Schülerheft 2012/2013 - Jugend und Bildung
Schülerheft 2012/2013 - Jugend und Bildung
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SCHÜLERHEFT <strong>2012</strong> | <strong>2013</strong><br />
Finanzen&Steuern<br />
Aktualisierte Auflage<br />
Gr<strong>und</strong>lagen der Haushalts-, Steuer- <strong>und</strong> Finanzpolitik<br />
Zukunft sichern<br />
Wachstum fördern<br />
Schulden abbauen
Inhaltsübersicht<br />
Zum Thema 1<br />
Themenbereich I:<br />
Um Steuern dreht sich mehr, als man denkt 2<br />
Einführung 2<br />
Steuerpolitik 4<br />
Steuersystem 6<br />
Steuergerechtigkeit 8<br />
Themenbereich II:<br />
Die Einnahmen des Staates – <strong>und</strong> wie der Staat mit seinen Finanzen plant 10<br />
Einkommensteuer 10<br />
Umsatzsteuer 12<br />
Unternehmenssteuern 13<br />
Der B<strong>und</strong>eshaushalt 14<br />
Themenbereich III:<br />
Was der Staat mit unseren Steuern macht 16<br />
Umweltpolitik 16<br />
Gesellschaftspolitik 18<br />
Familienpolitik 19<br />
Zukunft <strong>und</strong> Altersvorsorge 20<br />
Themenbereich IV:<br />
Über die Grenzen hinaus – Internationale Finanzpolitik <strong>und</strong><br />
die Europäische Währungsunion 22<br />
Internationale Zusammenarbeit 22<br />
Globalisierung 24<br />
Europäische Finanzpolitik 26<br />
Aktuelle Herausforderungen 28<br />
Herausgeber:<br />
Stiftung <strong>Jugend</strong> <strong>und</strong> <strong>Bildung</strong>, Berlin/Wiesbaden,<br />
in Zusammenarbeit mit dem B<strong>und</strong>esministerium<br />
der Finanzen (BMF), Berlin<br />
Fachliche Beratung:<br />
B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen<br />
Pädagogische Beratung:<br />
Dr. Eva-Maria Kabisch, Vorsitzende der Stiftung<br />
<strong>Jugend</strong> <strong>und</strong> <strong>Bildung</strong><br />
Redaktion: Eric Meyer, Charlotte Höhn<br />
Redaktionsschluss: September <strong>2012</strong><br />
Texte: Constanze Hacke, Köln<br />
Verlag:<br />
Universum Kommunikation <strong>und</strong> Medien AG, Wiesbaden<br />
Druck: echter Druck, Würzburg<br />
Herstellung: Manfred Morlok, Wiesbaden<br />
Gestaltung: Schimmelreiter, Wiesbaden<br />
Fotos: Fotolia (gesamtes Heft), S. 9: Ulf Hausmann (Foto)/<br />
ECOVIS (Bierdeckel), Rücken: Jörg Rüger / BMF<br />
Illustrationen: Sandra-Charlotte Hildebrandt<br />
Alle Rechte vorbehalten. Schulen können Exemplare in<br />
begrenztem Umfang bei der Universum Kommunikation <strong>und</strong><br />
Medien AG anfordern.<br />
© Universum Kommunikation <strong>und</strong> Medien AG, <strong>2012</strong><br />
Internet :<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanzministerium.de<br />
www.jugend-<strong>und</strong>-bildung.de
Zum Thema<br />
Um Steuern dreht sich mehr, als du denkst<br />
Auch, wenn du es vielleicht nicht jeden Tag bemerkst: Steuern<br />
<strong>und</strong> Abgaben begleiten uns täglich. Denn Steuern zahlt jeder<br />
Bürger, ob er arbeitet, einkauft oder verreist. B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong><br />
Gemeinden benötigen diese Einnahmen, denn sie finanzieren<br />
damit vielfältige Aufgaben für das Gemeinwesen – zum Beispiel<br />
soziale Sicherung, Verkehr, <strong>Bildung</strong> <strong>und</strong> vieles mehr.<br />
Wie sie das tun, sollte jeden interessieren, denn Finanzpolitik ist<br />
Gesellschaftspolitik: Sie entscheidet mit über Lebenschancen<br />
<strong>und</strong> erfüllt Aufgaben, die der Einzelne allein nicht lösen kann.<br />
Mehr noch: Ohne staatliche Einnahmen wäre das gesellschaftliche<br />
Miteinander, wie wir es heute kennen, nicht möglich.<br />
Wer unser Steuersystem verstehen will, sollte dabei nicht nur<br />
die verschiedenen Steuern, Gebühren oder Beiträge betrachten,<br />
sondern seinen Blick auf die Zusammenhänge zwischen Steuern,<br />
öffentlichen Haushalten, Aufgabenwahrnehmung durch den<br />
Staat <strong>und</strong> auf politische Zielsetzungen, beispielsweise in der Sozial-,<br />
Familien-, <strong>Bildung</strong>s- oder Wirtschaftspolitik, lenken.<br />
• Welche Bedeutung haben Steuern für den Staat <strong>und</strong> die<br />
Bürgerinnen <strong>und</strong> Bürger?<br />
• Welche Steuerarten gibt es <strong>und</strong> wie werden die Steuereinnahmen<br />
auf B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong> Gemeinden verteilt?<br />
• Wie sind das Steuersystem <strong>und</strong> das System der sozialen<br />
Sicherung miteinander verknüpft?<br />
• Wie können Staat <strong>und</strong> Bürger den Umweltschutz positiv<br />
beeinflussen?<br />
• Welche Folgen hat eine hohe Staatsverschuldung <strong>und</strong><br />
welche Maßnahmen ergreift der Staat, um die Schulden<br />
abzubauen?<br />
• Wie funktioniert Finanzpolitik auf internationaler Ebene<br />
<strong>und</strong> welche Maßnahmen ergreift die Politik gegen die<br />
Finanzmarkt- <strong>und</strong> Staatsschuldenkrise?<br />
Antworten auf die vorstehenden Fragen gibt das geltende Steuer-<br />
<strong>und</strong> Abgabensystem. Es spiegelt dabei auch die Zielvorstellungen<br />
der politisch Verantwortlichen in unserem Staat wider.<br />
Das Ziel der derzeitigen B<strong>und</strong>esregierung ist es, Deutschland<br />
zukunftsfähig zu machen, indem sie den Staatshaushalt konsolidiert,<br />
Wachstum <strong>und</strong> Beschäftigung nachhaltig fördert, die<br />
Sozial versicherungssysteme langfristig sichert, in Familie, <strong>Bildung</strong><br />
<strong>und</strong> Forschung investiert <strong>und</strong> den Umweltschutz fördert.<br />
Aufgr<strong>und</strong> der Auswirkungen der Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise<br />
<strong>und</strong> auch durch die Staatsschuldenkrise in einigen europäischen<br />
Ländern im Jahr 2011 ist die Stabilisierung der Finanzmärkte<br />
<strong>und</strong> das Vorbeugen vor zukünftigen globalen Wirtschaftskrisen<br />
aktuell eine der größten Herausforderungen für die Finanz- <strong>und</strong><br />
Wirtschaftspolitik. Die Staaten stehen jetzt vor der Herausforderung,<br />
ihre Haushalte zu konsolidieren, zu stabilisieren <strong>und</strong> zukünftigen<br />
globalen Wirtschaftskrisen vorzubeugen.<br />
Die Staats- <strong>und</strong> Regierungschefs der EU-Länder haben daher<br />
konkrete Maßnahmen zur Stabilisierung der Europäischen Wirtschafts-<br />
<strong>und</strong> Währungsunion auf den Weg gebracht.<br />
Der Globalisierungsprozess schreitet immer weiter voran <strong>und</strong><br />
damit nimmt die Verflechtung der einzelnen Volkswirtschaften<br />
weiter zu. Die finanziellen Entwicklungen auf den internationalen<br />
Finanzmärkten <strong>und</strong> die Weltwirtschaft werden daher genau<br />
beobachtet <strong>und</strong> analysiert. Auch bei der Steuerpolitik spielen<br />
diese Entwicklungen eine Rolle, da das deutsche Steuerrecht<br />
mit einer Vielzahl europäischer <strong>und</strong> internationaler Regelungen<br />
zusammenwirkt.<br />
Das Schülerheft Finanzen & Steuern vermittelt dir in vereinfachter<br />
Darstellung Gr<strong>und</strong>wissen über Haushalt, Steuern <strong>und</strong><br />
die Zusammenhänge in der globalisierten Finanzpolitik. Es<br />
widmet sich damit einem staatlichen Bereich, der jeden von<br />
uns betrifft.<br />
1
Einführung<br />
Ein Tag voller Steuern<br />
Es ist Freitag morgen, halb acht.<br />
Die 18-jährige Annalena wirft<br />
sich eine Jacke über,<br />
blättert noch<br />
einmal schnell<br />
im Mathe-Buch.<br />
Heute steht die letzte<br />
Mathe-Klausur an,<br />
<strong>und</strong> sie will davor noch<br />
mal schnell einen Blick<br />
reinwerfen, denn so richtig<br />
verstanden hat sie die Integralrechnung<br />
noch nicht.<br />
Aber jetzt muss sie sich wirklich<br />
beeilen, ihre Fre<strong>und</strong>in<br />
Mareike wartet schon draußen<br />
im Auto <strong>und</strong> hupt.<br />
„Mann, wo bleibst du denn? Wir müssen doch pünktlich zur<br />
Mathe-Klausur kommen!“<br />
„Ich bin ja schon da. Mensch, ich bin doch immer ein bisschen<br />
nervös vor den Mathe-Klausuren – was bin ich froh, wenn die<br />
vorbei ist.“<br />
Ein paar St<strong>und</strong>en später. Annalena <strong>und</strong> Mareike haben die Klausur<br />
gut hinter sich gebracht – die letzte wichtige Prüfung ist<br />
überstanden. Kurz sprechen die Fre<strong>und</strong>innen über die Aufgaben,<br />
doch dann plagt sie der Hunger.<br />
„Bis zum nächsten Kurs ist noch etwas Zeit. Lass uns jetzt<br />
irgendwo noch einen Kaffee <strong>und</strong> ein Brötchen besorgen!“<br />
„Oh ja, ich habe auch Hunger – <strong>und</strong> heute noch keinen Kaffee<br />
getrunken. Aber lass uns nicht zum Bäcker Wollmann gehen,<br />
der ist schon wieder teurer geworden. Und er behauptet doch<br />
allen Ernstes, das läge an den Steuern. So ein Quatsch. Enricos<br />
Café-Bar ist auch nicht weit. Und da gibt’s Latte Macchiato“, sagt<br />
Annalena.<br />
2
Um Steuern dreht sich mehr, als man denkt<br />
Einführung<br />
Kurz darauf unterhalten sich die beiden beim Kaffee. Samstag<br />
früh wollen die Fre<strong>und</strong>innen mit ihren Fre<strong>und</strong>en Tim <strong>und</strong> Paul<br />
nach Holland fahren, also sind sie recht entspannt.<br />
„Sag mal, musst du nicht noch tanken? Ich bräuchte nämlich<br />
auch noch eine Packung Zigaretten“, meint Annalena.<br />
„Aber du wolltest doch mit dem Rauchen schon lange aufhören,<br />
das kostet sowieso zu viel Geld“, erwidert Mareike.<br />
„Naja, ich rauche echt wenig <strong>und</strong> ich schaff’s auch sicher bald<br />
ganz aufzuhören“, sagt Annalena kleinlaut. „Hast schon Recht,<br />
das wird wirklich immer teurer …“<br />
Mareike nickt. „Na klar, das liegt auch daran, dass der Staat an<br />
deinen Zigaretten kräftig mitverdient. Da gibt’s nämlich die Tabaksteuer.“<br />
Am frühen Nachmittag tankt Mareike an der Tankstelle in der<br />
Innenstadt das Auto für den Holland-Trip voll . Annalena kauft<br />
derweil Zigaretten.<br />
„Hey Annalena, habt ihr Lust, nachher noch mit ins Kino zu kommen?<br />
Heute Abend läuft der neue Film mit Johnny Depp in der<br />
Preview im Cinemix-Kino.“ Malte, ein Mitschüler, steht hinter<br />
ihr in der Schlange zur Kasse. Kino als Auftakt zum Wochenende?<br />
Das klingt gut. Zumal sie sich das nach der schwierigen<br />
Mathearbeit echt verdient haben.<br />
„Klar, da kommen wir gern mit. Aber sag mal, ist das Cinemix<br />
nicht ziemlich teuer? Wir können doch mal gucken, was in den<br />
anderen Kinos so läuft“, sagt Annalena.<br />
„Sicher, das können wir machen. Aber freitags ist Kino halt immer<br />
recht teuer.“<br />
Ganz gleich, wofür die <strong>Jugend</strong>lichen sich entscheiden, eines ist sicher: Sie haben<br />
den ganzen Tag dazu beigetragen, die Haushaltskassen des Staates zu füllen.<br />
Denn von fast allem, was wir Tag für Tag kaufen, bekommt auch der Staat<br />
einen Teil ab – durch unterschiedliche Steuern:<br />
In der Café-Bar von Enrico zahlen die Fre<strong>und</strong>innen für die belegten Brötchen<br />
Umsatzsteuer – auch Mehrwertsteuer genannt (> mehr auf<br />
Seite 12) – sowie Kaffeesteuer, die sich indirekt im Preis für die zwei<br />
Gläser Latte Macchiato niederschlägt.<br />
An der Tankstelle bezahlt Mareike die Tankrechnung, in der erneut<br />
Umsatzsteuer <strong>und</strong> zudem Energiesteuer enthalten sind. Annalena<br />
muss für ihre Zigaretten Umsatzsteuer <strong>und</strong> Tabaksteuer<br />
zahlen, die im Preis enthalten sind. Auch im Fall der Eintrittskarten<br />
für das Kino ist die Mehrwertsteuer bereits<br />
eingerechnet.<br />
Vier verschiedene Steuerarten an einem Tag – <strong>und</strong><br />
der ist noch nicht zu Ende. Es gibt ganz schön viele<br />
verschiedene Gelegenheiten, in denen wir alle täglich<br />
dazu beitragen, dass Geld in die Haushaltskasse des<br />
Staates fließt.<br />
Doch zahlen wir Bürger etwa täglich Geld an den Staat,<br />
ohne Gegenleistungen zu erhalten? Keineswegs: Unsere<br />
Steuergelder braucht der Staat, um Leistungen<br />
für das Gemeinwesen zu finanzieren. Darunter<br />
fallen Leistungen, die jeder Bürger in Anspruch<br />
nehmen kann – etwa den Schutz<br />
durch die Polizei, die Bereitstellung<br />
öffentlicher Verkehrswege oder soziale<br />
Fürsorge. Oder auch öffentliche<br />
Einrichtungen, die jedem zur<br />
Verfügung stehen, wie Schulen,<br />
Sportstätten, Schwimmbäder, Museen<br />
<strong>und</strong> Ausstellungen. Steuern<br />
gehen dabei an B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong><br />
Gemeinden – je nachdem, um welche<br />
Steuerarten es sich handelt<br />
( > mehr ab Seite 6).
Steuerpolitik<br />
An heute <strong>und</strong> morgen denken<br />
Du stehst an der Supermarktkasse in der Schlange. Als der K<strong>und</strong>e vor dir zahlt, fragt<br />
ihn die Kassiererin, ob er mit dem Einkauf zufrieden gewesen sei. Er nickt. Dann fragt<br />
die Kassiererin ihn, ob er denn nun die Mehrwertsteuer zahlen – oder ob er darauf<br />
verzichten wolle. Der Mann schaut sie ziemlich verw<strong>und</strong>ert an.<br />
Solch eine Situation wirst du sicherlich nie im Supermarkt erleben. Denn das Steuersystem<br />
in Deutschland funktioniert nicht nach dem Wunschprinzip.<br />
Was sind Steuern?<br />
Steuern sind Abgaben, die jeder zahlen muss – die Bürger, aber<br />
auch Unternehmen. Der Gesetzgeber muss genau festlegen,<br />
wann welche Steuer anfällt. Es gibt unterschiedliche Steuern, die<br />
alle der Erzielung von Einnahmen dienen. Sie sind für den Staat<br />
sehr wichtig, denn sie ermöglichen ihm, eine Vielzahl staatlicher<br />
Leistungen bereitzustellen, die der Allgemeinheit <strong>und</strong> damit jedem<br />
Einzelnen von uns zu Gute kommen. Staatliches Handeln<br />
muss planbar sein, <strong>und</strong> für diese mittel- <strong>und</strong> langfristige Planungssicherheit<br />
benötigt der Staat regelmäßige Einnahmen.<br />
Die Steuereinnahmen wandern unabhängig davon, worauf sie<br />
erhoben werden, in die Haushalte von B<strong>und</strong>, Ländern <strong>und</strong> Kommunen<br />
(> mehr auf den Seiten 6/7 <strong>und</strong> ab Seite 14). Der Steuerzahler<br />
hat aber keinen Anspruch darauf, dass zum Beispiel<br />
mit den Einnahmen aus der Kraftfahrzeugsteuer (KraftSt) die<br />
Autobahn, die er täglich benutzt, repariert wird. Umgekehrt muss<br />
ein Bürger, der nie Auto fährt, aber auch keine Energiesteuer<br />
für das Benzin bezahlen. In einem demokratischen Rechtsstaat<br />
ist die Erhebung einer Steuer immer an die Verwirklichung<br />
eines bestimmten Sachverhalts geb<strong>und</strong>en. Weil es sich dabei<br />
um einen staatlichen Eingriff handelt, werden Steuern nur auf<br />
gesetzlicher Gr<strong>und</strong>lage erhoben.<br />
Warum Steuern?<br />
Warum aber müssen wir alle Steuern zahlen – <strong>und</strong> dann auch<br />
noch so viele verschiedene? Steuern schaffen die finanzielle<br />
Gr<strong>und</strong>lage eines Staates. Sie verschaffen dem Staat Geld, damit<br />
er Aufgaben für die Allgemeinheit erfüllen kann. Denn in<br />
einem Gemeinwesen gibt es viele Aufgaben, die ein Einzelner<br />
allein nicht tragen kann <strong>und</strong> auch nicht tragen sollte. Dazu zählen<br />
öffentliche Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten <strong>und</strong><br />
Krankenhäuser genauso wie die Justiz, der Straßenverkehr oder<br />
der Schutz der Umwelt. Außerdem versucht der Staat, innerhalb<br />
der Gesellschaft soziale Unterschiede auszugleichen <strong>und</strong><br />
unterstützt beispielsweise arbeitslose Bürger finanziell. Für all<br />
das benötigt der Staat Geld – <strong>und</strong> Steuern sind hier die größte<br />
Einnahmequelle: 2011 nahmen B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong> Gemeinden<br />
insgesamt 573,4 Milliarden Euro Steuern ein (> Tabelle).<br />
Steuereinnahmen 2011 in Mio. Euro<br />
Steuerart*<br />
Betrag<br />
Gemeinschaftliche Steuern insgesamt 403.567<br />
B<strong>und</strong>essteuern insgesamt 99.134<br />
Ländersteuern insgesamt 13.096<br />
Gemeindesteuern insgesamt 52.984<br />
Steuereinnahmen insgesamt** 573.400<br />
* > mehr auf Seite 7<br />
** inklusive Zolleinnahmen<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen, August <strong>2012</strong><br />
Gerecht besteuern<br />
Eine faire <strong>und</strong> gerechte Steuerpolitik zielt darauf ab, alle Bevöl -<br />
kerungsgruppen entsprechend ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit<br />
zur Steuerzahlung heranzuziehen. Das bedeutet, dass<br />
Menschen, die nur über ein geringes Einkommen verfügen,<br />
keine oder nur geringe Steuern zahlen müssen. Menschen mit<br />
einem höheren Einkommen werden hingegen stärker belastet.<br />
Menschen, deren Jahreseinkommen unterhalb des so genannten<br />
Existenzminimums liegt, brauchen keine Einkommensteuer<br />
zu zahlen (> mehr ab Seite 10). Das ist sozial <strong>und</strong><br />
gerecht, denn wer mehr hat, ist auch in der Lage, mehr abzugeben.<br />
Das heißt allerdings auch, dass Menschen, die sich in der gleichen<br />
wirtschaftlichen Lage befinden, gleich belastet werden. Dabei ist<br />
das monatliche Einkommen alleine nicht ausschlaggebend. Auch<br />
die persönlichen Umstände müssen vergleichbar sein. Ein Single<br />
mit einem Bruttomonatseinkommen von 3.000 Euro wird steuerlich<br />
höher belastet als beispielsweise ein Vater von zwei minderjährigen<br />
Kindern, der das gleiche Monatsgehalt bekommt. Mit<br />
dem so genannten Familienleistungsausgleich sorgt der Staat<br />
dafür, dass die Kinder durch Kindergeld oder steuerliche Freibeträge<br />
bei der Besteuerung der Familie berücksichtigt werden<br />
(> mehr auf Seite 19).<br />
4
Um Steuern dreht sich mehr, als man denkt<br />
Steuerpolitik<br />
Um Familien mit Kindern zu unterstützen, fördert der Staat beispielsweise<br />
die Kinderbetreuung, etwa durch die Absetzbarkeit<br />
der Betreuungskosten.<br />
Zu den Prinzipien einer fairen <strong>und</strong> gerechten Steuerpolitik zählt<br />
darüber hinaus, dass der Staat von allen Leistungsfähigen<br />
einen angemessenen Beitrag zur Finanzierung der Staatsaufgaben<br />
einfordert <strong>und</strong> Missbrauch, Betrug <strong>und</strong> Steuerhinterziehung<br />
konsequent bekämpft.<br />
Steuern früher <strong>und</strong> heute<br />
Der Staat braucht Geld. Seit Menschen in Gemeinschaften zusammenleben,<br />
sind Abgaben nötig, um das Gemeinwesen finanzieren<br />
zu können. Ein wichtiges Kriterium dabei ist allerdings,<br />
wie der Staat festlegt, wer mit welchen Steuern belastet wird<br />
<strong>und</strong> warum. Denn früher waren es unter anderem auch finanzielle<br />
Nöte, die dazu führten, dass Steuern erhoben wurden – etwa<br />
zu Kriegszeiten. Über eine gerechte <strong>und</strong> ausbalancierte Steuerpolitik<br />
macht man sich erst seit der Aufklärung im 18. Jahrh<strong>und</strong>ert<br />
ernsthafte Gedanken. Im römischen „Staat“ beispielsweise<br />
wurden Landpächter nicht nach dem besteuert, was sie tatsächlich<br />
aus ihrem Boden erwirtschaftet hatten.<br />
Steuerquote <strong>und</strong> Abgabenquote<br />
Neben Steuern werden auch weitere Abgaben erhoben, zum<br />
Beispiel die Sozialversicherungsbeiträge zur Finanzierung der<br />
Sozialsysteme (> mehr auf Seite 18). Die Steuerquote selbst ist<br />
relativ gering. In den skandinavischen Ländern dagegen wird<br />
das soziale Sicherungsnetz fast vollständig über das Steuersystem<br />
getragen. Werden Steuern <strong>und</strong> Sozialversicherungsbeiträge<br />
zusammengefasst, spricht man von der Abgabenquote.<br />
Abgabenquoten*<br />
im Internationalen Vergleich 2010<br />
in Prozent vom Bruttoinlandsprodukt<br />
Dänemark 48,2<br />
Schweden 45,8<br />
Italien 43,0<br />
Belgien 43,8<br />
Finnland 42,1<br />
Österreich 42,0<br />
Frankreich 42,9<br />
Deutschland 36,3<br />
Tschechische Republik 34,9<br />
Vereinigtes Königreich 35,0<br />
Spanien 31,7<br />
Schweiz 29,8<br />
Griechenland 30,9<br />
Irland 28,0<br />
* Den Abgabenquoten der einzelnen Länder stehen unterschiedliche<br />
Leistungspakete gegenüber. Quelle: B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen,<br />
Monatsbericht September <strong>2012</strong><br />
Weiter klicken<br />
Die Broschüre „Die<br />
wichtigsten Steuern<br />
im internationalen<br />
Vergleich 2011“ sowie<br />
den Subventionsbericht<br />
der B<strong>und</strong>esregierung<br />
mit einem Überblick<br />
zur Entwicklung<br />
von Finanzhilfen <strong>und</strong><br />
Steuervergünstigungen<br />
gibt es zum<br />
Download unter<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanz<br />
ministerium.de ><br />
Service > Publikationen<br />
> Broschüren<br />
Gut zu wissen ...<br />
Diskussion: Wie viel Staat<br />
können wir uns leisten?<br />
KURIOSE Steuern<br />
Beim Thema Steuern waren die Regierenden<br />
früher groß an Erfindungsreichtum: „Pecunia<br />
non olet“ – Geld stinkt nicht. So begründete<br />
Kaiser Vespasian seine Steuer auf öffentliche<br />
Toiletten.<br />
Zar Peter der Große hinterließ kuriose Steuern<br />
auf Bärte, Mützen <strong>und</strong> Stiefel. Dem Zaren<br />
ging es dabei dennoch um politische Motive.<br />
Er wollte sein Volk näher an den westlichen<br />
Lebensstil heranführen <strong>und</strong> fand, dass seine<br />
Bürger ohne Bart einfach kultivierter <strong>und</strong> europäischer<br />
aussahen.<br />
Unter den Landesfürsten des Absolutismus<br />
wurden Lux ussteuern eingeführt. So gab es<br />
Fenster-, Türen- <strong>und</strong> Kaminsteuern; Perücken,<br />
Haarpuder oder auch Silbergeschirr wurden<br />
besteuert. Die Besteuerung dieser Güter beruhte<br />
vor allem auf der Tatsache, dass eine<br />
Einkommensbesteuerung im heutigen Sinn<br />
noch nicht möglich war. Also hielt man sich an<br />
das, was man sah – <strong>und</strong> besteuerte es.<br />
Inwieweit soll der Staat für seine Bürger sorgen <strong>und</strong> inwieweit sollte jeder Einzelne<br />
auch eigenverantwortlich zu seiner sozialen <strong>und</strong> finanziellen Absicherung<br />
beitragen?<br />
PRO „R<strong>und</strong>um-sorglos-Paket“ des Staates:<br />
• Es ist eine Hauptaufgabe des Staates, die soziale <strong>und</strong> finanzielle Absicherung<br />
seiner Bürger zu gewährleisten. Bevor hier gespart wird, sollte an anderer<br />
Stelle gespart werden.<br />
• Menschen, die nicht in der Lage sind, sich selbst langfristig abzusichern, dürfen<br />
nicht zu den Verlierern der Gesellschaft werden.<br />
PRO Eigeninitiative:<br />
• Der Staat kann die Sozialausgaben nicht grenzenlos über steigende Steuern<br />
abdecken. Auch die Beiträge von Arbeitnehmern <strong>und</strong> Arbeitgebern reichen<br />
schon längere Zeit nicht mehr aus, um die Kosten zu decken. Der Staat kann<br />
daher nur eine Mindestabsicherung gewährleisten. Den Rest muss der Einzelne<br />
selbst leisten.<br />
• Der Staat gibt bereits einen großen Teil der Steuereinnahmen für das Arbeitslosengeld<br />
II <strong>und</strong> die Rentenkasse aus. Auf den einzelnen Einwohner gerechnet,<br />
beläuft sich die Staatsverschuldung inzwischen auf mehr als 20.000 Euro.<br />
Der Staat kann sich nicht immer weiter verschulden, da dies kommende Generationen<br />
übermäßig belasten wird.<br />
Weiter denken<br />
Wird in Deutschland<br />
fair besteuert? Teilt<br />
die Klasse in zwei<br />
Gruppen auf. Die eine<br />
Hälfte nimmt die Rolle<br />
von Spitzenverdienern<br />
ein (laut Steuerrecht<br />
ab r<strong>und</strong> 250.000<br />
Euro Jahresgehalt);<br />
die andere Hälfte<br />
argumentiert aus<br />
Sicht von Bürgern mit<br />
niedrigem Einkommen<br />
(unter 30.000 Euro<br />
im Jahr). Sammelt<br />
Pro- <strong>und</strong> Kontra-Argumente<br />
<strong>und</strong> diskutiert<br />
mit Vertretern beider<br />
Gruppen in einer<br />
Podiumsdiskussion.<br />
5
Steuersystem<br />
Wie der Staat Geld einnimmt<br />
Vielleicht hast du schon einmal einen Blick auf eine Gehaltsabrechnung werfen können:<br />
Darauf erkennt man sofort, dass Steuern <strong>und</strong> Sozialabgaben vom Lohn oder<br />
Gehalt abgezogen werden. Der Arbeitgeber behält die Lohnsteuer monatlich ein <strong>und</strong><br />
überweist sie an das Finanzamt. Sie stellt eine Vorauszahlung auf die Einkommensteuer<br />
dar <strong>und</strong> wird bei der vom Finanzamt durchgeführten Einkommensteuerveranlagung<br />
angerechnet. Wurde zu viel vorabgezahlt, gibt es Geld zurück. Ist der im Lohnsteuerabzugsverfahren<br />
vorabgezahlte Steuerbetrag zu gering – weil etwa neben dem<br />
Arbeitslohn noch andere Einkünfte vorlagen – wird eine Nachzahlung fällig. Diese ist<br />
von Steuerpflichtigen dann direkt an das Finanzamt zu zahlen. Die Einkommensteuer<br />
gehört deswegen zu den so genannten direkten Steuern. Das sind Steuern, die der<br />
Steuerpflichtige direkt an den Staat abführt.<br />
Steuerarten<br />
Im Gegensatz zu direkten Steuern gibt es auch indirekte Steuern.<br />
Die bekommt der Staat nicht direkt von den Bürgern, sondern<br />
auf Umwegen. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Umsatzsteuer:<br />
Der Kioskbesitzer, der dir eine Cola verkauft, muss<br />
zwar die Umsatzsteuer an das Finanzamt abführen. Er ist aber<br />
letztlich nicht dadurch belastet, weil du beim Kauf bereits die<br />
Mehrwertsteuer bezahlt hast – im Preis für die Cola. Auch Verbrauchsteuern<br />
wie die Energiesteuer, die Tabaksteuer oder die<br />
Kaffeesteuer sind indirekte Steuern.<br />
Der Name Verbrauchsteuer wiederum zeigt, dass es noch andere<br />
Möglichkeiten gibt, Steuern einzuteilen. Bei direkten <strong>und</strong> indirekten<br />
Steuern unterscheidet man danach, auf welchem Weg die<br />
Steuern gezahlt werden. Bei Besitzsteuern, Verkehrsteuern <strong>und</strong><br />
Verbrauchsteuern richtet sich die Einteilung nach den Gütern,<br />
die besteuert werden. Besitzsteuern werden auf Einkommen,<br />
Ertrag oder Vermögen erhoben. Verkehrsteuern sind Steuern,<br />
die an einen rechtlichen oder wirtschaftlichen Vorgang, zum Beispiel<br />
den Kauf eines Gr<strong>und</strong>stücks anknüpfen. Verbrauchsteuern<br />
belasten den Verbrauch oder Gebrauch bestimmter Waren.<br />
Mit r<strong>und</strong> 30 verschiedenen Steuerarten finanzieren wir Bürger<br />
unser gesellschaftliches <strong>und</strong> politisches Gemeinwesen. Die Einnahmen<br />
aus den einzelnen Steuern sind ganz unterschiedlich,<br />
die Umsatzsteuer – in der Umgangssprache auch Mehrwertsteuer<br />
genannt – ist jedoch die größte Einnahmequelle des Fiskus<br />
(> mehr auf Seite 12).<br />
Aufgaben auf drei Ebenen<br />
Deutschland ist ein föderal aufgebauter Staat. Das heißt: Die<br />
drei Ebenen B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong> Gemeinden, auch Gebietskörperschaften<br />
genannt, haben jeweils bestimmte Aufgaben zu erfüllen.<br />
Dafür benötigt jede Gebietskörperschaft ihren Anteil an<br />
den Steuereinnahmen. Das Gr<strong>und</strong>gesetz (GG) bestimmt in den<br />
Artikeln 104a bis 108 über die Finanzen des Staates. Dieser<br />
Abschnitt ist auch bekannt als Finanzverfassung. Wer Steuern<br />
einführen, abschaffen oder verändern darf, hat für diesen Bereich<br />
die Gesetzgebungskompetenz (Artikel 105 GG). Die Einnahmen<br />
aus bestimmten Steuerarten müssen B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong><br />
Gemeinden untereinander aufteilen (gemeinschaftliche Steuern).<br />
Das Aufkommen der anderen Steuerarten steht jeweils<br />
einer Gebietskörperschaft allein zu. Wer welche Steuern bekommt,<br />
steht ebenfalls im Gr<strong>und</strong>gesetz (Artikel 106 GG) <strong>und</strong><br />
wird als Ertragskompetenz bezeichnet. So bekommt der B<strong>und</strong><br />
zum Beispiel die Erträge aus der Energie- <strong>und</strong> der Kraftfahrzeugsteuer.<br />
Den B<strong>und</strong>esländern stehen beispielsweise die Einnahmen<br />
aus der Erbschaftsteuer <strong>und</strong> der Gr<strong>und</strong>erwerbsteuer<br />
zu; sie verwalten diese Steuern auch selbstständig. Die Gemeinden<br />
haben unter anderem die Gr<strong>und</strong>steuer <strong>und</strong> die H<strong>und</strong>esteuer<br />
für sich. Und die Gemeinschaftsteuern – Einkommen-, Körperschaft-<br />
<strong>und</strong> Umsatzsteuer – teilen sich B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong> Gemeinden<br />
nach einem Verteilungsschlüssel untereinander auf.<br />
Steuerpolitische Zielsetzungen<br />
Sicher hast du schon öfter mitbekommen, dass Steueränder<br />
ungen nicht immer auf Zustimmung stoßen. Vielleicht haben<br />
sich auch deine Eltern schon über diese oder jene Änderung<br />
geärgert. Denn Steuern zahlen, das bedeutet immer, einen Teil<br />
seines Einkommens an den Staat abgeben zu müssen.<br />
In Politik <strong>und</strong> Gesellschaft gibt es häufig unterschiedliche Ansichten<br />
darüber, wie angestrebte Ziele erreicht werden können.<br />
Dazu gehört natürlich, genug Geld zur Verfügung zu haben, um<br />
die öffentlichen Aufgaben auch erfüllen zu können. Dazu zählt<br />
aber auch, politische Ziele zu erreichen – zum Beispiel Arbeitslosigkeit<br />
abzubauen, <strong>Bildung</strong>spolitik zukunftsfähig zu gestalten<br />
oder den Klima- <strong>und</strong> Umweltschutz zu fördern.<br />
Die zur Abmilderung der weltweiten Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise<br />
(> mehr ab Seite 24) eingeleiteten finanzpolitischen Maßnahmen<br />
waren notwendig <strong>und</strong> halfen den Bürgern <strong>und</strong> der Wirtschaft,<br />
die unmittelbaren Krisenfolgen besser zu verkraften. Die<br />
Kehrseite solcher Stützungsprogramme <strong>und</strong> steuerlichen Entlastungen<br />
ist aber ein deutlicher Anstieg staatlicher Schuldenstände.<br />
Die B<strong>und</strong>esregierung hat sich daher das Ziel gesetzt,<br />
finanziellen Spielraum zurückzugewinnen <strong>und</strong> den Haushalt<br />
dauerhaft zu sanieren. Denn um Politik aktiv gestalten zu können,<br />
benötigt der Staat finanzielle Mittel. Und Teil einer nachhaltigen<br />
Haushaltspolitik ist ein zukunftsfähiges Steuersystem.<br />
6
Um Steuern dreht sich mehr, als man denkt<br />
Steuersystem<br />
Gut zu wissen ...<br />
Die Politik muss dabei Einnahmen sichern, die garantieren, dass<br />
Staatsschulden abgebaut werden <strong>und</strong> gleichzeitig Wirtschaftswachstum<br />
gefördert wird.<br />
Mit Steuern Verhalten lenken?<br />
Lenkungssteuern sind Steuerarten, mit denen der Staat ein gewünschtes<br />
Verhalten belohnt oder ein unerwünschtes Verhalten<br />
finanziell belastet. Eine relativ neue Steuer ist die Alkopopsteuer.<br />
Durch sie wurden Alkopop-Getränke teurer – mit dem Ziel, dass<br />
<strong>Jugend</strong>liche darauf verzichten. Umgekehrt gibt es bei manchen<br />
Steuerarten Ausnahmen <strong>und</strong> Vergünstigungen, um die Steuerzahler<br />
zu einem bestimmten Verhalten zu motivieren – wie etwa<br />
im Fall der Stromsteuer: Wenn man Strom bezieht, der zu 100<br />
Prozent aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen <strong>und</strong> aus<br />
Netzen oder Leitungen entnommen wird, die ausschließlich mit<br />
Strom aus solchen Energieträgern gespeist werden („Ökostromnetz“),<br />
beinhaltet der Strompreis des Stromanbieters keine<br />
Stromsteuer.<br />
Subventionen über das Steuersystem<br />
Zu Subventionen zählen nicht nur direkte finanzielle Hilfen für<br />
bestimmte Branchen, sondern auch Steuervergünstigungen. Im<br />
deutschen Steuersystem gibt es zahlreiche Vergünstigungen,<br />
zum Beispiel den ermäßigten Umsatzsteuersatz für Güter des<br />
täglichen Bedarfs wie Nahrungsmittel <strong>und</strong> für kulturelle Leistungen,<br />
Steuererleichterungen für Handwerkerdienste oder die<br />
steuerliche Förderung der privaten Altersvorsorge. Vor einigen<br />
Jahren hat sich die Politik subventionspolitische Leitlinien auferlegt.<br />
Demnach sollen neue Subventionen vorrangig als direkte<br />
Zuschüsse eingeräumt <strong>und</strong> durch Einsparungen an anderer<br />
Stelle finanziert werden. Zudem sollen neue Subventionen nur<br />
dann gewährt werden, wenn sie sich als das am besten geeignete<br />
Instrument erweisen – auch unter Kosten-Nutzen-Aspekten.<br />
Alle zwei Jahre legt die B<strong>und</strong>esregierung einen Subventionsbericht<br />
vor. Den Bericht gibt es als kostenlosen Download unter<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanzministerium.de > Themen > Öffentliche<br />
Finanzen > Subventionspolitik.<br />
Beispiele für…<br />
… Besitzsteuern<br />
· Einkommensteuer<br />
· Körperschaftsteuer<br />
· Solidaritätszuschlag<br />
· Gewerbesteuer<br />
· Erbschaft- <strong>und</strong><br />
Schenkungsteuer<br />
· Gr<strong>und</strong>steuer<br />
… Verkehrsteuern<br />
· Umsatzsteuer (ohne<br />
Einfuhrumsatzsteuer)<br />
· Gr<strong>und</strong>erwerbsteuer<br />
· Kraftfahrzeugsteuer<br />
· Rennwett- <strong>und</strong><br />
Lotteriesteuer<br />
· Spielbankabgabe<br />
· Versicherungsteuer<br />
· Feuerschutzsteuer<br />
Welche Steuer geht an wen? Steuereinnahmen nach Steuerarten 2010<br />
Gemeinschaftssteuern<br />
> Körperschaftsteuer<br />
(in Mio. Euro)<br />
Lohnsteuer 139.749 €<br />
B<strong>und</strong> 50%, Länder 50%, Kommunen 0%<br />
Veranlagte Einkommensteuer 31.996 €<br />
> Lohn- <strong>und</strong> Einkommensteuer<br />
Nicht veranlagte Steuern vom Ertrag 18.136 €<br />
B<strong>und</strong> 42,5%, Länder 42,5%, Kommunen 15%<br />
Abgeltungsteuer (einschl. ehem. Zinsabschlag) 8.020 €<br />
> Umsatzsteuer<br />
Körperschaftsteuer 15.634 €<br />
B<strong>und</strong> 53,9%, Länder 44,1%, Kommunen 2%<br />
Umsatzsteuer 138.957 €<br />
> Abgeltungsteuer auf Kapitalerträge<br />
Einfuhrumsatzsteuer 51.076 €<br />
B<strong>und</strong> 44%, Länder 44%, Kommunen 12%<br />
Gemeinschaftsteuern* nach Art. 106 Abs. 3 GG 403.567 €<br />
… Verbrauchsteuern<br />
· Energiesteuer<br />
· Tabaksteuer<br />
· Stromsteuer<br />
· Branntweinsteuer<br />
· Kernbrennstoffsteuer<br />
· Kaffeesteuer<br />
· Biersteuer<br />
· Zwischenerzeugnissteuer<br />
· Schaumweinsteuer<br />
· Alkopopsteuer<br />
* Steuern, die B<strong>und</strong>, Ländern <strong>und</strong> Gemeinden gemeinschaftlich zufließen<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen, August <strong>2012</strong><br />
Weiter klicken<br />
Landessteuern<br />
• Erbschaft-/Schenkungsteuer<br />
• Gr<strong>und</strong>erwerbsteuer<br />
• Biersteuer<br />
• Rennwett-/Lotteriesteuer<br />
• Feuerschutzsteuer<br />
Länder<br />
Kommunen<br />
Gemeindesteuern<br />
• Gewerbesteuer<br />
• Gr<strong>und</strong>steuer<br />
• Vergnügungsteuer<br />
• H<strong>und</strong>esteuer<br />
• Zweitwohnsitzsteuer<br />
• Getränkesteuer<br />
Das B<strong>und</strong>esfinanzministerium<br />
informiert<br />
auf seiner Website<br />
über die verschiedenen<br />
Steuerarten:<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanz<br />
ministerium.de<br />
Weiter denken<br />
B<strong>und</strong>essteuern<br />
• Energiesteuer<br />
• Stromsteuer<br />
• Tabaksteuer<br />
• Kaffeesteuer<br />
• Branntweinsteuer<br />
• Kernbrennstoffsteuer<br />
• Versicherungsteuer<br />
• Kraftfahrzeugsteuer<br />
• Solidaritätszuschlag<br />
B<strong>und</strong><br />
EU-Eigenmittel*<br />
• Mehrwertsteuer-Eigenmittel<br />
• BNE-Eigenmittel<br />
(Anteil am Bruttonationaleinkommen)<br />
• Zölle <strong>und</strong> Zuckerabgaben<br />
* Teile des B<strong>und</strong>eshaushalts fließen nach einem<br />
festgelegten Finanzierungsschlüssel an die EU.<br />
Was ist eurer Meinung<br />
nach gerechter? Ein<br />
Steuersystem, das als<br />
Kernelement direkte<br />
Steuern (z. B. Einkommensteuer)<br />
einsetzt?<br />
Oder fändet ihr die Besteuerung<br />
vorwiegend<br />
über indirekte Steuern<br />
(z. B. Umsatzsteuer)<br />
fairer? Diskutiert im<br />
Klassenverband <strong>und</strong><br />
tragt die Ergebnisse<br />
in einem Schaubild<br />
zusammen.<br />
7
Steuergerechtigkeit<br />
INDiVIDUELL & GERECHT<br />
Das deutsche Steuersystem orientiert sich daran, jeden Bürger möglichst individuell<br />
<strong>und</strong> gerecht zu besteuern. Dabei ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Einzelnen<br />
ausschlaggebend. Die Kehrseite dabei ist: Ein möglichst individuell gerechtes<br />
Steuersystem braucht eine Vielzahl an Regeln, damit auch wirklich jeder Einzelfall<br />
<strong>und</strong> jede persönliche Situation berücksichtigt werden kann. Viele Vorschriften führen<br />
aber wiederum dazu, dass das Steuerrecht kompliziert wird. Du kannst dir sicher vorstellen:<br />
In Sachen Steuergerechtigkeit gibt es viel Diskussionspotenzial.<br />
Der Gr<strong>und</strong>freibetrag<br />
Unser Steuersystem versucht, die Lasten fair zu verteilen, die<br />
Steuerzahler gleich zu behandeln <strong>und</strong> ihnen gemäß dem Prinzip<br />
der Leistungsfähigkeit Steuern abzuverlangen. Das entspricht<br />
dem Gleichbehandlungsgr<strong>und</strong>satz, der im Gr<strong>und</strong>gesetz verankert<br />
ist. Demnach werden untere Einkommen nur gering, höhere<br />
Einkommen aber höher besteuert. Der Einzelne zahlt zudem nur<br />
dann Steuern, wenn er dazu in der Lage ist. Das drückt sich im<br />
steuerfreien Existenzminimum aus. Jeder Erwachsene hat daher<br />
Anspruch darauf, dass der so genannte Gr<strong>und</strong>freibetrag von<br />
8.004 Euro im Jahr unbelastet bleibt (bei Ehepaaren 16.008 Euro;<br />
Stand <strong>2012</strong>). Auch das Existenzminimum der Kinder darf nicht<br />
besteuert werden. In der Summe erreichen die Kinderfreibeträge<br />
für jedes steuerlich zu berücksichtigende Kind 7.008 Euro<br />
jährlich für beide Eltern zusammen.<br />
Höheres Einkommen – höhere Steuerbelastung<br />
Ein Kennzeichen des deutschen Steuersystems ist, dass es sich<br />
an der Leistungsfähigkeit des Steuerpflichtigen ausrichtet. Dies<br />
wird durch den linear-progressiven Tarif festgelegt. Dieser bewirkt,<br />
dass die prozentuale Steuerbelastung umso größer wird,<br />
je höher das Einkommen ausfällt. Die Berechnung der Einkommensteuer<br />
findet in mehreren Stufen statt: Oberhalb des<br />
Gr<strong>und</strong>freibetrags setzt der Eingangssteuersatz mit 14 Prozent<br />
an. Danach folgt die so genannte Progressionszone, in der der<br />
Steuersatz schrittweise bis auf 42 Prozent steigt. Dieser Satz<br />
wird ab einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 52.882<br />
Euro fällig. Ab einem Einkommen von 250.731 Euro greift dann<br />
der höchste Steuersatz von 45 Prozent.<br />
Die jeweils höheren Steuersätze gelten übrigens nie für den<br />
gesamten zu versteuernden Betrag, sondern immer nur für die<br />
Summe, die die einzelnen Grenzwerte für die jeweiligen Steuersätze<br />
übersteigt. Daher kommt es auch, dass der prozentuale<br />
Anteil der Einkommensteuer am gesamten zu versteuernden<br />
Einkommen niedriger als der Tarif ist. In der Fachsprache wird<br />
das als Durchschnittssteuersatz bezeichnet. Denn man muss<br />
für die verschiedenen Einkommensstufen jeweils unterschiedliche<br />
Sätze abführen.<br />
Lebensverhältnisse werden berücksichtigt<br />
Wenn das Finanzamt die Steuern berechnet, schaut es nicht nur<br />
auf die Höhe des jeweiligen Einkommens, sondern berücksichtigt<br />
auch die persönlichen Lebensverhältnisse des Einzelnen.<br />
Wer zum Beispiel für seinen Ehepartner oder seine Kinder sorgt,<br />
muss bei gleichem Einkommen in der Regel weniger Steuern<br />
zahlen als ein Alleinstehender. Es können beispielsweise auch<br />
Aufwendungen für die Kranken- <strong>und</strong> Pflegeversicherung <strong>und</strong><br />
Kosten für die Pflege von Familienangehörigen steuerlich geltend<br />
gemacht werden.<br />
8
Um Steuern dreht sich mehr, als man denkt<br />
Steuergerechtigkeit<br />
So berechnet sich<br />
die Einkommensteuer<br />
Steuersätze in Prozent<br />
45<br />
40<br />
35<br />
30<br />
25<br />
20<br />
15<br />
10<br />
0<br />
5.000<br />
10.000<br />
15.000<br />
20.000<br />
25.000<br />
30.000<br />
35.000<br />
40.000<br />
45.000<br />
50.000<br />
55.000<br />
Zu versteuerndes Einkommen in Euro<br />
Quelle: Die Welt, Juni 2011<br />
Außerdem berücksichtigt der Staat verschiedene individuelle<br />
Ausgaben, auch wenn sie nicht durch die Arbeit verursacht sind.<br />
Manche von diesen Kosten dürfen unbeschränkt abgezogen<br />
werden, andere wiederum sind bis zu bestimmten Grenzen oder<br />
gestaffelt nach dem Familienstand abziehbar. Einen großen Teil<br />
dieser Abzugsmöglichkeiten gibt es, weil der Staat auch hier seine<br />
Bürger zu einem bestimmten Verhalten motivieren möchte.<br />
Abzugsfähig sind daher zum Beispiel Aufwendungen für die Altersvorsorge,<br />
für die Aus- <strong>und</strong> Weiterbildung sowie Spenden.<br />
Bestimmte Einnahmen sind sogar ganz von der Einkommensteuer<br />
befreit. Dazu zählen laut Gesetz r<strong>und</strong> 70 verschiedene<br />
Einnahmearten, unter anderem das Arbeitslosengeld, BAFöG-<br />
Leistungen, Stipendien oder auch das Elterngeld.<br />
Die Steuererklärung auf dem Bierdeckel?<br />
Wenn man im Restaurant auf einen Bierdeckel schaut, denkt<br />
man mit Sicherheit nicht daran, dass dieser winzige Platz<br />
ausreichen könnte, um darauf auch eine Steuererklärung zu<br />
machen. Heute ist das unmöglich, denn das Steuersystem ist<br />
komplex. Weil sich Gesellschaft <strong>und</strong> Wirtschaft über die Jahre<br />
verändert haben, kam es auch immer wieder zu Anpassungen<br />
im Steuerrecht – nicht zuletzt, um eine gerechte Besteuerung<br />
sicher zu stellen. Die Idee der Bierdeckelsteuer hatten vor einigen<br />
Jahren Politiker <strong>und</strong> Wissenschaftler. Immer wieder gibt<br />
es Vorschläge, die Regeln für die Besteuerung des Einkommens<br />
vollkommen umzugestalten. Nach diesen Überlegungen sollen<br />
insbesondere Befreiungen, Ausnahmen <strong>und</strong> Sonderregelungen<br />
gestrichen, weitgehend pauschaliert <strong>und</strong> ein einheitlicher<br />
Einkommensteuersatz eingeführt werden. All diese Vorschläge<br />
verfolgen das Ziel, das Besteuerungsverfahren <strong>und</strong> die Steuererklärung<br />
zu vereinfachen.<br />
Weiter klicken<br />
Die B<strong>und</strong>eszentrale<br />
für politische <strong>Bildung</strong><br />
bietet umfangreiches<br />
Informationsmaterial<br />
speziell zu Steuern<br />
<strong>und</strong> Finanzpolitik<br />
unter www.bpb.de.<br />
Diskussion:<br />
Individuelle Steuergerechtigkeit oder einfaches Steuersystem?<br />
Inwieweit soll der Staat für seine Bürger sorgen <strong>und</strong> inwieweit sollte jeder Einzelne auch eigenverantwortlich zu seiner sozialen <strong>und</strong><br />
finanziellen Absicherung beitragen?<br />
Pro individuelle Steuergerechtigkeit:<br />
• Jeder Steuerzahler soll die Höhe seiner Steuern als gerecht<br />
empfinden. Es ist daher notwendig, jede Einzelfallsituation so<br />
individuell wie möglich im Steuerrecht abzubilden.<br />
• Die Lebenswirklichkeit ist vielgestaltig. Nicht nur im Steuerrecht,<br />
auch im Zivilrecht, im Sozialrecht <strong>und</strong> in vielen anderen<br />
Bereichen setzen die Regelungen an der vorgef<strong>und</strong>enen Lebenswirklichkeit<br />
an.<br />
• Die Steuerlast muss für alle gleich schwer zu tragen sein. Jemand,<br />
der viel Geld hat, soll daher stärker belastet werden als<br />
jemand, der wenig Geld hat.<br />
Pro einfaches Steuersystem:<br />
• Unser Steuersystem ist so kompliziert geworden, dass der<br />
Überblick im Paragrafendschungel verloren gehen kann. Einfachheit<br />
ist wichtiger <strong>und</strong> gerechter, als jedem Einzelfall gerecht<br />
zu werden.<br />
• Eine einfache Einkommensbesteuerung <strong>und</strong> ein einheitlicher<br />
Steuertarif für alle reduzieren den Aufwand für Bürger <strong>und</strong><br />
Finanzverwaltung <strong>und</strong> damit auch die Verwaltungskosten.<br />
• Mehr Aufklärung über die Verwendung der Steuern ist besser<br />
als Einzelfallgerechtigkeit.<br />
Weiter denken<br />
Führt in eurer Stadt<br />
oder eurem Ort eine<br />
Umfrage durch zu<br />
dem Thema: Fühlen<br />
Sie sich gerecht<br />
besteuert? Warum ja,<br />
warum nein? Notiert<br />
die Antworten <strong>und</strong><br />
Meinungen der Bürgerinnen<br />
<strong>und</strong> Bürger.<br />
Wertet auch ihre Begründungen<br />
aus <strong>und</strong><br />
erstellt eine Rangliste<br />
aus den häufigsten<br />
Bürgermeinungen, die<br />
ihr im Klassenverband<br />
diskutiert.<br />
9
Einkommensteuer<br />
Was geht ab vom Lohn?<br />
Vielleicht hast du schon mal beobachtet, wie sich deine Eltern den Kopf über die Einkommensteuererklärung<br />
zerbrochen <strong>und</strong> dabei Ordner gewälzt <strong>und</strong> Belege sortiert<br />
haben. Und vielleicht hast du dich auch manchmal gefragt, warum das überhaupt sein<br />
muss – <strong>und</strong> was hat das Ganze eigentlich mit der Lohnsteuer zu tun, die deinen Eltern<br />
vom Gehalt abgezogen wird?<br />
Zunächst einmal: Die Lohnsteuer ist keine separate Steuer auf<br />
den Lohn, sondern nur die Form des Abzugs der Einkommensteuer.<br />
Der Begriff Lohnsteuer besagt also nichts anderes, als<br />
dass die Einkommensteuer direkt vom Lohn einbehalten wird.<br />
Alle Einkommen besteuert<br />
Das Einkommensteuergesetz bestimmt, welche Einkünfte besteuert<br />
werden. Da es unterschiedliche Arten gibt, wie man sein<br />
Geld verdienen kann, werden die Einkünfte in sieben Einkunftsarten<br />
unterteilt. Für Löhne <strong>und</strong> Gehälter muss genauso Einkommensteuer<br />
bezahlt werden wie für Rentenbezüge oder Gewinne<br />
aus selbstständigen Unternehmen. Bei der Einkommensteuer<br />
spielt es also keine Rolle, ob man Angestellter, Arbeiter, Rentner<br />
oder Selbstständiger ist.<br />
Zur Einkommensteuer kommen der Solidaritätszuschlag sowie<br />
gegebenenfalls die Kirchensteuer hinzu. Der Solidaritätszuschlag<br />
ist eine Ergänzungsabgabe zur Einkommensteuer <strong>und</strong><br />
zur Körperschaftsteuer in Deutschland, die durch die hohen<br />
Kosten der Wiedervereinigung Deutschlands begründet wird.<br />
Der Zuschlag ist eine direkte Steuer <strong>und</strong> steht dem B<strong>und</strong> zu. Die<br />
Bemessung <strong>und</strong> Erhebung wird durch das Solidaritätszuschlaggesetz<br />
(SolZG) geregelt. Beide Abgaben werden in einem festen<br />
prozentualen Verhältnis zur Einkommensteuer ermittelt.<br />
Die Berechnungsgr<strong>und</strong>lage für die Höhe der Steuerlast ist das<br />
so genannte zu versteuernde Einkommen. Dieses darf aber<br />
nicht mit dem ausgezahlten Lohn oder Gehalt verwechselt werden.<br />
Denn es können zum Beispiel Ausgaben abgezogen werden,<br />
die für die berufliche Tätigkeit notwendig waren: Jeder<br />
Arbeitnehmer darf beispielsweise Aufwendungen für Arbeitskleidung,<br />
Fachliteratur oder Bücher für die Fort- <strong>und</strong> Weiterbildung,<br />
seine Fahrten zwischen Wohnung <strong>und</strong> regelmäßiger Arbeitsstelle,<br />
Reise kosten anlässlich einer Auswärtstätigkeit oder<br />
in bestimmten Fällen auch Umzugskosten steuerlich geltend<br />
machen. Diese Kosten werden als Werbungskosten bezeichnet.<br />
Voraussetzung ist, dass die Aufwendungen überwiegend beruflich<br />
bedingt waren. Selbstständige <strong>und</strong> Gewerbetreibende können<br />
ihre Betriebsausgaben von ihren Einnahmen abziehen.<br />
Darüber hinaus wird bei allen Steuerpflichtigen ermittelt, ob sie<br />
beispielsweise noch bestimmte private Aufwendungen hatten,<br />
die für die Lebensführung zwingend sind. Das sind zum einen<br />
Sonderausgaben, wozu insbesondere auch Beiträge zur gesetzlichen<br />
Rentenversicherung, für die private Altersvorsorge sowie<br />
für die Basiskranken- <strong>und</strong> Pflegepflichtversicherung gehören.<br />
Und zum anderen außergewöhnliche Belastungen wie Aufwendungen<br />
wegen Behinderung oder Pflegebedürftigkeit. All diese<br />
Aufwendungen berücksichtigt das Finanzamt, bevor ermittelt<br />
10
Einnahmen des Staates – <strong>und</strong> wie der Staat mit seinen Finanzen plant<br />
Einkommensteuer<br />
wird, wie hoch das zu versteuernde Einkommen ist. Wer zu viele<br />
Steuern vorab gezahlt hat – zum Beispiel über den Lohnsteuerabzug<br />
– bekommt Geld zurück. Hat der Steuerpflichtige zu wenig<br />
gezahlt – etwa, weil er neben dem Arbeitslohn noch andere Einkünfte<br />
hatte – muss er nachzahlen.<br />
Vieles in Sachen Steuern läuft inzwischen elektronisch. Die<br />
Steuererklärung kann man entweder auf dem Papierformular<br />
einreichen oder auch online ausfüllen <strong>und</strong> verschicken. Auch<br />
die Ära der Papierlohnsteuerkarte ist beendet. Bereits seit dem<br />
Kalen derjahr 2010 wird keine Lohnsteuerkarte mehr versandt.<br />
Gut zu wissen ...<br />
Lohnsteuerklassen in Deutschland<br />
Unterschiedliche Steuerklassen sorgen dafür, dass die individuelle<br />
Situation eines Steuerzahlers bereits bei der Lohnsteuer<br />
berücksichtigt wird. Es gibt sechs verschiedene Lohnsteuerklassen<br />
für Arbeitnehmer. Diese versuchen, mit dem monatlichen<br />
Abzug abzubilden, was am Jahresende bei der Steuererklärung<br />
zu erwarten ist.<br />
Steuerklasse I: Insbesondere Alleinstehende mit oder ohne<br />
Wohnsitz in Deutschland, die als Arbeitnehmer<br />
arbeiten <strong>und</strong> dafür Arbeitslohn<br />
erhalten, oder aus einer deutschen öffentlichen<br />
Kasse Arbeitslohn oder<br />
Versorgungsbezüge erhalten<br />
Steuerklasse II: Alleinstehende mit Kindern<br />
(allein Erziehende)<br />
Steuerklasse III: Verheiratete, nicht dauernd getrennt lebende<br />
Ehepartner mit dem höheren Arbeitslohn<br />
bezogen auf das Familieneinkommen<br />
Steuerklasse IV: Verheiratete, die in der Regel beide ähnliche<br />
Gehälter beziehen<br />
Steuerklasse V: Verheiratete, deren Ehepartner in<br />
Steuerklasse III ist<br />
Steuerklasse VI: Arbeitnehmer, die mehrere Jobs<br />
nebeneinander haben<br />
Die sieben Einkunftsarten<br />
der Einkommensteuer:<br />
• nicht selbstständige Arbeit<br />
(Arbeitnehmer)<br />
• selbstständige Arbeit<br />
• Gewerbebetrieb<br />
• Land- <strong>und</strong> Forstwirtschaft<br />
• Kapitalvermögen<br />
• Vermietung <strong>und</strong> Verpachtung<br />
• sonstige Einkünfte<br />
Sie soll ab dem Kalenderjahr <strong>2013</strong> durch ein elektronisches Abrufverfahren<br />
ersetzt werden. Die Kommunikation zwischen Bürgern,<br />
Arbeitgebern <strong>und</strong> Finanzamt wird wesentlich vereinfacht<br />
<strong>und</strong> somit individuell, papierlos <strong>und</strong> sicher erfolgen. Bis dahin<br />
gelten die Lohsteuerkarte 2010 oder die Ersatz- <strong>und</strong> sonstigen<br />
Papierbescheinigungen weiter.<br />
Weitere Infos zur elektronischen Lohnsteuerkarte gibt es unter<br />
www.elster.de. Alle Formulare r<strong>und</strong> um die Steuererklärung<br />
finden sich auf den Seiten der B<strong>und</strong>esfinanzverwaltung unter<br />
www.formulare-bfinv.de.<br />
Anstelle der Steuerklassenkombinationen III/V können beiderseits<br />
berufstätige Verheiratete für den Lohnsteuerabzug auch<br />
das so genannte Faktorverfahren wählen – ein Verfahren, dass<br />
dafür sorgt, dass sich die monatliche Lohnsteuer der Eheleute<br />
nach ihren Einkommensanteilen verteilt.<br />
Drei Wege zur Einkommensteuer<br />
Bei Einkünften aus nicht selbstständiger Arbeit – also bei<br />
Arbeitnehmern <strong>und</strong> Angestellten – behält der Arbeitgeber<br />
monatlich die Lohnsteuer ein <strong>und</strong> führt sie für den Arbeitnehmer<br />
oder Angestellten an das Finanzamt ab.<br />
EINS<br />
Bestimmte Steuerpflichtige müssen eine Steuererklärung<br />
ZWEI<br />
abgeben (siehe oben). Das Finanzamt berechnet dann, ob<br />
es zu einer Nachzahlung oder einer Erstattung kommt.<br />
Bei Einnahmen aus Kapitalanlagen, also zum Beispiel<br />
Zinsen, wird Kapitalertragsteuer erhoben. Bekannter ist<br />
diese Form der Steuererhebung unter dem Stichwort „Ab-<br />
DREI<br />
geltungsteuer“: Banken <strong>und</strong> andere Finanzdienstleister<br />
behalten die Steuer direkt ein <strong>und</strong> führen sie ans Finanzamt<br />
ab.<br />
Die Steuererklärung<br />
Steuerzahler müssen<br />
immer dann eine<br />
Steuererklärung<br />
einreichen, wenn sie<br />
während des Jahres<br />
von Steuerfreibeträgen<br />
profitiert haben – sei es<br />
über einen Freibetrag<br />
auf der Lohnsteuerkarte<br />
oder durch die Wahl<br />
des Faktorverfahrens<br />
bei Ehepaaren. Auch<br />
wer als Arbeitnehmer<br />
mehrere Jobs ausübt,<br />
oder wer steuerfreie<br />
Lohnersatzleistungen,<br />
(z. B. Arbeitslosengeld<br />
I, Krankengeld,<br />
Kurzarbeitergeld<br />
oder Elterngeld)<br />
bezogen hat, muss in<br />
der Regel bis Ende<br />
Mai des Folge jahres<br />
eine Steuer erklärung<br />
abgeben. Ebenso alle<br />
Selbstständigen <strong>und</strong><br />
Rentner mit Einkünften<br />
über 8.004 Euro im<br />
Jahr. Auch bei Steuerklassenwahl<br />
3 oder 5<br />
muss eine Steuererklärung<br />
abgegeben<br />
werden.<br />
Weiter klicken<br />
Der B<strong>und</strong> der<br />
Steuerzahler bietet<br />
spezielle Internetseiten<br />
für <strong>Jugend</strong>liche.<br />
Dort erfahrt ihr auch<br />
mehr über die erste<br />
Steuererklärung.<br />
www.steuerbar.de<br />
Weiter denken<br />
Eine Steuererklärung<br />
machen – wie<br />
geht das eigentlich?<br />
Recherchiert alle<br />
notwendigen Schritte<br />
<strong>und</strong> alle wichtigen<br />
Informationen. Welche<br />
Möglichkeiten gibt<br />
es, wenn man bei der<br />
Steuererklärung Unterstützung<br />
braucht?<br />
11
Umsatzsteuer<br />
Eine für (fast) alles<br />
Du ahnst es vielleicht schon: Auch wenn du zum Friseur gehst oder mit der Bahn<br />
fährst, zahlst du Steuern – genauso wie beim Einkauf im Supermarkt. Auf fast jeden<br />
Einkauf, auf fast jede Dienstleistung wird in Deutschland eine Umsatzsteuer fällig –<br />
also jedes Mal, wenn etwas verkauft wird, das heißt bei jedem Umsatz. Diese Steuer<br />
begleitet das Produkt, für das du dich beim Einkauf entscheidest, vom Rohstoff über<br />
die Fertigware bis zu dir nach Hause, also bis in die Hand des Verbrauchers. Man nennt<br />
sie auch Mehrwertsteuer – insbesondere in anderen Staaten, etwa value added tax im<br />
Englischen.<br />
Weiter klicken<br />
Als eine der ersten<br />
Steuern ist die<br />
Umsatzsteuer im<br />
europäischen<br />
Binnenmarkt harmonisiert<br />
worden.<br />
Es gibt eine Untergrenze<br />
für die Höhe<br />
der Sätze <strong>und</strong> einen<br />
Katalog von Waren<br />
<strong>und</strong> Dienstleistungen,<br />
auf die ein ermäßigter<br />
Satz angewendet<br />
werden darf. Ein<br />
EU-Mitgliedstaat<br />
darf höchsten zwei<br />
ermäßigte<br />
Sätze anwenden.<br />
In Deutschland gibt<br />
es nur einen ermäßigten<br />
Satz. Weitere<br />
Informationen dazu<br />
gibt es unter<br />
http://ec.europa.eu<br />
> von A bis Z ><br />
Steuern <strong>und</strong> Zollunion<br />
> Mehrwertsteuer<br />
Haupteinnahmequelle des Staates<br />
Die Umsatzsteuer ist eine der größten Einnahmequellen des<br />
Staates. Derzeit beträgt der Normalsatz bei der Umsatzsteuer<br />
19 Prozent. Das bedeutet, dass bei einem Preis von 119 Euro<br />
19 Euro in die Staatskasse fließen. Allerdings gibt es einige Umsätze,<br />
die von der Steuer befreit sind. Dazu gehören zum Beispiel<br />
die Miete für die Mietwohnung, die Tätigkeit eines Arztes oder<br />
der Unterricht an einer Schule oder Universität. Andere Umsätze<br />
fallen unter einen ermäßigten Steuersatz von derzeit sieben<br />
Prozent. Diese Steuervergünstigung hat sich aus dem Gedanken<br />
entwickelt, dass die wichtigsten Güter des alltäglichen Lebens<br />
nicht so hoch besteuert werden sollten, damit die Preise nicht<br />
so hoch sind <strong>und</strong> auch Menschen mit wenig Geld diese Sachen<br />
kaufen können. Daher gilt der ermäßigte Satz unter anderem für<br />
Lebensmittel sowie für Zeitungen <strong>und</strong> Bücher.<br />
Allerdings hat sich das Umsatzsteuerrecht mit der Zeit immer<br />
komplexer gestaltet: Elf verschiedene Kategorien listet allein<br />
der Bereich auf, in denen der ermäßigte Steuersatz von sieben<br />
Prozent greift, darunter nicht nur Lebensmittel, sondern auch<br />
Zirkusvorführungen oder die Personenschifffahrt. Ein Anhang<br />
zum Umsatzsteuergesetz führt in mehr als 50 Punkten die verschiedensten<br />
Waren auf, die im Gesetz nicht konkret benannt<br />
sind. Darüber hinaus muss das B<strong>und</strong>esfinanzministerium in<br />
regelmäßigen Abständen Abgrenzungsprobleme zwischen dem<br />
ermäßigten Satz <strong>und</strong> dem Normalsatz klären.<br />
Mehrwertsteuersätze (in Prozent)<br />
in den EU-Mitgliedstaaten<br />
Land<br />
Stark<br />
ermäßigter<br />
Satz<br />
Ermäßigter<br />
Satz<br />
Normalsatz<br />
Zwischensatz<br />
Belgien 6 / 12 21 12<br />
Dänemark 25<br />
Deutschland 7 19<br />
Frankreich 2,1 5,5 19,6<br />
Griechenland 6,5 / 13 23<br />
Irland 4,8 9 / 13,5 21 13,5<br />
Italien 4 10 20<br />
Niederlande 6 19<br />
Österreich 10 20 12<br />
Polen 5 / 8 23<br />
Portugal 6 / 13 23 13<br />
Schweden 6 / 12 25<br />
Spanien 4 8 18<br />
Tschechische<br />
Republik<br />
Vereinigtes<br />
Königreich<br />
10 20<br />
5 20<br />
Weiter denken<br />
Bewahrt von eurem<br />
nächsten größeren<br />
Einkauf im Supermarkt<br />
<strong>und</strong> aus<br />
anderen Geschäften<br />
die Kassenzettel<br />
auf <strong>und</strong> sortiert,<br />
welche Umsätze mit<br />
sieben Prozent <strong>und</strong><br />
welche mit 19 Prozent<br />
besteuert werden.<br />
Fasst eure Ergebnisse<br />
zusammen <strong>und</strong> diskutiert<br />
dann gemeinsam<br />
in der Klasse, warum<br />
bei der Umsatzsteuer<br />
unterschiedlich<br />
besteuert wird – <strong>und</strong><br />
ob das in dieser Form<br />
sinnvoll ist.<br />
Pro:<br />
• Lebenswichtige Produkte <strong>und</strong> Gr<strong>und</strong>bedürfnisse, zum Beispiel<br />
Lebensmittel, dürfen nicht zu teuer sein. Daher sollten<br />
sie nicht mit einer hohen Umsatzsteuer belastet werden.<br />
• Würde man den ermäßigten Umsatzsteuersatz streichen,<br />
wären vor allem Menschen mit niedrigerem Einkommen mit<br />
erhöhten Ausgaben belastet. Dann wäre zum Ausgleich eine<br />
soziale Unterstützung an anderer Stelle erforderlich.<br />
*Quelle: Europäische Kommission:<br />
Mehrwertsteuersätze in Mitgliedstaaten der Europäischen Union, Juli 2011<br />
Diskussion:<br />
Ist der ermäßigte Umsatzsteuersatz noch zeitgemäß?<br />
Kontra:<br />
• Bei der Umsatzsteuer gibt es viel zu viele Ermäßigungen.<br />
Wichtig ist, dass die Ausnahmen auf das Wesentliche beschränkt<br />
werden.<br />
• Ein einheitlicher Steuersatz für alle Arten von Konsum wäre<br />
die einfachste <strong>und</strong> gerechteste Lösung. Er würde den Unter -<br />
nehmen viel Mühe ersparen <strong>und</strong> nicht Menschen begünstigen,<br />
die das gar nicht nötig haben.<br />
• Der Normalsatz könnte gesenkt werden, wenn der ermäßigte<br />
Umsatzsteuersatz wegfiele.<br />
12
Unternehmenssteuern<br />
Wirtschaftswachstum ankurbeln<br />
Fast alle Arbeitnehmer zahlen Einkommensteuer – <strong>und</strong> du wirst sie spätestens auch<br />
zahlen müssen, wenn du einen Job hast. Aber wie sieht das mit der Besteuerung auf<br />
der Seite der Arbeitgeber aus? Auf welche Art <strong>und</strong> Weise müssen eigentlich deutsche<br />
Unternehmen von ihren Gewinnen Steuern an den Staat abführen?<br />
Die Rechtsform entscheidet<br />
Welche Steuern Unternehmen zahlen müssen, hängt von ihrer<br />
Rechtsform ab. Das heißt, es wird unterschieden, ob es sich<br />
um ein Einzelunternehmen, zum Beispiel einen Kioskbesitzer,<br />
handelt, um eine so genannte Personengesellschaft – etwa eine<br />
offene Handelsgesellschaft (OHG) – oder um eine Kapitalgesellschaft.<br />
Hier kennst du vielleicht die Rechtsformen Gesellschaft<br />
mit beschränkter Haftung (GmbH) oder Aktiengesellschaft (AG).<br />
Einzelunternehmer <strong>und</strong> Mitunternehmer von Personengesellschaften<br />
fallen unter die Einkommensteuer. Sie werden also<br />
nach ähnlichen Prinzipien behandelt wie Arbeitnehmer: Je höher<br />
ihr Gewinn ausfällt, desto höher ist auch der Steuersatz.<br />
Kapitalgesellschaften unterliegen dagegen der Körperschaftsteuer.<br />
Hier gilt ein einheitlicher Steuersatz, der sich seit der<br />
Unternehmenssteuerreform im Jahr 2008 auf 15 Prozent beläuft.<br />
Die Senkung des Steuersatzes (vorher 25 Prozent) hatte<br />
das Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu stärken<br />
<strong>und</strong> damit das Wirtschaftswachstum im Land anzutreiben. Zu<br />
den 15 Prozent Körperschaftsteuer kommen allerdings noch die<br />
Gewerbesteuer <strong>und</strong> der Solidaritätszuschlag. Insgesamt ergibt<br />
sich dadurch eine durchschnittliche Steuerbelastung von 29,4<br />
Prozent für Kapitalgesellschaften.<br />
Die Gewerbesteuer ist eine Gemeindesteuer <strong>und</strong> die wichtigste<br />
Einnahmequelle der Kommunen. B<strong>und</strong> <strong>und</strong> Länder werden<br />
durch eine Umlage an der Gewerbesteuer beteiligt. Das bedeutet,<br />
dass ein Teil der Einnahmen aus der Gewerbesteuer an den<br />
B<strong>und</strong> <strong>und</strong> in die Haushalte der Länder fließt.<br />
Gr<strong>und</strong>sätzlich müssen sämtliche Gewerbetreibende – also auch<br />
Personengesellschaften, die einen Gewerbebetrieb führen –<br />
diese Steuer entrichten. Kapitalgesellschaften erzielen stets<br />
Welche Steuern zahlen Unternehmen?<br />
Einkommensteuer<br />
Körperschaftsteuer<br />
Gewerbesteuer<br />
Gut zu wissen ...<br />
Einkünfte, die der Gewerbesteuer unterfallen. Im Gegensatz zur<br />
Einkommensteuer richtet sich die Gewerbesteuer nicht auf die<br />
Erträge einer Person, sondern auf den Gewerbebetrieb selbst.<br />
Wem der Gewerbebetrieb gehört oder wem die Gewinne zustehen<br />
spielt dabei keine Rolle. Ermittelt wird der Gewinn aus dem<br />
betriebenen Gewerbe, der mit einer Steuermesszahl multipliziert<br />
wird. Die einzelnen Kommunen legen einen prozentualen<br />
Hebesatz fest, der über die Höhe der Gewerbesteuer bestimmt.<br />
Von der Gewerbesteuer ausgenommen sind die so genannten<br />
freien Berufe – etwa selbstständige Ingenieure, Architekten oder<br />
Anwälte.<br />
Unternehmenssteuern im internationalen<br />
Vergleich in Prozent vom Gewinn<br />
Welt<br />
OECD<br />
Lateinamerika <strong>und</strong> Karibik<br />
Asien-Pazifik<br />
EU<br />
USA<br />
Brasilien<br />
Deutschland<br />
China<br />
Quelle: KPMG; Corporate and Indirect Tax Survey, 2011<br />
Mitunternehmer von Personengesellschaften <strong>und</strong> Einzelunternehmer zahlen auf ihre Gewinne<br />
Einkommensteuer. Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland fällt unter diese Gruppe.<br />
So genannte juristische Personen, insbesondere Kapitalgesellschaften wie eine GmbH oder eine<br />
AG müssen Körperschaftsteuer auf ihre Gewinne entrichten.<br />
Diese Steuer zahlen Gewerbetreibende. Zu ihnen zählen zum Beispiel alle Handwerks- <strong>und</strong><br />
Handelsbetriebe sowie Kapitalgesellschaften. Freiberufler wie Ärzte, Anwälte, Ingenieure oder<br />
Übersetzer sind nicht gewerbesteuerpflichtig, ebenso wenig wie Landwirte.<br />
23,0<br />
26,4<br />
25,3<br />
24,1<br />
22,9<br />
25,0<br />
29,4<br />
34,0<br />
40,0<br />
Weiter klicken<br />
Viele interessante<br />
Informationen r<strong>und</strong><br />
um die Themen<br />
Unternehmen <strong>und</strong><br />
Wirtschaft stellen<br />
die verschiedenen<br />
Wirtschaftszeitungen<br />
<strong>und</strong> Zeitschriften im<br />
Internet zur Verfügung.<br />
Aktuelle Fragen<br />
<strong>und</strong> Artikel könnt ihr<br />
zum Beispiel unter<br />
www.handelsblatt<br />
machtschule.de<br />
nachlesen.<br />
Weiter denken<br />
Die Gewerbesteuer<br />
wird immer wieder<br />
heftig diskutiert. Sie<br />
sei abhängig von der<br />
Konjunktur, sagen<br />
die, die sie abschaffen<br />
wollen. Sie sei die<br />
wichtigste Einnahmequelle<br />
für die Kommunen,<br />
sagen die, die sie<br />
beibehalten wollen.<br />
Recherchiert im Internet<br />
<strong>und</strong> in den großen<br />
Wirtschaftszeitungen,<br />
welche Argumente<br />
es außerdem für <strong>und</strong><br />
gegen die Gewerbesteuer<br />
gibt. Sortiert<br />
diese Argumente nach<br />
ihrem Standpunkt.<br />
13
Haushaltsbudget der B<strong>und</strong>esministerien <strong>und</strong> des B<strong>und</strong>eskanzleramts<br />
nach dem Entwurf für den B<strong>und</strong>eshaushalt im Jahr <strong>2012</strong><br />
wirtschaftliche Zusammenarbeit <strong>und</strong> Entwicklung<br />
Familie, Senioren, Frauen <strong>und</strong> <strong>Jugend</strong><br />
<strong>Bildung</strong> <strong>und</strong> Forschung<br />
Wirtschaft <strong>und</strong> Technologie<br />
Innenministerium<br />
Ernährung, Landwirtschaft <strong>und</strong> Verbraucherschutz<br />
Verkehr, Bau <strong>und</strong><br />
Stadtentwicklung<br />
Ges<strong>und</strong>heit<br />
25.341 €<br />
14.483 €<br />
12.804 €<br />
6.480 €<br />
6.333 €<br />
6.157 €<br />
5.467 €<br />
5.280 €<br />
4.612 €<br />
3.307 €<br />
Finanzen<br />
Auswärtiges Amt<br />
1.887 €<br />
B<strong>und</strong>eskanzlerin <strong>und</strong><br />
B<strong>und</strong>eskanzleramt<br />
1.593 €<br />
Umwelt, Naturschutz<br />
<strong>und</strong> Reaktorsicherheit<br />
491 €<br />
Justiz<br />
Verteidigung<br />
31.682 €<br />
126.590 €*<br />
Arbeit <strong>und</strong> Soziales<br />
* Angaben in Mio. Euro<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium<br />
der Finanzen, Juli 2011<br />
Der B<strong>und</strong>eshaushalt<br />
Regieren nach Zahlen<br />
Du bekommst ein monatliches Taschengeld? Auch deine Eltern haben regelmäßige<br />
Einnahmen, zum Beispiel den Lohn für die Arbeit. Und natürlich brauchst du <strong>und</strong> brauchen<br />
deine Eltern Geld: Du musst vielleicht die Rechnung für dein Handy selbst bezahlen;<br />
deine Eltern geben Geld für Miete, Lebensmittel, für das Auto <strong>und</strong> andere Dinge<br />
aus. Wichtig ist dabei, den Überblick über Einnahmen <strong>und</strong> Ausgaben zu behalten.<br />
Einnahmen <strong>und</strong> Ausgaben planen<br />
Auch B<strong>und</strong>, Länder <strong>und</strong> Gemeinden haben Einnahmen <strong>und</strong> Ausgaben,<br />
die jedes Jahr in den Haushalten aufgestellt werden. Und<br />
genau so wie du oder deine Eltern muss auch der Staat seine<br />
Ausgaben auf Dauer danach ausrichten, mit welchen Einnahmen<br />
er zukünftig rechnen kann. In der Vergangenheit hat er häufig<br />
hohe Kredite aufnehmen müssen, um seine Ausgabenplanungen<br />
umsetzen zu können. In der Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise<br />
beispielsweise musste der Staat zusätzliches Geld aufnehmen,<br />
um die Auswirkungen der Krise für alle, also Unternehmen <strong>und</strong><br />
private Haushalte, abzufedern. Die Investitionen sorgten zum<br />
Beispiel dafür, dass die Baufirmen weiterhin Aufträge hatten –<br />
<strong>und</strong> durch das Kurzarbeitergeld mussten Unternehmen ihren<br />
Beschäftigten in der Krise nicht kündigen, denn der Staat hat<br />
einen Teil des Gehaltes übernommen. Da der Staat in der Krise<br />
gleichzeitig deutlich weniger eigene Einnahmen als sonst erzielte,<br />
musste er höhere Kredite aufnehmen. Zukünftig sollen neue<br />
Schulden nur noch in geringem Umfang aufgenommen werden<br />
dürfen. Ziel ist es, den aufgehäuften Schuldenberg im Verhältnis<br />
zur Wirtschaftskraft unseres Landes Stück für Stück zu reduzieren.<br />
Diese Schuldenrückführung wurde gesetzlich festgeschrieben<br />
<strong>und</strong> heißt Konsolidierung.<br />
Der B<strong>und</strong>eshaushalt<br />
Alle Steuereinnahmen fließen in den Haushalt, entweder in den<br />
Etat des B<strong>und</strong>es, der Länder oder der Gemeinden – je nachdem,<br />
wem die Steuer zusteht. Und auf all diesen Ebenen wird im Voraus<br />
geplant, wofür die Steuereinnahmen ausgegeben werden<br />
müssen <strong>und</strong> sollen. Daher werden jedes Jahr Haushaltspläne<br />
aufgestellt <strong>und</strong> der B<strong>und</strong>eshaushalt wird weit im Voraus geplant:<br />
Kaum ist der Haushaltsplan für das kommende Jahr beschlossen,<br />
nimmt das B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen bereits die<br />
Planung für das darauf folgende Jahr in Angriff.<br />
In der Vergangenheit haben die einzelnen Ministerien ihre<br />
Ausgabenwünsche – die so genannten Voranschläge – beim<br />
B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen eingereicht. Anschließend<br />
verhandelte das Ministerium mit den Fachressorts über die Voranschläge,<br />
um einen Kompromiss zu finden. Wie im „richtigen“<br />
Leben ist es auch beim B<strong>und</strong>eshaushalt so, dass nicht alles, was<br />
wünschenswert ist, auch finanzierbar ist. Weil die Konsolidierung<br />
aktuell eine besonders hohe Priorität hat, <strong>und</strong> man sich<br />
in der Haushaltsplanung schon früh auf eine Linie verständigen<br />
musste, wurde das Aufstellungsverfahren „auf den Kopf gestellt“.<br />
Ausgangspunkt der Haushaltsgespräche sind jetzt nicht<br />
mehr die Ausgabenwünsche der Fachministerien (Bottom-Up-<br />
14
Einnahmen des Staates – <strong>und</strong> wie der Staat mit seinen Finanzen plant<br />
Der B<strong>und</strong>eshaushalt<br />
Gut zu wissen ...<br />
Verfahren), sondern Vorschläge des B<strong>und</strong>esministeriums der<br />
Finanzen (Top-Down-Verfahren). Auf deren Gr<strong>und</strong>lage entscheidet<br />
das B<strong>und</strong>eskabinett über verbindliche Einnahme- <strong>und</strong> Ausgabebudgets,<br />
auch Eckwerte bezeichnet, die dann in weiteren<br />
Gesprächen der Fachleute im B<strong>und</strong>esministerium <strong>und</strong> in den<br />
Ressorts einvernehmlich auf einzelne Bereiche verteilt werden.<br />
Weil sich die Steuereinnahmen von Jahr zu Jahr ändern, brauchen<br />
die Haushaltsexperten eine Gr<strong>und</strong>lage, mit der sie arbeiten<br />
können. Deswegen gibt es den Arbeitskreis „Steuerschätzungen“.<br />
Haushaltsdebatte <strong>und</strong> Haushaltsbeschluss<br />
Jährlich im Frühsommer beschließt das B<strong>und</strong>eskabinett den<br />
Regierungsentwurf für das nächste Haushaltsjahr. Der Entwurf<br />
wird dann an B<strong>und</strong>estag <strong>und</strong> B<strong>und</strong>esrat übermittelt. Im Herbst<br />
berät das Parlament in erster Lesung darüber. Diese Debatte<br />
wird meistens zu einer Generalaussprache über die Gr<strong>und</strong>züge<br />
der Regierungspolitik genutzt <strong>und</strong> wird von den Bürgern mit<br />
großem Interesse verfolgt. Im Anschluss an die Beratungen im<br />
B<strong>und</strong>estag beschäftigt sich der Haushaltsausschuss mit dem<br />
Entwurf: Die Mitglieder prüfen mehrere Tausend Einnahme- <strong>und</strong><br />
Ausgabepositionen. Der Ausschuss macht natürlich auch Änderungsvorschläge.<br />
Denn immerhin verstreichen vom Beschluss<br />
des Kabinetts Anfang Juli bis zur letzten Beratung des Haushaltsausschusses<br />
im November fast vier Monate, in denen sich<br />
zum Beispiel die Erwartungen darüber verändern können, wie<br />
sich die deutsche Wirtschaft entwickelt – <strong>und</strong> dies hat Auswirkungen<br />
auf die erwarteten Steuereinnahmen.<br />
Die Ergebnisse dieser Beratungen werden dem B<strong>und</strong>estag in der<br />
zweiten Lesung vorgestellt; in der dritten Lesung wird der Haushaltsentwurf<br />
beschlossen. Der B<strong>und</strong>esrat entscheidet dann über<br />
Zustimmung oder Ablehnung. In der Regel wird der Haushalt<br />
Ende Dezember im B<strong>und</strong>esgesetzblatt offiziell verkündet.<br />
Die Schuldenbremse<br />
Nicht immer reichen das Steuergeld <strong>und</strong> andere Einnahmen<br />
wie die LKW-Maut aus, um alle geplanten Ausgaben zu decken.<br />
Trotzdem müssen zum Beispiel die soziale Sicherung, <strong>Bildung</strong><br />
<strong>und</strong> Forschung oder Verkehrsinvestitionen finanziert werden.<br />
Das bedeutet, dass sich der Staat Geld leihen, sich also verschulden<br />
muss. Hierfür gibt es allerdings Grenzen. Diese Grenze ist<br />
im Gr<strong>und</strong>gesetz (Art. 109 <strong>und</strong> 115) festgelegt <strong>und</strong> wird als Schuldenbremse<br />
bezeichnet. Sie besagt, dass für den B<strong>und</strong> ab 2016<br />
eine strukturelle Verschuldung (> siehe Sprechblase) nur noch<br />
in Höhe von 0,35 Prozent des Bruttoinlandprodukts zulässig ist.<br />
Dies entspricht dann r<strong>und</strong> zehn Milliarden Euro. Den Ländern ist<br />
ab 2020 gar keine strukturelle Neuverschuldung mehr erlaubt.<br />
In konjunkturellen Schwächephasen erhöhen sich die Ausgaben<br />
des Staates automatisch (höhere Ausgaben der Arbeitslosenversicherung),<br />
während sich die Einnahmen verringern (Steuereinnahmen<br />
gehen zurück, wenn weniger konsumiert wird oder<br />
die Leute weniger verdienen oder gar arbeitslos werden). Die<br />
Schulden bremse erlaubt eine solche konjunkturbedingt höhere<br />
Kreditaufnahme in wirtschaftlich schwächeren Zeiten. Im Gegenzug<br />
verlangt sie aber, dass in konjunkturell guten Zeiten<br />
Überschüsse erwirtschaftet werden.<br />
Daneben überwacht der Stabilitätsrat, ein gemeinsames Gremium<br />
von B<strong>und</strong> <strong>und</strong> Ländern, die Haushalte von B<strong>und</strong> <strong>und</strong><br />
Ländern. Drohen Haushaltsnotlagen, wird hier ein Sanierungsprogramm<br />
vereinbart. Mehr Informationen gibt es unter<br />
www.stabilitaetsrat.de.<br />
Richtlinien der EU<br />
Auch die Europäische Union hat einen Blick auf die nationale<br />
Haushaltspolitik: Deutschland muss sich wie alle anderen EU-<br />
Staaten an den so genannten europäischen Stabilitäts- <strong>und</strong><br />
Wachstumspakt halten. Er besagt, dass die gesamtstaatliche<br />
Neuverschuldung höchstens drei Prozent des Bruttoinlands -<br />
produkts betragen darf, <strong>und</strong> die staatliche Schuldenstandquote,<br />
also das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt,<br />
60 Prozent nicht überschreiten soll.<br />
Diese Kriterien werden auch Maastricht-Kriterien bezeichnet.<br />
Man möchte bezwecken, dass die EU-Mitgliedstaaten – insbesondere<br />
jene, die dem Euro raum angehören – ihre öffentlichen<br />
Finanzen solide gestalten <strong>und</strong> dabei sowohl Wachstum <strong>und</strong><br />
Beschäftigung der jetzigen Bevölkerung als auch die Herausforderungen<br />
des demografischen Wandels <strong>und</strong> das Wohl zukünftiger<br />
Generationen im Blick haben.<br />
Diskussion:<br />
Mehreinnahmen – Staatsschulden<br />
abbauen oder Steuern senken?<br />
Defizit ist nicht<br />
gleich Defizit<br />
Ein konjunkturelles<br />
Defizit ist auf geringere<br />
Steuereinnahmen <strong>und</strong><br />
höhere Sozialausgaben<br />
in wirtschaftlichen<br />
Schwächephasen zurückzuführen.<br />
In wirtschaftlich<br />
guten Zeiten<br />
ergibt sich umgekehrt<br />
ein konjunktureller<br />
Überschuss.<br />
Ein strukturelles<br />
Defizit ist die dauerhafte<br />
Überlastung des<br />
Haushalts durch nicht<br />
konjunkturbedingte<br />
Ausgaben. Auch bei<br />
guter Konjunktur wird<br />
das Defizit langfristig<br />
nicht abgebaut.<br />
Weiter klicken<br />
Das B<strong>und</strong>esfinanzministerium<br />
bereitet auf<br />
seiner Internetseite<br />
regelmäßig aktuelle<br />
Themen auf. Unter<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanz<br />
ministerium.de<br />
findet sich der<br />
Themenschwerpunkt<br />
„B<strong>und</strong>esvermögen“<br />
mit allen relevanten<br />
Informationen zum<br />
Thema.<br />
Arbeitskreis „Steuerschätzungen“<br />
Der Arbeitskreis erörtert jede Steuerart solange, bis ein<br />
Konsens erreicht worden ist, der von allen mitgetragen<br />
werden kann. Auf der Gr<strong>und</strong>lage der Einzelsteuerschätzungen<br />
werden dann die auf B<strong>und</strong>, Länder, Gemeinden<br />
<strong>und</strong> EU entfallenden Einnahmen ermittelt. Dem Arbeitskreis<br />
gehören neben dem federführenden B<strong>und</strong>esministerium<br />
der Finanzen das B<strong>und</strong>esministerium<br />
für Wirtschaft <strong>und</strong> Technologie, die fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute,<br />
das Statistische B<strong>und</strong>esamt,<br />
die Deutsche B<strong>und</strong>esbank, der Sachverständigenrat zur<br />
Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung,<br />
die Länderfinanzministerien <strong>und</strong> die B<strong>und</strong>esvereinigung<br />
kommunaler Spitzenverbände an. Die Zusammensetzung<br />
sichert seine Unabhängigkeit.<br />
PRO Staatsschulden abbauen:<br />
• Es muss gespart werden, <strong>und</strong> zwar nicht nur wenn die Not es erforderlich<br />
macht, sondern stetig, damit die öffentlichen Kassen<br />
nicht aus dem Ruder laufen.<br />
• Steuermehreinnahmen sind die Rücklagen des Staates.<br />
• Der Abbau der Schulden ist notwendig, um Gestaltungsspielräume<br />
zurückzugewinnen.<br />
PRO Steuern senken:<br />
• Wenn es dauerhaft höhere Steuereinnahmen gibt, muss der<br />
Steuer zahler auch etwas davon haben.<br />
• Niedrigere Steuern <strong>und</strong> niedrigere Sozialabgaben können Anreize<br />
setzen, arbeiten zu gehen.<br />
• Niedrigere Steuern stärken den Konsum, was wiederum der<br />
Wirtschaft einen Schub gibt.<br />
Weiter denken<br />
Wie sieht für euch eine<br />
nachhaltige Steuerpolitik<br />
aus? Sammelt<br />
in Kleingruppen Vorschläge<br />
für kurz- <strong>und</strong><br />
mittelfristige Maßnahmen<br />
<strong>und</strong> Ziele, die der<br />
Staat umsetzen sollte.<br />
Begründet <strong>und</strong> diskutiert<br />
eure Vorschläge<br />
<strong>und</strong> haltet sie in einem<br />
Schaubild fest.<br />
15
Umweltpolitik<br />
Gemeinsam für den Klimaschutz<br />
Lange Zeit waren Strom <strong>und</strong> Energie etwas Selbstverständliches, über das man sich<br />
nicht viele Gedanken gemacht hat. Weißt du, aus welchen Energiequellen der Strom<br />
stammt, der bei dir zuhause aus der Steckdose kommt <strong>und</strong> die elektrischen Geräte mit<br />
Energie versorgt?<br />
Stromerzeugung in Deutschland<br />
Der überwiegende Teil des Stroms wird durch Verbrennung von<br />
fossilen Brennstoffen produziert, über 22 Prozent stammen aus<br />
Kernkraftwerken. 16 Prozent werden aus so genannten erneuerbaren<br />
Energien gewonnen (> siehe Grafik).<br />
Zwar ist Strom nur eine Form, in der wir Energie verwenden. Wärme<br />
<strong>und</strong> Verkehr sind ebenso wichtig. Aber beim Strom kann man<br />
sehr gut sehen, worin unsere Probleme bei der Energieproduktion<br />
liegen: Die Verbrennung von Kohle, Öl <strong>und</strong> Gas verursacht klimaschädliche<br />
Treibhausgase. Strom aus Kernkraftwerken wird zwar<br />
klimafre<strong>und</strong>lich produziert, birgt aber erhebliche Risiken, wie die<br />
Katastrophe im japanischen Fukushima im März 2011 zeigt. Der<br />
Deutsche B<strong>und</strong>estag hat vor diesem Hintergr<strong>und</strong> den Ausstieg<br />
aus der Kernenergie bis zum Jahr 2022 beschlossen.<br />
Kernenergie: Effizient, aber nicht sicher<br />
Energie aus Kernkraftwerken war immer schon umstritten: Die<br />
einen hielten sie für eine effiziente <strong>und</strong> in der Produktion klimafre<strong>und</strong>liche<br />
Alternative zu den begrenzten Energieressourcen<br />
aus Kohle, Öl <strong>und</strong> Gas. Die anderen sahen in ihr durch den verstrahlten<br />
Abfall schon immer eine Gefahr für die Umwelt <strong>und</strong> ein<br />
Sicherheitsrisiko. Der Streit um die Kernenergie wurzelt in den<br />
1970er- <strong>und</strong> 1980er-Jahren. Störfälle <strong>und</strong> Katastrophen wie die<br />
von Tschernobyl im Jahr 1986 riefen in Teilen der Bevölkerung<br />
verstärkt Proteste hervor.<br />
1962 ging das erste Kernkraftwerk in Deutschland ans Netz.<br />
Was mit dem verstrahlten Abfall geschieht, der seit Beginn des<br />
atomaren Zeitalters in Deutschland angefallen ist, konnte bisher<br />
nicht abschließend geklärt werden. Für die Aufbewahrung von<br />
verstrahlten Materialien aus Forschungsreaktoren <strong>und</strong> Kernkraftwerken<br />
entstehen hohe Kosten. Auch deswegen wurde eine<br />
Kernbrennstoffsteuer eingeführt, die den Einsatz von Brennelementen<br />
in Kernkraftwerken besteuert.<br />
Erneuerbare Energien fördern<br />
Zugleich wurde durch ein stetig wachsendes Umweltbewusstsein<br />
der Weg für erneuerbare Energien bereitet. Wurde die<br />
Ökobranche in Deutschland früher eher belächelt, hat sie sich<br />
mittlerweile zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor entwickelt,<br />
der allerdings ohne Förderung noch nicht auskommt. Klimaschutz<br />
ist inzwischen auch international ein fester Bestandteil<br />
der politischen Agenda. So haben sich viele Länder im Protokoll<br />
von Kyoto auf verbindliche Handlungsziele <strong>und</strong> Umsetzungsinstrumente<br />
für den globalen Klimaschutz geeinigt. Die Klimaerwärmung<br />
soll weltweit auf 2°C begrenzt werden. Derzeit wird<br />
verhandelt, welche Klimaziele nach <strong>2012</strong> gelten sollen. Die<br />
B<strong>und</strong>esregierung beabsichtigt, in den kommenden vier Jahren<br />
insgesamt r<strong>und</strong> zehn Milliarden Euro für die Förderung der erneuerbaren<br />
Energien <strong>und</strong> den internationalen Klima- <strong>und</strong> Umweltschutz<br />
durch den so genannten Energie- <strong>und</strong> Klimafonds<br />
(EKF) zur Verfügung zu stellen.<br />
16
Was der Staat mit unseren Steuern macht<br />
Umweltpolitik<br />
Bruttostromerzeugung in Deutschland 2010<br />
Kernenergie<br />
Steinkohle<br />
18%<br />
25%<br />
Braunkohle<br />
Erdgas<br />
19% 14%<br />
20%<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium<br />
für Wirtschaft <strong>und</strong> Technologie, <strong>2012</strong><br />
5%<br />
Erneuerbare<br />
Sonstige<br />
8%<br />
Wind<br />
Biomasse<br />
5%<br />
3%<br />
PV<br />
3%<br />
Wasser 1%<br />
Müll<br />
(50% fossil)<br />
Nachhaltige Mobilität<br />
Verkehr hat einen großen Anteil an der Erderwärmung<br />
<strong>und</strong> ist für viele Umweltprobleme verantwortlich.<br />
Auf der anderen Seite benötigen die Gesellschaft<br />
<strong>und</strong> das Wirtschaftssystem eine funktionierende<br />
Verkehrsinfrastruktur; viele Arbeitnehmer sind auf<br />
Mobilität angewiesen. Um künftig klimafre<strong>und</strong>liche<br />
Mobilität zu ermöglichen, sind innovative Umwelttechnologien<br />
wichtig. Bis 2020 sollen deswegen mindestens<br />
eine Million Elektroautomobile auf Deutschlands<br />
Straßen fahren. Diese Autos erzeugen kein<br />
klimaschädliches Kohlenstoffdioxid (CO 2<br />
), wenn sie<br />
mit durch erneuerbare Energien erzeugtem Strom<br />
angetrieben werden. Auch alternative Treibstoffe <strong>und</strong><br />
Antriebstechnologien werden zurzeit erforscht, um<br />
die nachhaltige Mobilität mit Blick auf die Zukunft<br />
voranzubringen.<br />
Die drei Säulen<br />
der Nachhaltigkeit<br />
Nachhaltige<br />
Entwicklung<br />
Gut zu wissen ...<br />
Ökologie Ökonomie<br />
Klimaschutz<br />
Steuern: Wer die Umwelt schützt,<br />
wird belohnt<br />
Auch Autofahrer werden für umweltbewusstes Verhalten<br />
belohnt. Seit dem 1. Juli 2009 orientiert sich<br />
die Kraftfahrzeugsteuer für ab diesem Zeitpunkt<br />
erstmalig zugelassene Autos vorwiegend an den<br />
schädlichen CO 2<br />
-Emissionen. CO 2<br />
-Emissionen werden<br />
für den so genannten Treibhauseffekt <strong>und</strong> den<br />
damit verb<strong>und</strong>enen Klimawandel verantwortlich gemacht.<br />
Die Energiesteuer ist außerdem Bestandteil des<br />
Benzinpreises: Wer weniger Benzin verbraucht, zahlt<br />
automatisch weniger.<br />
Ressourcenschutz<br />
Erhalt der<br />
Artenvielfalt<br />
Kultur- <strong>und</strong><br />
Landschaftsraumpflege<br />
dauerhafte<br />
Gr<strong>und</strong>lage für<br />
Erwerb <strong>und</strong><br />
Wohlstand<br />
schaffen<br />
effizientes <strong>und</strong><br />
kostenbewusstes<br />
Handeln<br />
Gesamtlebenszyklus-<br />
Betrachtung<br />
soziales<br />
zukunftsfähige,<br />
lebenswerte<br />
Gesellschaft<br />
schaffen<br />
Ausgleich<br />
sozialer Kräfte<br />
Wohlstand<br />
für alle<br />
Gemeinschaftsmitglieder<br />
Quelle: Drei-Säulen-Modell (Konzept nach Enquete-Kommission des Deutschen B<strong>und</strong>estags, 1998)<br />
Weiter klicken<br />
Von 2005 bis zum Jahr<br />
2014 läuft die UN-<br />
Dekade „<strong>Bildung</strong> für<br />
nachhaltige Entwicklung“.<br />
Hierzu gibt es<br />
auch in Deutschland<br />
zahlreiche Projekte<br />
<strong>und</strong> Veranstaltungen.<br />
Einen Überblick findet<br />
ihr unter<br />
www.bne-portal.de<br />
> UN-Dekade<br />
„<strong>Bildung</strong> für nachhaltige<br />
Entwicklung“.<br />
Was ist Nachhaltigkeit?<br />
Nachhaltigkeit ist eigentlich ein Begriff aus der Forstwirtschaft. Demnach<br />
darf im Wald nur so viel Holz geschlagen werden, wie auch nachwächst.<br />
Dieses Prinzip wird heutzutage auf viele Politikbereiche übertragen, zum<br />
Beispiel auf den Umweltschutz, die Wirtschaft <strong>und</strong> die <strong>Bildung</strong>. Nachhaltigkeit<br />
bedeutet in diesem Zusammenhang: Zukünftige Generationen sollen<br />
dieselben Chancen auf ein erfülltes Leben haben wie wir. Zugleich müssen<br />
diese Chancen für die heute lebenden Menschen fairer verteilt werden.<br />
Nachhaltige Entwicklung verbindet wirtschaftlichen Fortschritt mit sozialer<br />
Entwicklung <strong>und</strong> dem Schutz der natürlichen Umwelt – so lautet der offizielle<br />
Anspruch. Diesem Gedankengang liegt das so genannte Drei-Säulen-<br />
Modell der Nachhaltigkeit zugr<strong>und</strong>e. Dieses Modell beschreibt das abgestimmte<br />
Verfolgen ökologischer, ökonomischer <strong>und</strong> sozialer Ziele.<br />
Weiter denken<br />
Welche Möglichkeiten<br />
hat der Staat, seine<br />
Bürger zu umweltgerechtem<br />
Verhalten<br />
zu motivieren? Und<br />
was könnt ihr selbst<br />
für eine nachhaltige<br />
Entwicklung tun?<br />
17
Gesellschaftspolitik<br />
Soziale Herausforderung<br />
Fast jeder zweite Euro aus dem B<strong>und</strong>eshaushalt fließt derzeit in die Bereiche Arbeit<br />
<strong>und</strong> Soziales. Damit bilden die Ausgaben für die soziale Sicherung im Haushalt den<br />
mit Abstand größten Block. Das soziale Netz, das nach den Sozialgesetzbüchern aufgespannt<br />
wird, ist überwiegend durch Beiträge der Versicherten finanziert <strong>und</strong> wird<br />
durch Mittel aus dem B<strong>und</strong>eshaushalt für den Bereich Arbeit <strong>und</strong> Soziales ergänzt. Die<br />
Sozialausgaben des B<strong>und</strong>es dienen beispielsweise dazu, hilfebedürftigen Menschen in<br />
Deutschland ein Existenzminimum zu sichern.<br />
Die SoZIALversicherung<br />
in<br />
Deutschland<br />
• gesetzliche<br />
Rentenversicherung<br />
• gesetzliche<br />
Krankenversicherung<br />
• Arbeitslosenversicherung<br />
• gesetzliche<br />
Unfallversicherung<br />
• Pflegeversicherung<br />
• Künstlersozialversicherung<br />
Weiter klicken<br />
Die B<strong>und</strong>esregierung<br />
veröffentlicht<br />
regelmäßig einen<br />
Armuts- <strong>und</strong> Reichtumsbericht.<br />
Dieser<br />
ist auf den Seiten<br />
des B<strong>und</strong>esministeriums<br />
für Arbeit <strong>und</strong><br />
Soziales zu finden:<br />
www.bmas.de<br />
Sind hilfebedürftige Bürger erwerbsfähig, erhalten sie Arbeitslosengeld<br />
II – im Volksm<strong>und</strong> auch „Hartz IV“ genannt. Das Arbeits -<br />
losengeld II dient der Deckung des Lebensunterhalts, damit sich<br />
die Hilfebedürftigen Lebensmittel, Kleidung <strong>und</strong> Hausrat kaufen<br />
können. Der derzeitige Regelsatz für einen alleinstehenden<br />
Erwachsenen liegt bei 364 Euro monatlich. Auch für die Miete<br />
<strong>und</strong> das Heizen der Wohnung erhalten die betroffenen Bürger<br />
finanzielle Unterstützung, ebenso werden bedürftige Kinder <strong>und</strong><br />
<strong>Jugend</strong>liche mit Leistungen für den Schulbedarf sowie zur Teilhabe<br />
an Vereins-, Kultur- <strong>und</strong> Sportangeboten unterstützt.<br />
Der B<strong>und</strong> beteiligt sich außerdem an den Ausgaben der Kommunen<br />
für die so genannte Gr<strong>und</strong>sicherung im Alter <strong>und</strong> bei<br />
Erwerbsminderung, mit der Personen ab 65 Jahren <strong>und</strong> dauerhaft<br />
voll erwerbsgeminderte Personen zwischen 18 <strong>und</strong> 64<br />
Jahren finanziell unterstützt werden. Ferner trägt der B<strong>und</strong><br />
zur finanziellen Unterstützung für Opfer von Gewalttaten, sowie<br />
Kriegsopfer, Menschen mit Behinderungen, Künstler <strong>und</strong> insbesondere<br />
der gesetzlichen Krankenversicherung bei.<br />
Diskussion: Mehr Investitionen in die <strong>Bildung</strong> oder<br />
in die sozialen Sicherungssysteme?<br />
Die Sozialversicherung<br />
Vom Einkommen eines Arbeitnehmers gehen nicht nur Steuern,<br />
sondern auch die Sozialversicherungsbeiträge ab. Dazu gehören<br />
vor allem die gesetzliche Krankenversicherung <strong>und</strong> die gesetzliche<br />
Rentenversicherung. Die Sozialversicherung basiert<br />
auf dem Solidarprinzip. Das bedeutet, dass alle Versicherten<br />
Beiträge zahlen. Diese Beiträge werden von Arbeitgebern <strong>und</strong><br />
Arbeitnehmern gemeinsam getragen <strong>und</strong> prozentual vom Bruttolohn<br />
erhoben. Die Höhe der Beiträge richtet sich nach der so<br />
genannten Beitragsbemessungsgrenze <strong>und</strong> einem Beitragssatz.<br />
Wenn der Versicherungsfall eintritt <strong>und</strong> man zum Beispiel krank<br />
wird oder in Rente geht, wird die Leistung gewährt.<br />
solidarisch: Bürgerengagement<br />
Ein weiteres wichtiges Element unseres sozialen Systems ist<br />
das freiwillige Engagement der Bürger. Viele Menschen arbeiten<br />
ehrenamtlich in den unterschiedlichsten Bereichen, engagieren<br />
sich in Vereinen, in Schulen oder auf sozialem Gebiet. Der Staat<br />
fördert ein solches Engagement durch steuerliche Entlastungen;<br />
darüber hinaus gibt es seit der Aufhebung der Allgemeinen<br />
Wehrpflicht den B<strong>und</strong>esfreiwilligendienst.<br />
Unsolidarisch: Schwarzarbeit<br />
Leider gibt es auch Menschen, die wenig solidarisch handeln:<br />
Allein die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls leitete im Jahr<br />
2010 insgesamt fast 118.000 Strafverfahren wegen so genannter<br />
Schwarzarbeit ein. Und das sind nur die bekannten Fälle. Als<br />
Schwarzarbeit bezeichnet man illegale Beschäftigungsverhältnisse,<br />
bei denen die Angestellten vom Arbeitgeber nicht offiziell<br />
gemeldet sind. Um Schwarzarbeit geht es auch, wenn Sozialleistungen<br />
bezogen werden <strong>und</strong> heimlich gearbeitet wird. Damit<br />
entgeht dem Staat die Lohnsteuer – <strong>und</strong> auch die Beiträge für<br />
die Sozialversicherung werden nicht gezahlt. Durch Schwarzarbeit<br />
entstehen dem Staat – <strong>und</strong> somit auch allen Steuerzahlern<br />
– Verluste von vielen Milliarden Euro jährlich.<br />
Weiter denken<br />
Für welches Ehrenamt<br />
würdet ihr euch<br />
entscheiden <strong>und</strong> aus<br />
welchen Gründen?<br />
Führt auch eine<br />
Umfrage an eurer<br />
Schule durch <strong>und</strong><br />
tragt die Ergebnisse<br />
anschließend<br />
zusammen.<br />
Pro <strong>Bildung</strong>:<br />
• Der Staat kann ein Netz spannen, aber er kann nicht jeden<br />
Einzelnen vor den Folgen aller Risiken schützen. Mehr <strong>Bildung</strong><br />
sorgt auch dafür, dass der Einzelne für sich selbst mehr<br />
Verantwortung übernehmen kann.<br />
• Ein gutes <strong>Bildung</strong>sf<strong>und</strong>ament ermöglicht jungen Menschen,<br />
dass sie mehr an der Gesellschaft teilhaben können. Durch<br />
mehr <strong>Bildung</strong> könnten möglicherweise sogar Sozialkosten<br />
eingespart werden.<br />
Pro soziale Sicherung:<br />
• Der Staat sichert mit dem sozialen Netz den Einzelnen vor<br />
den finanziellen Folgen existenzbedrohender Risiken ab – wie<br />
etwa Arbeitslosigkeit <strong>und</strong> einem damit verb<strong>und</strong>enen sozialen<br />
Abstieg. Es ist daher wichtig, die Leistungsfähigkeit des sozialen<br />
Netzes durch Maßnahmen zur Erhaltung der langfristigen<br />
Finanzierbarkeit zu sichern.<br />
• Die soziale Herkunft entscheidet immer noch häufig darüber,<br />
welchen <strong>Bildung</strong>sweg ein <strong>Jugend</strong>licher einschlägt. Daher<br />
muss erst das finanzielle F<strong>und</strong>ament stimmen, bevor man<br />
sich um die <strong>Bildung</strong> kümmern kann.<br />
18
Gesellschaftspolitik<br />
Familienpolitik<br />
Familien im Vorteil<br />
Viele Dinge, die für dich selbstverständlich <strong>und</strong> alltäglich sind, kosten deine Eltern<br />
viel Geld: eure Wohnung, das Auto, euer Essen, deine Kleidung, deine Schuhe, die Mitgliedschaft<br />
im Sportverein <strong>und</strong> vieles mehr. Auch wenn du für deine eigenen Ausgaben<br />
ein monatliches Taschengeld hast, müssen deine Eltern finanziell für dich sorgen.<br />
Deshalb <strong>und</strong> aus anderen Gründen unterstützt der Staat Familien – das ist bereits im<br />
Gr<strong>und</strong>gesetz festgelegt.<br />
Vielfältige Leistungen<br />
Ehe <strong>und</strong> Familie stehen unter besonderem Schutz der Verfassung<br />
<strong>und</strong> werden vom Staat gefördert. Insgesamt 157 verschiedene<br />
ehe- <strong>und</strong> familienbezogene Leistungen <strong>und</strong> Maßnahmen<br />
gibt es, angefangen vom Kindergeld über die beitragsfreie<br />
Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung<br />
bis hin zum Zuschlag beim Arbeitslosengeld II. Und für all<br />
diese Instrumente gibt der Staat jährlich um die 195 Milliarden<br />
Euro aus. Der Löwenanteil der Leistungen entfällt auf die<br />
Förderung der Familien mit einem Gesamtvolumen von 122<br />
Milliarden Euro.<br />
Gefördert werden Familien sowohl über direkte Zuschüsse als<br />
auch über Steuererleichterungen. So können Eltern zum Beispiel<br />
die Kosten für die Betreuung ihrer Kinder bis zu einem bestimmten<br />
Betrag absetzen <strong>und</strong>, wenn die Voraussetzungen dafür<br />
vorliegen, bestimmte Aufwendungen für Kinder in der Berufsausbildung<br />
geltend machen, Schulgeld absetzen oder auch die<br />
Kinderzulage bei der Altersvorsorgeförderung (Riester-Rente,<br />
> mehr ab Seite 20) beantragen. Allein Erziehende erhalten aufgr<strong>und</strong><br />
ihrer besonderen Situation einen zusätzlichen Freibetrag.<br />
EHE UND STEUERn<br />
Um den gr<strong>und</strong>gesetzlichen Schutz von Ehe <strong>und</strong> Familie zu gewährleisten,<br />
behandelt der Staat Eheleute anders als Ledige<br />
<strong>und</strong> Paare, die ohne Trauschein zusammenleben. Die Einkommensteuerlast<br />
von Eheleuten wird in der Regel nach dem so genannten<br />
Splittingtarif berechnet. Die zu versteuernden Einkommen<br />
beider Ehepartner werden dann zusammengerechnet. Die<br />
Steuer, die sich für das halbe gemeinsame Einkommen ergibt,<br />
wird mit zwei multipliziert. Dieses Ehegatten-Splitting ist nicht<br />
unumstritten. Kritiker führen an, dass auf diese Weise die so genannte<br />
„Versorgerehe“ begünstigt werde. Denn der steuerliche<br />
Vorteil wiege umso mehr, je weiter die Einkommen der beiden<br />
Ehepartner auseinanderliegen.<br />
Das Elterngeld<br />
Ein wichtiger Baustein der Familienförderung ist das so genannte<br />
Elterngeld. Es kompensiert den Einkommensverlust nach der<br />
Geburt eines Kindes, wenn die Eltern ihr Kind selbst betreuen<br />
<strong>und</strong> erziehen – <strong>und</strong> soll auch Väter ermutigen, sich verstärkt um<br />
die Erziehung ihrer Kinder zu kümmern.<br />
familienbezogene<br />
Leistungen:<br />
122,7 Mrd.Euro<br />
Realtransfers<br />
25.129 €<br />
Maßnahmen zur<br />
Sozialversicherung<br />
26.957 €<br />
Geldleistungen<br />
24.654 €<br />
steuerliche Maßnahmen<br />
45.964 €<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium für Familie, Senioren, Frauen <strong>und</strong> <strong>Jugend</strong>,<br />
Familienreport 2011<br />
Gut zu wissen ...<br />
72.568 €<br />
ehebezogene<br />
Leistungen<br />
Auf einen Blick: Das Elterngeld<br />
• Das Elterngeld ersetzt 67 Prozent des bisherigen durchschnittlichen<br />
Nettoeinkommens, wenn dieses zwischen 1.000<br />
<strong>und</strong> 1.200 Euro liegt.<br />
• Für höhere Einkommen sinkt der Prozentsatz bis auf 65 Prozent.<br />
Bei einem Einkommen von 2.770 Euro wird der Höchstbetrag<br />
von 1.800 Euro erreicht.<br />
• Für Einkommen unterhalb von 1.000 Euro steigt der Satz bis<br />
auf 100 Prozent. Für Einkommen von 300 Euro <strong>und</strong> weniger<br />
wird unabhängig vom Einkommen in jedem Fall ein Sockelbetrag<br />
in Höhe von 300 Euro gewährt.<br />
• Wer nach der Geburt des Kindes zuhause bleibt oder nicht<br />
mehr als 30 St<strong>und</strong>en pro Woche arbeitet, hat Anspruch auf die<br />
finanzielle Leistung.<br />
• Das Elterngeld wird pro Kind maximal 14 Monate gezahlt – bei<br />
allein Erziehenden ganze 14 Monate, bei gemeinsam erziehenden<br />
Eltern zwölf Monate plus zwei Bonusmonate für den<br />
Partner.<br />
Weiter klicken<br />
Das B<strong>und</strong>esministerium<br />
für Familie,<br />
Senioren, Frauen <strong>und</strong><br />
<strong>Jugend</strong> liefert Antworten<br />
auf viele Fragen<br />
in punkto Steuern, die<br />
sich Familien stellen:<br />
www.familienwegweiser.de<br />
Weiter denken<br />
Familienpolitik<br />
ist ein Gebiet, in<br />
dem verschiedene<br />
politische Ressorts<br />
ineinandergreifen.<br />
Welche Politikbereiche<br />
fallen euch ein, die<br />
mit Familienpolitik<br />
zusammenhängen?<br />
Welche Maßnahmen<br />
sind seitens des Staates<br />
bzw. der Politik<br />
wichtig, um auch in<br />
Zukunft Familien zu<br />
unterstützen? Erstellt<br />
eine Rangliste.<br />
19
Zukunft <strong>und</strong> Altersvorsorge<br />
Rente?<br />
Alt kommt früh genug<br />
In deiner Klasse fällt es dir mit Sicherheit genauso wenig auf wie in deinem Fre<strong>und</strong>eskreis.<br />
Aber wenn du dich auf der Straße, im Geschäft oder in der U-Bahn umsiehst, merkst<br />
du es vielleicht schon eher: Deutschland wird älter. In den vergangenen zehn Jahren hat<br />
der Anteil der über 65-Jährigen zugenommen. Inzwischen ist r<strong>und</strong> ein Fünftel der Deutschen<br />
im Rentenalter. Diese Tendenz wird sich verstärken: Bereits 2020 wird jeder zweite<br />
Arbeitnehmer älter als 50 Jahre sein. Das liegt vor allem an den anhaltend niedrigen<br />
Geburtenraten sowie einer steigenden Lebenserwartung, die auch künftig zunehmen<br />
wird: Durch diesen so genannten demografischen Wandel werden die Alterssicherungssysteme<br />
künftig vor besondere Herausforderungen gestellt.<br />
Demografischer Wandel<br />
Zum Teil ist die derzeitige demografische Entwicklung dadurch<br />
begründet, dass sich immer mehr Menschen spät oder gar nicht<br />
für eine Familie entscheiden. Sie wollen zuerst ihre Ausbildung<br />
oder ihr Studium absolvieren, <strong>und</strong> viele können oder möchten<br />
Beruf <strong>und</strong> Kinder nicht unter einen Hut bringen. Um das Familienleben<br />
weiterhin attraktiv zu gestalten, ist es wichtig, dass<br />
der Staat familienfre<strong>und</strong>liche Rahmenbedingungen schafft –<br />
beispielsweise durch finanzielle Unterstützung oder mehr Betreuungsmöglichkeiten<br />
für Kleinkinder. Ein weiterer Gr<strong>und</strong> für<br />
den demografischen Wandel liegt in der steigenden Lebenserwartung.<br />
Dieser demografische Trend wirkt sich auf die gesamte<br />
Gesellschaft aus: Unser Rentensystem basiert darauf, dass<br />
die Arbeitnehmer von heute die Renten der Älteren finanzieren.<br />
Die Beschäftigten zahlen in die Rentenkasse ein, <strong>und</strong> die Ruheständler<br />
beziehen daraus ihre monatliche Rente. So stützt die<br />
arbeitende Generation die Rentner – dies bezeichnet man auch<br />
als Generationenvertrag. Dieses so genannte Umlageverfahren<br />
funktioniert allerdings nur dann, wenn genug Beitragszahler<br />
arbeiten <strong>und</strong> die immer größer werdende Anzahl der Menschen<br />
im Ruhestand finanzieren. Um die demografische Entwicklung<br />
abzufedern, ist die gesetzliche Rentenversicherung in den vergangenen<br />
Jahren reformiert worden. So steigt das Renteneintrittsalter<br />
in den nächsten Jahren schrittweise auf 67 Jahre.<br />
Eigeninitiative gefragt<br />
Die Bemessung der Höhe gesetzlicher Renten ist festgeschrieben.<br />
Die Rente richtet sich nach der aktuellen Lohnentwicklung<br />
in Deutschland. Dabei ist auch entscheidend, wie viele<br />
Menschen tatsächlich arbeiten <strong>und</strong> in die Rentenversicherung<br />
einzahlen. Wer arbeitslos ist, zahlt keine Sozialversicherungsbeiträge.<br />
Aufgr<strong>und</strong> des demografischen Wandels kann der<br />
Staat die Altersvorsorge nicht mehr in dem Umfang garantieren,<br />
wie es früher der Fall war. Als eine Maßnahme fördert<br />
er deswegen seit einigen Jahren den Aufbau einer privaten<br />
Altersvorsorge oder betrieblichen Altersvorsorge durch steuerfinanzierte<br />
Zulagen <strong>und</strong> steuerliche Freibeträge. Die Formel<br />
für einen Ruhestand ohne finanzielle Sorgen lautet somit Solidarität<br />
des Staates plus Eigenverantwortung.<br />
20
Was der Staat mit unseren Steuern macht<br />
Zukunft <strong>und</strong> Altersvorsorge<br />
Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland<br />
Bevölkerung nach Altersgruppen in Tausend / in Prozent der Gesamtbevölkerung<br />
600<br />
Männer<br />
2008 Altersgruppen von ...<br />
2030<br />
bis unter ... Jahren<br />
Frauen<br />
Männer<br />
16,7 / 20% 65 <strong>und</strong> mehr<br />
22,3 / 29%<br />
49,7 / 61% 20 bis 65<br />
42,1 / 54%<br />
15,6 / 19% 0 bis 20<br />
12,9 / 17%<br />
300 300 600<br />
600<br />
300<br />
Tausend Personen<br />
Quelle: Statistisches B<strong>und</strong>esamt 2011, Daten nach der 12. Bevölkerungsvorausberechnung<br />
Tausend Personen<br />
Frauen<br />
300<br />
600<br />
Betriebliche<br />
Altersvorsorge<br />
Die betriebliche<br />
Altersvorsorge ist<br />
auch eine Möglichkeit,<br />
um die eigene Rente<br />
aufzu stocken. Alle<br />
Arbeitnehmer haben<br />
das Recht, einen Teil<br />
ihres Lohns oder<br />
Gehalts steuerfrei<br />
in eine betriebliche<br />
Altersvorsorge umzuwandeln,<br />
um so später<br />
eine Betriebsrente zu<br />
erhalten. Dafür stehen<br />
fünf Varianten zur<br />
Verfügung:<br />
1. Direktzusage<br />
2. Unterstützungskasse<br />
3. Pensionskasse<br />
4. Pensionsfonds<br />
5. Direktversicherung<br />
Das Polster fürs Alter stützt sich dabei auf drei Säulen:<br />
1. die gesetzliche Rentenversicherung<br />
2. die betriebliche Altersvorsorge<br />
3. die private Altersvorsorge<br />
Der Staat fördert die private Altersvorsorge, beispielsweise bei<br />
der Riester-Rente, mit Zulagen <strong>und</strong> Steuervorteilen. Bei dieser<br />
Form der Altersvorsorge gibt der Staat Geld dazu. Voraussetzung<br />
ist, dass der Anleger zulageberechtigt ist <strong>und</strong> das Anlageprodukt<br />
vom B<strong>und</strong>eszentralamt für Steuern zertifiziert wurde. Riester-<br />
Rente gibt es zum Beispiel als private Rentenversicherung, in<br />
Gut zu wissen ...<br />
Form eines Bank-/Fondssparplans oder als Bausparvertrag.<br />
14,6 Millionen Menschen haben bereits einen Riester-Vertrag<br />
abgeschlossen (Stand: 2011). Neben der Riester-Rente gibt es<br />
die Basisrente, die auch als Rürup-Rente bezeichnet wird. Auch<br />
hier ist – wie bei der Riester-Rente – die Zertifizierung des Rentenvertrags<br />
erforderlich. Der Staat fördert den Aufbau dieser<br />
Form der Altersvorsorge durch die Gewährung von Steuervorteilen.<br />
Die Vorteile der Basisrente kann gr<strong>und</strong>sätzlich jeder Steuerpflichtige<br />
in Anspruch nehmen. Sie ist aber vor allem für diejenigen<br />
geeignet, die nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung<br />
pflichtversichert sind, wie etwa die meisten Selbstständigen <strong>und</strong><br />
Gewerbetreibenden.<br />
Diskussion: Wie könnte das Rentensystem<br />
der Zukunft aussehen?<br />
Wenn ein Arbeitnehmer<br />
den Job wechselt, ist die<br />
Altersvorsorge übrigens<br />
nicht verloren: Er kann<br />
das angesparte Kapital<br />
regelmäßig mit in das<br />
neue Arbeitsverhältnis<br />
nehmen.<br />
Weiter klicken<br />
Ihr denkt, Altersvorsorge<br />
ist kompliziert?<br />
Nicht mit den richtigen<br />
Informationen!<br />
Die gibt es unter<br />
www.altersvorsorgemacht-schule.de.<br />
Vorsorge: Je früher, desto besser!<br />
Generell gilt für die private Altersvorsorge:<br />
Wer möglichst früh damit beginnt, muss<br />
monatlich weniger Geld zurücklegen. Außerdem<br />
lässt sich durch kontinuierliches<br />
Sparen ein Zinseszinseffekt erzielen. Ebenfalls<br />
entscheidend: die richtige Mischung.<br />
Ob ihr euch für Aktienfonds oder einen<br />
Sparplan entscheidet, hängt auch von der<br />
persönlichen Risikobereitschaft ab – <strong>und</strong><br />
davon, wie viel Geld ihr auf die Seite legen<br />
könnt.<br />
• Die Ruheständler haben einen Anspruch darauf, ihre gesetzliche Rente<br />
zu erhalten. Das bestehende System muss in jedem Fall erhalten bleiben,<br />
auch wenn das bedeutet, die Beiträge zu erhöhen.<br />
• Das System der gesetzlichen Rentenversicherung muss abgeschafft<br />
werden. Die Beitragszahler können die Rentner nicht mehr finanzieren.<br />
• Das derzeit geltende System funktioniert so nicht mehr. Es muss in eine<br />
Mischung aus Umlage- <strong>und</strong> Kapitalfinanzierung umgebaut werden.<br />
• Private Altersvorsorge sollte zur Pflicht gemacht werden. Die Pflegeversicherung<br />
ist ja auch verpflichtend.<br />
• Der Staat kann sich nicht um alles kümmern; die gesetzliche Rentenversicherung<br />
sollte freiwillig werden, ebenso wie jede zusätzliche private<br />
Altersvorsorge.<br />
Weiter denken<br />
Wie kann der Staat<br />
die Rente auch für<br />
zukünftige Generationen<br />
garantieren?<br />
Etwa durch eine noch<br />
längere Lebensarbeitszeit?<br />
Sammelt Ideen<br />
<strong>und</strong> diskutiert eure<br />
Lösungsvorschläge.<br />
Entwerft ein Schaubild<br />
zu dem für euch<br />
sinnvollsten Lösungsansatz.<br />
21
Internationale Zusammenarbeit<br />
Gemeinsam gestalten<br />
Vielleicht hast du bereits ähnliche Erfahrungen gemacht – auf Reisen, oder auch beim<br />
Schüleraustausch mit deiner Schule im Ausland: Es gibt vieles, was anderswo vielleicht<br />
ganz anders läuft als zuhause. Gerade deswegen kann man viel voneinander lernen.<br />
Internationale Zusammenarbeit ist auch für den Staat – gerade in Wirtschafts- <strong>und</strong><br />
Finanzangelegenheiten – in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger geworden. Denn<br />
auch die Wirtschaft wächst weltweit mehr <strong>und</strong> mehr zusammen.<br />
Internationale Akteure<br />
Um in Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftsfragen möglichst gut an einem<br />
Strang zu ziehen, müssen sich die einzelnen Staaten auf Spielregeln<br />
<strong>und</strong> Mindeststandards einigen. Dazu tragen einige länderübergreifende<br />
Organisationen bei, etwa die Weltbank, der<br />
Internationale Währungsfonds (IWF), die Organisation für<br />
wirtschaftliche Zusammenarbeit <strong>und</strong> Entwicklung (OECD), die<br />
Gruppe der Acht (G 8) sowie die Gruppe der Zwanzig (G 20).<br />
> Die Weltbank wurde ursprünglich als Sonderorganisation<br />
der Vereinten Nationen mit dem Ziel gegründet, die im Zweiten<br />
Weltkrieg zerstörten europäischen Länder wieder aufzubauen.<br />
Mit der Zeit hat sich die Weltbank zu einer entwicklungs- <strong>und</strong><br />
ordnungspolitischen Organisation entwickelt. Hauptaufgabe ist<br />
es, die wirtschaftliche Entwicklung durch finanzielle Hilfen, Beratung<br />
<strong>und</strong> technische Hilfen zu fördern. Vor allem der Anteil der<br />
Armen an der Weltbevölkerung soll bis zum Jahr 2015 um die<br />
Hälfte gesenkt werden. Die Entscheidungen der Weltbank werden<br />
von den Mitgliedstaaten getroffen; das Stimmgewicht eines<br />
Landes hängt von der Höhe seiner Beteiligung ab. Dadurch haben<br />
die Industriestaaten – wie Deutschland, USA, Japan, Frankreich<br />
<strong>und</strong> Großbritannien – ein deutliches Übergewicht.<br />
> Der Internationale Währungsfonds (IWF) nahm seine Tätigkeit<br />
im Mai 1946 in Washington auf. Damals zählte er 39 Mitglieder.<br />
Heute umfasst der IWF 187 Mitgliedstaaten. Seine Aufgabe<br />
ist es, unter Auflagen befristete Kredite an Mitgliedstaaten zu<br />
vergeben, die unter Zahlungsproblemen leiden. Um derartige<br />
Kredite zu erhalten, müssen die betroffenen Staaten beispielsweise<br />
ihre Staatsausgaben kürzen, für eine niedrige Inflation<br />
sorgen oder den Export steigern. Für die ärmsten Mitgliedsländer<br />
vergibt der IWF seine Kredite zu besonders günstigen<br />
Konditionen.<br />
> Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit <strong>und</strong><br />
Entwicklung (OECD) besteht seit 1961 <strong>und</strong> hat derzeit 30 Mitgliedstaaten<br />
weltweit. Alle Mitglieder bekennen sich zu Demokratie<br />
<strong>und</strong> Marktwirtschaft. Die OECD hat sich zum Ziel gesetzt,<br />
ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern, die Armut zu<br />
bekämpfen <strong>und</strong> für höhere Lebensstandards einzutreten. Sie<br />
arbeitet vor allem wissenschaftlich <strong>und</strong> gibt jährlich r<strong>und</strong> 250<br />
Studien zu unterschiedlichen Themen heraus. Dazu gehört der<br />
halbjährliche Wirtschaftsausblick, aber beispielsweise auch<br />
die PISA-Studie, die Kenntnisse von Schülern in verschiedenen<br />
Ländern vergleicht.<br />
22
Über die Grenzen hinaus – Internationale Finanzpolitik <strong>und</strong> die Europäische Währungsunion<br />
Internationale Zusammenarbeit<br />
G 8 <strong>und</strong> G 20<br />
Die Gruppe der Acht (G 8) ist im Gegensatz zu Weltbank, IWF<br />
<strong>und</strong> OECD ein informeller Zusammenschluss. Vor dem Hintergr<strong>und</strong><br />
der Ölkrise trafen sich Mitte der 1970er-Jahre die Staats<strong>und</strong><br />
Regierungschefs der großen Industrienationen zum ersten<br />
Mal. Heute gehören zu den G 8 die USA, Japan, Kanada,<br />
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien <strong>und</strong> Russland.<br />
Jährlich finden Gipfeltreffen statt, bei denen auch wirtschafts-<br />
<strong>und</strong> finanzpolitische Fragen beraten werden. Im Laufe<br />
der Wirtschaftskrise in den zurückliegenden Jahren spielen bei<br />
diesen Themen jedoch die Treffen der G 20 eine größere Rolle.<br />
Die Gruppe der Zwanzig (G 20) bietet seit 1999 nicht nur den Industrienationen,<br />
sondern auch den Schwellenländern ein Forum<br />
zum Dialog. Sie setzt sich zusammen aus den Finanzministern<br />
<strong>und</strong> den Präsidenten der nationalen Zentralbanken aus 19 Ländern.<br />
Als 20. Mitglied ist die Europäische Union vertreten. Seit<br />
dem Jahr 2008 treffen sich die Staats- <strong>und</strong> Regier ungschefs der<br />
G 20 zudem auch, um globale finanz- <strong>und</strong> wirtschaftspolitische<br />
Fragen zu besprechen.<br />
Weltweite Marktwirtschaft braucht Regeln<br />
In der Europäischen Union mit ihrem gemeinsamen Binnenmarkt<br />
ist es besonders wichtig, dass sich die Mitgliedsländer<br />
über die Gr<strong>und</strong>sätze einer gemeinsamen Steuer- <strong>und</strong> Haushaltspolitik<br />
verständigen, auch wenn sie dabei aufgr<strong>und</strong> ihrer<br />
eigenen nationalen Politik Kompromisse eingehen müssen. Ein<br />
gemeinschaftliches Steuerrecht existiert in Europa bislang jedoch<br />
nicht; die Kompetenz in Sachen Steuern liegt weiterhin bei<br />
den einzelnen Staaten. Die nationalen Verbrauchsteuergesetze<br />
sind im europäischen Binnenmarkt allerdings vereinheitlicht<br />
worden. Damit sollte verhindert werden, dass der Wettbewerb<br />
zwischen den einzelnen Ländern verzerrt wird. In Deutschland<br />
mussten aus diesem Gr<strong>und</strong> einige Steuern – wie die Salz- <strong>und</strong><br />
die Zuckersteuer – abgeschafft werden. Bei der Einkommensbesteuerung<br />
bleibt die Entscheidungsgewalt aber nach wie vor<br />
bei den Staaten. Das liegt vor allem daran, dass beim Thema<br />
Steuern der Kern staatlichen Handelns betroffen ist. Denn dabei<br />
geht es um die Einnahmen, die dazu dienen, die staatliche Politik<br />
zu finanzieren. Hier gehen die Mitgliedsländer unterschiedliche<br />
Wege: Dänemark zum Beispiel finanziert das Sozialsystem<br />
fast ausschließlich über Steuern; in Frankreich, Tschechien<br />
oder Deutschland hingegen tragen Sozialversicherungsbeiträge<br />
dieses Netz.<br />
Steuern sind jedoch nur dann eine Angelegenheit der nationalen<br />
Souveränität der Mitgliedsstaaten, soweit sie nicht europäisches<br />
Recht verletzen.<br />
Steuern: internationale Abkommen<br />
Steuern wirken sich heute nicht nur im Heimatland, sondern<br />
auch jenseits der Grenzen aus. Zum Beispiel dann, wenn sich<br />
Arbeitnehmer im Ausland einen Job suchen oder Unternehmen<br />
in einem anderen Land eine Produktionsstätte eröffnen. Aus<br />
diesem Gr<strong>und</strong> gibt es zahlreiche zwischenstaatliche Vereinbarungen,<br />
um die verschiedenen nationalen Steuerbestimmungen<br />
voneinander abzugrenzen. Dazu werden so genannte Doppelbesteuerungsabkommen<br />
geschlossen. Damit soll verhindert werden,<br />
dass ein Steuerpflichtiger in zwei Staaten für die gleiche<br />
Sache zweimal besteuert wird. Inzwischen bestehen solche Abkommen<br />
zwischen r<strong>und</strong> 90 Ländern.<br />
Weiter klicken<br />
Der Binnenmarkt <strong>und</strong><br />
die Währungsunion<br />
sind das Sinnbild der<br />
Europäischen Union.<br />
Doch wie funktioniert<br />
das Ganze eigentlich?<br />
Antworten auf diese<br />
Fragen gibt das Portal<br />
www.europa.eu.<br />
Gut zu wissen ...<br />
Die vier Gr<strong>und</strong>freiheiten des Binnenmarkts<br />
1. freier Verkehr von Waren<br />
2. freier Verkehr von Personen<br />
3. freier Verkehr von Dienstleistungen<br />
4. freier Verkehr von Kapital<br />
Die Aufgaben des<br />
Internationalen Währungsfonds<br />
• Förderung der internationalen Zusammenarbeit in<br />
der Währungspolitik<br />
• Ausweitung des Welthandels<br />
• Stabilisierung internationaler Finanzmärkte<br />
• Vergabe kurzfristiger Kredite zur Behebung von<br />
Zahlungs bilanzproblemen<br />
• Überwachung der Geldpolitik<br />
• Sicherung des laufenden internationalen Zahlungsverkehrs<br />
vor staatlichen Beschränkungen des freien<br />
Devisenverkehrs<br />
• technische Hilfe<br />
Weiter denken<br />
Diskutiert in Kleingruppen,<br />
welche<br />
wirtschaftlichen <strong>und</strong><br />
politischen Instrumente<br />
die Europäische<br />
Union einsetzen sollte,<br />
damit eine gemeinsame<br />
Steuer- <strong>und</strong><br />
Haushaltspolitik langfristig<br />
gelingen kann.<br />
Inwieweit wären dabei<br />
zentrale Institutionen<br />
wie ein europäischer<br />
Finanzminister oder<br />
die „Vereinigten<br />
Staaten von Europa“<br />
zielführend? Welche<br />
Folgen hätte dies für<br />
die einzelnen Mitgliedstaaten?<br />
Sammelt eure Ergebnisse<br />
<strong>und</strong> stellt sie im<br />
Klassenverband vor.<br />
23
Globalisierung<br />
Chancen <strong>und</strong> Risiken<br />
Die Auswirkungen einer globalisierten Welt erlebst du nicht nur, wenn du im Urlaub bist.<br />
Achte doch beim nächsten Kauf einer Jeans oder eines T-Shirts einmal genauer auf das<br />
Etikett. Die Kleidung könnte vielleicht aus China stammen. Dass auch Obst <strong>und</strong> Gemüse<br />
ohne Probleme aus Nordafrika oder Südamerika zu uns in den Supermarkt kommen, ist<br />
inzwischen zur Selbstverständlichkeit geworden. Und auch die Tiefkühlpizza wurde mit<br />
Zutaten aus aller Welt produziert, bevor du sie in den Ofen schiebst. Niedrige Kosten für<br />
den Transport, Handel von Gütern über viele Grenzen hinweg, moderne Kommunikationsmöglichkeiten:<br />
Dies alles macht den freien Handel ohne Grenzen möglich. Unternehmen<br />
können heute überall auf der Welt produzieren <strong>und</strong> verkaufen.<br />
Freud <strong>und</strong> Leid der Globalisierung<br />
Die globale Weltwirtschaft wird durch die Existenz von regionalen<br />
Blöcken strukturiert, dies trägt ein stabilisierendes Element<br />
in sich. So exportierte beispielsweise die B<strong>und</strong>esrepublik im<br />
vergangenen Jahr r<strong>und</strong> 71 Prozent ihrer Waren in europäische<br />
Länder. Der wichtigste Handelspartner beim Export ist nach wie<br />
vor Frankreich, beim Import steht China an der Spitze.<br />
Die Globalisierung schafft allerdings nicht nur Wohlstand. Der<br />
Abstand zwischen dem reichsten <strong>und</strong> dem ärmsten Fünftel aller<br />
Menschen hat sich binnen dreißig Jahren mehr als verdoppelt.<br />
Die negativen Folgen der Globalisierung machen an den Grenzen<br />
der Industrienationen nicht halt. Denn der Konkurrenzdruck<br />
sorgt zwar für eine Vielfalt an billigen Waren, aber auch dafür,<br />
dass Arbeitsplätze zum Teil wegfallen oder verlagert werden. Auf<br />
der Arbeitnehmerseite sind vor allem die Branchen mit hohen<br />
Personalkosten betroffen, weil sie einem verstärkten Wettbewerb<br />
aus anderen Ländern ausgesetzt sind.<br />
Globaler Finanzmarkt<br />
Die internationale Arbeitsteilung ist jedoch beim Außenhandel<br />
<strong>und</strong> den Direktinvestitionen in Produktionsstätten noch nicht zu<br />
Ende. Die Finanzmärkte sind inzwischen global strukturiert. Dadurch,<br />
dass die Kapitalmärkte zunehmend liberalisiert wurden,<br />
konnten grenzüberschreitende Aktivitäten einfacher finanziert<br />
werden. Das Volumen der Anleihen, die auf den internationalen<br />
Finanzmärkten zirkulieren, ist seit 1990 jährlich um 15 Prozent<br />
gestiegen.<br />
Finanzmarkt <strong>und</strong> Realwirtschaft –<br />
Wie hängt das zusammen?<br />
Der Finanzmarkt <strong>und</strong> die reale Wirtschaft – also die Produktion<br />
<strong>und</strong> die Dienstleistungen der Unternehmen – hängen sehr eng<br />
zusammen. Denn Betriebe benötigen Geld, zum Beispiel, um<br />
in Maschinen zu investieren, ein Lager an einem neuen Standort<br />
zu bauen oder qualifizierte Fachkräfte zu bezahlen. Da sie<br />
die Einnahmen aus ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit erst später<br />
erhalten, können sie solche Ausgaben häufig nicht aus vorhanden<br />
Mitteln finanzieren, sondern müssen auf andere Quellen<br />
zurückgreifen – etwa den Kredit einer Bank. Wenn die Firma<br />
eine Aktiengesellschaft ist, kann sie Anteilsscheine über die<br />
Börse verkaufen <strong>und</strong> sich auf diese Weise neues Geld erschließen.<br />
Denn das Geld, das ein Käufer für eine Aktie ausgibt, fließt<br />
dem Unternehmen als Eigenkapital zu. Die Aktionäre bringen<br />
also das Kapital auf, das die Firma für Investitionen oder Personal<br />
benötigt.<br />
Im Gegenzug profitiert der Aktionär in guten Zeiten von einer<br />
Dividende, die jährlich auf der Hauptversammlung des Unternehmens<br />
beschlossen <strong>und</strong> an die Anteilseigner ausgeschüttet<br />
wird. Und wer in guten Zeiten seine Aktie verkauft, nimmt<br />
einen Kursgewinn mit. Läuft es dagegen nicht so gut, sind die<br />
Aktionäre auch von der Krise betroffen: Es gibt keine Dividende.<br />
Wer jetzt seine Wertpapiere verkaufen muss, macht Verluste.<br />
Der Kurs einer Aktie basiert dabei nicht nur auf Daten des betreffenden<br />
Unternehmens, sondern auch auf Einschätzungen<br />
<strong>und</strong> Bewertungen der Anleger. Zum Teil spielen Psychologie<br />
24
Über die Grenzen hinaus – Internationale Finanzpolitik <strong>und</strong> die Europäische Währungsunion<br />
Globalisierung<br />
<strong>und</strong> die allgemeine Stimmung am Markt eine Rolle. Die Börse<br />
lebt von diesen Erwartungen, <strong>und</strong> der aktuelle Preis einer Aktie<br />
bildet sich aus Angebot <strong>und</strong> Nachfrage von Aktien. An den<br />
Finanzmärkten werden neben Aktien auch Anleihen gehandelt.<br />
Wer diese Wertpapiere kauft, leiht einem Unternehmen oder einem<br />
Staat Geld.<br />
Die nächste Krise verhindern<br />
Neben dem Maßnahmenpaket hat der B<strong>und</strong> einen Restrukturierungsfonds<br />
eingerichtet, der ein Volumen von 70 Milliarden<br />
Euro umfassen soll. Kreditinstitute zahlen dann über eine neue<br />
Bankenabgabe in diesen Fonds ein. Damit soll sichergestellt<br />
sein, dass die Banken am Schutz vor künftigen Krisen finanziell<br />
beteiligt werden. Die Höhe der Jahresbeiträge richtet sich nach<br />
dem Geschäftsvolumen, der Größe <strong>und</strong> der Vernetzung der beitragspflichtigen<br />
Bank.<br />
Da die Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise die öffentlichen Haushalte<br />
stark belastet, soll der Finanzsektor an den Folgekosten der<br />
Finanzkrise beteiligt werden. Wie dies geschehen kann, wird<br />
derzeit auf europäischer <strong>und</strong> auf internationaler Ebene diskutiert.<br />
Neben weiteren Maßnahmen zur Regulierung des globalen<br />
Finanzmarkts erscheint insbesondere die Einführung einer<br />
Finanzmarktsteuer erwägenswert.<br />
Maßnahmenpaket zur Stabilisierung<br />
des Finanzmarkts (vereinfachte Darstellung)<br />
> Arbeitsplätze, Wachstum <strong>und</strong><br />
soziale Marktwirtschaft schützen<br />
> Vertrauen an Finanzmärkten schaffen<br />
> Spareinlagen sichern<br />
> Hilfen nur mit strengen Auflagen<br />
für Finanzinstitutionen <strong>und</strong> Manager<br />
1. Änderung der Bewertungs- <strong>und</strong> Bilanzregeln<br />
2. Einrichten eines Finanzmarktstabilisierungsfonds (FMS)<br />
3. Garantien des B<strong>und</strong>es für Refinanzierung<br />
4. Rekapitalisierung von Instituten (staatliche Kontrolle &<br />
Bedingungen für Garantien/Kapitalisierung aus FMS)<br />
5. Risikoübernahme durch Erwerb von Problemaktiva<br />
6. Liquiditätssicherung bei Geldmarktfonds durch Finanzmarktstabilisierungsfonds<br />
7. Verbesserung der Finanzmarktaufsicht<br />
8. Einlagensicherung<br />
(wird garantiert, kurzfristige Verbesserung geplant)<br />
9. Beteiligung der Länder (finanziell)<br />
Gut zu wissen ...<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen, 2009<br />
Wie kam es zur jüngsten Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise?<br />
Wo genau die jüngste Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise ihren Ursprung genommen hat, darüber sind sich die Wirtschaftsexperten uneins:<br />
Die einen machen den Anfang im Jahr 2007 in der sich krisenhaft zuspitzenden Situation in der US-Immobilienwirtschaft aus. Wiederum<br />
andere sehen eine Ursache in der schon früher beginnenden, jahrelangen Niedrigzinspolitik der US-Notenbank. Fest steht,<br />
dass Risiken nicht rechtzeitig erkannt, nicht richtig bewertet <strong>und</strong> nicht früh genug <strong>und</strong> ausreichend eingegrenzt wurden. So haben<br />
viele Faktoren gemeinsam dafür gesorgt, dass die Finanz- <strong>und</strong> Wirtschaftskrise solche Ausmaße annehmen konnte.<br />
Die wichtigsten Faktoren:<br />
Weiter klicken<br />
Das B<strong>und</strong>esfinanzministerium<br />
bietet auf<br />
seinen Internetseiten<br />
einen Themenschwerpunkt<br />
„Finanzmarkt“.<br />
Dort gibt es unter anderem<br />
einen Videofilm<br />
zum Thema Bankenabgabe<br />
zu sehen:<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanz<br />
ministerium.de ><br />
Internationales/<br />
Finanzmarkt<br />
Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank<br />
Die Folgen: Die Kreditvergabe wurde ausgeweitet; sogar konservative Anleger<br />
suchten höher verzinste Alternativen.<br />
Neue Finanzprodukte der Banken<br />
Einfluss von Ratingagenturen<br />
Lücken in der Regulierung der Finanzmärkte<br />
Der Vertrauensverlust des Finanzsektors<br />
Die Folgen: Kredite wurden als Wertpapier verpackt <strong>und</strong> weiterverkauft; Kredite<br />
wurden von Institutionen gehalten, die nicht der Bankenaufsicht unterliegen.<br />
Investoren möchten herausfinden, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, das<br />
verliehene Geld am Fälligkeitstag vollständig zurückzubekommen. Das Gleiche<br />
gilt für die Zinszahlungen. Deswegen stützen sie sich auf die Einschätzung der<br />
Kreditwürdigkeit ihrer Schuldner durch unabhängige <strong>und</strong> fachk<strong>und</strong>ige Dritte –<br />
die (Kredit-)Ratingagenturen.<br />
Die Folgen: Es gab Interessenskonflikte, da Schuldner dafür bezahlten, die<br />
Produkte zu bewerten.<br />
Die Folgen: Akteure handelten gegen den Geist der bestehenden Regulierungsvorschriften,<br />
Risiken wurden ausgelagert oder verschleiert.<br />
Die Folgen: Kredite wurden zwischen den Banken nur noch stark eingeschränkt<br />
vergeben – dies hatte Auswirkungen auf die Kreditvergabe außerhalb<br />
der Geldinstitute.<br />
Die Krise des Finanzmarkts hat zu einer Krise in der realen Wirtschaft <strong>und</strong> in einigen Ländern zu einer Staatskrise geführt. Innere<br />
wirtschaftliche Faktoren spielten dabei auch eine Rolle. Heute versucht man, die Finanzmärkte stärker gegen inzwischen bekannte<br />
Risiken abzusichern <strong>und</strong> zugleich die allgemeine Widerstandskraft zur Abfederung unbekannter Risiken zu stärken.<br />
Weiter denken<br />
Stellt den Verlauf der<br />
Finanzkrise chronologisch<br />
in einem Schaubild<br />
dar. Markiert<br />
darin die aus eurer<br />
Sicht wesentlichen<br />
Aspekte. Überlegt<br />
dann in Partnerarbeit,<br />
welche Rolle die<br />
finanzielle Stabilität<br />
für das Gemeinwesen<br />
eines Staates, eines<br />
Staatenb<strong>und</strong>es oder<br />
auch weltweit hat.<br />
Präsentiert eure<br />
Ergebnisse in der<br />
Klasse.<br />
25
Europäische Finanzpolitik<br />
Europa stärken<br />
„Deutschland zahlt – Europa nimmt“. Diese oder ähnliche Behauptungen habt ihr bestimmt<br />
auch schon einmal in ähnlicher Form als Schlagzeilen in Boulevard-Zeitungen<br />
gelesen. Solche Thesen sorgen immer wieder für Diskussionen, sie geben den Sachverhalt<br />
allerdings selten korrekt wieder. Denn wie sich die Europäische Union tatsächlich<br />
finanziert, ist für viele Menschen <strong>und</strong>urchsichtig – vielen sogar völlig fremd. Tatsächlich<br />
sind die Finanzströme innerhalb der Gemeinschaft sehr komplex.<br />
Die Europäische Union (EU)<br />
Die Entwicklung hin zur Europäischen Union nahm bereits nach<br />
dem Zweiten Weltkrieg ihren Anfang, denn es sollte in Europa nie<br />
wieder Krieg <strong>und</strong> Zerstörung geben. Westeuropäische Staaten<br />
gründeten daher 1949 den Europarat. Dies war ein erster Schritt<br />
zu einer engeren Zusammenarbeit in Europa. Heute hat die Europäische<br />
Union 27 Mitgliedstaaten. Die zentralen EU-Institutionen<br />
haben ihren Sitz in Brüssel, Luxemburg, Straßburg <strong>und</strong><br />
in Frankfurt am Main.<br />
Der Haushalt der EU<br />
Die Europäische Union wird im Wesentlichen aus Einnahmen<br />
finanziert, die von den Mitgliedstaaten für die Gemeinschaft aufgebracht<br />
werden (Eigenmittelsystem). Der Finanzierungsanteil<br />
eines Mitgliedstaats wird vor allem durch den jeweiligen Anteil<br />
an der Wirtschaftskraft der EU (Bruttonationaleinkommen) bestimmt.<br />
Der Haushaltsentwurf der EU-Kommission für <strong>2013</strong><br />
sieht für Deutschland Zahlungen in Höhe von r<strong>und</strong> 27,2 Milliarden<br />
Euro vor. Daneben sind die Mitgliedstaaten verpflichtet,<br />
einen prozentualen Anteil der von ihnen erhobenen Mehrwertsteuer<br />
abzuführen. Die dritte Einnahmequelle sind die Einfuhrzölle<br />
aus Nicht-EU-Ländern, die direkt <strong>und</strong> ausschließlich von<br />
den Mitgliedstaaten für die EU eingenommen werden.<br />
Im mehrjährigen Finanzrahmen (vormals „Finanzielle Vorausschau“)<br />
wird in der EU für sieben Jahre die Obergrenze für die<br />
Gesamtausgaben sowie die Aufteilung nach Politikbereichen<br />
vorausgeplant. Der aktuelle Finanzrahmen wurde im Jahr 2006<br />
beschlossen <strong>und</strong> gilt für den Zeitraum von 2007 bis <strong>2013</strong>. Die<br />
Die Finanzierung des EU-Haushalts<br />
Gesamtvolumen gem. Kommissionsentwurf <strong>2013</strong>:<br />
138 Mrd. Euro<br />
Mehrwertsteuer-<br />
Sonstige: 1%<br />
Eigenmittel<br />
(Prozentsatz, der<br />
auf die MwSt.-<br />
11%<br />
Bemessungsgr<strong>und</strong>lage<br />
jedes<br />
14% Mitgliedstaates<br />
angewendet wird)<br />
74%<br />
Einfuhrzölle aus<br />
Nicht-EU-Ländern<br />
Bruttonationaleinkommen-Eigenmittel<br />
(Prozentsatz, der auf das Bruttonationaleinkommen<br />
jedes Mitgliedstaats angewandt wird)<br />
Quelle: Entwurf der EU-Kommission für den Gesamthaushaltsplan <strong>2013</strong><br />
jährlichen Haushalte der EU müssen sich innerhalb dieses Rahmens<br />
bewegen.<br />
Der größte Anteil entfällt auf die Agrarpolitik, gefolgt von der<br />
Strukturpolitik. Weitere Bereiche sind Forschung <strong>und</strong> <strong>Bildung</strong>,<br />
Unionsbürgerschaft, Freiheit, Sicherheit <strong>und</strong> Recht, die EU-<br />
Außen maßnahmen <strong>und</strong> die Verwaltungsausgaben.<br />
26
Über die Grenzen hinaus – Internationale Finanzpolitik <strong>und</strong> die Europäische Währungsunion<br />
Europäische Finanzpolitik<br />
Wirtschafts- <strong>und</strong> Währungsunion: Der Euro<br />
Mit dem Maastricht-Vertrag wurde Mitte der 90er-Jahre die Wirtschafts-<br />
<strong>und</strong> Währungsunion etabliert. Damit setzte die EU einen<br />
Prozess in Gang, der mit der Einführung einer gemeinsamen<br />
Währung abgeschlossen wurde. Der Prozess verlief in drei Stufen:<br />
Bis Ende 1993:<br />
Zunächst ging es um eine engere Abstimmung – sowohl<br />
zwischen den Regierungen als auch zwischen den<br />
Zentralbanken der einzelnen Länder. Außerdem wurde<br />
der Kapitalverkehr liberalisiert.<br />
Bis Ende 1998:<br />
Die EU-Staaten setzten sich gemeinsame Ziele, um die<br />
jeweilige nationale Wirtschafts- <strong>und</strong> Währungspolitik<br />
zu vereinheitlichen. Die Preisstabilität hatte dabei hohe<br />
Prio rität, außerdem sollten übermäßige Haushalts -<br />
defizite vermieden werden.<br />
Die Europäische Union <strong>und</strong> der Euro<br />
EU-Länder, in denen der Euro<br />
als nationale Währung gilt<br />
EU-Länder, die den Euro nicht<br />
eingeführt haben<br />
Schon gewusst?<br />
Drei der „alten“<br />
EU-Mitgliedstaaten<br />
haben den Euro bis<br />
heute nicht eingeführt:<br />
Großbritannien, Dänemark<br />
<strong>und</strong> Schweden.<br />
Das Euro-Bargeld wird<br />
dort jedoch akzeptiert,<br />
allerdings meist nur<br />
in den Hauptstädten<br />
<strong>und</strong> in touristisch erschlossenen<br />
Gebieten.<br />
Seit Januar 1999:<br />
Die Wechselkurse wurden unwiderruflich festgelegt <strong>und</strong><br />
der Euro an den Devisenmärkten <strong>und</strong> im elektronischen<br />
Zahlungsverkehr eingeführt.<br />
Elf EU-Staaten etablierten den Euro 1999 als nationale Währung,<br />
zwei Jahre später kam Griechenland hinzu. Mit Beginn der<br />
dritten Stufe übertrugen die Teilnehmerländer außerdem die<br />
Zuständigkeit ihrer Geldpolitik auf die Europäische Zentralbank.<br />
Diese hat ihren Sitz in Frankfurt am Main. Anfang 2002 wurde<br />
dann in allen zwölf Ländern der Startschuss für das Euro-Bargeld<br />
gegeben. Inzwischen gehören dem Euroraum 17 Länder an,<br />
denn auch Slowenien (2007), Malta <strong>und</strong> Zypern (2008), die Slowakei<br />
(2009) <strong>und</strong> Estland (2011) haben ihre nationalen Währungen<br />
durch den Euro ersetzt.<br />
Nur EU-Mitgliedstaaten können dem Euroraum angehören. Obwohl<br />
Monaco, San Marino <strong>und</strong> Vatikanstadt offiziell nicht dem<br />
Euroraum angehören (da keine EU-Mitgliedstaaten), verwenden<br />
sie den Euro als Währung <strong>und</strong> können in begrenzter Menge eigene<br />
Euromünzen ausgeben.<br />
Die Europäische Zentralbank<br />
Das vorrangige Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) ist es,<br />
die Preisstabilität im Euroraum zu gewährleisten <strong>und</strong> somit die<br />
Inflation zu kontrollieren. Zudem unterstützt die EZB die allgemeine<br />
Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft, um wichtige<br />
Ziele wie ein hohes Beschäftigungsniveau <strong>und</strong> ein beständiges,<br />
nicht inflationäres Wachstum zu erreichen. Die EZB legt<br />
die Geldpolitik des Euroraums fest, führt Devisengeschäfte<br />
durch, hält <strong>und</strong> verwaltet offizielle Währungsreserven der Mitgliedstaaten<br />
<strong>und</strong> sorgt für ein reibungsloses Funktionieren der<br />
Zahlungssysteme. Sie arbeitet dabei mit allen Zentralbanken<br />
der Mitgliedstaaten der Europäischen Union zusammen. Diesen<br />
Zusammenschluss nennt man das Europäische System<br />
der Zentralbanken (ESZB). Die EZB leitet auch die Zusammenarbeit<br />
der Zentralbanken des Euroraums, also der 17 EU-<br />
Staaten, die den Euro eingeführt haben. Die Zusammenarbeit<br />
dieser Gruppe nationaler Zentralbanken <strong>und</strong> der EZB wird als<br />
Eurosystem bezeichnet.<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen, 2011<br />
Gut zu wissen ...<br />
Voraussetzungen für einen Beitritt zur EuroZone<br />
Um der Eurozone beizutreten, muss ein Mitgliedstaat mehrere<br />
Voraussetzungen erfüllen. Diese so genannten Konvergenzkriterien<br />
werden von der Europäischen Kommission <strong>und</strong> der Europäischen<br />
Zentralbank überprüft. Zu den Konvergenzkriterien<br />
zählen:<br />
• Preisstabilität: Die durchschnittliche Inflationsrate darf nicht<br />
mehr als 1,5 Prozentpunkte über der Inflationsrate der drei<br />
preisstabilsten Mitgliedsländer der Eurozone liegen.<br />
• Haushaltsdisziplin: Zum Zeitpunkt der Konvergenzprüfung<br />
darf kein Entschluss des Rats der Europäischen Union vorliegen,<br />
wonach in dem Mitgliedsstaat ein übermäßiges Defizit<br />
besteht.<br />
• Zinsniveau: Der durchschnittliche langfristige Nominalzinssatz<br />
darf um nicht mehr als zwei Prozentpunkte über dem<br />
durchschnittlichen Zinssatz der drei preisstabilsten Mitgliedsstaaten<br />
liegen.<br />
• Wechselkursstabilität: Der Staat muss mindestens zwei<br />
Jahre lang ohne Abwertung am Wechselkursmechanismus<br />
(WKM2), der eine Vereinbarung über die Wechselkurspolitik<br />
zwischen dem Euro <strong>und</strong> der jeweiligen Landeswährung ist,<br />
teilgenommen haben. Dabei darf die Währung des Landes nur<br />
in einer bestimmten Wechselkursbandbreite (meist 15 Prozent)<br />
vom Eurokurs abweichen; bei größeren Abweichungen<br />
muss die Zentralbank des Landes intervenieren.<br />
Weiter klicken<br />
Inflation, Zinsen,<br />
Preisstabilität – für<br />
euch noch drei große<br />
Fragezeichen? Im<br />
Internet angebot<br />
der Europäischen<br />
Zentralbank findet ihr<br />
Antworten – <strong>und</strong> sogar<br />
einen Zeichentrickfilm<br />
zum Thema:<br />
www.ecb.int<br />
> Language policy<br />
> Deutsch > Die<br />
Europäische Zentralbank<br />
> Lehrmaterial<br />
Weiter denken<br />
Mit Europa verbindet<br />
man nicht nur den<br />
Euro oder komplexe<br />
politische Verzahnungen.<br />
Was bedeutet<br />
Europa für euch<br />
persönlich? Entwickelt<br />
eine Mind-Map an der<br />
Tafel <strong>und</strong> diskutiert<br />
anschließend, in<br />
welchen politischen<br />
<strong>und</strong> gesellschaftlichen<br />
Bereichen<br />
Europa noch stärker<br />
zusammenwachsen<br />
muss. Begründet eure<br />
Vorschläge.<br />
27
Aktuelle Herausforderungen<br />
Den Euro stabilisieren<br />
Griechenland, Irland, Portugal , Spanien – das sind Länder, bei denen du meistens nicht<br />
an Politik oder Finanzen, sondern vielleicht eher an Reisen, Urlaub oder an interessante<br />
Städte denkst. Sicher hast du von diesen Ländern auch öfter in den Nachrichten<br />
der letzten Monate gehört. Diese EU-Staaten haben derzeit finanzielle Probleme. Sie<br />
haben mit einer Schuldenkrise zu kämpfen, die sie allein nicht bewältigen können. Dass<br />
sich die betroffenen Länder langfristig sanieren, liegt dabei auch im Interesse der anderen<br />
Mitgliedstaaten. Denn davon hängt auch die Stabilität des Euro als Währung ab.<br />
Krisenländer:<br />
Schulden <strong>und</strong> wenig Wirtschaftskraft<br />
Dass einige Staaten der Eurozone finanziell schlecht dastehen,<br />
liegt nicht nur an der Struktur ihrer Einnahmen <strong>und</strong> Ausgaben<br />
sowie der hohen Verschuldung ihrer Staatshaushalte – auch<br />
Deutschland hat hohe Schulden. Aber im Gegensatz zu Griechenland,<br />
Irland, Portugal oder Spanien, wo die Wirtschaft seit<br />
der weltweiten Finanzkrise nicht richtig in Schwung kommt,<br />
gibt es in Deutschland seit gut zwei Jahren wieder Wirtschaftswachstum.<br />
Dass die Schulden dieser Länder wachsen, hat einen weiteren<br />
Gr<strong>und</strong>: Wenn ein Staat hoch verschuldet ist, muss er sich Geld<br />
leihen, um zahlungsfähig zu bleiben. Doch je höher die Schuldenlast<br />
eines Landes ist, desto mehr Zinsen erheben die Gläubiger<br />
auf das geliehene Geld – es entsteht ein Schuldenkreislauf.<br />
Deutschland hat bislang von der Eurozone profitiert: Die Währung<br />
ist stabil, die Inflationsrate niedrig <strong>und</strong> der Export deutscher<br />
Produkte <strong>und</strong> Dienstleistungen in den europäischen<br />
Binnen markt ist im Laufe der letzten Jahre weiter gestiegen.<br />
Währungsunion stärken: Schärfere Regeln<br />
Um die Europäische Währungsunion zu stärken, haben sich die<br />
Staats- <strong>und</strong> Regierungschefs der EU darauf verständigt, den ursprünglichen<br />
Stabilitäts- <strong>und</strong> Wachstumspakt zu verschärfen.<br />
Denn die Mütter <strong>und</strong> Väter des Euro waren auf Staatsschuldenkrisen<br />
dieser Art noch nicht vorbereitet. Künftig soll Folgendes<br />
gelten:<br />
• Mittelfristig muss ein ausgeglichener Haushalt oder sogar ein<br />
Überschuss erreicht werden.<br />
• Die Schulden müssen verpflichtend zurückgeführt werden.<br />
• Länder mit zu hohen Schulden müssen ihre Verbindlichkeiten<br />
so lange abbauen, bis ihre Schulden nur noch 60 Prozent des<br />
Bruttoinlandsprodukts (BIP) des Landes betragen.<br />
• Sanktionen setzen früher <strong>und</strong> schneller ein <strong>und</strong> können nur<br />
durch das Votum einer großen Mehrheit gestoppt werden.<br />
Auch Deutschland wird von diesen schärferen Regeln betroffen<br />
sein, da die öffentlichen Haushalte derzeit eine Schuldenstandsquote<br />
von r<strong>und</strong> 80 Prozent des BIP aufweisen. Die notwendige<br />
28
Über die Grenzen hinaus – Internationale Finanzpolitik <strong>und</strong> die Europäische Währungsunion<br />
Aktuelle Herausforderungen<br />
jährliche Rückführung macht für Deutschland r<strong>und</strong> ein Prozent<br />
des BIP aus. Seit 2009 gilt zudem die Schuldenbremse (> mehr<br />
auf Seite 15).<br />
Die Eurostaaten sowie weitere interessierte Mitgliedstaaten der<br />
EU haben darüber hinaus den Euro-Plus-Pakt geschlossen.<br />
Die Mitgliedstaaten des Paktes vereinbaren künftig jährliche<br />
gemeinsame wirtschafts- <strong>und</strong> finanzpolitische Ziele, um eine<br />
neue Qualität der wirtschaftspolitischen Koordinierung zu erreichen<br />
<strong>und</strong> die Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu verbessern.<br />
Die Mitgliedstaaten sind aufgerufen, notwendige Reformen zur<br />
Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit durchzuführen. Mögliche<br />
Maßnahmen sind Anpassungen des Renteneintrittsalters an die<br />
steigende Lebenserwartung, eine Orientierung des Lohnniveaus<br />
an der Produktivität oder die Verhinderung von Steuerdumping.<br />
Der Rettungsschirm<br />
Um Euroländern aus einer akuten Staatsschuldenkrise zu helfen,<br />
wurde ein zeitlich befristeter, finanzieller Rettungsschirm<br />
gespannt. Er besteht aus<br />
• dem Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM),<br />
> Damit kann die EU bis zu 60 Milliarden Euro an krisengeplagte<br />
Eurostaaten verleihen. Diese Darlehen müssen verzinst<br />
zurückgezahlt werden.<br />
• der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF),<br />
> Die Euroländer haben die EFSF eingerichtet, über die sie<br />
mit Garantien in Höhe von insgesamt 440 Milliarden Euro<br />
für Kredite einstehen können. Garantie bedeutet, dass sich<br />
mehrere Staaten gegenüber einem Kreditgeber (Gläubiger)<br />
verpflichten, für die Erfüllung der Verbindlichkeiten eines verschuldeten<br />
Staates einzustehen – so trägt der Gläubiger nicht<br />
das alleinige Risiko.<br />
Darüber hinaus beteiligt sich auch der Internationale Währungsfonds<br />
(IWF) an den Finanzhilfen.<br />
> Voraussetzung für die Unterstützung aus dem Rettungsschirm<br />
ist, dass der betroffene Staat ein Sanierungsprogramm<br />
vorlegt.<br />
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM)<br />
Trotz aller Bemühungen, Krisen künftig zu vermeiden, kann es<br />
auch in der Zukunft Krisenfälle geben, da die internationalen<br />
Finanzmärkte ein sehr komplexes System darstellen. Damit die<br />
EU-Länder, wenn nötig, für einen einzelnen Mitgliedstaat einspringen<br />
können, haben sich die 17 Mitgliedstaaten der Eurozone<br />
auf einen permanenten Krisenmechanismus geeinigt, der<br />
den bisherigen Rettungsschirm ersetzt <strong>und</strong> die institutio nelle<br />
Lücke in der Architektur der Europäischen Währungsunion<br />
schließt. Der so genannte Europäische Stabilitätsmechanismus<br />
(ESM) kommt in seinen Gr<strong>und</strong>zügen einem Europäischen Währungsfonds<br />
gleich.<br />
Stabilität für Europa – der ESM<br />
Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM)<br />
700 Mrd. €<br />
nominales<br />
Kapitalvolumen<br />
des Krisenfonds<br />
620 Mrd. €<br />
abrufbares<br />
Kapital / Garantien<br />
80 Mrd. €<br />
eingezahltes Kapital<br />
Deutschland beteiligt sich mit etwa 22 Mrd. Euro.<br />
Die Einzahlung erfolgt in fünf Teilbeträgen.<br />
Quelle: B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen, <strong>2012</strong><br />
Übersich erung<br />
der EMS-<br />
Kredite, um<br />
Top-Rating zu<br />
erhalten<br />
500 Mrd. €<br />
effektive<br />
Kreditvergabe<br />
Weiter klicken<br />
Das statistische Amt<br />
der Europäischen<br />
Union – Eurostat –<br />
bietet innerhalb seines<br />
Internetangebots<br />
europäische Statistiken,<br />
die Vergleiche zwischen<br />
Ländern <strong>und</strong> Regionen<br />
ermöglichen. Die<br />
Erhebung von Daten für<br />
die Wirtschafts- <strong>und</strong><br />
Währungsunion spielt<br />
dabei eine besondere<br />
Rolle:<br />
www.europa.eu ><br />
Veröffentlichungen ><br />
Statistiken<br />
Gut zu wissen ...<br />
Wie funktioniert der ESM?<br />
Der ESM verleiht nur dann Geld, wenn die Krise des betroffenen<br />
Eurolandes die gesamte Währungsunion gefährdet. Außerdem<br />
muss sich der Staat, der Geld vom ESM bekommt, verpflichten,<br />
seinen Haushalt zu konsolidieren <strong>und</strong> seine Wirtschaft zu<br />
reformieren. Darüber hinaus wird vorab festgestellt, ob die<br />
Schuldenkrise das Land tatsächlich überfordert oder nur vorübergehend<br />
ist.<br />
Der Hilfsfonds des ESM wird ein effektives Ausleihvolumen von<br />
500 Milliarden Euro umfassen. Insgesamt 80 Milliarden Euro<br />
werden davon direkt von den Mitgliedstaaten eingezahlt. Der<br />
deutsche Anteil beläuft sich auf 22 Milliarden Euro.<br />
Dieser Betrag wurde anhand der<br />
Wirtschaftskraft <strong>und</strong> des Bevölkerungsanteils<br />
Deutschlands errechnet.<br />
Die Staaten sollen jedoch nicht allein in der Verantwortung bleiben,<br />
derartige Krisen zu bewältigen. Wenn ein Land aus dem<br />
ESM Finanzhilfen erhält, sollen sich auch private Gläubiger beteiligen.<br />
Ist das Land überschuldet, muss es Verhandlungen mit<br />
seinen Gläubigern führen. Als Prinzip aller Hilfen soll gelten:<br />
Solidarität nur gegen Eigenanstrengung. Auf diese Weise sollen<br />
die Mechanismen dazu beitragen, dass unsolide Haushaltspolitik<br />
<strong>und</strong> steigende Staatsschulden in der Eurozone nicht zum<br />
Alltag werden.<br />
Weiter denken<br />
Welche Vorteile hat<br />
eine gemeinsame<br />
Währung für die<br />
Mitgliedstaaten der<br />
Europäischen Union?<br />
Welche Nachteile<br />
ergeben sich daraus?<br />
Tragt eure Ergebnisse<br />
zusammen <strong>und</strong> diskutiert<br />
die Ergebnisse im<br />
Klassenverband.<br />
29
Mehr Infos<br />
Gut zu wissen<br />
Weiter klicken<br />
Diskussion<br />
Weiter denken<br />
Das B<strong>und</strong>esministerium der Finanzen (BMF) zählt wegen seiner wichtigen Aufgaben zu den Schlüsselressorts.<br />
Der bekannteste Arbeitsbereich des Finanzministeriums ist die Aufstellung des B<strong>und</strong>eshaushalts.<br />
Wichtige Aufgaben des BMF sind:<br />
• Steuerpolitik<br />
• Haushaltspolitik<br />
• Europapolitik<br />
• Finanzmarktpolitik<br />
• Zoll<br />
• B<strong>und</strong>esvermögen<br />
• Münzwesen <strong>und</strong> Herausgabe von Briefmarken<br />
Das B<strong>und</strong>esfinanzministerium im Internet:<br />
www.b<strong>und</strong>esfinanzministerium.de