helagert. ward, kaiserliche Geschüfl.e besorgt

müssen wir dann deshalb sofort behaupteii, dass die Strafe jener

Constitution gegen Sickingen und seine Kinder statt habe? Gewiss

nicht denn es ist nicht ]Ios der Angriff, sondern auch der Grund

des Angriffṣ.oder des Kriegs in Betracht zu ziehen. Und hier finden

wir keineh andern, als den angegebenen, nämlich die Verweigerung

der Justiz gegen jene beiden 'J'rierer Seitens des Fürsten von Trier,. wie

es Sickingen auffasste. Diese Unhill empfand Sickingen schi tief, und

war demnach entschlossen, sie nicht so leiclitlicli hinzunehmen. Und

das ist wahrlich nicht auffallend, da grade die grossen und hervorragenden

Männer es unerti-äglicli finden, wenn . ihnen nicht Wort

gehalten wird. Darnach ist es offenbar, (lass Franz von Sickingen

den Krieg nicht dein als solchen, nicht. dem Senator oder

Rath des Kaisers, - . nichts dergleichen war für ihn massgebend -

sondern dem Justizverweigerer erklärt hat Dar (Im sind (lernt auch

sowohl Sickingen der Vater als die Söhiie von dcl' Strafe jener Constitution

frei. Es ist ja doch wohl zu beachten, weshalb etwas geschieht,

zu weichem Ende und in welcher Absicht ; daribei' gicht es so

viele Geselzestexte,dass sie sich nicht aufzähleh lassen. In einem

19 Gemeint ist 1:11 § 2.]). Ii. t..


- XCIX -

ähnlichen Falle hat denn auch Calderinus das Gutachten erstattet,

dass Jemand, der einem Kardinal nachgestellt hatte, (tic von

Bonifaz VIII. gegen die Feinde der Kardinäle bestimmte Strafe nicht

verwirkt habe, und zwar weil er dem Kardinal nicht nachgestellt

habe in seiner Eigenschaft als Kardinal, sondern als Verwalter der

Kirche von'Ravenna 20

«Der früher hervorgehobene Einwand, (lass durch Sickingens

Unternehmen die Sicherheit (los römischen Reichs und Volks, dessen

ganze Hoheit und Würde auf die Deutschen übergegangen, beeinträchtigt

worden, kann-, keineswegs beweisen, (lass Siekingen der

Strafe jener so oft erwähnten Constitulion würdig zu erachten sei.

Was die Uebertragung dei Würde des' römischen Volks auf die

Germanen anbetrifft., so werden wir später das Nähere sehen Bezüglich

der Sicherheit des Reichs erahbte ich, nicht Alles, was gegen

irgend eine Stadt oder ein Land (palria) unternommen werde,

verstosse gegen die. Sicherheit des Beichs; denn, wie Ulpian sagt, in

und

dergleichen, durch die doch der Staat oft Schaden

leidet,, geht man gleichwohl nicht auf den Untergang des Staites aus,

und demnach lehrt Ulpiah, dass- auch das postlirninium nicht, statt

habe, weil es sich nicht um hostes handle, Aus diesem Gutachten

Ulpians ergiebt sich, dass das keine Feinde de römischen Volks sind,

die nicht auf den Untergang des römichen Staats ausgehen, wenngleich

der Staat in Folge des \Vaffengebrauchs 'einigen Schaden

nimmt. -

«Da :nun Sickingen keineswegs auf den Untergang des römischen

Reichs ausgegangen, vielmehr stets für seinen Theil ein treuer

Bisitzer desselben gewesen ist, so et-giebt sich, däs er auch kein

Feind des. Reichs ge*esen. Es fehlt. -also an einem Grunde, weshalb

er in die härteren Strafen jenes Gesetzes verfallen sein sollte.

«Ich füge noch einen - andern Grund hinzu, dci- Franz von

Sickingen und seine Kinder aus den Klauen jenes Gesetzes befreit,

nämlich, dass der Text nicht im Präsens redet und so, als ob dasUflheil

sclidn von Bechtswegengifällt sei, vielmehr von der Zukunft. Es

heisst daselbst nämlich so - Ipse quidem ul.pote maiestatis i-eus

gladio feriatur. Nun steht es aber fest., dass eine im. Fut.uruk'n redende

Dass der hier citirte Calderinus nicht Johannes (Schulte, Geschichte

II, S. 247 ff,), sondern Caspar und zwar der ältere (Schulte II,

5. 204) ist, geht wohl daraus hervor, dass nicht jener, wohl aber dieser

eigentliche consilin verfasst hat und auch seinen Vater an Ruhm Übertraf.

Möglicher Weise könnte aber auch der Sohn dieses Caspar, Caspar Junior,

gemeint sein, der gleichfalls viele consihia schrieb. Steffenhaen in Zeitschr.

f. Rechtsgeschichte ‚ X, 298-296. Da mir die Sammlungen nicht zur Hand

sind, kann ich die ziemlich gleichgültige Frage einstweilen nicht entscheiden


- c -

Gonstitution noch ein iiclitei-liches TJrtheil verlange, und dass ohne

ein solches . Niemand von der Strafe getroffen \virdSl, wie wir späte

hei der Erörterung des vierten Bedenkens darlegen werden.

«Wir sehen also, dass die für die entgegengesetzte Behauptung

aufgestellten Argumente aus mannichfaciten Gründen nicht im Stande

sind, gegen Sickingen und seine Söhne zu streiten, so weit nämlich

die Kaiser Honorius und Arcadins und ihre strence. Constitution in

Betracht kommen Denn wenn auch Sickingen vielleicht auf Grund

des ersten Kapitels der ]ex Julia, (las nichts gegen die Kinder des

Angeschuldigten bestimmt, vielleicht des Majestiitsverbrechens schuldig

war, so war er es doch niemals auf Grund des Kapitels, wovon die

angezogene Gonstitution handelt; daber ist kein Grund vorhanden,

weshalb den Söhnen Sickingens unter Hinweis auf dieses Verbrechen

oder Gesetz ein Schade zugefügt werden könnte. » -

- «Wir haben nun», so fährt das Gutachen in dem Sickingen

belastenden Theile p. 14 fort; «das Verbrechen des llochverrathes

(erinlen perdullionis) ins Auge zu fassen, hei dein leicht

gegen Sickingen ausfällt. Denn da er wegen seiner dein

und in wilder Weise durch die Tl1at. bewährten Gesinnung sich des

Majestätsverbrechens schuldig gemacht hat, so ist klar, lass er sich

mit der Schmach des - Hochverralhs beladen hat. Derselbe ist ja.

mehr sprachlich als sachlich vorn Majestätsverbrechen verschieden,

weshalb denn auch die Strafe des 1-1nhverraths dieselbeist., wie die

des Majestätsverbrechens. Nichtsdestoweniger gellen für den Hocherralh

noch einige besondere Bestimmungen. Wenn nämlich die

Alten diejenigen, die wir .l"einde nennen, nach Gaius' Zeugniss Hochverräthei

(perduelles) jannten, indem sie, wie Gicero sagt, durch ein

mildes- Wort das trostlose Verhä]tniss in einem bessern Licht erscheinen

liessen; so ergieht sich, (lass alles, was im liecht, gegen die

Feinde bestimmt ist, auch auf den Hochverräther passt und Anwendung

findet. Diese Vorschriften sind aber zahlreich. Zunächst darf

man mit ihnen keine Geschäfte abschliessen. Zweitens weiden sie

nicht zu den Bürgern gerechnet. Drittens braucht. man dem Feinde

in Privatverhältnissen nicht Wort zu halten, ich sage, in Privatverhältnissen

; denn öffentliche Verträge muss man auch dem Feinde

gegenfiber halten. Kurz alle Bestimmungen, die sich im Beclit,

gegen die Feinde finden, wenden sich ohne Zweifel aiiclt gegen den

Hochverrther, und zwar um so mehr, - als der Hochverräther noch

schwärzer und verworfener ist als der gewöhnliche Feind.

- 21 Auch bei- Bartholornaeus Socinus findet sich der Schluss quare

cum praefatum statut-tun lo4uatur per verbum futuri temporis, tion induxit

poenam ipso iure sed necessarin est sententin (J fol. 41 , der Ausgabe

Lugd. iböl). . .


ci

:Dieser Ausführung \vifll dann später p. 25 folgende entgegen

gestellt: «Da also Sickingen des Majestfltsverbrechens n i c ht

schuldig war und nicht schuldig sein konnte, abgesehen, von dem

ersten Kapitel. der tex Julia, so ergiehl sich als not.bwendige. Folge,

dass ei auch nicht des Hochverraths schuldig war. Benn wie

Ulpian 22 sagt: nun quisquis legis Juli„e maiestatis reus est, stalini

perdullioiits reus erit, sed qui hostili animo adversus- rem publicam

%rot fueril ammatus. Dieser Ausdruck ist. aber vom römischen

Princeps ‚ d. h. vom Kaiser Augustus und dem römischen

Staat zu verstehen. Das hat. Ulpian auch. an einem andern Orte

bezeugt, und so oft im Rechl. vom Staat im technischen Sinn die

Rede ist, ist immer der römische Staat. zu verstehen; die andern

Gemeinden gelten als Privatpersonen. So hat denn auch derselbe

Ulpian, der das Verbrechen des Hochverratlis definiert, in einem andern

.Gutachten diese Erklärung ganz unzweideutig aufgestellt. Das Vermögen

einer Gemeinde, so sagt er, wird nur missbräuchlich öffentliches

Vermögen genannt; denn nur d;ts..Vermögen ist öflhntliches, was dem

röm. Volk gehört. Und anderswo sagt er : Öffentlich -ist, was sich

auf den römischen Staat bezieht.. Da also Sickingen weder gegen

den röm. Staat noch gegen den röm. Kaiser feindlich vorgegangen

ist, so wird er nicht mit Fuig und Recht des Hochverraths bezichtigt.

»

Nur einzelne Bemerkungen sind hier am Ort. Wenn Cantiuncula

p. 14 'feststellt: non licet cum eis negotiari, so ist daran zu erinnern,

dass dieser Satz gegen Sickingen in Anwendung gebracht oder doch

nzuwenden versucht worden war. Der Pfalzgraf hatte selbst das

Verbot ausgehen lassen, Sickingen Waaren zu verabfolgen oder «feilen

Kauf zu vergünstigen».

Der Satz: hosti non est servanda ildes pactorum privatoruin

zielt wieder, auf die kaiserliche Schuld. Bekanntlich war zwischen

Eck und Zasius ein heftiger Streit über die Frage geführt worden, ob

und wann man Finden einen Vertrag halten müsse. Während nun -

Zasius dcii Satz vertheidigle, dass einem öffentlichen Feind gegenüber

ein Vertrag nur Gültigkeit habe, wenn er mit Bewilligung des

Feldherrn geschlossen sei und sich dafür auf die iura civilia berief 23,

behauptet Cantiuncula hier schlechtweg : publica pacta cham hos! i

servanda sunt. .l3aldus, auf den er sich beruft, forinulirt den Satz

so hosti non est servanda lides privata, licet sit servanda lide

puhlica.

Die beabsichti g te Erörterung.iiber das Verbrechen derRebellion,

22 L. 11 D. ad leg. .Juliam maiestatis.

23 Stintzing Zasins, S. 192 f; .


- cii -

der Sedition, der vis publica und privatS, endlich des Landfriedensbruchs

ist nur zum Theil geschrieben, nämlich nur ‚nach der

Sickingen belastenden Seile.

«Das dritte Verbrechen», -so lautet die Darstellung p. 15-17,

((ist (las der Rebellion, dessen Ft-trnz Sickingen mit vollstem Recht.

bezichtigt werden konnte, und um das zu zeigen, ist Bezug zu

nehmen auf die Bestimmung, die Kaiser Heinrich VII. Über die Rebellen

getroffen hat 24• Pronunciamus, so sagt derselbe, quod illi omnes

et singuli sunt rebelles et infideles nosiri et imperii, qui qüomodocunque

publice vel occulte contra nostruin honorem ei fidelitatem

rehellionis opera faciunt.

«Ich frage: bat Sickingen hier nicht die Waffen gegen die Ehre

des Reichs und gegen den verkündeten und auch wohl beschworenen

Frieden in treuloser und verwegener Weise ei-griffen? Konnte

er nun nicht der Rebellion bezichtigt werden? Der i-ehellirt doch,

der die Machtvollkommenheit des Kaisers als des Rechtspfleger-s

verachtet, der ihm die Ohedienz verweigert, der sich in die Reihen

derer stellt., die man als Rebellen mit Fug den Feinden gleich zu

achten hat..

(Wie Srafe aber, welche die Rebellen trifft, bestimmt Bartolus

dahin, dass sie erstens alles verlieren, was iuris civilis ist, (lass 5C

ungestraft getödtet, dass sie wie Sclaven in Unfreiheit gehalten

werden, dass sie endlich auf Lehen und Tod angeklagt und verurtheilt

und dass ihr Vermögen niänniglich preisgegeben werden könne.

«Auch wegen Sedit,ion hätte Franz von Sickingen verurtl eilt

weiden können, da die Worte der darauf bezüglichen Bestimmung

vollständig klar sind. Es heisst nämlich : Si quis conha endentissimam

iussionein suscipere pleheni et adversus puhlicam disciplinarn

defendere tentaverit, mulctam gravissimam snstinehit.

((Auch das ist zweifellos, dass er - nach der ]ex Julia de vi püblica

schuldig war. Denn da er - nicht für die Jagd oder für eine Reise

zu Land oder Wasser - Waffen angehäuft, freie Menschen behufs

eines Aufruhrs in Waffen gehalten, mit eitlen) Trupp Menschen Gewalthandlungen

geübt, Dörfer erobert., Besitzer aus ihren Häusern und

Aeckern verjagt, Brand gestiftet, Güter geraubt, Leute belagert,

und zu diesem Behuf bewaffnete Truppen gehabt hat, da, sage

ich, Franz von Sickingeh alles das verübt hat., so liegt offen zu

Tage, dass er die Strafe der lex Julia de vi puhliea verwirkt hat.

Denn alle diese Fälle zähler, Ulpian und Marcian, Juristen von hervorragender

Bedeutun g , einzeln auf.

((Als Strafe aber hat die lex Julia de vi publica bestimmt, dass

24 Pcrtz, Monum. Gerrna.n. Leges t II, p. 545.


den wegen vis publica Verurtheilten Wasser und ieuer untersagt

werde, jene alte, von den Rechtsgelehrten aufgestellte Strafe....

An Stelle dieser Strafe ist nach Jilpians Zeugniss die Deportation

getreten, zufolge deren' der Verurtheilte nicht nur alle seine son:

stigen Rechte, sondern auch sein Vermögen verliert..

«Aber auch aus einem andern Kapitel der ICK Julia, nämlich

11 a(ji dein de vi privata, hätte Sickingen angeklagt weiden können.

Nach diesem Creselz ist nämlich, wie der Recht.sgelelii'te Scaevola

schreibt, haftbar, qui eonvoeatis hominibus viel' fecerit, quo quis

verheretur, pulselurve, cham si nemo occisus eiit.

«Marcian fügt hinzu sed et si null i u. s. w., ausserdem hestimmte

Divus Mareus und der dessen Decret billigende Gallishatus,

nicht dann allein liege vis vor, wenn Menschen verwundet würden

vis enim est et tunc, quotiens quis id quod deberi sibi putat, neu

per judicem reposcit.

«Sickingen kann es aber flieht zu Gute kommen, dass er gegen

den Kurfürsten von Trier wegen Justizverweigerung zur Fehde

geschritten ist; denn dieser Ausflucht ist schon zu Anfang dieses

meines Gutachtens mehr als genügend entgegengetreten, wo fiber die

prändungen oder Repressalien gesprochen worden. Demnach können

wir nicht in Abrede stellen, (lass Sickingen selbst . sein Forderungsrecht

gegen die Schuldner, (110 er angegriffeh, verloren hat, zweitens,

dass er durch die tJeberfallung der andern Besitzer und ihre durch

Sturm und Brand bewirkte Entetznng zur Bfckgabe der so erworbenen

Sache und ausserdem zu ihrem Ersatz verpflichtet ist

'drittens ist ein Drittel vom Vermögen des Verbrechers zu confisciren

endlich wird der nach diesem Gesetz \'erurtheilte auf Grdnd eines

Senatsschlusses als inthm aller Ehren verlustig, ja nach dem .neucni

Recht ist er inil den) Tod zu bestrafen, wegen der nicht einsondern

mehrfachen Todtschläge, die dabei statt gefunden haben. »

Besonders eingehend beabsichtigte Canliuncnla wieder den Friedensbruch

und seine rechtlichen Folgenzu behandeln, wie wir aus dem

wirklich niedergeschriebenen Stück der Erörterun g schliessen dürfen.

Diese Darlegung lautet (p; 17—I):

«Das letzte Verbrechen ist das des Landfriedensbruchs und zwar

nicht nur nach dem gemeinen, sondern auch nach dem Stal.utarrecht,

obgleich dieses öffentliche und generelle Statutarrecht ein für ganz

Deutschland gemeinsames Edict. ist, Wenn wir gemeines Recht sagen,

so meinen wir das alte geschriebene Recht.. -

«Aber ehe wir den betreflhnden Artikel 'erörtern, ist vorauszuschicken,

- ersl.lich, dass der' Richte]' und Magistrat und umsomehr

der Fürst seine Unterlhanen zum Frieden und zur Eintracht nüthigen

könne. Darüber g'iebl es 'fast unzählige Texte; und so lehren denn


- CIV -

auch 13artolus, Baldus, Panormitanits und Andere. Und das ist, nichts

besonderes, weil ja das die Summe der christlichen Gerechtigkeit. und

ihr sicherstes Symbol ist, was uns vor allein hinterlassen

hat, dass wir in gegenseitiger Liebe erklären, wir seien Christi

Schüler. Denn nichts scheidet die Kinder Gottes mehr voll

Kindern des Satans, als ein reines Leben und die Liebe, die sich in

den Früchten und Pflichten der Liebe zeigt.

«Aus diesen Gründen, und wie ich annehme, vorzugsweise

aus dem letzlgenannten, hat Kaiser Friedrich II. 25 zwei Ordnungen

des Landfriedens erlassen, die nach seinem Befehl in das gemeine

Recht aufgenommen worden, wie sie denn auch längst schon in

der Christenheit, angenommen und bestätigt sind. Nach dein Vorbild

dieser Ordnungen sind dann ohne Zweifel auch die neuesten Friedensedicte

des Kaisers Maximilian seligen Andenkens ergangen. Nach

dessen Beispiel hat wieder Kaiser Karl, der fünfte dieses Namens,

ein Gesetz nur dem berühmten Reichstag zu Worms beschliessen

assen, das in unserm Falle zu Zweifeln Anlass gegeben hat.

«Zweitens ist vorauszuschicken dass, wenn auch nach gemeinem

Recht der Gebannte nicht voll ungestraft getödtet werden

kann, das sieh doch anders verhält nach dein nach

welchem der, dessen Haupt verfehmt, d. h. gegen den die Achtserklärung

ergangen ist, nicht nur, wenn das Statut es gestattet, an

seinem Vermögen, sondern auch an Leib und Leben angegriffen

werden kann.

«Nachdem wir dies vorausgeschickt haben, ist zu untersuchen, ob

Franz Von Sickingen sowohl nach gemeinem, als nach singulärem Recht

hätte wegen Landfriedensbruch verurtheilt werden kühnen. Und dass

es nach gemeinem Recht, hätte geschehen können ‚ ergieht sich aus

dem ersten Gesetz des Kaisers Friedrich. Die Strafe aber des Friedensbruchs

ist die Todesstrafe und Vermögenseinziehung. Was dann das

statutarische und neuerdings auf dein Beichstage aufgestellte

Recht anbetrifft, so ist offenbar, dass Sickingen selbst- den

Frieden nicht nur verletzt, sondern Vollständig gebrochen hat. Und

in dieser Beziehung bedarf es gar keiner Erörterung, da die Worte

des Edicts, gegen die Sickingen nach den Vorliegenden Thatsachen

unzweiklhaft gehandelt, nichts dunkles haben. Man lese da nur

die folgenden Worte ‚Richten uf, ordnen und machen denn auch in

und mit [Kraft dieses Briefs, also dass voll dieser Verkündigung

Niemands, von was Würden, Stands oder Wesens der sei, den Andern

befehden, bekriegen, berauben, fahen, - überziehen, belagern, auch

darzu durch sich selbst oder Jemand anders von seinetwegen nicht

- Gemeint ist Friedrich 1. Die ' beiden Gesetze bei Portz ‚ ä. 0.,

p. 101 und 112. - -


- cv -

dienen,. noch auch eini g Schloss, Siädt, Märkt, Befestigung, Dörfer,

lIöf ödei Weiler absteigen, oder ohh.des Andern Willen mit gewaltige),

flak... dermassen beschädigen soll, auch Niemand solchen

Thät.ern Rath, FlüIf oder in keine ander Wels Beistand oder Fürschuh

thun, auch sie wissentlich oder. ge tährlich nicht herbergen, Jichausen,

ätzen oder tränken, enthalten oder gedulden, sondern, wer zum Andern

zu sprechen vermeint, der soll solches thun an den Endn und Gerichten,

da die Sach hievor oder jetzt in der Ordnung des Kammergerichts

zu Austrag verl.heidingt sind oder künftig würden oder ordentlich

hingehören] bis zu der Ueberschrift die Poen [aller Friedbrecher]'.

- -

«Sprechen hier nicht fast alle 'Worte dieses Verbots gegen Franz

von Sickingen ? Hat er nicht beinahe gegen alle einzelnen Wofte

dieses Friedensgebots verstossen? in der That, das wird nie Jemand

in Abrede stellen können.

«Fügen wir nun die für dieses Verbrechen bestimmte. Stral:

hinzu ‚Und 01) Jemand holten oder niedrigen [weltlichen Ständs.

wer der oder die wären, wider der, eins oder mehr, so- vor gemeldt

im nächsten Artikul gesetzt ist,, handeln oder zu handeln Tnhl.erstehil

würden, die sollen mit der That von Recht, zusammt andern Pönen,

in unser und des heil. Reichs -Acht gefallen sein, auch allermännig-

]ich und einem Jeden, gegen denselben Thätern und Friedbrechern,

sobald sie an unserm kaiserl. Kainmergerictit. oder durch unsern

Statthalter und Regiment mit vorgehender Citation oder Fürheiscliung,

also in die gemeidte Acht. gefallen zu sein, deciarirt und erklärl.

werden, ihr Leib und Gut erlaubt sein . . . ] l 26

«Man sieht, wie zweckmässig das Haupt. des Friedbreclieis

inänniglich preisgegeben wird ‚ gleichzeitig mit, dein des Vermögens

und alter flechte. All Strafe schliesst, sich in demselben

Edict, noch eine specielle an, nämlich indem Artikel, der beginnt

‚Und dtruf empfehlen wir [allen und jeden Kurfürsten, Fürsten, geist.-

liehen - und weltlichen, auch Prälaten, Grafen, Herren, Ritterschaft

und Städten, und allen andern unsern und des Reichs Unterihanen

und liehen Getreuen, ernstlich gebietend] bei den Pflichten, Eiden

und Gehorsam, so sie uns wut dein heil. Reich gethan haben und

zu thun schuldig sind, und darzu einer Pön, nämlich . weitausend

Mark feines .Golds, hat]) in unsere kaiserl. Kammer und den andern

halben Theil dem Beschädigten nnablässlich zu bezahlen'.

«Das aber erscheint, als die besondere Strafe, die neben der Preisgabe

des Vermögens, - wovon der vorangehende Artikel: «Und ob

Jemand», - vorbehalten ist, nämlich so, dass der Friedbrecher diese

26 Die Fortsetzung der Stelle ist bereits eben LIV mifgetheilt.


CVI -

speciell bezeichnete Strafe ohne weiteres (ipso iuIe) vorab bezahlen

muss und dass erst, dann .männigiich- gestattet wird, Leib und Gut

desselben ungestraft anzugreifen.

«Aber auch andere Strafen weiden hier an verschiedenen

Stellen gegen den Friedbrecher verhängt., nämlich das Verbot., ihn zu

herberen und zu behausen (de nun i-ecipiendo), ihn -nicht zu ätzen -

oder zu tränken (non alenclo), nicht zu enthalten oder zu gedulden

(non defendende, Don tegendo) und viele andere derg leichen Strafen,

die alle darauf abzielen, dass- diesem Friedhrecher Wa sser. und Feuer

inlei'sagt sei und er, so der menschlichen Gesellschaft beraubt, nach

beiden schmachte und ins Elend sterbe. »

Was Cantiuncula in dem zweiten 'i'heil seines Gutachtens, dcidie

andere Seite der Sache beleuchten sollte, noch hinzuzufügen gedacht,

ist nicht zu sagen, zumal es-hier ganz an Andeutungen fehlt.

• Nur ein Punkt 'steht ausser Zweifel, nämlich 'di Absicht, den Mangel

der «Citation oder Füt-heischung» geltend zu machen. Die dritte Frage

ging ja. dahin oh t-echtsföi-inlich verkündet worden, (lass SickingDn

• in die kaiserliche Acht gefallen sei. Gleich in der species facti war

festgestellt, dass die Preisgabe des Vermögens eines Friedhrechers

bedingt sei durch eine -vorangegangene Deklaration und ‚diese, wieder

durch eine Citation. Nun war, wie an einer spälern. Stelle (p. 5) hei--

vorgehoben wird, Franz von Sickingen zwar von dem Nfirnbergör

Reichsregiment für einen Friedbrecher erklärt, auch allen. Deutschen

gestattet worden, gegen seinen Leib und sein Vermögen anzugehen,

aber ohne dass Sicl


- CYLL -

ins -Auge gefasst war, die a •diese \Weise gedeckt werden sollte.

Jedenfalls aber war die Stadt Strassburg an dein der

Sache wesentlich interessirt, weil ihr eine Schuldverschreibun g des

- Kaisers zu Gunsten Sickingens von diesem verpfändet wordeh.

War aber diese Forderung «todt und ab», so war natürlich auch

jene Sicherheit dahin, und so mochte man auf den Gedanken

gekommen. sein, d& Stadt die erbrechtlichen Ansprüche der Kinder

zu überweisen 27

• Die Frage, 01) nicht auch Sickingens beide Söhne als Theil-

- nehmer seiner Fehde in die Acht gefallen seien, diese Frage wird

in dein Gutachten gleichfalls berührt und ohne Unffichweif bejaht 29•

Sonach 'war das Gutachten, wenn Wir von den Schwestern absehen,

wesentlich im Interesse desjüngMen Sohnes Franz Conrad veranlasst.

Wie das frtiher 29' mitgetheilte SchreibenVerdinarids ((die Söhn

und Kinder» Sickingens unterscheidet, so auch (las Gutachten, das

zwar meist von den lilii, aber auch allgemein von den hberi -redet 89

Als im Jahre 1542 der Vergleich geschlossen ward, erschienen als

Parteien auf der einen Seite zunächst die drei Brüder, «welche den

Vertrag «hy .Edelmanns Treu und Glauben» zu halten verspraclxen

während am Schluss des Vertrags Margaretha und Magdalena von

Sickingen, weiland Franciscus von Sickingen, ihres lieben Vaters

selig «ehlichc liebe Töchter» bekannten, dass dieser Vertrag mit

ihrem «guten Wissen und' Willen beschehen » sei und «bei wahren

guten Treuen» versprachen, «das Alles genehm zu halten und dawidet

nil zu sein noch zu thun, keineswegs $1.» - -

Was die Fortsetzung und Vollendung •des Gutachtens verhinderte,

ist zwar nicht mit Sicherheit zu sagen, aber [loch auch nicht schwer

• zu errathen die Arbeit musste schliesslich auf eine Kritik des

IIeichsreginient.s hinauslaufen, die zu nichts Gutem führei konnte.

So ward denn wohl ein vertraulicher Bericht erstattet und die angefangene

Arbeit blieb liegön, aber nicht unbeachtet. -

In formeller Hinsicht zeigt unser Gutachten ganz den Charakter

des Verfassers ‚ einerseits seine gewählte ‚ mit einer umfassen-

(lern Kenntniss des Altertliums etwas prunkende Ausdrucksweise,

insbesondere eine Fülle griechischer Kunstausdrücke, anderseits seine

27 Vgl. die Verhandlungen oben S. LXVII und LXXVII.

28 Schon in der speeies fach heisst es p.5 fihi .. proponunt, se

flicinoris paterni neque fuisse autores neque adiutores 8010 rel niteto fi2io

excepto, ferner p. 13 F. Sicinii unus aut alter filius, giti socii fucri,tt

f4cinw-is. patetni.

Oben S. LXXII.

° Die filii verden genannt p. 5. 41, 42, 47, die liberi p. 7 5 41 2 49.

31 Münch II, S. 283, 284:


- cviii -

beflissene Hinweisuine au!' den christlichen Glauben und die christliche

Sitte, wobei jeder Hindeutung auf den innerhalb der Kirche

entstandenen Riss sorgrältig aus dein Wege gegangen, aber durch

die Anrufung der Jungfrau Maria neben Chrislus vor Beginn der

rechtlichen Deduction (p. 0) diß Anhänglichkeit an den allen Glauben

zu erkennen gegeben wird

Gehen wir auf die juristische Seite ein, so finden Svii von nittelaller

ichen Juristen citirt Cinus (t 1336) p. 22, Job. Andnnie (j- 4348)

p. 3, Bartolus (t 1357) p. 7,8,12 und 17, Caspar Calderinus (f '1399)

p., 23, Baldus (-ft 1400) p. 13 und 15, Panormilanus (t 4445) p. 17,

Marianus Socinus •(f '14437) p. 22 und Bart.holomaeus Socinus (j' 1507)

. 2232.

- Die neuere Zeit ist allein durch Andreas Aleiatus vertreten, UlKt

zwar durch dessen bereits 1518 erschienenen Paradoxa (p. 41).

- Besonders benutzt ist der bekannte Ti'actat des:I3artolus über die

Repressalien, dazu kommen Gutachten von Marianus und Bartlloloinaeus

Socinus. Ob das ebenfalls (p. 23) citirfe Gutachten des Caspar

Calderinus gedruckt isi, weiss ich, wie bemerkt., nicht zu sagen.

Werfen wir einen Blick auf die von Canliuncula benutzten

l4echtsquellen, so finden wir von den Gollationes iia die V und die Xi

citirt (p. 7 und 15). Die letztere umfasste die Gesetze Heinrichs VII

über das Majestät.sverbueclien, Art '-epriinendum und über die Rebellioir,

Quoniain nuper, und, dazu seit Bart.olus die goldene Bulle.

Die in dein p. 18 lt. 23 angezogenen Gesetze Friedrichs 1

bildeten einen Theil der X. cotlatio, die Canliuncula als solche nicht.

anführt. Dass Cantiuncula auch die goldene Bulle nicht citfrt, erklärt.

sich so, dass dieselbe in dein Kapitel das schier Meinungnach

ohnehin gültige rüntisehe Recht nur wiederholte.

Ausserdem weiden drei Bücher des Justiniaiiischen Godex citirt,

aber so, dass hier mehrmals Abweichungen von unserer Eintheilung

vorkommen, nämlich lib. VI statt V (p. 3 u. 14) und lih. X statt XI

(p. 7), Abweichungen, die vielleicht nur auf Schreibfehler zurückgehen.

Auch kleine Varianten in den Rubriken der Digestenlitel finden

sich, so insbesondere p. 44 de eapite di minut.is und de verborum

et rel' u in signifleatione, während es all Stellen ( p. 7 und

13) de verh. sig-nif. heisst.

Das kanonische Recht ist nur sehr spärlich citirt (p. 7 . und 14).

32 Ucher alle diese Juristen s. Savigny, Geschichte des röm. Rechts im

Mittelalter Vi und Schulte, Geschichte der Quellen. und Literatur des

kanon. Rechts II;

32& Ueber dieselben Savigny, 111, S. 501 ff. lt. 526 f.


- clx -

Von allgemcinerej Bedeutung ist die Art, wie Cantiuncuia das

Verhältniss dci- in Deutschland geltenden Rechtsnormen bestimmt.

Der.wiclitigsle Gegensatz ist der ('es .iU5 commue und des ins singulare

(p. 18) oder des ins stat.utarium ( p, 10). Während Cant.iuneula

unter dem ins commune das itis vetus scriptum versteht und darunter

auch die beiden Gesetze Friedrichs 1 begreift., versteht er unter

dem ins stat.utarium die spätern Reichsgesetze, obgleich dieselben

auch für ganz Deutschland Geltung haben und insofern in weiterni

Sinne ebenfalls ins commune darstellen ( p. 47).

Das gemeine Becht im eigentlichen Sinn ist theils ganz alles,

wie die XII Tafeln, thei Is Jüngeres, wie die Constitutiouen der römischen

Kaiser (p. 42).

Das ins commune ist aber seiner räumlichen Geltung nach das

Recht des orhis (p. 47), von dem das Land Germania nur ein Stück

bildet (p. 3). Die Ideen des Mittelalters sind also hier noch in voller

Kraft. -

Der Zeitraum, welchem das Gutachten angehören muss, wird

zunächst begränzt einerseits durch Franz von Sickingens Tod -und

andererseits durch den Vergleich seiner Söhne mit den Fürsten.

Innerhalb dieses Zeitraums müssen wir weit mehr an die erste als an

die zweite Hälfte denken. Dafür spricht vor allem der Umstand,

dass der Anspruch gegen den Kaiser den Ausgangspunkt für das

Gutachten bildete, ein Anspruch, der wahrscheinlich schon zu Ende

des Jahres 1528 seine Erledigung fand. Mit dieser Annahme

stimmen alle weitern Andeutungen. Zunächst ist. die Sickingensche

t'elide noch in frischer Erinnerung (eo facinore mox invulgato itaqne

notorio, ut inficiari neino po test p. 5), dann ist. der Kurfürst

Richard von Trier, der im Jahre 1531 starb, wie- es scheint, als

lebend vorausgesetzt (si quis dicat, Jr. principem fuisse et esse intei'

prinios a consiliis Gaesai-eis p. 22); denn wenn diesr Satz auch von

dem kurfürstlichen Amt verstanden werden kann, so liegt dnh die

Beziehung auf das Individuum näher. Und endlich scheint der Unistand,

'lass Cantiuncula diesen Erzbischof an zwei Stellen indireci.

angreift - p. 41 quo t.ranslationis iure videnius tempore longissimo

Germanos libere ei. eontinue usos, ut qui neu alium in impematorem

ltomanum designaverint quam germanum, und p. 24, wo es heisst

dass Sickingen pro virili fidelis assessor semper extiterit -‚ Stellen,

welche doch auf die französischen Intrigen des Kurfürsten hinzuweisen

scheinen, ich meine, diese Anzüglichkeiten legen selbst,

den Schluss nahe, dass das Gutachten vor das Jahr 1520 falle; in

welchem der Kurfürst seine Stellung- in' dci' Opposition aufgab und

vom Kaiser und seinem Bruder eine Pension annahm.

Vergleichen wir mit, diesen ans dem Gutachten selbst entnom-


cx -

inenen Folgerungen die Anhaltspunkte, welche sich etwa aus Cantiunculas

Leben ergehen. Leider sind wir gerade für die Jahre

1524-1526 nur sehr mangelhaft über ihn unterrichtet.. Cantiuncula

war seit 1519 ordinarius -legum in Basel und seil 1521 auch adocat.us

civitatis Basiliensis. Wie er-in unserm Gutnebten als das

Wesen- den christlichen Gerechtigkeit die brüderliche Liebe bezeichnete,

so halte er als Schüler des Erasmus schon ifnJahre 1522 in

Basel, wo eine freiere Luft wehte, dem Klerus Achtung vor dem

ächten römischen Recht,, vor den leges, beizubringen versucht, nüm

lieb durch seine oral io apologetica in patrocinitim iuris civilis contra

cos, qui leges cum Evangelio parum eohcordare afflrniant. Im Deiember

1523 verfolgte er den Plan, seine Professur an Boniliscius Amerbachi,

der damals in Avignon studirte, zu iihertragen, während Amerhach

selbst, da Zasins ihn nach Freiburg zu ziehen suchte, sieh hier im

Sommer -1524 um die leclio Sexti liewar], Aber nachdem ihm diese

im August übertragen worden, legte er sie, zum grossen Kummer

des ?asius, bald iiieder, um im Noverihei- die erledigte .Ptofessur

unsers Cantiuncula zu übernehmen. Unzweifelhaft hängen diese

Schwankungei mit dem Kampfe um das kanonische Recht zusammen,

wie er in diesen-Jahren geführt ward. Cantinneuta stand im Januar

1524 im Begriff, nach seiner Vaterstadt Metz zu gehen; uni daselbst

zunächst hei seinem Vater, einem apostolischem Notar und bischöflichen

Sekretär, zu wohnen. Im April ei-schien in Basel seine französische

Uebersetzung von Erasmus Anweisung zu beichten, die er

der Herzogin Margaretha, der Gönnerin der Hugenotten widmete.

Was in Metz für Zukunftspläne geschmiedet wurden, erfahren wir

nicht; der Dienst der Stadt, der er wegen eines Stipendiums

verpflichtet war, lockte ihn so wenig, wie er seinen Freund, den

Syndikus der Stadt., Cornelius Agrippa von- Nettesheim, hatte fesseln

können. Im- Mai -1525 finden wir ihn in Vic. Hier hatte er, wiees

scheint, die Aufgabe übernommen, eine Reihe von Klerikern in

die Anfangsgründe des röm. Rechts -einzuweihen. Et- las mit, ihnen

den - Pandektentitel de Regulis Juris ‚ fand aber die Schüler so

dumm und träge, dabei so sehr auf Essen und Trinken erpicht>

dass ei den Unterricht - ans Ver-zweifling aufgab 3.

S 1-lorawitz hat a. a- 0. S. 8 aus dem Cod. Fal. \Tiiidoh., der unser

Gutachten enthält., folgende, vielleicht von Brassicanus hirrührende Notiz

initgetheitt: Hane interpretationem (nämlich die fol. 22-30 stehende interpretatio

tituli de lt. 3.) legit ipse Cantiuucula in Vico Austrasiac quibusdam

sacerdotibus, uti ab ipso audivi, idiotis et ignavis, sie tandem otiarn ipsis

fere despei-antibus et plus vent.ni et potationibus invigilantihus, tandem

deseruit -lectionem.. . -


- CX!

Im Jahre 1.526 finden wir ihn dann in der Umgebung Ferdinands,

also' zu einer Zeit, wo dieser von den Fürsten verlangte, dass ihni

die Erledigung der Sickingenschen Sache 'übergehen werde. 1527

rühmte Erasmus ihri uI einem dem, Kardinal Johann von Lothringen

gewidmeten Werke als rariss'imum vest.rae Lotharinghie exemplum

et ornamentum. 'Dass' :I Jahre 1528 in-der Sickingenschen Sache eine

Gesandtschaft an den 'Kaiser in's Auge gefasst war, haben wir früher

gesehen. Nun. erfahre!) wir, (lass Cantiuncula sowohl 4528 als 1529

in Spanien war. Aber wenigstens die er s te • Reise kann nicht mit der

von - Schweikart in A:ussicht genommenen Botschaft in Zusammenhang

stehen, da Canl.iuniula scluin im Juli von derselben zurückgekehrt

war. Dagögen könnte die zweite Reise auf- unsere Sache'

Bezug gehabt haben. .01) jedoch der 'Umstand,' dass die kaiserliche'

Schuld :in der Tltat bald nach dein 1528 abgetra gen ward,

und der andere, dass Gantiuncula die zweite sanisciie Reise als von

Erfolg gekrönt, bezeichnet, auf dasselbe . Ereig'iiss hinweisen, muss

dahingestellt bleiben. Dass Ferdinand das treibende Element war,

stellt fest; auf dessen Vermittlung, verhaute ja. auch Schweikarl

nach seinem Brief vom 44. Februar 1525. -

Vielleicht, führt noch ein anderer Faden di!'ect von der Sickingensehen

Familie zu Cantiuncnlä. Dass das Gutachten vorzugsweise in)

Interesse des jüngste]) von Sickingens Söhnen veranlasst sein muss,

liegt klar 'vor Augen. Dieser Sohn aber befand sich hei dein Erzbischof

von .'Besaivon; in . derselben. Stadt, in welcher Cantiunculas

ml itrster' Freund lebte. Dieser, Stephan Verdehet., war 'mit Cantiuncula

in Basel Jlechtslehi'er göwesen 4 und dann in seine Vaterstadt

zurückgekehrt. Da konnte ',sich leicht. :eine Beziehung zudem

jungen Sickingen und seinem Pairon &gehen, die für die Abfassung

eines Gukri:htcns den Blick auf Cantiuncula lenken mochte. -

Unser Gutachten, das civilrecht.liche Ansprüche prüfen will, aber

üben desshalh in das Strafrecht, eingreifen muss, gehört der sehr

geringen Zahl wissenschafl lieber Arbeiten diese!' Zeit an, welche',

zunächst in unmil.t.elharen', Dienst der Praxis dein

gewidmet smd. Der Behandlung des Majestätsverbrechens, das dci'

]


- CXII --

Ahör die Zeit für diese Bestrebungen war noch nicht gökommen,

oder vielmehr, sie war schon wieder vorbei, seit ein Mann wie -

Schwarzenberg nicht mehr dem Reichsregiment angehören durfte.

£s ist eine lehrreiche Eischeitiung, dass die Neiging; die Vorausetzüngen

und :Folgen desMajestätsverhFechensesetlich zu fixieren,

im umgekehrten Verhältniss stand zu der Nöigung, einem Gegner

den Vorwurf des Majestätsverbrechens ins Gesiöht zu schlendern.

Als das Gutachten in Angriff genommen ward, gewann das Projecl

einer peinlichen flalsgei1chtsördnuiig, welches über das crirnen laesae

maiestatis absichtlich schwieg, für das deutsche Rdicli laflgsam eine

festere Gestalt. Zwischen den Vei'haiidhtngeh über dieses Gesetz

und den Verhandlungen über die Sickinflnsche Angelegenheit gab

es manche Berührungspunkte, zunächst. schon bezüglich der Gültigkeit

der Acht.. War doch die Streitfrage in analoger Weise schon bei den

Verhandlungen über die Venlanirnung Luthers hervorgetieten. tDie

Juristen dei' Kifrie hilUen eine Vorladung und neue Vernehmung des

Angeklagten für nothwendig gehalten habe, doch Gott selbst Kam.

noch einmal vor sich gerufen aber die Theologen wollten in keine

weitere Verzögerung willigen Dann spielte auch in der Lutherschen

Angelegenheit wie hier, das Majestätsverbrechen eine Rolle. Hatte

doch der Papst die Anordnungen seiner Bulle eingeschärft bei dem

Makel des Verbrechens der beleidigte« Majestät, hei Verlust. der Erbrechte

und Lehen, ein Verfahren, das ein kaiserlicher Rath, Hieronymus

on Endorf, als einen Eingriff der geistlichen in die weltliche

Macht ansah, und das er (teil Kaiser aufforderte, nicht zu dulden 3.

In Nürnberg war an eine ruhige Behandlung gesetzgebeiischer

Arbeiten nicht mehr zu (lenken. Als der Reichstag am iS. April

1524 gäschlossen ward, geschah der Halsgerichtsordnung mit keiner

Silbe Erwähnung ; dafür aber erliess der Kaiser am 27. Juli ein

Ausschreiben, ganz im Sinne des Papstes, wobei er die in Aussicht

geüominene Versammlung där Slünde verbot. bei Vermeidung eriminis

laese maiestatis, und der kaiserlichen und des Reichs Acht 37.

Bis zum Jahre 1529 kam die Halsgerichtsordnung nicht. nfehr

zur Sprache. Als dann auf dein nach Speier einberufenen Reichstag›

die legislativen Reformen wieder aufgenommen wurden, sass in dem

behufs Prüfung der kaiserlichen Vorlage gebildeten Ausschuss tucli

der Erzbischof von Trier 3S, der in Sickingens Vorgehen gegen ihn ein

Majestätsverhrechen erhlidkl hafte. Der Ai.issclniss beschloss, den

Entwurf einer 1115 rechtsgelehrten Rä Ihen der Stände gebildeten

3aflauke 1, 298.

flanke 1, 308.

37 Ranke 11,. 5. 114. .

38 0üte'bock, Entteluingsgescliicht.e der Carolins, S. 106 Anm. i.


- CXIII -

Subkommission zu überweisen. Und als diese ihre Tliätigkeil. heginnen

wohle, fand sie sich besonders durch den Mangel an literarischenHilfsmitteln

an einer gründlichen Prüfung gehitidert39. Ii»

Grunde war es der zu drohender Schroffheit gesteigerte Zwiespalt.

des Glaubens, der eine förderliche Verhandlung unmöglich machte.

ErsI. in den letzten Entwurf der Halsgericht.sordnung gelangte

eine gewisse Bemerkung überdas Majestätsverbrechen, nämlich die

verunglückte des Artikels 218 « hein an ellichn Orten, so

ein Uebelthäter ausserhalb des Lasters unser beleidigten Majestät ockr

sonst in andern Fällen, so der Ueheltliäter Leib und Gut mit verwirkt,

vom Leben zum Tod gestraft, werden Weib und Kinder an

Bettelsiabe und das Gut dem Herrn zugewiesen».

Per auf dein zu Augsburg entstandene neue Entsurf,

der vierl.e in der Reihe der Projecte, enthielt den Artikel noch nicht;

erst hei der vierten und Schlusslesung fand er Aufnahme, und zwar

offenbar so, dass die Bedaction desselben einem Kommissionsmit.-

gliede überlassen ward, der die Arbeit in grosser Eile und schinachlässig

machte.

Bei den in] Schosse dci' Kommission gewiss hier ganz besonders

lebhaft geführten Meinungskämpfen - dieselben können wir uns an

dem in unserm Gutachten erörterten Für und Wider vergegenwärtigen

- muss man sich dahin geeinigt haben, die nach dem gemeinen

Recht auf das Majestätsverbrechen gesetzte Strafe beizubehalten,

nämlich die i.'odesstrafe und die Verwirkung des Vermögens, Wenngleich

Weib und Kinder des Uehelt.hätcrs dadurch an den Bettelstab

gebracht würden 4O

Hier ist nur noch darauf hinzuweisen, (lass in den 1542 zwischen

den Sickingenschen Erben und den Kriegsfürsten aufgesetzten Vergleichsurkunden

zwar das Recht der Fürsten an den occupirteu Gütern

prinzipiell festgehalten, andererseits aber des Sickingen früher vorgeworfenen

Majestätsverbrechens auch nicht einmal andeutungsweise

gedacht wird.

Auch das Verbrechen des Laudfriedenshruchs, wie es in der

Carolina behandelt, ist, empfängt durch unser Gutachten eine neue

Beleuchtung. Interessant, ist zunächst., dass schon hei den Verhandlungen

über den Nürnberger Entwurf von 1523 die Bevisoren den

Artikel 135 des Pro jects dahin änderten, dass gewisse Fehden mit

kaiserlicher Erlai.ibniss gestattet sein sollten 4 . Dieser Aenderungsvorschla

g ging dann auch in das schliesstiche Gesetz über.

Güterbock, S. 109 f.

O Güterbock, S. 248 ff.

41 Güterbock, 8. 98


— Cxiv —

Artikel 129 der Cajolina, «Stiaf derjenigen, so die Leul böswillig

hefehden ‚ lautet «Wrelehei Jemand wider Recht. und Billigkeit irnat.liwillig.

hefebdet, dcii richtet man mit dem Schwert vorn zum

Tod. Doch ob Einer seiner Fehde halber voll oder unsern Nachkommen

am Reich, :i'öniischen Kaisern oder Königen, Ei'lauhniss uhu

oder dci, den er also befelidel ‚ sein, seiner gesiplen i'reundsehafl.

oder Herrschafl oder der ihren Feind wäre, oder sonst zu solcher

Fehde rechtniä.sige gedrungene Ursncli htt, so soll er auf sein Ausführung

derselhep guten Ursachen nicht peinlicl i gestraft. verden

in solchen Fällen und Zweifeln soll bei den I1.echlsv erstiindigen und

an Enden und Orten, wie zu Ende dieser Ordnung :i iigci.egt., flaths

gehra uch 1 werden »

Die genaue ijehejei nslimrnung mii den Ausführun gen unsers

Gutachtens (p. 1.0, 12 ii. 20) liegt, klar zu Tage. Die zweite Aus.-

na lunuehestiinnuuiug ist. aller \Vabrsclteinlic]ikeii nach eine Concession

an die Anhänger Sich ingens, welche nicht zugehen durften, dass

seine Fehde Grund zu einer peinlichen Strafe häite abgeben können.

Unser Culacl'iten zeigt uns an einem Beispiel das Bestreben aqjgeklärter

deuisclier Jurist cii. die volt dem Klerus mit Eifer geschfitzten,

die ganze Härle des alten 'leslainejils sanclionirenden

Bestimmungen der byzantinischen Kaiser zu Gunsten eines christlichhumanen

Becld.s möglichst ii nschäd ich xii machen, und zwar mil.

ilfulfe des eigeni lich römischen. Herluls . Daltei tritt an einem Punkte

auch der Abscheu des ihulVir, Gewissens vor dci wälscheu Perfidie

denilich hervor.

Der für Deutschland wohl ejallussrejctiste aller mitlelalierliclien

Juristen, der vielleicht, der Abfassung der goldenen Bulle nahe stand,

.l3artolus, lehrte, ein i'iehell könne ungestraft getödiet. werden, und

zwar nicht nur i,iliit und ehrlich, sondern auch hinterrücks und

heimlich (oceulte) Auch diese Lg'.lni. waud in Deutschland in die

Praxis Ohetiragen. Cantinuiaihi hallo seine eigene Vaiersladt diese

Praxis handhaben selten.

Als clii frülicier Metzei ]3üirei, der sich wegen einer Mühle in

sehen Heidilejj gekränkt lölille, deshalb gegendie Stadt eine heftige

Fehde unteiuian'in'ien hatte und null in die Acht erk111 merden stii,

erliessen Ende des Jahres 151 7 tIer Meister Scliötfe, der .Ral.h der

Dreizehn nnd die Sieben vorn iieg rine Pioela niatinn. wonach Jedem,

der den Aechter lebend oder laut iulicfejt, ein hoher Preis geboten

ward, ein iusondei's hoher dciii, du seine 'J'ödtu]nLr Mann Die Proclamation,.

die v°r der Kathedrale in dei.utscluer und romanischer

Sprache feierlich verlesen und dann »geschlagen ward ‚ halte die

gewünschte Wirkt Ing. Ein früherer Spiessge_sel le des A.ec}tters X.01)-

führte, durch den Preis und die zugesagte Amnesl.ie beshimnil, im


n

-

Juli des folgenden Jahres den Meuchelmord an dem schlafenden

lCnieräden und erhielt die verh&sseiie Belolmung. Als in der Bürgerschaft

sich (las Gefühl laut zu machen begann, (lass hier ciii Entsetzliches

3 und dazu von iechiswgen geschehen sei, da ward die

Aeusserung eines jeden Tadels durch öffentlichen Ausruf verboten.

Sickingen war es gewesen, der seiner .Eiipöriing keinen Zügel

anlegen liess, sondern die Väter der Stadt und diese selbst zu züchtigen

unternahm. Er hielt sich dafür um so mehr befugt, als der

Meuchelmord auf dein Sclslosse eines Vetters geschehen, ja dieser

\Telte i. das eigentliche Ziel für den Meuchelmörder gewesen war42.

• Der in Metz geborene Ganliuncula konnte es nicht fiber sich

gewinnen, jene Lehre da, wo sie berührt werden musste, in ihrer

ganzen Hässlichkeit wiederzugeben in unserm Gutachten lautet, die

Lehre nur, der Rebell könne ungestraft. getödlet werden (p. 15), das

Wort occulle ist beseitigt

Cantiunenla, der sich als einen eben so fähigen als massvollen

Kopf bewährt halte, trat später in die nächsten Beziehungen zu

dem höchsten Gericht im Reiche. Als auf dem lleiehslage zu Augsburg

bestimmt ward ‚ dass das Reichskammergericlil. in Speier,

\\ohin es 1527 verlegt, worden, seinen deflnitiven Sitz behalten sollte, -

und nun Beliiifs Erledigung der immer mehr angewachsenen alten

unerledigten Sachen die Anstellung- von acht ausserordentlichen Referenten

beschlossen ward, da lhsste man für diesen .scbwiei-igeu

Posten auch unsern Cantiuneula ins Auge, der denn auch im Laufe

des Jahres 1532 seine Tiiätigkeit in Speier begann, in - demselben

Jahre, in welchem die peinliche Halsgerichtsordnung als Gesetz verkündet

ward.

Von Anfang an halle Canl.iuncula vor allem die Reform des Privatrechts

mit Eifer verfolgt. Seit das von Maximilian ins Auge gefasste

Gesetzbuch wieder aufgegeben worden, dachte man in Deutschland an

allerlei andere Mittel für eine Aufbesserung des Jiechiszustandes. So

war selbst unser junger hoffnungsvoller Gelehrter im Jahre 1521 von

einem Tübinger Freunde aufgefordert worden, ein Conipendium der

Jurisprudenz zu verfassen. Ein solches Unternehmen, eiklärte er

in seiner ablehnenden Antwort, könne nur . von Männern wie

Zasisis oder Alcial ausgeführt werden, Männer, die er als die Papiniane

seiner Zeit bezeichn&. Gleich seinem Lölirir erwartete er Heil

zunächst nur von kritischen Arbeiten, de sie nun bald Fialoander

42

Ulmann, S. 94 ff. Die l'roclamation hei de. Vigneulles, Bibliothek

des literar. Vereins in Stuttgart XXIV, S. 319-321. Dieselbe beruft sich

auf droit, commun. reforniation imperiale et helle (Vor.


CXVI

ernstlich - in Angriff iffihni und wie Erasmusini April 1527 Pirkheimer

um Auskunft hat fiber das mii grösster Spannung verfolgle

Unternehmen, so schrieb nnser Cantiuncula am 28Juli 1528, nach

seiner Rückkehr von der spanischen Reise, auf der er sie!, überall

um Manuseripte der fleclmtsldicher bemüht und z. 13. in Orleans ein

Digestume \tetus erworben hatte, an Amerhach «Möchte das Gerüchi,

dass unsere Pandekten zu Nürnberg sich in Druck befinden, nichi.

grundlos sein ». Zugleich aber verpflichtete er seinen Freund,

ihm alles, was von Alciat erscheinen weide, sei es der Coinmueiml.ar

de verhorurn signifleatione, sei es etwas anderes, sofort zuziisendeii,

um 1 ugeufal Is durch einen eigenen Boten

Audi für die lledhtswissensc,haft war eine neue Zeit augehrochen


GLAUDII CANTIUNCULA.E

GONSILI UM

DE

LIBEItORUM FRANCISGE SIGIN1I JURIBUS

ADVERSIJS

CAESAREM ET PRINGIPES.


i3ona eins, qui de leesac rnaieslatis ciiuilne aceusatur, ]iciM

ipso jure essent coiafiscata, 11011 prius a procuratore Cuesaris

cuipi ei apprehendi, etsi non puhlican, possunt, nisi acensatus

udicis alicuIns sen1ntia obnoxius eriiniuis repertus et decktrutus

fuerit quod satis ihnuit 1. ex iudiciorurn 20] 1V. de,

necusat. et inscript. [48, 21 ei leges II. Elli 11'. et [6] C. ad 1.

in]. muiest. [48. 4 ct 9, 81 et ixpresse 1. res quae in coitrouersia

[22] II. de, lisei [49, 141 ei c. oum seeuiidurn

1191 de 1aereticis Itit. II] lib. VI ei. gb. in § Per contruriuin

[5] Inst. de hered. qui ab intest. deferunt. [3, 11 et loh.

Andreac in c. vergeatis 110 [ii. VII] de haerel. lib. V.

deeretaL

Speciesfttcti.

Ocr nania id labet. ne quispialn publicain pacem laedere

nil sibi ins dicere, ulicui virn infrrc andeat hoc edicunn esi,

puhlicun. Contra quod si quis icrit, pack, laesae. preemissa

1 amen in in nocatione, icits decbarctu' ; secunduin quam decic-

'ationem rei corpus, vita et lona uriniersa cninsvis arbitrio

occupanda pennittuntur narn is ornni oinnino Fure dccci'-

nil,ui sponitus ei udigriis.


mg

—4-

(3ermanus quidarn ob simm ipsius privatatn actionem

Trevirensj principi, nullis fetialihus ut fit praemissis, sed Label.-

lario vulgari usus, belluin indixit ac panlo post Trevirenses

duos captos in carcerem coniecit. Hi duo ferri onere et carceris

molestia grauiter pressi F. Sicinium diu renitentem znuliis

tandem precibus exorarunt, t (ide sua redemptionis Pretiullb

super quo capti cwn capienle connenerant, esse iuberet, fide

hona promittentes, sese pretlum hoc constitutum, max quam

emancipati in suos lares postliminio rediissent, Sicinio numeraturos.

1-Juic captorum promissioni ficiens Sicinius eorumque

Inisertus sponsor eins pretii factus est, sed et illud Germano

numeraujt. Duo illi iam iibertatj restituti 11011 modo suam

lidern non liherarunt, sed et ipsuni Sieinium corarn coneilic

Nurenbergensi in. ius vocari, curarunt eo (mi, ut is eauas

dici proponique audiret, dh quas ipsi duo, quam fecerant

Sicinio pronlissionem, non tenereutur. F. Sicinius suuni hahens

iudicem ordinariurn, ad quein uocani potuerat, ratus non esse

sese obnoxium, ut huic alio factae uocotioni audiens esset, non

venit ciuidern, sed coicilio Nurenhergensi rein gestern, ut erat,

er schedam significauit. Postquam . id nihul a Nurenbergensi

eoncilio uel litterarum uel praeeepti aecepit.

Atqui videns Sieinius, ilias suos debitores neetere moras

et lidern hauern non agnoscere, Trevirenseni principern seinel

atque iteruin per suppliees litteras orauit, curaret hie, ut sui

ciues aes istud alienurn Sicinio debitum dissoluerent nequc

committerent, . ut pro perca scorpium reposuisse uiderentur. Tr.

princeps Landein F. Sicinio id . responsi dedit, negotium huiusmodi

esse sub Nurenbergensibus iudicibus controuersum; videitt,

ut isihine candido g caleulos referret ;‚tum se curaturtmi,

ut sui eities iudieaturn implerent. Sicinio uou arrisit ca responsio,

quill potius ipsuin Tr. principern tanquanl iustitirn ngligeutein

adoriendurn bcllo censuit, missisque suis inore Germanico

nuntiis helli tesserain principi reddendam curauit. Ac post

Paulo ingent.i militum hon aspernandorurn mann eoinparata Trevirenses

ipsos sie inuasit, ut multis auto saeculis neu fuerint

talern calamitatein experti.


-:3 -

Eo facinore mox inuulgato itaquc notoria ‚ ut infiliari

nerno potest, concilium Nur. hune F. Siciniuxn flau vocatum

nec1ue audiLum, sed iridieta causa laesae et violatae pdis reum

pronunciauit ‚ facta Germanis omnibus potestate in Sicinii

corpus et bona grossandi.

Sicinius ca re cogilita se in arcein suam quondarn munitissimam

recepit, uhi a Tr, principe et allis sociis obsidione

grani pressus ictu fundae cecidit.

• Eo inortuo 'Fr. princeps. cain arcem solo acquauit, ahorn

etiam, quac Sicinii fuerat, per deditionem cepit. Quidam alii e

Germanorum prirnoribus ahiarn item F. Sicinii arcem oceupauere.

-

Crnsar, qui- a Sicinio talenta dccciii inutua receperat ac

bona adeoquc principali fide spoponderat, eam se F. Siciuio

illiusue heredibus redditurum ornni exeeptione irnpedihientoque

sernotis, debitam negat pecuniam. Negat et aliarn eidem Sicinio

dehitam et in eius negotiis eiusque inssu expensam. Jein

-uero flhii ipsius F. Sicinii patre mortuo petunt ii Ceesare pecuniam

ereditarn et alias debitarn sibi renuinerari lilo ngal.

deberi et patrein eorurn pacis laesae reurn deciaratum orune ins

erediti amisisse.

Vindicant item filii arces post patris fata vel alias capLas

et occupatas. Qui eas tenent, causantur similiter paGis laesae

crimen. Fiji contra proponunt, se facinoris paterni neque fuissä

autores nequc adiutores, mm uel altero filio excepto; Ad haec -

patris morte erimen quoque extinctum.


s

—6—

QLiaeritu:r quid iuris.

'in 1. 1 c. de relat.

[7 , 61 1 in!. quacrebatur

19] lt de mil. testete.

[29, 1]. Adduennt L. si

dci ussor [] in ririn c.

qui satisfac. cog. [2,8]

1. Ei is qm quodraginta

[80] IF. ad 1. Falcid.

[33,2] et 1. si lbndu,u

sub conditione [81]

§. Stichuni [2] dc

legat. 1

2 li j, 1 . nEUe.

in 1. Fuleinins [7] lt

CX 4uili. caus. in iioss.

cutur [42, 4].

in!. Cicero [39] li

de poen. [48, '19].

Christi au Viigiuis matris inuoeato auxilio.

.Priiauui ouinium sciendum es!.. eius qui, qtud iuris si I

inerrogatur, esse partes, iit ion soluui super priueipali pun eto.

quaetionis controuersaersed ehem super aceessorlis sen quihusdam

appendicihus respoudeat, caquc es( commi.mis iuris professerum

dochrina . . . ... . .

Gui doctrivae ut ego PF0 virili simlisfäciant, videntur inilii

quinque dubia ex. proposita fach specic defluere.

Primum an Fr. Sicinius Trev. . pruncipi helluin iiidicendo

inferendoquc deliquerit.

Secundum si deliquit, quo nuinine oporteal huiusiuodi

delictum ccnscri, ci. quae sit eius delieli poeiiu.

.'l'ertiuinah rite pronutitiatuin fucrit, eurn in hanni imperialis

oetiiii cecidisse. .. . .. -

Quartum an ipse Fr. Sicinius ob huiusmodi Lacinus boiiorum

suortun dorniniuul sie amiserit, ah nihul iuris noT actionis

ad illa possit nut deheat ililus filiis coinpetere.

• Quintum si quir.l . iuris uel cetionis salvuffi his liberis

remanserit cd hona paterna, nimm id, quicquid ost, iuris ne]

actionis possint in u]ium cessionis viii tmansferre.

Quantum ,. titEl prinlum dubium atti not, vidntur iiitiiitu pFiiiiO

clicendntn Fr. Sicinitun legitimas ei; )sonestas hahuisse mdieendi

gorendiquc helli caitas.

Principio. etim belli siimi sicut et pacis iurtt .iuste non

minus qualn forhiter gcre!Ida, ipsaquc helli aequitas pro Cicemonis

sententia 2 (otte non Ciceronis testmoniuin adducain.

id faciam Ulpiuni ac Trvphornni 1 olassicomun) iureconsull,orum

eNemplo ?)‚ ipsa cniin helli nequilas sanctissinie fetioli populi

Romani iure perseripte sit, ut ]ioc iustiun bellum censeatur.

quod aut rebus repetitis geratur. aut denuntiatum tinte sil ei.

indietum, cumqne herum utmumque F. Sicinius obsemuarit, qui

Tr, principi non anteu hellum indixit, quam repetitis ah eo

rehus, hoc est peLita iustitia aduersus 00$. qiii Ipsins Sicmuii


-

debitores erant., non dubiuin esse potest, qiiin hellum lioc

iuste et iudic.tiiin et gesturn fuerit.

Seeunclo hellurn esse iustuni dicitur, quotiens iudex neglexent,

quod n suis inprobe factum fuerit, vindicare '..0 el nddere 2,

-quod per iniunias ablatum ost. Atqui in proposito äasu apparet,

prineipem 'Fr. .negligenteni fuisse in iustitia ipsi aduersus illos

duos impertienda, casque duos ‚Fr. irnpiohe egMse, cum datam

(Wein tarn -turpiter, ut. in casn proposilo continetur, fregerint.

'I'antum enirn abest, ut F. Sicinius huiusrnodi redeinplienis

pretium ne] non repetere aol, iIli non reddere debuerint, ut

etiam ipse Sicinius de iure vei nolens id preLii reeipere cogi

potuenit eL redempti 2 si redernptionis pretiurn Iucre.deferant, :c1uiilqtienniuln

integnirn redernptori seruire teneantur 4. Nam eL ipso

re&Iirnens 1[umanulu et Chrislianurn cham opiis fecisse dicitur

'l'ertio quih bet potest i nclicere bllüin 01) suiirum reruni

vindicationem ‚ uhi niliil ultcrius remcdii superest . Irno

casu hornines libeni, in quibus debilor ins habuit, crediloribus

fuerit obrwxii (2), quernadmodurn singulani iudicio aequum Gensuit

Tilpianus iunisconsultus . - -

His tarnen non obstantiljus veritas ost a ponte eont.ruria,.

iiideliect nequc belluin hoc iustuni, imo ne bellurn quidern

['uisse, seil - vim publicam et manifest-am bdllurn enirn pi'oprie

11011 prinate, sed publico fit iibini ne 1 , l.ametsi uonnunquaiu

repressaliae seil potius pignorationes ex- causis maximis et

solemnihns decernantur '. Nam lilie - pignora-tiones et rpressauce

suapte sunt natura odiosae, reieetae ‚0 ei prohibitac, idque

]ias.ob causas potisirnuth, ne scilicet ah aliis, quod alius dehet,

exigatur, ei ne quis in sua causa ins sibi client contra generalis

legis t ' intereessionem. Vis enirn ost et Inne, quotiens a dehi-tor-i bus

suis id quod debeni sibi putat, nols per indicein reposcit, atque

ita refert) 2 Callistratus iunisconsultus. Marcuin imp. decreuisse.

lsque 001] atus lurn maxime vetitus est, si manu armata et

exercitu comparato exei'ceotur.' ‚ ah interim dc Gliristianis

praeceptis -iiihil dicarn non solurn veLantibns, ut ne quis iniunia.

premalur, sei] ne quis, qu( 'd ei debetur, 1101 hure repose:,it 14

1 auth. si vorn domious

C de bootet.

[1,5] ex illius ' rotione et

ni,-nto gencraji nam

et verbum ex ].-gibos,

sie reeipiendurn ost. 1.

nominis [6] verbum

16] ff. da verb. signif.

[50, 16]; sed apertlus

probutur in c. [2] duininusnoster

[e.) XXIII

qu. 2:

2 d. e. dorninus, ubi

sunt, Augustisti verbs.

1. £1111!i p05 II im.

[6] C. de eupt. et pst-

[im, revers. [8, 501.

1. ob busti bus [2]

ei 1. diuersarun, [20]

iIIo cod. tu,

as p i!,. si coptivi §.

qui autoin de episc. et

elericis [1, 3.48].

6 ‚utarit deut. in 1.

si aliusfl] . bcllissinie

[3] 0'. quod ui aut dom

143, 21] clii' 1. nullus

[1 4]C. (le ludsois [1.9].

1.pro berede [20]

§. si quid Leinen [2] 0'.

de acquir. her. [29. 2].

81 hostes [24] et ibi

nutata II'. sie c-a1,tiv.

etpostliin. red. [49.15].

- prout not at Bar tulus

in troetat. repress.

10 In sutb. itt Don li.

pign. [Nov. 52] cullat.

V. cl c. 1. da iipiur.

[5, 81 lib. Vl.

11 1. unic. C. noquis

insua causa md, [3,5]

et praeel lag. t. mi Ilsis

[14] C. de lud. £1, 9].-

52 in 1. exta [13] ffi

quod malus cusa [4, 21

et- 1. pa enult. et ultim -

II od leg. lul .- da -vi

priv. [48, 1].- -

ut tit. [4]]] G.

armer. usus iiisctu principe

intordietus - sit. -

lib. 11.

14 tBtth. cap. 5;


-8-

1

Bart, ibidem in

secunda et quarta quacstione

princip.

2 Bart. in praedicto

ropress. traot. in

et 9. (juaestinno.

1

pront deciarat 'n t.

Liv. ab urhe cnnd

decados prirnac lib. 1.

1. neu nidontur [1 671

§ anet. ('1) gui just"

[1] ff. de reg. iur. ot 1.

gui cum maier. [14] §.

si patris [1]ff. de. heu.

libort. [38, 21 et 1. mater

2]C.deca1umn. (9,463.

arg. 1. quamquam

[4] in princip. ff. de ag.

pluv. arG. [39, 3] ei 1.

quod aut. [6] §. apud

Labeonom [6] II. quac

in fraud, cred. [42, 103

iunctii 1. si stipulatus

[81] § ei lancem (1] ff..

de teint. [46, 81.

- Narn etsi l3ariolus probet. pignorationes huiusrnodi neunu

.nquam esse pernussas, id: 5006 uerum asserit, ut nullüin

a]iud superesi consequendae iiistitiae reme(lium, ei tutu. ut

fuerint pigiorat.iones .so ]e]nuuler, online iusto, p' superiorem

decreiae alioquin sunt, istae pignorationes rnerae iuölentiae ei

iniui-iae, peenis eo nhi)]uriiius per leges coereitae.

laill ucro itt proposita f-acU specic Poterol princeps iii ins

uocari coratn coneilio Nur. isthic puguatiönunt seu repressa -

liorum facultas unpetranda fuerat. Quorum cum icutruin

obseruarit il i aliciseus , manifestuin est, eum nOn mode in si.um

non gessisse bellüm, sed ne repressalias quidei 'n, irno ineram

nirn exercuisse. Addo, quod etsi iustns habuisset belli gerendi

uel pignorandi cusas, eliam ii coneilio Nur. curn causac eogniiione

decrelas, ens tarnen pignorationes tutu sueue exercuit,

ut Don possil non de]iquisse et grauit.er quidern deliquisse dici,

euni personas eas ferro ei. igni itnpctierit, contra quas ne

repressaliae quidern nilo uel iurc uel decreto concedi possuilt 2

Neqne Sieinio prosunt rationes pro illo propositae, cmii si

iitre potuil aduersus Tr. principern coram concilio Nur. experiri,

nul]aan ]iabuit insta ut bel]andi cansam et si etiain habuisse

falermur, non solcinniter belluin indixerit. Nam si antiquo

fetiallum jure conationem haue lueri voluisset, alia friere

ohseruaiula 1, quorurn oimiinin nihil hic obseruanit..

Ad secundum argumenturn facilis est responsio. Nequc

enim princeps Tr. in decernenda iustitiu ei, reis ad luitionem

rcdernptionis Sicinio faciendam cogendis negligens dici potest,

quandoquidem, uLm ex proposita specic intelligere licet, iam

coepla erat agi causa in concilio Nur., tüi merito princeps Tr.

esse audientern illiusque decretum expectare conueniebal. Ista

ergo necessihas ‚ ((119 inferior iudex superiori oheditur, tollit

fraudis ac doli pruesumplionem ipso iure . imo suadet 5 pracsumptionen

contrariam, vide]icet ut existianemus, hune non

acimisisse quic4uatn uel dcli uel fi'audis ne] negligentiae, pracsertirn

hoc ‚casu ubi hic Tr. princeps in suis ad Siciniarn

litteris' recepit, se curaturuin, ut Hhi duo Tr. sui subditi otnne


9 -

id implereul, quod F. Sicinius Nur. concilii:deereto consequeretur,

usser.ens idem .priuceps, eosdern duos a coepto isthic

iudicio niillo inre refrahere.

Porro quarnuis ca eitatio Nur. decrta honestam princip!

'i'r. e,cusationern dederiL aduersiis poshdaLa Sicinii. dieo tarnen.

carn citationem Sicininm nun aretasse, quandoquidern peenliares

et puhlietae Nur. concilii constitutiones icl habent, ne quis in

priore iudicio seu (ut nocont) instanlia oho vocetur in ius.

quani ad suum ii.idicern ordinarium irnniedia ttn .-: . . (?) quc

citaLio acluersus Jinne articulnin deereta ipso iurc iuihla sit et

inefficax. -

Ad terliuin arguinentuin facilis est solutio, quoniazn hic

11011 - P0SSI1IflMS dicere. nihil rerneclii contra principem 'Fr. süperfuisse.

Polerat ehm, ul praediximus, ipse F. Sicinius illum

coram Nut-. coneflio negligentiac et denegatae iuslit.iae reum

postulare.

VideLur igit.nr .1 ii confesso et - plane liquiduin ‚ hune

F. Siciniuni helhi gei-eiidi causain hahuisse nullärn idoneam

neque posse a graiii delicto excusari.

Seeunduni dubinin csL. qio noinint censeatur Iioe Siciuii

dehctuni, quac ehem eins sit- delicti poena. Atquc Inc eLianisi

de priiiatis delietis et actionibus singularibus cc privalis per

sonis leesis ex causa cuiusque peciiliad competentibus tacuerilnus

veluti de illatis ioiuriis; vulneribus, mortibus, de rapinis,

violenliis, agroruin depupuhatione, incendiis, praeda, captiuitatihus

deque Lota ilI& lalorum Thiede, quac ex hellis oriuntur,

.varia tainen sese d(hrunt deliciorum, erirninum iudicioruinque

puhlicorum genera ‚ quorum omniun F. Sicinius videtur

fuisse reus.

Eu vero sutit

crinien laesue maiestat.is,

erimen perduehlionis, -

erirnen rebcilhionis,

erimen seditiosi, -

erimen legis Iuhiae dc vi pulilica


- 10

Principio videl.ur F. Skinius laesac maiestatis ilotarn effaif.

an legen,

Itimm ina,est. [48, 4].

- erimen legis Iüliae dc, vi privala, - - -

- crirnen violatac pacis pubhcae, idque tam de iUFC cornmuni

quam statutario. -

Iline etiam iudicare licet, quilnis poenis hic F. Sicinins

videatur fuise ohnoxins nam horurn criiniuuni qnodlihct

iustam Ii abel- in sontes poenain constitutam . -

Excutiamus igilur eorum crimiirnm iiira vidöamusqiie;

omhinin an quonindani et q;ioruin FØUS extiterit iste Sicinius.

gere non pq.sse. inque eatn rein expendamus Ulpiani 1 inris-

consulta verl)a. Maiestatis. monet, laesae erirnen est illud,

q.iiod aduersus papa lum Romanum uel securitatern eins committitur,

Quc - tenotur is, cuiiis opera -dolo mal consilibm initum

erit, quo coetus cohiientusiie •firit hominesuc ad sedilionem

conuocentftr, quoue quis contra rein puhHcam a rnia ferat

qu inc mutes sollicit 'auerit concilaueritqiie, quo seditio tnmiillusne

aduersus rein publicam fiat. linec Ulpianus. - hrn qnid

Marcianus iurisconsullus ? Fadem. inquil, lege tenetiir et qui

iniussit principis bellum gesserit delectumue hahuerit, exereibim

comporauerit. Quid porro imperatores Honorins etArcadius

Augusti ? Quisquis, aiunt il]i ‚ emil militibus ne] prinatis

ne! - haiharis scelestiim inierit factionein nut factionis ipsins

susceperit sacrarnent.um n(il dederit, de nece etiorn virortim

illustriurn, qui consiliis öl consistorio nostro intersunt, senatöriirn

cham (nam ei ipsi pars corporis nost.ri sunt) rel cuiusuis

postremo, qui riohis militat, cogitauerit (eadem enim seueritate

;roluntatein sceeris, ciain cfl'ectum puniri iura voluerunt), ipse

quidem itipote niciestatis ieus gladio feriatur, honis eins Omnibus

fisco nosiro addictis etc.

Curn ils itaque legihus conferarnus nunc facinora per

ipsum F. Sicinium iuxta propositain ftkoti speciern patrata.

Nonne comperimus, illuin aducrsns popiiliiin Ilornanum eiusque

securitatem, cum contra Gcrrnanicarn securitatem •deliquerit

deliquisse ? Quis enim in popul i Romani inra digni tatemque

successit procter unain Germaniajn ? atqu Ie Id hoch notius 'vi-


11 • —'

deatur quam ut dernonstratione egent, piticis tarnen rem ipsam

ceu neu tangendain non iuuti]e di,ximus, qioniam iioii minima

pars hiiius eontrouersi negolii hine definiri posse yidetur;

Cerium est popillurn Romanum omne simm imperium omnemqne

potestotem lege regie lata transtulisse in prineipem Roniannin,

videlicei in ipsum Angustum .. Qnia popifli concessione fact.a

coepil legis vigorem hahere, qnicqnid prineipi Bomano ex

aequo, hono pinenisset -

Deinde constal Romanuni imperium aucioritate sedis epos-,

tolicae transietilin a Ürnecis in Germanos 2 quo ianslationis

iiire videmus tempore long-issime Germanos lihere ei continuc

lisos, ut qui non alium in impern lorein Bomanurn designanerin

quamn Gerinanuiu

Si igiiür pop1s .Romanus ei 811,9111

potesatem oinnem ei

imperium in Augustuin monarcham iransinlerit, hocqne ins

monarehine ei, i 1wrh - id Germanos. nti ostendimus, trans-

1 eri 1, quid a] in d cmi cludi potesi . cju al n mit, q nein cd mod ii um

apostohis cii . i.ranslato saeerdotio necesse est, iii legis quoque

trnnsiatio fiOt in ei) hoc easn in.feiamus. translato in Ger- ,

manos imperio necesse est, iliris imperii Lranslai;ioneyn esse

thetam. Sam cum popimil Bomani dignitas ipsinsqiie adca

seripta auguslalis anetoril-as ratioqun eoniuncta sit curn ratione

imperii, necesse-esi ni,migrante in alios imperj o simiti etiarn

ei dignitas ei anetoritas ei- hirn populi Bomaul in illos eosdem

i.rnn.siisse dicentur. Etenun ca ast connexorum natura hisque

sunt vineulis colligata, nE si minimal auferas, alimid qlloque

sinum] lollatur. Ex bis an non satis liquel.. F• Siciniurn euni

Uerm onorum secuii I.n [cm hoc helle tlll])alleri t (1111111 tu rhasse

negari Don polest), populi Boinani sceuritatelil conturhasse ei)

in eam deliquisse. atque oh id itixta lilpioni lesponsum Jaesae

maiestatis reuiii exiitisse?

Veruni exentiam.us legum propositaruni consequen (ja

verha. Cuius opern. serihit iunsconsultiis, consilium initum

erit etc.. 1-1k. negare quis potent. Sieinii opera ei) consilio

eoel.nm con iment-uniqiie fartum liomi nes ei.iam ad sedi tionem

1 ista probantur; ir.

1. 1. ff. de ronstit.

prine. [1. 4] Jnstit. de

itire nat., gent. et

cmiii [1 2] . sed et

rjnod principi [6].

2 c. vendrahitem [34]

iM eleetion.

Bart. in 1 Fuleiums

[1] §. rum hoc [2;

ff. qiiih. ex reims. in

poss. catur [42,4] text.

1111. hahehat [13] prinmo

cii so (?) lt. de instit. art.

[14, 33. Idem probst

dominiis Andr. Alelat,:

paradox lib. 4 rep. 4.

ii. 1, ff. cd 1ev.

liii. mai.


12 -

d. 1. [5] quisquis

C adleg. tu], majest.

[9, 8].

1. lufamem [7] lT.

public. indio. [48,1].

L 1. tod. tit.

ista probantur in

1. ut. [13] §. sie et

dinus [i C. ad leg. hai,

tneiest. 19, 81- Bart. in

1. post contreetum [15]

LT. de donat. [39, 5]

text. etiam apertt?S

1. quaesitnm 1311 9'. qui

et a quihus mal,. lib.

roD Lt. [40, 91.

I.2jr. ad leg. ml.

uni. [48, 4], eines per

particulem implicativom

'naan ei boot ad 1.

proecedentem et duas

sequentes refertit r, uti

Posten.

atque ad arma contra rempuhlicam ferenda connocatos? Non'

friilites sollicituti concitatiquc, quo turnultus aduersus rempuhlicam

fieret? Non delectus militis habitus ‚ exercitus comparatus

bellumque aLrox, gestum est iniussu Rom. principis? vel

si neu iniussu Caesaris gestum asseratur, prohetur is iussits,

proferantur hac de re duplornata principalia.

Jarn quod cd iinperatornrn Honorii ei Arcadii sanctionern'

pertinet., numquid F. Sicinius de nece . viri illustris principis,

scilicet Tr., qui et Caesareae maiest.alis sau corporis pars neu

potesl non intelligi,. cogitauit, clum eum prillcipeln

mami tamque feroci helio adortus est? Si ea sanctio voluntatem

sceleris puniendam censet, quid pronuntiare conuenit, uM

consilium et cogil.ationenl he]]um alrox consecutum est?

In summa quod F. Si'ciuius multifariam sit maiestalis

reis, tam videl.ur esse c]arum cc dilucidum, ut nemo nngare

valeat, nisi qui una eademque opera iuris ciui]is omnem dcuare

cl oblitterare ue]it auctoritatem.

Poenam Iiuius criminis laesae maicstalis grauiorem

adeoque rnul.liplicem esse testantur iuris scripti verba ciarissima.

In primis dainnatuin 'ex erirnine, quod iudicii pub]ici

causam habet ‚ Marcellus iurisconsultus ostendit 2 infamia

notari aiqui maiestatis crimen publicum esse indiciuiu, Dlpianus

asserit3.

Jnfatniam 1100 085U conlitatur poena, quam imperatores

Seuerus et Antoninus constituerunl, secundum quam maiestatis

reo bonoruni suorum adtninistratio interdicilur ion modo

post damnat.iönem, sed ex quo ternpore Laie crimnen contraxil;

itaque neque alienare neque manumittere nee ei solui potesl .

An id salis poenae? Non satis.profecto; lex enim X.I1 tabularunl

jubel euni qui inuiestatis reus fueril, capite puniri ‚ eaque est

poena iure velustiori constitula, cittam quidem non tuinuit

sed auget etiam recentioris iuris constitutio, quae vult

rnaiestatis reum gladio feiri, honis eins omnibus [isco imp.

uddictis, fillis qui paterno supp1icio, ut textus habel., perire


— 13

de.berent, irnperatoria lenitate seruitis, sie tarnen sernatis, nt

penitus siifl inI.estabiles, infanes ac posirewo lales, ut bis perpetun

egestale sordentibus sit et mors solal.inrn et vita suppliciurn.

Ate ne quis neget: ea sunt iuris seripti verba in praedicta

sanetione 1 Irnpp...lonorii ei A readii Atigustorum addo,

qtiod Iiuiusöe sanctic$nis verbis liquet, cham obligationes et

actiones ehm F. Siei nie competentes iina cum reliquoru in

bouoriim adchietione ipsi Sieinio periisse; nam, ut Ulpianus

script.um rehiqüit 2, aeque heins aniturnerabi tur eticin si quid

est in actionibus, petitionibus, perseen Lionibus ; nain hiaee omnia

in bonis esse viden hin'. Idern Ulpian us : actionis verbo eontinetur

in rein, in personam directa, utilis, praeiudieiurn

Sed hic fortusse quispiam ohiici potest aduersus cern,

quam ex recentiori iure addrxirnus, sanetioneul ‚ ins esse

artem boni et aequ ‚‚ illud vero plane iniqilum et praeduruni

ac propernoduin tyran riieuni idque quod vulgo diei

solch suinmuin ins sunima ßst minna . itt flhii 01) potris

admissum, praesertim qui akts admissi non fuere eonseii uel

adiutorcs, pirnia ntur, tanlaquc seueritate puniantur, cmii i]]iid

ei diui na 1 et humana 1 iura doceant, fihiu in patris iniquitatem

firre non debere, sed peecata suos teuere alitores 8 , ei pleraque

abs in eani senteatinin

Verum cd haec Lacilis est responsio. Eteniin ca ornnia,

qune pro fihiorurn liheratione bunt udclucta, fatemur ohtinere

communiter et rgulariter, atqui diversum: esse in laesad inaiestatis

erimine speia1i. Nam faöli quahitas poenai» reddit seueriörem

°. Ei ne quis existimet lemere constitutuin ut filii oh

palernuin facinus in Iaesae inaiestatis eri mine pleel wtur

granihus rationihus permotos esse eins sancttonis 10 autores

comrnonst.rahimus. Initio videtin' aequissiinum, itt F. Sicinii

uns u aut alter films, qui soeii fuerijil uI facinoris pa terni. 0 liarn

poenae sentiant inconmiodum.

Alii vero [ihii, quarnuis nulla societate eriminis reL sint

et omni culpa careant., nett ahsqiie graui ei, urgenti

causa poenaiu cos hoc casu sentine oportet. Main si pater et

9

1 in praealleg, i:

qniSquiS [53 C. ad leg.

Inh. malest. [9, 81 et

in c. vergentis [103 de

haeret.

2 in 1. honorum [49]

fl. de verbor. signii

1. setionis [3'?]

ff. de action. et oblig.

[44, '1].

4j, 1. If de just. et

mm.

Cicor. 1 ofliciortun.

0 Ezech. cop. 18, et

. q. 4. Jurlaei.

C. ne fihius pro

patre [4, 13]. 1.1. et 1.

sancirnus [22] C. de

poenis [9, 4?1 cunl

gloasis. -

$ d. 1. saIIei,nhis.

9 1.Gut Cacta [16] §.

qualitas [61 Ode poonis

[48, 19].

107] d. 1. qnisquis.

1 per d. 1. suneimus,

‚lili vst text. expmessus.


— 14 —

1 1. Ei quis deohus

[II] . ult. C. (1c im-

Pub. et al. substit.

[6. 26] iuncto §. 1jan

autein 35 q. 1. •iiij. (?)

2 Instit. (10 inutil.

stiput. [3, 19] §. xi

pils [4] et §. post

mortem [13].

I in stlis

de lib. et Postuni.

[28, 2].

4 text. in 1. quod Ei

no]it 1.1119. pn mancipic

[21] EL (10 aedil.

ediet. [21, 1].

text. iii pracolteg. 1.

quiisqiiis.

6 pront notant in 1. um

pronisuim [5] 4. da Fa.

bricens..Iib.1 1. [11,10]

et 1. mit Ion En [1 (i

. ult. lt. de poeui.

[48, 19] et c. felicis

15J §. quod Ei qius end..

tit. [5,9] lib. VI.

in 1. poenui, et tut.

C. odlag. liii. maiest.

gloss. est ordinaria in

§. interduin [4] in

uerho damnota Instit.

da hered. (ittOe 01) Intest.

dererunt. [3, 1].

per text. exprnssuuui

in 1. ult. 0. cd lag.

1.1. meinst. [48. 4].

d. 1. iuit.

Ulm!. 4U05 1105 [224]

0. de verh. et Ferme

signif.

ii oflic. lih. 1

12

12 1 amissione [5]

defi cinnt [1] lt.

dc capit. hoi inutis

flhius Je lore eensentui eadem paene persona et cadem caro 1,

.si vox patris tanquaii vox fihi 2 est, et e diuerso, si liii eHem

111110 patre quodarnniodo existimanlur clornini bonorum paternorurn,

seIn neta adiecto, per quam distinguitur gellitor ab eo

pH genil,us est, .91 debiqne ne] solus natiuitatis locus quosdam

reddit suspeetiores ‚ q'ild minim, -,Si prudcntissimi tores

arhitrati stillt, hoc casn filios, ut honorum pa ternoruin, ita ei

paternae andac.iae Lore. .suecessores, et ob Id pronlinciarunt,

hoc meiestatis laesae erimen esse ]iereditariuni, flliosqne

paterno debere perire supplicio ‚ nisi imperatorla specialiter

lenitute vitam retirierent Nani et Co inagis timebutur poono

qune neu autorein moclo, sed ipsos quoque suceessores perstringi

t qun in rationem in allis cham itiris art .iculis recepta m

legimus •

Est et a]ia poenae je maiestatis reos staiutae par-

Heule. Potest ciii in inemoria eins, qiii 104 erl mcii patrari 1.

post illius qnoque mortein dammarm, lionis eHem confiseatis,

ei ita constitittuin esse iuris verha demonstrant .

Iiace Je erimine et poena laesae maieslatis, quorum utrumic

aduersiis F. Sieinium eittsqiie liberos Jocum ]iabere videtur.

Seqintuir virlendum Je erimine perduellionis, in quo cr11-

ei.i]o facilis videtur sentenija contra Sicinium. Etenini Ciiin iS

laesae 511 meiestatis reus oh, gestnln ei re ipsa ferocitei

decreluni aduersus rempublieam 0 ninium, palam ost, ehm

dueliönis sihi notam immi.sisse . Nam ei inagis nomine qimin

re disiingui potest a laesae inaiestalis reatu, unde endem est

perduellionis quae ei maiestatis poena '. -

'l'amctsi peculiarihus quibtisdarn sallctionii)us perdiiellio

arcealur. Si ehm, quos nos hosies appellamus, eos veteres

teste Caio 10 iurisconsulto perduelles appellabant, leni tate verbi,

iii Cicero ll alt, tristitiam rei miligantes, consequens erit. quaeeuinque

aduersus hostes iure cauta reperiuntu r, in hune 1 1 01-

ducilionis reum quadrare a t.que reftrri.

Ea vero 50111, compluria . Primo rion lirei, 011111 015 nego-

Lieri )2• Secuudo appe]latione eitlihhun 1100 eont .inentitr 'J'erlio


— 15 —.

hosti non es[ seruanda lides paclori]m privatorum 1, privatorum

dico, quia puhlica pacta etiain liosil seruanda suhL 2

BreniLer omnia, quae in iüre contra hostes saneta leguntur,

non dühinm, quin aduersus perduellionis feurn rofleciantur,

iino tanto amplius, quanlo perduellis communihus hostihus

tuetrior cc flagitiosior est, ergo et id, quod magis3.

Terliurn ost rebe]Iionis crinien, cuins optirno iure F. Sicinius

rcuinci potuit, idque ut ostendamus, referre libet quos 1-Tenricus

imperator eins nominis VII. esse rehelles deereuerit. Pronunciamus,

inquit ‚ quod ilIi omnes et singuli su in rebelles cl i oHdeles

nostri ci imperii, qni quomodoeunquc puhlice uel occiilte

contrafiostrnm honorem et fidelitatern reheBionis 6pera faeiünt.

Quaeso non hic Sicinins contra imperii honorem et publicaiae

passimqne iuratae - fidelitatern arme temeraria

suinpsit? Non igitur rehellionis postulari potuit? Bebellal enim,

qui imperium . Caesaris ins dicentis eontemnit, qiii 0]) eius

deseiseit ohedibutia, qui in corurn numc.rum so confert, qnos

!anquam rehe]Ies jnerito quis hostiunr loco habuerit.

larn qune poena sit in rebelles sancita, deciaratBartolus

dicens, cos primurn perdere omnia, quae iuris cinilis .sunt,

Posse impune occidi, Posse ut maneipia in seruitutern dehnen,

Posse dcnique capitis accersiri et damnari et hone- eoruni

occupanti coneedi. -

De seditionis quoque erirnine pro]rnhile es!, F. Sieihium

darnnari potuisse, quandoquidern sanetionis ea dc caiisa constitutae

verha sunt luce ciariora; ita eniin legis a: si juis contra

cuidentissim n in iussionein suscipere plehem et aduei'sus publicam

disciplinarn defendere tentauerit, rnulctam grauissimarn suslinehiL

Logis entern Juliae de vi publica reum extitisse. non est

quod dubitemus; quum eniiu praeter usurn venationis vel

itineris uel nuuigationis arme ne hole eoegerit, turhae faciendae.

causa liberos hornines in arniis bahnen!, et eonuocatis hominibus

vim fcenit, villas expugnauerit,: possessones dornihus

agrisque suis deiecei-it, concusserit, expugnuerit, iucendium

-1 1 . floh fuit

[3] fr de dolo [4, 8].

2 flaid. in 1. pacisci

[31] tT. du puetis

[2, 14].

anti). rntdto magie

C. da sacrosanot.

codes. [1, 2, 141.

4 in extrallnganhi

q' moni am no per, gui (ui

rebellio oollat. X].

in praeicta extra-

Hag., gui amt rebolies,

in verbo rebellando

eirca medimirn.

Gin ] f C. da Süd

ditios. [9, 80]

a


- 16 -

1 i 1. qui dolo [10]

§. niL ff. ad leg. Jul.

de Ti pohl. [48, 6].

2 d. 1. qni 4 dolo in 0.

4

11n 1. 2 ff. ad leg.

lul. pecnlr. N, 131

et Instit. de puhl. iudic.

- [4, 18] §' item lex

lulia de Ti [8].

I. 2. (1. ad leg. hil.

dc 'i pv. [48, i].

01. 3 eod. tit.

in 1. ereditores I]

lilo eod. tit.

1. extijt [121 8.

quod inettis causa [4.2].

fecerit, bonn rapueril. Lomines obsederit, utque ista flerent,

hommes einn teils et armis connocatos hahuent, curn, inqiiam,

F. Sicinins nilJil liorurn non commiserit, rnanifestnrnesl, eumn

in legis Inline de vi puhlica pocuam cecidisse. J-Jos eteninT

casus ornns et singulos enurneritut Ijipianus et Marcianus

in a ioru in genti un in recon sul [1

Poena vero lege Julia de vi puhhica constitnta haec est,

ut damna to de vi pililica aqna et ignis interdicatur, vetiis huec

quidern et a iureconsnitis constitul.a poena. Namn, ut Lactonuns

tradit, cuilihet ignis ei aqiio interdici solehat adhnc enirn

videba tor nefas ‚ quninuis malos In men homines snpphcio

capitis aflicere ; iuterdicl.o igitur nsu earuni rerurn, quibus vii.n

constat, hniusmodi peritide habebatur ne si esse[, qui earn

seotentiarn exeeperat., worte muletatus adeo ista duo elemenla

prima sui 1 habita . iit nec orinin horninis nee sine iis vitarn

erediderunt posse comisiare. l4actenus ille. In Ituins poenae

locinn Ul

piā1)03 teste recepta ost deportntio, in qiinin qni

incidit, sicut ornnia pristi na iura ‚ i In cl bonn arnitti 1..

Sed cl ex altero capite legis Inline, videlicel de vi priuata

. dies linie Sicinio dici potuit. Hac lege teneri scrihit.

Scaeuoln 1 inriseonsullus en in, qui oonuocalis hominihus virn

fecerit, quo quis Verheret.ur pulseltirve, cham si uemo oeCiSnS

erit.

Addil Marcianus sed ei si rnilii conuocati nulliquc pnlsat.i

stint, per inluria m tarnen ex heins allen is quid a blatum si 1, lmac

lege leneri eum qui id feceril.

Ad liace dinus Marciis et eins decreto subserihens Cal-

Jisiralus censuerunt, jion solum virn esse. .si homines vulnerentur

vis enim es[ cl Inne. quolieus qilis id qnod deberi

sibi. putal., non per iuclicern reposeii .

Neque vero Sicinio potesi opitulari, quod adiiersns 'Fr.

peipem tanquorn inris iieghgentern adrninistralorein anna

suseeperit.; narn linie sulif'ngio satis ne super responsuni

est ad inil,iiim bnius mci responsi uhi *de pignora tionihns

sen repressaliis trael.abatur. Ttaqiienfieiari 11011 possurnus,


- -

ipsuni Sicinitim UI ins erediti adnersus debit.ores, qiios

inuasit, arnisisse -dicatur 1 , secundo utT aliis possessoribus

inuasis ei rerurn snarum possessione manu uel ineendio piiuatis

ad ipsaruni rerum 9estiiutioneni ei praeterea ad carundem

aestirnationem teneatur 2 . Tertio honorum liac lege daninati

pars tertia venit puhlicanda, posiremo : hac lege damnatus

ornni honore quasi infamis ex S. C. carebit, irno iure nono

ultimo supplicio puniendus est propter non unum duntaxut sed

pInie lioniicidia, quae interuenerunt.

Sequitur erimeu piihhcue pacis violalne, - idqne neU modo

ex iuris comujunis. sed ehem statutarii dispositione, Lametsi

hoc ipsum ins statutaritim pub]icum ei generale ed ictuin cernmuije

sit Gerinaniae lmiversue. Sed nos cum ins corninune

die-im u 5, ius vetn s qn idein scniptu in in leib girnn s.

Sed pniusquam istum arlieu]nin CXCU[iEIWU.S, praemitteiiduin

est pninio, iudicern cc migistratuin et multo magis principeln

posse cogere su]ulitos suos ad 1cem ei eoncorcliam.

J)eque hoc sunt textus propeinodum 1 tifiiuiti, utguc iLa etia in

coneludunt l3arl.olus. Boldus, Fanonnitonus ei clii. Nec1ne id

iniruin videri dehet, quc ndoquiciein Gliristin nae institise suinrna

haec est liocque ccrtissiinuin symbolen, quod iliplimiS nohis

tradidit Christus ‚ ut mut-na curitate deeluremus ‚ nos esse

Christi diseipulos. Nihil est euiun qUod thies dci magis disceEna

a liliis diaboli. a Iquc vitae punitas ei curitas expiicans sese

caritatis fruelihus ei offieiis.

Bis ilaquc ratioiiihus uc potissimnm, ut eqnidem auguror,

ultiuni perniotus Fnidericus 11. Romunorurn impera tor duas

sanetiones p0015 coiiseruaiidae gratis edidit, quas voluit in ins

commune neferri, prout eItern iamduduin orhis conseiisu ei

necepice ei prohatac sunt.

Ad quarum sanetionunl exemplum ei jinitutionem neu

clnbinm est, quin et aus iiouiissiin a edieta pacis gratis per

felicis ineinorice Mtixiniliauuin Aiigiistnin iinpenuioreiu vita

fu nctum promulgata fuerint. Cuius et-iain vestigio seen ius

Carolus Cacsar eins nominis V. eoiistiiutionern 111cm Guor-

1. ulL tit. mm

atleg. ei 1. si quis in

ta titain [7] C. u trio vi

[8, 4].

2 eS. 1. si «pik in

Lautem.


- 18 -

inaLiac in principum celehri concjljo soncitam voluit, circa

quam nostra jein vorsatur dubitalia.

• Secundo praini[.tenduin, quamuis de iure comniuni baunitus

Den a quouis impune possjt occidi, secus (einen es[ ex

staluto, secunclum .quod, c.uius caput sacrum fit, hoc esL in

queni hanni fertur sententia, potest, si .statutuin sinat, non in

honis mode, sed in corpore qtioque ei 'vita ofl'endi. -

Bis praegusiatis videamus, an K Sicinius luesac publicae

• pacis tarn iure communi quam siugnlari condeninari potuerit.

• EL potuisse de iure coinrnuni, •liquet ex Freclerici impera-

• tons- coüstitutione prima; poena . veroviolutae pacis es[ capitalis

curn bonorum puhhcutione. - -

De iure vero staiutario cc receniiori nuper in Guormatiensi

concilio prom ulguto palaii ost, ipsum Siciniurn

tion laesisse mode, sed et penitus infregisse. Nequc hic ulla

deinonstratione opus est, quando edioti verba nihil liaheanl

ohscnritatis, aducrsus quai (secundum ca quac proponuntur)

Siciniiirn iisse cla pum est. isihic enhin s .equentia verba legas

«Richten ufl ordnen und machen. den auch in und mit);

etc. quaere d. usque adversic. :•- «Die pen». Non hic paene

omnia huius juterdicii verba aduet-sus E. Sidiniuin militant?

• neu propemoduin singula huius praescriptac pacis verba praeteriit?

Profecio id neino unquain usquam negare potent..

Addamus poenam huius facinoris gralia constitutam «Und

• ob .jemand hohen oder niedern » etc.

Ecce quam aple caput eins, qui paccin violauerit, vulgo

plectendnni altertum, una etiain cum bonorum et iurium oinniutll

iactura. Hanc Ioenatn in eodem edicto alia subseqiitur

verbis spec .ialibus, nempe in arLicu!o, qti incipit : e Und daruff -

empfhien wir, etc. hy den pflichten, yden und gehorsum, so

sy uns und dem heiligen reich gellian haben und zu thun

schuldig sind, und darzu einer pen, nernlich zwoy tüsent

• merk ßns golds, halb in unser kevsenlichcn kammer und den

andren halben thayl dein unublässlich zu hezalen».

llaee itutenm videtur esse ona parlieuluris e (?) honoruiti


- 19

publicatione, de p10 iii arliculo praecendenle «Und oh jemand

ieseruata, iii videlicel ipso ihre pacis violutör hane speelELltier

• designatam poena tu ante omnia pendat, deinde vulgo permilla tur

in corpore ac bonis impune pleetendus. -

Scd ei aliae poenae adversus pacis violatorein isthic in

diuersis articulis adiiciuntnr, iii de non reeipiendo huins eriminis

reo, non alendo, non dcfendendo, non tegendo et conplurcis

id geius poenae, omnes eo speetantes, ei linie

pacis violatori aqua -ei igni videatui interdieLu)n, utque is

Jiominum sotia vitae, consueludine prinatus languens et moriens

utrumque spiret infeliciter:

En suni erilnina, ene poenae, ciuibus F. Sicinius vidcri

potest fuisse obnoxius.

EL ne qitis in hoc dispa [ei., quasi iniqunm siL, quempiii

01) unuin adrnissuin tot poenarurn suhdi generibus, animaduertendum

ost., plureis poenas in homineni eundein decerni posse

non modo, uhi fueta suhi compluria ei eriinina diuersa ‚ secl

etiatn ‚ qnotiens ex eodem facto plura erimina specie differen[ia

oriuntur, atque ita se in casu praesentr hahere (secundum ca

quac ad thema proposituin dixituus) videri potest.

Verum ex his omnibus ad boni et aequi norinain expensis

quaedont mihi benignins recipienda ei interpretanda videntur,

nil ex iis, quae hirn explicalurus suni, copiose dernonstrabitur.

Ei quo mcii seripta futnraeque resolutiones fundamento

certiori nitantur, paucula quuedarn axiornata censui pnaciniltenda.

-

lnitio : qucmodmoduin Celsus respondit, i noiuile esse, nisi

tota löge perspeeta -una ahiqua parte eins proposila iudicave vel

•respondere, ita res est plena: iniquitatis, una aliqua lege proposita

ei not) exeussis alLis ad carn rein, de quc est quacstio,

facietitihus legihus, sententiam ferre immutahilem. Note cl

antiquiores leges ad posleriorein et posteriotes ad priorein

declara Lionin pertinerc certum est.

Sceundo nunquain cominittenduin est, ut Mureelli • inreconsulli

scntcntia negleeta videat!1iita serihentis respicienduin


- 20

est, ne quid aut durins aut relnissius const.ituatur Tiain causa

deposeit nec enim all( seueriiaii aut eleinentiae gloria afl'eclancia

est, sed propeio iudicio, proui quaeque res expostulat,

statiienduin est. Eo addito, quod et Flermogenianus ei Pauhis

censuerunt, in poenahhus causis heniguiorein esse reciplendam

interpretationern id etiazn omnino vir bonus sen index seu

alius quiuis de iure pronunciaturus, qnoad potest, curare debet,

ut id laudis referat, quod scilicet Cicero C'aio Aquilio passim tributurn

scrihit, co uldelicet niore, quod is vir ornalissirnus inris

rationem nunquam ab aequitate seiunxcrit 1 qui ita iustns ei

bonus vir fuerit, ut natura, noii disciplina consultus videretur,

ita peritts ac pridens, ui ex iure ciuili non scient.ia soluin

verum eiiani honitas nata esse viderchir.

.Ad harte igitur epiiciain ‚ i)Oni ei a eqi.i i norinarn ‚ nego Ii u in

hoc controuersum exigentes Ha dicendurn pulamus, F. Sicin ium

(secundum ca quae proponiintur) nequc inuieslalis laesae, nisi

fortasse ex legis Iuliae cap. 1., neque perduellionis nequc

rebellionis ueque seditionis reurn pronuuciari potuisse, legis

Iuliaedc vi publica deque privaia, itein pacis violaiae sernato

iuris ordine potuisse. Consequens est ‚ ul Siciuius poeuis

aduersus maiestaiis perduellionisuc aut rehellionis seu cham

seditionis damnatos constitutis (poenis legis Iuliae majestatis ex

priino capi te exeeptis) minime fuerit ohnoxins.

Aique Ha se habere, fucile commonstrabitur, videlicet per

responsionern ad iura superins contra Siciniuin. adducta

Nam quod prinmin omni iinn cilata freie iJipian 1 et M arciaiii

testirnonia, nihil Sicinii liheris officere pol.esl, quandoquidem ca

dulituxat de legis luliac capite primo loquaniur, quo capite, qni

maiestutis postulantur, capite punlulittir autore Mareiano, ncque

qllicqtfflin islimic de filiis bonorum suceessione priiiandis. Quin

ilno expresse respoiidii Nerinogenianus, eorumn qui inaiestatis

cri mne cl amnna ti sunt, 1)0113 liberis damnatoruni conseruari, ei

inne demum Gseo vindicari, si nerno darnnati liheroruin existat.

Ncque vero Sicinii filiis quiequarn nocere poiesi iiiiperatoruin

Honorii ei Arcadii constitutio, secundtirn quam 1)01111


- 21 -

ipsius Sicini i vidcha n tur tisco add icta exclusis iiide filiis quibus

ei j ein in Iclligeretur qi antuinuis iniserainlis vi ta ox. principis

indulgentia coucessu etc. -

Narn cd cern constitutionein coinplurcis solutiones dabuntur,

per quas ostenderniis, Siciiiiuin nequc in poenarn iflius

legis cecidisse, nequc crimei, de quo isthie quacrebatur,

patrasse et oh id nihul praeiudicii ex ulla conslitulione contra

Sicinii Ililos colligi Posse.

Priinurn oinniurn certiiin est, cern cons titutionein esse non

modo poeualew, seil praedurarn ei odiosain, quapropter intra

suos terminos coartanda ac resiringenda est.

Porro huiusrnodi constitu Lionein esse perquam odiosani,

apertissirne docehirnus inier cc, quac circa huins negotii quartu

in pri nci pole dubi um explicaturi su mii 5.

Perpendainus ilaquc diligenter, dpi sint eiusdern constitutonis

Leim mi cl de quihus personis loquatur. Quisquis, aiunt

imperatores, scelestarn inieril foctionem de nece virorurn

illustrjun-i, qui consiliis ci consistorio nostro inlersunt, scnatoruni

ctiain (narn et ipsi pars corporis nostri suni.) ccl

cuinsuis postrerno, qui nobis militat, cogitaucrit, ipse equidcm

utpote maiestotis rcus gladio feriaLur etc.

Ecce UI constitutionis tenor quatuor tanturn casus cornpleclitur,

quos qui a(Imittil, ca lege tencatur. videlicet 81 quis

re ipsa de neec imperatonis aol virorum illustrium, qui illius

consi]iis cl consistorio intcrsunl, aiit scnaLortim aiit cuiusuis

alicnius imperatori rnililantis cogitauerit. Horurn autcrn dasuurn

nu1urn commisit F. Sicinius, ncque euni de nece vel Gaesanis

viel alicuins aI(erius, qui ad eins ]atus sit eogitauit unquarn

auf saltern cogitasse ostenditur. Nee obstat, quod aduersos Tr.-

rem puhlica in (si tarnen alia practcr Boinani imperii publicatn

rein dici propric res puhlica possit) arnic surupsenit.. Nam in

huiusrnodi casihos neu obtinct constilutio praedicta, quae tauturn

loquitur in laesa Cuesanis persona aut eoruni, qui i1Iiu

rnaiestati actn inseriiiuni eique sunt praesentes cl ad lotus

pacne assidui. Id enirn sie se bahre, clarc docent verba consti-


- 22 -

- -

Lutionis ita etiam eonsulendo uperte respondit dorni IRIS 133 r-

iholornacus Socinus post (linum, qur ante illum Ha script.um

reliqueraL. -

Quodque saepe dickt constituiio sie in suis Lerniinissiricte

iutelligi debeat, pluribus rationibus comprobatur.

Esi cuirn, ut diximus, odiosa, cum paternae iniquitatis

poeiiain in fillum . cogal idque rcpugnante natura eL iuris tam

diuini quain hurnani regulis, prout cd dubium quartum expsituri

sumus.

Ad haee si quis etia in pa triam oppugnarit Irel prodiderit,

non Leinen .maiestatis reus. erit, sahen) ex Co capite. quo is,

qui in imperii tiel iinperutoris neecin eonspiruurit, ei cain ob

causarn Lextus iuris huiusmodi erirnina Lunquain diucrsa ponii.

Hoc ehem in suis respousis Ha so hahere, proharunt ambo

Socinipuier ei filius. -

Nihil elitim detrimcnli Sieinii REis parare potesi, si quis

dient, prineipein Tr. fuisse ei esse intcr pHnios Lt eonsiliis

Caesareis, ne ita aduersus Sieinium saepe dielam constitutionern

habere loeum, quando Sieinius Je illius nece cogitasse, imo

ei xc ipsa aggressus fuisse videalur.

Elenim respondeo, non quod F. Sieinius de illius

nece cogitauerit, etiamsi'l'r. urhein oppugnauerit, illudque

facti est, quod proba tione i udige(, quandoquLdem fuela non

!)raesnh1uiLL1r, nisi prohentur.

Sed demus, id esse probaium, adhuc nego, Sici uium liac

eogiLatione uel hoc cham eonaiu in dictae constilutionis poenain

collapsurn fuisse, cluubus rationibus, una quod ca conslitutio

loquilur non de quihustus eonsiliariis sen senatorihus Cuesaris,

sed Je his, qui aetu eh xc ipsa praesentes in aula iinp. consiliis

• nauunt operam. 1-Inc pertinel etiam Ulpiani responsum SUI)

titulo de thinoribus, a nemine udliiic iii cuin efteetum ‚ qui

tu mcii hi ciore probu Lii r ‚ consideratum . Istli ic ciii in liquet

euni ‚ qui benefieio prineipis ]nuutiS &iquod publicuin ei magflue

funelionis adeptus esi, non id iuris ei iimnunitatis habere,

quod iis, qui circa personam principis occupati suni, conceditur


- 23 -

Sed et isind peculiariter 1uoad eaum nostrum eNpressit.

Fredricus imperalor in sanelione illa nolissiina contra relyciles.

Et qui in nostri, inquit, imperii prosperitateii aliquid mpclnnantur

contra nos seu officiales nostros in bis, quac ad .commissum

eis officium pertinent, rebellando.

Quapropter l3artol.us ibidern flegel, ewn esse rehellem, qui

aliquid huiusrnodi fuerit conatus- contra regem vel )rnipein,

seu aliquam propriam ciuitateni, prouL nos etiaui circa rebel-

1 ionis criinen enod ahimu s.

Verum deitins ei illucl quoquc ne fingainus, Tr. principein

lum quuin oppugnareltir, vefsa [um fuisse in negotiis - pi-iacipalitis

: nuin statim poenani consliiutiois aduersus Sieinium

ciusque liberos loeuiu haJere diceinus? Minime profeeto. Nein

speetanda est non aggressio tanluin, sed et ipsa aggressionis

seil belii causa. Atqui nullam reperienus nimm, quam

• de qua in proposito Llieinate diwivn&v,‚ videlicet 01) pctitae

iuslitiac adiiersus duos illos Trev. per prineipem Trev.

ul. Sieinio visum fuit, denegationeni. 1-Inne enini indigni-

Latein agcrrinie tulit Sicinius et proinde ratus est ‚ eam

sibi non esse praefractiori animo negligendani. Neque id

sane adeo Inirum, quando maxiiui et excelsi anbei lidern

sibi nun sernari grauius ferre soleant. E quo inanifestumn

es[ ‚ F'. Sieinium nun iululissc helluni tauquarn

electori ‚ non Gaesaris senatoi-i uel consiliäri.o (niliil enim

eiüsmocli causau eum perrnouit), sed tanquuni iustitiae adriiinistratori

iicgligenti. Quare uel hoc nornine a pruedictae

constitutionis poena Jiberi sullt et Sieinius peter et eins

fi]ii. Etenimn iilqpieie!idui7ii est ‚ quo nomniue aliquod fiat,

quo respectu ei qua contemplatione, deqiie hoc sunt lextus

• inmis plureis quani enumerari possunt Nein t in sirnili

casu consuhu ji Calderinus ‚ perecuto'em cu jusduin eardinalis

nun incidisse in puenarn a 136nifaeio VIII. contra cardinalium

hostes sancitam 01) id, quod ille cardmnafern persecutus

fuerat Don ni eardiuolein ‚ seil üt administratorem eccicsiue

Rauennensis.


- 24

Porro quod superins obiiciebatur, per Sicinii foctiim itum

esse contra securitateiTl imperii ne popuh Romani, cuius ornnis

ditio dignitasque sit in Gerinaiios transiata, mliii mc facit, ut

F. Sieinius poenain tolles repellae constitutionis meri tus

videalur. De populi Romani dignitate in Germa nos trauslata

post paulo videbimus.

De imperii securitate sie existimo, noii quiequid aduersus

aliquain uel eiuitatem uel palnaul admittitur, contra imperii

securitalem fieri nam, ut Ulpianus nil; in c.iuilibus dissensionibus,

quan)uis saepc per cas respuhlica luedatur, non tarnen

in exitiuin reipubheae contenditur, ei 01) id cense ljlpioiws,

non esse iM ins posllimin, quin ibi UQIt sint hostes. Ex hoc

Ulpiaui responso liquet, .non esse hosies popuh lloinani, ph

non ad reipuhliene llomauae exitinin conteudunt, etiam si ex

armorum usu respubliea nonuihil detrimenti aecipiut. Curn

itaque Sicinius in imperii Romani exitium nilill praesumflpserit,

euius ifle pro virili Fidelis assessor semper extiterit,

consequcus est, eum ne ]iostetn quidem imnpeni fuisse; tanturn

ahest, ut in illius seuerioris conslltutionis poenas prokpsus

fuerit. - -

Addo ei aliam rationeni, quae F. Sieiniuin eiusque liberos

a dictae eonstitutioiiis unguibus exirnat, quod videlicet textus

non praeseniihus ei ccii J.aiae a iure ipso sententiae ‚ sed

.Cuturi temporis verbis utitur. Isihic enirn sie legas ipse

qiiidem utpote tnaiestatis reus gladio fdriatur. larn certi

inris est, consiituiiouem per verha fiituri lemporis 1oiientein

Iioimiis sententiam exposeere, alioquin neinifleln sua poena

constringere dicetur, prout plenius corea (?) dubiuin quartum

aperieiilus.

Videmus igiiur, variis ex causis apparere, argurnenta in

eontrarium addueta nilul contra Siciniem eiusque liberos miiitare

posse, quantum videlicet ad limiperatores Jlonorium ei

Areadium August05 ei seuerain illam eonst itutionem alt i net.

Nam etsi F. Sicinius rnaiest.utis fortasse reus fuerit ex capite

priino legis Iuliae nihul adixersus rel liberos statuente, nun-


- 25 -

quarn tarnen fuit cci enpite, de quo praedicta eonsiitut,io loquitur,

qiiare nihil es[, quo huins criniinis uel constilutionis praetextu

Sicini fihiis noceatur.

His consequeiis ost, nt cum Sicinius maiestatis reiLs nec

fueri[ neque esse potuerit, praetcrqnarn ex legis Juliae capite

prinio, necessurio dicamus, curn ne perduelliohis quidern iudicio

fuisse obumdurn. Narn ut Tilpianus autor ost: non quisquis legis

Inline maiestatis rens est, statim perduellionis raus erit, seil

qui hostili anirno aduersns reinpulilicam uel principern fuerit nahmaLus.

Quo verbo neu dubin in es!, quin dc principe Rornuno, hoc

est de imperatore Aiigusto ei Je repuhtica Rornana intelligatur.

lioc eniin mpianus oho etiam loco testahis ost, et quoties dc

repuhl Ca propric 111 serino in .i Ire, semper Romana respuhlica

intefligitur, reliquac ciuitates loco prina torurn haben Lur. Irno et

ipse Ulpi anus, qui perdiiellionis erl wen dcscripsi 1, enin interpretalionem

oho responso deelaral apertissirne. Bonn, iiiquit,

cinita lis abusiue piibhca dicto sunt soha enirn ca publica

siint, quac populi Romani sunt. Idern alio loco puhlicurn est

uo d ach stil tuin rei Romana e speeta t. Cum itaque Sici n ius

neque contra rampe hlicarn Roiva anm neque contra principern

Itornan um ]iostili fuerit aiiiiiio ccciii in ost ‚ euin IiOfl rede

neque iure perduellionis insirnulari.

Neque inih i quispinin repet itt i rgumenturn und Je popiiii

horn a ni hure ei potesta te in imperatorern et ah hoc in 0eritianos

Irausla Lis.

lilnd enirn duahus rohionibus eletiatur ei conUutaluf. Tun

est, qitam snpemius metulirnus. quod videlicet, 51 etiain flugerernus,

oninern populi Bomani aiiatoriLtem I.ransiisse in 0ermanos,

inala tarnen ost illatio, si -dixeris, curn qui in quarnpiam

Oermciniue cmi Latein hoslili flieHt aninio, cundem sirnili

anirno in Germania in ipsam exti tisse, non rnagis qiiain in

cinilihus dissensionibus (nti panlo auto cx U]piani respoflso

deciaraturn ost) in exiiiurn reipuhlicae itonianne contcndi ddehatur.

Alioquin c1uis rccensere possit nurnerurn hostiurn et perduehlionurn

in 1er (3erni anos a iqne adeo in ipsis Gerrnaniae


- 26 -

visceribus? Nain iii. IMe Germania palet, sie eqmplurek

liahet quos pa)am est etiarn iniussu prineipis Romani

fuisse in quasdam Gerinaniac eitutates olfenso ne plane hostili

anima -

Secunda ratio multis sane verbis non inutilibus expliean

possel, nisi mihi de iure interroga(o vitandnm unserem. Paucis

igilur agam et ad rein -

Ca ii ii na cul a iuriseousultus.


lieber die Gestaltung de g Textes.

So sorgfältig die vol- mir liegende Abschrift des Codex ist, so schlecht;

ist dieser .selbsl,. Trotz der Korrekturen einer zweiten Band wimmelt, die

Handschrift, von Fe]ilern, die ich zum grössten Tijeil glaube verbessert, zu 0

haben. Um eine Nachprüfung und Nacldiölfe zu eriiig1iclien gehe ich

über (las Einzelne Rechenschaft.

1. ZiinLtelist habe ich die soiiankeiide Ortiiographie gleichmässig

gemacht (x. B.- laesae at. lese, Caesaris St.. Cesaris fetiales st. feciales,

iudicium st. iuditium gesetzt. n. 5, w.), sie vereinfacht, (z. B. Arcadius st.

Aro]iadius, consideratnni st. consyderatum) oder sonst die jetzt gehrihicilliche

Schreibweise angenommen (z. 13, repressaiia st, represalia., villdicale

st. vendienre, Fridericus st. Federicus). dagegen die Formen filitreis, eolnplureis

iriirl (iuplomai.a eben so beilielialten, wie die Sicinios (Sickingen),

Ouormatia Worms) n. dgl. Die ganz regellos stehenden grossen Anfangsbuchstaben

sind meist durch kleine ersetzt. Bei den S. 18 fangefühirten

Stellen deutscher tteiehsgeset.ze ist die Orthographie absichtlich geschont

und mir das doppelte

ii in IU In d, ha h e nn. b etzal 1 cii n, t. in in itt. ii in gen n.

1 in betza.11eun vereinfacht,, • ferner statt ek und lx in Marek und bet.'zalienn

ein k und z gesetzt.

2. Die nur durch Anfaiigsbnhhist.aben angedeuteten Worte sind ausgeschrieben

worden (z. 13. procuratore Co,esaris st proeii. rosa., Franciscus

st F. Cinum st. Cy.. ]Jartolns. st Bar. Calderinus st. Ca 1 deric (sie). Dasselbe

ist zu Anfang bei den Namen Trevironsis und Nitrenbergensis geseliehon,

wo die Handschrift 'Jr. oder l're. oder Ti ,i - und Nn. oder Nur. hai..

3. Die ab und zu vorkommenden Siglen sind aufgelösl., so S. 10

Z. 21 n. S. 34 Z. 33 die Sigle züi, ferner S. 17 Z. 11 Cols, wo man an

consultis denken könnte, natürlich dem Zusammenhang nach in coimnunis.

Dagegen ist die Auflösung der S. 9 Z. 9 vorkommenden, schwer zu gebenden

Sigle mir 'zweifelhaft,. Das S. 7 Z. 14 in den Text gesetzte etiam, wofür

inder Handschrift ein nicht zu entzifferndes vei'sclilnngenes Zeichen sieht,

ist die mir sehr einleuchtende Vermutung des Herrn Dr. Oöldliri v. Tiefenau,

Seriptor an der Wiener Hofhiblioii,ek.


-. 28 -

4. Die von dein Schreiber der Handschrift falstAi gelesenen Worte, die

mit Sicherheit hergestellt werden konnten, habe ich ohne weiteres dem

Text einverleibt und demnach geschrieben: S. 4 Z. 17 esse st. ost, J. 2(3

viderentur st, viderent, ...0 Z. 21 &erliti st. erediditi, 5. (1 Z. 4 prineipale

st. principein, Z. 15 poenain st. p000a, 7,• 27 cnr st. quuln, Z. 29 fetiali sL

foenali (verlesen für foetiali), Z. 30 perscript.a st. praeseripla, Z. 31 gera.l.ur

st.. geritur. S. 7 Z. 14 fecisse st. fuisse, S. S 7. 8 coram st. eorui; Z. 14

saeve st. faene, Z. 19 experiri st. aperiri, Z. 22 conationm liane st. edilationis

irene, 7. 33 sq. praesertam st. praefeet.iun, S. 9 Z. 6 Sieiniuiu st.

Sieinii. Z. 19 videtur st, Nivet. 7. 26 malorum st. inareornm, S. 10 letzte

irnd S. 11 erste Zeile videatur st.. redatur. S. 12 Z. 21 danmatuni st. ( 1 0 11iinatum,

Z. 27 ren st. Po.. Z. 27 interdicitur st. intereiditmn', 7. 31 eure (jili

at. cum quis. 5. 13 Z. 28 (ob) paternu'ni st. pravum. S. 14 7. 32 perduelhiones

st. perdnellis (aber vgl. n.), S. 15 Z. 25 sa.nct.ionis st. sanct.ior, S. 16

Z. 15 sine st. imo. Z. 20 teneri st.. tameu, S . 17 Z. 30 reeeptae st. repertae,

S. 13 Z. 24 f. ob Jemand hOhem - oder niedere st. mich genannt höhen oder

nidern, S. 19 Z. 2 Jemand st.. genant. S. 20 Z. 34 und 31 lierinogenianus

st. liermogenes. Z. 9 scrihit st. stabit, Z. 5 causis st. ansis, S. 22 7 2

Socinus st.. Zosinus, Z. 35 circa. st. cum, 5. 23 Z. 18 deuegalionem st. de,ie-

• gat.is. 5. 24 7,3 ut st.. if., Z. 10 saepe st.. sese, Z. 17 pro st. per.

Eine Anzahl schöner Emeuda.tionen verdanke ich einer freundlichen

Revision des Drucks durch Kollegen Lenel. insbesondere 5. 8 das- saeve

und praesert,inm, S. 9 videtur umd maloruin. desgleichen S. 7 die Herstellung

der Titelrubrik Cod. 11,47 et arniorum usus i n 5 ci 0 Pr ilic ill e etc.;

wo die I1rntdsehrift3 a so. n um . . . lib. 10 hat, und Anderes.

s: offenbar übersehene oder ausgelassene Worte oder Silben sind aufgenommen

und durch Cnrsivsehrift ausgezeichnet.

0. Die vorn Autor gegebenen Cit,ate ans den Rechtsquellen sind d?ircli

Hinzufügung der Zahlen in eckigen Klammern leichter zugänglich gemacht

dagegen die im Text angedeuteten, aber am Hand nicht, naeligetragenen

Citate nicht ergänzt ; vielmehr die Stellen ‚alF mit einem Fragezeichen reisehell.

7. Das in einer Klammer gesetzte Fragezeichen deutet anf eine nielltG

geIl o heu e Corrupt.el hin,

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