Wann wird der Mensch ein Mensch? - Alfons Hack - TA2012-1

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Wann wird der Mensch ein Mensch? - Alfons Hack - TA2012-1

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Dies gilt auch für die Evolution des Homo sapiens. Nicht mit der Erschaffung eines ersten Menschenpaares

beginnt der Ursprung unserer eigenen Menschenart, sondern diese ist die Nachfolgerin

von früher existierenden, ausgestorbenen Menschenarten. Vor etwa zweihunderttausend

Jahren begann die Entwicklung einer Population von einigen tausend Individuen zur heutigen

Menschenart, eine Entwicklung die sich über viele Generationen hinzog. Wir stammen nicht

von Adam und Eva ab; die beiden haben nie gelebt. Nicht durch deren Sünde kamen Hunger,

Krankheit und Tod in die Welt, wie uns die Bibel weismachen will 1 ; sie waren, längst bevor es

den Menschen gab, Bestandteil der Natur, genauso wie die Krankheitserreger und Parasiten

und - sofern es einen Schöpfer gibt - auch diese Plagen wären alle seine Geschöpfe. Die Erzählung

vom Paradies ist ein schöner Mythos. Da das Stammelternpaar nie lebte, wie sollte es

der Erbsünde 2 schuldig werden? Diese Erbsünde – so sagt man uns - machte, um den Schöpfergott

wieder mit der Menschheit zu versöhnen, die Erlösung durch den Gottessohn nötig 3 . Wo

bleibt - wenn Adam und Eva und deren Fehltritt nie existierten - eine Notwendigkeit für dessen

grausamen Martertod? Denn ohne Erbsünde verliert die christliche Erlösungsreligion den

Grund, der eine Erlösung von dieser Erbsünde erforderlich macht! Und genauso zerstört

Charles Darwin und die von ihm begründete Evolutionstheorie das christliche Selbstverständnis

des Menschen als Krone der Schöpfung, die ihm der biblische Schöpfungsbericht verleiht und

wie ihn der Psalmist besingt 4 .

In einem dritten Bereich allerdings haben die christlichen Kirchen gerade in Deutschland ihre

beherrschende Stellung bis heute gehalten. Die Diskussion um Anfang und Ende der menschlichen

Person, um Zeugung, Schwangerschaft und Tod ist geprägt von christlichen Vorstellungen.

Dass hierzulande Präimplantationsdiagnostik (PID), Embryonale Stammzellenforschung,

Schwangerschaftsabbruch (Interruptio, Abtreibung) und Sterbehilfe verboten oder manchmal irgendwie

verboten und manchmal irgendwie erlaubt sind, ist nicht zuletzt klerikaler Einflussnahme

geschuldet.

Kein Wunder, dass es konservative Theologen gibt, die in diesen Fragen um ihre Position wie

um ein letztes großes Bollwerk ihrer Macht und ihres Einflusses fürchten. Da wird dann sogar

den Biowissenschaften die Berechtigung aberkannt, zu dieser Thematik eine eigene Meinung

haben zu dürfen. So der Paderborner Professor für Moraltheologie Peter Schallenberg. Diese

Fragestellung, so führt er aus, sei „zutiefst eine philosophische und theologische“. „Erst so stößt

man auf erste Fundamente und Prinzipien“, „allererste Denkprinzipien“, die der Naturwissenschaft

abhanden kamen, die ja nur „den Verstand einsetzt ohne Prinzipien“. Denn „befragt man

Biologie und Chemie und Medizin und Genetik: Was ist ein Mensch? Ab wann ist der Mensch

1 „Durch einen einzigen Menschen kam die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod, und auf diese Weise gelangte der

Tod zu allen Menschen.“ Paulus, Römerbrief, 5.12

2 „Im Anschluß an den hl. Paulus lehrte die Kirche stets, daß das unermessliche Elend, das auf den Menschen lastet, und ihr

Hang zum Bösen und zum Tode nicht verständlich sind ohne den Zusammenhang mit der Sünde Adams und mit dem Umstand,

daß dieser uns eine Sünde weitergegeben hat, von der wir alle schon bei der Geburt betroffen sind.“ Katechismus der

Katholischen Kirche, 403

3 „Wie es durch die Übertretung eines einzigen für alle Menschen zur Verurteilung kam, so wird es auch durch die gerechte Tat

eines einzigen [die Tat Christi] für alle Menschen zur Gerechtsprechung kommen.“ Paulus, Römerbrief, 5.18; zitiert nach Katechismus

der Katholischen Kirche, 402

4 „Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, daß du

seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit

Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine

Füße getan.“ (Psalm 8, 4-7)

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