Wann wird der Mensch ein Mensch? - Alfons Hack - TA2012-1

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Wann wird der Mensch ein Mensch? - Alfons Hack - TA2012-1

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ein Mensch?“ So ist dies, „als fragte man einen Schuhverkäufer nach der idealen Hutgröße“.

[1.1]

Hier wird nicht nur – wie im Mittelalter üblich - der Primat der Theologie über die Naturwissenschaften

eingefordert, sondern – man kann es kaum glauben - den Natur- und Humanwissenschaften

wird schlicht der Mund verboten!

Nun, dieser Rundumschlag des Theologen ist nicht unbegründet, es gibt tatsächlich genügend

naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu diesen Fragen, die unvereinbar sind mit der rigiden

theologischen Position. Diese theologische Position gründet sich noch dazu auf ein überaus

fragwürdiges Fundament, wie ein kurzer Blick in die Geschichte der Theologie deutlich macht.

1. Theologie und Embryologie

1.1. Eine kurze Geschichte der Theologie der Beseelung

In der Bibel findet sich bemerkenswerterweise keine Aussage über den Zeitpunkt der Beseelung.

Frühchristliche und mittelalterliche Theologen griffen daher auf Aristoteles

(384 – 322 v. u. Z.) zurück. Nach dessen Anschauung wird der Embryo zunächst mit einer Art

Pflanzenseele ausgestattet. Am 40. Tag erhält der männliche Embryo dann eine animal-sensitive

(Tier-)Seele, der weibliche Embryo dagegen erst am 90. Tag. Sie befähigt ihn, Empfindungen

wahrzunehmen. Mit der Geburt, genauer mit dem Beginn des selbstständigen Atmens, soll

schließlich die rationale, die ein Bewusstsein habende Seele geschaffen werden.

Bedeutende Kirchenlehrer, wie Hieronymus (347 – 419 u. Z.), Augustinus (354 – 430 u. Z.),

Thomas von Aquin (1225 – 1274), Alfons Maria von Liguori (1696 – 1787 u. Z.) vertraten –

wenn auch in abgeänderter Form – diese Sukzessivbeseelung (Nach-und-nach-Beseelung) und

Jahrhunderte lang bildete sie die Grundlage für Theologie und Kirchenrecht. Es war – bis zum

Jahr 1869 – kirchliche Lehre, dass die höchste Form der Seele (anima intellectiva) beim männlichen

Geschlecht am 40. Schwangerschaftstag, beim weiblichen am 80. Tag übertragen werde.

Darauf basierend unterschied das katholische Kirchenrecht bis 1869 zwischen dem fetus inanimatus

und dem fetus animatus, dem unbeseelten und dem beseelten Fetus. Und da man das

Geschlecht noch nicht feststellen konnte, galt der Fetus bis zum 80. Tag als „Körperteil der Mutter”

(pars viscerum). Erst bei Abtreibung eines 80 Tage alten Fetus drohte das Kirchenrecht mit

Exkommunikation. Es galt für Abtreibungen also praktisch eine Fristenlösung von fast drei Monaten.

Im mittelalterlichen Corpus Juris Canonici steht: „Der ist kein Mörder, der eine Abtreibung

vornimmt, bevor die Seele dem Körper eingegossen ist.“

Ein historischer Fall belegt dies anschaulich: Papst Innozenz III. (Pontifikat von 1198 – 1216)

entschied den Fall eines Karthäusermönchs, dessen Geliebte auf Veranlassung des Mönches

abgetrieben hatte: Dieser sei keiner Tötung schuldig, da der Fetus noch nicht beseelt war.

Das weltliche Recht orientierte sich ebenfalls danach; die für Jahrhunderte maßgebende Gerichtsordnung

Kaiser Karls V. von 1532 stellte nur die Abtreibung einer „beseelten Leibesfrucht“,

also ab dem dritten Schwangerschaftsmonat, unter Todesstrafe.

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