Theodor von Sickel und die Monumenta Germaniae diplomata

bibnum.enc.sorbonne.fr

Theodor von Sickel und die Monumenta Germaniae diplomata

1 N II \ L

Einleitung 3-5. Vorgeschichte der bella diplomatica 5 --21.

Gesprüclie in Rein 5, 6. Besprechung Kaltenliriinners und das

Verhalten der Redaktion der Mitteil. für österr. Geschf. 6-8.

Ttschweigeii 8. Kaltenbrunners Bemerkungen über Papsturkmulcn

9. Diekamps päpstliches Urkundenwesen 9, 10. Diekamps

neuere Litteratur zur päpstlichen Dipluniatik 10, 11. Meine Zui

rilckhaltung ii. Kaltenbriiuners italienischer Reisebericht 12, 13.

Sickels Verteidigung Kaltcnbrunners 13-15. Geamtsaclulage 16.

Sickels Vergehen gegen seinen Schiller 17. Offener Bruch 18.

Das Ottonianuni und die Moii. Graph. 18. iekels Isoliersystein

19, 20. Sein Verhalten gegen Gelehrte Italiens 20, 21. - Beile

dipiomatica 21-39. Vorwürfe 21-24. Text der Acta 24-28.

Die Miniiskel auf Papsturkunden und Sickels Irrtümer 2-31.

Die Iuugrossisten der päpstlichen Kanzlei 31. Die Anzahl von

mir. eingesehener Urkunden 31, 32. Meine Urkundenliste und

mein Citieren 32, 33. Dove über Knitenbrunner und dessen Arbeitsbedingungen

33, 34. Der Theoretiker 34, 35. Einteilung der

Urkunden 35. Episkopal-, Kontrakt- und Konstitutionsbullen 35

bis 37. Erteilte Ratschläge 37, 38. Originalnachbildungen 38, 39.

Ansicht über Siekel als Meneh und Gelehrten 39, 40. - Die

1onumenta Germaniae Diplotnata 40-63. Mein Standpunkt 40.

Nachprüfung von Texten und Beweis ihrer Mangelhaftigkeit 40

bis 45. Ungenauigkeiten 45, 46. Die Schreiber der Urkunden

lassen sich nicht immer sicher feststellen 47-49. Siekel ging

nicht genügend auf das Äussere ein 49, 50. Der Übelstand

verschiedener Mitarbeiter 50. Verschiedene Schreiber einer Urkunde

50-52. Sonstige abweichende Meinungen 53. Das Rekognitionszeiehen

53. Tironische Noten 54-57. Die Einleitungen,

der Vollziehungsstrich 57. Sickels Abkürzungssystem 58. Un-

Document

11111111111111111111 I 1 N

0000005628414


genügende technische Ausdrucke und Fehler 59, 60, Die Schreib

fehler im Texte 60, 61. Die Druckeitate 61. Die Ungleichheit

der Angaben 61-63. Mangelhafte Verarbeitung 63. - Schluss

63-66.

Besprochene Einzelurkunden der Diploinata.

Konrad Nr. 1 (p. 40, 51, 53, 54, 57). 6 (54, 59). 7 (59).

9 (41, 47, 51, 54). 13 (59). 14 i 54). 20 (42, 47, 53, 54, 57, 61).

22 (42, 47, 48, 51, 53, 55, 56, 57). 27 (53). 28 (43, 47, 48, 51,

55, 56, 59). 29 (44, 48, 51, 53, 55, 56, 57, 62). 32 (59). 34 (44)

48, 54). 35 (44, 48, 54). 36 (44, 48, 54'!.

Heinrich 1 (59). 5 (52, 53, 54). 6 (52, 54). 7 (52, 54).

10 (52, 54). 14 (49, 52, 55). 19 (45, 49, 56). 20 (55). 28 (52,

56). 31 (GO). 39 (59).

Otto 15 (59). 29 (45). 30 (56). 33 (56). 37 (59). 44 (56).

59 (59), 126 (56, 62). 235 (59, 60). 256 (60). 269 60). 272

(58). 274 (61). 340 (60). 365 (59). 432 (45). 430 (5). 431

(63). 432 (63). 433 (46, 63).


Nee sie. nec met,1.

Es gab eine Zeit, wo der Verfasser dieser Schrift

einen Gelehrten, von dem er gehört und gelesen hatte,

Theodor Siekel, aufrichtig verehrte, wie seine Diplomatisch

-historischen Forschungen mehr als gen ilgend beweisen.

Sechs .Jahre sind dahin, seitdem (las Buch erschienen;

ich glaubte damals noch, dass ein Mann von

grossem Namen auch wirklich gross sei, edel und gut, -

sechs Jahre sind dahin und mit ihnen ein schöner Traum

Je erhabener Phantasie und Entfernung ihre Ideale ge

bildet hatten, um so mehr schrumpften sie in der scharfen

Beleuchtung des Tags zusammen.

Im V1. Bande der Mitteil. für österr. Gesehf. befindet

sich unter dem fragwürdigen Titel „ bella diploniatica

ohne Ende ?' ein Aufsatz von einem halben hundert engbedruckter

Seilen, der nur mich und meine Arbeiten zum

Gegenstande hat, - und der Aufsatz ist von nunmehr

„Th. R. von Siekel" geschrieben; dieser bekennt sich

darin als mein entschiedener Gegner" und kündet mir

„offen den Krieg". \Värc ich eitel, könnte ich mir darauf

etwas einbilden, es ist doch nicht so ohne, wenn die erste

Autorität des Faches eingesteht, sie „nehme mich ernst",

sie mich sogar derartig einst nininif, in einem Tone zu

reden, den ich bisher höchstens der Dienerschaft von

Hofräten agetraut habe und auch der nur, wenn sie

1


- 4 -

schlecht erzogen. Ob es sonderlich passend für die

Hofräte selber ist, sieh so menschlich tief herab zu

lassen, vermag ich leider nicht zu entscheiden, weil

wir in Tübingen keine Hofräte ‚ sondern nur simpele

Professoren haben, und ebenso wenig wage ich darüber

ein Urteil, ob ein Lehrer seiner Schule, ein Gelehrter

seinem Stande, dem In- und Auslande gegenüber nicht

gewisse Rücksichten schuldet, ob deren Verleugnung der

Wissenschaft, ja, ob sie nur den Absichten des Verleu gnenden

dienlich ist.

Die Absichten nämlich zielen auf nichts Geringeres,

als auf eines der schwersten Verbrechen des Strafgesetzes

- auf Mord; natürlich nicht auf leibhaftigen Mord mit

langem Messer der Köchin, nein, pfui, das wäre roh, -

nur auf einen papiernen, einen lleeensioiismord, Mein

Gegner" sucht ihn zu vollführen mit etwas ‚ was wie

Leidenschaft, wie waschechter 1-lass aussehen könnte,

wenn man nicht wüsste, (lass Historiker mit Vorliebe

von „sine ira et studio" redeten.

Der Grundgedanke aller seiner Vorwürfe bestehet

darin, dass ich meine Arbeiten so mache, wie mir es

richtig erscheint, und nicht wie Sickel es wünscht; verstohlen

und doch in peinlicher Deutlichkeit lugt überall

hervor: wie ich denn wagen könne, überhaupt etwas und

gar etwas viel zu leisten, der ich nicht einmal zu seiner

Schule gehöre. Allerdings ein Verbrechen, das herbste

Züclitigung verdient, es fragt sich nur, ob sie gerade

„in einer auch weiteren Kreisen verständlichen" Weise

(Bella p. 50) erteilt worden; - ich persönlich möchte

fast daran zweifeln.

Doch im Ernste: Sickel hat mich in einer Weise

angegriffen, die meine wissenschaftliche und meine persönliche

Ehre berührt, welche Verteidigung zur Notwehr

macht. Ich verteidige mich ungerne, sehr ungerne,


-

nicht etwa, weil es mir schwer fiele oder gar, weil ich

mich nicht zu verteidigen wüsste, im Gegenteile, weil

Sickel mir die Verteidigung so leicht gemacht hat und sie

Dinge be.riihrt, berühren muss, die ich im Interesse eines

verdienten Mannes lieber verschwiegen hätte. Doch mir

bleibt keine Wahl mehr: Mischief thou art afoot, take

thea what course tbou wut!

Während meines Aufenthaltes in Rom (1881) wurde

mir die Ehre zu teil, mit Sickel verkehren zu dürfen.

Einmal äusserte er: Herr Doktor, Sie unternehmen Sachen,

wie sie sonst nur von Akademien herausgegeben werden,

ich bewundere Ihren Fleiss und Ihren Mut, kann Ihnen

aber doch nur versichern, Sie werden nicht in! stande

sein, sie fertig zu bringen." Als ich darauf erwiderte,

meine eigenen Arbeiten hingen zunächst von mir selber

ab, antwortete er mit bedeutsament Lächeln: „herr Doktor,

ich kenne die Verhältnisse, Sie werden nicht im

stande sein, ihre Unternehmen fertig zu bringen. Ich

verstand dies (lahm: man wird duicii alle möglichen

Mittelchen dafür sorgen, dass Sie lahm gelegt werden.

- Man kann sieh (lenken, wie mir zu Mute wurde:

ohne Geld, ohne Stellung, nichts als meine Arbeit.

Im Laufe desselben Gespräches sagte S.: "Hätten

Sie ihre Werke mit Anlehnung an Wattenbach oder

sonst jemand (d. li. doch wohl Sickel) gemacht, stünde

alles ganz anders, jetzt werden sie nicht die Wirkung

erlangen, die sie sonst gehabt hätten. Sehen Sie, wie

sieh z. B. Sybel bei den Kaiserurkunden verhalten hat,

er vermittelte (las Geld von der Regierung und ersuchte

mich alsdann um meine Mitarbeiterschaft, dadurch gewann

er meine Kraft und bewirkte, dass ich dein Unternehmen

ganz anders gegenüberstehe, als sonst der Fall

gewesen wäre." In dem abgelegenen Tübingen war ich

harmlos ins Blaue hiineingesteuert, jetzt erst bekam ich


- -

einen Begriff von dem, was ich tliat; wenigstens glaubte

ich folgern zu müssen: Urkunden sind meine Domiine,

hätte Sybel mich nicht als Mitarbeiter aufgenommen,

wäre ich sein Gegner gewesen, Sie haben keine Anlehnung

versucht, folglich . . . Doch ich gebe vielleicht zu weit.

Vor der Peterskirche blieb Sickel einmal plötzlich

stehen und wandte sieh mir mit der Frage zu: „Sagen

Sie mir, wer hat Ihnen die Unterstützung der Berliner

Akademie erwirkt? Sie können es nur ruhig mitteilen,

denn wenn ich will, erfahre ich es doch." Ich erwiderte,

dass meines Wissens kein Grund vorhiige, es geheim zu

halten, so weit mir bekannt, wäre die Unterstützung von

Waitz beantragt und von Syhel befiirwortet, Nach einer

kurzen Pause hörte ich: „Also doch Waitz - es hat

Schwierigkeiten verursacht.

Aus allen diesen Ausserungen glaubte ich erkennen

zu müssen, dass Siekels Gesinnung nicht freundlich gegen

mich sei, um so mehr, als mir dafiir schon von früher

her ein Beweis vorzuliegen schien, Meine Dipl. bist.

Forsch, und meine Acta 1 1. Abt. waren von Kaltenhruuner

in den Mitt, für österr. Geschif. 1, p. 449ff, ziemlich

ungünstig und nach meiner Überzeugun g so besprochen,

(lass ich wir getraute, zwei Dritteile des von ibni Aufgestellten

zu widerlegen. Ich fragte deshalb hei der

Redaktion an, 01) eine Entgegnung aufgenommen würde,

worauf ich als Erwiderung erhielt: Es bedarf kaum

der Erklärung, dass ich es für eine Forderung der Billigkeit.

erachte, Gegenbemerkungen gegen eine Rezension

Raum zu schaffen, wenn sie sachlich berechtigt und rein

sachlich gehalten sind etc.' Ich schickte meine Entgegnung

ein, worauf ich unter anderem erfuhr- „Seither

wurde von anderer Seite eine verschiedene Ansicht

geltend gemacht, es sei Entgegnungen grundsätzlich die

Aufnahme zu verweigern." Die Redaktion halte an


- -

dem früher dargelegten Standpunkte fest, erkläre aber

meine Entgegnung für persönlich. Ich erwiderte: Da

ich Partei sei, bäte ich mir alles, was 1)ersönhiehl klinge

zu bezeichnen, ich würde es alsdann ausmerzen. Die

Redaktion dankte für die Unbefangenheit meiner Auffassung

und wollte die Sache noch einmal in Betracht

ziehen, fuhr dann aber fort: „Sie gestatten mir wohl noch,

dieselbe auch sachlich bis ins einzelne zu prüfen und

denen, welche noch ein entscheidendes Wort zusteht,

darüber Bericht zu erstatten, namentlich einen Entscheid

darüber herbeizuführen, ob Entgcgn ungen prinzipiell Aufnahnic

gewährt werden könne oder iiicht. Der niiehste

Brief berichtete, dass die betreffenden Stellen bezeichnet

und der sachliche Teil gepriift sei. „Das Ergebnis ist,

dass ich die sachliche Berechtigung fast aller Ihrer Bemerkungen

nicht anzuerkennen vermag. Die Erwiderung

wurde soni it abgewiesen.

Durch Notstift waren in mehr als 10 Seiten 18

Stellen 1111(1 Einzelworte als persoiilithi bezeichnet, die ich

bereit gewesen wäre, alle zu entfernen. Wie aber mit

dein Es handelte sich darin um wissenschaftliche

bczw. rein thatsilebliehe Dinge, was die Redaktion

ja selber ziemlich zugestand, indem sie den ‚sachlichen

Teil eingehend' prüfte. Abgesehen davon, dass solche

Prüfungen bedenklich sein dürften, bleibt der Redaktion

die Möglichkeit, jedes ihr Unliebsame mit den Worten

nicht sachlich" abzuweisen; miii wenn sie Sickels Polemik

noch als „rein sachlich" zulässt., so muss sie ein

weites Herz besitzen, oder richtiger, es wird ihr von

1,3uten „(hie auch noch ein Wort mitzurcden" haben aufgezwungen.

Eine Thatsa.ehe ist jedenfalls, dass meine

Entgegnung vielleicht grobe Fehler Kaltenbruniiers, und

deren nicht gerade wenige, an den Tag gebracht hätte,

und dass Kaltenbruiiner kurze Zeit darauf zum Pro-


-

fessor ernannt wurde. Der Redakteur persönlich war in

unangenehnister Lage, ich tadle ihn nicht, glaube aber,

zwischen Redakteur und Redaktion scheiden zu müssen.

Wie gesagt, die ganze Angelegenheit fand vor meinem

Zusammentreffen mit Sickel statt. Nach demselben liess

sich ein anderes Verhalteii beobachten: meine Schriften

wurden jetzt in den Mitteiliingen' ausnabmelos nicht mehr

71

rezensiert, d. h. also zugleich für den betreffenden Leserkreis

totgeschwiegen, obwohl es sieh um Werke handelte,

die sonst hervorragend berücksichtigt wurden. Dies und

der durchsichtige Umstand, dass Sickel und seine Schule

mir nicht zugethan seien, wirkten in weiteren Kreisen

nach; z. B. der Redaktion des Zentralblattes ist es seit

1881 nicht mehr möglich gewesen, eine Besprechung

Über mich zu erlangen, mit Ausnahme einer kurzen vorläufigen

Anzeige von Her 1. Es gedieh ziemlich dahin,

je grössere Sachen ich lieferte, desto tieferes Schweigen

breitete sieh darüber ans. Und wenn irgendwo besprochen

wurde, so war die dumpfe Stille und die Haltung

der massgebenden Schule auch kaum geeignet,

gtinstig einzuwirken.

Dies um so weniger, als Winke, Worte und Urteile

leicht einwirken, selbst im Auslande, wie folgendes zeigt.

Ein französischer Gelehrter, jetzt „Membre de l'Institut",

schrieb mir nach Empfang von Acta 1, erste Abteilung,

er werde das Werk mit Siekels Mon. Germ. Dipl. 1,

erste Abteilung, zugleich besprechen. Als keine Anzeige

kam, fragte ich und erhielt zur Antwort, es seien deutsche

Gelehrte in Paris gewesen, die derartig über (las Werk

geurteilt hätten, dass er eine Besprechung (die meines

Wissens der Redaktion schon eingesandt gewesen) nicht

mehr übernehmen könne. In Paris hatten sich Sickel

und Löwenfeld aufgehalten. Ersterer äusserte mir im

Laufe eines Gesprächs ohne Veranlassung meinerseits:


9 -

ja, die Franzosen urteilen auch so und so. Er muss

also mit ihnen über das Werk gesprochen haben.

Anders verhielten sieh die .Mitteilungen" in ihrer

Abteilung für Aufsätze. Schon 1 >S0 war ein Artikel

Kaltenhrtrnners vorgelegt: Bemerkungen über die äusseren

Merkmale der Papsturkunden des 12. Jahrhunderts," aus

denen ein ein wesentlich anderes Urteil über meine Acta

hervorzuleuchten schien, als in der Rezension. K.'s Beobachtungen

stimmten oft mit denen der Urkundenbemerkungen

in Acta 1 überein, allerdings, ohne dass der

Leser dies immer erfuhr. Daneben zeigte sich dann,

dass K. nicht Herr des ausgedehnten und schwer zu

verarbeitenden Materials sei, dass er weder genügende

Pausen noch Notizen gemacht habe, kurz, die Arbeit

ergab, sie rühre von jemand her, der bei seiner

Regestensaiumlung eine ziemliche Menge von Originalen

gesehen hatte, ohne sich näher auf deren Einzelheiten

und Sonderheitell einzulassen. Damit man uichit etwa

glaubt, ich wolle nur aburteilen, so erkläre ich mich

öffentlich bereit, auf jeder Seite, ausnahmelos, völlig

lJngc.ntigendes und Unrichtiges nachzuweisen.

Es erschienen meine „Urkunden der päpstlichen

Kanzlei vom 10. bis 1. Jahrhundert' und bald darauf

‚zum päpstlichen Urkundenwesen des 11. 12. etc. Jahr-

1iunderts von W. Diekainp (Mitteil. III. p. 65ff.). Wie

D. mir mitteilte, ist seine Absieht gewesen, zwischen

Kaltenbrunner und mir zu entscheiden. Es thut mir

leid, die Entscheidung eines Sickel'schen Schülers

zwischen einem Sickelschen Schiller und mir als etwas

bedenklich für niicli ansehen, und noch mehr, fordern

zu müssen, dass ein Richter auch seine Gesetze

kennt. Wie steht es aber hier mit D.? Er selbst

giebt an, es handle sich uni Weiterführung einer Habilitationsrede;

seine Angaben beruhten „vor allem"


10 -

auf den reichen Urktindeusdijitzen des Münsterisclien

und Wiener Staatsarchivs. In der That, man traut

seinen Augen kaum, das Wiener Staatsarchiv ist für

PapsturkuILden der betreffenden Zeit zweiten ‚ das

Miiiisterjsche dritten oder vierten ilanges - und darauf

beruht „vor alieni" eine Arbeit von 62 Seiten, die die

schwierigsten Fragen auch nur zu berühren wa gt? 1). reiste

von Wien nach Münster, ohne sich unterwegs die Mühe

zu gehen, (las Miincliener, ‚ Stuttgarter oder Karlsruher

Archiv aufzusuchen. Der ganze von ihm eingesehene

Vorrat von Papstoriginalen des 11. Jahrhunderts, gerade

der eigentlichen Entwicklungszeit, betrügt nicht einmal

10 Nummern - und dabei urteilt er über jemand der

nahe an 00 durchpauste und Stuck für Stück genau

beschrieb und verglich Wie es hier mit D. stellt, ist

leider gar nicht zu sagen. Nur einen Fall: p. 572.

573 heisst es von der Umschrift der Rota: ‚.Gleich in

den Urk. Leos IX. ist sie stets, soweit ich darüber

urteilen kann, von einei' und derselben Hand Beweis

ein Original und drei Facsintilc. Leider ist nun aber

das Orig. nicht echt, sondern ein I)lO5SCs Selieinoriginal,

- bleiben also nur drei Facsimile, worunter zwei des

vorigen Jahrhunderts. Inh Text geht es weiter: „Den

nächsten Vergleicht kann ich erst wieder anstellen unter

Urban II., also, über Viktor II., Stefan X., Nikolaus II.,

Alexander II. (ein Orig. in Wien), Gregor VII. weiss

D. nichts, und der Vergleich bei Urban II., wird, wenn

ich recht sehe, wieder ausschliesslich mmcli Abbildungen

und I)ruckhesehreibungen angestellt - und das alles zur

Entscheidung der Frage: ..der Beteiligung des Papstes

oder seines Bevol1mäclitigtei i an der Rota.

1)., mit dessen Vorkenntnissen es wie angegeben

stand, machte sich alsdann 1883 daran, über .‚die neuere

Litteratur zur päpstlicheii Dipiomatik" im Hist. Jahrb.


- .11 --

einen Aufsatz von 84 Seiten zu veröffentlichen, Worin

die deutsche Litteratur fleissig, die des Auslandes, zumal

die Italiens, weniger genügend zusammengestellt

war. lliitte er sich im Wesentlichen mit Inhaltsangaben

bcgniigt, so wurde er gutes geleistet haben, aber der

(1cr Sickelschen Schule eigene 1-lang zum Urteilen verführte

ihn, über Dinge zu reden, von denen er nichts

weiss, nichts wissen kann, weil er sie nie gesehen hat.

Mir persönlich geht es besonders schlecht, D. findet so

ziemlich an allem zu tadelu. Das würde ich jhni keineswegs

verübeln, wenn er seine Vota belegte, ja, nur zu

belegen vermöchte.

Obwohl nun die Sachen derartig waren, habe ich

nicht gegen eine dieser Schriften polemisiert, was um

so beachtenswerter erscheinen muss, wenn man bedenkt,

dass ich von K. sowohl als D. geradezu provoziert

worden, (lass mir eine wisseiischaft1ihie Abführung iis

zur \Tcrniehtung fast ein Kinderspiel ist. Gesetzt einmal

umgekehrt den Fall, je Ii hätte so ungenügende Arbeiten

geliefert, oh es da wohl wahrscheinlich gewesen, dass

die Sickelsche Schule eine gleiche Enthaltsamkeit geübt,

nicht ihre Überlegenheit gezeigt hätte? Nur im Vorworte

meiner „ Urk. der piipstl. Kanzlei" komme ich in einem

einzigen Sitze auf K.'s Artikel zu sprechen, den ich für

nötig erachitete, um meine Stellung zu kennzeichlui4'n, und

der sich ausserdem nur in den Separatalidrücken, nicht

im llanptdrucke, befindet; von D. berichtigte ich eine

äusserst. fehlerhafte Liste in meinen Orig. Urk. p. 3 ohne

weitere Nebenbernerkuiig 1).

1) Sollte ich noch sonst auf diese Artikel in meinen 'ersc]iicdcnen

Schriften zu sprechen kommen, so mag man es, um

ein Sickel'sches Wort zu gebrauchen, mit „Triuinphgeschrei"

verkünden, mir sind nicht mehr Fälle gegenwärtig.


-

Daraus macht Sickel nun p. 11, ich hiitte eine

Widerlegung D.'s bisher nicht versucht und p. 8, meine

Angriffe gegen K. gingen ‚.bekanntlich wie ein roter

Faden durch meine Schriften'. Also: widerlege ich

nicht, so setzt man voraus, ich vermöge es nicht, widerlege

ich, so äussert man sich ungehalten über Angriffe.

Denn einige Angriffe" gegen K. liegen vor.

In den Jahren 1878 und 1879 machte er zwei

Reisen nach Italien mit „dem Auftrage, über deti Bestand

an piipstliclien Urkunden in italienischen Sammlungen

möglichst eingehenden Bericht zu erstatten.

Der Bericht erschien in .den Sitzungsher. d. Wien.

Akad. und wurde öffentlich und laut gepriesen. Ich

glaubte dem Lobe, und als ich 1881 ebenfalls nach

Italien reiste, wähnte ich in K.'s Schrift einen sicheren

Führer zu besitzen. Aber wie erschrak ich, als mich derselbe

Schritt für Schritt im Stiche lies, als mir zu meinem

Leidwesen schlics]ieh nichts blieb, als selber die mühevolle

und undankbare Arbeit eines eingehenden Reiseberichtes"

auf mich zu neliirieii. Ich fhint es in der

Weise, dass ich in demselben dem .‚lter Italicum

auf Angabe der K.'seheii Fehler nahezu verzichtete.

Wenn man bedenkt, dass ich mehr als hundert mal

über K. hätte herfallen können, so wird mir jeder imbefangene

Urteiler, der nachprüft, zugestehen müssen,

ich sei enthaltsam gewesen. Durchweg berichtigte ich

einfach, ohne auf K. einzugehen. Wie weit meine

Schonung selbst da ging, wo sie nicht am Platze

war, mag z. B. Mailand beweisen; Iter p. 45. Ich

sage dort: „zu dcii Angaben K.'s lieferte Löwenfeld Nachträge,

da aber auch diese noch nicht genügen, beides

zusammengenommen kein völliges Verzeichnis des Vorhandenen

bildet und ich vielfach Abweichendes verzeichnete,

so mag (las Ganze hier Platz fiuiden.' Dies


-- -

sind Angaben, die ich durchaus zur Erklärung nütig

hatte; wohl niemand ahnt, dass darunter folgendes steckt:

Im Mailänder Staatsarchive befinden sich die Papsturkunden

in gesonderten Kiisten, der Forscher braucht

nur die Hand auszustrecken und sie herauszunehmen, das

hat K. nun so ungenügend getlian ‚ (lass er mehrere

Dutzend in den vor ihm stehenden Kästen liegen liess,

- mehrere Dutzend! Kann wohl der treueste Freund

eine so massive Thatsache schonender bemänteln, als

ich es that?

Anders in der Einleitung: in ihr glaubte ich dem

Publikum eine Darlegung über das Zustandekommen des

Werkes geben, den nach meiner Überzeugung nicht verdienten

Lobeserhebungen K.'s mit einigen Tltatsachen

entgegentreten zu müssen, denn letztere gehen so weit,

dass ich in sämtlichen nachgeprüften Archiven und

Bibliotheken mehr fand als K. (ja bisweilen über das

Doppelte), ausser in einem einzigen Falle, wo es sich

nur um ein einziges Stück handelt und ein gedruckter

Katalog vorlag. Diesen, denn (beil das Mass des Erlaubten

überschreitenden Sachverhalt erklärt Sickel p. 9

damit, dass seit K. die Kustoden mehr auf Papsturkunden

aufmerksam und die Ordnung in den zwei Jahren besser

geworden sei. Leider muss ich dagegen versichern, dass

K.'s Besuch keinen solchen Eindruck auf die Kustoden

machte, wie S. voraussetzt, (lass die Papsturkunden sowohl

in den von K. besuchten wie nicht besuchten Archiven

friedlich nach wie vor in ihren Faszikeln eingereiht

Lagen.

Auch noch sonst muss ich die Art erörtern, in

der S. seinen Schiller verteidigt und gegen mich vorgeht.

Iter p. VI heisst es: Bald sah ich, (lass K.

die Bibliothek von Verona gar nicht, das Stadtarchiv ungenügend

untersucht habe." Hiegegen führt S. in längerer


- 14 -

Polemik p. 10 aus: ich hätte nicht beachtet, dass die von

K. dein Archive beigelegten Urkunden identisch seien mit

dem von mit, als Eigentum der Bibliothek aufgeführten

und hätte deshalb nur über die gewählte Bezeichnung

streiten können. Dein ich nicht beipflichten, Iter

p. 164 sage ich ausdriieklich, dass das Stadtarchiv in der

Stadtbibliothek uiitergcbraclit sei, es geschah dies erst nach

K.'s Anwesenheit, wie ich auf dein verstand;

K. hat also ganz recht, vom Stadtarchiv zu reden mein

Vorwurf gellt eben dahin, dass er die damals noch im

Archiv, jetzt in der Bibliothek aufbewahrten Urkunden

ungenügend benutzt, sich uni die eigentlichen Bestände der

Bibliothek gar nicht gekümmert habe. Wenn S. also

die Bezeichnung" vorzusehiitzen sucht, so ist das Verschiebung

des Sachverhaltes. Er fährt dann fort: „die

Behauptun g , dass K. die Bibliothek gar iiielit besucht

habe, ist eine uilric]rtige und leichtfertige." Ich erkundigte

mich auf der Bibliothek und man sagte mir, K. sei nicht

dagewesen; ich habe K.'s Schriften durchgesehen und

kein Wort gelinden, dass er da gewesen. Mich dünkt,

bevor S. Vorwürfe gegen einen anderen zu Gunsten

seines Schülers mmmaeht, sollte er sieh nicht über die einfachsten

Dinge hinwegsetzen. Vorn Ve]'oneSer J)oiriarcimive

gicht K. an (p. 25): „Die Originalurkunden

dieses Archivs sind bekanntlich l)ekannthieh verloren gegangen. Das

ist erstens nicht wahr, die Originale sind wohlgeordnet in

grosser Zahl erhalten, und zweitens wurde mir gesagt, (lass

K. sieh gar imiellt näher um dieselben bekümmert habe.

Bis zu einem gewissen Grade recht hat 5.. andererseits

(p. 10) gegen meinen Vorwurf, (lass K. Archiven

ausdem Wege ging, deren Zutritt Schwierigkeiten

verursachte. Wenn S. „das rechte Wort für solchen Vorgang

nicht aussprechen mag", so thut ei' klug daran,

denn er hätte es jedenfalls falseli ausgesprochen. Der


Vorgang beruht darauf, dass ich K.'s Bericht in einem

Separatabzuge benutzte, von demauf der Heise im

Laufe der Zeit Umschlag und erstes Blatt der Einleitung

verloren gingen. Meines Wissens fassen andere Reiseberichte

ihre Ergebnisse unter den betreffenden Orten

zusammen und K. selber macht es in der Hegel ebenso,

z. B. p. 6 Bergamo, p. 8 Brescia, i 13 Padua etc.; dass er

da bei Verceill, Florenz, Mailand und Modeiia ohne jeden

Grund anders verfulir 1111(1 sieh nur in der mir verloren

gegangenen Einleitung darüber aussprach, konnte ich mit

dem besten Willen nicht vermuten. Übrigens tliuii die

Namen gar nichts zur Sache, ich wiililtc bloss Beispiele

aus und kann leider riielit umhin, meine Behauptung als

solche durchaus aufrecht zu erhalten; eine Behauptung,

die ich mir 'zu beweisen getraue: in Venedig und r1ljrjII

besuchte K. nicht das erzbischöfliche und nicht das Dornarchiv,

in Mailand nicht (las von S. Ambrogio, in Florenz

nicht das erzbischöfliche und S. Lorenzo, in fern kein

einziges Kapitelarchiv, Ol)WOhl er vierzehn Tage allein

auf den Permess zur Vaticaiia warten musste etc. etc.

Da dürfte doch selbst der von K. betonte allgewaltige

Faktor Zeit" kaum zur Erklärung ausreichen. In Florenz

brauchte er zehn Tage zur 1)u rclisich der Kataloge,

ich deren noch nicht zwei, den Typhus im Körper, und

fand trotzdem bei weitem ntiehr. Das römische Staatsarchiv,

wo man K. mit grösster Liberalität (p. 16) behandelte,

ergab „keinerlei Ausbeute, ich fand dort mehrere

interessante Stücke etc. etc. Aus einem Bologneser

(hartular führt K. von pag. 12-20 7 Nummern nut,

während von pag. 5-51 deren 16 darin stehen und in

den von K. aufgezählten sind ausserdem noch Fehler

über Fehler gemacht (Lfrk. p. 34).

Wenn nun ein Werk mit solchen Schwächen noch

besonders gefeiert wird, so glaube ich der Wahrheit ihr


- 10 -

Recht nicht ganz entziehen zu dürfen. Ich sage selber

in der Einleitung zu Tter: „Wohl weiss ich, dass jeder

in Fällen, wie den vorliegenden, Fehler und deren grosse

macht, es kommt eben auf die Art der Fehler an; diese

Art ist nach meiner Meinung nicht mehr inne gehalten.

Ausser im Iter komme ich noch eiriigemale auf K.'s

Reisebericht in meinen „Urkunden" und in Acta II zu

sprechen, wie ich glaube jedesmal mit Gründen, und

nach dem was vorliegt, wahrlich selten genug.

Rekapitulieren wir kurz. Zwei Schiller Sickels haben

mich durch ihr persönliches Auftreten sowohl, wie durch

die Art ihrer Leistungen geradezu provoziert, meine

grösseren Werke wurden in dem Sickelschen Organe niögliebst

totgeschwiegen, in einigen „Notizen wurde ein

Ton gegen mich angeschlagen, der sich bis zum Ausdrucke

‚kindisc.li" verstieg dem gegenüber bin ich von

vier Schriften jener zwei Schüler wirklich eingegangen

nur auf eine und zwar weil ich musste und weil die

„Kunstbcleuchtung" gar zu arg war. Daraus wird nun

zugleich gemacht, ich widerlege nicht und ich sei ciii

Streithahn, - der Vorwurf meines herausfordernden Auftretens

geht „wie ein roter Faden' durch S.'s ganzen

Artikel. Da seine Stimme Gewicht hat ‚ viele für ihn

eintreten und niemand für mich, so hat er Glilubige gefunden,

denn wer giel)t sich die Mühe, das einzelne nachzuprüfen.

Findet man eine Widerlegung falscher Ansichten

bei mir, dann heisst es: alia, da sieht man's!

Ob ich in der Widerlegung recht oder unrecht habe, das

ist ja gleichgiltig.

Wenn man in solcher Weise fortfährt, so wäre

allerdings nicht unmöglich, dass ich die Rolle wirklich

übernähme, die man mir aufdrängt, und es dürfte (lan1

sehr fraglich werden, wer darunter am schwersten zu

leiden hat, - noch halte ich meine Trümpfe in der


- 17 -

Hand, meine Gegner haben ihre besten ausgespielt. Auch

noch eines muss ich hier bemerken, dass es mir persönlich

leid thun würde, wenn ich schliesslich gegen Kaltenbrunner

und Dickamp so auftreten müsste, wie ich mühelos

könnte. K. ist auf ein anderes Gebiet übergegangen

und D. scheint selber nicht recht gewusst zu haben, was

er eigentlich that, sondern in bester Überzeugung nur der

Direktive seines Lehrers gefolgt zu sein. In seinen Vorlesungen

soll S. sieb bisweilen über mich in einer Weise

äussern, dass ich seinen Schillern nicht verarge, wenn

sie, ihrem Lehrer glaubend, schlecht von mir denken.

Nicht auf D.'s, auf S.'s Seite scheint mir das eigentliche

Vergehen züi liegen; er als Lehrer sollte seinen persönlichen

Abneigungen weniger den Zügel schiessen lassen,

sollte seinen Schüler D. auf die ungewöhnlichen Schwierigkeiten

des Unternehmens aufmerksam gemacht, ihm gesagt

haben, ohne umfangreiche Vorarbeiten vermöge er

die Arbeit nicht zu liefern. D., der eben die Universität

verliess, konnte von diesen gar keine rechte Vorstellung

haben und musste sich freuen, so leicht einen

Artikel in den „Mitteilungen" gedruckt zu finden.

Und nun sehe man, wie S. solche Dinge noch rechtfertigt.

P. 2 meint er, dass „10000 Angaben von Pfiugk-

Harttung über 2000 Stücke wiegen, da sie vorzugsweise

unwesentliche Dinge betreffen, sehr leicht. Der Kenner

einer weit kleineren Anzahl gleichaitiger Urkunden kommt

dagegen sehr wohl mit einem geringeren Vorrate richtigerer

und wichtigerer Beobachtungen und Bemerkungen

aus. Unmittelbar davor hiess es: „P.-H.'s Aufmerksamkeit

war . . . . einem gewissen Teile mittelalterlicher Urkunden

zugewandt, einem zu beschränkten, als dass er

an ihm die Erscheinungen recht beobachten hätte lernen

köiinen." Hier also kann man in beschränktem Kreise

nicht recht beobachten - das bin ich, dort kann man


- 18 -

bei einem geringen Vorrate richtigere Beobachtungen

machen als aus 2000 Stücken - das ist 5. und die Seinen.

Noch einmal muss ich, wie schon oheii, fingen, wenn die

Sache umgekehrt stünde, wie würde (lanhl wohl S.'s Urteil

lauten? Auf p. 3 meint er, diplomatische Untersueliungen

seien „mühselig und zeitrauben(1" sonderbar,

diese Mühsal habe ich seit acht Jahren auf mich geladen

Und das Verliiingnis will, dass gerade S.'s Schüler Arbeiten

ohne so1he fertig bringen.

Doch kehren wir zur Vorgeschichte der „bella diplomatica"

zurück. Wiiltrend die Rezenseuteii schwiegen

und nach K.'s Tliemaveriinderuug 1). vorgeschickt wurde,

hielt S. selber sich im Hintergrunde. Das änderte sieh

erst durch zwei meiner neuesten Aufsätze, einen über

das Ottoniaiium in den Forsch., einen über die Herstellung

von Urkuudenfacsimile in Sybels Ilistor. Zeitschr.

Erstere hat Waitz, letztere hat S ybel vor dem Drucke

durchgelesen und beide fanden nichts verletzendes darin,

andere Leute versicherten mich, ihnen sei es ebenso ergangen.

Nicht so 5., bei ihm muss endlich ein lange

verhaltener Groll alle Dämme (lurclrissen haben, denn

jetzt trat er persönlich in die Schranken.

Suchen wir uns die Veranlassung des offenen Bruches

näher vorzuführen: r ber (las Ottonianum wagte ich zu

einem anderen wissenschaftlichen Ergebnisse als S. zu

kommen und ihn auf einige Fehler aufmerksam zu

machen; seine Mon. Graph. wagte ich als Musterleistung

anzuzweifeln. Hütte ich gesagt, mit den Mon.

Graph. Theodor Sickels ist eine neue Morgenröte der

Urkundenlehre hereingebrochen, hätte ich direkt die Unwahrheit

gesagt, so würde S. dies gerne vernommen

haben und sein Angriff wäre voraussichtlich nicht erfolgt.

Das hält ihn aber nicht ab, von einem „Akt

der Notwehr" (p. 50) zu sprechen.


19 -

Wohl jeder Unparteiische wurde solchen Akt der

Notwehr in einer einfach sachlichen und wissenschaftlichen

Widerlegung sehen, anders aber S. Er ging folgendermassen

zu Werke. Er schrieb eine Entgegnung

für Sybels Zeitschrift, über deren sachlichen Gehalt und

Berechtigung man sich dort ein Urteil bilden mag (1885

Heft 2), er wandte sich unter der hand brieflich an die verschiedensten

Leute, wie ich hörte, an Bresslau, Dümmier,

Waitz, Wattenbac.Ii u. a. und klagte mich an, ohne dass

ich mich verteidigen konnte; er schrieb ebenso an Gelehrte

des Auslandes, ja er ging so weit, sich an meine

nächsten Freunde zu machen - Leute, die er persönlich

gar nicht kennt - um sie mir mit allen ihm zu Gebote

stehenden Mitteln zu entfremden. Ohne auf die Ehrenhaftigkeit

solch' eines Verfahrens einzugehen, bemerke

ich nur, dass er mich erst zu isolieren und dann in

seiner Schrift „behla diplomatica ohne Ende?" mit Keulenschlugen

über mich herzufallen suchte. Das Isolieren

ist ihm, wie er selber weiss, nur teilweise gelungen,

er hatte das Unglück, auf Leute von Überzeugungstreue

zu stossen, seine Keulenschläge fallen auf einen eisernen

Schild und hinter dem Schilde blinkt ein Schwert. So

lange er mich nicht mir selbst entfremdet, so lange ist

die Schlacht für ihn nicht gewonnen, und ich fürchte

fast, dass er da sehr, sehr lange warten muss.

Die Absicht, mich zu isolieren, tritt mit einer

Nacktheit in seiner Schrift hervor, die nichts zu wünschen

übrig lässt. Er gebärdet sich, als sei ja alle Welt

über mich als Dilettanten (p. 50) und enfant terrible

einig, als komme es nur darauf an, dies einmal offen

auszusprechen und „weiteren Kreisen in verständlicher

Weise" klar zu machen (p. 50). Über die Weise kann

man verschiedener Ansicht sein, ich will nur zeigen, wie er

Leite zu gewinnen suchte, die etwa zu gewinnen waren.

2


-- 20 -

Eine Hauptstütze fand ich in Italien, deshalb sollte sie

gebrochen werden. In spöttischem Tone moquiert S.

sich p. 5 !!her Gelehrte Italiens, die ihrer Anerkennung

meiner Leistungen öffentlich Ausdruck verliehen,

unter ihnen Leute, wie de Rossi und Cipolla. S, meint,

er könne nicht früh genug warnen, meine Arbeiten

gereichten der deutschen Wissenschaft nicht sonderlieb

zur Ehre. In „gewissen deutschen Kreisen" werde

mir weniger Beifall gespendet (allerdin gs, genau besehen,

eine sonderbare Vcrklausuliciung: „in gewissen

deutschen Kreisen). Neben solchen Winken mit dem

Zaunpfahle glaubt er darauf hinweisen zu müssen,

dass es Not thue, meine „aiigeb]iehen Funde" nachzuprüfen;

wenn ein Gelehrter Silditaliens über Echtheit

und Uncehtheit einiger Urkunden anderer Ansicht

ist, als ich, dann folgert er nicht daraus, dass ich von

der Sache vielleicht etwas mehr verstehe, als mein Recensent,

sondern, dass sich also doch auch bereits in

Italien das richtige Urteil Bahn zu hreeheii" scheine.

Wenn Cipolla, Sickels persönlicher Freund, ein Mann,

den ich nie gesehen habe, der als einer der ersten und

ruhigsten Kenner deutscher Geschichtslitteratnr bekannt

ist, wenn Cipolla eine äusserst eingebende Untersuchung

von Acta II anstellt und zu dem Ergebnisse kommt:

„Es wäre wünschenswert gewesen, dass dieser Teil der

alten Urkundenlehre seinen Begründer in Italien gefunden

hätte. Aber, wie dem auch sei, jeder wird ohne

Neid sich freuen, dass von Deutschland die Belehrung

kommt. Die Wahrheit ist eine einzige und die Wissenschaft

kennt keine Verschiedenheit der Nationen. « Wenn

Cipolla zu solchem Ergebnisse kommt, dann siebt 5. darin

nichts, als dass C. zahlreiche Schwächen und Fehler

aufdeckte." Er ist überzeugt, bei Fortsetzung seiner

Studien werde C. sicher anders urteilen. Ob S. nicht


- 21

ahnt, oder nicht ahnen will, mit welcher unsagbaren

Anmassung er hier eine Nation in ihren hervorragenden

Männern beleidigt und den deutschen Gelehrtenstand

im Auslande kompromittiert? Oder wenn er es ahnte,

gleichviel - ich soll niedergetreten werden, koste es,

was es wolle, das Ansehen des Gelehrtenstandes er

scheint als Nebensache. 5. ist so weit in seiner Vergewaltigung

gegangen, einem Gelehrten, und zwar eineiii

sehr nanihiaften, einfach anzukündigen, er würde eine

Schrift gegen ihn schreiben, wenn er sich meiner annähme.

Also, wer es wagt, meine Arbeiten nicht schlecht

zu finden, hat S. zum Feinde, hingegen, wer im Laufe

seiner Studien anders urteilt, wer diesem Urteile auch

äusserlich einen möglichst volltönenden Ausdruck verleiht,

der ist S,'s Freund. S.'s Gunst ist der Preis für jeden,

der über mich herfällt, - sehen wir, wer so charaktervoll

ist, den Preis zu verdienen.

Dies ist die eine Seite „Sickel'seher Methode," eine

zweite Art tritt darin hervor, dass er durch Massenhaftigkeit

von Vorwürfen wirkt und imponiert, etwa wie

Napoleon I. durch seine Reiterschwadronen. Wenn man

nun aber Vorwürfe macht, so wird doch wohl der

bescheidenste Mensch verlangen können und müssen, dass

man sie nicht einfach macht, sondern auch begründet,

zumal von jemand, der nicht ansteht, auf sieh selber

als „soliden Arbeiter" (p. O) hinzuweisen.

Da erfahre ich aber die sonderbarsten Dinge über

mich und mein Thun, ohne irgend zu wissen, woher

5. denn diese Kenntnis eigentlich schöpft. Gleich sein

zweiter Satz lautet: „P.-H. macht kein Hehl daraus,

dass er die Dip]omnatik als seine Spezialität betrachtet,

auf diesem Gebiete ausserordentliches geleistet zu haben

und alle Urkundenforscher alter und neuer Zeit weit


- 22

überflügelt zu haben meint". Wo habe ich denn je

diese Dinge gesagt? Oder p. 6: „Es bleibt nur der unberechtigte

Anspruch, Meister auf dem ganzen Gebiete

päpstlicher ja allgemeiner Urkundenlehire zu sein". Wo

habe ich diesen Anspruch erhoben? Ich glaube 5. als

Ehrenmann auffordern zu dürfen, diese seine Ausserungen

zu belegen, widrigenfalls müsste ich an jenen Papst

denken, der Sätze aus dem Buche des Jansenius verdammte,

die gar nicht darin standen, vielleicht auch noch

in anderer Weise gegen ihn verfahren. In obigem Tone

geht es nun fort, da heisst es, „vermeintlichier Reformator

unserer Disziplin,herausfordernder Ton, marktschreierische

ArÜ ii. s. w. S. dürfte mit Göthe meinen, wer vieles

bringt, wird manchem etwas bringen. Beim Reformator

der Disziplin scheint ihm eine kleine Begriffsverwechslung

vorgekommen zu sein, nicht ich, sondern Cipolla sagte

einmal in den Atti der Turiner Akademie: Der zweite

Band Acta P.-H.'s ist ein neuer Beweis, wie viel wir

erwarten können von diesem unermüdlichen und glückliehen

Sammler, der zugleich ein tiicht.iger Gelehrter

und erfahrener Kritiker ist. Er strebt dahin, sich zum

Wiederhersteller der päpstlichen Dipiomatik zu machen

und man kann wohl glauben, dass er es sein wir(P.

Was dann die oben angegebene „marktschreierische Art"

betrifft, so glaube ich getrost jedem Unbefangenen anheimstellen

zu dürfen, wer besser „marktzusehrcien"

versteht, ich oder jemand anders. Immer und immer

wird mir meine - kurz zusammengefasst - Unverscliiimthcit

vorgeworfen, ich schaue geringschätzig und

herausfordernd auf andere herab (p. 50) u. s. w. u. s. w.

. scheint jede eigene Meinun g als Ijnvcrschiiinitheit

iuzusehen, sonst wüsste ich mir seine Urteile kaum zu

erklären und ebensowenig, wie andereLeute sich genau entgegengesetzt

zu äussern vermochten. Arndt. z. B. sprach


- 23 -

von meinervielleieht zu grossen Bescheidenheit" (Zentralblatt

1880 p. 1652), und wenn man etwa glaubt, hier liefen

persönliche Beziehungen unter, so verweise ich auf die

deutsche Heeres-Zeitung 1884 Nr. 93, wo es von meinem

„Perikles" heisst: „Gerade darum mutet seine Bescheidenheit

an. Ich weiss nicht, wer dies geschrieben hat,

vermutlich ein höherer Offizier. Wenn aber ein solcher

und ein Urkundenforscher 1880 und 1884 über ganz

verschiedene Gegenstände so ganz gleichartig urteilen,

so nimmt man nach den Gesetzen historischer Kritik und

des gesunden Menschenverstandes bisweilen an, (lass wohl

etwas daran wahr sei.

Auf p. 6 wirft S. mir vor: „die päpstliche Kanzlei

steht P.-H. als einzige und gleichsam isolierte Erscheinung

da", auf p. 1 lasse ich mich dagegen über die verschiedenartigsten

Themata vernehmen; p. 2 beobachte

ich vorzugsweise unwesentliche Dinge, p. 1 stelle ich

mit „Vorliebe neue Systeme, Lehrsätze und Regeln auf",

also das höchste was möglich; p. 7 „die andächtige

Aufmerksamkeit auf das Kleinste zu empfehlen, muss

man fast Anstand nehmen", an anderen Stellen heisst

es, ich bin flüchtig, unaufmerksam etc. Man sieht, ich

kann thun, was ich will, es ist 5. nicht recht, er nimmt

nicht den geringsten Anstand, sieh in seinen eigenen

Aussagen zu widersprechen.

Auf p. 2 erfährt man, P.-H. hat nicht gelernt, in

echt wissenschaftlicher Weise das Material herbeizuschaffen;

p. 1 P.-H. hat uns reiches Material zugänglich

gemacht, p. 49 ist P. - H. zu flüchtig in der Herbeischaffung

des Materials. Ohne auf Dutzende von entgegenstehenden

Äusserungen einzugehen, führe ich nur

eine Arndts an: „Überall zeigt sich bei P.-H. ernstes

tief wissenschaftliches Streben, ein grosser Fleiss und

peinliche Genauigkeit in der Herbeischaffung des Mate-


- 24 -

riaIs (Zentralbl. 1880 p. 1652). - Auf p. 7 fehlt es

mir „überhaupt an Sinn für rechte Kritik", p. 50 bin

ich mehr als vom Drange nach Erkenntnis vom Ehrgeiz

beseelt, setze mich über alle Regeln und Errungenschaften

hinweg, lasse meiner Einbildung die Zügel schiessen,

und verfalle in unwissenschaftliche Art p. 48 habe ich

geringe Fähigkeit, klar zu denken und feinere Unterschiede

zu fassen, Suinina summarum p. 50 ich bin ein

Dilletant und zwar einer der schlimmsten Sorte. Merkwürdig,

dass dagegen z. B. Menzel urteilen konnte:

Man muss dem Verfasser zugeben, „dass er eine entschiedene

Befiihigung zu solchen diplomatischen Untersucliungen

an den Tag legt, dass er einen richtigen

Ruck für die mannigföelien grossen und klcineii Momente

besitzt, auf welche es ankommt und, dass er die püpstliebe

Diplomnatik wesentlich gefördert hat." Merkwürdig

auch, (lass S.'s eigenes Organ, die „Mitteilungen", sich

nicht zu hoch erachteten, ihre Spalten dem Dilettanten

zu öffnen, dass selbst die Berliner Akademie seine Arbeiten

unterstützte.

Gehen wir jetzt zu den Einzelheiten über. Ausdrücklich

verzichte ich hier auf den Kunstgriff der

„Stichproben", weil es schliesslich nicht schwer sein

dürfte, in fünfzig leidenschaftlich geschriebenen Seiten

Fehler aufzudecken. Ich stelle S. von vorne herein in

die günstigste Position und nehme seine Angriffe, so

weit sie wichtiger erscheinen und nicht etwa schon berücksichtigt

sind, hinter einander im einzelnen durch.

Auf p. 3 sagt er von Acta II, 101: „Der Abdruck

enthält schon in der Aren-a vier Fehler und ebensoviele

in (her kurzen Scriptuinzeile, von denen P.-H. nur einen

einzigen bemerkt und verbessert hat". Die Abschrift

wurde mir von dem bekannten Dr. Elze in Venedig

angefertigt, dem ich Grund habe Zutrauen zu schenken


- 25 -

und der dies auch bewiUirt hat, soweit seine Kenntnisse

reichten, (lass diese für den besonderen Gegenstand

gerade nicht genügten, konnte ich in Tübingen

nicht wissen. Es betrifft nämlich, wie ich aus einer

spiit er angefertigten Pause erkannte, altkuriale und deshalb

dem Nichtkenner schwer lesbare Schrift. Dass

dennoch Dr. Elze sein bestes get.han hat und soweit er

vermochte, sorgfältig vorgegangen ist, davon kann sich

jeder leicht Überzeu gen. Als ich die Abschrift erhielt,

sah ich, dass es sich in ihr um das zu dieser Zeit

in der päpstlichen Kanzlei nicht ungewöhnliche stark

ausgeprägte Vulgärlatein handelte, wodurch meinerseits

von vorne herein alle Korrekturen etc. ausgeschlossen

waren, wenn ich nicht absolut ins Blaue vorgehen wollte.

Vergleiche ich den Text mit der Pause, so finde ich

in der Arenga nicht vier Fehler, wie 5. sagt, sondern

ihrer zwei, von denen der einzig halbwegs korngierfiuuige

angedeutet ist, es steht „et', ich sage in der

Anmerkung richtig, ‚wohl ex. Der andere besteht

darin, dass digno' gelesen statt „digne", es gehört zu

‚petentibus und ebenso richtig wäre „digna" (würdige

Dinge bittende), aber gerade mit den Endungen geht es

bekanntlich im Vulgiirlatein sehr weitherzig zu, - wäre

es da nicht absolute Willkür, ein klassisches Latein herzustellen?

Würde 5. mir alsdann nicht vorgeworfen

haben, ich wüsste nicht einmal, (lass CS sich um Vulgärlatein

handle? In der Scriptumzeilc finde ich nicht mit

S. vier, sondern sieben oder (Rom' nicht mitgerechnet)

sechs Fehler, und unter ihnen gerade einen, wo der

Abselireiber das klassisch richtigere „Decembris" für das

dialectische Decembrio" las. Ich glaube meine Zurückhaltung

beweist hier die Kennerschaft.

S. meint dann, soweit er die Drucke von mir selber

kopierter Schriftstücke kontrolieren könne, seien sie im


- 26 -.

ganzen korrekt, aber die Bullen des 12. Jahrli. gehörten

zu den leichtesten Sehriftstiieken des Mittelalters und

die vorausgehende Kurinisdirift bedürfe nur einiger Übung

zum Einlesen. S. scheint nicht zu beachten, dass es

sich für mich als Editor von Papsturkunden gerade um

diese Dinge handelt, wenn er also, der fast krankhaft

nach Fehlern hascht, hier zugesteht, meine Drucke seien

„im ganzen korrekt", so hat er damit allen etwaigen

nachher absprechenden Urteilen den Boden entzogen.

Ob es übrigens nur „einiger Übung" bedarf, um alte

Kuriale sicher und schnell zu lesen, denn beides ist notwendig,

überlasse ich den Kennern zu beurteilen. Meine

mangelhafte Fähigkeit zum Paläographeii wird min trotzdem

nachgewiesen und zwar an zwei Urkunden des

Luceheser Archivs" (richtiger erzbischöflichen Archivs

in Lucca). Befrcmdlicherweise wird dieser Nachweis

mit der Erklärung eingeleitet, S. habe zwar beide Urschriften

nicht gesehen, handle abem' als Kenner. Der

Kenner spricht dann von longobardiseher Kimrsive, während

es sieh um eine weitergebildete eigenartige Lokalschrift

handelt, wesentlich verschieden von der grösserer

Nachbarorte; er weiss genau, was in der Vorlage

gestanden, kann sieh nicht darauf verlassen, dass das

Original eine Namenforin biete, die der Druck bringt etc.

Dann meint er auch wieder, ‚zu helfen ist da ohne

Einsichtnahme des Originals nicht". Das meine ich

auch und das wird jeder meinen; - was sollen dann

aber alle Erörterungen S.'s, die im besten Fall doch

nur auf Wahrscheinlichkeiten beruhen, die richtig sein

können, aber ebensogut falsch. S. stelle sich doch einmal

vor, ich verführe so gegen ihn, was würde er da sagen?

- Der Fall bezieht sich auf zwei Schriftstücke in überaus

starkem Dialektlatein, abgefasst in Formeln, die in der päpstlichen

Kanzlei nicht vorkommen und in eigentümlicher,


- 27 -

speziell Luceheser Schrift geschrieben. Da mir diese neu

war, und es jedem sein wird, (1Cr zuerst nach Lucca kommt,

so bat ich den meines Wissens besten Kenner Luechesischer

Schrift Cav. Sforza, meine Kopien zu kollationieren,

was er auch in meiner Gegenwart gethan hat.

In einigen Dingen wird S. recht haben, es kommt hier

eben auf Einsichtnahme der Originale an, in anderen

hat er es nicht. Wenn S. nun weiter weiss, ich habe

an dem „so entstehenden Unsinn" keinen „Anstoss"

genommen, so irrt er sich sehr. Ich habe mir sogar

die Mcm. Luecese, die sieh nicht auf der Tübinger

Bibliothek befinden, der beiden Urkunden wegen eigens

aus Stuttgart kommen lassen; -aber die Sache liegt,

wie mi vorigen Falle, nur noch potenziert: wir haben

Dialektlatein vor uns, wo soll da der Editor anfangen,

wo aufhören? Nach alledem glaube ich so gewissenhaft

gewesen zu sein, wie man nur verlangen kann und

stelle dem Leser getrost anheim, zwischen meiner und

S.'s Art der Gewissenhaftigkeit zu urteilen.

Jene drei eigenartige Stücke, zu denen noch ein weiteres

Luccheser mit wenigen Worten kommt, genügen für

S. Er fährt fort, dass Kopialurkunden an sinnstörenden

Fehlern besonders reich seien, (lass viele derselben den

Eindruck machen, als ob sie nicht in der Vorlage standen,

etc., (lass mich da „zweifelsohne" die Ilauptschuld treffe.

Ohne einen einzigen Beweis zu bringen, ohne die Vorlagen

zu kennen, begnügt S. sich für solche Vorwürfe

mit dem „Eindruck" und mit „zweifelsohne". Ich weiss

wirklich nicht, was ich da noch sagen soll. Wenn

S. Beweise in Händen hat, warum teilt er sie nicht

mit? er ist doch sonst nicht sparsam mit dem, was

sich irgend gegen mich verwenden lässt. Man könnte

deshalb fast vermuten, S. besitze keine Beweise, keine

sicheren Beweise, weil er ohne Kenntnis der Vorlagen


28 -

leicht Irrtümer geziehen werden könnte. Vorhin sagte

er selbst, meine Drucke nach „Kanzleiausfertigungen"

seien im ganzen korrekt, p. 6 sagt er, die Urkundenschrift

sei nur eine Abart der Bücherschrift, tl]atsiichlich

stehen sie sich im 12. und 13. Jahrh. so nahe, dass für

den Kundigen der einen nicht die allergeriugstenSchwierigkeiteu

für die andere existiert, - und doch sollen nun

die Abschriften nach Kopialuikunden schlecht sein.

In einer Anmerkung wird nur bei der Restitution

einer Urkunde vorgeworfen, es sei eine „ganz willkürliebe

und unverständliche Kompilation". Hat 5. die zwei

für die Sache entscheidenden Anmerkungen nicht gesehen,

oder hat er sie nicht sehen wollen? es heisst darin

.‚ut supra ll und „et cetera tit supra". Er meint, ich nähme

die Kompilation vor, „nur um ein Scheinrecht auf nochmaligen

Abdruck zu haben". Wie mein Iter zeigt, stehen

mir mehr als 1000 Urkunden zur Verfügung und da soll

ich noch nach einem Scheinrecht für eine Urk. aus der

Mitte des 12. Jahrhunderts, also aus ganz später Zeit,

suchen? Der Refrain ist wieder: ohne die Vorlage zu

kennen ‚ lässt sieh über das Einzelne nicht urteilen.

Noch die allgemeine Bemerkung, die Interpunktion sei

heillos und S. ist mit den Acta fertig, um in ein vollklingendes

Wehe auszubrechen; - wohl bemerkt, es

handelt sich uni ein Werk von 62 Bogen und 467 Nummern.

Nachdem der Palüograph tot gemacht ist, wird der

Diplomatiker vorgenommen. Auf p. 6 erfährt der Leser

alle möglichen Schauerdinge über mich, die schliesslich

darin gipfeln, iuiein Arbeitsfeld sei zu bescluriinkt, ich

hätte für andere als Papsturkunden kein Verständnis;

das hindert S. aber nicht, sofort auf eine meiner Arbeiten

über Nichtpapsturkunden einzugehen und später ausfuhrlieb

darauf zurückzukommen. Dies erscheint befremdlich,

wenn ich dafür ohne Verständnis wäre. Ich hoffe an


- 29 -

einem anderen Orte mehr über die Sache zu sagell, diesmal

erlaube ich mir nur die Befürchtung auszusprechen,

dass S. aus dem letzten Teile dieses Schriftcheiis den

Eindruck erhalten könnte, ich verstünde, auch von Kaiserurkunden

mehr als ihm genehm ist, zugleich befürchte

ich, dass er hier p. 6 einen schlimmen Beweis seiner

vielgerühmten Methode" geliefert hat.

In seinem Buche über das Otl,oniauum p. 22, 23 heisst

es: „Für die Verbreitung der Minuskel lassen sieh endlieb

auch piipstliche Bullen anführen. Nur muss ich, da

der bisherige Vorrat von Faesimiles ein geringer ist,

mich mit Ausfertigung etwas späterer Zeit behelfen. Mau

vergleiche also J. 2884, 3015 und 3080". Darauf bemerkte

ich in den Forsch. XX1V p. 576: .‚S.'s Berufung auf

päpstliche Bullen ist unzutreffend: vor dem Jahre 1000

lassen sich keine piipstlichen Urkunden in fränkischer

Minuskel nachweisen. J. 2884 ist kein Original, sondern

eine Nachbildung: nur in den für sieh zu behandelnden

I)atumzeilen kommt jene Schrift vor." Dies veranlasst

5. p. 6 zu der Äusserung: Bekritelt er da, dass ich mich

für die Verbreitung der Ninuskel in Italien auf Bullen

aus (1cm Ende des 10. Jahrhunderts berufen habe, so

hat er mich ‚ wie oft in seiner Flüchtigkeit, nicht verstanden.

Die Datumzeile habe auch ich in erster Linie

im Auge gehabt. Aber zugleich dachte ich an die einfachen

Buchstaben in den Contexten der damaligen Bullen".

.180: S. spricht ausdrücklich von ‚päpstlichen Bullen,"

er c.itiert solche, die nach seiner Ansieht die Minuskel

in dem ganzen Schriftstücke beweisen sollen, - meint

aber nur die Datumzeile. Und wieder nein, diese nur

in erster Linie, er denkt zugleich an „die einfachen

Buchstaben des Contextes" - was sollen denn das für

„einfache Buchstaben" sein? doch nur Minuskela, -. die

kommen ja aber eben nicht vor. Wenn S. wirklich die


- 30

Datumzeile im Auge hatte, warum citierte er denn nicht

die einzig hergehörigen Stücke Johann XV. für Dijon

(J. 3858) und Silvester II. ihr Puy (3906)? ') Ich kann

leider nicht umhin, hier zu vermuten, dass S. nicht auf

den Selirifiunterschied zwischen Oontext und Datum geachtet

halte (was auch die von ihm citiertenFacsimile

beweisen), dass er erst durch meine Bemerkung darauf

aufmerksam wurde, und (lass er nun seinen Fehlei mit

der obigen gewundenen Wendung von „in erster Linie"

und » einfachen Buchstaben" und vor allem mit meiner

.‚Flüchtigkeit" zu beaiiintelii sucht, da ich ihn oft nicht

verstehe, wie er versichert. Doch wir sind noch nicht

am Ende; im Bestreben, sein Vielwissen und meine Flüchutigkeit

recht deutlich zu zeigen, verschlimmert er seine

Sache noch durch die Angabe p. 6: Sonst hätte ich

doch genug andere Beispiele anführen können, wie etwa

das uni weniges jüngere Stück J. 3858." Wo sind denn

diese „genug andere Beispiele"? Es giebt deren ja kein

einziges. .J. 3858 ist auch keins, denn es führt alte

Kuriale im Kontext. Hm, um, wenn ein anderer und

nicht S. sich so etwas erlaubte, könnte man auf eigentümliehic

Gedanken kommen. Und Dorli sind wir nicht

zu Ende. S. zwingt mich, Dinge zu sagen, die ich in

meiner Arbeit über das Ottoniaiium umging, um ihn

nicht mehr zu verletzen, als der Gegenstand erforderte.

Wie wir oben sahen, berief S. sieh auf J. 3080. Diese

Urkunde weist nun aber in keiner Zeile eigentlich fränkische

Minuskel, sondern stets eine etwas beeinflusste

alte Kuriale auf, wie sich jeder aus S.'s eigenem Facaimile

in den Mon. Graph. X überzeugen kann. Er beruft sieh

ferner auf J. 3015 und um keinen Zweifel zu lassen,

1)

Die älteste Urkunde der Art J. 3714 ist erst durch

meine Specimina bekannt geworden.


- 31 -

citiert er noch Mariiii tab. 40, dieses Diplom ist jedoch

in reinster alter Kuriale geschrieben, ja, S. meint garnicht

J. 3015, sondern J. 3952. Das zeigt nun allerdings

fränkische Minuskel, ist aber bios grobe Fälschung').

Man siebt, was dabei herauskommt, wenn jemand sich

stellt, als ob er irgendwo genau Bescheid wisse, und

thatsächlieh im tiefsten Dunkel tappt, da rennt er gegen

die Wand.

An diesem Dilemma zwischen Schein und Wesen

kranken nun sämtliche weiteren Ausführungen S.'s, was

sich nur zu leicht beweisen lässt. Schon gleich in den

nächsten Sätzen. Da führt er p. 6 und 7 ganz gelehrt

aus, wie die Ingrossisten der päpstlichen Kanzlei ausgebildet

wurden, um meinen „falschen Vorstellungenentgegenzutreten.

Wie gesagt, die Ausführungen sind

ganz gelehrt und scheinen sehr plausibel, nur schade,

dass sie in jeder Zeile dem Sachverhalte widersprechen,

wie ihn sowohl die päpstlichen Originale, als auch die

römischen Privaturkunden aufweisen. Mit ein fach aus

den Fin gerngesogenen Behauptungen ohne jeglichen

Beweis durfte kaum gedient sein; leh habe mich mit

der Angelegenheit genau beschäftigt und werde sie

später an der Hand der Dokumente durchführen, vorläufig

verweise ich auf meine Specimina. Fast sollte

man p. 7 glauben, S. wisse nicht einmal, dass die Kleinbreven

gar keine Urkunden-, sondern Biieliersclirift aufweisen;

- dafür muss (Ianfl aber wieder meine „Einseitigkeit"

herhalten. Auf p. 8 Anm. 1 „1'.-H. will mehrere

tausend Originale in Händen gehabt haben. Ist dem

so, so muss eine sehr beträchtliche Anzahl auf die hier

nicht mit inbegriffenen Jahre 1154-1198 kommen".

1) Auch schon Löwenfeld, Reg. erkannte dies: non a suspicione

remota.


32 -

Daraus muss der Leser folgern, ich hätte ein biseheu

gemogelt, mehr angegeben, als ich wirklich gesehen

hätte. Unglücklicher Weise liegt die Sache aber wieder

einmal umgekehrt, ich habe weit mehr gesehen und

besitze mehr Pausen als ich sagte, was ich stets zu

beweisen bereit bin. S.'s Äusserung, es niiisste eine

beträchtliche Anzahl auf die letzten Jahrzehnte kommen,

ist entweder gemacht, weil er es nicht weiss, oder

nicht wissen wollte. Hätte er skli die -Mühe gegeben,

das progressive Anwachsen der Originale auf meiner

Liste seit Innocenz fl. zu beachten, hätte er nur Iter

oder Acta für die Frage näher angesehen, so würde er

sich obige Blösse nicht gegeben haben. Die Zahlen

mehren sich seit der Massenausgabe von Breven unter

Alexander III. ungeheuer, ich habe aus den 22 Jahren

von dessen Pontifikat allein weit über 1000 einzusehen

vermocht, neue Ausgabe von Jaff durfte hier fast

die doppelte Zahl aufweisen, wie die erste. Meine Angabe

in den Forsch. XXIV 572 lautet ganz allgemein

auf Papsturkunden mit Hinblick auf Purpuroriginale, erst

S.'s ‚.Metliode' ist es vorbehalten geblieben, sie mit

1198 abzuschliessen. Oder glaubt er in der That, dass

mir keine späteren in die Hände gekommen sind? Schon

aus Iter hätte er sieb vom Gegenteile überzeugen können.

Auf i• 8 wird mir vorgeworfen, dass ich meine

Liste der „Originalurkunden" aufgezählt habe, ohne

sie näher zu bezeichnen. Nach meiner Überzeugung

ist Name des Papstes, Adressat und Datum des Guten

genug; um so mehr, als ich hei den Breven, wo das

Datum ungenauer lautet, noch das Incipit dazu gab.

\rCflfl S. a10 sagt, ich hätte auch das Ineipit nicht geliefert,

so muss er sieh die Sache sehr oberfhiichilicli angesehen

haben, und wenn er weiter meint: wir müssten

uns der Mühe unterziehen, Stück für Stück festzustellen,


- 33 -

oh und wo es ediert sei, so kann ich nur erwidern, dass

er ja keine Papsturkunden ediert, bei ihm also diese

Mühe nicht weit hergewesen sein wird, dass es sich

hier überhaupt nicht um eine Editionsac.he handelt, sondern

einfach darum: vermittelst einer Formel, in der auch

nicht ein Buchstabe überflüssig ist, die einzelnen erhaltenen

Originalurkunden festzusellen. S. weist auf zwei

Urkunden hin, wo er nicht sicher zu sein glaubt, es

bei näherem Nachsehen aber sehr wohl hätte sein können,

meint dann, ihm sei unerfindlich, was es nutzen solle,

von Nr. 830 zu erfahren, wo der Nutzen auf platter

hand liegt, weil Grösse und erhaltene Pause des Schriftstückes

eben die „Nachbildung" erweisen, und schliesst

ohne jede weitere Schwierigkeit, ohne jeden Beweis damit.:

„zitiert jemand so schlecht oder auch so falsch wie

P.-F1., so kann man beim redlichsten Willen irregehen

un(l muss im vorhinein gefasst sein, mit billigem Triumphgeschrei

eines Irrtums geziehen zu werden." Wer sich

wohl in Wahrheit auf den Standpunkt des „billigen

Triump}igeschreics" stellt, und wenn der „redliche Wille«

S.'s nur nicht garzusehr auf dem Papiere steht? Dass

bei den tausenden und abertausenden von Zitaten, die in

Acta, iter, Urkunden etc. verstreut wurden, auch einige

falsch sind, daran zweifle ich am wenigsten, wenn 5.

aber dcii Vorwurf erhebt, so wurde ein wahrhaft „redlicher

Wille" es für billig errachten, sie nachzuweisen.

Auf p. 8-10 folgen die Auseinandersetzungen über

mein Verhalten zu Kalteiibrunner, wo jeder glauben

muss, ich hätte schändlich gegen den armen K. gehandelt,

als erstes Mittel" ihn herabzusetzen, diene mir, seine „Befähigung

zu bestreiten". Da 5. hier wieder ohne jeden

Nachweis redet, so muss ich ihn bitten, mir anzugeben,

wo dieser Fall vorliegt, sonst würde ich glauben, er

verwechsle mich wieder mit jemand anders, diesmal mit


- 34 -

l)ove, der sich in seiner Zeitschr, für Kirclienr. 188

p. 361 dahin äusserte: „Diese Beispiele genügen wohl,

um unser Urteil über die unzuiciehende Qualifikation

K.'s für die ihm übertragene Aufgabe ausser Zweifel zu

stellen. So schmeichelhaft mir persönlich solch' eine

Verwechslung sein muss, so kann ich doch nicht umhin,

mich dagegen zu verwahren, und bemerke deshalb gleich

hier, (lass nicht ich, sondern Dove es gewesen, der unter

(1cm Ausdrucke „einer vollständigen Umarbeitung" andeutete,

es sei eigentlich am besten K.'s ganzes 1l.egestenopus

einzustampfen. Von S. wird nicht gesagt, dass K.

und ich wesentlich unter gleichen Bedingungen arbeiteten,

sondern angedeutet, als ob ich viel günstiger gestellt

gewesen, während das Gegenteil der Fall. Dadurch, (lass

ich für vier grosse Werke ganz auf mich allein angewiesen

war, durch eine geradezu erdrückende Arbeitslust,

hatte ich nicht anniiliernd die Zeit zum Suchen, wie 1


- 35 -

meint S. doch wohl nur (las einer Stimme, das seiner

Schule. Es thut mir leid, dass ich demselben so wenig

Gewicht beizulegen vermag, S. sagt ja selber, ich habe

von D. „nicht das geringste gelernt". Das ist eine

der richtigsten Bemerkungen in seiner ganzen Schrift,

selbst " beim redliebsten Willen' konnte ich von D.

nichts lernen, sondern immer nur die thörichtc Meinung

hegen, bevor er urteilt und schreibt, soll er selber etwas

lernen.

Gehen wir zu der Einteilung meiner Urkunden über.

Es handelt sieh bei derselben um Einteilung rein nach

.\usscrhiehkciten ‚ nach bestimmten äusseren Merkmalen

vorgenommen, solche z. B. ob ein Diplom Rota irnd Mono.

gramm, ob es die Päpstliche Unterschrift aufführt, oder

nicht. Gerade die in Betracht kommenden Stücke der

mittleren Gruppen hat S. mit ganz vereinzelten Ausnahmen

niemals gesehen, woraus jeder andere folgern würde:

dann kann er in der Sache überhaupt nicht mitreden,

aber im Gegenteile, S. ist sofort damit fertig: ‚Die Verkehrtheit

der meisten Ausdilicke nachzuweisen, hiesse

eine Lehre der päpstlichen Urkunden schreiben.' Nur

Episkopalbullen, Kontraktballen und Konstitutionsbullen

geruht er zu berücksichtigen.

Da er nun kein einziges Stück von ihnen in Tliiiiden

gehabt bat, so bleibt ilini natürlich nichts, als von inneren

Momenten auszugehen ‚ also gerade von denen, die ich

vermeide und zwar, wie man unten sehen wird, aus dem

einfachen Grunde, weil dann überhaupt jedes Einteilen

aufhören müsste. Trotz dem ist S.s Ergebnis, es sei

ihm „unbegreiflich", dass ich von mir als Episkopalbullen

bezeichnete Stücke nicht „ebenfalls für Kontraktbullen"

erkläre. Sie „zweien" nur darin, „dass den

zwei Luceheser Urkunden eine dortige (Lu(Aeser Formel)

zu Grunde liegt, der anderen eine wahrscheinlich römi-

3


- 36

sehe". Hätte S. die Urkunden gesehen, so würde er

sieh vor solchen Aussprüchen gehütet haben: die Urkunden

„zweien" geradezu in Allem, was Formulierung,

mehr noch, was das Äussere betrifft: hier bleibt eigentlich

nur als einzige Gleichartigkeit, dass sie beide auf

Pergament und beide mit Tinte geschrieben sind. Die

eine zeigt Luceheser Schrift, ist auf schmalem, unten

sieh erbreiterndem nicht päpstlichen Pergamente geschrieben,

welches nicht umgeschlagen und nicht pitimhiert

wurde; die andere zeigt alte Kurialschri lt auf römischeni

Pergamente von gewöhnlicher Bullenform, unten

umgeschlagen und plumbiert. Jenes ist ein bischöflich

Lucoheser, dies ein rein päpstliches Diplom und die sollen

nun nach S. in derselben Gruppe zusammengeworfen

werden. Ohne dass er es ahnte, hat er hier dargethan,

wie richtig, wie einzig durchführbar die Einteilung nach

äusseren Merkmalen ist. Im Inhalte geht so vieles durcheinander

und ineinander über, dass sich nur einzelne

Gruppen ausscheiden lassen, was ich schon vor Jahren

in meinen „Urkunden der päpstlichen Kanzlei" eingehend

gethan habe.

Noch deutlicher tritt das obige bei den Konstitutionsbullen

hervor. Da findet S. (p. 13), dass es nahe gelegen

hätte, „von bischöflichen Konstitutionen zu reden",

wobei er leider übersieht, dass es eine spezifisch päpstliche

Urkunde ist, von bisehöflichi gar nicht geredet

werden kann. Jenes passt aber nicht zur zweiten Urkunde

und (p. 14) „erwägen wir schliesslich, dass diese

Urkunden auch formell nichts mit einander gemein haben,

als höchstens die nicht einmal in allen begegnende Subskription

des Papstes, so können sie doch nur von einem

unklaren Kopfe zu einer (ruppe vereinigt werden".

Würde ich S. mit. gleicher Münze dienen wollen, so

würde er etwas von ignoranten oder dergl. zu hören


- 37 -

bekommen, doch da ich den Ruhm in solchen Tonarten

zu reden, gerne meinem kundigen Gegner überlasse, so

bemerke ich mir: wenn er sich die Mühe gegeben hätte,

die Urkunden zu sehen, statt bloss über sie zu reden,

dann würde er gefunden haben, dass sie äusserlich alle

nach gleichem Schema hergestellt sind, was sich sogar

bis auf die angewandte Schriftart erstreckt. Ei' hätte

das Nähere hierüber schon in meinen Originalurkunden

p. 3 finden können, und wenn ihm das nicht genügt,

so erlaube ich mir, ihn auf die demnächst erscheinenden

Speeimina II zu verweisen.

Nur nebenbei sei die Methode" bemerkt, wie S. gegen

(las Wort „Konstitutionsbu11e polemisiert. Ich gebrauche

für diese eigenartige, scharf abgegrenzte Gruppe naturlieb

einen technischen Ausdruck, und der nach langem

Hin- und Ileriibcrlegen passendste erschien mir in dein

Worte Konstitution zu liegen, weil die Päpste sie selber

gern als „constitutio" bezeichnen. Da „konstatiert" S.

nun, dass es einmal nicht, (lass zweimal „coustituere"

und zweimal „constitutio ll vorkomme, wobei er in seinem

Eifer Nr. 650 noch übersehen hat, wo „eonstituta angewendet.

Also das Verhältnis ist wie 5 zu 1, und

trotzdem wird mir vorgeworfen, ich müsse 651 „flüchtig

überlaufen" haben. Dass nicht andere Worte daneben

vorkommen, habe ich nirgends und nie bestritten, aber

keines von ihnen ist gleich brauchbar, ja S. gesteht (lieS

selber ahnungslos ein, indem er von Nr. 650, wie wir

oben sahen, als von bischöflicher „Konstitution" redet.

Dabei wirft er mir aber vor, ich „bekritel& (p. 6).

Auf l)- 15 heisst es in den erteilten Ratschlägen, es

„muss ausdrücklich gesagt werden, dass die Päpste auch

noch in anderer Eigenschaft, denn als Oberhäupter der

Kirche geurkundet haben, dass es somit auch nicht aus

der päpstlichen Kanzlei stammende Urkunden derselben


0 -

giebt". Das wird mir geraten, der gerade ich so scharf,

wie noch niemand zu scheiden suchte, der ich in Original-

Urkunden p. 3 äusserte: „Episkopalballen sind solche, die

vom Papste als Bischof einer anderen als der römischen

Kirche ausgestellt sind und deshalb auch die Äusserlichkeiten

der bischöflichen Kanzlei zeigen." Ich habe also

längst (las festgestellt, was S. haben will, und dabei

„konstatieit" er fröhlich weiter, wirft mit Ausdrücken

wie „Blendwerk" und „Spielerei" (p. 15) umher, als

wenn es Zuckerbrötchen wären, gicht selbstgefällige

Winke über Dinge, die er gar nicht beurteilen kann,

weil er sie mit keinem Blicke gestreift hat etc. etc.

Ich glaube deshalb auch billigerweise von weiterer

Rechtfertigung abstehen zu können, bisher und mehr

noch in der Folge erwecken S.'s Ausführungen nur zu

oft den Eindruck, als ob er selber nicht daran glaube,

als erfolgten sie nur, uni cl)efl gemacht zu werden.

Nur noelj ein Fall. S. fährt fort: Die Einteilung ([er

Überlieferungsformen durch Pfl.-H. in Originalausfertigungen,

Scheinoriginale ( Originalnachhildungen) und

Kopialurkunden habe ich anfänglich nur als eine Kuriosität

betrachtet" etc. Folgen lange fulminante Erörterungen,

worin es heisst (p. 21), dass meine Dreiteilung,

die ich zu einem neuen Glaubensartikel machen möchte,

eine ganz verfehlte" sei, ich stünde „mit meinen Vorstellungen

ganz vereinzelt da etc. Sonderbar, dass ich

nicht allein dastehe, sondern unter anderem jemand zum

Genossen habe, der Theodor Siekel selber ist. In der

Einleitung der Dipl. p. IX z. B. sagt er, nachdem er

von der Edition der Originale gesprochen hat: „dass

Naeli'zciclmungen von Diplomen oder Urschriften von

Fälschungen gleich den ächten Originalen zu behandeln

sind, liegt auf der Hand. Aber auch auf die nur in

Kopien erhaltenen Stücke habe ich zum Teil dasselbe


39

Verfahren angewandt. Ich weiss nicht, ob man noch

deutlicher zwischen Originaleu, Originalnachbildungen und

blossen Kopien scheiden kann? Dass ein Stück, welches

mit den Ausserlielikeiten eines Originals, selbst mit

dem Siegel, versehen wurde, eines, welches beansprucht,

original zu scheinen und (loch keines ist, dass dies anders

behandelt werden muss, wie eine harmlose Kopie,

liegt so auf flacher Rand, geschieht auch von Sickel

selber so fleissig (z. B. Dipl. ii. 26, 35, 0. 195, 451 u, a.),

dass gar nicht darüber geredet zu werden braucht. Nun,

kurz und gut, p. 15 macht 8. einen Strich und wir machen

auch einen. Des guten ist genug und in Zukunft werde

ich 5. noch öfters zu begegnen wissen.

Hier möchte ich nur noch ein bischen mit S. in anderer

Richtung rechnen. Während er mir so ziemlich alle

Fähigkeiten abspricht, wird niemand an seinen eigenen

glänzenden Gaben für objektive, gründliche Kritik mehr

zweifeln, niemand wird glauben, er halte nicht die Grenze

zwischen Wissen und Meinen inne, niemand, dass aus

seiner Art der Beurteilung anderer eine masslose Selbstüberschätzung,

(lass aus der Art, wie er sich seit Jahren

gegen einen Mitarbeiter verhielt, auch noch andere Eigenschaften,

wie Neid, Hass, Brutalität etc. hervorblicken, .an

alle diese Dinge wird natürlich niemand bei Sickel denken,

wohl aber, dass er ein ungewöhnlich gediegener Arbeiter,

dass seine Leistungen über jegliche Ausstellung erhaben

seien, zumal über Ausstellungen von seiten jeniandes,

der sich einseitig und ausschliesslich mit ein paar Papsturkunden

beschäftigt und keine Ahnung von dem hat,

was sonst in der Urkundenwelt vorgeht und vorgegangen.

Gewiss, das wird jeder denken, und man mag deshalb

das Folgende nur als verzweifelten, aber a priori vergeblichen

Versuch auffassen, nun meinerseits S. etwas

am Zeuge zu flicken. Im Krieg ist das ja so Sitte und


- 40 -

ich befinde mich nach S.'s öffentlicher Erklärung im

K riegszustan dc.

Tu meinem Thun will ich mich nun nicht bei kleinen

Abfallarbeiten aufhalten, da könnte es ja selbst S.

einmal geschehen, einen Fehler zu machen, sondern ich

gehe sofort auf seine letzte, als besonders hochstehend

erachtete Hauptleistung, die Mon. Germ. Dipl. ein, Ich

beschränke mich wesentlich auf Thatsachen, bespreche

keine Urkundentexte. die der Editor nicht selber, sondern

ein anderer abgeschrieben hat, beurteile keine Texte,

die ich nicht sicher beurteilen kann, weil ich die Vor-

Jage nicht kenne, und mache keine „Stichproben", weil

sie hei einem 'Werke von mehreren hundert Nummern

unbeweisend sind. Ich weiss sehr wohl, dass unter diesen

neben vortrefflichen Texten fehlerhafte stehen können,

weil die Umstände, unter denen sie abgeschrieben wurden,

verschieden, in eineni Falle vielleicht sehr ungünstig

waren: etwa schlechtes Licht, persönliches Unwohlsein,

absolutester Zeitmangel, fortwährende Fragen eines Arel]ivars

und dergleichen mehr, alles Dinge, an die ein

lezcnsent hinter seinem Tische nicht (lenkt, die aber

vielleicht gerade entscheidend wirkten. Ich setze S. von

vorne herein in die günstigste Lage, die überhaupt möglich

erscheint, folge ihm in ein Archiv, worin er ungestört

und mit den grössten Hilfsmitteln arbeiten konnte, in

das Reichsarchiv zu München, und prüfe da seine Originaltexte

hintereinander weg, wie sie in den Diplomata

stehen.

Die erste Münchener Urkunde ist gleich die erste

des Bandes Dipl. Nr. 1, Dazu muss bemerkt werden:

.‚quasdam res', steht „sdam res" auf Rasur, von Sickel

übersehen; „magnis et" steht „is" und der letzte Teil

des n" auf Hasur, von S. übersehen; „antecessorum"

steht „so" auf Rasur, von S. übersehen, videlicet regum


- 41 -

seu imperatorum" steht „delicet regum se . . mperatorum"

auf Rasur, von S. übersehen: (s)uiqucL vielleicht, sicher

„suceessores talem" auf Rasur, und zwar auf äusserst

plumper eines Wortes mit hohen Oberlängen, die nicht

wegradiert wurden, so dass ihrer vier noch sichtbar

blieben. Von allein dein S. nichts bemerkt, und trotzdem

stellt seine Einleitung an die Spitze aller Facherörterungen:

„In der Bearbeitung des Stoffes hoffe ich mit

meinen Mitarbeitern geleistet zu haben, was bei dein

jetzigen Stande der Urkundenwissenschaft in deutschen

Landen von uns erwartet werden kann." Und apodiktisch

heisst es später (Einl. VI): ich habe „in den Noten

über jede Nachitragiing, Rasur und Korrektur berichtet".

Das zweite Miinebener Original ist Nr. 9. Anm. a:

„div. dcni, auf Rasur, zuvor cletnentia re.0 Wohl

jeder andere Editor hätte „divina clementia" ganz drucken

lassen, denn auf Papierersparnis wird sonst nicht in den

Dipl. gesehen, ausserdem lässt sich nicht sicher angehen,

was früher stand, nur die Rasur einer Oberlänge lässt vielleicht

auf ein 1 schliessen das äusserste wäre nach unserer

Ueberzeugung gewesen: vielleicht vorher .clementia rex".

Anm. b: „zuvor wahrscheinlich iuris nostri." Es ist

nichts mehr ersichtlich als eine volle Rasur, am Schlusse

derselben könnte ein o gestanden haben, was gegen S.

spräche. Anm. e: „silvis auf Rasur." Unrichtig, nur

eine Oberlänge über (]ein ersten u-Schafte ist wegradiert.,

durch welche teilweise das 1 berührt wurde. Anm. d

„letzte Buchstaben auf Rasur." Unrichtig, das Pergament

nur ein wellig abgescheuert, wie gleich dahinter in ',par,

und „pro" und sonst oft. Anm. e: „predicta auf Rasur."

Ungenau: nicht nur „ predieta", sondern auch das davorstehende

„ad" auf Rasur. Anm. h: „das erste d auf

Rasur,' Unrichtig, nur der hintere Schaft des „d" auf

Rasur, dafür „a" ganz, „1 "fast ganz auf Rasur. Anm. i:


42 -

„zuvor scheint sich unmittelbar an DCCCC indition angeschlossen

zu haben. Ganz unwahrscheinlich, weil das

Anfangs-i ein langer Buchstabe zu sein pflegt (auch hier

hei indition), die Basur aber nicht die einer Oberlänge

zeigt.

Alsnächste Nummer haben wir Nr. 20. „serenissimi",

das „r" oben auf Rasur, ursprünglich wohl „n", von S.

übersehen ; „pro mercede", der herabgehende Abbrevitarschwung

des „p teilweise auf Rasur. Auch hätte bemerkt

sein sollen, dass das Pergament dieser Urkunde

zu knapp berechnet war. In den Acta gab ich mir die

Mühe, etwaige abweichende Namensformen guter alter

Kopien (hier 11. Jahrhundert) mitzuteilen, weil sie mitunter

wichtig weiden können, S. erachtet das hier nicht

für nötig. Es hat A. Ehlinrat, B. Ellinratli, A. Elliiiratae,

B. Ellenrate, A. Puiiiiinchiova, B. Pniiiiichiova,

Dennoch aber liest mau in der Einleitung unter den Erörterungen

über Kopieen die Versicherung (p. IX.): „Des

weiteren habe ich ... alle Schreibungen der Eigennamen

in den Noten angeführt".

Nr. 22. hier 1 :i,-st zunächst die Art des Zitierens

zu wünschen. Es ist nur gesagt: Originaldiplom (A);

erst unter den Drucken: Pez aus B. Was ist B? Da

muss man die älteren Urkunden für S. Enimerarn nachsuchen,

um zu sehen, dass mit B. ein Chartular gemeint.

Doch steht man erst am Anfang, weil man hei der

Ordnung des Chartulars nicht weiss, wo das Stuck eingereiht?

Ich musste ihn deshalb von vorne an durchsuchen,

um schliesslich auf Fol. 47 die Urkunde zu

finden. Naturgcmiiss hätten hier beide Quellen registriert

werden müssen, und dass ihr Fehlen nicht auf Übertriebener

Gründlichkeit beruht, wird durch Nr. 20 erwiesen,

wo beide Zitate nebeneinander stehen, erhellt

aus der Einleitung des Werkes (p. II), der zufolge im


43 -

ersten Absatze über die handschriftlichen Quellen, deren

Beschaffenheit und Fundstellen Rechenschaft gegeben werden

soll. - Zuin Texte übergehend: von .‚inde steht „de"

ganz und der hintere Teil von „n auf Rasur, von S.

übersehen. In der Kanzlerzeile „omon und der untere

Teil des Monogramms auf Rasur, von S. übersehen; wohl

bemerkt: bei einer Urkunde, worin 2114 Fetitzeilen wegen

eines übergeschriebenen „ii" für nicht zuviel erachtet wurden.

In der Königszeile zeigt „sigl1llln" wesentlich schwerere

Hand als „donmni Chuonradi", es scheint fast, als habe

jene auch das Monogramm gezeichnet. Der Urkunde ist

ein Beiblatt angefügt, über das S. sagt, es rühre von

gleichzeitiger hand her. Obwohl ich nun von S. erfahren

habe, ich verstünde von solchen Sachen nichts, kann ich

doch nicht umhin, S.'s Angabe für sehr unwahrscheinlich,

(las Beiblatt für jünger zu erklären. Gegen S. zeugen

der Duktus, die Oberlängen sind, nur leicht gebogen,

einmal ein ft in doppelt geschliingelter Verbindung, die

f haben Rundschnörkel, das c hat nur im ersten Male

einen Aufsatz, dann ohne solchen. Dies deutet darauf,

dass der Schreiber anfangs mehr antikisieren wollte, es

dann aber aufgab. Für jüngere Zeit spricht auch die

Form „Suizibach", der Text des Originals hat „Sulzipach"

der des Charttilars auch Sulzibach" wie das Beiblatt.

Das in A. übergeschriebene „hoc" fehlt in B.

Nr. 28. Anm. b: „Das Pergament des Originals ist

hier und an andern Stellen durch Reagentien so gebräunt,

dass die Schrift nicht mehr zu entziffern ist."

Mit so allgemeiner Notiz dürfte einer exakten Ausgabe

nicht gedient sein, es hätte präzis gesagt werden müssen,

an welchen Stellen jenes der Fall. Sonst: „unum talem"

steht „ta" auf Rasur, von S. übersehen; „areolis" das r"

oben weggescheuert, wohl auf Rasur; „sigillari" das „a"

auf Rasur, von S. übersehen.


- 44 -

Nr. 29 bietet in den Angaben über die Schreiber

zu Bedenken Anlass, worüber unten das Nähere.

Nr. 34 ist die erste Urkunde, die so ediert worden,

als man es in den Mon. und von 5. erwartet,

Nr. 35. Anm. a: „corr. aus Uuirzih.", mich dünkt,

es lässt sieh nichts weiter sagen, als dass das „c"

(Unircib) auf Rasur steht. In Anm. c würde ich gesagt

haben, corr. wohl aus eonstat", es ist wahrscheinlich,

aber nicht sicher. In antecessorihus" ist das „t"

durch Rasur und Korrektur hergestellt , von S. übersehen.

Anm. (1: a dunetis auf Basar." Unrichtig steht nicht

auf Basar, sondern nur ganz Wenig in der Oherbinge

des ersten c" radiert, dafür befindet sich aber vor den)

" a (4 unbeschriebene Rasur, - ein besonders deutlieber

Beweis, dass S. nicht ordentlich zusah.

Nr. 36. „(negoti)ationis mercatuni" au!' Basar, von

S. übersehen. Anm. g: „ubi auf Basar, zuvor pei'pe."

Dafiir gar kein fester Anhalt, sicher ist nur eine lange

Unterliingc und dahinter eine kürzere. Uuillibaldus"

auf Basar, von 5. übersehen. Anm. k: „t nachträglich

eingeschoben," Ungenau: es handelt sieh nicht um ein

eigentliches „t u, welches eine Schleife fährt, sondern nur

um einen Strich, der an die Zunge des „e" geht; „silvi

maiorihus," steht „ib' auf Rasur, von S. übersehen; Eihstatensis"

steht „ei" auf Basar, vielleicht von der Tinte,

die Funcina' nachtrug, (las in tensis" offenbar

durch Korrektur hergestellt, befindet sich ganz dicht

am „n, beides von S. übersehen.

So steht es mit den nenn Originalurkunden Konrads

I. im Münchener Reichsarchive, - anders, wie

wohl mancher erwartet hat. Auf die Heinrichs 1. und

Ottos 1. gehen wir hier nicht in gleicher Weise ein.

Wenn man nach Analogie schlösse: sie würden nicht

sorgfältiger als die Konrads ediert sein, so träfe man


- 45

bezüglich der Ileinrichs ziemlich das richtige, die Ottos

sind im ganzen besser. Nur als Andeutungen lassen

wir noch je ein Stück der beiden Herrscher unterlaufen.

Für Heinrich nehmen wir Nr. 19. „venerabiIis,

das zweite n e", eiii Teil des „n l und r" auf Rasur,

von S. übersehen; „visus est in villa lluosenhova", steht

„e" und ein Teil des „s von „est" auf einer grösseren

Rasur, von S. übersehen; Anm. a: .‚letzte Buchstaben

auf Rasur." Falsch, das ganze Wort, ausser den Enden

längerer Oberlängen auf Rasur. Anm. c: Husa in,

auf Rasur. Ganz ungenau: es steht: „in villa Husa in

page Ougiskeuue" auf Rasur; „Cumperti et" steht »et"

grösstenteils auf Rasar, von S. übersehen; „comitum

nostrorum Arnolfi et Heberhardi" auf Rasur, vielleicht

von anderer hand und Tinte, und das konnte S. überscheu!

über pleniorcni ist ein Abbreviaturzeichen wegradiert,

von S. übersehen. Die Rekognitionszeile scheint

andere, weniger rotbraune Tinte, als (1cr Hauptkörper

aufzuweisen.

Für Otto mag Nr. 29 dienen: » fideles", zwischen

f" Und .‚i Rasur; „genitricis" unter t" Rasur einer

Unterlänge; „ad mouasterium quod", sind u" und „o"

von „ quod" ganz, i" und „d" teil weis auf Rasur, alles

von S. übersehen. Anm. c: „ videtur, die letzten Buchstaben

auf Rasur", hätte präziser heissen sollen „etur

auf Rasur,

Andere Texte verzichte ich zu berücksichtigen, weil

ich mir Pulver für später trocken halten will, bemerke

nur noch, dass solche Dinge, die S. mir als Zeichen

schlimmster Flüchtigkeit anrechnen würde, bei ihni auf -

fallend häufig sind; ich meine solche, wo er nicht

übersah, sondern sah, aber ungenau oder unrichtig sah.

Nur eines, Nr. 432 Anm. d: „nachdem W. B. zuerst aut'

geschrieben hatte, radierte er dies Wort, setzte hiefür


- 46 -

XXX ein und trug V über der Zeile nach." Das sieht

nun äusserst korrekt und zuverlässig aus, ist aber leider

durchaus falsch, denn XXX steht gar nicht auf Rasur,

sondern es findet sieh nur eine Rasur hinter dem letzten

X und V über diesem lezten. Der Schreiber hatte offenbar

erst eine andere Zahl als V geschrieben, die er dann

als unrichtig erkannte. Dies ist schon an und für sich

wahrscheinlich und wird irneli durch Nr. 433 vom gleichen

Tage bestätigt, wo sich die V hinter XXX ebenfalls

auf Rasur befindet, was für S. wieder nicht existiert.

Mancher wird denken, hier steht Zeugnis gegen

Zeugnis, S. sagt so, 1'.-H. sagt so, S. ist bisher als Muster

von Genauigkeit bekannt gewesen, wird also recht haben

wer so denkt, sollte nicht vergessen, dass noch ein dritter

Zeuge vorhanden, ein stulnim-heredter, bei dem er sich

Gewissheit erholen kann: die Urkunden. Wahrscheinlich,

dass man einige nicht absolut s icherzustellende Dinge

gegen mich verwendet, möglich, dass mir alles oder das

meiste in der Hoffnung abgestritten wird, die Dokumente

wurden wenige einsehen, und der es thiue, werde nicht

wagen aufzutreten, deshalb: audacter calumniare! Es ist

dann nur zu bedenken, dass alles eine Grenze hat, selbst

die Geduld des autoritätanbet,ende ii Deutschen, selbst

die des furchtsamsten Gelehrten. Oder, um mit S. zu

reden, man wird „mit Triunipligesehrei" verkünden, wie

recht der Meister habe, dass ich ein Kleinigkeitskriimer

sei, alles, was ich beigebracht hiitte, seien Lappalien.

Darauf erwidere ich, dass meines Wissens die Sickehianer

stolz gerade auf' ihre Exaktheit in Kleinigkeiten waren,

dass sie meinten, und mit Recht, eine Edition bestehe

aus Kleinigkeiten, in ihrer zuverlässigen Handhabung

beruhe der Wert einer Edition, das werde ich antworten,

und zugleich, noch zu erhärten suchen, dass mir die Eigentümlichkeit

inne wohnt, auch anderes als Rasuren zu sehen.


- 47 -

Eine der Hauptsachen uni Wertobjekte der Diplomata,

auf die S. mit besonderer Gcnugthuuiig zu blicken

scheint, ist die genaue Angabe dessen, der die Urkunde

geschiiebcn hat. Es sieht so schön präzise aus, .‚geschrieben

von B. A.", ‚geschrieben von W. IL", wie

kundig muss da der Editor sein, wenn er das alles weiss.

Leider fallen mir dabei nur S.'s Worte ein (p. 15), es

ist ein „Versuch, der eine Spielerei ist und bleibt, nebenbei

ein Blendwerk für die unserem Fache Fernerstehenden".

Wohl bemerkt, es handelt sich nicht um einen Ausspruch

von mir, sondern von 5., und darum trugt er auch dessen

Gepräge; ich würde mich vorsichtiger ausdrücken, etwa

so: Mit der Angabe eines oder mehrerer Schreiber der

Urkunde wird etwas angestrebt, was sich nicht sicher

durchführen lässt, im ganzen um so weniger sicher, in

eine je spätere Zeit man kommt. Aber auch schon in

der ersten Kaiserzeit liegen die Verhältnisse derartig,

dass man sich oft mit einem „wahrscheinlich " oder gar

„vielleicht" begnügen sollte, falls man nicht über das Ziel

schiessen und dadurch unzuverlässig werden will. Beweise:

Konrad Nr. 9 und 20 sind nach Sickel von ein

und demselben Schreiber ausgeführt. Nun zeigt sich

aber die Schrift in 20 zierlicher, die Buchstaben sind

von vorne herein dichter zusamnmengedriingt, die Oberund

lTntcrlängen durchweg mehr gestreckt, ausserdem

tritt geringere Sicherheit zum Vorseheine, die zweite Zeile

hat grössere und stärkere Buchstaben als die dritte.

Ganz besonders zeugen gegen den gleichen Schreiber

die f, sie sind in 9 mit Flachsehnörkeln, in 20 einfach

mit Haken versehen, die g und die grossen 5 sind liiihen

und drüben verschieden, in 9 ist wenig, in 20 viel abbreviert

etc. Danach wäre ebenso möglich, beide Urkunden

rührten von verschiedenen Schreibern her.

Auch 22 und 28 sollen von gleicher Hand geschrie-


en sein. Dagegen spricht: das Ohrismon, welches

hier und dort ganz verschieden, ebenso der Ansatz von

Schwiingen der Oherlängen, in 22 führen die g stets

schlanken Hals, in 28 sind sie fast ohne Hals und auch

in der Unterliiiige weniger gestreckt, in 28 öfters geschwänzte

e, die in 22 nie vorkommen, Besonders deutliebe

Unterschiede treten in der Gitterschrift hervor, das d

ist verschiedenartig eingerollt, das verbundene „et" verschieden,

das e in 28 eingebuchtet, in 22 nicht, die f in

28 gewöhnlich mit Schnörkel, in 22 stets nur mit Haken

versehen, das das Wort iguum" einleitende 5 beidemale

total verschieden, auch wohl die abweichenden tironischen

Noten wären zu beachten u. s. w.

Nr. 34. 35. 36 sind vom gleichen Schreiber ausgeführt,

Sickel nennt ihn B, stets das gleiche Chrismon

und Rekognitionszeichcn ohne Noten. Vergleichen wir

die Schrift nun aber etwa mit der der Unterschriften

von 29, die auch von B. herrühren soll, so finden wir

die grössten Verschiedenheiten: das einleitende S hat

29 oben Seiten-, in den anderen Aufschwung, das g

ist 29 stärker eingebuchtet, das d abweichend eingerollt,

das c in 29 nicht, in den übrigen stets eingebuehtet,

das II ist 29 ein hoher, sonst ein kurzer Buchstabe, das

o ist 29 stets ohne, in den anderen stets mit Aufsatz

etc. etc. Dazu kommt, dass die Gesamtschrift

in 29 schmäler ist, dass die Oberlängen 29 regelmässig

nach links ausgebuchtet zu sein pflegen, während sie in

den drei gerader heruntergehen. Das schliessende Zeichen

in 299 ist ein einfacher Punkt in der ersten Zeile, in

der zweiten, wo das „et" folgt, steht nichts, in dcii

anderen dagegen in beiden Zeilen regelmässig ein verstärkter

Siiulenpunkt. Und das alles soll der gleiche

Schreiber machen? Wo hört da Gleichheit auf uiid wo

fängt Verschiedenheit an?


- 49

Gehen wir zu Heinrich I. über. Nr. 14 und 19

sollen gleicher hand angehären; die von 14 erweist

sich aber sicherer. Die Buchstaben der ersten Zeile sind

breiter in 14, die d dort hüben und drüben ganz verschieden.

Ebensolche Unterschiede zeigt die Minuskel.

In 19 sind die Unterlän gen durchweg stärker gebogen,

die f bald mit Haken bald mit Schleife, letztere das gewöhnlichere,

wogegen die von 14 stets nur Hakn führen

und kürzere Oberlänge aufweisen etc.

Noch viel verwickelter werden die Dinge mit den

zahlreichen Urkunden Ottos 1., wo die Grenze des

Sicheren bisweilen vollständig aufhört. Ich habe meine

Beweise dafür in Händen ‚ sehe mich aber nicht veranlasst,

sie schon hier mitzuteilen; S. wird es hoffentlich

nicht daran fehlen lassen, dass auch sie gegen ihn

zeugen müssen. Für diesmal genügt es, die Bedenklichkeit

des Sickelschen Vorgehens überhaupt zu kennzeichnen.

Je mehr wir uns in den Gegenstand vertiefen, desto

augenfälliger tritt die gleiche Erscheinung zu Tage, die

wir schon oben bei der Textedition beobachteten: S.

ist nicht gründlich genug auf das Äussere der Urkunden

eingegangen; bei intensiverer Arbeit wird man da

weiter kommen und je weiter man gedeiht, desto unsicherer

wird oft der Boden werden. Gerade Sickels apodiktische

Sicherheit spricht gegen ihn, - ich frage es

jeden, der sich eingehend mit Schriften beschäftigt hat.

S. wirft mir (p. 7) mein Messen bis auf den Millimeter

vor, er weis, dass ich über kleinlicher und unnützer Arbeit

die Vergleichung der Urkunden untereinander nach

ihren wesentlichen Merkmalen versäumt habe. Es fragt

sich sehr, ob ich bei meinen Millimetern nicht auf

festerem Boden stehe, als S. bei all' seinen apodiktischen

Sätzen, ob eine Angabe wie Bleisiegel Nr. 10, Monogramm

Nr. 5e, Rota Nr. 7d nicht die Intensität einer


- 50 -

Vergleichung zur Voraussetzung hat, von der S. noch

weit entfernt steht. Ich bin selber nur zu sehr in Versuchung

gewesen, in den Acta auch nach Schreibern zu

sondern, habe aber dann entschlossen inne gehalten,

wo die Linie des absolut Sicheren und Beweisbaren aufhört.

Gerade solche Enthaltsamkeit gilt bisweilen als

Zeichen der Reife.

Und wohl bemerkt, bisher prüften wir nur da, wo

S. sich in günstigster Lage befand. Nun aber rührt

ein sehr grosser Teil der Dipl. nicht von ihm selber her,

sondern wurde von ganz verschiedenen Leuten bearbeitet,

teilweise von Leuten, denen schlechterdings noch nicht

die genügende Er1ilirnng zur Seite stehen konnte, um

über die schwierigsten Fragen ‚ wie gleiche Schreiber

und Tinte zu urteilen. Es wurde dann von einigen wichtigeren

Stücken der Urkuntlen Pause genommen und

nach denen bestimmt. Bekanntlich gehört zum guten

Pausen eine ausgesucht sichere Hand und grosse Übung

und andererseits stehen sich die Schriften teilweise so

nahe, dass nicht einmal unmittelbare Vergleichung der

Originale unter einander genügt, geschweige die nach

mehr oder weniger gut ausgeführten kleinen gepausten

Stücken. Trotz alledem heisst es schlank weg, geschrieben

von dem und dem. Wie weit dürfen wir da solchen

auf ungenügender Vorarbeit beruhenden Angaben trauen?

wie weit können die Herausgeber selber ihnen trauen,

wenn sie sich ehrlich fragen?

Und nun gar, wo es sich innerhalb der Urkunden

bisweileu um verschiedene Schreiber handelt, zu deren

Erkenntnis selbst ein jahrelang geschultes Auge nicht

genügt. Was ich hier sage, mag in das rechte Liebt

treten, wenn ich wieder zu S. zurückkehre und auf

einige seiner Angaben über verschiedene Schreiber einzelner

Stücke eingehe.


- 51

Nehmen wir einen besonders sicher erscheinenden

Fall. Konrad Nr. 9. 1 Chr. und S. H. von S. A.".

Das ist bei dein Clirismon offenbar aus seiner Gestalt,

hei (1cm Rekognitionszeiehen aus den tironischen Noten

bestimmt. Aber die verschiedeneii Schreiber sind weit

entfernt davon, je für die Chrisrrien bestimmte Formen

zu lIal)eu. Unter Heinrich 1, z. B. auf IJrk. die Siekel

auch von 5. A. herrührend angieht, findet sieh das

z-Zeichcn, welches unter Konrad bei S. B. auftreten soll.

Und nicht anders verhiilt es sich mit den tironisehen

Noten, schon in Kr. 1 und 9 ist (las nach Sicke.l entsclieideude

erste Zeichen verschieden. Nr. 22 und 28

sollen nach Sickel beide von S. B. herrühren und doch

sind auch nicht zwei der je vier Notenzeichen gleich.

Nach Tinte und Mache ist bei unserer Nr. 9 kein genilgender

Grund abzusehen, warum jene beiden r1CilC

von einem anderen Schreiber als die übrige Urkunde

herrühren müssten.

Nr, 22. Es erscheint möglich, (lass die Datierungszeile

nicht, von der hand des Konskriptes ausgeführt,

die Schrift ist leichter, die Behandlung der Oberlängen

in der Datierung schlanker, ebenso die des hinteren

Aufstrichs des Abbreviaturzeichens, auch das g ist eleganter

und nach unten gestreckt.

Nr. 28. Oh das liekognitionszeielien erst im Augenblike

der Besiegelung gemacht, dafür existiert kein Beweis;

ebensowenig lässt sieh entscheiden, ob es von einer

dritten Person herriilirt; beides wäre möglich, weiter

darf man aber nicht gehen.

Nr. 29. Iii wiefern das „et" und Rekognitionszeichen

einem drittenSchreiber angehören, sollte dahingestellt

bleiben; möglich wäre, es rührte von dein her,

dcii Siekel S. B. nennt, der das Eingangsprotokoll schrieb;

das „et" ist so gebildet, wie das dort vorkommende.

4


- 52 -

Auch erweist sieh fraglich, oh der Schreiber, der die zweite

Hälfte der ersten Zeile schrieb, mit dem der Konskriptniitiuskel

identisch war, die Feder scheint spitzer und

härter gewesen zu sein, die Schleifen der Oberlängen

laufen erst ausnahmelos in kleinem Hackehen aus, (las

nachher nur noch vereinzelt vorkommt, das p ist hier

und dort wesentlich verschieden und wieder je unter

sich gleich. Nicht unmöglich wiire selbst, dass der,

welcher den zweiten Teil der ersten Zeile eintrug, auch das

Rekognitionszeicheii, das Tages- und Monatsdatum machte.

Apodiktisch sicher lässt sich hier nach meiner Überzeugung

nicht vorgehen.

Heinrich Nr. 14. Warum das Chrismoii, die zwei

ersten Worte und das Reeognitionszeiehen von S. B.

herrühren sollen, ist mir nicht sicher erfasslich. Der

Ductus und die Buchstabenformen im Clirismon und den

zwei Worten entsprechen durchaus den Übrigen, die

Tinte ist die gleiche, ebenso die Zeichnungsart des Rekognitionszeiehens,

das et sieht etwas dünner aus, ist

aber in der Tinte verblieben, die tiron. Noten entsprechen

denen von 5, 6, 7, 10, 14.

Fliemit mag es zunächst genug sein. Jeder Unbefangene

wird zugestehen, dass es öieli am die denkbar

schwierigsten urkundisehen Fragen handelt, die iii der

Weise, wie die Man. hergestellt sind, nicht ziiverliissig

gelöst werden konnten.

Nach alledem wird man sieh auch nicht wundern,

dass ich in vielen sonstig wichtigen Dingen nicht mit S.

übereinzustimmen vermag. Heinrich Nr. 28 erklärt er für

Original, ich halte es für Originalnachbildung von vielleicht

Poppo C. (Kaiserurkunden 1, 23) und zwar für

eine ziemlich schlecht geratene. Sickel lässt mehrere

Ausfertigungen inKlöstern entstanden sein, auch das

kommt mir bedenklich vor; es fragt sich, ob wir in


ihnen nicht Diplome von seltener vorkommenden Schreibern

(woran nach den Mon. kein Mangel ist) oder bisweilen

gar nur Scheinoriginale vor uns haben. Inder

Einleitung zu Konrad L sagt Sickel : „Indem Salomon

A. unter Heinrich 1. zu rekognoszieren ermächtigt wurde,

erfahren wir, (lass dieser Notar Simon heisst". Nun aber

zeigt sieh z. B. die ilekoguitionszeile von Konrad Nr. 1

und Heinrich Nr. 5 von gleicher Hand geschrieben, die

eine weist Oudalfiid advicem, die andere Simon adviceni

auf, wie erklärt sich (Icun das? Es ist damit doch noch

keineswegs sicher, (lass Simon beide selbst geschrieben

habe, sondern es könnte für ihn ein untergeordneter Beamter

thiätig gewesen sein.

Was S. in derselben Einleitung vom Rekognitionszeichen

sagt, ist in sofern nicht genau, als es sich nicht

bloss uni dies, sondern auch um das davorstehende „et"

handelt (vgl. auch Sitzungsber. 1879 p. 700). Ferner

lässt sich absolut kein ausreichender Beweis dafür erbringen,

„dass es wohl erst im Augenblicke der Besiegelung

gebildet wurde"; schon praktisch ist dies unwahrscheinlich.

Uns scheint die Sache mehr so zu liegen:

der Schreiber wusste selbstverständlich die Stelle, wohin

ungefihr das Siegel gehörte und richtete sich bei der

Raumverteilung danach ein, doch nur sehr allgemein:

in Nr. 20 steht „et" und Zeichen ziemlich in der Mitte

zwischen Kanzlerzeile und Siegel, in Nr. 22 dicht an

ersterer, weit vom Siegel, in Nr. 1 verdeckt (las Siegel

etwas vom Zeichen, viel verdeckt es Nr. 29, wo ganz

besonders deutlich, dass das Zeichen ohne Berücksichtigung

des Siegels gemacht, weil „et" weit auseinander

gezogen und dadurch der Raum für das Siegel zu knapp

wurde. Bisweilen steht „et" mit der Kanzlerzeile auf

gleicher Höhe, bisweilen etwas höher, bisweilen etwas

tiefer. Man könnte meinen, S. sei der Sache mehr schein-


- 54 -

bar als wirklich auf den Grund gegangen, was auch

von dem Sitzungsberichte 1879 p. 700, 701 Gesagten

gilt: ein Musterstück einer auf Unfertigkeit beruhenden

Unklarheit.

Ferner berichtet Sickel in der Einleitung: „So oft

S. A. das Zeichen lieferte, versah er es mit Noten, die

ohne tiroiiisch zu sein, doch noch regelniiissig genug

gebildet sind, um eine Entzifferung zu ermöglichen und

zwar wiederholte er in der je ersten Note den zuvor in

Buchstaben ausgesehriebenen Nanien des Recognoszenten".

Ein Vorgang, der Sitzungsber. 1879 p. 701 noch dadurch

an Bedeutung gewinnen soll, (lass er wohl mit der

Besiegelung zusammenfiel. „Die anderen Schreiber verzichteten

entweder auf Noten oder zeichneten sie ohne

alles Verständnis beliebigen Vorbildern nach'-. Es thut

mir leid, dies als ungenügend, vielleicht gar als unrichtig

bezeichnen zu müssen. Un genügend schon deshalb, weil

in einer Ausgabe wie der der Mon. keine allgemeinen

Ausserungen, sondern nur mi Einzelnen genau präzisierte

zulässig sind. Von dcii mir bit originale oder in den

„Kaiserurkunden" vorliegenden 11 Stücken sind 4 ohne

Noten: K. 20, 34, 35, oG, also wesentlich Stfieke aus

der letzten Zeit Konrads. Gleiche Noten kommen gar

nicht vor: die letzten 4 Zeichen sind gleich in Nr. 1, 6,

9, 14, nur dass 14 keinen Querstrich im ie1zU.n Zeichen

führt. Von 14 ist das erste Zeichen in dci- Abbildung

nicht mehr erkennbar, in den anderen jedesmal anders,

alle drei nennen gleiehmiissig Oudalfrid als Rekognoszenten

und doch soll je die erste verschieden gebildete

Note diesen gleichen Namen wiederholen. Wie stimmt

das zusammen ? Nr. 9 weist im Grundbuchstaben ein

S. auf, welches ziemlich sicher mit Salonion aufzulösen

ist, von Oudalfrid kann gar keine Rede sein. Unter

Heinrich1. kehren in b, 6, 7, 10, die alle von gleicher


- --

Hand herrühren und Simon in der Kanzlerzeile nennen,

die gleichen vier letzten Noten wieder, während die erste

fast doch nicht ganz Konrad Nr. 9 entspricht, in 14 (Ije

gleichen Noten, wo Sickel das Zeichen nicht vom Konskriptschreiher

herrühren liisst, und in 20 wieder ebenso

(hier eigentlich ganz wie K. Nr. 9), wo nach Siekel

ähnliche Umstände obwalten.

Von kundiger Seite wurde mir mitgeteilt, die letzten

vier Noten seien aufzulösen: „uoLarius seripsi et subseripsi",

wonach sie zunächst Überhaupt nichts mit dem

Bekognoszenten sondern mit dem Schreiber der Urkunde

zu thun haben, das Zeichen für „recognavi" ist ein r (z. B.

Otto 44). Sickel muss also die Dinge durchaus oberflächlich

angesehen haben, oder - die Noten gar nicht

lesen können ; ja, wenn er sie ganz und sicher zu lesen

vermöchte, warum löste er sie dann nicht auf und teilte

sie im Driwke mit, wie er es auch mit den Abbreviaturen

hielt? Ich kann nicht umhin: - die Geschichte kommt

mir verdächtig vor. Wenn aber obiges richtig wiire -

dann - ja dann hätte S. gerade (Teil formellsten Anhalt

für seine Schreiber nicht erkannt, oder doch nur insofern,

als thatsiicllhicller Schreiber, thatsiicluhicluer Unterfertiger

und nomineller Rekognoszent gleich waren.

Ganz abweichende Noten begegnen uns in Konrad 22,

nach Sickel von B. geschrieben, Salomon in der Kanzlerzeile

nennend; wieder andere (in einer Note an die erste

Gruppe, in einer anderen an die zweite erinnernd) in 29,

wo das Zeichen von einem dritten Schreiber herrühren

soll, in der Kanzlerzeile aber wieder Salomon steht; und

abermals andere, ganz kleine, führt 28, wo das Zeichen

wieder einer dritten Person zugeschrieben wird und

wieder Salonion in der Kanzlerzeile genannt ist. Nach

S.'s Äusserung sind es Noten, „die ohne alles Verständnis

beliebigen Vorbildern' nachgezeichnet wurden.


- 56 -

So sicher scheint mir dies nicht zu sein: Schon an und

für sich muss es befremden, dass man in der kaiserlichen

Kanzlei, worin man notenkundig war, ohne ersichtlichen

Grund wirkliche Noten neben bedeutungslose Schnörkel

gesetzt haben sollte, doch immerhin kann es bei unkundigeren

Schreibern vorgekommen seh und ist vorgekommen;

sie pflegten dann aber nur Schwünge zu

setzen, die jeder leicht als blosse Verzierungen erkannte

(z. R Heinrich, 19, 28) hie und da weiter zu gehen, wie

vielleicht (K. 28, 0. 126), oft den Raum für die Noten

einfach frei zu lassen. Wichtiger ist folgende Erwägung:

In 22 uiid 29 haben wir Noten von bestimmtem Gepräge

Vor uns. Unter den Ottonen kommen in der gleichen

Zeile neben sicher gedeuteten solche vor, die meines

Wissens noch nicht zuverlässig erklärt sind, unter ihnen

eines, z. B. das zweite von 30, 33, 44, welches stark

an das zweite von Konrad 29 erinnert. Dies dürfte zur

Erklärung genügen, dass die Sache noch ihres Abschlusses

harrt, und die Annahme etwas für sich haben, dass

5. wieder einmal zu weit ging, dass er die Noten

welche er nicht zu entziffern vermochte, mit der ihm

eigenen apodiktischen Sicherheit .‚ ohne alles Vcrständnis

über Bord warf. Es wäre sehr wünschenswert, dass

von unabhängiger, kundiger Seite, die Frage untersucht

würde. Dipl. p. 37 sagt S.: „Simon bleibt der

Gewohnheit treu, so oft er unterfertigt, auen die Note

für seinen Namen in das Hekognitionszeiehieu einzutragen".

So weit ich sehe, sind ausnahmelos alle Zeichen der jeweiligen

Rekognition von gleicher Hand gemnaht, nirgends

ist die Namennote für sich gezeichnet. Oder verstehe ich

S. wieder falsch? Wenn es der Fall, so mag der Leser

entscheiden, ob mein,, unklarer Kopf', oder Sickels klassisches

Deutsch daran schuldig. Auch Sickels Ausdruck,

es handle sich um Noten, die nicht tironisch seien (ohne


-

tironisch zu sein") erscheint mir zweifelhaft, sind es denn

etwa Musiknoten?

Statt einiger mehr oder weniger willkürlicher Mitteilungen

hätte in die Einleitung ein knapp und scharf

gezeichnetes Bild von dem Entwicklungsgange der Kanzlei

gehört, eine Reihe von Fragen hätten präzise ins Auge

gefasst werden müssen, die sehr wohl in Betracht kornwen

können, so z. B., oh das Monogramm nicht bisweilen

früher als die dazu gehörige Unterschrift gemacht vorden,

was z. B. in Konrad Nr. 21 irnd 35 der Fall zu

sein scheint, während es in 22 aus so schwerfälligen

Strichen besteht, dass es ziemlich sicher von der Hand

herrührt, die das Wort signumL schrieb. Eine Frage

ist, 01) der Vollziehungsstrich, hezw. die Schenkel in der

Monogrammrautc, dem Herrscher selber zuzuschreiben

sind oder nicht. Bisweilen sind diese Schenkel zitterig

und dünn, wie in Nr. 1, dann wieder schwerfällig

und schmierig, wie in '20, 22, dann glatt und sicher,

wie in 29. Das scheint auf verschiedene Personen

zu deuten, auf Bevollmächtigte, wie wir sie auch in der

päpstlicher Kanzlei nachweisen können, nicht auf die

als Regel aufgestellte persönliche Teilnahme des Herrschers

(Sitzungsber. 1879 p. 706). Kurze Erörterung

hierüber hätte ebenso in die Einleitung gehört, wie etwa

die über das Rekognitioriszeichen etc., denn S.'s Beiträge

zur Diplomatik sind keine solche Muster von Übersichtlichkeit,

dass der Suchende leicht in ihnen finden könnte,

und nach dem meisten würde er auch dort vergeblich

fahnden. Wohl bemerkt, nicht die Untersuchung wird

gefordert, nur kurz irnd präzise das fertige Resultat; in

ihrer jetzigen Gestalt sind die Einleitungen nicht Fisch

und nicht Fleisch',sie sind ungleich untereinander; obwohl

die zu Otto 1. gehörige nicht weniger als acht

eng gedruckte Quartseiten umfasst, treten die äu.s-


- 58

seren Momente darin noch mehr zurück, als in den

früheren.

Auf die Diktatoren und vieles andere gehen wir

hier noch nicht ein, bemerken nur noch, dass die Übertriebenen

zahlreichen 1111(1 starken Abkürzungen bis auf

einen Buchstaben mitunter geradezu unertriigl ich wirken,

z. B. „nur das M. und das S. U. sind von der Hand des

W. B." (Otto 430); ‚während in 13. obiges D. auf 1). 0.

364 folgt" (272); Diktat des S. A., während das im Kopialbuch

B. naehgczeirhnete S. II. auf S. 13. als Schreiber

schliessen lässt" (K. 27). Dies wird geradezu Manie, wenn

mau in gcwöhnlicheni deutschen Texte, wie auf p 323

Papst in P. verkürzt, man sinkt damit glücklich wieder

ins Mittelalter zurück. Jeder Unbefangene wird zugeben,

dass dies eine Jlieroglvphenmetliode ist, die (las Buch

für andere Sterbliche als blosse Fachdiploinati ker äusserst

schwer benutzbar macht und auch den Fachleuten unnötigen

Kraftaufwand zumutet. Die Methode ist um so

weniger vollkommen, als sie eines eigenen Schlüssels

zur Auflösung bedarf, dci- aber nur unvollkommen und

schwer findhar gegeben ist (Einl. i- V, VJ), als mit den

gleichen Buchstaben oft ganz verschiedenes gemeint wird,

oben z. B. heisst 5. II. signunt recognitionis, 5. B. Schreiber

Salomon 13., wiihrend S. 1. s.igillunu impressum bedeuten

soll. Nr. G Z. B. soll DD. = Diplouuie, C. D. = Codex

Diplomaticus sein, während S. D. Schreiber Salonion D.

etc. etc. Mich dünkt, ein unglücklicheres System hätte

gar nicht erfunden werden können, es sieht aus, als habe

man nach Gelehrsamkeit gehascht, als habe mau das

ganze in eine gelehrte Staubwolke hüllen wollen, die

der [uielageweihte nur mit frommem Schauder betreten

kann. Hinzu kommt, dass man nicht einmal konsequent

verfuhr, es sich bitter rächt, dass Sickel das primitivste

für eine solche Edition: eine feste, unwandelbar einge-


- 59 -

haltene Terminologie nicht kennt. Z. B. K. Nr. G lesen wir,

Simon zeichnete das Chrismou; in der niiehstcn, geschrieben

von S. A. = Salonion A, dieser gute Salomon A soll

nun aber wieder derselbe Herr sein, der eben vorher

Simon hiess. Oben lasen wir Chrismon ‚ anderemale

steht wieder bloss Ohr., und so geht es weiter. In Otto

Nr. 59 ist von einer „königlichen Unterschrift" die Heile,

in den Kaiserurkunden (ITT, 15) ist von derselben Sache

gesagt „die das Handmal begleitende Zeile", in Heinrich

Nr. 1 und Otto Nr. 365 „die Zeile der königlichen

(kaiserlichen) Unterschrift", Nr. 37 „die Unterschrift des

Königs", ich weiss nicht, 01) iiiail noch weiter in der

Unsicherheit gehen kann, zumal wenn man bedenkt, (lass

es sieh gar nicht uni eigentliche Unterschrift des Königs

handelt, dass dieser nichts, sondern nur der Kanzleischreiber

damit zu thun hat, und dass neben dieser

Untcrsehrift des Königs" entsprechend gebraucht wird

Rekognitionszeile" (z. B. 37). Jeder, der sieh vorher

alle diese Dinge ilberlegt, und daS soll ein Editor

der Monumenta und Kaiserurkunden, wäre mit grösserer

Bestimmtheit vorgegangen; warum sagt man nicht einfach

„Königszeile" und Kanzlerzeile oder dergleichen,

aber, das wiire wohl eben zu einfach. In Konrad 13

heisst es Diktat des 5. A., in 28 nach Konzept des S. A.

Sind hier Diktat und Konzept gleichwertig? oder meint

Siekel, einmal habe Sin]on nur mündlich diktiert und

einmal ein schriftliches Konzept vorgelegt? Das wiire

dann so ziemlich das höchste der Diplomatik. Dazu nun

gespreizte und bei den Haaren herbeigezogene Ausdrucke,

an Stelle von ganz gewöhnlichen, z. B. Konrad 32 „Vorakt",

Heinrich 39 ‚.Epoclieiitag", Otto 15 „da es des

Vollzieliungsstriches darbt etc. Oder direkte lJnrichtigkeiteu,

z. B. p. 323, wo von einem Papste Fasehiahis Il.

die Rede ist, während Paschahis 1. gemeint wird, p. 3241


- 60 -

wo gesagt worden, dass es bei dcii Pakten Brauch war,

Vervielfältigungen anzustellen, ciii Brauch, den Sickel

in diesem Umfänge erst für (las Ottonianum erfunden

zu haben scheint. Oder Tleinrieli 31.- Erste Zeile von

P. A. Kontext von P. 8." Das wäre richtig, wenn erste

Zeile und Eingangsprotokoll bczw. Vorrahmen sieh deckten,

es ist falsch, wenn, wie hier, der Kontext tief in die erste

Zeile hineinreicht. Aber woher koniint das? Siekel kann

sich mit seineni technischen Apparate gar nicht genügend

ausdrucken, er kann damit nicht einmal die hausbacken

gcwälnilichisten Dinge genau formulieren. Bevor da über

mich, der ich mkhi iii dieser Beziehung in jahrelangem

Durchdenken abquälte und schliesslich habe., was ich

brauche, bevor da über mich mit Ausdrucken wie

disch" abgesprochen wird, sollte man doch den Balken

im eigenen Auge erkennen. Auch ungenaue Citate kornmcii

in den Dipl. vor, z. B. 256 und 269 ist von Reggio

die Rede, während es bekanntlich deren zwei giebt:

Reggio nell' Eniihia und Reggio Calabro. Oder p. 137

heisst es: „woran ich auch gegenüber ITarttung Dipl.

bist. Forschungen festhalte." Hier fehlt die Seitenangahe,

die loch sonst z. B. p. 423 gesetzt worden. Aber allerdings,

in jenem Falle handelt es sieh um mich, in diesem

um andere Gelehrte.

Wenn Sickel die gewälinhiehusten Schreibfehler im

Texte wiedergiebt, auch solche, die vorn Schreiber,

wenn er sie bemerkt hätte, sofort verbessert worden

wären, so tritt darin eine Adoration der Schreiberseelen

hervor, die ihnen nur zu teil zu werden scheint, weil

sie längst verstorben sind. Jedenfalls sollte dann der

Adorierende konsequent sein und die Seelen gleich behandeln

‚ aber wo bleibt die Konsequenz, wenn wir

Nr. 340 lesen : „Die Schreibfehler haben wir auch im

Texte stehen lassen, wenn Buchstaben inmitten der


- 61 -

Wörter ausgefallen sind, haben sie aber verbessert, wenn

die Endungen der Wörter davon betroffen werden.'

VerständIieh" zu sein, ist doch sonst nicht gerade Sickels

schwache Seite.

Jeder noch so verlegene Druck, jedes noch so gleichgültige

Regest wird angegeben, So weit es zugiiiiglich

war, ohne dass sich absolute Vollständigkeit erreichen

liess, dafür zeigen sich aber gerade die Dinge, welche

der 1)urclischnittsbenutzcr braucht: eigentlich historische

und erläuternde Anmerkungen, konsequent weggelassen.

Dies mag (liC Weihe des Buches erhöhen, aber nicht die

Nutzbarkeit, nun gar, wo neben den Mon. bekanntlich

die Regesteu in neuen Auflagen laufen, die ganz die

gleichen Citate enthalten oder enthalten werden. In die

Regesten gehören sie hinein, bei den Mon. kann mau

mindestens zweifelhaft sein, jedenfiulis dürfte kein Grund

vorliegen, dieselben Dinge zweimal zu drucken. Da

sie in den Regesten nicht wegbleiben können, so hätten

billigerweise die Rcgestennuniinern in den Mon. genügt.,

um so mehr, als die Drnekiiacluwcise nicht selten viel

Raum einnehmen. Ich fürchte nur zu sehr, dass spätere

Geschlechter sagen werden, last 1 /io des Raumes sei mit

einer möglichst gründlichen Makulatur angefiilhl.

Und nun noch Schlusse zum die Ungleichheit, womit

bisweilen die gleichen Dinge behandelt sind: Otto

274 erfahren wir, „da das Pergament kaum ausreichte,

musste ei den Schluss gedrängt schreiben, die beiden

Unterschriftzeilen unmittelbar all das letzte Wort an

schliessen, und nm Raum für das Siegel zu erübrigen,

die vorletzte und drittletzte Kontextzeile verkürzen" etc.

Wenn wir solche An gabenlesen, dann müssen wir voraussetzen,

dass überall dort nichts besonderes vorliege, wo

nichts gesagt. Wie würden wir uns aber mit solch'

einer Annahme irren. Konrad 20 z. B. ist nichts gesagt


- 62 -

und (10011 liisst sich dort beobachten: das Pergament

war zu knapp berechnet, weshalb die Schrift gegen

Ende immer dichter zusammengedrängt wurde. Die

Königszeile wurde früher als die letzte Konskriptzeile

geschrieben. Beweis: das zusammendrängen der Worte,

die Oberliinge des (1 von (lo1I1n j " durchbricht (lic letzte

Konskriptzeile und ihretwegen wurde zwischen „im-

J)ressione" und ‚sigillari" ein grösserer Raum freigelassen

; „inssinius" ist zusammengedrängt, um nicht in

die Oberliingc des ii von ‚.CI]uonradi zu geraten. Damit

wird dann ferner fraglich, ob die beide,i Unterschriftzeilen

vorn Schreiber des Konskriptcs licrrälireii.

Zwei scheinen fast hellere Tinte autuweisen, nicht unmöglich,

dass sie und das Clirisrnon von der gleichen

Person herrühren. Von alledem erfahren wir in den

Diplomata nichts, dagegen kommt S. in den Sit.zungsber,

1879 p. 706 kurz auf die Sache zu sprechen, uni aus

ihr, dem einen Falle, zu folgern: dass damalsdie Schreiber

zuweilen Pergament mit iJaterseh riften in Bereitschaft

gehalten hätten, was sich in dieser Formulierung nicht

annähernd beweisen lässt; und ferner: dass die Unterschriften

für sieh allein noch nicht als Vollziehung galten,

was wieder nicht erst gefolgert zu werden braucht,

sondern sich von selber aus dem Vollziehungsstriche,

dem Rekognitionszeieheii und Siegel ergiebt. Umgekehrt

stehen in Konrad Nr. 29 die Uiiterscliriftzeilen wieder

übertrieben weit ab vorn Konskriptc, wodurch auch

die Datierung nach unten gedrängt ist, der Schreiber,

der die 2 Zeilen früher setzte, als das Konskript ausgefüllt

wurde, wollte für diesen möglichst viel Platz lassen.

Auch von diesen Einzelheiten erfahren wir durch Sickel's

„Nachdem" etc. nicht annähernd genügendes. In Otto

126 wurde das Siegel offenbar früher aufgedrückt, als

das Konskript beendet und die Unterschriftzeilen berge-


- 63 -

stellt waren, denn (liC vorletzte Zeile bricht etwas oberhalb

des Siegels mit „tiostra" ab und fast in I)oppelzeilenabstand

folgt, wieder vorne beginnend, der liest.

Die Königs- und Kanzlerzeile stehen tiefer, unterhalb

des Siegels; hätte man das llekognitionszeichen dicht

dahinter gemacht, würde & in das Siege] geraten sein,

weshalb es in grösserem Abstande zwischen Siegel und

rechte Kante gestellt wurde. Alles Dinge, voll

Sinke] in den Diplomata nichts bemerkte.

Die Urkunden Otto 431, 432, 433, bieten äusserlich

etwas sehr beachtenswertes. Niinilich: sie wurden erst

ganz geschrieben ‚ auch mit Ortsangabe versehen ‚ doch

je eine Lücke für das Datum gelassen, die dann mit

anderer Tinte und hand gleichzeitig ausgefüllt und von

derselben Hand auch ih zwei Fällen mit einem nur

fluichtig angedeuteten liekognitionszciclien (einmal verblichen)

versehen wurden. Der Verbindun gsstrich im

Mono-ramme könnte einmal abweichende Tintezeigen.

Daraus folgt nun, 1. dass Datuiii und Niederschrift der

Urkunden nicht in allen drei Fällen ziiammcnsti1nmei1

können, denn es ist als sicher auzuiiehnien, dass die

drei Diplome nicht an einem Tage fertiggestellt wurden,

2. dass es fraglich erscheinen muss, ob Datum und Ort

zu einander gehören, ob man bei dem bald erfolgenden

Tode des Kaisers nicht etwa gar zurückdatierte. Dies

sind Betrachtungen, die hillgerweise jemand hätte anstellen

sollen, der 53 Seiten allein über die Datierung

der Diplome Ottos 1. abgehandelt hat (Sitzungsber. 1883

i. 13l-1S4).

Soviel jedenfalls dürfte klar seit!, wenn ein unwissender

Dilettant, wie ich, derartig tiefe Schwächen

in den Diplomata findet, ja sie sich ihm geradezu

aufdrängen, so kann es mit ihrer Mustergiltigkeit

nicht allzuweit her sein. Vielleicht werden sie in


- (34 -

nicht zu ferner Zeit in vielen Dingen als Muster gelten,

wie man solche Editionen nicht machen soll. Wäre ich

Sickel, würde ich mit ihm (Bella p. 5) sagen: „wir

können nicht früh genug gegen tberschiitzung von Th.

Sickel Verwahrung einlegen und darthnn, (lass seine Arbeiten

uns nicht sonderlich mir Ehre gereichen." Doch

So weit will ich auch hier nicht gehen, nur auffordern

möchte ich ihn, mir in den Acta einen Fall, ich sage

auch nur einen einzigen, anzuführen, wo ich mir bei

normaler Sachlage solche Dinge zu Schulden kommen

liess, wie Sickel gleich in seinem ersten Diplome.

Und dann ist zu bedenken, Sickel arbeitet unter den

(lenkbar giinstigsten Verhältnissen: von verschiedensten

Seiten, zumal von Stumpf und Ficker, waren wichtige

Torarbeiten geliefert, ihm stehen bedeutende Geldmittel

zur Verfügung, ein grosser Einfluss, weitreichende gesellschaftliche,

und wissenschaftliche Beziehungen, eine

ganze Schiaar direkter und indirekter Mitarbeiter, eine

vortreffliche Bibliothek. hingegen musste i(-,ii meine

Acta machen als Privatdozent, ohne Stellung, ohne Geld,

ohne genügende Bibliothek, ohne eigentliche Textvorarbeiten,

nach der veralteten Ausgabe von Jaffs Regesten,

einzig auf mich und meine Kraft angewiesen, so gut

wie alles, was für die Edition in Betracht kam, erst

selbst und allein erarbeitend. Dass ich demnach hie

und da irrte, nicht immer das höchste erreichte, ist so

sicher, als, dass ich Mensch bin, und ich schäme mich

meiner Menschlichkeit nicht. Hätte Sickel Irrtümer

ruhig itiid verständig berichtigt, so würden die Wissenschaft

und ich ihm zu Dank verpflichtet sein, wenn

er aber statt dessen aus Mücken Elephanten macht, und

selbst da, wo er fhghich allen Grund hat zu schweigen,

sich als Autorität benimmt, wenn er hei fast krankhaftem

Suchen schliesslich so wenig Positives beizubringen ver-


- 35 -

mag und dieses wenige durch persönliche Beleidigungen

wirksam zu machen sucht, so sagen mir laut seine 50

enggedruckten Seiten: du befindest dich auf breiter Strasse

von sicherem Grundgestein, du gehst auf rechtem Wege,

lass dich nicht irren, - und jubelnd schallt das Echo

zurück aus den Stössen der Materialmassen, die ich in

ehrlicher Arbeit, im Schweisse meines Angesichtes und

unter unsäglichen Entbehrungen gesammelt habe. Jene 1000

augenverderbenden Pausen, die ich eigenhändig zeichnete,

die mehr als 1000 langweiligen Beschreibungen, die ich

eigenhändig schrieb, sie haben ihre Frucht getragen, sie

werden sie tragen, sie müssen. Und wenn mich jemand angreift,

so masslos angreift, wieSickel, so kann ich ihm ruhig

lächelnd in das Auge sehen und ihm sagen : Sie sollten

zuverlässigere Waffen führen, sie sollten auf festeren

Füssen stehen, als Sie thun, denn vergessen Sie nicht,

wir zanken uns hier nicht unter uns Pfarrerstöchtern,

sondern vor den Augen der internationalen Wissenschaft,

Sie haben einen Namen zu verlieren, ich vielleicht zu

gewinnen.

Ob man die Zeit für positive Leistungen nicht besser

anwenden könnte, als damit, sich Wunden zu schlagen,

ob eine Polemik, in die Siekel den schrillsten persönlieben

Misston hineinlegte, Achtung und Ansehen des

deutschen Gelehrtenstandes, zumal im Auslande, sonderlich

fördert, scheint mir zweifelhaft; jedenfalls davon dürfte

S. sieh überzeugen, dass ich zu jenen Naturen gehöre,

die überhaupt nicht tot zu machen sind, die durch Ungemach

nur gestählt werden. Ich gestehe ihm offen,

an verschiedenen Orten, wo alles gut eingeleitet war,

hat er die Fäden durchrissen und mir Schwierigkeiten

erweckt, teilweise solche, die ich nicht mehr zu überwinden

vermochte; aber darunter leide ich in letzter

Linie weniger, als die Wissenschaft, als die grossen


- 66 -

Sammlungen, die im Interesse derselben, im Interesse

der Benutzer gemacht werden. Wenn S. es als besonderen

Ruhm ansieht, gerade dem entgegenzuarbeiten,

was der Wissenschaft froinmt, so it da ciii Uiilic, uni

den ich ihn kaum zu beneiden wi-e.

Noch liegen die Dinge durchaus zu scincn Gunsten,

aber jene Überhebung, die allem feinil ist, was von anderer

Seite auf seiner vermeintlichen Privatdoiriiine geleistet wird,

liess Sic.kel selber den Panzer zerstören, den die öffentliche

Meinung und die Furcht ihm gebildet hatten.

Er schützte ihn, wie die Hornhaut Siegfried, weil man

ihn unverwundbar wähnte. Doch Siegfrieds Hornhaut

hatte eine Lücke und sobald sie bekannt geworden, stand

der held am Anfang vom Ende. Mag Siekel Machte

in das Feld führen, welcher Art er will, für in ich steht etwas

ein, das ich ‚im alles nicht missen möchte: ein gutes

Gewissen, der Glaube all Wahrheit und das Gefühl,

dass ich nicht bloss nur für mich eintrete, für meine

arme Person, sondern für etwas Höheres und Edleres,

für das Recht der [berzeugung, für die Freiheit der

Wissenschaft gegen brutale Vergewaltigung. Und den

Kampf, Herr Hofrat, den will und den werde ich fechten;

- darum auf Wiedersehen, - auf baldig Wiedersehen.


4

4

1

.1

1

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine